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Kinder- und Hausmärchen |
Verlag von Otto Hendel |
Vollständige Ausgabe |
An die Frau |
Bettina von Arnim. |
Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Ihnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt. Vor fünfundzwanzig Jahren hat es Ihnen Arnim, zuerst grün eingebunden mit goldenem Schnitt unter die Weihnachtsgeschenke gelegt. Uns freute, daß er es so wert hielt, und er konnte un... |
Ihre Kinder sind groß geworden und bedürfen der Märchen nicht mehr: Sie selbst haben schwerlich Veranlassung sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend Ihres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an. |
Mit diesen Worten sendete ich Ihnen das Buch vor drei Jahren aus Göttingen, heute sende ich es Ihnen wieder aus meinem Geburtslande wie das erste Mal. Ich konnte in Göttingen aus meinem Arbeitszimmer nur ein paar über die Dächer hinausragende Linden sehen, die Heyne hinter seinem Hause gepflanzt hatte, und die mit dem ... |
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Diesmal kann ich Ihnen, liebe Bettine, das Buch, das sonst aus der Ferne kam, selbst in die Hand geben. Sie haben |
uns ein Haus außerhalb der Mauern ausgesucht, wo am Rande des Waldes eine neue Stadt heranwächst, von den Bäumen geschützt, von grünendem Rasen, Rosenhügeln und Blumengewinden umgeben, von dem rasselnden Lärm noch nicht erreicht. Als ich in dem heißen Sommer des vorigen Jahres während der Morgenfrühe in dem Schatten de... |
Berlin, im Frühjahr 1843. |
Wilhelm Grimm |
Im Gegensatze zu dem kosmopolitischen Gedankenkreise unserer Klassiker trachtete zum Beginne des neunzehnten Jahrhunderts die deutsche sogenannte romantische Schule nach einer volkstümlichen Nationalpoesie und einer poetisch verklärten Wiedererweckung der deutschen Vorzeit. Für die Weiterentwicklung der deutschen Dicht... |
deutschen Philologie |
, die Wege geebnet. Ihr eigentlicher Begründer ist |
Jacob Grimm |
. Mit dem Erscheinen seiner » |
Deutschen Grammatik |
« (4 Bände, 1819-1837) hatte die altklassische Philologie in der Germanistik eine ebenbürtige Schwester erhalten. Seine » |
Deutschen Rechtsalterthümer |
« (1828, 1834), die » |
Weisthümer |
«(I-IV, 1840-1863), die » |
Geschichte der deutschen Sprache |
« (1848), die » |
Deutsche Mythologie |
« (1835 u. ö.) und die Inangriffnahme des » |
Deutschen Wörterbuches |
« (1852) boten die reichsten Anregungen, um tiefer »in die sternenglänzende Nacht des Mittelalters« einzudringen, barbarische, bis dahin gehegte Vorurteile zu zerstreuen und eine objektive Betrachtung vergangener nationaler Zustände und Eigentümlichkeiten, verbunden mit der Einsicht in das Gesetz der geschichtlichen En... |
Jacob |
Ludwig Karl |
Grimm |
wurde am 4. Januar 1785 zu Hanau geboren. Nachdem er in Marburg studiert (1802 bis 1805) und auf Veranlassung des berühmten deutschen |
Juristen |
Savigny |
acht Monate in Paris verweilt hatte, wurde ihm durch Vermittlung Johannes von Müllers, des bekannten Geschichtschreibers, die Leitung der Privatbibliothek des Königs Jerôme von Westfalen in Wilhelmshöhe übertragen. Sieben Jahre lang konnte er sich hier, während Deutschland unter dem Joche der französischen Fremdherrsch... |
Deutsche Sagen |
« (I. 1816, II. 1818, mit Wilhelm Grimm); »Irische Elfenmärchen« |
(1826 mit Wilhelm Grimm); » |
Reinhart Fuchs |
Wilhelm |
Karl |
Grimm |
, der jüngere Bruder, am 24. Februar 1786 zu Hanau geboren, besuchte 1804 ebenfalls die Marburger Hochschule und machte hier 1806 sein juristisches Examen. Während der Herrschaft des Königs Jerôme war er ohne öffentliche Stellung; 1814 kam er nach Kassel als Bibliothekssekretär. Seit 1816 erlebte das Brüderpaar, von gl... |
Hermann Grimm |
, der Verfasser des Michelangelo, der Vorlesungen über Goethe und zahlreicher Essays, deren stilistische Vornehmheit auf das geistige Erbe des Vaters hindeutet. Von selbständig herausgegebenen Arbeiten W. Grimms sind u. a. zu nennen: »Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen« (1811); » |
Die deutsche Heldensage |
« (1829) und »Zur geschichte des reims« (1852). |
Von beiden Brüdern ist ohne Zweifel der ältere der bedeutendere. Unterstützt von einem reichen Anschauungsvermögen, rasch und glücklich im Zusammenfassen von noch so weit auseinander liegenden Thatsachen und Gegenständen, kam er leicht zu den »bedeutungsvollsten Resultaten«, während die eigentliche Kritik, wie sie ein ... |
Fruchtbarkeit; aber seinem wahrhaft poetischen Empfinden und seinem Verständnis für die Ausdrucksweise des Volkes ist es zu verdanken, daß neben den »Deutschen Sagen«, besonders die » |
Kinder- und Hausmärchen |
«, ein echtes Hausbuch für die deutsche Kinderwelt geworden und geblieben sind, die seit ihrem Erscheinen (1812) gleich den Sternen noch nichts von ihrem ursprünglichen Glanze verloren haben. Hier ist der naive Ton des deutschen Märchenerzählers in von anderen nie wieder erreichter Weise getroffen. Was die deutschen Ro... |
Die späteren Ausgaben der »Kinder- und Hausmärchen« sind von dem oben bereits genannten Hermann Grimm besorgt worden, der in pietätvollem Verständnis ihnen die Zueignung an |
Bettina von Arnim |
aus dem Jahre 1843 wieder vorangestellt hat. Auch wir halten sie für unzertrennlich von dem wertvollen Buche und lassen sie hier folgen. |
In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Wal... |
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, daß ... |
aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist's, alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« »Sei still und weine nicht,« antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was giebst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraushole?« »Was du haben w... |
Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief... |
Am anderen Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief... |
fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zu... |
»Königstochter, jüngste, |
mach mir auf, |
weißt du nicht, was gestern |
du zu mir gesagt |
bei dem kühlen Brunnenwasser? |
Königstochter, jüngste, |
mach mir auf.« |
Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Thür, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst ... |
Als er aber herab fiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht |
worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf, und ging... |
»Heinrich, der Wagen bricht.« |
»Nein, Herr, der Wagen nicht, |
es ist ein Band von meinem Herzen, |
das da lag in großen Schmerzen, |
als ihr in dem Brunnen saßt, |
als ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).« |
Doch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war. |
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Eine Katze hatte Bekanntschaft mit einer Maus gemacht und ihr soviel von der großen Liebe und Freundschaft vorgesagt, die sie zu ihr trüge, daß die Maus endlich einwilligte, mit ihr zusammen in einem Hause zu wohnen und gemeinschaftliche Wirtschaft zu führen. »Aber für den Winter müssen wir Vorsorge tragen, sonst leide... |
aufgehoben wäre, als die Kirche, da getraut sich niemand etwas wegzunehmen; wir stellen es unter den Altar und rühren es nicht eher an als bis wir es nötig haben.« Das Töpfchen ward also in Sicherheit gebracht, aber es dauerte nicht lange, so trug die Katze Gelüsten danach und sprach zur Maus: »Was ich dir sagen wollte... |
Hautab |
,« sagte die Katze ganz trocken. »Hautab,« rief die Maus, »das ist ja ein wunderlicher und seltsamer Name, ist der in eurer Familie gebräuchlich?« »Was ist da weiter,« sagte die Katze, »er ist nicht schlechter als Bröseldieb, wie deine Paten heißen.« |
Nicht lange danach überkam die Katze wieder ein Gelüsten. Sie sprach zur Maus: »Du mußt mir den Gefallen thun und nochmals das Hauswesen allein besorgen, ich bin zum zweitenmal zu Gevatter gebeten, und da das Kind einen weißen Ring um den Hals hat, so kann ich's nicht absagen.« Die gute Maus willigte ein, die Katze abe... |
Halbaus |
« antwortete die Katze. »Halbaus! was du sagst! den Namen habe ich mein Lebtag noch nicht gehört, ich wette, der steht nicht in dem Kalender.« |
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