# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 087717a2-3a4e-40a9-bf45-d6ab6ae0fcb1
**Court:** SG_VGN
**Chamber:** SG_VGN_001
**Year:** 2013
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Das Migrationsamt des Kantons St. Gallen verweigerte X.Y. am 14. September
2012 die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung und wies ihn an, die Schweiz bis
spätestens 23. November 2012 zu verlassen. Er erhob gegen diese Verfügung durch
seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 26. September 2012 Rekurs beim Sicherheits-
und Justizdepartement des Kantons St. Gallen und beantragte, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die
Aufenthaltsbewilligung zu verlängern und eine Nachfrist zur ergänzenden Begründung
anzusetzen. In der Sache führte er aus, entgegen den Feststellungen im angefochtenen
Entscheid sei die Nichtverlängerung der Bewilligung nicht mit Art. 8 Abs. 2 der EMRK
vereinbar, da X.Y. mit Frau und Kind in Hausgemeinschaft lebe. Die persönlichen
Interessen der Familie überwögen die öffentlichen Interessen an der Wegweisung klar.
Das Sicherheits- und Justizdepartement forderte den Rechtsvertreter am
28. September 2012 auf, die Rekurserklärung bis spätestens 26. Oktober 2012 mit der
Darstellung des Sachverhalts und der Begründung zu ergänzen und drohte an, nach
unbenützter Frist werde auf den Rekurs nicht eingetreten. Am 25. Oktober 2012
ersuchte der Rechtsvertreter um unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung sowie um Erstreckung der Frist zur Rekursbegründung um eine
Woche. Am 30. Oktober 2012 wurde die Frist unter Hinweis auf die am 28. September
2012 angedrohten Säumnisfolgen bis Freitag, 9. November 2012 erstreckt. Die durch
den Rechtsvertreter eingereichte Ergänzung datiert vom 12. November 2012 und
wurde gleichentags der Post übergeben.
B./ Das Sicherheits- und Justizdepartement (nachfolgend Vorinstanz) trat am
16. November 2012 auf den Rekurs von X.Y. nicht ein und wies das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege und –verbeiständung ab. Auf die Erhebung der
Entscheidgebühr von Fr. 400.- wurde verzichtet. Zur Begründung wird ausgeführt, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingabe vom 26. September 2012 habe keine Darstellung des Sachverhalts und keine
hinreichende Begründung enthalten. Die Ergänzung vom 12. November 2012 sei
verspätet und es sei entsprechend der angedrohten Säumnisfolge deshalb auf den
Rekurs nicht einzutreten.
C./ Gegen den am 19. November 2012 versandten Entscheid vom 16. November 2012
erhob X.Y. (nachfolgend Beschwerdeführer) durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe
vom 4. Dezember 2012 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem
Rechtsbegehren, unter Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Rechtsverbeiständung sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Vorinstanz
zur materiellen Behandlung des Rekurses zu verpflichten. Er lässt vorbringen, die
Rekurseingabe vom 26. September 2012 habe bereits eine Begründung enthalten.
Zudem habe seine Gattin mit Schreiben vom 1. Oktober 2012 in ihrem und in seinem
Namen eine ergänzende, zweiseitige Stellungnahme mit ausführlicher Darstellung des
Sachverhalts eingereicht.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 15. Januar 2013, die Beschwerde
sei unter
Kostenfolge abzuweisen. Zur Begründung wird geltend gemacht, das Schreiben vom
1. Oktober 2012 sei ihr nicht vorgelegen. Weder das Migrationsamt noch der
Rechtsvertreter, dem eine Kopie vorlag und der um die Unzuständigkeit des
Migrationsamtes wissen musste, habe es weiter geleitet. Ohnehin stelle es keine
Rekursergänzung dar, sondern habe den Charakter einer formlosen Bittschrift und
ändere nichts an der Verspätung der Rekursergänzung vom 12. November 2012. Der
Beschwerdeführer verzichtete stillschweigend auf eine Stellungnahme zur
Vernehmlassung.

## Considerations

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Vorinstanz trat im angefochtenen Entscheid auf den Rekurs des
Beschwerdeführers vom 26. September 2012 nicht ein. Anfechtungsobjekt bildet somit
ein Prozessentscheid. Zu prüfen ist demnach einzig, ob die Vorinstanz zu Recht auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Rekurs nicht eingetreten ist. Würde die Beschwerde gutgeheissen, wäre die
Streitsache antragsgemäss zur Behandlung in der Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen (vgl. Art. 64 in Verbindung mit Art. 56 Abs. 2 VRP; Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 1032).
3. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, dass die vom 12. November 2012 datierte,
als "Rekursergänzung" bezeichnete Eingabe nach Ablauf der von der Vorinstanz bis
Freitag, 9. November 2012 angesetzten Frist und damit verspätet der Schweizerischen
Post übergeben wurde (vgl. zu den Anforderungen an die Rechtzeitigkeit Art. 58 Abs. 1
und Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 143 Abs. 1 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung, SR 272). Allein aus dieser Verspätung und der Androhung, im
Säumnisfall gestützt auf Art. 48 Abs. 3 VRP auf das Rechtsmittel nicht einzutreten,
kann nicht auf die Rechtmässigkeit des angefochtenen Nichteintretensentscheides
geschlossen werden. Wird eine Nachfrist zur Ergänzung angesetzt, weil unklar ist, ob
eine genügende Begründung vorliegt, ist nach deren unbenütztem Ablauf trotz
entsprechender Androhung nicht ohne Weiteres auf Nichteintreten zu erkennen.
Vielmehr hat die Rechtsmittelinstanz zu beurteilen, ob die ursprüngliche Eingabe den
Anforderungen von Art. 48 Abs. 1 VRP genügt (vgl. GVP 1985 Nr. 50).
4. Zu prüfen ist, ob bei Ablauf der bis 9. November 2012 erstreckten Frist der vom
Rechtsvertreter am 26. September 2012 erhobene Rekurs ausreichend begründet war.
In der Beschwerde wird darauf hingewiesen, die Gattin des Beschwerdeführers habe
mit Schreiben vom 1. Oktober 2012 in ihrem eigenen und im Namen des
Beschwerdeführers dem Departement eine ergänzende, zweiseitige Stellungnahme mit
ausführlicher Darlegung des Sachverhalts eingereicht. Soweit dieses Schreiben für die
Begründung des Rekurses von Bedeutung ist (vgl. dazu nachfolgend E. 4.1.), ist zu
prüfen, ob damit innerhalb der von der Vorinstanz zur Rekursergänzung angesetzten
Frist Eingaben eingegangen sind, welche die inhaltlichen Anforderungen an einen
Rekurs erfüllen (vgl. dazu nachfolgend E. 4.2.).
4.1. Entgegen der Darstellung in der Beschwerde war das Schreiben vom 1. Oktober
2012 nicht an das Departement, sondern an die Sachbearbeiterin und deren
vorgesetzte Teamleiterin des Migrationsamts gerichtet. Es bestehen keine
Anhaltspunkte dafür und es wird von der Vorinstanz auch nicht behauptet, das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schreiben sei nicht vor Ablauf der Frist zur Ergänzung des Rekurses am 9. November
2012 bei der verfügenden Behörde eingegangen.
Gemäss Art. 11 Abs. 3 Satz 1 VRP werden Eingaben an eine unzuständige Stelle von
dieser der zuständigen Stelle übermittelt. Die Überweisungs- oder Weiterleitungspflicht
trägt dem allgemeinen Rechtsgrundsatz Rechnung, dass Rechtsuchende nicht ohne
Not um die Beurteilung ihrer Begehren durch die zuständige Instanz gebracht werden
sollen. Die Weiterleitung muss von Amtes wegen vorgenommen werden. Die
Überweisung kann unterbleiben, wenn in der Eingabe nicht der Wille zum Ausdruck
kommt, einen Entscheid durch eine Behörde herbeizuführen (vgl. zur entsprechenden
Bestimmung im Verwaltungsverfahrensrecht des Bundes M. Daum, in: Auer/Müller/
Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, N 1
und 5 zu Art. 8 VwVG). Eine Frist gilt deshalb auch dann als eingehalten, wenn die
Eingabe bei einer unzuständigen Stelle eingereicht worden ist, es sei denn, die
Einreichung bei der unzuständigen Stelle sei als Rechtsmissbrauch zu qualifizieren (vgl.
GVP 1970 Nr. 17; für die Einreichung eines Rechtsmittels Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 906
mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Wer an eine Behörde gelangt, obwohl er deren
Unzuständigkeit kennt, darf nicht mit einer Überweisung seiner Eingabe rechnen
(vgl. Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons
Zürich, 2. Aufl. 1999, N 35 zu § 5 VRG).
In der Eingabe vom 1. Oktober 2012 bringt die Ehefrau des Beschwerdeführers, welche
aus eigenem Recht den Anspruch auf Familiennachzug für ihren Ehemann geltend
machen kann (vgl. dazu BGer 2C_685/2010 vom 30. Mai 2011 E. 1.3), im eigenen
Namen und im Namen ihres Ehemannes unmissverständlich zum Ausdruck, dass sie
eine nochmalige Beurteilung der angefochtenen Verfügung wünscht. An dieser klaren
Absicht vermag nichts zu ändern, dass das Anliegen als Bitte formuliert wurde. Das
Migrationsamt, an deren in der Sache zuständige Mitarbeiterinnen die Eingabe
gerichtet war, wurde von der Vorinstanz am 28. September 2012 über den Eingang des
gegen die Verfügung vom 14. September 2012 erhobenen Rekurses sowie mit
Schreiben vom 30. Oktober 2012 über die Erstreckung der Frist zur Einreichung der
Rekursergänzung bis 9. November 2012 in Kenntnis gesetzt. Sowohl der zuständigen
Sachbearbeiterin als auch der ihr vorgesetzten Teamleiterin, welche die Verfügung
unterschrieben hatte, musste deshalb bekannt sein, dass ein Rechtsmittelverfahren im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gang war. Die Vorinstanz selbst weist auf den Devolutiveffekt des erhobenen Rekurses
hin. Unter diesen Umständen war das Migrationsamt aufgrund von Art. 11 Abs. 3 VRP
verpflichtet, das Schreiben vom 1. Oktober 2012 an die Rekursinstanz zu übermitteln.
Daran vermag nichts zu ändern, dass der Beschwerdeführer im Rekursverfahren durch
einen Rechtsvertreter handelte. Die Rechtsvertretung hat zwar zur Folge, dass die
Behörde rechtsgültig nur gegenüber dem Vertreter zu handeln vermag (vgl. Cavelti/
Vögeli, a.a.O., Rz. 368). Allerdings gilt umgekehrt nicht, dass eigene Eingaben der
vertretenen Partei unbeachtlich sind. Dass die Ehefrau des Beschwerdeführers die
Eingabe vom 1. Oktober 2012 an die verfügende Behörde und nicht an die
Rekursinstanz richtete, erscheint jedenfalls nicht als rechtsmissbräuchlich. Daran, dass
die Ehefrau des Beschwerdeführers nicht rechtsmissbräuchlich handelte, ändert auch
nichts, wenn der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers von der Eingabe Kenntnis
erhalten haben sollte.
4.2. Zu prüfen ist des Weiteren, ob der Nichteintretensentscheid unter
Berücksichtigung der Eingabe des Rechtsvertreters vom 26. September 2012 und des
Schreibens der Ehefrau des Beschwerdeführers vom 1. Oktober 2012 gerechtfertigt ist.
4.2.1. Gemäss Art. 48 Abs. 1 Satz 2 VRP muss der Rekurs einen Antrag sowie eine
Darstellung des Sachverhalts und eine Begründung enthalten. Zwischen den
Verfahrensbeteiligten ist unbestritten, dass die Eingabe des Rechtsvertreters vom
26. September 2012 eine Rekurserklärung und einen Antrag, welcher zum Urteil hätte
erhoben werden können, enthielt.
4.2.2. Die Begründung des Rekurses ist ebenfalls Gültigkeitserfordernis. Auch wenn an
ihre Qualität und Ausgestaltung keine grossen Anforderungen gestellt werden, wird
doch ein gewisses Mass an Sorgfalt verlangt. Um den formellen Anforderungen zu
genügen, braucht eine Begründung weder richtig noch vollständig zu sein. Eine
Begründung ist ausreichend, wenn Argumente vorgebracht werden, nach denen ein
Entscheid oder eine Verfügung auf einer fehlerhaften Sachverhaltsfeststellung oder
Rechtsanwendung beruht. Wenn sich die Vorbringen aber nicht auf den angefochtenen
Entscheid bzw. dessen Motive beziehen, genügt die Begründung den Anforderungen
nicht (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 922). Noch geringer als bei der Begründungspflicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sind die Anforderungen an die Darstellung des Sachverhalts (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O.,
Rz. 927).
Die Auslegung und Anwendung des st. gallischen Verfahrensrechts hat die
verfassungsrechtlichen Verfahrensgarantien zu beachten, wie sie sich insbesondere
aus Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR
101) ergeben. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist nicht jede
prozessuale Formstrenge überspitzt formalistisch, sondern nur jene, die durch kein
schutzwürdiges Interesse mehr gerechtfertigt ist und zum blossen Selbstzweck wird.
Prozessuale Formen sind unerlässlich, um die ordnungsgemässe Abwicklung des
Verfahrens sowie die Durchsetzung des materiellen Rechts zu gewährleisten. Eingaben
an Behörden, vor allem Rechtsmittelschriften, haben daher im Allgemeinen bestimmten
formellen Anforderungen zu genügen: Es soll aus ihnen hervorgehen, dass und
weshalb der Rechtsuchende einen Entscheid anficht und inwieweit dieser geändert
oder aufgehoben werden soll. Wird daher die Gültigkeit eines Rechtsmittels kraft
ausdrücklicher gesetzlicher Bestimmung davon abhängig gemacht, dass es eine
minimale Begründung enthält, so liegt darin weder eine Verweigerung des Anspruchs
auf rechtliches Gehör noch kann darin ein überspitzter Formalismus gesehen werden
(BGE 134 II 244 E. 2.4.2 mit Hinweisen auf weitere Rechtsprechung).
4.2.3. In der Eingabe des Rechtsvertreters vom 26. September 2012 wird die seiner
Auffassung nach durch die angefochtene Verfügung vom 12. September 2012 verletzte
Rechtsnorm, nämlich Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, abgekürzt EMRK) genannt. Es wird
zudem ausgeführt, dass die Bedeutung des Familienlebens für den Beschwerdeführer,
seine Frau und das (gemeinsame) Kind ein anderes Ergebnis der Interessenabwägung
verlangten. Im Schreiben vom 1. Oktober 2012 schildert die Ehefrau des
Beschwerdeführers den im Hinblick auf die Interessenabwägung unter Beachtung von
Art. 8 EMRK relevanten Sachverhalt. Zudem führt sie aus, aus welchen Gründen ihrer
Auffassung nach hinsichtlich der bei der Einreichung der Gesuche um Erteilung und
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nicht erwähnten strafrechtlichen Verurteilung
des Beschwerdeführers in Spanien keine Täuschungsabsicht bestanden habe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.4. Aus der Zusammenschau der Eingaben vom 26. September 2012 und vom
1. Oktober 2012 ergibt sich, dass sie den formellen und inhaltlichen Anforderungen,
welche das Gesetz in Art. 48 Abs. 1 VRP an die Rekurserhebung stellt, genügen. Ob
die Eingabe des Rechtsvertreters vom 26. September 2012 die Anforderungen für sich
allein betrachtet ebenfalls erfüllen würde, kann unter diesen Umständen offen bleiben.
Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen waren unbestrittenermassen erfüllt. Damit
erweist sich die Beschwerde als begründet und der von der Vorinstanz gefällte
Nichteintretensentscheid als rechtswidrig. Er ist aufzuheben, und die Angelegenheit ist
zur Prüfung in der Sache und zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
5. (...).