# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 37a763a8-c827-4507-a0d5-db45fc66b39e
**Court:** SG_VGN
**Chamber:** SG_VGN_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Y._ beauftragte am 27. Oktober 2017 die X._ AG beziehungsweise Rechtsanwalt X._
mit der Wahrung ihrer Interessen in der Angelegenheit "Rechtsberatung K._". Der
Vertreter wurde unter anderem ermächtigt, vor allen Behörden und Gerichten zu
handeln. Insbesondere sollte er das Verfahren vor der Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde A._ betreffend die Regelung des Kindesunterhalts und
des persönlichen Verkehrs zwischen dem ehemaligen Lebenspartner von Y._ und der
gemeinsamen Tochter führen (E. I/1 des angefochtenen Entscheids). Zum Honorar
wurde folgendes vereinbart:
"Die geschuldete Vergütung bemisst sich dabei nach der aufgewendeten Zeit der
Beauftragten, je zzgl. einer Entschädigung für Sekretariatsarbeiten von CHF 80 pro
Stunde, sowie für Dossiereröffnung und Aktenarchivierung. Der Auftraggeber anerkennt
in diesem Zusammenhang, mit den nachstehenden Besonderheiten, ausdrücklich die
jeweils geltende Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten des Kantons
St. Gallen als verkehrsüblich, wobei Barauslagen wie Versand-, Fernmelde- und
Kopierkosten pauschal mit 5 Prozent des Honorars, Fahrkosten mit CHF 1/km sowie
Dritt- und Reisekosten effektiv verrechnet werden. Sofern nicht eine abweichende
Entschädigung schriftlich vereinbart worden ist, gilt für die Bemühungen der
Beauftragten ein Stundenansatz von CHF 500 (zzgl. MWST)."
Am 28. Februar 2018 entzog Y._ der X._ AG und ihrem Vertreter das Mandat und
beauftragte eine andere Rechtsanwältin mit der Vertretung. Das Verfahren vor der
Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde A._ wurde am 26. Juni 2018 auf der
Grundlage einer elterlichen Vereinbarung abgeschlossen. Das Mandatsverhältnis mit
der anderen Rechtsanwältin endete am 30. Juli 2018.
B.
Am 14. März 2019 zeigte Y._ Rechtsanwalt X._ bei der Anwaltskammer an. Sie warf
ihm vor, im Verfahren vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde kein Gesuch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um unentgeltliche Rechtspflege gestellt und ein übersetztes Honorar verlangt zu
haben. Zudem sei er seiner Aufklärungspflicht in Bezug auf die Grundsätze der
Rechnungsstellung ungenügend nachgekommen und habe möglicherweise ihre
Unkenntnis ausgenutzt.
Die Anwaltskammer eröffnete am 21. März 2019 ein Disziplinarverfahren gegen
Rechtsanwalt X._. Im Entscheid vom 19. September 2019 kam sie zum Schluss, er
habe seine Berufspflichten verletzt, indem er die Mandantin nicht ausreichend auf den
mittleren Stundenansatz von CHF 250 gemäss Honorarordnung hingewiesen und mit
ihr ein unangemessen hohes Honorar vereinbart habe (Ziffer 1 Satz 1 des Dispositivs).
Soweit ihm das Nichtstellen des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege und das
effektiv verrechnete – leicht übersetzte – Honorar vorgehalten wurden, folgte sie der
Anzeige nicht (Ziffer 1 Satz 2 des Dispositivs). Sie büsste ihn mit CHF 1'500 (Ziffer 2
des Dispositivs) und auferlegte ihm eine reduzierte Entscheidgebühr von CHF 1'200
(Ziffer 3 des Dispositivs). Die Anwaltskammer stellte den begründeten Entscheid auch
der Anzeigerin zu (Ziffer 4 des Dispositivs).
C.
Rechtsanwalt X._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 25. September 2019
versandten Entscheid der Anwaltskammer (Vorinstanz) am 10. Oktober 2019
Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er beantragt, der angefochtene Entscheid sei
unter Kostenfolge (zzgl. Mehrwertsteuer) aufzuheben, soweit festgestellt wurde, er
habe gegen Berufsregeln verstossen, er gebüsst und ihm die Entscheidgebühr
auferlegt wurde. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Schliesslich sei festzustellen, die Zustellung des begründeten
Entscheids an die Anzeigerin sei rechtswidrig gewesen.
In der Vernehmlassung vom 6. November 2019 äusserte sich die Vorinstanz zur
Zustellung des begründeten Entscheids an die Anzeigerin und verwies im Übrigen auf

## Considerations

die Erwägungen im angefochtenen Entscheid. Sie beantragt die Abweisung der
Beschwerde. Der Beschwerdeführer nahm am 14. November 2019 dazu Stellung und
reichte einen Zeitungsartikel vom ... als zusätzliches Beweismittel ein. Die Vorinstanz
verzichtete stillschweigend auf eine weitere Stellungnahme.
Auf die Ausführungen des Beschwerdeführers und der Vorinstanz zur Begründung ihrer
Anträge sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 34 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte [Anwaltsgesetz];
SR 935.61, BGFA, in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 des st. gallischen Anwaltsgesetzes;
sGS 963.70, AnwG). Der Beschwerdeführer ist Adressat des angefochtenen Entscheids
und hat ein eigenes schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, zumal er von der
Feststellung, Berufsregeln verletzt zu haben, und von der ihm auferlegten
Disziplinarmassnahme besonders berührt ist. Er ist daher zur Beschwerdeerhebung
befugt (Art. 34 Abs. 1 BGFA und Art. 41 AnwG in Verbindung mit Art. 64 und Art. 45
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP).
Dies gilt auch hinsichtlich seines Begehrens, es sei die Widerrechtlichkeit der
Zustellung des begründeten vorinstanzlichen Entscheids an die Anzeigerin
festzustellen. Die Bekanntgabe eines Urteils durch ein Gericht an eine Drittperson stellt
einen Realakt dar (BGer 2C_389/2012 vom 12. November 2012 E. 3.2). Nach Art. 6
Abs. 2 AnwG beurteilt das Verwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen der
Anwaltskammer. Das Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, das sachgemäss
anzuwenden ist (Art. 41 AnwG), regelt die Anfechtbarkeit von Realakten nicht (H.-R.
Arta, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 94 des Überblicks). Nach Art. 29a der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV) hat jede
Person bei "Rechtsstreitigkeiten" ("cause", "controversie giuridiche") Anspruch auf
gerichtliche Beurteilung. Verlangt wird nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
eine Streitigkeit im Zusammenhang mit einer individuellen, schützenswerten
Rechtsposition. Schützenswerte Rechtspositionen können sich aus dem Verfassungs-,
Gesetzes- oder Verordnungsrecht in allen Rechtsbereichen ergeben. Eine in diesem
Sinne geschützte Rechtsposition besteht jedenfalls dann, wenn in vertretbarer Weise
geltend gemacht wird, es bestehe ein Anspruch auf ein bestimmtes staatliches
Handeln oder Unterlassen, der durch den angefochtenen (Real-)Akt verletzt werde (vgl.
BGE 143 I 336 E. 4.1, 4.3 und 4.3.1 mit weiteren Hinweisen). Das "schutzwürdige
Interesse" ist grundsätzlich wie beim Parteibegriff und der Beschwerdebefugnis zu
verstehen. Daher muss eine besondere Nähe der gesuchstellenden Person zum
Realakt vorliegen, wobei das schutzwürdige Interesse rechtlicher oder tatsächlicher
Natur sein kann, soweit die gesuchstellende Person an der Rechtsklärung mittels
Verfügung über den Realakt einen praktischen Nutzen hat (vgl. BGE 140 II 315 E. 4.2
mit weiteren Hinweisen). Das der Anzeigerin mitgeteilte begründete Urteil stellt die
Verletzung von Berufsregeln durch den als Rechtsanwalt tätigen Beschwerdeführer
fest. Es war im Zeitpunkt der Mitteilung noch nicht rechtskräftig. Die Vorinstanz selbst
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hat festgehalten, dieses Vorgehen entspreche nicht ihrer "üblichen" Praxis. Wenn der
Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz hätte den Ablauf der Beschwerdefrist abwarten
müssen und durch die (vorzeitige) Zustellung ihres vollständigen Entscheids an die
Anzeigerin habe sie sein Recht auf persönliche Freiheit (Art. 10 BV), seine Privatsphäre
(Art. 13 BV), seine Persönlichkeit (Art. 28 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches; SR
210, ZGB) sowie die Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 BV) verletzt, macht er in vertretbarer
Weise schützenswerte Rechtspositionen geltend. Er hat somit einen Anspruch auf die
gerichtliche Überprüfung der Rechtmässigkeit der Zustellung des begründeten
Entscheids an die Anzeigerin durch die Vorinstanz.
Die Beschwerde gegen den am 25. September 2019 versandten Entscheid der
Vorinstanz wurde mit Eingabe vom 10. Oktober 2019 rechtzeitig erhoben und erfüllt in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 34 Abs. 1 BGFA
und Art. 41 AnwG in Verbindung mit Art. 64 und Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
Die Beschwerdeeingabe umfasst 34 eng beschriebene Seiten und ist im Verhältnis zum
13-seitigen Entscheid der Vorinstanz äusserst ausführlich. Das Gericht muss sich
entsprechend der bundesgerichtlichen Praxis nicht mit jedem und sämtlichen
Vorbringen befassen, sondern kann sich mit der Behandlung der relevanten
Streitpunkte und Fragen begnügen (BGer 2C_469/2018 vom 6. Februar 2019 E. 8.5
und 2C_676/2017 vom 20. März 2018 E. 3.4.4 je mit Hinweisen). Es wird daher nur auf
die entscheidwesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers eingegangen. Soweit
seine Vorbringen unerwähnt bleiben, vermögen sie am Ausgang des Verfahrens nichts
zu ändern.
2. Streitgegenstände
Umstritten ist vorab, ob der Beschwerdeführer seiner Aufklärungspflicht gegenüber der
Anzeigerin betreffend die Grundsätze der Rechnungsstellung hinreichend
nachgekommen ist. In diesem Zusammenhang bedarf es zunächst näherer
Ausführungen zum anwendbaren Recht (dazu E. 3). Anschliessend ist zu klären, ob der
Beschwerdeführer rechtsgenüglich darauf hingewiesen hat, dass die konkret getroffene
Honorarvereinbarung von den Bestimmungen der kantonalen Honorarordnung abwich
(dazu E. 4). Strittig ist sodann, ob das ursprünglich vereinbarte und das effektiv in
Rechnung gestellte Honorar in einem die Berufsregeln verletzenden Ausmass übersetzt
waren (dazu E. 5). Anschliessend ist über eine allfällige Disziplinarmassnahme zu
befinden (dazu E. 6). Schliesslich ist zu prüfen, ob die Zustellung des begründeten
vorinstanzlichen Entscheids an die Anzeigerin rechtswidrig war (dazu E. 7).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Anwendbares Recht
Die Aufsichtsbehörde kann gemäss Art. 17 Abs. 1 BGFA Disziplinarmassnahmen "bei
Verletzung dieses Gesetzes" anordnen. Das Gesetz gilt nach Art. 2 Abs. 1 BGFA für
Personen, die über ein Anwaltspatent verfügen und in der Schweiz im Rahmen des
Anwaltsmonopols Parteien vor Gerichtsbehörden vertreten. Gemäss Art. 1 Abs. 3 des
st. gallischen Anwaltsgesetzes werden die Bestimmungen des BGFA über die
Berufsregeln und die Disziplinaraufsicht auf die Beratungs- und Beurkundungstätigkeit
des Rechtsanwalts sachgemäss angewendet. Der Beschwerdeführer ist Rechtsanwalt.
Das Mandat der Anzeigerin umfasste sowohl forensische – insbesondere das Handeln
vor allen Behörden und Gerichten – als auch beratende Tätigkeiten. Dass sich der
Beschwerdeführer beim Abschluss des Mandatsverhältnisses mit der Anzeigerin an die
Berufsregeln gemäss Art. 12 BGFA zu halten hatte, ist deshalb zu Recht unbestritten.
Das kantonale Recht konkretisiert die bundesrechtlichen Berufsregeln in
Honorarbelangen. Bei der Ermittlung des materiellen Inhalts der Pflicht, die Klientschaft
über die Grundsätze der Rechnungsstellung aufzuklären, sind deshalb auch die
kantonalen Vorschriften über das Anwaltshonorar zu berücksichtigen (vgl. BGer 2P.318
und 2A.733/2006 vom 27. Juli 2007 E. 8.1). Gestützt auf die Ermächtigung in Art. 42
lit. b AnwG hat das Kantonsgericht die Honorarordnung (sGS 963.75, HonO) erlassen.
Sie ist nach Art. 30 AnwG im Zivil- und Strafprozess anwendbar (lit. a) sowie in der
Verwaltungsrechtspflege, wenn ein Gericht zuständig ist oder wenn ein gesetzlicher
Anspruch auf Ersatz der ausseramtlichen Kosten besteht (lit. b Ziff. 1) oder die
unentgeltliche Verbeiständung bewilligt ist (lit. b Ziff. 2). Da das Mandat auch die
Führung eines Prozesses vor Gericht umfassen konnte, macht der Beschwerdeführer
zu Recht nicht geltend, die Vereinbarung mit der Anzeigerin sei nicht in den
Geltungsbereich der Honorarordnung gefallen.
Aufgrund mehrerer Revisionsanliegen des St. Galler Anwaltsverbands wurde die
Honorarordnung überarbeitet. Die revidierte Fassung ist mit dem VI. Nachtrag vom
28. November 2018 am 1. Januar 2019 in Kraft getreten. Gemäss Art. 30 HonO wird
das Honorar für die Instanz, bei der das Verfahren bei Vollzugsbeginn des
VI. Nachtrags vom 28. November 2018 anhängig ist, nach neuem Recht bemessen.
Vorliegend wurde das Verfahren vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde A._
am 26. Juni 2018 abgeschlossen. Demnach ist für die Beurteilung der umstrittenen
Honorarvereinbarung die bis am 31. Dezember 2018 geltende Fassung der
Honorarordnung (nachfolgend aArt.) massgebend.
4. Verstoss gegen Art. 12 lit. i BGFA
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteivorbringen
Die Vorinstanz bemängelt, in der mit der Anzeigerin geschlossenen
Honorarvereinbarung fehle ein klar erkennbarer, ausführlicher und für juristische Laien –
wie die Anzeigerin eine sei – nachvollziehbarer Hinweis im Sinne von aArt. 2 Abs. 3
HonO auf ein Abweichen von dem üblichen mittleren Honorar. Mangels ausreichenden
Hinweises sei es der Anzeigerin nicht möglich gewesen, die massive Abweichung vom
Normalansatz nachvollziehbar zu erfassen und allenfalls zu hinterfragen. Angesichts
ihrer schwierigen finanziellen Situation hätte sie sich bei richtiger Aufklärung über den
sonst üblichen Ansatz zumindest nach den Gründen für das signifikant höhere Honorar
erkundigen können und sich je nach dem auch dagegen entschieden. Die Vorinstanz
kam zum Schluss, der Beschwerdeführer habe die Anzeigerin nicht in einer gemäss
aArt. 2 Abs. 3 HonO genügenden Weise auf das Abweichen von der Honorarordnung,
welche ein deutlich tieferes Entgelt vorgesehen hätte, aufmerksam gemacht und
ungenügend über die Grundsätze der Rechnungsstellung aufgeklärt. Dadurch habe er
die anwaltlichen Berufsregeln verletzt.
Der Beschwerdeführer geht davon aus, dass es sich bei aArt. 2 Abs. 3 HonO um eine
auslegungsbedürftige Bestimmung handle. Die Vorinstanz dürfe deshalb nicht ohne
Weiteres annehmen, unter "Hinweis" sei die schriftliche Angabe eines genau bezifferten
oder bezifferbaren Betrags zu verstehen. Weder Lehre noch Rechtsprechung könne ein
solches Erfordernis entnommen werden. Selbst die Mustervorlage des St. Galler
Anwaltsverbands für eine Honorarvereinbarung (nachfolgend: Mustervorlage) enthalte
keinen derartigen Hinweis. Der Beschwerdeführer verweist auf ein Urteil der
Anwaltsaufsichtskommission des Kantons Appenzell Ausserrhoden (AAK 16 2 vom
6. April 2017), das unter anderem die Beurteilung des Hinweises im Sinne von aArt. 2
Abs. 3 HonO zum Gegenstand hatte. Auch die Kommission sei zum Schluss
gekommen, grundsätzlich genüge ein nicht bezifferter schriftlicher Hinweis auf ein
Abweichen von der Honorarordnung. Der Beschwerdeführer sei in guten Treuen davon
ausgegangen, der in seiner Honorarvereinbarung enthaltene schriftliche Hinweis, den
er mit entsprechenden mündlichen Hinweisen verbunden habe, werde den
Anforderungen von aArt. 2 Abs. 3 HonO gerecht. Ansonsten hätte er sich
selbstverständlich an die geltende Praxis beziehungsweise eine restriktivere Auslegung
gehalten. Tatsache sei jedoch, dass die Ausgestaltung des Hinweises gemäss aArt. 2
Abs. 3 HonO bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht höchstrichterlich geklärt worden sei. Der
Wortlaut spreche lediglich von einem "Hinweis auf die Bestimmungen dieser
Honorarordnung". Von einem schriftlich bezifferten oder bezifferbaren Hinweis sei nicht
die Rede. Der Beschwerdeführer betont, die Honorarordnung stelle kantonales
Ausführungsrecht zum BGFA dar. Deren Auslegung und Anwendung dürften nicht über
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Ziele des BGFA hinausschiessen. Vielmehr müsse dessen Sinn und Zweck stets
gewahrt bleiben. Wenn die Vorinstanz aber einen schriftlich bezifferten oder
bezifferbaren Hinweis fordere, wende sie die Honorarordnung in einer mit Art. 12 lit. i
BGFA unvereinbaren Weise an und verstosse damit gegen Bundesrecht. Gesamthaft
könne dem Beschwerdeführer keine Unsorgfalt im Zusammenhang mit der Aufklärung
über die Grundsätze der Rechnungsstellung vorgeworfen werden.
Rechtliches4.2.
Rechtsgrundlagen
Nach Art. 12 lit. i BGFA obliegt es Anwältinnen und Anwälten, ihre Klientschaft bei
Übernahme des Mandats über die Grundsätze ihrer Rechnungsstellung aufzuklären. Im
Geltungsbereich der Honorarordnung sind deren Bestimmungen zu beachten.
Abweichungen von den Regeln zur Bemessung des Honorars gemäss aArt. 13 ff. HonO
durch Einzelabrede setzen gemäss aArt. 2 Abs. 3 HonO einen Hinweis auf die
Bestimmungen der Honorarordnung voraus.
aArt. 2 Abs. 3 HonO soll den Rechtsuchenden schützen. Der Rechtsuchende soll eine
Vorstellung von den auf ihn zukommenden Anwaltskosten und gegebenenfalls von den
Abweichungen von den in der Honorarordnung festgelegten Ansätzen erhalten.
Weichen die Ansätze von jenen der Honorarordnung ab, muss er eine Erklärung seines
Anwalts einfordern können. Dazu muss er die Ansätze vergleichen können. Je präziser
der Hinweis auf die einschlägigen Bestimmungen in der Honorarordnung formuliert ist,
desto unmittelbarer und genauer kann sich der Rechtsuchende das Ausmass der
Abweichung von den in der Honorarordnung festgelegten Ansätzen vorstellen. Je mehr
das vorgeschlagene vom üblicherweise geschuldeten Honorar nach oben abweicht,
umso genauer hat der Anwalt seinen Klienten über die Auswirkungen der
Honorarvereinbarung und die dadurch bewirkte Differenz zu orientieren. Er tut gut
daran, diese Information des Klienten auch zu dokumentieren, um im Streitfall
entsprechende Nachweise darüber erbringen zu können (B. Hess, Das Anwaltsgesetz
des Bundes [BGFA] und seine Umsetzung durch die Kantone am Beispiel des Kantons
Bern, in: ZBJV 140/2004 S. 119).
4.2.1.
Rechtsprechung
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung verlangt aArt. 2 Abs. 3 HonO bei einer
von den Bestimmungen der Honorarordnung abweichenden Bemessung der
Entschädigung durch Einzelabrede, dass der Rechtsanwalt seine Mandantschaft
entsprechend informiert. Er verletzt seine Berufspflichten gemäss Art. 30 f. AnwG und
4.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 12 lit. i BGFA, wenn er einen Stundenansatz von CHF 300 vereinbart, ohne
vorgängig auf das Honorar, welches die (subsidiär geltende) Honorarordnung – damals
CHF 200 – vorsieht, hinzuweisen (BGer 2P.318 und 2A.733/2006 vom 27. Juli 2007
E. 8.2).
Nach der Rechtsprechung der appenzell-ausserrhodischen
Anwaltsaufsichtskommission ist der Anwalt bei der Vereinbarung eines
Stundenansatzes von CHF 450 "... im Sinne von Art. 394 Abs. 3 OR – für forensische
Bemühungen unter ausdrücklichem Hinweis auf die abweichenden Bestimmungen der
staatlichen Honorarordnung für Rechtsanwälte (insbes. Art. 2 Ziff. 3 HonO, ...)" der
Hinweispflicht gemäss aArt. 2 Abs. 3 HonO rechtsgenüglich nachgekommen und hat
seine Aufklärungspflicht nicht verletzt (AAK 16 2 vom 6. April 2017 E. 6.2.3).
Würdigung
Dem Beschwerdeführer stand es frei, eine Bemessung des Honorars nach Zeitaufwand
zu vereinbaren. Da er vom mittleren Honorar von CHF 250 abwich, musste er der
Hinweispflicht von aArt. 2 Abs. 3 HonO nachkommen. Ziffer 3 der Vollmacht, welche
die Honorarvereinbarung enthält, ist als langer, unübersichtlicher und umständlich
formulierter Fliesstext ausgestaltet und für einen Laien insgesamt schwer verständlich.
In der Honorarvereinbarung im engeren Sinn (vgl. Sachverhalt lit. A) wird allgemein auf
die Honorarordnung verwiesen, ohne dass ein bestimmter Artikel genannt wird.
Sodann werden weder das Bestehen eines "amtlichen Tarifs" noch der Umstand, dass
der konkret vereinbarte Stundenansatz von diesem abweicht, ausdrücklich erwähnt.
Dadurch entsteht der Eindruck, "die jeweils geltende Honorarordnung" entfalte volle
Wirkung. Nur der Passus "mit den nachstehenden Besonderheiten" lässt auf eine
Abweichung schliessen. Als derartige Besonderheiten folgen im selben Satz die
Ansätze für die Entschädigung der Barauslagen (fünf Prozent des Honorars) und der
Fahrkosten (ein Franken je Kilometer). Darauf, dass die Honorarordnung in Art. 28
Satz 1 und in Art. 28 Abs. 2 lit. c tiefere Ansätze (vier Prozent des Honorars, siebzig
Rappen je Kilometer) vorsieht, wird nicht hingewiesen. Der Stundenansatz von
CHF 500 wird anschliessend in einem separaten Satz erwähnt, weshalb zweifelhaft ist,
ob die Rechtsuchende diesen noch als "Besonderheit" erkennt. Vielmehr lässt der
Vorbehalt einer schriftlich vereinbarten abweichenden Entschädigung den Eindruck
entstehen, der Stundenansatz von CHF 500 sei an sich normal. Ungewöhnlich
erscheint schliesslich, dass sich die geschuldete Vergütung nach der aufgewendeten
Zeit der Beauftragten "je zzgl. einer Entschädigung für Sekretariatsarbeiten von CHF 80
pro Stunde" bemisst. Die Formulierung steht vor dem Hinweis auf die "nachstehenden
Besonderheiten" und kann so verstanden werden, dass mit jeder Stunde anwaltlicher
4.3.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5. Verstoss gegen Art. 12 lit. a BGFA
Tätigkeit zu CHF 500 auch eine Stunde Sekretariatsarbeiten zu CHF 80 zu bezahlen
sind. Aber selbst wenn die Honorarvereinbarung so zu verstehen ist, dass CHF 80 pro
Stunde für die durch das Sekretariatspersonal erbrachten Leistungen zu vergüten sind,
ist dies als ungewöhnlich zu qualifizieren, da der Aufwand für das Sekretariat
grundsätzlich im Honorar des Anwalts enthalten ist und nur für aussergewöhnliche
Sekretariatsarbeiten zusätzlich vergütet werden soll. Indem die Honorarvereinbarung
für sämtliche Sekretariatsarbeiten zusätzlich CHF 80 pro Stunde vorsieht, liegt das
effektiv vereinbarte Honorar des Beschwerdeführers nochmals wesentlich über
CHF 500 pro Stunde.
Aus dem Hinweis in der Honorarvereinbarung des Beschwerdeführers wird einzig
ersichtlich, dass eine Honorarordnung besteht und die konkrete Abmachung davon
abweichende Besonderheiten aufweist. Hinsichtlich des Stundenansatzes wird aber
nicht klar, dass die Honorarordnung ein mittleres Honorar vorsieht und in der Höhe
konkret festsetzt. Insoweit ist schon fraglich, ob sich der durchschnittliche Klient
veranlasst sieht, sich nach einer allfälligen Abweichung von der Honorarordnung zu
erkundigen. Unterzeichnet er die Vereinbarung unmittelbar, hat er auch keine
Möglichkeit, sich selbständig rechtzeitig über die einschlägigen Bestimmungen zu
informieren und sich nach den Gründen für die Abweichungen zu erkundigen. Der
Hinweis in der Honorarvereinbarung des Beschwerdeführers genügt damit dem Zweck
von aArt. 2 Abs. 3 HonO nicht.
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer ist seiner Aufklärungspflicht über die Grundsätze der
Rechnungsstellung gegenüber der Anzeigerin ungenügend nachgekommen und hat
Art. 12 lit. i BGFA verletzt.
4.4.
Parteivorbringen
Die Vorinstanz qualifiziert den vereinbarten Stundenansatz von CHF 500 als krass
übersetzt. Ein Stundenansatz von CHF 250 wäre angemessen gewesen, zumal es sich
nicht um einen besonders aufwendigen Fall gehandelt habe und sich auch keine
schwierigen Rechts- oder Sachverhaltsfragen gestellt hätten. Dieser Ansicht sei
offensichtlich auch der Beschwerdeführer gewesen, da er das Honorar unaufgefordert
reduziert habe. Allerdings stelle bereits die Vereinbarung eines krass übersetzten
Honorars eine Berufsregelverletzung dar, weil diese mitursächlich dafür gewesen sei,
dass die Anzeigerin eine noch immer – wenn auch nur leicht – übersetzte
Honorarforderung akzeptiert habe.
5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dem hält der Beschwerdeführer entgegen, nur der effektiv in Rechnung gestellte
Stundenansatz könne für die Beurteilung eines krass übersetzten Honorars
massgebend sein. Vorgängig müsse der Anwalt den Klienten – gestützt auf dessen
Darstellung des Sachverhalts – auf den höchstmöglichen Stundenansatz hinweisen.
Dem Umstand, dass diese subjektive Sachverhaltsdarstellung oft nicht vollumfänglich
den tatsächlichen Gegebenheiten entspreche, sei Rechnung zu tragen, indem der
Anwalt seinen Stundenansatz ex post nach unten korrigiere. Wenn hingegen bereits die
getroffene Honorarvereinbarung disziplinarrechtlich relevant wäre, würde es
regelmässig zur Sanktionierung von sorgfältig und korrekt arbeitenden Anwälten
kommen. Sollte das Verwaltungsgericht anderer Meinung sein, sei das vereinbarte
Honorar jedenfalls nicht krass übersetzt. Die Vorinstanz hätte nicht ohne weitere
Begründung annehmen dürfen, der mittlere Stundenansatz gemäss aArt. 24 Abs. 1
HonO wäre für den vorliegenden Fall angemessen gewesen. Es gehe nicht an, diesen
Ansatz als absoluten Massstab zu nehmen und ausgehend davon zu beurteilen, ob ein
Honorar krass übersetzt sei oder nicht. Denn dann wäre der Verordnungsgeber im
Stande, den Rahmen zulässiger Honorarvereinbarungen ohne formell-gesetzliche
Grundlage direkt zu bestimmen. Es obliege vielmehr dem Gericht, den im jeweiligen
Fall angemessenen Stundenansatz zu ermitteln, um anschliessend feststellen zu
können, ob das in Frage stehende Honorar krass übersetzt sei. Dies habe die
Vorinstanz unterlassen, indem sie selbstverständlich vom mittleren Stundenansatz
gemäss Honorarordnung ausgegangen sei. Davon abgesehen könne vorliegend keine
Rede von einem nicht aufwendigen Fall sein. Immerhin hätten gesamthaft 68.3 Stunden
investiert werden müssen, wovon 32.8 Stunden auf den Beschwerdeführer und 35.5
Stunden auf eine andere Rechtsanwältin entfielen. Ferner habe er bereits in seiner
Stellungnahme vom 29. März 2019 detaillierte Angaben zum Inhalt und Umfang des
Mandats gemacht und darauf hingewiesen, dass namentlich seine Qualifikationen und
Spezialkenntnisse sowie die besondere Erreichbarkeit eine zentrale Rolle für die
Bemessung gespielt hätten. Diese Ausführungen habe die Vorinstanz jedoch gänzlich
ausser Acht gelassen. Insgesamt könne jedenfalls nicht von einem krass übersetzten
Honorar gesprochen werden. Der vereinbarte Stundenansatz in der Höhe von CHF 500
sei vielmehr angemessen gewesen. Das gehe auch aus dem mit Stellungnahme vom
14. November 2019 eingereichten Zeitungsartikel hervor, der als zulässiges Novum zu
berücksichtigen sei. Demnach habe der Präsident des St. Galler Anwaltsverbands
angegeben, dass die Standardsätze in St. Gallen zwischen CHF 200 und CHF 300 pro
Stunde lägen, zuweilen aber auch Standardsätze von CHF 400 pro Stunde angewendet
würden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtliches
Die Honorarvereinbarung untersteht dem Obligationenrecht. Anwendbar sind die
Bestimmungen über den Auftrag gemäss Art. 394 ff. des Schweizerischen
Obligationenrechts (SR 220, OR) sowie die Bestimmungen des allgemeinen Teils nach
Art. 1 ff. OR (K. Schiller, Schweizerisches Anwaltsrecht, Grundlagen und Kernbereich,
Zürich/Basel/Genf 2009, Rz. 34). Im Sinn der Vertragsfreiheit sind die Parteien bei der
Festlegung des Vertragsinhalts und bei der Festsetzung der Art und Höhe der
Vergütung grundsätzlich frei (vgl. BGer 2C_205/2019 vom 26. November 2019 E. 4.2,
2C_314/2020 vom 3. Juli 2020 E. 4.2, W. Fellmann, Anwaltsrecht, 2. Aufl. 2017,
Rz. 1390). Gemäss Art. 31 AnwG bemisst sich das Honorar nach Art und Umfang der
Bemühungen, nach der Schwierigkeit des Falles und nach dem Streitwert (Abs. 1) und
berücksichtigt die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beteiligten (Abs. 2). Es hat der mit
dem Auftrag verbundenen Verantwortung zu entsprechen und muss den erbrachten
Leistungen objektiv angemessen sein (Fellmann, a.a.O., Rz. 1387).
Da die Höhe des anwaltlichen Honorars der Vertragsfreiheit unterliegt, ist es im
Rahmen der Berufspflichten grundsätzlich nicht überprüfbar. Nur ein krass übersetztes
Honorar kann eine disziplinarrechtliche Sanktion zur Folge haben. Dabei kommt es
nicht nur auf die Höhe der Überforderung, sondern ebenso sehr auf die gesamten
Nebenumstände an. Im Einzelfall ist zu klären, ob das geltend gemachte Honorar in
einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand steht oder in einem Ausmass übersetzt
ist, welches das dem Anwalt entgegengebrachte Vertrauen zu untergraben vermag.
Dies ist praxisgemäss insbesondere dann der Fall, wenn das Honorar das Dreifache
des angemessenen Betrags ausmacht (vgl. BGer 2C_205/2019 vom 26. November
2019 E. 4.2 und 4.3). Disziplinarrechtlich relevant ist eine Honorarüberforderung
namentlich dann, wenn sie unter Anwendung von Mitteln erfolgt, die eines Anwalts
unwürdig sind. Die Schranke zur Annahme des "offenbaren Missverhältnisses" sollte
erst dort zu liegen kommen, wo die Vereinbarung des in Frage stehenden Honorars von
aussen betrachtet schlicht keinen Sinn ergibt und der an den Anwalt zu zahlende Preis
geradezu wucherisch erscheint (VerwGE B 2018/220 vom 21. Januar 2019 E. 5.1 mit
Hinweisen). Dabei kann es keine Rolle spielen, ob der Anwalt das krass übersetzte
Honorar tatsächlich in Rechnung stellte. Auch bei der Übervorteilung sind einzig die
vereinbarten Leistungen massgebend, unabhängig davon, ob gestützt darauf eine
Forderung gestellt wurde (Meise/Huguenin, in: Basler Kommentar, Obligationenrecht I,
7. Aufl. 2020, N 5 zu Art. 21 OR). Ausserdem fragte sich, welchen Zweck eine
vorgängige Honorarvereinbarung noch hätte, wenn sich die Parteien auf den darin
vereinbarten Stundenansatz im Nachhinein gar nicht verlassen könnten. Erweist sich
ein Mandat als weniger aufwendig denn erwartet, ist diesem Umstand nicht in erster
5.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Linie durch eine Anpassung des vereinbarten Honoraransatzes Rechnung zu tragen,
sondern vielmehr dadurch, dass der Anwalt aufgrund des geringeren Zeitaufwands
weniger Stunden verrechnet. Mithin ist bereits die Vereinbarung eines krass
übersetzten Honorars disziplinarrechtlich relevant.
Würdigung
Der Beschwerdeführer durfte das Honorar gestützt auf aArt. 23 Abs. 2 HonO nach
Zeitaufwand bemessen, zumal unbestrittenermassen vorab die Führung eines
Verfahrens vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Gegenstand des Mandats
war. Im Zusammenhang mit dem Kindesunterhalt stellen sich regelmässig auch Fragen
nach den Einkommens- und Vermögensverhältnissen des Unterhaltspflichtigen. Die
Abklärungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen des ehemaligen Lebenspartners der
Mandantin können deshalb grundsätzlich nicht zur Begründung einer massiven
Erhöhung des Stundenansatzes gegenüber dem mittleren Honorar herangezogen
werden. Da es auch nicht unüblich ist, dass sich in familienrechtlichen Angelegenheiten
Fragen zu Konten im Ausland stellen, gilt gleiches auch für die Hinweise des
Beschwerdeführers auf seine Ausbildung im betreffenden Staat und seine Dissertation,
in der er sich mit Fragen ... auseinandersetzte. Über eine zusätzliche besondere
Qualifikation oder eine ausgewiesene lange praktische Erfahrung im Bereich des
Familienrechts verfügt der Beschwerdeführer nicht. Die Tätigkeiten für die Mandantin
am Wochenende rechtfertigen keine generelle Erhöhung des Stundenansatzes, zumal
der Beschwerdeführer in der zeitlichen Organisation seiner beruflichen Tätigkeit frei ist.
Dass er Aufgaben übernimmt, die er mit einem üblichen Arbeitspensum nicht zu
bewältigen in der Lage ist, darf sich für seine Mandanten nicht nachteilig auswirken.
aArt. 24 Abs. 2 HonO sah in der anwendbaren Fassung zur Berücksichtigung
besonderer Umstände die Möglichkeit vor, das mittlere Honorar um bis zu einem
Viertel zu überschreiten. Die zurzeit gültige Fassung lässt eine Erhöhung des
Stundenansatzes um bis zu fünfzig Prozent auf CHF 375 zu. Mit der
Honorarvereinbarung des Beschwerdeführers kann zumindest eine Forderung von
CHF 500 je aufgewendeter Stunde begründet werden. Ihr Wortlaut ist zudem so
abgefasst, dass sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt stellen könnte, je
aufgewendeter Stunde seien zusätzlich CHF 80 für Sekretariatsarbeiten geschuldet. Ein
Stundenansatz von CHF 500 bedeutet eine Verdoppelung, ein solcher von CHF 580
gar eine Erhöhung auf das 2,3-fache des mittleren Stundenansatzes von CHF 250.
Damit ist auch der in der geltenden Honorarordnung vorgesehene Rahmen für eine
Erhöhung klar überschritten. Einzelabreden lassen mit entsprechend deutlichem
Hinweis im Sinn von aArt. 2 Abs. 3 HonO zwar auch höhere Stundenansätze zu. Dieser
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6. Disziplinarmassnahme
Bei Verletzung der Berufsregeln kann die Aufsichtsbehörde gemäss Art. 17 Abs. 1
BGFA eine Verwarnung (lit. a), einen Verweis (lit. b), eine Busse bis CHF 20'000 (lit. c),
ein befristetes Berufsausübungsverbot für längstens zwei Jahre (lit. d) oder ein
dauerndes Berufsausübungsverbot (lit. e) anordnen (vgl. BGer 2C_897/2015 vom
25. Mai 2016 E. 5.2.2). Die Bestimmung von Art und Mass der Sanktion ist vorab Sache
der zuständigen Aufsichtsbehörde. Ihr kommt diesbezüglich ein weiter
Ermessensspielraum zu. Das Verwaltungsgericht, bei welchem gemäss Art. 61 Abs. 1
VRP einzig Rechtsverletzungen gerügt werden können, greift nur ein, wenn die
angefochtene Sanktion den Rahmen des pflichtgemässen Ermessens sprengt und
damit als willkürlich und unverhältnismässig erscheint (vgl. BGer 2C_536/2018 vom
25. Februar 2019 E. 4.1 und 5.3). Berücksichtigt werden insbesondere die Schwere der
Berufsregelverletzung, das Mass des Verschuldens sowie das berufliche Vorleben des
Hinweispflicht ist der Beschwerdeführer indessen wie festgestellt nicht in
ausreichendem Mass nachgekommen. Mit Blick auf die besonderen Umstände des
Einzelfalls – im Wesentlichen ging es um die Regelung von Besuchsrechten und
Unterhaltspflichten und damit um ein gängiges familienrechtliches Verfahren – lässt
sich eine solche Erhöhung nicht rechtfertigen. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche
Lage der Mandantin zumindest die Frage aufwarf, ob für das Verfahren ein Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege zu stellen gewesen wäre. In diesem Fall hätte sich der
mittlere Stundenansatz von CHF 250 um einen Fünftel auf CHF 200 reduziert (vgl.
Art. 31 Abs. 3 AnwG). Bei einer Verrechnung von CHF 580 je geleisteter Arbeitsstunde
anwaltlicher Tätigkeit wäre mithin das Dreifache des mittleren Honorars nahezu
erreicht. Ob – wovon die Vorinstanz ausgeht – das mittlere Honorar von CHF 250 je
Stunde für den vorliegenden Fall angemessen gewesen wäre, kann offenbleiben, denn
zu beurteilen ist einzig, ob der vereinbarte Stundenansatz von CHF 500
beziehungsweise CHF 580 in einem die Berufspflichten verletzenden Ausmass
übersetzt war. Zusammen mit der Vorinstanz ist schliesslich davon auszugehen, dass
der vom Beschwerdeführer tatsächlich in Rechnung gestellte Stundenansatz von
CHF 320.73 beziehungsweise knapp unter CHF 300 mit Blick auf die Umstände des
Einzelfalls jedenfalls nicht als krass übersetzt zu beurteilen ist.
Zusammenfassung
Der vom Beschwerdeführer in der Honorarvereinbarung mit der Anzeigerin festgesetzte
Stundenansatz von CHF 500 beziehungsweise CHF 580 erscheint mit Blick auf den
mittleren Stundenansatz von CHF 250 und die konkreten Umstände des Auftrags,
soweit sie aus den vorliegenden Akten hervorgehen, als krass übersetzt. Der
Beschwerdeführer hat Art. 12 lit. a BGFA verletzt.
5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anwalts (T. Poledna, in: Fellmann/Zindel [Hrsg.], a.a.O., N 23 ff. zu Art. 17 BGFA). Eine
Verwarnung oder ein Verweis als im Vergleich zur Busse mildere Massnahmen
kommen vorab bei geringfügigen Verfehlungen in Betracht.
Der Beschwerdeführer hat als praktizierender Anwalt täglich Kontakt mit Klienten. Er
muss wissen, dass sich Laien mit der juristischen Sprache schwertun. Deshalb hätte
ihm auch auffallen müssen, dass der umständlich formulierte allgemeine Hinweis auf
die Honorarordnung nicht adressatengerecht ist und dem Zweck von aArt. 2 Abs. 3
HonO nicht genügen kann. Er konnte nicht als selbstverständlich annehmen, dass sich
dem durchschnittlichen Klienten die Tragweite des Hinweises erschliessen würde. Er
hat in Kauf genommen, dass die Anzeigerin – deren wirtschaftliche Verhältnisse die
Frage nach unentgeltlicher Rechtspflege aufwarfen – ein Honorar akzeptiert, ohne das
mittlere Honorar und die Bandbreite der Abweichungen gemäss aArt. 24 HonO zu
kennen. Der ungenügende Hinweis wiegt umso schwerer, als gleichzeitig ein
ungewöhnlich hoher Stundenansatz vereinbart wurde. Mit dem mit Blick auf die
Umstände des Falls krass übersetzten Ansatz von CHF 500 oder gar CHF 580 hat der
Beschwerdeführer primär eigene finanzielle Interessen verfolgt. Gegenstand der Rügen
sind zwar Umstände und Inhalt der konkreten Vereinbarung des Beschwerdeführers
mit der Anzeigerin. Die Mängel – unzureichender Hinweis auf die Abweichungen von
den in der Honorarordnung vorgesehenen Bemessungsregeln und krass übersetzter
Stundenansatz – beruhen jedoch – anders als einzelfallbezogene Verletzungen von
Berufspflichten – auf Grundlagen, auf welche der Beschwerdeführer seine
Mandatsverhältnisse regelmässig stützt. Sein Verschulden wiegt insgesamt erheblich
und die Verstösse gegen die Berufspflichten erscheinen insgesamt als nicht mehr
leicht. Indem die Vorinstanz als Aufsichtsbehörde deshalb nicht eine Verwarnung oder
einen Verweis ausgesprochen, sondern den Beschwerdeführer gebüsst hat, hat sie das
ihr bei der Festlegung der Sanktionsart zustehende Auswahlermessen nicht verletzt.
Mit einer Höhe von CHF 1'500 bewegt sich die Busse im Übrigen im unteren Bereich
des gesetzlichen Rahmens, so dass der Vorinstanz, welche den ungetrübten
anwaltlichen Leumund des Beschwerdeführers berücksichtigt hat, auch hinsichtlich der
Bemessung der Massnahme keine Rechtsverletzung bei der Handhabung des ihr
zustehenden Ermessens vorgehalten werden kann. Ergänzend kann auf die
nachvollziehbaren Ausführungen der Vorinstanz zur Festlegung der
Disziplinarmassnahme verwiesen werden (Erwägung III).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7. Zustellung des vorinstanzlichen Entscheids an die Anzeigerin
Parteivorbringen
Die Vorinstanz führt aus, es entspreche ihrer Praxis, die Anzeige erstattende Person
über den Ausgang des Verfahrens zu orientieren. Gehe die Anzeige von der
Klientschaft aus, werde dieser der vollständige Entscheid zugestellt, zumal das
anwaltliche Berufsgeheimnis dem nicht entgegenstehe. Im Übrigen hätte die Anzeigerin
den begründeten Entscheid ohnehin auf der Publikationsplattform einsehen können.
Der Beschwerdeführer beanstandet nicht, dass Anzeigende grundsätzlich über den
Ausgang des Aufsichtsverfahrens informiert werden. Die Vorinstanz habe aber
ausdrücklich festgehalten, der Anzeige erstattenden Person komme keine
Parteistellung zu und diese habe keinen Anspruch auf Zustellung des begründeten
Entscheids. Zudem weise sie selbst darauf hin, dass es eben gerade nicht ihrer
üblichen Praxis entspreche, dem Anzeigenden ihren vollständigen, begründeten
Entscheid zuzustellen. Wenn das Urteil ohnehin auf der Publikationsplattform
veröffentlicht werde, sei nicht nachvollziehbar, weshalb sich die vorgängige Zustellung
an die Anzeigerin – vor Ablauf der Beschwerdefrist – aufdränge. Es bestünden weder
eine gesetzliche Grundlage noch ein besonderes schutzwürdiges Interesse, welche
dieses Vorgehen rechtfertigten. Ausserdem werde die Anzeigerin gegenüber der
Öffentlichkeit bessergestellt, da sie das vollständige, begründete Urteil vorab erhalte.
Dafür gebe es keine sachlichen Gründe. Mit der Zustellung ihres Entscheids an die
Anzeigerin habe die Vorinstanz die persönliche Freiheit des Beschwerdeführers, sein
Recht auf Privatsphäre, seine Persönlichkeit sowie die Wirtschaftsfreiheit verletzt.
7.1.
Rechtliches
Im Anwaltsaufsichtsverfahren kommt dem Anzeiger ohne ausdrückliche
kantonalrechtliche Norm keine Parteistellung zu (vgl. BGer 2A.563/2005 vom 23.
September 2005 E. 2.1 mit Hinweis auf BGE 129 II 297 E. 2.3). Nach st. gallischem
Recht eröffnet die Aufsichtsbehörde ihre Verfügung allein den Betroffenen (Art. 34
Abs. 1 BGFA und Art. 41 AnwG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 VRP). In
Verwaltungsverfahren gelten Personen als betroffen, deren Rechte und Pflichten
geregelt oder die in eigenen schutzwürdigen Interessen berührt werden (vgl.
T. Tschumi, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], a.a.O., N 22 zu Art. 24-26 VRP). Dies
trifft auf Anzeigende nicht zu (vgl. Arta, a.a.O., N 84 des Überblicks). Das kantonale
Anwaltsgesetz sieht keine davon abweichende Regelung vor. Immerhin gebietet es die
Höflichkeit, in einem korrekten Ton abgefasste Anzeigen kurz zu beantworten (BGer
12T_3/2010 vom 26. Mai 2010 E. 3) und den Anzeiger darüber zu informieren, ob und
7.2.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8. Zusammenfassung
Die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen, als der Beschwerdeführer geltend macht,
die Vorinstanz habe der Anzeigerin in rechtswidriger Weise ihren begründeten
Entscheid zugestellt. In der Sache ist die Beschwerde abzuweisen.
9. Kosten
Dem Verfahrensausgang entsprechend – die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen –
sind die amtlichen Kosten zu vier Fünfteln dem Beschwerdeführer und zu einem Fünftel
dem Staat aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 2'000
scheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS 941.12). Auf
die Erhebung des staatlichen Kostenanteils ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Der
Anteil des Beschwerdeführers ist mit dem von ihm in der Höhe von CHF 2'000
geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. CHF 400 sind ihm zurückzuerstatten.
Ausseramtliche Kosten sind für das Beschwerdeverfahren nicht zu entschädigen
(Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP).
wie eine Anzeige behandelt wurde (vgl. Kiener/Rütsche/Kuhn, Öffentliches
Verfahrensrecht, 2. Aufl. 2015, Rz. 2048). Nur dann, wenn ein überwiegendes
öffentliches Interesse es erfordert, veröffentlicht die Aufsichtsbehörde eine – nicht
anonymisierte – Mitteilung über die verfügte Disziplinarmassnahme (Art. 39 Abs. 1
AnwG).
Würdigung
Obwohl der Anzeigerin keine Parteistellung zukam, hat die Vorinstanz ihr den
begründeten Entscheid zugestellt. Dass es sich bei der Anzeigerin um eine ehemalige
Klientin des Beschwerdeführers handelt und ihr deshalb mit dem Entscheid keine
Tatsachen offenbart werden, die das anwaltliche Berufsgeheimnis verletzen könnten,
mag zutreffen. Dieser Umstand rechtfertigt jedoch ein solches Vorgehen nicht. Ein
vollständiges, begründetes – und nicht anonymisiertes – Urteil in den Händen eines
Anzeigenden kann negative Folgen für das Berufsleben und die Person des betroffenen
Anwalts haben. Aus welchen Gründen sich die Zustellung vorliegend aufdrängte und
was damit bezweckt werden sollte, wird nicht dargelegt. Die Vorinstanz selbst verneint
ein überwiegendes öffentliches Interesse, das eine Mitteilung über die verfügte
Disziplinarmassnahme im kantonalen Amtsblatt erforderte. Inwiefern die Anzeigerin
demgegenüber ein zu berücksichtigendes Interesse an der Zustellung des Entscheids
gehabt haben sollte, zeigt sie nicht auf und ist auch nicht ersichtlich. Insbesondere
beruft sich auch die Vorinstanz nicht auf eine entsprechende Rechtsgrundlage. Folglich
ist festzustellen, dass die Vorinstanz rechtswidrig handelte, indem sie der Anzeigerin
den vollständigen, begründeten Entscheid zustellte.
7.3.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte