# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 8b0c4a1f-05ea-460b-b045-3c5328fe970f
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchter Mord etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 25. November 2020 (DG200026)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 4. Februar
2020 (D1 act. 32, Ordner 10) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 126 S. 222 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Mangels Stellung als Privatklägerinnen werden die Sozialen Dienste Zürich sowie die SVA
des Kantons Zürich aus dem Rubrum entfernt.
2. Das Verfahren betreffend die für die Jahre 2015 und 2017 zur Anklage gebrachten Vorwürfe
des Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB wird eingestellt.
3. Die Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB;
− des mehrfachen Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB sowie
− des Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen im Sinne von Art. 292 StGB.
4. Vom Vorwurf des mehrfachen Pfändungsbetrugs im Sinne von Art. 163 Ziff. 1 StGB sowie
vom Vorwurf der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB wird die Beschuldigte frei-
gesprochen.
5. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Jahren, wovon 616 Tage
durch Untersuchungshaft erstanden sind, sowie mit einer Geldstrafe von 160 Tagessätzen
zu CHF 10, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/
Unterland vom 5. September 2012, und einer Busse von CHF 500.
6. Es wird davon Vormerk genommen, dass die Beschuldigte sich seit dem
12. Dezember 2019 im vorzeitigen Strafvollzug befindet.
7. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen. Die Geldstrafe wird im Umfang von 100 Tagessätzen
aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (60 Tagessätze) wird
die Geldstrafe vollzogen.
8. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an
deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
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9. Es wird eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung der Beschuldigten im Sinne von
Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.
10. Die Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 7 Jahre des Landes verwiesen.
11. Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung (Einreise- und Aufenthaltsverweigerung)
im Schengener Informationssystem angeordnet.
12. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._, CHF 9'000, nebst Zins zu 5 %
seit 7. April 2018, als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbe-
gehren des Privatklägers B._ abgewiesen.
13. Die Schadenersatzbegehren der folgenden Privatkläger werden auf den Zivilweg verwiesen:
− Privatklägerin 2 (Stadt Zürich, Steueramt);
− Privatklägerin 3 (C._ AG);
− Privatkläger 4 (Obergericht des Kantons Zürich).
14. Die folgenden mit Verfügungen der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlag-
nahmten und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernden Gegenstände werden
eingezogen und nach Eintritt der Rechtskraft vernichtet:
A011'380'895 1 Netzteil für "Samsung" Monitore und Horizon mit Kabel und Stecker, ohne Netzkabel, 220 V
A011'386'406 2 Blister leer, Risperidon, 2mg
A011'386'440 2 Blister leer, Risperidon, 2mg
A011'386'508 1 Blister mit 3 Tabletten Temesta 1 mg, sowie 1 leerer Blister
15. Die folgenden mit Verfügungen der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlag-
nahmten und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernden Gegenstände werden
nach Eintritt der Rechtskraft vernichtet:
A011'380'964 1 Flüssigkeitsprobe aus Kunststoffgefäss mit mutmasslich Pfefferminztee, ca. 100 ml
A011'380'975 1 Flüssigkeitsprobe aus Glas mit mutmasslich Cola, ca. 100 ml
A011'380'997 1 Flüssigkeitsprobe aus Glas mit mutmasslich Pfefferminztee, ca. 60 ml
A011'397776 1 Flüssigkeit aus Siphon, ca. 2 dl
A011'398031 1 Sultanine (mutmasslich) und zwei weitere Fragmente
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A011'398155 1 Packung Sultaninen, "Coop Qualite & Prix", 300 Gr.
16. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 22. Mai 2019 aus dem Besitz der Beschul-
digten beschlagnahmte Barschaft von CHF 590 (Ass.-Nr. A011'386'611) sowie die – nicht
beschlagnahmten aber sich noch im Recht befindlichen – EUR 5, befindlich bei der Kasse
des hiesigen Bezirksgerichts, werden zur teilweisen Deckung der der Beschuldigten aufer-
legten Verfahrenskosten verwendet.
17. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlagnahm-
ten und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernden Gegenstände werden nach
Eintritt der Rechtskraft des Entscheids bis drei Monate danach auf erstes Verlangen an den
Privatkläger B._ herausgegeben. Nach ungenutztem Ablauf dieser Frist werden sie der
Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen:
A011'379'296 1 Herrenslip, schwarz, "SARAN"
A011'379'309 1 Paar Socken, schwarz
A011'380'884 1 Ladekabel "Nokia", schwarz, mit Netzteil und Stecker, 220V
A011'381'069 1 Jeanshose, hellblau, Diesel
A011'381'070 1 Trägershirt, weiss, Gr. 8/XL
A011'381'081 1 Poloshirt, anthrazit, "Charles Voegele"
A011'391'092 1 Pullover, schwarz, "TCM"
A011'381'105 1 Kissenüberzug, orange, ca. 50 x 50cm
A011'381'116 1 Spannbettuch, weiss
A011'386'382 Elektronisches Flugticket vom 20.1.18, B._
A011'387'487 Mietvertrag, Überweisungsbelege
A011'387'523 2 Schachteln Medikamente (1 Schachtel Novalgin, 1 Schachtel KCl retard),
A011'387'534 diverse Papiere, Briefe
A011'387'578 Kabel schwarz, 220 Volt
A011'391'165 1 Mobiltelefon Nokia Typ 225, RM-1012 IMEI- Nummer ...
18. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlagnahm-
ten und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernden Gegenstände werden nach
Eintritt der Rechtskraft des Entscheids bis drei Monate danach auf erstes Verlangen an die
Beschuldigte herausgegeben. Nach ungenutztem Ablauf dieser Frist werden sie der Lager-
behörde zur Vernichtung überlassen:
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A011'379'990 1 T-Shirt, weiss, mit Landkartensymbolik
A011'380'000 1 Trainerhose, lachsfarben, mit Schriftzug
A011'380'920 1 Glas mit Griff
A011'380'931 1 Glas mit Griff, mit weisser Aufschrift "Time for Tea"
A011'380'942 1 Glas mit Griff, mit weisser Aufschrift "Time for Tea"
A011'380'953 1 Glasflasche "EDEN", Aroniabeere, 330 ml
A011'386'337 1 Mobiltelefon defekt, Samsung, grau, Akku entfernt, Display mehrfach zerschlagen
A011'386'359 diverse Notizen, Post-It mit Handnotizen, Visitenkarten etc.
A011'386'360 1 Speicherchip, Samsung, Micro SD Karte 16 GB
A011'386'575 Damentasche schwarz, Marke Fasano, enthaltend:
1 Schlüssel KABA Star D._ AG, ..., ...; 1 Schlüssel KABA Star ..., ..., ...; 1 Abschnitt Hotel E._ vom 15.-19.3.18; diverse Kassabons; 1 Paar Medizinalhandschuhe, blau; 1 Medikament Furadantin 100mg; diverse Kosmetika; CHF 3.60.
A011'387'341 Kabel schwarz, 220 Volt
A011'387'374 1 Computer Toshiba, NB500, schwarz, leicht defekt
A011'387'410 Arbeitsverträge A._
A011'391 '198
1 Mobiltelefon Marke Samsung, Typ Galaxy J3, IMEI-Nummer ...
19. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlagnahm-
ten und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernden Gegenstände werden nach
Eintritt der Rechtskraft des Entscheids bis drei Monate danach auf erstes Verlangen an
F._ herausgegeben. Nach ungenutztem Ablauf dieser Frist werden sie der Lagerbe-
hörde zur Vernichtung überlassen:
A011'380'066 1 T-Shirt, dunkelblau, Grösse XXL
A011'386'315 Visitenkarte, StaPo ZH, KpI G._
A011'391'381 Apple IPhone 6S Plus, IMEI-Nummer ...
20. Der folgende mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlagnahmte
und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernde Gegenstand wird nach Eintritt der
Rechtskraft des Entscheids bis drei Monate danach auf erstes Verlangen an H._ her-
ausgegeben. Nach ungenutztem Ablauf dieser Frist wird er der Lagerbehörde zur Ver-
nichtung überlassen:
A011'380'102 1 T-Shirt, weiss, Grösse XL
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21. Der folgende mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 11. Januar 2019 beschlagnahmte
und bei der Kantonspolizei Zürich, FOR-DISPO, lagernde Gegenstand, wird nach Eintritt der
Rechtskraft des Entscheids bis drei Monate danach auf erstes Verlangen an I._ her-
ausgegeben. Nach ungenutztem Ablauf dieser Frist wird er der Lagerbehörde zur Ver-
nichtung überlassen:
A011'386'326 1 Apple Pad mini, Seriennummer ...
22. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 7. Oktober 2019 lediglich als Beweismittel
beschlagnahmten, nachfolgend aufgeführten Gegenstände werden bei den Akten belassen:
D1 act. 12/39 Rotes Schreibheft "Die wahre Geschichte"
D3 act. 7/3 Klarsichtmappe mit diversen Unterlagen
23. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF
CHF 15'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
CHF 7'500.00 Gebühr Strafuntersuchungen
CHF 3'044.00 Kosten der Kantonspolizei
CHF 13'960.00 Auslagen Untersuchung
CHF 31'329.65 Gutachten/Expertisen etc.
CHF 21.40 Zeugenentschädigung
CHF 128.60 Diverse Kosten
CHF 42'813.65 amtliche Verteidigung
CHF 22'704.25 Vertreter Privatkläger 5
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
24. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung für die Privatkläger-
schaft, werden der Beschuldigten zu vier Fünfteln auferlegt. Ein Fünftel der Kosten wird auf
die Gerichtskasse genommen.
25. Die Kosten der amtlichen Verteidigung der Beschuldigten werden zu vier Fünfteln einstwei-
len und zu einem Fünftel definitiv auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine
Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO gegenüber der Beschuldigten im Umfang von
vier Fünfteln.
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26. Rechtsanwalt Dr. iur. Y._ wird für seine Bemühungen und Auslagen als unentgeltlicher
Rechtsvertreter des Privatklägers B._ mit CHF 22'704.25 (inkl. MwSt., abzüglich
Akontozahlung von insgesamt CHF 8'000) aus der Gerichtskasse entschädigt.
27. Die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers B._ werden definitiv
auf die Gerichtskasse genommen.
28. (Mitteilungen)
29. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten A._ (Urk. 220 S. 1 f.):
1. Es sei die Beschuldigte freizusprechen und einzig wegen Ungehorsams
gegen amtliche Verfügungen mit einer Busse von Fr. 200.00 zu bestrafen.
Von einer Landesverweisung sei abzusehen und allfällige Zivilansprüche
seien abzuweisen. Die Verfahrenskosten seien auf die Staatskasse zu
nehmen. Die Beschuldigte sei für die entstandenen Anwaltskosten ent-
sprechend der eingereichten Honorarnoten zu entschädigen und ihr sei für
die erlittene Haft eine angemessene Genugtuung auszurichten.
2. Eventualiter: Es sei die Beschuldigte wegen versuchten Totschlags sowie
Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen zu bestrafen, von den übrigen
Anklagepunkten sei sie freizusprechen. Es sei die Beschuldigte mit einer
Freiheitsstrafe von maximal vier Jahren sowie einer Busse von Fr. 200.00 zu
bestrafen, unter Anordnung einer vollzugsbegleitenden ambulanten Behand-
lung. Von einer Landesverweisung sei abzusehen und die vorinstanzliche
Anordnung betreffend Zivilansprüche sei zu bestätigen. Die erstinstanzliche
Anordnung betreffend beschlagnahmte Gegenstände sei zu bestätigen. Die
Verfahrenskosten seien im Umfang von 1⁄2 der Beschuldigten aufzuerlegen,
im übrigen Umfang auf die Staatskasse zu nehmen. Die Beschuldigte sei für
die entstandenen Anwaltskosten im Umfang von 1⁄2 zu entschädigen, im
Restumfang von 1⁄2 seien die Anwaltskosten zufolge amtlicher Verteidigung
einstweilen auf die Staatskasse zu nehmen.
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b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 219 S. 2 ff.):
♦ Es sei A._ in Abänderung von Disp.-Ziff. 3 und Aufhebung von Disp.-
Ziff. 4 des erstinstanzlichen Urteils wegen
♦ versuchten Mordes im Sinne von Art. 112 in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB,
♦ mehrfachen Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB,
♦ mehrfachen betrügerischen Konkurses und Pfändungsbetrugs im
Sinne von Art. 163 Ziff. 1 StGB,
♦ Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB sowie
♦ mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen im Sinne von
Art. 292 StGB
schuldig zu sprechen.
♦ Es sei in Abänderung von Disp.-Ziff. 5 des erstinstanzlichen Urteils A._
mit einer Freiheitsstrafe von 16 Jahren sowie einer Busse von Fr. 1'500.00
zu bestrafen.
♦ Es sei die Strafe in Abänderung von Disp.-Ziff. 7 des vorinstanzlichen Urteils
vollziehbar zu erklären.
♦ Es sei eine Ersatzfreiheitsstrafe von 15 Tagen bei schuldhafter Nicht-
bezahlung der Busse festzusetzen (Disp. Ziff. 8 des vorinstanzlichen
Urteils).
♦ Es sei A._ für 15 Jahre des Landes zu verweisen (Disp.-Ziff. 10 des
vorinstanzlichen Urteils).
♦ Die Kostenauflage sei anzupassen.
♦ Im Übrigen sei das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen.
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c) Der Vertretung des Privatklägers B._ (Urk. 222 S. 2 f.):
1. Die Beschuldigte A._ sei anklagegemäss wegen versuchten Mordes im
Sinne von Art. 112 eventualiter wegen versuchter Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB begangen zum Nachteil von B._ schuldig zu sprechen
und tat- und schuldangemessen zu bestrafen.
2. A._ sei zu verpflichten, an B._ eine Genugtuung in Höhe von
CHF 9'000.- zu bezahlen; dies zzgl. Zinsen von 5 % daraus ab dem 7. April
2018.
3. Die Kosten des gesamten Verfahrens einschliesslich diejenigen der unent-
geltlichen Rechtsvertretung von B._ seien der Beschuldigten
aufzuerlegen.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil der Vorinstanz vom
25. November 2020 wurde die Beschuldigte A._ in einigen Punkten anklage-
gemäss schuldig, in anderen Punkten freigesprochen und mit einer Freiheitsstrafe
von 8 1⁄2 Jahren sowie einer Geldstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zu einer Vor-
strafe, und einer Busse bestraft (Urk. 126 S. 222 f.). Gegen diesen Entscheid
meldeten die Anklagebehörde, die Beschuldigte und der Privatkläger, je mit
Eingabe vom 30. November 2020, innert gesetzlicher Frist Berufung an (Art. 399
Abs. 1 StPO; Urk. 116, 117 und 118). Der Privatkläger liess seine Berufung mit
Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 7. Januar 2021 wieder zurückziehen
(Urk. 129). Die Berufungserklärungen der Anklagebehörde und der Verteidigung
gingen ebenfalls innert gesetzlicher Frist bei der Berufungsinstanz ein (Art. 399
Abs. 3 StPO; Urk. 127 und 132). Die Beschuldigte erklärte innert ihr angesetzter
Frist, Anschlussberufung zu erheben, ohne diese auf spezifische Dispositivziffern
des vorinstanzlichen Urteils zu beschränken (Urk. 149). Beweisergänzungsanträ-
ge wurden im Berufungsverfahren nicht gestellt (Art. 389 Abs. 3 StPO; Urk. 127
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und 132). Die Parteien haben ihre Berufungen in ihren Berufungserklärungen je-
weils ausdrücklich teilweise beschränkt (Urk. 127 und 132; Art. 399 Abs. 4 StPO).
Da sich die Anschlussberufung der Beschuldigten im Zweifel auf alle Dispositiv-
ziffern des vorinstanzlichen Urteils bezieht (ZK-ZIMMERLIN, 3. Auflage, N 3 zu
Art. 400 StPO), gilt auch die in der ursprünglichen Berufungserklärung der
Beschuldigten nicht angefochtene Dispositivziffer 12 betreffend die
Genugtuungsforderung des Privatklägers als angefochten. Im Übrigen ist
aufgrund des angefochtenen Schuldpunktes auch die vorinstanzliche Anordnung
einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme (Urteilsdispositiv-Ziff. 9) als
angefochten zu betrachten, zumal im Falles eines Freispruches vom Vorwurf der
vorsätzlichen Tötung/Mord voraussichtlich auch die Anordnung einer
vollzugsbegleitenden Massnahme dahinfallen würde.
2.2. Gemäss den Anträgen der Parteien sowie den vorstehenden Ausführungen
sind im Berufungsverfahren somit die vorinstanzliche Entfernung der Sozialen
Dienste der Stadt Zürich und der SVA des Kantons Zürich aus dem Rubrum
(Urteilsdispositiv-Ziff. 1), die vorinstanzliche Teileinstellung des Verfahrens
(Urteilsdispositiv-Ziff. 2), der vorinstanzliche Schuldspruch wegen Ungehorsams
gegen amtliche Verfügungen (Urteilsdispositiv-Ziff. 3 Lemma 3), die
Vormerknahme betreffend vorzeitigen Strafvollzug (Urteilsdispositiv-Ziff. 6), die
vorinstanzliche Schadenersatzregelung betreffend die weiteren Privatkläger
(Urteilsdispositiv-Ziff. 13), die vorinstanzliche Regelung betreffend in der
Untersuchung beschlagnahmte Gegenstände (Urteilsdispositiv-Ziff. 14-22), die
vorinstanzliche Kostenfestsetzung (Urteilsdispositiv-Ziff. 23) sowie die
vorinstanzliche Entschädigungsregelung betreffend die unentgeltliche
Rechtsvertretung des Privatklägers (Urteilsdispositiv-Ziff. 26 und 27) nicht
angefochten.
Vom Eintritt der Rechtskraft dieser Anordnungen ist vorab Vormerk zu nehmen
(Art. 404 StPO).
3.1. Die amtliche Verteidigerin machte im Rahmen der Vorfragen geltend, die
Aussagen der Kinder der Beschuldigten und des Privatklägers seien nicht ver-
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wertbar, da sie nach der Eröffnung der Untersuchung als polizeiliche Auskunfts-
personen einvernommen worden seien. Auch in der am Tag nach der
Untersuchungseröffnung erlassenen Delegationsverfügung vom 7. April 2018
(D1 Urk. 1/5) seien die Kindern nicht erwähnt (Urk. 215 S. 5 ff.).
Wenn die Verteidigung beantragt, es sei generell festzustellen, dass die
polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Aussagen der Kinder F._,
H._ und I._ im Strafverfahren gegen die Beschuldigte nicht zu
Ungunsten der Beschuldigten verwertbar sind, ist darauf mangels eines aktuellen
Feststellungsinteresses nicht einzutreten (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1402/2021 vom 23. März 2022 E. 2.; m.H.). Die am Tatmorgen befragten
Kinder der Parteien wurden jeweils als beschuldigte Personen einvernommen (D1
Urk. 4/1-3), weshalb der Beschuldigten diesbezüglich gar kein Teilnahmerecht
zukommen konnte. Fraglich ist zudem ohnehin, ob in Bezug auf den Vorwurf des
Mords die Aussagen der Kinder für das Beweisergebnis und die rechtliche
Würdigung überhaupt relevant sind. Wie nachstehend erwogen (vgl. hinten,
E. II.1.4. ff.), hat die Vorinstanz – in Bezug auf den äusseren Sachverhalt und
zum Tatmotiv – eine äusserst ausführliche und überzeugende Beweiswürdigung
vorgenommen (Urk. 126 S. 113 ff.). Der äussere Sachverhalt ergibt sich aus den
sachlichen Beweismitteln, den Depositionen der Beschuldigten sowie den
Aussagen des Privatklägers. Dass kein Sexunfall vorliegt, ergibt sich bereits aus
ihren eigenen inkonstanten Aussagen (Urk. 126 S. 55 ff.). Die Aussagen dieser
drei Kinder wären relevant in Bezug auf die Frage, ob der Privatkläger zeitnah zur
Tat oder im Tatzeitpunkt (erhebliche) sexuelle oder körperliche Gewalt gegenüber
der Beschuldigten angewandt oder angedroht hat, was zur Annahme einer
Notwehr-/Notstandshandlung führen könnte. Wenn die Aussagen der Kinder
insoweit gewürdigt werden, werden sie aber nicht zulasten der Beschuldigten,
sondern höchstens zu deren Gunsten berücksichtigt. Mit der Vorinstanz lassen
die unglaubhaften Aussagen der Kinder die Annahme einer Notwehr-
/Notstandshandlung nicht zu (Urk. 126 S. 122). Die (alleinigen) Aussagen der
Beschuldigten zu den übrigen Lebensumständen mit dem Beschuldigten als auch
zu den Geschehnissen im Schlafzimmer am Morgen der Tat, sind wiederum
dermassen inkonstant und pauschal und damit unglaubhaft, dass gestützt darauf
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ebenso wenig eine Notwehr-/Notstandshandlung angenommen werden kann
(Urk. 162 S. 115 ff.; hinten E. II.2.7.). Die Vorinstanz erwog, die Beschuldigte
habe das Kabel – das Tatinstrument – im Wohnzimmer behändigt (und ins
Schlafzimmer mitgenommen), was nicht nur gegen eine Notwehrhandlung
spreche, sondern auch auf ein planmässiges Vorgehen der Beschuldigten
hindeute, wobei sie auf die (gemäss Verteidigung unverwertbaren) Aussagen des
Sohns I._ abgestellt hat (Urk. 162 S. 117 f.). Darauf muss nicht weiter
eingegangen werden. Die Planmässigkeit des Vorgehens ergibt sich (schon)
daraus, dass die Beschuldigten den Privatkläger unter einem Vorwand eigentlich
in die Familienwohnung gelockt und ihm ein von ihr vorher präpariertes toxisches
Getränk vorgesetzt hat (vgl. hinten, E. II.2.7.). Wenn kein vernünftiger Zweifel
daran besteht, dass die Beschuldigte den Privatkläger mit dem Kabel strangulierte
und einzig durch das Erscheinen ihrer Töchter an der weiteren Strangulation
gehindert wurde, ergibt sich die Strangulation aus ihren eigenen Aussagen
(Urk. 126 S. 39, S. 41) sowie aus dem Gutachten (Urk. 126 S. 121 f.). Der
Umstand, dass sie daran (einzig) durch die Töchter gehindert wurde, ergibt sich
einerseits aus den Aussagen der Beschuldigten, die – ohne Vorhalt einer
Aussage eines Kinds und obschon unglaubhaft in Bezug auf ihre Angst vor dem
Beschuldigten – wiederholt schilderte, dass sie mit dem Würgen aufhörte, als die
Töchter ins Schlafzimmer gekommen seien (D1 Urk. 2/1 S. 4; D1 Urk. 2/2 S. 24).
Andererseits ergibt sich dies daraus, dass J._, der mit der Vorinstanz
(Urk. 126 S. 111) zur Tötung im Allgemeinen relativ konzise und glaubhafte
Aussagen deponierte, in der parteiöffentlichen Zeugeneinvernahme vom
14. November 2018 – ohne eine (potentiell) unverwertbare Aussage vorgehalten
zu bekommen – glaubhaft zu Protokoll gab, dass seine Schwestern ihm erzählt
hätten, dass die Beschuldigte den Privatkläger mit einem Gegenstand "erwürgt"
habe und dieser ins Spital habe gehen müssen, die Schwestern die Eltern im
Zimmer angetroffen hätten und geschockt gewesen seien, dass der Privatkläger
nicht mehr ansprechbar gewesen sei, der Privatkläger Blut erbrochen habe, die
Beschuldigte später aus dem Haus habe gehen wollen und die Beschuldigte, als
die Schwestern ins Zimmer getreten seien, "auf dem Privatkläger" gewesen sei
und sie die Beschuldigte vom Privatkläger weggezogen hätten (D1 Urk. 5/5 S. 4).
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Diesem Bericht vom Hörensagen kommt deshalb Bedeutung zu, weil die beiden
Töchter F._ und H._ – wie die Vorinstanz nach ausführlicher Würdigung
ihrer Aussagen zutreffend konstatiert hat – mit ihrem Aussagenverhalten offenbart
haben, die Beschuldigte schützen zu wollen (Urk. 126 S. 86, S. 94 f.), und sie ihre
diesbezüglich teilweise belastenden Aussagen bei der Polizei später in den
parteiöffentlichen Einvernahmen nicht wiederholt haben, sondern die Aussage
verweigert haben bzw. mit einem simplen «Ja» die Richtigkeit ihrer Aussagen bei
der Polizei bestätigt haben (D1 Urk. 4/1/4 S. 7 ff.; D1 4/2/3 S. 8 ff.), womit diese
insoweit belastenden Aussagen der beiden Augenzeuginnen zur Szenerie beim
Eintreten im Zimmer grundsätzlich wohl nicht verwertbar sind. Für die Annahme
eines damals vorhandenen Tötungsvorsatzes sind die Aussagen der Kinder
irrelevant. Die Beschuldigte ist – auch ohne Berücksichtigung der Aussagen der
drei erwähnten Kinder zu ihren Lasten – wie nachstehend noch erwogen wird –
des Mordes schuldig zu sprechen, womit nicht weiter auf die formellen Rügen der
Verteidigung eingegangen werden muss.
3.2. Sodann sei die polizeiliche Einvernahme des Sohns J._ als Aus-
kunftsperson vom 18. März 2019 nicht verwertbar. Es habe sich dabei nicht um
eine informatorische, einfache, sondern um eine ausführliche, formelle Befragung
gehandelt, an der ein Teilnahmerecht der Beschuldigten im Sinne von Art. 147
Abs. 1 StPO bestanden hätte, welches nicht gewährt worden sei. Die Aussagen
von J._ am 4. Juni 2019 als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft seien gestützt
auf die unverwertbare polizeiliche Befragung erhobene Beweise und damit
unverwertbare Folgebeweise (Urk. 215 S. 8 f.)
Zur Rüge der Unverwertbarkeit von Einvernahmen betreffend den Vorwurf des
Betrugs und des Pfändungsbetrugs ist wiederum zu betonen, dass kein aktuelles
Interesse an der Feststellung der Unverwertbarkeit von Personalbeweisen er-
sichtlich ist. Vorauszuschicken ist, dass die Beschuldigte ohnehin vollumfänglich
vom Vorwurf des Pfändungsbetrugs freizusprechen ist (vgl. hinten, E. II.5.2.).
Selbiges gilt für den Vorwurf des Betrugs durch unzutreffende Angaben im Antrag
des Jahres 2011 (vgl. hinten, E. II.4.2.). Zwar ist der Verteidigung insbesondere
darin zuzustimmen, dass die Untersuchung betreffend Betrug einige Monate vor
der ersten polizeilichen Einvernahme von J._ vom 18. März 2019 als
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Auskunftsperson eröffnet worden war und diese Einvernahme ausführlich war –
der Umfang des Protokolls beläuft sich auf 18 Seiten. Ob deswegen nicht mehr
von einer einfachen, informellen polizeilichen Befragung ausgegangen werden
kann, womit ein Teilnahmerecht der Beschuldigten im Sinne von Art. 147 Abs. 1
StPO bestanden hätte und verletzt worden wäre, kann offen bleiben. Den bei der
Polizei gemachten Aussagen von J._ kommt ohnehin keine entscheidende
Bedeutung zu. Hinsichtlich des Vorwurfs der falschen Deklaration im Jahr 2016
sind weite Teile des Anklagesachverhalts gestützt auf Sachbeweise erstellt (vgl.
hinten, E. II.4.3.; Urk. 126 S. 134 ff.). Dass die Beschuldigte wusste, dass sie
Liegenschaften hätte deklarieren müssen, ergibt sich aus ihren Aussagen – deren
Verwertbarkeit die Verteidigung zu Recht nicht in Abrede stellt – zu diesem
Vorwurf und den deutlichen Hinweisen in den Formularen bzw. Merkblättern in
albanischer Sprache (Urk. 126 S. 165). Dass sie vom Erwerb der Parzellen in
K._ Kenntnis erlangt hatte, bevor sie die Deklaration im Januar 2016
unterzeichnete, ist gestützt auf Aussagen von J._, die nicht auf Vorhalte von
Antworten seiner polizeilichen Einvernahme erfolgten, erstellt. J._ sagte – mit
der Vorinstanz (vgl. Urk. 126 S. 157 ff., S. 162 f.) – glaubhaft aus; Abstriche zur
Glaubhaftigkeit ergeben sich nur hinsichtlich der konkreten Höhe seiner eigenen
Beteiligung an den Immobiliengeschäften. Er führte anlässlich der
parteiöffentlichen Zeugeneinvernahme vom 4. Juni 2019 nach korrekter
Belehrung – insoweit ohne Vorhalt einer Antwort aus seiner polizeilichen
Einvernahme – aus, dass der Erwerb der Liegenschaften in K._ in den
frühen 2010-er Jahren erfolgt sei, dies ein gemeinsames Projekt seiner Eltern
gewesen sei, über diese Liegenschaften erstmals im Jahr 2012 gesprochen
worden sei, die Eltern das Haus von Grund auf gebaut hätten, alle in der Familie
Kenntnis davon gehabt hätten, die Beschuldigte vom Erwerb der Wohnung in
L._ erst später erfahren habe, die Beschuldigte sich finanziell an den
Immobiliengeschäften beteiligt habe und er – J._ – die Häuser in K._
nach 2013/2014 einmal gesehen habe (D3 Urk. 4/8 S. 6 ff.). Die Verletzung des
Teilnahmerechts der Beschuldigten an der polizeilichen Einvernahme ihres Sohns
würde somit nichts daran ändern, dass die vorinstanzliche Sachverhaltswürdigung
zutreffend ist. Dass die Aussagen der übrigen befragten Familienmitglieder –
- 15 -
namentlich hinsichtlich der Kenntnis der Beschuldigten vom Immobilienerwerb in
K._ – nicht überzeugen und ihnen für das Beweisresultat kein
ausschlaggebendes Gewicht zukommt, hat die Vorinstanz mit ausführlicher und
zutreffender Begründung dargetan (Urk. 126 S. 141 ff., S. 162). Damit erübrigt es
sich, auf die weitere formellen Rüge der Verteidigung (wiederholt falsche
Belehrungen des Privatklägers und der Beschuldigten) einzugehen.
3.3. Weiter brachte die amtliche Verteidigerin im Rahmen der Vorfragen vor, das
Gutachten des IRM über die körperliche Untersuchung der Beschuldigten (D1
Urk. 6/10) sei unverwertbar und aus den Akten zu entfernen, da bereits die Unter-
suchung durch den Polizeibeamten am Tatort nicht von der Staatsanwaltschaft
angeordnet oder nachträglich bestätigt worden sei. Da die entsprechenden Fest-
stellungen unverwertbar seien, führe dies auch zur Unverwertbarkeit des ge-
nannten Gutachtens. Im Übrigen müsse ein Gutachten durch die
Verfahrensleitung mittels Auftrag eingeholt werden. In diesem Auftrag sei ein
ausdrücklicher Hinweis auf die Geheimhaltungspflichten und die Folgen eines
falschen Gutachtens anzubringen. Da vorliegend aber gar nie ein entsprechender
Auftrag erteilt worden sei, sei das Gutachten im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO
unverwertbar. Eine Verwertung aufgrund der Schwere des der Beschuldigten
vorgeworfenen Delikts komme dabei nicht in Frage, da das Gutachten für eine
Verurteilung nicht entscheidend sei (Urk. 215 S. 7 f.).
Hinsichtlich der Feststellungen des am Tatort im Einsatz stehenden
Polizeibeamten betreffend die am Hals der Beschuldigten nicht festgestellten
Verletzungsspuren ist zu bemerken, dass der Spurenbericht der Kantonspolizei
Zürich (D1 Urk. 9/1) jedenfalls kein Gutachten im Sinne von Art. 184 StPO
darstellt, was im Übrigen zur Klarstellung auch auf der ersten Seite dieses
Berichts vermerkt wurde. Es braucht für die Feststellung, ob optisch eine Rötung
am Hals sichtbar ist, denn auch kein Fachwissen. Weiter handelt es sich auch
nicht um eine Untersuchung im Sinne von Art. 241 i.V.m Art. 251 StPO, zumal
eine Rötung schlicht durch eine optische Betrachtung der Haut erkennbar ist,
wohingegen eine Untersuchung im Sinne von Art. 251 StPO insbesondere die
Kontrolle von nicht einsehbaren Körperöffnungen und Köperhöhlen, etwa des
- 16 -
Anal und Vaginalbereichs, umfassen würde (ZK-KELLER, 3. Auflage, N 12 zu
Art. 241 StPO). Es liegt weiter auch keine Durchsuchung von Personen im Sinne
von Art. 249 f. StPO vor, da vorliegend keinerlei eigentliche Zwangsmassnahmen
angewandt werden mussten und die Beschuldigte abgesehen von einer optischen
Betrachtung auch keiner weitergehenden Abklärung unterzogen wurde.
Insbesondere musste sie sich nicht ausziehen und es wurde keine nähere
Abtastung bzw. Untersuchung der Körperoberfläche vorgenommen. Es handelt
sich damit vielmehr um eine schlichte Feststellung der am Tatort im Einsatz
stehenden Beamten der Kriminaltechnik, welche diese ohne jegliche
Zwangsmassnahmen oder weitere Beeinträchtigung von Persönlichkeitsrechten
der Beschuldigten durchführen konnten. Die Situation erscheint daher vielmehr
vergleichbar mit einer Beschreibung des wahrgenommenen Zustandes einer
Person, wozu es keiner Anordnung oder Bestätigung der Staatsanwaltschaft
bedarf. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Fotografien vom Tatort, auf welchen
ebenfalls keine Rötung am Hals der Beschuldigten erkennbar ist (D1 Urk. 9/14).
Das später angefertigte Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin über die
körperliche Untersuchung der Beschuldigten (D1 Urk. 6/10) basiert sodann
entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 215 S. 7 f.) nicht auf den
Feststellungen der Kriminalbeamten am Tatort. Im Übrigen wurde das Gutachten
gemäss explizitem Hinweis auf der ersten Seite von der fallführenden
Staatsanwältin mündlich angeordnet und erfolgte gemäss ebenfalls expliziter
Bestätigung im Gutachten in Kenntnis der Bestimmung von Art. 307 StGB (D1
Urk. 6/10 S. 1 und 6). Selbst wenn durch die mündliche Anordnung – welche
angesichts der zeitlichen Dringlichkeit ohne Weiteres nachvollziehbar erscheint –
den Parteien nicht wie in Art. 184 Abs. 2 lit. c StPO vorgesehen die Gelegenheit
gegeben wurde, vorgängig Fragen zu formulieren, so ist darauf hinzuweisen, dass
die Beschuldigte bzw. ihre Verteidigung auch im Nachhinein keine Fragen
formulierten, welche sie den Gutachtern ergänzend hätten stellen wollen. Was die
Beschuldigte aus dem Argument, die Gutachter seien nicht auf die
Geheimhaltungspflicht aufmerksam gemacht worden, ableiten möchte, ist im
Hinblick auf die Verwertbarkeit des Gutachtens nicht nachvollziehbar, zumal sie
- 17 -
nicht geltend macht, die Gutachter hätten Informationen unrechtmässig an Dritte
weitergegeben.
II. Schuldpunkt
1. Sachverhalt betreffend Anklagedossier 1
1.1. Der Beschuldigten A._ wird im Anklagepunkt Dossier 1 zu-
sammengefasst vorgeworfen, sie habe versucht, den Privatkläger B._ am
5. April 2018 in der ehelichen Wohnung in Zürich durch die Verabreichung eines
mit starken Medikamenten versetzen Getränks zu vergiften. Da der Privatkläger
wider Erwarten nicht starb, sondern nur in eine Tiefschlaf verfiel, habe die
Beschuldigte am Morgen des 6. April 2018 versucht, ihn mit einem Elektrokabel
zu erdrosseln. An der für den Privatkläger tödlichen Vollendung dieser
Strangulation sei die Beschuldigte durch die gemeinsamen Kinder gehindert
worden, welche die Beschuldigte kurz vor dem Todeseintritt vom Privatkläger
weggezogen und aus dem Raum entfernt hätten (Urk. 32 S. 3-6).
1.2. Die Beschuldigte anerkennt – aktuell – zusammengefasst, dem Privatkläger
ein mit Medikamenten versetztes Getränk vorgesetzt zu haben. Sie habe jedoch
keine Tötungsabsicht gehabt, sondern den Privatkläger nur für die Nacht ruhig-
stellen wollen, um vor ihm sicher zu sein. Am nächsten Morgen sei er erwacht
und habe sie tätlich angegriffen, sie habe sich mit dem Kabel nur – und wiederum
ohne Tötungsabsicht – verteidigt (Urk. 96 S. 7 bis 14; Urk. 220 S. 21 ff.).
1.3. Die Verteidigung beantragte im Hauptverfahren betreffend den Tatvorwurf
der versuchten Tötung erst einen Schuldspruch wegen versuchten Totschlags
(Urk. 105 S. 1). Diesen Antrag zog sie an der Hauptverhandlung nach einer Be-
sprechung mit der Beschuldigten zurück und verlangte rundweg einen Freispruch
(Prot. I S. 20). Im Berufungsverfahren beantragt nunmehr auch die Verteidigung
im Hauptantrag einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung (Urk. 220).
1.4. Die Vorinstanz hat in den Erwägungen des angefochtenen Entscheides
äusserst ausführlich sämtliche bisherigen Aussagen der Beschuldigten (Urk. 126
S. 38 bis 54), des Privatklägers (Urk. 126 S. 64 bis 72) sowie der vier
- 18 -
gemeinsamen Kinder (Urk. 126 S. 79 bis 85; S. 89 bis 94; S. 99 bis 104 und
S. 107 bis 110) sowohl zum Vorwurf der versuchten Tötung wie zum Eheleben
der Parteien wiedergegeben und diese anschliessend gewürdigt (Urk. 126 S. 54
bis 64; S. 72-79; S. 85 bis 89; S. 94 bis 99; S. 104 bis 107 und S. 110 bis 113).
Die Darstellungen der "Aussagen zu den Umständen des gemeinsamen
Zusammenlebens" sind dabei kongruent mit der entsprechenden Darstellung im
angefochtenen Urteil betreffend den Privatkläger B._ als Beschuldigten
(Urk. 75 im Parallelverfahren SB210009). Im Anschluss hat die Vorinstanz unter
dem Titel "Fazit" eine wiederum äusserst detaillierte, zusammenfassende
Beweiswürdigung angestellt (Urk. 126 S. 113 bis 124). Darauf wird vorab zur
Vermeidung von Wiederholungen wiederum verwiesen (Art. 82 Abs. 4 StPO).
1.5. Die Vorinstanz hat zusammengefasst erwogen, es sei rechtsgenügend er-
stellt, dass die Beschuldigte zumindest daran beteiligt gewesen sei, als dem Pri-
vatkläger am Abend des 5. April 2018 ein mit einer Vielzahl von Tabletten der
Medikamente Risperidal und Temesta versetztes Getränk verabreicht worden sei.
Es sei davon auszugehen, dass die Beschuldigte diese Medikamente – nach lan-
ger Abstinenz – einzig zu diesem Zweck kurz vor der Tat bei ihrer Ärztin erhältlich
gemacht habe. Ob die Beschuldigte – mit der Anklage – beabsichtigt habe, den
Privatkläger bereits mittels des präparierten Getränks zu töten, oder ihn damit nur
habe betäuben und widerstandsunfähig machen wollen, könne offen bleiben.
Auszuschliessen sei, dass der Privatkläger den Medikamentencocktail wissentlich
und in suizidaler Absicht eingenommen habe. Ferner sei erstellt, dass die
Beschuldigte am folgenden Morgen des 6. April 2018 den immer noch unter der
Wirkung der Medikamente stehenden Privatkläger mit dem Elektrokabel
stranguliert habe, um ihn zu töten. Ein vorheriger Angriff des Privatklägers auf die
Beschuldigte sei auszuschliessen, weshalb die behauptete Notwehrsituation nicht
bestanden habe.
Zum Tatmotiv der Beschuldigten kam die Vorinstanz zusammengefasst zu fol-
gendem Beweisresultat:
Es sei von einer äusserst konfliktbehafteten Ehe der Parteien mit häufigen,
heftigen Streitereien auszugehen. Der Privatkläger habe wohl grosse Teile seines
- 19 -
Einkommens für sich beansprucht, anstatt dieses in einem adäquaten Umfang der
Familie zukommen zu lassen. Früher, als der Privatkläger noch alkoholabhängig
und die Kinder noch klein waren, sei es offensichtlich auch zu massiven körper-
lichen Übergriffen des Privatklägers auf die Beschuldigte (und die Kinder) ge-
kommen. Für den relevanten Zeitraum vor der Tat könnten physische Übergriffe
des Privatklägers auf die Beschuldigte nicht erstellt, jedoch auch nicht restlos
ausgeschlossen werden. Die Tat der Beschuldigten sei jedoch hauptsächlich
durch die allgemeinen ehelichen Konflikte ausgelöst worden, insbesondere da der
Privatkläger im Februar 2018 sich für eine andere Frau von der Beschuldigten
habe scheiden lassen und die Nebenbuhlerin habe heiraten wollen und deswegen
aus der Familienwohnung ausgezogen sei. Er habe seiner Familie auch gedroht,
Teile des Familienvermögens der Nebenbuhlerin zu schenken. Der Tatzeitpunkt
erscheine daher nicht zufällig. Hätte die Beschuldigte ein allfälliges durch
Übergriffe des Privatklägers herbeigeführtes Leiden beenden wollen, hätte sie im
Übrigen auch gar nicht zur Tat zu schreiten brauchen, da der Privatkläger ja
ohnehin dabei war, die Beschuldigte bzw. die eheliche Wohnung zu verlassen.
Die Beschuldigte sei im unmittelbaren Vorfeld der Tat eifersüchtig auf die
Nebenbuhlerin gewesen und habe den Privatkläger ausspioniert. Der Privatkläger
habe der Beschuldigten derweil eröffnet, dass er ihre Nebenbuhlerin
baldmöglichst heiraten werde, und sie hinsichtlich der Einwilligung zur Scheidung
unter Druck gesetzt. Die Beschuldigte sei aber weder mit der Scheidung noch
dem Auszug des Privatklägers aus der ehelichen Wohnung einverstanden
gewesen, was sie sehr stark belastet habe. Der Privatkläger habe ihr gegenüber
angedroht, dass er eine Liegenschaft an die Nebenbuhlerin übertragen werde.
Die Beschuldigte habe mithin zweifellos auch unter dem Eindruck gehandelt, dass
der Privatkläger der Familie vorenthaltenes und gemeinsam geäufnetes
Familienvermögen der Nebenbuhlerin übertragen werde. Es sei mithin davon
auszugehen, dass die Beschuldigte den Privatkläger zu töten versuchte, weil sie
eifersüchtig auf ihre Nebenbuhlerin war, weil sie verhindern wollte, dass der
Privatkläger mit dieser zusammen kommt, und weil sie zudem das Vermögen der
Familie sichern wollte. Die Tat sei zudem vor dem Hintergrund einer äusserst
konfliktbehafteten Beziehung mit dem Privatkläger, welche bei der Beschuldigten
- 20 -
über die Jahre hinweg zweifellos einen hohen Leidensdruck verursacht habe,
begangen worden, wobei nicht vollends ausgeschlossen werden könne, dass die
Beschuldigte auch im Vorfeld der Tat noch unter Übergriffen des Privatklägers zu
leiden hatte.
1.6. Die appellierende Verteidigung hat die vorinstanzliche Beweiswürdigung an
der Berufungsverhandlung zusammengefasst wie folgt substantiiert kritisiert:
Einerseits sei nicht erstellt, dass die Beschuldigte den Privatkläger in die
Wohnung gelockt habe. Der Anruf der Beschuldigten an den Privatkläger sei
gemäss Polizeibericht auf dessen Mobiltelefon nicht registriert worden. Die
Initiative für einen Rückruf sei daher vielmehr initial vom Privatkläger
ausgegangen (Urk. 220 S. 24 f.). Im Übrigen sei dieser gar nie richtig aus der
Wohnung im M._ ausgezogen (Urk. 220 S. 25 f.). Weiter lasse sich anhand
der erhobenen Beweismittel auch nicht erstellen, dass der Privatkläger am
Tatmorgen in einem schlafenden oder tiefschlafenden Zustand gewesen sei,
zumal die konkrete Anzahl verabreichter Medikamente nicht habe festgestellt
werden können und sich eine Sedierung auch nicht aus der Auswertung der Blut-,
Urin- und Haarproben ergebe (Urk. 220 S. 27 ff.).
Hinsichtlich des Geschehens am Morgen des 6. April 2018 macht die
Verteidigung geltend, es sei entgegen der Darstellung in der Anklageschrift
vielmehr erstellt, dass die Beschuldigte vom Privatkläger gewürgt worden sei. Es
hätten auch entsprechende Würgemale an ihrem Hals festgestellt werden
können. Da es wie zuvor erwähnt auch nicht erstellt sei, dass der Privatkläger am
Tatmorgen sediert gewesen sei, sei die Darstellung der Beschuldigten, wonach
sie vom Privatkläger gewürgt worden sei und sie sich hiergegen zur Wehr gesetzt
habe, glaubhaft. Auch das IRM-Gutachten zur körperlichen Untersuchung der
Beschuldigten stehe ihrer Darstellung einer Notwehrsituation nicht entgegen
(Urk. 220 S. 33 ff.). Weiter sei auch nicht erstellt, dass die Beschuldigte das
Tatkabel mit sich geführt habe, als sie das Zimmer des Privatklägers betreten
habe (Urk. 220 S. 41 ff.). Im Anschluss an den Vorfall sei die Beschuldigte zwar
untersucht worden, doch sei für das Gutachten über die körperliche Untersuchung
- 21 -
nicht rechtmässig angeordnet worden, weshalb es nicht zu Lasten der
Beschuldigten verwertbar sei (Urk. 220 S. 40 f.).
Zur Vorgeschichte macht die Verteidigung ausführlich geltend, die Beschuldigte
habe bereits seit Jahren unter dem Privatkläger gelitten, welcher Gewalt gegen
sie angewandt und sie wiederholt vergewaltigt habe. Dies werde auch von den
gemeinsamen Kindern der Beschuldigten und des Privatklägers sowie weiteren
Personen wie beispielsweise einer Sozialarbeiterin bestätigt. Entgegen der
Ansicht der Vorinstanz sei diese häusliche Gewalt nicht nur für den Zeitraum, als
die Kinder klein waren, sondern auch für den Zeitraum vor der Tat zu bejahen und
nicht wie die Vorinstanz erwäge "nicht ganz ausgeschlossen" (Urk. 220 S. 3 ff.
und S. 44). Entgegen der Darstellung in der Anklageschrift und entgegen der
Auffassung der Vorinstanz sei es daher so, dass die Beschuldigte am Tatmorgen
nach entsprechender Aufforderung des Privatklägers ohne Tatkabel in dessen
Zimmer gegangen sei, wo sie von ihm angegriffen worden sei. Sie habe ihn mit
dem Kabel zwar gewürgt, dies aber nur um sich zu verteidigen (Urk. 220 S. 21 ff.).
1.7. Die ebenfalls appellierende Anklagebehörde hat im Berufungsverfahren die
Beweiswürdigung der Vorinstanz dahingehend kritisiert, es sei entgegen der
Vorinstanz davon auszugehen, dass die Beschuldigte dem Privatkläger den
Medikamentencocktail bereits in Tötungs- und nicht lediglich in Sedierungsabsicht
verabreicht habe. Die Darstellung der Beschuldigten, sie habe den Privatkläger
nur sedieren wollen, um in der Nacht ihre Ruhe zu haben, sei eine
Schutzbehauptung. Sie habe sodann um die sedierende Wirkung der
Medikamente gewusst und diese höchstmöglich dosiert (Urk. 127 S. 2; Urk. 219
S. 3 ff.).
1.8. Der Privatkläger wurde gemäss überzeugendem Beweisergebnis der Vor-
instanz durch die Beschuldigte eigentlich in die Wohnung gelockt und er plante
auch nicht, dort zu übernachten (Urk. 97 S. 3 f.; Urk. 126 S. 120 und S. 66 mit
Verweis). An diesem von der Vorinstanz sorgfältig begründeten Beweisresultat
vermag auch das Vorbringen der Verteidigung nichts zu ändern, wonach die
Anrufe der Beschuldigten an den Privatkläger vom 5. April 2017 von 18:26 Uhr
und 18:28 Uhr auf dessen Mobiltelefon nicht registriert worden seien, weshalb
- 22 -
erstellt sei, dass nicht die Beschuldigte den Privatkläger zu sich nachhause
gelockt habe (Urk. 220 S. 24 f.). So trifft es zwar zu, dass gemäss Bericht der
Kantonspolizei Zürich die vom Mobiltelefon der Beschuldigten um 18:26 Uhr und
18:28 Uhr ausgehenden Anrufe auf dem Mobiltelefon des Privatklägers nicht
gespeichert worden sind (D1 Urk. 25/3 S. 5). Dies bedeutet indessen in keiner
Weise, dass die Anrufe nicht stattgefunden hätten oder vom Privatkläger gar nicht
zur Kenntnis genommen werden konnten. So wird im dem erwähnten Bericht
beiliegenden "extraction report" festgehalten, dass der Anruf um 18:26 Uhr eine
Dauer von 1 Minute und 41 Sekunden gedauert hat (D1 Urk. 25/7). Entsprechend
ist auszuschliessen, dass dies vom Privatkläger noch nicht einmal
wahrgenommen worden sein soll. Vielmehr ist aus den genannten Auswertungen
zu schliessen, dass tatsächlich ein Gespräch zwischen dem Privatkläger und der
Beschuldigten stattgefunden hat, andernfalls man nicht für mehr als eineinhalb
Minuten einen Anruf offen halten würde. Offenbar wurde der Anruf lediglich auf
dem Mobiltelefon des Privatklägers nicht gespeichert.
Umso unglaubhafter ist die Behauptung der Beschuldigten, sie habe den Privat-
kläger für die Nacht sedieren wollen, damit sie ihre Ruhe habe (Urk. 96 S. 12 f.).
Dies spricht durchaus und mit der Anklagbehörde dafür, dass die Beschuldigte
den Privatkläger bereits in Tötungsabsicht betäubt hat. Diese Tatversion wird
weiter durch den Umstand zumindest indiziert, dass die Beschuldigte mit ihrer
Würgeattacke bis zum nächsten Morgen wartete und dazu ein dünnes
Elektrokabel verwendete, statt eines wohl effektiveren Tatwerkzeugs wie eines
etwas dickeren Stricks. Die Strangulationsaktion der Beschuldigten macht den
Eindruck einer nicht wirklich geplanten, sondern vielmehr eher spontanen Tat, als
wie wenn die Beschuldigte am Morgen überrascht davon war, dass der
Privatkläger noch am Leben war, was dann zur Umsetzung ihrer Tötungsabsicht
die Strangulation notwendig machte.
Allerdings ist entgegen der Anklagebehörde nicht rechtsgenügend erstellt, dass
die Beschuldigte den Medikamentencocktail höchstmöglich dosiert hat. Die –
wenn auch nachgeschobene und daher wenig überzeugende – Behauptung der
Beschuldigten, sie habe die Medikamente teilweise nicht dem Privatkläger ver-
- 23 -
abreicht, sondern weggeworfen (Urk. 96 S. 18), kann ihr nicht widerlegt werden.
Anderes behauptet insbesondere auch die Anklageformulierung nicht, wenn sie
der Beschuldigten die Verwendung einer "nicht bekannten Anzahl Tabletten"
vorwirft (Urk. 32 S. 3). Somit bleibt es beim für die Beschuldigte günstigeren
Beweisresultat der Vorinstanz, dass nicht rechtsgenügend erstellt, respektive
offen zu lassen, ist, dass/ob die Beschuldigte dem Privatkläger die
narkotisierende Medikation bereits in der Absicht verabreichte, ihn damit zu töten
(Urk. 126 S. 121).
Entgegen der Argumentation der Verteidigung erscheint zudem praktisch ausge-
schlossen, dass die Beschuldigte, welche ihrer Darstellung nach vom nicht sedier-
ten Privatkläger angegriffen worden sei, als nicht besonders grosse Frau den kräf-
tig gebauten und in aggressiver Stimmung befindlichen Privatkläger hätte derart
überwältigen können, dass sie sich nicht nur aus seinem Würgegriff hätte lösen
können, sondern gar noch ein Kabel ergreifen und dieses dem Privatkläger um
den Hals legen wollte, um ihn sodann von hinten (!) zu würgen. Alleine schon auf-
grund der physischen Möglichkeiten der Beschuldigten und des Privatklägers
ergibt dieser Tatablauf wenig Sinn und ist nicht glaubhaft. Weiter ist aber auch der
praktische Ablauf nicht einleuchtend, wenn der Privatkläger die Beschuldigte –
zwar in unterschiedlichen Positionen – aber doch von vorne gewürgt haben soll
und sie dennoch in der Lage gewesen sei, ihm das Kabel derart um den Hals zu
legen, dass sie ihn von hinten hätte würgen können.
Ferner kritisiert die Anklagebehörde die Erwägung der Vorinstanz zur Beweis-
würdigung, es sei nicht gänzlich auszuschliessen, dass die Beschuldigte im
Vorfeld ihrer Tat Gewalt (auch sexuelle) durch den Privatkläger erlitten habe
(Urk. 127 S. 3). Aufgrund der vorstehenden Beweiswürdigung zu den dem
Privatkläger (als Beschuldigten) gemachten Vorwürfen erscheint solches in der
Tat als eher unwahrscheinlich: Der Privatkläger hatte eine Geliebte, er hatte sich
von der Beschuldigten abgewandt, wollte die eheliche Gemeinschaft aufgeben
und hatte sich auch bereits eine neue Wohnung gesucht und bezogen. Dass er
sich der Beschuldigten auch unmittelbar vor ihrer Tat noch sexuell aufdrängte,
erscheint daher eher unglaubhaft, ist mit der Staatsanwaltschaft (Urk. 219 S. 5)
- 24 -
indessen auch nicht ausgeschlossen. Die in der Tat häufigen Streitereien wurden
sodann offenbar beidseitig impulsiv und heftig geführt (vgl. das Nachstehende
zum Tatvorwurf der Tätlichkeiten). Gleichwohl ist in aller Deutlichkeit festzuhalten,
dass sich aus den bei den Akten liegenden Videoaufnahmen der Familie aus den
Wochen/Monaten vor dem Tatzeitpunkt ergibt (HD Urk. 25/1-2), dass die Familie
bzw. die Beschuldigte und der Privatkläger durchaus auch sehr harmonisch
beisammen sein konnten und sich das von der Beschuldigten gezeichnete Bild
eines eigentlichen Ehemartyriums jedenfalls zumindest für diesen Zeitraum kurz
vor der Tat nicht in der geschilderten Intensität bestätigt. Sollten sich kurz vor der
Tat der Beschuldigten aber gleichwohl tatsächlich Übergriffe des Privatklägers auf
diese ereignet haben, sind diese jedenfalls mit der Anklagebehörde (Urk. 127
S. 3; Urk. 219 S. 8; aber auch mit der Vorinstanz, Urk. 126 S. 123) als nicht
kausal für den Tatentschluss der Beschuldigten zur Tötung des Privatklägers zu
werten. Der Privatkläger wollte die Beschuldigte verlassen und hatte sich auch
schon eine neue Unterkunft eingerichtet. Im Übrigen wäre die Beschuldigte, selbst
wenn der Privatkläger – wie es die Verteidigung geltend macht (Urk. 220 S. 25) –
im Tatzeitpunkt teilweise auch noch in der Wohnung in M._ verkehrt sein
sollte, keineswegs verpflichtet gewesen, ihm weiterhin Einlass in die Wohnung zu
gewähren, zumal er unbestrittenermassen bereits eine andere eigene Wohnung
angemietet hatte und entsprechend nicht mehr auf die Wohnung der Familie
angewiesen war, weshalb die Beschuldigte die restlichen in der Wohnung
verbliebenen Effekten des Privatklägers auch vor der Haustüre zur Abholung
hätte deponieren können. Die Beschuldigte hätte sich demnach ihrer nicht
einleuchtenden Darstellung zufolge ausgerechnet dann durch einen
Tötungsversuch den Übergriffen des Beschuldigten zu entledigen versucht, als
die von ihr geltend gemachte und seit Jahren bestehende Drucksituation doch
gerade in der Auflösung begriffen war. Mit anderen Worten wäre das seitens der
Beschuldigten behauptete eheliche Martyrium – so es denn überhaupt existiert
hätte – im Tatzeitpunkt somit auch ohne die Beseitigung des Privatklägers bereits
beendet gewesen.
- 25 -
1.9. Zusammenfassend ergibt sich daher das gleiche Beweisresultat, wie es be-
reits die Vorinstanz festgestellt hat, weshalb in allen Teilen auf die entsprechen-
den Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen ist (Urk. 126 S. 120 ff.).
2. Rechtliche Würdigung betreffend Anklagedossier 2
2.1. Im Hauptverfahren beantragte die Anklagebehörde einen Schuldspruch der
Beschuldigten wegen versuchten Mordes, eventualiter wegen versuchter vorsätz-
licher Tötung (Urk. 126 S. 3). Die Vorinstanz sprach gemäss dem Eventualantrag
der Anklagebehörde der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig (Urk. 126
S. 222). Im Berufungsverfahren beantragt die appellierende Anklagebehörde nun
in Abweichung ihres früheren Eventualantrags einen Schuldspruch wegen ver-
suchten Mordes (Urk. 127; Urk. 219). Die Verteidigung beantragte im Haupt-
verfahren – wie bereits vorstehend erwogen – erst einen Schuldspruch wegen
versuchten Totschlags (Urk. 105 S. 1), um dann an der Hauptverhandlung nach
Rücksprache mit der Beschuldigten auf einen Antrag auf Freispruch zu wechseln
(Prot. I S. 20). Im Berufungsverfahren wird nun im Hauptantrag auch von Seiten
der Verteidigung ein Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung bzw.
versuchten Mord beantragt (Urk. 220 S. 1).
2.2. Die Vorinstanz hat völlig überzeugend und in Übereinstimmung mit den
aktuellen, zitierten Anträgen der Parteien festgestellt, dass die Beschuldigte
wissentlich und willentlich versucht hat, den Privatkläger zu töten (Urk. 126 S. 125
und S. 128 f.). In der Folge hat sie zu den Tatbeständen des Totschlags (Art. 113
StGB) und des Mordes (Art. 112 StGB) sowie zum Versuch (Art. 22 StGB) die
notwendigen theoretischen Erwägungen angestellt (Urk. 126 S. 125 bis 129),
worauf verwiesen wird.
2.3. Zur Würdigung hat die Vorinstanz anschliessend erwogen, die seitens der
Verteidigung (eventualiter) geltend gemachten privilegierenden Tatumstände des
Totschlags seien aus den folgenden Gründen zu verneinen:
Eine heftige Gemütsbewegung im Sinne von Art. 113 StGB habe nicht
vorgelegen. In Anbetracht des konkreten Vorgehens der Beschuldigten,
- 26 -
insbesondere betreffend die Beschaffung der Medikamente, die Betäubung des
Privatklägers am Vorabend und die Behändigung des Tatwerkzeugs könne von
einem Affekt bzw. von einem unmittelbar vorausgehend gefassten Tatentschluss
keine Rede sein. Die Beschuldigte habe ferner wohl eine konfliktreiche – und für
sie teilweise auch leidvolle – Beziehung zum Privatkläger geführt. Aufgrund der
weiteren im Zeitpunkt der Tat aktuellen Umstände, gemäss welchen der
Privatkläger eine neue Frau kennengelernt, aus der ehelichen Wohnung
ausziehen und die Nebenbuhlerin baldmöglichst habe heiraten wollen, habe die
Beschuldigte auch zweifellos eine gewisse seelische Belastung empfunden.
Entgegen der Verteidigung sei jedoch nicht von einer grossen seelischen
Belastung im Sinne von Art. 113 StGB auszugehen. Aus Sicht der Beschuldigten
hätten andere Auswege bestanden, ihr Leiden zu beenden, zumal der
Privatkläger doch ohnehin gerade daran war, sie zu verlassen und aus der
ehelichen Wohnung auszuziehen. Selbst wenn man eine grosse seelische
Belastung bejahen würde, würde es an der Entschuldbarkeit fehlen. Es sei
nämlich nicht davon auszugehen, dass ein vernünftiger Mensch aus den gleichen
sozialen Verhältnissen wie die Täterin unter den gleichen Bedingungen leicht in
einen solchen Gemütszustand versetzt worden und zur Tat geschritten wäre. So
sei doch der Auszug des den Leidensdruck verursachenden Partners absehbar
gewesen. Insgesamt sei die Tat der Beschuldigten folglich nicht als Totschlag im
Sinne von Art. 113 StGB zu qualifizieren (Urk. 126 S. 126 f.).
2.4. Zur Frage der Mordqualifikation im Sinne des (früheren Alternativ- und
heutigen ausschliesslichen) Antrags der Anklagebehörde hat die Vorinstanz er-
wogen, die Tatausübung durch die Beschuldigte, insbesondere in Anbetracht der
vorangegangenen Betäubung des Privatklägers mit einem Medikamentencocktail,
sei als heimtückisch und perfide zu qualifizieren. Der Zweck der Tat sei von relativ
niederen Beweggründen mitgetragen worden, habe die Beschuldigte den Privat-
kläger doch aus Eifersucht und zur Sicherung des familiären Vermögens zu töten
versucht. Die gegen den Privatkläger erhobenen Vorwürfe, gemäss welchen es
wiederholt zu Vergewaltigungen, zu sexuellen Nötigungen und zu Tätlichkeiten
gegenüber der Beschuldigten gekommen sein soll, hätten sich im gegen ihn ge-
führten Verfahren nicht erhärten lassen und er sei in Anwendung des
- 27 -
Grundsatzes "in dubio pro reo" freigesprochen worden. In Anbetracht der
diesbezüglich getätigten Aussagen aller Beteiligten sei jedoch nicht gänzlich
ausgeschlossen worden, dass die Beschuldigte im Vorfeld der Tat Opfer von
durch den Privatkläger verübter (sexueller) Gewalt geworden sei. Zwar sei nicht
wirklich glaubhaft, dass die Beschuldigte vorwiegend zur Tat schritt, um durch
Handlungen des Privatklägers verursachte Leiden zu beenden, zumal der
Privatkläger sie ja ohnehin gerade verlassen wollte. Dennoch habe aber die
Tatmotivation der Beschuldigten teilweise auch durch von ihr erlittene Übergriffe
des Privatklägers beeinflusst worden sein können, weshalb die Tat der
Beschuldigten nicht als besonders skrupellos im Sinne von Art. 112 StGB
qualifiziert werden könne (Urk. 126 S. 127 f.).
2.5. Die appellierende Anklagebehörde kritisiert dies im Berufungsverfahren
dahingehend, die Vorinstanz habe eingehend dargelegt, dass den Behauptungen
der Beschuldigten hinsichtlich angeblich erlebter sexueller Gewalt nicht zu folgen
sei. Da der Privatkläger die Beschuldigte habe verlassen und seiner Geliebten
auch das Vermögen habe geben wollen, sei die Tat der Beschuldigten die letzte
Gelegenheit gewesen, einerseits den Privatkläger zu hindern, die Beschuldigte zu
verlassen, und andererseits das Familienvermögen zu erhalten. Dieses Motiv des
Vermögenserhalts sei besonders verwerflich und lasse sich nicht mit negativen
Gefühlen der Beschuldigten, auch nicht mit allenfalls doch erlittenen Übergriffen
im Eheleben, verrechnen. Die Beseitigung des Privatklägers zum
Vermögenserhalt sei besonders skrupellos und die Vorgehensweise besonders
hinterlistig, grausam, verwerflich und perfid gewesen. Ein allenfalls übergriffiges
Verhalten des Privatklägers hätte auch in keinem Zusammenhang zur perfiden
und hinterlistigen Vorgehensweise der Beschuldigten gestanden. Wohl sei die
Ehe der Parteien konfliktbeladen, die Beschuldigte jedoch nicht ausschliesslich
Opfer gewesen. Zudem würden negative Gefühle nicht mit dem besonders
verwerflichen Tötungsmotiv verrechnen. Insgesamt sei das Verhalten der
Beschuldigten besonders verwerflich gewesen, was zur rechtlichen Qualifikation
des versuchten Mordes führe (Urk. 127 S. 3 f.; Urk. 219 S. 6 ff.).
- 28 -
2.6. Eine vorsätzliche Tötung ist als Mord zu qualifizieren, wenn der Täter  skrupellos handelt, namentlich wenn sein Beweggrund, der Zweck der
Tat oder die Art der Ausführung besonders verwerflich sind (Art. 112 StGB). Mord
zeichnet sich nach der Rechtsprechung durch eine aussergewöhnlich krasse
Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung eigener Absichten aus. Es
geht um die besonders verwerfliche Auslöschung eines Menschenlebens. Für die
Qualifikation verweist das Gesetz in nicht abschliessender Aufzählung auf
äussere (Ausführung) und innere Merkmale (Beweggrund, Zweck). Diese müssen
nicht alle erfüllt sein, um Mord anzunehmen. Entscheidend ist eine
Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände der Tat. Eine besondere
Skrupellosigkeit kann beispielsweise entfallen, wenn das Tatmotiv einfühlbar und
nicht krass egoistisch war, so etwa wenn die Tat durch eine schwere
Konfliktsituation ausgelöst wurde (Urteil des Bundesgerichts 6B_136/2014 vom
21. Juli 2014 E. 1.3.1.; BGE 144 IV 345 E. 2.1.1. mit Verweis auf die weitere
Praxis). Die Annahme besonders skrupellosen Handelns wird durch eine
Verminderung der Schuldfähigkeit des Täters nicht ausgeschlossen (BSK-StGB
SCHWARZENEGGER, Art. 112 N 28, mit Verweisen auf die Praxis).
2.7. Gemäss vorstehendem Beweisergebnis hat die Beschuldigte den
Privatkläger am Abend des 5. April 2018 unter einem Vorwand eigentlich in die
Familienwohnung gelockt und ihm ein von ihr vorher präpariertes toxisches
Getränk vorgesetzt. Die Art der kurz vorher erfolgten Beschaffung der
verwendeten Medikamente lässt keinen anderen Schluss zu, als dass die Tat
mindestens über mehrere Tage geplant und somit keine spontane Aktion war.
Unbesehen, ob die Beschuldigte den Privatkläger bereits mit der Verabreichung
des vergifteten Getränks töten wollte, griff sie diesen jedenfalls am nächsten
Morgen noch im sedierten Zustand an und wollte ihn mit einem Kabel bis zum
Tod strangulieren, woran sie einzig durch die eingreifenden und sie aufhaltenden
Töchter gehindert wurde. Indem sie den Privatkläger geplant mittels einer List und
der Verwendung eines extra zu diesem Zweck erhältlich gemachten
Medikamentencocktails in den Zustand der Wehrlosigkeit versetzte, um den
Wehrlosen anschliessend mit einem Kabel zu erwürgen, hat sie mit der
- 29 -
Anklagebehörde hinterlistig, perfide und grausam gehandelt. Die Tatausführung
war somit im Sinne von Art. 112 StGB besonders verwerflich.
In ihrer Berufungsbegründung hält die appellierende Anklagebehörde dafür, der
Beweggrund der Beschuldigten und der Zweck ihrer Tat seien eigentlich einzig
die Erhaltung des Familienvermögens gewesen; der Privatkläger habe durch
seine Beseitigung daran gehindert werden sollen, seiner ausserehelichen
Geliebten das gemeinsam geäufnete Familienvermögen zu schenken (Urk. 127
S. 3 f.). Diese Darstellung greift in ihrer Absolutheit wohl zu kurz: Wohl hatte der
Privatkläger der Beschuldigten Schenkungen an seine Geliebte in Aussicht
gestellt und versuchte die Beschuldigte dies zu verhindern. Allerdings gründete
die Tat der Beschuldigten und somit ihr Motiv sicherlich auch in ihrem verletzten
Stolz ob der Tatsache, dass der Privatkläger sie nach einem langjährigen, von ihr
als schwierig erlebten Eheleben kurzerhand für eine Konkurrentin verlassen
wollte. Schliesslich suchte die Beschuldigte mit ihrer Tat auch gerade dies zu
verhindern. In der Anklageschrift hat die Anklagebehörde dies auch so dargestellt
(Urk. 32 S. 5 f.). Das Tatmotiv (der Beweggrund) der Beschuldigten bestand somit
wohl aus mehreren Komponenten (vgl. dazu auch die korrekten Erwägungen der
Vorinstanz: Urk. 126 S. 179 f.). Die Beseitigung des Privatklägers zur Erhaltung
des Familienvermögens erscheint dabei hab- und raffgierig und mithin tatsächlich
besonders verwerflich (zur Qualifikation der Tötung eines Menschen aus
finanziellen Beweggründen vgl. BGE 144 IV 345 E. 2.3.1.; vgl. weiter BSK StGB
SCHWARZENEGGER, Art. 112 N 10, je mit Verweisen auf die Praxis). Dies gilt
gemäss Praxis auch für die Absicht, einen sich abwendenden Lebenspartner
einer Nebenbuhlerin schlicht vorzuenthalten (Urteil 6B_540/2017 vom
16. Oktober 2017, E. 2.4. mit Verweis auf Urteil 6S.357/2004 vom
20. Oktober 2004, E. 2.2). Verletzter Stolz aufgrund des Verlassen-Werdens nach
langer gemeinsamer, schwieriger Ehezeit würde diese Voraussetzung für sich
hingegen (noch) nicht erfüllen.
Zum Letztgenannten, der Darstellung des gemeinsamen Ehelebens der Parteien,
befindet sich die Anklagebehörde aufgrund ihrer Anklageerhebung gegen beide
Ehepartner gezwungenermassen in einem gewissen Widerspruch: So macht sie
- 30 -
einerseits im Verfahren gegen die Beschuldigte geltend, diese habe nicht eigent-
lich unter gravierenden Übergriffen des Privatklägers gelitten, weshalb ihre Tat
nicht als immerhin einfühlbarer Versuch der Beendigung eines Martyriums zu wer-
ten sei. Andererseits hält die Anklagebehörde auch im Berufungsverfahren gegen
den Privatkläger als Beschuldigten dafür, der Privatkläger habe die Beschuldigte
nur kurze Zeit vor ihrer Tat mehrfach vergewaltigt respektive sexuell genötigt und
Tätlichkeiten gegen sie verübt.
Die Vorinstanz ging – wie bereits erwogen – zugunsten der Beschuldigten davon
aus, "dass nicht vollends ausgeschlossen werden kann, dass die Beschuldigte
auch im Vorfeld der Tat noch unter Übergriffen des Privatklägers zu leiden hatte"
(Urk. 126 S. 124). Diese pauschale Vermutung genügt nun – entgegen der Vor-
instanz und sinngemäss mit der appellierenden Anklagebehörde – nicht, um bei
einer Gesamtwürdigung der Umstände (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
6B_685/2017 vom 20. September 2017, E. 2.1.) von einer Mordqualifikation abzu-
sehen: Gemäss Beweisresultat ist wohl anzunehmen, dass der Privatkläger die
Beschuldigte vor diversen Jahren geschlagen hat. Von tatbeständlich-relevanten
sowohl gewalttätigen wie sexuellen Übergriffen wird der Privatkläger als Be-
schuldigter jedoch freigesprochen (vgl. Parallelverfahren SB210009). Vielmehr
wird die Beschuldigte wegen Tätlichkeiten schuldig gesprochen (vgl. hinten
E. II.3.2), was belegt, dass sie zumindest im tatzeitnahen Eheverlauf nicht einfach
nur physisches Opfer (sondern auch Täterin) war und sich evidentermassen auch
zur Wehr zu setzen wusste.
Daran ändert auch der Umstand nichts Entscheidendes, dass – gemäss Vor-
instanz – "die äusserst konfliktbehaftete Beziehung zum Privatkläger bei der
Beschuldigten über die Jahre hinweg einen hohen Leidensdruck verursacht hat"
(Urk. 126 S. 124). Im Tatzeitpunkt standen die konkret aufgezeigten, besonders
verwerflichen Tatmotive der Beschuldigten im Vordergrund und überwiegten ein
allenfalls zusätzlich vorhandenes, diffuses Leiden unter einer konfliktbeladenen
und nun zerbrechenden Ehe.
Somit war nicht nur die Art der Tatausführung besonders verwerflich, sondern wa-
ren es auch mehrere Komponenten des Tatmotivs. Dies führt konsequenterweise
- 31 -
mit der appellierenden Anklagebehörde zur Qualifikation des der Beschuldigten
vorgeworfenen, erstellten Tatverhaltens als versuchten Mord gemäss Art. 112
StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB. In diesem Sinne ist die Beschuldigte schuldig zu
sprechen.
3. Anklagedossier 2
3.1. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte vom Vorwurf der Tätlichkeiten gemäss
Anklageziffer D2 freigesprochen (Urk. 126 S. 223). Der Privatkläger ficht dies im
Berufungsverfahren nicht an (Urk. 129). Die Anklagebehörde hingegen ficht den
Freispruch an mit der Begründung, der Privatkläger habe zwar die fraglichen
Tätlichkeiten unterschiedlich geschildert, es bestehe jedoch kein Zweifel, dass die
Beschuldigte sich wie ihr vorgeworfen verhalten habe (Urk. 127 S. 4; Urk. 219
S. 9 f.). Die Beschuldigte selber beantragt einen Freispruch, ohne sich materiell
zu diesem Punkt zu äussern (Urk. 220 S. 1).
3.2. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Beschuldigten und des Privatklägers
zitiert und dann geschlossen, der Anklagesachverhalt sei nicht rechtsgenügend
erstellt (Urk. 126 S. 130 f. mit Verweisen). Diese Beweiswürdigung erweist sich
mit der Anklagebehörde als allzu milde für die Beschuldigte: Wohl hat der
Privatkläger nicht über sämtliche Einvernahmen komplett kongruente
Schilderungen zum inkriminierten tätlichen Angriff der Beschuldigten gemacht. Er
hat jedoch immerhin konstant geschildert, dass die Beschuldigte ihn mit einem
Gegenstand, diesen ab der zweiten Einvernahme als Fernbedienung
konkretisiert, mehrfach gegen den Kopf zu schlagen versucht und dabei einmal
am Kopf schmerzhaft getroffen habe. Welchen – geringen – Stellenwert sämtliche
Prozessparteien dem diesem Anklagepunkt zugrundeliegenden Sachverhalt
beigemessen haben, geht im Übrigen auch daraus hervor, dass der Privatkläger
an der Hauptverhandlung im Verfahren gegen die Beschuldigte zu diesem
tätlichen Übergriff gar nicht befragt worden ist (Urk. 97). Die Bestreitung der
Beschuldigten bestand hingegen auf entsprechenden Vorhalt aus einer
ausholenden Tirade von Gegen-Vorwürfen, wonach der Privatkläger sie bedroht
sowie sexuell und tätlich angegriffen habe, um anschliessend bei der Polizei eine
Falschanzeige zu deponieren (Urk. 96 S. 16 f.).
- 32 -
Auch ohne ärztliches Attest, welches eine Kopfverletzung belegen würde, ist
aufgrund der diesbezüglich ausreichend stimmigen Darstellungen des Privat-
klägers erstellt, dass die Beschuldigte ihm Ende Januar 2018 am gemeinsamen
Wohnort zumindest einmal schmerzhaft mit einer Fernbedienung auf den Kopf
geschlagen hat. Dadurch hat sie ohne Weiteres den Tatbestand der Tätlichkeiten
im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB erfüllt, wofür sie schuldig zu sprechen ist. Da
nicht von wiederholter Tatausführung auszugehen ist, liegt kein Fall im Sinne von
Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB und somit kein Offizialdelikt vor. Der entsprechend
notwendige Strafantrag ist vorhanden (Ordner 11 Dossier D2 Urk. 2).
- 33 -
4. Anklagedossier 3
4.1. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte des mehrfachen Betrugs schuldig ge-
sprochen. Die Beschuldigte beantragt diesbezüglich – entgegen ihren Anträgen
im vorinstanzlichen Verfahren (Urk. 105 S. 1 ff.; Prot. I S. 20) – einen Freispruch
(Urk. 220 S. 1).
4.2. Der Beschuldigten wird betreffend das Jahr 2011 vorgeworfen, am
29. April 2011 gemeinsam mit B._ gegenüber dem Sozialamt deklariert zu
haben, sie würden gemeinsam bloss über CHF 310.25 Bankguthaben verfügen.
Tatsächlich hätten sie aber über ein Guthaben von CHF 449.55 verfügt. Zudem
habe die Beschuldigte im Juni und Juli 2011 ein Erwerbseinkommen in Höhe von
CHF 5'542.– erzielt. Weiter sei B._ ab 2011 Besitzer (gemeint wohl
Eigentümer) eines Gebäudes mit Garage in K._ (Kosovo) im Wert von ca.
Euro 46'357.– gewesen (Urk. 32).
Der für den Vermögensstand relevante Zeitpunkt ist jener der Deklaration, zumal
diese die eigentliche der Beschuldigten vorgeworfene Tathandlung darstellt. Unter
Hinweis auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz kann nicht erstellt wer-
den, dass der Wert der bereits im Jahr 2011 gehaltenen Liegenschaften einen
den Freibetrag von CHF 10'000.– übersteigenden Wert aufgewiesen haben,
zumal nicht klar ist, ob die Parzellen damals bereits bebaut waren (Urk. 126
S. 138 sowie Urk. 75 S. 86 f. im Parallelverfahren SB210009). Die Vorinstanz hat
ebenfalls bereits zutreffend erwogen, dass auch hinsichtlich der Bankguthaben
auf den Zeitpunkt der Deklaration, mithin den 29. April 2011, abzustellen ist,
wobei das zu diesem Zeitpunkt vorhandene Guthaben von CHF 8.25
vernachlässigbar erscheint. Es kann hierzu ebenfalls auf die ausführlichen und
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 126 S. 136 f.).
Vor diesem Hintergrund bleibt einzig das von der Beschuldigten erzielte
Einkommen rechtlich einzuordnen. Das Erwerbseinkommen bei der N._ AG
hat die Beschuldigte erst in den Monaten Juni und Juli 2011 erwirtschaftet und es
wurde ihr entsprechend auch nicht früher ausbezahlt. Für die Deklaration am
29. April 2011 ist dieses Erwerbseinkommen entsprechend nicht von Relevanz.
- 34 -
Die Vorinstanz stützt sich sodann darauf, dass die Beschuldigte bereits seit dem
1. Juni 2010 regelmässig durch die Arbeitslosenversicherung unterstützt worden
sei, unter anderem auch am 18. April 2011, mithin kurz vor der fraglichen
Deklaration am 29. April 2011 (Urk. 126 S. 136). Mit dieser Argumentation
verkennt die Vorinstanz indessen, dass der Beschuldigten eine Nichtdeklaration
von Ersatzeinkommen aus der Arbeitslosenversicherung in der Anklageschrift gar
nicht vorgeworfen wird. Da die Anklageschrift den Sachverhalt aber
abschliessend umschreibt (Art. 350 Abs. 1 StPO), kann dies der Beschuldigten
nun nicht anstelle der Nichtdeklaration von Erwerbseinkommen zum Vorwurf
gemacht werden. Hinsichtlich der Deklaration im Jahr 2011 lässt sich daher nicht
erstellen, dass die Beschuldigte im relevanten Tatzeitpunkt ein in der
Anklageschrift erwähntes zu deklarierendes Einkommen erzielt hat oder sie
daneben über ein den Freibetrag übersteigendes Vermögen verfügt hat.
Die Beschuldigte ist daher betreffend die Deklaration im Jahr 2011 vom Vorwurf
des Betruges im Sinne von Art. 146 StGB freizusprechen.
4.3 Zum Jahr 2016 behauptet die Anklagebehörde, entgegen der Vorinstanz sei
nicht davon auszugehen, dass die Beschuldigte erst Ende 2016 vom Erwerb der
massgeblichen Liegenschaft gewusst habe. Sämtliche Familienmitglieder hätten
"zeitnah" vom jeweiligen Erwerb von Grundstücken erfahren. Zur Begründung
verweist die Anklagebehörde insbesondere auf die Aussagen des gemeinsamen
Sohnes der Parteien, J._ und macht hierzu geltend, es sei lebensfremd
anzunehmen, sie habe nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt von den Liegen-
schaften gewusst, zumal die Ehe der Parteien nicht schon immer dysfunktional
gewesen sei (Urk. 127 S. 5; Urk. 219 S. 10).
Die Vorinstanz hat auch zu diesem Anklagepunkt eine ebenso ausführliche wie
präzise Beweiswürdigung vorgenommen (Urk. 126 S. 135-165), insbesondere
auch unter Berücksichtigung der Aussagen des Sohnes J._ (Urk. 126 S. 153-
159). Ihr Schluss, für eine Kenntnis der Beschuldigten vor dem Jahr 2016 über
den im Jahr 2014 erfolgten Erwerb der Liegenschaft in L._ gäbe es keine
rechtsgenügenden Beweismittel, ist zutreffend. Mangels anderer verbindlicher
Beweismittel ist auf die eigene Aussage der Beschuldigten abzustellen. Und wenn
- 35 -
diese unbestimmt das Jahr 2016 genannt hat, ist konsequenterweise und
zugunsten der Beschuldigten auf das letztmögliche Datum des Jahres 2016
abzustellen (Urk. 126 S. 164). Die pauschale Behauptung der Anklagebehörde,
die Grundstückkäufe seien eine gemeinsame Sache der Eheleute gewesen und
die Ehe der Parteien sei nicht durchwegs dysfunktional gewesen, vermögen die
detaillierte Beweiswürdigung der Vorinstanz nicht in Zweifel zu ziehen. Wie
bereits eingangs festgehalten, hatte die Beschuldigte bereits vor dem Jahr 2016
Kenntnis von den fraglichen Liegenschaften in K._ (vgl. vorne E. I.3.2).
Zutreffend und ausführlich erwog die Vorinstanz schliesslich, dass die Leistungen
der Sozialen Dienste nicht ausgerichtet worden wären, wenn die Beschuldigte
und der Privatkläger die beiden Grundstücke in K._ deklariert hätten
(Urk. 126 S. 139 f.). Auf diese zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz kann
verwiesen werden. Entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 220 S. 58 f.)
kann im Übrigen nicht gesagt werden, eine Realisierung der Vermögenswerte
wäre aufgrund kurzfristiger und geringfügiger Unterstützung ohnehin als nicht
zumutbar beurteilt worden. Gemäss den einschlägigen Richtlinien kann die
kurzfristige Unterstützung bloss gegen die Zumutbarkeit der sofortigen
Realisierung sprechen (vgl. Zürcher Sozialhilfehandbuch, Ziff. 9.3.01 Ziff. 2). Da
die Beschuldigte vorliegend keineswegs auf die Grundstücke im Kosovo
angewiesen war, erscheint es jedenfalls nicht als von vornherein klar, dass die
Realisierung bei korrekter Deklaration als unzumutbar eingeschätzt worden wäre.
Im Übrigen ist auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen.
Anzufügen bleibt lediglich, dass es sich – entgegen der Ansicht der Verteidigung
(Urk. 220 S. 58) – bei den in den Akten liegenden Auskünfte über den Wert der
Liegenschaften (D3 Urk. 2/2/10-17 insbesondere D3 Urk. 2/2/12), welche von
der Vorinstanz in die Beweiswürdigung miteinbezogen wurden, nicht etwa um
(Wert-)Gutachten im Sinne von Art. 184 StPO handelt, bei welchem die ent-
sprechenden Formvorschriften einzuhalten gewesen wären. Vielmehr stellen sie
schlicht Urkunden dar, welche – wie auch die Fotografien der fraglichen Liegen-
schaften – einer freien Beweiswürdigung zugänglich sind. Die Vorinstanz hat
diese daher in zutreffender Weise in ihre Beweiswürdigung miteinbezogen,
welcher – wie ausgeführt – zu folgen ist.
- 36 -
4.4. Insgesamt ist der Schuldspruch wegen mehrfachen Betrugs betreffend die
Deklaration im Jahr 2016 im Umfang des angefochtenen Urteils zu bestätigen.
Hinsichtlich der Deklaration im Jahr 2011 ist die Beschuldigte vom Vorwurf des
Betruges freizusprechen.
5. Anklagedossier 4
5.1. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte schliesslich vom Vorwurf des
mehrfachen Pfändungsbetrugs gemäss Anklagepunkt D4 freigesprochen
(Urk. 126 S. 223). Die Verteidigung der Beschuldigten hatte sich vor Vorinstanz
einer Verurteilung nicht widersetzt (Urk. 105 S. 1 ff.). Im Berufungsverfahren hält
die appellierende Anklagebehörde dafür, die Eheleute A._B._ hätten als
gemeinsames Projekt im Ausland Grundeigentum erworben, wobei aus
soziokulturellen Gründen alleine der Privatkläger nach aussen aufgetreten sei.
Der Umstand, dass der Grad der Finanzierung und die Details der Transaktionen
im Vorverfahren strittig geblieben seien, ändere nichts daran, dass bei
Vermögenswerten, welche möglicherweise mit gemeinsamen Mitteln erworben
worden seien, gemäss Art. 200 Abs. 2 ZGB Miteigentum vermutet werde. Das
eheliche Vermögen sei im Pfändungsvollzug daher zu deklarieren gewesen, was
die Beschuldigte pflichtwidrig unterlassen habe (Urk. 127 S. 5; Urk. 219 S. 11 f.;
vgl. Urk. 32 S. 7-9).
5.2. Die Vorinstanz hat diesbezüglich ausführlich erwogen, das fragliche Grund-
eigentum im Ausland sei entgegen der Anklagebehörde nicht eheliches
Vermögen, sondern aktenkundig Vermögen des Privatklägers gewesen (Urk. 126
S. 171 f.; vgl. Dossier 3 Ordner 12 Urk. 2/2/9 ff.). Die Anklagebehörde relativiert
ihre gegenteilige – und nicht belegte – Behauptung selber, wenn sie in ihrer
Berufungserklärung angibt, das Grundeigentum sei "möglicherweise" mit
gemeinsamen Mitteln erworben worden und im Miteigentum gestanden (Urk. 127
S. 5; Urk. 219 S. 11). Selbst im massgeblichen Anklagesachverhalt wird
inkonsequent zuerst – eindeutig und ausschliesslich – der Privatkläger als
"Besitzer" (recte: Eigentümer) der Liegenschaften genannt und werden diese
anschliessend als "ehelichen Besitz" (recte: wohl eheliches Gesamteigentum)
bezeichnet (Urk. 32 S. 9). Auch der Verweis der Anklagebehörde auf die
- 37 -
gesetzliche Vermutung von Art. 200 Abs. 2 ZGB vermag hinsichtlich der
Erstellung des Anklagesachverhalts nichts Entscheidendes beizutragen. So
besagt Art. 200 Abs. 2 ZGB zwar, dass bei Ehegatten Miteigentum vermutet
werde, wenn kein Beweis erbracht werden könne, dass ein Vermögenswert dem
einen oder dem anderen Ehegatten gehöre. Es handelt sich dabei indessen um
eine gesetzliche (Rechts-)Vermutung, deren Vermutungsbasis auch widerlegt
werden kann (BSK-HAUSHERR/AEBI-MÜLLER, N 16 ff. zu Art. 200 ZGB). Im
Strafrecht gelten zudem andere Prozessmaximen als im Zivilrecht, weshalb es
nicht möglich ist, diese zivilrechtliche Vermutung unbesehen ins Strafrecht zu
übertragen. Für einen Schuldspruch sind die Tatbestandsvoraussetzungen
vielmehr strikt zu beweisen. Im Übrigen wäre aber bereits prinzipiell fraglich, ob
die Miteigentumsvermutung nach Schweizer Recht betreffend die
Vermögenswerte im Kosovo zur Anwendung gelangen könnte. Weiter hat die
Vorinstanz schliesslich überzeugend erwogen, dass Dritteigentum und
Anwartschaften gegenüber den Zwangsvollstreckungsbehörden nicht zu
deklarieren sind.
5.3. Die Beschuldigte hat demnach bereits den objektiven Tatbestand von
Art. 163 Ziff. 1 StGB nicht erfüllt. Der angefochtene Freispruch ist daher zu bestä-
tigen.
VII. Sanktion / Massnahmen / Landesverweisung
1. Sanktion für versuchten Mord
1.1. Mord im Sinne von Art. 112 StGB wird bestraft mit lebenslänglicher Frei-
heitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren. Die Beschuldigte hat sich
des Versuchs im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht, weshalb das
Gericht die Strafe mildern kann. Mildert das Gericht die Strafe, ist es weder an die
angedrohte Mindeststrafe noch die angedrohte Strafart gebunden (Art. 48a
StGB); grundsätzlich erfolgt allerdings eine Strafminderung innerhalb des or-
dentlichen Strafrahmens; dieser ist nur in Ausnahmefällen zu verlassen (BGE 136
IV 63). Die versuchte Tötung kann, angesichts des bloss fakultativen Strafmilde-
- 38 -
rungsgrunds von Art. 22 Abs. 1 StGB, gleich hart bestraft werden wie die vollen-
dete Tat (BGE 137 IV 113 E.1.4.2.). Somit resultiert vorliegend zwar ein theoreti-
scher Strafrahmen von Busse bis lebenslängliche Freiheitsstrafe. Da der fakultati-
ve Strafmilderungsgrund nachstehend auch tatsächlich strafmindernd zu berück-
sichtigen ist, jedoch diesbezüglich kein spezieller Ausnahmefall vorliegt, ist die
Strafe allerdings in concreto zwischen 10 und 20 Jahren Freiheitsstrafe festzuset-
zen (Art. 40 Abs. 2 StGB). Ein weiterer Strafmilderungsgrund, namentlich eine
tatzeitaktuelle Verminderung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten (Art. 19
Abs. 2 StGB), liegt nicht vor (vgl. D1 Urk. 7/1 S. 68).
Der Umfang der Reduktion der Strafe aufgrund des Umstandes, dass lediglich
ein Versuch vorliegt, hängt unter anderem von den tatsächlichen Folgen der Tat
und der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs ab (Urteil 6B_912/2018 vom
19. September 2019 E. 3.4, vgl. zum alten Recht BGE 127 IV 101 E. 2b S. 103;
121 IV 49 E. 1b S. 54; bestätigt in den Urteilen 6B_587/2015 vom 6. April 2016
E. 1.3.3 und 6B_281/2014 vom 11. November 2014 E. 3.6).
1.2. Die appellierende Anklagebehörde beantragt im Berufungs- wie bereits im
Hauptverfahren für die Beschuldigte eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren (Urk. 126
S. 3; Urk. 127 S. 8; Urk. 219 S. 2).
1.3. Zur Strafzumessung plädierte die Anklagebehörde an der
Hauptverhandlung, die Beschuldigte habe den Privatkläger in seinem vertrauten
Umfeld hinterlistig beseitigen wollen, weil er finanziell gefährlich und abtrünnig
geworden sei. Er sei wenige Sekunden vor dem Eintritt des Todes gestanden. Die
Tat zeuge von überaus grosser krimineller Energie und müsse von relativ langer
Hand geplant gewesen sein (Urk. 104 S. 19 f.). An der Berufungsverhandlung
betonte die Anklagebehörde, dass die ihrer Ansicht nach andere rechtliche
Qualifikation – welcher wie aufgezeigt zu folgen ist – auch zu einer von der
vorinstanzlichen Strafzumessung abweichenden Beurteilung führen müsse. Im
Übrigen sei die vorinstanzliche Strafzumessung auch dann zu milde ausgefallen,
wenn man von einer versuchten Tötung ausginge. Insbesondere räume die
Vorinstanz dem Umstand, dass der Privatkläger nicht lange an den Folgen der
Tat gelitten habe, eine zu grosse Bedeutung ein. Es sei demgegenüber stärker zu
- 39 -
gewichten, dass der Privatkläger dem Tod extrem nahe gewesen sei. Die
festgestellten und unter anderem auch fotografisch festgehaltenen
Stauungsblutungen würden eindrücklich zeigen, dass der Tod ohne Intervention
innert nur kurzer Zeit eingetreten wäre und zudem ein reflektorischer Herztod
jederzeit zu befürchten gewesen sei. Diese Nähe des Erfolgseintritts rechtfertige
nur eine geringfügige Herabsetzung der Strafe, auch wenn die letztlich
verursachten Verletzungen objektiv nicht schwer wiegen würden (Urk. 219 S. 12).
Wie bereits vorstehend erwogen, hat die Beschuldigte den Privatkläger unter
einem Vorwand in eine ihm vertraute, vermeintlich sichere Umgebung gelockt und
mit einem vergifteten Getränk in den Zustand der Wehrlosigkeit versetzt, um ihn
am nächsten Morgen mit einem Kabel zu erdrosseln. Dieses Tatvorgehen war
heimtückisch, hinterhältig, brutal und niederträchtig. Diese Beurteilung gilt auch
für mehrere der Beweggründe der Beschuldigten: Sie wollte den Privatkläger
beseitigen, damit dieser die Familie nicht durch Schenkungen an seine neue
Geliebte finanziell schädige, und sie wollte verhindern, dass der Beschuldigte sich
von ihr abwendet und mit einer neuen Partnerin eine Liebesbeziehung eingehen
kann. Allerdings hat bereits die Anklagebehörde richtig bemerkt, dass eine solche
Qualifikation der Tatausführung wie des Tatmotivs bereits in der Skrupellosigkeit
des Mord-Tatbestandes aufgeht (Urk. 104 S. 19 f.).
Der Anklagebehörde ist aber auch beizupflichten, dass die gesamte Tatausfüh-
rung der Beschuldigten, die sich über einen längeren Zeitraum hinzog, von gros-
ser Kaltblütigkeit und hoher krimineller Energie zeugt. Die Beschuldigte wollte den
Privatkläger ferner nicht mit einem spontanen Tatentschluss beseitigen. Sie be-
schaffte sich bereits Tage zuvor die anschliessend eingesetzten Sedativa und
lockte den Privatkläger mehrere Stunden vor der Tatausführung telefonisch in die
Falle.
Die zerrüttete Ehesituation mag die Beschuldigte belastet haben; dieser Umstand
entlastet ihr Tatverschulden jedoch nicht in erheblichem Umfang. Kausal für die
Tatausführung waren die obgenannten, skrupellosen Beweggründe. Die aufgrund
der häufigen ehelichen Streitigkeiten missliche Lage wäre für sie sowieso beendet
- 40 -
gewesen, da der Privatkläger bereits ausgezogen war und sich definitiv von ihr
abwenden wollte (vgl. vorne E. II.1.8).
Insgesamt wäre die Beschuldigte bei vollendetem Mord mit 17 Jahren Freiheits-
strafe zu bestrafen.
Vorliegend führt die Tatsache, dass der Tod beim Privatkläger nicht eingetreten
ist und es somit beim Versuch blieb, zu einer Strafminderung. Mit der Vorinstanz
befand sich der Privatkläger, dessen Gesicht bereits blau angelaufen war, in
höchster Lebensgefahr. Dies wird auch im medizinischen Gutachten des USZ
fachärztlich bestätigt (D1 Urk. 8/9 S. 6). Wären die Kinder der Parteien nur
geringfügig später eingeschritten, wäre der Privatkläger mit Sicherheit gestorben.
Der Todeseintritt stand unmittelbar bevor. Das Ausbleiben des deliktischen
Erfolgs geht somit in keiner Weise auf ein Verhalten der Beschuldigten zurück:
Die durch Geräusche alarmierten Kinder der Parteien stürmten an den Tatort,
unterbrachen die Strangulationshandlung und zogen die Beschuldigte vom
Privatkläger weg.
In Berücksichtigung, dass der objektive Tatbestand infolge Nicht-Eintretens des
deliktischen Erfolges nicht vollständig erfüllt wurde, ist aufgrund des Verschuldens
der Beschuldigten eine Einsatzstrafe von 14 Jahren Freiheitsstrafe festzusetzen.
1.4. Zur Täterkomponente hat die Vorinstanz den Werdegang und die persön-
lichen Verhältnisse der Beschuldigten ausführlich angeführt (Urk. 126 S. 188 f.).
An der Berufungsverhandlung wurden diese Angaben im Wesentlichen bestätigt
(Urk. 217 S. 2 ff.). Die persönlichen Verhältnisse der Beschuldigten wirken sich
strafzumessungsneutral aus.
Mit der Vorinstanz wirken sich die beiden Vorstrafen leicht straferhöhend aus
(Urk. 131). Eine besondere Strafempfindlichkeit weist die Beschuldigte nicht auf.
Die Beschuldigte präsentierte zwar diverse, teilweise haarsträubende Lügen-
geschichten und bestreitet bis heute eine Tötungsabsicht gegenüber dem Privat-
kläger respektive behauptet, in einer Notwehrsituation gehandelt zu haben.
Gleichwohl sind ihre Eingeständnisse betreffend Verabreichung der Medikamente
- 41 -
leicht strafmindernd zu berücksichtigen. Insgesamt wird die aufgrund der Vor-
strafen vorzunehmende Strafschärfung damit wieder ausgeglichen.
Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente strafzumessungsneutral aus, weshalb
für den versuchten Mord eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren auszufällen ist.
1.5. Der Anrechnung der seit Tatbegehung erstandenen Haft sowie des vorzeiti-
gen Strafvollzugs von 1454 Tagen steht nichts entgegen (Art. 51 StGB).
2. Sanktion für mehrfachen Betrug
2.1. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte in Abgeltung des mehrfachen Betrugs mit
einer Geldstrafe von 160 Tagessätzen zu Fr. 10.– bestraft, teilweise als Zusatz-
strafe zu einer Vorstrafe aus dem Jahr 2012 (Urk. 126 S. 223). Die Verteidigung
hat sich weder im Haupt- noch im Berufungsverfahren diesbezüglich zu einem
Strafmass geäussert (Urk. 105; Urk. 132; Urk. 220). Die appellierende Anklage-
behörde beantragt die Aussprechung einer Freiheitsstrafe (Urk. 219 S. 1).
2.2. Zur Begründung, weshalb nicht eine Geld-, sondern eine Freiheitsstrafe
auszufällen sei, macht die Anklagebehörde einzig einen gegenüber der
vorinstanzlichen Beurteilung höheren Deliktsbetrag geltend (Urk. 127 S. 6).
Diesbezüglich wird der Anklagebehörde wie vorstehend erwogen nicht gefolgt.
Die Vorinstanz hat zu Recht für den mehrfachen Betrug lediglich eine Geldstrafe
ausgesprochen (vgl. Urk. 126 S. 184 f.).
2.3. Bei der objektiven Tatschwere des Sozialhilfebetruges gemäss Dossier 3
ist zu berücksichtigen, dass die Beschuldigte durch ihr betrügerisches Tun für sich
und ihre Familie sieben Monate lang im Jahr 2016 Sozialhilfeleistungen von
CHF 7'188.10 bezog. Dabei ist ihr anzulasten, dass sie im Jahr 2016 die beiden
Liegenschaften in K._ im Wert von EUR 35'568.– bzw. EUR 54'560.– nicht
offen legte. Die Deliktsperiode und die von den Sozialen Diensten erhältlich
gemachten Deliktsbeträge sind als klein zu bezeichnen und zeugen – für sich
betrachtet – nicht von erheblicher krimineller Energie. Die zu Unrecht
empfangenen Leistungen ermöglichten zwar keine kostspielige Lebensführung;
sie werden für die Beschuldigte und ihre Familie aber doch einen merklichen
- 42 -
Beitrag an den Lebensunterhalt bedeutet haben. Dass die Schadenssumme für
die Sozialen Dienste angesichts deren grossen Gesamtbudgets umgekehrt keine
spürbaren Folgen gehabt haben wird, kommt der Beschuldigten indes nicht
zugute. Die im Jahr 2016 verschwiegenen Vermögenswerte betrugen mehr als
EUR 90'000.– (ohne die beiden Liegenschaften in L._), wobei die
Beschuldigte aus den Grundstücken bislang selbst keinen Nutzen gezogen hat,
standen sie doch zu keiner Zeit in ihrem Eigentum, sondern in jenem des
Privatklägers B._. Die objektive Tatschwere wiegt aber dann erschwerend,
wenn ein Betrug im Bereich der Sozialhilfe begangen wird, da damit ein System
ausgenützt wird, welches gerade für die Schwächsten der Gesellschaft essentiell
ist. Durch den Missbrauch dieses Systems wird denn auch das Vertrauen der
Gesellschaft in diese wichtige Institution geschwächt, worunter wiederum jene zu
leiden haben, welche tatsächlich auf diese Unterstützung angewiesen sind.
Betreffend die subjektive Tatschwere ist zu bemerken, dass die Beschuldigte in
Bezug auf das Verschweigen von Einkommens- und Vermögenswerten direkt-
vorsätzlich gehandelt hat, weshalb sich unter diesem Titel keine Verschuldens-
minderung ergibt. Die Beschuldigte mag einen Teil der empfangenen Leistungen
auch im Interesse ihrer Kinder verwendet haben. Verfehlt wäre jedoch, per se von
nicht egoistischen Motiven zu sprechen.
Die verschuldensangemessene Strafe ist vor diesem Hintergrund auf 120 Tages-
sätze festzulegen Diese ist angesichts der Vorstrafen der Beschuldigten zudem
leicht um 10 Tagessätze zu erhöhen, womit eine Geldstrafe von 130 Tagessätzen
resultiert. Die Höhe des Tagessatzes ist mit der Vorinstanz auf Fr. 10.–
festzulegen. Da entgegen der Vorinstanz hinsichtlich der Deklaration im
Jahr 2011 ein Freispruch erfolgt, muss keine Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 5. September 2012 ausgefällt
werden.
3. Sanktionen für Übertretungen
3.1. Schliesslich hat die Vorinstanz die Beschuldigte wegen Ungehorsams gegen
eine amtliche Verfügung mit einer Busse von Fr. 500.– bestraft (Urk. 126 S. 223).
- 43 -
Die appellierende Anklagebehörde beantragt eine Erhöhung, da das Verschulden
nicht mehr leicht wiege (Urk. 127 S. 7).
3.2. Die ausführlichen und sorgfältigen Erwägungen der Vorinstanz zur Bussen-
bemessung sind entgegen der Anklagebehörde nicht zu kritisieren, sondern viel-
mehr zu übernehmen (Urk. 126 S. 186 bis 188).
3.3. Heute ist die Beschuldigte zusätzlich und entgegen dem angefochtenen und
aufzuhebenden Freispruch der Vorinstanz für die Tätlichkeit vom 31. Januar 2018
zu bestrafen. Insgesamt erscheint eine Busse von Fr. 1'000.– zur Sanktionierung
beider Übertretungen angemessen.
4. Vollzug
Die Freiheitsstrafe ist aufgrund der Strafhöhe ohne Weiteres zu vollziehen
(vgl. Art. 42 f. StGB). Die Vorinstanz hat die Geldstrafe teilbedingt ausgesprochen
(Urk. 126 S. 223). Die Beschuldigte wird noch eine lange Zeit im Strafvollzug ver-
bringen, welcher sie mit Sicherheit nachhaltig beeindrucken wird. Daher kann ihr
für die Geldstrafe der vollbedingte Strafvollzug unter Ansetzung einer Probezeit
von 2 Jahren gewährt werden (Art. 44 Abs. 1 StGB). Die Busse ist zu bezahlen.
Für den Fall der schuldhaften Nicht-Bezahlung ist eine Ersatzfreiheitsstrafe von
10 Tagen festzusetzen (Art. 106 Abs. 2 StGB).
5. Massnahme
5.1. Die Vorinstanz hat für die Beschuldigte eine strafvollzugsbegleitende
ambulante Massnahme angeordnet (Urk. 126 S. 223). Die Verteidigung beantragt
im Eventualantrag die Bestätigung dieses Entscheides (Urk. 132 S. 2; Urk. 220
S. 1). Die Anklagebehörde opponiert dagegen nicht (Urk. 127; Urk. 219).
5.2. Die Anordnung einer vollzugsbegleitenden Massnahme erweist sich vor-
liegend als nicht notwendig, zumal bei der Beschuldigten – obschon gemäss
gutachterlicher Einschätzung die feststellbaren dissozialen und teilweise auch
strategisch-manipulativen Persönlichkeitszüge als tatbegünstigend zu erachten
sind bzw. mit der Tat in einem moderaten Zusammenhang stehen (D1 Urk. 7/4
- 44 -
S. 66 und S. 69, Ordner 3) – keine eigentliche psychische Störung ausgewiesen
ist und die Beschuldigte im Rahmen des noch länger andauernden Strafvollzugs
ohnehin auf die Betreuungsangebote der Vollzugsbehörden wird zurückgreifen
können. Von der Anordnung einer vollzugsbegleitenden Massnahme ist daher
abzusehen.
6. Landesverweisung
6.1. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte für 7 Jahre des Landes verwiesen
(Urk. 126 S. 223). Die appellierende Verteidigung beantragt, es sei infolge eines
Härtefalls auf eine Landesverweisung zu verzichten (Urk. 132 S. 2; Urk. 220 S. 1).
Die appellierende Anklagebehörde beantragt, die Dauer der Landesverweisung
sei auf 15 Jahre festzusetzen (Urk. 127 S. 9; Urk. 219 S. 3).
6.2. Zum Theoretischen zur Anordnung einer Landesverweisung gemäss
Art. 66a Abs. 1 StGB und insbesondere zur Härte-Fall-Regelung in Abs. 2 dersel-
ben Bestimmung wird auf die entsprechenden Erwägungen der Vorinstanz ver-
wiesen (Urk. 126 S. 200-205). Die Beschuldigte hat mit der Begehung eines ver-
suchten Mordes fraglos eine Katalogtag im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB
begangen.
6.3. Zur persönlichen Situation der Beschuldigten, welche die Verteidigung als
Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB qualifiziert sehen will, hat die Vor-
instanz erwogen, die Beschuldigte habe zwar ein starkes persönliches Interesse
am Verbleib in der Schweiz, zumal ihre vier Kinder hier leben. Sie lebe sodann
wohl seit bald 30 Jahren in der Schweiz, sei aber nicht hier aufgewachsen,
sondern im Alter von 24 Jahren als Asylantin in die Schweiz gekommen. Heute
verfüge sie über eine Niederlassungsbewilligung. Sie sei in der Schweiz zumeist
arbeitstätig gewesen und damit in wirtschaftlicher Hinsicht relativ gut integriert.
Sie habe aber auch stets Beziehungen in den Kosovo unterhalten. So hätten sie
die Ferien mit der Familie im Kosovo vor allem bei ihren Eltern verbracht, so dass
ihre Eltern und ihre Geschwister eine Art Vorbilder gewesen seien. Zudem habe
die Beschuldigte gemeinsam mit ihrem Ehemann den Erwerb einer Liegenschaft
in K._ – mithin in ihrem Heimatort – angestrebt, um dort die Ferien zu
- 45 -
verbringen. Gemäss den eigenen Aussagen der Beschuldigten lebt ihre gesamte
Verwandtschaft – mit Ausnahme ihrer volljährigen Kinder und ihres Noch-
Ehemannes – im Ausland. Die Beschuldigte selbst habe anlässlich der
Hauptverhandlung ausgesagt, ihre Mutter lebe seit höchstens zwei Jahren in
Deutschland. Auch ihre drei Schwestern und ihr Bruder würden nicht mehr im
Kosovo, sondern in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben. Es sei davon
auszugehen, dass die Beschuldigte während den Jahren, welche sie in der
Schweiz lebte, stetig Beziehungen im Kosovo pflegte. Zudem spreche die
Beschuldigte immer noch hauptsächlich Kosovo-Albanisch und könne sich somit
ohne Weiteres in ihrer Heimat verständigen. Weiter sei die Beschuldigte weder
abhängig von einer in der Schweiz ansässigen Person, noch sei eine Person von
ihrer Anwesenheit in der Schweiz abhängig. Ihre vier Kinder – welche allesamt
über die Schweizerische Staatsbürgerschaft verfügen – seien mittlerweile
volljährig. Das Verhältnis zu volljährigen Kindern falle nur dann unter das durch
Art. 13 BV bzw. Art. 8 EMRK geschützte Recht auf Achtung des Familienlebens,
wenn ein über die üblichen familiären Beziehungen bzw. emotionalen Bindungen
hinausgehendes, besonderes Abhängigkeitsverhältnis bestehe; namentlich
infolge von Betreuungs- oder Pflegebedürfnissen bei körperlichen oder geistigen
Behinderungen und schwerwiegenden Krankheiten. Von einem erhöhten
Betreuungs- oder Pflegebedürfnis im Sinne der bundesgerichtlichen Praxis könne
auch betreffend die Tochter H._ nicht ausgegangen werden. Eine
Landesverweisung sei mit Hinblick auf die enge familiäre Beziehung der
Beschuldigten zu ihren Kindern – insbesondere zu ihren beiden Töchtern – zwar
zweifellos als sehr einschneidend zu erachten, vermöchte aber in Anbetracht der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung noch keinen Härtefall zu begründen. Der
Anspruch auf Schutz des Privatlebens könne zwar auch ohne Familienbezug
tangiert sein, wenn ein Ausländer bzw. eine Ausländerin ausgewiesen werden
soll. Aus dem Anspruch auf Schutz des Privatlebens ergäbe sich ein Recht auf
Verbleib im Land aber nur unter besonderen Umständen. Eine lange Anwesenheit
und die damit verbundene normale Integration genügten hierfür nicht; erforderlich
seien besonders intensive, über eine normale Integration hinausgehende private
Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur. Solche über eine normale
- 46 -
wirtschaftliche Integration hinausgehende besonders intensive Verknüpfungen mit
der Schweiz lägen in casu nicht vor. Auch vor diesem Hintergrund sei – in
Anbetracht der bundesgerichtlichen Rechtsprechung – ein Härtefall folglich zu
verneinen (Art. 126 S. 205-207).
All dies ist nach wie vor zutreffend. Die Verteidigung vermag im
Berufungsverfahren nichts Neues vorzubringen, was zu einem anderen Schluss
führen würde (Urk. 220 S. 61 f.). Allein die Tatsache, dass die jüngste Tochter
offenbar in psychiatrischer Behandlung ist und die Beschuldigte als wichtigste
Bezugsperson nennt, die sie vermisse (Urk. 167/1), vermag bei der Beschuldigten
noch keinen Härtefall zu begründen. Die Beschuldigte wird noch mehrere Jahre
im Freiheitsentzug verbringen müssen, was die Enge der Beziehung zu ihren
Kindern ohnehin negativ tangieren wird. In dieser Zeit wird sich die jüngste
Tochter auch ohne einen Beizug ihrer Mutter therapieren lassen und
zurechtfinden müssen. Die offenbar gegenüber der Psychiaterin gemachten
Aussagen von H._ passen im Übrigen zu denjenigen, die sie im
Strafverfahren als Auskunftsperson deponiert hat. Diese sind vor dem Hintergrund
des klaren Beweisresultats dahingehend zu qualifizieren, dass H._ die
Beschuldigte um jeden Preis unterstützen wollte (vgl. dazu die ebenso
ausführliche wie zutreffende Beweiswürdigung der Vorinstanz, Urk. 126 S. 94-99)
und offenbar immer noch will. Die Kinder der Beschuldigten werden zum
Zeitpunkt der frühestmöglichen Entlassung der Beschuldigten zudem zwischen
Ende 20 und Mitte 30 Jahre alt, somit erwachsene und selbstständige
Persönlichkeiten sein.
Auch das weiter vorgebrachte Argument der Beschuldigten, sie fürchte sich vor
dem Privatkläger, welcher sie auch vor der Berufungsverhandlung anlässlich
eines Besuches im Gefängnis bedroht habe, weshalb sie ihm im Kosovo, wo die
rechtsstaatlichen Strukturen schlechter ausgebaut seien als in der Schweiz,
schutzlos ausgeliefert sei, verfängt nicht. Sollte sich die Beschuldigte tatsächlich
vor dem Privatkläger fürchten, so ist nicht einleuchtend, inwiefern sie durch einen
Aufenthalt in der Schweiz vor ihm geschützt sein sollte. Im Übrigen bestehen aber
auch keine objektiven Hinweise, dass die Beschuldigte vom Privatkläger
- 47 -
tatsächlich unmittelbar bedroht würde. Weiter kann davon ausgegangen werden,
dass im frühestmöglichen Entlassungszeitpunkt – welcher noch mehrere Jahre in
der Zukunft liegt – die Beziehungskonflikte zwischen der Beschuldigten und dem
Privatkläger weiter an Aktualität und Emotionalität verloren haben werden,
weshalb auch die behaupteten Drohungen dannzumal ohnehin nicht mehr akut
sein dürften.
6.4. Wenn das Vorliegen eines Härtefalls verneint wird, ist eine Abwägung der
öffentlichen Interessen an der Wegweisung der Beschuldigten mit ihren privaten
Interessen am Verbleib in der Schweiz obsolet.
6.5. Die Vorinstanz hat die Dauer der Landesverweisung "in Berücksichtigung
der sehr einschneidenden Wirkung" "eher kurz" auf sieben Jahre bemessen
(Urk. 126 S. 208). Die appellierende Anklagebehörde verlangt eine Landesver-
weisung von – gesetzlich maximal – 15 Jahren (Urk. 127 S. 9; Urk. 219 S. 3;
Art. 66a Abs. 1 StGB).
Gemäss bundesgerichtlicher Praxis gilt, was folgt (Urteil 6B_445/2021 vom
6. September 2021, E. 2): Das Gericht verweist den Ausländer, der wegen einer
sog. Katalogtat verurteilt wird, unabhängig von der Höhe der Strafe für 5-15 Jahre
aus der Schweiz (Art. 66a Abs. 1 StGB). Die Rechtsfolge einer Landesverweisung
ist aufgrund des Verschuldens und der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu
bestimmen (Urteile 6B_249/2020 vom 27. Mai 2021 E. 6.2.1; 6B_627/2018 vom
22. März 2019 E. 1.3.4). Die Dauer der ausgesprochenen Landesverweisung
muss verhältnismässig sein und soll gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung in einem adäquaten Verhältnis zur Dauer der ausgefällten
Freiheitsstrafe stehen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_549/2019 vom
29. Mai 2019 E. 2.3; BGE 123 IV 107 E. 3). Dabei ist namentlich auch einer aus
einer langen Anwesenheit in der Schweiz folgenden Härte Rechnung zu tragen
(Urteil 6B_249/2020 vom 27. Mai 2021 E. 6.2.1; vgl. Urteile 6B_1270/2020 vom
10. März 2021 E. 9.5; 6B_689/2019 vom 25. Oktober 2019 E. 1.8). Dem
Sachgericht kommt bei der Festlegung der Dauer der Landesverweisung ein
weites Ermessen zu (Urteil 6B_249/2020 vom 27. Mai 2021 E. 6.2.1; vgl. Urteile
6B_1270/2020 vom 10. März 2021 E. 9.5; 6B_736/2019 vom 3. April 2020
- 48 -
E. 1.2.3; 6B_690/2019 vom 4. Dezember 2019 E. 5, nicht publ. in: BGE 146 IV
105).
Durch die Begehung eines versuchten Mordes hat sich die Beschuldigte eines
äusserst schwerwiegenden Delikts schuldig gemacht und sie wird mit einer sehr
hohen Freiheitsstrafe bestraft. Ihr Verschulden wiegt schwer und sie hat durch ihr
hinterhältiges Tatvorgehen eine hohe kriminelle Energie an den Tag gelegt. Auch
wenn die Fernhaltemassnahme für die Beschuldigte aufgrund ihrer langen An-
wesenheit in der Schweiz eine grosse Härte zeitigen wird, erweist sich insbe-
sondere angesichts des begangen Delikts und der hierfür auszufällenden
Sanktion eine Dauer der Landesverweisung deutlich in der oberen Hälfte des
verfügbaren gesetzlichen Rahmens von 5 bis 15 Jahren als verhältnismässig und
angemessen. Die Beschuldigte ist für 12 Jahre aus der Schweiz zu verweisen.
6.6. Landesverweisungen gegenüber Ausländern aus Staaten, die nicht zum
Schengen-Raum gehören, werden dann im Schengen-Informationssystem
ausgeschrieben, wenn davon auszugehen ist, dass die Anwesenheit der be-
treffenden Person im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates die öffentliche
Sicherheit und Ordnung gefährdet. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der
Drittstaatsangehörige wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit
mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht ist (Art. 24 Abs. 2 SIS-II-VO, vgl.
Art. 96 Abs. 2 lit. a Schengener Durchführungsübereinkommen [SDÜ]). Gemäss
Entscheid des Bundesgerichts 6B_1178/2019 vom 10. März 2021 setzt die
Ausschreibung eines Einreiseverbots im SIS indes weder eine strafrechtliche
Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr noch eine
Verurteilung zu einer Tat mit einer abstrakten Mindeststrafandrohung von einem
Jahr Freiheitsstrafe voraus (E. 4.6 und 4.8). Es komme vielmehr darauf an, ob die
Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu bejahen sei, wobei für deren
Annahme – gerade bei Nichtunionsbürgern – keine allzu hohen Anforderungen
gestellt würden (E. 4.7.2.). Gemäss Art. 24 Abs. 1 SIS-II-VO (EG Nr. 1987/2006)
darf eine Ausschreibung nur auf der Grundlage einer individuellen Bewertung
ergehen und es muss eine Verhältnismässigkeitsprüfung vorgenommen werden
(so auch ausdrücklich das Bundesgericht in 146 IV 172 E 3.2.2.).
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Mit der Vorinstanz ist festzuhalten (Urk. 126 S. 208 bis 210), dass die soeben
beschriebenen Voraussetzungen für die Ausschreibung im SIS vorliegend ohne
Weiteres erfüllt sind, zumal die Beschuldigte wegen eines der schwersten Delikte
des Strafgesetzbuches verurteilt wird und hierfür mit einer langen Freiheitsstrafe
bestraft wird. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informa-
tionssystem erweist sich demnach als verhältnismässig.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die vorinstanzliche Kostenregelung ist zu bestätigen, zumal der zusätzliche
teilweise Freispruch von einem der Betrugsvorwürfe im Rahmen des gesamten
sehr umfangreichen Verfahrens und der Schwere der übrigen Delikte und insbe-
sondere des Tötungsdelikts nicht relevant ins Gewicht fällt (Art. 426 StPO;
Urk. 126 S. 227 f.; Urteilsdispositiv-Ziff. 24 und 25).
2.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist angesichts des grossen
Aktenumfangs, des notwendigen Bearbeitungsaufwands und der Schwere der zu
beurteilenden Delikte auf CHF 8'000.– festzusetzen (Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m.
§ 16 Abs. 1 und § 14 GebV OG).
Die geltend gemachten Kosten der amtlichen Verteidigung sind ausgewiesen
(Urk. 224) und erscheinen angemessen. Sie sind lediglich aufgrund der
gegenüber der darin enthaltenen Schätzung leicht kürzeren Dauer der
Berufungsverhandlung leicht nach unten anzupassen, weshalb die amtliche
Verteidigerin für ihre Bemühungen im Berufungsverfahren mit CHF 33'750.– aus
der Gerichtskasse zu entschädigen ist. Die Kosten des unentgeltlichen Vertreters
des Privatklägers sind ebenfalls ausgewiesen (Urk. 223) und erscheinen
angemessen. Er ist mit gerundeten CHF 3'500.– aus der Gerichtskasse zu
entschädigen.
2.2. Im Berufungsverfahren unterliegt die Beschuldigte vollumfänglich, wohin-
gegen die Anklagebehörde mehrheitlich obsiegt. Es rechtfertigt sich, die Kosten
des Berufungsverfahrens im Umfang von 9/10 der Beschuldigten aufzuerlegen
und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der – aktuellen und
- 50 -
vormaligen – amtlichen Verteidigungen der Beschuldigten sowie der unentgeltli-
chen Rechtsvertretung des Privatklägers B._ werden im Umfang von 9/10
einstweilen und im Umfang von 1/10 definitiv auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt die Rückforderung bei der Beschuldigten im Umfang von 9/10
gemäss Art. 135 Abs. 4 und Art. 138 Abs. 1 StPO.