# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** dc5765d0-5bb6-4fb8-be9f-2b044856b2f2
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 16. Oktober 2014 (DG140272)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom 11. Juni
2014 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. HD 20).
Urteil der Vorinstanz:
1. Das Verfahren betreffend den Anklagepunkt der mehrfachen Widerhandlung
gegen das BG über die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe im
Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG wird für den Zeitraum bis zum 15. Oktober
2011 zufolge Verjährung eingestellt.
2. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1-3 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− des mehrfachen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB,
− des mehrfachen Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB,
− der unrechtmässigen Aneignung im Sinne von Art. 137 Ziff. 2 Abs. 1 StGB und
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG für den Zeitraum ab 15. Oktober 2011.
3. Vom Vorwurf der mehrfachen, teilweise versuchten Nötigung im Sinne von
Art. 181 StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (ND 7) wird
der Beschuldigte freigesprochen.
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit 36 Monaten Freiheitsstrafe, wovon bis
und mit heute 67 Tage durch Haft erstanden sind sowie mit einer Busse von
CHF 200.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 26 Monaten aufgescho-
ben und die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (10 Monate), ab-
züglich 67 Tage, die durch Untersuchungshaft erstanden sind, wird die Frei-
heitsstrafe vollzogen. Die Busse ist zu bezahlen.
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6. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen.
7. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
17. April 2014 beschlagnahmte Klappmesser (Asservat-Nr. ...; Sachkauti-
ons-Nr. ...) wird eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlas-
sen.
8. Die sichergestellten Betäubungsmittel (Asservat-Nrn. ..., ..., ... und ...)
werden eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
9. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
17. April 2014 beschlagnahmten CHF 2'950 (Kassenbeleg Nr. ... vom
22. April 2014) werden zur Deckung der Verfahrenskosten verwendet.
10. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
17. April 2014 beschlagnahmten CHF 120 sowie der Bogen mit 51 Lunch-
checks (Sachkautions-Nr. ...) werden dem Privatkläger B._ nach Eintritt
der Rechtskraft auf erstes Verlangen herausgegeben. Bei Nichtabholung
verfallen die Gegenstände nach Ablauf von 6 Monaten an den Staat. Sein
Schadenersatzbegehren wird als gegenstandslos geworden abgeschrieben.
11. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
17. April beschlagnahmten CHF 50 sowie die sechs Silber- bzw. silberfarbe-
nen Ringe (Sachkautions-Nr. ...) werden der Geschädigten C._ nach
Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen herausgegeben. Bei Nichtabho-
lung verfallen die Gegenstände nach Ablauf von 6 Monaten an den Staat.
12. Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftung mit D._, E._,
F._ und G._ sowie mit allfälligen Mitbeteiligten verpflichtet, dem
Privatkläger H._ Schadenersatz von CHF 3'750 zuzüglich 5 % Zins ab
8. Oktober 2011 zu bezahlen, wobei er im Innenverhältnis mit den vier na-
mentlich Genannten zu 1/5 haftet.
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13. Der Privatkläger H._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren im
Mehrbetrag auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
14. Der Beschuldigte wird solidarisch mit D._, E._, F._ und
G._ sowie mit allfälligen Mitbeteiligten verpflichtet, dem Privatkläger
H._ CHF 2'000 zuzüglich 5 % Zins ab 8. Oktober 2011 als Genugtuung
zu bezahlen, wobei er im Innenverhältnis mit den vier namentlich Genannten
zu 1/5 haftet.
15. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf
CHF 8'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
CHF 4'454.40 Auslagen Vorverfahren
CHF 5'300.00 Gebühr Strafuntersuchung gem. § 4 Abs. 1 Bst. d GebV StrV
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
16. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten
auferlegt.
17. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO. Die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird mit separatem
Entscheid festgelegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten A._:
(Urk. 72 S. 2 f.)
Es seien die Dispositivziffern 2, 4, 5, 9, 12, 14 und 16 aufzuheben.
Der Berufungskläger sei im Schuld- und Strafpunkt betreffend versuch-
te schwere Körperverletzung freizusprechen. Die Nebendossiers sind
nicht angefochten.
Der Berufungskläger sei mit einer Geldstrafe von maximal 20 Tages-
sätzen betreffend die restlichen Taten zu bestrafen. Die Busse von
CHF 200 betreffend die Übertretungen sei im Falle der Anschlussberu-
fung zu bestätigen.
(In jedem Fall) sei der Vollzug der Strafe bedingt aufzuschieben und
die Probezeit auf 2 Jahre anzusetzen.
Der Restbetrag der beschlagnahmten CHF 2'950.00 seien auf erstes
Verlangen an den Berufungskläger - nach Deckung der Verfahrenskos-
ten des erstinstanzlichen Verfahrens und der Busse - heraus zu geben.
Der Berufungskläger sei von der Schadenersatz- und Genugtuungs-
zahlung an den Privatkläger H._ freizusprechen.
Dem Berufungskläger sei eine Genugtuung in Höhe von
CHF 20'100.00 zuzüglich 5 % Zins seit der Hälfte der erstandenen Haft
zuzusprechen.
Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens seien anteilsmässig auf
die Staatskasse zu nehmen bzw. dem Beschuldigten aufzuerlegen, die
Kosten des Berufungsverfahrens vollumfänglich auf die Staatskasse zu
nehmen.
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Die Kosten der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren sei-
en vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich:
(schriftlich, Urk. 57)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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## Considerations

Erwägungen:
I. Formelles
1. Berufungsanmeldung und Berufungserklärung
1.1. Der Beschuldigte appellierte mit Eingabe vom 24. Oktober 2014 (Poststem-
pel) innert der gesetzlichen Frist gegen das ihm am 17. Oktober 2014 schriftlich
eröffnete erstinstanzliche Urteil (HD 41, HD 42/1, HD 45; Art. 399 Abs. 1 StPO).
Die Staatsanwaltschaft und die Privatkläger ergriffen kein Rechtsmittel.
1.2.1. Am 2. März 2015 nahm die Verteidigung den begründeten erstinstanzlichen
Entscheid entgegen (HD 51/1). Die Berufungserklärung trägt den Poststempel
vom 19. März 2015 und erfolgte damit ebenfalls rechtzeitig (HD 53; Art. 399
Abs. 3 StPO).
1.2.2. Der Beschuldigte ficht die Dispositivziffern 2 (nur mit Bezug auf den
Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung), 4 (Strafe), 5 (Straf-
vollzug), 9 (Verwendung von Fr. 2'950.-- zur Deckung der Verfahrenskosten),
12 (teilweise Schadenersatzregelung), 14 (Genugtuung) und 16 (Kostenauflage)
an. Als mitangefochten zu gelten hat Dispositivziffer 6 (Ersatzfreiheitsstrafe bei
Nichtbezahlung der Busse), da die Ersatzfreiheitsstrafe nicht nur von der Bussen-
höhe, sondern - falls heute, wie von der Verteidigung beantragt, für die übrigen
Delikte eine Geldstrafe ausgefällt würde - auch von der Tagessatzhöhe abhängt.
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Das bezirksgerichtliche Urteil ist damit hinsichtlich der Dispositivziffern 1 (Einstel-
lung des Verfahrens betreffend den Vorwurf der mehrfachen Widerhandlung ge-
gen das BetmG bis zum 15. Oktober 2011), 2 (betreffend die Schuldsprüche we-
gen mehrfachen Diebstahls, mehrfachen Hausfriedensbruchs, unrechtmässiger
Aneignung und mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz),
3 (Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen, teilweise versuchten Nötigung),
7 (Einziehung des Klappmessers), 8 (Einziehung von Betäubungsmitteln),
10 (Herausgabe von Fr. 120.-- sowie 51 Lunchchecks an B._),
11 (Herausgabe von Fr. 50.-- und 6 Ringen an C._), 13 (teilweise Verwei-
sung von H._ mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilpro-
zesses), 15 (erstinstanzliche Kostenfestsetzung) und 17 (Regelung der Kosten
der amtlichen Verteidigung) rechtskräftig, was mittels Beschluss festzustellen ist.
2. Dispensation der Staatsanwaltschaft
Mit Einverständnis der Parteien wurde dem Antrag der Staatsanwaltschaft, sie sei
von der aktiven Beteiligung am weiteren Verfahren zu befreien, stattgegeben
(HD 57 und 59).
3. Aktenergänzung
3.1. Strafbefehl vom 7. Juli 2015
Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland legte einen Strafbefehl vom 7. Juli
2015 zu den Akten, mit welchem der Beschuldigte der groben Verletzung von
Verkehrsregeln für schuldig befunden und mit einer Geldstrafe von 50 Tagessät-
zen zu je Fr. 110.-- sowie Fr. 1'400.-- Busse bestraft wurde. Der Vollzug der Geld-
strafe wurde bei einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben, die Ersatzfrei-
heitsstrafe bei Nichtbezahlung der Busse auf 13 Tage festgelegt.
Dieser Entscheid erging nach dem bezirksgerichtlichen Urteil, das Gegenstand
des vorliegenden Berufungsverfahrens bildet. Es ist daher weder zu jener Geld-
strafe noch zur Busse eine Zusatzstrafe zu bilden.
3.2. Beizug der Akten des pendenten Strafverfahrens gegen die Zeugin I._
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Aufgrund eines Hinweises in der Einvernahme von I._ vom 24. März 2014
(HD 4/3/1/6 S. 4) wurde - da für die vorliegende Sachverhaltswürdigung möglich-
erweise von Belang - der Frage nachgegangen, was Gegenstand des gegen die
Zeugin laufenden Strafprozesses ist. Es stellte sich heraus, dass das Einzelge-
richt in Strafsachen des Bezirksgerichts Uster diesbezüglich am 23. Juni 2015 ein
Urteil gefällt hat. Die diesbezüglich verfügbaren Akten wurden beigezogen (HD
63/1 ff.).
4. "Unterdrückung von Beweismitteln durch die Staatsanwaltschaft / Vereitelung
der Beweiswürdigung"
Auf die Einwendungen der Verteidigung im Zusammenhang mit dem Verhalten
der Staatsanwaltschaft betreffend Videoüberwachung wird zur Vermeidung von
Wiederholungen im Rahmen der Sachverhaltswürdigung eingegangen (unten
Ziff. II.A.4.3).
5. Verwertbarkeit von Einvernahmen
Die Verteidigung monierte vor Vorinstanz, die beiden Befragungen des Beschul-
digten vom 8. Oktober 2011 seien nicht zu dessen Lasten verwertbar, weil ihm
dafür keine amtliche Verteidigung bestellt worden sei, obschon der Beschuldigte
von Anfang an unter dem Verdacht der Begehung einer schweren Körperverlet-
zung gestanden habe, mithin ein Fall notwendiger Verteidigung vorgelegen habe
(HD 38 S. 3 f., HD 53 S. 3, HD 72 S. 9 ff.).
Tatsächlich wurde der Beschuldigte am Verhaftstag zunächst durch die Polizei
(HD 4/2/1/1) und danach im Rahmen der Hafteinvernahme durch die Staatsan-
waltschaft (HD 4/2/1/2) ohne Beisein eines Verteidigers einvernommen. Dieses
Vorgehen war aber nicht ungesetzlich.
Zwar gibt Art. 159 StPO (vgl. auch Art. 129 StPO) dem Beschuldigten das Recht,
schon für die erste Befragung einen Verteidiger beizuziehen ("Anwalt der ersten
Stunde"), wozu die Einvernahme nötigenfalls unterbrochen (wenn auch nicht ver-
schoben) werden muss. Auf diesen Anspruch wurde der Beschuldigte indes zu
Beginn beider Befragungen explizit und für ihn verständlich hingewiesen, ohne
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dass er hernach davon Gebrauch gemacht hätte (HD 4/2/1/1 S. 1, HD 4/2/1/2
S. 1, Art. 158 Abs. 1 lit. c StPO). Die spitzfindige Interpretation der diesbezügli-
chen Hinweise durch die Verteidigung (HD 72 S. 9 und S. 10) ist verfehlt: Wer da-
rauf hingewiesen wird, dass er eine Verteidigung auf eigene Kosten bestellen
oder eine amtliche Verteidigung beantragen kann, der versteht, was damit ge-
meint ist und meldet sich, wenn er dies will; er braucht nicht noch ausdrücklich ge-
fragt zu werden, ob er nun einen Verteidiger beiziehen will oder darauf verzichtet.
Insoweit besteht somit kein Beweisverwertungsverbot.
Retrospektiv betrachtet lag sodann bei Einleitung des Vorverfahrens ein Fall not-
wendiger Verteidigung im Sinne von Art. 130 lit. b StPO vor. Der Beschuldigte
stand aufgrund der Aussagen von Auskunftspersonen unter Verdacht, sich an ei-
ner Körperverletzung beteiligt zu haben. Bei einer solchen Konstellation ist die
Verteidigung gemäss Art. 131 Abs. 2 StPO nach der ersten Einvernahme durch
die Staatsanwaltschaft - also nachdem sich diese als Verfahrensleitung persönlich
(nicht bloss auf der Basis des Polizeirapports, wie die Verteidigung genügen las-
sen will, HD 72 S. 11) ein erstes Bild über die Straftat und die rechtliche Würdi-
gung und damit die Notwendigkeit der Verteidigung machen konnte - sicherzustel-
len. Dieser gesetzlichen Vorgabe wurde nachgelebt: Am 8. Oktober 2011 führte
der Staatsanwalt die Hafteinvernahme mit dem Beschuldigten durch und stellte
am Ende der Befragung fest, dass eine notwendige Verteidigung vorliege
(HD 4/2/1/2 S. 8). Am 10. Oktober 2011 gab der Haftrichter dem Beschuldigten für
das gerichtliche Haftprüfungsverfahren einen amtlichen Verteidiger in der Person
von Rechtsanwalt Dr. iur. X2._ bei. Drei Tage später bestellte die Ober-
staatsanwaltschaft - rückwirkend per 10. Oktober 2011 - denselben Rechtsanwalt
als amtlichen Verteidiger für das Vorverfahren (HD 14/3). Am 7. Dezember 2011
wurde der Beschuldigte im Beisein des Verteidigers zum zweiten Mal von der
Staatsanwaltschaft einvernommen (HD 4/2/1/3).
Die Staatsanwaltschaft handelte mithin, sobald die Notwendigkeit der Verteidi-
gung für sie erkennbar war, nämlich nach der ersten Einvernahme des Beschul-
digten durch sie. Damit sind nicht nur die nachfolgenden, sondern auch die ersten
beiden Befragungen (zunächst durch die Polizei, dann die Staatsanwaltschaft)
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verwertbar, wie bereits die Vorinstanz zutreffend erkannte (HD 52 S. 9 ff.). Eben-
so wenig besteht Anlass, den Zeitpunkt der Bestellung der amtlichen Verteidigung
strafmindernd zu veranschlagen (HD 72 S. 11).
Fragen im Zusammenhang mit 131 Abs. 3 StPO stellen sich unter diesen Um-
ständen nicht, weshalb auf die "Anmerkung" im bezirksgerichtlichen Entscheid
(HD 52 S. 11, letzter Satz vor Ziffer 5) nicht weiter eingegangen zu werden
braucht.
6. Anklageprinzip
Die Verteidigung vertrat vor Vorinstanz die Auffassung, die Anklageschrift genüge
in mehrfacher Hinsicht den Anforderungen des Akkusationsprinzips nicht (HD 38
S. 4 bis 7, HD 72 S. 12; Art. 325 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 9 Abs. 1 StPO).
Das Bezirksgericht hat sich eingehend und zutreffend mit den Argumenten ausei-
nandergesetzt und ist richtigerweise zum Ergebnis gelangt, dass der Anklage-
grundsatz nicht verletzt ist. Auf diese Erwägungen kann zur Vermeidung unnöti-
ger Wiederholungen verwiesen werden (HD 52 S. 13 ff.).
Ergänzend sei zum Einwand der ungenügenden Lokalisierung der Tat (vgl. HD 72
S. 12) angemerkt, dass eine genauere Umschreibung des Ortes, an dem der Be-
schuldigte zum Geschehen hinzugekommen und das Opfer getreten haben soll
als: "auf dem J._-Platz bzw. [in] der unmittelbaren Region des J._-
Platzes in Zürich ..." (HD 28 S. 2) durchaus möglich gewesen wäre, ergibt sich
doch unter anderem aus den Aussagen von Befragten und den Fotos vom Tatort
(HD 3), dass dieses Ereignis sich nahe beim ...-Brunnen bzw. im Bereich zwi-
schen diesem und der daran anschliessenden Tramhaltestelle abgespielt haben
soll.
Dem Beschuldigten und seinem Verteidiger waren nun aber die entsprechenden
Aussagen Dritter zum Tatort und die übrigen sich darauf beziehenden Akten be-
kannt. Seine eigenen Vorbringen und diejenigen der Verteidigung zeigen denn
auch, dass ihm auch ohne präzise Umschreibung in der Anklageschrift stets klar
war, wo die ihm zur Last gelegte Gewaltanwendung stattgefunden haben soll (vgl.
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beispielsweise die Einträge auf dem von der Verteidigung vor Vorinstanz einge-
reichten Situationsplan [Anhang zu HD 38]).
Kannte der Beschuldigte nun aber den Tatort hinreichend genau, kann er sich
nicht mit Erfolg darauf berufen, dass dieser in der Anklageschrift nur relativ grob
umschrieben ist. Von einer beachtlichen Verletzung des Anklageprinzips kann
nicht die Rede sein. Die Verteidigung hat vor Vorinstanz denn auch selbst einge-
räumt, dass der von ihm geltend gemachte Mangel "nicht entscheidend" ist
(Prot. I S. 13).
II. Schuldpunkt
A. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Die Staatsanwaltschaft hat mit Bezug auf das im Schuldpunkt einzig noch zu be-
urteilende Hauptdossier (HD) eine Haupt- und eine Eventualanklage erhoben
(HD 28 S. 2 bis 6). Die Anklageschrift liegt diesem Urteil bei. Dem Beschuldigten
wird darin zusammengefasst vorgeworfen, Anfang Oktober 2011 sei es auf dem
J._-Platz in Zürich zu einer zunächst verbalen Auseinandersetzung zwischen
dem Beschuldigten und mehreren Mitbeschuldigten einerseits und insbesondere
dem (ebenfalls von weiteren Personen begleiteten) Privatkläger H._ gekom-
men. Im weiteren Verlauf hätten mehrere Personen den Privatkläger angegriffen
und ihn mit Faustschlägen und Fusstritten, insbesondere auch gegen den Kopf,
traktiert. Der Beschuldigte habe sich dann den Schlägern angeschlossen und
dem bereits wehrlos am Boden liegenden Privatkläger ebenfalls mehrere heftige
Fusstritte namentlich gegen den Oberkörper versetzt. Der Privatkläger habe ein
Schädelhirntrauma und weitere Kopfverletzungen sowie ein Thoraxtrauma erlit-
ten. In der Hauptanklage wird festgehalten, es sei beim Privatkläger H._
zwar keine schwere Körperverletzung eingetreten, doch habe der Beschuldigte
eine solche bei seinem gleich massgeblichem Zusammenwirken mit den anderen
gewaltsam auf die körperliche Integrität des Privatklägers einwirkenden Personen
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(mithin als Mittäter) zumindest in Kauf genommen. Die Eventualanklage enthält
demgegenüber den eingeschränkten Vorwurf, der Beschuldigte habe zumindest
in Kauf genommen, dass mit ihm mehrere Mitbeteiligte auf den Körper des Privat-
klägers gewaltsam einwirken würden.
2. Grundlagen der Beweiswürdigung
Die Vorinstanz hat die Grundlagen der Beweiswürdigung zutreffend dargelegt
(HD 52 S. 19 ff.). Auch diese Ausführungen brauchen hier nicht repetiert zu wer-
den.
3. Inhalt der Aussagen der Parteien, Auskunftspersonen und Zeugen
Alsdann hat das erstinstanzliche Gericht die Aussagen der Parteien und zahlrei-
cher Dritter rekapituliert (HD 52 S. 22ff.). Eine nochmalige Zusammenfassung all
dieser Aussagen an dieser Stelle kann unterbleiben. Entscheidrelevante Vorbrin-
gen werden im Rahmen der nun folgenden Sachverhaltswürdigung zitiert.
4. Sachverhaltswürdigung
4.1. Aussagen der Belastungspersonen
Die Anklage basiert in erster Linie auf den Aussagen der Zeuginnen K._,
I._ und L._.
4.1.1. Glaubwürdigkeit der Belastungspersonen
4.1.1.1. L._ gab in den Befragungen an, weder den Beschuldigten noch den
Privatkläger H._ zu kennen und mit beiden auch nicht verwandt oder ver-
schwägert zu sein (HD 4/3/2/1 S. 1 f., HD 4/3/2/4 S. 1, HD 4/3/2/6 S. 2 f. und S.
8). Der Beschuldigte sagte aus, L._ zwar schon im Ausgang gesehen, jedoch
noch nie mit ihr gesprochen zu haben (HD 4/2/1/3 S. 3). Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung vermochte er sich daran nicht mehr zu erinnern, schloss aber
auch nicht aus, sie in der Freizeit einmal gesehen zu haben (Prot. II. S. 27).
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K._ führte in den Befragungen aus, den Beschuldigten vor dem Vorfall noch
nie gesehen zu haben und den Privatkläger nicht zu kennen (HD 4/3/4/1 S. 1, HD
4/3/4/2 S. 2, HD 4/3/4/6 S. 2 ff.). Der Beschuldigte erklärte ebenfalls, diese Zeugin
noch nie gesehen zu haben (HD 4/2/1/3 S. 3).
Angesichts dieser Aussagen ist davon auszugehen, dass weder die Zeugin
K._ noch die Zeugin L._ mit dem Beschuldigten oder dem Privatkläger
in einer Verbindung stand, welche ihre Aussagen beeinflusst haben könnte. Ins-
besondere ist eine feind- oder freundschaftliche Beziehung zu den Parteien, wel-
che eine Befangenheit indizieren könnte, nicht auszumachen. Damit besteht auch
kein Anlass zur Annahme, eine oder beide Zeuginnen hätten den Beschuldigten
aus Bosheit oder Rache wissentlich und willentlich zu Unrecht belastet. Bleibt
festzuhalten, dass auch der Beschuldigte "keine Erklärung dafür" hatte, weshalb
er von K._ und L._ belastet wurde, ausser, dass es sich um eine Ver-
wechslung handle (HD 36 S. 5, Prot. II S. 26).
4.1.1.2. I._ erklärte, sie kenne den Beschuldigten, weil er jeweils im ...
J._ "abhänge", doch habe sie bis zum Vorfall noch nie mit ihm gesprochen
(HD 4/3/1/1 S. 1, HD 4/3/1/5 S. 2 ff., HD 4/3/1/6 S. 2). Den Privatkläger kenne sie
nicht (HD 4/3/1/5 S. 2 f.).
Der Beschuldigte gab an, er sei zwei-, dreimal mit der Zeugin "herumgehängt". Da
sie sich jedoch nicht überaus gut verstanden hätten, hätten sie die Beziehung
nicht weiter gepflegt; er habe I._ daher auch nicht näher kennen lernen wol-
len (HD 4/2/1/3 S. 2). In der Berufungsverhandlung führte er aus, I._ vor dem
8. Oktober 2011 schon gesehen, sie aber nicht gekannt zu haben (Prot. II S. 27).
Die Verteidigung unterstellt, I._ habe den Beschuldigten zu Unrecht belastet,
um ihren Ex-Freund und Vater ihres Kindes zu entlasten und weil zwischen ihr
und dem Beschuldigten ein "schlechtes Verhältnis" bestanden habe bzw. sie sich
nicht gut verstanden hätten (vgl. insb. HD 72 S. 29 f. und S. 37). Mit der Bemer-
kung, es habe "aus der Vergangenheit ... noch ein Schmerz, der nicht vergessen
ist" resultiert (a.a.O. S. 30), suggeriert der Verteidiger, dass I._ einst eine
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Beziehung zum Beschuldigten angestrebt habe und ihn nun aus Wut und/oder
Enttäuschung über die Zurückweisung falsch angeschuldigt habe.
Inwiefern für I._ in der Tatnacht eine Notwendigkeit bestanden haben könnte,
den Beschuldigten als Täter hinzustellen, um vom Tatverdacht gegen ihren Ex-
Freund abzulenken, ist nicht ersichtlich. Verfehlt ist zunächst der Hinweis der Ver-
teidigung auf das gemeinsame Kind, denn dieses war im Zeitpunkt der ersten Be-
lastungen I._s noch gar nicht gezeugt. Der Ex-Freund I._s erscheint so-
dann in den Akten nirgends als verdächtige Person oder auch nur Augenzeuge,
wurde also offensichtlich, obschon vor Ort, gar nicht polizeilich tangiert oder gar
verhaftet. Dass I._ den Beschuldigten rein vorsorglich falsch angeschuldigt
haben könnte, weil ihr gelegen kam, dass er gleichfarbene Hosen (aber ganz an-
dere Schuhe) trug wie der Ex-Freund (HD 72 S. 37), erscheint als zu weit herge-
holt, um glaubhaft zu sein.
Dies zumal auch nicht anzunehmen ist, I._ habe den Beschuldigten ohne
Hemmschwelle belastet, weil dieser mit ihr einst keine Beziehung habe eingehen
wollen. Der Beschuldigte persönlich brachte in keinem Zeitpunkt vor, ein solches
Motiv hinter der Anschuldigung zu vermuten. Vielmehr sprach er etwa in der Beru-
fungsverhandlung nur von einer Verwechslung, der I._ (wie K._ und
L._) erlegen sei (Prot. II S. 26, vgl. schon HD 4/2/1/3 S. 2). Er erklärte auch
entgegen der Darstellung der Verteidigung nicht, es habe ein "schlechtes Verhält-
nis" zwischen ihnen bestanden bzw. sie hätten sich "nicht gut verstanden", son-
dern lediglich, sie hätten sich nicht überaus gut verstanden, weshalb er die Bezie-
hung nicht weiter gepflegt habe. I._ ihrerseits nahm den Beschuldigten (wo-
rauf noch näher einzugehen sein wird) im Verlaufe der Untersuchung sogar zeit-
weise in Schutz, was sie (unabhängig davon, ob sie in diesem Zeitpunkt ihren Ex-
Freund noch liebte, HD 72 S. 36 f.) wohl kaum getan hätte, wenn sie ihn von An-
fang an aus Groll über eine Abweisung belastet hätte. Die beiden kannten sich of-
fenbar schlicht und bloss deswegen nicht näher, weil sie zwar einige Male ge-
meinsam am J._ herumhingen, sich aber nicht sonderlich sympathisch wa-
ren. Um dies festzustellen, bedurfte es keiner eingehenden Gespräche, weshalb
auch nicht verdächtig ist, dass I._ vermeinte, mit dem Beschuldigten vor der
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Tat gar nie gesprochen zu haben. Daran ändert auch nichts, dass sie in der letz-
ten Befragung vom März 2014 nicht ausschloss, irgendwann einmal im Besitz der
Mobiltelefonnummer des Beschuldigten gewesen zu sein (HD 4/3/1/6 S. 6), konn-
te dies - so dem überhaupt so gewesen sein sollte - doch auch im Zusammen-
hang mit der Begegnung im Verlaufe der Untersuchung (auf die ebenfalls noch
einzugehen sein wird) stehen. Wie unverbindlich-distanziert ihr Verhältnis vor der
Tat war, zeigt sich im Übrigen nicht zuletzt darin, dass der Beschuldigte in der Be-
rufungsverhandlung angab, er kenne I._ (wie K._ und L._) nicht, er
habe sie nur ab und zu gesehen (Prot. II S. 27).
Auch mit Bezug auf diese Belastungsperson besteht damit kein Anlass, von einer
die Glaubwürdigkeit beeinträchtigenden Beziehung zum Beschuldigen oder dem
Privatkläger auszugehen.
Nicht zu überzeugen vermögen sodann die Ausführungen der Verteidigung, mit
denen sie dartun will, dass I._ nicht glaubwürdig sei, weil sie "ihr Leben of-
fensichtlich nicht im Griff" habe (HD 72 S. 30 f.).
Getrübt wird die allgemeine Glaubwürdigkeit von I._ allerdings dadurch, dass
sie unter anderem wegen falscher Anschuldigung in einem Strafverfahren steht.
Laut Anklageschrift hatte sie am 15./16. November 2012 - mithin ein gutes Jahr
nach dem vorliegend interessierenden Vorfall - auf Wunsch einer Kollegin gegen-
über der Polizei wider besseres Wissen behauptet, selbst gesehen zu haben, wie
der Vater der Kollegin diese geschlagen habe. Ausserdem habe er sie bedroht
(HD 63/2 S. 3 f.). Das Einzelgericht in Strafsachen des Bezirksgerichts Uster ver-
urteilte die sich nicht schuldig bekennende Zeugin I._ mit Urteil vom 23. Juni
2015 (unter anderem) wegen falscher Anschuldigung im Sinne von Art. 303 Ziff. 1
und 2 StGB (HD 63/3 S. 3). I._ hat jedoch dagegen Berufung erhoben, wes-
halb das Urteil nicht rechtskräftig ist (HD 63/1).
Das laufende Strafverfahren beeinträchtigt zwar die allgemeine Glaubwürdigkeit,
doch kommt dieser im Rahmen der Sachverhaltswürdigung nach der jüngeren
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur beschränkte Bedeutung zu. Massge-
blich ist demnach die Glaubhaftigkeit der konkreten Vorbringen. Diese Praxis
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überzeugt, denn auch wer einmal jemanden falsch angeschuldigt hat, kann in an-
derem Zusammenhang eine Person wahrheitsgemäss belasten, genauso wie ein
bisher unbescholtener Zeuge die Unwahrheit sagen kann. Immerhin ist eine ganz
besonders vorsichtige Würdigung der Aussagen von I._ angezeigt.
4.1.2. Würdigung der Aussagen der Belastungspersonen
4.1.2.1. Zur Tathandlung
Die Aussagen der Belastungspersonen K._, I._ und L._ decken
sich insoweit, als alle drei mehrfach - sowohl in der nur gut eine Stunde nach dem
Vorfall erfolgten polizeilichen Befragung als auch in späteren Einvernahmen - be-
richteten, eine Person in beigen Hosen und mit beigen Schuhen habe beim Brun-
nen vor dem J._, gemeinsam mit einer ganzen Reihe anderer Angreifer, auf
den Oberkörper eines wehrlos am Boden liegenden Mannes eingetreten (vgl. et-
wa K._ in HD 4/3/4/1 S. 2 f. und HD 4/3/4/6 S. 10, 12, 14 und 15; I._ in
HD 4/3/1/1 S. 2 ff., HD 4/3/1/2 S. 1 und HD 4/3/1/5 S. 9; L._ in HD 4/3/2/1 S.
2 f., HD 4/3/2/4 S. 2). Danach sei der auffällig gekleidete Täter in die M._
[Ort] geflüchtet.
Die Schilderungen der Zeuginnen K._ und L._ sind diesbezüglich klar,
konstant, und sie wirken authentisch. Sie berichteten nachvollziehbar und über-
einstimmend mit den örtlichen Verhältnissen, wie sie unmittelbar nach dem Be-
steigen eines Taxis beim Stand zwischen J._ und (...-)Brunnen auf das Ge-
schehen aufmerksam geworden seien, das bereits anfahrende Transportmittel
hätten stoppen lassen, um zu helfen, und wie sie dann die Tat aus wenigen Me-
tern Entfernung mitverfolgt hätten.
Aus einem anderen Blickwinkel schilderte I._ das Ereignis. Sie gab an, auf
dem Weg von der Apotheke beim J._ zum N._ [Restaurant] gewesen zu
sein (wo sie die Toilette habe aufsuchen wollen), als sich die Attacke auf den Pri-
vatkläger angebahnt habe. Zwischendurch sei sie sogar gewissermassen zwi-
schen den Fronten gewesen, habe sich ducken müssen, weil ein Pflasterstein
über sie hinweg gegen den Privatkläger geworfen worden sei. Das Opfer habe
- 17 -
flüchten wollen, sei aber von den Angreifern bei der Tramhaltestelle gestellt und
zu Boden gebracht worden. Der erst im Verlauf des Geschehens hinzugekom-
mene Slawe mit der beigen Aufmachung habe mit den anderen auf das Opfer
eingetreten, das zunächst noch schützend seine Hände vors Gesicht gehalten
habe, dann aber offensichtlich plötzlich bewusstlos geworden sei und seine De-
ckung fallenlassen habe. I._ habe befürchtet, der Mann sei tot. Diese plasti-
sche, in sich widerspruchsfreie und mit eigenen Empfindungen und Reaktionen
durchsetzte Schilderung wirkt ebenfalls tatsächlich erlebt.
Divergenzen in den Aussagen der drei Zeuginnen liegen zwar vor. So sprach
I._ nur von einem Pflastersteinwurf auf den Privatkläger, der diesen am Fuss
getroffen habe, während L._ erklärte, gesehen zu haben, wie ein Täter mit
einem solchen würfelartigen Stein auf den Kopf des Geschädigten geschlagen
habe und K._ sogar zweimaliges solches Schlagen gesehen haben will. Die-
se Inkompatibilitäten mindern die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Belastungs-
personen jedoch nicht, lassen sie sich doch darauf zurückführen, dass die drei
Zeuginnen die Tat aus verschiedenen Blickwinkeln verfolgten und sich ihr Au-
genmerk zweifelsohne auch nicht immer gleichzeitig auf die selbe der Vielzahl
von Personen, die den Privatkläger attackierten, gerichtet hat.
Eine Ungereimtheit zum eingeklagten Tathergang in den Aussagen von I._
betrifft sodann den Zeitpunkt, in dem der Beschuldigte zum Geschehen gestossen
sein soll und gleichzeitig die Frage, wann seine Gewalteinwirkung auf den Privat-
kläger begann. Dass sie diesbezüglich in der ersten Befragung erklärte, der Sla-
we mit der beigen Bekleidung sei schon hinzugetreten, als das Opfer noch stand
und alle Täter zusammen hätten dann auf den Privatkläger eingeschlagen, worauf
dieser zu Boden gegangen sei, besagt nicht zwingend, dass sie damit tatsächlich
ausdrücken wollte, der Täter mit den beigen Hosen und Schuhen habe die körper-
liche Integrität des Opfers schon in Mitleidenschaft gezogen, bevor dieses zu Bo-
den ging. Es kann sich hier um eine missverständliche Äusserung I._s han-
deln oder um eine beim Durchlesen übersehene, irrtümlich falsche Protokollierung
handeln. I._ präzisierte ihre anfängliche diesbezügliche Aussage denn auch
anlässlich der zweiten Fotokonfrontation dahingehend, dass die abgebildete Per-
- 18 -
son (der Beschuldigte), die mit dem Mann mit dem beigen Outfit identisch sei, erst
zu einem Zeitpunkt hinzu gekommen sei und auf das Opfer eingetreten habe, als
dieses schon am Boden gelegen habe (HD 4/3/1/4 S. 3). L._ erklärte auf
entsprechende Frage in der zwei Monate nach der Tat erfolgten Zeugeneinver-
nahme, es könne gut sein, dass dieser Täter sich erst in einer "späteren Phase"
eingemischt habe (HD 4/3/2/6 S. 11). K._ erachtete es in der Zeugeneinver-
nahme mit gleichem Datum ebenfalls als möglich, dass die hier interessierende
Person erst später zum Geschehen gestossen sei und war überzeugt davon, dass
dieser Täter nicht dazu beigetragen habe, dass der Privatkläger "auf den Boden
zu liegen" gekommen sei (HD 4/3/4/6 S. 14, 15 und 16). Die Frage, ob der Be-
schuldigte schon dabei war und zu schlagen begann, als der Privatkläger noch
stand, braucht indes nicht abschliessend beantwortet zu werden, wirft die Ankla-
gebehörde dem Beschuldigten doch gar nicht vor, schon den stehenden Privat-
kläger malträtiert zu haben.
Was die Häufigkeit und Intensität der Tritte betrifft, so nahm K._ dazu erst-
mals rund zwei Monate nach dem Vorfall, in der Zeugeneinvernahme, Stellung.
Sie gab zunächst generell an, das Opfer sei von heftigen Tritten getroffen worden
(HD 4/3/4/6 S. 10). Zur Stärke der Einwirkung der hier interessierenden Person
führte sie aus, diese habe "einfach schnell nacheinander" gegen den Privatkläger
getreten; sie denke deshalb, diese Tritte seien nicht besonders heftig gewesen
(S. 16).
I._ gab demgegenüber anlässlich der polizeilichen Befragung vom 28. Okto-
ber 2011 auf die Frage, ob sie sagen könne, mit wie viel Kraft die beiden von ihr
bezeichneten Täter, darunter der Beschuldigte, auf das Opfer eingetreten habe,
an: "Für mich sah es so aus, als hätten sie mit voller Kraft zugetreten" (HD 4/3/1/4
S. 3). In der Zeugeneinvernahme sprach sie von heftigen Fusstritten (HD 4/3/1/5
S. 11), ordnete diese aber nicht zwingend der hier interessierenden Person zu,
wie sich unter anderem aus dem Umstand ergibt, dass I._ praktisch im glei-
chen Atemzug angab, das Opfer habe die meisten Tritte an den Kopf erhalten;
der beige bekleideten und beschuhten Person werden aber in der Anklageschrift
- 19 -
nur Attacken gegen den Oberkörper des am Boden liegenden Privatklägers zuge-
rechnet.
L._ schliesslich gab zwar rund einen Monat nach dem Vorfall sogar an, be-
sagte Person habe sicher fünf Mal getreten und dabei mit einem Bein "ausgeholt
und in die Seite vom Opfer reingekickt, wie wenn man einen Fussball kickt"
(HD 4/3/2/4 S. 2). Einen weiteren Monat später erklärte sie demgegenüber - als
Zeugin einvernommen -, nicht beurteilen (HD 4/3/2/6 S. 8) bzw. nicht mehr sagen
zu können (S. 10), wie oft der Täter getreten habe und ob die Tritte leicht, mittel-
schwer oder heftig gewesen seien (HD 4/3/2/6 S. 8 und 10).
Die Aussagen der Belastungspersonen divergieren hier wesentlich. I._
sprach zwar immer von kraftvollen Tritten, meinte damit aber nicht sicher den Be-
schuldigten, L._ dagegen nur anlässlich der Fotokonfrontation. Dass L._
sich anlässlich der Zeugeneinvernahme nicht mehr in der Lage sah, zur Anzahl
und Stärke der Tritte Stellung zu nehmen, kann seinen Grund in diesbezüglich
verblichener Erinnerung infolge Zeitablaufs, möglicherweise gepaart mit in einer
Verdrängung des schlimmen Anblicks, haben, in Angst vor dem Beschuldigten
oder einer sonstwie gearteten Hemmung, den Beschuldigten so schwer zu belas-
ten, doch ist nichts davon hinreichend gesichert. Die Zeugin K._ wiederum
will nur viele kurze Schläge mit dem Fuss gesehen haben und stuft diese als nicht
besonders heftig ein.
Angesichts dieser Inkongruenzen ist auf die für den Täter günstigste Variante ab-
zustellen, wonach er zwar mehrfach auf den Oberkörper des wehrlos am Boden
liegenden Opfers eintrat, dies jedoch nicht mit erheblicher Wucht. Das lässt sich
auch mit dem Verletzungsbild am Oberköper in Einklang bringen; dort konnte ein-
zig eine Sternumkontusion (Brustbeinprellung) festgestellt werden (vgl. dazu
HD 5/4, HD 4/1/1/2 S. 6 und HD 7/5/1/4), die im Übrigen auch vom Tatbeteiligten
O._ stammen könnte, der zugab, den Privatkläger - unter anderem gegen
den Oberkörper - "mittelfest gekickt" zu haben (HD 4/2/11/3 S. 9, 15).
4.1.2.2. Zur Täterschaft
- 20 -
Kernfrage ist, ob die Tat dem Beschuldigten zugeordnet werden kann.
4.1.2.2.1. Zum Erkenntniswert der Bekleidung
Klarzustellen ist im Weiteren, dass allein der Umstand, dass der Beschuldigte
- der Täterbeschreibung der Belastungspersonen entsprechend - beige Hosen
und halbhohe Schuhe bzw. "Arbeiterstiefel" ähnlich denjenigen der Marke Timber-
land (jedoch, wie K._ richtig vermutete und auch L._ für möglich hielt,
lediglich typähnliche Schuhe [der Marke "Landrover", HD 4/2/1/2 S. 3]) trug, nicht
genügt, um ihn als Täter zu überführen. Zwar stach der ab Körpermitte abwärts
hell gewandete Angreifer fraglos aus der Gruppe der gemäss diversen Aussagen
überwiegend dunkler gekleideten Angreifer hervor. Doch ist ohne Weiteres mög-
lich, dass sich in jener Wochenendnacht, konkret am Samstag, den 8. Oktober
2011, um ca. 01.00 Uhr, im und um den stark frequentierten ... J._ noch an-
dere junge Erwachsene in einer gleichen oder sehr ähnlichen Aufmachung (und
wie der Beschuldigte in Begleitung zweier Kollegen) aufgehalten haben. Sollten
sich die Zeuginnen K._, I._ und L._ den fraglichen Täter also nur
aufgrund der Hosen und Schuhe gemerkt haben, könnte eine Verwechslung des
Beschuldigten mit dem wahren Täter nicht ohne erhebliche Zweifel ausgeschlos-
sen werden. Immerhin taugt die übereinstimmende Kleiderkombination als - wenn
auch nicht gewichtiges - Indiz für die Täterschaft des Beschuldigten.
Anzumerken bleibt, dass die Verteidigung fehl geht, wenn sie einen Widerspruch
darin ortet, dass bei der Beschreibung der Kleider bzw. Schuhe des Beschuldig-
ten teilweise von "beige", teilweise von "braun" die Rede ist (Prot. I S. 14). "Beige"
ist laut Duden gleichbedeutend mit "sandfarben". Gemäss Wikipedia (Stichwort
"Naturfarben") umfasst der Begriff "eine Folge von (unbestimmt) warmen, weißli-
chen Brauntönen". "Braun" und "beige" sind also Synonyme, wobei "beige" den
Braunton genauer beschreibt.
- 21 -
4.1.2.2.2. Aussagen von L._
4.1.2.2.2.1. L._ wurde wie erwähnt nur gut eine Stunde nach dem Vorfall
vom 8. Oktober 2011 durch die Polizei befragt (HD 4/3/2/1). Mit Bezug auf die
Identifikation der Angreifer gab sie an, sie seien wohl noch keine 20 Jahre alt und
damit jünger als das Opfer gewesen, und die meisten von ihnen hätten schwarze
Jacken mit Kapuzen getragen. Es seien hauptsächlich weisse Personen gewe-
sen; einen wirklich Dunkelhäutigen habe sie nicht ausmachen können. Auch sei
keiner auffallend gross gewesen. Einer, der sie zuvor in italienischer Sprache an-
gesprochen gehabt habe, habe auffällig gefärbte Haare gehabt, ein anderer einen
roten Pullover oder eine rote Jacke getragen, und einer habe beige Hosen und
"diese Arbeiterstiefel" an gehabt, was sie gesehen habe, als er auf den Mann am
Boden eingetreten habe (a.a.O. S. 2). Weiter erklärte sie, die Personen, die sie
beschrieben habe, habe sie alle erkennen können (S. 3). Gleich darauf gab sie zu
Protokoll, es sei jedoch dunkel gewesen und sie habe keine Gesichter erkennen
können. Auf die Frage, ob sie diese Personen bei einer Gegenüberstellung wie-
dererkennen würde, antwortete sie, sie glaube nicht. Sie seien schon mit den Po-
lizisten durch die M._ gegangen, um zu sehen, ob sie jemanden erkennen
würden, und es sei extrem schwierig mit den Gesichtern gewesen.
Die Aussagen L._' zur Täteridentifikation sind in dieser Einvernahme - ob
aufgrund ihrer Ausdrucksweise oder einer misslungenen Protokollierung, muss of-
fen bleiben - isoliert betrachtet teilweise missverständlich. Unklar erscheint, ob die
Auskunftsperson ausdrücken wollte, sie habe die Gesichter der näher beschrie-
benen Personen - worunter der tretende Mann mit den beigen Hosen und den
"Arbeiterstiefeln" - erkennen können, diejenigen der anderen aber nicht, oder ob
sie generell verneinen wollte, Gesichter von Tätern erkannt zu haben. Für Erste-
res spricht immerhin, dass sie erklärte, die beschriebenen Täter alle erkannt zu
haben und auf die Schwierigkeit der Gesichtererkennung bei der Tätersuche mit
der Polizei im J._ hinwies. Hätte sie gar kein Gesicht erkannt gehabt (son-
dern nur Kleider), hätte sie auch keinen Grund gehabt, nach der Tat danach zu
suchen und hervorzuheben, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe gewesen sei.
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4.1.2.2.2.2. Am 7. November 2011, rund einen Monat nach der ersten Befragung,
erschien L._ zur Fotokonfrontation bei der Polizei (vgl. HD 4/3/2/2 ff.). Es
wurden ihr 11 Fotobogen mit je 8 Gesichtsaufnahmen mit der immer gleichen
Frage, ob sie jemanden darauf erkenne, vorgelegt. Ohne Wenn und Aber erklärte
sie nach Vorlage von Bogen 1183, die Nr. 7 zu erkennen (HD 4/3/2/4 S. 2). Bei
dieser Person sei sie sich "ganz sicher". Die Aufnahme zeigt den Beschuldigten
(HD 4/3/2/5). Weiter gab sie auf entsprechende Frage hin an, er habe mit den an-
deren "auf den Mann 'dri gingged', welcher auf dem Boden lag" (a.a.O. S. 2). Er
sei auffällig gewesen, weil er die braunen "Arbeiterstiefel" getragen habe. Sie
glaube, der Identifizierte habe ausserdem ein weisses T-Shirt, einen schwarzen
Pullover und braune Hosen getragen. Sie habe das Geschehen aus ca. 10 Me-
tern Entfernung, nach dem Aussteigen aus dem Taxi auf der Strasse vor dem
Brunnen stehend, beobachtet bzw. sei mit den Kolleginnen auf die Gruppe zuge-
gangen und habe gerufen, sie sollten damit aufhören (S. 4). Die Täter hätten dann
plötzlich vom Opfer abgelassen und seien in den J._ gerannt.
Wie bereits ausgeführt, gab L._ an, den Beschuldigten vor dem Vorfall noch
nie gesehen zu haben. Sie kann ihn auch nach der Tatnacht bis zur hier interes-
sierenden Aussage nicht gesehen haben, denn er wurde noch vor Ort in Haft ge-
nommen, aus welcher er erst am 13. Dezember 2011, mithin nach der vorliegen-
den Einvernahme, entlassen wurde. Demnach muss L._ den Beschuldigten
am 8. Oktober 2011 gesehen und sich eingeprägt haben.
Selbst wenn man davon ausginge, der Beschuldigte sei ihr vor dem 8. Oktober
2011 anderswo als am Tatort durch unbewusste Wahrnehmung im Gedächtnis
haften geblieben (der Beschuldigte erklärte ja, sie schon im Ausgang gesehen,
wenn auch nicht mit ihr gesprochen zu haben, wobei auch sie ihn bemerkt haben
könnte), spräche gegen einen Irrtum (von einer bewussten Falschbelastung ist,
wie bereits in den Erwägungen zur Glaubwürdigkeit dargelegt, ohnehin nicht aus-
zugehen), dass sie ihn nicht nur pauschal als einen der Schläger bezeichnete,
sondern seine Person darüber hinaus mit einer der drei schon in der ersten Ein-
vernahme näher umschriebenen Angreifer verknüpfte, nämlich dem Träger der
braunen Arbeiterschuhe, der zudem braune Hosen getragen habe (was aus der
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ihr vorgehaltenen Fotografie, welche nur sein Gesicht und ansatzweise ein weis-
ses Shirt zeigten, nicht erkennbar war [HD 4/3/2/5]).
Eine Verwechslung könnte somit höchstens insofern vorliegen, als L._ das
Gesicht des Beschuldigten anlässlich der Tat nicht gesehen hätte, hernach aber
im J._ zufällig auf eine gleich speziell und auffällig gekleidete und beschuhte
junge Person gestossen wäre, diese irrtümlich für den Täter gehalten, sich das
Gesicht gemerkt und diese Person, den Beschuldigten, nun in der Fotokonfronta-
tion als (vermeintlichen) Täter bezeichnet hätte.
4.1.2.2.2.3. Die noch offenen Fragen hinsichtlich der Täterschaft des Beschuldig-
ten klärten sich in der Zeugeneinvernahme mit L._ vom 7. Dezember 2011.
So präzisierte die Zeugin, als sie in der polizeilichen Einvernahme vom 8. Oktober
ausgesagt habe, sie habe die beschriebenen Personen alle erkannt, es sei jedoch
dunkel gewesen und sie habe keine Gesichter erkennen können, habe sie damit
gemeint, dass sie nicht alle 10 Personen bzw. alle 10 Gesichter (sondern nur die-
jenigen der näher beschriebenen Täter) habe erkennen können (HD 4/3/2/6 S. 9).
Da der Beschuldigte damals auffällige Schuhe getragen habe ("braune Arbeiter-
stiefel" bzw. "diese halbhohen 'klobigen' Schuhe der Marke 'Timberland' bzw.
ähnlich aussehende Schuhe" [S. 7 und 9f.]), habe sie sich sein Gesicht genau
angeschaut und ihn später auch anhand des Gesichtes wiedererkannt (S. 9). Sie
habe das Geschehen aus einigen Metern Entfernung beobachtet und den Be-
schuldigten zweifelsfrei erkennen können (S. 11). Ob sie das Gesicht erstmals
gesehen habe, als er den Privatkläger getreten habe oder erst, als er in die
M._ gerannt sei, könne sie - angesichts der zeitlichen Distanz von 2 Monaten
seit dem Ereignis - nicht mehr sagen (S. 13).
Diese Aussagen sind plausibel. Es entspricht einer natürlichen menschlichen Re-
aktion (wohl letztlich zum Selbstschutz), dass man beim Anblick eines gewalttäti-
gen Menschen auf dessen Gesicht schaut, um sich dieses einzuprägen; und es
ist ebenso logisch, dass man sich bei einer Vielzahl von Aggressoren auf denjeni-
gen konzentriert, der aus irgendeinem Grund aus der Masse heraussticht. Des-
- 24 -
halb leuchtet ein, dass gerade der tretende Beschuldigte in seiner auffälligen
Aufmachung die Aufmerksamkeit der Zeugin auf sich zog, und dass sie als Be-
obachterin auf sein Gesicht fokussierte.
Aus dem Umstand, dass 10 bis 15 Männer an der Tat beteiligt waren und L._
das Geschehen aus 10 bis 15 Metern Entfernung beobachtet, kann im Weiteren
nicht geschlossen werden, sie habe gar nicht beobachten können, was einzelne
Personen aus dem "Knäuel" getan hätten (HD 72 S. 41). Das war aus dieser Dis-
tanz auch bei einer ganzen Reihe von nahe beieinander stehenden Beteiligten
sehr wohl möglich.
Entgegen der Auffassung der Verteidigung ist nicht davon auszugehen, dass die
Lichtverhältnisse derart schlecht waren, dass L._ Gesichter gar nicht erken-
nen konnte (HD 38 S. 15, HD 72 S. 41, vgl. auch HD 72 S. 38). Aus der vom Ver-
teidiger selbst eingereichten Luftaufnahme (Beilage zu HD 38) ist ersichtlich, dass
sich unweit der Stelle, an der sich die Tat ereignete, die bekanntlich gut beleuch-
tete Tramhaltestelle J._-Platz befindet und Richtung ...platz - von wo sich die
Zeugin dem Geschehen näherte - ein Zebrastreifen liegt, welcher (was gerichts-
notorisch ist) an derart belebter Stelle ebenfalls nicht im Dunkeln liegen kann. Ei-
ne für eine Gesichtserkennung ausreichende Beleuchtung war mithin fraglos vor-
handen, was sich auch aus der bei den Akten liegenden Fotodokumentation
ergibt (HD 3 S. 1 f.), auf denen der Tatort und der Zebrastreifen abgebildet sind,
wobei der Schattenwurf der Personen zeigt, dass für die Aufnahmen keine Zu-
satzbeleuchtung (Blitz, Fotolampen) verwendet wurden.
Betrachtet man sodann den Weg, den L._ und K._ vom Taxi gemäss ih-
ren überzeugenden Aussagen in Richtung des Tatorts zurücklegten, ist auch
leicht nachvollziehbar, dass L._ das Gesicht des Beschuldigten spätestens,
als er auf der Flucht an ihr vorbei ging, genau erkannte.
Ins Leere stösst die Verteidigung sodann, wenn sie die Zuverlässigkeit der Täteri-
dentifikation durch L._ damit bestreitet, dass L._ den Täter mit dem ro-
ten Pullover bzw. der roten Jacke (HD 4/3/2/1 S. 2, HD 72 S. 42) nicht erkannt
habe, obschon doch diese Kleidung wie die (beigen) Schuhe ein auffälliges Sig-
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nalement darstellten (HD 38 S. 15). Dabei übersieht der Verteidiger, dass L._
sehr wohl zum Ausdruck brachte, sich auch auf diese Person konzentriert und de-
ren Gesicht erkannt zu haben ("Die, die ich beschrieben habe konnte ich alle er-
kennen", HD 4/3/2/1 S. 3 in Verbindung mit HD 4/3/2/6 S. 9). Dass sie den Täter
in Rot in der Fotokonfrontation nicht zu bezeichnen vermochte, lag offensichtlich
daran, dass dieser auf den vorgehaltenen Aufnahmen nicht abgebildet war oder
sie ihn darauf - was geschehen kann - übersah.
Ähnlich verhält es sich mit dem Einwand von Seiten des Beschuldigten, L._
habe andere nachweislich Tatbeteiligte nicht erkennen können, insbesondere kei-
ne schwarzen oder Asiaten gesehen (HD 38 S. 16). Die Zeugin konnte nicht
gleich einem Scanner alle Täter erfassen. Sie konzentrierte sich, wie sie dies
schon in der ersten Befragung und auch wieder in der Zeugeneinvernahme erklär-
te, auf wenige Personen, die ihr besonders ins Auge gestochen waren.
Unrichtig ist sodann die Behauptung der Verteidigung, dass aufgrund des ge-
meinsamen Wahrnehmungsberichts der Polizeibeamten P._ und Q._
zwingend davon ausgegangen werden müsse, dass alle Täter in Richtung
J._-Strasse/... geflohen seien (HD 38 S. 9 f. und S. 16) und somit die Aus-
führungen von L._, wonach der Täter mit den beigen Hosen und ebensol-
chen Schuhen in die M._ geflüchtet sei, nicht zuträfen. P._, der Verfas-
ser des Berichts, führte aus, er habe eine Zeitlang nicht sehen können, was sich
genau ereignet habe, weil er mit der telefonischen Anforderung von Verstärkung
beschäftigt gewesen sei; unbekannt ist, was Q._ derweil machte (HD 1/4/1
S. 3). Betrachtet man des Weiteren die Formulierung des Polizeibeamten
P._ "... rannten sie schliesslich in unsere Richtung davon" im Kontext, brau-
chen damit keineswegs alle von ihnen genannten Aggressoren gemeint zu sein,
sondern kann P._ damit auch nur den dunkelhäutigen Jugendlichen und den
Mann mit dem roten Pullover bezeichnet haben, die er im Bericht zuvor speziell
erwähnt hatte und welche beiden Flüchtenden die Polizeibeamten danach auch
verfolgten. Ganz abgesehen davon könnte den Polizeibeamten auch angesichts
der Vielzahl von Personen, die in das Geschehen involviert waren sowie der Dy-
namik und Hektik der Situation - genauso wie umgekehrt der Zeugin L._,
- 26 -
welche glaubte, alle Angreifer hätten sich in die M._ davon gemacht - ent-
gangen sein, dass die Beteiligten den Tatort in verschiedene Richtung verliessen.
Die Verteidigung ging denn auch selbst an anderer Stelle davon aus, dass die Ju-
genddienstpatrouille den Beschuldigten gar nicht beobachtete (HD 72 S. 5 f.).
Merkwürdig erscheinen mag auf den ersten Blick, dass L._ in der Zeugen-
einvernahme angab, sich nicht daran zu erinnern, den Beschuldigten nach dem
Vorfall noch einmal auf dem Areal des J._s gesehen zu haben und I._
nicht zu kennen bzw. - bevor I._ und sie gemeinsam auf dem Polizeiposten
gewesen seien - gar nicht gewusst zu haben, dass diese ebenfalls etwas gesehen
habe (HD 4/3/2/6 S. 8, S. 11 und S. 12). I._ hatte nämlich in der ersten Be-
fragung ausgesagt, es seien in der M._, wo zwei Kolleginnen auf I._
gewartet hätten, drei andere Frauen, die den Vorfall auch gesehen hätten (ge-
meint offenbar K._, L._ und R._) auf sie zu gekommen und hätten
gefragt, ob dieser "Typ" beim Kiosk (der Beschuldigte) nicht auch dabei gewesen
sei. I._ habe dann aufgeblickt und gesehen, dass der Betreffende tatsächlich
der Typ mit der schwarzen Jacke, den beigen Hosen und den beigen Schuhen
gewesen sei. Dann sei schon der (befragende) Polizeibeamte auf I._ zuge-
kommen und diese habe ihm gesagt, dass der Beschuldigte auch ein Täter sei
(HD 4/3/1/1 S. 3 f. und HD 4/3/1/5 S. 13). Der Schluss scheint nahe zu liegen,
dass L._ in der M._ entgegen ihren Vorbringen den Beschuldigten beim
Kiosk gesehen und - mit den Kolleginnen - I._ angesprochen haben müsste.
Die Differenz in den Aussagen von L._ und I._ lässt sich aber durchaus
auflösen.
K._ erklärte in der ersten polizeilichen Befragung, sie habe sich nach dem
Vorfall an einen Sicherheitsmann gewendet und ihn gebeten, sie in den J._
zu begleiten, um zu sehen, ob sich noch einige der Täter dort aufhielten, wobei
der Securitrans-Angestellte dann aber zunächst noch stehen geblieben sei, wes-
halb K._ alleine vor gegangen sei (HD 4/3/4/1 S. 3). In der Zeugeneinver-
nahme führte sie präzisierend bzw. ergänzend aus, sie, L._ und R._
seien mit Sicherheitsmännern in die M._ gegangen, um allfällige Ansamm-
lungen von Tätern zu finden (HD 4/3/4/6 S. 7 und 11 f.); die Sicherheitsmänner
- 27 -
seien mit K._s Begleiterinnen in die eine Richtung gegangen, weil sie dort
hätten nachschauen wollen, während sie in eine andere Richtung gegangen sei,
wo sie eine Person entdeckt gehabt habe, die am fraglichen Ereignis mitbeteiligt
gewesen sei (HD 4/3/4/6 S. 12). K._ habe dann einige beteiligte Angreifer
ausmachen können, weshalb sie den Begleiterinnen und Sicherheitsmännern te-
lefoniert habe, damit sie schnell zu ihr kommen würden (a.a.O. S. 12). Die er-
kannten Täter, mehrheitlich vermutlich Nordafrikaner, hätten aber offensichtlich
auch sie wiedererkannt und hätten aufgrund dessen, dass sie am Telefonieren
gewesen sei, die Flucht ergriffen (HD 4/3/4/1 S. 3). Später habe sie bzw. hätten
sie drei der Typen, darunter den Täter mit den beigen Hosen und den beigen
Schuhen, auf Höhe des Kiosks in der M._ wiedererkannt (a.a.O. und HD
4/3/4/6 S. 17). K._ habe dann "ziemlich viel" mit I._ geredet, wobei gut
sein könne, dass K._ I._ gefragt habe, ob dieser "Typ beim Kiosk" nicht
auch dabei gewesen sei. Was L._ und R._ gemacht hätten, wisse sie
nicht mehr genau (HD 4/3/4/6 S. 17). I._ habe K._ in der M._ im
Übrigen auch noch ihren Ex-Freund gezeigt (S. 18).
Die Aussagen der Zeugin K._ lassen als wahrscheinlich erscheinen, dass sie
allein I._ auf den in der J._ beim Kiosk beobachteten Mann mit den bei-
gen Hosen und den ebensolchen Schuhen ansprach, gab sie doch an, ziemlich
viel mit I._ gesprochen zu haben und nicht zu wissen, was ihre Kolleginnen
(unterdessen) gemacht hätten. I._ erkannte im Beschuldigten ebenfalls den
Täter und meldete ihn (aktenkundig) der Polizei als Tatverdächtigen. K._s
Kolleginnen L._ und R._ standen dabei möglicherweise in der Nähe,
brauchen den Beschuldigten aber nicht, oder jedenfalls nicht beide, gesehen und
sich auch nicht am Gespräch beteiligt zu haben. Dafür spricht auch die Äusserung
I._s anlässlich der ersten Fotokonfrontation (am Tag nach dem Vorfall), in
der sie die Polizeibeamtin (einzig) darauf hinwies, dass K._, welche ebenfalls
befragt worden sei, diesen Mann gesehen habe und ihn auch entsprechend wie-
dererkennen würde. Von den beiden anderen Frauen (L._, R._) sagte
sie nichts. Wenn sie in der ersten Befragung etwas unpräzise von drei Frauen
sprach, die sie in Bezug auf den Beschuldigten angesprochen hätten, kann dies
ohne weiteres daran liegen, dass sie nachträglich, als man sich zum Polizeipos-
- 28 -
ten aufmachte oder spätestens, als man dort miteinander sprach (was auch
L._ nicht verneint, HD 4/3/2/6 S. 12), realisierte, dass K._, R._ und
L._ ein freundschaftlich verbundenes Trio bildeten, mithin zusammengehör-
ten. Auch K._ verwendete im Übrigen die Bezeichnung "wir" weder konse-
quent (verwendete sie doch auch die Einzahl "ich") noch eindeutig, wenn es da-
rum ging, wer den Beschuldigten in der M._ sah. Dass L._ in der
M._ des Beschuldigten (ebenfalls) Gewahr geworden sein und gar mit
I._ gesprochen haben müsste, folgt mithin bei näherer Betrachtung aus den
Vorbringen von I._, K._ (und auch R._) keineswegs zwingend.
Somit kann die Angabe L._', den Beschuldigten in der M._ nicht mehr
gesehen, ihn entsprechend auch nicht der Polizei gemeldet (was sicher zutrifft,
denn es war I._) und I._ überhaupt erst auf dem Polizeiposten kennen-
gelernt zu haben, durchaus den Tatsachen entsprechen.
Auch die Aussagen von S._, der damals beim Beschuldigten stand, stehen
dem nicht entgegen. Dieser führte aus, zwei Frauen aus einer Gruppe hätten auf
den Beschuldigten gezeigt, und es habe so ausgesehen, als würden diese sagen,
er habe die Person bei der Tramstation geschlagen, worauf der Beschuldigte ver-
haftet worden sei (HD 4/3/12 S. 6). Die auf den Beschuldigten zeigenden Frauen
waren offenbar I._ und K._; die übrigen in der Gruppe brauchen nicht
L._ und R._ gewesen zu sein, sondern können genauso gut die bereits
erwähnten Kolleginnen von I._ gewesen sein, die man in der M._ traf.
T._, der zweite Begleiter des Beschuldigten, sprach von lediglich einer Frau,
die mit dem Zeigefinger auf ihn oder den Beschuldigten gezeigt habe (HD 4/3/13
S. 2 und 8).
Doch selbst wenn man zum Schluss gelangen würde, L._ habe den Be-
schuldigten in der M._ gesehen, und sie sei beim Gespräch zwischen
I._ und K._ zugegen gewesen, änderte sich angesichts der sonstigen
überzeugenden Aussagen L._' zur Identifikation des Beschuldigten als Täter
- insbesondere ihren Vorbringen zur Gesichtserkennung anlässlich der Tat - im
Ergebnis nichts. Vielmehr wäre dann davon auszugehen, dass sie sich zwei Mo-
nate nach dem Ereignis schlicht nicht mehr an diesen Vorgang zu erinnern ver-
- 29 -
mochte, wie sie dies auch für möglich hielt ("nicht, dass ich mich daran erinnern
könnte"). In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass nicht
einzusehen ist, mit welchem Motiv L._ bewusst tatsachenwidrig zu Unguns-
ten des Beschuldigten hätte aussagen sollen.
Die Glaubhaftigkeit der Depositionen L._' zur Täterschaft des Beschuldigten
nicht ins Wanken zu bringen vermag schliesslich, dass L._ am Ende der
Zeugeneinvernahme, vom Beschuldigten gefragt, wie sicher sie sich sei, dass sie
ihn als mutmasslichen Täter wiedererkannt habe, im Wesentlichen auf die Foto-
konfrontation verwies (HD 4/3/2/6 S. 12) - wo sie erklärt hatte, sich hinsichtlich
seiner Täterschaft "ganz sicher" zu sein (HD 4/372/4 S. 2) - und dass sie sich von
ihm auch nicht mehr zur Nennung eines Sicherheitsgrads in Prozenten drängen
lassen wollte (HD 4/3/2/6 S. 12 f.).
4.1.2.2.2.4. Zusammenfassend erweisen sich die Aussagen von L._ zur Tä-
terschaft als glaubhaft. Es ist insbesondere weder von einer bewussten Falschbe-
lastung, noch von einer Verwechslung auszugehen. Die wenigen Ungereimtheiten
lassen sich auf Missverständnisse oder verblasste Erinnerung infolge Zeitablaufs
zurückführen und, teils unter Einbezug der Aussagen anderer Belastungsperso-
nen, so erklären, dass keine ernsthaften Zweifel an der Verlässlichkeit ihrer Täte-
rerkennung verbleiben.
Bereits nach den bisherigen Erwägungen ist damit davon auszugehen, dass der
Beschuldigte der Täter war, der zum Geschehen hinzutrat, als der Privatkläger
wehrlos am Boden lag, und diesem Fusstritte an den Oberkörper versetzte.
4.1.2.2.3. Aussagen von K._
4.1.2.2.3.1. K._ wurde wie erwähnt kurz nach dem Vorfall, noch in der Tat-
nacht, ein erstes Mal polizeilich befragt (HD 4/3/4/1 S. 1 ff.).
Sie gab an, als sie und ihre beiden Begleiterinnen (vor dem Vorfall) beim ... an-
gekommen seien, habe ein Mann (weiss, markantes Gesicht, grosse Nase, seit-
lich rasierte Haare, ansonsten dunkel mit blonden Strähnchen), der einen Dialog
mit zwei Tunesiern geführt habe, die drei Frauen "mit irgendwelchen dummen
- 30 -
Anmachsprüchen" - sie glaube italienisch ("Scusi") - angesprochen (S. 2). Sie hät-
ten sich (jedoch) von dem Typen und den Tunesiern abgewandt und seien ins
Taxi gestiegen. Der Mann mit den blonden Strähnchen sei einer der Täter gewe-
sen (S. 3). Die Tunesier würden ihn mit Sicherheit kennen, da sie ja mit ihm ge-
sprochen hätten.
Weiter führte sie aus, sie habe bei der Suche nach Tätern in der M._ einige
Angreifer gesehen. Diese hätten sich dann jedoch - ihrer gewahr werdend - abge-
setzt; bei den Flüchtenden habe es sich mehrheitlich um Nordafrikaner gehandelt.
Die beiden Nordafrikaner, von denen die Polizei beim Gruppentreffpunkt in Anwe-
senheit von K._ die Personalien aufgenommen habe, hätten zu denjenigen
gehört, die anfänglich beim ... gewesen seien (S. 3 f.). Sie müssten die nordafri-
kanischen Mittäter kennen, doch würden sie bestimmt keine Aussagen machen;
sie habe sie selber schon danach gefragt (S. 4).
Schliesslich habe sie dann auf der Höhe des Kiosks in der M._ drei der Ty-
pen wiedererkannt, darunter einen, welcher ebenfalls am Angriff gegen das Opfer
beteiligt gewesen sei, indem er, als er am Boden gelegen habe, getreten habe;
dieser Täter sei aufgrund der beigen Hose und beigen Schuhe leicht wiederzuer-
kennen gewesen (HD 4/3/4/1 S. 3).
Die Verteidigung bringt vor (HD 38 S. 29, HD 72 S. 45 f.), aus den Aussagen von
K._ gehe hervor, dass die "anderen" Täter Nordafrikaner gewesen seien, zu
welcher Ethnie der Beschuldigte nicht gehöre, und dass sie geflüchtet seien. Der
ursprüngliche, hernach von K._ teilweise gestrichene Text betreffend die
Wiedererkennung des Täters habe im Übrigen gelautet: "Dies, weil der eine Typ
derjenige war, der uns beim ... angemacht hatte und nachfolgend ebenfalls am
Angriff gegen das Opfer beteiligt war, indem er gegen diesen am Boden liegend
trat". In der handschriftlich ergänzten Aussage wolle K._ ihn aufgrund der
Bekleidung erkannt haben. Die Täter seien also die gleichen "Typen" gewesen,
welche die drei Frauen (vor dem Vorfall) "angemacht" hätten. Eine Übereinstim-
mung mit dem Beschuldigten bestehe nur in Bezug auf die Kleidung.
- 31 -
Als Aussage einer Person in einer protokollarischen Einvernahme zählt nicht al-
les, was Protokollführer zu Papier gebracht haben, sondern nur, was die oder der
Einvernommene nach Durchsicht des Protokolls unterschriftlich als tatsächlich
ausgesagt bestätigt hat. Andernfalls wäre einer (bewusst oder unbewusst) fehler-
haften Protokollierung Tür und Tor geöffnet. K._ strich in der ersten polizeili-
chen Befragung die missverstandenen Passagen und fügte handschriftliche Er-
gänzungen ein. Sie unterschied dabei - wie nota bene auch L._ in deren Ein-
vernahme (HD 4/3/2/1 S. 2) - zwischen einem Täter, der ihr aufgrund seiner bei-
gen Hose und den beigen Schuhen aufgefallen war und einem anderen, der sich
beim ... an sie und ihre Kolleginnen hatte heranmachen wollen und dessen Kenn-
zeichen blonde (Haar-)Strähnchen waren. Darauf wird zurückzukommen sein.
Sodann gab K._ keineswegs zu Protokoll, alle oder auch nur die Mehrheit
der Angreifer seien nordafrikanischer Herkunft gewesen. Sie brachte einzig vor,
die Mehrzahl der Täter, die in der M._ vor ihr geflüchtet seien, als sie allein
auf Tätersuche gewesen sei, seien Nordafrikaner gewesen. Insbesondere be-
hauptete sie nicht, die Person, die sich ihr anzunähern versucht habe oder dieje-
nige mit der speziellen Kleidung seien solcher Herkunft gewesen. Vielmehr gab
sie im Signalement des Erstgenannten sogar explizit an, die sie verbal belästi-
gende Person sei "weiss" gewesen. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus der
Zeugeneinvernahme, in der sie erläuterte, bloss vermutet zu haben, es handle
sich bei den Personen, die sich in der M._ von ihr entdeckt gefühlt abgesetzt
hätten, um Nordafrikaner; die Bezeichneten könnten auch Südländer anderer
Provenienz gewesen sein (HD 4/3/4/6 S. 8 und 12).
Wenn K._ in der M._ I._ darauf ansprach, ob diese auch der Auf-
fassung sei, dass es sich beim Betreffenden um einen der Täter handelte, ist dies
sodann kein Zeichen dafür, dass sie diesen nur an den Kleidern erkannte. Viel-
mehr ist normal, dass sich ein vorsichtiger Mensch bei einer anderen, in der Nähe
stehenden Tatzeugin (und eine solche sah K._ in I._) vergewissert, ob
auch diese die gleiche Wahrnehmung gemacht habe.
4.1.2.2.3.2. Anlässlich der Einvernahme mit Fotoidentifikation vom 26. Oktober
2011 erklärte K._, den Beschuldigten (Nr. 7 auf Bogen 1183) wegen der
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Haare und der kleinen Augen eindeutig, d.h. mit 95- bis 100prozentiger Wahr-
scheinlichkeit wiederzuerkennen (HD 4/3/4/4 S. 5). Sie zeichnete dessen Bewe-
gung auf einem Kartenausdruck ein (vgl. Anhang zu HD 4/3/4/4). Weitere direkte
Angaben zu Beteiligung, Handlungen oder Interaktionen machte sie in dieser Be-
fragung nicht.
Der Verteidiger greift dies auf und schliesst daraus, K._ habe den Beschul-
digten nicht als Täter identifiziert (HD 38 S. 18). Die Verteidigung lässt dabei aus-
ser Acht, dass der einvernehmende Polizeibeamte in dieser Einvernahme zu-
nächst auf die polizeiliche Befragung in der Tatnacht Bezug nahm und sich da-
nach erkundigte, ob K._ dazu noch Ergänzungen/Korrekturen vorzunehmen
habe, was sie verneinte, und dass die Auskunftsperson danach darauf hingewie-
sen wurde, dass ihr nun - wie bereits in der Vorladung angekündigt - "Fotobogen
der mutmasslich Beteiligten/Täterschaft" vorgelegt würden (HD 4/3/4/4 S. 3).
Wenn K._ hernach auf Vorlage des Fotobogens Nr. 1183 erklärte, sie erken-
ne die Nr. 7 (und damit den Beschuldigten) "eindeutig" bzw. mit 95-100 Prozent
Wahrscheinlichkeit, dann bezeichnete sie damit einen Täter und nicht einen Zu-
schauer oder anderen unbeteiligten Passanten. Entgegen der Auffassung der
Verteidigung kann somit keine Rede davon sein, dass der Staatsanwalt K._
in der nächsten Befragung, der Zeugeneinvernahme, "akten- und folglich rechts-
widrig" daran "erinnert" habe, dass sie den Beschuldigten "im Rahmen der polizei-
lichen Einvernahme vom 26. Oktober 2011 ja eindeutig als mutmasslichen Mitbe-
teiligten am tätlichen Übergriff" (HD 4/3/4/6 S. 15) wieder erkannt habe (HD 38 S.
18).
Richtig ist immerhin, dass die Auskunftsperson diesen Täter in dieser Befragung
nicht einer bestimmten der in der Tatnacht beschriebenen Personen bzw. einer
konkreten Tathandlung zuordnete. Sie scheint aber einen Täter im Kopf gehabt zu
haben, zeichnete sie doch dessen Bewegung auf einem Plan ein (Anhang zu
HD 4/3/4/4). Offen bleiben muss, weshalb K._ erklärte, keine Angaben zu
"Beteiligung/Handlungen/Interaktionen" machen zu können (HD 4/3/4/4 S. 5).
Möglicherweise war sie sich (schon damals) plötzlich nicht mehr sicher, ob es sich
- 33 -
bei der abgebildeten Person um diejenige mit der beigen Kleidung oder diejenige,
die sie verbal "angemacht" hatte, handelte.
4.1.2.2.3.3. Die Zeugeneinvernahme vom 7. Dezember 2011 fand auf Wunsch
von K._ (zunächst) ohne Anwesenheit des Beschuldigten im Einvernahme-
raum statt (HD 4/3/4/6 S. 1). Es erfolgte eine Videoübertragung. Die Verteidigung
war dagegen im Befragungszimmer physisch anwesend.
K._ bestätigte, in den vorangegangenen Befragungen die Wahrheit gesagt
zu haben (a.a.O. S. 5) und verwies auf jene Aussagen. In der Fotoidentifikation
vom 26. Oktober 2011 habe sie den Beschuldigten aufgrund der Haare und der
Augen wiedererkannt (S. 14 f.).
Sie sagte weiter aus, die Täter seien, als die Zeugin noch etwa drei Meter von
ihnen entfernt gewesen sei, in das Gebäude des J._s - manche möglicher-
weise auch in eine andere Richtung - gerannt, wobei einige sogar ganz dicht ne-
ben ihr gewesen seien (S. 7 und 11).
Als richtig bestätigte sie im Weiteren ihre Aussagen vom 8. Oktober 2011 betref-
fend die Suche nach Tätern in der M._. Wenn sie von Nordafrikanern ge-
sprochen habe, sei dies (bloss) eine Vermutung ihrerseits gewesen (S. 12). Es
seien ein paar südländisch wirkende Typen dabei gewesen; einer sei sogar ganz
schwarz gewesen.
Einen Täter habe sie beim Kiosk aufgrund seiner Kleidung wiedererkannt (S. 12
und 17). Sie sei sich aber nicht mehr sicher, ob es sich beim Beschuldigten, den
sie auf dem Foto gesehen hatte, um die Person mit den auffälligen beigen Hosen
und ebenfalls beigen, halbhohen, Timberland-ähnlichen (aber nicht originalen)
Schuhen ("Ab dem Unterkörper war einfach alles beige") gehandelt habe ("Ich
habe eigentlich ein bisschen ein anderes Gesicht im Kopf") - oder um diejenige,
die "doofe Anmachsprüche" gemacht habe (S. 12 f.). Letztere habe die gleichen
schmalen Augen wie der Beschuldigte, sehe ihm in der Erinnerung "verdammt
ähnlich" (S. 8). Die Person mit den Anmachsprüchen (vgl. dazu auch S. 6 und 8)
habe damals keine auffälligen Kleider getragen (S. 13).
- 34 -
In Anbetracht dieser Unsicherheit würde sie den Beschuldigten gerne sehen.
Nachdem K._ mit dem ins Einvernahmezimmer geführten Beschuldigten
konfrontiert worden war, erklärte sie - laut insofern von ihr unkorrigiertem Protokoll
- zunächst, sie glaube, es handle sich bei ihm "eher um den zweiten, also um
denjenigen mit den doofen Anmachsprüchen" (S. 13). Als der Beschuldigte dann
kurz aufgestanden war, gab K._ gemäss dem ursprünglichen Protokolltext
erneut an, sie "würde schon sagen, dass es sich bei ihm um denjenigen Typen
mit den doofen Anmachsprüchen handelt". Nach Durchsicht des Protokolls setzte
sie jedoch ein "nicht" zwischen die Wörter "bei ihm" und "um den". Überdies liess
sie handschriftlich einfügen, als der Beschuldigte kurz aufgestanden sei, sei ihr
sofort klar gewesen, dass es sich bei ihm nicht um den Typen mit den Anmach-
sprüchen gehandelt habe. Dieser sei viel grösser und auch schmaler gewesen (S.
13). Schon vor der Anbringung dieses Einschubs beim Durchlesen hatte sie am
Ende der Zeugenbefragung ausgeführt gehabt, die Person mit den Anmachsprü-
chen sei weitaus grösser als der Beschuldigte gewesen (S. 18). Jener "Typ" habe
auch "markantere blonde Strähnchen" gehabt. Sie habe die ganze Zeit überlegt,
ob diese Strähnchen auch dem Beschuldigten zugeordnet werden könnten, aber
sie "denke eher nicht" (S. 18). Auch an anderer Stelle in der Zeugeneinvernahme
bezeichnete K._ den Beschuldigten nicht klar und dezidiert als den Täter mit
der beigen Aufmachung, sondern erklärte auf Frage hin bloss, es "könnte sein",
dass er derjenige mit der beigen Aufmachung gewesen sei (S. 14). Sie "würde es
ihm aber nicht wünschen", denn diese Person mit den beigen Kleidern und Schu-
hen sei "quasi in der ersten Reihe" des Menschenknäuels gewesen und habe auf
den am Boden liegenden Geschädigten eingetreten; er sei aber möglicherweise
nicht von Anfang an dabei gewesen und jedenfalls nicht derjenige gewesen, der
den Angegriffenen zu Fall gebracht habe (S. 14 ff.). Sie habe damals das Ge-
schehen aus zwei bis drei Metern Entfernung beobachtet (S. 16). Schliesslich sei
dieser Täter in den J._ gerannt (S. 17). Als sie mit den Sicherheitsleuten
nachschauen gegangen seien, hätten sie ihn beim ... bzw. dem Café gegenüber
dem ... gesehen.
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Was die Person mit den "Anmachsprüchen" betreffe, so habe sie gesehen, wie
diese ebenfalls zur Gruppe um den Privatkläger hingelaufen sei, aber nicht, was
er dort genau gemacht habe (S. 14 und 18).
Auf die Frage des Beschuldigten, ob auch eine Verwechslung mit dem Freund
von I._ vorliegen könne, antwortete K._, sie habe Letzteren gesehen. Er
habe "total anders" als der Beschuldigte ausgesehen. So sei er zum Beispiel viel
grösser gewesen, habe dunkle Haare gehabt und ihrer Erinnerung nach auch
dunkle oder schwarze Kleidung getragen (S. 18).
Die Zeugin K._ hat sich im Gegensatz zu L._ in keiner Einvernahme
ausdrücklich dazu geäussert, ob sie dem Beschuldigten direkt bei der Tat oder
während er sich vom Tatort entfernte, ins Gesicht geschaut hat (ihre Bemerkung
in HD 4/3/4/6 S. 14 f. könnte sich, im damaligen Einvernahmekontext betrachtet,
auch auf einen späteren Zeitpunkt beziehen). Wie bereits ausgeführt, schaut man
jedoch einer Gewalt ausübenden Person wenn immer möglich instinktiv ins Ge-
sicht. Und dies war angesichts ihres Abstands zum Täter von lediglich zwei bis
drei Meter ohne Weiteres möglich. Auch erlaubten die Lichterverhältnisse vor Ort,
wie schon erläutert, eine Gesichtserkennung. Die Wahrscheinlichkeit, dass
K._ schon bei der Tat das Gesicht des Beschuldigten gesehen hat, dass sie
ihn auch deshalb (und nicht allein aufgrund der Kleider und Schuhe) im J._
wiedererkannt hat und dass sie ihn demnach auch in der Fotokonfrontation nicht
bloss deshalb mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identifizierte, weil
sie ihn in der M._ gesehen und sich (erst) dort sein Gesicht so eingeprägt
hatte, ist mithin sehr hoch, diejenige einer Verwechslung mit dem wahren Täter
entsprechend klein.
Völlig in den Hintergrund tritt dann aber die Frage, ob sich der Beschuldigte und
die Person, die sich verbal beim ... an K._ heranmachte, so ähnlich sehen,
dass eine Verwechslung möglich wäre. Auch wenn man dies annimmt (wofür
auch die Beschreibung der Haartracht des "Anmachers" durch L._ spricht),
bleibt es dabei, dass K._ in der M._ das Gesicht und die Kleidung des
Beschuldigten sah (der ja dort verhaftet wurde). Dessen Gesicht erkannte
K._ erstelltermassen mit dem Abbild des Beschuldigten wieder auf dem Fo-
- 36 -
tobogen 1183. Eine Verwechslung mit dem "Anmacher" kann nicht vorliegen, weil
dieser in der Tatnacht nicht auffällig mit beigen Hosen und beigen Schuhen be-
kleidet war und deshalb auch nicht der hier gesuchte Täter sein kann.
Die Verteidigung argumentierte, der Beschuldigte habe gar keine kleinen Augen,
wie sie die Zeugin als Identifikationsmerkmal nenne (HD 72 S. 46). Das werde
klar, wenn man den im Gerichtssaal anwesenden Beschuldigten betrachte. In der
Tat erschienen die Augen des Beschuldigten in der Berufungsverhandlung nicht
als auffallend klein oder schmal. Betrachtet man indes das Foto, das am 8. Okto-
ber 2011 (mithin in der Tatnacht) vom Beschuldigten geschossen wurde, erwe-
cken dessen Augen durchaus den Eindruck, klein bzw. schmal zu sein
(HD 4/3/4/5). Was damals zu dieser Verengung führte (Müdigkeit, Einfluss von Al-
koholika und/oder Drogen), kann offen bleiben. Verfehlt ist jedenfalls der Schluss
der Verteidigung, der Beschuldigte könne nicht der von K._ beobachtete Tä-
ter mit den (damals) kleinen/schmalen Augen sein. Anlässlich der Lebendkonfron-
tation hatte der Beschuldigte wohl die Augen (wie in der Berufungsverhandlung)
weiter offen; K._ identifizierte ihn nun aber auch nicht mehr aufgrund der Au-
gen (HD 4/3/4/6 S. 13 ff.). Erst als die Sprache wieder auf die Fotoidentifikation
kam, erwähnte sie diese erneut (S. 14).
4.1.2.2.3.4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass den Aussagen von K._
zur Täteridentifikation zwar nicht die Beweiskraft derjenigen von L._ zu-
kommt, welche explizit bekundete, dem Beschuldigten bei der Tat ins Gesicht ge-
schaut und sich dieses Bild eingeprägt zu haben, sodass sie ihn später nicht nur
an den Kleidern wiedererkannt habe. Die Vorbringen K._s bilden aber ein
starkes Indiz für die Täterschaft des Beschuldigen und stützen so die Aussagen
L._' zusätzlich.
4.1.2.2.4. Aussagen von I._
4.1.2.2.4.1. I._ führte kurz nach dem Vorfall bei der Polizei unter anderem
aus, einer der Täter, die den am Boden liegenden Privatkläger H._ getreten
hätten, sei ein Slawe mit blond/braunen Haaren, schwarzer länglicher Jacke, bei-
gen Hosen und beigen Schuhen gewesen (S. 3ff.). Sie kenne diesen Typen, der
- 37 -
mutmasslich Albaner sei, weil er jeweils im J._ "abhänge" (S. 1). Auf diese
Person sei sie später in der M._ aufmerksam gemacht worden, und als sie
aufgeschaut habe, habe sie gesehen, dass es tatsächlich der Typ mit der schwar-
zen Jacke, den beigen Hosen und den beigen Schuhen gewesen sei (S. 3 f.).
Dann sei die Polizei auf sie zu gekommen, und sie habe gemeldet, dass der Be-
treffende auch ein Täter sei (S. 4). Neben diesem Täter beschrieb sie in der poli-
zeilichen Befragung noch drei weitere Angreifer näher und erklärte auf Frage des
Beamten, alle vier Personen würde sie mit Bestimmtheit wiedererkennen (S. 4).
Die Verteidigung bringt vor, I._ habe sich schon hier bei der Täteridentifikati-
on widersprochen, indem sie die fragliche Person einmal als Albaner und einmal
als Slawen bezeichnet habe. Das seien "zwei völlig verschiedene ethnische
Gruppen", deren Unterscheidung für eine selbst aus dem Balkan stammende
Person wie I._ kein Problem sei (HD 38 S. 12, HD 72 S. 31). Das trifft alles
zu, doch vergisst die Verteidigung dabei, dass "Slawe" auch eine in der Um-
gangssprache verwendete Abkürzung für sämtliche Bewohner des ehemaligen
Jugoslawiens (= Südslawien bzw. Land der Südslawen) ist, zu denen auch die
heutigen Kosovo-Albaner gehörten, die mehr als 90 Prozent der Bevölkerung des
Kosovo bilden. Der Beschuldigte stammt aus dem Kosovo. Beide von I._
verwendeten Bezeichnungen können also ohne Widerspruch gleichzeitig verwen-
det werden.
Freilich lassen die Ausführungen I._s die Möglichkeit offen, dass sie den "Tä-
ter" in der M._ allein aufgrund der auffälligen Kleidung (und der Äusserung
K._s) wiederzuerkennen glaubte (sie dessen Gesicht also während der Tat
nicht sah) und daraufhin realisierte, dass es sich um die ihr vom "Abhängen" her
bekannte Person handelte. Eine Verwechslung mit dem wahren Täter wäre daher
grundsätzlich möglich.
4.1.2.2.4.2. Anlässlich einer Fotokonfrontation am Tag nach dem Vorfall in
U._ zeigte I._ auf Vorhalt eines Fotobogens mit 8 Gesichtern laut Amts-
bericht der zuständigen Polizeibeamtin "unverzüglich" auf die Abbildung, die den
Beschuldigten zeigte, und gab an, ihn eindeutig als einen der vier Männer wieder-
zuerkennen, nämlich als denjenigen, welchen sie in der schriftlichen Befragung
- 38 -
vom 8. Oktober 2011 als Slawen mit blond/braunen Haaren, schwarzer länglicher
Jacke, beigen Hosen und beigen Schuhen beschrieben habe. Dieser Mann habe
mit den Füssen dem am Boden liegenden Opfer "sicher 3 Tritte gegen den Kopf
versetzt".
Auch hier bezeichnete sie also den Beschuldigten ohne zu zögern als den ge-
suchten Täter. Sie könnte damit allerdings nach wie vor irrtümlich nur die Person
wiedererkannt haben, die sie in der M._, nicht aber bei der Tat, gesehen hat-
te, und dieser dann die beobachtete Tat zugeordnet haben.
4.1.2.2.4.3. In der polizeilichen Befragung vom 28. Oktober 2011 erklärte sie auf
Vorhalt anders zusammengestellter Fotobogen erneut, "ganz sicher" den Be-
schuldigten wiederzuerkennen (HD 4/3/1/4 S. 2). Er sei erst zum Geschehen hin-
zugetreten, als das Opfer bereits am Boden gelegen habe (S. 3) und habe mehr-
fach und aus ihrer Sicht mit voller Kraft "überall" auf den am Boden liegenden Ge-
schädigten eingetreten; wie oft, könne sie nicht mehr sagen (S. 2 f.).
4.1.2.2.4.4. Am 5. Dezember 2011 wurde I._ als Zeugin einvernommen (HD
4/3/1/5). Sie gab zunächst an, bisher wahrheitsgemäss ausgesagt zu haben, und
verwies darauf (HD 4/3/1/5 S. 5).
In der Folge machte sie zur Täteridentifikation überaus seltsame Ausführungen,
die nicht nur teilweise mit früheren Depositionen inkompatibel, sondern auch in
sich widersprüchlich sind.
Sie führte aus, bei der "Polizei U._" auf den ca. 25 vorgelegten Fotos zwar
dasjenige des Beschuldigten und diejenigen von drei weiteren Typen gesehen zu
haben. Sie habe aber, als sie gefragt worden sei, ob der Beschuldigte am Ereig-
nis im J._ beteiligt gewesen sei, gesagt, sie sei sich dessen nicht ganz sicher
(S. 6). Es habe nämlich kein Foto ihres tunesischen Ex-Freundes dabei gehabt,
den sie nur mit Vornamen (V._) kenne; dieser sei (beim Vorfall) auch in das
"Personenknäuel involviert" gewesen und habe ebenfalls beige Hosen getragen
(S. 6 und 7). Das habe sie anlässlich jenes Termins nicht erwähnt, weil der Poli-
zeibeamte die Befragung abgebrochen, I._ "das Thema gewechselt" (in ihre
- 39 -
Wohnung sei ja eingebrochen worden) und sie es nachher vergessen habe. Sie
habe die U._ Polizei zwar nachträglich telefonisch informieren wollen, doch
habe weder jemand das Telefon abgenommen, noch sei sie zurückgerufen wor-
den. Auf den Vorhalt, sie könne wohl ihren Ex-Freund vom Beschuldigten unter-
scheiden, antwortete sie, das könne sie schon. Bei dieser Schlägerei habe sie
aber niemandem ins Gesicht geschaut (S. 6).
Im weiteren Verlauf der Befragung erklärte sie, zwar richtig ausgesagt zu haben,
als sie in der ersten Einvernahme (vom 8. Oktober 2011) erklärt habe, es sei dann
- als H._ beim Brunnen von den Verfolgern gestellt worden sei - noch eine
weitere Person hinzu gekommen, die sie als "Slawe" mit blondbraunen Haaren,
welcher eine längliche schwarze Jacke, beige Hosen und beige Schuhe getragen
habe, bezeichnet habe; dabei habe es sich jedoch um eine andere Person als
den Beschuldigten gehandelt (S. 8). Dieser sei erst später hinzu gekommen. Auf
den Hinweis, dass sie am Folgetag aber in U._ die fotoidentifizierte Person
und damit den Beschuldigten als die soeben beschriebene bezeichnet habe, gab
sie an, nein, das stimme nicht, der Beschuldigte heisse ja nicht "Slawe", sondern
"A._". Daraufhin wurde sie vom befragenden Staatsanwalt darauf hingewie-
sen, dass es sich beim Begriff "Slawe" um eine Bezeichnung für eine Volksgruppe
und nicht um einen Namen handle (S. 8). Auf erneuten Vorhalt des von ihr abge-
gebenen Signalements vom 8. Oktober 2011 und der von ihr am 9. Oktober 2011
behaupteten Identität dieser Person mit der in der Fotokonfrontation erkannten,
gab sie nun zu Protokoll "ja, das ist richtig".
Aufgefordert, den Tatbeitrag des Beschuldigten näher zu umschreiben, führte sie
weiter aus, die Gruppe von Leuten hätten beim Brunnen in der Nähe der Tramsta-
tion auf den Geschädigten eingeschlagen und eingetreten und ihn dabei überall,
unter anderem am Kopf, getroffen. In diesem Moment habe sie auch "beige Ho-
sen und beige Schuhe" gesehen, welche einfach auf den Geschädigten eingetre-
ten hätten. Sie sei dann mit den Beamten in den J._ gegangen und habe
diesen dort gesagt, sie habe jemanden erkannt, aber nur von den Kleidern her (S.
9). Auch in der Polizeistation habe sie den Beschuldigten nur aufgrund des Um-
standes, dass er beige Hosen und beige Schuhe (die sie nicht mehr näher be-
- 40 -
schreiben könne) getragen habe, beschuldigt, am Ereignis mitbeteiligt gewesen
zu sein (S. 9 und 10).
Hierauf stellte der Staatsanwalt noch einmal die Frage, ob die Zeugin gesehen
habe, wie der in der Befragung anwesende Beschuldigte auf den Geschädigten
eingetreten bzw. eingeschlagen habe (S. 10). Die Zeugin antwortete nun: "Ja, das
habe ich gesehen". Und auf die Frage: "Und was genau hat der Beschuldigte ge-
macht", meinte sie: "Er hat auf den Geschädigten H._ eingetreten". Auf Vor-
halt der weiteren Angaben vom 8. Oktober 2011 zum Tathergang bestätigte sie
diese jeweils mit "Ja, das ist richtig" (S. 10f.). Sie bestätigte mit den gleichen Wor-
ten auch, den Beschuldigten am 28. Oktober 2011 erneut auf einem Fotobogen
erkannt und in jener Einvernahme zutreffend ausgeführt zu haben, der Beschul-
digte sei zum Geschehen hinzugekommen, als der Geschädigte bereits am Bo-
den gelegen habe, worauf der Beschuldigte mehrmals mit den Füssen auf den
Geschädigten eingetreten habe (S. 11).
Vom Staatsanwalt erneut gefragt, ob aus ihrer Sicht die Möglichkeit bestehe, dass
sie den im Raum anwesenden Beschuldigten mit einer anderen Person verwech-
seln könnte, bejahte sie. Sie gab wieder an, sie könnte ihn mit ihrem Ex-Freund
verwechselt haben und verwies diesbezüglich auf ihre bereits erfolgten Aussagen
(S. 11). Der Einvernehmende wies die Zeugin erneut darauf hin, dass, wenn sie
gesehen habe, wie der Beschuldigte auf den Geschädigten eingetreten habe, sie
diesen ja kaum mit ihrem Ex-Freund, von dem sie ja wisse, wie er aussehe, ver-
wechselt haben könne, was I._ wiederum bejahte. Die Frage "Und wie ist
es?" beantwortete sie mit: Ich habe gesehen, wie der Beschuldigte auf den Ge-
schädigten H._ eingetreten bzw. eingeschlagen hat und sich dann aus dem
Menschenknäuel entfernte. Die nachhakende Bemerkung des Staatsanwalts, wo-
nach demnach keine Verwechslungsmöglichkeit zu ihrem Ex-Freund bestehe,
quittierte sie mit: "Ja, das stimmt, es besteht keine Verwechslungsmöglichkeit"
(S. 12).
Auf Ergänzungsfrage des Beschuldigten, wie sicher sie sich gewesen sei, dass
die Person am Kiosk am fraglichen Ereignis beteiligt gewesen sei, antwortete sie,
- 41 -
sie habe diese Person anhand der Kleidung und vom Aussehen her wiederer-
kannt.
Ihr Ex-Freund habe sich im Übrigen nach dem Vorfall vom Ereignisort (bzw. vom
Brunnen beim J._) zu ihr begeben (S. 15). Sie habe damals beim Brunnen
gestanden. Er sei dann mit ihr in die M._ gegangen. Von der Verteidigung
auf die widersprüchlichen Aussagen bezüglich einer Verwechslung mit dem Be-
schuldigten angesprochen, meinte sie, es habe keine Verwechslung gegeben (S.
15). Sie habe "den Beschuldigten erkannt und fertig". Sie müsse jetzt auch lang-
sam nach Hause, um zu arbeiten. Als der Verteidiger die Frage wiederholte, gab
sie zur Antwort: "Zum zwanzigsten Mal: Ich habe den Beschuldigten erkannt; ich
habe es gesehen und ich möchte jetzt gern nach Hause gehen".
Die Aussagen I._s in dieser ersten Zeugeneinvernahme zu einer allfälligen
Falschbelastung des Beschuldigten als Täter aufgrund einer Verwechslung, ins-
besondere mit dem ehemaligen Partner der Zeugin, sind alles andere als glaub-
haft.
So überzeugen schon ihre Vorbringen zur Belastung des Beschuldigten anlässlich
der Fotokonfrontationen in U._ nicht. Zwar handelt es sich beim Dokument,
das ihre Reaktion auf die Fotovorlage und ihre Depositionen bei der ersten Kon-
frontation festhält, um einen zusammenfassenden Amtsbericht und nicht um ein
von I._ unterzeichnetes Protokoll, weshalb insoweit - isoliert betrachtet - nicht
völlig ausgeschlossen werden kann, dass die Auskunftsperson damals (möglich-
erweise nachträglich) erklärte, sich bezüglich der Täterschaft doch nicht ganz si-
cher zu sein und vergessen ging, dies zu Papier zu bringen. 2 1/2 Wochen später
fand aber, ebenfalls in U._, aber durch eine andere Person, eine zweite Fo-
tokonfrontation mit protokollarischer Befragung (und anderer Fotobogenzusam-
menstellung) statt, und I._ erklärte dabei ohne zu zögern und vorbehaltlos
abermals, sich ganz sicher zu sein, dass der auf einer Aufnahme abgelichtete Be-
schuldigte einer der tretenden Täter war. Der ganze Strauss von Gründen (Ab-
bruch Befragung, Themenwechsel, Vergessen, Unerreichbarkeit der U._ Po-
lizei, unterbliebener Rückruf), den sie in der Zeugeneinvernahme zur Begründung
dafür präsentierte, dass sie (zugegebenermassen) anlässlich dieser Fotokonfron-
- 42 -
tationen wie auch danach nicht auf eine mögliche Verwechslung mit ihrem Ex-
Freund hinwies, wirkt gesucht und gewunden und kann nicht wirklich Ursache für
den unterbliebenen Vorbehalt sein.
Als geradezu absurd erscheint sodann die Reaktion I._s auf den Vorhalt,
dass sie im Rahmen ihres Täter-Signalements vom 8. Oktober 2011 die Bezeich-
nung "Slawe" verwendet habe und den Beschuldigten bei der Fotokonfrontation
am folgenden Tag klar als mit dieser Person identisch bezeichnet hatte: Sie ant-
wortete, das stimme nicht, denn der Beschuldigte heisse ja nicht "Slawe", sondern
"A._". I._ hat die Bezeichnung "Slawe" mehrfach verwendet, und zwar
nicht nur mit Bezug auf den Beschuldigten, sondern auch bei der Beschreibung
anderer Täter, die ihr aufgefallen waren (HD 4/3/1/1 S. 2f.). Sie wollte damit frag-
los nicht ausdrücken, alle trügen den Namen "Slawe", sondern damit vielmehr ei-
ne Herkunftsbezeichnung abgeben. Auf nochmaligen gleich lautenden Vorhalt
beharrte sie denn auch nicht mehr auf ihre unglaubhafte Auslegung.
Widersprüchlich sind die Aussagen I._s in dieser Zeugeneinvernahme so-
dann insofern, als sie zunächst behauptete, den Beschuldigten nur aufgrund sei-
ner Kleider erkannt zu haben, auf Nachfragen des Staatsanwalts dann aber doch
mehrmals einräumte, auch das Konterfei des Beschuldigten anlässlich der Tat
wahrgenommen zu haben.
Gleichwohl behauptete die Zeugin auf Frage hin erneut, den Beschuldigten mög-
licherweise mit ihrem Ex-Freund verwechselt zu haben, nicht ohne Ersteren da-
nach wieder, bis zum Ende der Befragung, zu belasten.
Eine solche Verwechslung kann nun aber mit Fug - wie selbst die Zeugin mehr-
mals eingestehen musste (HD 4/3/1/5 S. 12 und 15) - ausgeschlossen werden.
Nicht nur trug der Ex-Freund von I._ ein völlig anderes Schuhwerk als der
von ihr ansonsten - wie von den Zeuginnen L._ und K._ stets gleich -
beschriebene Täter mit beigen Hosen, nämlich schwarz/weisse Turnschuhe, Mar-
ke Nike, Modell "Air-Mix" (HD 4/3/1/6 S. 12), nicht halbhohe Treckingschuhe in
der Art von Timberlandschuhen. Ferner war in sämtlichen anderen Täterbeschrei-
bungen auch nie die Rede davon, dass der Gesuchte eine grau/rot/weisse Nike
- 43 -
Tasche dabei gehabt haben soll, was aber I._ von ihrem Ex-Freund behaup-
tete (a.a.O.). Dieser tunesische Staatsangehörige weist sodann gemäss Be-
schreibung von I._ eine deutlich dunklere Hautfarbe (I._ in HD 4/3/1/6 S.
12: "mokka") und vor allem (vgl. dazu die Abbildungen in HD 4/3/1/7 und HD
4/3/1/2) andere Gesichtszüge auf als der fünf Jahre jüngere Beschuldigte mit ko-
sovarischen Wurzeln. Die Physiognomie des Ersteren musste I._ als Ex-
Freundin besonders gut bekannt gewesen sein, was sie auch zugab. Kommt hin-
zu, dass sich der Ex-Freund direkt nach dem Vorfall noch zu ihr begeben hatte,
womit sie ihn ereignisnah aus kürzester Distanz sehen konnte.
Die Argumentation der Verteidigung, I._ habe ihren Ex-Freund und Vater ih-
res Kindes schützen wollen und aus diesem Grund den Beschuldigten über die
meiste Zeit belastet, verfängt nicht (HD 38 S. 13 und 14). Vielmehr zeigen die -
wenn auch im Ergebnis untauglichen - Schutzbehauptungen zugunsten des Be-
schuldigten in dieser Zeugeneinvernahme, dass I._ gerade nicht darauf aus
war, den Beschuldigten falsch anzuschuldigen. Sonst wäre sie bei ihren bislang
klaren Belastungen geblieben. Die Vaterschaft des Ex-Freundes konnte sodann
mit Sicherheit keine Rolle spielen, denn das gemeinsame Kind kam nach den
glaubhaften Aussagen I._s erst im Oktober 2013 zur Welt, war also anläss-
lich der Zeugeneinvernahme vom 5. Dezember 2011 noch gar nicht gezeugt. Vor
allem aber hätte I._, hätte sie ihren Freund schützen wollen, das ganz ein-
fach dadurch tun können, dass sie ihn gar nicht ins Spiel gebracht, also in der
Zeugeneinvernahme vom 5. Dezember 2011 schlicht nicht erwähnt hätte.
Nähme man I._ beim Wort, so wäre ihr Ex-Freund ausserdem im Zeitpunkt
des Vorfalls gar nicht mehr in der Schweiz gewesen. Sie erklärte nämlich in der
zweiten Zeugeneinvernahme vom 24. März 2014, er sei nach einmonatiger Aus-
schaffungshaft ausgeschafft worden und halte sich mittlerweile seit drei Jahren in
Tunesien auf (HD 4/3/1/6 S. 13). Nachdem sie aber auch angab, dass sein Ein-
reiseverbot für die Schweiz noch bis Ende 2014 dauere, ist wahrscheinlicher,
dass er sich damals noch hierzulande (in Freiheit) aufhielt und erst einige Wochen
nach dem Vorfall vom 8. Dezember 2011 in Ausschaffungshaft genommen wurde.
Das ist denn auch vorliegend anzunehmen.
- 44 -
Im Übrigen ist für das vorliegende Verfahren ohne Bedeutung, ob "andere Aus-
kunftspersonen" einen "Maghreb-Typen" als Täter bezeichneten (HD 38 S. 13).
Hier geht es nicht darum, welche weiteren Personen allenfalls in strafbarer Weise
physisch auf den Privatkläger eingewirkt haben und ob darunter sogar der Ex-
Freund der Zeugin I._ gewesen sein könnte. Es geht auch nicht darum, ob
und gegebenenfalls weshalb davon auszugehen ist, dass sich I._ bei der Be-
zeichnung eines anderen mutmasslichen Täters getäuscht haben könnte (HD 38
S. 14). Mit Bezug auf die Täterschaft ist allein die Frage zu beantworten, ob der
Beschuldigte der Aggressor im beigen Gewand war, was nach dem bisher Erwo-
genen zu bejahen ist oder ob er von I._ mit deren eigenem früheren (und an-
scheinend auch wieder späteren) Freund (oder sonstwie) verwechselt worden
sein könnte, was demgegenüber zu verneinen ist.
Weshalb I._ den Beschuldigten in dieser Einvernahme zeitweise tatsachen-
widrig in Schutz zu nehmen versuchte, muss - kann aber auch - offen bleiben.
Denkbar sind Angst vor Vergeltung oder Mitleid. Vorstellbar wäre auch ein - mitt-
lerweile aufgekommenes (vor der nächsten Einvernahme aber wieder abgeflau-
tes) - Bedürfnis, den Ex-Freund in ein Strafverfahren hineinzuziehen, um ihn los-
zuwerden.
Aus all diesen Gründen liegt - auch unter Berücksichtigung der teils an Suggesti-
on grenzenden Befragungsweise des Staatsanwalts - mehr als nahe, dass die
Zeugin I._ mit dem Beschuldigten von Anfang an den hier gesuchten Täter,
dem sie anlässlich der Tat ins Gesicht gesehen hatte, bezeichnete.
4.1.2.2.4.5. Am 24. März 2014 wurde I._ - vorgeführt "aus der Untersu-
chungshaft in anderer Sache" (es ging u.a. um die bereits erwähnte falsche An-
schuldigung) - ein zweites Mal als Zeugin einvernommen (HD 4/3/1/6).
Auf die Frage, ob sie in den früheren Befragungen die Wahrheit angegeben oder
wissentlich und willentlich etwas Falsches zu Protokoll gegeben habe, erklärte
sie, sie habe das gesagt, was sie gewusst habe und das, was sie gesehen habe
(S. 6). Ihre früheren belastenden Aussagen bezeichnete sie auf Vorhalt ausdrück-
lich als richtig. Die Aussage in der Zeugeneinvernahme vom 5. Dezember 2011,
- 45 -
wonach eine Verwechslung mit dem Ex-Freund ausgeschlossen sei, habe sie im
Übrigen von sich aus, von niemandem beeinflusst, gemacht.
Weiter gab I._ an, dem Beschuldigten seit der ersten Zeugeneinvernahme
ca. ein bis zwei Mal zufällig begegnet zu sein (S. 5). Es sei wohl in etwa kurz vor
der Geburt ihres Sohnes (tt.mm.2013) gewesen. Sie habe mit ihm nur darüber
gesprochen, "wie es so gehe. Ansonsten nichts weiter". Sie sei weder vom Be-
schuldigten, noch von einer anderen Person dahingehend angegangen worden,
was sie nun aussagen solle (S. 5).
Später räumte sie auf Vorhalt ein, es könne sein, dass sie sich - wie vom Be-
schuldigten behauptet - (bereits) Anfang September 2012 miteinander unterhalten
hätten (S. 8). Es sei möglich, dass sie dabei auch über ihre (I._s) Zeugen-
aussagen gesprochen hätten, doch wisse sie dies nicht mehr. Dass sie - wie dies
der Beschuldigte behauptet - ihm "alles gestanden" habe, sie sinngemäss erklärt
habe, sie hätte ihn zu Unrecht dahingehend belastet, dass er an der fraglichen
Auseinandersetzung beteiligt gewesen sei, obschon sie gewusst habe, dass dies
in Tat und Wahrheit gar nicht der Fall gewesen sei, sei möglich, doch habe sie
"keine Ahnung" bzw. keine Erinnerung daran (S. 8f.). Noch einmal bekräftigte sie,
in der Zeugenaussage vom 5. Dezember 2011 aber die Wahrheit gesagt zu ha-
ben (S. 9). Unzutreffend sei die Behauptung des Beschuldigten, sie habe ausge-
führt, ihn wahrheitswidrig belastet zu haben, um den Ex-Freund - der an der Aus-
einandersetzung beteiligt gewesen sei und sie nun beeinflusst bzw. bedroht habe
- zu schützen (S. 9). Sie habe dem Beschuldigten auch nicht gesagt, es tue ihr
leid, ihn zu Unrecht belastet zu haben, an der fraglichen Auseinandersetzung
(mit-)beteiligt gewesen zu sein. Auf Ergänzungsfrage des Beschuldigten erklärte
sie sodann, sich nicht daran erinnern zu können, dass sie ihm gegenüber ihren
Ex-Freund in Schutz genommen habe, und auch nicht daran, dass er ihr gesagt
habe, sie könnten einen Termin beim Staatsanwalt vereinbaren, damit sie dort die
ganze Wahrheit sagen könne (S. 11).
Richtig sei, dass der Beschuldigte sie anlässlich eines zufälligen Treffens - nach-
dem sie zu ihm hingegangen sei und ihn begrüsst habe - gefragt habe, ob sie ei-
ne Vorladung erhalten habe, worauf sie erwidert habe, sie wisse es nicht, es sei
- 46 -
aber möglich (S. 10 f.). Ohne sie zu bedrohen oder ihr Geld in Aussicht zu stellen
habe er sie dann darum angegangen, dass sie ihre belastenden Zeugenaussagen
zurücknehmen und/oder relativieren solle (S. 10). Sie wisse aber nicht mehr,
wann das gewesen sei; allenfalls sei dies kurz vor ihrer geplanten Reise nach Tu-
nesien gewesen, die in ihrem Pass verzeichnet sei, als sie schwanger gewesen
sei (S. 10 und S. 11). Soweit sie sich zu erinnern vermöge, habe er gesagt, sie
solle einfach die Wahrheit sagen, das erzählen, was sie gesehen habe, und nie-
manden in Schutz nehmen (S. 10 und S. 11). Aufgrund des aktenkundigen Pas-
seintrags (HD 4/3/1/7) und ihrer Einordnung der Begegnung kurz vor der
tt.mm.2013 erfolgten Geburt ihres Sohnes (HD 4/3/1/6 S. 5) dürfte es im Septem-
ber 2013 zu diesem Treffen gekommen sein.
Schliesslich gab die Zeugin von ihrem Ex-Freund, welcher der Kindsvater sei, und
mit dem sie heute noch Kontakt habe, bezogen auf den 8. Oktober 2011 ein Sig-
nalement ab, das - soweit von Belang - bereits oben unter Ziffer 4.1.2.2.4.4. in die
Erwägungen zur Sachverhaltswürdigung betreffend die Täterschaft eingeflossen
ist und deshalb hier nicht wiederholt zu werden braucht.
Ansonsten ergibt sich aus dieser zweiten Zeugeneinvernahme im Ergebnis nichts,
was den Beschuldigten zusätzlich zu be- oder entlasten vermöchte.
I._ verneinte nicht, dem Beschuldigten zwischenzeitlich begegnet zu sein
und mit ihm gesprochen zu haben, vermochte sich aber ihren anfänglichen Aus-
sagen zufolge nicht mehr daran zu erinnern, was damals gesprochen worden war
bzw. ging zunächst davon aus, man habe sich bei zufälligen Treffen begrüsst und
Small-Talk über das Befinden gemacht. Auf Vorhalt entsprechender Aussagen
des Beschuldigten hielt sie es dann für "möglich", dass sie ihm "gestanden" habe,
ihn zu Unrecht belastet zu haben, verneinte aber, daran eine Erinnerung zu ha-
ben. Weshalb der Beschuldigte eine solche Bestätigung von ihr hätte verlangen
sollen, ist allerdings auch nicht nachvollziehbar; wenn er nicht der Täter gewesen
wäre, hätte er das ja selbst am besten gewusst und damit auch, dass er falsch
beschuldigt worden war. Sollte sich die Zeugin tatsächlich in diesem Sinne ge-
äussert haben, was nicht erstellt ist, dann läge als Erklärung dafür - auch wenn
der Beschuldigte sie nicht explizit bedrohte oder ihr Geld versprach - am Nächs-
- 47 -
ten, dass sie Angst vor einer eskalierenden Auseinandersetzung hatte. Ausdrück-
lich bestritt sie im Übrigen, ihm gegenüber weiter erklärt zu haben, es tue ihr Leid
angesichts der Haft, die er unschuldig habe verbüssen müssen, ihn zu Unrecht
belastet zu haben. Klar in Abrede stellte I._ alsdann, dass sie dem Beschul-
digten gesagt haben könnte, ihn belastet zu haben, weil sie von ihrem Ex-Freund,
dem wahren Täter, bedroht worden sei. Tatsächlich hätte das auch keinen Sinn
ergeben, denn hätte sie aus Furcht nicht gegen ihren Ex-Freund aussagen wol-
len, hätte sie ihn - wie bereits weiter oben ausgeführt - in der Zeugeneinvernahme
gar nicht zur Sprache zu bringen brauchen. Von Seiten der Anklagebehörde war
der Ex-Freund damals nicht - weder als möglicher Täter noch aus anderem An-
lass - zum Thema gemacht worden. Weiter gab sie im Verlauf der Einvernahme
an, vom Beschuldigten einmal, wenn auch nicht drohend oder Geld anbietend,
darum angegangen worden zu sein, ihre belastenden Aussagen zurückzuneh-
men. Warum sie dies nicht schon zu Beginn der Befragung erwähnte, muss offen
bleiben; möglicherweise erinnerte sie sich nicht daran, eventuell wollte sie ihn
auch nicht dem Verdacht aussetzen, sie beeinflusst zu haben.
I._ bestätigte im Übrigen in dieser zweiten Einvernahme mehrmals ihre bis-
herigen, den Beschuldigten belastenden Depositionen, und gab an, unbeeinflusst
die Wahrheit - bzw. was sie gesehen und gewusst habe - gesagt zu haben
(HD 4/3/1/6 S. 6 ff.). Sie schloss insbesondere explizit aus, dass eine Verwechs-
lung mit ihrem Ex-Freund vorliegen könnte; Neues zum Vorfall und zur Täter-
schaft des Beschuldigten brachte sie (mit Ausnahme des erwähnten Signale-
ments) hingegen nicht vor.
4.1.2.2.4.6. Zusammenfassend kommt den Aussagen von I._ zur Täteridenti-
fikation angesichts der angeschlagenen Glaubwürdigkeit und ihres mitunter
merkwürdigen Aussageverhaltens in den Zeugeneinvernahmen nicht der gleich
hohe Beweiswert der Depositionen von L._ zu. Sie fand aber immer wieder
zur Aussage zurück, den mit beigen Hosen und beigem Schuhwerk bekleideten
Beschuldigten dabei beobachtet zu haben, wie er auf den Privatkläger eingetreten
hat. Eine Verwechslung mit dem Ex-Freund kann nicht vorliegen. Die Belastungen
der Zeugin I._ bilden ein weiteres Indiz für die Täterschaft des Beschuldigen.
- 48 -
Daran vermögen wie gezeigt auch die Einwendungen der Verteidigung, die nicht
überzeugen und unvereinbar zwischen dem Vorwurf, I._ habe den Beschul-
digten (um den Ex-Freund zu schützen und aus Rache für unerwidert gebliebene
Zuneigung zum Beschuldigten) bewusst falsch belastet und der Behauptung, sie
habe den Beschuldigten irrtümlich mit dem wahren Täter verwechselt, pendeln,
nicht zu ändern.
4.2. Aussagen des Beschuldigten sowie von S._ und T._
4.2.1. Glaubwürdigkeit
4.2.1.1. Beim Beschuldigten finden sich mit Bezug auf die Glaubwürdigkeit keine
Besonderheiten. Sicher hat er ein Interesse daran, die Ereignisse in einem für ihn
günstigen Licht zu schildern. Ein solches Interesse hat aber jeder Beschuldigte,
auch der unschuldige. Eine besonders vorsichtige Aussagenwürdigung drängt
sich daher nicht auf.
4.2.1.2. Der Beschuldigte, S._ und T._ sind gute Kollegen (vgl. dazu et-
wa HD 4/3/13 S. 9 und HD 38 S. 7) und waren in der Tatnacht miteinander im
Ausgang. S._ und T._ könnten daher dazu neigen, den Sachverhalt zu
Gunsten des Beschuldigten zu beschönigen, auch wenn sie nach der Verhaftung
des Beschuldigten - wie die Verteidigung hervorhebt (HD 72 S. 14) - danach noch
nach ... in den Ausgang statt verstört und mitfühlend nach Hause gingen. Die
Möglichkeit begünstigender Vorbringen ist bei der Würdigung ihrer Aussagen im
Auge zu behalten.
Hingegen erweisen sich ihre Ausführungen - wie die Verteidigung zu recht vor-
bringt (HD 72 S. 13 f.) - nicht von vornherein als weniger glaubhaft, weil sie ledig-
lich als Auskunftspersonen, nicht als Zeugen, einvernommen wurden.
- 49 -
4.2.2. Glaubhaftigkeit der Aussagen
4.2.2.1. Inhalt
Die Vorinstanz hat den Inhalt der Aussagen des Beschuldigten und seiner beiden
Kollegen S._ und T._ zusammengefasst (HD 52 S. 22 ff.). Darauf sei
verwiesen.
4.2.2.2. Würdigung der Aussagen
4.2.2.2.1. Der Beschuldigte bestritt während des gesamten Strafverfahrens jegli-
che Beteiligung an der Gewalteinwirkung auf den Privatkläger (HD 4/2/1/1 S. 1,
HD 4/2/1/2 S. 2, 3, 4, 7, 8, HD 4/2/1/3 S. 2, 3 und 12, HD 4/2/1/4 S. 2, 3, 4, 7 und
9, HD 15/4 S. 2, HD 35 S. 7 und 9, HD 36 S. 4, 6). Er vermute eine Verwechs-
lung. S._ und T._ erklärten ebenfalls, der Beschuldigte sei nicht in die
Schlägerei involviert gewesen, wobei sie im (erweiterten) Tatzeitraum stets mit
ihm zusammen gewesen seien (HD 4/3/12 S. 6 f., HD 4/3/13 S. 7 f.).
4.2.2.2.2. Übereinstimmend führten alle drei aus, sich an diesem Abend ca. zwi-
schen 22.00 bis 22.30 Uhr im oder beim ... J._ getroffen zu haben (HD
4/2/1/1 S. 4, HD 4/2/1/3 S. 5 f., HD 4/3/12 S. 4, HD 4/3/13 S. 2 f.). Anschliessend
hätten sie gemeinsam Alkohol konsumiert (HD 4/2/1/3 S. 6, HD 4/3/12 S. 2 ff., HD
4/3/13 S. 2 ff.). Als sie hungrig geworden seien, hätten sie sich ins Fast-Food-
Restaurant N._ am J._-Platz begeben und dort im Obergeschoss etwas
gegessen (HD 4/2/1/1 S. 4, HD 4/2/1/3 S. 7 f., HD 4/3/12 S. 2, HD 4/3/13 S. 5 f.,
HD 15/4 S. 2). Nach dem Verlassen des Restaurants seien sie direkt via den
nächstgelegenen Abgang ins unter dem J._-Platz gelegene W._ und
von da in Richtung der Gleise .../... gegangen, weil sie mit dem Zug nach ... hät-
ten fahren wollen, um den Ausgang dort fortzusetzen (HD 4/2/1/1 S. 4, HD 4/2/1/3
S. 7 f., HD 4/3/12 S. 6, HD 4/3/13 S. 2, HD 15/4 S. 2 f.). Sie hätten ein Billett bzw.
den Nachtzuschlag gelöst, den Ein-Uhr-Zug aber nicht mehr erwischt, weshalb sie
noch einmal in die M._ gegangen seien, wo der Beschuldigte überraschend
verhaftet worden sei (HD 4/2/1/1 S. 5, HD 4/2/1/3 S. 7 ff., HD 4/3/12 S. 2 und 6,
HD 4/3/13 S. 2, HD 38 S. 4).
- 50 -
Nun ist zwar davon auszugehen, dass den drei Kollegen nach dem Anklagege-
genstand bildenden Ereignis genügend Zeit verblieb, sich die soeben geschilderte
Geschichte zurecht zu legen, denn der Beschuldigte wurde erst um 01.30 Uhr, al-
so rund eine halbe Stunde nach der Attacke auf H._, verhaftet (HD 4/2/1/1 S.
3, HD 15/1). Ohne fundierte weitere Hinweise kann ihnen eine Absprache aber
nicht nachgewiesen werden.
4.2.2.2.3. Die Vorinstanz hat akribisch nach Ungereimtheiten in den Aussagen der
drei Kollegen gesucht und auch eine ganze Reihe von Inkongruenzen aufgedeckt
(HD 52 S. 31 ff.).
Soweit sich die Divergenzen auf Zeitangaben oder den generellen Ablauf des
Abends bis zum Verlassen des ...restaurants beziehen, lässt sich aus ihnen je-
doch nicht der Schluss ziehen, S._ und T._ hätten wahrheitswidrig be-
hauptet, der Beschuldigte habe sich an der Tat nicht beteiligt. S._ und
T._ wurden zum ersten und einzigen Mal am 22. November 2011, mithin
1 1/2 Monate nach dem Vorfall, protokollarisch einvernommen (HD 4/3/12 und
HD 4/3/13). Dass sie sich nach dieser langen Zeit nicht mehr zuverlässig an den
Ablauf jenes Abends zu erinnern vermochten, weshalb gewisse Aussagen dazu in
sich wie zu den Vorbringen der anderen widersprüchlich ausfielen, verwundert
schon von daher nicht.
Ähnlich verhält es sich mit den Depositionen des Beschuldigten: Zwischen den
drei Befragungen vom 8. und 10. Oktober 2011 (polizeiliche Einvernahme
[HD 4/2/1/1], staatsanwaltschaftliche Hafteinvernahme [HD 4/2/1/2], haftrichterli-
che Einvernahme [HD 15/4]), aus denen sich keine massgeblichen Widersprüche
herauslesen lassen - wobei die Vorgeschichte der Tat ohnehin nur in der ersten
Einvernahme etwas eingehender erfragt wurde - und der nächstfolgenden Einver-
nahme des Beschuldigen vom 7. Dezember 2011 (HD 4/2/1/3) vergingen rund
vier Wochen. Die nächste Befragung erfolgte sogar erst rund ein Jahr nach dem
Vorfall. Soweit der Beschuldigte also Einzelheiten der Geschehnisse vor der Tat
nicht mehr übereinstimmend mit seinen früheren Vorbringen und denjenigen sei-
ner Kollegen schilderte, ist das noch kein Indiz dafür, dass er die Täterschaft zu
Unrecht bestreitet.
- 51 -
Für alle drei bestand sodann im weiteren Vorfeld der Tat (wenn es etwa um den
Zeitpunkt des Zusammentreffens der Kollegen oder den Kauf von Alkohol ging)
überhaupt kein Anlass, sich das Erlebte und die zugehörigen exakten Zeiten ein-
zuprägen.
Hinzu kommt, dass die drei Kollegen offenbar schon öfters miteinander im Aus-
gang waren und sich dann auch im oder im weiteren Umfeld des J._s trafen
und sich zumindest in der Region aufhielten. Vom Beschuldigten ist denn be-
kannt, dass er häufig im und um den ... J._ "herumhing" (gemäss I._
hing er dort jeweils ab, vgl. auch HD 4/2/1/3 S. 3), und T._ fiel bezeichnen-
derweise in jener Nacht, in der man gemäss seinen Aussagen lange in der
M._ herumhing, schon vor der Tat auf, dass viel mehr Polizei als sonst je-
weils an einem Freitag im J._ präsent war (HD 4/2/13 S. 2 und 5). Ist nun
aber davon auszugehen, dass die drei Kollegen die Freizeit des Öfteren auf glei-
che oder ähnliche Weise miteinander verbrachten, dann ist umso eher davon
auszugehen, dass es rückblickend zu Unschärfen und Verwechslungen gekom-
men sein kann.
Aus dem Gesagten folgt, dass es sich nicht als zielführend erweist, die gesamte
Vorgeschichte der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 2011 im Detail aufzurollen
und minutiös auf Widersprüche zu untersuchen. Diesbezügliche Divergenzen in
den Vorbringen der drei Befragten sind wie gezeigt unverdächtig, ganz abgese-
hen davon, dass für die Frage der Täteridentifikation unergiebig ist, was der Be-
schuldigte von seiner Ankunft im J._ um ca. 20.00 Uhr bis zum Treffen mit
den Kollegen (HD 4/2/1/3 S. 6) ungefähr zwei Stunden später alles getan hat, ob
und auf welche Weise unter den Kollegen ein Zeitpunkt für dieses Treffen abge-
macht worden war, wo genau (beim oder im J._ oder an der ...strasse) man
sich getroffen hat, wer wann wo welche Quantität, Sorte und Marke Wodka be-
sorgt bzw. mitgebracht hat, wer dann wieviel davon getrunken hat, zu welcher ge-
nauen Uhrzeit man sich ins Restaurant N._ begab, ob man dort 30 oder 50
Minuten blieb und ob man dort eine vierte Person, den ominösen "AA._", an-
traf.
- 52 -
4.2.2.2.4. Von Interesse und Belang sind dagegen die Aussagen des Beschuldig-
ten, von S._ und von T._, die sich auf das direkte zeitliche Umfeld der
Tat beziehen und sich auf Beobachtungen beziehen, die nicht alltäglich sind und
die man daher auch nicht so leicht vergisst.
S._ führte aus, beim Verlassen des N._ hätten sie mehrere Polizeiautos
und einen Krankenwagen sowie Sanitäter und viele Polizisten und Leute gesehen
(HD 4/3/12 S. 2 und 6). Eine Person habe am Boden gelegen, geblutet und einen
goldenen "Sack" über sich gehabt. Weiter gab er an, "ein paar Frauen" - nicht
dieselben, die später in der M._ vor der Verhaftung des Beschuldigten auf
diesen gezeigt hätten - hätten ihnen erzählt, Schwarze hätten "geschlegelt" (HD
4/3/12 S. 3 und 5 f.). Es seien, so S._, wohl dieselben Leute gewesen, die er
schon (vor dem Besuch des N._) zuvor im J._ gesehen habe und die
dort herumgeschrien und Leute angepöbelt hätten (a.a.O.).
T._ führte aus, als sie aus dem N._ gekommen seien, hätten sie zwei
Polizeiwagen und einen Krankenwagen beim Tram stehen und eine Person am
Boden liegen sehen, die in goldene "Tücher" eingewickelt bzw. damit bedeckt
gewesen sei und von der Sanität "weggetan" worden sei (HD 4/3/13 S. 2 und 7).
Dann habe er gesehen, dass einige Leute, eine Gruppe dunkelhäutiger Personen,
die möglicherweise identisch mit den herumschreienden Tamilen, die ihm schon
vor dem Besuch des N._ in der M._ aufgefallen seien, seien, in die
M._ davongerannt seien, nachdem sie die Polizeisirene gehört hätten (S. 7).
Zu den Aussagen von T._ ist zunächst festzuhalten, dass die Chronologie
nicht stimmt, denn das Opfer wurde erst von den Sanitätern betreut, nachdem
sich die Täter vom Tatort entfernt hatten.
Alsdann geht selbst die Verteidigung aufgrund eines persönlichen Augenscheins
davon aus, dass sich aus der Distanz von rund 50 Metern (HD 38 S. 8) zwischen
Beobachtungsstandort und Tatort das Geschehen selbst bei optimalen nächtli-
chen Sichtverhältnissen unmöglich genau verfolgen liesse (HD 72 S. 23 und un-
ten II.A.4.3.4.1). Wie S._ diesfalls gesehen haben soll, dass das Opfer geblu-
- 53 -
tet habe und T._, dass dunkelhäutige Personen wegrannten, ist nicht recht
einsehbar.
Immerhin denkbar ist, dass die Blinklichter der Einsatzfahrzeuge und die goldfar-
bene, das Umgebungslicht spiegelnde Decke sowie die groben Umrisse von sich
schnell wegbewegenden Personen auch aus dieser Entfernung sichtbar waren.
Nimmt man dies an, folgt daraus jedoch, dass die drei Kollegen, die ja immer bei-
sammen geblieben sein wollen, auf dem Weg vom N._ zum Abgang ins
W._ einige Zeit auf dem Trottoir stehen geblieben sein und von dort aus zu-
gesehen haben müssten. T._ will ja die von der Polizeisirene aufgeschreck-
ten Täter davonrennen gesehen haben (wovon S._ in seiner Darstellung
verdächtigerweise nichts erwähnt, obschon es sich hierbei um eine wichtige Be-
obachtung handelt), darüber hinaus beobachtet haben, wie zwei Polizeifahrzeuge
und der Krankenwagen beim Tram (gemeint wohl: bei der Tramhaltestelle) stan-
den und schliesslich mitbekommen haben, dass der Geschädigte mit einer Gold-
folienblache zugedeckt da lag. Was er berichtete, kann er in zeitlicher Hinsicht
unmöglich alles während des bloss wenige Meter messenden Gehwegs vom
Ausgang des Restaurants N._ zu den in den Untergrund führenden Stufen
ins W._ gesehen haben.
Unter diesen Umständen ist nun aber nicht nachvollziehbar, dass der Beschuldig-
te, wie er behauptete - die Verteidigung indes bei ihrer Würdigung der Aussagen
geflissentlich ausblendete (HD 72 S. 21 ff.) - gemäss seinen Aussagen kurz nach
dem Vorfall und vor dem Haftrichter, mithin in Zeitpunkten, in denen er sich noch
sehr gut an das Erlebte erinnert haben muss, von den von den Kollegen be-
schriebenen Geschehnissen auf dem J._-Platz überhaupt nichts mitbekom-
men haben könnte (HD 4/2/1/3 S. 9 und 12, HD 15/4 S. 2). Wohl mag sein, dass
den Beschuldigten nach Drogenkonsum eine gewisse Gleichgültigkeit befällt und
er sich deshalb "nicht gross" für das interessiert, was um ihn herum geschieht,
sondern seinen "Frieden" haben will, wie er vorbrachte (HD 4/2/1/3 S. 9). Doch ist
zum Drogeneinfluss festzuhalten, dass der Konsum von Kokain in diesem Zeit-
punkt bereits mindestens drei Stunden zurücklag (im Beisein seiner Kollegen will
er sich kein Kokain zugeführt haben) und er selbst erklärte, nicht sehr viel Alkohol
- 54 -
getrunken zu haben, weshalb er kaum sonderlich "high" (a.a.O.) gewesen sein
kann. Eine Bestätigung findet diese eigene Einschätzung des Beschuldigten da-
rin, dass er in der ärztlichen Untersuchung, die rund 2 3/4 Stunden nach der Tat
stattfand, nicht merkbar beeinträchtigt wirkte, insbesondere allseits orientiert war
und ein ruhiges, unauffälliges Verhalten sowie eine unauffällige Sprache zeigte
(HD 7/5/2/2). Der Kokain-Konsum wurde im Übrigen für niedrig dosiert befunden,
und es konnte keine Aussage darüber gemacht werden, ob im Zeitpunkt des Er-
eignisses überhaupt eine Kokainwirkung vorlag (HD 7/5/2/3 S. 4). Dass der Be-
schuldigte nun, nachdem seine Kollegen zwecks Beobachtung der Szenerie ste-
hen geblieben waren, weder akustisch (durch eine Bemerkung der Kollegen oder
das Sirenengeheul) noch - optisch (mehrere flüchtende Personen, Polizei- und
Krankenwagen, goldfolienbedeckte Person am Boden) etwas wahrgenommen
haben will, ist unter den von den Kollegen geschilderten Umständen nicht glaub-
haft. Da hilft auch nichts, dass er nun in der Berufungsverhandlung nachschob,
damals doch Blaulichter, Krankenwagen und Goldfolie gesehen zu haben (Prot. II
S. 24 f.); diese neuen Vorbringen sind als blosse Schutzbehauptungen zu qualifi-
zieren.
Mindestens T._ wusste im Übrigen - entgegen der nicht aktenkonformen Be-
hauptung der Verteidigung (HD 72 S. 27) - dass "von der Polizei und den Kran-
kenhäusern" goldene Folien zu Bedeckung eines Verletzten verwendet werden
(HD 4/3/13 S. 2), weshalb die (zutreffende) Erwähnung einer solchen Decke auch
durch S._ nichts zu Gunsten des Beschuldigten besagt. Einerseits kann eine
diesbezügliche Absprache erfolgt sein. Andererseits können die beiden Kollegen
des Beschuldigten die Decke wie die Fahrzeuge auch - nach der Tatverübung
durch den Beschuldigten - von einem anderen Standort aus gesehen haben, bei-
spielsweise, wie bei genauer Betrachtung der Tatortfotos und der von der Vertei-
digung eingereichten Luftaufnahme (HD 3, Anhang zu HD 37) erhellt, aus dem
Durchgang von der M._ her Richtung Brunnen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen des Beschuldigten und
seiner Kollegen zu dieser tatnahen Phase des Geschehens derart inkompatibel
- 55 -
sind, dass sie nicht dazu geeignet sind, den Beschuldigten hinsichtlich seiner Tä-
terschaft zu entlasten.
4.2.2.2.4. Auch die anderen Ausführungen der drei Kollegen schliessen eine Tat-
beteiligung des Beschuldigten nicht aus.
In den Aussagen des Beschuldigten finden sich im Gegenteil zusätzliche Hinwei-
se dafür, dass er gerade seine Aktivitäten um die Tatzeit zu verschleiern suchte.
So korrespondieren die Ausführungen des Beschuldigten zur angeblich geplanten
Zugsfahrt nicht. Er hat den Nachtzuschlag nicht um 01.02 Uhr - wie er hier ganz
präzise, keine Erinnerungsschwäche geltend machend, angegeben hat - gelöst,
sondern um 01.10 Uhr (HD 7/6); vor allem aber kann er, als er nach dem Lösen
der Tickets oben am Automaten zu den Gleisen hinunter ging, nicht gerade den
(pünktlich abfahrenden) 01.00-Uhr-Zug verpasst haben (wie der Beschuldigte,
entgegen der erneut aktenwidrigen gegenteiligen Behauptung der Verteidigung
(HD 72 S. 21), schon in der ersten Einvernahme in der Tatnacht behauptete,
HD 4/2/1/1 S. 5, vgl. ferner seine minutengenaue Angabe in HD 4/2/1/3 S. 6 und
S. 7: "Der Zug fuhr punkt 01.00 Uhr ab".). Dieser war vielmehr schon längst abge-
fahren.
Auch wenn der Beschuldigte und seine Kollegen tatsächlich zu später Stunde ein
Mahl im N._ einnahmen und dann, wie er ausführte, um ca. 00.50 Uhr das
Lokal verliessen, wonach sie direkt ins W._ gegangen seien, kann er sich in
den 20 Minuten bis zum Lösen des Nachtzuschlagstickets zu den Aggressoren,
die den Privatkläger zu Boden gebracht hatten, begeben und mit den anderen Tä-
tern auf ihn eingetreten und danach noch problemlos den Weg auf der anderen
Seite des J._s (...) zurückgelegt haben; das räumte selbst die Verteidigung
ein, indem sie die Zeit für Weg und Lösen des Billets - immer noch grosszügig -
auf 9 bis 10 Minuten veranschlagte (HD 72 S. 21). Dass die Ausführung der Tat
des Beschuldigten viel Zeit in Anspruch genommen hätte, behauptet niemand.
Vielmehr ist in den Akten die Rede von einer kurzen, Sekunden oder allenfalls ei-
ne Minute dauernden Einwirkung des Beschuldigten auf das Opfer. Auch die Ver-
teidigung geht von einer kurzen Zeitspanne aus (HD 38 S. 11).
- 56 -
Auch dass sich der Beschuldigte nicht sofort davon machte oder versteckte, son-
dern in die M._ zurückkehrte, ändert nichts (HD 72 S. 26). Zum einen fuhr
nach seinen Aussagen nicht sogleich ein Zug an den gewünschten Ort. Zum an-
deren ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Täter in belebter Umgebung - wie der
M._ und der Umgebung des J._s - relativ sicher vor Entdeckung fühlen.
Möglicherweise sahen die drei Kollegen dann sogar vor dem J._ bei der Ber-
gung des Opfers zu (die Aufnahmen von der Rettungsaktion wurden nicht, wie
von der Verteidigung vorgebracht [HD 38 S. 21], um 01.00 Uhr gemacht; vgl. dazu
im Detail die Ausführungen der Vorinstanz in HD 52 S. 35). Die Angabe des Be-
schuldigten, man habe zwischen dem Verpassen des Zugs und der Rückkehr in
die M._ noch 10 bis 15 Minuten bei den Schliessfächern verbracht (was er
nur ein Mal, in der dritten Befragung, vorbrachte, HD 4/2/1/3 S. 8), ist nicht glaub-
haft. Davon haben weder T._ (der gemäss dem Beschuldigten dort Kleider
habe deponieren wollen, weshalb zu erwarten gewesen wäre, dass er sich daran
noch erinnert hätte) noch S._ etwas verlauten lassen.
4.3. Videoüberwachung
4.3.1. Die Verteidigung moniert, dass keine Videoaufnahmen der Örtlichkeiten bei
den Akten liegen, der von der Staatsanwaltschaft der Polizei erteilte Auftrag be-
treffend die Aufzeichnungen beim N._ an die Polizei nicht dokumentiert wor-
den sei und die Staatsanwaltschaft offenbar Aufnahmen weiterer Kameras ge-
sichtet habe, ohne diese zu den Akten zu nehmen (HD 38 S. 20, Prot. I S. 15, HD
72 S. 7 f. ). Die Staatsanwaltschaft habe dadurch Beweismittel unterdrückt bzw.
die Beweiswürdigung vereitelt. Der Untersuchungsgrundsatz von Art. 6 StPO, der-
jenige der Beweiserhebung gemäss Art. 139 StPO, die Dokumentationspflicht und
die Ansprüche auf rechtliches Gehörs und ein faires Verfahren seien verletzt. Soll-
te das Obergericht (dennoch) zum Schluss kommen, der Beschuldigte sei zu ei-
ner Strafe zu verurteilen, sei das Verhalten der Staatsanwaltschaft und die Verlet-
zung rechtsstaatlicher Grundprinzipien bei der Bemessung des Urteils angemes-
sen zu berücksichtigen (HD 72 S. 7).
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4.3.2. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft räumte in der Hauptverhandlung ein,
die vom Beschuldigen und vom Privatkläger angeregte (HD 4/1/1/2 S. 2,
HD 4/2/1/2 S. 6, HD 15/4 S. 2) und von ihm in Auftrag gegebene Sicherstellung
der Aufnahmen der Videoüberwachungskameras des Schnellimbisses N._
zwecks nachfolgender Auswertung sei bei der Polizei vergessen gegangen
(Prot. I S. 12). Hinsichtlich der Videoüberwachung des J._s seien keinerlei
Geschehnisse zu erkennen gewesen; insbesondere habe die Auseinanderset-
zung nicht beobachtet werden können, weshalb diesbezüglich auch keine Sicher-
stellung erfolgt sei.
4.3.3. Indem die Staatsanwaltschaft den - offenbar mündlich erteilten - Auftrag zur
Sicherstellung der N._-Aufzeichnungen und (teilweise, vgl. HD 7/7) die Ab-
klärungen zur Existenz allfälliger weiterer, der Sachverhaltswürdigung dienlicher
Videoaufnahmen auf dem interessierenden Areal nicht in den Untersuchungsak-
ten aufscheinen liess, verletzte sie die Dokumentationspflicht. Doch handelt es
sich hierbei um eine Ordnungsvorschrift, deren Verletzung allein weder einen
Freispruch noch eine obligatorische Strafminderung zur Folge hat.
4.3.4. Eine andere Frage ist, ob davon auszugehen ist, dass der Beschuldigte bei
erfolgter Sicherung und Auswertung der Aufnahmen entlastet worden und damit
freizusprechen gewesen wäre.
4.3.4.1. Dem ist bezüglich der N._-Überwachungskameras nicht so. Dass
sich unter den Aufzeichnungen des Schnellimbiss-Restaurants beweistaugliche
Aufnahmen des Tatgeschehens beim Brunnen befunden hätten, ist aufgrund der
geografischen Lage von bzw. Distanz (laut Verteidigung rund 50 Meter) zwischen
Fastfood-Restaurant und Brunnen sowie des mutmasslichen, aus Gründen des
Persönlichkeitsschutzes auf das Areal des N._ beschränkten Aufnahmeradi-
us' der Kameras nicht anzunehmen. Mit dieser Einschätzung stimmt auch die ei-
gene Beobachtung der Verteidigung überein, wonach der genaue Tathergang
vom Vorplatz des N._ aus selbst bei optimalen Sichtverhältnissen "unmög-
lich" erkennbar gewesen sei (HD 72 S. 23).
- 58 -
Was sodann die zeitliche Komponente betrifft, so hätte zwar mit der Videoauswer-
tung festgestellt werden können, wann der Beschuldigte und seine Kollegen den
N._ verlassen haben. Da aber die Tatzeit nicht exakt fest steht (HD 28 S. 2:
"ca. 01.00 Uhr") und der Tatbeitrag bzw. die Verweildauer der gesuchten Person
am Tatort von kurzer Dauer war, hätte die Täterschaft des Beschuldigten höchs-
tens ausgeschlossen werden können, wenn er deutlich vor 01.00 bis nach 01.00
Uhr im Restaurant verweilt hätte. Das behauptet aber selbst der Beschuldigte
nicht, spricht er doch davon, das Restaurant "wohl gegen 00.50 Uhr" (HD 4/2/1/3
S. 8) verlassen zu haben. Ein Nachtzuschlagticket löste er sodann um 01.10 Uhr
(HD 7/6), doch kann er sich sowohl vor als auch kurz nach diesem Zeitpunkt an
einer Gewalteinwirkung auf den Privatkläger beteiligt haben. Gleichsam "zwischen
Autos, Trams und Bussen" über den J._-Platz zu "rennen" brauchten dafür -
entgegen der Argumentation der Verteidigung (HD 72 S. 23 f.) - weder der Be-
schuldigte noch seine Kollegen. Der Zugang zum Tatort war im Übrigen von ver-
schiedenen Seiten her möglich.
4.3.4.2. Hinsichtlich der Videoüberwachung des J._areals behauptete der
Staatsanwalt vor Vorinstanz - entgegen der spekulativen Interpretation der Vertei-
digung (HD 72 S. 7) - keineswegs, er selbst habe Videos gesichtet. Vielmehr stell-
te er einzig fest, es habe keine Aufnahmen gegeben, auf denen das Geschehen,
insbesondere die fragliche Auseinandersetzung, beobachtbar gewesen wäre. Das
hatte seinen Grund offensichtlich darin, dass an den interessierenden Stellen kei-
ne Videokameras installiert waren. Diese Erkenntnis braucht nicht der Staatsan-
walt persönlich gemacht zu haben, sondern kann genauso gut durch die Polizei
erfolgt sein. Mit diesen Erwägungen im Einklang steht die Aktennotiz der Kan-
tonspolizei Zürich, worin festgehalten wird, dass der Treppenabgang vor dem
N._, Seite J._-Strasse - mithin just der Abgang ins W._, den der
Beschuldigte und seine Kollegen nach dem Verlassen des Schnellrestaurants be-
nutzt haben wollen (!) - nicht videoüberwacht ist (HD 7/7). Waren nun aber keine
sachdienlichen weiteren Überwachungsaufnahmen vorhanden, dann war die logi-
sche und richtige Konsequenz davon, dass auch keine Aufzeichnungen sicherzu-
stellen waren. Mit diesem Vorgehen hat die Staatsanwaltschaft mitnichten eine
"Beweiswürdigung" vorgenommen, "die ... dem Gericht obliegt" (HD 72 S. 7), und
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sie hat es auch nicht unterlassen, "eine für die Beurteilung der Tat und der be-
schuldigten Person bedeutsame Tatsache" abzuklären bzw. zu den Akten zu
nehmen (a.a.O. S. 8). Vielmehr lag eine unerhebliche Tatsache vor, über die ge-
mäss Art. 139 Abs. 2 StPO gerade nicht Beweis zu führen ist.
Es bestehen somit auch hier keine ernsthaften Anhaltspunkte dafür, dass der Be-
schuldigten eines zum Freispruch führenden Beweismittels verlustig gegangen
sein könnte.
4.4. Spuren
Das Vorverfahren förderte keine Kontaktspuren zu Tage, welche einen physi-
schen Angriff des Beschuldigten auf den Privatkläger zu belegen vermöchten. Die
Hosen des Beschuldigten wurden gar nicht untersucht. Hinsichtlich der Schuhe
beschränkte sich der Auftrag der Staatsanwaltschaft an das Forensische Institut
Zürich darauf, den Verursacher einer Verletzungsspur über dem rechten Auge
des Privatklägers zu eruieren (HD 7/3 S. 2). Hierbei wurden das Schuhwerk des
Beschuldigten sofort ausgeschlossen, weil es über keine Schuhbändelösen ver-
fügte. Schuhe, Hosen und übrige Kleider des Beschuldigten wiesen auch keine
offensichtlichen Blutspuren auf, hätte die Staatsanwaltschaft doch andernfalls mit
grösster Wahrscheinlichkeit einen DNA-Vergleich veranlasst (HD 7/ S. 7 f.). Frei-
lich schliesst das Fehlen von wahrscheinlichen Blutspuren die Täterschaft des
Beschuldigten auch nicht aus: Wenn er lediglich gegen den Oberkörper des Pri-
vatklägers getreten hat, brauchen keine Blutflecke an die Schuhe oder Hosen ge-
langt zu sein, denn blutende Wunden hatte der Privatkläger nur am Kopf (HD 5/3),
und selbst wenn Blut auf dessen Kleider getropft wäre, hiesse das noch nicht,
dass der Täter mit seinen Tritten gerade jene Region treffen musste. Ferner führt
auch das Fehlen von Ösen nicht zum Schluss, dass der Beschuldigte den Privat-
kläger nicht gegen den Oberkörper getreten haben könnte.
Angemerkt sei schliesslich, dass auch bei anderen, teilgeständigen Tatbeteiligten
keine Spuren gefunden wurden (vgl. HD 7/1 S. 3 ff.; HD 7/2 S. 3 ff.; HD 7/3
S. 2 ff.).
- 60 -
4.5. Aussagen des Privatklägers H._ und seiner Begleiter AB._ und
AC._
Auch die Aussagen des Privatklägers H._ und seiner Begleiter AB._
und AC._ sowie deren Nichterkennen des Beschuldigten auf dem Fotobogen
mit seinem Bild (HD 4/1/2/4 S. 3, HD 4/1/3/4 S. 3) führen, entgegen der Auffas-
sung der Verteidigung (HD 38 S. 10) nicht zu ernsthaften Zweifeln an der Täteri-
dentifikation durch die Belastungspersonen.
4.5.1. H._ führte zum hier interessierenden Teil des Geschehens aus, er sei
als Hinterster der Gruppe H._, AB._ und AC._ tätlich angegriffen
worden, habe sich zunächst gewehrt, sei aber dann aufgrund des ungleichen
Kräfteverhältnisses und weil er von einem Jugendlichen mit einem Fusstritt ange-
sprungen worden sei zu Boden gegangen und habe ab diesem Zeitpunkt ein
"Blackout" bzw. keinerlei verwertbare Erinnerung, bis er wieder im Spital zu sich
gekommen sei (HD 4/1/1/2 S. 3, 4 und 5).
Dazu passend schilderte I._ in der ersten Befragung, dass das am Boden
liegende Opfer zunächst noch seine Hände vors Gesicht gehalten habe, dann
aber offensichtlich plötzlich bewusstlos geworden sei und seine Deckung fallenge-
lassen habe (HD 4/3/1/1 S. 3).
Alle drei Belastungszeuginnen erklärten sodann (wenn auch I._ erst ab der
zweiten Befragung) glaubhaft, dass der Privatkläger schon zu Boden gegangen
sei, als der Beschuldigte zum Geschehen hinzukam und begonnen habe, auf den
Privatkläger einzutreten.
Es verwundert daher nicht im Geringsten, dass der Beschuldigte nicht unter den
von H._ beschriebenen und in der Fotokonfrontation erkannten Tätern figu-
riert.
4.5.2. Was AB._ und AC._ betrifft, so versuchten diese nach den Vor-
bringen I._s anfangs erfolglos, die Angreifer zurückzuhalten und standen
hernach "sichtlich unter Schock" (a.a.O.).
- 61 -
4.5.2.1. AB._ führte detaillierter aus (HD 4/1/2/4 S. 5), beim Tatort beim
Brunnen zunächst in eine andere Richtung geschaut und den Privatkläger erst
(wieder) gesehen zu haben, als dieser zu Boden gegangen sei. Er habe dann
versucht, die Schläger wegzustossen, wobei er auch selber damit beschäftigt ge-
wesen sei, sich die Personen "irgendwie vom Leib zu halten" und einmal einen
Schlag ins Gesicht erwischt habe (HD 4/1/2/1 S. 3f., HD 4/1/2/4 S. 5). Es sei "ein
Gerangel" gewesen. Dass er in dieser Situation nicht alle Täter erkannte und ins-
besondere nicht den Beschuldigten trotz seiner auffälligen Kleidung, erscheint als
leicht nachvollziehbar.
4.5.2.2. AC._ gab an (HD 471/3/1 S. 2f.), nachdem der Privatkläger zu Bo-
den geworfen worden sei, hätten die Aggressoren auf ihn eingetreten. Er habe
sich damals aber bereits etwas in Richtung ...strasse entfernt und könne daher
nicht sagen, wer genau was getan habe. Es habe auch viele Passanten dort ge-
habt. Als er zum Privatkläger gerannt sei, seien die Angreifer geflüchtet.
AC._ war also teilweise nicht auf das Geschehen konzentriert und von der
Situation, nicht zuletzt wegen der Vielzahl anwesender Menschen, darunter auch
Passanten, überfordert. Auch aus seinen Aussagen ergibt sich kein Hinweis da-
rauf, dass der Beschuldigte nicht eine der auf den Privatkläger eintretenden Per-
sonen gewesen sein könnte.
4.6. Aussagen von "Entlastungspersonen"
Die Verteidigung moniert, die Vorinstanz habe sich mit den Aussagen der Perso-
nen, die den Beschuldigten zu entlasten vermöchten, nur "grob" auseinanderge-
setzt und sie "folglich falsch" gewürdigt (HD 38 S. 3).
4.6.1. S._ und T._
Die Aussagen der Begleiter des Beschuldigten (S._ und T._) wurden
hier bereits einlässlich beurteilt (oben Ziff. II.4.2.2.2.). Anzumerken ist bloss, dass
sich bereits die Vorinstanz ausführlich damit befasst hat und letztlich zum richti-
gen Ergebnis gelangt ist, wonach sich aus ihren Depositionen keine Entlastung
des Beschuldigten ergibt (HD 38 S. 31 bis 39).
- 62 -
4.6.2. P._ und Q._
Zu den Vorbringen der Polizeibeamten P._ und Q._ wurde ebenfalls be-
reits im vorliegenden Urteil Stellung genommen (oben Ziff. II.4.1.2.2.2.3.). Aus ih-
ren Vorbringen ergibt sich ebenfalls nichts, was die Täterschaft des Beschuldigten
zweifelhaft werden liesse.
4.6.3. R._
R._ war neben den beiden Belastungspersonen L._ und K._ die
Dritte im Bunde der Kolleginnen, die am J._ kurz vor dem Vorfall das Taxi
bestiegen. Sie wurde mit dem Beschuldigten nicht konfrontiert (HD 4/3/3/1 und
HD 4/3/3/5). Ihre Aussagen sind daher nicht zu Lasten des Beschuldigten ver-
wertbar. Dass R._ dem Beschuldigten nicht in einer Einvernahme mit Frage-
recht gegenübergestellt wurde, hatte seinen Grund allerdings nicht - wie die Ver-
teidigung vorbringt (HD 38 S. 17) - darin, dass ihre Aussagen von der Staatsan-
waltschaft als glaubhafter als diejenigen der weiteren Belastungspersonen ange-
sehen wurden, sondern lag ganz einfach daran, dass sie erklärte, zwar den Be-
schuldigten wiederzuerkennen (HD 4/3/4/4 S. 5, HD 4/3/4/6 S. 14), jedoch nicht
gesehen zu haben, ob und inwiefern er am Angriff auf den Privatkläger beteiligt
war (HD 4/3/3/5 S. 3, vgl. ferner HD 4/3/3/1 S. 1 ff.). Daraus folgt aber selbstre-
dend nicht, dass er nicht zu den H._ tretenden Aggressoren gehört haben
könnte. R._ hatte sich offensichtlich auf andere Personen konzentriert (HD
4/3/3/1 S. 2 f.), die sie indes hernach in der M._ und anlässlich der Fotokon-
frontation nicht wiedererkannte.
Aus den Vorbringen R._s ergibt sich auch sonst nichts, was den Beschuldig-
ten zu entlasten vermöchte. Insbesondere kann aus ihrer Schilderung nicht ge-
schlossen werden, L._ und K._ könnten die von ihnen geschilderten
Beobachtungen nicht gemacht haben und/oder L._ müsse den Beschuldig-
ten im Rahmen der Tätersuche in der M._ gesehen haben.
4.6.4. Aussagen von O._
- 63 -
O._ ist der Bruder eines Kollegen des Beschuldigten und kennt diesen per-
sönlich (HD 4/2/11/3 S. 2). Er wurde nicht mit dem Beschuldigten konfrontiert,
weshalb seine Aussagen nicht zu dessen Belastung herangezogen werden kön-
nen. Zu prüfen ist aber, ob sich daraus Entlastendes ergibt, wie die Verteidigung
vorbringt.
O._ führte aus, er habe den Beschuldigten ca. 20 bis 30 Minuten vor dem
Vorfall, also um ca. 00.30 bis 00.40 Uhr, in der Nähe des ...-Shops ganz in der
Nähe des N._ gesehen und gegrüsst (HD 4/2/11/3 S. 4 und 15). Das deckt
sich mit einer Aussagen des Beschuldigten (HD 4/2/1/2 S. 2 f.).
O._ wurde sodann in der Einvernahme vom 16. November 2011 aufgefor-
dert, sich mit Bezug auf die Rolle des Beschuldigten anlässlich der Auseinander-
setzung zu äussern, insbesondere auch dazu, ob er den auf dem Boden liegen-
den H._ getreten habe und wohin diese Tritte (gegebenenfalls) erfolgten,
wobei er unterscheiden solle, was er selbst beobachtet habe und was er vom Hö-
rensagen wisse. Darauf antwortete O._: "Von ihm aus, weiss ich, dass er
erst später dazugekommen ist, wenn überhaupt." Nun dürfte der Beschuldigte
O._ kaum mitgeteilt haben, er sei erst später, wenn überhaupt, zur Schläge-
rei hinzugekommen, denn der Beschuldigte wusste ja ganz genau, ob er dabei
war oder nicht. Näher liegt die Vermutung, dass O._ beim Aussprechen die-
ses Satzes bewusst wurde, dass er damit eine Beteiligung des Beschuldigten ein-
räumte, weshalb er dies mit dem Anhang "wenn überhaupt" noch schnell zu rela-
tivieren versuchte.
Kommt hinzu, dass die vorstehenden Aussagen O._s insofern nicht schlüs-
sig sind, als O._ den Beschuldigten nach der Begegnung von 00.30 oder
00.40 Uhr beim N._ in der Tatnacht nicht mehr gesehen oder gesprochen
haben will (HD 4/2/11/3 S. 15), er andererseits aber danach keinen Kontakt mehr
mit ihm gehabt haben kann, weil der Beschuldigte ab dem 8. Oktober 2011, 01.30
Uhr, für gut zwei Monate (also über das Datum der Einvernahme mit O._
hinaus) inhaftiert war. Folglich könnte er die zitierte Äusserung des Beschuldigten
gar nie empfangen haben.
- 64 -
Festzuhalten ist im Weiteren, dass O._ behauptete, "beim Kicken ... nie-
manden gesehen" bzw. "nicht auf die Leute geachtet" zu haben, obschon er mit-
ten unter seinen AD._ Kollegen stand und zugegebenermassen mit mehre-
ren anderen Angreifern auf den Privatkläger eintrat (HD 4/2/11/3 S. 15 ff.). War
dem so, dann kann er auch nicht ausschliessen, dass der Beschuldigte mit dabei
war. Konnte er die mitbeteiligten Tretenden aber erkennen, und will er sie nur
nicht preisgeben, dann kann er neben seinen AD._ Kollegen (und allfälligen
weiteren Dritten, die sich beteiligt haben sollen, HD 4/2/11/3 S. 4) auch den Be-
schuldigten zu begünstigen versucht haben.
Aus dem Gesagten erhellt, dass die Aussagen von O._, anders als von der
Verteidigung mit selektiven Auszügen aus der Einvernahme behauptet (HD 38
S. 11, ferner HD 72 S. 50 und 52 f.), keinesfalls geeignet sind, seine Nichtbeteili-
gung an der Attacke auf den Privatkläger glaubhaft zu machen.
4.6.5. Weitere Angehörige der AD._ Gruppe
Die Vorinstanz zitierte die relevanten Aussagen der weiteren Angehörigen der
AD._ Gruppe (D._, E._, F._, AE._, G._, AF._,
AG._ und AH._), setzte sich hinreichend damit auseinander und gelang-
te zum zutreffenden Ergebnis, dass sich daraus keine substanzielle Entlastung
des Beschuldigten ergebe (HD 38 S. 62 bis 67, HD 72 S. 51 ff.).
D._ etwa gab an, den Beschuldigten nicht gesehen zu haben, war aber of-
fenbar nicht während des gesamten Geschehens nahe beim Privatkläger. Er gab
zudem an, es habe "an diesem Abend ein ziemliches Durcheinander" geherrscht
und sein Augenmerk sei auf den Boden gerichtet gewesen (HD 4/2/8/3 S. 9, 10
und 11). Entsprechend konnte er keine Angaben dazu machen, ob sich seine Kol-
legen AG._ und AH._ an der Auseinandersetzung beteiligt hatten (HD
4/2/8/2 und HD 4/2/8/3 S. 9). Er gab überdies an, zwar keine Wahrnehmungen
gemacht zu haben, dass noch Dritte an der Auseinandersetzung mitbeteiligt ge-
wesen seien, dies jedoch durchaus für möglich zu halten (HD 4/2/8/3 S. 15, HD
4/2/8/4 S. 4).
- 65 -
F._ erklärte bezüglich der hier interessierenden Phase des Geschehens, es
sei alles "ein wenig durcheinander gegangen" und es habe ziemlich viele Leute
vor Ort gehabt, weshalb er beispielsweise nicht gesehen habe, was der zu seiner
Gruppe gehörende D._ gemacht habe. Er habe nur beobachtet, dass
O._ auf den Geschädigten eingetreten habe; ansonsten habe er "nur Füsse"
gesehen (HD 4/2/8/3 S. 5ff. und 12). Es hätten sich im Übrigen auch andere Per-
sonen, die nicht zur AD._ Gruppe gehört hätten, an der Auseinandersetzung
beteiligt, wenn er auch nicht sagen könne, ob sie auf den am Boden liegenden
Geschädigten eingetreten hätten (S. 15).
Laut E._ hätten noch etwa vier bis fünf weitere Personen, welche er nicht
gekannt habe, auf den am Boden liegenden Geschädigten eingetreten
(HD 4/2/3/2 S. 9).
G._ gab an, es seien noch weitere Personen dazugekommen, welche er
nicht gekannt habe. Er wisse aber nicht, wie das genau gewesen sei. Es habe
einfach viele Leute gehabt, die vor Ort gewesen seien. Wer genau zugschlagen
bzw. zugetreten habe, könne er nicht mehr sagen (HD 4/2/9/6 S. 5 f.).
Diese Aussagen zeigen, dass keineswegs ausgeschlossen ist, dass der Beschul-
digte am Tatort war und sich wie von den Belastungszeuginnen geschildert ver-
halten hat.
4.6.6. AI._, AJ._, AK._ und AL._
Auch zu den Ausführungen von AI._, AJ._, AK._ und AL._
nahmen die Vorderrichter angemessen Stellung und verneinten eine entlastende
Wirkung.
Die aussenstehenden Personen können den Beschuldigten deshalb nicht als Tä-
ter erkannt haben, weil ihr Beobachtungsstandpunkt dies nicht erlaubte oder sie
sich auf andere der vielen Täter konzentrierten, insbesondere auf diejenigen, die
schon vorher an der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger beteiligt waren und
ihn nun gegen den Kopf traten.
- 66 -
Die am Angriff Beteiligten konzentrierten sich auf das Opfer und die eigene Tat-
begehung, allenfalls noch auf das Verhalten der Kollegen aus der AD._
Gruppe, nicht aber auf später hinzugekommene, fremde Mitwirkende. Nicht aus-
zuschliessen ist immerhin auch, dass einige von ihnen den Beschuldigten auch
decken wollten.
4.7. Fazit
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Anlass für bewusste Falschaussa-
gen der Zeuginnen L._, K._ und I._ ersichtlich ist. Die Darstellung
von L._, die insbesondere glaubhaft darlegte, dass sie das Gesicht des Be-
schuldigten im Rahmen der Tatbegehung erkannt habe, belastet den Beschuldig-
ten bereits schwer. Sie wird durch die Schilderung von K._ und die Depositi-
onen der Zeugin I._ untermauert und gefestigt. Eine - durch die Kleidung des
Beschuldigten und den verbalen Austausch von Fehlinterpretationen unter den
Belastungspersonen hervorgerufene - Verwechslung des Beschuldigten mit dem
wahren Täter erscheint als ausgeschlossen. Weder die italienisch sprechende
Person, die sich verbal an L._, K._ und R._ heranzumachen ver-
suchte, noch der Ex-Freund von I._, noch eine andere Person kommen an
seiner Stelle als Täter in Frage. Erstellt ist sodann, dass der Beschuldigte mehre-
re, allerdings nicht heftige, Tritte gegen Oberkörper des Opfers ausführte.
Die widersprüchlichen bestreitenden Aussagen des Beschuldigten und die offen-
sichtlich zu seinem Schutz konstruierten Vorbringen seiner beiden Begleiter
S._ und T._ taugen nicht dazu, ihm ein Alibi für den Zeitraum, in dem
sich die Tat abspielte, zu verschaffen. Die Aussagenanalyse ergab, dass die Be-
hauptungen, er sei ab ca. 22.00 Uhr bis zu seiner Verhaftung ständig mit seinen
Kollegen zusammen und zur relevanten Zeit im W._ oder im erweiterten
J._gebäude, nicht aber am Tatort gewesen, nicht zutreffen können. Er und
seine Kollegen verliessen den N._ nicht erst, als der Angriff auf den Privat-
kläger bereits vorbei war. In zeitlicher Hinsicht war sodann selbst dann, wenn man
auf die Zeitangaben zum Verlassen des N._ und das Stempeldatum des
Nachtzuschlags abstellt, seine Beteiligung an der Tat ohne Weiteres möglich.
- 67 -
Aus den Ausführungen des Privatklägers H._, der kompatibel mit den Be-
obachtungen I._s schilderte, dass er am Boden bewusstlos geworden sei
und ein "Blackout" habe, ergibt sich überzeugend, dass und weshalb er die ihn at-
tackierenden Personen nicht zu identifizieren vermochte. Auch seine Begleiter
gaben plausible Erklärungen dafür ab, dass sie den Beschuldigten später nicht
wiedererkannten.
R._ erkannte den Beschuldigten wieder, vermochte aber nichts zu seinen
Handlungen zu sagen. Der an der Auseinandersetzung selbst beteiligte O._
kannte den Beschuldigten und hätte ihn deshalb wiedererkennen können, kon-
zentrierte sich aber nicht auf die anderen Tretenden oder schützte diese.
Was die ausgeblieben Identifikation des Beschuldigten durch weitere Befragte be-
trifft, so kann auf die Erwägungen unter Ziff. II.4.6.5. und II.4.6.6. dieses Urteils
verwiesen werden.
Da der Beschuldigte auf den Oberkörper des Privatklägers eintrat und dabei keine
blutenden Verletzungen verursachte, entfaltet der Umstand, dass keine Blutspu-
ren an seinen Schuhen, die ohnehin nur rudimentär untersucht wurden, gefunden
wurden, keine entlastende Wirkung.
Dass keine Videoüberwachungsaufnahmen sichergestellt und ausgewertet wur-
den, obschon offenbar ein entsprechender Auftrag vorhanden war, war - was
auch die Staatsanwaltschaft nicht verhehlt - ein untersuchungstechnischer Fehler.
Indes führt dieser Mangel angesichts der zahlreichen weiteren Belastungsmo-
mente nicht zum Schluss, der Sachverhalt sei nicht wie geschildet erstellt und der
Beschuldigte nicht der gesuchte Täter. Es bedarf nicht der Auswertung jedes
möglichen bzw. grundsätzlich greifbaren Beweismittels, um einen Sachverhalt zu-
verlässig und rechtsgenügend beurteilen zu können. Vorliegend verbleiben keine
ernsthaften Zweifel, dass der Beschuldigte der Täter war, der hinzu kam, als der
Privatkläger schon am Boden lag und dem wehrlosen Opfer Tritte gegen den
Oberkörper verpasste, während weitere Personen dieses gegen Oberkörper und
Kopf traten. Kein Zweifel kann sodann daran bestehen, dass der Privatkläger im
Rahmen der Attacke auf ihn die ärztlich festgestellten Verletzungen erlitt (HD 5/3,
- 68 -
HD 7/5/1/4). Nicht erstellen lässt sich, dass der Beschuldigte dem Privatkläger ei-
ne dieser Verletzungen beigebracht hat.
Auf den inneren Sachverhalt wird zur Vermeidung von Wiederholungen im Rah-
men der nun folgenden rechtlichen Würdigung eingegangen.
Fest steht sodann aufgrund der Aussagen der Belastungspersonen, dass die kör-
perliche Integrität des Privatklägers schon vor dem Hinzutreten des Beschuldigten
durch andere schlagende Personen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Mehr
braucht hierzu, wie sich bei der rechtlichen Qualifikation zeigen wird, nicht ausge-
führt zu werden.
B. Rechtliche Würdigung
1. Einleitung
1.1. Schwere Körperverletzung, einfache Körperverletzung und Angriff
Wer vorsätzlich einen Menschen lebensgefährlich verletzt, den Körper, ein wichti-
ges Organ oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein wichtiges Organ
oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen bleibend arbeitsunfähig, ge-
brechlich oder geisteskrank macht, das Gesicht eines Menschen arg und bleibend
entstellt oder eine andere schwere Schädigung des Körpers oder der körperlichen
oder geistigen Gesundheit eines Menschen verursacht, erfüllt den Tatbestand der
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB.
Schädigt der Täter das Opfer in anderer Weise an Körper oder Gesundheit, liegt
eine einfache Körperverletzung vor (Art. 123 StGB).
Tritt der Erfolg nicht ein, wollte ihn der Täter aber, liegt versuchte Tatbegehung im
Sinne von Art. 22 StGB vor.
Kann dem Täter die Verursachung einer Körperverletzung nicht nachgewiesen
werden, hat er sich aber an einem Angriff auf einen Menschen beteiligt, der die
Körperverletzung des Angegriffenen zur Folge hat, macht er sich des Angriffs im
Sinne von Art. 134 StGB schuldig.
- 69 -
1.2. Direkter und Eventual-Vorsatz
Gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB verübt ein Verbrechen oder ein Vergehen vorsätz-
lich, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt oder die Verwirklichung der Tat
für möglich hält und in Kauf nimmt.
Eventualvorsatz liegt vor, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs beziehungswei-
se die Verwirklichung des Tatbestands für möglich hält, aber dennoch handelt,
weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet,
mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 131 IV 1 E. 2.2 mit Hinweisen).
Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in diesem Sinne in Kauf genommen
hat, muss der Richter - bei Fehlen eines Geständnisses des Beschuldigten - auf-
grund der Umstände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter be-
kannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflicht-
verletzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser
die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die
Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter
habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen. Der Richter darf vom
Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich dem Täter der Eintritt
des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge
hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt wer-
den kann (BGE 133 IV 1 E. BGE 130 IV 58 E. 8.4; BGE 125 IV 242 E. 3c mit Hin-
weisen). Eventualvorsatz kann indessen auch vorliegen, wenn der Eintritt des tat-
bestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern
bloss möglich war. Doch darf nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um
die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden.
Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 131 IV 1 E. 2.2;
BGE 125 IV 242 E. 3 f.).
1.3. Mittäterschaft
Mittäter ist, wer sogenannte "Tatherrschaft" ausübt, d.h. wer bei der Entschlies-
sung, Planung oder Ausführung eines Deliktes vorsätzlich und in massgebender
- 70 -
Weise mit anderen Tätern zusammenwirkt, so dass er als Hauptbeteiligter da-
steht. Der Tatbeitrag begründet Tatherrschaft, wenn er "nach den Umständen des
konkreten Falles und dem Tatplan für die Ausführung des Deliktes so wesentlich
ist, dass sie mit ihm steht oder fällt" (BGE 135 IV 153; BGE 133 IV 76 E. 2.7., mit
Verweisen auf die Literatur; BGE 130 IV 58 E. 9.2.1.; BGE 126 IV 84 E. 2c/aa
S. 88 mit Hinweisen.
2. Subsumtion
2.1. Schwere Körperverletzung
2.1.1. Vollendete Tatbegehung
Der Privatkläger hat ein Schädel-Hirn-Trauma mit weiteren Kopfverletzungen erlit-
ten, so eine Rissquetschwunde an der Augenbraue und am Oberlid (links), eine
Kontusion der Augenbraue (rechts), ein Monokelhämatom (links), eine Kontusion
des Jochbeins links, eine Kontusion der Oberlippe (links), ausserdem ein Thorax
trauma in Form einer Kontusion des Brustbeins.
Diese Verletzungen und die daraus resultierenden aktenkundigen Folgen stellen
noch keine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB dar, wie aus
dem Arztbericht des Universitätsspitals (HD 5/3) und dem Gutachten des Instituts
für Rechtsmedizin der Universität Zürich (HD 7/5/1/4) erhellt, weshalb insoweit die
Tat nicht vollendet ist. Zu Recht erhebt die Anklagebehörde denn auch keinen
entsprechenden Vorwurf.
- 71 -
2.1.2. Versuchte Tatbegehung
Es stellt sich die Frage, ob eine direkte oder mittäterschaftlich begangene ver-
suchte schwere Körperverletzung vorliegt, wie sie die Anklagebehörde dem Be-
schuldigte im Hauptstandpunkt vorwirft.
2.1.2.1. Dem Beschuldigten kann nicht nachgewiesen werden, dass er dem Pri-
vatkläger (direkt) mit seinen Tritten eine schwere Körperverletzung zufügen wollte
oder dies zumindest in Kauf nahm.
Er trat nicht gegen den Kopf des Privatklägers H._. Wohl können auch Fuss-
stösse in den Oberkörper eines Menschen schwere Verletzungen bewirken, doch
bedarf es dazu heftiger Krafteinwirkung. Beim Beschuldigten ist aber aufgrund der
diesbezüglich divergierenden Aussagen der Belastungspersonen von relativ leich-
ten, wenn auch mehreren Fusstritten auszugehen. Da die Tritte des Beschuldig-
ten gemäss L._ in die Seite (also seitlich am Oberkörper) erfolgten
(HD 4/3/2/4 S. 2), ist wahrscheinlich, dass die Brustbeinkontusion nicht durch ihn
verursacht wurde; er selbst bewirkte mithin allem Anschein nach keine der einge-
klagten Verletzungen.
Andere Hinweise dafür, dass er eine schwere Körperverletzung durch eigene Trit-
te beabsichtigt oder in Kauf genommen hätte, fehlen.
2.1.2.2. In der Anklageschrift wird dem Beschuldigen vorgeworfen, aufgrund ge-
meinsamer, jedenfalls stillschweigend getroffener Planung und durch gleichmass-
gebliches, arbeitsteiliges Zusammenwirken bei der Tatausführung (jeder mit den
Tathandlungen des anderen einverstanden) als Mittäter nicht nur selbst auf den
Oberkörper des Privatklägers eingetreten zu haben, sondern auch die Tathand-
lungen der anderen Aggressoren in subjektiver Hinsicht mitgetragen zu haben.
Dazu ist zunächst festzuhalten, dass unklar ist, wo der Beschuldigte sich vor sei-
nem Beitritt zum Tatgeschehen aufgehalten hat und damit nicht fest steht, was er
vom vorangegangen Teil der körperlichen Auseinandersetzung mitbekommen
hatte. Für den Zeitraum der Gewalttätigkeiten zwischen der AD._ Gruppe,
- 72 -
der er nicht angehörte, und dem Privatkläger, in welchem der Privatkläger noch
nicht zu Boden geschlagen worden war, kann damit nicht davon ausgegangen
werden, der Beschuldigte habe an der Planung, Entschlussfassung oder Ausfüh-
rung der Tat mitgewirkt. Er kann daher auch nicht Mittäter gewesen sein. Unter
diesen Umständen kann im Übrigen offen bleiben, ob sich anhand der verwertba-
ren Aussagen (nämlich derjenigen der Belastungspersonen) im vorliegenden Ver-
fahren jener Sachverhalt, insbesondere wer wann wie handelte, überhaupt zu
Lasten des Beschuldigten hinreichend erstellen liesse.
Was die Phase betrifft, in welcher der Privatkläger am Boden lag, so ist ange-
sichts der glaubhaften Aussagen der Belastungspersonen erstellt, dass mehrere
der Aggressoren (nicht aber der Beschuldigte, der mit dem Fuss einzig gegen den
Oberkörper trat) gegen den Kopf des Privatklägers traten. Diese Tritte wurden
nicht, wie die Verteidigung vorbringt (HD 38 S. 23), vor denjenigen des Beschul-
digten ausgeführt, sondern parallel dazu. Etwas anderes lässt sich auch der An-
klage nicht entnehmen, in der nach Aufzählung der einzelnen Gewalthandlungen
der anderen Aggressoren ausgeführt wird, dass sich der Beschuldigte "daran be-
teiligte bzw. in dieses eingriff" (HD 28 S. 3 und 5), womit nichts anderes gemeint
sein kann, als dass er an der laufenden Attacke mit den Tritten gegen den Kopf
des Geschädigten teilnahm.
Weiter steht aufgrund der bereits genannten medizinischen Unterlagen ausser
Frage, dass solche Tritte gegen den Kopf geeignet sind, schwere Verletzungen
der Art, wie sie in der Anklageschrift (immer bezogen auf die Kopfverletzungen
des Privatklägers) aufgeführt sind und im Sinne von Art. 122 Abs. 1 bis 3 StGB
eine schwere Körperverletzung darstellen, herbeizuführen.
Kein Zweifel besteht sodann daran, dass eine Person, die derart agiert, eine
schwere Körperverletzung wenn nicht beabsichtigt, so doch mindestens in Kauf
nimmt.
Indes steht nicht fest, dass der Beschuldigte explizit oder konkludent an der Pla-
nung, Entschlussfassung und/oder Ausführung der versuchten schweren Körper-
verletzung mitgewirkt hat. Wäre dies sein Ansinnen gewesen, hätte er selbst an
- 73 -
den Gewaltattacken auf den Kopf des Geschädigten mitgewirkt oder zumindest
heftiger als erstellt auf dessen Oberkörper eingetreten. Es kann nicht davon aus-
gegangen werden, dass die Tat mit der Mitwirkung des Beschuldigten stand oder
fiel, er aufgrund der Bedeutung seiner Mitwirkung als Hauptbeteiligter erscheint,
wie es das Bundesgericht für die Qualifikation als Mittäterschaft verlangt.
2.1.2.3. Eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 Abs. 1 bis 3 in Verbindung mit Art. 22 StGB fällt daher ausser Be-
tracht.
2.2. Vollendete einfache Körperverletzung
2.2.1. Direkte Tatbegehung
Der eingetretene Körperschaden erfüllt selbstredend die gesetzlichen Vorausset-
zungen für die Annahme einer einfachen Körperverletzung.
Auch die Sternumkontusion allein, welche der Gutachter auf einen Tritt zurück-
führt (HD 7/5/1/4 S. 3), ist angesichts der Qualität der Verletzung (Tritte gegen
das Brustbein können Herzrhythmusstörungen hervorrufen [a.a.O.]) nicht als Tät-
lichkeit im Sinne von Art. 126 StGB und angesichts der gesamten Tatumstände
(vgl. dazu BGE 127 IV 59; vorliegend wurde auf den wehrlos am Boden liegenden
Geschädigten eingetreten) auch nicht als leichter Fall einer Körperverletzung im
Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 2 StGB zu werten.
Es fehlt jedoch wie bereits ausgeführt ein Nachweis dafür, dass der Beschuldigte
dem Privatkläger eine solche Verletzung direkt beigebracht hat.
2.2.2. Mittäterschaft bei einfacher Körperverletzung
Der Beschuldigte kannte die AD._ Gruppe, deren Mitglieder auf den Kopf
des Geschädigten eintraten, mit Ausnahme von O._ nicht, weshalb nicht an-
genommen werden kann, er sei an deren Idee und Planung, in dieser Nacht Pas-
santen aggressiv anzupöbeln, und der Umsetzung dieses Vorhabens beteiligt
gewesen.
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Sodann steht nicht fest, dass der Beschuldigte mit seinen leichten Tritten gegen
den Oberkörper des Privatklägers derart massgeblich an der Ausführung der Kör-
perverletzung durch die Genannten mitwirkte, dass die Tat damit stand oder fiel,
er mithin Hauptbeteiligter war. Eine Mittäterschaft zur einfachen Körperverletzung
kann ihm daher nicht angelastet werden.
2.3. Angriff
2.3.1. Nicht zuletzt für Konstellationen wie die vorliegende, bei denen aufgrund
von Beweisschwierigkeiten nicht nachgewiesen werden kann, wer von mehreren
Beteiligten anlässlich einer tätlichen Auseinandersetzung, im Verlaufe welcher
jemand am Körper verletzt wird, welchen Beitrag dazu geleistet hat, bei denen
aber immerhin feststeht, dass die beschuldigte Person zum gewaltsamen Ge-
schehen hinzugetreten ist (sie braucht nicht von Anfang an dabei gewesen zu
sein, sondern kann sich dem bereits erhobenen Angriff anderer anschliessen; vgl.
die Botschaft über die Änderung des StGB und des MStGB vom 26. Juni 1985,
BBl 1985 II 1041) und sich daran in irgendeiner Form aktiv beteiligt hat, wie dies
der Beschuldigte mit seinen Fusstritten getan hat, wurden die (Auffang-)Tat-
bestände des Raufhandels (Art. 133 StGB) und des Angriffs (Art. 134 StGB) ge-
schaffen (vgl. auch BGE 6B_636/2008 vom 26. Dezember 2008 E. 1.1.).
2.3.2. Unter Strafe gestellt wird die objektive Schaffung bzw. Steigerung einer
abstrakten Gefahr der Verletzung der körperlichen Integrität eines Menschen, wie
sie immer von der (zusätzlichen) aktiven Teilnahme der beschuldigten Person an
der tätlichen Auseinandersetzung von mindestens zwei weiteren Personen für die
Beteiligten und sogar unbeteiligten Dritten wie umstehende Zuschauer ausgeht.
Eine Verurteilung kann allerdings, um Bagatellfälle auszuschliessen, nur unter der
Voraussetzung erfolgen, dass tatsächlich jemand (zumindest) verletzt wurde, sich
die Gefährlichkeit also in einem Erfolg manifestiert hat (wobei wie erwähnt uner-
heblich bleibt, wer von den Beteiligten den Körperschaden verursacht hat).
2.3.3. War wie hier das Opfer in der Phase, in welcher die beschuldigte Person
hinzutrat und teilnahm, wehrlos, konnte es also nicht (mehr) zu einer wechselsei-
tigen tätlichen Auseinandersetzung zwischen mindestens drei Personen kommen,
- 75 -
kann kein Raufhandel im Sinne von Art. 133 StGB vorliegen, sondern kommt nur
Angriff im Sinne von Art. 134 StGB in Frage.
Dass sich der Angriff aus einem vorangegangenen Raufhandel entwickelt haben
mag, wie die Verteidigung herausstreicht (HD 38 S. 24), vermag eine Verurteilung
im Sinne von Art. 134 StGB nicht zu verhindern (vgl. BGE 118 IV 227; BSK Straf-
recht II, Stefan Maeder, 3. Aufl. Basel 2013, N 6 und N 18 zu Art. 134 StGB).
2.3.4.1. Der Beschuldigte hat mit mehrmaligen, wenn auch nicht heftigen Fusstrit-
ten gleichzeitig mit anderen Tätern, die insbesondere gegen den Kopf des Opfers
traten, gewaltsam und in feindseliger Absicht auf die körperliche Integrität des Pri-
vatklägers eingewirkt. Eine konkrete Gefährdung muss nicht nachgewiesen wer-
den.
Er nahm mit Wissen und Willen aktiv am Angriff teil.
2.3.4.2. Erfüllt ist weiter die Voraussetzung, dass eine Person (hier der Privatklä-
ger) im Verlauf der Gewalttätigkeiten auch tatsächlich verletzt wurde. Beim Erfor-
dernis der Verletzungsfolge handelt es sich um eine objektive Strafbarkeitsbedin-
gung. Sie braucht vom Vorsatz des am Angriff Beteiligten nicht gedeckt zu sein.
Das Gesetz pönalisiert nur schon die Teilnahme am Angriff.
Vorliegend ist aufgrund der Aussagen der Belastungspersonen, die mit den Fest-
stellungen im IRM-Gutachten konform sind, davon auszugehen, dass der Privat-
kläger durch die Tritte gegen den Kopf mindestens einen Teil der festgestellten
Verletzungen erlitt, mithin diese dem Opfer nicht schon vor dem Beitritt bzw. der
aktiven Teilnahme des Beschuldigten zugefügt worden waren. Erinnert sei an die
Aussage I._s, wonach so heftig auf den Kopf des am Boden liegenden Ge-
schädigten eingetreten wurde, dass dieser das Bewusstsein verlor und sich nicht
weiter schützend die Hände vor das Gesicht halten konnte und wonach die Atta-
cke so heftig war, dass I._ sogar befürchtete, der Privatkläger sei tot.
Doch selbst wenn dem Privatkläger sämtliche in der Anklage genannten Verlet-
zungen schon zugefügt worden wären, bevor er zum Geschehen hinzutrat, wäre
er schuldig zu sprechen, handelt es sich beim Angriff doch wie erwähnt um ein
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abstraktes Gefährdungsdelikt. Was der Täter zum Eintritt einer Verletzung beige-
tragen hat, spielt gerade keine Rolle. Der Täter muss nicht nachweislich verant-
wortlich für die Gefahrensteigerung sein (vgl. dazu BSK Strafrecht II, a.a.O.,
N 25 f. zu Art. 133). Die Verletzung muss lediglich - wie hier - eingetreten sein, so-
lange die tätliche Auseinandersetzung nicht beendet war (Donatsch, Strafrecht III,
9. Aufl. Zürich 2008, S. 67 und 69; Trechsel/Fingerhuth, StGB PK, 2. Aufl. Zü-
rich/St. Gallen 2013, Art. 134 N 3 i.V.m. Art. 133 N 7, BSK Strafrecht II, a.a.O.,
N 28).
2.4. Der Beschuldigte ist somit, wie in der Eventualanklage beantragt, des Angriffs
im Sinne von Art. 134 StGB schuldig zu sprechen.
III. Strafzumessung
1. Allgemeine Regeln der Strafzumessung und Strafrahmenbestimmung
Die Vorinstanz hat die allgemeinen Regeln der Strafzumessung und Strafrah-
menbestimmung ausführlich dargelegt (HD 38 S. 97 bis S. 103 1. Absatz). Das
braucht hier nicht wiederholt zu werden.
2. Keine Zusatzstrafe
Hat das Gericht eine Tat zu beurteilen, die der Täter begangen hat, bevor er we-
gen einer andern Tat verurteilt worden ist, so bestimmt es die Zusatzstrafe in der
Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als wenn die strafbaren Hand-
lungen gleichzeitig beurteilt worden wären (Art. 49 Abs. 2 StGB).
Die Rechtsprechung stellt für die Frage, ob überhaupt und in welchem Umfang
das Gericht eine Zusatzstrafe aussprechen muss, auf das Datum der ersten Ver-
urteilung im ersten Verfahren ab. Demgegenüber ist für die Bemessung der Zu-
satzstrafe das rechtskräftige Urteil im ersten Verfahren massgebend. Das Gericht
muss sich somit fragen, ob die neue Tat vor der ersten Verurteilung im ersten
Verfahren begangen wurde. Bejaht es dies, hat es eine Zusatzstrafe auszuspre-
chen, für deren Bemessung es in einem zweiten Schritt prüfen muss, ob der
- 77 -
Schuldspruch und das Strafmass des ersten Urteils rechtskräftig sind. Verneint es
die erste Frage, ist das neue Delikt mit einer selbstständigen Strafe zu ahnden.
Hinsichtlich der Anwendbarkeit des Asperationsprinzips ist unerheblich, ob später
das erste Urteil oder dasjenige der Rechtsmittelinstanz in Rechtskraft erwächst
oder ob nach einer Kassation des erst- oder zweitinstanzlichen Urteils gar neu
entschieden werden muss. Das Gericht muss sich bloss fragen, ob die im zweiten
Verfahren zu beurteilenden Straftaten vor dem Ersturteil begangen wurden. Auf
das Datum des Ersturteils ist auch abzustellen, wenn dieses später im Rechtsmit-
telverfahren reformiert oder kassiert wird. Im Falle der Neubeurteilung in der glei-
chen Sache durch das erste Gericht oder der Rechtsmittelinstanz, ist für die An-
wendbarkeit des Asperationsprinzips nach wie vor das Datum des Ersturteils ent-
scheidend (BGE 138 IV 113 E. 3.4.2 und 3.4.3 mit Hinweisen).
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unter-
land vom 7. Juli 2015 wegen vorsätzlicher grober Verletzung der Verkehrsregeln
mi Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG und
Art. 4a Abs. 1 lit. d und Abs. 5 VRV zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je
Fr. 110.-- (unter Gewährung des bedingten Strafvollzugs bei einer Probezeit von
2 Jahren) und einer Busse von Fr. 1'400.-- (wobei die Ersatzfreiheitsstrafe auf
13 Tage festgelegt wurde) bestraft (HD 62). Jene Tat hatte er am 7. Dezember
2014 begangen (a.a.O. S. 2).
Der erste Entscheid im vorliegenden Verfahren erging am 16. Oktober 2014
(HD 52). Die jüngste Tat hat der Beschuldigte also nach der ersten Verurteilung
im ersten Verfahren begangen. Damit ist heute keine Zusatzstrafe auszufällen.
3. Strafrahmen
Der Strafrahmen für das schwerste Delikt, den Angriff, reicht von 1 Tagessatz
Geldstrafe bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe (Art. 134 StGB). Der obere Strafrahmen
erweitert sich zwar angesichts der Erfüllung mehrerer verschiedener Straftatbe-
stände und der teilweise mehrfachen Tatbegehung grundsätzlich auf 7 1/2 Jahre
(Art. 49 Abs. 1 StGB). Ausserordentliche Umstände, die ein Überschreiten des
ordentlichen Strafrahmens erfordern würden, liegen jedoch nicht vor.
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4. Tatkomponente
4.1. Angriff
Der Beschuldigte beteiligte sich am Angriff, indem er zu den andere Tätern, wel-
che bereits dabei waren, den Privatkläger an Körper und Kopf zu traktieren, hin-
zutrat und parallel zu ihnen seinerseits mehrmals leichte Tritte - gegen den Ober-
körper - versetzte.
Dass der Beschuldigte aus dem Schutz einer Gruppe heraus auf eine bereits
wehrlos am Boden liegende Person eintrat, ist als äusserst perfide und verwerflich
zu werten. Mit seinem Verhalten gefährdete er die körperliche Integrität des Pri-
vatklägers in nicht vernachlässigbarer Weise. Es bestand unter anderem die Ge-
fahr, dass die anderen Aggressoren durch sein Mitwirken angestachelt würden,
härter gegen den Geschädigten vorzugehen, als sie es ohnehin schon vor hatten.
Er konnte sodann die gesamte Situation nicht ständig überblicken und demzufol-
ge nicht wissen, wie stark andere, parallel auf den Geschädigten einwirkende Be-
teiligte schon auf bestimmte Stellen des Oberkörpers, die auch er dann mit den
Füssen traf, eingetreten hatten. Mithin bestand das Risiko, dass bereits beste-
hende Verletzungen auch durch leichte Tritte verschlimmert würden, zumal das
Opfer sich in bewusstlosem Zustand nicht durch Gegendruck oder Drehen in eine
andere Lage dagegen hätte wehren können. Die Intensität seiner Krafteinwirkung
liess sich im Übrigen aufgrund des klobigen Schuhwerks ohnehin nur grob be-
stimmen.
Die tatsächliche Schwere der Verletzung, welche der Beschuldigte erlitt, kann da-
gegen für die Bemessung des Strafmasses nicht berücksichtigt werden (BSK
Strafrecht II, a.a.O., N 22 zu Art. 133 StGB).
Insgesamt wiegt die objektive Tatschwere, bezogen auf die Spanne der mögli-
chen tatbestandsmässigen Angriffshandlungen und der daraus fliessenden Ge-
fährdungen, gerade noch leicht.
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In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit direktem Vor-
satz handelte. Dabei bestand kein Anlass zur Beteiligung am Angriff, der dieses
Verhalten auch nur ansatzweise verständlich zu machen vermöchte: Weder war
es zuvor zu einer verbalen oder gar tätlichen Auseinandersetzung mit dem Privat-
kläger gekommen (er kannte ihn vielmehr gar nicht), noch stand er unter einem
Gruppen- oder anderweitigen Druck. Nur die pure Lust, sich an einem Angriff zu
beteiligen, und/oder das in keiner Weise nachvollziehbare Bedürfnis, sich in der
J._szene zu "profilieren", sind als Tatmotiv denkbar. Dass der Beschuldigte
auch nicht vom Privatkläger abliess, als dieser das Bewusstsein verloren hatte
und deshalb die Deckung fallen liess (was dem Beschuldigten nicht entgangen
sein kann), wirft zusätzlich ein schlechtes Licht auf den Beschuldigten.
Im Ergebnis erweist sich aber auch die subjektive Tatschwere, in Relation zum
weiten Strafrahmen gesetzt, als gerade noch leicht.
Der Beschuldigte stand gemäss dem Resultat der ärztlichen Untersuchung
(HD 7/5/2/2) kurz nach der Tat sowie des chemisch-toxikologischen Gutachtens
des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich (HD 7/5/2/3) anlässlich der
Tat nicht in einem Masse unter dem Einfluss von Alkohol, Marihuana und Kokain,
dass seine Fähigkeit zur Einsicht in das Unrecht der Tat oder seine Fähigkeit, sich
gemäss dieser Einsicht zu verhalten, erheblich geschmälert gewesen wäre. Das
zeigt sich unter anderem daran, dass er zielgerichtet auf den Privatkläger eintre-
ten und danach ohne sichtbare Koordinationsschwierigkeiten wegrennen konnte.
Sodann wirkte der Beschuldigte 2 1/2 Stunden nach der Tat aufgrund der von der
untersuchenden Ärztin erhobenen Befunde "nicht merkbar beeinträchtigt"
(HD 7/5/2/2). Das Vorbringen der Verteidigung, Alkohol- und Drogenkonsum sei-
en "die Ursache für seine Handlungen" und es sei daher von einer "erheblich
verminderten Schuldfähigkeit" auszugehen (HD 72 S. 59) trifft offensichtlich nicht
zu. Die Schuldfähigkeit des Beschuldigten ist vielmehr nur als geringfügig vermin-
dert zu betrachten.
Eine Einsatzstrafe von 300 Tagessätzen Geldstrafe erweist sich als angemessen.
- 80 -
4.2. Vermögensdelikte und mehrfacher Hausfriedensbruch
Zwischen dem 22. Februar und dem 3. Mai 2012 beging der Beschuldigte vier
Vermögensdelikte (3 Diebstähle im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB und 1 un-
rechtmässige Aneignung im Sinne von Art. 137 Ziff. 2 Abs. 1 StGB), wobei zwei
der Diebstahlstaten mit einem Hausfriedensbruch im Sinne von Art. 186 StGB
verbunden waren.
Der tatsächliche Deliktsbetrag ist mit insgesamt etwas über Fr. 1'000.-- noch tief.
Bei den ersten beiden Diebstählen (ND 1 und ND 2), verübt im März 2012, eigne-
te er sich als Getränkelieferant (angestellt bei seinem Vater) bei einem Kunden
innert einer Woche 86 Lunchchecks à Fr. 10.-- an, zu welchem Zweck er sich
(diesbezüglich mit Eventualvorsatz auf Hausfriedensbruch handelnd) in dessen
Büro einschlich. Er missbrauchte bei dieser Straftat - wie bereits die Vorinstanz
zutreffend feststellte - einerseits das Vertrauen seines Vaters, andererseits aber
auch dasjenige des Kunden.
Beweggrund dafür war allein das Bestreben, finanziell besser dazustehen.
Wenige Wochen später nahm er einer Marktverkäuferin, die ihm die Rückgabe ei-
ner von ihm als Zahlungsmittel verwendeten gefälschten 100er-Note verweigerte,
aus Trotz rund ein halbes Dutzend zumindest silberfarbene Schmuckringe weg
(ND 5), davon ausgehend, dass diese einen Fr. 300.-- übersteigenden Wert hät-
ten (tatsächlich betrug er bloss Fr. 138.--).
Zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem 15. Februar 2012 nahm er sodann ei-
ne gefundene Aktentasche im Wert von Fr. 280.-- zu sich in die Wohnung, um
darüber wie ein Eigentümer zu verfügen, wobei er auch hier davon ausging, die
Tasche habe einen Wert von mehr als Fr. 300.-- (ND 6).
In Anwendung des Asperationsprinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) ist die Einsatzstrafe
um 80 auf 380 Tagessätze zu erhöhen.
- 81 -
5. Täterkomponente
5.1. Mit Bezug auf das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Beschul-
digten kann vorab auf die Ausführungen der Vorinstanz und die dort zitierten Ak-
ten (HD 52 S. 108 bis 110) sowie auf das heute Gehörte verwiesen werden.
Der Beschuldigte hatte eine schwere Kindheit und Jugend. Im Alter von 6/7 Jah-
ren musste er den Kosovo-Krieg miterleben, und auch danach - insbesondere
2004 - herrschte in seiner Heimat ein Klima der Gewalt. Unter anderem musste er
mit ansehen, wie sein Cousin erschossen wurde. Die Mutter lebte in Österreich,
der Vater, der ihm in diesen Zeiten allenfalls ebenfalls einen gewissen familiären
Halt hätte geben können, in der Schweiz. Hierhin übersiedelte auch der Beschul-
digte im Jahre 2005, doch erfuhr er wiederum Gewalt in Form von Schlägen und
einer Messerdrohung des Vaters. Ab seinem 17. Altersjahr lebte er seinen eige-
nen Aussagen zufolge "auf der Strasse", wo bekanntlich mitunter raue Sitten
herrschen können.
Dass eine derartige, aussergewöhnliche Aufwuchs-Situation die Hemmschwelle
zur Anwendung von Gewalt generell herabzusetzen vermag, leuchtet ein und
kann nicht völlig ausser Acht bleiben. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass der
Beschuldigte bereits sechs Jahre in der Schweiz lebte und deshalb mit den hier-
zulande gemeinhin üblichen Gepflogenheiten im Umgang miteinander und den
einschlägigen Gesetzesvorschriften durchaus vertraut war, als er ohne jeglichen
vernünftigen Grund (insbesondere ohne sich selbst in Gefahr zu befinden oder
provoziert worden zu sein) auf den Privatkläger H._ eintrat. Dass er nicht
grundsätzlich eine durch Kriegserlebnisse und am eigenen Körper gespürte Ge-
walt verzerrte Sicht hatte, zeigt sich denn auch darin, dass in den Akten bis zum
Vorfall vom 8. Oktober 2011 und auch danach keine Gewaltdelikte aufscheinen.
Mittlerweile scheinen sich die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten weit-
gehend stabilisiert zu haben. So hat er sich offenbar mit seinem Vater versöhnt,
der ihn seit einigen Jahren beschäftigt und dessen Stellvertreter zu sein er angibt.
Teilhaber oder Geschäftsführer der beiden Transportfirmen ist er allerdings ge-
- 82 -
mäss Handelsregistereintrag nicht. Er war dies nur während einiger Monate im
Jahre 2012. Immerhin erklärte er in der Berufungsverhandlung, sein Vater wolle
sich schon bald zur Ruhe setzen und ihm die Firmen übergeben (Prot. II S. 10,
vgl. auch HD 42 S. 60 f.). Sodann lebt er mit einer Freundin zusammen und hat
sich vom Drogenkonsum distanziert (Prot. II S. 10 und S. 12).
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz (die ihm aufgrund seines Vorlebens und
seiner persönlichen Verhältnisse eine mittlere Strafminderung zubilligte, HD 82
S. 110) ist die Strafe unter diesen Gesichtspunkten nur leicht zu mindern.
5.2. Der Beschuldigte zeigt sich mittlerweile bezüglich sämtlicher Vermögensde-
likte und der Hausfriedensbrüche geständig und bekennt sich schuldig, doch war
dies nicht durchgängig so, wie die Vorinstanz aufgezeigt hat. Immerhin war er
teilweise kooperativ und erleichterte dadurch das Vor- wie das Hauptverfahren
etwas. Auch liess er insoweit im Ergebnis eine gewisse Reue und Einsicht erken-
nen, wenn auch seine von der Vorinstanz zitierte Bemerkung zur Fundunterschla-
gung noch in eine andere Richtung wies. Im Hauptpunkt der Anklage zeigte sich
der Beschuldigte indes durchgehend ungeständig und entsprechend uneinsichtig.
Mehr als eine minimale Strafminderung rechtfertigt sich mithin unter dem Ge-
sichtspunkt Geständnis und Reue nicht.
5.3. Der Beschuldigte wies bis zu den vorliegenden Taten keinen Strafregisterein-
trag auf. Das führt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aber nicht zu
einer Strafreduktion.
Negativ schlägt zu Buche, dass der Beschuldigte ungeachtet der im Zusammen-
hang mit dem Vorfall H._ laufenden Strafuntersuchung und der erlittenen gut
zweimonatigen Untersuchungshaft nur einen Monat nach der Entlassung erneut
zu delinquieren begann, wenn es sich dabei auch um Kleinkriminalität handelte.
5.4. Zu keiner Herabsetzung der Strafe führt die Länge des Strafverfahrens. Der
Beschuldigte zeigte sich während des gesamten Verfahrens bezüglich des
Hauptvorwurfs (HD) ungeständig. Entsprechend mussten zahlreiche Personen
befragt werden, so auf Verlangen des Beschuldigten am 24. April 2014 zum zwei-
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ten Mal I._ als Zeugin. Auch die weiteren Delikte des Beschuldigten, bezüg-
lich welcher er sich teils längere Zeit als unschuldig bezeichnete, führten zu teils
erheblichem Untersuchungsaufwand. Die Schlusseinvernahme konnte erst am
23. April 2014 stattfinden (HD 4/2/1/8). Mitte Juni erhob die Staatsanwaltschaft
Anklage, zog diese später unter dem Vorbehalt der Wiedereinbringung zurück,
reichte am 8. September 2013 jedoch erneut eine - teilweise umformulierte - An-
klage ein. Die Hauptverhandlung fand am 1. Oktober 2014 statt. Das erstinstanz-
liche Urteil erging am 16. Oktober 2014. Am 8. April 2015 ging das Verfahren am
Obergericht ein. Die Berufungsverhandlung wurde am 30. September 2015 gegen
den Beschuldigten und weitere Mitbeschuldigte abgehalten. Da einerseits bezüg-
lich eines Mitbeschuldigten weitere Unterlagen eingeholt und Frist zur Stellung-
nahme gewährt werden mussten und andererseits aus prozessualen Gründen
das Urteil gegen alle Berufungskläger gleichzeitig ergehen musste, konnte das
zweitinstanzliche Urteil erst heute ergehen.
5.5. Die Gesamtbetrachtung der Täterkomponente führt zu einer Reduktion der
Geldstrafe um 40 auf 340 Tagessätze.
Der Anrechnung von 67 Tagen Untersuchungshaft steht nichts entgegen.
6. Tagessatzbemessung
Der Beschuldigte weist ein durchschnittliches Monatseinkommen von rund
Fr. 4'800 -- brutto oder knapp Fr. 4'100.-- netto auf. Einen 13. Monatslohn erhält
er nicht. Er ist nicht verschuldet, aber auch nicht vermögend (Prot. II S. 11). Be-
zieht man die gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu berücksichti-
genden Abzüge (wie Krankenkassenbeiträge von Fr. 400.-- pro Monat und Steu-
ern von jährlich Fr. 4'500.--) mit ein (a.a.O.) , erweist sich eine Tagessatzhöhe von
Fr. 110.--, wie sie auch für den Strafbefehl vom 31. Juli 2015 bemessen wurde,
als angemessen.
7. Busse
Die Verteidigung beantragte, die Busse von Fr. 200.-- betreffend die Übertretung
(im Falle der Anschlussberufung) zu bestätigen (HD 53 S. 2).
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In der Tat erweist sich angesichts des objektiv wie subjektiv nicht vom Durch-
schnittsfall abweichenden Verschulden des Beschuldigten eine Busse von
Fr. 200.-- als Sanktion für den zu ahndenden Marihunakonsum angemessen. Für
den Fall der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse ist eine Ersatzfreiheitsstrafe
von 2 Tagen festzusetzen.
8. Fazit
Der Beschuldigte ist somit mit 340 Tagessätzen Geldstrafe zu Fr. 110.--, wovon
67 Tage durch Untersuchungshaft geleistet sind, sowie mit Fr. 200.-- Busse zu
bestrafen, wobei die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall der schuldhaften Nichtbe-
zahlung der Busse auf zwei Tage festzusetzen ist.
IV. Vollzug
1. Ausführungen zum Vollzug der Busse sind obsolet, denn diese ist immer zu
bezahlen, ansonsten die Ersatzfreiheitsstrafe vollzogen wird.
2. Was die Geldstrafe anbelangt, so ist diese angesichts der Vorstrafenlosigkeit
vor den vorliegenden Taten bedingt auszufällen, es sei denn, dem Beschuldigten
müsste hinsichtlich der Legalbewährung eine eigentliche Schlechtprognose ge-
stellt werden (Art. 42 Abs. 1 und 2 StGB).
Gegen künftiges Wohlverhalten in strafrechtlicher Hinsicht spricht, dass der Be-
schuldigte unbeeindruckt von gut zwei Monaten Untersuchungshaft und vom lau-
fenden Verfahren wegen der Attacke auf den Privatkläger H._ nur einen Mo-
nat nach der Haftentlassung während Monaten verschiedene Vermögensdelikte
(teils verbunden mit Hausfriedensbrüchen) beging. Diese Delikte liegen nun aber
bereits mehr als drei Jahre zurück.
Noch kein Jahr ist allerdings vergangen seit der groben Verletzung von Verkehrs-
regeln, deren sich der Beschuldigte am 7. Dezember 2014 durch eine erhebliche
Geschwindigkeitsübertretung schuldig gemacht hat und die mittels rechtskräfti-
gem Strafbefehl vom 7. Juli 2015 mit 50 Tagessätzen zu Fr. 110.-- (unter Gewäh-
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rung des bedingten Strafvollzugs) und Fr. 1'400.-- Busse bestraft wurde. Immer-
hin ist diese Tat nicht einschlägig im Vergleich zu den vorliegenden Delikten.
Günstige Faktoren für die Annahme, dass der Beschuldigte in Zukunft keine Ver-
brechen oder Vergehen mehr verüben wird, bilden dagegen seine (ebenfalls
schon im Detail dargelegten) persönlichen Verhältnisse: Er geht soweit ersichtlich
einer geregelten Arbeit nach, erzielt in Anbetracht der fehlenden abgeschlosse-
nen Berufsausbildung ein recht gutes Einkommen, wobei Aussicht darauf besteht,
dass er dereinst die Getränke-Lieferfirmen seines Vaters übernehmen kann. Er
lebt sodann mit der Freundin in einer gefestigten Beziehung.
Seine Beteuerungen, in Zukunft ein strafrechtskonformes Leben zu führen, er-
scheinen in der Gesamtbetrachtung nicht als blosse Lippenbekenntnisse. Es ist
ihm daher, allerdings im Sinne einer letzten Chance, noch einmal der bedingte
Strafvollzug zu gewähren, mithin der Vollzug der Geldstrafe aufzuschieben, wobei
die Probezeit auf drei Jahre anzusetzen ist.
V. Schadenersatz und Genugtuung
1. Die geschädigte Person kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat als Pri-
vatklägerschaft adhäsionsweise im Strafverfahren geltend machen (Art. 122
Abs. 1 StPO). Das Gericht entscheidet über die anhängige Zivilklage, wenn es die
beschuldigte Person schuldig spricht (Art. 126 Abs. 1 lit. a StPO). Der Ansprecher
wird mit der Zivilklage auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen, wenn die Pri-
vatklägerschaft ihre Klage nicht hinreichend begründet oder beziffert hat (Art. 126
Abs. 2 lit. b StPO). Wäre die vollständige Beurteilung des Zivilanspruchs unver-
hältnismässig aufwendig, so kann das Gericht die Zivilklage nur dem Grundsatz
nach entscheiden und den Kläger im Übrigen auf den Zivilweg verweisen
(Art. 126 Abs. 3 StPO).
2. Wer einem andern widerrechtlich Schaden zufügt, sei es mit Absicht, sei es aus
Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatz verpflichtet (Art. 41 Abs. 1 OR). Voraus-
setzungen einer Ersatzpflicht sind: Schaden, Widerrechtlichkeit, Kausalzusam-
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menhang und Verschulden. Körperverletzung im Besonderen gibt dem Verletzten
Anspruch auf Ersatz der Kosten sowie auf Entschädigung für die Nachteile gänz-
licher oder teilweiser Arbeitsunfähigkeit, unter Berücksichtigung der Erschwerung
des wirtschaftlichen Fortkommens (Art. 46 Abs. 1 OR).
3. Haben mehrere den Schaden gemeinsam verschuldet, sei es als Anstifter, Ur-
heber oder Gehilfen, so haften sie dem Geschädigten solidarisch (Art. 50
Abs. 1 OR). Voraussetzung für die solidarische Haftung ist einerseits die gemein-
same adäquat kausale Verursachung des Schadens und andererseits das ge-
meinsame Verschulden. Gemeinsame Verursachung besteht im Zusammenwir-
ken mehrerer Personen, wobei jeder Schädiger um das pflichtwidrige Verhalten
des anderen weiss oder jedenfalls wissen konnte. Wird eine bestimmte Gefahr
gemeinsam geschaffen, ist es belanglos, welche der daran beteiligen Personen
die eigentliche Schadensursache gesetzt hat. Beim gemeinsamen Verschulden
genügt Eventualvorsatz: Die eingeklagten Täter müssen den eingetretenen Scha-
den zumindest in Kauf genommen haben. So haften alle Beteiligten einer Raufe-
rei, bei welcher ein Opfer mit Messerstichen verletzt wird, und zwar auch diejeni-
gen, die nachweisen können, dass sie kein Messer besessen haben. Die Beteili-
gung des Einzelnen äussert sich hier in der moralischen Unterstützung und im
Bewusstsein, gemeinsam einen bestimmten Erfolg anzustreben. Dadurch wird
das Verhalten der Mitbeteiligten akzeptiert. Zu einem anderen Schluss kommt
man nur dann, wenn jemand nicht damit rechnen musste, dass der Schaden im
konkreten Umfang überhaupt eintreten könnte (Graber, Basler Kommentar OR I,
6. Aufl., Basel 2015, Art. 50 N 6 ff.; Brehm, Berner Kommentar, Die Entstehung
durch unerlaubte Handlung, 4. Aufl., Bern 2013, Art. 50 N 10a f., je mit weiteren
Hinweisen).
4. Die Erfordernisse der gemeinsamen Verursachung und des gemeinsamen Ver-
schuldens sind vorliegend erfüllt. Ein Angriff ist auf jeden Fall geeignet, einfache
Körperverletzungen zu verursachen. Wird - wie vorliegend - mit Füssen auf ein
wehrlos am Boden liegendes Opfer eingeschlagen, ist ohne weiteres mit den kon-
kret eingetretenen Verletzungen zu rechnen. Der Beschuldigte wirkte mit den an-
deren Angreifern bei der tätlichen Auseinandersetzung zusammen, wobei jeder
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vom pflichtwidrigen Verhalten des anderen wusste und mit der Möglichkeit rech-
nen musste, dass daraus Körperverletzungen resultieren könnten. Er nahm dies
in Kauf. Dabei ist irrelevant, dass die eingeklagten Verletzungen des Privatklägers
diesem nicht vom Beschuldigten zugefügt wurden. Das Gesetz sieht die Solidar-
haftung nämlich grundsätzlich für alle Urheber einer widerrechtlichen Handlung
vor, ohne Rücksicht auf die Intensität der Mitwirkung und ohne Differenzierung
des individuellen Verschuldens. Der verletzte Privatkläger kann sich somit nach
seiner Wahl an den einen oder anderen Solidarschuldner halten, je nur einen Teil
oder das Ganze fordern sowie die Schuldner einzeln oder als Streitgenossen ein-
klagen (Graber, a.a.O., Art. 50 N 12 ff., Art. 144 N 1).
5. Im Übrigen kann auf die überzeugenden Erwägungen des Bezirksgerichts zur
Schadenersatz- und Genugtuungsregelung (HD 52 S. 116 bis 120, Ziff. 3.1. und
4), denen nichts beizufügen ist, verwiesen werden.
5.1. Der Beschuldigte ist damit unter solidarischer Haftung mit D._, E._,
F._ und G._ sowie mit allfälligen weiteren Beteiligten zu verpflichten,
dem Privatkläger H._ Schadenersatz von Fr. 3'750.-- zuzüglich 5 % Zins ab
8. Oktober 2011 zu bezahlen, wobei er im Innenverhältnis mit den vier namentlich
Genannten zu einem Fünftel haftet. Im Mehrbetrag ist der Beschuldigte mit sei-
nem Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
5.2. Als angemessen erweist sich ausserdem eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 2'000.--, auch unter Berücksichtigung eines gewissen Selbstverschuldens des
Privatklägers, welcher die Situation - nachdem er angerempelt worden war -
durch den Faustschlag an die Stirn von D._ zusätzlich angeheizt hat. Ent-
sprechend ist der Beschuldigte wiederum solidarisch mit D._, E._,
F._ und G._ sowie mit allfälligen weiteren Beteiligten zu verpflichten,
dem Privatkläger H._ Fr. 2'000.-- zuzüglich 5 % Zins ab 8. Oktober 2011 als
Genugtuung zu bezahlen, wobei er im Innenverhältnis mit den vier namentlich
Genannten zu einem Fünftel haftet.
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VI. Beschlagnahmung
Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom 17. April
2014 beschlagnahmten Fr. 2'950.-- (Kassenbeleg Nr. ... vom 22. April 2014) sind
nach wie vor zur Deckung der Verfahrenskosten zu verwenden.
Die Verteidigung hat dagegen grundsätzlich weder vor Vorinstanz (HD 28 S. 29)
noch im Berufungsverfahren Einwendungen erhoben, stellte aber im obergericht-
lichen Verfahren den Antrag auf Herausgabe des die Verfahrenskosten des erst-
instanzlichen Verfahrens und der Busse übersteigenden Restbetrags in der An-
nahme, es erfolge eine Freispruch betreffend das Hauptdossier und die Kosten-
auflage zu Lasten des Beschuldigten falle entsprechend geringer aus. Dem ist
nun nicht so.
VII. Kosten und Entschädigung
1. Beim vorliegenden Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenauf-
lage (die Kostenaufstellung und die Regelung der Kosten der amtlichen Verteidi-
gung wurden nicht angefochten) zu bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren unterliegt der Beschuldigte mit seinem Antrag auf Frei-
spruch vom Vorwurf eines deliktischen Verhaltens gegenüber dem Privatkläger
H._. Einen Teilsieg erzielt er jedoch insofern, als aus der geänderten rechtli-
chen Würdigung eine wesentlich tiefere und andersartige Strafe resultiert, wenn
auch nicht die von ihm für angemessen gehaltene.
Dem Beschuldigten sind unter diesen Umständen drei Viertel der Kosten des Be-
rufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung, aufzuer-
legen. Der restliche Viertel ist auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren im Betrag von
Fr. 14'520.-- (inkl. Mehrwertsteuer) sind auf die Gerichtskasse zu nehmen (vgl.
Urk. 71/2 zuzüglich 7.25 Stunden für die Berufungsverhandlung inkl. Wegent-
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schädigung). Vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO für drei Viertel dieser Kosten.
3. Dem Beschuldigten ist angesichts des Ausgangs des Prozesses keine Um-
triebsentschädigung auszurichten. Die Verteidigung hat diesbezüglich zu Recht
auch nicht Antrag gestellt.
4. Für die Ausrichtung einer Genugtuung für die erstandene Untersuchungshaft
(HD 53 S. 2) besteht kein Raum. Diese war nicht unrechtmässig und wurde heute
an die Strafe angerechnet.