# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** bba73f27-2c36-4ac8-8ad5-157d7027aeea
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1982, meldete sich am 20. August 2016 bei der Invalidenversi
cherung zum Leistungsbezug an (Urk. 10/9). Die Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, auferlegte ihm am 27. März 2018 die Durchführung einer Behandlung zur Verbesserung des Gesundheitszustands (Urk. 10/53) und sprach ihm mit Verfügung vom 11. Juni 2018 bei einem Invali
ditätsgrad von 100
%
eine befristete ganze Rente ab 1. März bis 31. Juli 2017 und bei einem Invaliditätsgrad von 50
%
eine halbe Rente ab 1. August 2017 zu (Urk. 10/69; Verfügungsteil 2 vgl. Urk. 10/65).
1.2
Nach Eingang eines am 3. Juni 2019 ausgefüllten Revisionsfragebogens (Urk.
10/84
)
holte die IV-Stelle
unter anderem
bei Dr. med.
Y._
ein
psychiat
ri
sches
Gutachten ein, das am
5. November 2020
erstattet wurde (Urk.
10/103
).
Nach Vorbescheid
vom
3.
Dezember 202
0
(Urk. 10/107) und
erhobenem
Einwand (Urk. 10/111; Urk. 10/118) beantwortete der Gutachter mit Stellungnahmen vom 25. Mai und vom 16. Juni 2021 (Urk. 10/127; Urk. 10/128) die von der IV-Stelle (vgl. Urk. 10/120) und vom Versicherten (vgl. Urk. 10/121) aufgeworfenen Ergän
zungsfragen, worauf der Versicherte am 8. Juli 2021 noch einmal Stellung nahm (Urk. 10/130).
Mit Verfügung vom 6. August 2021 (Urk. 10/134 = Urk. 2) hob die IV-Stelle die bisher ausgerichtete Rente per Ende September 2021 auf.
Gleichentags auferlegte sie dem
Versicherten
die Etablierung einer suchtspezifischen Behandlung mit Kokain-, Cannabis- und Alko
holabstinenz sowie regelmässigen
Kontrollunter
su
chungen in Form von Urinscreens (Urk. 10/132).
2.
Der Versicherte erhob am
10. September 2021
Beschwerde gegen die Verfügung vom
6. August 2021
(Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
ihm weiterhin
eine halbe Rente
auszurichten, eventuell sei die Sache zwecks Anord
nung ergänzender medizinischer Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen
(Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
8. November 2021
(Urk.
9
) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer am
10. November 2021 mit dem Hinweis
zur Kenntnis gebracht
, dass über dessen Antrag
auf unentgeltliche Prozessführung (vgl. Urk. 1 S. 2) zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werde
(Urk.
11
).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zuspre
chung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Renten
anspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich
gleich gebliebe
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den
Erwerbs- oder Auf
gabenbereich von Bedeutung (BGE 141V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebe
nen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9
E. 2.3 mit Hinweisen). Weder eine im Vergleich zu früheren ärztlichen Einschät
zungen ungleich attestierte Arbeitsunfähigkeit noch eine unterschiedliche diagnostische Einordnung des geltend gemachten Leidens genügt somit per se, um auf einen verbesserten oder verschlechterten Gesund
heitszustand zu schlies
sen; notwendig ist in diesem Zusammenhang vielmehr eine veränderte Befund
lage (Urteil des Bundesgerichts 9C_135/2021 vom 27. April 2021 E. 2.1 mit Hin
weisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
li
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3; Urteil des Bun
desgerichts 8C_144/2021 vom 27. Mai 2021 E. 2.3, je mit Hinweisen).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medi
zi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Ent
scheid nicht auf die
Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend fest
gestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechts
mittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der ent
scheidrele
vante Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2)
gestützt auf das
psychiatrische
Gutachten von Dr.
Y._
davon aus,
dass sich die gesund
heitliche Situation des Beschwerdeführers respektive die Befunde massiv verbes
sert hätten. Eine invalidenversicherungsrechtlich relevante gesundheitliche Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit sei mit dem festgestellten Befund nicht ausgewiesen (S. 1).
Eine konsistente leitliniengerechte medikamentöse oder eine suchtspezifische
Behandlung
würden nicht durchgeführt, was nicht auf einen hohen Leidensdruck hinweise. Eine Vernachlässigung von Freizeitbeschäftigungen, verminderte Inte
ressen und Passivität hätten nicht festgestellt werden können, das Aktivitäts
ni
veau sei in allen vergleichbaren Lebensbereichen nicht eingeschränkt, soziale Kontakte seien vorhanden (S. 2 oben).
Da unabhängig davon, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliege oder nicht, kaum noch leistungseinschränkende Befunde vorhanden seien, sei die Ursache dafür nicht releva
nt. Betreffend Drogenkonsum sei
kein Abhängigkeitssyndrom diag
nostiziert worden (S. 2 Mitte).
Eine Eingliederung in die Arbeitswelt sei sicher erschwert,
dies
jedoch aus IV
fremden Gründen. Aus rein medizinischen Gründen bestehe in einer ange
passten Tätigkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit.
Der Beschwerdeführer habe sich mit seinem Leben so eingerichtet, es bestehe zudem eine fehlende Motivation zur Aufnahme einer Tätigkeit, was ebenfalls auf IV-fremde Gründe zurückzuführen sei (S. 2 unten).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
der Gutachter halte klar fest, dass seit der letzten umfassenden Rentenprüfung im
Juni 2018 von einem im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand aus
zu
gehen sei. Der Gesundheitszustand habe sich bereits seit 2017 gebessert. Es liege demnach eine andere Beurteilung des gleichen Sachverhalts und somit kein Revi
sionsgrund vor (S. 5 oben Ziff. 1).
Aus rein medizinischer Sicht habe der Gutachter lediglich noch eine Arbeits
fä
higkeit von 50
%
attestiert. Diese beinhalte jedoch auch die Such
t
problematik, welche demnach Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit habe. Es sei nicht nach
vollziehbar, dass bei
angegebenem
regelmässigem Suchtmittelkonsum lediglich ein schädlicher Gebrauch und kein Abhängigkeitssyndrom vorliegen solle. Zudem weise der Gutachter darauf hin, dass die Prognose stark davon abhängig sei, ob der Beschwerdeführer
eine langfristige Drogenabstinenz werde einhalten können. Auch die von der Beschwerdegegnerin auferlegte Schadenminderungspflicht sei widersprüchlich. Im Weiteren habe der medizinische Sachverhalt – insbesondere die Persönlichkeitsdiagnostik – aufgrund des Substanzkonsums nicht umfassend geklärt werden können (S. 5 Mitte Ziff. 1).
Entgegen der Beschwerdegegnerin könne eine diagnostizierte Persönlichkeits
stö
rung aus näher dargelegten Gründen sehr wohl zu einer invalidenversi
cherungs
rechtlich relevanten Beeinträchtigung führen, so könnte
diese Diagnose
etwa die Motivationslosigkeit betreffend Aufnahme einer realistischen erwerb
lichen Tätig
keit und damit
seine
Dekonditionierung allenfalls erklären.
Hiermit
begründe sich der Eventualantrag betreffend Rückweisung (S. 6 f. Ziff. 2).
Bestritten werde aus näher dargelegten Gründen die Beweiskraft des Gutachtens. So sei dieses etwa bezüglich der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung widersprüchlich, die Indikatorenprüfung sei nur rudimentär erfolgt und es würden
trotz Attestierung einer vollen Arbeitsfähigkeit
keine
entsprechenden
Ressourcen
erhoben (S. 7-9 Ziff. 3).
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit der Rentenanspruch des Beschwerdeführers und dabei insbesondere das Vorl
iegen eines Revisionsgrundes sowie
die Frage, ob die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt genügend abgeklärt hat.
3.
3.1
Der rentenzusprechenden Verfügung vom 11. Juni 2018 (Urk. 10/65; Urk. 10/69) lag im Wesentlichen die folgende medizinische Aktenlage zugrunde:
3.2
Dr. med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in seinem Bericht vom 27. Juni 2017 (Urk. 10/37) fest, er behandle den Beschwer
deführer
seit dem 30. Juni 2016 (Ziff. 1.2). Er nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
schwe
re depressive Störung (ICD-10 F
32.2)
-
Transsexualismus (F64.0)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er:
-
Status nach Alkoholabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig episodischer Sub
stanz
konsum
-
Status nach Cannabisabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig episodischer Substanzkonsum
-
Status nach schädlichem Gebrauch von Kokain
Seit dem 30. Juni 2016 sei der
Patient
auf dem freien Arbeitsmarkt zu 100
%
arbeitsunfähig gewesen. Aufgrund des bisherigen Verlaufs werde davon ausge
gangen, dass er auf längere Sicht zu 100
%
arbeitsunfähig sein werde (S. 1 oben).
Der
Patient
lebe seinen Wunsch, eine Frau zu sein, fast ausschliesslich privat in seiner Wohnung aus. Er wolle sowohl als Frau verkleidet wie auch allfällig nach einer Geschlechtsumwandlung zur Frau ausschliesslich sexuellen Kontakt zu Frauen. Er zeige eine starke Verunsicherung und fühle sich mit seiner Problematik nicht akzeptiert.
Er habe daher eine undefinierte Wut auf die Gesellschaft ent
wickelt, erlebe diese als oberflächlich und ziehe sich von ihr zurück. Alle bishe
rigen therapeutischen Versuche,
sich
weiter mit seiner Identitätsproblematik aus
einanderzusetzen, seien bisher gescheitert an der grossen Furcht des Beschwer
deführers vor Ablehnung, Ausgrenzung und seiner Problematik, nicht ernst genommen zu werden. Er fühle sich lediglich von seiner Mutter ange
nommen. Die grosse Einsamkeit und starken Selbstzweifel seien wahrscheinlich die Haupt
ursache für die starke depressive Symptomatik. Sollte es ihm gelingen, sich mit seiner Geschlechtsidentität weiter auseinanderzusetzen, so könne er im besten Fall in einem langsamen Prozess beruflich auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Dieser Prozess werde jedoch
wahrscheinlich
noch mehrere Jahre andau
ern (S. 4 f. Ziff. 1.4). Nach negativen Erfahrungen mit Psychophar
maka lehne der Patient eine medikamentöse Behandlung überwiegend ab (S. 5 Ziff. 1.5).
3.3
Hausarzt
Dr. med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, nannte in seinem Bericht vom 21. August 2017 (Urk. 10/40) folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
Transvesti
smus
-
depressive Verstimmung
-
regelmässiger Konsum von Cannabis und Alkohol (Bier)
Die Arbeitsunfähigkeit betrage 100
%
seit März 201
6.
Zuvor habe der Patient als Logistikassistent zu 50
%
bei der
B._
in
C._
gearbeitet (Ziff. 1.6). Diese bis
herige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei zu maximal 50
%
, sprich zirka
vier
Stunden pro Tag, möglich (Ziff. 1.7). Ideal wäre eine Ausbildung in einem kreativen Beruf wie Malen
,
Zeichnen, eventuell auch Flachmaler, Gärtner, Koch et cetera. Eine Berufsbe
ratung wäre sinnvoll (Ziff. 1.11).
3.4
Dr. med. univ.
D._
, Oberärztin, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Uni
versitätsspital
E._
, nannte im Bericht vom 2. November 2017 (Urk. 10/46) fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
nicht näher bezeichnete Gender Dy
s
phorie mit Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität (F64.9)
-
bekannte rezidivierende depressive Störung (F33.9)
-
vorbeschriebener Verdacht auf schizotype Störung
-
multipler schädlicher Substanzgebrauch
-
Cannabis, Alkohol, Kokain, Poppers
In der Sprechstunde
für Sexualmedizin sei der Patient bereits aus einer früheren Abklärung aus dem Jahr 2012 bekannt (vgl. Urk. 10/42), wobei er sich hier in einem (prä-)psychotischen Zustand präsentiert habe. Nach dem Abklärungs
ge
spräch im Februar 2017 sei er bis zum Mai 2017 einmal monatlich in der Sprech
stunde gesehen worden. Geschlechtsangleichende medizinische Massnah
men seien weiterhin weit im Hintergrund. Diese seien in Anbetracht des aktuell kaum wahrnehmbar
en genderdysphorischen Leidens sowie
nicht erfolgter sozia
ler Outing- und Transitionssch
r
itte auch nicht indiziert (Ziff. 1.1). Der Patient sei seit frühester Kindheit in schulpsychologischer Behandlung gewesen, man habe ihn in der Schule misshandelt und ausgeschlossen. Aufgrund der zwischen
menschli
chen Interaktionsschwierigkeiten werde eine tagesstrukturelle Einglie
derung zur Schaffung stabiler Umgebungsstrukturen empfohlen (Ziff. 1.4).
Die letzte Stelle sei bis März 2016 als Teillohnarbeiter zu 50
%
im Brockenhaus gewesen. Eine Kündigung sei erfolgt, weil der Patient nicht mehr zur Arbeit gegangen sei. Die bisherige oder eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei vor
erst zu 50
%
zumutbar (Ziff. 1.7).
3.5
Dr. med.
F._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärzt
licher Dienst (RAD), hielt in ihrer Stellungnahme vom 14. Novem
ber 2017 (Urk. 10/48 S. 4-5) fest, zeitlich flexible Tätigkeiten ohne per
manenten Zeit- und Termindruck
be
i nur geringem Publikumsverkehr und
ohne besondere Anforde
rungen an das Umst
ellungs- und Anpassungsvermögen
seien medizi
nisch-
theoretisch in einer wohlwollenden und konfliktarmen Arbeitsatmosphäre zunächst zu 50
%
möglich (S. 5 Mitte). Es liege ein Gesundheitsschaden vor, der die Arbeitsfähigkeit von März 2016 bis August 2017 aufgehoben habe. Eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit sei ab August 2017 gege
ben. Unter Fortführung einer integrativen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung, idealerweise auch einer tagesklinischen Behandlung, sei der Gesund
heitszustand in einem Jahr neu zu beurteilen (S. 5 unten).
4.
4.1
Im
Revisionsverfahren
ergingen die nachstehenden medizinischen Berichte und Stellungnahmen:
4.2
Dr.
Z._
hielt in seinem undatierten, am 19. Februar 2020 bei der Beschwer
de
gegnerin eingegangenen Verlaufsbericht (Urk. 10/95
/1-6
) fest, der Gesund
heits
zustand des Patienten habe sich verschlechtert (Ziff. 1.1). Er nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.2):
-
andauernde Persönlichkeitsänderung nach psychiatrischer Krankheit (F62.1), bestehend mindestens seit zwei Jahren
-
schwere depressive Störung (F32.2), bestehend mindestens seit 2013
-
Transsexualismus (F64.0), bestehend seit Kindheit
Die Beratung am
E._
habe dem Patienten unter anderem klar gemacht, dass er schon alleine mit dem Beginn einer Hormonbehandlung mit einem fast voll
stän
digen Libidoverlust rechnen müsse, wobei die Folgen einer operativen Geschlechts
umwandlung noch viel einschneidender wären. Diese Informationen hätten dazu geführt, dass der Patient noch mehr blockiert sei, da er sich gefühls
mässig weiterhin wünsche, einen Frauenkörper zu haben, rational die Folgen sol
cher Schritte aber eindeutig ablehne. Zu weiteren Beratungen in diesem Bereich sei er in der Folge nicht mehr motivierbar gewesen (S. 2 oben Ziff. 1.3).
Insgesamt erscheine er im Laufe der Jahre durch seine depressive Symptomatik und seine Geschlechtsidentitätsstörung in seiner ursprünglichen Persönlichkeit so weit ver
ändert, dass von einer andauernden Persönlichkeitsänderung ausge
gangen wer
den könne, der Patient erfülle die
entsprechenden
klinischen Merk
male (S. 2 Mitte Ziff. 1.3). Aktuell erscheine er nicht in der Lage, irgendeine Tätigkeit ausüben zu können, weder in einem zeitlich reduzierten Umfang noch in einer angepassten Tätigkeit (Ziff. 2.1). Die Sitzungen fänden in einem Rhyth
mus von mindestens alle zwei Wochen statt, wobei die letzte Kontrolle am 6. Februar 2020 gewesen sei (Ziff. 3.1).
Im Beiblatt vom 13. Februar 2020 zum Verlaufsbericht (Urk. 10/95/7-8) führte Dr.
Z._
aus, der Patient habe für eine ergänzende Hypnosebehandlung bei einem Psychotherapeuten motiviert werden können, den er seit fast zwei Jahren alle zwei Wochen aufsuche. Der Patient habe also im Rahmen seiner Möglich
kei
ten eine intensiviertere Behandlung durchgeführt, wenn auch nur in einem geringen Umfang, wobei mehr zurzeit nicht als möglich erscheine. In diesem Sinne habe er die auferlegte Schadenminderungspflicht erfüllt (Ziff. 1).
4.3
4.3
.
1
Dr. med. Markus
Y._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, erstattete am 5. November 2020 sein psychiatrisches Gutachten (Urk. 10/103). Er nannte folgende Diagnosen (S. 29):
-
rezidivierende depressive Störung, aktuell leichtgradige Episode (F33.0)
-
schädlicher Gebrauch von Kokain, Differentialdiagnose (DD): Kokainab
hängigkeit (F14.1)
-
Verdacht auf schädlichen Gebrauch von Cannabis (F12.1)
-
Verdacht auf schädlichen Gebrauch von Alkohol (F10.1)
-
Transvestitismus (F65.1), DD: Gender-Dysphorie (F64.9)
4.3
.2
Anlässlich der vertiefenden Befragung zum Konsum psychotroper Substanzen (S. 13-15 Ziff. 3.2) habe der Beschwerdeführer angegeben, er habe seit einigen Monaten mit illegalem
Tetrahydrocannabinol (THC) aufgehört und nehme nur noch das Cannabis vom Denner, wegen dem Cannabidiol (CBD). Er rauche 3-4 selbst
ge
drehte Zigaretten am Tag und 2-3 Zigaretten mit Cannabis vom Denner. Alkohol trinke er nur wenig (S. 14 oben).
Er nehme seit langem Kokain, geschätzt einmal die Woche, zusammen mit seiner Mutter (S. 14 Mitte). Wegen Covid-19 nehme er kein Cannabis mehr
, da er Angstzustände entwickelt habe. Mit Bier und Kokain, da male er auf dem Tablet und spraye. Er sei stolz, dass er mit dem Kiffen auf Null sei, aber Kokain sei bei ihm stark verankert (S. 15 Mitte).
4.3
.3
Der Beschwerdeführer habe auf Nachfrage explizit angegeben, dass er nicht das Gefühl habe, das falsche Geschlecht zu haben. Somit könne die Diagnose einer Transsexualität nicht gestellt werden, sondern diejenige eines Transvestitismus beziehungsweise in Übereinstimmung mit der
E._
-Ärztin diejenige einer Gender-Dy
s
phorie. Die von letzterer gestellte Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung lass
e
sich anhand der sehr lückenhaften Aktenlage nicht sicher nach
vollziehen, sei jedoch aus gutachterlicher Sicht plausibel (S. 26 f. Ziff. 6).
Im Drogenscreen habe sich ein hochpositiver Befund für Cannabis und Kokain gezeigt. Eine Rückfrage mit dem Labor habe ergeben, dass es prinzipiell keine Kreuzreaktivität zwischen dem Cannabistest und CBD-Produkten gebe
, was bedeute, dass C
BD als Substanz per se nicht zu einem positiven Cannabistest führe. Allerdings enthielten nahezu alle CBD-Produkte produ
ktionsbedingt kleinere Mengen T
H
C
, die den Cannabistest im Drogenscreen positiv anschlagen liessen. Somit sei es möglich, dass der positive Cannabistest auf den berichteten regelmässigen Konsum von CBD-Produkten zurückzuführen sei. Genauso sei es jedoch möglich, dass der Beschwerdeführer weiterhin Cannabis-Produkte konsu
miere (S. 2
7
f. Ziff. 6).
Die von Dr.
Z._
diagnostizierte andauernde Persönlichkeitsänderung nach psy
chiatrischer Krankheit sei nicht plausibel, da die diagnostischen Kriterien nicht erfüllt seien (S. 28 unten Ziff. 6). Ein Ausschlusskriterium für die Diagnose sei eine Persönlichkeitsstörung. Diese könne beim Beschwerdeführer keinesfalls aus
geschlossen werden, im Gegenteil, jedoch sei dies unter laufendem Drogen
kon
sum kaum beurteilbar (S. 29 Mitte Ziff. 6).
4.3
.4
Es werde weder eine konsistente, leitliniengerechte medikamentöse noch
eine suchtspezifische Behandlung durchgeführt, auch weitere Möglichkeiten wie eine tagesklinische Behandlung seien nicht genutzt worden. Dies weise nicht unmit
telbar auf einen sehr hohen Leidensdruck beim Beschwerdeführer hin (S. 31 Ziff. 7.2).
4.
3
.5
Zur Beurteilung der Konsistenz (S. 31 Ziff. 7.3) hielt
Dr.
Y._
fest, es zeige sich im klinischen Befund keine depressive Symptomatik. In Zusammenschau mit der Eigenanamnese sei allenfalls die Diagnose einer leichten depressiven Episode zu stellen. Die zahlreichen privaten Aktivitäten und die berichtete extensive Mithilfe in der Versorgung der Mutter wiesen nicht darauf hin, dass das Aktivitätsniveau in vergleichbaren Lebensbereichen eingeschränkt sei (S. 31 Ziff. 7.3).
4.3
.6
Ressourcen bestünden nur wenige. Der Beschwerdeführer habe keine abgeschlos
sene Berufsausbildung und lebe seit 20 Jahren im Wesentlichen von Sozialhilfe. Es bestehe eine ausgeprägte Dekonditionierung, er könne sich überhaupt keine berufliche Tätigkeit in irgendeiner Form vorstellen und habe sich hierzu auch keine Gedanken gemacht. Es bestehe keine Motivation zur Aufnahme einer wie auch immer gearteten leichteren Berufstätigkeit oder berufsfördernder Massnah
men (S. 32 Ziff. 7.4
).
4.3
.7
Zur Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit hielt Dr.
Y._
im Sinne einer Vorbemerkung fest, dass die angestammte Tätigkeit laut Feststellungsblatt vom
9. März 2018 einer angepassten Tätigkeit entspreche. In einer angepassten Tätig
keit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
bezogen auf ein 100%-Pensum. Während dieser Anwesenheit bestehe keine Einschränkung der Leistung.
Um den
zeitlichen
Verlauf seriös darzustellen, gebe es aus den letzten
drei
Jahren zu wenig Aktenlage. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit habe eine durch
schnitt
liche Arbeitsfähigkeit von 100
%
bezogen auf ein 100%-Pensum seit der letzten Feststellung bestanden (S. 33 oben Ziff. 8). Entsprechend könne die Arbeitsfähig
keit durch medizinische Massnahmen nicht mehr verbessert werden. Langfristig könne die gesundheitliche Situation zusätzlich positiv beeinflusst werden durch die Etablierung einer suchtspezifischen Behandlung mit
Kokain-
, Cannabis- und Alkoholabstinenz und regelmässigen Kontrolluntersuchungen in Form von Urinscreens sowie durch den Beginn einer leitliniengerechten psycho
pharmako
logischen Behandlung (S. 34 oben Ziff. 8).
4.3
.8
Abgestützt auf die medizinische Aktenlage aus dem Jahre 2017 (
E._
-Bericht vom 2. November 2017) sei der psychiatrische Befund in der aktuellen Untersu
chung wesentlich besser. Die Diagnose
n
hingegen seien im Wesentlichen unver
ändert (S. 34 f. Ziff.
a.
1).
Auf die Frage, seit wann die Veränderung des Gesundheitszustands anzunehmen sei, antwortete Dr.
Y._
, abgestützt auf den Bericht von Dr.
Z._
sei der psy
chiatrische Befund im Februar 2020 deutlich schlechter gewesen. Weitere rele
vante Unterlagen lägen seit dem Bericht aus 2017 nicht vor. Somit sei es über
wiegend wahrscheinlich, dass sich der Gesundheitszustand seit 2017 gebessert habe, mit einer passageren Verschlechterung im Februar 2017 (gemeint wohl: 2020
; S. 35 Ziff. a.2
).
4.3
.9
Aus rein medizinischer Sicht bestehe weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit von 50
%
in der angestammten/angepassten Tätigkeit, obwohl sich der psychopatho
logi
sche Befund durchgreifend verbessert habe. Grund dafür sei die seit sehr langem vorliegende Dekonditionierung sowie der fortgesetzte Kokainkonsum. Der Beschwerdeführer könne sich keinerlei reguläre berufliche Tätigkeit, auch nicht in kleinerem Umfang, vorstellen. Er habe hierzu weder Pläne noch Motivation. Er habe sich mit seinem Leben eingerichtet, habe keine finanziellen Schwierigkeiten, verfolge seine künstlerischen Interessen und nehme gelegentlich Kokain im Sinne eines «recreational drug use». Nach Ansicht von Dr.
Y._
sei es unrealistisch, dass der Beschwerdeführer aktuell ein Arbeitspensum von mehr als 50
%
in einer angestammten/angepassten Tätigkeit erreichen könne (S. 35 f. Ziff. a.3
).
4.4
RAD-Ärztin Dr.
F._
(E. 3.5)
führte in ihrer Stellungnahme vom 16. Novem
ber 2020 (Urk. 10/104 S. 3 f.) zum psychiatrischen Gutachten aus, der psycho
patho
logische Befund habe sich gegenüber Juni 2018 verbessert, so dass medizi
nisch-theoretisch im Querschnitt formal eine 100%ige Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt vorliege, spätestens seit dem Zeitpunkt der Begutachtung.
Aufgrund der langen beruflichen Dekonditionierung und weiterhin bestehenden Suchtprob
lematik sei jedoch im Längsschnitt von einem im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand seit Juni 2018 auszugehen (S. 4 unten
).
4.5
Zu Handen der Rechtsvertreterin führte
Dr.
Z._
am
18. Februar 2021 (Urk. 10/118) zum psychiatrischen Gutachten aus, da der Gutachter den Beschwer
deführer nicht ausführlich zum wichtigen Thema Transsexuali
tät/Gender-Dysphorie befragt habe, habe er die wahrscheinliche Ursache der «Blockiertheit» beim Beschwerdeführer überhaupt nicht erfassen und somit auch nicht würdigen können (S. 2 Ziff. 4).
4.6
Dr.
Y._
beantwortete mit Stellungnahme vom 25. Mai 2021 (Urk. 10/127) die von der Beschwerdegegnerin am 9. März 2021 (Urk. 10/120) aufgeworfenen Ergän
zungsfragen.
Auf die Frage, weshalb er dem Beschwerdeführer eine 100%ige Arbeitsfähigkeit attestiert habe, obwohl er geschrieben habe, es würden bei diesem nur wenige Ressourcen vorliegen, führte Dr.
Y._
aus, mit den weni
gen Ressourcen seien berufliche Ressourcen gemeint,
da
es bei der Einschät
zung der Arbeitsfähigkeit um die berufliche Leistungsfähigkeit gehe. Der Beschwerde
führer habe keine abgeschlossene Berufsausbildung, somit seien die beruflichen Ressourcen limitiert und nur einfache Tätigkeiten auf dem allgemei
nen Arbeits
markt möglich (S. 2 Ziff. 1).
Auf den Vorhalt, dass er auf S. 35 aus rein medizinischer Sicht eine Arbeitsun
fä
higkeit von 50
%
attesti
ert habe (vgl. vorstehend E. 4.3
.9), führte Dr.
Y._
aus, wie bereits ausführlich diskutiert, betrage die Arbeitsfähigkeit aus rein medizini
scher Sicht 100
%
für eine angepasste Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeits
markt
.
Auf S. 35 habe er lediglich seine aussermedizinische Einschätzung zum Ausdruck bringen wollen, dass eine vollschichtige Berufstätigkeit schwer vor
stellbar
sei
, nicht zuletzt wegen der fehlenden Motivation. Rein medizinisch liege eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
angepasst vor (S. 2 Ziff. 2).
4.7
Am 16. Juni 2021 (Urk. 10/128) beantwortete Dr.
Y._
die vom Beschwerde
füh
rer am 17. März 2021 (Urk. 10/121) aufgeworfenen Ergänzungsfragen.
Die erste Frage lautete dabei: «Auf Seite 33 im Gutachten halten Sie fest, dass mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit seit der letzten Feststellung
,
eine durch
schnittliche Arbeitsfähigkeit von 100
%
bezogen auf ein 100%-Pensum bestand. Ist ihre
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Gutachten somit lediglich eine andere Beurtei
lung des gleichen Sachverhalts, wie er bei der Leistungszusprache einer halben Rente im Jahr 2018 vorlag? Falls nein, weshalb nicht?». Hierauf antwor
tete Dr.
Y._
: «Ich verstehe nicht, was mit dieser Frage gemeint ist».
D
ie Prognose hä
nge im Längsschnitt stark davon ab, ob der Beschwerdeführer eine langfristige Drogenabstinenz einhalten könne (S. 1 Ziff. 2).
Auf die Frage, weshalb er bezüglich des Kokainkonsums einen schädlichen Gebrauch und lediglich differentialdiagnostisch ein Abhängigkeitssyndrom diag
nostiziert habe, antwortete Dr.
Y._
, dies sei, weil der Beschwerdeführer ange
geben habe, dass er kein Cannabis konsumiere und nur gelegentlich Alkohol, jedoch regelmässig Kokain (S. 1 Ziff. 3
).
Auf den Vorhalt, er habe auf S. 29 geschrieben, die Diagnose einer Persönlich
keitsstörung sei unter dem laufenden Drogenkonsum kaum beurteilbar und die Frage, ob der medizinische Sachverhalt somit noch nicht umfassend geklärt sei, führte Dr.
Y._
aus, der medizinische Sachverhalt sei den Umständen entspre
chend bestmöglich abgeklärt worden (S. 2 Ziff. 4).
Rein medizintheoretisch könnte der soziale Rückzug auch krankheitsbedingte Ursachen haben, dies sei jedoch beim Beschwerdeführer unwahrscheinlich und zudem schwer beurteilbar, solange er aktiv Drogen konsumiere. Es sei mindestens überwiegend wahrscheinlich, dass der berichtete soziale Rückzug durch den Cannabis-Konsum bedingt sei (S. 2 Ziff. 5
).
Es sei zutreffend, dass eine totale Drogenabstinenz notwendig sei, um eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren zu können, dies zumindest für einen gewissen Zeitraum
von erfahrungsgemäss mindestens
sechs
Monaten (S. 2 Ziff. 6 f.).
4.8
RAD-Ärztin Dr.
F._
(E. 3.5)
führte
am
22. Juni 2021 (Urk. 10/131 S. 5-7) aus, es werde empfohlen, an der Stellungnahme vom 16. November 2020 weiter
hin festzuhalten
,
beziehungsweise diese
habe
weiterhin Gültigkeit. Das heisse jedoch nicht, dass das Vorliegen einer Persönlichkei
tsstörung unmöglich sei. Dies kö
nn
e
jedoch erst nach einer sechsmonatigen Drogenabstinenz seriös beurteilt werden (S. 7 oben).
5.
5.1
Nachdem vorliegend eine Rentenrevision zu beurteilen ist, lautet die Eingangs
frage, ob ein Revisionsgrund vorliegt. Sie ist dann zu bejahen, wenn seit der rentenzusprechenden Verfügung vom 11. Juni 2018 (Urk. 10/65; Urk. 10/69) eine
wesentliche Veränderung des Gesundheitszustands eingetreten ist. Zu verneinen ist sie hingegen, wenn lediglich eine unterschiedliche Beurteilung eines im Wesent
lichen gleich gebliebenen Sachverhalts vorliegt (vgl. E. 1.3).
5.2
Der psychiatrische Gutachter vermag diese Eingangsfrage nicht zuverlässig zu beantworten. Im Gegenteil räumte Dr.
Y._
in seiner Stellungnahme vom 16. Juni 2021
(E. 4.7
) ein, nicht zu verstehen, was mit dieser Frage gemeint sei. Dies zeigt sich denn auch daran, dass er sie im Gutachten nicht nachvollziehbar beantwortet
e
. So hielt er einerseits fest, die Arbeitsfähigkeit von 100
%
bestehe bereits seit
der letzten Feststellung (E. 4.3
.7), andererseits erachtete er den psy
chiatrischen Befund in der aktuellen Untersuchung gegenüber demjenigen vom November 2017 als wesentlich besser
(E. 4.3
.8), was offenlässt, a
b wann genau diese Verbesserung eingetreten sein soll.
Die RAD-Ärztin ging gestützt auf diese
widersprüchlichen
Angaben von einem im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand seit Juni 2018 aus (E. 4.4). Es ist daher
auch
nicht nachvollziehbar,
weshalb
die Beschwerdegegnerin einen Revisionsgrund als gegeben erachtete.
5.3
Widersprüchlich sind sodann die Angaben des Gutachters zur aktuellen Arbeits
fähigkeit in angestammter beziehungsweise angepasster Tätigkeit.
So bezifferte er diese an de
r einen Stelle
mit
100
%
(E. 4.3
.7), um an anderer Stelle aus rein medizinischer Sicht weiterhin
von
eine
r
Arb
eitsunfähigkeit von 50
%
zu sprechen
(E. 4.3
.9).
D
iesen Widerspruch
löste
Dr.
Y._
mit seiner Stellu
ngnahme vom 25. Mai 2021 (E. 4.6
)
nicht auf, sondern schuf vielmehr
einen weiteren
,
indem er
die Arbeitsfähigkeit von 100
%
als «rein medizinisch» bezeichnete, während die tiefere Arbeitsfähigkeit seiner «aussermedizinischen Einschätzung» entspreche.
Eine schlüssige, unmissverständliche, widerspruchsfreie Beurteilung der aktuellen Arbeitsfähigkeit durch Dr.
Y._
liegt somit nicht vor.
D
arüber hinaus ist dem Beschwerdeführer
insofern
beizupflichten,
als
der Gutachter nur eine rudimentäre
Indikatorenprüfung (E. 1.
4
) vornahm
.
I
nsbesondere
ist er auf die
konkreten
Ressourcen als Kompensationspotentiale nicht
hinreichend eingegangen, da
er diesbezüglich
praktisch
nur
die
aktuelle berufliche Situation
berücksichtigte
. Dagegen liess
er die
Komplexe «Persönlichkeit» und «Sozialer Kontext»
(BGE 141 V 281 E. 4.3.1
) genauso ausser Acht (
Urk.
7/10/31) wie den Aspekt des Leidens
drucks
; dies obschon der Beschwerdeführer Therapien
wahrgenommenen
hat
, welche gemäss
der
behandelnden Fachärztin
seinen
Möglichkeiten entsprachen (
Urk.
7/95/7).
Die
nicht weiter begründete Feststellung
des Sachverständigen
,
der Beschwerdeführer verfüge diesbezüglich über wenige Ressourcen
(vorstehend
E.
4.6)
,
ist nicht zu vereinbaren mit der attestierten
vollständige
n
Arbeitsfähig
keit
.
Hierfür wären positive Ressourcen erforderlich
, welche
Dr.
Y._
nicht
auf
zeigte.
Das psychiatrische
Gutachten von Dr.
Y._
leuchtet in der Beurteilung der medizinischen Situation demnach nicht ein. E
ntsprechend
kann ihm
kein Beweis
wert zukommen, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann (vgl. E. 1.5)
5.4
Angesichts des
hochpositiven Befundes für Cannabis un
d Kokain im Drogen
screen (E. 4.3
.3) sowie der Angaben des Beschwerdeführers, er nehme zirka ein
mal pro Woche Kokain, diese Droge sei
bei ihm stark verankert (E. 4.3
.2)
,
wurde seitens des
Beschwerdeführer
s zu Recht die Frage aufgeworfen, weshalb bezüglich des Kokainkonsums lediglich differentialdiagnostisch ein Abhängig
keitssyndrom diagnostiziert
wurde
. Dr.
Y._
ging
nicht
auf di
ese Frage ein (E. 4.7
),
weshalb
die gestellte Diagnose eines lediglich schädlichen Gebrauchs von Kokain nicht als gesichert gelten kann. Gleiches mus
s für den Cannabiskonsum gelten,
der
in der Vergangenheit
als
Abhängigkeitssyndrom
gefasst
worden war
(vgl. E. 3.2)
. Vor diesem Hintergrund leuchtet die Zuordnung des schädlichen Drogengebrauchs
lediglich
als
Verdachtsdiagnose
nicht ein, zumal der Gutachter
angesichts des positiven Drogenscreens einräumte, es
sei genauso möglich, dass der Beschwer
deführer weiterhin Cannabis-Produkte konsumiere (E. 4.
3
.3).
D
ie Beschwerdegeg
nerin
ging
ihrerseits von einer erheblichen Drogenproblematik aus. Anders lässt sich nicht erklären, weshalb sie dem Beschwerdeführer zusam
men mit der ange
fochtenen Verfügung die Etablierung einer suchtspezifischen Behandlung mit Kokain-, Cannabis- und Alkoholabstinenz sowie regelmässigen Kontrolluntersu
chungen in Form von Urinscreens auferlegte (vgl. vorstehend Sachverhalt E. 1.2).
Sowohl Abhängigkeitssyndrome als auch Substanzkonsumstörungen fallen als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht, wenn sie fachärztlich einwandfrei diagnostiziert wurden. Auch sie sind dann einem strukturierten Beweisverfahren zu unterziehen (BGE 145 V 215).
Dies wurde durch Dr.
Y._
nicht gemacht und ist derzeit auch nicht möglich, weil der Sachverhalt diesbezüglich
nicht
wirklich
abgeklärt wurde.
Die ärztliche
P
rüfung
sämtlicher definierten Standardindikatoren
wird nachzuholen sein, sofern sich aufgrund der ergänzenden Abklärungen die Diagnose eines Abhän
gigkeitssyndroms ergeben sollte
(Urteil des Bundesgerichts 9C_544/2020 vom 2
7.
Oktober 2021 E. 5).
5.5
Gleiches gilt für die im Raum stehende
Persönlichkeitsstörung,
welche
vom Gut
achter
angesichts des laufenden Drogenkonsums nicht
abschliessend beurteilt
werden
konnte
(E. 4.3.3; E. 4.7
),
was
mit der Einschätzung durch die
RAD-Ärztin
übereinstimmt (E. 4.8
). Entgegen der Beschwerdegegnerin (E. 2.1) ist zur Beurtei
lung des Leistungsanspruchs
durchaus
relevant, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Denn Dr.
Y._
begründete die auf «realistische» 50
%
geschätzte zu
mutbare
Arbeitsfähigkeit
nicht zuletzt mit der fehlenden Motivation
des Beschwerdeführers (E. 4.6
). Er räumte indes ein, dass der soziale Rückzug auch krankheitsbedingte Ursachen haben könne, was schwer beurteilbar sei, solange
der Beschwerdeführer
aktiv Drogen konsumiere (E. 4.7
).
Damit ist derzeit ungeklärt, ob der soziale Rückzug und
die damit einhergehende tiefe
Arbeitsmotivation des Beschwerdeführers krankheitsbedingt
sind
. Selbst wenn der soziale Rückzug durch den Cannabis-Konsum bedingt sein sollte
–
was von Dr.
Y._
als überwiegend wahrscheinlich bezeichnet wurde
–,
bedürfte dies
in Nachachtung der höchst
richterlichen Rechtsprechung
zu den Suchtproblema
tiken
einer näheren Betrachtung (
vgl.
E. 5.4).
Auch die Einordnung der vom Gut
achter
erwähnten
fehlenden leitliniengerechten medikamentösen Behandlung (E. 4.
3.4
) sowie
der
zahlreichen privaten Aktivitäten
(E. 4.3.5) müsste bei Vorlie
gen einer Persönlichkeitsstörung
berücksichtigen, weshalb
diese Umstände
zum jetzigen Zeitpunkt
keine
Rückschlüsse auf die Intensität des Leidensdrucks zu
las
sen
.
5.6
Nach dem Gesagten kann der medizinische Sachverhalt nicht
als
erstellt
gelten
, weder was das Vorliegen eines Revisionsgrundes, noch was die aktuelle Arbeits
fähigkeit anbelangt.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid.
Die Beschwerdegegnerin ist ihrer Untersuchungspflicht nicht nachgekommen, indem sie auf das nicht beweiswertige Gutachten von Dr.
Y._
abgestellt hat
(E. 5.1-3)
. Die Frage nach dem Vorliegen eines Abhängigkeitssyndroms sowie einer Persönlichkeitsstörung
mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
sind sodann
vollständig
ungeklärt (
E. 5.4-5;
vgl.
BGE
139 V 99
E. 1.1
)
.
5.7
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach ergänzender medizi
nischer Abklärung eine neue Beurteilung vornehme und über den Leistungs
an
spruch des Beschwerdeführers neu verfüge. Konkret hat sie ein neues psychiatrisches Gutachten einzuholen, das sich zum Vorliegen einer allen
falls veränderten Arbeitsfähigkeit unter Einbezug der Frage, ob
– insbesondere betreffend die Substanzen Cannabis und Kokain
–
ein Abhängigkeitssyndrom
beziehungsweise ein schädlicher Gebrauch
vorliegt und ob eine Entzugsbehand
lung zumutbar ist, äussert. Nach einer allfällig gelungenen Entzugsbehandlung wird die Frage des Vorliegens einer Persönlichkeitsstörung gutachterlich zu klä
ren sein.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.
6.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
6.2
Bei diesem Ausgang erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unent
geltliche Prozessführung als gegenstandslos.