# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** dda70726-7dac-461b-8240-12fb283e5a69
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1998, wurde am 1
4.
April 2015 bei der Invalidenversi
cherung angemeldet (
Urk.
8/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, erteilte am 2
2.
Mai 2017 Kostengutsprache für eine erstmalige berufliche Ausbildung zum Praktiker
PrA
in
Elektroarbeiten von August 2017 bis Juli 2018 (
Urk.
8/56). Diese absolvierte
d
er
Versicherte
in der
Stiftung
Y._
(vgl.
Urk.
8/76), worauf mit Mitteilung vom 1
4.
Juni 2018 der Abschluss der erst
maligen beruflichen Ausbildung festgehalten wurde (
Urk.
8/77).
Nach am
8.
November 2018 ergangenem Vorbescheid (
Urk.
8/88) sprach die
IV-Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom 2
3.
Juli 2019 eine
Dreiviertels
rente
ab August 2018 zu (
Urk.
8/122 + 8/116 =
Urk.
2).
2.
Der Versicherte erhob am
6.
September 2019 Beschwerde gegen die Verfügung vom 2
3.
Juli 2019 (
Urk.
2) mit dem Antrag, diese sei aufzuheben und es sei ihm eine ganze Rente zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2 oben).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
3.
Oktober 2019 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde,
eventuell die Rückweisung der Sache,
was dem Beschwerdeführer
8.
Oktober 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
9).
Mit Gerichtsverfügung vom
6.
Januar 2020 wurde antragsgemäss (
Urk.
1 S. 2 oben) die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt (
Urk.
10).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Gemäss
Art.
26
Abs.
1
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
ent
spricht
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person als Nichtinvalide erzielen könnte,
wenn
sie
wegen der Invalidität keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben
konnte
,
bis zur Vollendung des 2
1.
Alter
sjahrs 70
%
des jährlich aktualisierten Medianwertes gemäss der Lohnstrukturerhebung des Bun
desamtes für Statistik
(LSE).
1.3
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgege
benen LSE herangezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3, 135 V 297 E. 5.2, 129 V 472 E. 4.2.1). Dabei sind grundsätzlich die im Verfügungszeitpunkt aktuellsten veröffentlichten Tabellen der LSE zu verwenden (BGE 143 V 295 E. 4.1.3; zur Verwendung der aktuellsten statistischen Daten bei Rentenrevisionen vgl. BGE 143 V 295 E. 4.2.2, 142 V 178 E. 2.5.8.1, 133 V 545 E. 7.1). Die Verwendung der Tabellenlöhne ist subsidiär, das heisst deren
Beizug
erfolgt nur, wenn eine Ermittlung des Invalideneinkommens aufgrund und nach Massgabe der konkre
ten Gegebenheiten des Einzelfalles nicht möglich ist (vgl. BGE
142
V
178 E. 2.5.7, 139 V 592 E. 2.3, 135 V 297 E. 5.2; vgl. auch Meyer/
Reichmuth
,
Bun
desgesetz über die Invalidenversicherung,
3.
Auflage 2014,
Rn
55 und 89 zu Art. 28a, mit weiteren Hinweisen auf die Rechtsprechung).
1.4
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen Durch
schnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellen
-
lohn) allenfalls zu kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und Beschäfti
gungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 124
V
321 E. 3b/
aa
). Aufgrund dieser Faktoren kann die versicherte Person die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt möglicherweise nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten. Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist unter Würdigung der Umstände im Ein
zelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und darf 25
%
nicht übersteigen (vgl. BGE 135 V 297 E. 5.2, 134 V 322 E. 5.2 und 126 V 75 E. 5b/
aa
-cc).
Nach ständiger Rechtsprechung darf das (kantonale) Sozialversicherungsgericht sein Ermessen, wenn es um die Beurteilung des Tabellenlohnabzuges gemäss BGE 126 V 75 geht, nicht ohne triftigen Grund an die Stelle desjenigen der Verwaltung setzen; es muss
sich
auf Gegebenheiten abstützen können, welche seine abwei
chende Ermessensausübung als naheliegender erscheinen lassen (BGE 137 V 71 E. 5.2 und 126 V 75 E. 6).
1.5
Gemäss
Art.
28
Abs.
2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
besteht
b
ei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, der Beschwerdeführer könne im ersten Arbeitsmarkt in einem Präsenzpen
sum von 80
%
eine Leistung von 35
%
erbringen
. Das
Valideneinkommen
sei gemäss
Art.
26
Abs.
1 IVV (vgl. vorstehend E. 1.2) festzusetzen und betrage
Fr.
57'400.-- im Jahr 201
8.
Ausgehend vom durchschnittlichen Jahreslohn für Hilfsarbeiten von
Fr.
67'339.-- im Jahr resultiere bei einer Arbeitsfähigkeit von 35
%
ein Einkommen von
Fr.
23'569.-- und
- da der Beschwerdeführer auf ein geduldiges Umfeld angewiesen sei -
nach Abzug von 10
%
ein Invalideneinkom
men von
Fr.
21'212.--, mithin eine Einkommenseinbusse von
Fr.
36'188.-- und ein Invaliditätsgrad von 63
%
, womit Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente
bestehe (Begründung S. 1).
Die bestehenden neuropsychologischen Defizite würden als stabil betrachtet, weshalb «wir nach wie vor davon ausgehen, dass eine 30%ige Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt möglich ist» (S. 2 oben).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), gemäss dem Abschlussbericht über die erstmalige berufliche Ausbildung betrage seine Leistungsfähigkeit bezogen auf den ersten Arbeitsmarkt lediglich 30
%
(S. 3
Ziff.
5).
Davon sei bei der Invaliditätsbemessung auszugehen, womit der Invali
ditätsgrad 73
%
betrage (S. 4
Ziff.
12).
2.3
Strittig ist der Umfang der Arbeitsfähigkeit und damit der Invaliditätsgrad.
3.
3.1
Lic
. phil.
Z._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie, und Prof.
Dr.
rer
. nat.
A._
, Leiter Neuropsychologie, Klinik
B._
, erstatteten am 2
3.
Juni 2015 einen neuropsychologischen Abklärungsbericht (
Urk.
8/9/2-6). Darin nann
ten sie die folgenden Zuweisungsdiagnosen (S. 1):
-
dissoziative Anfälle mit Schwindelgefühl, Bewusstseinsalteration, teils auch Stürzen seit April 2014
-
im MRI des
Neurokraniums
November 2014 nicht Kontrastmittel-aufneh
mende Läsionen /
Gliosen
im subkortikalen Marklager beider Grosshirn
hemisphären, unspezifisch und von unklarer Ätiologie und pathologischer Wertigkeit
-
Verdacht auf
neuropsychologische Beeinträchtigungen
-
schwerer Vitamin D3-Mangel
Als neuropsychologische Diagnose (S. 1 unten) nannten sie eine leichte Intelli
genzminderung (ICD-10 F70.0).
Zusammenfassend führte
n
sie aus, der Versicherte verfüge über ein deutlich reduziertes allgemeines Leistungsniveau mit einem Gesamt-IQ von 63, sowie
einen solche
n
von 63 bezüglich Sprachverständnis und
von
68 bezüglich wahr
nehmungsgebundenem logischen Denken, so dass sie von einer leichten Intelli
genzminderung (ICD-10 F70.0) ausgingen
(
S. 4 oben).
Die näher genannten objektivierten Beeinträchtigungen seien im Rahmen der leichten Intelligenzminderung zu sehen (S. 4 Mitte).
3.2
Gemäss Abschlussbericht vom 1
3.
Juni 2018 (
Urk.
8/76) absolvierte der Beschwerdeführer vom
2.
August 2016 bis 3
1.
Juli 2018 (S. 1
Ziff.
3)
in der
Stiftung
Y._
eine Ausbildung als Praktiker
PrA
in Elektroarbeiten in der Elektro
nikbranche (S. 2 oben). Zu den Integrationsmöglichkeiten (S. 2 f.
Ziff.
03) wurde ausgeführt, empfohlen würden regelmässige Tageseinsätze im ersten Arbeits
markt (S. 2 unten). Die empfohlene Präsenz betrage 100
%
(42 Stunden), die Leis
tungsfähigkeit bezogen auf den ersten Arbeitsmarkt - aus näher dargelegten Gründen - 30
%
(S. 3 oben).
3.3
Am
5.
Oktober 2018 gab
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Kinder- und Jugend-Psychiatrie und -Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), eine Beurteilung ab (
Urk.
8/86 S. 5 f.). Sie führte aus, es sei ein dauerhafter Gesundheitsschaden ausgewiesen. Nicht ganz klar sei aus näher dargelegten Gründen, inwieweit die 2015 erfolgte Intelligenzmessung (vorstehend E. 3.1) valide sei; die neuropsychologischen Einschränkungen erschienen dagegen valide (S. 6 Mitte).
Als Belastungsprofil nannte sie einfache, strukturierte Hilfsarbeiten mit einem Pensum von 100
%
in geschütztem Rahmen und einem Pensum von 80
%
an einem Nischenarbeitsplatz. Die Arbeitsunfähigkeit bezifferte sie mit 60-70
%
(S.
6 oben).
4.
4.1
Die RAD-Ärztin ging von einer Arbeitsunfähigkeit von 60-70
%
aus (vorstehend E. 3.3), mithin einer Arbeitsfähigkeit von 30-40
%
, worauf die Invaliditätsbemes
sung bezogen auf eine Arbeitsfähigkeit von 35
%
vorgenommen wurde. Eine Begründung dafür, dass sie mit (bis zu) 40
%
eine höhere Arbeitsfähigkeit annahm als die im Abschlussbericht über die erstmalige berufliche Ausbildung genannte Arbeitsfähigkeit von 30
%
bezogen auf den ersten Arbeitsmarkt (vor
stehend E. 3.2), findet sich nicht.
Wie es sich damit verhält, kann jedoch aus den nachstehend dargelegten Gründen
offen bleiben
.
4.2
Als
Valideneinkommen
ist gemäss
Art.
26
Abs.
1 IVV von 70
%
des
Medianwer
tes gemäss LSE
auszugehen (vorstehend E. 1.2). Gemäss dem zeitlich massgeben
den IV-Rundschreiben Nr. 369 (das zwischenzeitlich von Nr. 378 und sodann
Nr.
393 abgelöst wurde) beträgt das
Valideneinkommen
57'400.-- im Jahr 2018.
4.3
Die von der RAD-Ärztin (vorstehend E. 3.3) postulierte mittlere Arbeitsfähigkeit von 35
%
entspricht beim von ihr mit 80
%
bezifferten Pensum einer Arbeitsfä
higkeit von 28
%
(35
%
x 0.8).
Ausgehend vom LSE-Tabellenlohn, den die Beschwerdegegnerin mit rund
Fr.
67'339.-- im Jahr 2018 beziffert hat, und unter Berücksichtigung des von ihr vorgenommenen Abzugs von 10
%
(
Urk.
8/85 S. 1), resultiert ein Invalidenein
kommen von rund
Fr.
16'969.-- (
Fr.
67'339.-- x 0.28 x 0.9).
4.
4
Bei einem
Valideneinkommen
von
Fr.
57'400.-- und einem Invalideneinkommen von
Fr.
16'969.-- beträgt die Einkommenseinbusse
Fr.
40'431.--, was einen Inva
liditätsgrad von 70.44
%
, gerundet also 70
%
,
ergibt.
Damit
ist
der Anspruch auf eine ganze Rente (vgl. vorstehend E. 1.5) ausgewiesen.
Dies führt in Gutheissung der Beschwerde zur entsprechenden Abänderung der angefochtenen Verfügung.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 600.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
D
ie unentgeltliche
Rechtsvertreterin hat mit
Ho
norarnote
vom
1
0.
Januar 2020 einen Aufwand von 7.75 Stunden plus eine Spesenpauschale von 3
%
geltend gemacht (Urk.
11)
, was nicht zu beanstanden ist. Dementsprechend ist sie von der Beschwerdegegnerin mit
Fr.
1'891.35 (inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) zu entschädigen.