# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 8f814e53-77ba-531d-8c31-c69193d4eafa
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Gestützt auf die Gesamtbaubewilligung vom 21. November 2006 sowie die am
27. Oktober 2009 und 15. Februar 2010 bewilligten Projektänderungen erstellte die
Beschwerdeführerin auf den Parzellen Twann-Tüscherz Gbbl. Nr. Z._ und
Y._ eine Wohnsiedlung mit Terrassenhäusern. Die Parzellen liegen in der
Überbauungsordnung "T._", Sektor II. Anlässlich der Baukontrolle vom 22. Juli
2010 stellte die Gemeinde fest, dass bei den Gartenstützmauern der Häuser Nrn. 14, 16,
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18, 20, 22, 24, 26, 28, 30, 32 und 36 Geländer nach SIA 358 fehlten. Mit Schreiben vom 9.
Mai 2014 wies die Gemeinde die Beschwerdeführerin auf die bestehenden Unfallgefahren
hin und teilte ihr mit, dass sie die Geländer in den kommenden Tagen vor Ort überprüfen
werde. Die Beschwerdeführerin erklärte mit Schreiben vom 26. Mai 2014, die Erstellung
von Geländern auf den Natursteinmauern sei in verschiedener Hinsicht problematisch. Die
Genossenschaft habe es seinerzeit den einzelnen Parteien überlassen, selber
beispielsweise mit Pflanzen für Abschrankungen zu sorgen. Die Gemeinde teilte der
Beschwerdeführerin mit, nach ihrer Kenntnis plane die Stockwerkeigentümergemeinschaft
die nachträgliche Montage von Geländern, wofür ein Baugesuch eingereicht werden
müsse. Am 24. Oktober 2014 reichte die Beschwerdeführerin bei der Gemeinde ein
Baugesuch für verzinkte Geländer bei den Häusern Nrn. 14 bis 28 und 32 ein. Unter der
Rubrik Bemerkungen hielt sie fest, bei Haus Nr. 36 erübrige sich ein Geländer, da der
untenliegende Sitzplatz mit bruchsicherem Glas überdacht sei. Bei den Häusern Nrn. 30
und 34 bestehe eine Hecke, die einen guten Schutz biete. Gegen das Bauvorhaben
erhoben Herr E._ sowie Herr und Frau O._, alle Eigentümer von
Stockwerkeinheiten, Einsprache.
2. Mit "Bauentscheid - Verfügung" vom 20. April 2015 erteilte die Gemeinde Twann-
Tüscherz die Baubewilligung für die Geländer bei den Häusern Nrn. 18, 20, 22, 24, 26, 28
sowie 32 und wies die Einsprachen ab. Als Auflagen / Nebenbestimmungen verfügte sie
unter dem Titel "Ausführungstermin" in Ziff. 4.3:
«Sämtliche Geländer sind fachgerecht bis am 30. Juli 2015 auszuführen und der
Baubewilligungsbehörde Twann-Tüscherz zur Abnahme zu melden. Bei einer allfälligen
Verzögerung behält sich die Bauverwaltung vor, im Rahmen eines Baupolizeiverfahrens die
Ersatzvornahme auf Kosten der Baugenossenschaft T._ anzuordnen.
Ergreift eine der Verfahrensparteien das Rechtsmittel, welches dazu führt, dass der
vorliegende Bauentscheid nicht in Rechtskraft erwachsen kann, so hat die
Baugenossenschaft T._ bis am 30. Juli 2015 provisorische fachtechnisch
einwandfreie Absturzsicherungen, z.B. aus Holz, montieren zu lassen.»
3. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 19. Mai 2015 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie stellt den Antrag, das
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Verfahren sei sogleich zu sistieren und die Rechnung zu stornieren. Aus der Beschwerde
ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die Aufhebung des angefochtenen Entscheides
vom 20. April 2015 beantragt.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Es gab den Einsprechern Kenntnis
der Beschwerde und Gelegenheit, sich zu ihrer allfälligen Parteistellung im vorliegenden
Verfahren zu äussern. Das Rechtsamt beteiligte die Stockwerkeigentümer der Parzellen
Nr. Z._ und Y._ von Amtes wegen am Verfahren und gab ihnen
Gelegenheit zur Stellungnahme. Mit Verfügung vom 28. Juli 2015 entzog das Rechtsamt
der in Ziff. 4.3 des angefochtenen Entscheides angeordneten vorsorglichen Massnahme
die aufschiebende Wirkung und setzte dafür eine neue Frist an. Das Rechtsamt klärte die
Frage, bei welchen Hausnummern Geländer bewilligt seien. Die Gemeinde teilte mit,
korrekt seien die Hausnummern 14, 16, 18, 20, 22, 24, 26, 28 und 32. Die
Verfahrensbeteiligten erhielten Gelegenheit zur Stellungnahme.
Die Gemeinde beantragt mit Stellungnahme vom 17. Juni 2015, die Beschwerde sei
abzuweisen und der Bauentscheid zu bestätigen. Die Beschwerdeführerin hält mit
Schreiben vom 24. Juli 2015 an ihrer Beschwerde fest. Die übrigen Verfahrensbeteiligten
liessen sich nicht vernehmen.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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a) Bauentscheide und baupolizeiliche Verfügungen können nach Art. 40 und 49 BauG2
innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die
BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Die Beschwerde wurde form-
und fristgerecht eingereicht.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die
Beschwerdebefugnis setzt weiter voraus, dass die Partei durch die angefochtene
Verfügung bzw. den angefochtenen Entscheid besonders berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung hat (Art. 40 Abs. 5 BauG
i.V.m. Art. 65 VRPG3). Die Gemeinde hat das Baugesuch der Beschwerdeführerin bewilligt.
Die Beschwerdeführerin hat durch den für sie günstig ausgefallenen Bauentscheid keinen
Nachteil erlitten. Wenn sie der Meinung ist, die Gemeinde habe sie zu Unrecht
aufgefordert, ein Baugesuch einzureichen, hätte sie diese Frage zum Streitgegenstand des
vorinstanzlichen Verfahrens machen müssen. Indem sie ein Baugesuch einreichte, über
das die Vorinstanz entschied, erübrigte sich die Klärung dieser Frage. Dies kann nicht zum
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens gemacht werden. Insoweit ist nicht auf die
Beschwerde einzutreten. Eine Baubewilligung stellt eine Erlaubnis zur Bauausführung dar,
sie verpflichtet aber nicht dazu. Durch die Anordnung der Gemeinde, dass die bewilligten
Geländer bis zum 30. Juli 2015 ausgeführt werden müssen und die gleichzeitige
Androhung der Ersatzvornahme hat die Beschwerdeführerin aber nicht mehr die Wahl, die
Baubewilligung verfallen zu lassen, sondern wird zur Bauausführung verpflichtet. In der
Sache handelt es sich nicht um eine Auflage zur Baubewilligung, sondern um eine
baupolizeiliche Anordnung. Die Beschwerdeführerin ist dadurch beschwert und zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die Beschwerde ist insoweit einzutreten.
2. Absturzsicherung
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei auf das Recht abzustellen, das im
Zeitpunkt der Baubewilligung für den Neubau der Wohnsiedlung (21. November 2006) in
Kraft gewesen sei. Die damals geltende SIA-Norm 358, Ausgabe 1996, habe bei den
Absturzsicherungen Ausnahmen vorgesehen. Auf den bewilligten Plänen von 2006 seien
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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auf den Mauern keine Geländer eingezeichnet. Die Architekten und die Bauherrschaft
seien deshalb von einer impliziten Ausnahme ausgegangen. Sie behalte sich vor, für ihre
Mitglieder noch entsprechende Ausnahmen zu beantragen.
b) Soweit das Bundesrecht nichts anderes bestimmt, sind Baugesuche nach dem Recht
zu beurteilen, das im Zeitpunkt der Einreichung des Baugesuchs gilt (Art. 36 BauG).
Bauten und Anlagen müssen so erstellt, betrieben und unterhalten werden, dass sie weder
Personen noch Sachen gefährden (Art. 21 BauG). Sie müssen nach den Regeln der
Baukunde ausgeführt werden (vgl. Art. 57 BauV4), wofür die Bauherrschaft und
Werkeigentümer verantwortlich sind. Die Sicherheitsanforderungen gelten nicht nur für die
Bauphase, sondern für die gesamte Lebensdauer der Bauten und Anlagen. Auch
baubewilligungsfreie Bauten und Anlagen müssen diesen Anforderungen genügen (vgl.
Art. 1b Abs. 2 BauG). Für begehbare Flächen wie Treppen, Galerien, Balkone, Brüstungen
schreibt Art. 58 BauV Geländer oder andere geeignete Schutzvorrichtungen vor, wenn eine
Absturzgefahr für Personen besteht. Diese Rechtslage galt bereits im Jahr 2006, als die
Beschwerdeführerin das Baugesuch für die Terrassenhäuser einreichte, und ist seither
unverändert geblieben. In Bezug auf die Anforderung, dass Bauten sicher erstellt werden
müssen und bei Absturzgefahr geeignete Schutzvorrichtungen erforderlich sind, ist keine
Rechtsänderung eingetreten.
Was als Stand der Technik oder anerkannte Regeln der Baukunde gilt, ist naturgemäss
Änderungen unterworfen, die aufgrund der Entwicklungen unter Umständen in kurzen
Abständen erfolgen können. Die Baugesetzgebung konkretisiert die anerkannten Regeln
der Baukunde und Sicherheitsanforderungen deshalb nicht näher, sondern verweist in Art.
57 Abs. 2 BauV auf die Vorschriften und Richtlinien der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt SUVA. Ergänzend sind die einschlägigen Normen und
Empfehlungen der Fachverbände zu beachten, wozu auch die SIA-Normen gehören. Da
die SIA-Normen vom bernischen Gesetzgeber nicht als verbindlich erklärt wurden, kommt
ihnen kein Gesetzescharakter zu. Es wird aber angenommen, dass sie den anerkannten
Stand der Technik im betreffenden Zeitpunkt wiedergeben.5
4 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 21 N. 7; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 10 N. 25; Baumann et al, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Aargau, 2013, § 52 N. 1, 3, 17, 25
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c) Für die Geländer von Hochbauten verweist die SUVA in ihrer Broschüre auf die SIA-
Norm 358,6 ebenso die Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu.7 Nach der SIA-Norm 358
"Geländer und Brüstungen"8 beurteilen sich die Anforderungen an Geländer und
Brüstungen im Einzelfall aufgrund eines Gefährdungsbildes. Bei Wohnbauten ist das
Gefährdungsbild 1 "Fehlverhalten von unbeaufsichtigten Kindern" anwendbar. Dieses
schreibt ein mindestens 1 m hohes Schutzelement vor, wenn die Absturzhöhe mehr als 1
m beträgt (Ziff. 2.1.2 und 3.1.3). Bei Absturzhöhen bis 1,5 m kann der Schutz auch darin
bestehen, dass die Zugänglichkeit des Randes von begehbaren Flächen durch geeignete
Massnahmen wie Bepflanzung oder dergleichen erschwert wird (Ziff. 2.1.4). Diese heutige
Regelung ist identisch mit der SIA-Norm 358 in der Fassung von 1996,9 die im Zeitpunkt
des Baugesuchs für die Terrassenhäuser galt. In drei Ausnahmefällen konnte nach der
alten Fassung aber unter gewissen Voraussetzungen von den Normen abgewichen
werden, und zwar bei Wohnbauten, die der Eigentümer selbst nutzt, bei der Veränderung
von bestehenden Bauten oder wenn das Schutzziel nachweislich durch andere
Massnahmen erreicht wird (Ziff. 0 31). Solche Ausnahmen erforderten das ausdrückliche
Einverständnis des Werkeigentümers (Ziff. 0 32). Die Ausnahmebestimmung hat sich nicht
bewährt und zu risikoreichen Praktiken geführt, weshalb die beiden erstgenannten
Ausnahmen in der SIA-Norm 358 von 2010 nicht mehr enthalten sind.10 Die heute geltende
Norm spricht nur noch von Abweichungen, die unter der Voraussetzung zulässig sind, dass
das Schutzziel nachweislich durch andere Massnahmen erreicht wird. Aus heutiger Sicht
entsprach die SIA-Norm 358 in der Fassung von 1996 somit nicht in allen Teilen den
Sicherheitsanforderungen gemäss Art. 21 BauG und Art. 58 BauV.
d) Auf den bewilligten Projektplänen für die Terrassenhäuser sind bei den Gärten bzw.
seitlichen Terrassen keine Geländer eingezeichnet.11 Daraus kann aber nicht geschlossen
werden, dass die Baubewilligungsbehörde eine Ausnahme von Absturzsicherungen
gewähren wollte. Zum einen weisen die Pläne generell einen sehr geringen
Detaillierungsgrad auf. Die seitlichen Terrassen und Stützmauern sind nur rudimentär oder
6 Vgl. "Geländer − auf die Höhe kommt es an", abrufbar unter www.suva.ch 7 bfu, "Geländer und Brüstungen", Fachbroschüre, abrufbar unter www.bfu.ch 8 SIA 358:2010, "Geländer und Brüstungen", gültig ab 1. März 2010 9 SIA-Norm 358, Ausgabe 1996 10 Vgl. Zeitschrift Modulor 08 2010, S. 44 a.E., Vorakten Register 3 11 Vgl. Plan Umgebung, Gestaltung vom 20. Juli 2006; Plan Südfassade vom 20. Juli 2006; Plan Schnitte / Fassaden Ostzeile, vom 20. Juli 2006; Plan Fassade Süd / Ost- und Westzeile vom 17. Dezember 2008; Pläne Ostzeile Ostfassade bzw. Westzeile Westfassade vom 17. Dezember 2008
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andeutungsweise eingezeichnet, so dass den Plänen nur eine beschränkte Aussagekraft
zukommt. Zum anderen hat die Beschwerdeführerin nie einen Ausnahmegrund nach der
SIA-Norm 358, Ausgabe 1996, geltend gemacht, was sie selbst einräumt. Für einen
Verzicht auf Geländer hätten Zustimmungserklärungen von sämtlichen
Stockwerkeigentümern sowie der Nachweis beigebracht werden müssen, dass sie ihre
Wohnung selber bewohnen. Solche Erklärungen wurden nie zu den Akten gegeben.
Ausserdem ist zweifelhaft, dass die Voraussetzung des Selbstbewohnens immer und bei
allen Stockwerkeinheiten erfüllt war. So haben beispielsweise die Eigentümer der
Stockwerkeinheit Twann-Tüscherz Gbbl. Nr. Y._-0 ihre Wohnadresse in Ligerz.
Jede Ausnahme stellt ein Abweichen von Vorschriften dar und ist an bestimmte
Voraussetzungen geknüpft, welche die Baubewilligungsbehörde prüfen muss. Da gemäss
Art. 58 BauV Schutzmassnahmen erforderlich sind, weil vorliegend eine Absturzgefahr
besteht, hätte der Verzicht auf Geländer im Gesamtbauentscheid von 2006 genannt und
begründet werden müssen, was nicht geschehen ist. Aus den Akten ergibt sich auch kein
Hinweis, dass die Behörden eine solche Ausnahme erteilen wollten. Im Gegenteil steht bei
der materiellen Prüfung in der Rubrik "Schutzvorrichtungen" bei den Art. 57 und 58 BauV
der Vermerk "beachten".12 Anlässlich der Baukontrolle vom 22. Juli 2010 hat die Gemeinde
die fehlenden Geländer als Mangel gerügt. Unter diesen Umständen ist nicht davon
auszugehen, dass der Verzicht auf Geländer bewilligt ist.
e) Letztlich kann aber offen bleiben, welches der bewilligte Zustand ist, ob die
Aussenanlagen ohne Geländer bewilligt wurden oder ob eine mangelhafte Bauausführung
vorliegt. Geht von Bauten und Anlagen eine Gefahr für Personen aus, können die
notwendigen baupolizeilichen Massnahmen gestützt auf Art. 45 Abs. 2 BauG angeordnet
werden.13 Dabei kommen diejenigen Massnahmen zum Tragen, mit denen sich nach
heutiger Kenntnis der rechtmässige, d.h. sichere Zustand herstellen lässt. Für eine
bauliche Massnahme werden auch die Grundeigentümer in die Pflicht genommen, da sie
für die Zustandsstörung verantwortlich sind − auch wenn sie diese nicht verursacht haben
− und die Massnahme dulden müssen (vgl. Art. 46 Abs. 2 BauG).14
12 Vorakten der Gemeinde, Baugesuch 02-2006, Dossier 01/02, pag. 6c 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 21 N. 6; Art. 46 N. 8 14 BVR 2008 S. 261 E. 3.2 (mit Hinweis u.a. auf BGE 107 Ia 19 E. 2b) und E. 3.4.1; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 56 N. 31, 32 und 35
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f) Bei den Terrassenhäusern Nrn. 14 bis 28 und 32 betragen die Absturzhöhen zum
unteren Sitzplatz bzw. Garten je etwa 3 m. Die Gärten bzw. Terrassen werden heute nur
durch etwa 40 bis 60 cm hohe Natursteine begrenzt. Ein solches Mäuerchen ist für Kinder
attraktiv und kann selbst von kleinen Kindern ohne weiteres erklettert werden.15 Die
Blocksteine sind ungefähr 50 cm breit und bieten sich dadurch generell als Sitzgelegenheit
an, was ebenfalls zu gefährlichen Situationen führen kann (z.B. bei Schwindel,
Alkoholgenuss etc.). Aufgrund der fehlenden Absturzsicherung besteht somit ein akutes
Sicherheitsdefizit. Da die Absturzhöhe mehr als 1,5 m beträgt, genügt es auch nicht, die
Begehbarkeit z.B. durch Pflanzen zu erschweren. Demnach sind vorliegend 1 m hohe
Schutzvorrichtungen erforderlich. Nicht massgebend ist, ob die Gärten bzw. Terrassen für
Dritte zugänglich sind: Die Unfallgefahr besteht nicht nur für unbefugte Dritte. Eine
ausreichende Absturzsicherung ist für alle heutigen und zukünftigen Bewohner und
Bewohnerinnen jeden Alters und deren Besucher nötig, um sie vor den typischen Gefahren
zu schützen. Aufgrund der Absturzhöhen von 3 m ist die vorliegende Situation vergleichbar
mit einem Balkon im Obergeschoss eines Wohnhauses. Auch ein solcher Balkon ist für
Dritte grundsätzlich nicht zugänglich, muss aber dennoch über eine ausreichende
Absturzsicherung verfügen.
g) Zusammenfassend fehlt bei den Häusern Nr. 14 bis 28 und 32 eine ausreichende
Absturzsicherung im Sinne von Art. 21 BauG und Art. 58 BauV. Baupolizeilich besteht ein
unrechtmässiger Zustand. Die Wiederherstellungsmassnahme muss im öffentlichen
Interesse liegen, verhältnismässig sein und darf den Vertrauensgrundsatz nicht verletzen.16
Die Anordnung, dass die Geländer innert einer bestimmten Frist erstellt werden müssen,
liegt im zwingenden öffentlichen Interesse, da Personen gefährdet sind. Die Massnahme
ist erforderlich und geeignet, den rechtmässigen Zustand herzustellen. Die Kosten für die
Geländer sind zumutbar, zumal die Beschwerdeführerin die Art des Geländers selber
bestimmt hat. Die Massnahme ist daher auch verhältnismässig. Die Gemeinde bzw. das
Regierungsstatthalteramt haben keinen Anlass zur Annahme gegeben, dass auf Geländer
verzichtet werden könne. Ausserdem wären auch die weiteren Voraussetzungen des
Vertrauensschutzes – wie eine Vertrauensbetätigung, die nicht ohne Nachteil rückgängig
gemacht werden kann – nicht erfüllt. Die Sicherheit stellt ein zwingendes öffentliches
15 Vgl. Skizzen Baukontrolle vom 29. Juni 2010; Schreiben der Gemeinde an die bfu vom 5. Februar 2015, beides in Vorakten Nr. 27-2014, Register 2; Foto zur Baueingabe "Geländer auf Sitzplatzmauern" 16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 9; BVR 2013 S. 85 E. 5.1
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Interesse dar, das der Berufung auf Vertrauensschutz ebenfalls entgegensteht.17 Die
Gemeinde hat die Beschwerdeführerin somit zu Recht verpflichtet, die Geländer innert rund
zwei Monaten auszuführen. Der Ausführungstermin vom 30. Juli 2015 ist inzwischen
verstrichen und muss neu angesetzt werden. Vorliegend erscheint eine Frist bis am
30. November 2015 angemessen.
h) Im angefochtenen Entscheid sind die Häuser Nrn. 14 und 16 nicht als Standort des
Bauvorhabens genannt, und auf dem bewilligten Situationsplan ist bei den Geländern für
die Häuser Nrn. 32 und 26 der Vermerk "nicht bewilligt" angebracht. Im Verfahren vor der
BVE teilte die Gemeinde mit, dies sei aufgrund einer Fehlinterpretation des Plans
geschehen. Korrekt seien die Hausnummern 14, 16, 18, 20, 22, 24, 26, 28 und 32. Das im
Bauentscheid genannte Bauvorhaben ist somit von Amtes wegen mit den Hausnummern
14 und 16 zu ergänzen. Massgebend ist der Situationsplan vom 5. September 2011 / 24.
Oktober 2014, mit Stempel der Baukommission Twann-Tüscherz vom 20. April 2015, ohne
Unterschrift der Präsidentin, der von der BVE gestempelt wird.
i) Die Behörde ist verpflichtet, die ihr rechtzeitig und formrichtig vorgelegten
Beweismittel abzunehmen, wenn diese zur Abklärung des Sachverhalts tauglich
erscheinen (vgl. Art. 21 VRPG). Sie kann auf die Abnahme beantragter Beweismittel
verzichten, wenn sie in vorweggenommener (antizipierter) Beweiswürdigung annehmen
kann, dass ihre Überzeugung durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde.18
Die BVE konnte sich anhand der Pläne und Fotos in den Vorakten ein ausreichendes Bild
über den Sachverhalt verschaffen. Der beantragte Augenschein mit
Instruktionsverhandlung war als Beweismassnahme nicht erforderlich. Der Beweisantrag
wird abgewiesen.
3. Vorinstanzliche Kosten
Die Beschwerdeführerin beantragt die Stornierung der Verfahrenskosten, womit sie wohl
deren Aufhebung meint. Soweit die angefochtene Kostenverfügung die
Baubewilligungskosten betrifft, die die Beschwerdeführerin mit ihrem Baugesuch veranlasst
17 Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 22 N. 11-13 18 BGE 134 I 140 E. 5.3; BGE 136 I 229 E. 5.3; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 18 N. 8 ff.
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und als Baugesuchstellerin zu tragen hat (Art. 52 BewD), kann nicht auf die Beschwerde
eingetreten werden. Wie vorne in Erwägung 1 dargelegt, hätte die Beschwerdeführerin die
Notwendigkeit eines Baugesuchs im vorinstanzlichen Verfahren bestreiten müssen. Die
Beschwerdeführerin beanstandet die Höhe der Kosten nicht. Es ist auch nicht erkennbar,
dass die Gemeinde die Kosten rechtsfehlerhaft festgesetzt hat. Die Beschwerde erweist
sich somit als unbegründet und ist abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann.
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1 GebV19). Diese
wird festgesetzt auf Fr. 900.–. Davon entfallen Fr. 300.− auf die Zwischenverfügung vom
28. Juli 2015. Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei
denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die
besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1
VRPG). Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Die
geringfügige Korrektur des Bauentscheides und des Situationsplanes von Amtes wegen
rechtfertigt keine Ausscheidung von Verfahrenskosten. Die Beschwerdeführerin hat somit
die gesamten Kosten zu tragen.
b) Die Gemeinde hat keinen Anspruch auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 1 und 4
VRPG). Parteikosten werden keine gesprochen.