# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 5923f7f0-856e-5b84-bd9d-51a0bbdde926
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Mit Schreiben vom 14. Mai 2018 teilte die Gemeinde Schwarzenburg dem
Oberingenieurkreis II des Tiefbauamts (OIK II) mit, sie beabsichtige, die öffentliche
Sammelstelle für Siedlungsabfälle vom Standort F._ an der G._strasse in
die H._ an die I._strasse zu verlegen. Aufgrund der örtlichen
Gegebenheiten im Bereich der Ausfahrt in die Kantonsstrasse müsste eine
Temporeduktion angestrebt werden. Der OIK II erstellte daraufhin das nach dem
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Strassenverkehrsrecht des Bundes erforderliche Gutachten. Gestützt darauf erliess er am
8. Juli 2019 eine Verkehrsbeschränkungsverfügung mit folgendem Inhalt:
«Höchstgeschwindigkeit 60 km/h Kantonsstrasse Nr. 232.1 K._ (I._strasse, L._, H._), im Bereich der Sammelstelle H._ und der Postautohaltestelle H._. Grund der Massnahme: Die Zufahrt zur Sammelstelle H._ und die Postautohaltestelle liegen im oder unmittelbar nach dem Kurvenbereich. Die Sichtweiten sind eingeschränkt. Der Artikel 108 Absatz 2 Buchstabe a der Signalisationsverordnung SSV vom 5.9.1979 ist erfüllt.»
Der OIK I liess die Verfügung am 17. Juli 2019 im Amtsblatt des Kantons Bern und am
18. Juli 2019 im Anzeiger des betreffenden Amtsbezirkes publizieren.
2. Gegen diese Verfügung reichten sowohl die Beschwerdeführenden 1 und 2 als auch
der Beschwerdeführer 3 am 15. August 2019 praktisch gleich lautende Beschwerden bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen, die
Geschwindigkeitsbeschränkung sei bis nach der Ausfahrt I._strasse
weiterzuführen. Die Geschwindigkeit solle auf dieser Strecke auf 50 km/h beschränkt
werden. Zur Begründung machen sie geltend, die Sammelstelle H._ werde zu
erheblichem Mehrverkehr führen. Die Sichtweite sei sehr kurz. Bereits heute würden die
Anwohner unter starkem Lärm leiden. Da unmittelbar nach dieser Liegenschaft die
Beschränkung aufgehoben werde, sei damit zu rechnen, dass die Fahrzeuge in der
beginnenden Steigung stark beschleunigen würden, was mit erheblichen Lärmimmissionen
verbunden sein werde.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) leitet1, führte den Schriftenwechsel durch und
holte die Vorakten ein. Zudem ersuchte es den Beschwerdeführer 3, Informationen zur
Mitgliederzahl und zur Betroffenheit seiner Mitglieder einzureichen.
In seiner Stellungnahme vom 11. September 2019 führte der OIK II insbesondere aus, das
untersuchte Teilstück ab der Ortsendtafel Schwarzenburg bis nach der Abzweigung
H._ sei circa 500 m lang. Die Strassenbreite betrage zwischen 5.70 m und 6.50 m.
1 Art. 7 Abs. 1 Bst. b Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Es bestehe weder ein Trottoir noch eine Beleuchtung. In der Kurve nach dem
Entsorgungshof sei eine Postauto-Haltestelle eingerichtet, die unter der Woche täglich
achtmal bedient werde. In den letzten 10 Jahren habe sich ein polizeilich registrierter Unfall
beim Abbiegen ereignet. Die Strasse sei mit einem durchschnittlichen täglichen Verkehr
von 1'700 Fahrzeugen schwach belastet. Er erachte eine Reduktion der
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf 60 km/h im Bereich der Sammelstelle als
gerechtfertigt. Der Abschnitt bis zum Ortseingang Schwarzenburg sei übersichtlich. Hier
bestehe kein Grund für eine Geschwindigkeitsreduktion. Hingegen könne er sich vorstellen,
die abweichende Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h in der anderen Richtung bis nach der
Liegenschaft I._strasse zu verlängern.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit, Form und Frist
a) Angefochten ist eine Verkehrsbeschränkungsverfügung des Tiefbauamts. Die BVE ist
daher zur Behandlung der Beschwerde zuständig (Art. 92 SG2 in Verbindung mit Art. 62
Abs. 1 Bst. a VRPG3).
b) Die Beschwerden sind innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 67 VRPG).
Sie enthalten einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG).
2. Beschwerdelegitimation
a) Laut Art. 65 Abs. 1 VRPG ist zur Verwaltungsbeschwerde legitimiert, wer vor der Vor-
instanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teilnahme erhalten hat,
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse
an der Aufhebung oder Änderung der Verfügung hat. Diese Anforderungen sollen die
Popularbeschwerde ausschliessen. Nicht zur Beschwerde befugt ist, wer keine eigenen,
2 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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sondern nur allgemeine oder öffentliche Interessen geltend machen kann.4 Ferner ist jede
andere Person, Organisation oder Behörde zur Beschwerde befugt, die durch Gesetz oder
Dekret dazu ermächtigt ist (Art. 65 Abs. 2 VRPG). Auf dem Gebiet der
Verkehrsbeschränkungen ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung das
schutzwürdige Interesse von Verkehrsteilnehmenden betroffen, wenn sie die mit der
Beschränkung belegte Strasse regelmässig benützen müssen. Dies ist insbesondere bei
Anwohnerinnen und Anwohnern oder Pendlerinnen und Pendlern der Fall, die auf das
Befahren der Strasse angewiesen sind. Demgegenüber genügt das bloss gelegentliche
Befahren der Strasse nicht.5 Die geforderte Regelmässigkeit ist gegeben, wenn die
betreffende Person die Fahrten über eine längere Zeitspanne und in gleichmässigen, eher
kurzen zeitlichen Abständen durchführt.6 Bei Personen, die in unmittelbarer Nähe der von
der Verkehrsbeschränkung betroffenen Strasse wohnhaft oder gewerblich tätig sind, wird
vermutet, dass sie diese Strasse mit einer gewissen Regelmässigkeit befahren und
deshalb grundsätzlich zur Beschwerde befugt sind.7 Die Rechtsmittelbehörde hat von
Amtes wegen zu prüfen, ob die Beschwerdebefugnis gegeben ist. Die besondere,
beachtenswerte Beziehungsnähe ist aber grundsätzlich von den Beschwerdeführenden
selbst darzulegen und nachzuweisen.8
b) Die Beschwerdeführenden 1 und 2 wohnen innerhalb des von der Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit betroffenen Strassenstücks. Als Anwohner bzw. Anwohnerin sind
sie daher befugt, die Verkehrsbeschränkungsverfügung anzufechten.
c) Der Beschwerdeführer 3 ist ein Verein i. S. v. Art. 60 ff. ZGB9. Da das
Strassenverkehrsrecht des Bundes kein spezielles Verbandsbeschwerderecht gegen
Verkehrsanordnungen vorsieht, lässt sich die Beschwerdelegitimation nicht aus Art. 65
Abs. 2 VRPG ableiten. Nach der Rechtsprechung können partei- und prozessfähige
Verbände in eigenem Namen Beschwerde führen, wenn eine Verfügung die Mehrzahl oder
wenigstens eine grosse Anzahl der Verbandsmitglieder betrifft, diese selber Parteirechte
ausüben könnten und der Verband überdies nach seinen Statuten zur Wahrung der
4 Vgl. BGE 136 II 539 E. 1.1 5 Vgl. BGE 139 II 145, nicht publizierte E. 1.2 m. w. H; BGE 136 II 539 E. 1.1 m. w. H. 6 BGer 1A.73/2004 vom 6.7.2004, E. 2.1 f. 7 BVR 2009 S. 180 E. 2.4; VGE 2012/349 vom 14.1.2013, E. 1.2. 8 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N 1; Pra 2004 Nr. 157 E. 3 9 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 210)
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betroffenen Interessen seiner Mitglieder befugt ist (sog. egoistische
Verbandsbeschwerde).10 Allein der Umstand, dass alle Mitglieder des Beschwerdeführers 3
das fragliche Strassenstück als Zufahrt zur Sammelstelle für Grünabfälle und zum
Entsorgungshof nutzen, stellt keine regelmässige Benutzung der Strasse dar und genügt
deshalb zur Bejahung der Beschwerdelegitimation nicht. Zudem lässt sich den Statuten
des Beschwerdeführers 3 nicht entnehmen, dass er zur Wahrung der Interessen seiner
Mitglieder im Bereich Verkehr zuständig wäre. Seine Rechtsmittelbefugnis ist deshalb zu
verneinen. Auf die Beschwerde des Beschwerdeführers 3 kann somit nicht eingetreten
werden. Ob seine Beschwerde rechtsgültig unterzeichnet ist, kann unter diesen
Umständen offenbleiben.
3. Streitgegenstand
a) Das Verfahren vor der BVE ist auf den Streitgegenstand beschränkt. Ausgangspunkt
für dessen Bestimmung bildet die angefochtene Verfügung, das sog. Anfechtungsobjekt.
Dieses gibt den Rahmen des Streitgegenstands vor. Das heisst, dass der Streitgegenstand
nicht über das hinausgehen kann, was die Vorinstanz geregelt hat. Innerhalb dieses
Rahmens bezeichnen die Parteien in ihren Rechtsmitteleingaben den Streitgegenstand
durch die Beschwerdeanträge und die Beschwerdebegründung. Es ist den Parteien daher
möglich, den Streitgegenstand einzuschränken. Sie können aber nicht darüber
hinausgehen.11
b) Die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge ausserhalb von Ortschaften
wurde vom Bundesrat auf 80 km/h festgelegt (Art. 4a Abs. 1 Bst b VRV12 i.V.m. Art. 32
Abs. 2 SVG13). Sie kann für bestimmte Strassenstrecken von der zuständigen Behörde
aufgrund eines Gutachtens herab- oder heraufgesetzt werden (Art. 32 Abs. 3 SVG). Die
Gründe, die eine Herabsetzung der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit erforderlich
10 BGE 136 II 539 E. 1.1; BVR 1997 S. 565 E. 3; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 79 N. 4 und Art. 65 N. 15; Christoph J. Rohner, Erlass und Anfechtung von lokalen Verkehrsanordnungen, Diss. Zürich 2012, S. 227 ff. 11 vgl. BVR 2011 S. 391 E. 2.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 f. 12 Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 (VRV; SR 741.11) 13 Strassenverkehrsgesetz des Bundes vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01)
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machen können, werden in Art. 108 Abs. 2 SSV14 abschliessend aufgezählt. Zulässig ist
die Anordnung von abweichenden Höchstgeschwindigkeiten nur, wenn das Gutachten
belegt, dass diese Massnahme nötig, zweck- und verhältnismässig ist und keine anderen
Massnahmen vorzuziehen sind (Art. 108 Abs. 4 SSV). Dabei ist die Höhe der
Geschwindigkeitsherabsetzung für die Beurteilung von Bedeutung. Für jede weitere
Herabsetzung müssen deshalb auch die Voraussetzungen von Art. 108 SSV erfüllt sein.15
c) Anfechtungsobjekt ist die Verkehrsbeschränkungsverfügung des OIK II, mit der die
geltende gesetzliche Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h im Bereich der Sammelstelle
H._ und der Postautostelle H._ auf 60 km/h herabgesetzt worden ist. Die
Beschwerdeführenden wenden sich nicht gegen die verfügte Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit. Das heisst, sie verlangen nicht, dass die Verfügung ganz oder
teilweise aufzuheben sei. Sie beantragen viel mehr, dass die Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit bis nach der Ausfahrt I._strasse weitergeführt und dass die
Geschwindigkeit auf dieser Strecke auf 50 km/h beschränkt werden soll. Sowohl für die
Verlängerung der Strecke als auch für eine weitergehende Herabsetzung der
Höchstgeschwindigkeit ist nach dem oben Ausgeführten ein neues Gutachten notwendig,
das belegt, dass diese Massnahmen den Vorgaben von Art. 108 SSV entsprechen. Mit
ihrem Antrag gehen die Beschwerdeführenden 1 und 2 somit über das hinaus, was der OIK
II geprüft und verfügt hat. Ihr Antrag liegt daher ausserhalb des Streitgegenstands, weshalb
auf die Beschwerde nicht eingetreten werden kann. Für die Prüfung der Anliegen der
Beschwerdeführenden ist der OIK II zuständig. Deshalb werden ihm die Eingaben zur
weiteren Behandlung weitergeleitet.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens werden die Beschwerdeführenden grundsätzlich
kostenpflichtig (vgl. Art. 108 Abs. 1 VRPG). Da sie sich inhaltlich aber nicht gegen die
Verkehrsmassnahme wenden, sondern einen Antrag auf weitergehende Massnahmen
stellen, für dessen Behandlung der OIK II als erste Instanz zuständig ist, rechtfertigt es
sich, den Beschwerdeführenden keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
14 Signalisationsverordnung des Bundesrats vom 5. September 1979 (SSV; SR 741.21) 15 BGer 1C_370/2011 vom 9. Dezember 2011 E. 2.4
RA Nr. 140/2019/13 Seite 7 von 8
b) Parteikosten sind keine zu sprechen (Art. 108 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 104
Abs. 1 und 3 VRPG).