# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 1cec0205-33dc-5547-bc2d-16ba69f9e968
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 20. Juni 2016 ein generelles Baugesuch ein für
eine neue Grundstückzufahrt ab der Hauptstrasse auf die Parzelle Orpund Grundbuchblatt
Nr. A._. Die Parzelle liegt teilweise in der Mischzone M2 und teilweise in der
Wohnzone W2. Mit Gesamtentscheid vom 10. August 2016 erteilte das
Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne die generelle Baubewilligung inklusive zwei
Ausnahmebewilligungen für das Unterschreiten des Strassenabstands und für die
Unterschreitung der Sichtweiten.
RA Nr. 110/2016/140 2
2. Mit Schreiben vom 29. August 2016 stellte das Tiefbauamt des Kantons Bern (TBA)
beim Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne einen Antrag auf Widerruf der Baubewilligung.
Daraufhin widerrief das Regierungsstatthalteramt den Gesamtentscheid vom 10. August
2016 mit Entscheid vom 1. September 2016. Aus der Begründung des Entscheids, wonach
keine weiteren verfahrensleitenden Massnahmen angeordnet würden, ergibt sich zudem,
dass das Regierungsstatthalteramt das Verfahren mit seinem Widerrufsentscheid
abschliessen wollte.
3. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 26. September 2016 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt, der
Widerruf der generellen Baubewilligung sei aufzuheben. Eventualiter sei die Sache zur
Fortsetzung des Baubewilligungsverfahrens an das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne
zurückzuweisen.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet (Art. 7 Abs. 1
Bst. b OrV BVE1), führte den Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Das TBA
beantragt in seiner Stellungnahme vom 26. Oktober 2016 sinngemäss die Abweisung der
Beschwerde im Hautpantrag auf Aufhebung des Widerrufs. Dem Eventualantrag auf
Rückweisung an die Vorinstanz stimmt das TBA unter Vorbehalt zu. Das
Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne beantragt in seiner Stellungnahme vom 25. Oktober
2016 die Abweisung der Beschwerde.
5. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2016/140 3

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Angefochten ist eine mit "Wiedererwägung" betitelte Verfügung, mit welcher das
Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne seine Baubewilligung vom 10. August 2016
widerrufen hat. Dieser Widerruf vom 1. September 2016 erfolgte innerhalb der
Rechtsmittelfrist von 30 Tagen. Damit handelt es sich um die Rücknahme einer nicht
angefochtenen Verfügung vor Eintritt der Rechtskraft.2 Eine solche Rücknahme ist analog
zu Art. 57 Abs. 2 VRPG3 und Art. 40 Abs. 3 BauG4 anfechtbar wie die ursprüngliche
Verfügung. Bauentscheide können nach Art. 40 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde gegen die angefochtene Rücknahme der Baubewilligung zuständig.5
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die
Beschwerdeführerin, deren Baubewilligung zurückgenommen wurde, ist durch die
Rücknahmeverfügung beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die
form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Rücknahme der Baubewilligung
a) Die Beschwerdeführerin ist der Meinung, die Rücknahme der Baubewilligung sei
nicht rechtens. Das Fehlen eines Amtsberichts des Strasseninspektorats Seeland könne
nicht zu einer Rücknahme der Baubewilligung führen, zumal sich das Strasseninspektorat
in seiner Stellungnahme positiv zum Anschluss an die Hauptstrasse geäussert habe.
Zudem sei die Rücknahme ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs erfolgt.
2 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 56 N. 3 f. und N. 26 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 5 Vgl. auch Entscheid der BVE RA Nr. 110/13/337 vom 25. Februar 2014, E. 2.d
RA Nr. 110/2016/140 4
b) Die Rücknahme einer nicht angefochtenen Verfügung vor Eintritt der Rechtskraft ist
zulässig, wenn die Behörde Anlass zu einer Korrektur hat und nicht bereits Gesichtspunkte
des Vertrauensschutzes oder der Rechtssicherheit überwiegen. Daher ist grundsätzlich
eine Interessenabwägung anzustellen. Sofern die Adressatin aber nicht bereits in guten
Treuen Dispositionen getroffen hat, die nur mit Verlust oder erheblichen Umtrieben
rückgängig zu machen sind, erlauben schon verhältnismässig geringfügige Fehler die
Rücknahme einer Verfügung. Einen Grund zur Rücknahme können z.B. Verfahrensfehler
sein.6
c) Im vorliegenden Fall spricht weder der Vertrauensschutz noch die Rechtssicherheit
gegen die Rücknahme der Baubewilligung. Insbesondere ist nicht erkennbar, inwiefern die
Beschwerdeführerin bereits in guten Treuen Dispositionen getroffen hätte, die nur mit
Verlust oder erheblichen Umtrieben rückgängig zu machen wären. Auch die
Beschwerdeführerin macht diesbezüglich nichts geltend. Somit ist die Rücknahme dann
zulässig, wenn die Vorinstanz Anlass zu diesem Schritt gehabt hat.
d) Das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne hat die Rücknahme damit begründet, dass
das TBA als zuständige Strassenaufsichtsbehörde die Ausnahmebewilligung nach Art. 81
SG7 nicht erteilt habe. Von der Beschwerdeführerin wurde jedoch kein Ausnahmegesuch
für das Unterschreiten des Strassenabstands gemäss Art. 81 SG gestellt und es ist auch
nicht erkennbar, wofür das generelle Baugesuch der Beschwerdeführerin eine solche
Ausnahmebewilligung benötigen würde. Eine Grundstückzufahrt liegt zwangsläufig im
Strassenabstand und bedarf keiner Ausnahmebewilligung. Aufgrund des vom
Regierungsstatthalteramt geltend gemachten Grunds bestand somit kein Anlass für die
Rücknahme der Baubewilligung.
e) Allerdings bedürfen Zugänge, Zufahrten, Weganschlüsse und Einmündungen aller
Art auf öffentliche Strassen, ihre Erweiterung und gesteigerte Benutzung der Bewilligung
des zuständigen Gemeinwesens (Art. 85 Abs. 1 SG). Das generelle Baugesuch der
Beschwerdeführerin hat eine neue Grundstückzufahrt ab der Hauptstrasse zum
Gegenstand. Bei dieser Strasse handelt es sich um eine Kantonsstrasse. Somit bedarf das
generelle Baugesuch der Bewilligung durch den Kanton, wobei dafür gemäss Art. 12
Abs. 1 Bst. a OrV BVE das TBA zuständig ist.
6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 56 N. 26 7 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
RA Nr. 110/2016/140 5
Das TBA, Strasseninspektorat Seeland, hat zwar mit Schreiben vom 15. Juli 2016 zum
generellen Baugesuch der Beschwerdeführerin Stellung genommen. Es hat aber einleitend
festgehalten, dass es aufgrund der eingereichten Unterlagen keine Beurteilung vornehmen
könne. Es könne nur bestätigen, dass die nachgesuchte Hauszufahrt an die
Kantonsstrasse in Aussicht gestellt werden könne, sofern die weiteren Normen eingehalten
würden. Das TBA hat somit die notwendige Bewilligung für den Strassenanschluss an die
Hauptstrasse nicht erteilt. Darauf hat das TBA in seinem Antrag auf Widerruf der
Baubewilligung vom 29. August 2016 explizit hingewiesen.
Somit bestand für das Regierungsstatthalteramt hinreichend Anlass für die Rücknahme
seiner generellen Baubewilligung, wenn auch nicht aus dem von ihm geltend gemachten
Grund. Insoweit ist die Beschwerde unbegründet und abzuweisen. Die Rücknahme der
generellen Baubewilligung wird bestätigt.
f) Ob die Vorinstanz dadurch, dass sie die Beschwerdeführerin vor der Rücknahme der
Baubewilligung nicht angehört hat, deren rechtliches Gehör verletzt hat, kann offen bleiben.
Eine allfällige Verletzung des rechtlichen Gehörs konnte im Beschwerdeverfahren geheilt
werden. Zudem hat eine allfällige Gehörsverletzung auch im Kostenpunkt keine
Auswirkungen.
3. Generelles Baugesuch
a) Die Beschwerdeführerin rügt, das Regierungsstatthalteramt habe das Verfahren nach
der Rücknahme der Baubewilligung nicht weitergeführt. Sie habe aber Anspruch auf eine
materielle Behandlung ihres generellen Baugesuchs.
b) Bei grösseren Bauvorhaben oder bei unklarer Rechtslage kann ein Gesuch um die
Erteilung einer generellen Baubewilligung gestellt werden. Die generelle Baubewilligung
kann die vorgesehene Nutzung, die Erschliessung des Baugrundstücks, die Lage und die
äussere Gestaltung des Bauobjekts, dessen Einordnung in die Umgebung sowie ähnliche
Einzelfragen zum Gegenstand haben (Art. 32d Abs. 1 und 2 BauG). Gegenstand der
generellen Baubewilligung ist ein konkretes Bauvorhaben. Zur Beurteilung reiner
RA Nr. 110/2016/140 6
Rechtsfragen, die nicht ein bestimmtes Bauprojekt betreffen, steht sie nicht zur Verfügung.8
So kann beispielsweise die Frage, ob auf einer bestimmten Liegenschaft eine Attika
möglich ist, ohne konkretes Projekt für eine Attika nicht zum Gegenstand eines generellen
Baubewilligungsverfahrens gemacht werden.9
c) Vorliegend hat die Beschwerdeführerin ein generelles Baugesuch für eine neue
Grundstückzufahrt ab der Hauptstrasse auf der Parzelle Orpund Grundbuchblatt
Nr. A._ eingereicht. Ein konkretes Bauvorhaben für die Grundstückzufahrt besteht
jedoch nicht. Die Beschwerdeführerin möchte lediglich die Frage geklärt haben, ob eine
Grundstückzufahrt ab der Hauptstrasse trotz eingeschränkten Sichtweiten bewilligt werden
kann. Bekannt ist dabei lediglich die Lage der Ausfahrt auf die Kantonsstrasse. Dies ist
eine reine Rechtsfrage ohne Bezug zu einem bestimmten Bauprojekt. Dafür steht die
generelle Baubewilligung nicht zur Verfügung. Auf das generelle Baugesuch vom 20. Juni
2016 kann daher nicht eingetreten werden. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin
hat sie somit keinen Anspruch auf materielle Behandlung ihres Baugesuchs. Auch insoweit
ist ihre Beschwerde unbegründet und abzuweisen.
d) Das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne hat im angefochtenen
Rücknahmeentscheid zwar ausgeführt, es würden keine weiteren verfahrensleitenden
Massnahmen angeordnet. Es hat es jedoch unterlassen, das bei ihm hängige generelle
Baubewilligungsverfahren mit einem Nichteintretensentscheid förmlich abzuschliessen.
Daher wird der angefochtene Entscheid von Amtes wegen entsprechend ergänzt.
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis Fr. 4'000.-- je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1
i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV10). In Anwendung dieser Bestimmungen wird die Pauschale auf
Fr. 600.-- festgelegt.
8 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32-32d N. 6 9 BVR 1995 S. 62 E. 2 10 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
RA Nr. 110/2016/140 7
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Das
Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne hat mit der Erteilung der Baubewilligung trotz
fehlender Strassenanschlussbewilligung durch das TBA die Rücknahme der
Baubewilligung erst nötig gemacht. Dabei wäre die Rücknahme gestützt auf die
Begründung des Regierungsstatthalteramts nicht zulässig gewesen. Zudem hat es das
Regierungsstatthalteramt unterlassen, das bei ihm hängige generelle
Baubewilligungsverfahren förmlich abzuschliessen. Unter diesen Umständen sind die
Verfahrenskosten nicht der unterliegenden Beschwerdeführerin zu auferlegen. Da die
Verfahrenskosten nicht dem Regierungsstatthalteramt auferlegt werden können (Art. 108
Abs. 2 VRPG), trägt sie der Kanton.
b) Im vorliegenden Beschwerdeverfahren sind keine Parteikosten im Sinne des
Gesetzes entstanden (Art. 104 Abs. 1 und 2 VRPG). Daher sind keine solchen zu
sprechen.