# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 573a1da5-75a5-4b9d-a23e-d78acacb5aca
**Court:** SG_VGN
**Chamber:** SG_VGN_001
**Year:** 2010
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y., von Beruf Taxifahrer, besitzt seit 1972 den Führerausweis der Kategorie B.
Gemäss ADMAS-Register wurden gegen ihn bisher sechs Massnahmen angeordnet.
Dabei wurde er zwischen 1995 und 1998 dreimal wegen Überschreitens der zulässigen
Geschwindigkeit sanktioniert, im letzen Fall mit einem zweimonatigen
Führerausweisentzug. Da er am 15. August 1998 trotz Führerausweisentzugs einen
Personenwagen lenkte, wurde ihm der Führerausweis für die Dauer von 6 Monaten
entzogen. Am 2. Dezember 2004 wurde er erneut wegen Überschreitens der
Höchstgeschwindigkeit verwarnt. Letztmals wurde ihm am 15. März 2006 wegen eines
Sekundenschlafs mit Verkehrsunfall und überhöhter Geschwindigkeit der
Führerausweis für drei Monate entzogen.
B./ Am Donnerstag, 5. Juni 2008, lenkte X.Y. um 18.13 Uhr das Taxi . . in St. Gallen auf
der Langgasse stadteinwärts. Als er nach links in die Heimatstrasse abbog, kollidierte
er mit einem auf der Langgasse stadtauswärts fahrenden Personenwagen. Daraus
entstand ein Sachschaden in der Höhe von ca. Fr. 1900.--, wobei niemand verletzt
wurde.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
X.Y. wurde mit Verfügung des Untersuchungsamts St. Gallen vom 14. Juli 2008 wegen
grober Verletzung der Verkehrsregeln und mehrfacher Übertretung der
Chauffeurverordnung zu einer bedingten Geldstrafe von sechs Tagessätzen zu je Fr.
90.-- und einer Busse von Fr. 800.-- verurteilt. Die Verfügung ist in Rechtskraft
erwachsen.
Mit Verfügung vom 2. Juni 2009 entzog das Strassenverkehrsamt X.Y. den
Führerausweis wegen Verursachens eines Verkehrsunfalles durch Nichtgewähren des
Vortritts beim Linksabbiegen für zwölf Monate.
C./ X.Y. erhob mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 16. Juni und 13. Juli 2009
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Rechtsbegehren, die Verfügung
des Strassenverkehrsamts vom 2. Juni 2009 sei aufzuheben und der Führerausweis sei
für vier Monate zu entziehen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Mit Entscheid vom 26. November 2009 wies die Verwaltungsrekurskommission den
Rekurs ab.
D./ Mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 21. Dezember 2009 und 9. Februar 2010
erhob X.Y. Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Begehren, der Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission vom 26. November 2009 sei vollumfänglich aufzuheben
und der Führerausweis sei für die Dauer von vier Monaten zu entziehen; alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung führte X.Y. im Wesentlichen an, er
habe im Rahmen des besagten Vorfalles vom 5. Juni 2008 weder eine wichtige
Verkehrsvorschrift in objektiv schwerwiegender Weise missachtet noch eine ernste
Gefahr verursacht, und letztlich sei ihm in subjektiver Hinsicht kein schweres
Verschulden vorzuwerfen. Insofern liege keine schwere, sondern nur eine mittelschwere
Widerhandlung im Sinne von Art. 16b Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR
741.01, abgekürzt SVG) vor. Indem die Massnahmenschärfung gemäss
Kaskadensystem bzw. die in Art. 16b Abs. 2 lit. b SVG vorgesehene
Mindestentzugsdauer dem getrübten automobilistischen Leumund schon Rechnung
trage und ein beruflicher Bedarf des Führerausweises bestehe, sei ein Entzug von 4
Monaten angemessen. Auf die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers wird,

## Considerations

soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Vernehmlassung vom 12. Februar 2010 beantragt die Vorinstanz die Abweisung der
Beschwerde und verweist im Wesentlichen auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids. Das Strassenverkehrsamt hat auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (BGE 1C_346/2009
vom 6. November 2009). Der Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels
legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die Beschwerdeeingaben vom
21. Dezember 2009 und 9. Februar 2010 entsprechen zeitlich, formal und inhaltlich den
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Vorliegend ist streitig, ob der Beschwerdeführer durch das Nichtgewähren des
Vortritts beim Linksabbiegen eine mittelschwere Widerhandlung im Sinne von Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG oder eine schwere Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG
begangen hat. Der Entscheid über die Schwere einer Verkehrsgefährdung ist eine
Frage der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts.
2.1. Gemäss Art. 36 Abs. 3 SVG ist vor dem Abbiegen nach links den
entgegenkommenden Fahrzeugen der Vortritt zu lassen. Wer zur Gewährung des
Vortritts verpflichtet ist, darf den Vortrittsberechtigten in seiner Fahrt nicht behindern
(Art. 14 Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt VRV).
Nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03)ausgeschlossen ist, wird der
Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen (Art. 16 Abs. 2 SVG).
Bei der Festsetzung der Dauer des Führerausweisentzugs sind die Umstände des
Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das
Verschulden, der Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die berufliche
Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen. Die Mindestentzugsdauer darf jedoch
nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3 SVG). Die Bestimmung der Mindestdauer
des Führerausweisentzugs erfolgt primär anhand der Qualifikation der Verletzung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verkehrsregeln in leichte (bzw. besonders leichte), mittelschwere und schwere
Widerhandlungen. Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere
Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die
Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Eine
schwere Widerhandlung begeht, wer durch grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine
ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16c Abs.
1 lit. a SVG).
2.3. Die Annahme einer schweren Widerhandlung setzt kumulativ eine qualifizierte
objektive Gefährdung und ein qualifiziertes Verschulden voraus (BGer 1C_355/2009
vom 21. Dezember 2009 E. 2.2.). Für die Definition der qualifizierten objektiven
Gefährdung kann auf die Auslegung von Art. 90 SVG zurückgegriffen werden. Nach der
Rechtsprechung entspricht eine grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90
Ziff. 2 SVG einer schweren Widerhandlung nach Art. 16c SVG (BGer 6A.64/2006 vom
20. März 2007 E. 2. mit Hinweis auf BGE 132 II 238 E. 3.1 und 3.2; zum alten Recht
vgl. BGE 120 Ib 285).
Nach der Rechtsprechung ist die Verwaltungsbehörde bei der rechtlichen Würdigung
des Sachverhalts grundsätzlich nicht an das Urteil des Strafrichters gebunden. Anders
verhält es sich, wenn die rechtliche Würdigung sehr stark von der Würdigung von
Tatsachen abhängt, die der Strafrichter besser kennt als die Verwaltungsbehörde. Dies
kann etwa der Fall sein, wenn er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat
(BGE 124 II 106 E. 1c/bb; BGer 1C_222/2008 vom 18. November 2008, mit Hinweisen).
2.3.1. Der qualifizierte Tatbestand der groben Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne
von Art. 90 Ziff. 2 SVG ist objektiv erfüllt, wenn der Täter eine wichtige
Verkehrsvorschrift in objektiv schwerer Weise missachtet und die Verkehrssicherheit
ernstlich gefährdet. Eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer ist nicht erst bei
einer konkreten, sondern bereits bei einer erhöhten abstrakten Gefährdung gegeben.
Ob eine konkrete, eine erhöhte abstrakte oder nur eine abstrakte Gefahr geschaffen
wird, hängt von der Situation ab, in welcher die Verkehrsregelverletzung begangen wird
(BGE 130 IV 32 E. 5.1 mit Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine konkrete Gefahr ist anzunehmen, wenn für einen bestimmten tatsächlich
daherkommenden Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer
Körperverletzung bestand. Davon ist insbesondere dann auszugehen, wenn infolge der
Verkehrsregelverletzung ein weiterer Verkehrsteilnehmer brüsk bremsen oder
ausweichen musste, um nicht angefahren zu werden. Eine konkrete Gefahr ist sodann
regelmässig anzunehmen, wenn es infolge der Verkehrsregelverletzung zu einem Unfall
– wenn auch ohne Verletzte - gekommen ist. Eine konkrete Gefahr ist in diesen Fällen
regelmässig nur dann zu verneinen, wenn die geringe Geschwindigkeit eine Verletzung
vernünftigerweise ausschliesst, wie beispielsweise bei einer Verkehrsregelverletzung im
Rahmen eines Parkmanövers.
Die abstrakte Gefährdung ist die theoretische Gefahr, die sich daraus ergibt, dass die
konkrete Verkehrsregelverletzung nach der allgemeinen Lebenserfahrung zu einer
Einwirkung in die physische Integrität einer Person führen kann. Dass es zu keiner
konkreten Gefahr kommt, hängt letztlich vom Zufall ab (vgl. J. Boll, Grobe
Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12; C. Mizel, Die Grundtatbestände der neuen
Warnungsentzüge des SVG und ihre Beziehung zum Strafrecht, in: ZStrR 2006, S. 45;
Y. Jeanneret, Les dispositions pénales de la loi sur la circulation routière, Bern 2007, N.
26 zu Art. 90 SVG). Wesentliches Kriterium für die Annahme einer erhöhten abstrakten
Gefahr ist die Nähe der Verwirklichung. Die allgemeine Möglichkeit der Verwirklichung
einer Gefahr genügt demnach nur zur Erfüllung des Tatbestands von Art. 90 Ziff. 2
SVG, wenn in Anbetracht der Umstände der Eintritt einer konkreten Gefährdung oder
gar einer Verletzung nahe liegt (BGE 123 IV 88 E. 3a; BGE 118 IV 285 E. 3a).
Hinzuweisen ist, dass als geschütztes Rechtsgut die körperliche Integrität zu verstehen
ist. Nur darauf kann sich somit die allfällige konkrete oder abstrakte Gefährdung
beziehen (Mizel, a.a.O., S. 37 mit weiteren Hinweisen).
2.3.2. Subjektiv wird unter dem qualifizierten Verschulden (Eventual-)Vorsatz oder
grobe Fahrlässigkeit subsumiert (Mizel, a.a.O., S. 54; für das Genügen der groben
Fahrlässigkeit vgl. BGer 1C_355/2009 vom 21. Dezember 2009 E. 5.3.).
2.4. Die mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen
Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leichten Widerhandlung nach Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG und nicht alle qualifizierenden
Elemente einer schweren Widerhandlung nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG gegeben sind
(BGer 6A.16/2006 vom 6. April 2006 E. 2.1.1.; Botschaft vom 31. März 1999 zur
Änderung des Strassenverkehrsgesetzes, BBl 1999, S. 4487). Ist die Gefährdung
gering, aber das Verschulden hoch, oder umgekehrt die Gefährdung hoch und das
Verschulden gering, liegt eine mittelschwere Widerhandlung vor (BGer 1C_355/2009
vom 21. Dezember 2009 E. 2.2; BBl 1999, S. 4489; Mizel, a.a.O., S. 31 ff.,
insbesondere S. 63 f.).
2.5. Trotz des klaren Verweises des Bundesgerichts auf Art. 90 Ziff. 2 SVG betreffend
die Qualifikation der schweren Widerhandlung bestehen gewisse Unklarheiten in der
Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Administrativmassnahmen. Tatsächlich
verlangt das Bundesgericht im Einklang mit der Lehre allgemein für die
Administrativmassnahmen – also nicht bloss für die schwere Widerhandlung - eine
konkrete oder jedenfalls erhöhte abstrakte Gefährdung anderer Personen; die abstrakte
Gefährdung als solche reicht nicht aus (BGer 6A.19/2006 vom 16. Mai 2006 E.2;
bestätigt in BGer 1C_3/2008 vom 18. Juli 2008 E. 5.2; Mizel, a.a.O., S. 38 mit weiteren
Hinweisen). Dies erfordert konsequenterweise eine weitere Abgrenzung innerhalb der
erhöhten ab-strakten Gefährdung im Sinne der leichten (bzw. besonders leichten),
mittleren und schweren erhöhten abstrakten Gefährdung. Von welchen
Gesichtspunkten sich das Gericht dabei leiten zu lassen hat, ist nicht eindeutig. In
Frage kommt eine weitere Abgrenzung nach der Wahrscheinlichkeit (bzw. der Nähe)
der Verwirklichung der Gefährdung. Weiter kann auf die Intensität der
Verkehrsregelverletzung (beispielsweise um wieviel die Höchstgeschwindigkeit
überschritten wurde) bzw. auf die Intensität der Gefährdung von Rechtsgütern (bestand
die Gefahr einer leichten oder schweren Körperverletzung oder sogar eine
Todesgefahr) abgestellt werden. In Bezug auf die erhöhte abstrakte Gefahr im Rahmen
von Art. 90 Ziff. 2 SVG hat das Bundesgericht festgehalten, es sei bloss auf die Nähe
der Gefährdung abzustellen, nicht auf die verletzte Verkehrsregel; in der konkreten
Abwägung wurde jedoch regelmässig auch auf die Intensität abgestellt (vgl. zum
Ganzen Mizel, a.a.O., S. 38 ff.; und insbesondere 44; Bussy/Rusconi, Code Suisse de
la circulation routière, N 4.5 zu Art. 90 SVG; Jeanneret, a.a.O., N 29 zu Art. 90 SVG; R.
Schaffhauser, Die neuen Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in:
R. Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
180 ff.). Mit dieser Problematik korreliert letztlich auch die Frage, ob im Falle einer
konkreten Gefährdung, soweit der subjektive Tatbestand erfüllt ist, immer von einer
schweren Widerhandlung auszugehen ist. Erfolgt die oben genannte Abgrenzung
innerhalb der abstrakten erhöhten Gefährdung einzig nach der Wahrscheinlichkeit der
Gefährdung, so muss eine konkrete Gefährdung - unter Vorbehalt der Erfüllung des
subjektiven Elements - immer zu einer schweren Widerhandlung führen. Die konkrete
Gefährdung liegt hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit der Gefährdung per definitionem
über der schweren erhöhten abstrakten Gefährdung (vgl. dazu Mizel, a.a.O., S. 62).
2.6. Entsprechend den Ausführungen der Vorinstanz ist das Gericht nicht an die
Würdigung der Strafbehörde gebunden. Die Bussenverfügung erging nur gestützt auf
den Polizeirapport vom 5. Juni 2008 bzw. den beigefügten Protokollen und letztlich
auch ohne Begründung für die Qualifikation als grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne
von Art. 90 Ziff. 2 SVG.
2.7. Vorliegend ist es durch die Verletzung der Vortrittsregel gemäss Art. 36 Abs. 3 SVG
in Verbindung mit Art. 14 VRV trotz Bremsmanövers zu einer Kollision gekommen. Im
Sinne der obigen Ausführungen hat sich demzufolge eine konkrete Gefährdung der
physischen Integrität eines Verkehrsteilnehmers realisiert. Es handelte sich auch nicht
um einen Unfall bei bloss geringer Geschwindigkeit, waren doch beide
Verkehrsteilnehmer nach eigenen unbestrittenen Angaben mindestens mit 45 bzw. 50
km/h unterwegs. Dass letztlich aufgrund des Bremsmanövers des gefährdeten
Verkehrsteilnehmers nur eine leichte Kollision entstanden ist, ändert nichts daran, dass
sich durch die Verkehrsregelverletzung ein konkretes Verletzungsrisiko für eine
bestimmte Person realisiert hat. Insofern ist objektiv von einer konkreten Gefährdung
auszugehen (vgl. auch BGE 135 II 143 für den Fall eines Auffahrunfalls mit bloss
geringem Sachschaden). Eine Ausnahme einer konkreten Gefährdung aufgrund
geringer Geschwindigkeit liegt nicht vor. Der Beschwerdeführer ist nach links
abgebogen, wobei er nach eigenen Angaben die Geschwindigkeit nicht wesentlich
reduziert hat. Dadurch bewegten sich die beiden Autos frontal aufeinander zu und
kollidierten im Bereich der rechten vorderen bzw. der rechten hinteren Fahrzeugecke.
Gemäss Polizeirapport handelte es sich um eine seitlich/frontale Kollision. Die
Gefährdung des Kollisionsgegners ist unter diesen Umständen als schwerwiegend zu
qualifizieren.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.8. In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer - entgegen den
Feststellungen der Vorinstanz - nicht behauptete, es sei ihm bewusst gewesen, dass er
die Weiterfahrt des entgegenkommenden Fahrzeugs behindern würde. Vielmehr
behauptete er noch am Tag des Unfalls im Rahmen der Befragung durch die Polizei,
dass er das entgegenkommende Fahrzeug gesehen und die Situation so eingeschätzt
habe, dass er ohne Probleme abbiegen könne. Dies wiederholte er anlässlich der
Einvernahme beim Untersuchungsamt vom 20. Januar 2009.
Der Beschwerdeführer ist vor dem entgegenkommenden vortrittsberechtigten
Fahrzeug abgebogen, obwohl dieses nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte. Er
äusserte sich zudem widersprüchlich, indem er einerseits festhielt, er habe, als er
abgebogen sei, die Situation so eingeschätzt, dass er ohne Probleme abbiegen könne.
Doch führte er auch aus, es hätte gereicht, wenn der andere Lenker gebremst hätte
bzw. der andere Lenker hätte den Unfall durch Bremsen verhindern können. Der
Beschwerdeführer bog also mit kaum verminderter Geschwindigkeit vor dem
vortrittsberechtigten Fahrzeug ab und vertraute darauf, dass dessen Lenker bremsen
würde. Darin ist ein gravierendes Fehlverhalten und eine erhebliche Rücksichtslosigkeit
zu erblicken. Wer anderen Fahrzeugen den Weg abschneidet und darauf vertraut, der
andere Lenker werde bremsen, der nimmt letztlich eine Frontalkollision in Kauf. Der
entgegenkommende vortrittsberechtigte Lenker muss ja nicht damit rechnen, dass ihm
ein vortrittsbelasteter Linksabbieger den Weg abschneidet. Der Beschwerdeführer
verletzte somit vorsätzlich eine elementare Verkehrsregel. Er hat nicht nur die
Geschwindigkeit oder die Distanz falsch eingeschätzt, sondern darauf vertraut, der
Entgegenkommende werde angesichts seiner eigenen riskanten und rücksichtslosen
Fahrweise bremsen und eine Kollision verhindern. Es ist der Vorinstanz bei dieser
Sachlage keine Rechtsverletzung vorzuwerfen, wenn sie das Verschulden des
Beschwerdeführers als schwerwiegend qualifiziert hat.
Damit steht fest, dass der Beschwerdeführer eine schwere Widerhandlung im Sinn von
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG begangen hat.
2.9. Dem Beschwerdeführer wurde am 15. März 2006 wegen einer schweren
Widerhandlung der Führerausweis entzogen. Die Massnahme endete am 7. April 2007.
Nach einer schweren Widerhandlung beträgt die Entzugsdauer mindestens zwölf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monate, wenn in den vorangegangenen fünf Jahren der Ausweis einmal wegen einer
schweren Widerhandlung oder zweimal wegen mittelschweren Widerhandlungen
entzogen war (Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG). Für die Berechnung der besagten Frist ist das
Ende der Massnahme massgebend (C. Mizel, Les nouvelles dispositions légales sur le
retrait du permis de conduire, RDAF 2004, S. 410 f.). Demzufolge ist vorliegend von
einer minimalen Entzugsdauer von zwölf Monaten auszugehen. Indem die gesetzliche
Mindestentzugsdauer angeordnet wurde, sind die zugunsten des Beschwerdeführers
sprechenden Umstände vollumfänglich und soweit möglich berücksichtigt worden. Die
Erhebung weiterer Beweise erübrigt sich damit. Die Beschwerde ist als unbegründet
abzuweisen.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zu Lasten des Beschwerdeführers (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Art. 13, Ziff. 622 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu
verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht