# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9eb458a8-4392-49ca-8d8e-786824bf50d5
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
Die
A._
AG mit Sitz in
B._
war seit dem 2
8.
Juni 1999 im Handelsregister des Kantons Schwyz eingetragen (vgl. Internet-Auszug Handels
register des Kantons Schwyz
)
. Sie war
vom
1.
Juli 1999 bis 3
1.
Januar 2015
der der Ausgleichskasse Schwyz als beitragspflichtige Arbeitgeberin angeschlossen
(
Urk.
3
4/17
). Mit der Verlegung des Sitzes de
r
Gesellschaft nach
C._
kam es ab 1. Februar 2015
zum Anschluss bei der
Sozialversicherungsanstalt des
Kantons Zürich, Ausgleichskasse
(vgl. Urk. 11/1-2, Urk. 14/7/1-2).
D._
und
X._
waren bis zur Löschung des jeweiligen Eintrages am 6. Juli und 3. September 2015 (Tagesregister-Datum) als Mitglieder des Ver
waltungs
rates der
A._
AG im Handelsregister eingetragen.
Y._
war ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates, welchen er bis zum 15. September 2015 als Präsident führte. Er war zudem Vorsitzender der Ge
schäftsleitung, zu welcher auch
D._
gehörte.
Z._
war bis 6. Juli 2015 (Tagesregister-Datum) als Mitglied der Geschäftsleitung im Handels
register eingetragen (Urk. 11/108/2-3, Urk. 14/7/108/2-3).
Mit Urteil vom 12. November 2015 eröffnete d
er Konkursrichter des Bezirks
ge
richts Dietikon den Konkurs über die
A._
AG (Urk. 11/108/2, Urk. 14/7/108/2).
1.2
In der Folge verpflichtete die Ausgleichskasse
Y._
mit Verfü
gung vom 27. Juni 2018 zu Schadenersatz für ihr entgangene Lohnbeiträge, Ver
zugszinsen, Verwaltungskosten und Gebühren in der Höhe von total
Fr. 95'048.7
5
(Urk. 11/108/4-5, Urk. 14/7/108/4-5). Mit Verfügung vom selben Tag
forderte sie
über
dies von
X._
Schadenersatz im Betrag von Fr. 46'147.70 (Urk. 11/108/7-9, Urk. 14/7/108/7-9).
D._
und
Z._
hatten ge
mäss den sie betreffenden Verfügungen jeweils Schadenersatz
in der Höhe von Fr. 4'393.60 zu leisten (Urk. 11/108/10-15, Urk. 14/7/108/10-15).
Bis zur Höhe des ihnen gegenüber verfügten Betrages wurden die Pflichtigen
je
weils als Solidarschuldner ins Recht gefasst (Urk. 11/108/4-15, Urk. 14/7/108/4-15).
Z._
erhob innert Frist keine Einsprache gegen die ihn betreffende Verfügung (vgl. Urk. 11/132, Urk. 14/7/132).
D._
und
X._
erhoben am 13. Juli 2018 Einsprache (Urk. 11/112, Urk. 14/7/112). Nach einer Überprüfung des Sachver
haltes hob die Ausgleichskasse die
D._
betreffende Schadenersatzver
fügung am 9. April
2019 auf (Urk. 11/134, Urk. 14/7/134). Mit
Einspracheentscheid
vom 9. April 2019 hiess die Ausgleichs
kasse sodann die Einsprache von
X._
vom 13. Juli 2018 (Urk. 11/112, Urk. 14/7/112) teil
weise gut und stellte fest, dass sie Scha
denersatz in der Höhe von Fr. 25'270.65 zu leisten habe (Urk. 2). Die Einsprache von
Y._
vom 20. August 2018 (Urk. 11/124, Urk. 14/7/124) wies die Aus
gleichskasse mit
Einspracheentscheid
vom 6. Juni 2019 ab (Urk. 2 i
m
Prozess Nr. AK.2019.00025).
2.
2.1
Gegen den sie betreffenden
Einspracheentscheid
vom 9. April
2019 erhob
X._
am 2. Mai 2019 Beschwerde und beantragte dessen Aufhebung (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 3. Juli 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde (Urk. 10, unter Beilage der Kas
senakten, Urk. 11/1-143), was der Beschwerdeführerin am 4. Juli 2019 zur Kennt
nis gebracht wurde (Urk. 12).
2.2
Mit Eingabe vom 8. Juli 2019 erhob
Y._
Beschwerde gegen den
Ein
spracheentscheid
vom 6. Juni 2019 und beantragte, die Ziffer 1 des Dis
positivs der Verfügung vom 27. Juni 2019 sowie der
Einspracheentscheid
vom 6. Juni 2019 seien, soweit sie den Beschwerdeführer betreffen, vollumfänglich aufzuheben (Urk. 1 S. 2 im Prozess Nr. AK.2019.00025). Mit Beschwerdeantwort vom 16. September 2019 beantragte die Beschwerdegegnerin Abweisung der Be
schwerde. Zudem reichte sie die Kassen
akten ein (Urk. 6 und Urk. 7/1-146 im Prozess Nr. AK.2019.00025).
2.3
Der Prozess Nr. AK.2019.00025 in Sachen
Y._
gegen die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, wurde mit Ver
fügung vom 18. September 2019 mit dem vorliegenden Pro
zess Nr. AK.2019.00015
vereinigt und unter dieser Prozessnummer weitergeführt. Der Prozess Nr. AK.2019.00025
wurde als dadurch erledigt abgeschrieben (Urk. 13) und dessen Akten wurden als Urk. 14/0-9 zu den Akten des vorliegenden Prozesses ge
nommen.
2.4
Mit derselben Verfügung wurde
Z._
zum Prozess beigeladen und es wurde ihm Frist zur Stellungnahme angesetzt (Urk. 13). Der Beigeladene liess sich innert angesetzter Frist nicht vernehmen, was den anderen Verfahrensbeteiligten am 6. November 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 16 S. 2).
2.5
Alsdann gab das Gericht den Beschwerdeführenden mit Verfügung vom 6. Novem
ber 2019 Gelegenheit, um nach der Verfahrensvereinigung zu den Prozessakten Stellung zu nehmen (Urk. 16).
Mit Stellungnahme vom 28. November 2019 beantragte der Beschwerdeführer 2 zusätzlich im Sinne eines Eventual
antrages, dass die Beschwerde der Beschwerde
führerin 1 vollumfänglich abzu
weisen sei (Urk. 19 S. 2). Mit dieser Eingabe reichte
er weitere Unterlagen ein (Urk. 20/12-14).
Die Beschwerdeführerin
1
erklärte mit Eingabe vom 28. November 2019, dass sie ihre Beschwerde vom 2. Mai 2019 (Urk. 1) zurückziehe (Urk. 21).
2.6
Diese Eingaben wurden den Verfahrensbeteiligten mit Verfügung vom 29. No
vem
ber 2019 je wechselseitig zugestellt (Urk. 22).
2.7
Auf Aufforderung des Gerichts hin (Urk. 23) reichte die Beschwerdegegnerin am 4. Mai 2020 (Urk. 24) einen aktuellen Auszug aus dem Rückforderungskonto der
A._
AG in Liquidation (Urk. 25) ein. Den Verfahrensbeteiligten wurden je eine Kopie dieser Unterlagen zugestellt (Urk. 26).
2.8
Alsdann wurden mit Gerichtsverfügung vom 2
6.
Juni
2020 (
Urk.
27) der
Konto
A
uszug
der Ausgleichskasse Schwyz von 2013 bis 2015 betreffend die
A._
AG (
Urk.
30) sowie deren Kassenakten betreffend
A._
AG für die Zeitperiode
von
2013 bis 2015 (
Urk.
31-32) beigezogen.
Dem Beschwerde
führer 2 und der Beschwerdegegnerin wurden die Akten zur Einsicht zugestellt
.
Der nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin 1 und dem Beigeladenen wurde Gele
genheit gegeben, um die Akten am Sitz des Gerichts einzusehen (
Urk.
35).
2.9
Der Beschwerdeführer
2
reichte am 2
1.
Juli 2020 eine Stellungnahme ein (
Urk.
33,
Urk.
34/15-18).
Die Beschwerdegegnerin nahm am 1
9.
August 2020 zu den Kassenakten der Ausgleichskasse Schwyz Stellung (
Urk.
36). Diese Eingaben wurden den übrigen Verfahrensbeteiligten je wechselseitig zur Kenntnisnahme zugestellt (
Urk.
35,
Urk.
37).
3.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten und die
Akt
en wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
Mit Eingabe vom 28. November 2019 (Urk. 21) hat die Beschwerdeführerin 1 ihre Beschwerde vom 2. Mai 2019 (Urk. 1) zurückgezogen. Der Prozess ist hinsichtlich der Beschwerde der Beschwerdeführerin 1 vom 2. Mai 2019 als durch Rückzug erledigt abzuschreiben.
2.
2.1
Nach Art. 52 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Alters- und Hinterlas
senen
ver
siche
rung (AHVG)
hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahrläs
sige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, die
sen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
2.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestim
mungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutter
schaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung) so
wie auf jene an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c).
3
.
3
.1
3.1.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im
Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Ab
rechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
3.1.2
Soweit eine
Konkursdividende
ausbezahlt wird, wird damit die Beitragsschuld beglichen. Insoweit entsteht von vornherein kein Schaden im Sinne von
Art.
52 AHVG
und damit ke
ine Schadenersatzforderung. Die
Konkursdividende
ist daher nicht an die Schadenersatzforderung gegen die Mitglieder des Verwaltungsrats anzurechnen, sondern an die Beitragsforderung gegen die AG. Liegt weder eine gültige Erklärung über die Tilgung noch eine Bezeichnung in der Quittung vor, ist eine Zahlung auf die fällige Schuld anzurechnen, unter mehreren fälligen auf diejenige Schuld, für die der Schuldner zuerst betrieben worden ist, und hat keine Betreibung stattgefunden, auf die früher verfallene (
Art.
87
Abs.
1
des Obliga
tio
nen
rechts,
OR). Diese Bestimmung ist nach ständiger Rechtsprechung auch im Bereich der AHV sinngemäss anwendbar. Demzufolge sind nachträgliche Bei
tragszahlungen einer Firma oder eines Selbständigerwerbenden vorab zur Tilgung der ältesten Ausstände zu verwenden
.
Art.
87
Abs.
1 OR
gilt auch, wenn aus dem
Konkurs
einer Firma, in welchem die Ausgleichskasse Beitrags
f
orderungen ein
gegeben hat, eine
Dividende
resultiert. Diese ist - bei gegebenen
tatbeständlichen
Voraussetzungen - an die zuerst betriebenen oder die früher verfallenen Beitrags
schulden anzurechnen
(Urteile des Bundesgerichts 9C_123/2008 vom 2
9.
Mai 2008 E. 4 und
9C_325/2010 vom
1
0.
Dezember 2010 E. 7.1.1
, je mit weiteren Hinweisen
)
.
3
.2
In
der an den Beschwerdeführer 2 gerichteten Schadenersatzverfügung vom 27. Juni 2018 führte die Beschwerdegegnerin aus, dass sie laut einer Mitteilung des Konkursamtes Dietikon für ihre Forderung von Fr. 95'048.75 betreffend pari
tä
tische Lohn- und FAK-Beiträge sowie Verwaltungskosten, Verzugszinsen und Ge
bühren infolge ungewisser Konkursdividende voraussichtlich einen Schaden erleiden werde (Urk. 14/7/108/4).
D
ie
s
ist vom Beschwerdeführer 2 im vorlie
gen
den Verfahren nicht bestritten worden.
Gemäss Konto-Auszug vom 22. Juni 2018 ist der Schaden in der Zeitperiode von Juni bis Dezember 2015 entstanden Urk. 14/7/108/21-22).
Die Beschwerdegegnerin erhielt im Konkursverfahren be
treffend
A._
AG, welches mit Urteil des Konkurs
richters vom 28. November 201
9 als geschlossen erklärt wurde
, eine Konkursdividende in der Höhe von Fr. 51'901.25 (Urk. 25). Damit reduziert sich der Schaden auf
Fr. 43'147.5
0.
Alsdann konnte
der Beschwerdeführer 2 nach der Konkurser
öf
f
nung
über die
A._
AG vom 12. November
2015 (Urk. 11/108/2, Urk. 14/
7/108/2) nicht mehr über das Vermögen der Gesellschaft verfügen (vgl.
Urteil des Sozial
versicherungsgerichts des Kantons Zürich AK.2010.00026 vom 22.
September 2011 E. 4.3.2)
. Damit
verringert
sich die Schadenersatzforderung um die
Akonto
beiträge
und Nebenkosten für die Monate
November und Dezem
ber 2015 in der Höhe von jeweils
Fr.
16'300.35 (vgl. den Konto-Auszug vom 2
2.
Juni 2018, Urk.
14/7/108/21).
Die Schadenersatzforderung der Beschwerdegegnerin gegenüber dem Beschwer
deführer 2
reduziert
sich folglich auf
Fr. 10'546.80
(
Fr.
95'048.75 -
[
Fr. 51'901.25 +
Fr.
32'600.70
]
).
4
.
4
.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
der
Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV)
schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber
haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungs
unterlagen über die von ih
nen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzu
stellen, damit die entspre
chenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die
Bei
tragszahlungs
- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vor
geschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffentlich
rechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4
.2
Aufgrund der Beitragsübersicht und dem Konto-Auszug vom 22. Juni 2018 (Urk. 14/7/108/16-22) sowie die übrigen Kassenakten ist erstellt, dass die
Kon
kursitin
zwar beitragspflichtige Löhne ausrichtete, ihren damit ein
her
gehenden Abrechnungs- und Zahlungspflichten aber grösstenteils nicht nach
gekommen ist. Dadurch hat sie
öffentlichrechtiche
Vorschriften verletzt.
Zu prüfen ist, ob dies auf ein schuldhaftes Verhalten des Beschwerdeführers 2 zu
rückzuführen ist.
5
.
5
.1
5
.1.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem W
ortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Arbeitgeber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vor
satz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine
Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, wel
che das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit aus
schliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätz
licher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zu
fügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuld
haft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
5
.1.2
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langen
den Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorg
faltspflicht, die in den kauf
männischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss (BGE 112 V 156 E. 4 mit Hinweisen; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
5
.1.3
Nicht jedes einer Firma als solcher anzulastende Ver
schulden muss auch ein sol
ches ihrer sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwie
weit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verant
wortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertra
gen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfachen Ver
hältnissen muss vom einzigen Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Person in Organstellung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wenn er seine Befugnisse weitgehend an einen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Delegation der Geschäfts
führung nicht zugleich auch seine Verantwortung als einziges Ver
waltungsorgan an den Ge
schäftsführer delegieren (BGE 108 V 199 E. 3b).
5
.1.4
Nach konstanter Rechtsprechung
des Bundesgerichts
genügen
sodann
fehlende finanzielle Mittel für sich allein nicht als Rechtfertigungs- oder Exkulpations
grund, ansonsten die Haftungsvorschrift des
Art.
52 AHVG
weitgehend ihres Ge
haltes entleert würde. Vielmehr hat ein Arbeitgeber
beziehungsweise
das subsi
diär belangte Organ konkrete Gründe darzutun, welche die durch die Illiquidität bedingte Missachtung der AHVG-Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft
erscheinen lassen. Solche konkreten Gründe
beziehungsweise
beson
deren Um
stände, welche die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften aus
nahms
weise
erlauben, anerkennt die Rechtsprechung lediglich dann, wenn angesichts der Hö
he der bestehenden Verbindlichkeiten und der eingegangenen Risiken von der vor
übergehenden Zurückbehaltung der Sozialversicherungs
beiträge (im damali
gen Zeitpunkt) objektiv eine für die Rettung der Gesellschaft aus
schlaggebende Wir
kung erwartet werden konnte und im Übrigen aufgrund der objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage damit gerechnet werden durfte, dass die
offenen Beitragsforderungen innert nützlicher Frist würden bezahlt werden können
(BGE 108 V 183
E. 2 S. 188; SVR 2005 AHV Nr. 18 S. 59, H 86/02 E. 5.4.2.1; Urteil
9C_41/2017
vom
2.
Mai 2017 E. 7.2; je mit Hinweisen;
Urteil des Bundes
gerichts
9C_861/2018
vom 1
2.
März 2019 E. 4.2.1
).
5
.2
5
.2.1
Der Beschwerdeführer 2
übernahm i
m November 2014
die Aktienmehrheit
der
A._
AG
(Urk. 14/1 S. 3, Urk. 14/7/91/23)
. In der Folge wurde
er als
Präsident des Verwaltungsrates und Vorsitzender der Geschäftsleitung mit Einzel
unterschrift
ins Handelsregister eingetragen
(
Internet-Auszug Handels
regis
ter des Kantons Schwyz
).
Er war damit formelles Organ der
A._
AG
(vgl. dazu
statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_275/2019 vom 6. November 2019 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen)
.
Als solches
musste
er
für die ordnungsge
mässe Abrech
nung und Bezahlung der Sozialversicherungsbeiträge sorgen
.
Der Beschwerde
führer
2
hätte insbesondere sicherstellen müssen,
dass
auf den von der
A._
AG
ausgerichteten
Löhne
n
die darauf
geschuldeten Sozial
versicherungsbeiträge und Nebenkosten bezahlt werden können (Urteil des Bun
desgerichts H 213/03 vom 9. Februar 2004 E. 5.1).
Dem ist er nicht nachge
kom
men, weil der Beschwerdegegnerin - wie ausgeführt
(E.
3
.2)
- ein Schaden ent
standen
ist
.
5
.2.2
D
er Beschwerdeführer
2
macht
geltend, dass die
A._
AG
schon sanie
rungs
bedürftig gewesen sei, als er im Herbst 2014 die Aktienmehrheit von
E._
übernommen habe (
Urk.
14/1 S. 3). Davon ist auszugehen, denn gemäss dem provisorischen Jahresabschluss per 31. Dezember 2014 bestand eine Unter
bilanz von Fr. 1'041'744.95 (Urk. 14/3/4 S. 2).
Ferner ist dem Protokoll zur aus
serordentlichen Generalversammlung vom 1
6.
Juni
2015
zu entnehmen, dass
schon im Dezember 2013 Sanierungsmassnahmen
eingeleitet
wo
rden
waren
(Urk.
14/3/4 S.
2). Unter der Leitung des Beschwerdeführers
2
wurde
der
vor
seiner Geschäftsübern
a
hme
im Herbst 2014
eingeschlagene Sparkurs
beibehalten
.
Gemäss Protokoll
vom 1
6.
Juni 2015
wurden die
folgenden
Massnahmen
ergriffen
(
Urk.
14/3/4 S. 2)
:
Zur Beschaffung von zusätzlichen finanziellen Mit
teln wurde d
as
Aktienkapital
der
A._
AG
im Sommer 2014 von Fr. 250'000.-- auf Fr. 500'000.--
erhöht
. Der Beschwerdeführer
2
hat dafür private Darlehen verwendet.
Alsdann konnten
Schulden
bei einer Bank und bei Gläubigern
gesenkt
oder ganz abbezahlt werden
.
Durch den Verkauf der Werk
halle
F._
bezie
hungsweise der Liegenschaft der
A._
AG in
B._
wurden
sämt
liche Bankverbindlichkeiten gegenüber de
r Schwyzer Kantonalbank getilgt. Aus dem weiteren Verkaufse
rlös wurden Fr. 300'000.-- an Betreibungen und Pfän
dungen abgetragen
(
Urk.
14/1 S. 3,
Urk.
14/3/4 S. 2)
.
Daraufhin
wurde d
er Betrieb nach Dietikon verlegt,
um so unter anderem
bei den Reisentschä
digungen und beim Treibstoffverbrauch
- nach den Schätzungen der Revisions
stelle der
A._
AG - je Fr. 100'000.-- pro Jahr
einzusparen
(
Urk.
14/1 S. 4, Urk.
14/3/4 S. 2, Urk.
14/3/5)
. Der Senkung der Betriebskosten diente auch der
Personal
abbau auf 21 Personaleinheiten
.
Darüber hinaus wurden Maschinen und Fahrzeuge ver
kauft, was mit einer Verminderung der
Unter
haltskosten
ein
herging
. Der Leasing
aufwand
wurde um die Hälfte und d
ie Deponieaufwendungen erheblich
reduziert
.
Zu den Sanierungsmassnahmen mit laut
P
rotokoll
vom 1
6.
Juni 2015
wesent
lichen Auswirkungen gehörten schliess
lich die i
m Jahr 2014
eingeführten
neue
n
Dienstleistungspreise
und der Verzicht auf Grossin
vestitionen im Jahr 2015
(
Urk.
14/3/4
S. 2
).
Aufgrund der vom Gericht beigezogenen Akten ergibt sich sodann,
dass
die AHV-Beitragsausstände
bei der Ausgleichs
kasse Schwyz, welche gemäss Buchhaltung der
A._
AG am 5. Februar
2015
noch
Fr. 329'383.15 betragen hatten
(Urk. 34/15),
bis zum 19. Mai 2015 auf Fr.
100'039.55
abgebaut werden konnten
(Urk. 34/16)
. Laut Konto-Au
szug der Aus
gleichs
kasse Schwyz vom
9.
Juli 2020 hat die
A._
AG bei ihr am
3.
März 2015 total
Fr.
180'728.40, am 1
1.
Mai 2015 total
Fr.
24'829.20, am 1
8.
Mai 2014 total
Fr.
25'454.45 einbezahlt (Urk.
30).
Zusätzliche Sanierungs
mass
nahmen durch Aufgabe des Muldenservices und weiteren Stellenabbau sollten
- gemäss den Schätzungen der Revisionsstelle der
A._
AG -
ab Sommer
2015
eine Kostensenkung von
Fr.
380'000.-- pro Jahr er
mög
lichen (
Urk.
14/3/5). Nebst den Sanierungs
massnahmen, die Wirkung zeigten, war
zu
dem
die Auf
trags
lage der
A._
AG gemäss
dem Protokoll zur Geschäfts
leitungs
sitzung
vom
2
5.
Juni 2015 sehr gut
(Urk. 14/3/8). Der Beschwerdeführer
2
konnte
damals
noch nicht wissen, dass
der Grossauftrag für ein Bauunter
nehmen aus Zürich,
nicht wie geplant von
September 2015 bis
in das Jahr
2017
durch
ge
führt werden konnte
(Urk. 14/3/8)
, weil sich die Par
teien ab Oktober 2015 be
züg
lich Rechnungsstellung nicht mehr einig waren
(vgl.
Urk.
14/1
S.
6, Urk.
14/3/9)
.
5
.2.3
Was die Bezahlung von Sozialversicherungsbeiträgen und Nebenkosten nach dem Anschluss der
A._
AG bei der Beschwerdegegnerin per
1.
Februar 2015 betrifft, so ist der Beitragsübersicht der Beschwerdegegnerin vom 2
2.
Juni 2018 zu entnehmen,
dass die
A._
AG
vom 1. Februar
bis
4.
September 2015 keine Zahlungen leistete (
Urk.
14/7/108/16).
Diesbezüglich bringt der Beschwerde
führer 2 vor, dass der Beigeladene bei der
A._
AG ab 2013 bis zur fristlosen Vertragsauflösung am 27. Juli 2015 als externer Unterneh
mens
berater für die finanziellen Angelegenheiten, insbe
sondere für die Buchhaltung und die Kontakte mit den Sozialversicherungs
behörden, zuständig gewesen sei
und auch selbständig die entsprechenden Ent
scheidungen getroffen habe (Urk. 14/1
S. 8, Urk. 14/7/91/24, Urk. 14/7/123/2). Für die Sachverhalte vor dem 27. Juli 2015 sei er (der Beschwerdeführer 2) nicht verantwortlich
, weil er nicht habe erwarten müssen, dass der Beigeladene seine Aufgaben nicht wahrnehmen würde
(Urk. 14/1 S. 8).
Auf die Gründe, welche bis Sommer 2015 zur Nichtbe
zahlung der Beiträge geführt haben, muss nicht im Einzel
nen eingegangen werden, muss sich
der Beschwerdeführer 2 dies doch - wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen - so oder anders nicht vorhalten lassen.
Den Kassenakten ist
sodann
zu ent
nehmen, dass die Beitragsausstände bis und mit Juni 2015 gemäss Schreiben der Beschwerde
gegnerin vom 14. August 2015 Fr. 144'664.30 betragen haben (Urk. 14/7/30/1). Mit demselben Schreiben bewilligte die Beschwerdegeg
nerin der
A._
AG einen Zahlungsaufschub und eine Bezahlung der Beitragsaus
stände in fünf Raten (Urk. 14/7/30/1-2). Die
A._
AG be
zahlte bis 1
4.
Oktober 2015 zwe
i dieser Raten (
Fr.
28'664.30 und
Fr.
29'000.--,
Urk.
14/7/30/2
,
Urk.
14/7/108/16
)
,
überwies der Beschwerdegegnerin am 19. Okto
ber
2015
Fr.
16'300.35
zur Bezahlung der
Akontobeiträge
September 2015 (
vgl.
Urk.
14/108/21)
und zahlte am noch einmal
1
2.
November
2015 Fr.
985.80 (
Urk.
14/7/108/16).
Zusammenfassend
sorgte
der Beschwerdeführer 2 seit Beginn seiner
Organeigenschaft
bei der
A._
AG dafür, dass sich deren Bei
tragsschulden bis zu deren Konkurs massiv reduzierten.
Des Weiteren durfte der Beschwerdeführer
2
v
or dem Hintergrund der bislang erfolgreichen Sanierungsmassnahmen und der im Sommer 2015 sehr guten Auftragslage (E. 6.2.2)
trotz Liquiditätsengpass
bis rund einen Monat vor der Konkurseröffnung über die
A._
AG vom 12. November 2015 (Urk. 11/108/2, Urk. 14/7/108/2)
davon ausgehen, dass die
A._
AG die Beitragsausstände und die laufenden Sozialversicherungs
beiträge bezahlen kann.
In Anbetracht all dieser Umstände kann das Verhalten des Beschwerde
führers
2
nicht als grobfahrlässige Pflichtwidrigkeit taxiert werden
.
6
.
Demnach ist in Gutheissung der Beschwerde des Beschwerdeführers 2 vom
8.
Juni 2019 (
Urk.
14/1) der
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin
vom
6.
Juni
2019
(
Urk.
2)
auf
zuheben und es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer 2 keinen Schaden
ersatz
zu leisten hat
.
7
.
Der vertretene Beschwerdeführer 2 hat Anspruch auf eine Prozessentschädigung, welche nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und seines
vollständigen Obsiegens auf Fr. 2'4
00.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzusetzen ist.