# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 412bee9f-de76-4e0e-aff3-fb412de4025d
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend mehrfachen versuchten Raub etc.
Berufung gegen ein Urteil des Jugendgerichtes Horgen vom 14. Juli 2011 (DJ100023)
- 2 -
Anklage
Die Anklageschrift der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 27. Oktober 2010
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 27).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des mehrfach versuchten Raubes im Sinne
von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB (ND 1, ND 3), des mehrfach versuchten Raubes im Sinne von Art. 140
Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (HD, ND 2, ND 4,
ND 5) und der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB (ND
6).
2. Es wird eine Unterbringung des Beschuldigten im Sinne von Art. 15 Abs. 1
JStG angeordnet.
3. Die Unterbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG wird mit einer ambulan-
ten Behandlung nach Art. 14 Abs. 1 JStG verbunden.
4. Der Beschuldigte wird zu einer persönlichen Leistung von 20 Tagen ver-
pflichtet, abzüglich 17 Tage, die durch Untersuchungshaft erstanden sind.
5. Der Vollzug der persönlichen Leistung wird aufgeschoben und die Probezeit
auf 1 Jahr festgesetzt.
6. Das am 22. Januar 2009 polizeilich sichergestellte Küchenmesser wird nach
Eintritt der Rechtskraft und auf erstes Verlangen den Eltern des Beschuldig-
ten ausgehändigt.
7. Die Schadenersatzforderung des Privatklägers wird auf den Zivilweg verwie-
sen.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt, aber im vollen Betrag abgeschrieben.
- 3 -
9. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskasse genom-
men; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird mit separatem
Beschluss entschieden.
Beschluss der Vorinstanz:
1. Der Antrag, die polizeiliche Einvernahme vom 2. Februar 2009 und die
staatsanwaltschaftliche Einvernahme vom 10. Februar 2009, seien aus dem
Recht zu weisen, wird abgewiesen.
2. Gegen diesen Beschluss kann innert 10 Tagen seit Zustellung des begrün-
deten Beschlusses an beim Jugendgericht des Bezirkes Horgen, Burghal-
denstrasse 3, 8810 Horgen, Beschwerde eingereicht werden.
Berufungsanträge:
a) des Beschuldigten:
(Urk. 75 S. 2)
1. Auf die Anordnung der Unterbringung des Beschuldigten im Sinne von Art.
15 Abs. 1 JStG sei zu verzichten und von der Verbindung der Unterbringung
mit einer ambulanten Behandlung im Sinne von Art. 14 Abs. 1 JStG sei ab-
zusehen.
2. Die mit Verfügung der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 16. Juli
2009 angeordnete vorsorgliche Unterbringung und die mit Verfügung der
Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 18. September 2009 angeordnete
vorsorgliche ambulante Behandlung seien aufzuheben.
3. Die in der Untersuchung und im erstinstanzlichen Verfahren angefallenen
Kosten der amtlichen Verteidigung seien definitiv auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
- 4 -
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive diejenigen der amtlichen
Verteidigung, seien auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) des Vertreters der Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich:
(Urk. 79 S. 1)
Die Berufung sei vollumfänglich abzuweisen.
_

## Considerations

Erwägungen:
I.
1. In der Anklageschrift der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 27. Ok-
tober 2010 werden dem Beschuldigten nebst einer Sachbeschädigung nicht we-
niger als sechs – versuchte, teilweise qualifizierte – Raubdelikte vorgeworfen. Die
Sachbeschädigung habe der Beschuldigte begangen, als er zur Ermöglichung der
Flucht zusammen mit einem Mitinsassen im Jugendheim C._ in D._ ei-
ne Scheibe eingeworfen bzw. eingetreten habe. Bei den Raubtaten habe der Be-
schuldigte jeweils in E._ die Opfer auf der Strasse angehalten und von ihnen
die Herausgabe von Bargeld verlangt. Zur Untermauerung seiner Forderung habe
er in zwei Fällen – für die Betroffenen sichtbar – ein Küchenmesser in der Hand
gehabt. Bei einer weiteren Gelegenheit habe er in der Jackeninnentasche ein Kü-
chenmesser mit sich geführt, welches er in der Folge allerdings nicht eingesetzt
habe.
2. Das Jugendgericht des Bezirkes Horgen sprach den Beschuldigten mit
Urteil vom 14. Juli 2011 des mehrfach versuchten – qualifizierten – Raubes im
- 5 -
Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB, des mehrfach versuchten Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der Sachbeschädigung im Sinne von
Art. 144 Abs. 1 StGB schuldig (Dispositiv-Ziff. 1). Die Vorinstanz ordnete eine Un-
terbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG an (Dispositiv-Ziff. 2), welche mit ei-
ner ambulanten Behandlung nach Art. 14 Abs. 1 JStG verbunden wurde (Disposi-
tiv-Ziff. 3). Ausserdem wurde der Beschuldigte zu einer persönlichen Leistung von
20 Tagen verpflichtet, unter Anrechnung von 17 Tagen Untersuchungshaft (Dis-
positiv-Ziff. 4), wobei der Vollzug der persönlichen Leistung unter Ansetzung einer
Probezeit von einem Jahr aufgeschoben wurde (Dispositiv-Ziff. 5).
3. Dieser Entscheid wurde gleichentags mündlich eröffnet und schriftlich im
Dispositiv mitgeteilt. Mit Zuschrift vom 19. Juli 2011 – der Post übergeben am sel-
ben Tag – meldete die Verteidigerin des Beschuldigten die Berufung innerhalb der
zehntägigen Frist nach Art. 399 Abs. 1 StPO an (Urk. 52). In vollständiger Ausfer-
tigung wurde der Verteidigerin das Urteil am 11. Oktober 2011 mitgeteilt (Urk.
55/3). In der Folge reichte die Verteidigerin innert der Frist von 20 Tagen gemäss
Art. 399 Abs. 3 StPO dem Berufungsgericht eine schriftliche Berufungserklärung
ein; diese datiert vom 19. Oktober 2011 und wurde am gleichen Tag der Post
übergeben (Urk. 59). Mit Präsidialverfügung vom 28. Oktober 2011 wurde die Be-
rufungserklärung der Oberjugendanwaltschaft zugestellt und dieser Frist ange-
setzt, um Anschlussberufung zu erklären (Urk. 61; Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO).
Mit Zuschrift vom 8. November 2011 teilte jene mit, dass sie keine Anschlussberu-
fung erhebe (Urk. 64 S. 1).
4. Nachdem sich sowohl die Verteidigerin als auch der Vertreter der Oberju-
gendanwaltschaft mit einem schriftlichen Berufungsverfahren einverstanden er-
klärt hatten, wurde mit Präsidialverfügung vom 7. Dezember 2011 das schriftliche
Verfahren angeordnet. Gleichzeitig wurde dem Beschuldigten Frist – bis zum 31.
Januar 2012 – angesetzt, um die Berufung zu begründen (Urk. 73; Art. 406 Abs. 2
lit. a und Abs. 3 StPO). Mit Zuschrift vom 26. Januar 2012 (Poststempel: ebenfalls
26. Januar 2012) begründete die Verteidigerin die Berufung (Urk. 75 sowie
76/1-6). Hierauf wurde die Berufungsbegründung der Oberjugendanwaltschaft mit
- 6 -
Präsidialverfügung vom 1. Februar 2012 zur Beantwortung zugestellt (Urk. 77).
Die Berufungsantwort datiert vom 13. Februar 2012 (Urk. 79). Sie wurde schliess-
lich dem Beschuldigten mit Präsidialverfügung vom 20. Februar 2012 zur freige-
stellten Stellungnahme zugestellt (Urk. 80), worauf sich dieser nicht weiter ver-
nehmen liess. Damit erweist sich der Prozess als spruchreif. Die Parteien stellten
die eingangs wiedergegebenen Anträge.
II.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich zunächst gegen Dispositiv-Ziff.
2 und 3 des vorinstanzlichen Urteils, mithin gegen die Anordnung einer Unterbrin-
gung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG unter gleichzeitiger Anordnung einer am-
bulanten Behandlung nach Art. 14 Abs. 1 JStG. Angefochten wurde ferner Dispo-
sitiv-Ziff. 9, welche die Regelung der Kosten der amtlichen Verteidigung betrifft.
Alle übrigen Punkte des vorinstanzlichen Urteils, mithin Dispositiv-Ziff. 1 (Schul-
digsprechung wegen mehrfachen, versuchten, teilweise qualifizierten Raubes und
Sachbeschädigung), 4 (Verpflichtung zu einer persönlichen Leistung), 5 (beding-
ter Vollzug der Strafe), 6 (Herausgabe des sichergestellten Küchenmessers an
die Eltern des Beschuldigten), 7 (Verweisung der Schadenersatzforderung des
Privatklägers J._ auf den Zivilweg) sowie 8 (Kostenregelung [ohne Kosten
der amtlichen Verteidigung]) blieben unangefochten (vgl. dazu Urk. 59 S. 2 f. und
Urk. 75 S. 2). Insoweit ist das vorinstanzliche Urteil in Rechtskraft erwachsen, was
heute formell mit Beschluss festzustellen ist. Unangefochten geblieben und damit
rechtskräftig ist ausserdem der Beschluss betreffend Abweisung des Antrages,
eine polizeiliche und eine staatsanwaltschaftliche Einvernahme seien aus dem
Recht zu weisen.
III.
1. Wie gezeigt ist Gegenstand des vorliegenden Verfahrens im Wesentli-
chen die Frage einer Unterbringung unter gleichzeitiger Anordnung einer ambu-
- 7 -
lanten Massnahme. Bei der persönlichen Unterbringung handelt es sich um eine
sogenannte Schutzmassnahme gemäss Jugendstrafgesetz. Zu den Sanktions-
möglichkeiten des Jugendstrafrechts sowie zu den Voraussetzungen einer
Schutzmassnahme äusserte sich bereits die Vorinstanz ausführlich und zutref-
fend. Auf jene Ausführungen kann deshalb, um unnötige Wiederholungen zu ver-
meiden, vorab verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 58 S. 8 f.). Voraus-
setzung für die Anordnung einer Schutzmassnahme ist demnach in erster Linie,
dass der Jugendliche massnahmebedürftig ist (Art. 10 Abs. 1 JStG). Was die
Massnahmefähigkeit anbelangt, so geht das Gesetz davon aus, dass diese bei
Jugendlichen grundsätzlich gegeben ist. Dies hat zur Folge, dass bei Massnah-
mebedürftigkeit grundsätzlich eine Schutzmassnahme auszusprechen ist (vgl. da-
zu Gürber/Hug/Schläfli, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Straf-
recht I, 2. A., Basel 2007, N 15 vor Art. 1 JStG).
2. Die Vorinstanz gelangte zum Ergebnis, aufgrund der nachvollziehbaren
und überzeugenden Feststellungen in den vorliegenden Gutachten bestünden
keine Zweifel daran, dass der Beschuldigte aufgrund seiner schweren psychi-
schen Störung, seiner beeinträchtigten Persönlichkeitsentwicklung sowie seiner
erzieherischen Fehlentwicklung therapiebedürftig sei. Der Zustand des Beschul-
digten erfordere nach Ansicht des Gerichts sowohl eine Unterbringung im Sinne
von Art. 15 Abs. 1 JStG als auch eine ambulante Behandlung im Sinne von Art.
14 Abs. 1 JStG. Auf diese nachvollziehbaren und überzeugenden Ausführungen
kann verwiesen werden (Urk. 58 S. 10 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Ergänzend ist
festzuhalten, dass Dr. med. F._ und Dr. phil. G._ in ihrem Gutachten
vom 25. Mai 2011 zum einen von einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivi-
tätsstörung (ADHS) ausgingen, welche die kognitive Informationsverarbeitung
sowie die emotionalen Steuerungsmöglichkeiten des Beschuldigten in Stresssitu-
ationen beeinträchtige. Zum andern stellten sie die Diagnose einer hyperkineti-
schen Störung des Sozialverhaltens nach ICD-10 F 90.1 (Urk. 42 S. 49). Dabei
schätzten sie das Rückfallrisiko des Beschuldigten als "moderat bis deutlich" ein,
wobei dieses nicht mehr so hoch sei wie zwei Jahre zuvor, was im Übrigen darauf
hinweise, dass die in der Vergangenheit durchgeführten Massnahmen zu einer
Senkung des Rückfallrisikos und zu einer prosozialen Reifung des Beschuldigten
- 8 -
geführt hätten. Trotz dieser Fortschritte stuften die Gutachter das Rückfallrisiko
als weiterhin "so relevant" ein, "dass risikosenkende Massnahmen klar indiziert"
seien (a.a.O., S. 50). Im Weiteren hielten sie eine stationäre Unterbringung ge-
mäss Art. 15 JStG klar für angezeigt (a.a.O., S. 52 oben). Voraussetzung für den
Erfolg einer solchen Massnahme sei allerdings eine psychotherapeutische Wei-
terbetreuung gemäss Art. 14 JStG (a.a.O., S. 52 Mitte). Eine Rückkehr des Be-
schuldigten nach Hause, begleitet von einer ambulanten Massnahme, bezeichne-
ten die Gutachter als eindeutig unzureichend, um das Rückfallrisiko massgeblich
zu senken und die Persönlichkeitsentwicklung massgeblich positiv zu beeinflus-
sen (a.a.O., S. 53).
3. a) Die Verteidigerin hält nunmehr – entgegen den noch anlässlich der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung gestellten Anträgen – dafür, von der Anordnung
einer Unterbringung sowie einer ambulanten Behandlung abzusehen. Begründet
wird dieser Antrag zunächst damit, dass der Beschuldigte am 29. Juli 2011 aus
dem Aufnahmeheim H._ entwichen sei und sich seither in I._ [Staat in
Nordafrika] aufhalte, wo er in einer seinen Eltern gehörenden Wohnung lebe, wo-
bei sich sein Vater und seine Mutter jeweils abwechslungsweise für mehrere Wo-
chen beim Beschuldigten aufhalten würden. Nach I._ ausgereist sei der Be-
schuldigte, weil er weder eine Schutzmassnahme noch eine ambulante Behand-
lung wolle (vgl. dazu Urk. 59 S. 3 f. sowie Urk. 76/1 oben). Er sei mit anderen
Worten einer weiterführenden Massnahme "nicht mehr zugänglich" (Urk. 75 S. 4).
Wie soeben ausgeführt wurde, ist die Massnahmebedürftigkeit des Beschul-
digten aufgrund der gutachterlichen Einschätzung ohne weiteres zu bejahen.
Liegt eine Massnahmebedürftigkeit vor, so ist allerdings, wie oben ebenfalls dar-
gelegt, grundsätzlich eine Schutzmassnahme auszusprechen. Demnach verfängt
das Argument der fehlenden Massnahmewilligkeit vorliegend nicht.
b) Als unbehelflich erweist sich auch das Argument der Verteidigerin, die El-
tern würden sich in I._ abwechslungsweise um den Beschuldigten kümmern,
ist doch aufgrund der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen in Überein-
stimmung mit den Gutachtern davon auszugehen, dass die Eltern nicht in der La-
ge sind, dem Beschuldigten die notwendigen Erziehungs- und Beziehungsstruktu-
- 9 -
ren zu geben (vgl. dazu Urk. 42 S. 53). Es ist nicht erkennbar, was sich diesbe-
züglich geändert hätte.
c) Die Verteidigerin argumentiert des Weiteren, der Beschuldigte habe in
den vergangenen Monaten grosse Fortschritte gemacht. Er lebe drogenfrei, ver-
bringe seine Freizeit mit seinen zahlreichen Cousins und halte sich nicht in de-
liktsfördernden Peergroups auf. Sodann betreibe er verschiedene Sportaktivitä-
ten, was sich namentlich auf seine psychische Gesundheit sehr positiv auswirke.
Auch führt sie ins Feld, der Beschuldigte habe die Aufnahmeprüfung sowie die
Probezeit in einem dortigen "Lyceum" bestanden (Urk. 59 S. 4; Urk. 75 S. 4). Den
Besuch dieser Schule habe er zwischenzeitlich zwar ausgesetzt, dies jedoch nur
deshalb, weil er seine Französisch- und Englischkenntnisse verbessern wolle
(Urk. 75 S. 4 f.). Hinzu komme, dass der Beschuldigte im Rahmen eines Jugend-
förderungsprogramms nachmittags in verschiedenen Betrieben arbeite, was ihm
ermögliche, im Hinblick auf seine Berufswahl Erfahrungen zu sammeln (Urk. 75 S.
5). Die beschriebenen Aktivitäten sprechen einerseits durchaus für eine günstige
Entwicklung des Beschuldigten. Anderseits darf dabei nicht übersehen werden,
dass sie mangels engmaschiger, professioneller Begleitung keinerlei Gewähr für
eine nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung sowie eine signifikante Reduktion der
Rückfallgefahr bieten.
d) Die aktuellen persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten geben mithin
keinen Anlass, von der Anordnung einer Unterbringung sowie einer ambulanten
Massnahme abzusehen.
4. Beizufügen ist, dass Art. 10 Abs. 2 JStG, wonach von der Anordnung ei-
ner Schutzmassnahme abgesehen werden kann, wenn der Jugendliche keinen
gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz hat, vorliegend nicht anzuwenden ist.
Wie die Oberjugendanwaltschaft zutreffend ausführte, gelangt diese Bestimmung
in der Regel nur bei ausländischen, illegal in die Schweiz eingereisten Jugendli-
chen zur Anwendung (Urk. 79 S. 2, unter Hinweis auf Gürber/Hug/Schläfli, a.a.O.,
N 8 zu Art. 10 JStG). Diese Voraussetzungen treffen auf den Beschuldigten nicht
zu: Zwar hält er sich derzeit im Ausland auf, indessen handelt es sich bei ihm um
einen Schweizer, der in der Schweiz aufwuchs und bei welchem zumindest die
- 10 -
Möglichkeit besteht, dass er sich in absehbarer Zeit wieder in der Schweiz aufhal-
ten wird.
5. Schliesslich stellt sich die Frage, ob allenfalls in analoger Anwendung von
Art. 19 Abs. 1 JStG von der Anordnung einer Schutzmassnahme abzusehen ist.
Gemäss dieser Bestimmung hebt die Vollzugsbehörde die Schutzmassnahme
auf, wenn ihr Zweck erreicht ist oder feststeht, dass sie keine erzieherischen oder
therapeutischen Wirkungen mehr entfaltet. Wie oben dargestellt wurde, gehen
Dr. med. F._ und Dr. phil. G._ davon aus, dass die bisher durchgeführ-
ten Massnahmen zu einer Senkung des Rückfallrisikos und zu einer prosozialen
Reifung des Beschuldigten geführt haben (vgl. dazu die Ausführungen in Ziff. 2).
Unter diesen Umständen kann allerdings nicht angenommen werden, dass eine
Schutzmassnahme keine positive Wirkung entfalten würde.
6. Zusammengefasst ist auch im Berufungsverfahren eine Unterbringung
des Beschuldigten im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG anzuordnen, welche über-
dies mit einer ambulanten Behandlung nach Art. 14 Abs. 1 JStG zu verbinden ist.
IV.
Mit Beschluss vom 21. November 2011 wurde ein Gesuch des Beschuldig-
ten um Aussetzung der vorsorglich angeordneten Schutzmassnahme abgewiesen
(Urk. 68). Im Rahmen der Berufungsbegründung stellte der Beschuldigte erneut
ein entsprechendes Gesuch; darüber hinaus beantragte er die Aufhebung der
vorsorglich angeordneten ambulanten Behandlung (Urk. 75 S. 6). Wie gezeigt ist
auch in zweiter Instanz eine Unterbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG an-
zuordnen, welche mit einer ambulanten Behandlung nach Art. 14 Abs. 1 JStG zu
verbinden ist. Unter diesen Umständen besteht kein Anlass, die vorsorgliche An-
ordnung dieser Massnahmen – Verfügung der Jugendanwaltschaft
Limmattal/Albis vom 16. Juli 2009 betreffend vorsorgliche Unterbringung (Urk.
14/3) sowie Verfügung der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 18. Septem-
ber 2009 betreffend vorsorgliche ambulante Behandlung (Urk. 15/1) – aufzuhe-
- 11 -
ben. Der Umstand, dass der Beschuldigte aus dem Aufnahmeheim H._ ent-
wichen ist und sich in I._ aufhält, steht der Aufrechterhaltung der vorsorgli-
chen Anordnung der Massnahmen jedenfalls nicht entgegen. Das Gesuch des
Beschuldigten ist demnach abzuweisen.
V.
1. Was die erstinstanzliche Kostenregelung anbelangt, beantragt die Vertei-
digung, die Kosten der amtlichen Verteidigung seien definitiv auf die Gerichtskas-
se zu nehmen (vgl. dazu Urk. 75 S. 2). Die Vorinstanz hatte diese zwar auf die
Gerichtskasse genommen, dies jedoch unter dem Vorbehalt der Rückforderung
nach Art. 135 Abs. 4 StPO (vgl. Dispositiv-Ziff. 9). Unter Berücksichtigung der be-
scheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigen – abgesehen von den
erwähnten kurzen Arbeitseinsätzen ist er noch nicht in den Arbeitsprozess inte-
griert – sowie im Hinblick auf seine Resozialisierung rechtfertigt es sich, die Kos-
ten der amtlichen Verteidigung gestützt auf Art. 425 StPO definitiv auf die Ge-
richtskasse zu nehmen.
2. Für das Berufungsverfahren wird der Beschuldigte dem Ausgang des Ver-
fahrens entsprechend grundsätzlich kostenpflichtig (Art. 428 Abs. 1 StPO). Dem-
zufolge sind die Kosten des Berufungsverfahrens, ohne diejenigen der amtlichen
Verteidigung, dem Beschuldigten aufzuerlegen. Wegen der finanziellen Lage des
Beschuldigten sind sie jedoch sofort definitiv abzuschreiben (Art. 425 StPO). Die
Kosten der amtlichen Verteidigung sind definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen
(Art. 425 StPO).
Demnach wird beschlossen:
1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Jugendgerichts Horgen vom 14. Juli
2011 bezüglich Dispositiv-Ziff. 1 (Schuldigsprechung wegen mehrfachen,
- 12 -
versuchten, teilweise qualifizierten Raubes und Sachbeschädigung), 4 (Ver-
pflichtung zu einer persönlichen Leistung), 5 (bedingter Vollzug der Strafe),
6 (Herausgabe des sichergestellten Küchenmessers an die Eltern des Be-
schuldigten), 7 (Verweisung der Schadenersatzforderung des Privatklägers
J._ auf den Zivilweg) sowie 8 (Kostenregelung [ohne Kosten der amtli-
chen Verteidigung]) und der gleichentags ergangene Beschluss (Abweisung
des Antrages, eine polizeiliche und eine staatsanwaltschaftliche Einvernah-
me seien aus dem Recht zu weisen) in Rechtskraft erwachsen sind.
2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil.
Sodann wird erkannt:
1. Es wird eine Unterbringung des Beschuldigten im Sinne von Art. 15 Abs. 1
JStG angeordnet.
2. Die Unterbringung wird mit einer ambulanten Behandlung nach Art. 14 Abs.
1 JStG verbunden.
3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung in der Untersuchung sowie im erstin-
stanzlichen Gerichtsverfahren werden definitiv auf die Gerichtskasse ge-
nommen.
4. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. amtliche Verteidigung
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens, ohne diejenigen der amtlichen Vertei-
digung, werden dem Beschuldigten auferlegt, jedoch sofort definitiv abge-
schrieben.
6. Die Kosten der amtlichen Verteidigung im Berufungsverfahren werden defi-
nitiv auf die Gerichtskasse genommen.
- 13 -
7. Schriftliche Mitteilung an
− den Beschuldigten bzw. seine Verteidigerin − die Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich
− den Privatkläger J._ bzw. seinen gesetzlichen Vertreter J._ (im Dispositivauszug [Beschluss])
− die Geschädigte C._ D._ (im Dispositivauszug [Beschluss])
sowie nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfäl-
liger Rechtsmittel an
− die Vorinstanz
− die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis − die Koordinationsstelle Zürich mit Formular A.
8. Rechtsmittel:
Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Straf-
sachen erhoben werden.
Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang der vollständigen, be-
gründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des
Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesgerichts-
gesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen.
Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen
richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts-
gesetzes.
Ferner wird beschlossen:
1. Das Gesuch des Beschuldigten um Aufhebung der mit Verfügung der Ju-
gendanwaltschaft Limmattal/Albis vom 16. Juli 2009 angeordneten vorsorgli-
chen Unterbringung sowie der mit Verfügung der Jugendanwaltschaft
Limmattal/Albis vom 18. September 2009 angeordneten vorsorglichen am-
bulanten Behandlung wird abgewiesen.
2. Schriftliche Mitteilung an
- 14 -
− den Beschuldigten bzw. seine Verteidigerin
− die Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich
sowie nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfäl-
liger Rechtsmittel an
− die Vorinstanz
− die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis.
3. Rechtsmittel:
Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in  erhoben werden.
Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang der vollständigen, be-
gründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des
Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesgerichts-
gesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen.
Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen
richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts-
gesetzes.
Obergericht des Kantons Zürich II. Strafkammer