# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** a5df7f42-d422-5962-937f-dcf5cc75e9e2
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin der Parzelle Krauchthal Grundbuchblatt
Nr. D._. Diese liegt in der Arbeitszone (Intensiv) AI.1 Am 21. März 2017 bewilligte
die Gemeinde Krauchthal der F._ AG den Einbau einer Hauswartswohnung im 1.
Obergeschoss des Gebäudes sowie das Erstellen eines Balkons an der Westfassade und
eines Vordaches im Innenhof.2 Mit dem Formular Selbstdeklaration Baukontrolle 2 meldete
die F._ AG der Gemeinde, dass bei der Ausführung des Bauvorhabens von der
Baubewilligung abgewichen worden sei betreffend die Länge des Vordachs, die Länge des
1 Art. 211 Baureglement der Gemeinde Krauchthal vom 30. Juni 2010 (Datum der Genehmigung durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung) 2 Vorakten, pag. 78
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Balkons, die Raumaufteilung im Inneren sowie die Umgebungsgestaltung
(Böschungssteine anstelle von Winkelplatten, mobiler Carport).
Mit Schreiben vom 25. Oktober 2018 an die F._ AG hielt die Gemeinde fest, sie
habe Kenntnis davon erhalten, dass in der Liegenschaft zwei Wohnungen vorhanden
seien. Es handle sich um eine 3,5-Zimmer-Wohnung und eine 2-Zimmer-Wohnung.
Aufgrund des Standorts in der Zone AI sei einzig eine Wohnung für das auf den Standort
angewiesene Personal zulässig. Bewilligt sei eine Hauswartswohnung mit 4 Zimmern.
Anlässlich der Erteilung der Baubewilligung für die Hauswartswohnung sei die Gemeinde
davon ausgegangen, dass es sich dabei um die einzige Wohnung im Gebäude handle.
Eine ursprünglich im Gebäude vorgesehene Wohnung im Attikageschoss habe
Gegenstand einer im Jahr 1991 bewilligten Projektänderung gebildet, wonach anstelle
dieser Wohnung Büroräumlichkeiten eingebaut werden sollten. Im Baugesuch sei deutlich
ausgewiesen worden, dass bisher keine Wohnungen bestünden. Die F._ AG
könne innert Frist Stellung nehmen; es stehe ihr ausserdem frei, ein nachträgliches
Baugesuch einzureichen.
Die F._ AG antwortete am 4. Dezember 2018, die Gemeinde habe ihr Schreiben
an die falsche Adressatin gerichtet. Eigentümerin sei die A._ AG. Die
Hauswartswohnung sei wie bewilligt erstellt worden. Sie werde als 3-Zimmer-Wohnung
vermietet. Das vierte Zimmer werde von der A._ AG als Ruhezimmer verwendet.
Die Gemeinde stellte daraufhin der Beschwerdeführerin Kopien ihres Schreibens vom
25. Oktober 2018 und der Stellungnahme der F._ AG zu und bat sie um
Terminvorschläge im Januar/Februar 2019 für eine Besichtigung. Die Beschwerdeführerin
teilte der Gemeinde mit Schreiben vom 23. Januar 2019 mit, dass die Mieterschaft per
31. März 2019 gekündigt habe. Sie werde sich für eine Terminvereinbarung im April
melden.
Mit Verfügung vom 14. März 2019 belegte die Gemeinde Krauchthal die beiden
Wohnungen der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. April 2019 mit einem
Benützungsverbot mit Versiegelung. Sie wies darauf hin, dass das Benützungsverbot
dahinfalle, sobald die als solche bewilligte Hauswartswohnung wieder der rechtmässigen
Nutzung zugeführt werde oder für die zweite Wohnung eine entsprechende Bau- und
Nutzungsbewilligung vorliege. Weiter wies sie auf die Möglichkeit eines nachträglichen
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Baugesuchs hin, drohte eine Busse bei Nichtbefolgung an und behielt die Einziehung
widerrechtlicher Gewinne vor.
2. Gegen diese Verfügung reichte die Beschwerdeführerin am 12. April 2019
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragt die Aufhebung der angefochtenen Verfügung.
3. Am 20. März 2019 führte die Gemeinde eine Besichtigung der streitigen
Räumlichkeiten durch. Dabei stellte sie fest, dass in der Liegenschaft zwei Wohnungen
bestehen, nämlich eine 3,5-Zimmer-Wohnung sowie ein mittels Schiebewand in zwei
Zimmer unterteilbares Studio mit Küche sowie WC/Dusche.
Am 12. April 2019 reichte die Beschwerdeführerin bei der Gemeinde einen Plan ein, auf
welchem der Einbau der Küche im vierten Zimmer und der Verzicht auf die Verbindungstür
zu diesem dargestellt sind. Im Begleitschreiben stellte sie sich auf den Standpunkt, es
handle sich um eine nicht baubewilligungspflichtige Veränderung des bewilligten Projekts.
Gleichentags beantragte ihre Rechtsvertreterin eine Verlängerung der Frist zur Einreichung
eines nachträglichen Baugesuchs.
Mit Verfügung vom 26. Juni 2019 ordnete die Gemeinde die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustands an, drohte bei Nichtbefolgen die Ersatzvornahme an und räumte
der Beschwerdeführerin die Möglichkeit ein, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen.
Die Beschwerdeführerin hat diese Verfügung bei der BVE angefochten (RA Nr.
120/2019/48). Dieses Verfahren ist noch hängig.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde beantragt mit Stellungnahme
vom 8. Mai 2019 die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung der angefochtenen
Verfügung.
3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG4 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48
BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin durch die angefochtene Verfügung beschwert
und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Verletzung des rechtlichen Gehörs
a) Die Beschwerdeführerin rügt, die Gemeinde habe ihr vor Erlass der angefochtenen
Verfügung das rechtliche Gehör nicht gewährt. Sie habe ihr Schreiben vom 25. Oktober
2019 an die F._ AG gerichtet, welche mit der Beschwerdeführerin nicht identisch
sei.
Zudem rügt die Beschwerdeführerin als Verletzung der Begründungspflicht, dass die
Gemeinde in der angefochtenen Verfügung auf die von der F._ AG vorgebrachten
Argumente nicht eingegangen sei.
b) Das baupolizeiliche Verfahren richtet sich nach den allgemeinen Grundsätzen des
Verwaltungsrechts gegen den oder die Störer. Als Störer gilt, wer die Baurechtswidrigkeit
selbst oder durch Personen, für deren Verhalten er verantwortlich ist, verursacht hat, also
in der Regel die Bauherrschaft (sog. Verhaltensstörer). Als Störer gilt aber auch, wer über
die Sache, welche den ordnungswidrigen Zustand bewirkt, rechtliche oder tatsächliche
Gewalt hat (sog. Zustandsstörer); das ist in der Regel der Grundeigentümer bzw. die
Grundeigentümerin. Nach Art. 46 Abs. 2 BauG ist im Wiederherstellungsverfahren
jedenfalls die Grundeigentümerschaft bzw. die Inhaberin oder der Inhaber des Baurechts
als Partei zu beteiligen.
4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
RA Nr. 120/2019/28 5
Korrekterweise hat die Gemeinde die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 18.
Dezember 2018 am Wiederherstellungsverfahren beteiligt, nachdem sie von der
F._ AG darauf aufmerksam gemacht worden war, dass die Beschwerdeführerin
Grundeigentümerin sei. Die Beschwerdeführerin hat als Verfahrenspartei im
Wiederherstellungsverfahren Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs.
c) Die Beschwerdeführerin und die F._ AG sind unabhängig von einer
allfälligen Konzernverbindung rechtlich selbständige juristische Personen. Daher können
ihnen – ausser bei Vertretungsverhältnissen, welche hier nicht vorliegen – Stellungnahmen
nicht gegenseitig zugerechnet werden. Die Einladung an die F._ AG zur
Stellungnahme gilt daher nicht als Gehörsgewährung an die Beschwerdeführerin und die
Ausführungen der F._ AG können ihr nicht als Wahrnehmung des
Gehörsanspruchs zugerechnet werden.
Entsprechend kann die Beschwerdeführerin aus ihrem Gehörsrecht auch keinen Anspruch
darauf ableiten, dass sich die Gemeinde mit den Argumenten in der Stellungnahme der
F._ AG auseinandersetzt.
d) Die Gemeinde informierte die Beschwerdeführerin am 18. Dezember 2018 mit der
Zustellung einer Kopie ihres Schreibens vom 25. Oktober 2018 über die Vorhaltungen im
Wiederherstellungsverfahren. Nachdem die Beschwerdeführerin für die beabsichtigte
Besichtigung im Januar/Februar 2019 keine Hand geboten hatte, erliess die Gemeinde
ohne Vorankündigung ein Benützungsverbot.
Die angefochtene Verfügung betreffend Benützungsverbot erging somit ohne vorgängige
Gewährung des rechtlichen Gehörs.
e) Der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 21 ff. VRPG5 gibt den Parteien das
Recht, sich zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten
zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern. Er bezweckt, die Wahrheitsfindung zu verbessern und ein faires Verfahren zu
5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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gewährleisten. Auf die vorgängige Anhörung der Verfahrensbeteiligten kann verzichtet
werden, wenn das Interesse an einer sofortigen Verfügung das Interesse an einer
vorgängigen Anhörung überwiegt. Eine Gefahr, die sofortiges Handeln gebietet, darf aber
nicht leichthin angenommen werden.6
Auch bei Erlass einer vorsorglichen Massnahme besteht ein Anspruch auf vorgängige
Gewährung des rechtlichen Gehörs, doch kann gemäss dem Gesagten im Falle der
Dringlichkeit darauf verzichtet werden, wenn das Interesse an einer sofortigen Verfügung
das Interesse an einer vorgängigen Anhörung überwiegt.
f) Die Gemeinde hatte die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 18. Dezember 2018
um Terminvorschläge im Januar/Februar 2019 für eine Besichtigung vor Ort gebeten. Die
Mieterschaft sei entsprechend zu instruieren, damit der Zutritt zu den streitigen
Räumlichkeiten gewährleistet sei.7 Die Beschwerdeführerin antwortete am 23. Januar
2019. Sie teilte mit, dass sich Terminvereinbarungen mit der Mieterschaft aufgrund ihres
Kleinkindes als schwierig gestalteten. Das Mietverhältnis sei seitens der Mieterschaft auf
31. März 2019 gekündigt worden. Die Beschwerdeführerin stellte in Aussicht, dass sie sich
für eine Terminvereinbarung im April 2019 melden werde. Ende Februar 2019 stellte die
Gemeinde fest, dass die streitigen Räumlichkeiten auf der Immobilienplattform
immoscout.ch per sofort bzw. per 1. April 2019 zur Neuvermietung ausgeschrieben waren.8
Es bestand damit Grund zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin die streitigen
Räumlichkeiten trotz des laufenden Wiederherstellungsverfahrens sobald möglich wieder
an Dritte, die nicht in einem Hauswartsverhältnis standen, vermieten wollte. Damit bestand
dringlicher baupolizeilicher Handlungsbedarf. Das Bestehen von Mietverhältnissen kann
die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands behindern, namentlich aufgrund der
Notwendigkeit, bei der Festsetzung der Wiederherstellungsfrist gesetzliche Minimalfristen
für die Kündigung zu beachten9. Die Gemeinde hatte daher ein Interesse, die demnächst
zu erwartende Neuvermietung zu verhindern. Aufgrund der Vorgeschichte konnte sie nicht
auf kooperatives Verhalten der Beschwerdeführerin zählen. Im Falle einer vorgängigen
6 BVR 2012 S. 28 E. 2.3.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N. 20 und Art. 27 N. 5 7 Vorakten, pag. 52 8 Vorakten, pag. 44 ff. 9 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9b/a, letztes Lemma
RA Nr. 120/2019/28 7
Anhörung der Beschwerdeführerin wäre aufgrund der dazu nötigen Zeitspanne zu
befürchten gewesen, dass zwischenzeitlich ein neuer Mietvertrag abgeschlossen und
damit der Zweck des Benützungsverbots (d.h. die Verhinderung eines neuen
Mietverhältnisses) vereitelt würde. Auch für die neue Mieterschaft hätte eine äusserst
unbefriedigende Situation resultieren können. Damit überwog das Interesse an einer
sofortigen Verfügung das Interesse an einer vorgängigen Anhörung. Der Erlass der
angefochtenen Verfügung ohne vorgängige Anhörung der Beschwerdeführerin verletzte
deren Anspruch auf rechtliches Gehör nicht.
g) Im Falle des zulässigen Verzichts auf eine vorgängige Anhörung fliesst aus dem
Gehörsanspruch das Recht der betroffenen Partei, sich nachträglich zur bereits getroffenen
Massnahme zu äussern, woraufhin die Behörde prüft, ob die Massnahme aufrechterhalten
wird oder aufzuheben oder abzuändern ist. Vorliegend führte die Gemeinde am 20. März
2019 eine Besichtigung der streitigen Räumlichkeiten durch, anlässlich derer die
Beschwerdeführerin u.a. zum verhängten Benützungsverbot Stellung nehmen konnte. Die
Gemeinde hat das angefochtene Benützungsverbot aufrechterhalten.10
3. Sachverhaltsabklärung, Rechtswidrigkeit
a) Die Beschwerdeführerin rügt die unrichtige bzw. unvollständige Abklärung des
Sachverhalts. Die Gemeinde habe das Benützungsverbot verfügt, noch bevor sie eine
Besichtigung durchgeführt habe. Sie sei fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die
Beschwerdeführerin zwei separate Wohnungen vermiete. Tatsächlich bestehe nur die
bewilligte 4-Zimmer-Wohnung, welche die Beschwerdeführerin in zwei Varianten
ausgeschrieben habe, da die Vermietung als 3,5-Zimmer-Wohnung oder als 4,5-Zimmer-
Wohnung (unter Einbezug des vierten, separat zugänglichen Zimmers) in Frage komme.
b) Beim angefochtenen Benützungsverbot handelt es sich um eine vorsorgliche
Massnahme.11 Für den Erlass eines vorsorglichen Benützungsverbots reicht es, dass
aufgrund einer summarischen Prüfung die Rechtswidrigkeit der Bautätigkeit glaubhaft ist.12
Die summarische Würdigung erfolgt in der Regel ohne weitere Beweiserhebungen
10 Beschwerde, S. 5 sowie Beschwerdebeilage Nr. 11; Vorakten pag. 38 f. 11 Vgl. Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 4 12 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 6b und N. 7a
RA Nr. 120/2019/28 8
aufgrund der Akten.13 Die Gemeinde hat sich bei Erlass der angefochtenen Verfügung auf
die verfügbaren Akten und Informationen gestützt, namentlich auf die
Baubewilligungsakten betreffend u.a. den Einbau einer Hauswartswohnung im 1. OG, die
Stellungnahmen der F._ AG vom 4. Dezember 2018 sowie der
Beschwerdeführerin vom 23. Januar 2019 sowie die Ausschreibung der Wohnungen bei
immoscout.ch. In diesen erkannte sie Anhaltspunkte für eine rechtswidrige Nutzung. Es ist
es nicht zu beanstanden, dass die Gemeinde das Benützungsverbot ohne vorgängige
Besichtigung erlassen hat.
c) Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin ist die Rechtswidrigkeit (zonenwidrige
Nutzung) glaubhaft. Es ist unbestritten, dass die 3,5-Zimmer-Wohnung ohne
Hauswartsvertrag an Dritte vermietet wurde. Zonenkonform wäre eine Nutzung als
Hauswartswohnung. Es ändert nichts, dass die F._ AG auf dem Formular SB 2
deklariert hatte, dass die Verbindungstür zum vierten Zimmer weggelassen worden sei.14
Dies konnte nicht dazu führen, dass die Baubewilligung auf weitere Nutzungsarten
(Vermietung an Dritte ohne Hauswartsfunktion) ausgedehnt wurde und auch die
Ausgestaltung des vierten Zimmers als selbständig nutzbare Wohnung mit eigener Küche
umfasste. Eine Baubewilligung kann nicht stillschweigend erteilt werden.15 Bauherrschaft
und Grundeigentümerschaft dürfen daher auch unter Berücksichtigung des
Vertrauensgrundsatzes nicht davon ausgehen, dass eine Baubewilligung nachträglich
ausgedehnt wird, wenn die Baupolizeibehörde auf eine mitgeteilte Abweichung von der
Baubewilligung nicht sofort reagiert. Im Übrigen hat vorliegend die Gemeinde ein
Baupolizeiverfahren eingeleitet, so dass ohnehin keine Vertrauensgrundlage bestand.
d) Im Betreff der angefochtenen Verfügung ist von "3.5 Zimmerwohnung + 4.5
Zimmerwohnung" die Rede. Anlässlich der seither erfolgten Begehung vom 20. März 2019
hat die Gemeinde festgestellt, dass in der fraglichen Liegenschaft zwei Wohnungen
bestehen, nämlich eine – im Zeitpunkt der Begehung bewohnte – 3,5-Zimmer-Wohnung
mit Küche, Wohnraum, Schlafräumen sowie WC/Dusche sowie eine möblierte, aber dem
Anschein nach unbewohnte 2-Zimmer-Wohnung bzw. ein "Studio". Letzteres besteht nach
den Feststellungen der Gemeinde aus einem Raum, der mittels einer Schiebewand
unterteilt werden kann. Auch dieser verfügt über eine Küche sowie über WC/Dusche.
13 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 27 N. 3 14 Vorakten, pag. 59 15 Zaugg/Ludwig, Art. 45 N. 6 sowie Vorbemerkungen zu Art. 32-44 N. 1a
RA Nr. 120/2019/28 9
Damit sind keine entscheidwesentlichen neuen Sachverhaltserkenntnisse hinzugekommen.
Im Ergebnis macht es keinen Unterschied, dass die zunächst angenommenen Grössen der
Wohnungen nicht zutreffen. Wesentlich ist, dass in Überschreitung der Baubewilligung
zwei Wohnungen erstellt wurden, die jeweils über einen eigenen Eingang sowie über eine
eigene Küche sowie WC/Dusche verfügen, also separat bewohnbar sind. Zudem ist nach
wie vor glaubhaft, dass diese zu zonenwidrigen Zwecken genutzt werden bzw. eine
zonenwidrige Nutzung beabsichtigt ist.
4. Verhältnismässigkeit
a) Die Beschwerdeführerin erachtet die angefochtene Verfügung als
unverhältnismässig.
b) Gemäss Art. 46 Abs. 1 BauG erlässt die zuständige Baupolizeibehörde ein
Benützungsverbot, "wenn es die Verhältnisse erfordern". Die Behörde verfügt dabei über
einen gewissen Beurteilungsspielraum. Vorausgesetzt ist aber, dass das
Benützungsverbot verhältnismässig ist.16 Dies ist der Fall, wenn es geeignet ist, das
angestrebte Ziel zu erreichen, nicht weiter geht, als zur Erreichung dieses Ziels nötig ist,
und die Belastung für die pflichtige Person in einem vernünftigen Verhältnis zum verfolgten
Ziel steht.17
c) Ein Benützungsverbot kann verschiedenen Zwecken dienen. Es kann insbesondere
angeordnet werden um zu verhindern, dass eine bösgläubige Bauherrschaft aus der
Nutzung unrechtmässigen Vorteil ziehen kann. Zudem kann es – unabhängig von der
Bösgläubigkeit – zur Durchsetzung nicht erfüllter Bedingungen der Baubewilligung
dienen.18
Vorliegend hatte die Baupolizeibehörde aufgrund summarischer Würdigung der
verfügbaren Beweise Anlass zur Annahme, dass in Überschreitung der Baubewilligung
zwei separat nutzbare Wohnungen erstellt worden waren und dass eine zonenwidrige
16 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 7 17 Vgl. Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9; BVR 2013 S. 85 E. 5.1 18 Vgl. Zaugg/Ludwig, Art. 46 N. 7
RA Nr. 120/2019/28 10
Vermietung stattfand. Weiter war bekannt, dass das bestehende Mietverhältnis am 31.
März 2019 endete und die Beschwerdeführerin offenbar eine Neuvermietung anstrebte.
Die zu berücksichtigenden Interessen von Mietern können vorläufigen oder definitiven
Wiederherstellungsanordnungen im Weg stehen. Ausserdem galt es zu verhindern, dass
die Beschwerdeführerin aus der – gemäss summarischer Würdigung – rechtswidrigen
Nutzung weitere Vorteile ziehen könnte. Daher bestand ein baupolizeiliches Interesse
daran, eine Neuvermietung zu verhindern. Das Benützungsverbot mit Siegelung ist zur
Durchsetzung dieser Interessen geeignet, da damit die Beschwerdeführerin nicht frei als
Vermieterin über die Räumlichkeiten verfügen kann. Das angeordnete Benützungsverbot
geht nicht über das Erforderliche hinaus, ist doch ausdrücklich vorgesehen, dass es
dahinfällt, sobald die Räumlichkeiten wieder einer Nutzung als Hauswartswohnung
zugeführt werden bzw. eine Bau- und Nutzungsbewilligung für eine zweite, separat
nutzbare Wohnung vorliegt. Unter dem Gesichtspunkt der Erforderlichkeit ist nicht zu
beanstanden, dass sämtliche zur Wohnnutzung ausgestatteten Räumlichkeiten vom
Benützungsverbot umfasst werden, da aufgrund der Ausschreibungen auf immoscout.ch
und der eigenen Ausführungen der Beschwerdeführerin19 davon auszugehen ist, dass auch
eine allfällige Vermietung als 4,5-Zimmer-Wohnung angestrebt wird. Schliesslich ist das
Benützungsverbot der Beschwerdeführerin auch zumutbar, da es ihr wenig Aufwand
verursacht und dem Erzielen von Mieteinnahmen nur insoweit entgegensteht, als diese
gemäss summarischer Würdigung unrechtmässig erworben würden.
Die Rüge der Unverhältnismässigkeit erweist sich demnach als unbegründet.
d) Das Benützungsverbot bleibt als vorsorgliche Massnahme bis zum rechtskräftigen
Abschluss des Baubewilligungs- oder Wiederherstellungsverfahrens bestehen.20 Die
allfällige Einreichung eines nachträglichen Baugesuchs böte keinen Anlass, daran etwas
zu ändern. Auch eine künftige Bewilligung für die streitige Nutzung würde die bereits davor
– ohne entsprechende Bewilligung – erzielten Mieteinnahmen nicht rechtmässig werden
lassen. Die Verhältnismässigkeit des angefochtenen Benützungsverbots bliebe daher auch
bei Einreichung eines nachträglichen Baugesuchs gewahrt, umso mehr als die
Beschwerdeführerin bereits in der Vergangenheit mutmasslich unrechtmässige
Mieteinnahmen erzielen konnte.
19 Beschwerde, S. 7 20 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 4 a.E.
RA Nr. 120/2019/28 11
5. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als unbegründet. Sie ist daher
abzuweisen und die angefochtene Verfügung ist zu bestätigen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV21).
c) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 4 VRPG).