# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** e83fe2e6-34b4-42c4-a2ad-837d1ca46726
**Court:** SG_VGN
**Chamber:** SG_VGN_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Am Dienstag, 24. März 2015, um 10.21 Uhr beobachteten zwei Polizisten der
Stadtpolizei St. Gallen, welche von der Liegenschaft Bohl 2 aus das Geschehen auf
dem Marktplatz überwachten, wie der Personenwagen mit dem amtlichen Kennzeichen
SG 000000 auf der Marktgasse in Richtung Marktplatz gelenkt und bei der Wartelinie
zum Signal „Kein Vortritt“ angehalten wurde. Von links näherte sich ein Trolleybus der
Linie 4 in Richtung „Guggeien“. Weil die Lenkerin des Personenwagens die Fahrt
fortsetzte, bremste die Lenkerin des Busses kräftig und hupte. Daraufhin beschleunigte
die Lenkerin des Personenwagens ihr Fahrzeug, wodurch eine Kollision verhindert
wurde. Die Stadtpolizei befragte am 26. März 2015 die Lenkerin des Busses und am
9. April 2015 A.Y., welche als Lenkerin des Personenwagens eruiert worden war, zum
Vorfall. Am 20. April 2015 verzeigte sie A.Y. beim Untersuchungsamt St. Gallen wegen
Missachtung des Signals „Kein Vortritt“ mit konkreter Gefährdung eines Linienbusses.
Eine Kopie der Anzeige ging an das Strassenverkehrsamt. Mit Strafbefehl vom 18. Mai
2015 wurde A.Y. wegen Missachtung des Signals „Kein Vortritt“ mit konkreter
Gefährdung eines Linienbusses mit CHF 300 gebüsst. Der Strafbefehl wurde
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rechtskräftig, nachdem A.Y. ihre Einsprache durch ihren Rechtsvertreter am 29. Juni
2015 zurückziehen liess.
B. Bereits vor dem Erlass des Strafbefehls eröffnete das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt am 27. April 2015 wegen des Vorfalls vom 24. März 2015 ein
Administrativmassnahmeverfahren gegen A.Y. (geb. 1944) und stellte ihr die Anordnung
einer vertrauensärztlichen Untersuchung in Aussicht. Ihr Rechtsvertreter, der am
26. Mai 2015 Einsicht in den Polizeirapport und am 18. Juni 2015 Kenntnis des letzten
ärztlichen Attests zur Fahreignung von A.Y. erhalten hatte, verzichtete am 29. Juni 2015
auf Einwände. Der Vertrauensarzt befürwortete im Bericht vom 11. Juli 2015 die
Fahreignung von A.Y. uneingeschränkt. In der Folge entzog das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt A.Y. am 11. August 2015 den Führerausweis wegen einer
mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften – der
vortrittsberechtigte Trolleybus habe nur durch ein „massives“ beziehungsweise
„starkes“ Bremsen eine Kollision verhindern können und die konkrete Gefährdung,
welche für die Passagiere des Busses bestanden habe, könne somit nicht mehr von
der Hand gewiesen werden – für die Dauer eines Monats. In der Begründung wurde
fälschlicherweise – und anders als in der Darstellung zur Gewährung des rechtlichen
Gehörs, in welcher jedoch ebenfalls ein einmonatiger Warnungsentzug wegen einer
mittelschweren Widerhandlung in Aussicht gestellt worden war – festgestellt, A.Y. habe
einen Verkehrsunfall verursacht.
Die Verwaltungsrekurskommission wies den gegen die Verfügung vom 11. August 2015
erhobenen Rekurs am 25. Februar 2016 ab. Sie ging im Wesentlichen davon aus,
Polizisten und Lenkerin des Trolleybusses führten nachvollziehbar aus, die Kollision sei
unmittelbar bevorgestanden und habe nur knapp verhindert werden können. Der Bus
habe massiv abgebremst werden müssen. Die exakte Distanz der Fahrzeuge bei der
Fortsetzung der Fahrt durch A.Y. sowie die genaue Ausgangsgeschwindigkeit des
Busses seien nicht von grosser Relevanz. Da die gefährdeten Verkehrsteilnehmer –
nämlich die Buspassagiere – klar bestimmt werden könnten und die Kollision
unmittelbar bevorgestanden sei, handle es sich nicht mehr um eine erhöhte abstrakte,
sondern um eine konkrete Gefährdung. Sie hätten bei einer Kollision oder bereits durch
das Abbremsen stürzen und sich erheblich verletzen können. Mangels geringer Gefahr
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sei die Widerhandlung mittelschwer. Ob auch das Verschulden von A.Y. nicht mehr
leicht sei, könne offen bleiben.
C. A.Y. (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 29. Februar 2016 versandten
Rekursentscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 15. März 2016 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den
Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge und nach mündlicher Verhandlung
sowie Befragung der zwei Polizeibeamten und der Lenkerin des Trolleybusses,
eventuell der Einholung einer Expertise, sei der angefochtene Entscheid aufzuheben
und von einer Administrativmassnahme, eventuell dem Warnungsentzug abzusehen.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 7. April 2016 unter Verweis auf die
Begründung des angefochtenen Entscheides die Abweisung der Beschwerde. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt (Beschwerdegegner) verzichtete mit Vermerk
vom 11. April 2016 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Begründung des angefochtenen Entscheides und die Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihres Rechtsbegehrens sowie die Akten wird,

## Considerations

soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2. Die Beschwerdeführerin beantragt die Durchführung einer mündlichen Verhandlung
im Beschwerdeverfahren. Da mit dem Entzug des Führerausweises zu Warnzwecken
nach einer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften ein Entscheid über
die Stichhaltigkeit einer strafrechtlichen Anklage im Sinn von Art. 6 Ziff. 1 der
Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR
0.101, EMRK) in Frage steht (vgl. BGE 133 II 331 E. 4.2, 121 II 22), hat die
Beschwerdeführerin Anspruch darauf, dass im kantonalen Verfahren eine öffentliche
Verhandlung durchgeführt wird (BGer 6A.47/2000 vom 23. Januar 2001 E. 1b mit
Hinweis auf BGE 121 II 219 E. 2b). Im mehrinstanzlichen Verfahren muss mindestens
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einmal vor einem Gericht mit voller Kognition eine öffentliche Verhandlung stattfinden,
sofern die Parteien nicht ausdrücklich oder stillschweigend darauf verzichten (6P.95
und 6S.173/2006 vom 8. August 2006 E. 2.2.2 mit Hinweis auf BGE 125 II 417 E. 4f und
123 I 87 E. 2b/c). Im Administrativverfahren nach dem Strassenverkehrsgesetz wird die
mündliche und öffentliche Verhandlung vor der Verwaltungsrekurskommission
durchgeführt. Wird der Anspruch in jenem Verfahren nicht geltend gemacht, ist er
verwirkt (GVP 2015 Nr. 63). Die Beschwerdeführerin hat in der Rekurseingabe vom 27.
August 2015 und in der Rekursergänzung vom 14. September 2015 vor Vorinstanz eine
mündliche „Hauptverhandlung“ beantragt. Am 12. Februar 2016 hat sie jedoch
ausdrücklich auf einen „mündlichen Vortrag an der Hauptverhandlung verzichtet“ (act.
7/14). Unter diesen Umständen hat sie keinen Anspruch mehr darauf, dass die
Angelegenheit vor einem Gericht mündlich verhandelt wird. Der Antrag ist deshalb
abzuweisen.
3. Nach Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, SVG) wird nach
Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren
nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03, OBG) ausgeschlossen ist, der Lernfahr-
oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet in Art. 16a bis 16c SVG zwischen leichten, mittelschweren und schweren
Widerhandlungen. Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 Ingress und lit. a SVG). Eine schwere
Widerhandlung liegt vor, wenn durch eine grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine
ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird
(Art. 16c Abs. 1 Ingress und lit. a SVG). Die mittelschwere Widerhandlung (Art. 16b Abs.
1 Ingress und lit. a SVG) stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht
alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle
qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (vgl. BGE 135
II 138 E. 2.2.2). Zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin eine Verkehrsregel verletzt
(dazu nachfolgend Erwägung 4) und dadurch eine mittelschwere Widerhandlung
begangen hat (dazu nachfolgend Erwägung 5) und welche Administrativmassnahme
gegebenenfalls gerechtfertigt ist (dazu nachfolgend Erwägung 6).
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4. Zumal die Beschwerdeführerin beantragt, es sei von einer Administrativmassnahme
– mithin auch von einer Verwarnung – abzusehen, ist vorab zu klären, ob sie am 24.
März 2015 um 10.21 Uhr beim Befahren der Einmündung der Marktgasse auf den
Marktplatz Verkehrsregeln verletzt hat.
4.1. Gemäss Art. 27 Abs. 1 SVG sind Signale zu befolgen. Das Signal „Kein Vortritt“
verpflichtet den Führer, den Fahrzeugen auf der Strasse, der er sich nähert, den Vortritt
zu gewähren (Art. 36 Abs. 2 Satz 1 der Signalisationsverordnung; SR 741.21, SSV). Wer
zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf den Vortrittsberechtigten gemäss Art.
14 Abs. 1 Satz 1 der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, VRV) in seiner Fahrt nicht
behindern. Die Rechtsprechung bejaht eine Behinderung, falls der Berechtigte seine
Fahrweise brüsk ändern muss, das heisst vor, auf oder kurz nach einer Verzweigung zu
brüskem Bremsen, Beschleunigen oder Ausweichen gezwungen wird, gleichgültig ob
es zu einem Zusammenstoss kommt oder nicht (vgl. BGer 6B_930/2013 vom 3.
Februar 2014 E. 2.3 mit Hinweis auf BGE 114 IV 146). Die Begriffseinschränkung –
früher wurde eine Behinderung bereits angenommen, wenn der Vortrittsberechtigte
seine Fahrt nicht gleichmässig und ungestört fortsetzen konnte – soll den besonderen
Verhältnissen bei hohem Verkehrsaufkommen Rechnung tragen. Das darf aber nicht
zur Entwertung des Vortrittsrechts – einer Grundregel des Strassenverkehrs – führen.
Solche Regeln müssen klar und einfach zu handhaben sein. Deshalb ist unter dem
Gesichtspunkt von Art. 14 Abs. 1 VRV eine erhebliche Behinderung nur
ausnahmsweise zu verneinen. Die Erheblichkeit der Behinderung kann nicht davon
abhängen, ob der Vortrittsberechtigte diese erwartet und sich darauf einstellt, dass sie
sich verwirklichen könnte. Er darf grundsätzlich davon ausgehen, dass sein Recht
beachtet wird. Er muss das zur Abwendung der Gefahr Zumutbare erst vorkehren,
wenn konkrete Anhaltspunkte erkennen lassen, dass der andere Verkehrsteilnehmer
sich nicht richtig verhalten wird (vgl. BGer 6B_453/2012 vom 19. Februar 2013 E. 2.2.2,
6B_821/2014 vom 2. April 2015 E. 1.3).
4.2. Der Strafbefehl vom 18. Mai 2015 ist nach Rückzug der Einsprache am 29. Juni
2015 rechtskräftig geworden. Im Strafbefehl selbst wird als Sachverhalt die
Missachtung des Signals „Kein Vortritt“ mit konkreter Gefährdung eines Linienbusses
festgestellt. Dabei handelt es sich indessen um eine rechtliche Würdigung. In
tatsächlicher Hinsicht hat die Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen Befugnissen auf
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die Darstellung im Polizeirapport vom 20. April 2015 sowie die Protokolle der
polizeilichen Befragungen der Lenkerin des Busses am 26. März 2015 und der
Beschwerdeführerin am 9. April 2015 abgestellt. Das mit dem Vorfall vom 24. März
2015 zusammenhängende Administrativverfahren war bereits am 27. April 2015
eröffnet wurden. Unter diesen Umständen musste die rechtskundig vertretene
Beschwerdeführerin davon ausgehen, dass entsprechend dem Grundsatz der Bindung
der Administrativbehörde an die tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren (vgl.
insbesondere BGE 119 Ib 158 E. 3c/aa) auch die Administrativbehörden ihrer
Beurteilung den Polizeirapport und die Befragungsprotokolle zugrunde legen würden.
Daran vermag nichts zu ändern, dass der Beschwerdegegner einen Warnungsentzug
erst am 14. Juli 2015 ins Auge fasste, nachdem die Fahreignung der 1944 geborenen
Beschwerdeführerin nach einer vertrauensärztlichen Untersuchung zu bejahen war.
Abgesehen davon führt auch die eigenständige Feststellung der Tatsachen durch die
Administrativbehörde nicht zu einem vom Strafbefehl abweichenden Ergebnis.
4.3. Die Vorinstanz stellte fest, die Lenkerin eines vortrittsberechtigten Linienbusses
habe massiv beziehungsweise stark abbremsen müssen, weil die vortrittsbelastete
Beschwerdeführerin bei der Wartelinie zum Signal „Kein Vortritt“ an der Einmündung
der Marktgasse auf den Marktplatz die Fahrt mit ihrem Personenwagen fortgesetzt
habe. Gleichzeitig habe die Beschwerdeführerin ihren Personenwagen beschleunigt.
Nur so habe eine Kollision vermieden werden können. Nach der Darstellung in der
Beschwerde (Rz. 59) hatte die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt, als die Lenkerin des
Busses die Lichthupe betätigt habe, um ihr anzuzeigen, dass die Fahrspur des Busses
bis zu dessen Durchfahrt geräumt sein müsse, diese Fahrspur bereits überquert gehabt
und sei ihm nicht im Weg gestanden.
Die Beschwerdeführerin zieht zwar die Sachverhaltsschilderungen der Polizei und der
Lenkerin des Busses, soweit es um Angaben zu Distanzen und Geschwindigkeiten
geht, mit einem gewissen Recht in Zweifel. Die Aussagen können diesbezüglich
teilweise widersprüchlich – der Personenwagen sei (bei der Wartelinie) losgefahren, als
der Bus fünf bis sechs Meter entfernt gewesen sei (Antwort zu Frage 6 der polizeilichen
Befragung; act. 2/12); zu diesem Zeitpunkt (als die Lenkerin des Busses die Hupe
betätigte) sei der Personenwagen fünf bis sechs Meter vor dem Bus quer zu dessen
Fahrspur gestanden (Frage 13 der polizeilichen Befragung der Beschwerdeführerin;
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act. 2/10) – erscheinen und geben physikalisch unwahrscheinliche Abläufe des
Geschehens – keine Kollision bei Einleitung der Bremsung des Busses selbst bei
Bremsbereitschaft, als der Personenwagen der Beschwerdeführerin fünf bis sechs
Meter vor dem Bus an der Wartelinie losfuhr – wieder. Indessen stellt sie in ihrer
Darstellung des Sachverhalts nicht ausdrücklich in Abrede, dass die Kollision nur durch
ein Bremsmanöver des Busses und die Beschleunigung ihres Personenwagens
vermieden wurde.
Aus den Aussagen der Beteiligten und der den Vorfall beobachtenden Polizisten ist
abzuleiten, dass die Lenkerin des Busses aufgrund des Verkehrsverhaltens der
Beschwerdeführerin zu einem für einen Trolleybus im Linienverkehr unüblich starken
Bremsmanöver gezwungen wurde. Die den Vorfall beobachtenden Polizisten stellten
fest, dass die Lenkerin des Trolleybusses ihr schweres Gefährt massiv habe
abbremsen müssen, weil die Beschwerdeführerin ihre Fahrt – nachdem sie an der
Wartelinie zum Signal „Kein Vortritt“ angehalten hatte – wieder aufnahm, obwohl sich
von links ein Linienbus der Verzweigung näherte. Den Schilderungen der Lenkerin des
Busses ist zu entnehmen, dass sie in der konkreten Situation abzuwägen hatte, ob sie
durch eine Vollbremsung eine Kollision vermeiden – “ich versuche jeweils eine
Vollbremsung zu verhindern, damit die Passagiere im Innern des Busses nicht
stürzen“ (Antwort zu Frage 8 der polizeilichen Befragung der Lenkerin des Busses; act.
2/12) – oder mit einem bloss brüsken Bremsmanöver eine allenfalls geringfügige
Kollision – “zuerst dachte ich, ich würde mit der Front meines Busses gegen die
hintere, linke Ecke des Personenwagens prallen“ (Antwort zu Frage 6 der polizeilichen
Befragung der Lenkerin des Busses; act. 2/12) – in Kauf nehmen sollte. Die Lenkerin
des Busses fuhr nach dem Vorfall mit Herzklopfen die Haltestelle Marktplatz an
(Antwort zu Frage 7 der polizeilichen Befragung der Lenkerin des Busses; act. 2/12).
Dass die Beschwerdeführerin den von links nahenden Trolleybus nicht wahrgenommen
hatte, als sie ihre Fahrt an der Wartelinie wieder aufnahm, ist aus ihren eigenen
unterschriftlich bestätigten Schilderungen gegenüber der Polizei zu schliessen. Sie
habe sich auf einen rechts stillstehenden Bus vor dem McDonalds in Fahrtrichtung
Bahnhof konzentriert. Nach links habe sie nicht mehr geschaut. Auf einmal habe sie
von links das Blinken einer Lichthupe bemerkt. Zu diesem Zeitpunkt habe sie den von
links nahenden Bus zum ersten Mal gesehen. In der Folge habe sie ihren Wagen
beschleunigt (Antwort zu Frage 10 der polizeilichen Befragung der Beschwerdeführerin;
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act. 2/10). Dass die Beschwerdeführerin den vortrittsberechtigten Bus erst in einem
Moment wahrnahm, in welchem eine Kollision nur noch einerseits durch ein brüskes
Bremsmanöver der Lenkerin des Busses und anderseits durch das Beschleunigen des
Personenwagens durch die Beschwerdeführerin vermieden werden konnte, wird auch
durch die Wahrnehmung der Lenkerin des Busses bestätigt, die aus dem
Gesichtsausdruck ableitete, dass die Beschwerdeführerin ob des Hupsignals erschrak
(Antwort zu Frage 6 der polizeilichen Befragung der Lenkerin des Busses; act. 2/12).
4.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die vorinstanzliche Feststellung des
Sachverhalts im Einklang mit dem Kern der Aussagen der Beteiligten und der den
Vorfall beobachtenden Polizisten steht. Nachdem die Angaben zu Distanzen und
Geschwindigkeiten bereits kurz nach dem Vorfall nicht einheitlich waren, ist ohne
weiteres davon auszugehen, dass eine erneute Befragung der Polizisten, der Lenkerin
des Busses und der Beschwerdeführerin zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall keine
zuverlässigere Klärung dieser Details des Ereignisablaufs bringen würde. Ein Gutachten
müsste ebenfalls davon ausgehen, dass die Kollision aufgrund eines Bremsmanövers
des Linienbusses und der Beschleunigung des Personenwagens durch die
Beschwerdeführerin vermieden wurde. Um das Ausmass der konkreten Gefährdung
der Buspassagiere quantifizieren zu können, wäre die vom Bremsvorgang ausgelöste
Geschwindigkeitsverzögerung zu ermitteln. Da allerdings auch ein Gutachter für
Ausgangsgeschwindigkeiten und Distanzen Annahmen treffen müsste, könnte ein
solches Gutachten lediglich eine Bandbreite der denkbaren Verzögerungswerte
ermitteln (vgl. dazu auch BGer 6B_821/2014 vom 2. April 2015 E. 1.4). Unter diesen
Umständen ist in vorweggenommener Beweiswürdigung davon auszugehen, dass die
Überzeugung des Gerichts durch die Abnahme der von der Beschwerdeführerin
beantragten Beweismittel nicht geändert würde (vgl. dazu BGE 136 I 229 E. 5.3). Die
Anträge auf Einvernahme von Zeugen und Einholung eines Gutachtens sind deshalb
abzuweisen. In der Folge erweisen sich auch die Rügen, die Vorinstanz habe – indem
sie den entsprechenden Beweisanträgen im Rekursverfahren nicht folgte – das
rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt und den Sachverhalt fehlerhaft oder
unvollständig festgestellt, als unbegründet.
Die Beschwerdeführerin hat demnach am 24. März 2015 um 10.21 Uhr als Lenkerin
des Personenwagens mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000000 das Signal „Kein
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Vortritt“ bei der Einmündung der Marktgasse auf den Marktplatz in St. Gallen
missachtet und einen von links kommenden vortrittsberechtigten Trolleybus zu einem
im Linienverkehr unüblich starken Bremsmanöver gezwungen. Dadurch hat sie Art. 27
Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 36 Abs. 2 SSV und Art. 14 Abs. 1 VRV verletzt.
5. Ist die von der Beschwerdeführerin verursachte Gefährdung nicht mehr als gering
(dazu nachfolgend Erwägung 5.1) oder ihr Verschulden nicht mehr als leicht (dazu
nachfolgend Erwägung 5.2) zu qualifizieren, ist die Annahme einer leichten
Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 Ingress und lit. a SVG ausgeschlossen.
5.1. Die Anordnung eines Warnungsentzugs setzt eine vom Lenker verschuldete,
konkrete oder jedenfalls erhöhte abstrakte Gefährdung anderer Personen voraus. Ob
eine konkrete, eine erhöhte abstrakte oder eine abstrakte Gefährdung geschaffen
worden ist, kann nicht aufgrund der blossen Feststellung einer Verkehrsregelverletzung
beurteilt werden, sondern hängt von der konkreten Situation ab, in welcher sie
begangen wird. Eine abstrakte Gefährdung als solche reicht nicht aus. Eine erhöhte
abstrakte Gefahr besteht, wenn die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder
Verletzung naheliegt (vgl. BGer 1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.2 mit
Hinweis auf BGer 1C_3/2008 vom 18. Juli 2008 E. 5.2, BGE 131 IV 133 E. 3.2). Vor
diesem Hintergrund hat das Bundesgericht eine geringe Gefahr angenommen, wenn
die Verkehrsregelverletzung letztlich als Folge eines Zusammenspiels unglücklicher
Umstände erscheint (vgl. BGer 1C_267/2010 vom14. September 2010 E. 3.2; BGE 127
II 302 E. 3d).
Für den vorliegenden Fall gilt es zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin
einem Trolleybus im Linienverkehr den Vortritt verwehrte. Die ungenügende
Aufmerksamkeit der Beschwerdeführerin hat zwar nicht zu einer Kollision und zu
tatsächlichen Verletzungen anderer Verkehrsteilnehmer geführt, aber doch eine
konkrete Gefahr für die Lenkerin und die von ihr auf zwanzig Personen geschätzten
Passagiere des Linienbusses geschaffen. Um eine Kollision mit dem Personenwagen
der Beschwerdeführerin zu vermeiden, musste die Lenkerin des Trolleybusses unüblich
stark bremsen. Das genaue Ausmass der Bremsung ist zwar nicht bekannt. In einem
Trolleybus im Linienverkehr, in welchem regelmässig Passagiere auch während der
Fahrt stehen und sich – insbesondere wie vorliegend vor Haltestellen – zum Ausstieg
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bewegen, kann auch eine nur unwesentlich über dem üblicherweise zu Erwartenden
liegende Bremsung zu Verletzungen führen. Dass sich tatsächlich niemand verletzte, ist
zudem vor allem dem Umstand zu verdanken, dass die Lenkerin des Trolleybusses im
Interesse der Passagiere auf eine Vollbremsung verzichtete und – für den Fall, dass die
Beschwerdeführerin ihren Personenwagen nicht ausreichend beschleunigt hätte – eine
Kollision bei relativ tiefer Geschwindigkeit in Kauf nahm. Hätte sich die Lenkerin des
Trolleybusses für eine Vollbremsung entschieden, wäre die Gefahr der Verletzung von
Passagieren noch näher gelegen. Die Gefährdung blieb deshalb insoweit nicht
abstrakt, als die Kollision nur knapp vermieden wurde und die Möglichkeit der
Verletzung von Buspassa-gieren bereits bei der für den Linienverkehr unüblich starken
Bremsung des Trolleybusses nahe lag. Offen bleiben kann unter diesen Umständen, ob
die Beschwerdeführerin zugleich eine erhöhte abstrakte Gefährdung für allfällige
Verkehrsteilnehmer, auf welche ihr der Trolleybus die Sicht versperrte, geschaffen hat,
weil sie mit der Beschleunigung beim Linksabbiegen möglicherweise eine
Geschwindigkeit erreichte, welche den Verkehrs- und Sichtverhältnissen nicht mehr
angepasst war.
5.2. Im Übrigen erscheint auch das Verschulden der Beschwerdeführerin nicht mehr als
leicht. Beim Vortrittsrecht handelt es sich um eine Grundregel des Strassenverkehrs.
Schwierige Verkehrsbedingungen setzen die geforderte Sorgfalt allgemein herauf (BGer
1C_61/2015 vom 1. Mai 2015 E. 3.5).
Die Verkehrssituation bei der Einmündung der Marktgasse auf den Marktplatz ist
komplex. Der Marktplatz, in welchen die Beschwerdeführerin nach links einbog, ist
insbesondere ein Knotenpunkt für zahlreiche Linien des öffentlichen Verkehrs, über
welchen – nebst dem privaten Individualverkehr mit Automobilen, Fahrrädern und
Fussgängern – Taxis, Postautos, Auto- und Trolleybusse und die Trogenerbahn geführt
werden. Dieser Umstand verlangt von Motorfahrzeuglenkern, welche von der
Marktgasse in den Marktplatz einbiegen wollen und den anderen aus verschiedenen
Richtungen nahenden regelmässig zahlreichen Verkehrsteilnehmern den Vortritt
belassen müssen, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Daran darf vor allem auch nichts
ändern, wenn der Zweck der Fahrt die Suche nach einem Parkplatz ist. Die
Beschwerdeführerin schildert denn auch selbst, dass ihre Aufmerksamkeit – nach
einem Blick nach links zu den Taxistandplätzen – auf einen von rechts kommenden Bus
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gerichtet war. Anschliessend hat sie sich nicht erneut gegen links darüber
vergewissert, dass sich kein vortrittsberechtigtes Fahrzeug nähert. Den Trolleybus hat
sie – entsprechend ihrer eigenen Schilderung – erst wahrgenommen, als er mit einem
Warnsignal auf sich aufmerksam machte. Damit wurde sie den Anforderungen an die
von der Verkehrssituation gebotenen Aufmerksamkeit nicht gerecht.
5.3. Somit ist die von der Beschwerdeführerin begangene Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften sowohl mangels geringer Gefahr für die Sicherheit
anderer als auch mangels leichten Verschuldens nicht mehr als leicht im Sinn von Art.
16a Abs. 1 Ingress und lit. a SVG, sondern als mittelschwer im Sinn von Art. 16b Abs. 1
Ingress und lit. a SVG zu bewerten. Die Bejahung einer mittelschweren Widerhandlung
beruht im Übrigen nicht auf der Bindungswirkung des Strafbefehls und steht auch nicht
im Widerspruch zu ihm. Die Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen Befugnissen hat
die Beschwerdeführerin im ordentlichen Strafverfahren – und nicht im
Ordnungsbussenverfahren – in Anwendung von Art. 90 Ziff. 1 SVG gebüsst. Diese
Bestimmung umfasst sowohl die leichte als auch die mittelschwere Widerhandlung
(vgl. BGE 128 II 139 E. 2c).
6. Nach einer mittelschweren Widerhandlung wird der Führerausweis für mindestens
einen Monat entzogen (Art. 16b Abs. 2 Ingress und lit. a SVG). Die gesetzliche
Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3 Satz 2 SVG; vgl.
BGE 141 II 220 E. 3.3.3, 135 II 334 E. 2.2, 138 E. 2.4, 132 II 234 E. 2). Die Vorinstanz
hat demnach die vom Beschwerdegegner angeordnete Entzugsdauer von einem Monat
zu Recht nicht beanstandet.
7. (...).