# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** bd33e3f8-0e3c-445c-8b29-d1e2e32ac584
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1984 geborene
X._
war zuletzt vom
1.
Februar 2013 bis 3
1.
Dezem
ber 2015 als Produktionsarbeiter bei der
Z._
AG angestellt. Am
1.
Juni 2015 meldete er sich unter Hinweis auf Rückenbeschwerden bei der Invalidenversiche
rung zum
Leistungsbezug an (Urk. 10/2, Urk. 10/18 und Urk. 10/36). Die Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und er
werbliche Abklärungen und liess den Versicherten durch die
A._
GmbH polydisziplinär (allgemeininternistisch, neurolo
gisch,
psychiatrisch, orthopädisch) begutachten (Expertise vom 31. Mai
2016; Urk. 10/58
/2-26).
Mit
Verfügung vom 2
3.
November 2016 (
Urk.
10/
76
) wies sie das Leistungsbegehren ab. Die vom Versicherten dagegen erhobene Beschwerde (
Urk.
10/
77/3-6
) wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 2
5.
Juli 2018 (Prozess-Nr. IV.2016.01420;
Urk.
10/
92
) ab.
1.2
Am
1
0.
Juli 2019
meldete sich der Versicherte unter Hinweis auf
psychische Störungen
und eine posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS)
erneut zum Leis
tungs
bezug an (
Urk.
10/
94
). Die IV-Stelle tätigte wiederum medizinische und erwerbliche Abklärungen und liess den Versicherten durch die
B._
AG
MEDAS
C._
polydisziplinär (allgemeininternistisch, neurologisch, psychiatrisch,
rheumatologisch, neuropsychologisch
) begutachten (Expertise vom
2
4.
August
20
20
; Urk. 10/
122
). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
10/129
un
d
Urk.
10/145
) wies sie das
Leistungsbegehren
mit Verfügung vom 1
6.
März 2021 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 1
4.
April 2021 Beschwerde (Urk. 1) und be
antragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es se
ien ihm Integra
tionsmassnahmen beziehungsweise Massnahmen beruflicher Art zuzusprechen.
Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Am
2
5.
Mai 2021
(Urk.
9
) beantragte die IV-Stelle, die Beschwerde sei abzuweisen, was dem Be
schwerdeführer mit Verfügung vom
3
1.
Mai 2021
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
11
).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
).
1.4
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hin
weis).
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zuspre
chung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Renten
an
spruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Ände
rung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich geblie
be
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs-
oder Auf
gabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner
kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hin
sichtlich des für die Methodenwahl massgeblichen (hypothetischen) Sachver
halts bestehen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 130 V 343 E. 3.5, 117 V 198 E. 3b, je mit Hin
weisen). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wes
ent
lichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisions
rechtlichen Kontext unbe
acht
lich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
licher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
D
asselbe gilt gemäss der Rechtsprechung auch bei einer Neuanmeldung von Eingliederungsleistungen
(BGE 109 V 119 E. 3a, vgl. auch 125 V 410 E. 2b; AHI 2000 S. 233 E. 1b).
1.
5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete die angefochtene leistungsabweisende Ver
fügung vom
1
6.
März 2021 (Urk. 2) damit, es habe keine Erkrankung festgestellt werden können, die eine langandauernde Arbeitsunfähigkeit begründen könnte. Im Rahmen der Begutachtung seien Aggravationstendenzen festgestellt worden, weshalb der Rechtsanwender das strukturierte Beweisverfahren durchgeführt habe. Auf das Gutachten werde zwar abgestellt, doch habe keine Diagnose fest
gestellt werden können, welche sich langandauernd auf die Arbeitsfähigkeit aus
wirke. Es sei kein invalidisierender Gesundheitsschaden vorhanden. Es bestehe daher weder Anspruch auf Ausrichtung einer Rente der Invalidenversicherung noch auf Durchführung beruflicher Massnahmen (S. 2).
2.2
Der
Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
aus Sicht der Gutachterstelle sei er für die nächsten 12 Monate in jeglicher Tätigkeit zu 50
%
arbeitsunfähig. Er sei sehr motiviert, wieder arbeiten zu gehen, doch benötige er dafür professionelle Unterstützung durch die Beschwerdegegnerin
(S.
2). Trotz gewisser Aggravation habe der Gutachter eine Diagnose mit Krank
heitswert als gegeben erachtet und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Die Beschwerdegegnerin habe sich darüber hinweggesetzt und einen Leistungsan
spruch wegen Aggravation
verneint. Gemäss
Dr.
med.
D._
, Orthopädische Chirurgie FMH, vom Regio
nalen Ärztlichen Dienst (RAD) erfülle das Gutachten die Kriterien des strukturierten Beweisverfahrens. Es bestehe somit kein Spielraum mehr für die
Beschwerdegegnerin
, um von der medizinisch attestierten Arbeits
unfähigkeit abzuwei
ch
en. Es sei deshalb auf das Gutachten
abzustellen (S. 2-3). Gemäss dem behandelnden
Assistenzarzt
Dr.
med.
E._
von der
Psychiatrie F._
sei er in der freien Marktwirtschaft zu 100
%
arbeitsunfähig. Der psychiatrische Gutachter habe zwar festgehalten, dass die 50%ige Arbeits
unfähigkeit für die nächsten 12 Monate gelten und bei entsprechenden Mass
nahmen dann ein 100
%
-Pensum wieder erreichbar sein solle. D
ie Verbesserung sei jedoch klar prognostisch, weshalb bis auf Weiteres nicht mit einer 100%igen Arbeitsfähigkeit gerechnet werden könne. Der Gesundheitszustand müsste viel
mehr nach einem J
ahr erneut beurteilt werden (S.
3-4).
Sowohl der Gutachter als auch der behandelnde Arzt seien der Ansicht, dass er Unterstützung bei der Wiedereingliederung benötige. Es seien ihm deshalb Integrationsmassnahmen beziehungsweise Massnahmen beruflicher Art zuzusprechen (S. 4-5).
2.3
Sowohl die Ansprüche
auf Invalidenrenten als
auch
auf Eingliede
rungsmass
nahmen
setzen das Bestehen eines
sich auf die Erwerbsfähigkeit auswirkenden
Gesundheitsschadens voraus
. Dieser ist strittig und zu prüfen. Da somit
von
ein
em
Zusammenhang
zwischen den
beurteilten
Leistungsansprüchen in der Verfügung
vom 1
6.
März 2021
und
somit
von
einem
einheitlichen
Streitgegenstand
auszu
gehen ist,
wird
ungeachtet dessen, dass
beschwerdeweise
einzig
Integrations
massnahmen und
Massnahmen beruflicher Art
beantragt werden,
auch der Anspruch auf eine Invalidenrente
geprüft
(vgl. BGE 144 V 354).
3.
Vergleichs
zeitpunkt für eine für die Neuanmeldung relevante Veränderung des Gesund
heitszustands bildet die
vom hiesigen Gericht
mit Urteil vom 2
5.
Juli 2018 (Prozess-Nr. IV.2016.01420;
Urk.
10/92
) bestätigte
Verfügung vom 2
3.
November 2016 (
Urk.
10/76)
, mit wel
cher die Beschwerdegegnerin das Leistungsbegehren abgewiesen hat.
4
.
Beim Erlass der leistungsabweisenden Verfügung vom
2
3.
November 2016
stützte sich die Beschwerdegegnerin unter anderem auf folgende Expertise:
Dr. med.
G._
, FMH Allgemeine Innere Medizin, Dr. med.
H._
, FMH Psy
chiatrie und Psychotherapie, Dr. med.
I._
, FMH Orthopädische Chirurgie, und Dr. med.
J._
, FMH Neurologie, von der
A._
stellten in ihrem Gutachten vom 31. Mai 2016 (Urk. 1
0
/58/2-26) keine Diagnosen mit und folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 23):
-
Schmerzverarbeitungsstörung mit
algogener
Verstimmung
(ICD-10 F54)
-
s
chmerzbedingte Schlafstörung
-
a
namnestisch lumbal betontes panvertebrales Schmerzsyndrom, anamnes
tisch mit Ausstrahlung in den linken Arm und das rechte Bein
-
Eindruck einer nicht adäquaten Schmerzwahrnehmung mit Symptomaus
weitung und Selbstlimitation
-
a
namnestisch unauffällige bildgebende Abklärungen
-
s
ensomotorische Störungen am linken Arm und am rechten Bein nicht orga
nischer Ursache
Dazu führten sie aus,
i
m Vordergrund
ständen die vom Beschwerdeführer
ange
gebenen Rückenschmerzen, welche in Arme und Beine ausstrahlen würden. Bei
der orthopädischen Untersuchung sei ein lumbalbetontes panvertebrales Schmer
z
syndrom ohne
wesentliche klinische Pathologi
en oder degenerative Ver
ände
rungen festgestellt
worden
.
Es
hätten Hinweise auf eine Selbstlimitierung und eine gewisse Symptomausweitung bestanden. Aus
orthopädischer Sicht be
steh
e
keine Einschränkung der Arbeitsf
ä
higkeit für Tätigkeiten, wie
er sie
bisher aus
geübt ha
be (S. 23)
.
Bei
der
neurologischen Untersuchung
seien
keine Pathologien am Nervensystem festgestellt
worden
. Die ausstrahlenden Schmerzen
seien
nicht
radikulär
. Die sen
somotorische Störung am linken Arm und am rechten Bein
könne
nicht einer
peripheren neurologischen Pathologie zugeordnet werden. Aus neurologischer Sicht
bestehe keine Arbeitsunfähigkeit (S. 23 f.).
Bei
der
allgemeininternistischen Untersuchung
seien
keine Diagnosen gestellt
worden
. Die Befunde
seien
unauffällig
gewesen, d
ie Arbeitsfähigkeit
sei nicht eingeschränkt (S. 24).
Bei
der
psychiatrischen Untersuchung
sei
eine Schmerzverarbeitungsstörung mit
algogener
Verstimmung und schmerzbedingter Schlafstörung diagnostiziert
wor
den
. Eine depressive Symptomatik
habe
nicht vor
gelegen
. Die Schmerzverarbei
tungsstörung erklär
e
Beschwerden, welche bei den somatischen Untersuchu
ngen nicht ausreichend hätten objektiviert werden könn
en. Aus psychiatrischer Sicht besteh
e
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
(S. 24).
Aus
polydisziplinärer Sicht
sei der Beschwerdeführer
für eine körperlich leichte bis zumindest mittelschwere Tätigkeit, wie er sie bisher ausgeübt ha
be
, zu 10
0 % arbeits- und leistungsfähig. Zwar fühle er sich nur noch zu 40 % arbeitsfähig.
Die von ihm angegebene Leistungseinschränkung
könne
mit
den
medizinischen Be
funden
jedoch
nicht erklärt werden.
Er sei
im Alltag nicht wesentlich einge
schränkt, betreu
e
die Kinder, ha
be
Kontakt mit der Familie
und könne
auch in die Ferien fahren. Die somatischen Befunde
würden
auch bei einer ganztägigen Er
werbstätigkeit nicht zu einer wesentlichen
Beschwerdeexazerbation
führen
.
Er
könnte seine Ressourcen ausnützen und wieder
zu 100 % erwerbstätig sein (S. 24).
5.
Die angefochtene Verfügung
vom
1
6.
März 2021
basierte unter anderem auf fol
genden Berichten:
5.1
Oberarzt
K._
und
Assistenzarzt
E._
von der
Psychiatrie F._
hielten in ihrem Bericht vom
12. Dezember 2019 (
Urk.
10/105/3-7) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 2):
-
dissoziative Krampfanfälle (
F44.5;
Erstdiagnose 2015)
-
schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (
F22.3;
Erstdia
gnose 2015)
-
undifferenzierte Somatisierungsstörung (
F45.1;
Erstdiagnose 2015)
Dazu führten sie aus,
der Beschwerdeführer stehe seit
vier Jahren in ambulanter psychiatrischer Behandlung, dies
gegenwärtig
mit
wöchentlichen Konsultationen.
Er sei derzeit arbeitslos, es sei keine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. Er leide täglich unter dissoziativen Zuständen. Abgesehen davon sei er sehr reizbar. Er reagiere mit Wutausbrüchen und aggressivem Verhalten, wenn nach seiner An
sicht etwas Unrechtes passiere (S. 1-3). Die bisherige Tätigkeit sei nicht zumutbar,
da er an dissoziativen Zuständen leide. In einem geschützten Rahmen seien an
fänglich vier Stunden pro Tag zumutbar. Derzeit werde von einer sehr schlechten Prognose ausgegangen, was die Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt be
treffe. Eine Tätigkeit in geschütztem Rahmen sei durchaus denkbar. Aus thera
peutischer Sicht wäre ein Arbeitsversuch in geschütztem Rahmen sehr wichtig (S.
4).
5.
2
Prof.
Dr.
med.
L._
,
Facharzt für
Neurologie,
Dr.
med.
M._
,
Facharzt für
Rheumatologie
FMH,
MSc
N._
, Fachpsychologin für
Neuropsychologie
DAS/SVNP
,
Dr.
med.
O._
,
Fachärztin für
Innere Medizin
FMH
, und med.
pract
.
P._
,
Facharzt für
Psychiatrie
und Psychotherapie
,
von der
B._
AG
MEDAS
C._
stellten in ihrem Gutachten vom
2
4.
August
2020
(Urk.
10/122/1-163
) folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S.
11
):
-
sonstige depressive Episoden (larviert,
somatisiert
; ICD-10 F32.8)
Zudem hielten sie folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S.
11
):
-
arterielle Hypertonie
-
Hyperlipidämie
-
c
hronisches
lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
Haltungsin
suffizienz und muskuläre
Dysbalance
-
DD somatoforme Schmerzstörung
-
MRI LWS vom
6.
Januar
2014: kein Nachweis degenerativer oder ent
zünd
l
icher Veränderungen de
r
LWS sowie keine Bedrängung
nervaler
Strukturen de
r
LWS, insbesondere nicht auf Höhe L5/S1
-
Elektrophysiologie vom 2
3.
Januar
2014: unauffällig
-
Ausstrahlung in den
linken Arm und das rechte Bein
-
Eindruck einer nicht adäquaten Schmerzwahrnehmung mit Symptom
aus
weitung und Selbstlimitation
-
cervikocephales
Syndrom
Zudem führten die Gutachter aus, a
ufgrund der mangelnden Mitwirkung des
Be
schwerdeführers
und
der
dadurch erhaltene
n
nicht verwertbare
n
Testwerte
könne
aus rein neuropsychologischer Sicht keine Diagnose gestellt werden. Ebenso
ent
falle
eine für eine Begutachtung in
casu
wichtige Beschwerdevalidier
ung
(S. 11-12)
.
Hinsichtlich Diskrepanzen
beziehungsweise
Inkonsistenzen bei den Begutach
tungen
könne
Folgendes festgehalten werden: Vor
dem Hintergrund des Psy
chostatus und wie dort sowie in der Herleitung angeführt und wie sich auch dem neuropsychologischen Gutachten entnehmen
lasse
,
habe beim Beschwerdeführer
doch etwas mehr als eine Verdeutlichungstendenz
bestanden
,
so
mit seinem
theatralischen, aufgesetzt wirkenden Verhalten, das auch eine gewisse Über
trei
bungstendenz bis hin nahe zur Aggravation
ge
zeigt
habe.
Es
hätten
sich auch Zweifel an der Ausgeprägtheit der Symptome
geregt
. Auch aus somatisch-rheu
matologischer Sicht
könne
das Au
smass der subjektiven Einschrän
kung nicht objektivierbaren Befunden zugeordnet werden,
weshalb auch hier von einer In
konsistenz ausgegangen werden
müsse
. Somit
hätten
sich beim
Beschwerdeführer
in mehreren Fachdisziplinen Inkonsistenzen zwischen dem subjektiv empfun
de
n
en
Beschwerdebild und
den
objektivierbaren Befunden
gezeigt, oder bei man
geln
der Mitwirkung
sei
eine Abklärung nicht möglich
gewesen (Neuropsycho
logie). Wenn auch in einzel
nen Disziplinen (
beispielsweise
Innere Medizin, Neu
ro
logie, Rheu
matologie) sich keine eindeutigen Hinweise für eine Aggravation/Simulation
ergeben hätten, müsse
in der interdisziplinären Gesamtbeurteilung doch von einer Aggravation ausgegangen werden. Hinweise für eine Simulation
hätten
sich nicht
ergeben (
S. 12-13
).
Der Beschwerdeführer sei aus psychiatrischer Sicht in jeglicher Tätigkeit für die nächsten 12 Monate zu 50
%
arbeitsunfähig.
Aus allgemeininternistischer, neu
rologischer und rheumatologischer Sicht bestehe weder in der angestammten noch in einer Verweistätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit. Aus neuropsychologischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht beurteilbar. Hieraus
ergebe
sich aus interdis
ziplinärer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit von 50
%
und in einer Verweistätigkeit von 50
%
. Dabei
gelte
das seitens des psychia
tri
schen Teilgutachten
s
geäusserte Fähigkeitsprofil. Die attestierte 50%ige Arbeits
unfähigkeit
gelte
für die nächsten 12 Monate, bei adäquater psychiatrischer Behandlung in dieser Zeit sollte danach wieder eine 100%ige Arbeitsfähigkeit vorliegen, wie
dies bereits im Vorgutachten der
A._
von 2016 attestiert
worden sei
(S. 13-14).
Die heute zu diagnostizierende mögliche depressive Störung dürfte sich sukzes
sive nach dem Jahr 2016 eingestellt haben. Es sei davon auszugehen, dass die aktuelle
Bemessung der Ar
beitsfähigkeit auch für die Vergangenheit
gelte (S.
14).
5.3
In seiner Stellungnahme zum psychiatrischen Gutachten vom
6.
Februar 2021 (
Urk.
10/138) hielt
Dr.
E._
fest,
er
habe
den Beschwerdeführer
von Ende 2015 bis Mai 2020 psychiatrisch betreut. Die Betreuung habe
er
von einer da
maligen Kollegin i
m
Sanatorium
Q._
übernommen, da sie aufgrund von Schilderungen der
vom Beschwerdeführer miterlebten Gräueltaten im Kosovo
k
rieg (Februar 1998 bis Juni 1999) völlig überfordert
gewesen sei
(
sie habe sich n
ach der Sitzung übergeben
und
sich
für den Tag arbeitsunfähig melden
müssen
).
Dies werde nur deshalb erwähnt, weil er das A
usmass der traumatisierenden Erlebnisse betonen möchte (die aus
seiner
Sicht durchaus Kriterien eine
s
Trauma
s
nach ICD
-
10
erfüllen
würden
). Wenn man bedenk
e
, dass diese Geschehnisse in den prägenden Teenager
j
ahren passiert
seien
, schein
e
die Annahme plausibel, dass dies in einem kausalen Verhältnis mit der jetzigen Störung steh
e
.
Der Be
schwerdeführer
produzier
e
eine Fülle von Symptomen
,
die diagnostisch
schwierig
einzuordnen
seien
. Im Verlauf der Behandlung habe
er
ihn
öfters
supervidieren
lassen und alle Supervisionen, ohne Ausnahmen,
hätten
gezeigt, dass es sich um einen äusserst komplexen Fall
handle
. Die Störung
sei
plötzlich von heute auf morgen aufgetreten,
habe
sich anfänglich in somatischer Form gezeigt (Rücken
schmerzen, hohes Fieber, Ohnmachtsanfälle am Arbeitsplatz, unvollstän
dige Läh
mungen in Armen und Beinen, Durchblutungsstörungen, essentieller Hochdruck
und weiteres
), was durch unzählige Krankenhausaufenthalte gut dokumentiert worden
sei
. Allmählich
habe
auch eine Persönlichkeitsänderung stattgefunden.
Der Beschwerdeführer sei
von einem sehr gut angepasste
n
, vielleicht überkorrek
ten und ausserordentlich gewissenhaften (was durch Arbeitszeugnisse und Ge
spräche mit Vorgesetzten belegbar
sei
)
zu einem sehr streitsüchtigen, herrischen Menschen
geworden
.
Ein g
escheiterter Arbeitsversuch beim RAV, ständige Aus
einandersetzungen mit Familienangehörigen, Nachbarn oder dem Lehrpersonal der Kinder
seien
einige Beweise für diese Wesensänderung
(S. 1-2)
.
Vielleicht
seien
gewisse Verhaltensauffälligkeiten, die während
der gutachter
lichen
Untersuchung zutage gekommen
seien
, durch diese Änderungen zu erklä
ren
.
Ob der ganzen Komplexität der Störung mit der Diagnose einer larvierten
somatisierten
depressiven Episode gerecht worden
sei
, wage
er
zu bezweifeln
,
aber das
bleibe
in dieser Situation von untergeordneter akademischer Wichtigkeit. In
seinen
Augen
sei
es wichtig, dass die Behandlung
den Beschwerdeführer
aus
reichend stabilisiert
habe
, so dass
an einen erneuten Arbeitsv
ersuch zu denken
sei
.
Die Beschwerdegegnerin könnte m
it einem Belastungstraining zu Hilfe kommen. Es
sei
nie die Rede von einer Rente
gewesen
(vom
Beschwerdeführer
nicht gewünscht, er möchte wieder im ersten Arbeitsmarkt schaffen; aus
s
einer Sicht kontraindiziert) oder einem dauerhaften Engagement seitens der
Beschwer
degegnerin
. Aus diesem Grunde
sei
es nicht gerechtfertigt,
den Beschwerdeführer der
Aggravation oder sogar Simulation zu bezichtigen (
w
as hätte er zu ge
winnen?).
Er
teile die Einschätzung von P
r
of.
Dr.
med.
R._
bezüglich Arbeits
fähigkeit und Prognose, denke aber nach wie vor, dass ein Vor
l
auf im geschützten Rahmen in Anbetracht dessen, dass
er
seit 2015 nicht mehr tätig
gewesen sei
, aber auch als Test
,
ob
er -
Dr.
E._
- mit seinen
Einschätzungen
richtig liege
, angebracht wäre (S.
2)
.
6.
6.1
Das polydisziplinäre Gutachten der
B._
AG
MEDAS
C._
vom 2
4.
August 2020 beruht auf den erforderlichen allgemeininternistischen, rheumatologischen, psy
chi
atrischen, neurologischen und neuropsychologischen Untersuchungen, ist für die streitigen Belange umfassend und wurde in Kenntnis der und in Aus
ein
andersetzung mit den fallrelevanten
Vorakten
erstellt. Die Gutachter legten die medizinischen Zusammenhänge einleuchtend dar, beurteilten die medizinische Situation überzeugend und setzten sich mit den geklagten Beschwerden und dem Verhalten des Beschwerdeführers auseinander.
Sie begründeten eine Verschlech
terung seines Zustands nach 2016 und wiesen darauf hin, dass
sich beim Be
schwerdeführer in mehreren Fachdisziplinen Inkonsistenzen zwischen dem sub
jektiv empfunden
en
Beschwerdebild und objektivierbaren Befunden gezeigt
haben beziehungsweise
bei mangelnder Mitwirkung
die neuropsychologische
Ab
klärung nicht möglich
war. Dennoch gelangten die Gutachter
unter ausführlicher und nachvollziehbarer Auseinandersetzung mit den massgeblichen Standardindi
katoren (vgl. Urk. 10/122/156)
zum begründeten Schluss, dass
er
derzeit in jeg
licher Tätigkeit zu 50
%
arbeitsunfähig ist.
Das Gutachten entspricht damit den rechtsprechungsgemässen Anfor
derungen an eine beweiskräftige medizinische Ent
scheidungsgrundlage (vgl. E. 1.5
hiervor).
Dies ist auch zwischen den Parteien unbestritten.
6.2
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung denn auch in medizinischer Hinsicht auf das Gutachten der
B._
AG
MEDAS
C._
. Sie ging indes
in Abweichung der gutachterlichen Einschätzung
gestützt auf eine
von der zuständigen Kundenberaterin durchgeführte Ressourcenprüfung (Urk.
10/12
8
)
von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit
in jeglicher Tätigkeit
aus.
6.3
6.3.1
Über das Zusammenwirken von Recht und Medizin bei der konkreten Rechts
anwendung hat sich das Bundesgericht verschiedentlich geäussert. Danach ist es sowohl den begutachtenden Ärzten als auch den Organen der Rechtsanwendung aufgegeben, die Arbeitsfähigkeit im Einzelfall mit Blick auf die normativ vorge
gebenen Kriterien zu beurteilen. Die medizinischen Fachpersonen und die Organe der Rechtsanwendung prüfen die Arbeitsfähigkeit je aus ihrer Sicht. Bei der Abschätzung der Folgen aus den diagnostizierten gesundheitlichen Beein
trächti
gungen nimmt zuerst der Arzt Stellung zur Arbeitsfähigkeit. Seine Einschätzung ist eine wichtige Grundlage für die anschliessende juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistung der versicherten Person noch zugemutet werden kann (BGE 141 V 281 E. 5.2.1).
Die Rechtsanwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbesondere darauf
hin, ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten haben und ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen
anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen
. Es soll keine losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des struk
tu
rierten Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung überprüft werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit den normativen Vorgaben Rechnung tragen. Entscheidend bleibt letztlich immer die Frage der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im Rahmen des Sozialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer Sicht beantwortet werden kann. Nach BGE 141 V 281 kann somit der Beweis für eine lang andau
ernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur dann als ge
leistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Ein
schränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeits
unfähigkeit zeigt. Fehlt es daran, ist der Beweis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die (materielle) Beweislast zuungunsten der rentenansprechenden Person auswirkt (BGE 144 V 50 E. 4.3
).
Von einer medizinischen Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit kann damit aus rechtlicher Sicht abgewichen werden, ohne dass ein wie vorliegend grundsätzlich beweiskräftiges Gutachten dadurch seinen Beweiswert verlöre (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 9C_106/2015 vom
1.
April 2015 E. 6.3).
6.3.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
aus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidi
tät. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio
logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der ver
sicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
6.3.3
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapieresistenz auszuschliessen sei (E. 5.1; zur bisherigen Gerichtspraxis vgl. statt vieler: BGE 140 V 193 E.
3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_13/2016 vom 1
4.
April 2016 E. 4.2). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlau
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1). Die Therapierbarkeit ist dabei als Indiz in die ge
samthaft vorzunehmende allseitige Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143 V 409 E. 4.2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_449/2017 vom
7.
März 2018 E.
4.2.1).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheit
lichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlich
keit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweis
belastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen
)..
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
6.3.4
Es liegt regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor,
soweit die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung be
ruht.
Hinweise auf solche und andere Ä
usserungen eines sekundären Krank
heits
gewinns ergeben sich namentlich, wenn: eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht; intensive Schmerzen angegeben wer
den, deren Charakterisierung je
doch vage bleibt; keine medizinische Behandlung und Therapie in An
s
pruch genom
men wird; demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaub
würdig wirken; schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psy
cho
soziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist. Nicht per se auf Ag
gravation weist blosses verdeut
lichendes Verhalten hin. Wann ein Verhalten (nur) verdeut
lichend und unter welchen Voraussetzungen die Grenze zur Aggravation und
vergleichbaren leistungshindernden Konstellationen überschritten ist, bedarf ein
er einzelfallbez
ogenen, sorgfältigen Prüfung auf einer möglichst breiten
Beobach
tungsbasis auch in zeitlicher Hinsicht. Besteht im Einzelfall Klarheit darüber, dass solche Ausschlussgründe die Annahme einer Gesundheitsbeeinträchtigung ver
bieten, so besteht von vornherein keine Grundlage für eine Invalidenrente,
selbst
wenn die
klassifikatorischen
Merkmale einer Störung gegeben sein sollten. Soweit die betreffenden Anzeichen neben einer ausgewiesenen verselbstständigten Ge
sundheitsschädigung auftreten, sind deren Auswirkungen derweil im Umfang der Aggravation zu bereinigen
(Urteil des Bundesgerichts 8C_
165/2021 vom
2.
Juli 2021 E. 4.2.1).
6.4
6.4.1
Die
Gutachter der
B._
AG MEDAS
C._
vermochten anlässlich der Begut
ach
tung aus allgemeininternistischer, neurologischer und rheumatologischer Sicht
keine Hinweise auf eine Aggravation zu erkennen (Urk.
10/122/
61,
Urk.
10/122
/81
und
Urk.
10/122/105). Aus neuropsychologischer Sicht
konnten sie
aufgrund mangelnder Mitwirkung des Beschwerdeführers keine gesicherten Ressourcen
feststellen
, doch anerkannten sie gleichmässige Einschränkungen des
Aktivitä
ten
niveaus
in vergleichbaren Lebensbereichen (
Urk.
10/122/126-127). Aus psychia
tri
scher Sicht bestand beim Beschwerdeführer doch etwas mehr als eine Ver
deutlichungstendenz mit seinem theatralischen, aufgesetzt wirkenden Verhalten, das auch eine gewisse Übertreibungstendenz bis hin nahe zur A
ggravation zeigte.
Es regten sich auch Zweifel an der Ausgeprägtheit der Symptome (Urk.
10/122/159).
In Kenntnis dieser Umstände attestierten die Gutachter dem Beschwerdeführer eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit.
Mit Blick auf das gesamte Verhalten des Beschwerdeführers hat er die Grenze zu einer
leistungshindernde
n
Konstellation
nicht überschritten, zumal
den Berichten der behandelnden Fachpersonen keine Hinweise auf
Diskrepanzen zwischen subjektiver Beschwerdeschilderung und objektivierbaren Befunden zu entnehmen
sind
(vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 9C_899/2014 vom 2
9.
Juni 2015 E. 4.2).
Die Gutachter der
A._
schilderten zwar
Hinweise auf eine Selbstlimitierung und eine gewisse Symptomausweitung
, nicht aber auf eine Aggravation (E. 4 hiervor).
Der Beschwerdeführer steht zudem seit Jahren in
hochfrequentierter
regel
mäss
i
ger psychiatrischer Behandlung mit zunächst zwei Sitzungen pro Woche und derzeit wöchentlichen Te
rminen (
Urk.
10/122/55 und Urk.
10/122/143),
ebenso lässt er sich psychopharmakologisch behandeln (vgl.
Urk.
10/122/58). Von einem weitgehend intakten psychosozialen Umfeld kann überdies nicht gesprochen werden, hat er sich doch von seinen Eltern und Geschwistern zurückgezogen und keine Kollegen mehr, auch innerhalb der Familie will er am liebsten seine Ruhe haben (Urk. 10/122/54,
Urk.
10/122/75,
Urk.
10/122/96 und
Urk.
10/122/14
7
)
. Dies
alles
spricht gegen eine auf Aggravation beruhende Leistungseinschränkung. Liegen aber keine d
ie Annahme einer Gesundheitsbeeinträchtigung verbieten
de Ausschlussgründe
vor,
so ist das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen an
hand der
für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen beachtlichen Standardindikatoren
einzuschätzen.
6.4.2
Die Arbeitsfähigkeitseinschätzung von med.
pract
.
P._
umfasste das ganze Leis
tungsprofil mit sowohl negativen als auch positiven Anteilen und ist so verfasst, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit «gleichsam aus dem Saldo aller wesent
lichen Belastungen und Ressourcen» (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1) abgeleitet wurde. Med.
pract
.
P._
ist bei der Beantwortung der Frage, wie er das Leistungsvermögen einschätze, den einschlägigen Indikatoren gefolgt (vgl. Urk. 10/122/156), hat ausschliesslich funktio
nelle Ausfälle berücksichtigt, welche
Folge der gesundheitlichen Beeinträch
tigung sind, und seine versicherungsmedi
zinische Zumutbarkeitsbeurteilung ist auf objektivierter Grundlage erfolgt. Die von der Rechtsanwendung zu prüfende Frage, ob er sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen ge
halten und das Leistungsvermögen in Be
rück
sichtigung der einschlägigen Indi
katoren eingeschätzt hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist zu bejahen. Die funk
tionellen Auswirkungen der medizinisch festge
stellten gesundheitlichen An
spruchs
grundlage lassen sich anhand der Standard
indikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit überwiegender Wahrscheinlich
kei
t nachweisen. Es bleibt deshalb kein Raum für
eine
in dieser Form nicht mehr zu
lässige losgelöste juristische Parallelüberprüfung
, sondern es ist auf die Arbeits
fähigkeitseinschätzung des psychiatrischen Gutachters abzustellen.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin (
Urk.
2 S. 2) kann zudem gemäss der nunmehr
geltenden Recht
sprechung auch leichten oder mit
telschweren depressiven Störun
gen nicht mehr von vorn
herein eine invalidisierende Wirkung abgesprochen werden
.
Es kann deshalb nicht angehen, dem Beschwerdeführer jegliche Leistung zu verweigern mit der Begründung, es habe keine
Erkrankung
festgestellt werden können, die sich langandauernd auf die Arbeitsfähigkeit auswirken könne, nach
dem eine
entsprechende Diagnose
von den Gutachtern
gerade gestellt
und be
grün
det und das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen anhand der auf den funktionellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren beurteilt wurde.
6.5
G
estützt auf das beweiskräftige und nachvollziehbare Gutachten der
B._
AG
MEDAS
C._
ist nach dem Gesagten
eine medizinisch-gesundheitliche Anspruchs
grundlage, welche zur Anerkennung einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit in jegli
cher Tätigkeit führt, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
neu
nachgewiesen.
7.
7.1
Zu prüfen bleibt, wie sich das Leistungsvermögen in wirtschaftlicher Hinsicht auswirkt.
Der für die Invaliditätsbemessung und damit den Rentenanspruch massge
bende Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (BGE 130 V 343 E. 3.4.2).
7.2
Für die Ermitt
lung des
Valideneinkommens
, also des Einkommens, welches die versicherte Person nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
als Gesun
de tatsächlich verdient hätte, wird in der Regel am zuletzt erzielten Ver
dienst angeknüpft.
Der Beschwerdeführer war im Zeitpunkt seiner Erkrankung als
Hilfsarbeiter
tätig. Es ist davon auszugehen, dass er bei guter Gesundheit weiterhin bei der
Z._
AG angestellt wäre. Gestützt auf deren Angaben hätte er 2014 bei einer 100 %-An
stellung ein Jahreseinkommen von
Fr.
55'970.-- erzielt
(Urk. 10/18/3), was hoch
gerechnet auf den Zeitpunkt des frühestmöglichen
Rentenbeginns im Jahr 2020 (vgl. Indices 2014: 2220 und 2020: 22
98,
Entwicklung der Nominallöhne, Bun
desamt für Statistik, T39, Männer) einem Jahreseinkommen von
Fr.
57
'
936.50
entsprochen hätte.
Dieses Einkommen
erweist sich
im Vergleich mit den Löhnen
, die die Lohnstruk
turerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik ausweist, als unterdurchschnitt
lich. So ergibt sich für Männer im Anforderungsniveau 1 gemäss der Tabelle TA1_tirage_skill_level 2018 für das Jahr 2020 ein Einkommen von
Fr.
68'906.10
(LSE 2018
Total
Fr.
5’417
.-
-
; Bundesamt für Statistik, Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, T. 03.02.03.01.04.01
,
2020 =
41.
7
Stunden
; vgl. Indices 2018: 2260 und 2020: 2298, Entwicklung der Nominallöhne, a.a.O.).
Das
gestützt auf den früheren Verdienst ermittelte
Jahres
einkommen von
Fr.
57'936
.50 liegt rund
1
6
%
unter diesen
tabellarischen Vergleichseinkommen. Es ist ent
sprechend
der Praxis in dem die
Erheblichkeitsschwelle
von 5
%
übersteigendem Umfang
von rund
1
1
%
auf Fr.
65'460.80
(
Fr.
68'906.10
x 0.95)
zu erhöhen
(
vgl. BGE 135 V 297 E. 6.1.3
)
.
7.3
Das Invalideneinkommen ist gestützt auf die Tabellenlöhne gemäss den vom Bun
desamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) 2018 festzulegen. Der monat
liche Bruttolohn (Zentralwert) für Männer in ein
fachen und repetitiven Tätigkei
ten (TA1, Total, Kompetenzniveau 1) beläuft sich auf Fr. 5'417.--. Dies ergibt unter Berücksichtigung einer betriebsüblichen durch
schnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden
(Bundesamt für
Statis
tik, Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, T. 03.02.
03.01.04.01),
aufgerechnet auf das Jahr 2020 (vgl. Indices 2018: 2260 und 2020: 2298, Ent
wicklung der Nominallöhne, a.a.O.) bei der gutachterlich festgestellten 50%igen Arbeitsfähigkeit ein Jahreseinkommen von Fr.
34
'
453.05
.
Umstände, welche einen leidensbedingten Abzug rechtfertigen würden, liegen keine vor und wurden vom Beschwerdeführer auch nicht geltend gemacht.
7.4
Aus dem Vergleich des Validen- mit dem Invalideneinkommen ergibt sich ein
Invaliditätsgrad von
gerundet
48
% und damit Anspruch auf Ausrichtung
einer
Viertelsrente
der Invalidenversicherung ab
1.
Januar 202
0.
Für die
Zusprache
einer lediglich befristeten Rente besteht kein
Anlass
, war doch
die für die nächsten 12 Monate attestierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit
eine rein prognosti
sche Einschätzung und nicht beweisw
ertig für eine Rentenaufhebung
, zumal die Arbeitsfähigkeit
gemäss
med.
pract
.
P._
durch medizinische Massnahmen aktuell nicht relevant verbessert werden kann (Urk. 10/122/162)
.
Eine allfällige Verbesserung des Gesundheitszustandes
wird
vielmehr im Rahmen eines Revi
sions
verfahrens zu prüfen
sein
.
Dem Beschwerdeführer, welcher trotz 50%iger Arbeitsunfähigkeit lediglich einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen geltend machte, steht es frei, auf die Ausrichtung der Rente zu verzichten. Dies jedenfalls solange, als er nicht Leis
tungen der Sozialhilfe in Anspruch nimmt.
8.
Der Beschwerdeführer beantragte die
Zusprache
von Integrationsmassnahmen beziehungsweise Massnahmen beruflicher Art.
8.1
8.1.1
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus
übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
). Nach Massgabe der Art. 13 und 21 IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (Abs. 2). Nach Massgabe von Art. 16 Abs. 2
lit
. c IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (Abs. 2
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
8.1
.2
Versicherte, die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 % arbeits
un
fähig (Art. 6 ATSG) sind, haben Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Integrationsmassnahmen), sofern dadurch die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden können (Art. 14a Abs. 1 IVG). Als Integrationsmass
nahmen gelten gemäss Abs. 2 gezielte, auf die berufliche Eingliederung gerichtete Massnahmen zur sozialberuflichen Rehabilitation (
lit
. a) und Beschäftigungs
massnahmen (
lit
. b). Es geht darum, bei denjenigen Versicherten, die aktuell nicht eingliederungsfähig sind oder deren Eingliederungsfähigkeit verloren zu gehen droht, die Eingliederungsfähigkeit herzustellen oder zu erhalten. Ist aber jemand in einer anderen zumutbaren Tätigkeit arbeitsfähig, so ist er (in dieser anderen Tätigkeit) bereits eingliederungsfähig; er braucht keine Integrationsmassnahmen mehr, um die Eingliederungsfähigkeit herzustellen. Es gibt keinen Grund, Mass
nahmen zur Ermöglichung einer beruflichen Eingliederung durchzuführen, wenn auch ohne solche Massnahmen eine berufliche Eingliederung bereits umgesetzt werden kann (BGE 137 V 1 E. 7.2.3 mit Hinweisen).
8.1.
3
Gemäss
Art.
15 IVG haben Versicherte, die infolge Invalidität in der Berufswahl oder in der Ausübung ihrer bisherigen Tätigkeit behindert sind, Anspruch auf Berufsberatung. Der Leistungsanspruch setzt voraus, dass die versicherte Person an sich zur Berufswahl oder zur beruflichen Neuorientierung fähig ist, infolge ihres Gesundheitszustandes aber darin behindert ist, weil die Kenntnisse über Neigungen, berufliche Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht ausreichen, um einen der Behinderung angepassten Beruf wählen zu können (ZAK 1977 S. 191 E. 2; Urteil des Bundesgerichts I 431/99 vom 1
5.
Februar 2000). In Betracht fällt jede körperliche oder psychische Beeinträchtigung, die den Kreis der für die versi
cherte Person nach ihrer Eignung und Neigung möglichen Berufe oder Betäti
gungen einengt oder die Ausübung der bisherigen Aufgabe unzumutbar macht. Ausgeschlossen sind geringste Behinderungen, die keine nennenswerte Beein
trächtigung zur Folge haben und deshalb die Inanspruchnahme der Invaliden
versicherung nicht rechtfertigen (BGE 114 V 29 E. 1a mit Hinweisen).
8.1
.4
Gemäss
Art.
17 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann (
Abs.
1). Der Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit ist die Wiedereinschulung in den bisherigen Beruf gleichgestellt (
Abs.
2). Als Umschu
lung gelten gemäss
Art.
6
Abs.
1
IVV
Ausbildungsmassnahmen, die Versicherte nach Abschluss einer erstmaligen beruflichen Ausbildung oder nach Aufnahme
einer Erwerbstätigkeit ohne vorgängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Inva
lidität zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit benötigen.
Nach der Rechtsprechung ist unter Umschulung grundsätzlich die Summe der Ein
gliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und geeignet sind, der vor Eintritt der Invalidität bereits erwerbstätig gewesenen ver
sicherten Person eine ihrer früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmög
lichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der Begriff der «annähernden Gleichwertigkeit» nicht in erster Linie auf das Ausbildungsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Verdienstmöglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz will die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 130 V 488 E.
4.2 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_163/2008 vom 8. August 2008 E.
2.2). Schliesslich setzt der Anspruch auf Umschulung voraus, dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit
dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20
%
erleidet, wobei es sich um einen blossen
Richtwert handelt (BGE 130 V 488 E. 4.2, 124 V 108 E. 2a und b mit Hinweisen auf u.a. AHI 1997 S. 80 E. 1b; ZAK 1984 S. 91 oben, 1966 S. 439 E. 3).
Für die Beurteilung der Gleichwertigkeit im Sinne der erwähnten Rechtsprechung
ist in erster Linie auf die miteinander zu vergleichenden Erwerbsmöglichkeiten im
ursprünglichen und im neuen Beruf oder in einer der versicherten Person zu
mut
baren Tätigkeit abzustellen. Zwar geht es nicht an, den Anspruch auf Um
schu
lungsmassnahmen – gleichsam im Sinne einer Momentaufnahme – aus
schliess
lic
h vom Ergebnis eines auf den aktuellen Zeitpunkt begrenzten Ein
kom
mensver
gleichs, ohne Rücksicht auf den qualitativen Ausbildungsstand einerseits und die damit zusammenhängende künftige Entwicklung der erwerblichen Möglichkeiten anderseits, abhängen zu lassen. Vielmehr ist im Rahmen der vorzunehmenden
Prognose (BGE 110 V 99 E. 2) unter Berücksichtigung der gesamten Umstände ni
cht nur der Gesichtspunkt der Verdienstmöglichkeit, sondern der für die künf
tige Einkommensentwicklung ebenfalls bedeutsame qualitative Stellenwert der beiden zu vergleichenden Berufe mit zu berücksichtigen. Die annähernde Gleich
wertigkeit der Erwerbsmöglichkeit in der alten und neuen Tätigkeit dürfte auf weite Sicht nur dann zu verwirklichen sein, wenn auch die beiden Ausbildungen einen einigermassen vergleichbaren Wert aufweisen (BGE 124 V 108 E. 3b; AHI
1997 S. 86 E. 2b; Urteile des Bundesgerichts I 826/05 vom 28. Februar 2006 E. 4.1
in
fine
und I 783/03 vom 18. August 2004 E. 5.2 mit Hinweisen; Meyer-Blaser,
Zum Verhältnismässigkeitsgrundsatz im staatlichen Leistungsrecht,
Diss
. Bern 1985
, S. 186).
Massnahmen im Sinne von
Art.
17 IVG setzen subjektive und objektive Ein
gliederungsfähigkeit voraus (AHI 1997 S. 82 E. 2b/
aa
; ZAK 1991 S. 179 unten f. E. 3). Nicht unter Umschulung fallen Massnahmen der sozialberuflichen Rehabili
tation (wie Gewöhnung an den Arbeitsprozess, Aufbau der Arbeitsmotivation, Stabilisierung der Persönlichkeit, Einüben der sozialen Grundelemente) mit dem primären Ziel, die Eingliederungsfähigkeit der versicherten Person zu erreichen oder
wieder herzustellen
(ZAK 1992 S. 367 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts I 527/00 vom 30. April 2001).
8.1
.5
Arbeitsunfähige (
Art.
6 ATSG) Versicherte, welche eingliederungsfähig sind, haben gemäss
Art.
18
Abs.
1 IVG Anspruch auf aktive Unterstützung bei der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes (
lit
. a) und auf begleitende Beratung im Hinblick auf die Aufrechterhaltung ihres Arbeitsplatzes (
lit
. b). Die IV-Stelle ver
anlasst diese Massnahmen unverzüglich, sobald eine summarische Prüfung ergibt, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt sind (
Abs.
2).
Hinsichtlich des Anspruchs auf Arbeitsvermittlung liegt die massgebende Inva
lidität vor, w
enn
die versicherte Person
bei der Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle aus gesundheitlichen Gründen Schwierigkeiten hat. Zwischen dem Gesundheitsschaden und der Notwendigkeit der Arbeitsvermittlung muss ein Kausalzusammenhang bestehen.
Sind der versicherten Person
leichte Tätigkeiten voll zumutbar, bedarf es zur Begründung des Anspruchs auf Arbeitsvermittlung zusätzlich einer spezifischen Einschränkung gesundheitlicher
Art
(
vgl.
Urteil des Bundesgerichts 9C_142/2015 vom
5.
Juni 2015 E. 4.3).
8.2
Die Beschwerdegegnerin begründete die Verweigerung von Eingliede
rungsmass
nahmen damit, dass
kein invalidisierender Gesundheitsschaden
ausgewiesen
sei (
Urk.
2 S. 2).
D
er Beschwerdeführer
ist
jedoch in jeglicher Tätigkeit zu 50
%
arbeitsunfähig
und es besteht ein Invaliditätsgrad von
48
%
.
Er
hat deshalb g
rundsätzlich Anspruch auf die Durchführung von
Eingliederungsmassnahmen
, sofern die übrigen Anspruchsvoraussetzungen (vgl. E.
8.1
hiervor) erfüllt sind. Dies wird die Beschwerdegegnerin zu prüfen und
darüber neu zu befinden haben.
Die Beschwerde ist
somit
gutzuheissen
.
9
.
9
.1
Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
800
.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der un
terliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Das Gesuch
des Beschwerdeführers
um unentgeltliche Prozessführung
(Urk. 1 S. 1
) erweist sich damit als gegenstandslos.
9
.2
Dem Beschwerdeführer steht eine Prozessentschädigung zu,
welche
vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Be
deutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitauf
wand und den Barauslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3
des
Gesetzes über das Sozialversiche
rungsgericht,
GSVGer
). Entsprechend ist ihm
eine solche von Fr. 1‘
6
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen.