# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 22d1a745-fbb3-5338-bde2-661b1bfb2440
**Court:** SG_KG
**Chamber:** SG_KG_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
Die Staatsanwaltschaft erhob am 7. März 2018 Anklage gegen den Beschwerdeführer
und beantragte eine Freiheitsstrafe von 4.5 Jahren. Mit Entscheid vom 28. Juni 2018
verurteilte das Kreisgericht den Beschwerdeführer zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren,
einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 30.– sowie einer Busse von Fr. 500.–. Die
dagegen erhobene Berufung wurde vom Kantonsgericht mit Entscheid vom 18.
Februar 2019 geschützt und der Entscheid des Kreisgerichts wurde aufgehoben. Die
Strafsache wurde zur Durchführung einer neuen Hauptverhandlung in neuer Besetzung
(Fünferbesetzung) und zur Fällung eines neuen Urteils an das Kreisgericht
zurückgewiesen. Aufgrund früherer Strafen befand sich der Beschwerdeführer vom 18.
November 2016 bis zum 21. April 2019 im Strafvollzug (im Wesentlichen) in der
Strafanstalt Saxerriet. Zuvor befand er sich im Rahmen des vorliegenden
Strafverfahrens in Untersuchungshaft. Mit Entscheid des regionalen
Zwangsmassnahmenrichters vom 20. April 2019 wurde der Beschwerdeführer bis
vorläufig längstens 21. Juli 2019 in Sicherheitshaft versetzt. Dagegen erhob er
Beschwerde.

## Considerations

Aus den Erwägungen:
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II.3. Gemäss Art. 221 Abs. 1 StPO ist die Untersuchungs- oder Sicherheitshaft nur
zulässig, wenn die beschuldigte Person eines Verbrechens oder Vergehens dringend
verdächtigt ist und ernsthaft zu befürchten ist, dass sie sich durch Flucht dem
Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion zu entziehen versucht (lit. a),
Personen beeinflusst oder auf Beweismittel einwirkt, um so die Wahrheitsfindung zu
beeinträchtigen (lit. b) oder durch schwere Verbrechen oder Vergehen die Sicherheit
anderer erheblich gefährdet, nachdem sie bereits früher gleichartige Delikte verübt hat
(lit. c). Haft ist auch zulässig, wenn ernsthaft zu befürchten ist, eine Person werde ihre
Drohung, ein schweres Verbrechen auszuführen, wahrmachen (Art. 221 Abs. 2 StPO).
4.a) In Bezug auf den allgemeinen Haftgrund des dringenden Tatverdachtes müssen
genügend konkrete Anhaltspunkte für eine Straftat (i.S.v. Art. 221 Abs. 1 Ingress StPO)
und eine Beteiligung der beschuldigten Person an dieser Tat vorliegen. Im
Haftprüfungsverfahren genügt dabei der Nachweis von konkreten Verdachtsmomenten,
wonach das inkriminierte Verhalten mit erheblicher Wahrscheinlichkeit die fraglichen
Tatbestandsmerkmale erfüllen könnte. Zur Frage des dringenden Tatverdachts hat das
Haftgericht weder ein eigentliches Beweisverfahren durchzuführen, noch dem
erkennenden Sachgericht vorzugreifen. Vorbehalten bleibt allenfalls die Abnahme eines
liquiden Alibibeweises (BGE 137 IV 122 E. 3.2; 124 I 208 E. 3; BSK StPO – Forster, Art.
221 N 3 m.w.H.).
b) Der Beschwerdeführer wurde von der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der
Brandstiftung, des banden- und gewerbsmässigen Diebstahls, der mehrfachen
Sachbeschädigung, des mehrfachen Hausfriedensbruchs, des mehrfachen Vergehens
gegen das Waffengesetz, der mehrfachen qualifizierten groben Verletzung der
Verkehrsregeln etc. beim Kreisgericht St. Gallen zur Anklage gebracht. Damit ist ohne
weiteres von einem dringenden Tatverdacht auszugehen. Ein solcher wird vom
Beschwerdeführer denn auch nicht bestritten.
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5.a) Die Annahme von Fluchtgefahr setzt ernsthafte Anhaltspunkte dafür voraus, dass
die beschuldigte Person sich dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion
durch Flucht entziehen könnte (vgl. Art. 221 Abs. 1 lit. a StPO). Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes darf die Schwere der drohenden Sanktion zwar
als ein Indiz für Fluchtgefahr gewertet werden. Sie genügt jedoch für sich allein nicht,
um den Haftgrund zu bejahen. Vielmehr müssen die konkreten Umstände des
betreffenden Falles, insbesondere die gesamten Lebensverhältnisse der beschuldigten
Person, in Betracht gezogen werden. So ist es zulässig, die familiären und sozialen
Bindungen des Beschuldigten, dessen berufliche und finanzielle Situation sowie
Kontakte ins Ausland und Ähnliches mitzuberücksichtigen. Auch bei einer befürchteten
Ausreise in ein Land, das die beschuldigte Person grundsätzlich an die Schweiz
ausliefern bzw. stellvertretend verfolgen könnte, wäre die Annahme von Fluchtgefahr
nicht ausgeschlossen (BGer. 1B_251/2015 E. 3.1 m.w.H.; BGer. 1B_407/2016 E. 3.1
m.w.H.; BSK StPO – Forster, Art. 221 N 5).
b) Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid betreffend besonderem Haftgrund damit,
dass der Umstand, dass der Beschwerdeführer bislang nicht aus dem Strafvollzug der
Vorstrafen geflüchtet sei, nicht gegen eine Fluchtgefahr spreche, da er alles Interesse
daran gehabt habe, jene Verfahren abschliessen zu können und er an der
rechtskräftigen Verurteilung mit einer Flucht nichts mehr hätte ändern können.
Vorliegend würde ihm im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Freiheitsstrafe
drohen und es müsse mit einer genügenden Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen
werden, dass sich der Beschwerdeführer weder der geplanten Hauptverhandlung noch
einem allfälligen Strafvollzug stellen würde. Es sei weniger mit einer Flucht ins Ausland
als mit einem Untertauchen in der Schweiz und einer damit verbundenen Verzögerung
im Verfahren zu rechnen. Dafür spreche auch das Verhalten des Beschwerdeführers im
Strafvollzug, welcher sich nicht reibungslos gestaltet habe. Seine Legalprognose sei
belastet geblieben, eine nachhaltige Veränderung sei in der vollzugsbegleitenden
ambulanten Therapie noch nicht erreicht worden. Für eine Fluchtneigung spreche
schliesslich auch der Umstand, dass die bedingte Entlassung im Juni 2018 verweigert
worden sei, so dass der Beschwerdeführer ohne Auflagen, Bewährungshilfe oder
Sicherstellung von Wiedereingliederungsmassnahmen entlassen werden müsse.
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c) Der Beschwerdeführer wendet dagegen ein, dass er den (offenen) Strafvollzug
jederzeit hätte verlassen können. Der derzeitige Strafantrag von 4,5 Jahren
Freiheitsstrafe habe bereits Gegenstand der (mittlerweile kassierten) Hauptverhandlung
vom 28. Juni 2018 gebildet, der Beschwerdeführer rechne entsprechend mit einer
(wenn auch milderen) Freiheitsstrafe. Der Beschwerdeführer sei auch bislang immer zu
den Gerichtsverhandlungen erschienen. Zudem habe er im Hinblick auf die
Verhandlung vom 28. Juni 2018 mehr Anlass zur Flucht gehabt, nämlich knapp 12
Monate mehr (zwischenzeitlich nun aber verbüsster) Freiheitsentzug. Der
Beschwerdeführer habe ein Interesse daran, an der Hauptverhandlung teilzunehmen
und seine Sicht der Dinge vorzutragen, da er auch Freisprüche beantrage. Eine Flucht
wäre sodann auch aus dem anschliessenden offenen Vollzug möglich. Der Bericht der
Anstaltspsychiaterin datiere vom 7. Februar 2018; die psychiatrische Betreuung sei im
Februar 2018 unterbrochen und durch eine intensivere Betreuung durch den
Sozialdienst ersetzt worden. Der Beschwerdeführer zeige im Vollzugsalltag ein
überwiegend gut angepasstes Vollzugsverhalten, dies wie auch die familiären Kontakte
seien von der Vorinstanz nicht beachtet worden.
d) Allein aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer zu einer mehrjährigen
Freiheitsstrafe verurteilt werden könnte, lässt sich gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung nicht ohne weiteres auf eine Fluchtgefahr schliessen. Der
Beschwerdeführer wendet diesbezüglich zu Recht ein, dass er sich bislang (soweit aus
den Akten ersichtlich) den Strafverfahren und Verhandlungen stellte. Insbesondere ist
er zur ersten Hauptverhandlung in der vorliegenden Strafsache (mit gleicher
Strafandrohung) erschienen und auch (anschliessend trotz Verurteilung durch das
Kreisgericht) nicht aus dem (offenen) Strafvollzug entwichen. Er ist auch nicht
entwichen, als ihm die bedingte Entlassung aus dem Strafvollzug verweigert worden
war. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz erscheint auch nicht nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer eine rechtskräftige Verurteilung abschliessen und deren
Vollzug absolvieren wollte, um anschliessend zu einer neuen Hauptverhandlung bzw.
anschliessendem allfälligem Vollzug nicht zu erscheinen. Bestünde Fluchtneigung, so
machte vielmehr Sinn, nach Möglichkeit jeglichen Freiheitsentzug zu umgehen und
nicht einen Teil desselben noch zu absolvieren, um anschliessend dann doch noch zu
fliehen bzw. "unterzutauchen". Auch aus dem bisherigen Vollzugsverhalten bzw. einer
belasteten Legalprognose (vom Februar 2018) kann nicht auf aktuell bestehende
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Fluchtgefahr geschlossen werden. Anhaltspunkte, dass der Beschwerdeführer aus dem
Vollzug entflohen wäre, liegen nicht vor; solche werden denn auch in der Verfügung,
anlässlich welcher die bedingte Entlassung verweigert wurde, nicht erwähnt. Einzig aus
dem Umstand, dass er (offenbar) einmal nicht rechtzeitig zum Strafantritt erschienen
war, sich aber weiter in der Ostschweiz aufgehalten hatte und aufgegriffen werden
konnte, kann nicht auf Fluchtgefahr geschlossen werden. Überdies ist nicht geklärt, ob
und inwiefern sich die im Juni 2018 gestellte Legalprognose bis zum Ende des
Strafvollzugs im April 2019 allenfalls (noch) verändert hat. Schliesslich kann auch aus
der Verweigerung der bedingten Entlassung nicht auf Fluchtgefahr geschlossen
werden. Für die bedingte Entlassung fehlte es damals – abgesehen von Vorleben,
Vollzugsverhalten und Suchtmittelproblematik wohl massgeblich auch wegen dem
vorliegenden Strafverfahren – an einer günstigen Legalprognose. Eine schlechte
Legalprognose vermöchte aber, wenn überhaupt, eher Wiederholungsgefahr als
Fluchtgefahr zu begründen. Der Haftgrund der Wiederholungsgefahr wurde von der
Vorinstanz zwar kurz erwähnt, aber weder geprüft, noch vom vorinstanzlichen
Verfahrensleiter (oder anlässlich des Beschwerdeverfahrens von der
Staatsanwaltschaft) substantiiert ins Feld geführt. Anderweitige Anhaltspunkte für eine
Fluchtgefahr sind weder ersichtlich noch dargetan.
e) Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass der Haftgrund der Fluchtgefahr nicht
rechtsgenüglich erstellt ist. Aufgrund der derzeitigen Aktenlage und mangels
entsprechender Anträge bzw. Prüfung durch die Vorinstanz ist die Prüfung weiterer
Haftgründe (insbesondere der Wiederholungsgefahr) im Beschwerdeverfahren nicht
möglich. Damit ist die Beschwerde zu schützen. Der Entscheid des regionalen
Zwangsmassnahmenrichters vom 20. April 2019 wird daher aufgehoben. Der
Beschwerdeführer ist umgehend aus der Sicherheitshaft zu entlassen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Anklagekammer, 22.05.2019 Art. 221 StPO (SR 312.0). Verneinung von Fluchtgefahr. Aufhebung der Anordnung von Sicherheitshaft im erstinstanzlichen Hauptverfahren (Anklagekammer, 22. Mai 2019, AK.2019.139).
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2021-09-19T03:24:25+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen