# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 4e7f0f71-60e3-5805-b17f-0550f5cb7657
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegner reichten am 12. Mai 2014 bei der Stadt Thun ein Baugesuch
ein für den Abbruch des Gebäudes I._strasse 16 und den Neubau eines
Mehrfamilienhauses und einer Einstellhalle auf den Parzellen Thun 2 (Strättligen)
Grundbuchblatt Nrn. J._ und K._. Die Parzellen liegen in der Wohnzone
W2 und im Gewässerschutzbereich Au. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter anderen
die Beschwerdeführenden 1 und 2 Einsprache. Mit Schreiben vom 27. November 2014
zogen die Beschwerdegegner das Neubauprojekt bis auf das Abbruchgesuch zurück. Mit
Gesamtentscheid vom 19. Januar 2015 erteilte die Stadt Thun die Baubewilligung für den
Abbruch des Gebäudes I._ strasse 16. Dagegen reichten die
Beschwerdeführenden 1 und 2 je eine Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Die BVE wies beide Beschwerden mit
Entscheid RA Nr. 110/2015/13 vom 28. Mai 2015 ab und bestätigte die Abbruchbewilligung
der Stadt Thun vom 19. Januar 2015.
2. Am 5. August 2015 reichten die Beschwerdegegner bei der Stadt Thun ein neues
Baugesuch ein für den Neubau eines Mehrfamilienhauses und einer Einstellhalle auf den
Parzellen Thun 2 (Strättligen) Grundbuchblatt Nrn. J._ und K._. Gegen
das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit Gesamtentscheid
vom 23. November 2015 erteilte die Stadt Thun die Baubewilligung.
3. Gegen den Gesamtentscheid vom 23. November 2015 reichten die
Beschwerdeführenden vier Beschwerden bei der BVE ein. Die Beschwerdeführerin 1
beantragt in ihrer Beschwerde vom 20. Dezember 2015, die Baubewilligung sei nicht zu
erteilen. Der Beschwerdeführer 2 beantragt in seiner Beschwerde vom 20. Dezember 2015
die Aufhebung der Baubewilligung. Die Beschwerdeführerin 3 beantragt in ihrer
Beschwerde vom 20. Dezember 2015 sinngemäss die Aufhebung der Baubewilligung. Die
Beschwerdeführenden 4 und 5 beantragen in ihrer gemeinsamen Beschwerde vom
19. Dezember 2015 die Aufhebung des Gesamtentscheids und die Erteilung des
Bauabschlags.
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4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Dabei gab es auch dem Amt für
Wasser und Abfall (AWA) Gelegenheit zur Stellungnahme. Das AWA verzichtete mit
Schreiben vom 21. Januar 2016 auf eine Stellungnahme. Die Beschwerdegegner
beantragen in ihrer Beschwerdeantwort vom 22. Januar 2016 die Abweisung der
Beschwerden. Die Stadt Thun formuliert in ihrer Stellungnahme vom 22. Januar 2016 kein
Rechtsbegehren, erachtet die Beschwerden jedoch als unbegründet. Nachdem das
Rechtsamt beim AWA einen zusätzlichen Bericht eingeholt hatte, erhielten die
Verfahrensbeteiligten die Gelegenheit, Schlussbemerkungen einzureichen.
5. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Die BVE prüft die Legitimation von Amtes wegen. Dabei genügt es
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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nicht, dass die Vorinstanz die Legitimation anerkannt und die Beschwerdeführenden zum
Verfahren zugelassen hat (sog. formelle Beschwer). Sofern sie dies zu Unrecht getan hat,
tritt die BVE auf die Baubeschwerde nicht ein, denn zu dieser ist nur zugelassen, wer sich
am vorinstanzlichen Verfahren zulässigerweise beteiligte, wer also auch materiell
beschwert ist.4
Nach Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache befugt, welche durch
das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Nach
Lehre und Rechtsprechung ist eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt, wenn sie
durch ein Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und zum
Streitgegenstand eine besondere Beziehungsnähe hat. Nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe zum Streitgegenstand bei
Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein. In einer besonders nahen
Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des Baugrundstücks.5
c) Die Häuser der Beschwerdeführenden 2 bis 5 liegen rund 50 m vom geplanten
Neubau entfernt, die Parzellen liegen weniger als 30 m auseinander. Dazwischen liegen
weder andere Gebäude noch Strassen. Die Beschwerdeführenden 2 bis 5 sind als
Nachbarn damit unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen und daher zur
Beschwerde befugt. Auf ihre drei form- und fristgerecht eingereichten Beschwerden wird
eingetreten.
Das Haus der Beschwerdeführerin 1 ist rund 90 m vom geplanten Neubau entfernt, von
Grundstück zu Grundstück sind es rund 60 m. Zwischen den Parzellen befinden sich zwei
Strassen (I._ strasse und nördliche Verlängerung des L._wegs) sowie
mehrere Häuser. Eines dieser Häuser steht zwischen dem Haus der Beschwerdeführerin 1
und dem geplanten Neubau, so dass keine Sichtverbindung bestehen dürfte. Vom
südlichen Grundstückteil der Beschwerdeführerin 1 besteht zwar vermutlich teilweise eine
Sichtverbindung, der Neubau dürfte aber lediglich marginal wahrgenommen werden
können. Ihre Legitimation ist insofern fraglich, zumal sie lediglich öffentliche Interessen rügt
und keine eigene Betroffenheit geltend macht. Da die Beschwerdeführerin 1 keine Rügen
4 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 40-41 N. 4b, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung 5 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N. 16 ff., mit Hinweisen auf die Rechtsprechung
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vorbringt, die aufgrund der drei anderen Beschwerden nicht ohnehin geprüft werden
müssen, braucht dies jedoch nicht abschliessend geklärt zu werden. Auch auf ihre
Beschwerde wird eingetreten. Die Beschwerdeführerin 1 wird jedoch darauf aufmerksam
gemacht, dass sie ihre Legitimation in einem allfälligen
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren nachweisen müsste.
2. Verfahrensfehler
a) Die Beschwerdeführenden rügen verschiedene Verfahrensfehler. Zunächst wird eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund einer ungenügenden Begründung geltend
gemacht. Dies weil die Vorinstanz auf bestimmte Argumente nicht eingegangen sei und
weil keine sachgerechte Auseinandersetzung mit den Einspracherügen stattgefunden
habe.
Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG6 muss eine Verfügung eine Begründung enthalten. Eine
Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde
muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien eingehen; es genügt, wenn sie sich mit
den wesentlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hat.7
Dieser Begründungspflicht ist die Vorinstanz im angefochtenen Gesamtentscheid
nachgekommen. Der Entscheid setzt sich mit den wesentlichen Einspracherügen
auseinander und aus der Begründung ist erkennbar, weshalb die Vorinstanz diese Rügen
als unbegründet erachtet hat. Wie sich aus den Beschwerden der Beschwerdeführenden
ergibt, waren sie denn auch in der Lage, den Entscheid sachgerecht anzufechten.
b) Weitere rügen die Beschwerdeführenden eine Befangenheit der städtischen
Behörden. In diesem Zusammenhang berufen sie sich zunächst auf einen ungewöhnlichen
Ablauf im Bewilligungsprozedere. Der oben in den Ziffern 1 und 2 des Sachverhalts
geschilderte Ablauf des Baubewilligungsverfahrens mag zwar ungewöhnlich gewesen sein.
Dass sich die Beschwerdegegner im ersten Verfahren auf die Abbruchbewilligung für die
6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 7 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5
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alte Liegenschaft beschränkt haben und die Baubewilligung für die neue Liegenschaft zum
Gegenstand eines zweiten Verfahrens gemacht haben, ist jedoch zulässig und daher nicht
zu beanstanden. Nachvollziehbar ist auch, dass die Beschwerdegegner das Bauvorhaben
des zweiten Verfahrens bereits vor Abschluss des ersten Verfahrens zu entwickeln
begonnen haben. Inwiefern daraus auf eine Befangenheit der Behörden der Stadt Thun
geschlossen werden könnte, ist nicht nachvollziehbar.
Zudem bemängeln die Beschwerdeführenden, die städtischen Behörden seien in die
Planung des (zweiten) Bauvorhabens miteinbezogen gewesen. Wie sich den
Protokollauszügen 01/15 vom 27. Januar 2015 und 03/15 vom 24. März 2015 entnehmen
lässt, wurde das Bauvorhaben insbesondere dem Fachausschuss Bau- und
Aussenraumgestaltung (FBA) tatsächlich bereits vor Einreichung des Baugesuchs im
August 2015 unterbreitet. Dies im Rahmen einer Voranfrage. Solche Voranfragen sind in
der Praxis jedoch gebräuchlich und nicht zu beanstanden. Sie können insbesondere dazu
dienen, ein bewilligungsfähiges Projekt zu entwickeln. Inwiefern dies bei der Behörde zu
einer Befangenheit führen sollte, ist nicht erkennbar. Zumal die in der Voranfrage
gemachte Auskunft die Behörde in einem nachfolgenden Verfahren nicht bindet.8 Auch die
übrigen im Zusammenhang mit der angeblichen Befangenheit der städtischen Behörden
genannten Gründe sind, soweit nachvollziehbar, nicht stichhaltig.
c) Soweit die Beschwerdeführenden die Korrektheit des Abbruchs der alten
Liegenschaft und Schäden an ihren eigenen Liegenschaften befürchten, liegt dies
ausserhalb des Streitgegenstands. Die Abbruchbewilligung wurde mit Entscheid der BVE
RA Nr. 110/2015/13 vom 28. Mai 2015 rechtskräftig erteilt. Die befürchteten Schäden an
den Nachbarliegenschaften betreffen das Privatrecht. Auf diese Rügen kann daher nicht
eingetreten werden.
Zusammenfassend lässt sich daher festhalten, dass keine Verfahrensfehler erkennbar
sind. Die entsprechenden Rügen der Beschwerdeführenden sind unbegründet, soweit auf
sie eingetreten werden kann.
8 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Vorbemerkungen zu den Art. 32-44 N. 5
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3. Denkmalschutz
Verschiedene Beschwerdeführende rügen eine Verletzung der Denkmalschutzvorschriften.
In unmittelbarer Nähe zu den Bauparzellen findet sich jedoch kein Baudenkmal, das durch
das Bauvorhaben beeinträchtigt würde. Der Beschwerdeführer 2 nennt zwar das
Schlossgut, worunter das Schloss Schadau zu verstehen sein dürfte. Dieses ist zwar ein
schützenswertes Baudenkmal. Es befindet sich jedoch in über 300 m Entfernung von den
Bauparzellen und wird daher durch das Bauvorhaben auch nicht berührt. Soweit der
Beschwerdeführer 2 die Vermutung äussert, das Nachbarhaus I_strasse 18 sei als
schützenswert vorgesehen, so ist dies aufgrund der negativen Rechtswirkung der
Bauinventare (vgl. Art. 10e Abs. 1 BauG und Art. 13c Abs. 3 BauV9) irrelevant. Im aktuellen
Bauinventar ist das Nachbarhaus nicht enthalten. Der Denkmalschutz steht dem
Bauvorhaben somit nicht entgegen. Unter diesen Umständen konnte auf eine Konsultation
der Denkmalpflege des Kantons Bern (KDP) verzichtet werden.
4. Ortsbildschutz
a) Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung der Ortsbildschutzbestimmungen.
Das geplante Gebäude sei in diesem Quartier stilfremd und zu voluminös. Es passe mit
seinem Charakter nicht in die Umgebung, weshalb keine gute Gesamtwirkung erzielt
werde. Die Nordfassade sei massig, breit und übermächtig, die Südfassade mit den
verglasten Balkonen masslos ausladend und raumgreifend. Die Gartengestaltung inklusive
Vorplatz sei ebenfalls nicht quartierüblich, sie stimme in Struktur und Gestalt nicht mit den
historischen Gärten und Vorgärten im Quartier überein. Damit werde das Quartier bzw.
sein Gesamtbild zerstört oder zumindest seine Zerstörung eingeleitet. Dabei sei auch das
Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) zu beachten. Eine
Auseinandersetzung mit den ISOS-Kriterien fehle im angefochtenen Entscheid jedoch.
Dass es sich um das beste Projekt der ausgearbeiteten Varianten handle, sei unerheblich.
b) Bauten dürfen Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG).
Diese Bestimmung stellt eine negative ästhetische Generalklausel im Sinne eines
9 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar. Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein
Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden Überbauung schafft, der erheblich stört.10
Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften erlassen, die über die kantonalen
Vorschriften hinausgehen können (Art. 9 Abs. 3 BauG).
Von dieser Möglichkeit hat die Stadt Thun Gebrauch gemacht. Gemäss Art. 5 Abs. 1
GBR11 sind Bauten so zu gestalten, dass zusammen mit ihrer Umgebung eine gute
Gesamtwirkung entsteht; dies betrifft insbesondere die prägenden Elemente und Merkmale
des Strassen- und Ortsbildes, die Eigenheiten des Quartiers, die bestehende Gestaltung
der benachbarten Bebauung, Standort, Stellung, Form, Proportionen und Dimensionen der
Bauten, die Gestaltung der Aussenräume sowie die Gestaltung und Anordnung der
Abstellplätze. Gemäss Art. 6 Abs. 1 bis 3 GBR sind öffentliche und private Aussenräume
so zu gestalten, dass zusammen mit den Bauten und Anlagen eine gute Gesamtwirkung
entsteht. Die Vorgartenbereiche in den Wohnzonen sind auf ökologisch und gestalterisch
wirksame Art zu begrünen; die versiegelten Flächen sind auf das erschliessungstechnisch
bedingte Minimum zu beschränken. Strassenräume sind von den Vorgartenbereichen auf
gestalterisch wirksame Art abzugrenzen.
c) Das ISOS ist aufgrund der bundesstaatlichen Kompetenzausscheidung im Bereich
des Natur- und Heimatschutzes (Art. 78 BV12) und nach der ausdrücklichen Vorschrift von
Art. 6 Abs. 2 NHG13 nur bei der Erfüllung von Bundesaufgaben unmittelbar verbindlich. Die
Erteilung einer Baubewilligung nach kantonalem Recht stellt nicht die Erfüllung einer
Bundesaufgabe dar. Das ISOS hat daher bei der Beurteilung des Bauvorhabens keine
unmittelbare Verbindlichkeit. Das ISOS gilt jedoch nach Art. 13e BauV als anderes
Inventar. Als solches gilt es für die Behörden von Kanton und Gemeinden auch im
Baubewilligungsverfahren zumindest als Empfehlung und es ist bei der Anwendung der
kantonalen und kommunalen Ästhetikbestimmungen zu berücksichtigen.14
Thun ist im ISOS als Stadt mit besonderen Lagequalitäten, besonderen räumlichen
Qualitäten und besonderen architekturhistorischen Qualitäten als Ortsbild von nationaler
10 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 13 11 Baureglement der Stadt Thun vom 2. Juni 2002 12 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 13 Bundesgesetz vom 1. Juli 1966 über den Natur- und Heimatschutz (NHG; SR 451) 14 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 32a ff.
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Bedeutung aufgenommen. Die Bauparzellen liegen im Gebiet Nr. M._, welches
umschrieben ist als lockeres, durchgrüntes Wohnquartier mit Einfamilienhäusern in Gärten,
ab 1920-er Jahre. Mit Aufnahmekategorie B hat dieses Gebiet ursprüngliche Struktur, d.h.
das historische Gefüge der Räume besteht und die Mehrheit der Bauten hat ähnliche
epochenspezifische oder regionaltypische Merkmale. Das Gebiet ist ohne besondere
räumliche Qualität, es hat aber gewisse architekturhistorische Qualität und gewisse
Bedeutung. Mit dem Erhaltungsziel B gilt in diesem Gebiet, dass die Struktur erhalten
werden soll. Anordnung und Gestalt der Bauten und Freiräume sind zu bewahren, für die
Struktur wesentliche Elemente und Merkmale sind integral zu erhalten. Altbauten sollen nur
in Ausnahmefällen abgebrochen werden, für Umbauten und zur Eingliederung von
Neubauten gelten besondere Vorschriften.
d) Der Gemeinderat ernennt einen Fachausschuss Bau- und Aussenraumgestaltung,
der die Bauwilligen und die Baubewilligungsbehörde in Baugestaltungsfragen berät.
Bauvoranfragen und Baugesuche werden in der Regel dem Fachausschuss zur
Beurteilung vorgelegt, wenn sie für das Strassen-, Orts und Landschaftsbild von
Bedeutung sind oder spezielle baugestalterische Fragen aufwerfen (Art. 10 Abs. 1 und 4
GBR).
Das Bauvorhaben wurde von diesem Fachausschuss mehrmals beurteilt. Bezüglich des
ersten und später zurückgezogenen Baugesuchs vom 12. Mai 2014 hatte der
Fachausschuss die Nichtbewilligung empfohlen. Dies weil das Bauvorhaben die im ISOS
vorgegebenen Erhaltungsziele im Quartier unter Berücksichtigung der ortsbaulichen
Eigenschaften nicht erfülle.15
In der Folge versuchten die Beschwerdegegner im Rahmen einer Bauvoranfrage in
Zusammenarbeit mit dem Fachausschuss ein bewilligungsfähiges Projekt zu entwickeln.
Zunächst wurden dem Fachausschuss von den Beschwerdegegnern drei Varianten zur
Beurteilung unterbreitet. Währen die Variante 1 mehr oder weniger dem zurückgezogenen
Projekt entsprach und lediglich im Grundriss verkleinert wurde, sahen die Varianten 2 und
3 eine Aufgliederung des Gebäudevolumens in mehrere Teile vor. Da die beiden Varianten
2 und 3 gemäss Fachausschuss nicht die erhoffte Wirkung erzielten, favorisierte er die
Variante 1. Mit einer Reduktion der Seitenlängen um je rund 50 cm gegenüber dem
15 Vgl. den Protokollauszug FBA 08/14 vom 26. August 2014, Beilage zur Stellungnahme der Stadt Thun vom 22. Januar 2016
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zurückgezogenen Projekt nähere sich die Variante 1 dem im ISOS beschriebenen
Erhaltungsziel zur Quartierstruktur. Der Fachausschuss empfahl jedoch, die Ausdehnung
der Nordfassade gegenüber der I._ strasse noch wirksam zu reduzieren, dies zu
Gunsten einer etwas grösseren Gebäudelänge zum Garten hin. Anzustreben sei dabei
eine homogene Gebäudehülle, weshalb die Massstäblichkeit primär mit den
Gesamtabmessungen des Gebäudes angestrebt werden solle, so dass auf Gliederungen
verzichtet werden könne. Zudem wurde eine Ausdrehung des Gebäudes gegenüber der
I._ strasse als möglich eingestuft, jedoch in der Projektvariante 1 als zu gross
erachtet. Schliesslich wurde an der Variante 1 kritisiert, dass diese das Vorland auf
beinahe der ganzen Parzellenbreite öffne, was nicht quartierüblich sei. Daher empfahl der
Fachausschuss, die Umgebungsgestaltung solle den Vorbereich räumlich mehr
einfassen.16
Gestützt auf diese Beurteilung des Fachausschusses erarbeiteten die Beschwerdegegner
eine weitere Variante 4. Nachdem diese Varianten von einer Delegation des
Fachausschusses vorbesprochen worden war, erarbeiteten die Beschwerdegegner
gestützt auf die entsprechende Rückmeldung der Delegation zwei weitere Varianten 5 und
6. Bei der Variante 4 wurde der Grundriss erneut verkleinert, so dass er nordseitig noch
16.0 m mass (ursprüngliches Projekt 17.0, Variante 1 16.5 m). Bei der Variante 5 wurde die
Nordfassade auf 15.0 m verkleinert, dafür verlängerte sich das Gebäude auf 18 m in den
Garten hinein. Bei der Variante 6 mass die Nordfassade ebenfalls nur 15.0 m. Anstelle
einer Verlängerung in den Garten hinein wurde jedoch der Baukörper gartenseitig auf
17.4 m verbreitert. Gemäss Fachausschuss überzeugt die Variante 6. Er begrüsst
insbesondere die Schlankheit der Fassade zur I._strasse. Demgegenüber dürfe
das Gebäude auf der Gartenseite etwas breiter sein. Die Grössenordnung und Körnung
würden stimmen. Die Fassade zur I._ strasse sei vereinfacht worden. Der Vorplatz
(Hartfläche) sei deutlich verkleinert und die Umgebungsgestaltung verbessert worden.
Zwar bedeuten gemäss Fachausschuss alle Varianten einen Massstabssprung. Die
Variante 6 bringe von der Strasse aus betrachtet aber den kleinsten Unterschied zu den
bestehenden Gebäuden. Obwohl das Bauvorhaben eine grössere Volumetrie aufweise,
würden die Körnigkeit und die im Quartier vorherrschende Durchgrünung nun aber
ausreichend berücksichtigt.17
16 Vgl. den Protokollauszug FBA 01/15 vom 27. Januar 2015, Vorakten pag. 189 ff. 17 Vgl. den Protokollauszug FBA 03/15 vom 24. März 2015, Vorakten pag. 212 ff.
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Das Projekt des Baugesuchs vom 5. August 2015 basiert auf der Variante 6 und wurde
gegenüber dieser nur unwesentlich verändert. Die Änderungen sind hinsichtlich des
Ortsbildschutzes grundsätzlich irrelevant. Soweit zusätzliche Baumpflanzungen auf dem
Vorplatz und im Vorgartenbereich vorgesehen sind, bringen diese für das Ortsbild eine
Verbesserung. Die Stadt Thun hat die Beurteilung des Fachausschusses übernommen und
dementsprechend das Bauvorhaben als ortsbildverträglich eingestuft.
e) Das Volumen des Bauvorhabens ist deutlich grösser als das Volumen der
bestehenden Bauten in der Umgebung. Das Baureglement erlaubt jedoch solche Volumen:
Das Bauvorhaben hält die baupolizeilichen Masse gemäss Art. 21 GBR ein, dies ist
unbestritten. Gestützt auf die Vorschriften des allgemeinen Ortsbild- und
Landschaftsschutzes können zwar an die äussere Gestaltung von Bauten und Anlagen
bestimmte Anforderungen gestellt werden. Dagegen darf in der Regel das Mass der nach
der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht (wesentlich) eingeschränkt werden.18 Soweit
die Beschwerdeführenden die grosse Volumetrie des Bauvorhabens rügen, kann daher mit
Blick auf die allgemeine Ästhetikbestimmung von Art. 5 GBR, welche eine gute
Gesamtwirkung verlangt, keine Reduktion verlangt werden.
Dennoch wurde das Volumen des Bauvorhabens in Zusammenarbeit mit dem
Fachausschuss im Rahmen der Variantenstudie hinsichtlich seiner Quartierverträglichkeit
optimiert. Dies mit Blick auf das Erhaltungsziel des ISOS für das betroffene Gebiet
Nr. M._. Dabei wurde das Bauprojekt im Verlaufe des Optimierungsprozesses
wesentlich verbessert. Die Nordfassade gegen die I._ strasse wurde um 2 m
reduziert, wodurch das Gebäude deutlich schmaler wirkt. Dass die aus dem öffentlichen
Raum nicht einsehbare Südfassade gegen den Garten nicht schmaler, sondern im
Gegenteil leicht breiter wurde, spielt dabei für die Quartierverträglichkeit keine Rolle. Weiter
wurde die wichtige Nordfassade vereinfacht und die Ausdrehung des Gebäudes gegenüber
der I._ strasse reduziert. Der Vorgartenbereich im Norden wurde verbessert, in
dem der befestigte Vorplatz verkleinert und zusätzliche Pflanzungen vorgesehen wurden.
Somit ist der Vorwurf der Beschwerdeführenden, das ISOS sei nicht (ausreichend)
berücksichtigt worden, unberechtigt. Ebenso wenig kann gesagt werden, es sei lediglich
das kleinste Übel unter den vorhandenen Varianten gewählt worden. Der Fachausschuss
18 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen
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hat dem Bauvorhaben vielmehr zugestimmt, nachdem es entsprechend seiner
Rückmeldungen mehrmals angepasst und überarbeitet wurde.
f) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das geplante Gebäude unter
Berücksichtigung des Umstands, dass die baupolizeilichen Masse grundsätzlich vorgeben,
welches Volumen zulässig ist, so gestaltet wurde, dass zusammen mit seiner Umgebung
eine gute Gesamtwirkung entsteht. Dabei wurde auch das Erhaltungsziel des ISOS bei der
Anwendung der kommunalen Ästhetikbestimmung berücksichtigt. Insbesondere befindet
sich das Gebäude am gleichen Platz auf der Parzelle wie der abgerissene Altbau. Auch
wenn es im Grundriss grösser ist, existieren nach wie vor im Norden ein Vorgarten gegen
die I._ strasse und ein relativ grosszügiger Garten im Süden der Parzelle. Soweit
es verlangt werden kann, wird damit die Struktur des Quartiers erhalten und werden die
Anordnung und Gestalt der Bauten und Freiräume sowie für die Struktur wesentliche
Elemente und Merkmale bewahrt. Dies gilt insbesondere auch für die Gartengestaltung
inklusive Vorplatz. In der näheren Umgebung der Bauparzellen hat es zudem bereits
verschiedene Baustile und insbesondere auch mehrere Flachdachgebäude, so dass das
projektierte Gebäude in diesem Quartier weder als stilfremd bezeichnet werden kann noch
mit seinem Charakter nicht in die Umgebung passt. Demzufolge wird das Quartier und sein
Gesamtbild durch das Bauvorhaben weder zerstört noch wird seine Zerstörung eingeleitet.
Das Bauvorhaben ist mit Blick auf den Ortsbildschutz bewilligungsfähig.
g) Die Einholung eines Gutachtens der Kommission zur Pflege der Orts- und
Landschaftsbilder (OLK) ist unter diesen Umständen im Beschwerdeverfahren nicht
erforderlich, die vorhandenen Akten erlauben der BVE die richtige und vollständige
Feststellung des Sachverhalts. Diese sogenannte antizipierte Beweiswürdigung verletzt
den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht.19 Da in der Stadt Thun mit dem Fachausschuss
Bau- und Aussenraumgestaltung eine leistungsfähige örtliche Fachstelle besteht, war auch
die Vorinstanz nicht verpflichtet ein OLK-Gutachten einzuholen (vgl. Art. 22 Abs. 2
BewD20).
5. Bauen im Grundwasser
19 BVR 2012 S. 252 E. 3.3.3, mit Hinweisen 20 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
RA Nr. 110/2015/171 13
a) Mit dem angefochtenen Gesamtentscheid wird den Beschwerdegegnern unter
anderem eine Bewilligung für das Bauen im Grundwasser erteilt. Die
Beschwerdeführenden sind damit nicht einverstanden. Sie machen geltend, in diesem
Gebiet sei der Grundwasserspiegel starken Schwankungen ausgesetzt und der
Grundwasserstrom könne nicht zuverlässig abgeschätzt werden. Daher sei die geplante
Einstellhalle zu gross, das Schlossgut habe mit gutem Grund keinen Keller. Es seien keine
Massnahmen zur Gewährung der Grundwasserzirkulation geplant und auch in der
Baubewilligung finde sich keine entsprechende Auflage. Die Grundwassersituation deute
auf inhomogene Bodenverhältnisse und damit einen schwierigen Baugrund hin. Der
Grundwasserstrom und die Qualität des Baugrunds seien zu wenig abgeklärt worden, das
vorhandene Fachgutachten wird von den Beschwerdeführenden angezweifelt.
b) Speichervolumen und Durchfluss nutzbarer Grundwasservorkommen dürfen durch
Einbauten nicht wesentlich und dauernd verringert werden (Art. 43 Abs. 4 GSchG21). Zum
Schutz nutzbarer unterirdischer Gewässer werden die Gewässerschutzbereich Au
ausgeschieden (Art. 29 Abs. 1 Bst. a GSchV22). Im Gewässerschutzbereich Au dürfen keine
Anlagen erstellt werden, die unter dem mittleren Grundwasserspiegel liegen. Die Behörde
kann Ausnahmen bewilligen, soweit die Durchflusskapazität des Grundwassers gegenüber
dem unbeeinflussten Zustand um höchstens 10 Prozent vermindert wird (Anhang 4
Ziff. 211 Abs. 2 GSchV). Bauten unterhalb des mittleren Grundwasserspiegels brauchen
eine Gewässerschutzbewilligung (Art. 11 KGSchG23 und Art. 26 Abs. 2 Bst. g KGV24). Eine
solche Gewässerschutzbewilligung ist auch erforderlich für das Freilegen des
Grundwassers und Grundwasserabsenkungen (Art. 26 Abs. 2 Bst. d KGV).
c) Die Bauparzellen liegen im Gewässerschutzbereich Au. Gemäss dem Bericht
Grundwassermonitoring vom 25. April 2014 liegt der mittlere Grundwasserspiegel auf der
Bauparzelle Nr. N._ bei ungefähr 554.10 m.25 Dieser Wert deckt sich mit der Höhe
des mittleren Grundwasserspiegels in der kantonalen Grundwasserkarte. Auf dem Plan
"Querschnitt" vom 7. August 2015 in der Beilage zum Formular "Bauten im Grundwasser
21 Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20) 22 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 23 Kantonales Gewässerschutzgesetz vom 11. November 1996 (KGSchG; BSG 821.0) 24 Kantonale Gewässerschutzverordnung vom 24. März 1999 (KGV; BSG 821.1) 25 Vorakten pag. 59 ff.
RA Nr. 110/2015/171 14
und Grundwasserabsenkungen" ist erkennbar, dass sich lediglich der Boden des
Pumpenschachts unterhalb dieses mittleren Grundwasserspiegels befinden wird. Auf
diesem Plan findet sich auch der Nachweis, dass die Durchflusskapazität des
Grundwassers gegenüber dem unbeeinflussten Zustand um weniger als 10 Prozent
vermindert wird: Die Durchflusskapazität wird um höchstens 0.9 Prozent vermindert.26 Die
Voraussetzung für die Erteilung einer Ausnahme ist somit erfüllt. Dementsprechend hat
das AWA mit Amtsbericht vom 8. September 2015 im Rahmen der
Gewässerschutzbewilligung eine Ausnahme für das Bauen unter dem mittleren
Grundwasserspiegel erteilt. Gleichzeitig hat das AWA die Gewässerschutzbewilligung für
das Freilegen des Grundwassers und für eine temporäre Grundwasserabsenkung erteilt.
Die Beschwerdegegner haben in ihrem Baugesuch ein entsprechendes Gesuch gestellt.
Zwar gehen sie nicht davon aus, dass der Grundwasserspiegel für das Bauvorhaben
tatsächlich abgesenkt werden muss. Da dies aber auch nicht ausgeschlossen werden
kann, wurde vorsorglich ein solches Gesuch eingereicht.
Die Beschwerdeführenden bringen nichts vor, was Zweifel daran wecken würde, dass
diese (Ausnahme-)Bewilligung für das Bauen unter dem mittleren Grundwasserspiegel
sowie für das Freilegen des Grundwassers und für eine temporäre
Grundwasserabsenkung zu Recht erteilt wurde. So kann aus dem Umstand, dass das
Schlossgut angeblich nicht unterkellert ist, in Bezug auf das Bauvorhaben nichts abgeleitet
werden, auch nicht hinsichtlich der Grösse der geplanten Einstellhalle. Weiter kann aus
den angeblich starken Schwankungen des Grundwasserpegels nicht geschlossen werden,
dass der Grundwasserstrom nicht zuverlässig abgeschätzt werden kann. Die
Grundwassersituation wurde nicht nur abgeschätzt, sondern von einem Ingenieurbüro
untersucht. Das AWA als kantonale Fachbehörde sah keinen Anlass, diese Untersuchung
in Zweifel zu ziehen und es hat seinen Amtsbericht darauf abgestützt. Auch die
Beschwerdeführenden vermögen nicht überzeugend darzulegen, weshalb auf diese
Untersuchungsergebnisse nicht hätte abgestellt werden dürfe. Dass sie dieses
Fachgutachten pauschal anzweifeln, ist unerheblich. Weitere geotechnische und
hydrologische Abklärungen sind unter den gegebenen Umständen nicht nötig.
d) Auf dem Plan "Querschnitt" vom 7. August 2015 in der Beilage zum Formular
"Bauten im Grundwasser und Grundwasserabsenkungen" ist erkennbar, dass die
26 Vorakten pag. 55
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Bodenplatte der Einstellhalle und der Pumpschacht unterhalb des höchstmöglichen
Grundwasserspiegels liegen. Diese Konstellation entspricht dem Fallbeispiel 2 des
Merkblatts "Bauten im Grundwasser und Grundwasserabsenkungen" des AWA. Gemäss
einem Hinweis zu diesem Fallbeispiel 2 sind zur Gewährleistung der
Grundwasserzirkulation beim höchstmöglichen Grundwasserspiegel geeignete
Massnahmen vorzusehen. Solche Massnahmen sind zwar im Amtsbericht des AWA vom
8. September 2015 und damit auch im angefochtenen Gesamtentscheid nicht explizit
vorgesehen. Dies weil es gemäss Bericht des AWA vom 17. März 2016 aus
fachtechnischer Sicht nicht möglich ist, im Rahmen einer gewässerschutzrechtlichen
Bewilligung sämtliche Eventualitäten zu regeln. Gemäss Ziff. 3.1 des Amtsberichts des
AWA gelten jedoch die allgemeinen Auflagen des Merkblatts als integrierter Bestandteil der
Bewilligung. Demnach müssen sämtliche Arbeiten im Zusammenhang mit Bauten im
Grundwasser von einer hydrologisch kompetenten Fachperson begleitet und überwacht
werden. Zudem dürfen durch die im Grundwasser verbleibenden Bauteile weder ein
Aufstau noch wesentliche Veränderungen der natürlichen Strömungsverhältnisse
entstehen. Dazu sind wenn nötig geeignete Massnahmen vorzusehen.
Ob solche Massnahmen zur Gewährleistung der Grundwasserzirkulation beim
höchstmöglichen Grundwasserspiegel tatsächlich nötig sein werden, wird die den Bau
begleitende und überwachende Fachperson aufgrund der beim Aushub angetroffenen
hydrologischen Verhältnisse situativ zu entscheiden haben. Mehr kann aufgrund eines
Hinweises in einem Merkblatt nicht verlangt werden, dafür fehlt es an einer gesetzlichen
Grundlage. Zwar dürfen gemäss Gewässerschutzgesetz Speichervolumen und Durchfluss
nutzbarer Grundwasservorkommen durch Einbauten nicht wesentlich und dauernd
verringert werden. Diese gesetzliche Vorgabe wurde in der Gewässerschutzverordnung
dahingehend umgesetzt, dass im Gewässerschutzbereich Au grundsätzlich keine Anlagen
erstellt werden dürfen, die unter dem mittleren Grundwasserspiegel liegen. Für Bauten
unterhalb des höchstmöglichen Grundwasserspiegels sieht die Verordnung demgegenüber
keine Einschränkung vor. Bei solchen Bauten kann denn auch nicht davon gesprochen
werden, dass Speichervolumen und Durchfluss des Grundwasservorkommens wesentlich
und dauernd verringert werden.
e) Weiter schliessen die Beschwerdeführenden aus der Grundwassersituation auf einen
schwierigen Baugrund. Inwiefern dieser Rückschluss zulässig ist, braucht nicht geprüft zu
werden. Art. 21 BauG sieht vor, dass Bauten und Anlagen so zu erstellen, zu betreiben und
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zu unterhalten sind, dass weder Personen noch Sachen gefährdet werden. Art. 57 BauV
als Ausführungsbestimmung zu Art. 21 BauG verweist zudem auf die einschlägigen
Normen der Fachverbände. Die Bauherren sind nach Art. 57 Abs. 1 BauV verpflichtet, bei
der Erstellung von Bauten und Anlagen die anerkannten Regeln der Baukunde
einzuhalten, mehr wird mit wenigen Ausnahmen im Baurecht nicht verlangt. Dies genügt
auch im vorliegenden Fall, denn es darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass die
aktuelle Bautechnik selbst bei schwierigem Bauuntergrund einwandfreie Lösungen
gestattet.
f) Schliesslich rügen die Beschwerdeführenden 4 und 5 in diesem Zusammenhang, die
erforderliche Ausnahme sei nicht publiziert worden und es fehle ein begründetes
Ausnahmegesuch. Aufgrund der fehlenden Publikation der Ausnahme bestehe keine
Möglichkeit, ein Lastenausgleichsbegehren zu stellen.
Bau- und Ausnahmegesuche sind nach den Bestimmungen des Baubewilligungsdekrets zu
veröffentlichen (Art. 35 Abs. 1 BauG). Die Veröffentlichung enthält die für das Bauvorhaben
beanspruchten Ausnahmen (Art. 26 Abs. 3 Bst. e BewD). Die Publikation muss
aussagekräftig sein, insbesondere in Bezug auf beanspruchte Ausnahmen. Andererseits
dürfen aber an die Umschreibung der Ausnahmen auch keine überspannten
Anforderungen gestellt werden.27 Im vorliegenden Fall wurde in der Publikation zwar nicht
erwähnt, dass für das Bauen im Grundwasser eine Ausnahme erforderlich ist. Das Bauen
im Grundwasser und die temporäre Grundwasserabsenkung wurden aber in der
Umschreibung des Bauvorhabens genannt.28 Insoweit ist fraglich, ob ein Publikationsfehler
vorliegt. Dies braucht nicht abschliessend geklärt zu werden. Die Publikation dient unter
anderem dazu, (potenziell) einsprachewillige Personen auf kritische Punkte des Vorhabens
soweit aufmerksam zu machen, dass sie sich anhand der Akten eine eigene Meinung
bilden können.29 Die Beschwerdeführenden 4 und 5 haben bereits in ihrer Einsprache vom
24. September 2015 gerügt, dass für Bauten im Grundwasser eine
Ausnahmegenehmigung notwendig sei. Selbst wenn ein Publikationsfehler vorgelegen
hätte, hätten sie daraus somit keinen Nachteil erlitten. Sie können somit nichts zu ihren
Gunsten daraus ableiten.30
27 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N.8a 28 Vorakten pag. 20 f. 29 BVR 2008 S. 251 E. 4.3 30 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N.11
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Dies gilt auch mit Bezug auf ein allfälliges Lastenausgleichsbegehren. In der
Baupublikation wurde auf diese Möglichkeit für den Fall, dass einem Grundeigentümer
durch eine Ausnahmebewilligung ein Sondervorteil eingeräumt wird, aufmerksam gemacht.
Da die Beschwerdeführenden 4 und 5 beim Verfassen ihrer Einsprache um die
Notwendigkeit einer Ausnahmebewilligung für das Bauen im Grundwasser wussten, hätten
sie somit ein Begehren um Lastenausgleich stellen können. Abgesehen davon dürfte eine
Ausnahmebewilligung für das Bauen im Grundwasser ohnehin nicht geeignet sein, einen
Lastenausgleichsanspruch zu begründen.31
Die Begründung des Ausnahmegesuchs für das Bauen im Grundwasser findet sich im
Übrigen auf dem Plan "Querschnitt" vom 7. August 2015. Dort wird gestützt auf das
hydrologische Gutachten der Nachweis erbracht, dass die Durchflusskapazität des
Grundwassers gegenüber dem unbeeinflussten Zustand um weniger als 10 Prozent
vermindert wird.32
6. Ausnahme für Besucherparkplätze
a) Mit dem angefochtenen Gesamtentscheid wird unter anderem eine
Ausnahmebewilligung für das Bauen innerhalb der genehmigten Baulinie erteilt. Dies für
zwei Besucherparkplätze und drei Veloabstellplätze und gestützt auf Art. 28 BauG. Die
Beschwerdeführenden 4 und 5 rügen, diese Besucherparkplätze im Vorgartenbereich
würden dem Erhaltungsziel des ISOS widersprechen. Der Ausnahme stehe daher ein
öffentliches Interesse entgegen, da der ästhetisch wichtige Vorgarten aufgehoben werde.
Zudem liege kein Ausnahmegrund vor.
b) Die Bauabstände von Gebäuden richten sich unter anderem nach rechtsgültigen
Baulinien (Art. 14 Abs. 1 GBR). Der Strassenabstand gegenüber der I._ strasse ist
auf der Bauparzelle mit einer Baulinie geregelt. Das Bauvorhaben sieht vor, dass zwei
Besucherparkplätze und drei Veloabstellplätze innerhalb dieser Baulinie zu liegen kommen
und daher nur mit einer Ausnahme bewilligt werden können. Dies ist unbestritten.
31 Vgl. Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 30/31 N. 3 32 Vorakten pag. 55
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Das zuständige Gemeinwesen kann Ausnahmen von den gesetzlichen Strassenabständen
bewilligen, wenn besondere Verhältnisse, insbesondere des Ortsbildes, es rechtfertigen
und wenn dadurch weder öffentliche Interessen noch wesentliche nachbarliche Interessen
beeinträchtigt werden. Für Kleinbauten gilt Artikel 28 BauG sinngemäss (Art. 81 Abs. 1 und
2 SG33). Gemäss Art. 28 Abs. 1 BauG kann die Baubewilligungsbehörde die Erstellung
kleiner und leicht entfernbarer Bauten und Anlagen in Abweichung von Bauvorschriften,
namentlich auch von Baulinien, auf Zusehen hin bewilligen, wenn der Bauherr ein
genügendes Interesse nachweist, wenn weder öffentliche noch nachbarliche Interessen
beeinträchtigt werden und wenn bei Bauten an Gewässern oder Wald die dafür zuständige
Behörde zugestimmt hat.
c) Bei Parkplätzen und Veloabstellplätzen handelt es sich um Kleinbauten bzw. kleine
und leicht entfernbare Bauten. Anwendbar ist somit Art. 81 Abs. 2 SG i.V.m. Art. 28 BauG.
Besucherparkplätze und Veloabstellplätze werden in der Regel oberirdisch vor dem Haus
angelegt, damit sie problemlos zugänglich sind. Das genügende Interesse der
Beschwerdegegner an den Park- und Abstellplätzen ist damit gegeben. Nachbarliche
Interessen werden dadurch vorliegend nicht beeinträchtigt. Näher zu prüfen ist jedoch, ob
die öffentlichen Interessen eine Ausnahme gestatten.
Gemäss Protokollauszug des Fachausschusses 01/15 vom 27. Januar 2015 zeichnet sich
das Quartier abgesehen von einzelnen Ausnahmen durch deutliche Abgrenzungen der
Vorgärten zum Strassenraum aus. Mit Blick auf das Erhaltungsziel B im ISOS ist dieses
wesentliche Element zu erhalten. Zudem verlangt auch Art. 6 GBR, dass die
Vorgartenbereiche in den Wohnzonen auf ökologisch und gestalterisch wirksame Art zu
begrünen, die versiegelten Flächen auf das erschliessungstechnisch bedingte Minimum zu
beschränken und Strassenräume von den Vorgartenbereichen auf gestalterisch wirksame
Art abzugrenzen sind. Insbesondere mit den zwei Besucherparkplätzen wird der
Vorgartenbereich zwar teilweise gegen die Strasse geöffnet und versiegelt. Auf Anregung
des Fachausschusses wurde die betroffene Fläche aber deutlich reduziert, so dass mit
dem aktuellen Projekt nur noch rund ein Viertel des Vorgartens von den Park- und
Abstellplätzen beansprucht wird. Die restliche versiegelte Fläche dient dem Zugang zur
Liegenschaft und ist insofern nicht Gegenstand der Ausnahme. Gut die Hälfte des
33 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
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Vorgartens ist begrünt und wird mit einer 30 cm hohen Mauer gegen die Strasse
abgeschlossen. Damit wird den Gestaltungsvorschriften ausreichend Rechnung getragen,
zumal auch die versiegelte Fläche mit einer Bepflanzung soweit möglich begrünt wird.
Damit werden durch eine Ausnahme auch keine öffentlichen Interessen beeinträchtigt. Die
Ausnahmebewilligung wurde daher zu Recht erteilt.
d) Demnach sind sämtliche Rügen unbegründet. Die Beschwerden werden abgewiesen,
soweit darauf eingetreten werden kann. Der angefochtene Gesamtentscheid wird bestätigt.
7. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis Fr. 4'000.-- je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1
i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV34). In Anwendung dieser Bestimmungen werden die Pauschalen
für die vier Beschwerden auf je Fr. 1'800.-- festgelegt. Werden in einem einzigen Entscheid
mehrere Beschwerden beurteilt, so kann die Pauschalgebühr für die einzelnen
Beschwerdeführerinnen und Beschwerdeführer angemessen reduziert werden (Art. 21
Abs. 3 GebV). Dementsprechend werden die Pauschalen auf zwei Drittel, d.h. auf
Fr. 1’200.-- je Beschwerde reduziert. Insgesamt betragen die oberinstanzlichen
Verfahrenskosten somit Fr. 4’800.--.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden und sie haben
daher die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Die Beschwerdeführerin 1,
der Beschwerdeführer 2, die Beschwerdeführerin 3 sowie die Beschwerdeführenden 4 und
5 gemeinsam haben somit je Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'200.-- zu bezahlen.
Die Beschwerdeführenden 4 und 5 haften solidarisch für den gesamten ihnen auferlegten
Betrag.
b) Die Beschwerdeführenden haben den Beschwerdegegnern die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Parteivertreters der
Beschwerdegegner beläuft sich auf Fr. 5'179.65 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) und
34 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
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gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdeführerin 1, der Beschwerdeführer 2,
die Beschwerdeführerin 3 sowie die Beschwerdeführenden 4 und 5 gemeinsam haben
davon je einen Viertel, ausmachend Fr. 1'294.90, zu tragen. Die Beschwerdeführenden 4
und 5 haften solidarisch für den gesamten ihnen auferlegten Betrag.