# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** c2525be1-3262-4d05-80a6-5e64da644d15
**Court:** SG_VB
**Chamber:** SG_VB_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

Sachverhalt
A.
Die D._ ist Eigentümerin des 3'908 m2 grossen Grundstücks
Nr. 001. Dieses liegt gemäss geltendem Zonenplan in der Wohn-Ge-
werbezone WG4.
Das Baugrundstück ist im östlichen Teil mit einem 959 m2 grossen
Wohn-Geschäftshaus überbaut (Vers.-Nr. 002; Baujahr 1963), das
zum Teil vierstöckig ist. Die westliche Hälfte ist als Parkplatz gestaltet.
Südlich verläuft auf den Nachbargrundstücken der eingedolte E._-
Bach.
Nördlich wird das Baugrundstück durch die F._-Strasse (rot), eine
Gemeindestrasse 1. Klasse, begrenzt. Um die östliche Grundstücks-
ecke herum führt die E._-Strasse (violett), eine Gemeindestrasse
2. Klasse. Von dieser biegt auf das Grundstück Nr. 001 der G. _weg
(gelb), eine Gemeindestrasse 3. Klasse, ab, die entlang der südlichen
Grenze auf dem Grundstück nach Westen führt und die südlichen
Nachbargrundstücke erschliesst.
B.
a) Am 7. November 2018 ersuchte die C._ um Bewilligung für
den Teilabbruch des bestehenden Gebäudes Vers.-Nr. 002 und den
Neubau von zwei Mehrfamilienhäusern mit Tiefgarage auf dem Grund-
stück Nr. 001.
b) Während der öffentlichen Auflage vom 4. bis 19. Dezember
2018 erhoben u.a. A._ und B._ Einsprache gegen das Bauvorha-
ben. Dabei rügten sie u.a. eine Verletzung des grossen Grenzab-
stands. Am 3. Mai 2019 reichte die Gesuchstellerin ein Korrekturge-
such ein, womit die Gebäudehöhe reduziert werden sollte. Während
der erneuten Auflage vom 17. Mai bis 1. Juni 2019 zog ein anderer
Einsprecher seine Einsprache zurück, während B._ und A._ mit
Schreiben vom 29. Mai bzw. 30. Mai 2019 ihre Einsprachen erneuer-
ten.
c) Das Amt für Raumentwicklung und Geoinformation stimmte mit
Verfügung vom 8. August 2019 der Baubewilligung im Gewässerraum
zu.
d) Mit Beschluss vom 9. August 2019 erteilte die Baubewilligungs-
kommission Z._ die Baubewilligung unter Vorbehalt von Bedingun-
gen und Auflagen. Gleichzeitig wies sie die öffentlich-rechtlichen Ein-
sprachen von B._ und A._ ab und schrieb die dritte Einsprache
zufolge Rückzugs von der Geschäftsliste ab. Die Abweisung der Ein-
sprachen begründete sie damit, dass der Strassenabstand dem
Grenzabstand grundsätzlich vorgehe. Weil die Bauordnung der Politi-
schen Gemeinde Z._ vom 9. August 2002 bzw. 23. Februar 2006
(SRS 731.1; abgekürzt BO) bezüglich Gemeindestrassen 3. Klasse
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 3/11
keine Vorschriften kenne, sei der entsprechende Abstand individuell
festzulegen, wobei Art. 100 des Strassengesetzes (sGS 732.1; abge-
kürzt StrG) zu berücksichtigen sei. Art. 100 StrG halte den Grundsatz
fest, dass der Bestand der Strassen und die Sicherheit ihrer Benützer
nicht beeinträchtigt werden dürften. Das heisse, dass vorliegend einzig
das Lichtraumprofil von einer Höhe von 4,5 m über Oberkant Fahr-
bahn und 30 cm über den Fahrbahnrand hinaus freigehalten werden
müsse (Art. 106 StrG). Mit dem vorliegenden Baugesuch werde das
Lichtraumprofil mit 5 m bis 6 m grosszügig eingehalten. Sodann ragten
beim östlichen Neubau im zweiten und dritten Obergeschoss bei je-
weils zwei Wohnungen der Balkon um bis zu 0,9 m in den Gewässer-
abstand hinein. Die dafür nötige Ausnahmebewilligung könne mit Zu-
stimmung der kantonalen Stelle erteilt werden.
C.
Gegen diesen Beschluss erhoben A._ und B._ je mit Schreiben
vom 17. September 2019 Rekurs beim Baudepartement. Es werden
folgende identische Anträge gestellt:
Ziff. 1 und 2 des Beschlusses der  vom 9. August 2019 betreffend Baugesuch Nr. 56257 der C._ vom 4. Dezember 2018 und betreffend  vom 17. Mai 2019 für ein Mehrfamilienhaus auf  Nr. 002 (westliches Gebäude) seien aufzuheben, unter Kostenfolge.
Zur Begründung wird geltend gemacht, vorliegend müsse nach Süden
ein Grenzabstand von 12 m eingehalten werden. Dieser sei in den Plä-
nen zwar nicht vermasst, er werde aber offensichtlich auf der ganzen
Gebäudelänge unterschritten.
D.
a) Mit Vernehmlassung vom 22. Oktober 2019 beantragt die
Rekursgegnerin, vertreten durch MLaw Stephanie Lenz, Rechtsanwäl-
tin, St.Gallen, die Rekurse unter Kostenfolge abzuweisen. Zur Begrün-
dung wird geltend gemacht, dass der Strassen- dem Grenzabstand
vorgehe. Sehe das Gesetz keinen Strassenabstand vor, könne dieser
nicht einfach wieder durch den Grenzabstand ersetzt werden, vielmehr
sei in diesem Fall der Strassenabstand nach Art. 102 StrG individuell
festzusetzen.
b) Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 22. Oktober
2019 ebenfalls, beide Rekurse abzuweisen. Sie hält dabei fest, dass
im vorliegenden Fall der massgebliche Strassenabstand dem Grenz-
abstand vorgehe. Konkret spiele das konkrete Mass des Strassenab-
stands deshalb keine Rolle, weil hier zudem der Gewässerabstand
eingehalten werden müsse.
E.
a) Der zuständige Verfahrensleiter der instruierenden Rechtsabtei-
lung lässt den Verfahrensbeteiligten am 6. November 2019 eine erste
vorläufige Beurteilung der Rekursaussichten zukommen. Dabei führt
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 4/11
er aus, dass der reglementarische Grenzabstand eingehalten werden
müsse, wenn es wie vorliegend keinen Strassenabstand gebe. Mithin
frage es sich, ob das Grundstück auf Grund seiner sehr geringen Tiefe
überhaupt zonenkonform überbaut werden könne. Das Problem könne
allenfalls planerisch, z.B. mit einem Baulinienplan, gelöst werden.
Sollte auf Grund der speziellen Grundstücksform eine Ausnahmesitu-
ation vorliegen, wäre für die Unterschreitung des grossen Grenzab-
stands allenfalls auch eine entsprechende Ausnahmebewilligung
denkbar, wobei die Vorinstanz erstinstanzlich festlegen müsste, wie-
weit der Grenzabstand im konkreten Fall ausnahmsweise unterschrit-
ten werden dürfte.
b) Die Rekursgegnerin nimmt dazu am 25. November 2019 Stel-
lung und hält daran fest, dass der Strassenabstand vorliegend indivi-
duell festgelegt werden könne.
c) Die Stellungnahme zur vorläufigen Beurteilung der Rechtsabtei-
lung von B._ datiert vom 25. November 2019. A._ lässt sich dazu
nicht vernehmen.
d) Die Vorinstanz bestreitet mit Stellungnahme vom 27. November
2019 die Ausführungen der Rechtsabteilung und gibt zu bedenken,
dass vorliegend auch der Gewässerabstand dem Grenzabstand vor-
gehen würde, falls der Strassenabstand nicht individuell festgelegt
werden dürfe.
F.
Das Baudepartement lud darauf am 4. Dezember 2019 das Amt für
Raumentwicklung und Geoinformation (AREG) zur Vernehmlassung
ein. Dieses hält mit Eingabe vom 16. Dezember 2019 fest, dass die
Zustimmung zur ausnahmsweisen Bewilligung des Bauvorhabens in-
nerhalb des übergangsrechtlichen Gewässerabstands habe gegeben
werden können, weil das Bauvorhaben zonenkonform sei und sich in
einem dicht überbauten Gebiet befinde.
G.
Auf die weiteren Ausführungen der Verfahrensbeteiligten in den vor-

## Considerations

genannten Eingaben wird – soweit erforderlich – in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
1.1 Die beiden Rekursverfahren stehen im gleichen sachlichen Zu-
sammenhang. Sie werfen dieselben Sachverhalts- und Rechtsfragen
auf. Es ist somit zweckmässig, sie verfahrensrechtlich zu vereinigen
und durch einen einzigen Entscheid zu erledigen (VerwGE B 2015/96
und B 2015/97 vom 26. Oktober 2016 Erw. 1; GVP 1972 Nr. 30).
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 5/11
1.2 Die Zuständigkeit des Baudepartementes ergibt sich aus
Art. 43bis des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1;
abgekürzt VRP).
1.3 Die Frist- und Formerfordernisse von Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
VRP sind erfüllt. Die Rekursberechtigungen sind gegeben (Art. 45
VRP). Auf die Rekurse ist einzutreten.
2.
Am 1. Oktober 2017 ist das Planungs- und Baugesetz in Kraft getreten
und das Baugesetz vom 6. Juni 1972 (nGS 8, 134; abgekürzt BauG)
aufgehoben worden (Art. 172 Bst. a PBG). Der erstinstanzliche Ein-
sprache- und Baubewilligungsentscheid datiert vom 9. August 2019.
Vorliegend sind somit grundsätzlich die Bestimmungen des Planungs-
und Baugesetzes anwendbar, sofern sie gemäss Anhang zum Kreis-
schreiben „Übergangsrechtliche Bestimmungen im PBG“ vom 8. März
2017 (Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen 2017/I/1) als un-
mittelbar anwendbar erklärt werden. Im Übrigen gelangen weiterhin
das Baugesetz und die Bauordnung zur Anwendung.
3.
3.1 Die Rekurrenten rügen, das Bauvorhaben verletze den grossen
Grenzabstand gegen Süden. Die Vorinstanz ist der Ansicht, die ge-
planten Mehrfamilienhäuser müssten Richtung Süden keinen Grenz-
abstand einhalten, weil südlich der Baukörper der G. _weg verlaufe
und der entsprechende Strassenabstand dem Grenzabstand vorgehe.
Da es sich beim G. _weg jedoch um eine Drittklassstrasse handle,
für die weder die Bauordnung noch das Strassengesetz einen Abstand
vorgäben, könne der einzuhaltende Strassenabstand von der Bewilli-
gungsbehörde einzelfallweise bestimmt werden. Dabei müsse einzig
Art. 100 StrG berücksichtigt werden. Auch die Rekursgegnerin hält da-
für, dass der fehlende Strassen- dem Grenzabstand vorgehe, weshalb
letztlich kein reglementarischer Abstand zur Anwendung gelange.
3.2 Nach Art. 56 Abs. 1 BauG ist der Grenzabstand von Gebäuden
die kürzeste Entfernung zwischen Fassade und Grenze, wobei im
Grundriss gemessen wird. Gemäss Art. 23 Abs. 2 BauO ist der grosse
Grenzabstand auf die am stärksten nach Süden oder Westen gerich-
tete Längsfassade, der kleine Grenzabstand auf die übrigen Gebäu-
deseiten einzuhalten. Für die WG4 schreibt der Anhang Tabelle zu
Art. 13 BO einen grossen Grenzabstand von 12 m und einen kleinen
Grenzabstand von 6 m vor. Nach Art. 101 Abs. 1 StrG ist der Stras-
senabstand der Mindestabstand zur Strasse. Die Abstände werden ab
Strassengrenze gemessen. Ist keine Strassenparzelle ausgeschie-
den, so wird ab Strassenrand gemessen (Art. 107 Abs. 1 StrG). Die
Bauordnung kennt für Bauten und Anlagen gegenüber Gemein-
destrassen dritter Klasse sowie gegenüber Gemeindewegen zweiter
und dritter Klasse keinen Strassen- bzw. Wegabstand. Art. 26 Abs. 3
BO bestimmt für den Fall, dass die Bauordnung keine Vorschriften ent-
hält, dass sich der Strassenabstand nach den Bestimmungen von
Art. 104 ff. StrG richtet. Die Vorschriften von Art. 104 ff. StrG kennen
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 6/11
indessen für Bauten und Anlagen gegenüber Gemeindestrassen drit-
ter Klasse sowie gegenüber Gemeindewegen keinen Strassen- oder
Wegabstand. Nachdem also vorliegend weder aus der Bauordnung
noch aus dem Strassengesetz ein Strassenabstand für den G. _weg
ableitbar ist, fragt es sich, ob deshalb die Auslegung der Vorinstanz
und der Rekursgegnerin zutrifft, es gelte nun auch der Grenzabstand
gemäss der Bauordnung nicht, oder jene der Rekurrenten, die dessen
Anwendung fordern.
3.2.1 Art. 56 und Art. 57 BauG lassen wie Art. 92 und Art. 93 PBG of-
fen, ob Bauten gegenüber einer öffentlichen Strasse nur den Stras-
senabstand oder zusätzlich auch den Grenz- und Gebäudeabstand zu
wahren haben. Das Strassengesetz ist zwar als lex specialis zum Pla-
nungs- und Baugesetz (lex generalis) zu betrachten. Das allein hat in-
dessen noch nicht zur Folge, dass der Strassenabstand in jedem Fall
dem Grenzabstand vorgeht, zumal ersterer im Strassengesetz nur für
eine eingeschränkte Auswahl an Strassen und Wegen (subsidiär) fest-
gelegt wird (vgl. Art. 104 Abs.1 StrG). Durch die Grenz- und Gebäude-
abstände werden vor allem die mannigfachen Einflüsse von Bauten
und ihrer Benutzung auf Nachbargrundstücke gemindert. Die öffentli-
chen Interessen an ihnen liegen somit auf den Gebieten der Feuer-
und der Gesundheitspolizei, der guten Gestaltung der Siedlungen
ohne zu dichte Überbauungen und der Ästhetik. Mit anderen Worten
zielt der Grenzabstand auf die Regelung der baulich zulässigen Nut-
zung (Nutzungsstärke) ab (BGE 119 Ia 113 Erw. 3). Strassenab-
standsvorschriften dienen ebenfalls gesundheitspolizeilichen Zielen,
indem sie ausreichende Gebäudeabstände sichern. Strassenab-
standsvorschriften einerseits, Grenz- und Gebäudeabstände ander-
seits haben daher zum Teil die gleiche Funktion, nämlich eine wohn-
hygienische Zielsetzung. Strassenabstandsvorschriften übernehmen
die Funktion des Grenzabstands und des Gebäudeabstands für die
sich über die Strasse hinweg gegenüberliegenden Bauten. Gegenüber
öffentlichen Strassen finden daher nach ständiger Rechtsprechung al-
lein die Strassenabstandsvorschriften Anwendung (erstmals in: GVP
1977 Nr. 55; BDE Nr. 22/2016 vom 23. Mai 2016 Erw. 5).
3.2.2 Diese Rechtsprechung galt bislang ausschliesslich für die Stras-
senabstandsbestimmungen (vgl. dazu D. GMÜR, in: G. Germann
[Hrsg.], Kurzkommentar zum st.gallischen Strassengesetz, Art. 104
N 1), was auch seine Berechtigung hat. Der beidseitig einer Strasse
vorgeschriebene Strassenabstand, der in den kommunalen Bauregle-
menten bislang nicht unter 3 m liegt, und der durch die Breite des
Strassenkörpers selbst gesicherte Freiraum zwischen zwei Bauten be-
trägt in der Summe immer mindestens 9 m bis 10 m. Damit ist die
wohnhygienische Zielsetzung des Strassenabstands ohne Weiteres
gewährleistet und mit jener des Grenzabstands vergleichbar. Ob diese
Rechtsprechung auch auf Fälle Anwendung fände, in denen zwischen
zwei Bauten keine öffentliche Strasse, sondern nur ein öffentlicher
Weg verläuft, kann vorliegend offenbleiben, muss aber bezweifelt wer-
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 7/11
den. Grundvoraussetzung für die Ausserkraftsetzung der Grenzab-
standsvorschriften durch solche über den Strassenabstand ist aber,
dass überhaupt Strassenabstände im Baureglement festgelegt sind.
3.2.3 Wenn nun also die Politische Gemeinde Z._ in ihrer Bauord-
nung davon abgesehen hat, für Bauten und Anlagen gegenüber Ge-
meindestrassen dritter Klasse sowie gegenüber Gemeindewegen
zweiter und dritter Klasse einen Strassen- bzw. Wegabstand zu nor-
mieren, handelt es sich dabei nicht um eine Gesetzeslücke, die durch
richterliche Lückenfüllung geschlossen werden könnte. Diese Nichtre-
gelung war vielmehr gewollt und hat unabhängig davon zur Folge,
dass wegen der fehlenden strassenrechtlichen Spezialbestimmungen
weiterhin jene der generellen Regelung, also die reglementarischen
Grenzabstandsbestimmungen zur Anwendung gelangen. Mit anderen
Worten: Solange nicht normiert ist, dass speziellere Vorschriften die
allgemeineren Grenzabstandsbestimmungen der Bauordnung erset-
zen können, gelten die reglementarischen Grenzabstandsbestimmun-
gen.
3.3 Die Vorinstanz und die Rekursgegnerin sind der Meinung, der
Strassenabstand könne entgegen der obigen Erwägung im Einzelfall
bestimmt werden, wenn dieser gesetzlich nicht geregelt sei.
3.3.1 Art. 102 Abs. 1 StrG bestimmt, dass Strassenabstände, Sicht-
zonen, Zutrittsverbots- und Immissionslinien durch Verordnung der
Regierung für Kantonsstrassen (Bst. a), durch Reglement der politi-
schen Gemeinde, das Bestimmung über die Erhöhung der Abstände
für Gemeindestrassen und Kantonsstrassen enthalten kann (Bst. b),
durch Sondernutzungs- und Strassenprojektpläne (Bst. d) sowie durch
Verfügung (Bst. e) festgelegt werden. Die individuelle Festsetzung ei-
nes Strassenabstands durch Verfügung im Sinn von Art. 102 Abs. 1
Bst. e StrG setzt jedoch voraus, dass eine besondere Vorschrift ge-
mäss Art. 102 Abs. 1 Bst. a bis d StrG fehlt und deshalb eine subsidiär
geltende Abstandsvorschrift gemäss Art. 104 StrG zur Anwendung
kommt, von der im Einzelfall abgewichen werden kann (GMÜR, a.a.O.,
Art. 102 N 6). Art. 104 StrG sieht Abstände für gewisse Strassen
(Bst. a), für Bäume (Bst. b), Wälder (Bst. bbis), Lebhäge, Zierbäume
und Sträucher (Bst. c) sowie Einfriedungen (Bst. d) vor. Vorliegend hat
die Politische Gemeinde Z._ die Strassen- und Wegabstände, so-
weit sie diese festlegen wollte, abschliessend geregelt. Dies hat zur
Folge, dass für Gemeindestrassen 3. Klasse und Gemeindewege 2.
und 3. Klasse keine Abstände gelten (qualifiziertes Schweigen). Folg-
lich kann im Einzelfall nicht mit Verfügung von einer nicht vorhandenen
subsidiären Abstandsregelung gemäss Art. 104 StrG abgewichen wer-
den. Dies wäre gemäss Art. 26 Abs. 3 BO nur möglich, wo die Bauord-
nung keine Abstände bestimmt hat, das Strassengesetz aber subsidiär
solche vorsieht, was hier einzig bei Bäumen, Wäldern, Lebhägen, Zier-
bäumen und Sträuchern, sowie Einfriedungen entlang von Strassen
der Fall ist.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 8/11
3.3.2 Die Vorinstanz und die Rekursgegnerin behaupten sodann, das
Baudepartement habe anlässlich einer exakt gleichen Rechtslage die
Argumentation der Vorinstanz schon einmal geschützt. Tatsächlich ist
das Gegenteil der Fall (vgl. BDE Nr. 96/2020 vom 13. Oktober 2020
Erw. 6.2). Beim geltend gemachten Rekursverfahren Nr. 13-5783 han-
delt es sich zum einen um keinen Entscheid des Baudepartementes,
sondern lediglich um eine vorläufige Beurteilung der Rekursaussichten
durch den Rekurssachbearbeiter der instruierenden Rechtsabteilung.
Zum anderen lässt sich aus jener ersten Beurteilung vom 16. Januar
2014 auch nicht entnehmen, dass ein reglementarischer Grenzab-
stand in jedem Fall ausser Kraft gesetzt wird, wenn eine Strasse oder
ein Weg mit im Spiel ist, und zwar selbst dann, wenn es für diesen
Strassen- oder Wegtyp keine Abstandsvorschriften gibt. In jener Beur-
teilung war einzig die Verkehrssicherheit ein Thema, wobei der zustän-
dige Rekurssachbearbeiter zusammenfassend zum Schluss gekom-
men war, dass das geplante Bauvorhaben im konkreten Fall weder die
Verkehrssicherheit beeinträchtige noch die bestehende Verkehrssitu-
ation verschlechtere.
3.4 Die Vorinstanz und die Rekursgegnerin sind weiter der Auffas-
sung, dass auch der Gewässerabstand den Grenzabstand ausser
Kraft setze.
3.4.1 Mit dem Gewässerraum bzw. dem übergangsrechtlichen Ge-
wässerabstand sollen die natürlichen Funktionen der Gewässer, der
Hochwasserschutz und die Gewässernutzung sichergestellt werden.
Die natürlichen Funktionen des Gewässers umfassen den Transport
von Wasser und Geschiebe, die Ausbildung einer naturnahen Struk-
turvielfalt in den aquatischen, amphibischen und terrestrischen Le-
bensräumen, die Entwicklung standorttypischer Lebensgemeinschaf-
ten, die dynamische Entwicklung des Gewässers sowie die Vernet-
zung der Lebensräume. Ein ausreichender Gewässerraum dient auch
der Gefahrenprävention und ermöglicht es, erforderliche Hochwasser-
schutzbauten wesentlich kostengünstiger zu erstellen und zu erhalten.
Weiter dient er der Erholung der Bevölkerung und ist ein wichtiges Ele-
ment der Kulturlandschaft. Zudem verringert ein ausreichender Ab-
stand der Bodennutzung zum Gewässer den Eintrag von Nähr- und
Schadstoffen (Amt für Raumentwicklung und Geoinformation des Kan-
tons St.Gallen, Arbeitshilfe (Stand August 2018) Gewässerraum im
Kanton St.Gallen, N 1.1). Mit andern Worten haben Gewässerraum
und Gewässerabstand – anders als die Strassenabstandsvorschriften
– nicht die gleiche Funktion wie die Grenz- und Gebäudeabstände, die
eine wohnhygienische Zielsetzung verfolgen. Dazu kommt, dass der
Gewässerraum unter Umständen einseitig reduziert werden kann und
im dicht überbauten Gebiet unter Umständen auf der anderen Seite
nicht kompensiert werden muss (Amt für Raumentwicklung und Geoin-
formation, a.a.O., N 4.10.4.). Aus diesem Grund kann der vorliegend
ebenfalls zur Anwendung gelangende Gewässerabstand den Grenz-
abstand von vornherein nicht ausser Kraft setzen.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 9/11
3.4.2 Weiter verweist die Vorinstanz in diesem Zusammenhang auf
B. HEER, St.Gallisches Bau- und Planungsrecht, Bern 2003, N 615.
Diese Fundstelle besagt lediglich, dass der Grenzabstand nur gegen-
über privaten Grundstücksgrenzen gelte, nicht aber gegenüber dem
Strassen- und Waldrand oder dem Gewässerufer. Diese Selbstver-
ständlichkeit sagt aber ebenfalls nichts darüber aus, ob die verschie-
denen Abstände, sofern sie übereinander fallen, je für sich oder sub-
sidiär gelten. Nach dem Oben gesagten hängt die Antwort dieser
Frage allein von der Funktion und Zielsetzung der entsprechenden Ab-
stände ab, und die können je nachdem zusammenfallen oder vonei-
nander abweichen, insbesondere beim Gewässerabstand. Insofern
greift W. RITTER in Bereuter/Frei/Ritter (Hrsg.), Kommentar zum Pla-
nungs- und Baugesetz des Kantons St.Gallen, Basel 2020, Art. 92 N 4
zu kurz, indem er ausführt, dass das selbe für den Wald- und den Ge-
wässerabstand gelte wie beim Zusammentreffen von Grenz- und
Strassenabstand. Davon abgesehen befassen sich die dort angege-
benen Fundstellen nicht mit der Subsidiarität des Gewässer- und
Waldabstandstands gegenüber dem Strassenabstand.
3.5 Aus den oben genannten Erwägungen folgt, dass der vorliegend
einzuhaltende grosse Grenzabstand von 12 m mit 5 m bis 6 m massiv
unterschritten ist.
4.
Zusammenfassend ergibt sich, dass das Bauvorhaben den grossen
Grenzabstand verletzt und damit nicht baurechtskonform ist. Demzu-
folge ist der Beschluss der Vorinstanz vom 9. August 2019 betreffend
das Gesuch Nr. 56'257 zum Bau von zwei Mehrfamilienhäusern mit
Tiefgarage samt Abweisung der Einsprachen aufzuheben. Die Re-
kurse erweisen sich damit als begründet, weshalb sie gutzuheissen
sind.
5.
5.1 Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen
werden. Die Entscheidgebühr der beiden Rekursverfahren ist auf
Fr. 4'000.– festzulegen (Nr. 20.13.01 des Gebührentarifs für die Kan-
tons- und Gemeindeverwaltung; sGS 821.5). Dem Ausgang des Ver-
fahrens entsprechend hat die Rekursgegnerin die amtlichen Kosten zu
bezahlen (Art. 96bis VRP).
5.2 Die vom Rekurrenten bzw. von der Rekurrentin am 3. Oktober
bzw. 27. September 2019 geleisteten Kostenvorschüsse von je
Fr. 1'800.– sind zurückzuerstatten.
6.
Die Rekurrenten und die Rekursgegnerin stellen je ein Begehren um
Ersatz der ausseramtlichen Kosten.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 129/2020), Seite 10/11
6.1 Im Rekursverfahren werden ausseramtliche Kosten entschädigt,
soweit sie auf Grund der Sach- und Rechtslage notwendig und ange-
messen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Die ausseramtliche Entschä-
digung wird den am Verfahren Beteiligten nach Obsiegen und Unter-
liegen auferlegt (Art. 98bis VRP). Die Vorschriften der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (SR 272) finden sachgemäss Anwendung
(Art. 98ter VRP). Nicht anwaltlich vertretene Verfahrensbeteiligte ha-
ben grundsätzlich mangels eines besonderen Aufwands keinen An-
spruch auf eine ausseramtliche Entschädigung (Art. 98ter VRP in Ver-
bindung mit Art. 95 Abs. 3 Bst. c ZPO; vgl. dazu und zum Folgenden:
VerwGE B 2013/178 vom 12. Februar 2014 Erw. 4.3 ff., zusammen-
gefasst in: Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen 2014/I/6).
Dass ihnen gleichwohl ersatzfähige Kosten für Umtriebe erwachsen,
ist ungewöhnlich und bedarf deshalb einer besonderen Begründung.
Eine Umtriebsentschädigung erfolgt somit nur ausnahmsweise, insbe-
sondere wenn es sich um eine komplizierte Sache mit hohem Streit-
wert handelt, wenn der getätigte Aufwand erheblich ist und zwischen
dem betrieblichen Aufwand und dem Ergebnis der Interessenwahrung
ein vernünftiges Verhältnis besteht.
6.2 Vorliegend begründen die Rekurrenten ihren Entschädigungs-
anspruch nicht, und auch sonst ist nicht ersichtlich, dass ein erhebli-
cher Aufwand angefallen wäre, der eine ausnahmsweise Umtriebsent-
schädigung rechtfertigen würde. Der Antrag der Rekurrenten um Ent-
schädigung ihrer Parteikosten ist daher abzuweisen.
6.3 Da die Rekursgegnerin mit ihren Anträgen unterliegt, hat sie von
vornherein keinen Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung.
Ihr Begehren ist deshalb abzuweisen.