# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 559c91ef-ef5d-43a5-884b-091954da32b9
**Court:** GR_KG
**Chamber:** GR_KG_007
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt
A. Am 8. August 2022 erging ein Entscheid durch den Einzelrichter am Regionalgericht Albula betreffend vorsorgliche Massnahmen bzw. vorsorgliche Beweisführung (Proz. Nr. 135-2022-81). Gesuchsgegner waren unter anderem A._ und C._.
B. Mit Schreiben vom 30. August 2022 gelangte A._ an das Kantonsgericht von Graubünden und brachte vor, sie habe am 18. August 2022 per Einschreiben getrennt zwei Berufungsschreiben (einmal für das Verfahren 135-2022-87 und einmal für das Verfahren 135-2022-81) an das Kantonsgericht abgeschickt. Per dato habe Sie aber lediglich die Verfügung für die Prozessnummer 135-2022-87 erhalten. Sie bitte das Kantonsgericht nachzuschauen, was mit dem zweiten Berufungsschreiben geschehen sei.
Dem Schreiben ist unter anderem die Berufung betreffend das Verfahren -81 beigelegt (wenn auch nicht in unterzeichneter Form). Diesbezüglich wurde ein separates Verfahren (ZK2 22 39) eröffnet.
C. Das Kantonsgericht teilte A._ mit Schreiben vom 2. September 2022 mit, es habe am 19. August 2022 zwei Einschreiben mit den Sendungsnummern 98.00.63400004829625 und 98.00.63400004829626 erhalten. Interne Abklärungen hätten ergeben, dass A._ dabei – wohl aus Versehen – zweimal dieselbe Berufung (nur das Verfahren 135-2022-87 betreffend!) eingereicht habe. So habe sowohl die Rechtsvertreterin der Gegenparteien als auch das Regionalgericht Albula bestätigt, dass das jeweilige Exemplar der Berufungsschrift, welches an diese weitergeleitet worden sei, das Verfahren -87 betreffe. Damit stehe fest, dass eine Berufung für das Verfahren -81 jedenfalls bis am 30. August 2022 nicht eingereicht worden sei. Die Frist für die Einreichung der Berufung gegen den Entscheid vom 8. August 2022 im Verfahren 135-2022-81 habe jedoch spätestens am 25. August 2022 geendet. Da es sich um eine gesetzliche Frist handle, könne diese nicht erstreckt werden. Das Kantonsgericht wies A._ abschliessend auf die Möglichkeit der Wiederherstellung der Berufungsfrist gemäss Art. 148 ZPO hin.
D. Mit Gesuch vom 10. September 2022 beantragte A._ (nachfolgend: Gesuchstellerin) die Wiederherstellung der Berufungsfrist.
E. Es wurden keine Stellungnahmen eingeholt. Die Angelegenheit ist spruchreif.
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Erwägungen
1.1. Das Gericht kann auf Gesuch einer säumigen Partei eine Nachfrist gewähren oder zu einem Termin erneut vorladen, wenn die Partei glaubhaft macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 148 Abs. 1 ZPO). Das Gesuch ist innert 10 Tagen seit Wegfall des Säumnisgrundes einzureichen (Art. 148 Abs. 2 ZPO). Ist ein Entscheid eröffnet worden, so kann die Wiederherstellung nur innerhalb von 6 Monaten seit Eintritt der Rechtskraft verlangt werden (Art. 148 Abs. 3 ZPO). Art. 148 ZPO bezieht sich auf richterliche wie auch auf gesetzliche Fristen, zu welchen insbesondere auch die Rechtsmittelfristen gehören (BGer 5A_890/2019 v. 9.12.2019 E. 3).
1.2. Für die Behandlung eines Wiederherstellungsgesuchs ist diejenige Instanz zuständig, welche über die nachzuholende Prozesshandlung zu befinden hätte. Wird eine Rechtsmittelfrist versäumt, ist die Rechtsmittelinstanz zuständig (Niccolò Gozzi, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Basel 2017, N 2 f. zu Art. 149 ZPO; Reto M. Jenny/Daniel Jenny, in: Gehri/Jent-Sørensen/Sarbach [Hrsg.], Schweizerische Zivilprozessordnung, Kommentar, 2. Aufl., Zürich 2015, N 1a zu Art. 149 ZPO).
1.3. Vorliegend beantragt die Gesuchstellerin die Wiederherstellung der Frist für die Einreichung der Berufung gegen den Entscheid des Einzelrichters am Regionalgericht Albula vom 8. August 2022 (Proz. Nr. 135-2022-81). Für die Behandlung des Gesuchs ist das Kantonsgericht als Berufungsinstanz zuständig.
2.1.1. Durch die Wiederherstellung (restitutio in integrum) wird dem Gesuchsteller, falls er einen genügenden Wiederherstellungsgrund glaubhaft machen kann, ermöglicht, eine versäumte Handlung nachzuholen, oder es wird eine versäumte Verhandlung wiederholt. Eine Wiederherstellung ist nur möglich, wenn die Wahrung einer Frist oder eines gerichtlichen Termins sowohl objektiv wie auch subjektiv unmöglich war (vgl. Nina J. Frei, in: Berner Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, Band I, Art. 1-149 ZPO, Bern 2012, N 8 zu Art. 148 ZPO m.w.H.; Gozzi, a.a.O., N 9 zu Art. 148 ZPO). Sodann darf die säumige Partei kein oder lediglich ein leichtes Verschulden treffen. Leichtes Verschulden der Partei oder ihrer Vertretung soll nicht den Verlust prozessualer Befugnisse nach sich ziehen, mit den Folgen, dass ein der materiellen Rechtslage widersprechender richterlicher Entscheid ergeht. Bei grobem Verschulden ist eine Wiederherstellung jedoch ausgeschlossen (Frei, a.a.O., N 9 zu Art. 148 ZPO; Barbara Merz, in: Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.], Schweizerische Zivilprozessordnung, Kommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2016, N 12 zu Art. 148 ZPO).
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2.1.2. Bei der Beurteilung des Verschuldens ist von einem objektivierten Sorgfaltsmassstab auszugehen (Frei, a.a.O., N 9 zu Art. 148 ZPO; Gozzi, a.a.O., N 11 zu Art. 148 ZPO; Jenny/Jenny, a.a.O., N 4 zu Art. 148 ZPO; Merz, a.a.O., N 17 zu Art. 148 ZPO). Schuldhaft ist die Versäumung aufgrund eines Verhaltens, das in fremden Angelegenheiten pflichtwidrig wäre (Gozzi, a.a.O., N 11 zu Art. 148 ZPO; Merz, a.a.O., N 17 zu Art. 148 ZPO).
2.1.3. Die Unterscheidung zwischen leichtem und grobem Verschulden ist gradueller Natur (Merz, a.a.O., N 20 zu Art. 148 ZPO). Der Entscheid steht im Ermessen des Gerichts; massgebend sind die konkreten Umstände des Einzelfalles (BGer 4A_289/2021 v. 16.7.2021 E. 4 m.w.H.; Merz, a.a.O., N 20 zu Art. 148 ZPO). Das leichte Verschulden umfasst jedes Verhalten, das – ohne dass es akzeptierbar oder entschuldbar wäre – nicht zum schwerwiegenden Vorwurf gereicht (BGer 4A_289/2021 v. 16.7.2021 E. 4). Leichtes Verschulden liegt vor, sofern eine Partei nur das nicht beachtet hat, was ein sehr sorgfältiger Mensch unter den gleichen Umständen auch nicht beachtet hätte (Jenny/Jenny, a.a.O., N 4 zu Art. 148 ZPO m.w.H.).
2.1.4. Ein grobes Verschulden ist einerseits umso eher anzunehmen, je höher die Sorgfaltspflicht der Partei bzw. deren Vertreter zu veranschlagen ist. Die Sorgfaltspflicht ihrerseits ist auch abhängig von der Wichtigkeit der vorzunehmenden Handlung (Gozzi, a.a.O., N 11 zu Art. 148 ZPO). Andererseits sind in unvorhergesehenen (und unvorhersehbaren) Ausnahmesituationen weniger strenge Massstäbe anzulegen (Merz, a.a.O., N 20 zu Art. 148 ZPO). Ein Versehen bedeutet stets ein grobes Verschulden (BGer 5A_890/2019 v. 9.12.2019 E. 5; Frei, a.a.O., N 18 zu Art. 148 ZPO; Gozzi, a.a.O., N 30 zu Art. 148 ZPO; Merz, a.a.O., N 24 zu Art. 148 ZPO).
2.1.5. In formeller Hinsicht bedarf es eines schriftlichen und begründeten Gesuchs um Wiederherstellung, welches auch die nötigen Beweismittel zu enthalten hat. Die materiellen Voraussetzungen müssen glaubhaft gemacht werden. Die Beweislast für das Vorliegen des behaupteten Wiederherstellungsgrundes trägt die säumige Partei (Gozzi, a.a.O., N 38 f. zu Art. 148 ZPO; Jenny/Jenny, a.a.O., N 6 zu Art. 148 ZPO).
2.2.1. In ihrem Gesuch bringt die Gesuchstellerin vor, ihr sei leider folgendes Versehen passiert: Am 18. August 2022 habe sie die beiden Berufungsschreiben für die Proz. Nr. 135-2022-81 und die Proz. Nr. 135-2022-87 dem Kantonsgericht per Einschreiben zugeschickt. In der Angelegenheit Nr. 135-2022-81 habe sie darauf vom Gericht eine Verfügung (im Berufungsverfahren ZK2 22 32) erhalten,
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jedoch in Bezug auf die Prozess-Nr. 135-2022-87 habe sie nichts erhalten. Nach einigen Tagen sei ihr dies komisch vorgekommen, weshalb sie an das Kantonsgericht gelangt sei, mit der Bitte abzuklären, weshalb sie auf die Berufung Nr. 135-2022-87 keine Verfügung erhalten habe. Das Kantonsgericht habe dies abgeklärt und sei zum Schluss gekommen, dass sie zweimal die gleiche Berufung eingereicht habe, nämlich fälschlicherweise zweimal das Berufungsschreiben mit der Prozess-Nr. 135-2022-87. Das sei von ihrer Seite natürlich ganz und gar nicht beabsichtigt gewesen und sei ein Fehler, der ihr blöderweise unterlaufen sei. Sie bitte um Nachsicht und um Gewährung der Wiederherstellung der Berufungsfrist (act. A.1).
2.2.2. Mit diesen Ausführungen anerkennt die Gesuchstellerin zunächst die vom Kantonsgericht vorgenommenen Abklärungen bzw. deren Ergebnis, dass nämlich mit den beiden Einschreiben (Sendungsnummern 98.00.63400004829625 und 98.00.63400004829626; Eingang beim Kantonsgericht jeweils am 19. August 2022) zweimal dieselbe Berufung (nur das Verfahren 135-2022-87 betreffend!) eingereicht wurde (vgl. hierzu act. D.3). So spricht sie ausdrücklich von einem Fehler, der ihr "blöderweise" unterlaufen sei. Die Gesuchstellerin macht keine Umstände geltend, die darauf schliessen lassen, dass sie für diesen Fehler nicht einzustehen habe, sie mithin daran kein Verschulden treffe. Solches wäre denn auch nicht ersichtlich. Es bleibt daher zu prüfen, ob der der Gesuchstellerin unterlaufene Fehler noch als leichtes Verschulden anzusehen ist. Wie oben ausgeführt (vgl. Erwägung 2.1.4), wird ein Versehen – und um ein solches geht es im vorliegenden Fall – stets als grobes Verschulden angesehen. Die Gesuchstellerin bringt denn auch nichts vor, was an diesem Schluss etwas zu ändern vermöchte. Insbesondere macht sie weder (unverschuldeten) Zeitdruck bei der Einreichung der beiden Berufungen geltend noch legt sie anderweitig eine "Ausnahmesituation" dar, welche Nachsicht gebieten würde. Unter diesen Umständen kann aber nicht gesagt werden, die Gesuchstellerin habe nur das nicht beachtet, was ein sehr sorgfältiger Mensch unter den gleichen Umständen auch nicht beachtet hätte (vgl. hierzu oben Erwägung 2.1.3). Denn einem sehr sorgfältigen Menschen wäre der vorliegend zu beurteilende Fehler gerade nicht unterlaufen, zumal bereits eine Kontrolle der Deckblätter der jeweiligen Berufungsschriften den Fehler hätte erkennen lassen. Zu beachten ist sodann, dass es sich bei der Einhaltung der Rechtsmittelfrist – weil als gesetzliche Frist nicht erstreckbar – um eine zentrale (formelle) Voraussetzung für eine erfolgreiche Anfechtung eines Entscheides handelt. Aufgrund der Wichtigkeit, die der Einhaltung dieser Formvorschrift zukommt, konnte und musste von der Gesuchstellerin umso grössere Sorgfalt verlangt werden. Diese hat sie vorliegend
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klarerweise ausser Acht gelassen, sodass – zumal die Gesuchstellerin keine sie entlastenden Umstände geltend macht – nicht mehr von einem bloss leichten Verschulden ausgegangen werden kann. Schliesslich ist zu erwähnen, dass aus Gründen der Rechtssicherheit der Einhaltung von Rechtsmittelfristen grosse Bedeutung zukommt. Gerade bei der Nichteinhaltung von solchen Fristen ist ein leichtes Verschulden daher nicht leichthin anzunehmen. Handelt es sich aber beim von der Gesuchstellerin zugestandenen Versehen nicht mehr um ein bloss leichtes Verschulden, so fällt eine Wiederherstellung der Berufungsfrist gestützt auf Art. 148 ZPO ausser Betracht. Das Gesuch ist dementsprechend abzuweisen.
3. Die vorliegende Entscheidung ergeht gestützt auf Art. 18 Abs. 3 GOG (BR 173.000) und Art. 11 Abs. 2 KGV (BR 173.100) in einzelrichterlicher Kompetenz.
4.1. Bei diesem Ausgang gehen die Kosten des vorliegenden Verfahrens zu Lasten der Gesuchstellerin (vgl. Art. 106 Abs. 1 ZPO). Angesichts des verursachten Aufwands wird die Entscheidgebühr auf CHF 300.00 festgesetzt (Art. 15 Abs. 2 EGzZPO i.V.m. Art. 13a Abs. 1 und Art. 13 Abs. 1 VGZ [BR 320.210]).
4.2. Da von der Einholung von Stellungnahmen abgesehen wurde, sind keine Parteientschädigungen zu sprechen.
5. Gemäss Art. 149 ZPO entscheidet das Gericht über Wiederherstellungsgesuche endgültig. Die Bedeutung dieser Formulierung ist nicht abschliessend geklärt (vgl. Gozzi, a.a.O., N 10 ff. zu Art. 149 ZPO). Jedenfalls hat das Bundesgericht gegen den abweisenden Entscheid einer kantonalen Rechtsmittelinstanz betreffend Wiederherstellung der Beschwerdefrist eine Anfechtungsmöglichkeit an das Bundesgericht zugelassen (im konkreten Fall – mangels Erreichen der Streitwertgrenze von CHF 30'000.00 – eine subsidiäre Verfassungsbeschwerde; vgl. BGer 5D_166/2012 v. 7.2.2013 E. 2.2). Dasselbe dürfte auch für den vorliegenden Fall gelten.
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## Considerations