# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** e2c63a23-d39d-5118-b287-16e946ed70cd
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2005
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Am 6. Juli 2001 erteilte die Gemeinde Muri der Beschwerdeführerin eine generelle
Baubewilligung für den Neubau eines Dienstleistungszentrums mit Gewerbe, Büronutzung
und Restaurant. Das Baugrundstück liegt innerhalb des Perimeters der
Überbauungsordnung „C._“. Am 2. September 2002 erteilte der
Regierungsstatthalter I von Bern die Gesamtbewilligung für das Ausführungsprojekt. Die
Gesamtbewilligung umfasste u.a. auch die Zusicherung einer Betriebsbewilligung A nach
GGG1, was die Zuständigkeit des Regierungsstatthalters bewirkt hatte (Art. 8 Abs. 2
BewD2).
1 Gastgewerbegesetz vom 11. November 1993 (BSG 935.11) 2 Dekret über das Baubewilligungsverfahren vom 22. März 1994 (BSG 725.1)
2
2. Am 12. April 2005 reichte die Beschwerdeführerin bei der Gemeinde Muri ein Gesuch
für den Einbau einer Klimakälteanlage im Dienstleistungszentrum ein. Dem Gesuch legte
sie verschiedene Grundrisspläne bei. Am 30. Juni 2005 erteilte die Gemeinde dafür eine
kleine Baubewilligung.
3. Offenbar Anfang Juli 2005 führte die Gemeinde eine Baukontrolle durch. Sie stellte
verschiedene Abweichungen von den bewilligten Plänen fest. Am 12. Juli 2005 erliess sie
eine Wiederherstellungsverfügung mit folgendem Inhalt: 1. Sie werden aufgefordert, den rechtmässigen Zustand (Ausführung des
Bauvorhabens gemäss den baubewilligten Plänen) bis am 19. August 2005 wieder
herzustellen.
2. (Strafandrohung)
3. Die Wiederherstellungsverfügung wird aufgeschoben, wenn innert der
Rechtsmittelfrist ein nachträgliches Projektänderungsgesuch eingereicht wird (Art.
46 Abs. 2 Bst. b BauG3). Dieses Gesuch hat namentlich folgende Unterlagen in 5-
facher Ausführung zu umfassen:
3.1 Baugesuchsformulare 1.0 und 1.0.1 3.2 Die aktuellen Pläne M. 1:100 mit bezeichneten Nutzungen 3.3 Die Berechnung der Bruttogeschossfläche nach Art. 93 Abs. 2 BauV4 mit
überprüfbarem Berechnungsschema 3.4 Die Berechnung der Abstellplätze für Fahrzeuge nach Art. 49 ff. BauV mit
überprüfbaren Berechnungsgrundlagen. Wir behalten uns vor, weitere Unterlagen einzufordern.
4. (Ersatzvornahme)
5. (Kosten)
6. Weitere in Widerspruch zur Baubewilligung vom 2. September 2002 stehende
Arbeiten dürfen nicht ausgeführt werden, bzw. sind sofort einzustellen.
7. (Rechtsmittelbelehrung)
4. Mit Beschwerde vom 10. August 2005 hat die Beschwerdeführerin diese Verfügung
angefochten. Sie verlangt die Aufhebung der Wiederherstellungsverfügung, mit der
Begründung, die vorgenommenen Änderungen seien gar nicht baubewilligungspflichtig
(wird ausgeführt), somit bestehe kein Raum für eine Wiederherstellungsverfügung. Innert
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BSG 721) 4 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BSG 721.1)
3
der Rechtsmittelfrist hat die Beschwerdeführerin bei der Gemeinde vorsorglich auch ein
nachträgliches Projektänderungsgesuch eingereicht, dort aber die Sistierung des
Verfahrens beantragt, weil eine nachträgliche Projektänderungsbewilligung gar nicht
erforderlich wäre, wenn sie mit ihrem Hauptstandpunkt - dass keine
baubewilligungspflichtige Änderung vorliege - im Beschwerdeverfahren Erfolg hätte.
5. Die Gemeinde Muri beantragt die Abweisung der Beschwerde.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintreten und Gegenstand des Beschwerdeverfahrens
a) Angefochten ist eine Wiederherstellungsverfügung, die sich auf Art. 46 BauG stützt.
Baupolizeilichen Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG können laut Art. 49 BauG innert 30
Tagen seit Eröffnung mit Verwaltungsbeschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) angefochten werden. Die Beschwerdeführerin
hat als Bauherrin und Adressatin der Wiederherstellungsverfügung ein besonders
schutzwürdiges Interesse im Sinne von Art. 65 Bst. a VRPG5 an der Aufhebung oder
Änderung der angefochtenen Verfügung. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
b) Die Beschwerdeführerin ficht zwar die Wiederherstellungsverfügung als Ganzes an,
also auch die Baueinstellungsverfügung gemäss Ziff. 6 der Verfügung. In ihrer Begründung
nimmt sie aber mit keinem Wort Bezug auf die Baueinstellungsverfügung. Insofern kann
auf die Beschwerde mangels Begründung nicht eingetreten werden. Zudem ist die
Beschwerdeführerin darauf hinzuweisen, dass der Beschwerde gegen die
Baueinstellungsverfügung keine aufschiebende Wirkung zukommt (Art. 46 Abs. 1 BauG).
c) Die Beschwerdeführerin hat innert der Rechtsmittelfrist bei der Gemeinde auch ein
nachträgliches Baugesuch eingereicht. Laut Art. 46 Abs. 2 Bst. b BauG wird die
Wiederherstellungsverfügung „aufgeschoben“, wenn ein nachträgliches Baugesuch
5 Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 (BSG 155.21)
4
eingereicht wird. In der Praxis wird diese Regelung so verstanden, dass die
Wiederherstellungsverfügung dahinfällt und ein allfälliges Beschwerdeverfahren
demzufolge gegenstandslos wird. Im vorliegenden Fall hat aber die Beschwerdeführerin
das Baugesuch nur vorsorglich eingereicht, für den Fall, dass sie mit ihrem
Hauptstandpunkt, den sie im Beschwerdeverfahren vorbringt - nämlich, dass die
Änderungen baubewilligungsfrei seien - nicht durchdringt. Dieses Vorgehen der
Beschwerdeführerin ist zulässig. Im vorliegenden Verfahren ist somit einzig zu prüfen, ob
die baulichen Änderungen, die die Beschwerdeführerin vorgenommen hat,
baubewilligungspflichtig sind. Ist dies der Fall, so wird die Gemeinde Muri über das
nachträgliche Projektänderungsgesuch zu entscheiden haben, und die
Wiederherstellungsverfügung fällt - vorläufig - dahin. Die Gemeinde wird dann in ihrem
Bauentscheid, falls die Änderungen nicht oder nur teilweise bewilligt werden können,
erneut über die Frage der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu verfügen
haben. Sind die Änderungen nicht baubewilligungspflichtig, ist die
Wiederherstellungsverfügung unter Vorbehalt von Art. 5 Abs. 2 BewD aufzuheben und es
erübrigt sich auch ein Entscheid über das nachträgliche Projektänderungsgesuch.
2. Baubewilligungspflicht der vorgenommenen Änderungen
a) Es ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin beim Bau des
Dienstleistungszentrums auf die im bewilligten Ausführungsplan vorgesehenen Licht- bzw.
Innenhöfe verzichtet hat, d.h. diese Höfe geschlossen hat. Dadurch wurde die
Bruttogeschossfläche nach den (ebenfalls unbestritten gebliebenen) Angaben der
Gemeinde um rund 800 m2 vergrössert. Die Beschwerdeführerin ist aber der Auffassung,
dass diese Änderung nicht baubewilligungspflichtig ist. Sie stützt sich dabei auf Art. 5
Abs. 1 Bst. g BewD, wonach „Änderungen im Innern eines Gebäudes unter bestimmten
Voraussetzungen baubewilligungsfrei sind, nämlich wenn sie mit keiner
baubewilligungspflichtigen Nutzungsänderung verbunden sind, keine
baubewilligungspflichtigen Änderungen der äusseren Gestaltung des Bauwerks bewirken
und keine inneren Bauteile, Raumstrukturen und festen Ausstattungen eines
schützenswerten Baudenkmals oder Raumstrukturen eines erhaltenswerten Baudenkmals
betreffen“. Die Beschwerdeführerin macht geltend, es seien alle diese Voraussetzungen
der Bewilligungsfreiheit erfüllt.
5
b) Die Voraussetzung, dass kein Baudenkmal betroffen ist, ist unbestritten erfüllt.
Umstritten ist aber, ob die Änderungen eine baubewilligungspflichtige Nutzungsänderung
darstellen oder baubewilligungspflichtige Änderungen der äusseren Gestaltung bewirken.
c) Die Beschwerdeführerin bestreitet, dass die Schliessung der Lichthöfe zu
Änderungen der äusseren Gestaltung geführt hätten, währenddem die Gemeinde Muri dies
bejaht. Ob allfällige Änderungen der äusseren Gestaltung mit dem Schliessen der
Lichthöfe zusammenhängen oder nicht, spielt für die Frage der Baubewilligungspflicht
keine Rolle. Dem vorsorglich eingereichten Projektänderungsgesuch der
Beschwerdeführerin kann entnommen werden, dass beim Bauen nicht unbedeutende
Änderungen der Fassadengestaltung vorgenommen worden sind6. Dabei zeigt ein
Vergleich mit den am 2. September 2002 bewilligten Fassadenplänen, dass nicht nur die
im Projektänderungsgesuch mit gelber und roter Farbe dargestellten Änderungen beim
Attikageschoss vorgenommen worden sind (die wohl eine direkte Folge des Verzichts auf
die Lichthöfe war), sondern dass auch die Materialisierung einzelner Fassaden und
insbesondere die Gestaltung des Erdgeschosses der Nordostfassade deutlich geändert hat
(was mit dem Verzicht auf die Lichthöfe wohl nichts zu tun hat). Laut Art. 4 Abs. 2 Bst. a
BewD gilt die äussere Umgestaltung, wie die Änderung der Fassaden oder der Dachform,
von Gesetzes wegen als wesentliche und damit baubewilligungspflichtige Änderung einer
Baute und Anlage. Von dieser gesetzlichen Vermutung kann nur dann abgewichen werden,
wenn die Änderung der Fassade derart unbedeutend ist, dass sie im Verhältnis zur
gesamten Fassadengestaltung nicht als wesentlich bezeichnet werden kann. Diese
Voraussetzung ist hier angesichts der zahlreichen Änderungen der Fassade nicht
gegeben. Die Baubewilligungspflicht der vorgenommenen Fassadenänderungen ist zu
bejahen.
d) Die Beschwerdeführerin ist weiter der Auffassung, dass die mit dem Schliessen der
Lichthöfe verbundene Nutzungsänderung der entsprechenden Flächen nicht
baubewilligungspflichtig sei, weil in der Überbauungsordnung keine Ausnützungsziffer und
keine maximale Bruttogeschossfläche festgelegt sei und auch die Parkplatzberechnung
nicht aufgrund der Bruttogeschossfläche zu erfolgen habe. Richtig ist, dass die
Überbauungsordnung „C._“ weder eine Ausnützungsziffer noch eine
Maximalnutzung pro Baufeld festlegt. Das Nutzungsmass wird einzig durch die Baufelder,
die maximale Gebäudelänge von 120 m und die Gebäudehöhen beschränkt. Die
6 vgl. Beilagen 15 und 16 zur Beschwerde
6
Schliessung der Lichthöfe hat auf diese Masse keinen Einfluss. Die Gemeinde macht aber
geltend, dass die Bruttogeschossfläche für die Parkplatzberechnung massgeblich sei.
In Art. 17 der Überbauungsvorschriften zur Überbauungsordnung C._ ist zu den
Parkplätzen Folgendes festgelegt: 1. Für die Gesamtüberbauung sind maximal 640 Parkplätze zulässig. Die Anzahl der
Parkplätze pro Gesuch richtet sich nach der Kantonalen Parkplatzverordnung
(PPV) und dem Parkplatzreglement der Gemeinde Muri.
2. bis 7. (hier nicht relevant)
8. Mit jedem Baugesuch ist nachzuweisen, dass für die verbleibenden
Baugrundstücke eine anteilmässige Anzahl Parkplätze übrig bleibt.
Die kantonale Parkplatzverordnung, auf die hier verwiesen wird, ist mit einer Änderung der
Bauverordnung vom 22. Dezember 1999, die am 1. März 2000 in Kraft getreten ist,
aufgehoben worden. In den Übergangsbestimmungen zur BauV wurden die Gemeinden
verpflichtet, Parkplatzbestimmungen, die der neuen Regelung der BauV widersprechen,
innert drei Jahren ab dem Inkrafttreten der Änderung, also ab dem 1. März 2000, der
neuen Regelung der BauV anzupassen. Nach Ablauf dieser Frist, also am 1. März 2003,
haben widersprechende Gemeindevorschriften ihre Gültigkeit verloren.7 Die
Beschwerdeführerin ist der Auffassung, dass sich die Parkplatzzahl insgesamt und die
Anzahl der Parkplätze pro Baugesuch auch heute noch nach der Überbauungsordnung
bzw. der aufgehobenen PPV richte. Dies trifft nicht zu. Die Übergangsbestimmung zur
BauV vom 22. Dezember 1999 ist klar: Am 1. März 2003 haben kommunale Parkplatz-
bestimmungen, die der kantonalen Regelung widersprechen, ihre Gültigkeit verloren.
Ausgenommen sind nur Überbauungsvorschriften zur Beschränkung der Parkplatzzahl, die
sich auf Art. 18 Bst. a BauG stützen. Für Gebiete, die aus siedlungsplanerischen Gründen
vom Fahrzeugverkehr entlastet oder freigehalten werden sollen, gelten somit der neuen
BauV widersprechende Überbauungsvorschriften weiterhin. Im vorliegenden Fall ist davon
auszugehen, dass die Beschränkung der Parkplatzzahl auf 640 in der
Überbauungsordnung ganz allgemein der Reduktion von Lärm- und Luftimmissionen dient,
ist doch nicht einzusehen, aus welchen Gründen ein Gewerbeareal selbst vom
Fahrzeugverkehr möglichst freigehalten werden sollte. Es gilt somit heute ausschliesslich
7 vgl. Übergangsbestimmungen Ziff. 1 und 2 zur BauV vom 22.12.1999
7
das neue kantonale Recht.8 Auch die Gemeinde Muri, die die Vorschriften erlassen hat, ist
der Auffassung, dass heute die BauV gilt, was ein weiteres Indiz dafür ist, dass die
Beschränkung der Parkplatzzahl in der Überbauungsordnung „C._“ nicht
siedlungsplanerisch bedingt war.
Aber selbst wenn die Beschwerdeführerin Recht hätte und die Parkplatzzahl noch nach der
Überbauungsordnung und der PPV zu berechnen wäre, hätte die Änderung der
Bruttogeschossfläche Einfluss auf die Parkplatzzahl: Auch in der PPV bestimmte sich der
Normbedarf an Parkplätzen in Abhängigkeit von der Bruttogeschossfläche (vgl. Art. 4
PPV). Das Schliessen der Lichthöfe und die damit einhergehende Erhöhung der
Bruttogeschossfläche hat also einen direkten Einfluss auf die Anzahl der vorgeschriebenen
bzw. zulässigen Parkplätze. Ob die ursprünglich bewilligte Parkplatzzahl noch
bewilligungsfähig ist, wird im Projektänderungsverfahren zu prüfen sein. Auch aus diesem
Grund ist die Baubewilligungspflicht zu bejahen.
e) Schliesslich ist die Baubewilligungspflicht auch deshalb zu bejahen, weil durch das
Schliessen der Lichthöfe Fragen der Brandsicherheit betroffen werden. Laut Art. 7 Abs. 1
BewD ist dann, wenn Änderungen von Bauten die Brandsicherheit in Frage stellen, ein
Baubewilligungsverfahren durchzuführen. Hofüberdeckungen gelten gemäss Weisung der
Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion und der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des
Kantons Bern zu den baubewilligungsfreien Bauten und Anlagen9 ausdrücklich als solche
bewilligungspflichtigen Änderungen, ebenso die Erstellung oder wesentliche Änderung von
Liften, worunter auch die hier vorgenommene Versetzung der Lifte fällt. Die direkte
Anhörung der Gebäudeversicherung des Kantons Bern durch die Bauherrschaft ersetzt
das Projektänderungsverfahren, an dem auch die Baubewilligungsbehörde und allenfalls
betroffene Dritte beteiligt sind, nicht.
f) Zusammenfassend ist somit zu sagen, dass die vorgenommenen Änderungen aus
mehreren Gründen baubewilligungspflichtig sind.
3. Treu und Glauben
8 vgl. dazu Verwaltungsgerichtsentscheid 21996-98 vom 20.12.2004 i.S. Westside, Bern, Erw. 9.4.6 9 BSIG Nr. 7/725.1/1.1 vom 6. November 1996
8
a) Die Beschwerdeführerin rügt weiter, die Gemeinde habe bereits früher von den nun
umstrittenen Änderungen Kenntnis erhalten und hätte bereits damals einschreiten müssen.
Sie, die Beschwerdeführerin, habe der Gemeinde bereits im März 2004 Ausführungspläne
im Massstab 1:200 abgegeben, aus denen ersichtlich gewesen sei, dass die geplanten
Lichthöfe teilweise geschlossen werden sollten. Im März 2005 seien die Lüftungspläne im
Massstab 1:100 abgegeben worden und auch auf diesen seien zwei der ursprünglich vier
Lichthöfe nicht mehr dargestellt gewesen. Die Gemeinde habe nicht reagiert und
demzufolge habe sie, die Beschwerdeführerin, die Arbeiten so ausgeführt. Es
widerspreche Treu und Glauben, wenn die Gemeinde nun, nachdem die Arbeiten
ausgeführt seien, eine Wiederherstellungsverfügung erlasse.
b) Der aus Art. 4 BV abgeleitete Grundsatz von Treu und Glauben gilt für das gesamte
staatliche Handeln. Er umfasst zum einen das Verbot widersprüchlichen Verhaltens und
das Rechtsmissbrauchsverbot. Zum andern verleiht er als sog. Vertrauensschutz der Bür-
gerin bzw. dem Bürger einen Anspruch darauf, dass sich die Behörde an die von ihr er-
teilten Zusicherungen und Versprechen hält. Er gibt den Privaten somit einen durchsetzba-
ren Anspruch auf Schutz ihres berechtigten Vertrauens in behördliche Auskünfte und Zusi-
cherungen sowie anderes, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, Zürich 1993, Rz. 521
ff./S. 117 ff.). Eine - selbst unrichtige - Auskunft oder Zusicherung ist unter Umständen
verbindlich, nämlich wenn folgende Voraussetzungen kumulativ erfüllt sind (vgl. BGE vom
14.3.1996 publ. in: Pra 85 [1996], 202 mit Hinweisen, BVR 1997 455 ff. E. 4, BVR 1991
505 f. E. 6 mit Hinweisen; Aldo Zaugg, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern vom
9. Juni 1985, 2. Aufl. Bern 1995, Einleitung N. 49 ff., S. 32 ff.):
 Die Auskunft muss geeignet sein, Vertrauen zu begründen, das heisst, die Angaben der
Behörde müssen sich auf eine konkrete, die betreffende Person berührende Angele-
genheit beziehen und vorbehaltlos erteilt worden sein;
 die Behörde, welche die Auskunft erteilt hat, muss hierfür zuständig gewesen sein oder
in guten Treuen für zuständig gehalten werden;
 die Bürgerin bzw. der Bürger hat die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne weiteres er-
kennen können respektive hatte triftige Gründe, an die Gültigkeit der Auskunft zu glau-
ben und handelte danach;
 im Vertrauen auf die Auskunft wurden Dispositionen vorgenommen, die nicht oder nicht
ohne Nachteil wieder rückgängig zu machen sind;
9
 die Rechtslage zur Zeit der Verwirklichung des Tatbestandes ist noch die gleiche wie im
Zeitpunkt der Auskunftserteilung, das heisst, das Gesetz hat in der Zwischenzeit keine
Änderung erfahren.
c) In den Plänen vom 25. März 2004 im Massstab 1:200 sind die vier Lichthöfe im
Grundrissplan des ersten Obergeschosses mit „ev. Lichthof“ bezeichnet, im Grundrissplan
des zweiten Obergeschosses und des Attikageschosses sind alle vier Lichthöfe noch
gleich eingetragen wie in den am 2. September 2002 bewilligten Plänen. In den
Grundrissplänen vom 1. März 2005 im Massstab 1:100, die dem Gesuch für den Einbau
einer Klimakälteanlage beigelegt wurden, sind tatsächlich nur noch zwei der Lichthöfe
eingetragen. Im März 2004 wurden indessen keine Fassadenpläne eingereicht, so dass die
Auswirkungen der als „eventuell“ bezeichneten inneren Änderungen auf die Fassaden nicht
ersichtlich war. Aus der Rückschau kann gesagt werden, dass es sicher angebracht
gewesen wäre, dass die Bauverwaltung von Muri angesichts dieser Hinweise auf eine
mögliche Änderung während der Bauausführung nachgefragt hätte, ob eine
Projektänderung vorgesehen sei. Es ist aber verständlich, dass die Bauverwaltung damals
davon ausging, die Beschwerdeführerin würde ein Projektänderungsgesuch einreichen,
sofern sie tatsächlich eine Projektänderung vornehmen würde. Die Absichten der
Beschwerdeführerin zur Vornahme einer Projektänderung waren im Frühling 2004
jedenfalls nicht so eindeutig und klar erkennbar, dass sie aus der ausbleibenden Reaktion
der Gemeinde auf eine Zusicherung der Bewilligungsfreiheit schliessen durfte.
Etwas eindeutiger sind die Pläne vom 1. März 2005. Aus diesen ist klar erkennbar, dass
die Beschwerdeführerin auf zwei der Lichthöfe verzichten will und es wäre sicher
angebracht gewesen, dass die Gemeinde nun sofort reagiert, d.h. notfalls die Bauarbeiten
bis zur Bewilligung des erforderlichen Projektänderungsgesuchs eingestellt hätte.
Allerdings hat die Beschwerdeführerin selbst wiederum nicht nach diesen Plänen gebaut,
sonst hätte sie ja wenigstens zwei der Lichthöfe erstellen müssen. Sie kann sich deshalb
angesichts ihres eigenen widersprüchlichen Verhaltens mindestens bezüglich zwei der
Lichthöfe gegenüber der Gemeinde nicht auf Treu und Glauben berufen. Dazu kommt,
dass die Gemeinde Muri bei Bewilligung der Klimakälteanlage am 30. Juni 2005 die
Unstimmigkeiten offenbar bemerkt hat und dann umgehend gehandelt hat. Sie hat die
Wiederherstellungsverfügung innert weniger als 14 Tagen seit Erteilung der kleinen
Baubewilligung für die Klimakälteanlage erlassen.
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c) Schliesslich kommt dazu, dass der Beschwerdeführerin durch die Feststellung der
Baubewilligungspflicht allein noch kein Nachteil entsteht. Die Bejahung der
Baubewilligungspflicht bedeutet noch nicht, dass die Änderungen nicht bewilligungsfähig
sind. Ob eine Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands in Bezug auf zwei der
Lichthöfe gegen Treu und Glauben verstossen würde, ist in diesem Beschwerdeentscheid,
wo nur über die Baubewilligungspflicht zu entscheiden ist, nicht zu beurteilen.
4. Rückweisung an die Vorinstanz
a) Die Beschwerdeführerin hat bereits vorsorglich ein Projektänderungsgesuch bei der
Gemeinde Muri eingereicht. Dieses Projektänderungsgesuch muss somit auf seine
Bewilligungsfähigkeit überprüft werden. Die Gemeinde hat dafür ein
Projektänderungsverfahren nach Art. 43 BewD durchzuführen. Falls nicht alle Änderungen
bewilligungsfähig sind, wird die Gemeinde Muri zu prüfen haben, ob das Gesuch
wenigstens teilweise bewilligt werden kann. Im neuen Bauentscheid wird sie, soweit nötig,
erneut über die Frage der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands entscheiden
müssen. Dabei wird sie die Grundsätze der Verhältnismässigkeit und des
Vertrauensschutzes zu berücksichtigen haben (Art. 47 Abs. 2 BewD). Somit fällt die
Wiederherstellungsverfügung vom 12. Juli 2005 dahin. Die Sache geht zurück an die
Vorinstanz zum Entscheid über das Projektänderungsgesuch.
5. Kosten
Die Beschwerdeführerin hat als unterliegende Partei die Kosten des
Beschwerdeverfahrens zu tragen (Art 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'000.-- festgelegt. Parteikosten sind keine zu sprechen.