# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0deaa2c2-bcbf-4ca6-9896-a2eddc8ea098
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend
versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 1. September 2011 (DG100536)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 7. Juli 2010
(Urk. 26) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 91 und 94)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB,
− der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in
Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. a, Art. 8 und Art. 27 WG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 9 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 815 Tage durch Haft
erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Es wird eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB (Sucht-
behandlung) angeordnet.
5. Der mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 25. März 2010 beschlagnahmte und bei der
Bezirksgerichtskasse unter der Sachkautions-Nr. ... lagernde Revolver, Marke "Rossi" wird
(samt allfälliger Munition) eingezogen und der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen.
6. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger B._ aus dem
eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatz- und genugtuungspflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges der Zivilansprüche wird der Geschädigte auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
7. Das Schadenersatzbegehren der Subrogationsklägerin C._ AG wird abgewiesen.
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
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Fr. 7'500.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 954.– Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 22'739.65 Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung Untersuchung
Fr. 37'874.45 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden einstweilen auf die Staatskasse
genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
10. (Mitteilungen.)
11. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge:
a) der Verteidigung des Beschuldigten A._ (Urk. 113):
1. Es sei der erstinstanzliche Schuldspruch teilweise aufzuheben.
Es sei A._ in Anklagepunkt II.2. (Schussabgabe auf der
D._-Strasse) freizusprechen in Sachen versuchte vorsätzliche Tötung
z.N. von E._.
Falls dies verfahrensrechtlich noch möglich ist, sei A._ freizusprechen
betreffend Gefährdung des Lebens zum Nachteil von B._.
In allen anderen Punkten sei der erstinstanzliche Schuldspruch zu be-
stätigen.
2. Es sei in Abweisung der Berufung der Staatsanwaltschaft und in Aufhebung
von Ziff. 2 des angefochtenen Urteils die Strafe zu reduzieren auf 7 Jahre.
Eventualiter – für den Fall der Bestätigung des erstinstanzlichen Schuld-
spruchs – sei die Strafe um sechs Monate zu reduzieren.
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Alles unter Anrechnung aller erstandenen Haft.
3. Falls verfahrensrechtlich noch möglich, seien die Zivilforderungen von
B._ in teilweiser Aufhebung von Ziff. 6 des erstinstanzlichen Urteils
abzuweisen.
4. Regelung der zweitinstanzlichen Kostenfolgen ausgangsgemäss.
Bei Gutheissung des Hauptantrages im Schuldpunkt Aufhebung der erstin-
stanzlichen Kostenregelung und Ersatz durch eine ausgangsgemässe
Kostenregelung.
b) der Staatsanwaltschaft (Urk. 115):
Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 1. September 2011 in Sachen
A._ sei grundsätzlich zu bestätigen, mit Ausnahme des Strafpunktes:
Hier sei der Beschuldigte A._ mit einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren zu
bestrafen.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Gegenstand der Berufung
1. Zum bisherigen Prozessverlauf im Vorverfahren und in erster Gerichts-
instanz, zum vorzeitigen Straf- und Massnahmeantritt des Beschuldigten sowie
zum Prozessualen - anwendbares Verfahrensrecht, Privatklägerschaft und
Berichtigung der Anklageschrift - ist auf das angefochtene Urteil zu verweisen
(Urk. 94 S. 4-9).
2. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil des Bezirksgerichtes Zürich,
2. Abteilung, vom 1. September 2011, wurde der Beschuldigte der mehrfachen
versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen Gefährdung des Lebens im Sinne von
Art. 129 StGB und der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. a, Art. 8 und Art. 27 WG
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schuldig gesprochen. Der Beschuldigte wurde mit einer (unbedingten) Freiheits-
strafe von 9 Jahren bestraft, unter Anrechnung von 815 Tagen Haft bzw. Frei-
heitsentzug bis zum vorinstanzlichen Urteil. Zudem ordnete das Bezirksgericht ei-
ne vollzugsbegleitende ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB
(Suchtbehandlung) an. Weiter wurde die Tatwaffe samt allfälliger Munition einge-
zogen und der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen. Hin-
sichtlich des Privatklägers B._ wurde die grundsätzliche Schadenersatz- und
Genugtuungspflicht des Beschuldigten festgestellt und der Privatkläger zum ge-
nauen Umfang der Zivilansprüche auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
Das Schadenersatzbegehren der Subrogationsklägerin C._ wies die Vo-
rinstanz ab. Schliesslich auferlegte das Bezirksgericht dem Beschuldigten die
Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen die
Kosten der amtlichen Verteidigung, die - unter Nachforderungsvorbehalt - einst-
weilen auf die Gerichtskasse genommen wurden.
3.1 Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte durch seinen amtlichen Verteidi-
ger, Rechtsanwalt Dr. X._, mit Eingabe vom 1. September 2011 rechtzeitig
Berufung anmelden (Urk. 85).
3.2 Mit Eingabe vom 2. September 2011 meldete auch die Staatsanwaltschaft
IV fristgerecht Berufung gegen das Urteil an (Urk. 86).
3.3 Nach Zustellung des begründeten Urteils reichten sowohl die Staatsanwalt-
schaft IV am 14. Februar 2012 als auch der amtliche Verteidiger am 20. Februar
2012 innert Frist die Berufungserklärungen ein (Urk. 95 und 97).
3.4 Mit Präsidialverfügung vom 20. März 2012 wurden die Berufungserklärun-
gen in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO sowie Art. 401 StPO je der
Gegenpartei und den Privatklägern übermittelt (Urk. 101). Die Privatkläger
B._ und C._ liessen sich nicht vernehmen.
3.5 Mit Schreiben vom 26. März 2012 liess der Mitbeschuldigte (Geschäfts-
Nr. SB120131) und im vorliegenden Verfahren gleichzeitig Geschädigte E._
in Bezug auf die Präsidialverfügung vom 20. März 2012 durch seinen amtlichen
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Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Y._, mitteilen, dass er die Berufungsanträge
von Rechtsanwalt Dr. X._ gemäss dessen Berufungserklärung vom 20. Feb-
ruar 2012 (Urk. 97) vollumfänglich unterstütze und bat darum, diesen Anträgen zu
entsprechen (Urk. 103).
3.6 Der Beschuldigte liess seinerseits durch seinen amtlichen Verteidiger,
Rechtsanwalt Dr. X._, gestützt auf die Präsidialverfügung vom 20. März 2012
unter anderem verlauten, dass er keinerlei Einwendung gegen eine Gutheissung
der Berufung der Verteidigung von E._ (Geschäfts-Nr. SB120131) erhebe
(Urk. 105).
4.1 Die Verteidigung beantragt die Aufhebung des Schuldspruches wegen
mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Ver-
bindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, akzeptiert aber den Schuldspruch des Beschul-
digten wegen (einfacher) versuchter vorsätzlicher Tötung, Vorfall im Lokal "..."
(Anklageziffer II.1.). Hinsichtlich des bestrittenen Schuldspruches wegen versuch-
ter vorsätzlicher Tötung, Schussabgabe auf der D._-Strasse (Anklageziffer
II.2.), beantragt sie, den Beschuldigten der Gefährdung des Lebens im Sinne von
Art. 129 StGB schuldig zu sprechen (Urk. 97 S. 2; Urk. 113 S. 1 ff.). Anlässlich der
Berufungsverhandlung beantragte der amtliche Verteidiger des Beschuldigten zu-
dem, dass der Beschuldigte vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens im Sinne
von Art. 129 StGB zum Nachteil des Privatklägers B._ freizusprechen sei
und dass in der Folge die Zivilforderungen des Privatklägers B._ in Aufhe-
bung von Ziff. 6 des vorinstanzlichen Urteils abzuweisen seien (Urk. 113 S. 1 f.).
Was diese beiden erst anlässlich der Berufungsverhandlung gestellten Anträge
betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass gemäss Art. 399 Abs. 4 StPO in der Beru-
fungserklärung verbindlich anzugeben ist, auf welche Teile sich eine teilweise An-
fechtung des vorinstanzlichen Urteils bezieht. Da der Beschuldigte in der Beru-
fungserklärung vom 20. Februar 2012 den Schuldpunkt betreffend die Gefähr-
dung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB sowie die grundsätzliche Feststel-
lung der Schadenersatz- und Genugtuungspflicht betr. den Privatkläger B._
nicht angefochten und damit anerkannt hat (Urk. 97 S. 2), sind die betreffenden
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Punkte in Rechtskraft erwachsen, weshalb vorliegend nicht mehr auf diese zu-
rückgekommen werden kann.
4.2 Angefochten sowohl durch die Verteidigung wie auch durch die Staatsan-
waltschaft ist ferner die Sanktion: Während die Verteidigung eine Reduktion der
Strafe auf 7 Jahre Freiheitsentzug unter Anrechnung der erstandenen Haft ver-
langt (Urk. 97 S. 2; Urk. 113 S. 1 f.), stellt die Staatsanwaltschaft den Antrag, den
Beschuldigten mit 14 Jahren Freiheitsstrafe zu belegen (Urk. 95 S. 2; Urk. 115
S. 1).
Die durch die Vorinstanz angeordnete ambulante Behandlung gemäss Art. 63
StGB wird ebenfalls nicht beanstandet (Urk. 97 S. 2; Urk. 113 S. 1 ff.; Urk. 115
S. 1).
4.3 Das vorinstanzliche Urteil ist daher in den folgenden Regelungen rechtskräf-
tig geworden (Art. 399 Abs. 2 Ziff. 2 StPO in Verbindung mit Art. 385 Abs. 1 lit. a
StPO):
- in Dispositiv-Ziffer 1 bezüglich der (einfachen) versuchten vorsätzlichen Tötung,
Vorfall im Lokal "..." (Anklageziffer II.1.), der mehrfachen Gefährdung des
Lebens und der Widerhandlung gegen das Waffengesetz;
- in Dispositiv-Ziffer 4 betreffend die Anordnung einer vollzugsbegleitenden ambu-
lanten Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB (Suchtbehandlung);
- in den Dispositiv-Ziffern 5-8 (Einziehung, Zivilforderungen, Kostenfestsetzung).
Die Rechtskraft der genannten Regelungen ist vorab mit Beschluss festzustellen,
wobei Dispositiv-Ziffer 1 al. 1, da beide vorgeworfenen Tötungsversuche um-
fassend, insgesamt nicht als rechtskräftig erklärt werden kann.
5. Auf die Argumente der Verteidigung ist im Rahmen der nachstehenden
Erwägungen einzugehen. Dabei muss sich das Gericht nicht ausdrücklich mit
jeder tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinander-
setzen; vielmehr kann es sich auf die für die Entscheidfindung wesentlichen
Gesichtspunkte beschränken (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.62/2006 E. 4.2.2
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vom 14.11.2006 mit Hinweis auf BGE 126 I 97 E. 2b, BGE 125 II 369 E. 2c, BGE
124 V 180 und BGE 112 Ia 107 E. 2b).
II. Schuldpunkt - eingeklagter Sachverhalt
1.1 Der eingeklagte Sachverhalt ergibt sich aus der Anklageschrift vom 7. Juli
2010 (Urk. 26 in Verbindung mit Urk. 94 S. 9) und ist auch im vorinstanzlichen
Urteil umfassend dargestellt, worauf zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen
zu verweisen ist (Urk. 94 S. 9-15; Art. 82 Abs. 4 StPO). Das Gleiche gilt hinsicht-
lich der detaillierten Darstellung der Aussagen des Beschuldigten A._ sowie
jener des Mitbeschuldigten E._, der diversen Zeugen und der weiteren
Beweismittel (Urk. 94 S. 17-78).
1.2 Im folgenden ist der Sachverhalt insoweit zu prüfen, als er vom Beschuldig-
ten noch bestritten ist. Das betrifft die Umstände seiner Schussabgabe auf der
Strasse und die Frage, ob er den Mitbeschuldigten E._ dadurch habe töten
wollen bzw. dessen Tod zumindest in Kauf genommen habe. Konkret ist somit zu
prüfen, ob der Beschuldigte vor der Motorhaube des von F._ gelenkten Per-
sonenwagens stehend, mit waagrecht ausgestrecktem rechtem Arm auf den Mit-
beschuldigten E._ zielte und so über die Motorhaube hinweg einen gezielten,
aber trefferlosen Schuss auf E._ abfeuerte, ob er dies im Wissen um den
Tod von E._ als eine mögliche Folge seiner Handlung tat und ob er diese
mögliche Folge zumindest billigend in Kauf nahm (Urk. 26 S. 4 f.).
1.3 Mit den Grundsätzen der Beweiswürdigung, namentlich der Würdigung von
Aussagen, hat sich die Vorinstanz ausführlich und korrekt befasst, darauf kann
ebenfalls verwiesen werden (Urk. 94 S. 15-17).
2. Aussagen des Beschuldigten zum Schusswechsel auf der D._-Strasse
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Die massgebenden Angaben des Beschuldigten betreffend das strittige Tat-
geschehen auf der D._-Strasse sind vorliegend noch einmal zusammenge-
fasst darzustellen (vgl. auch Urk. 94 S. 18, 20, 22, 24 f., 26-30, 37-40, 42).
2.1 In der ersten polizeilichen Einvernahme vom 9. Juni 2009 (Urk. 5/1) erklärte
der Beschuldigte, er sei (nach der Schussabgabe im Lokal "...") davongerannt.
Der Mitbeschuldigte E._ sei ihm nachgerannt und habe auf der Strasse hin-
ter ihm nachgeschossen. Er wisse jedoch nicht genau, wie oft E._ geschos-
sen habe. Einmal habe dieser sicher geschossen, das habe er (A._) gehört.
Er sei zum Glück nicht getroffen worden. Er habe sich dann hinter einem Pfosten
versteckt und von dort wiederum in die Luft geschossen. Hätte er E._ um-
bringen wollen, dann hätte er ihn im Lokal aus einer Distanz von einem halben
Meter sicher nicht verfehlt. Als er draussen in die Luft geschossen habe, sei
E._ irgendwo in Deckung gegangen (Urk. 5/1 S. 6).
Er habe gesehen, wie E._ mit der Pistole in der Hand hinter ihm hergekom-
men sei. Die Schüsse E._s habe er gehört, aber nicht gesehen, wie dieser
geschossen habe. E._ habe ganz bestimmt in seine Richtung geschossen.
Er wisse es nicht. Der Beschuldigte bestätigte, grosse Angst gehabt zu haben. Er
habe sich dann hinter einem Pfosten versteckt und nur in die Luft geschossen
(was er wiederholt betonte), damit E._ ihn nicht mehr verfolge. Er habe an
diesem Tag das erste Mal mit einem Revolver geschossen. E._ sei ca. 20 bis
30 Meter von ihm entfernt gewesen. Er habe keine Absicht gehabt, E._ zu
verletzen (Urk. 5/1 S. 11 ff.).
2.2 Anlässlich der Hafteinvernahme vom gleichen Tag (Urk. 5/2) führte der
Beschuldigte aus, er habe sich nach ungefähr 20 bis 30 Metern umgedreht und
gesehen, wie der Mitbeschuldigte E._ aus der Bar gekommen und ihm nach-
gerannt sei. Er (A._) habe geflucht. E._ habe eine Waffe gehabt und auf
ihn geschossen, dies einmal, genau wisse er es aber nicht. Er (A._) sei
ca. 200 Meter weit gerannt und habe dann hinter einem Betonpfeiler Schutz ge-
funden. Dann habe er einen Schuss in die Luft abgegeben. E._ sei stehen
geblieben und habe sich irgendwo versteckt. Es stimme nicht, dass er (A._)
sich vor die Kühlerhaube des Autos des Zeugen F._ gestellt habe, mit seiner
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Schusswaffe diagonal über dessen Kühlerhaube in Richtung Trottoir gezielt und
so auch geschossen und sich nachher hinter dem Auto geduckt habe. Er habe
nicht auf offener Strasse herumgeschossen und E._ nicht am Hals getroffen.
Er sei kein "Sniper", er könne E._ nicht aus 30 Metern treffen. Er habe nur in
die Luft geschossen (Urk. 5/2 S. 5).
2.3 Bei der an die Kantonspolizei Zürich delegierten Einvernahme vom 30. Juni
2009 (Urk. 5/3) gab der Beschuldigte in Anwesenheit seines amtlichen Verteidi-
gers wiederum an, er habe im Freien in die Luft geschossen, den Lauf der Waffe
in Richtung Himmel gehalten. Hätte er in Richtung des ihn verfolgenden Mitbe-
schuldigten E._ geschossen, so hätte er diesen auch getroffen. Er habe
E._ nur Angst machen wollen. Hätte er die Absicht gehabt, ihn zu töten, so
hätte er das zuvor im Restaurant erledigen können (Urk. 5/3 S. 13).
Abweichend von seinen bisherigen Aussagen erklärte der Beschuldigte nunmehr,
sich zu erinnern, dass er sich hinter einem Auto versteckt habe. Das Auto sei in
der Kolonne auf der D._-Strasse gestanden. Er habe auch bei E._, der
ihn verfolgt habe, eine Waffe gesehen. E._ habe ihm etwas zugerufen und er
(A._) habe in dessen Hand eine Schusswaffe gesehen. Er habe die Schuss-
abgabe durch E._ nicht gesehen, er sei gerannt und habe einfach einen
Schuss gehört. Ob E._ in seine Richtung geschossen habe oder aber ein-
fach in die Luft, wisse er deshalb nicht. Als er E._ vor dem Lokal "..." gese-
hen habe, habe dieser die Waffe in seine Richtung gehalten (Urk. 5/3 S. 13 f.).
2.4 Am 16. Juli 2009 in der Befragung durch die Staatsanwaltschaft (Urk. 5/4)
liess der Beschuldigte dann durch seinen Verteidiger eine längere Erklärung hin-
sichtlich des Geschehens auf der D._-Strasse abgeben (wörtlich):
"Draussen auf der Strasse habe A._ unter dem Eindruck gehandelt, dass E._ gezielt auf ihn schiesse und er deshalb in Lebensgefahr sei.  habe er verstanden, dass E._ über den Vorgang im Lokal furchtbar empört sein musste. A._ habe dann nicht gegen den Himmel geschossen, aber er habe von E._ etwas weg gezielt, um ihn nicht zu treffen. Er wollte den Eindruck erwecken, dass er bereit sei voll zurückzuschiessen. Wenn er heute an die Passanten denke, grause es ihm, was er da gemacht hat. Er bedaure auch extrem, E._ verletzt zu haben." (Urk. 5/4 S. 3).
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Auf entsprechende Frage bestätigte der Beschuldigte ausdrücklich, mit dem durch den Verteidiger Vorgetragenen einverstanden zu sein. Weiter erklärte er, er habe bei der Unterführung nicht als Erster geschossen, aber auch nicht
gesehen, wie der Mitbeschuldigte E._ geschossen habe. Er sei am Rennen
gewesen. Er habe den Schuss jedoch gehört und auch gesehen, wie E._ auf
ihn gezielt habe. Auf den Widerspruch hingewiesen, er habe eben gesagt, er
habe es nicht gesehen, weil er am Rennen gewesen sei, erklärte der Beschuldig-
te, er habe gesehen, dass E._ ihm hinterher renne und dass er seine Waffe
in seine (A._s) Richtung gehalten habe. Er habe versucht, irgendwo in De-
ckung zu gehen. E._ habe zuerst geschossen; er wisse nicht, wo er
(A._) sich zu diesem Zeitpunkt befunden habe, ob vor oder nach der Unter-
führung. Er sei am Wegrennen gewesen und habe danach geschossen.
2.5 Am 3. August 2009 in der delegierten Einvernahme bei der Kantonspolizei
Zürich (Urk. 5/7) nahm der Beschuldigte unter anderem zu verschiedenen
Zeugenaussagen Stellung.
Zur Aussage des Zeugen F._ (Urk. 7/9) erklärte der Beschuldigte, dass er
sich an die Situation beim Auto des Zeugen erinnern könne. Es stimme, dass er
davongerannt sei und vom Mitbeschuldigten E._ mit der Waffe in der Hand
verfolgt worden sei. Er könne sich daran erinnern, dass er vor dem Auto des Zeu-
gen gestanden habe. Es sei richtig, dass er von dort in die allgemeine Richtung von E._ geschossen habe, dies aber nicht gezielt. Er habe bewusst neben E._ geschossen und auch gesehen, dass hinter E._ niemand  habe (Urk. 5/7 S. 2 f.).
Zur Aussage des Zeugen B._ (Urk. 7/13) erklärte er, dass er vor der Unter-
führung einen Schuss abgefeuert habe und den Mitbeschuldigten E._ hätte
treffen können, wenn er das gewollt hätte (Urk. 5/7 S. 3).
2.6 Die Befragung bei der Staatsanwaltschaft vom 10. September 2009
(Urk. 5/8) ergab, dass er sich nach ca. 30 Metern umgedreht und hinter sich
gesehen habe. Er habe nach einem Bus, Tram oder Taxi Ausschau gehalten. Er
habe sich auf der Strasse befunden und sei fast von einem Auto angefahren
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worden. E._ sei immer näher gekommen und so habe er Schutz hinter einem
Auto gesucht. E._ sei schon sehr nahe gewesen. Er habe gewusst, dass ein
Stopp jetzt bedeuten könne, dass er schiessen müsse oder dass er erschossen
werde. Er habe E._ mit der Pistole nur in Angst versetzen wollen, so dass
dieser von ihm ablasse. Und so habe er einen Schuss neben E._ ins Leere abgefeuert. Die Aussage des Zeugen G._, wonach er (A._) zuerst geschossen habe, stimme aber nicht. Er glaube, E._ habe zuerst geschos-
sen. Es sei alles sehr schnell gegangen und er sei in Bewegung gewesen, als er
geschossen habe (Urk. 5/8 S. 1 f.).
2.7 Am 19. Oktober 2009 führte die Staatsanwaltschaft eine Konfrontationsein-
vernahme mit dem Beschuldigten und E._ durch (Urk. 5/9), anlässlich wel-
cher der Beschuldigte ausführte, dass er nach dem Vorfall im "..." auf die Strasse
gegangen sei und möglichst schnell wegzukommen versucht habe. Er habe sich
dann umgedreht und gesehen, dass E._ aus dem Lokal renne. Er (A._)
habe die Waffe in seinen Hosenbund gesteckt. Er habe sich ein Taxi nehmen
wollen, welches aber besetzt gewesen sei. Auf der Strasse sei er beinahe von ei-
nem Auto überfahren worden. Er habe unbedingt von der Strasse weggehen
müssen. Er habe nicht gesehen, wie E._ auf ihn geschossen habe, er habe
es nur gehört. Dann habe er in die Nähe von E._ geschossen. Es sei alles in Bewegung gewesen. Er glaube, er habe nochmals neben E._ geschossen,
er sei sich da aber nicht so sicher. Er sei dann weiter zur Unterführung gelaufen
und habe sich hinter einem Pfeiler versteckt. Er habe sich schützen wollen. Er
habe dann gesehen, wie E._ rechts weggegangen sei (Urk. 5/9 S. 6).
Der Mitbeschuldigte E._ erklärte daraufhin, es sei richtig, dass er den Be-
schuldigten A._ auf der Strasse verfolgt habe, dieser sei am Rennen gewe-
sen. Beim Rennen habe er (E._) ein schlechtes Gefühl am ganzen Körper
gehabt. Er habe dann einen Schuss gehört. Er sei sich zu 100 % sicher, dass der
Beschuldigte A._ auf der Strasse zuerst geschossen habe. Er (E._) ha-
be nur einen Schuss vom Beschuldigten A._ gehört. Nach den beiden
Schüssen sei er dann wieder wach geworden, vorher sei er wie im Schock gewe-
sen. Er habe in die Luft geschossen und bleibe dabei, dass er nicht auf den Be-
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schuldigten A._ habe schiessen wollen. Er wisse nicht mehr, wo er gestan-
den habe und wie er die Waffe gehalten habe, als er den Schuss abgegeben ha-
be. In seinem Zustand habe er gar nicht mehr zielen können; er habe viel Blut
verloren. Er habe nicht auf den Beschuldigten A._ schiessen wollen (Urk. 5/9
S. 7).
Auf Ergänzungsfrage des Mitbeschuldigten E._, ob der Beschuldigte gese-
hen habe, ob E._ auf ihn gezielt habe, antwortete der Beschuldigte A._,
er habe so etwas nicht gesehen (Urk. 5/9 S. 7).
Die Ergänzungsfragen seines Verteidigers, ob er Angst gehabt habe, als er
draussen realisierte, dass ihm E._ mit einem Revolver nachlief, bejahte der
Beschuldigte mit den Worten: "Ja natürlich. Das ist ja normal.". Auf die ent-
sprechende weitere Frage seines Verteidigers fügte er an, er habe mit dem
Schuss in die Nähe von E._ diesen erschrecken wollen, damit er (E._) von ihm ablasse. Er habe ihn (E._) nicht umbringen wollen und glaube,
E._ habe auch ihn nicht umbringen wollen (Urk. 5/9 S. 8).
Sodann führten der Beschuldigte A._ und der Mitbeschuldigte E._ aus,
man sei bei der gegenseitigen Schussabgabe nicht so weit voneinander entfernt
bzw. recht nah beieinander gewesen. Im normalen Zustand, so E._, könne
man schon treffen, wenn man ziele (Urk. 5/9 S. 8). Der Beschuldigte A._ gab
seinerseits zu Protokoll, wenn er gewollt hätte, hätte er ihn (E._) getroffen,
ohne spezielles Zielen (Urk. 5/9 S. 9).
Der Mitbeschuldigte E._ verneinte schliesslich auf Ergänzungsfragen seines
eigenen Verteidigers, Rechtsanwalt Dr. Y._, die Schussabgabe des Be-
schuldigten A._ draussen auf der Strasse beobachtet zu haben bzw.
gesehen zu haben, dass dieser auf ihn (E._) gezielt habe (Urk. 5/9 S. 9).
2.8 In der Schlusseinvernahme vom 28. Mai 2010 (Urk. 5/11) erklärte der
Beschuldigte sodann, dass er in diesen Tagen nur wenig geschlafen habe, fast
gar nicht, und zudem viel Alkohol getrunken und Kokain konsumiert habe. Am
Nachmittag in H._ [Stadt im Staate I._] habe er zudem noch zwei "...
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Tabletten" [des Staates I._] namens Diazepam, die sehr stark seien, ge-
schluckt und danach noch Alkohol getrunken. Zudem habe er am Tatabend keine
Brille getragen und beinahe nichts gesehen (Urk. 5/11 S. 3).
Den Tatablauf auf der Strasse kommentierte der Beschuldigte wie folgt: Er sei
völlig übermüdet gewesen und habe grosse Angst gehabt. Er habe nicht schnell
rennen können, daher habe E._ ihn einholen können. Er habe E._ hinter
sich gesehen und in ein Taxi einsteigen wollen, das aber besetzt gewesen sei. So
sei er auf der Strasse geblieben, völlig verängstigt. Es sei alles schnell gegangen
und er wisse nicht mehr genau, wo er gestanden habe. In der Bewegung habe er neben E._ geschossen. Er habe auch neben E._ schiessen wollen, diesen nur erschrecken und davon abhalten wollen, dass er ihn (A._) weiter
verfolge (Urk. 5/11 S. 6). Es stimme, dass er E._ beim Abfeuern der Waffe in
unmittelbare Lebensgefahr gebracht habe, doch habe er nicht auf E._, sondern neben ihn schiessen wollen. Den Vorhalt, beim Abfeuern seiner Waffe zudem gewusst zu haben, dass sogar auch der Tod von E._ zufolge direkter
Schussverletzungen eine mögliche Folge seiner Handlung sein könnte und er
diese mögliche Folge zumindest billigend in Kauf genommen habe, anerkannte
der Beschuldigte nicht. Vielmehr pochte er darauf, er habe bewusst neben E._ geschossen. Er hätte ihn sonst sicherlich treffen können. Er sei , dass er die Situation so habe kontrollieren können, dass er E._ nicht
treffe (Urk. 5/11 S. 7).
2.9 Anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz vom 30. August 2011
wurde der Beschuldigte A._ gemeinsam mit dem Mitbeschuldigten E._
noch einmal ausführlich zur Sache befragt (Urk. 77). Dabei hielt der Beschuldigte
grundsätzlich und im Wesentlichen an seinen bisherigen Ausführungen fest.
Weiter bestätigte er den Alkohol-, Kokain- und Medikamentenkonsum sowie dass
er am Tatabend keine Brille getragen habe und fast nichts habe sehen können,
auch völlig übermüdet gewesen sei und grosse Angst gehabt habe. In den voran-
gegangenen drei bis vier Tagen habe er nur 4-5 Stunden Schlaf gehabt (Urk. 77
S. 28 f.).
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Zur Situation nach dem Verlassen des Lokals "..." führte er aus, er sei auf der
Strasse gewesen. Ein vorbeifahrendes Auto habe ihn leicht berührt. In diesem
Moment habe E._ sich ihm genähert. Er (A._) habe einen Schuss auf
ihn gefeuert, von E._ aus gesehen habe er auf der rechten Seite, von ihm
(A._) aus gesehen auf der linken Seite neben E._ geschossen. Er habe genug weit von ihm (E._) weg geschossen, so zwei, drei Meter neben ihn (Urk. 77 S. 27). Er demonstrierte zudem, wie er mit ausgestrecktem Arm geschossen, jedoch nicht über das Visier und das Korn gezielt habe. Zuvor sei er gerannt und habe in der Bewegung, sich nach hinten umdrehend, den Schuss
abgegeben, dies, nachdem das erwähnte Auto ihn leicht berührt habe. Wie schon
zu Beginn der Untersuchung bekräftigte er, vor diesem Abend noch nie einen
Schuss mit einem Revolver abgegeben zu haben (Urk. 77 S. 28; Urk. 5/1 S. 13).
2.10 Anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigte der Beschuldigte A._
die bereits früher betreffend seinen Zustand getätigten Ausführungen (Urk. 111
S. 8 f.). Auf den Vorhalt, dass seine Blutalkoholkonzentration im Zeitpunkt der Tat
maximal 1.06 Promille betragen habe, dass eine Wirkung von Kokain aufgrund
einer geringen Konzentration nicht habe festgestellt werden können und dass
ferner keine Rückstände von Schlafmitteln in seinem Blut zu eruieren gewesen
seien, erklärte der Beschuldigte, dass er nicht wisse, was er hierzu meine. Er
habe sich dazu bereits geäussert. Wenn der Befund so sei, dann könne er dies
nicht bestreiten (Urk. 111 S. 9).
Zu seiner Schussabgabe auf der D._-Strasse erklärte der Beschuldigte, dass
er das Lokal "..." verlassen habe, um in ein Taxi oder Tram einzusteigen. Als er
auf der Strasse gewesen sei, habe er plötzlich E._ mit einer Waffe in der
Hand hinter sich rennen sehen. Er habe Angst gehabt, sei aber müde gewesen
und habe nicht so schnell laufen können. E._ habe als erster geschossen,
als er mit dem Rücken zu diesem gelaufen sei. Er habe jedoch nicht gesehen wie
und wohin E._ geschossen habe. Wo E._ und er während den Schuss-
abgaben gestanden hätten, könne er nicht genau sagen. Es sei aber richtig, dass
er sich vor die Motorhaube eines Personenwagens gestellt habe, welcher ange-
halten habe. Er habe sich auch hinter einem Auto versteckt. Als er den Schuss
- 16 -
abgegeben habe, habe zwischen ihm und E._ keine grosse Entfernung be-
standen. Bei der Schussabgabe habe er (A._) seinen Arm nicht  oben gehalten. Er habe ein Gebiet im Blickfeld gehabt, wo nichts  sei, auch keine Gebäude. Alle Passanten hätten sich in seinem Rücken befunden. Dahin habe er gezielt. Auf die Frage, weshalb er in den ersten drei Einvernahmen stets behauptet habe, den Lauf gegen den Himmel gerichtet zu
haben, als er geschossen habe, hielt der Beschuldigte dann fest, dass er nicht
wisse, ob er nach oben gezielt habe. Er könne nur versichern, dass er in eine
menschenleere Richtung geschossen habe (Urk. 111 S. 12 ff.).
3. Würdigung der Aussagen des Beschuldigten, einschliesslich des übrigen
Beweisergebnisses
3.1 Durch den Beschuldigten anerkannt und auch durch glaubhafte Zeugenaus-
sagen gestützt ist zunächst, dass der Beschuldigte nach der zweiten Schussab-
gabe im Lokal "..." dieses verliess und mit dem schwarzen Revolver in der Hand
entlang der D._-Strasse in Richtung Bahnunterführung rannte sowie dass
der Mitbeschuldigte E._ kurz darauf mit seinem silbrigen Revolver aus dem
Lokal "..." trat, den Beschuldigten erspähte und diesen verfolgte.
Unbestritten ist sodann, dass der Beschuldigte sich - nachdem er seinen Verfol-
ger bemerkt hatte - vor die Motorhaube des stadtauswärts fahrenden Personen-
wagens des Zeugen F._ stellte. Vom Beschuldigten anerkannt sind zudem
die (auch durch das weitere Beweisergebnis erstellten) Schilderungen des
Zeugen F._, wie der Beschuldigte von dieser Position aus über die Motor-
haube des Personenwagens diagonal hinweg zielte und schoss (Urk. 7/8 S. 1 ff.;
Urk. 7/9 S. 2 ff.; Urk. 5/7 S. 2).
Fest steht auch das ungefähre räumliche Verhältnis zwischen dem Beschuldigten
und E._, die bei der gegenseitigen Schussabgabe ca. 10 bis 15 Meter
voneinander entfernt waren. Der Beschuldigte selber sprach von "recht nah
beieinander" (Urk. 5/9 S. 8) und bestritt die anlässlich der Schlusseinvernahme
vorgehaltene Distanz von ca. 10 bis 15 Metern zu E._ nicht (Urk. 5/10 S. 6).
An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung erfuhr die geschätzte Distanz dann
- 17 -
durch gemeinsames Statement der Kontrahenten noch eine Verkürzung auf ca. 7
Meter (Urk. 77 S. 32 und 36). An welcher Stelle der D._-Strasse sich die bei-
den Schützen genau befanden, erweist sich - mit der Vorinstanz (Urk. 94 S. 89) -
als nicht entscheidrelevant.
Ferner ist, entgegen der Aussagen des Beschuldigten zu Beginn der Unter-
suchung, gemäss welchen er in die Luft geschossen haben will (Urk. 5/1 S. 6,
Urk. 5/2 S. 5, Urk. 5/3 S. 13), sowie entgegen seiner Äusserung in der Berufungs-
verhandlung, nach welcher er nicht mehr wisse, ob er die Waffe nach oben gehal-
ten habe, dass er aber jedenfalls in ein Gebiet gezielt habe, in welchem es weder
Gebäude noch Personen gehabt habe (Urk. 111 S. 12 ff.), erstellt, dass der
Beschuldigte bei seinem Schuss die Waffe mit waagrecht ausgestrecktem rech-
tem Arm in die Richtung des Mitbeschuldigten E._ hielt und dann abdrückte.
Die während des Verfahrens zwischenzeitlich zu Protokoll gegebene eigene
Angabe des Beschuldigten, dass er mit ausgestrecktem Arm geschossen habe
(Urk. 77 S. 28), wird nämlich durch gleichlautende Zeugenaussagen bestätigt. So
schilderte der Zeuge F._, vor dessen Motorhaube der Beschuldigte stand
und welcher die Tathandlungen von A._ aus nächster Nähe beobachten
konnte, der Beschuldigte habe auf Höhe der Augen waagrecht geradeaus (nicht
gegen den Boden und nicht in die Luft) geschossen und habe den Arm dabei
ausgestreckt in Schulterhöhe gehalten. Bei dieser Aktion habe er die Augen auf
ein bestimmtes Ziel gerichtet (Urk. 7/9 S. 3). Ähnlich sagte der Zeuge G._
aus, der Beschuldigte habe die Waffe bei seiner Schussabgabe waagrecht mit
ausgestrecktem Arm in Richtung von E._ gehalten und so in dessen Rich-
tung geschossen (Urk. 7/19 S. 3; ergänzend Zeuge B._, Urk. 7/13 S. 3).
3.2 Uneinheitlich präsentieren sich die Aussagen des Beschuldigten bezüglich
der Frage, wohin er bei seiner Schussabgabe genau zielte. Während er ursprüng-
lich beharrlich behauptet hatte, in die Luft bzw. gegen den Himmel geschossen zu
haben, anerkannte er zwischenzeitlich immerhin, gewollt neben E._ ge-
schossen zu haben. Anlässlich der Berufungsverhandlung präsentierte der Be-
schuldigte - wie bereits erwähnt - noch eine dritte Variante, gemäss welcher er in
- 18 -
ein Gebiet gezielt haben will, welches vollkommen menschenleer gewesen sein
soll.
3.3 Erwägungen der Vorinstanz (Urk. 94 S. 92 f.)
Betreffend die Frage, ob der Beschuldigte A._ genau auf E._ gezielt ha-
be oder wenige Meter neben diesen, stellte sich die Vorinstanz auf den Stand-
punkt, dass die Zeugen letztlich nichts hierzu sagen könnten, da keiner von ihnen
exakt in der Verlängerung der Schusslinie des Beschuldigten A._ gestanden
habe. Auch wenn der Beschuldigte in dieser Weise neben E._ gezielt habe,
so habe er aus knapper Distanz - anklagegemäss aus einer Distanz von 10 bis 15
Metern - unvermittelt in die Richtung einer konkreten Person geschossen. Als un-
geübter Schütze, der sich in einer (Todes-)Angst- und Stresssituation befunden
habe, zuvor gerannt sei, sich umgedreht und seine Brille nicht getragen habe,
weshalb er nach eigenen Aussagen fast nichts habe sehen können, unter Alko-
hol-, Kokain- und Medikamenteneinfluss gestanden und übermüdet gewesen sei,
habe er in keiner Weise garantieren können, dass die abgefeuerte Kugel E._
nicht treffe. Angesichts der geschilderten Umstände habe es sich nicht ansatz-
weise um eine genügend konzentrierte, kontrollierte und gezielte Schussabgabe
gehandelt, um angesichts der Waffenhaltung und Schussabgabe in Richtung ei-
nes Menschen Gewähr zu haben, ihn nicht zu treffen. Von einem gefahrlosen
Danebenschiessen habe der Beschuldigte nicht ausgehen können. Die Möglich-
keit eines Treffens von E._ habe offensichtlich bestanden und damit habe
der Beschuldigte aufgrund aller Umstände bei der Schussabgabe rechnen müs-
sen.
3.4 Diesen Ausführungen der Vorinstanz kann nicht zugestimmt werden.
3.4.1 Einerseits präsentieren sich die Aussagen des Beschuldigten A._ zu
seiner Schussabgabe auf der D._-Strasse widersprüchlich, lebensfremd und
unglaubhaft. Während den ersten drei Einvernahmen erklärte A._ noch, dass
er lediglich in die Luft geschossen habe (Urk. 5/1-3). Wohl als der Beschuldigte
sich gewahr wurde, dass das Projektil des von ihm abgegebenen Schusses auf-
gefunden worden sein könnte, gab der amtliche Verteidiger namens des
- 19 -
Beschuldigten eine Erklärung zu Protokoll, gemäss welcher der Beschuldigte
nicht in die Luft geschossen, sondern etwas neben E._ gezielt habe, was der
Beschuldigte während des weiteren Untersuchungsverfahrens auch durch eigene
Aussagen zu bekräftigen suchte (Urk. 5/4 S. 3, Urk. 5/7 S. 2 f., Urk. 5/8 S. 2,
Urk. 5/9 S. 6, Urk. 5/11 S. 6 f.). Auch anlässlich der vorinstanzlichen Hauptver-
handlung gab der Beschuldigte noch zu Protokoll, zwei bis drei Meter neben
E._ geschossen zu haben (Urk. 77 S. 27 f.). Zudem anerkannte er im Verlauf
der Untersuchung und vor Vorinstanz, durch seine Schussabgabe diverse
Passanten gefährdet zu haben (vgl. z.B. Urk. 77 S. 29 f.). Während der
Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte dann plötzlich wieder, dass er
nicht wisse, ob er nach oben gerichtet gezielt habe. Jedenfalls habe er auf ein
Gebiet geschossen wo keine Menschen und keine Gebäude gewesen seien. Alle
Passanten hätten sich in seinem Rücken befunden (Urk. 111 S. 16). Dieses
Aussageverhalten des Beschuldigten lässt darauf schliessen, dass er seine
Schussabgabe und damit die Intensität seiner Tat offensichtlich durch Schutzbe-
hauptungen zu verharmlosen sucht.
Auch die Aussagen verschiedener Zeugen sprechen dafür, dass der Beschuldigte
nicht in die Luft, gezielt zwei bis drei Meter neben E._ oder gar auf ein voll-
kommen menschenleeres Gebiet geschossen, sondern dass er den Schuss ge-
zielt auf E._ abgegeben hat. So erklärte der Zeuge B._ wiederholt, dass
der Beschuldigte auf E._ geschossen habe (Urk. 7/12 S. 1 ff.) bzw. die Waffe
auf E._ gerichtet und abgedrückt habe, wobei der Schuss direkt auf den Kör-
per von E._ gerichtet gewesen sei (Urk. 7/13 S. 3). Auch der Zeuge G._
hielt fest, dass der Beschuldigte gezielt auf E._ geschossen habe (Urk. 7/18
S. 2 f.; Urk. 7/19 S. 3). Natürlich trifft es - mit der Vorinstanz - zu, dass sich diese
beiden Zeugen nicht in der direkten Verlängerung der Schusslinie des Beschul-
digten aufgehalten haben; dennoch lassen ihre Aussagen zusätzliche Zweifel an
den ohnehin unglaubhaften Ausführungen des Beschuldigten aufkommen.
3.4.2 Wie sich aus seinen eigenen, bereits dargelegten Schilderungen ergibt,
befand sich der Beschuldigte A._ zudem in einer höchst bedrohlichen Lage
aufgrund welcher er auch allen Anlass hatte, gezielt auf E._ zu schiessen.
- 20 -
Als er realisierte, dass E._ ihm mit einer Handfeuerwaffe folgt, ergriff ihn die
Angst (Urk. 77 S. 33). Er kam nur langsam vorwärts und E._ näherte sich
ihm permanent (Urk. 5/8 S. 1; Urk. 77 S. 31). Der Beschuldigte ging, wenn man
auf seine eigenen Aussagen abstellt, nach welchen E._ zuerst das Feuer er-
öffnet haben soll, wohl davon aus, dass E._ gezielt auf ihn schiesse, da jener
über den Vorgang im Lokal furchtbar empört sein musste (Urk. 5/4 S. 3 f.). Mit
andern Worten stufte der Beschuldigte A._ die Wut seines Gegenspielers als
echt und gross und entsprechend seine Situation als ausserordentlich ernst ein
(Urk. 5/9 S. 8), was nach dem Geschehenen einleuchtet. Das ergibt sich auch
daraus, dass der Beschuldigte ein Taxi zu besteigen versuchte, um möglichst
rasch aus der Gegend wegzukommen (Urk. 77 S. 27). Ein sofortiges Handeln,
d.h. eine Schussabgabe auf den Verfolger, hinter einem zwischendurch still-
stehenden Fahrzeug hervor erschien dem Beschuldigten - wie selber bekundet -
die einzige Rettung. Mit andern Worten musste er dem Verfolger, der ihm gemäss
seiner nachvollziehbaren damaligen Überzeugung nach dem Leben trachtete,
zuvorkommen bzw. auf den von diesem abgegebenen Schuss reagieren. Schon
angesichts dieser akuten Bedrohungslage in Kombination mit dem psychischen
Stress erscheint es als ausgeschlossen, dass der Beschuldigte bewusst und
gewollt einen Schuss neben seinen immer näher rückenden Verfolger abgab,
ungeachtet davon ob jener zuerst auf ihn schoss oder ob es der Beschuldigte
war, welcher das Feuer eröffnete. Der Beschuldigte hatte vielmehr allen Anlass,
seinen Kontrahenten in keiner Weise zu schonen, wollte er doch die eigene Haut
retten. Bei der konkreten Ausgangslage blieb ihm aber nur die Möglichkeit, seinen
hartnäckigen Verfolger mit Hilfe seiner Schusswaffe ausser Gefecht zu setzen.
Schon angesichts dieser Konstellation kann es nicht sein, dass der Beschuldigte
bewusst neben den Mitbeschuldigten E._ geschossen und diesen nur abge-
schreckt haben will. Abgesehen davon hatten die durch den Beschuldigten kurz
zuvor im Lokal "..." abgefeuerten zwei Schüsse E._ gerade nicht einschüch-
tern und davon abhalten können, die Verfolgung des Beschuldigten A._ auf-
zunehmen.
- 21 -
3.4.3 Die Vorinstanz hielt darüber hinaus fest, dass der Beschuldigte übernäch-
tigt sowie aufgrund seiner Flucht zusätzlich erschöpft gewesen sei, Alkohol,
Kokain und Schlaftabletten konsumiert habe und am Tatabend ohne Brille unter-
wegs gewesen sei, so dass er fast nichts habe sehen können (u.a. Urk. 77
S. 13 f. und 28 f.).
Was die Alkoholisierung des Beschuldigten sowie den Einfluss von Kokain und
Schlaftabletten betrifft, ist - entgegen der Behauptungen des Beschuldigten und
der Feststellungen der Vorinstanz - festzuhalten, dass der Beschuldigte im Zeit-
punkt der Tat lediglich leicht alkoholisiert war und weder Auswirkungen seines
Konsums von Kokain noch von Schlaftabletten zu gewärtigen hatte. Etwas ande-
res anzunehmen, wäre als teilweise aktenwidrig zu erachten. Der Beschuldigte
wies gemäss des ärztlichen Berichts des Instituts für Rechtsmedizin der Universi-
tät Zürich vom 29. Juni 2009 im Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von
maximal 1.06 Promille auf (Urk. 8/4). Des Weiteren stand er gemäss des
chemisch-toxikologischen Gutachtens desselben Instituts vom 28. Dezember
2009 im Zeitpunkt der Tat mit grosser Wahrscheinlichkeit weder unter dem
Einfluss von Kokain noch von Benzodiazepinen. Bezüglich des Kokains hält das
Gutachten fest, dass lediglich ein länger zurückliegender Konsum bewiesen
werden könne. Im Hinblick auf die vom Beschuldigten geltend gemachte Ein-
nahme von Diazepam (einem Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine mit
relativ langer Halbwertszeit), zeigt das Gutachten auf, dass sich im Blut des
Beschuldigten keinerlei Benzodiazepine auffinden liessen, weshalb solche im
Tatzeitpunkt auch keine Wirkung entfaltet haben konnten (Urk. 8/14 S. 3). Auch
die Annahme einer Erschöpfung des Beschuldigten aufgrund des Davonlaufens
vor seinem Widersacher E._ erweist sich als blosse Hypothese, zumal die
Flucht sowohl zeitlich als auch hinsichtlich der Distanz lediglich kurz war. Lebens-
fremd erscheinen im Übrigen auch die Aussagen des Beschuldigten, nach
welchen er am Abend der Tat seine Brille vergessen haben will. Wer sich mit über
Fr. 2'000.– in der Tasche und bewaffnet auf den Weg zu einem Spieler-Abend
macht, wird bei einer doch relevanten Kurzsichtigkeit, wie sie der Beschuldigte
aufweist, kaum seine Brille zu Hause lassen.
- 22 -
3.4.4 Aus all diesen Gründen erweist sich der Standpunkt des Beschuldigten,
bewusst und gewollt neben E._ geschossen zu haben, offensichtlich als
Schutzbehauptung und es ist nicht darauf abzustellen. Dieser Standpunkt, den
der Beschuldigte auch nicht von Anfang an, sondern erst im Verlaufe der Unter-
suchung einnahm, erscheint zudem auf das Ergebnis ausgerichtet, wonach
E._ durch die Schussabgabe des Beschuldigten auf der Strasse nicht getrof-
fen wurde. Endlich ist die Behauptung des Beschuldigten auch vor dem Hinter-
grund zu sehen, dass sich die beiden Kontrahenten im Laufe des Verfahrens ent-
schieden haben, einander möglichst wenig zu belasten (vgl. Desinteresse-
erklärung, Urk. 31 S. 2). Diese letztere Feststellung gilt auch hinsichtlich der
Aussagen von E._, welche - wie die Aussagen des Beschuldigten - eher we-
nig Konstanz aufweisen (vgl. Urk. 94 S. 42-50).
3.5 Was im Übrigen die umstrittene Frage betrifft, welcher der beiden
Kontrahenten beim Schusswechsel auf der D._-Strasse zuerst einen Schuss
abgefeuert hat - laut Anklage war es der Beschuldigte A._ (vgl.
Urk. 26 S. 4) -, so ergibt sich, dass dies nicht mit hinreichender Gewissheit fest-
stellbar ist.
Jeder schob zunächst dem andern diese Handlung zu, was aber im Verlaufe des
Verfahrens ebenfalls von beiden relativiert wurde (Urk. 77 S. 30 ff.). Die
Vorinstanz ging der Anklage folgend und angesichts des überwiegenden Tenors
aus den Zeugenaussagen davon aus, dass es der Beschuldigte A._ ge-
wesen sei (Urk. 94 S. 90 f.). Das ist aufgrund der Akten durchaus nachvollziehbar
und auch naheliegender: Der Beschuldigte befand sich wie aufgezeigt in Todes-
angst auf der Flucht vor E._ und wähnte sich damals in der Situation, schies-
sen zu müssen oder erschossen zu werden (quasi nach dem Motto: entweder
jetzt selber handeln oder dann sterben; vgl. Urk. 5/8 S. 1). Er agierte mithin aus
einer in jenem Moment als lebensbedrohlich empfundenen Situation heraus. Fakt
ist anderseits, dass die Beobachtungen und akustischen Wahrnehmungen der
Zeugen je nach ihrem Standort variieren, dies sowohl hinsichtlich der Anzahl
Schüsse als auch zur Reihenfolge, was auch verständlich ist. Als plausible Erklä-
rung dafür hat die Vorinstanz richtigerweise in Betracht gezogen, dass die Schüs-
- 23 -
se im Bereich der Unterführung abgefeuert worden sind und die Zeugen ebenfalls
die jeweiligen Widerhalle als individuelle Schüsse wahrgenommen haben (könn-
ten). Ebenso hielt die Vorinstanz es für möglich, dass die Zeugen die zwei Schüs-
se im Lokal "...", welche sie nicht gesehen haben, irrtümlich den nachfolgenden
Handlungen auf der D._-Strasse zugeordnet haben. Tatsache ist ferner,
dass gemäss dem ballistischen Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes auf
der Strasse aus jedem Revolver ein einzelner Schuss abgegeben wurde und dass
aus diesen zwei Schüssen kein Treffer resultierte. Die strittige Frage der Reihen-
folge ist indessen für die Beweiswürdigung nicht von derart zentraler Bedeutung
und kann letztlich offen bleiben. Der Anklagesachverhalt zum Tatgeschehen auf
der D._-Strasse ist auch ohne diesen Teilaspekt rechtsgenügend erstellt und
die ungeklärte Abfolge beim Schusswechsel vermag in der Gesamtbetrachtung
das Beweisergebnis nicht zu beeinflussen. In diesem Punkt ist der Anklagesach-
verhalt daher als nicht erstellt anzusehen (vgl. Urk. 26 S. 4).
3.6 Der Vollständigkeit halber ist zu den Argumenten der Verteidigung (noch-
mals) das Nachstehende anzufügen:
Gemäss seinem Verteidiger konnte und musste der Beschuldigte in der damali-
gen Situation ohne weiteres zur Überzeugung gelangen, dass sein Verfolger
E._ sich für die Schüsse im Café rächen wolle und entschlossen sei, ihn -
den Beschuldigten - zu diesem Zweck umzulegen (Urk. 79 S. 31). Exakt auf die-
sen dannzumal subjektiven Eindruck kommt es an. Dass der Beschuldigte unter
diesen Umständen, auf der Flucht um sein Leben (auch Prot. I S. 29), lediglich ei-
nen Warnschuss an die Adresse von E._, deutlich neben diesen, abgegeben
haben will ist nicht glaubhaft. Um sein in jenem Augenblick erklärtermassen
einziges Ziel zu erreichen, nämlich mit dem eigenen Leben davon zu kommen,
musste er die von E._ ausgehende akute Gefahr ausschalten und zu diesem
Zweck gerade nicht gezielt und bewusst daneben schiessen, wie er wiederholt
behauptete, sondern eben gerade gezielt auf E._ (vgl. Urk. 79 S. 32; Erwä-
gungen II. 2.4 hiervor). Diesbezüglich vermag auch die im Nachhinein geäusserte
Überzeugung des Beschuldigten, E._ habe damals sein Bestes getan, dane-
ben zu schiessen (Urk. 79 S. 32; Prot. I S. 29), an der selber bekundeten und ein-
- 24 -
fühlbaren Todesangst des Beschuldigten im Tatzeitpunkt, als er E._ mit in
der Hand erhobener Waffe ihm nachrennen sah, etwas zu ändern (Prot. I S. 29).
Der Verteidiger hat vor Vorinstanz - wenn auch in etwas anderem Zusammen-
hang - treffend geäussert, es bestehe beim Beschuldigten A._ wohl ein Prob-
lem dahingehend, was er damals wusste und was er heute wisse (Urk. 77 S. 30).
Die zu Gunsten des Mitbeschuldigten E._ vorgebrachte Überzeugung des
Beschuldigten ist ebenfalls vor dem Hintergrund zu würdigen, dass sich die tat-
zeitlichen Rivalen im nachfolgenden Strafverfahren und nochmals vor Gericht ge-
genseitig entschuldigten und Desinteresseerklärungen abgaben bzw. - in den
Worten des Verteidigers - Frieden schlossen (Urk. 79 S. 15; Urk. 77 S. 13; Urk. 31
S. 2; Urk. 113 S. 23). Dies taten sie offensichtlich mit dem Ziel, für beide ein mög-
lichst mildes Urteil zu erwirken (Urk. 94 S. 17 Ziff. 21, S. 43 Ziff. 33, S. 78 Ziff. 73).
Über das Empfinden und Handeln des Beschuldigten im Tatzeitpunkt, und das ist
vorliegend zu klären und zu werten, besagt dies aber nichts. Auch das nach-
trägliche Rätseln über das eigene Handeln (Urk. 79 S. 34) und der Umstand, dass
beide Akteure mehrfach zum Ausdruck brachten, dankbar zu sein, dass keine
bzw. keine schwerere Verletzung beim Gegner resultierte (Urk. 79 S. 33), führen
zu keinem andern Schluss.
4. Fazit
Es ist als erstellt zu erachten, dass der Beschuldigte auch für die zweite Tatphase
auf der D._-Strasse mit seiner gezielten Schussabgabe auf den Mitbeschul-
digten E._ einen möglichen tödlichen Ausgang seines Manövers in Kauf ge-
nommen hat. Der strittige Sachverhalt ist folglich mit der genannten Ausnahme
(Erwägung II. 3.5 hiervor) sowohl in objektiver als auch subjektiver Hinsicht
erstellt.
III. Schuldpunkt - rechtliche Würdigung
1. Wie sich nachstehend zeigen wird, erfüllt die Schussabgabe des Beschul-
digten A._ auf der D._-Strasse gegenüber dem Mitbeschuldigten
E._ nicht einzig den Tatbestand der Gefährdung des Lebens im Sinne von
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Art. 129 StGB, sondern ist mit der Vorinstanz als versuchte vorsätzliche Tötung
zum Nachteil von E._ einzustufen. Der Tatbestand der Gefährdung des Le-
bens zum Nachteil von E._ wird damit konsumiert (Urk. 94 S. 98 ff. und
S. 102; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Das Bezirksgericht hat die Tatbestandselemente der vorsätzlichen Tötungs-
delikte und die Voraussetzungen für das Vorliegen eines Vorsatzes sowie einer
bloss versuchten Tatbegehung korrekt dargestellt, worauf verwiesen werden kann
(Urk. 94 S. 98-100; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.1 Die Vorinstanz führte aus (Urk. 94 S. 100 ff.), es könne als allgemein
bekannt gelten, dass (auch) ungezielte Schüsse den Tod eines Menschen zur
Folge haben können. Sie stützte sich dabei auf das Gutachten des Wissenschaft-
lichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich vom 19. Januar 2010, wonach das Projek-
til im Kaliber .38 Spezial, wie es in der Waffe des Beschuldigten A._ geladen
gewesen sei, über 1'200 Meter weit fliegen und dort noch Verletzungen anrichten
könne (vgl. Urk. 12/6 S. 28). Damit sei auch bei einer Distanz zwischen den
Kontrahenten von 10 bis 15 Metern das Risiko der Tatbestandsverwirklichung als
sehr hoch einzustufen. Im Übrigen habe der Beschuldigte selbst bestätigt, das mit
dem Einsatz einer Schusswaffe verbundene Todesrisiko zu kennen. Dieses
Bewusstsein gehe auch in einer hektischen Situation nicht verloren. Dass der
Beschuldigte während der Schussabgabe explizit daran gedacht habe, dass er
E._ töten könnte, sei nicht Voraussetzung für die Annahme eines Eventual-
vorsatzes. Die momentane Erregung über die Situation schliesse das Erkennen
des mit dem Einsatz der Schusswaffe verbundenen erheblichen Todesrisikos
nicht aus. Es könne somit davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte die
Tat mit Wissen im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB ausgeführt habe.
3.2 Aus dem Wissen um den möglichen Erfolgseintritt allein - so die Vorinstanz
weiter (Urk. 94 S. 101 f.) - dürfe noch nicht auf dessen Inkaufnahme und damit
auf Eventualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssten weitere Umstände
hinzukommen. Der Beschuldigte A._ habe gemäss erstelltem Sachverhalt
aus knapper Distanz seinen Revolver unvermittelt in die Richtung einer konkreten
Person gerichtet und geschossen. Er habe keinerlei Vorsichtsmassnahmen zur
- 26 -
Vermeidung des Erfolges getroffen. Als ungeübter Schütze in einer Stresssituati-
on habe er nicht davon ausgehen können, dass er mit Absicht an E._ vorbei
schiessen könne, wenn er den Lauf der Waffe in dessen Richtung hielt. Aufgrund
der gesamten Situation und aller bereits beschriebenen Umstände liege mit der
Schussabgabe in Richtung von E._ eine krasse Sorgfaltspflichtverletzung vor
und ein Körpertreffer sei nicht auszuschliessen gewesen. Bei solch gefährlichem
Tun hätte dies aber gewährleistet sein müssen, um auf ein Ausbleiben eines
offensichtlich möglichen Tötungserfolges vertrauen zu können. Damit habe der
Beschuldigte sich in dieser Situation im Endeffekt damit abgefunden, dass die
Kugel E._ ebenso gut hätte treffen können, auch wenn dies eine ihm uner-
wünschte Folge gewesen sein möge. Insgesamt habe sich die Möglichkeit des
Todes von E._ aufgrund der gegebenen Umstände beim Beschuldigten der-
massen klar und unmissverständlich aufgedrängt, dass aus dem Umstand, dass
der Beschuldigte trotzdem schoss, nur geschlossen werden könne, der Beschul-
digte habe dessen Tod in Kauf genommen. Dass der Beschuldigte gar konkret auf
sein Opfer gezielt habe und es somit mit vollem Wissen und Willen habe treffen
wollen, lag für die Vorinstanz zwar ohne weiteres im Bereich des Möglichen. Es
könne ihm aber nicht rechtsgenügend nachgewiesen werden. Der Beschuldigte
habe daher bei seinem Schuss im Freien zumindest in Kauf genommen, dass er
seinen Kontrahenten tödlich treffe. Der Vorsatz des Beschuldigten sei daher über
einen (reinen) Gefährdungsvorsatz, wie dies Art. 129 StGB fordere, hinausge-
gangen. Somit habe der Beschuldigte A._ (auch bei der Schussabgabe auf
der D._-Strasse) in Bezug auf die Tötung des Mitbeschuldigten E._
eventualvorsätzlich gehandelt.
3.3 Diese Betrachtungen der Vorinstanz sind nicht in allen Teilen zutreffend.
Vorab kann festgehalten werden, dass der Beschuldigte die Kenntnis des Todes-
risikos bei einem Schusswaffeneinsatz im Zusammenhang mit dem zweimaligen
Abfeuern seiner Waffe im Lokal "..." (und nicht zum Geschehen auf der Strasse)
einräumte, als ein Gerangel stattfand und er in direktem Körperkontakt zum
Mitbeschuldigten E._ stand. So gab er zu Protokoll, nüchtern betrachtet sei
es ihm klar, dass die Lebensgefahr hoch sei, wenn man in einem solchen Geran-
- 27 -
gel einen Revolver abdrücke, auch wenn man gegen die Decke schiessen wolle.
Es sei richtig, dass er trotz dieser offensichtlichen Gefahr zwei Mal geschossen
habe und er müsse daraus schliessen, dass er einen schlimmen Ausgang ir-
gendwie in Kauf genommen habe. Heute sei er selber darüber entsetzt, doch wol-
le er zu dem stehen, was er gemacht habe (Urk. 5/11 S. 5). Hat der Beschuldigte
die möglichen Folgen betreffend seine beiden Schussabgaben im Lokal "..." er-
kannt, so muss dies aber auch für die Schussabgabe auf der D._-Strasse
gelten. Aufgrund des erstellten Sachverhalts verbleiben diesbezüglich keine ver-
nünftigen Zweifel. Die Kontrahenten waren auf der D._-Strasse zwar einige
Meter voneinander entfernt, doch beabsichtigte und tätigte der Beschuldigte
diesmal nicht einen Schuss bloss gegen die Zimmerdecke bzw. den Himmel und
somit klar vom potentiellen Opfer weg, sondern er schoss gezielt auf seinen Geg-
ner. Auch wenn der Beschuldigte im Zeitpunkt der Tat über keine Erfahrungen im
Umgang mit Faustfeuerwaffen, sondern lediglich mit Gewehren verfügte (Urk. 111
S. 12), ist die Möglichkeit, bei einer Entfernung von lediglich 10 bis 15 Metern, mit
einem gezielten Schuss auf einen Menschen einen Treffer zu erzielen, als relativ
gross zu erachten, was der Beschuldigte ohne Zweifel auch wusste. Insgesamt ist
es nur einem Glücksfall zu verdanken, dass E._ durch die Schussabgabe
des Beschuldigten auf der D._-Strasse nicht (nochmals) getroffen wurde.
Dies muss auch dem Beschuldigten klar gewesen sein. Indem er dennoch aus
solch kurzer Distanz gezielt auf E._ schoss, musste er zwingend mit einem
Treffer rechnen und nahm einen solchen auch in Kauf.
4. Mit Recht ist die Vorinstanz von versuchter Tatbegehung (Art. 22 Abs. 1
StGB) ausgegangen, nachdem der Beschuldigte A._ alle subjektiven Tatbe-
standsmerkmale der vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB erfüllt hat, der
tatbestandsmässige Erfolg, nämlich der Tod eines Menschen, konkret des Mitbe-
schuldigten E._, jedoch ausgeblieben ist.
5. Eine Notwehrsituation des Beschuldigten wurde von der Vorinstanz mit zu-
treffender Begründung verneint (Urk. 94 S. 103 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
6. Wie die Vorinstanz weiter richtig erwog, lag keine Handlungseinheit vor.
Wohl war mit dem Mitbeschuldigten E._ zweimal das gleiche Opfer betroffen
- 28 -
und dies innert relativ kurzer Zeit, aber die Tathandlungen des Beschuldigten
fanden an verschiedenen Örtlichkeiten sowie bei veränderter Ausgangslage statt
und der Beschuldigte manifestierte mit der Schussabgabe auf der D._-
Strasse offensichtlich einen neuen Willensentschluss (Urk. 94 S. 104; Art. 82
Abs. 4 StPO).
7. In Bestätigung des angefochtenen Urteils ist der Beschuldigte A._
daher auch der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Strafrahmen
1.1 Ausgangspunkt für die Strafzumessung ist vorliegend Art. 111 StGB,
welcher als Sanktion eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und 20 Jahren vorsieht.
Der ordentliche Rahmen ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände
vorliegen und die für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu
hart bzw. zu milde erscheint.
1.2 Hat der Täter, wie hier der Beschuldigte, mehrfach den gleichen Straftat-
bestand erfüllt und verschiedene strafbare Handlungen begangen, ist für die
Strafzumessung von der schwersten Straftat auszugehen und die Dauer der für
sie auszufällenden Strafe angemessen, jedoch nicht um mehr als die Hälfte, zu
erhöhen. Dabei ist der Richter an das gesetzliche Höchstmass der Strafart
gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
1.3 Liegt lediglich ein strafbarer Versuch vor, so kann das Gericht die Strafe
mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). Mildert das Gericht die Strafe, so ist es nicht an die
angedrohte Mindeststrafe gebunden (Art. 48a Abs. 1 StGB). Das Gericht kann auf
eine andere als die angedrohte Strafart erkennen, ist aber an das gesetzliche
Höchst- und Mindestmass der Strafart gebunden (Art. 48a Abs. 2 StGB).
- 29 -
Vorliegend hat sich der Beschuldigte der mehrfachen versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB als
schwerstes Delikt schuldig gemacht. Es ist nach dem oben Dargelegten vom
ordentlichen Strafrahmen von mindestens fünf Jahren bis 20 Jahre Freiheitsstrafe
auszugehen, wobei dem Versuch im vorliegenden Fall innerhalb des ordentlichen
Strafrahmens entsprechend Rechnung zu tragen ist. Eine Milderung der Strafe,
die den Rahmen nach unten öffnen würde, ist nicht angezeigt.
1.4 Eine rechtserhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit im Sinne von
Art. 19 StGB besteht vorliegend in leichtem Grade (nachfolgende Erwägung IV.
3.2.5). Doch auch dies rechtfertigt kein Unterschreiten des ordentlichen Straf-
rahmens. Weitere Strafmilderungsgründe im Sinne von Art. 48 StGB sind keine
gegeben. Damit bleibt es beim genannten Strafrahmen von fünf bis 20 Jahren
Freiheitsstrafe (BGE 136 IV 55 E. 5.8; auch Urk. 94 S. 109).
2. Strafzumessungsregeln
Die Strafzumessungsregeln sind im angefochtenen Urteil, unter Hinweis auf die
aktuelle bundesgerichtliche Praxis (BGE 136 IV 55), richtig und vollständig aufge-
führt (Urk. 94 S. 107 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Richtigerweise hat die Vorinstanz eine Einsatzstrafe für beide versuchten vorsätz-
lichen Tötungen zusammen als schwerstes Delikt festgelegt (Urk. 94 S. 109).
3. Tatkomponente
Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Verschuldens-
bewertung festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prüfen, wie stark das straf-
rechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist. Darunter
fallen etwa das Ausmass des Erfolges (Deliktsbetrag, Gefährdung/Risiko, Zahl
der Verletzten, körperliche und psychische Schäden beim Opfer, Sachschaden
etc.) sowie die Art und Weise des Vorgehens. Von Bedeutung ist auch die
kriminelle Energie, wie sie durch die Tat und die Tatausführung offenbart wird.
- 30 -
Wichtig ist ferner die Prüfung der Frage, was der Täter gewollt bzw. in Kauf
genommen hat.
In einem nächsten Schritt ist eine Bewertung des subjektiven Verschuldens vor-
zunehmen. Es stellt sich die Frage, wie dem Täter die objektive Tatschwere tat-
sächlich anzurechnen ist. Dabei spielen neben der Frage der Schuldfähigkeit
(Art. 19 StGB) das Motiv, die Willensrichtung und das Mass der Entscheidungs-
freiheit des Täters eine Rolle. Egoistische bzw. verwerfliche Beweggründe, ein
Handeln aus eigenem Antrieb etc. wirken verschuldenserhöhend, während
beispielsweise ein Handeln "bloss" mit Eventualvorsatz statt direktem Vorsatz
geringer wiegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.119/2003/6S.333/2003 vom
20. Januar 2004, E. II. 7.5; Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, AT II, 2. A.,
Bern 2006, S. 185 f. N 25 ff.). Eine verminderte Schuldfähigkeit im Sinne von
Art. 19 StGB oder die in Art. 48 StGB genannten Strafmilderungsgründe sind ver-
schuldensmindernd zu gewichten (Hans Mathys, Zur Technik der Strafzumes-
sung, SJZ 100/2004 S. 173 ff., S. 181).
3.1 Objektive Tatschwere betreffend die mehrfache versuchte vorsätzliche
Tötung
3.1.1 Die Tötungsdelikte gehören – was schon der Strafrahmen aufzeigt – zwei-
fellos zu den schwersten Delikten der Rechtsordnung. Wer mit seinem Vorgehen
den Tod eines Menschen will oder in Kauf nimmt, der begeht zweifellos eine ganz
gravierende Gewalttat.
3.1.2 Basierend auf den Darlegungen zur Sachverhaltserstellung hat die
Vorinstanz mit präzisen und anschaulichen Worten aufgezeigt (Urk. 94 S. 110 f.),
wie der Beschuldigte A._ am 8. Juni 2009 um ca. 17.45 Uhr unvermittelt das
Lokal "..." betrat und damit in die (Privat-)Sphäre des Mitbeschuldigten und
Lokalbesitzers E._ eindrang - dies im Bewusstsein, dass ihm gegenüber sei-
tens von E._ ein Hausverbot ausgesprochen worden war -, wie er dabei mit
einem geladenen Revolver ausgerüstet war, nach einem kurzen Abstecher an die
Bartheke den an einem Tisch sitzenden E._ entdeckte und unvermittelt so-
wie ohne Vorwarnung direkt auf diesen zuging, seine geladene Waffe aus dem
- 31 -
Hosenbund hervornahm und E._ damit auf den Kopf schlug. Laut E._
gab der Beschuldigte ihm keine Chance zu diskutieren (Urk. 5/9 S. 5). Diesem Akt
war somit erwiesenermassen weder eine verbale Auseinandersetzung vorange-
gangen noch lag eine Bedrängnis- oder Bedrohungslage vor (Urk. 94 S. 110).
Vielmehr schritt der Beschuldigte sogleich zu einem unangekündigten und für das
Opfer nicht voraussehbaren Angriff. Unmittelbar darauf kam es zu einer körperli-
chen Auseinandersetzung zwischen den beiden und in diesem dynamischen
Geschehen entschied sich der Beschuldigte, insgesamt dreimal den Abzug seines
Revolvers zu betätigen, wobei sich zweimal ein Schuss löste und der zweite den
Hals des Mitbeschuldigten E._ durchdrang. Dem Beschuldigten A._ war
von allem Anfang an die Kontrolle über die von ihm ausgelösten Ereignisse ent-
glitten und er war zu keinem Zeitpunkt Herr der Lage. Trotzdem hatte er sich für
den wiederholten Gebrauch seiner Schusswaffe entschieden. Die Aggression im
Lokal, in welchem der Beschuldigte demonstrativ und unnötigerweise trotz Haus-
verbot aufgetaucht war, ging einzig von seiner Seite aus und der Beschuldigte
handelte hinterhältig. Damit legte er auch den Grundstein für die Fortsetzung des
Geschehens auf der D._-Strasse (nachfolgende Erwägung 3.1.4). Im
Lokal war E._ vollständig dem Überraschungseffekt und der Tatausführung
durch den Beschuldigten ausgesetzt. Das alles spricht für eine erhebliche
kriminelle Energie des Beschuldigten.
Auch wenn der Beschuldigte am Tattag aus heiterem Himmel agierte, ist etwas
relativierend zu beachten, dass der Mitbeschuldigte E._ im Rahmen der Vor-
geschichte, namentlich durch sein Verhalten Anfang Mai 2009 im Lokal "..."
(vgl. Urk. 26, Anklageziffer I.3.) zum Konfliktpotential beigetragen hatte. Ebenso
ist leicht zu Gunsten des Beschuldigten zu werten, dass es sich bei seinem
gewalttätigen Auftritt im Lokal "..." um einen eher kurzfristig geplanten einmaligen
Vorfall handelte und er die Örtlichkeit nicht primär bzw. einzig aus Rachegründen
(bewaffnet) aufsuchte (vgl. Urk. 94 S. 111).
3.1.3 Laut dem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich
vom 16. September 2009 (Urk. 10/2 S. 3 ff.) hat der Mitbeschuldigte E._ eine
Schussverletzung im Bereiche des Halses mit Einschuss links, hinter und unter
- 32 -
dem linken Ohr, Ausschuss links neben der Wirbelsäule, erlitten, im Weiteren
einen Spiralbruch des 5. Mittelhandknochens (Kleinfinger) an der linken Hand. Die
Wundhöhle präsentierte sich gemäss Gutachten im vorderen Bereich (Einschuss
3 x 4 cm) mit einer Verbindung zum Austritt im Bereiche des hinteren Halsteiles.
Die genaue Eindringtiefe konnte nicht festgestellt werden (Aktengutachten),
gemäss Gutachter wird diese allerdings ca. 5 cm nicht überschritten haben. Aus
Sicht des Gutachters muss die Verletzung durch eine Fremdeinwirkung ent-
standen sein und es ist nicht von einem Unfall, sondern von einer Gewalttat oder
einem Überfall auszugehen. Die Schussverletzung musste operativ mit einer Aus-
schneidung und gründlichen Spülung, sowie Einlage einer Drainierungslasche
versorgt werden. Das Gutachten hält ferner fest, dass E._ durch die Schuss-
verletzung nicht in unmittelbarer Lebensgefahr gewesen ist, da lebenswichtige
Strukturen des Halses verfehlt wurden und ein grösserer Blutverlust ausblieb. Es
kann nicht von bleibenden Schäden ausgegangen werden, jedoch sind muskuläre
Verspannungen und chronische Schmerzen der halsstabilisierenden Muskeln
möglich (Urk. 10/1 S. 2; Urk. 10/2 S. 4). Ebenfalls sind keine bleibenden Schäden
beim Mittelhand-Bruch zu erwarten, bei entsprechender handspezifischer
physiotherapeutischer Beübung, wobei 10 Behandlungen als notwendig erachtet
wurden. Allerdings bestanden laut dem ärztlichen Befund des ...spitals J._
vom 17. August 2009 (Urk. 10/1) eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als
einem Monat und nach zwei Monaten noch ein deutlicher Kraftverlust von 50%
(Urk. 10/1 S. 2; Urk. 10/2 S. 4).
Dennoch weist das Gutachten darauf hin, dass bei geringfügiger Abweichung des
Schusskanals bzw. bei geringfügig tiefer durchtretendem Projektil mit der vom
Beschuldigten A._ verwendeten Munition vom Kaliber .38 Spezial ein
tödlicher Verlauf nicht auszuschliessen gewesen wäre. Einerseits wäre bei einem
Schusstreffer an der linksseitigen Halsarterie oder -vene ein Verbluten vor
ärztlicher Intervention die praktisch sichere Folge gewesen. Wäre - so das
Gutachten weiter - das ebenfalls nahe liegende Rückenmark in dieser Höhe mit
einem Durchschuss getroffen worden, wäre die Querschnittslähmung die gerings-
te Folge, der Tod durch zentrale Dysregulation die maximale Konsequenz dieser
Schussverletzung gewesen. Bei geringfügig verändertem Schusskanal wäre nach
- 33 -
Expertenansicht eine konkrete Lebensgefahr somit wahrscheinlich geworden, bei
einem in aller Regel tödlichen Ausgang (Urk. 10/2 S. 6). Das leuchtet ein, liegen
doch im Bereiche des Halses lebenswichtige Strukturen und besteht eine enge
räumliche Beziehung zu den grossen Leitungsbahnen wie der Halsschlagader,
dem Zwerchfellnerv, der Speise- und Luftröhre, und insbesondere im Bereich der
Halswirbelsäule dem verlängerten Rückenmark mit dem Atemzentrum (Urk. 10/2
S. 3). Dass es zu keiner unmittelbaren Lebensgefahr oder gar Todesfolge für den
Mitbeschuldigten E._ kam, sondern der Vorfall glimpflich ausging, ist offen-
sichtlich allein dem Zufall zuzuschreiben.
3.1.4 Als der Beschuldigte, nach fluchtartigem Verlassen des Lokals und auf der
D._-Strasse stadtauswärts Richtung Bahnunterführung rennend, entdeckte,
dass er vom Mitbeschuldigten E._ verfolgt wurde, griff er erneut zu
seinem Revolver und schoss auf E._. Wie sich aus dem erstellten Sachver-
halt ergibt, war das Risiko eines Treffers und damit einer Körperverletzung oder
gar Tötung durch diesen gezielten Schuss aus relativ kurzer Distanz hoch.
Glücklicherweise wurde E._ durch diese weitere Schussabgabe des Be-
schuldigten im Freien nicht getroffen, was aber nur dem Zufall zu verdanken ist.
Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass E._ den Tatablauf
mitprägte, indem er den Beschuldigten verfolgte und seinerseits einen Schuss ab-
feuerte, womit der Beschuldigte unter Druck gesetzt wurde. Das kann sich aber
nur als geringfügig entlastend für den Beschuldigten auswirken, nachdem das ge-
samte Geschehen auf das Verhalten des Beschuldigten zurückzuführen war und
das Handeln E._s die Reaktion auf das im Lokal Vorgefallene darstellte. Statt
zu fliehen, liess sich der Beschuldigte im Freien nochmals auf eine Konfrontation
ein und feuerte erneut.
Das objektive Tatverschulden wiegt nach dem Gesagten und in Anbetracht auch
der mehrfachen Tatbegehung im Ergebnis als mittelschwer bis eher schwer. Die
hypothetische Einsatzstrafe für das begangene vollendete Delikt wäre durchaus
im oberen Bereich des mittleren Drittels des Strafrahmens, d.h. bei rund
14 Jahren, anzusiedeln.
- 34 -
3.1.5 Dem Umstand, dass es bei den Tötungsdelikten lediglich beim Versuch
blieb (Art. 22 Abs. 1 StGB), hat die Vorinstanz in einem eher leichten Umfang
Rechnung getragen und sich für eine Reduktion der Einsatzstrafe um maximal
zwei Jahre ausgesprochen (Urk. 94 S. 114).
Wie weit ein Versuch gediehen ist, ist für die konkrete Strafhöhe deswegen von
Bedeutung, weil das strafzumessungsrelevante Handlungsunrecht klar ein
anderes Gewicht erhält, ob ein Täter schon die Tathandlung nicht zu Ende geführt
hat oder aber das Delikt allein aus anderen Gründen nicht zur Vollendung gelangt
ist (Wohlers, in: Tag / Hauri, Die Revision des Strafgesetzbuches Allgemeiner
Teil, Zürich 2006, S. 54; Donatsch / Tag, Strafrecht I, 8. Auflage, Zürich 2006,
S. 136). Mathys (Zur Technik der Strafzumessung, SJZ 100/2004, S. 178) weist
zu Recht darauf hin, dass Umstände, die zu einem unvollendeten Versuch
führten, verschuldensmindernd zu gewichten seien, während der vollendete
Versuch - und davon ist hier auszugehen - als verschuldensunabhängige Tat-
komponente erscheine. Wenn der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht
eingetreten sei, ohne dass dies vom Täter beeinflusst worden sei, so bleibe
dessen Verschulden unberührt (gleichwohl habe sich dieser Umstand letztlich zu
Gunsten des Täters auszuwirken). Dieser Sichtweise ist zuzustimmen. Ausge-
hend von einer vollendeten versuchten Tötung ist der Versuch bereits bei der
objektiven Tatkomponente, also unabhängig vom Verschulden des Beschuldigten,
zu berücksichtigen. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe hängt beim
Versuch nach der Rechtsprechung unter anderem von der Nähe des tat-
bestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (Urteil des
Bundesgerichtes 6S.44/2007 vom 6. Juni 2007, E. 4.5.4 und 4.5.5 unter Verweis
auf BGE 121 IV 49 Erwägung 1b).
Aufgrund des erstellten Sachverhalts ist davon auszugehen, dass der Beschuldig-
te sowohl im Lokal "..." als auch auf der D._-Strasse alles nach seinen Vor-
stellungen zur Tatbestandsverwirklichung Erforderliche getan, mithin die
subjektiven Tatbestandsmerkmale der vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111
StGB erfüllt hat, der tatbestandsmässige Erfolg, der Tod des Mitbeschuldigten
E._, aber ausblieb. Wenn der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht
- 35 -
eintrat, war dies aber in keiner Weise vom Beschuldigten beeinflusst worden.
Zudem ist das Risiko der Tatbestandsverwirklichung - sowohl im Lokal "...", als
auch auf der D._-Strasse - als hoch einzustufen.
Obwohl für das Opfer relativ glimpflich ausgegangen, rechtfertigt der Umstand,
dass es bei der versuchten Tat blieb, vorliegend nur eine geringe Reduktion der
nach Bewertung der objektiven Tatschwere festgesetzten hypothetischen
Einsatzstrafe. Eine Reduktion von "maximal etwa zwei Jahren", wie sie von der
Vorinstanz vorgenommen wurde (Urk. 94 S. 114), erweist sich als allzu gross-
zügig.
3.2 Subjektive Tatschwere betreffend die mehrfache versuchte vorsätzliche
Tötung
3.2.1 Zur subjektiven Tatschwere hielt die Vorinstanz (Urk. 94 S. 111 f.) dem
Beschuldigten zunächst korrekt zugute, dass er "lediglich" mit Eventualvorsatz -
dies allerdings mehrfach - handelte.
3.2.2 Weiter erwähnte sie richtig, dass der Beschuldigte A._ - entgegen sei-
nen Depositionen - keineswegs aus einer Notwehrsituation heraus agiert, sondern
die Waffe am Tattag nicht nur wegen des beabsichtigten Besuchs eines andern
Spiellokals, sondern auch im Hinblick auf den Lokalbesuch beim Mitbeschuldigten
E._ mitgenommen hatte ("Ich hatte schon irgendwie den Streit einen Monat
zuvor im Hinterkopf."; Urk. 77 S. 20; ferner Urk. 5/2 S. 3 und Urk. 5/3 S. 8). Somit
hatte sich der Beschuldigte, entgegen den Ausführungen des Verteidigers an-
lässlich der Berufungsverhandlung (Urk. 107 S. 7 f.), mit einer gewissen Bereit-
schaft an den Konfliktort begeben, die geladene Waffe dort auch einzusetzen,
selbst wenn ihm nicht nachgewiesen werden kann, dass dies damals sein
primäres Ziel war. Dass der Beschuldigte das Lokal "..." lediglich aufsuchte, um
zu erfragen, an welchem Ort an jenem Abend gespielt werden würde, wie es der
Verteidiger geltend macht (Urk. 107 S. 8), trifft gerade nicht zu, zumal der
Beschuldigte selbst erklärte, dass er bereits einen Tag vor seinem Abflug nach
H._ erfahren habe, dass an diesem Abend ein grosses Poker-Turnier in
K._ stattfinde, an welchem er habe teilnehmen wollen (Urk. 5/9 S. 5).
- 36 -
3.2.3 Sodann hat sich die Vorinstanz einlässlich mit der Motivlage des Beschul-
digten auseinandergesetzt, welche sie zutreffend als egoistisch bezeichnete.
Betrachte man die Beweggründe unter Einbezug der Vorgeschichte, so werde die
Verwerflichkeit seiner Motive klar. Zum wiederholten Male habe der Beschuldigte
A._ aus Verärgerung und Kränkung das Lokal "..." aufgesucht. Diesmal
habe er eine Schusswaffe mit sich geführt. Er habe stets den Anstoss gegeben
und nachgedoppelt. Er sei aufgrund einer im Spielermilieu verpönten Geldleihe
derart wütend gewesen, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt habe. Er
habe sich deswegen nachhaltig vom Mitbeschuldigten E._ in seiner Ehre ver-
letzt gefühlt. Diese Kränkung sei unverständlich, denn das Verhalten von E._
im Zusammenhang mit der Geldleihe (die Geldleihe nur über einen gemeinsamen
Kollegen zu tätigen) sei logisch und vernünftig gewesen. Ob E._ gewusst
habe, dass diese Art der Geldleihe im Spielermilieu verpönt sei oder nicht, spiele
dabei keine Rolle. Aufgrund der beiden weiteren Vorkommnisse im Lokal "...", bei
denen er als Folge des eigenen Fehlverhaltens als Verlierer hervorgegangen sei,
sei der Beschuldigte zusätzlich gekränkt gewesen: Einerseits aufgrund des Lokal-
verbots, was dem Beschuldigten nach eigenen Aussagen noch nie zuvor wider-
fahren war, und andererseits durch den Schlag von E._ Anfang Mai 2009 im
Lokal "..." mit dessen Revolver. Wenn die Vorinstanz zum Schluss gelangt, dass
im Wesentlichen nur der Beschuldigte die Eskalation verschuldet hat, so ist ihr
auch hierin zu folgen. Stets war er es, der E._ bzw. das von diesem geführte
Lokal aufsuchte und der den Anstoss für Differenzen gab und diese mit seinem
Erscheinen geradezu provozierte. Das Motiv wirkt sich erschwerend aus.
3.2.4 Auch verfügte der Beschuldigte über hinreichende Entscheidungsfreiheit: Er
hätte sich ohne weiteres vom Mitbeschuldigten E._ und dessen Lokal fern-
halten können. Dies umso mehr, als ihm gegenüber anerkanntermassen ein
Hausverbot ausgesprochen worden war und er auch andernorts seiner Spiellei-
denschaft nachgehen konnte, z.B. wie am Tatabend geplant in K._. Statt-
dessen gab er sich wegen des Hausverbots zusätzlich gekränkt (Urk. 5/8 S. 4 f.;
Urk. 5/9 S. 4) und setzte sich bewusst über dieses hinweg. Auch auf der D._-
Strasse perpetuierte er mit seiner Schussabgabe auf E._ das Tatgeschehen,
anstatt definitiv Abstand zu nehmen.
- 37 -
Beim Beschuldigten A._ liegen zudem wie erwähnt keine verschuldens-
mindernden Umstände gemäss Art. 48 StGB vor. Insbesondere kann er für sich
nicht beanspruchen, in einer nach den Umständen entschuldbaren heftigen
Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung gehandelt zu haben.
3.2.5 Zum weiteren subjektiven Element der Schuldfähigkeit ist im angefochtenen
Urteil alles Wesentliche gesagt und es wurde, der Fachmeinung im psychiatri-
schen Gutachten von Dr. med. L._ vom 13. April 2010 (Urk. 9/7 S. 35 f.; 46)
folgend, auch der richtige Schluss gezogen: die Annahme einer Verminderung der
Schuldfähigkeit in leichtem Grade. Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen
rechtfertigt sich der Verweis auf die Darlegungen der Vorinstanz (Urk. 94 S. 112
f.; Art. 82 Abs. 4 StPO), zumal auch Verteidigung und Staatsanwaltschaft vom
gleichen Ergebnis ausgehen (Urk. 79 S. 42; Prot. I S. 22; Urk. 113 S. 3 ff.;
Urk. 115 S. 2 ff.).
3.2.6 Insgesamt überwiegen bei der subjektiven Tatschwere die strafsenkenden
Momente etwas, so dass die aus objektiven Gesichtspunkten eruierte hypotheti-
sche Einsatzstrafe weiter zu reduzieren ist.
3.3 Tatschwere der mehrfachen Gefährdung des Lebens
3.3.1 In Anwendung des Asperationsprinzips ist die soeben festgesetzte Einsatz-
strafe aufgrund der Tatmehrheit zu erhöhen.
3.3.2 Beim Tatbestand der Gefährdung des Lebens gemäss Art. 129 StGB sind
wiederum im Sinne einer Deliktsgruppe sämtliche Gefährdungen des Lebens als
Einheit zu betrachten. Dabei ist das objektive Tatverschulden mit der Vorinstanz
als insgesamt recht schwer einzustufen: Der Beschuldigte A._ feuerte einer-
seits im Lokal "..." in unmittelbarer Nähe der drei anwesenden Gäste M1._,
M2._ und M3._ zwei nicht zu kontrollierende Schüsse ab. Die drei Gäs-
te waren durch diese Schussabgaben des Beschuldigten in erheblicher Lebens-
gefahr, denn es bestand für sie die Gefahr, sowohl direkt als auch von einem
Querschläger getroffen zu werden.
- 38 -
Hinsichtlich der Schussabgabe auf der D._-Strasse wiegt das objektive Ver-
schulden ebenfalls recht schwer. Der Beschuldigte A._ schoss auf E._
und ignorierte dabei die anwesenden Passanten und Automobilisten. Dabei
standen die Zeugen G._ und N._ mit Sohn O._ im Bereich hinter
E._ im Blickfeld des Beschuldigten und waren einer akuten Lebensgefahr
ausgesetzt. Der vom Beschuldigten abgefeuerte Schuss hätte eine dieser Perso-
nen direkt treffen können. Dass die Personen tatsächlich in unmittelbarer Lebens-
gefahr waren, wird deutlich angesichts des Umstandes, dass ihnen sogar
Schmutz- oder Staubspritzer ins Gesicht spritzten (Zeugin N._: Urk. 7/16 und
7/17; Zeuge G._: Urk. 7/18 und 7/19). Auch der Zeuge B._ war in akuter
Lebensgefahr, hat ihn der Querschläger doch nur knapp verfehlt (Urk. 7/13). Da-
von ist selbst dann auszugehen, wenn mit der Verteidigung (Urk. 113 S. 18) fest-
gestellt werden muss, dass die Aussagen B._s etwas dramatisiert wirken.
Des Weiteren hätte eine verirrte Kugel auch den Automobilisten P._ treffen
können.
Erschwerend - auch innerhalb der mehrfachen Tatbegehung - wirkt sich aus, dass
insgesamt neun Menschen einer unmittelbaren Lebensgefahr ausgesetzt waren.
Anderseits handelt es sich nicht um die gleiche Anzahl Einzeltaten, sondern all
diese Gefährdungen sind auf zwei bzw. drei Schussabgaben zurückzuführen,
sodass sich die konkrete Lebensgefahr - mit der Verteidigung (Urk. 113 S. 22 f.) -
nicht für sämtliche dieser neun Personen gleichzeitig hätte verwirklichen können.
Der Anzahl der gefährdeten Personen haftet sodann auch etwas Zufälliges an.
3.3.3 In subjektiver Hinsicht erschwerend gewichtete die Vorinstanz den direkten
Vorsatz (Urk. 94 S. 114 f.). Dem ist allerdings entgegen zu halten, dass der
subjektive Tatbestand von Art. 129 StGB schon direkten Gefährdungsvorsatz ver-
langt; Eventualvorsatz genügt nicht. Daher kann die Willensrichtung des Handelns
bei der Strafzumessung nicht nochmals angeführt werden. Verschuldensmindern-
de Umstände gemäss Art. 48 StGB sind nicht ersichtlich. Zu berücksichtigen ist
aber ebenfalls die leicht verminderte Schuldfähigkeit des Beschuldigten. Es bleibt
in Bezug auf diese Delikte immer noch ein erhebliches Verschulden.
- 39 -
3.3.4 Für sich allein betrachtet erschiene beim gegebenen Strafrahmen von bis
zu fünf Jahren Freiheitsstrafe gemäss Art. 129 StGB eine Freiheitstrafe von
ca. drei Jahren dem Tatverschulden des Beschuldigten angemessen. Unter
Beachtung des Asperationsprinzips ist die Einsatzstrafe folglich doch signifikant
zu erhöhen.
3.4 Tatschwere der Widerhandlung gegen das Waffengesetz
Wie schon die Vorinstanz befand (Urk. 94 S. 115), fällt im Verhältnis zu den mehr-
fachen Tötungsversuchen und der mehrfachen Gefährdung des Lebens die vom
Beschuldigten A._ begangene Widerhandlung gegen das Waffengesetz nur
noch sehr leicht ins Gewicht. Zwar handelt es sich bei der verwendeten Waffe
gemäss Gutachten eher um eine Verteidigungs- als um eine Präzisionswaffe,
allerdings mit relativ grossem Verletzungspotential (vgl. Urk. 12/6 S. 10 und 28).
Schlussendlich hat sich der Beschuldigte A._ jedoch "nur" einen Revolver
ohne Bewilligung angeschafft, wobei er bewusst und damit direktvorsätzlich
gegen das Waffengesetz verstiess. Bezüglich der vorsätzlichen Widerhandlung
gegen das Waffengesetz ist davon auszugehen, dass der Erwerb des Revolvers
ohne entsprechende Absicht geschah, damit einen Menschen zu töten oder zu
verletzen. Beim Kauf stand der Selbstschutz und somit die eigene Sicherheit des
Beschuldigten im Vordergrund. Es ist diesbezüglich - ebenfalls mit der Vorinstanz
(Urk. 94 S. 115) - von voller Schuldfähigkeit auszugehen. Bei einem Strafrahmen
von bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe gemäss Waffengesetz (SR 514.54, Art. 33
Abs. 1) ist in Anwendung des Asperationsprinzips die Strafe lediglich in sehr
leichtem Umfang zu erhöhen.
3.5 Fazit Tatkomponente
Die Einsatzstrafe nach der Tatkomponente liegt im Bereich von etwas über 15
Jahren Freiheitsstrafe.
4. Täterkomponente
Die Täterkomponente (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafver-
- 40 -
fahren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlver-
halten, andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht.
Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berücksichti-
gen, ob sich der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und
Einsicht zeigte sowie ob er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
4.1 Werdegang und persönliche Verhältnisse
Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die sehr detaillierten Ausführungen im an-
gefochtenen Urteil (Urk. 94 S. 115 f.) sowie auf die entsprechenden Akten
(Urk. 5/5 S. 1-7; Urk. 5/10; Urk. 5/11 S. 8 f.; Urk. 9/7 S. 8 ff.; Urk. 22/5 und 22/9;
Urk. 77 S. 1 ff.) verwiesen werden. Anlässlich der Berufungsverhandlung ergänzte
der Beschuldigte, dass er während seiner Inhaftierung einige gesundheitliche
Probleme gehabt habe, jedoch gut damit zurecht komme, im Gefängnis keinen
Alkohol und keine Drogen zu konsumieren. Er arbeite in der Gefängnisdruckerei.
Kontakt pflege er zu seiner Frau und seiner Familie. Des Weiteren räumte der
Beschuldigte ein, schon mehrfach gegen die Anstaltsordnung verstossen zu
haben (Urk. 111 S. 1 ff.).
Aus der Biografie ergeben sich weder straferhöhende noch strafreduzierende
Faktoren.
4.2 Vorstrafen
Was das Vorleben betrifft, kommt bei der Strafzumessung den Vorstrafen grund-
sätzlich eine ausserordentlich wichtige Rolle zu (BSK Strafrecht I - Wiprächtiger,
2. Aufl., Basel 2007, Art. 47 N 94 ff.; Schwarzenegger/Hug/Jositsch, Strafrecht II,
8. Aufl., Zürich 2007, S. 100).
Der Beschuldigte A._ weist keine Vorstrafen auf. Die Vorstrafenlosigkeit ist
grundsätzlich neutral zu werten und kann nur in besonderen - hier nicht vor-
liegenden Umständen - strafmindernd berücksichtigt werden (BGE 136 IV 1;
Entscheide des Bundesgerichts 6B_584/2009 und 6B_1085/2010).
- 41 -
4.3 Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters mit zu
berücksichtigen. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafver-
fahren, wie zum Beispiel Reue, Einsicht und Strafempfindlichkeit. Ein Geständnis,
das kooperative Verhalten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie
Einsicht und Reue wirken strafmindernd (BSK Strafrecht I - Wiprächtiger, Basel
2007, Art. 47 N 130 ff.).
4.3.1 Übereinstimmend mit der Vorinstanz kann festgestellt werden, dass der
Beschuldigte A._ sich betreffend die im Lokal "..." verwirklichte Tat weit-
gehend geständig zeigte. Allerdings hielt er diesbezüglich noch im erstinstanzli-
chen Verfahren in einigen Aspekten an seiner abweichenden Darstellung fest. So
beschönigte er bis zuletzt sein Tatmotiv, beharrte im Weiteren darauf, er sei im
Lokal sofort von vier Leuten umzingelt worden, und konnte auch lange nicht recht
einsehen, dass er mit seinem Vorgehen das Leben vieler Menschen gefährdete.
Im Berufungsverfahren anerkannte er den Anklagesachverhalt und entsprechend
den Schuldpunkt nun bis auf sein Verhalten gegenüber dem Mitbeschuldigten
E._ auf der D._-Strasse. Sein Geständnis, wie auch das grundsätzlich
kooperative Verhalten in der Untersuchung, sind strafmindernd zu berücksichti-
gen. Sein zusätzliches Geständnis durch Nichtanfechten eines Teils des
vorinstanzliches Schuldspruchs hat gemäss der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung jedoch keine weitere Reduktion zur Folge (Urteil des Bundesgerichts
6B_974/2009 vom 18.2.2010, Erw. 5.4)
4.3.2 Leicht strafmindernd zu berücksichtigen ist die Einsicht und Reue, die der
Beschuldigte bereits im Verlaufe des Untersuchungsverfahrens zeigte. Nicht nur
hat er sich bei seinem Kontrahenten E._ für seine Taten entschuldigt und
auch eine Desinteresseerklärung bezüglich dessen Strafverfolgung abgegeben,
er hat sich auch anlässlich der Zeugeneinvernahmen bei den unbeteiligten Dritten
für sein Verhalten entschuldigt.
- 42 -
4.3.3 Zusammenfassend rechtfertigt sich bei der Täterkomponente - ausgehend
von einer Einsatzstrafe von etwas mehr als 15 Jahren - insgesamt doch eine
merkliche Strafminderung.
4.4 Rollenverteilung
Zurecht nicht ausser Acht gelassen hat die Vorinstanz weiter, dass der Beschul-
digte nicht nur ein Täter ist, sondern auch Geschädigter einer versuchten vorsätz-
lichen Tötung. Dass ihn der durch E._ auf ihn abgefeuerte Schuss in be-
trächtlicher Weise geschockt hat, ist grundsätzlich nachvollziehbar, sodass er in
der Folge auch ziemlich verwirrt das Weite suchte und einen Bus bestieg. Immer-
hin blieb er unverletzt. Insofern rechtfertigt sich nur eine marginale Reduktion im
Rahmen der Folgenberücksichtigung.
4.5 Eine erhöhte Strafempfindlichkeit ist sodann nicht ersichtlich.
4.6 Fazit der Strafzumessung
In Würdigung aller massgeblichen Strafzumessungsgründe und auch unter
Berücksichtigung des Asperationsprinzips erweist sich die von der Vorinstanz
ausgesprochene Sanktion von 9 Jahren Freiheitsstrafe als zu milde. Dem
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen angemessen ist eine  von 11 Jahren.
An diese Freiheitsstrafe anzurechnen sind bis und mit heute 1281 Tage Unter-
suchungshaft und vorzeitiger Strafvollzug (Art. 51 StGB; Urk. 21/1).
V. Vollzug
Bei einer Strafe dieser Höhe kommt der bedingte beziehungsweise teilbedingte
Strafvollzug bereits aus objektiven Gründen nicht in Frage (Art. 42 Abs. 1 StGB
und Art. 43 Abs. 1 StGB). Die Strafe ist daher zu vollziehen.
- 43 -
V. Kostenfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kostenregelung (Dispositiv-Ziffer 9)
zu bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren unterliegt der Beschuldigte mit seinen Anträgen zum
Schuldpunkt und zur Strafzumessung. Die Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer
Berufung zur Sanktion teilweise. Die Kosten des Berufungsverfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, sind demzufolge zu drei Vierteln
dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse zu
nehmen (Art. 428 Abs. 2 StPO). Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind
einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungspflicht bleibt im
Umfang von drei Vierteln vorbehalten (Art. 135 Abs. 4 StPO; Art. 138 StPO).