# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** fdb4450e-9635-55ef-9db5-d8d3642c28c6
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 8. Juli 2016 bei der Gemeinde Wattenwil ein
Baugesuch ein für einen Neubau von zwei Einfamilienhäusern mit Carport und den Neubau
eines Carports an das bestehende Haus auf Parzelle Wattenwil Grundbuchblatt
Nr. D._. Die Parzelle liegt in der Wohn- und Arbeitszone. In der ersten Bautiefe
steht ein Wohn- und Gewerbehaus. Der Neubau kommt in die zweite Bautiefe zu liegen. Es
besteht bereits eine Zufahrtstrasse, die entlang der Grenze zum benachbarten Grundstück
bis zur zweiten Bautiefe der Parzelle Nr. D._ führt. Dieses Strassenstück wurde
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1993 zusammen mit dem Gebäude in der ersten Bautiefe als Zufahrt zur damals noch der
Landwirtschaftszone liegenden Restparzelle bewilligt.
Gegen das Baugesuch reichte der Beschwerdeführer am 26. Juli 2016 Einsprache ein und
brachte unter anderem vor, die Zufahrtsstrasse müsse gemäss Baureglement einen
Grenzabstand von 50 cm einhalten. Mit Stellungnahme vom 10. Oktober 2016 wies der
Beschwerdegegner darauf hin, dass der bestehende Teil der Zufahrt 1993 bewilligt worden
sei. Mit Schreiben vom 7. November 2016 antwortete der Beschwerdeführer, er habe sich
schon immer gegen die Zufahrtsstrasse gewehrt und verstehe nicht, warum nur die neue
Zufahrtsstrasse den Abstand von 50 cm einhalten müsse. Mit Gesamtentscheid vom 14.
Juli 2017 erteilte die Gemeinde Wattenwil die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 10. August 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt
sinngemäss die Aufhebung des Gesamtentscheides vom 14. Juli 2017 und macht
insbesondere geltend, die Zufahrtsstrasse müsse auf ganzer Länge den reglementarischen
Abstand von 50 cm von seiner südlichen Grundstücksgrenze einhalten.
3. In seiner Beschwerdeantwort vom 12. September 2017 beantragt der
Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde. Die Zufahrtsstrasse zum
Restgrundstück sei 1993 mit ganzer Breite bis an die Grenze der Nachbarparzelle des
Beschwerdeführers bewilligt worden. Sie bestehe seit über 22 Jahren.
In ihrer Beschwerdevernehmlassung vom 11. September 2017 beantragt die Gemeinde die
Abweisung der Beschwerde. Die neue Zufahrtsstrasse halte den reglementarischen
Grenzabstand von 50 cm ein. Die in der Beschwerde angesprochene bestehende
Zufahrtsstrasse sei bereits 1993 bewilligt worden und bilde somit nicht Bestandteil des
Verfahrens.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG1. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Einsprache abgewiesen
wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Zufahrtsstrasse
a) Der Beschwerdeführer macht einzig geltend, die Zufahrtsstrasse respektiere den
reglementarischen Abstand von 50 cm von seiner südlichen Grundstücksgrenze nicht. Die
Gemeinde hält in ihrem Gesamtbauentscheid vom 14. Juli 2017 demgegenüber fest, dass
der bestehende Teil der Zufahrtsstrasse auf Parzelle Nr. D._ eben bestehe und
daher kein Gegenstand des Verfahrens sei. Der Beschwerdeführer hätte sich im Verfahren
von 1993 mittels Baubeschwerde gegen die Bewilligung wehren müssen. Die
Zufahrtsstrasse sei bereits bestehend und aufgrund geringer Zusatzbelastung werde diese
auch nicht komplett neu überprüft. Der Teil der Zufahrtsstrasse, der neu erstellt werde,
respektiere den reglementarischen Abstand von 50 cm zur Parzellengrenze.
1 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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b) Gemäss Art. 23 Abs. 1 GBR3 haben den Boden nicht überragende Bauten und
Anlagen wie private Wege, Strassen und Parkplätze einen Grenzabstand von 50 cm
einzuhalten. Sie sind so anzulegen, dass weder durch ihre Benützung noch durch ihren
Unterhalt nachteilige Einflüsse auf die Nachbargrundstücke entstehen. Mit schriftlicher
Zustimmung des Nachbarn dürfen sie unmittelbar an der Grenze errichtet werden.
Gebäudeabstände sind keine zu berücksichtigen (Art. 21 Abs. 2 GBR).
c) Der neue Teil der Zufahrtsstrasse respektiert den Grenzabstand vom 50 cm
gegenüber der Parzelle des Beschwerdeführers. Demgegenüber grenzt der bestehende
Teil direkt an sein Grundstück. Ob im Jahre 1993 bei Erteilung der Baubewilligung für den
bestehenden Teil der Zufahrtsstrasse dieselben Vorschriften bezüglich des
Grenzabstandes galten wie heute oder nicht, kann offen gelassen werden. Gemäss
Bestätigung des damaligen Bauverwalters von Wattenwil vom 20. Juni 1996 respektierte
jenes Bauvorhaben die massgeblichen Vorschriften und die Baubewilligung wurde deshalb
erteilt. Der bestehende Teil der Zufahrtsstrasse muss nicht den heute geltenden
Vorschriften angepasst werden. Er wurde bewilligt und geniesst Bestandesschutz gemäss
Art. 3 BauG. Gemäss dieser Bestimmung werden aufgrund bisherigen Rechts bewilligte
oder bewilligungsfreie Bauten und Anlagen in ihrem Bestand durch neue Vorschriften und
Pläne nicht berührt. Solche sogenannten altrechtlichen Bauten dürfen, auch wenn sie
neuen Vorschriften und Plänen nicht entsprechen, weiterbestehen und weiter genutzt
werden.4
3. Widerruf und Wiederaufnahme
a) Verfügungen müssen innert einer bestimmten der Frist bei der Beschwerdeinstanz
angefochten werden. Nach unbenutztem Ablauf der Rechtsmittelfrist können sie
grundsätzlich nicht mehr zur Diskussion gestellt werden, da sie in Rechtskraft erwachsen
sind.5 Auch fehlerhafte Verfügungen werden rechtsverbindlich, wenn sie nicht innerhalb der
Rechtsmittelfrist angefochten werden. Nur ausnahmsweise wird die Nichtigkeit einer
Verfügung angenommen.6 Inhaltliche Mängel genügen dazu in der Regel nicht.7 Selbst
3 Baureglement der Einwohnergemeinde Wattenwil vom 27. Mai 2009 (GBR) 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.3 N. 1 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 56 N. 1 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 55 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 60
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wenn die Baubewilligung von 1993 zu Unrecht erteilt worden wäre, ist sie rechtskräftig und
damit rechtsbeständig geworden. Ein rechtskräftig erledigtes Verfahren (sogenannte res
iudicata) kann nicht nochmals an die Hand genommen werden, ausser es seien die
Voraussetzungen des Widerrufs der Baubewilligung im Sinn von Art. 43 BauG oder der
Wiederaufnahme im Sinn von Art. 56 VRPG8 gegeben.
b) Gemäss Art. 43 Abs. 1 BauG kann eine im Widerspruch zu öffentlich-rechtlichen
Vorschriften erteilte oder bei ihrer Ausübung mit der öffentlichen Ordnung nicht mehr
vereinbare Baubewilligung widerrufen werden. Sind aufgrund der Baubewilligung bereits
erhebliche Arbeiten ausgeführt, so ist der Widerruf nur zulässig, wenn überwiegende
Interessen ihn gebieten (Art. 43 Abs. 2 Bst. a BauG). Der Bauherr ist nach den
Bestimmungen über die materielle Enteignung zu entschädigen, wenn dafür die
Voraussetzungen erfüllt sind. Der Widerruf ist zudem zulässig, wenn der Gesuchsteller die
Bewilligung durch Irreführung erwirkt hat. (Art. 43 Abs. 2 Bst. b BauG). Der umstrittene Teil
der Zufahrtsstrasse wurde im Jahre 1993 bewilligt und anschliessend gebaut. Anzeichen
für eine durch Irreführung erwirkte Baubewilligung liegen keine vor. Die Baubewilligung
dürfte somit nur widerrufen werden, wenn es überwiegende Interessen gebieten. Solche
Interessen sind weder dargetan noch ersichtlich.
c) Ein rechtskräftig erledigtes Verfahren ist auf Gesuch hin oder von Amtes wegen aus
den in Art. 56 Abs. 1 Bst. a bis c VRPG genannten Gründen wieder aufzunehmen. Nach
Ablauf von zehn Jahren seit Eröffnung der Verfügung ist eine Abänderung der Verfügung
nur noch zulässig, wenn ein Strafverfahren ergeben hat, dass durch ein Verbrechen oder
Vergehen zum Nachteil der Partei auf die Verfügung eingewirkt wurde (Art. 56 Abs. 4
VRPG). Weder macht der Beschwerdeführer geltend, noch enthalten die Akten Hinweise
darauf, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Da seit der Erteilung der Baubewilligung für
den bestehenden Teil der Zufahrtsstrasse mehr als zehn Jahre vergangen sind, kann diese
auch gestützt auf Art. 56 VRPG nicht mehr aufgehoben werden. Die Beschwerde erweist
sich demnach als unbegründet und ist abzuweisen.
8 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat deshalb
die oberinstanzlichen Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden
bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 600.00 (Art. 103 VRPG in Verbindung mit
Art. 19 GebV9)
b) Der Beschwerdegegner ist nicht durch einen Anwalt vertreten. Parteikosten sind
somit keine angefallen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).