# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 8f9ba851-f91c-51af-8706-5712ce8f0b65
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegner haben in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts oberhalb
der Liegenschaft der Beschwerdeführenden ein Mehrfamilienhaus und für die Versickerung
zwei Sickerschächte erstellt. Mit Entscheid vom 4. Juni 2013 stellte die Bau-, Verkehrs-
und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) fest, dass die Versickerungsanlage auf dem
Grundstück der Beschwerdegegner, insbesondere der zweite Sickerschacht auf der
Ostseite des Hauses, beim Hausbau im Jahr 1994 nicht bewilligt worden sei. Der zweite
Sickerschacht bedürfe zwar keiner Bau- jedoch einer Gewässerschutzbewilligung. Weiter
seien die Sickerschächte – wie eine Kontrolle der Gemeinde im Jahr 2009 ergeben habe –
offenbar auch technisch nicht korrekt ausgeführt worden, insbesondere fehlten die
Schlammsammler. Die BVE hiess die damalige Beschwerde der Beschwerdeführenden
teilweise gut, da die Gemeinde auf die gewässerschutzpolizeiliche Anzeige der
Beschwerdeführenden hätte eintreten sollen. Sie wies die Gemeinde an zu prüfen, ob ein
vorschriftswidriger Zustand im Sinne von Art. 22 KGSchG vorliegt, der eine
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes erfordert.1 Gestützt auf diesen Entscheid
1 Entscheid der BVE RA Nr. 120/2012/58 vom 04.06.2013
RA Nr. 110/2017/10 3
forderte die Gemeinde Sigriswil die Beschwerdegegner mit Schreiben vom 17. September
2013 auf, ein allfälliges Gesuch für eine nachträgliche Gewässerschutzbewilligung bis
Ende Oktober 2013 einzureichen. Die Beschwerdegegner reichten am 10. Februar 2014
eine nachträgliche Gewässerschutzbewilligung für das unveränderte Betreiben der
bestehenden Versickerungsanlage ein. Dabei verwendeten sie das Baugesuchsformular.
Mit Schreiben vom 17. November 2016 informierte die Gemeinde die
Eigentümergemeinschaft der Beschwerdegegner, dass die Schlammsammler vor den
Sickerschächten noch immer nicht erstellt seien. Diese Schächte seien zwingend zu
erstellen und durch die Gemeinde abzunehmen. Die Gemeinde gewährte den
Beschwerdegegnern dazu das rechtliche Gehör mit einer Frist bis am 2. Dezember 2016.
Die Gemeinde verfügte am 20. Dezember 2016:
"1. Der Einbau eines zweiten Sickerschachtes auf der Ostseite wird bewilligt.
2. Das Baugesuch vom 10.02.2014 wird abgewiesen, soweit mehr oder anderes verlangt
wird.
3. Die Stockwerkeigentümergemeinschaft der Parzelle Nr. O._ wird aufgefordert,
bis zum 30. April 2017 die beiden Sickerschächte mit ausreichend dimensionierten
Schlammsammlern zu versehen, welche durch die Bauabteilung Sigriswil abzunehmen
und anschliessend durch die Stockwerkeigentümergemeinschaft zu unterhalten sind.
4. Widerhandlungen gegen diese Verfügung sind strafbar nach Art. 50 BauG (Busse bis zu
Fr. 40'000.00 in besonders schweren Fällen und bei Rückfall bis zu Fr. 100'000.00), bzw.
nach Art. 292 StGB (Busse).
5. Kommt die Stockwerkeigentümergemeinschaft dieser Verfügung innert gesetzter Frist
nicht vollständig und vorschriftsgemäss nach, wird die Gemeinde ohne weitere
Verfügung zur Ersatzvornahme schreiten, d.h. auf deren Kosten die
Wiederherstellungsverfügung selber ausführen oder Dritte ausführen lassen (Art. 47
BauG).
6. Die Kosten dieser Verfügung betragen Fr. 280.00 und werden der
Stockwerkeigentümergemeinschaft von Parzelle Nr. O._ auferlegt."
In der von der Gemeinde angefügten Rechtsmittelbelehrung ist die BVE als
Beschwerdeinstanz aufgeführt.
2. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 20. Januar 2017
Beschwerde bei der BVE ein. Sie stellen folgende Rechtsbegehren:
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"1. Die Wiederherstellungsverfügung der Einwohnergemeinde vom 20. Dezember
2016 sei aufzuheben.
2. Dem Einbau eines zweiten Sickerschachtes auf der Ostseite sei die Bewilligung zu
verweigern.
3. Das "Unterhalten" der beiden schadenstiftenden Wasser-Umleitungsschächte
zwecks der Weiterführung der Einwässerung der unterliegenden Liegenschaften
sei zu verweigern.
4. Es sei darauf zu verzichten, die beiden Sickerschächte mit ausreichend
dimensionierten Schlammsammlern zu versehen.
5. Es sei festzustellen, dass die Einwohnergemeinde Sigriswil der
Rechtsverweigerung verfallen sei.
6. Im Übrigen sei die Sache an die Gemeinde zur Fortsetzung des Verfahrens im
Sinne der Erwägungen und mit den Anweisungen gemäss Ziff. 7 hienach
zurückzuweisen.
7. Die Gemeinde sei für die weitere Beurteilung anzuweisen, das Dach-, Terrassen-
und Sickerwasser (=das umgeleitete Hangwasser) unten mit einer Sickerleitung
wieder aufzufangen und in die bestehende Meteorleitung einzuführen, eventuell
die Beschwerdeführer zu ermächtigen, die Arbeiten zur Umleitung
ersatzvornahmeweise auf Kosten der Behörde, auszuführen.
8. Der Gemeinde sei eine angemessene Frist zur Umsetzung der Anweisungen
gemäss Ziff. 7 hievor zu setzen.
9. Verfahrensleitender Antrag: Den Beschwerdeführenden sei vollumfängliche
Akteneinsicht zu gewähren.
10. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte mit dem
Regierungsstatthalteramt des Verwaltungskreises Thun ein Meinungsaustauschverfahren
durch. Nachdem sich die Behörden einig waren über die Zuständigkeit des Regierungs-
statthalteramts des Verwaltungskreises Thun, teilte das Rechtsamt den Parteien mit, dass
es beabsichtigt, das Verfahren formlos an den Regierungsstatthalter zu überweisen und
gewährte dazu das rechtliche Gehör. Die Beschwerdeführenden verlangten daraufhin die
Beurteilung der Sache durch die BVE. Die Gemeinde und die Beschwerdegegner liessen
sich dazu nicht vernehmen.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
a) Im Entscheid der BVE vom 4. Juni 2013 wurde festgehalten, dass für den
umstrittenen Sickerschacht nur eine Gewässerschutzbewilligung, aber keine
Baubewilligung nötig gewesen sei. Da der Sickerschacht nicht in einer
Grundwasserschutzzone liegt, ist die Gemeinde für die Erteilung der
Gewässerschutzbewilligung oder auch für die Bewilligung des Verzichts auf die
Versickerung zuständig, nicht das Amt für Wasser und Abfall (Art. 17 Abs. 4 KGV3). Nach
Art. 31 KGschG4 können Verfügungen, die gestützt auf dieses Gesetz und seine
Ausführungsvorschriften erlassen werden, nach den Bestimmungen des
Koordinationsgesetzes (KoG5) und des Verwaltungsrechtspflegegesetzes (VRPG6)
angefochten werden. Die Gemeinde Sigriswil spricht in ihrem Entscheid zwar von einem
Baugesuch und führt Baurechtsbestimmungen an. Inhaltlich handelt es sich jedoch um
eine Gewässerschutzbewilligung. Die Beschwerdeführenden führen dagegen Beschwerde
und erheben gleichzeitig eine Rechtsverweigerungsbeschwerde. Sie führen dazu aus, die
Gemeinde Sigriswil weigere sich, "die durch gerichtliche Gutachten in ihrem enormen
Ausmass bestätigte Einwässerung" zu beseitigen.7 In Rechtsbegehren Ziffer 7 verlangen
die Beschwerdeführenden sodann, die Gemeinde sei für die weitere Beurteilung
anzuweisen, das Dach-, Terrassen- und Sickerwasser (=das umgeleitete Hangwasser)
unten mit einer Sickerleitung wieder aufzufangen und in die bestehende Meteorleitung
einzuführen, eventuell die Beschwerdeführerenden zu ermächtigen, die Arbeiten zur
3 Kantonale Gewässerschutzverordnung vom 24. März 1999 (BSG 821.1) 4 Kantonales Gewässerschutzgesetz vom 11. November 1996 (KGSchG; BSG 821.0) 5 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 7 Beschwerde S. 53
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Umleitung ersatzvornahmeweise auf Kosten der Behörde, auszuführen. Sie begründen
diesen Antrag damit, dass der knapp unter der Humusschicht liegende Felsen kein Wasser
versickern lasse. Umstritten ist somit vorliegend die Erteilung einer
Gewässerschutzbewilligung durch die Gemeinde Sigriswil und die Notwendigkeit
weitergehender gewässerschutzpolizeilicher Massnahmen.
b) Nach Art. 62 Abs. 1 Bst. c VRPG beurteilt die BVE Beschwerden gegen
Verfügungen von Gemeinden nur dann, wenn dies die Gesetzgebung ausdrücklich
vorsieht. Dies ist nur bei Bausachen der Fall.8 Verfügungen der Gemeinde im Bereich des
Gewässerschutzes unterliegen der Beschwerde nach Art. 63 Abs. 1 Bst. a VRPG und sind
durch das Regierungsstatthalteramt zu beurteilen.9 Daher ist zur Beurteilung der
Beschwerde nicht die BVE, sondern das Regierungsstatthalteramt des Verwaltungskreises
Thun zuständig. Auf die Beschwerde wird deshalb im Sinne eines selbständig
anfechtbaren Zwischenentscheids nicht eingetreten und das Verfahren an das Regierungs-
statthalteramt des Verwaltungskreises Thun überwiesen.10
c) Sofern die Beschwerdeführenden weitere Anträge im Verfahren stellen, ist für deren
weitere Behandlung ebenfalls das Regierungsstatthalteramt des Verwaltungskreises Thun
zuständig. Die Beschwerdeführenden zweifeln in ihrer Stellungnahme vom 15. März 2017
die Unabhängigkeit des Regierungsstatthalters von Thun an. Würde es dem
Regierungsstatthalter von Thun tatsächlich an Unparteilichkeit fehlen, hätte dies nicht zur
Folge, dass die BVE zuständig würde. Vielmehr müsste im Rahmen eines
Ablehnungsverfahrens gemäss Art. 9 VRPG darüber entschieden werden, wer die Sache
weiter behandelt. Die BVE kommt dafür nicht in Frage.11
2. Verfahrenskosten
a) Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
8 Vgl. Art. 40 Abs. 1 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) und Art. 49 Abs. 1 BauG 9 Vgl. dazu auch Edi Freiburghaus, Der Vollzug des Gewässerschutzes im Kanton Bern, Bern 2014, S. 104 10 Vgl. dazu Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 6 N. 5 und Art. 5 N. 8 f. 11 Vgl. insb. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 9 N. 19
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Da die angefochtene Verfügung die Rechtsmittelbelehrung enthält, wonach die BVE für die
Beschwerde zuständig ist, rechtfertigt es sich, keine Verfahrenskosten zu erheben.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Behörden haben keinen Anspruch auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 4 VRPG). Die
Beschwerdegegner haben in der Hauptsache keine Anträge gestellt und sich bezüglich der
Frage der Zuständigkeit nicht vernehmen lassen. Ihnen ist daher für den Erlass dieses
Zwischenentscheids kein entschädigungswürdiger Aufwand entstanden.12 Es werden daher
keine Parteikosten gesprochen.