# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** d067749c-81c4-4d18-a5c9-d1873d36ca16
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1984, wurde erstmals am 2
7.
September 1994 infolge eines Sprachgebrechens bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Leis
tungsbezug angemeldet (
Urk.
9/2). Mit Beschluss vom 1
4.
Oktober 1994 wurde vom 1
1.
August 1993 bis Ende Schuljahr 1994/95 Sprachheilunterri
cht zuge
sprochen (
Urk.
9/3), was
mit Verfügungen vom 1
6.
Juni 1995 und 1
5.
Juli 1997 bis Ende Schuljahr 1998/99 verlängert wurde (
Urk.
9/4-5).
Mit Schreiben vom 1
5.
Januar 2004 wurde die Sozialversicherungsanstal
t des K
antons Zürich, IV-Stelle, erneut um Kostenübernahme für verschiedene Thera
pien ersucht (
Urk.
9/6). Die IV-Stelle lehnte die Kostengutsprache für Psychothe
rapie mit Verfügung vom 1
7.
Februar 2004 ab (
Urk.
9/10), was sie mit
Ein
spracheentscheid
vom
3.
Mai 2004 bestätigte (
Urk.
9/16).
1.2
Seit August 2002 arbeitete
X._
als Logistiker bei der
Y._
AG (
Urk.
9/41).
Im Nachgang zu
einer Früherfassung, welche durch den Arbeitgeber des Versicherten
im April 2019
veranlasst worden war
(
Urk.
9/18)
, meldete sich der Versicherte am 2
0.
Mai 2019 (Eingangsdatum) bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/29).
Die IV-Stelle tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen und
verneinte nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Vorbescheid vom 1
5.
Mai 2020,
Urk.
9/59; Einwand vom
9.
Juni 2020,
Urk.
9/62; ergänzende
Einwandbegrün
dungen
vom 2
1.
Juli und 1
4.
September 2020,
Urk.
9/65 und
Urk.
9/69)
mit Ver
fügung vom 2
6.
September 2020
einen Anspruch auf IV-Leistungen (
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob der Versicherte am 2
7.
Oktober 2020 Beschwerde und bean
tragte, es sei die Verfügung vom 2
6.
September 2020 aufzuheben und es sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen auszurichten. Insbesondere sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer berufliche Eingliederungsmassnahmen zu gewähren. Eventualiter sei sie zu ver
pflichten, ihm eine ganze Invalidenrente auszurichten
. In formeller Hinsicht ersuchte er um prioritäre Behandlung der Beschwerde
(
Urk.
1). Mit Beschwerde
antwort vom
7.
Dezember 2020 beantragte die Beschwerdegegnerin, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei die Angelegenheit zur Vornahme weiterer medizinischer
Abklärungen
sowie zur allfälligen Durchführung von Eingliederungsmassnahmen zurückzuweisen (
Urk.
8 unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
9/1-77).
Replicando
hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest
(
Urk.
12). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik
(
Urk.
15)
, worüber der Beschwerdeführer am
1.
März 2021 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
16).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin
stellte sich
in der
angefochtenen
Verfügung noch
auf den Standpunkt
, dass die Arbeitsunfähigkeit auf schwierige persönliche Ver
hältnisse sowie auf eine Mobbingsituation am Arbeitsplatz zurückzuführen sei. Der Beschwerdeführer habe zuvor trotz den unbestrittenen Einschränkungen seit seiner Kindheit voll gearbeitet, so dass ohne die psychosozialen Faktoren weiter
hin eine volle Arbeitsfähigkeit bestehen würde. Entsprechend liege kein invali
den
versicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden vor (
Urk.
2).
Der Beschwerdeführer brachte
dagegen
vor (
Urk.
1),
dass sich die Beschwerdegeg
nerin nicht
rechtsgenüglich
mit den Argumenten im Einwand auseinander
gesetzt habe, womit der Anspruch
auf rechtliches Gehör v
er
le
tzt sei.
Die behan
delnden Ärzt
e und die Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) attestier
ten alle durch
gängig einen andauernden Gesundheitsschaden. Die Ablehnung von Leis
tungen infolge einer fehlerhaften und nicht nachvollziehbaren Ressour
cen
prüfung sei falsch. Darüber hinaus könnten psychosoziale Belastungsfaktoren durchaus IV-relevant sein, wenn diese eine Gesundheitsschädigung auslösten, welche sich dann verselbständigt habe und losgelöst von den Belastungsfaktoren bestehe. Di
es sei vorliegend der Fall. Ergänzend reichte der Beschwerdeführer am 1
9.
November 2020 den Bericht der
Z._
vom 3
1.
Oktober 2020 ein und führte aus (
Urk.
6 und
Urk.
7), dass neu die Diagnose einer bipolaren Störung gestellt werde. Des Weiteren werde eine deutlich paranoide Symptomatik mit starken Verfolgungsän
g
sten beschrieben sowie ein sozialer Rückzug. Dies zeige die Ver
selbständigung der psychiatrischen Erkrankung deutlich.
Mit Beschwerdeantwort vom
7.
Dezember 2020 konstatierte die Beschwerde
gegnerin, dass mit dem im Nachgang zur Verfügung eingereichten Arztbericht der
Z._
vom 3
1.
Oktober 2020 eine Diagnoseänderung vorgenommen worden sei und neu eine bipolare affektive Störung diagnostiziert werde. Dieser Bericht beziehe sich auch auf die Zeit vor der Verfügung, womit die darin genannten Erkenntnisse in der angefochtenen Verfügung unberücksichtigt geblieben seien,
womit eine Rückweisung zur weiter
e
n Abklärung unabdingbar sei. Je nach Aus
gang der vorzunehmenden Abklärungen sei dann allenfalls die Prüfung von Ein
gliederungsmassnahmen angezeigt (
Urk.
8).
Der Beschwerdeführer brachte vor, dass bereits ohne diesen Bericht Anspruch auf Leistungen bestanden habe, womit sich eine Rückweisung erübrige. Sollte das Gericht aber den Sachverhalt als ungenügend abgeklärt erachten, so sei er mit einer Rückweisung einverstanden (
Urk.
12).
2.
2
.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1
Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
2
2.
2
.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von
der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem
Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objek
tivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
2
.2
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und
nachgewiesenermassen
die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psy
chosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die
Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Faktoren herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psy
cho
sozialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselb
ständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invaliditäts
begründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den
invaliditätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens beein
flussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3). In einer versi
cherungsmedizinischen Begutachtung, welche sich nach den normativen Vorga
ben der Rechtsprechung orientiert, ist es daher nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, solche invalidenversicherungsrechtlich nicht relevanten Umstände auf
zuzeigen und gegebenenfalls bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszu
klammern (Urteil des Bundesgerichts 9C_740/2018 vom 7. Mai 2019 E. 5.2.1).
2.
3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss ständiger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheid
relevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
3
.
Die medizinische Aktenlage stellt sich im Wesentlichen
folgendermassen dar:
3
.1
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in ihrem Bericht vom
2.
April 2019 (
Urk.
9/38/8 ff.) eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) fest. Darüber hinaus bestehe fremdanamnestisch durch die Mutter seit dem achten Lebensjahr des Beschwerdeführer
s
eine Hörver
stär
kung und Wortschatz-Minderung (fachspezifisch
a.e
. Entwicklungsstörung im Sinne einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung und expressive Sprachstörung, ICD-10 F80.20, F80.1) und demzufolge Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (ICD-10 Z73).
Der Beschwerdeführer sei seit dem
8.
Oktober 2018 bei ihr mit einem Unterbruch vom 1
8.
Dezember 2018 bis zum 1
3.
März 2019 in Behandlung. Seit Ende Februar 2019 berichte er von einer Zustandsverschlechterung mit depressiven Symp
tomen. Als auslösenden Faktor nenne er einen neuen Plan für die Arbeitnehmer in seinem Betrieb mit der Konsequenz, dass pro Schicht weniger Personal da sei. Er fühle sich dem Druck nicht mehr gewachsen. Hinsichtlich der Persönlichkeits
struktur sei von deutlichen Schwierigkeiten hinsichtlich der
Mentalisierungs
fähigkeit
auszugehen. Die fremda
namnestisch berichtete Hörverstä
rkung und Wortschatzminderung könne auf eine Entwicklungsstörung zurückzuführen sein. Jedenfalls wirke er für sein Alter wenig autonom. Es zeigten sich grosse Schwie
rigkeiten, seine Anliegen/Bedürfnisse zu verbalisieren. Abgesehen von seinen El
t
ern, seinem Bruder und seiner Frau (von welcher er seit Herbst 2018 getrennt sei) gebe es keine Sozialkontakte.
Er sei seit dem 1
4.
März 2019 voll arbeitsunfähig.
3
.2
Vom
3.
bis zum 2
4.
Mai 2019 befand sich der Beschwerdeführer
in stationärer Behandlung
in d
er
Z._
,
aufgrund einer Zuweisung
infolge
eine
r
fürsorgerische Unterbringung. Im definitiven Kurzaus
tritts
bericht vom
3.
Juni 2019 hielten die behandelnden Ärzte folgende Austritts
diagnosen fest (
Urk.
9/49):
-
Entwicklungsverzögerung mit Lernbeeinträchtigung aufgrund einer Ein
schränkung des differenzierten Hörvermögens und einer Sprachstörung
-
differentialdiagnostisch mit leichter Intelligenzverminderung
-
Impuls- und Emotionskontrollstörung (ICD-10 F80.8)
-
Leichte depressive Episode
Im Rahmen des stationären Aufenthaltes habe sich der Beschwerdeführer zuneh
mend stabilisiert, die Anspannungszustände und Ängste hätten abgenommen. Er habe regelmässig und motiviert am Therapieprogramm teilgenommen und sei gut im Kontakt mit dem Behandlungsteam und den Mitpatienten gewesen. Über den hausinternen Sozialdienst habe er Unterstützung in finanzielle
n
und administ
rativen Angelegenheiten erhalten. Im Anschluss werde er in einem spezialisierten Austritts- und Übergangsmanagement betreut, wo eine Weiterführung der sozi
alen Unterstützung und die ärztliche Weiterbetreuung während 8 Wochen gewähr
leistet sei. Sie hätten ihn nach 21-tägiger akutstationärer Behandlung in stabilisiertem Zustand in die vorbestehenden Verhältnisse entlassen
, es hätten keine
Hinweise für eine akute Selbst- oder Fremdgefähr
d
ung
bestanden
, insbe
sondere keine Suizidalität.
3
.3
Im von der IV-Stelle eingeholten Bericht vom Ambulatorium
B._
vom 2
4.
Februar 2020 hielten die Behandler fest (
Urk.
9/55/2 ff.), dass der Beschwer
deführer seit dem
4.
Juli 2019 bei ihnen in Behandlung sei. Vom 1
1.
September 2019 bis zum 3
1.
Januar 2019 (richtig: 2020) habe er sich in der Tagesklinik befunden.
Die Behandler notierten folgende Diagnosen mit Auswirku
n
gen auf die Arbeits
fähigkeit:
-
Akute Belastungsreaktion, mit Klinikeinweisung per FU (03.05.2019, ICD-10 F43.0)
-
Entwicklungsverzögerung mit Lernbeeinträchtigung aufgrund einer Ein
schränkung des differenzierten Hörvermögens und einer Sprachstörung
-
differentialdiagnostisch leichte Intelligenzminderung, Impuls- und Emo
ti
onskontrollstörung (ICD-10 F80.8)
-
Leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0)
Seit dem
3.
Mai 2019 sei er
vollumfänglich arbeitsunfähig für alle Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Er benötige zunächst voraussichtlich eine Unterstüt
zung durch die Invalidenversicherung in Form eines geschützten Arbeitsplatzes und eines Bewerbungscoachings. Zudem erscheine es sinnvoll, wenn er zu mögli
chen Bewerbungsgesprächen begleitet werde.
Die bisherige Tätigkeit sei nicht zumutbar. Eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei ca. 4 Stunden täglich mit Steigerung zumutbar. Die Prognose zur Einglie
derung sei sehr gut, der Beschwerdeführer sei motiviert. Es sei eher darauf zu achten, dass er sich nicht selbst überschätze.
3
.4
RAD-Ärztin
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psycho
therapie, nahm am 1
4.
April 2020 Stellung (
Urk.
9/57/3 ff.).
Dr.
C._
stützte sich auf die vorhandenen medizinischen Berichte und beurteilte die Ent
wicklungsverzögerung als mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Die leichte depressive Episode qualifizierte sie als ohne dauerhafte Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit. Die angestammte Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. In konstant strukturierender Umgebung, mit Arbeit in kleinen Teams mit steten Arbeitsbedin
gungen ohne viel Wechsel oder Umstellungen am Arbeitsplatz, in ruhiger und wohlwollender Atmosphäre und ohne Zeit- und Leistungsdruck sei von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit seit dem 2
4.
Februar 2020 auszugehen. Diese könnte innerhalb eines halben Jahres von 50 auf 80
%
gesteigert werden unter thera
peutischer Begleitung.
Es bestehe Compliance, die funktionellen Einschränkungen beträfen alle Lebens
bereiche. Die medizinischen Unterlagen seien konsistent. Es sei von einem dauer
haften Gesundheitsschaden auszugehen, eine vorzeitige
Neub
eurteilung sei nicht erforderlich.
3
.5
Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens reichte der Beschwerdeführer den Bericht der
Z._
vom
3
1.
Oktober 2020 ein
(
Urk.
7)
. Die Behandler hielten darin folgende Diag
nosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit fest:
-
Akute Belastungsreaktion mit Klinikeinweisung per FU am
3.
Mai 2019 (ICD-10 F43.0)
-
Entwicklungsverzögerung mit Lernbeeinträchtigung aufgrund einer Ein
schränkung des differenzierten Hörvermögens und einer Sprachstörung
-
differentialdiagnostisch leichte Intelligenzminderung
-
Impuls- und Emotionskontrollstörung (ICD-10 F80.8)
-
Bipolare affektive Störung, manische und depressive Episoden mit psy
chotischen Symptomen, remittiert nach Gabe eines Neuroleptikums
Quetiapin
(ICD-10 F31.2)
Die Behandler erklärten, dass sie nach dem Auftreten einer manischen Episode im Februar/März 2020 die Diagnosen geändert hätten. Sie kämen zum Schl
u
ss, dass die depressiven Phasen im Rahmen einer bipolar affektiven Störung zu sehen seien. Dies bedeute auch,
dass sie die antidepressive Medikation hätten absetzen müssen und seither mit dem Neuroleptikum
Quetiapin
behandelten. Sie wiesen darauf hin, dass der Vater des Beschwerdeführers ebenfalls seit Jahren wegen einer bipolar affektiven Störung (mögliche genetische Komponente) in Behand
lung sei.
Bei nochmaliger genauer Exploration der Zeit nach dem Impulsdurchbruch und Klinikeinweisung per FU zeige sich eine deutlich paranoide Symptomatik mit starken Verfolgungsängsten: Er habe Angst vor allem, was mit der Polizei zu tun habe. Er sei der Überzeugung gewesen, sein Handy sei manipuliert, es sei Musik gespeichert worden, die er nicht kenne und sein Standort werde permanent über
prüft. Dies habe zum Rückzug in die Wohnung geführt, wo er sich aber auch beobachtet gefühlt und die Fensterläden geschlossen habe. Am Bahnhof habe er sich von der Polizei verfolgt gefühlt, Drohnen seien in der Luft gewesen, worauf er sich versteckt und im Freien übernachtet habe und erst am Folgetag nach Hause gefahren sei.
Im Februar/März 2020, ca. bei Austritt aus der Akut-Tagesklinik in
D._
, habe sich eine manische Phase mit stark übersteigertem Selbstwertgefühl, gesteigertem Antrieb, Anspannung, Unruhe und
Logorrhoe
gezeigt. Hierüber seien sie auch vom Vater des Beschwerdeführers informiert worden, der in die Behandlung ein
bezogen worden sei.
Hierauf hätten sie die antidepressive Medikation abgesetzt und hätten das Neu
roleptikum
Quetiapin
gegeben, das er aktuell in einer Dosierung von 300mg pro Tag einnehme. In der Folge habe sich die Situation beruhigt. Er sei zu Integra
tionsmassnahmen bereit.
Sie gingen davon aus, dass beim Beschwerdeführer aufgrund der Verhaltens
probleme und weiteren Einschränkungen in der Kindheit und Jugend eine Dispo
sition für die Entwicklung einer psychiatrischen Erkrankung bestanden habe. Ab
2017 sei er seiner Tätigkeit am bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen gewesen
(Vorgesetztenwechsel, Umstrukturierungen, mangelnde Unterstützung, Mehrarbeit etc.) und sei unter Dauerstress gestanden. Als 2018/2019 weitere Stres
soren dazu gekom
men seien
,
sei die schwere psychi
sche Dekompensation mit Klinikeinweisung per FU erfolgt. Bei vorbestehender Vulnerabilität für eine psychiatrische Störung habe sich dann die Symptomatik einer bipolar-affektiven Störung gezeigt, aktuell weitgehend remittiert unter Behandlung mit Neurolep
tika.
Gegenwärtig zeige sich der Beschwerdeführer auf niedrigem Niveau stabil, er lebe weiter sehr zurückgezogen. Sozialkontakte bestünden ausschliesslich zu der getrennt lebenden Ehefrau
und den Eltern. Er zeige sich weiter sehr verunsichert und hilflos, zu einer Tätigkeit im Rahmen von Integrationsmassnahmen sei er hoch motiviert.
Da er mit seinen administrativen Tätigkeiten überfordert sei, sei ihm über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) eine
Beiständin
zur Seite gestellt worden. Er sei weiter zu 100
%
arbeitsunfähig, ein Arbeitsversuch zu 20
%
sei möglich.
Ohne Integrationsmassnahmen sei die Prognose zur Wieder-Eingliederung einer Teilarbeitsfähigkeit oder vollen Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt als schlecht einzustufen. Die derzeitige Untätigkeit des Beschwerdeführers sei sehr ungünstig, es bestehe die Gefahr einer weiteren
Dekonditionierung
und Destabi
lisierung unter Belastung.
4
.
4
.1
Der Bericht von
Dr.
A._
lässt keine Beurteilung des aktuellen Gesundheits
zustandes zu, da
die Behandlung bei ihr - soweit aus den Akten ersichtlich - nach dem stationären Aufenthalt im Mai 201
9 nicht mehr aufgenommen wurde (vgl. E.
3
.1).
4
.2
Im Bericht über den stationären Aufent
halt vom
3.
bis zum 2
4.
Mai 2019
attes
tierten die Behandler eine volle Arbeitsunfähigkeit für die Dauer des stationären Aufenthaltes - eine
darüber hinausgehende
Beurteilung nahmen sie nicht vor und äusserten sich auch nicht zu den funktionellen Einschränkungen, einer allenfalls angepassten Tätigkeit oder einer zukünftigen Prognose. Damit lässt sich der Gesundheitszustand nicht abschliessend beurteilen
(vgl. E.
3
.2)
.
4
.3
Die Behandler des
Z._
hielten in ihrem Bericht vom 2
4.
Februar 2020 fest, dass
der Beschwerdeführer weiterhin arbeitsunfähig sei auf dem ersten Arbeitsmarkt. Inwieweit die gestellten Diagnosen bzw. die erhobenen Befunde funktionelle Aus
wirkungen zeitigten, blieb unbeantwortet. In einer angepassten Tätigkeit hin
gegen wurde dem Beschwerdeführer eine Arbeitsfähigkeit von ca. vier Stunden täglich mit Steigerung attestiert - was allerdings eine angepasste Tätigkeit wäre, blieb offen. Damit lässt der Bericht der Behandler des
Z._
zu viele relevante Fragen offen, als dass gestützt darauf der Gesundheitszustand abschliessend beurteilt werden könnte (vgl. E.
3
.3).
4
.4
RAD-Ärztin
Dr.
C._
ihrerseits qualifizierte die Entwicklungsverzögerung mit Lernbeeinträchtigung als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Auswirkungen qualifizierte sie die leichte depressive Episode (vgl. E.
3
.4). Sie stützte sich in ihrem Bericht zur Abschätzung der Arbeitsfähigkeit auf die vorhandenen Berichte der Behandler, welche allesamt noch von einer depressiven Episode ausgingen. Im Verlauf kristallisierte sich allerdings mehr und mehr heraus, dass nicht eine isolierte depressive Episode vorlag, sondern diese im Rah
men einer bipolaren affektiven Störung auftrat (vgl. E.
3
.5). Damit kann gestützt auf den Bericht von
Dr.
C._
der Gesundheitszustand ebenfalls nicht abschliessend beurteilt werden, da zumindest geringe Zweifel daran bestehen.
4
.5
Der im Beschwerdeverfahren eingereichte Bericht der Behandler der
Z._
vom 3
1.
Oktober 2020 zeigt nachvollziehbar auf, wie es zur psychischen Dekom
pen
sation des Beschwerdeführers kam und warum zuerst von einer depressiven Episode ausgegangen wurde und erst im Verlauf eine bipolare affektive Störung angenommen wurde. Inwieweit die gestellten Diagnosen allerdings funktionelle Auswirkungen zeitigten und die damit attestierte volle Arbeitsunfähigkeit nach sich zogen, bleibt aufgrund des Berichtes unklar. Des Weiteren äussert sich der Bericht nicht zu einer allfälligen Arbeitsfähigkeit
in einer angepassten Tätigkeit - die Behandler notierten lediglich, dass ein Arbeitsversuch zu 20
%
möglich sei, allerdings
nicht
,
wie ein entsprechendes Tä
tigkeitsprofil auszusehen hätte
. Damit kann auch gestützt auf diesen Bericht die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht mit dem notwendigen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit beurteilt werden.
4
.6
Zusammenfassend lässt
sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
bzw. allfällige funktionelle Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit anhand der vorlie
genden Berichte nicht
abschliessend
beurteilen.
Die Sache ist demnach an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (E. 2.
4
), damit
sie den Gesundheits
zu
stand des Beschwerdeführers
in geeigneter Form abklärt. Hernach hat die Be
schwerde
gegnerin neu über einen allfälligen Leistungsanspruch
und insbesondere allfällige Eingliederungsmassnahmen
zu entscheiden. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
Bei diesem Ausgang erübrigt sich die Prüfung der Rüge der Verletzung des recht
lichen Gehörs.
5
.
5
.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen.
Ausgangsgemäss sind sie der Be
schwerdegegnerin aufzuerlegen.
5
.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Ver
wal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (B
GE 137 V 57 E. 2.2), weshalb der vertretene Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese ist gestützt auf
Art.
61
lit
. g ATSG in Verbindung mit
§
34
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) unter Berücksich
ti
gung der Bedeutung der Streitsache und der Schwi
erigkeit des Prozesses auf Fr. 2’4
00.-- (inklusive Mehrwertsteuer und Barauslagen) festzusetzen.