# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 791c0159-3256-4d5b-9d32-c5b40ac03579
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Schändung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 7. Dezember 2021 (GG210279)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich – Limmat vom 30. August 2021
(Urk. 22) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Schändung im Sinne von Art. 191 StGB,
− der sexuellen Belästigung im Sinne von Art. 198 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 10 Monaten Freiheitsstrafe (wovon bis und mit heute
2 Tage durch Haft erstanden sind) sowie mit einer Busse von Fr. 1'000.–.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf zwei Jahre fest-
gesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 10 Tagen.
5. Die nachfolgenden von der Stadtpolizei Zürich sichergestellten Gegenstände werden der
Privatklägerin nach dem Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Verlangen heraus-
gegeben. Verlangt sie sie innert drei Monaten nicht heraus, werden sie der Lagerbehörde
zur gutscheinenden Verwendung überlassen:
− Pyjamahose (A014'183'245)
− Sweatshirt weiss (A014'183'256)
− Slip rot (A014'183'267)
− Jeans (A014'183'278).
6. Die nachfolgenden Spuren und Spurenträger werden eingezogen und der Lagerbehörde zur
Vernichtung überlassen:
− DNA-Spur (A015'164'519)
− DNA-Spur (A015'164'520)
− DNA-Spur (A015'164'531).
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7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ Fr. 2'500.– zuzüglich
5 % Zins ab 5. September 2020 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
8. Die unentgeltliche Rechtsbeiständin Rechtsanwältin lic. iur. Y._ wird für ihre Aufwen-
dungen mit Fr. 10'340.– (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse entschädigt.
9. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 1'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.– Gebühr für das Vorverfahren,
Fr. 2'686.50 Auslagen (Gutachten),
Fr. 260.– Auslagen Vorverfahren,
F. 10'340.– unentgeltliche Rechtsbeiständin.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens sowie die Kosten der un-
entgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin werden dem Beschuldigten auferlegt.
11. (Mitteilungen.)
12. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung
(Urk. 45 S. 2, Urk. 75 S. 1)
1. A._ sei vollumfänglich freizusprechen.
2. Das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin sei abzuweisen.
3. Die Kosten der Untersuchung, des erstinstanzlichen Verfahrens und des
Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der unentgeltlichen Rechts-
verbeiständung, seien auf die Gerichtskasse zu nehmen.
4. A._ sei für seine Anwaltskosten angemessen zu entschädigen.
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b) Der Privatklägerin
(Anschlussberufung; Urk. 50 S. 2, Urk. 76 S. 1)
Es sei der Beschuldigte in Abänderung von Dispositiv Ziffer 7 des vorinstanzlichen
Urteils zu verpflichten, der Privatklägerin eine Genugtuung von CHF 8'000 zuzüg-
lich 5% Zins ab 5. September 2020 zu bezahlen;
unter Auferlegung der Kosten zu Lasten des Beschuldigten, wobei die Kosten der
unentgeltlichen Rechtsvertretung vorab aus der Gerichtskasse zu erstatten seien.
c) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat des Kantons Zürich
(schriftlich; Urk. 49 S. 1 sinngemäss)
Verzicht auf Anschlussberufung und Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Das Bezirksgericht Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, entschied mit Urteil
vom 7. Dezember 2021 im Verfahren GG210279. Gegen diesen Entscheid wurde
seitens der Verteidigung fristgerecht Berufung angemeldet. Gleichzeitig wurden
diverse Beweisanträge gestellt (vgl. Urk. 33). Mit Präsidialverfügung vom 9. März
2022 (Urk. 47) wurde der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat des Kantons Zürich
(nachfolgend Staatsanwaltschaft oder Anklagebehörde) sowie der Privatklägerin
unter Hinweis auf die Berufungserklärung der Verteidigung Frist zur Erhebung ei-
ner Anschlussberufung bzw. zum Antrag auf Nichteintreten angesetzt bzw. der
Staatsanwaltschaft zusätzlich Frist angesetzt, um zu den Beweisanträgen der
Verteidigung Stellung zu nehmen. Mit Eingabe vom 24. März 2022 wurde seitens
der Staatsanwaltschaft Verzicht auf Erhebung einer Anschlussberufung erklärt
und eine Stellungnahme zu den Beweisanträgen der Verteidigung eingereicht
(Urk. 49). Mit Eingabe vom 4. April 2022 erhob die Privatklägerin Anschlussberu-
fung und verwies auf mehrere von ihr in Anspruch genommene Opferrechte
(Urk. 50). Mit Präsidialverfügung vom 7. April 2022 (Urk. 52) wurden die Beweis-
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anträge der Verteidigung einstweilen abgewiesen. Am 17. Mai 2022 ergingen die
Vorladungen an die Parteien zur heutigen Berufungsverhandlung (Urk. 52). Mit
Eingabe vom 19. September 2022 stellte die Verteidigung weitere Beweisanträge
(Urk. 59;
60/1-2). Mit Präsidialverfügung vom 23. September 2022 wurde den anderen
Parteien diesbezüglich Frist zur Stellungnahme angesetzt (Urk. 61). Mit Eingaben
vom 26. September 2022 bzw. 10. Oktober 2022 ergingen Vernehmlassungen
seitens der Anklagebehörde sowie Vertreterin der Privatklägerin (Urk. 62 und 66).
Anschliessend wurden die am 19. September 2022 gestellten Beweisanträge der
Verteidigung zugelassen und der seitens der Verteidigung beantragte Zeuge zur
Berufungsverhandlung vorgeladen (Urk. 55+68).
2. An der Berufungsverhandlung erschienen nebst dem vorgeladenen Zeugen
C._ der Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Verteidigers Rechts-
anwalt lic. iur. X._ sowie die Privatklägerin in Begleitung ihrer Rechts-
vertreterin Rechtsanwältin lic. iur. Y._.
II. Prozessuales
1.1. Vorliegend stellt sich vorab die Frage, ob die angeklagte sexuelle Belästi-
gung in der Anklage in subjektiver Hinsicht genügend umschrieben ist.
1.2. Gemäss Art. 9 Abs. 1 StPO kann eine Straftat nur "wegen eines genau
umschriebenen Sachverhalts" gerichtlich beurteilt werden. Die Anklageschrift be-
zeichnet daher "möglichst kurz, aber genau: die der beschuldigten Person vor-
geworfenen Taten mit Beschreibung von Ort, Datum, Zeit, Art und Folgen der
Tatausführung" (Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO). Das Gericht ist an den in der Anklage
wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immutabilitätsprinzip), nicht aber an
dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde (Art. 350 StPO). Das
Akkusationsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte und
dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör. Entscheidend ist, dass der Betroffene
genau weiss, welcher konkreter Handlungen er beschuldigt und wie sein
Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner Verteidigung richtig
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vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit
neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden (BGE 143 IV 63 E. 2.2 S. 65;
Urteil 6B_1059/2019 vom 10. November 2020 E. 2.3.1). Solange der
beschuldigten Person klar ist, welcher Sachverhalt ihr vorgeworfen wird, kann
auch eine fehlerhafte und unpräzise Anklage nicht dazu führen, dass es zu
keinem Schuldspruch kommen darf; entscheidend ist, dass für die beschuldigte
Person keine Zweifel darüber bestehen, welches Verhalten ihr vorgeworfen wird
(Urteil 6B_747/2016 vom 27. Oktober 2016 E. 2.2; zur Publikation bestimmtes
Urteil 6B_1452/2019 vom 25. September 2020 E. 1). Hinsichtlich der
Vorsatzelemente genügt grundsätzlich der Hinweis auf den gesetzlichen
Straftatbestand im Anschluss an die Darstellung des Sachverhalts als
zureichende Umschreibung der subjektiven Merkmale, wenn der betreffende
Tatbestand nur vorsätzlich begangen werden kann (BGE 120 IV 348 E. 3c mit Hinweis). Die Schilderung des objektiven Tatgeschehens reicht aus, wenn sich
daraus die Umstände ergeben, aus denen auf einen vorhandenen Vorsatz
geschlossen werden kann (Urteile 6B_638/2019 vom 17. Oktober 2019 E. 1.4.2;
6B_434/2019 vom 5. Juli 2019 E. 2.1; 6B_266/2018 vom 18. März 2019 E. 1.2;
6B_510/2016 vom 13. Juli 2017 E. 3.1; je mit Hinweisen).
1.3. Vorliegend wurden die subjektiven Merkmale der dem Beschuldigten vor-
geworfenen sexuellen Belästigung in der Anklage (Handlungen gemäss Seite 3
der Anklage ab Zeile 4) zwar nicht ausdrücklich umschrieben, indes genügt
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung der in casu enthaltene Hinweis
auf den gesetzlichen Straftatbestand im Anschluss an die Darstellung des
Sachverhalts dem Anklagegrundsatz, zumal dieses Delikt lediglich vorsätzlich
begangen werden kann (vgl. OFK/STGB-WEDER, Art. 198 StGB N 5 f.).
2.1. Des Weiteren stellt sich in prozessualer Hinsicht die Frage, ob die polizei-
lichen Einvernahmen von D._, E._ und F._ (Urk. 9/1-3) verwertbar
sind.
2.2. Gemäss Art. 147 Abs. 1 StPO haben die Parteien das Recht, bei Beweis-
erhebungen durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte anwesend zu sein und
einvernommenen Personen Fragen zu stellen. Dieses spezifische Teilnahme- und
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Mitwirkungsrecht fliesst aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 107 Abs. 1
lit. b StPO). Es darf nur in den gesetzlich vorgesehenen Fällen eingeschränkt
werden (Art. 101 Abs. 1, Art. 108, Art. 146 Abs. 4 und Art. 149 Abs. 2 lit. b StPO;
BGE 143 IV 397 E. 3.3.1; 141 IV 220 E. 4.4; 139 IV 25 E. 4.2 mit Hinweis). Nach
Art. 147 Abs. 4 StPO dürfen Beweise, die in Verletzung der Bestimmungen von
Art. 147 StPO erhoben worden sind, nicht zulasten der Partei verwendet werden,
die nicht anwesend war (BGE 143 IV 397 E. 3.3.1, 457 E. 1.6.1; 139 IV 25 E. 4.2
und 5.4.1; Urteil 6B_1080/2020 vom 10. Juni 2021 E. 5.1). Erhebt die Polizei
Beweise im polizeilichen Ermittlungsverfahren (Art. 306 StPO), haben die
Parteien grundsätzlich keine Teilnahmerechte. Dies gilt auch für die Einvernahme
von Auskunftspersonen im polizeilichen Ermittlungsverfahren. Sollen die Angaben
der Auskunftsperson allerdings im Verfahren zum Nachteil der beschuldigten
Person verwertet werden, muss das Konfrontationsrecht gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. d
EMRK entweder schon bei der Einvernahme selbst oder aber nachträglich
gewährt werden (vgl. ZÜRCHER KOMMENTAR-WOHLERS, Art. 147 StPO N 2 u. N 12
ff. m.w.H.).
2.3. Seitens der Vorinstanz wurden die Aussagen der in Abwesenheit des
Beschuldigten und seiner Verteidigung durchgeführten polizeilichen
Einvernahmen von D._, E._ und F._ im Rahmen der
Beweiswürdigung zur Untermauerung der Glaubhaftigkeit der Aussagen der
Privatklägerin herangezogen und damit letztlich zu Ungunsten des Beschuldigten
verwertet (vgl. Urk. 43 E. III.11. S. 19 f.), was unzulässig ist. Angesichts der dem
Beschuldigten nicht gewährten Konfrontationsrechte, einschliesslich des Rechts
auf Ergänzungsfragen, mit Bezug auf die erwähnten Einvernahmen dieser
drei Personen ist festzuhalten, dass deren Aussagen – einhergehend mit der
zutreffenden Auffassung der Verteidigung (Urk. 45 S. 3 f.) – lediglich zu Gunsten
des Beschuldigten verwertbar sind.
3.1. Im Vorfeld der Berufungsverhandlung liess der Beschuldigte die Beweis-
anträge stellen, es seien zwei Urkunden zu den Akten zu nehmen und es sei
C._ als Zeuge zur Frage einzuvernehmen, ob der neben ihm liegende
Beschuldigte ihn im Schlafsaal einer Berghütte – obschon sie sich nicht gekannt
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hätten – im Schlaf innig umarmt habe, woraus sich Rückschlüsse hinsichtlich des
subjektiven Anklagesachverhalts ergeben würden (Urk. 59). Anlässlich der
Berufungsverhandlung liess der Beschuldigte – wie bereits im Rahmen seiner
Berufungserklärung (Urk. 45) – die Beweisanträge stellen, dass die Privatklägerin
durch die Berufungsinstanz zu befragen sei, E._ und F._ als Zeugen
einzuvernehmen seien sowie jeweils Gutachten zur Wahrscheinlichkeit von
indirekten DNA-Übertragungen und zur forensisch-psychiatrischen Einschätzung
des Beschuldigten einschliesslich einer schlafmedizinischen Begutachtung
einzuholen seien. Ausserdem liess er den Antrag auf Einholung eine schriftlichen
Berichts beim schlafmedizinischen Facharzt G._ stellen (Prot. II S. 9). Die
Vertreterin der Privatklägerin schloss sich für den Fall, dass das Gericht zum
Schluss gelangen sollte, es lägen beim Beschuldigten Hinweise auf das Vorliegen
einer Parasomnie vor, dem Antrag auf eine sachverständige Begutachtung des
Beschuldigten an (Prot. II S. 9 f.).
3.2. Beweisanträge dürfen abgelehnt werden, wenn damit die Beweiserhebung
über Tatsachen verlangt wird, die unerheblich, offenkundig, bekannt oder bereits
rechtsgenügend erwiesen sind (s. STPO KOMMENTAR-RICKLIN, Art. 331 StPO N 1;
bzw. Art. 318 Abs. 2 StPO).
3.3. Die seitens der Verteidigung beantragte Zeugeneinvernahme von C._
sowie die von ihr mit Eingabe vom 19. September 2022 eingereichten Urkunden
(Urk. 60/1-2) wurden seitens des Gerichts als Beweise zugelassen (vgl.
Präsidialverfügung vom 11. Oktober 2022: Urk. 68). Im Übrigen drängen sich im
Berufungsprozess – abgesehen von der erneuten Befragung des Beschuldigten –
auch von Amtes wegen keine weiteren Beweiserhebungen auf. Eine unmittelbare
Abnahme eines Beweismittels ist notwendig im Sinne von Art. 343 Abs. 3 StPO,
wenn sie den Ausgang des Verfahrens beeinflussen kann. Dies ist namentlich der
Fall, wenn die Kraft des Beweismittels in entscheidender Weise vom Eindruck
abhängt, der bei seiner Präsentation entsteht, beispielsweise wenn es in
besonderem Masse auf den unmittelbaren Eindruck der Aussage der einzu-
vernehmenden Person ankommt, so wenn die Aussage das einzige direkte
Beweismittel (Aussage gegen Aussage) darstellt. Allein der Inhalt der Aussage
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einer Person (was sie sagt), lässt eine erneute Beweisabnahme nicht notwendig
erscheinen. Massgebend ist, ob das Urteil in entscheidender Weise von deren
Aussageverhalten (wie sie es sagt) abhängt. Das Gericht verfügt bei der Frage,
ob eine erneute Beweisabnahme erforderlich ist, über einen Ermessensspielraum
(BGE 140 IV 196 E. 4.4.2 S. 199 f.; Urteile 6B_1087/2019 vom 17. Februar 2021
E. 1.2.2; 6B_1352/2019 vom 14. Dezember 2020 E. 2.4.2; 6B_83/2020 vom
18. Juni 2020 E. 1.3.1; je mit Hinweisen).
3.4. Im vorliegenden Fall kann trotz einer Aussage-gegen-Aussage-
Konstellation von einer erneuten Einvernahme der Privatklägerin abgesehen
werden. Die Privatklägerin wurde bereits in der Untersuchung zwei Mal
ausführlich zu den inkriminierten Vorfällen befragt (Urk. 4/1-2), wobei die sehr
einlässlich durchgeführte staatsanwaltliche Befragung auf Video festgehalten
wurde (Urk. 57A). Wesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass sich das
Gericht anhand der Videoaufnahme der staatsanwaltlichen Einvernahme der
Privatklägerin einen nahezu unmittelbaren Eindruck auch über ihr nonverbales
Aussageverhalten verschaffen konnte. Eine erneute Einvernahme durch das
Berufungsgericht drängt sich vor diesem Hintergrund nicht auf, zumal sie zum
Kerngeschehen konstant ausgesagt hat, sodass auch keine Notwendigkeit
besteht, sie mit Widersprüchen zu konfrontieren. Von einer erneuten
Einvernahme der Privatklägerin vor Berufungsgericht ist deshalb auch unter
Berücksichtigung der massgeblichen Interessen beider Parteien – die in Frage
stehende Verurteilung und die damit in Verbindung stehenden Folgen für den
Beschuldigten einerseits und die mit einer erneuten Befragung zur Disposition
stehende Belastung und die Retraumatisierungsrisiken für die Privatklägerin
andererseits – abzusehen.
3.5. Des Weiteren kann von einer Zeugeneinvernahme von E._ und
F._ abgesehen werden, dürfen ihre polizeilichen Aussagen so oder anders
nicht zu Ungunsten des Beschuldigten verwendet werden (s. vorstehend unter
E. 2.3.) und erscheinen sie zur Plausibilisierung der Sachdarstellung der
Privatklägerin zum inkriminierten Kerngeschehen nicht erforderlich. Der ent-
sprechende Beweisantrag der Verteidigung ist abzuweisen.
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3.6. Was den Antrag der Verteidigung auf Einholung eines forensisch-
psychiatrischen bzw. schlafmedizinischen Gutachtens betreffend den Beschuldig-
ten angeht, ist auf die nachfolgenden Erwägungen zum Sachverhalt verweisen
(vgl. E. III.G.). Dies gilt auch hinsichtlich den Antrag auf Einholung eines Kurzbe-
richtes beim Facharzt für Schlafmedizin G._; beim Fragekatalog, den die
Verteidigung unterbreitet haben möchte (vgl. Urk. 74/2), handelt es ich im We-
sentlichen um – über das reine Untersuchungsergebnis des Schlaflabors hinaus-
gehende – gutachterliche Fragestellungen hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit ver-
schiedener Tathypothesen der Verteidigung. Angesichts des klaren Befundes der
Untersuchung ("Bei sehr stabilem Schlaf ergab sich kein Hinweis für Parasomnie
oder Tiefschlafarousal", Urk. 74/1 S. 2) besteht für einen erläuternden Bericht zur
Schlafuntersuchung kein Bedarf.
3.7. Schliesslich weist die Verteidigung in Zusammenhang mit ihrem Antrag auf
Einholung eines weiteren Gutachtens erneut auf die Möglichkeit indirekter DNA-
Übertragungen hin. Wie es sich mit dem Beweiswert einer DNA-Spur im
konkreten Fall verhält, ist in Zusammenhang mit der Würdigung der weiteren
Beweismittel zu ermitteln, weshalb diesbezüglich auf die Erwägungen zum
Sachverhalt verwiesen werden kann (vgl. E. III.G.2.2.16.). Alleine der Umstand,
dass eine indirekte Übertragung regelmässig theoretisch nicht ausgeschlossen
werden kann, begründet die Einholung eines Gutachtens unbesehen der weiteren
Beweismittel jedenfalls nicht. Ohnehin ist darauf hinzuweisen, dass aus einem
solchen Gutachten kaum mehr ein Erkenntnisgewinn zu erwarten wäre, zumal die
in der von der Verteidigung eingereichten Publikation genannten Umstände,
welche bei einer indirekte Übertragung relevant sind (Urk. 31/4 S. 542 ff.), sich
inzwischen kaum mehr näher eruieren lassen (insbesondere genauer Zeitpunkt,
Lokalisierung, Dauer und Umstände der Hautkontakte).
4.1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung
aufschiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils
dementsprechend gehemmt. Das Berufungsgericht überprüft somit das erst-
instanzliche Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO).
Auch wenn das Berufungsgericht nur die angefochtenen Punkte neu beurteilt, fällt
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es am Ende ein insgesamt neues Urteil (Art. 408 StPO), worin es jedoch
anzugeben hat, welche Punkte bereits früher in Rechtskraft erwachsen sind
(Urteile des Bundesgerichtes 6B_482/2012 vom 3. April 2013 E. 5.3. und
6B_99/2012 vom 14. November 2012 E. 5.3.).
4.2. Seitens des Beschuldigten wurde die Berufung auf die Schuldsprüche
(Dispositivziffer 1) und die dazugehörigen Nebenpunkte des Urteils (Dispositiv-
ziffern 2 bis 4 sowie 7 und 10: Strafe, Vollzug, Genugtuung zu Gunsten der
Privatklägerin sowie Kostenauflage) beschränkt. Der vorinstanzliche Entscheid ist
somit hinsichtlich der Dispositivziffern 5 und 6 (Einziehungen) sowie 8 (Ent-
schädigung Rechtsvertretung Privatklägerin) und 9 (Kostenfestsetzung) in
Rechtskraft erwachsen, was mittels Beschlusses festzustellen ist.
III. Materielles
A. Tatvorwurf
Hinsichtlich der Tatvorwürfe ist auf die Anklageschrift zu verweisen (Urk. 22).
B. Anerkennungen des Beschuldigten
1. Seitens des Beschuldigten wurde hinsichtlich des ihm vorgeworfenen An-
klagesachverhalts – auch heute – anerkannt, dass
- er am 5. September 2020 um etwa 2 Uhr morgens zusammen mit D._
in der Wohngemeinschaft der Privatklägerin erschien, worauf sie in der Kü-
che zu dritt Karten spielten und Alkohol konsumierten (Urk. 6/2 S. 3 u. 7;
Urk. 81 S. 5 f.); sowie dass
- er und die Privatklägerin sich in der Folge in das Bett im Schlafzimmer der
Privatklägerin begaben (Urk. 6/2 S. 2), wobei ihm die Privatklägerin gesagt
habe, auf welcher Seite er schlafen solle (Urk. 6/2 S. 4 u. 7; Urk. 6/4 S. 4;
Urk. 81 S. 9 f.).
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2. Des Weiteren gab der Beschuldigte in Übereinstimmung mit den Angaben
der Privatklägerin an, dass es im Vorfeld der Übernachtung in der Küche zu
einem Kuss zwischen ihnen gekommen sei (Urk. 6/2 S. 7; Urk. 81 S. 7 ff.).
C. Bestreitungen des Beschuldigten
1. Seitens des Beschuldigten wird – auch im Rahmen des Berufungsverfah-
rens – geltend gemacht, dass er damals im Zimmer der Privatklägerin umgehend
eingeschlafen und erst wieder aufgewacht sei, als die Privatklägerin weg gewe-
sen sei (Urk. 6/2 S. 5 u. 7 ff.; Prot. I S. 6 f.; Urk. 81 S. 12). Das ihm vorgeworfene
mutmasslich zwischen ca. 5:00 Uhr und 6:44 Uhr stattgefundene angeklagte straf-
rechtlich relevante Kerngeschehen, nämlich dass
- er der Privatklägerin während ihres Schlafes die Pyjama- sowie die Unterho-
se bis unter das Gesäss heruntergezogen habe;
- er seine Hand am Gesäss der Privatklägerin angelegt habe und sein erigier-
tes Glied zwischen die Gesässbacken bzw. ans Gesäss der Privatklägerin
gesteckt und sich an ihr gerieben habe;
- die Privatklägerin daraufhin seinen erigierten Penis weggedrückt habe;
- er im Anschluss mit seiner Hand versucht habe, in die Hose der Privatkläge-
rin zu fassen, wobei die Privatklägerin die Hosen an ihren Po und er dage-
gen gedrückt habe;
- er der Privatklägerin dann erneut an ihr Gesäss bzw. unter dem Pyjama an
ihre Brust gefasst habe;
- er ungeachtet der Gegenwehr der Privatklägerin, welche mit einer Hand ihre
Hosen und mit der anderen ihre Brüste gehalten habe, weiter versucht habe,
mit seiner Hand nach oben zu ihren Brüsten zu gelangen und gleichzeitig
mit seiner Hand "bei sich etwas gemacht habe"; sowie dass
- die ihm in subjektiver Hinsicht gemachten Vorwürfe seines Handelns gege-
ben seien, d.h. dass er in Kenntnis des stark alkoholisierten Zustandes der
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Privatklägerin gehandelt und beabsichtigt habe, von ihrer durch den Schlaf
bzw. den Alkoholkonsum resultierenden Urteils- und Widerstandsunfähigkeit
zu profitieren und sie gegen ihren mutmasslichen Willen zu einer beischlafs-
ähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung zu missbrauchen (Urk.
6/2 S. 7 ff.; Urk. 6/4 S. 2 ff.; Urk. 81 S. 9 ff.).
wird von ihm unter dem Hinweis, dass er davon nichts mitbekommen habe,
vollumfänglich bestritten (Urk. 6/2 S. 5 u. 7 f.; Urk. 6/4 S. 2 ff.; Urk. 81 S. 12).
2. Des Weiteren wird seitens des Beschuldigten hinsichtlich des Rahmen-
geschehens in Abrede gestellt bzw. nicht bestätigt, dass
- er, nachdem sich D._ verabschiedet gehabt hatte, die Privatklägerin
fragte, ob er bei ihr übernachten könne, wobei er sich vielmehr unsicher
zeigte, wer wen gefragt habe (Urk. 6/2 S. 4 u. 7; Prot. I S. 6 f.; Urk. 81 S. 9
f.); sowie dass
- die Privatklägerin sich unter der Bedingung mit seiner Übernachtung bei ihr
einverstanden erklärt habe, dass er sie und ihren Körper respektiere, womit
er sich einverstanden gezeigt und gesagt habe, er respektiere ein "Nein"
(Urk. 81 S. 11).
D. Beweismittel
1. Bei den Akten finden sich im Wesentlichen folgende massgebliche
verwertbare Beweismittel, um den strittigen Anklagesachverhalt zu prüfen: Die
Einvernahmen des Beschuldigten (Urk. 6/1-4; Prot. I S. 5 ff; Urk. 81 S. 4 ff.),
diejenigen der Privatklägerin (Urk. 4/1 u. 4/2 [Videoaufnahme: Urk. 54 bzw. 57A],
die Zeugeneinvernahme von C._ anlässlich der Berufungsverhandlung
(Urk. 80), das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) vom 28. Juli 2021
betreffend die Auswertung von DNA-Spuren auf den Kleidern der Privatklägerin
(Urk. 10/5), Chatverläufe zwischen der Privatklägerin und diversen Personen
(Urk. 3 u. Urk. 14/3; insoweit sie dem Beschuldigten vorgehalten wurden), die
Aktivitäten auf dem Mobiltelefon des Beschuldigten (Urk. 14/2), ein Kurzbericht
des Forensischen Instituts Zürich über die spurenkundliche Überprüfung der
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Kleider der Privatklägerin (Urk. 10/9), die Polizeirapporte vom 11. und 12.
September 2020 sowie 10. Dezember 2020 (Urk. 1; Urk. 5; Urk. 7), ein Fotobogen
des Tatorts (Urk. 8), diverse anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
seitens der Vertreterin der Privatklägerin (Urk. 28/1a-2b) sowie der Verteidigung
(Urk. 31/1-6) eingereichte Unterlagen sowie die im Vorfeld oder anlässlich der
Berufungsverhandlung seitens der Verteidigung und der Privatklägerin
eingereichten Belege (Urk. 58; Urk. 59; Urk. 74/1-4; Urk. 77).
2. Lediglich zu Gunsten des Beschuldigten können die Aussagen der Aus-
kunftspersonen D._, E._ und F._ (Urk. 9/1-3) verwendet werden
(vgl. vorstehend unter E. II.2.3.).
E. Beweisgrundsätze
Seitens der Vorinstanz wurden die Grundsätze der Beweiswürdigung zutreffend
dargelegt (Urk. 43 E. III.5. u. 13.). Darauf kann vollumfänglich verwiesen werden.
Auf die Argumente des Beschuldigten ist im Rahmen der nachstehenden Er-
wägungen einzugehen. Das rechtliche Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV verlangt,
dass das Gericht die Vorbringen des von einem Entscheid in seiner
Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, prüft und in seiner
Entscheidfindung berücksichtigt. Nicht erforderlich ist, dass es sich mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt. Vielmehr kann es sich auf die für den Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen
genannt werden, von denen sich das Gericht hat leiten lassen und auf die sich ihr
Entscheid stützt (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1.; BGE 139 IV 179 E. 2.2.; BGE 138 IV
81 E. 2.2.; Urteile des Bundesgerichts 6B_770/2020 vom 25. November 2020 E.
1.3.2.; 6B_401/2015 vom 16. Juli 2015 E. 1.1.; je mit weiteren Hinweisen).
F. Allgemeine Glaubwürdigkeit der unmittelbar Beteiligten
1. Die allgemeine Glaubwürdigkeit des Beschuldigten wurde von der
Vorinstanz unter Berücksichtigung der massgebenden Umstände zutreffend
gewürdigt, weshalb vollumfänglich auf die entsprechenden Ausführungen (Urk. 43
- 15 -
E. III.7.) verwiesen werden kann. Zu unterstreichen ist, dass die Glaubhaftigkeit
seiner Aussagen, auf welche noch einzugehen sein wird, im Vordergrund steht.
2. Ebenso hat sich die Vorinstanz sorgfältig mit der Beurteilung der
allgemeinen Glaubwürdigkeit der Privatklägerin und ihre damit im Zusammenhang
stehende Interessenlage auseinandergesetzt (Urk. 43 E. III.6.). Darauf kann
verwiesen werden. Ergänzend ist zu bemerken, dass das seitens der
Verteidigung gemachte Vorbringen zur möglichen Motivlage der Privatklägerin
hinsichtlich einer falschen Darstellung der Ereignisse, wonach sie aufgrund ihres
Verhaltens – dem Kuss in der Küche; dem gemeinsamen Übernachten in einem
Bett und/oder allfällig weiteren sich im Schlafzimmer abspielenden Ereignissen
zwischen ihr und dem Beschuldigten – gegenüber ihrem Freund und allenfalls
weiteren Personen unter einem Rechtfertigungsdruck gestanden sein könnte, was
sich bereits angesichts der wahrheitswidrigen Information ihres Mitbewohners
(vgl. Urk. 9/3 S. 2) F._ und ihres Freundes (vgl. Urk. 9/2 S. 1) E._ über
den in der Küche vorgefallenen Kuss manifestiere (Urk. 30 S. 6 u. 16 f.),
insgesamt durchaus plausibel erscheinen. Deshalb sind ihre Aussagen mit einer
gewissen Zurückhaltung zu würdigen. Einhergehend mit der sich als zutreffend
erweisenden Einschätzung der Vorinstanz (Urk. 43 E. III.11. S. 19) ist indes zu
bemerken, dass der Umstand, dass die Privatklägerin den in der Küche
gefallenen Kuss mit dem Beschuldigten gegenüber E._ und F._
unerwähnt liess (Urk. 9/2 S. 5) bzw. anders darstellte (9/3 S. 4 f.), ihre
Glaubwürdigkeit nicht entscheidend zu erschüttern vermag, weil sie den Kuss
gegenüber den Strafverfolgungsbehörden zu Protokoll gegeben hat, was auch die
Wahrheit ihrer weiteren Angaben zu stützen vermag. Abgesehen davon erscheint
das hinsichtlich des in der Küche gefallenen Kusses gegenüber ihrem Freund und
ihrem Mitbewohner an den Tag gelegte Aussageverhalten der Privatklägerin
angesichts ihrer offensichtlichen Scham darüber nachvollziehbar und weist nicht
zwingend auf eine Falschdarstellung der Ereignisse hin.
G. Beweiswürdigung
1.1. Seitens der Vorinstanz wurden die massgebenden Aussagen des Beschul-
digten einlässlich sowie zutreffend wiedergegeben (Urk. 43 E. III.10.), weshalb
- 16 -
vorab darauf verwiesen werden kann. Anlässlich der Berufungsverhandlung blieb
der Beschuldigte grundsätzlich bei seiner bisherigen Darstellung der
Geschehnisse (Urk. 81 S. 4 ff.): Er bestritt zudem, sich von der Privatklägerin
angezogen gefühlt oder sie "speziell attraktiv" gefunden zu haben. Zum Kuss sei
es gekommen, weil er alkoholisiert gewesen sei. Die Privatklägerin habe ihm nach
dem Kuss zu verstehen gegeben, dass es damit sein Bewenden habe und es
nicht zu weiteren sexuellen Handlungen kommen werde. Er könne nicht sagen,
wie sich die Situation weiterentwickelt hätte, wenn die Privatklägerin dies nicht
klargestellt hätte, da er ziemlich angetrunken gewesen sei. Weiter gab der
Beschuldigte an, nicht mehr zu wissen, was ihn dazu bewogen habe, bei der
Privatklägerin zu übernachten bzw. nicht nach Hause zu gehen. In biografischer
Hinsicht führte der Beschuldigte schliesslich aus, dass er als Erwachsener bisher
zwei Mal für je ca. drei Jahre in Beziehungen gewesen sei sowie Militärdienst
geleistet habe und ihm – bis zum Vorfall in der SAC-Hütte – noch nie ein
auffälliges Schlafverhalten zugetragen worden sei.
1.2.1. Die Ausführungen des Beschuldigten – welche seitens der Vorinstanz
lediglich knapp gewürdigt wurden (vgl. Urk. 43 E. III.12.) – erweisen sich in Bezug
auf das angeklagte Kerngeschehen als kohärent und widerspruchsfrei. Er
verneinte konstant, im Schlafzimmer den körperlichen Kontakt zur Privatklägerin
gesucht zu haben, wobei er nicht ausschliessen könne, sie schlafend umarmt zu
haben (Urk. 6/2 S. 7 ff.; Urk. 6/4 S. 3; Prot. I S. 6 f.).
1.2.2. Indes erweisen sich seine Aussagen – insoweit er solche traf (so nicht
anlässlich seiner ersten, polizeilichen Einvernahme: vgl. Urk. 6/1 S. 2 ff.) – hin-
sichtlich der dem angeklagten Kerngeschehen vorangehenden Ereignisse als
auffällig unpräzise: So konnte er sich weder an den Grund erinnern, weshalb
D._ und er in der fraglichen Nacht zur Privatklägerin gingen, noch vermochte
er den Zustand der Privatklägerin bei ihrer Ankunft zu beschreiben oder den
Grund seines Verbleibens in der Wohnung sowie die Umstände, wieso es zu
seiner dortigen Übernachtung kam, anzugeben (Urk. 6/2 S. 3 ff.; Urk. 6/4 S. 5;
Prot. I S. 6 f.; Urk. 81 S. 5 ff.). Ebenfalls auffällig ungenau erwiderte er anlässlich
der staatsanwaltschaftlichen Hafteinvernahme die Fragen nach einem Kuss mit
- 17 -
der Privatklägerin ("das kann gut sein"; Urk. 6/2 S. 7) und dem gemeinsamen
Tanzen in der Küche ("Das weiss ich nicht mehr, ob wir getanzt haben"; Urk. 6/2
S. 7). Auch wenn der Beschuldigte damals etwas betrunken gewesen sein sollte,
wie er es selbst in Betracht zu ziehen scheint ("Das kann gut sein"; Urk. 6/2 S. 7;
Urk. 81 S. 11), erscheint die Vagheit und die Detailarmut seiner Aussagen selbst
vor diesem Hintergrund als erstaunlich. Auch wenn sich aus seinen Ausführungen
keine massgeblichen Rückschlüsse auf sein damaliges Verhalten ergeben, ist
doch festzustellen, dass sein Aussageverhalten insbesondere vor dem
Hintergrund der Tatsache, dass die Hafteinvernahme, anlässlich welcher die erste
eingehende Befragung erfolgte, in deren Rahmen der Beschuldigte auch
Aussagen traf (vgl. Urk. 6/2 S. 2 ff.), am 13. September 2020 und demnach
lediglich 8 Tage nach den in Frage stehenden Geschehnissen stattfand. Aufgrund
der zeitlichen Nähe zum inkriminierten Vorfall wären ohne Weiteres genauere
Angaben von seiner Seite zu erwarten gewesen, hätte er solche treffen wollen.
Wenn der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung angab, die
Privatklägerin nicht anziehend gefunden zu haben und kein Interesse an ihr
gehabt zu haben, so fügt sich dieses zurückhaltende Aussageverhalten in Bezug
auf die Privatklägerin stimmig in das Gesamtbild ein, welches aus seinen auch
bisher teilweise ausweichend anmutenden Antworten entsteht. Bemerkenswert
erscheint, dass der Beschuldigte erst im Rahmen der Berufungsverhandlung
angab, dass ihm seitens der Privatklägerin nach dem Kuss in der Küche klare
Grenzen gesetzt wurden (sinngemäss habe die Privatklägerin gesagt: Es sei gut
so; vgl. Urk. 81 S. 8 f.).
1.2.3. Einhergehend mit der zutreffenden Einschätzung seitens der unentgelt-
lichen Rechtsvertretung der Privatklägerin (Urk. 66 S. 3) erscheint zudem auffäl-
lig, dass der Beschuldigte erst kurz vor der Berufungsverhandlung auf Erfahrun-
gen verwies, welche die Verteidigung als ein Hinweis für eine
Sex(s)omnia/Sexsomnie des Beschuldigten im Tatzeitpunkt einschätzte (vgl. Be-
weisantrag der Verteidigung vom 19. September 2022; Urk. 59), ein der- oder an-
dersartiges auffälliges Schlafverhalten davor aber nie ein Thema gewesen war
(Urk. 6/4 S. 5; Prot. I S. 6). Anlässlich der Berufungsverhandlung brachte der Be-
schuldigte zudem vor, dass ihn auch im Rahmen des Militärdienstes, in welchem
- 18 -
Rahmen er regelmässig in Mehrbettzimmern nächtigte, niemand auf auffälliges
Schlafverhalten hingewiesen habe (Urk. 81 S. 14). Der Beschuldigte führte im Er-
wachsenenalter zudem zwei je drei Jahre dauernde Beziehungen (zeitweise gar
im gleichen Haushalt, Urk. 81 S. 14 f.). Dass es nun in relativ kurzen Abständen
zu einem auffälligem Schlafverhalten des Beschuldigten gekommen sein soll,
weckt zumindest gewisse Zweifel an der Authentizität des Vorfalls im Sommer
2022. Es liegt auf der Hand, dass relativ schwerwiegende Arten von
Schlafstörungen mit weitgreifenden bzw. zielgerichteten Handlungen, wie sie der
Beschuldigte sinngemäss für den Tatzeitraum geltend macht, bereits in der
Vergangenheit aufgefallen wären.
2.1. Seitens der Vorinstanz wurden die massgebenden Aussagen der Privat-
klägerin einlässlich und zutreffend wiedergegeben (Urk. 43 E. III.8.-9.). Darauf
kann vorab verwiesen werden.
2.2.1. Zunächst ist festzustellen, dass die Privatklägerin äusserst ausführliche,
konzise, individuell durchzeichnete und im Wesentlichen widerspruchsfreie Aus-
sagen traf, welche frei von Strukturbrüchen und Übertreibungen sind. Die
Kohärenz und der Detailreichtum ihrer zu Protokoll gegebenen Angaben erweisen
sich als beeindruckend, wobei hervorzuheben ist, dass die Privatklägerin im
Zeitpunkt ihrer zweiten, staatsanwaltlichen Einvernahme weder Akteneinsicht –
auch hinsichtlich ihrer ersten, polizeilichen Befragung – genommen hatte, noch
Kenntnis des Inhalts der Aussagen der anderen einvernommenen Personen
gehabt hatte (Urk. 4/2 S. 4).
2.2.2. Eindrücklich verknüpft die Privatklägerin ihre Schilderungen mit den
damals erlebten Emotionen, was ihre Aussagen lebensnah erscheinen lässt. Ihre
Verzweiflung, nochmals über den Vorfall sprechen, tritt durch die Videoaufnahme
deutlich zutage, was sich auch an ihrem Zittern in der Stimme und ihrem tiefen
Durchatmen zeigt (z. B. Urk. 57A, Video: 32:09). Lebensnah erscheinen auch ihre
Reflektionen über das Geschehene wie beispielsweise ihr Erklärungsversuch,
weshalb der Beschuldigte gestöhnt habe; so wisse sie nicht, ob sie ihm weh getan
habe (Urk. 4/2 S. 7). Eindrücklich schilderte sie ferner ihre damals erlebte Über-
forderung, z.B. wie sie erstarrt im Bett gelegen sei, welchen Umstand sie sehr
- 19 -
plausibel insbesondere damit erklärte, dass sie nicht gewusst habe, was als
Nächstes komme (Urk. 4/2 S. 7; Urk. 57A, Video: 34:55).
2.2.3. Scheinbare Widersprüche in ihrem Aussageverhalten lassen sich mühe-
los erklären. Ob sie dem Beschuldigten nun "sagte" (Urk. 4/2 S. 11 f.) oder an-
hand der an die jeweiligen Ränder des Bettes gelegten beiden Kopfkissen "zeig-
te" (Urk. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 6 f.), wer auf welcher Seite ihres Bettes schlafen sol-
le, ist letztlich von untergeordneter Bedeutung, da sich die beiden Handlungswei-
sen nicht gegenseitig ausschliessen und überdies auch der Beschuldigte konstant
bestätigte, dass die Privatklägerin ihm gesagt habe, auf welcher Seite er schlafen
solle (Urk. 6/2 S. 4 u. 7; Urk. 6/4 S. 4; Urk. 81 S. 9 f.). Nicht stichhaltig ist auch der
Einwand der Verteidigung, wonach die Privatklägerin in widersprüchlicher Weise
geäussert habe, ob sie "schlagartig" wach geworden sei oder "ca. 1 Minute" ge-
braucht habe, um aufzuwachen (Urk. 75 S. 5): Dass dabei von verschiedenen
Graden der Wachheit die Rede ist, erschliesst sich aus dem Gesamtzusammen-
hang; wenn die Privatklägerin zunächst lediglich aus dem Schlaf erwachte, aber
noch schlaftrunken war und später "schlagartig" hellwach wurde, als sie vollends
realisierte, was vor sich ging, erscheint dies ohne Weiteres als lebensnah. Nach-
vollziehbar erläuterte die Privatklägerin zudem, wie es zum Kuss in der Küche
kam, weil sie ihm nicht auf die Füsse habe treten bzw. ihn nicht dermassen klar
abweisen bzw. kränken habe wollen (Urk. 57A, Video: 54:30), wobei sie dieses
Verhalten differenziert analysiert und empfundene eigene Unzulänglichkeiten ein-
drücklich reflektiert (Urk. 4/2 S. 5 ff.; Urk. 57A, Video: 1:14:40 bzw. 1:36:00 sowie
1:52:00).
2.2.4. Des Weiteren beschrieb die Privatklägerin die zur Übernachtung des Be-
schuldigten bei ihr führende Konversation, woraus sich auch ohne Weiteres
ergibt, dass es sich hierbei um eine Gefälligkeit ihrerseits gehandelt hat (vgl. auch
Urk. 57A, Video: 1:15:40), detailliert und kohärent: Der Beschuldigte habe sie auf
ihre Mitteilung hin, sie werde jetzt schlafen gehen, gefragt, ob er hier übernachten
könne (Urk. 4/1 S. 2) bzw. nach einem ersten Nein ihrerseits diesbezüglich mit
der Begründung insistiert, er habe am folgenden Vormittag um 09:00 Uhr einen
Geschäftstermin (Urk. 4/2 S. 6), worauf sie ihm gesagt habe, wenn er hier
- 20 -
schlafen könne, müsse er sie in Ruhe lassen (Urk. 4/1 S. 2) bzw. habe er sie und
ihren Körper zu respektieren (Urk. 4/2 S. 6) bzw. sie ihm klar Nein gesagt habe
(Urk. 4/2 S. 9 f.), worauf er erwidert habe, dass er das bzw. ein Nein respektiere
(Urk. 4/1 S. 2; Urk. 4/2 S. 6 u. 11). Vor dem Hintergrund dieser kohärenten und
glaubhaften Aussagen der Privatklägerin, welchen der Beschuldigte selbst zudem
lediglich erstaunlich vage Angaben entgegenzusetzen vermochte (s. E. 1.2.2.
vorstehend), überzeugt der Einwand der Verteidigung, die Privatklägerin hätte
den Beschuldigten vor dem Zubettgehen nicht genügend klar zu verstehen
gegeben, dass im Bett keine körperliche Annäherung stattfinden dürfe (Urk. 30
S. 5 f.), in keiner Weise, woran der Umstand, dass der Beschuldigte damals
alkoholisiert war, nichts ändert. Demnach kommunizierte die Privatklägerin dem
Beschuldigten aufgrund ihrer entsprechenden glaubhaften Sachdarstellung klar,
dass sie kein romantisches Interesse an ihm habe, womit der in der Küche
gefallene kurze Kuss zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin auch
keine Ausgangslage mehr für eine Weiterführung romantischer Handlungen
darstellen konnte und der Beschuldigte sich diesbezüglich so oder anders
keinerlei Hoffnungen (mehr) machen konnte. Des Weiteren legte die
Privatklägerin schlüssig dar, weshalb sie aufgrund des gemeinsamen langjährigen
Freundeskreises davon ausging, dass sie dem Beschuldigten vertrauen durfte,
dass er nicht übergriffig werden würde (Urk. 4/2 S. 11; Urk. 57A, Video: 57:25).
2.2.5. Sichtlich erschüttert schilderte die Privatklägerin anlässlich der staats-
anwaltlichen Einvernahme, wie sie sich mit heruntergezogenen Pyjamahosen und
Unterhosen wiederfand, als sie aufwachte, und der Beschuldigte mit seinem
Penis wie an ihrem Gesäss masturbierte (Urk. 4/2 S. 12; Urk. 57A, Video:
1:03:50). Der Einwand der Verteidigung, dass es auch sein könne, dass die
Hosen im Schlaf verrutscht seien, erweist sich als eher unplausibel, zumal sich
der Beschuldigte an ihrem Gesäss zu schaffen machte, worin ein Grund für das
Herunterziehen der Pyjamahose bestand. Zutreffend legte die Verteidigung dar
(Urk. 30 S. 13; Urk. 75 S. 5), dass sich die Privatklägerin vor der Polizei noch
unsicher zeigte, ob nebst der Pyjamahose auch die Unterhose weiter unten war
(Urk. 4/1 S. 4 f.), was aber ihr übriges kohärentes Aussageverhalten nicht zu
beeinträchtigen vermag, zumal es sich bei der Unterhose um einen "String"
- 21 -
handelte, welche die von ihr beschriebenen sexuellen Handlungen des
Beschuldigten nicht als unmöglich erscheinen lässt (vgl. Urk. 4/1 S. 5). Auch
wenn einzelne Unsicherheiten in den Aussagen der Privatklägerin feststellbar
sind, vermögen diese letztlich eher die Wahrheit ihrer Aussagen zu belegen,
zumal bei einem Erfinden des Geschehenen ein deutlich schematischeres
Aussageverhalten zu erwarten gewesen wäre. Auch belastete die Privatklägerin
den Beschuldigten nicht übermässig, indem sie die Frage, ob der Beschuldigte
mit seinem Penis in sie eingedrungen sei, konstant klar verneinte (Urk. 4/1 S. 5;
Urk. 4/2 S. 12). Die Ausführungen der Privatklägerin erweisen sich demnach auch
mit Bezug auf das inkriminierte Kerngeschehen als sehr glaubhaft.
2.2.6. Entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 30 S. 14) vermögen auch die
Äusserungen der Privatklägerin zum Masturbieren des Beschuldigten zu über-
zeugen, zumal sie einheitlich angab, beim Aufwachen nicht nach hinten geschaut
zu haben und präzisierte, dass es sich so angefühlt habe wie ein Masturbieren
(Urk. 4/1 S. 5) bzw. beschrieb, wie der Beschuldigte seinen Penis an ihrem
Gesäss gerieben habe (Urk. 4/1 S. 3), was angesichts des Umstandes, dass sie
sowohl den Penis wie auch die Hände des Beschuldigten an ihrem Gesäss spürte
(Urk. 4/2 S. 7), und sie den erigierten Penis hernach sogar noch wegdrückte
(Urk. 4/1 S. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 7 u. 13), plausibel und nicht widersprüchlich
erscheint. Eine Verwechslung des Penis mit dem Unterarm oder Handgelenk wie
sie die Verteidigung geltend machen will (Urk. 75 S. 4) erscheint abwegig.
Gestützt auf die konstanten weiteren Aussagen bestehen auch keine
massgeblichen Zweifel, dass die Privatklägerin davon ausgehen konnte, dass der
Beschuldigte danach weiter masturbierte bzw. "etwas bei seiner Hand bei sich
machte" (Urk. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 7). Da sie den Vorgang aber nicht sah und aus
ihren Aussagen auch nicht klar wird, ob sie den Penis weiterhin an ihrer Haut
spürte, ist letzterer Vorgang – zu Gunsten des Beschuldigten – als nicht erstellt zu
erachten.
2.2.7. Entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 30 S. 14) erweist es sich
auch nicht als sehr gesucht, konstruiert oder unglaubhaft, dass die Privatklägerin
später einen Tropfen auf ihrer Pobacke gespürt bzw. bemerkt habe, wie etwas an
- 22 -
ihrer linken Pobacke geklebt habe (Urk. 4/1 S. 5 f.; Urk. 75 S. 5). Vielmehr ist an-
gesichts der übrigen beschriebenen Umstände naheliegend, dass es sich hierbei
um ein Präejakulat des Beschuldigten gehandelt haben könnte. Auch gestützt auf
ihre weiteren glaubhaften Schilderungen besteht kein Anlass, an dieser Sach-
darstellung zu zweifeln.
2.2.8. Auch wenn der Beschuldigte im massgebenden Zeitpunkt sehr müde ge-
wesen sein sollte, was ein Durchschlafen begünstigt hätte, wie es die Verteidi-
gung unter detaillierter Bezugnahme auf die lange Wachphase, die am Vortag un-
ternommenen Aktivitäten und den Alkoholkonsum des Beschuldigten geltend
macht (Urk. 30 S. 1 ff.), vermag dieser Umstand die angeklagten Handlungen
nicht zu verunmöglichen. Die Verteidigung bringt in diesem Zusammenhang fer-
ner vor, dass es keinen einzigen Hinweis gebe, dass der Beschuldigte anfangs
oder zwischenzeitlich länger wach gewesen sein könnte bzw. sich die Privatkläge-
rin diesbezüglich geirrt habe und bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf
das Phänomen Sexsomnia/Sexsomnie, woraus sich ergebe, dass der Beschuldig-
te allfällige Handlungen im Schlaf ausgeführt haben könnte, weshalb sie unab-
sichtlich erfolgt seien (Urk. 30 S. 5 ff.; Urk. 75 S. 6). Diesbezüglich ist – wie be-
reits erwähnt (vgl. insb. vorstehend unter E. 1.2.3.) – sehr auffällig, dass der Be-
schuldigte erst kurz vor der Berufungsverhandlung auf eine Erfahrung verwies,
welche die Verteidigung als ein Hinweis für eine Sexsomnia/Sexsomnie des Be-
schuldigten im Tatzeitpunkt einschätzte (vgl. Beweisantrag der Verteidigung vom
19. September 2022; Urk. 59), weshalb nicht unerhebliche Zweifel an der Authen-
tizität des Vorfalls bestehen. Zu unterscheiden ist indes, dass die Episode in der
SAC-Hütte vom Sommer 2022 qualitativ nicht mit den inkriminierten Vorfällen ver-
gleichbar ist (vgl. nachstehend unter E. 2.2.10.)
2.2.9. Das Phänomen der Schlafstörung in Form der Sexsomnia (bzw. Sex-
somnie) ist wissenschaftlich diagnostisch als Schlafkrankheit klassifiziert, aber
eher spärlich erforscht (vgl. dazu "Forensic Evaluation of Sexsomnia" in: Journal
of the American Academy of Psychiatry and the Law online, Volume 50, Issue 3,
Artikel vom 12. Februar 2021
[https://jaapl.org/content/jaapl/early/2021/02/12/JAAPL. 200077-20.full.pdf] bzw.
- 23 -
"Sexsomnia: A Specialized Non-REM Parasomnia?" in: SLEEP, Volume 40,
No. 2, Artikel vom 1. Februar 2017 [https://academic. oup.com/sleep/article-
pdf/40/2/zsw043/10329705/zsw043.pdf] bzw. "Sexsomnia as a Defense in Repea-
ted Sex Crimes" in: Journal of the American Academy of Psychiatry and the Law
online, Volume 46, Issue 1, Artikel vom März 2018
[https://jaapl.org/content/jaapl/46/1/78.full.pdf]; jeweils mit weiteren Hinweisen).
Untersuchungen zeigten, dass Sexsomnia die Vornahme derselben sexuellen
Handlungen umfassen kann, welche im Wachzustand vorkommen (vgl. Nachweis
im vorerwähnten Artikel "Forensic Evaluation of Sexsomnia" S. 2). Bei einer
Mehrheit der untersuchten Patienten bestand eine entsprechende Vorgeschichte
bzw. Schlafprobleme wie Schlafwandeln, Sprechen im Schlaf oder das Erleben
von Albträumen (vgl. Nachweis im vorerwähnten Artikel "Forensic Evaluation of
Sexsomnia" S. 2). Als Nachweis für den Bestand einer entsprechenden
Schlafkrankheit geraten die Krankheitsgeschichte des Betroffenen sowie Wahr-
nehmungszeugen in den Fokus bzw. sei damit zu rechnen, dass die davon
betroffene Person sich um die Schlafprobleme sorge und Vorsichtsmassnahmen
ergreife, um zukünftige Vorfälle zu vermeiden (vgl. vorerwähnter Artikel "Sex-
somnia as a Defense in Repeated Sex Crimes" S. 84 f.).
2.2.10. Entscheidend ist vorliegend auch unter Mitberücksichtigung der dies-
bezüglich eher spärlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass abnorme Ver-
haltensweisen im Schlaf beim im Tatzeitpunkt immerhin bereits 28-jährigen
Beschuldigten – bis kurz vor der Berufungsverhandlung – nie ein Thema gewesen
waren (s. E. 1.2.3. vorstehend), womit keine konkreten Hinweise für das Vorliegen
einer Sexsomnie/Sexsomnia bestehen (vgl. auch Urteile 6B_760/2019 vom
23. Januar 2019 E. 3.2. bzw. der I. Strafkammer des Obergerichtes des Kantons
Zürich im Verfahren SB180231 vom 25. März 2019 S. 18), weshalb dieses
Argument und auch der Vorfall mit C._ in der SAC-Hütte vom 30./31. Juli
2022 vorgeschoben erscheint. Ohnehin ist der neuerliche Vorfall in der SAC-
Hütte, selbst wenn er sich so ereignet hätte, nicht geeignet, die Hypothese einer
Sexsomnie im Tatzeitpunkt zu stützen: Zwar bestehen – entgegen der Ansicht der
Privatklägervertretung – keine nennenswerten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der
Aussagen des Zeugen C._: Dass dieser sich unsicher zeigte, in welcher
- 24 -
Position sich einzelne Körperteile genau befanden oder ob der Beschuldigte in
einem Schlafsack lag (vgl. Urk. 80 S. 4 ff.), ist ohne Weiteres mit gewöhnlichen
Verblassungstendenzen zu erklären, zumal der Zeuge beim fraglichen Vorfall
gerade eben aufgewacht war, die Lichtverhältnisse im Schlafraum selbstredend
ungünstig waren und der Zeuge dem Vorfall keine grosse Bedeutung zumass,
weshalb kein Grund für ihn bestand, sich auf Einzelheiten der Geschehnisse zu
konzentrieren oder sich diese einzuprägen. Der Zeuge legte in schlüssiger Art
dar, wie er das nächtliche Ereignis als amüsant empfand und in der Folge (am
nächsten Tag) zum Gegenstand eines "Running-Gag" machte. Ebenfalls
nachvollziehbar erscheint, wie der Zeuge sich in der Folge eine Erklärung für das
Verhalten des Beschuldigten gesucht zu haben scheint (Urk. 80 S. 6). Dass ein
derart kurzer Vorfall arm an Realkennzeichen wie beispielsweise originellen
Eigenheiten ist, erklärt sich von selbst und beeinträchtigt die Glaubhaftigkeit der
Darstellung des Zeugen keineswegs. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem
vom Zeugen C._ erwähnten Umarmen bzw. Umlegen eines Armes um wenig
zielgerichtete Handlungen, welche ohne Weiteres mit Bewegungen im
"Halbschlaf" vereinbar sind. Im Gegensatz zum angeklagten Vorfall erinnerte sich
der Beschuldigte denn auch nach dem Aufwachen bruchstückhaft an den Vorfall
mit C._ (Urk. 59/1), was einer Handlung in der Tiefschlafphase, wie sie der
Beschuldigte für den Tatzeitraum geltend machen will, widerspricht. Zwischen
relativ einfachen Bewegungen wie dem Umlegen eines Arms und motorisch
deutlich komplexeren und zielgerichteten Handlungsabfolgen wie dem Greifen
und Herunterziehen einer Pyjama-Hose, dem Greifen unter ein Kleidungsstück an
Gesäss und Brust liegt zudem ein deutlicher Unterschied, weshalb die Ereignisse
in der Berghütte keineswegs als vergleichbar erscheinen mit dem angeklagten
Vorfall.
2.2.11. Ebenfalls klar fällt das Verdikt der Schlafuntersuchung aus, welchem sich
der Beschuldigte kurz vor der Berufungsverhandlung im Zentrum für Schlaf- und
Wachmedizin ... unterzog: Beim Beschuldigten, ergaben sich unter Alkoholein-
fluss bei sehr stabilem Schlaf "keine Hinweis für Parasomnie oder Tiefschlaf-
arousal" (Urk. 74/1 S. 2).
- 25 -
2.2.12. Die Vorbringen der Verteidigung, wonach sich ein Mann bei Bewusstsein
verbal geäussert (und nicht lediglich aufgestöhnt) hätte, wenn sein Penis weg-
gedrückt wird, oder dass ein Mann bei Bewusstsein andere sexuelle Praktiken
vorgenommen hätte (vgl. Urk. 75 S. 6 ff.) erschöpfen sich in Spekulation und ver-
mögen als Abgrenzung zwischen bewussten und unbewussten Handlungen nicht
zu überzeugen.
2.2.13. Zusammengefasst fehlen weiterhin – sowohl biografisch als auch nach
durchgeführter Schlafuntersuchung – jegliche Anzeichen dafür, dass der Be-
schuldigte an schwerwiegenden Schlafstörungen – oder gar an Sexsomnie – lei-
det. In der Folge erweist sich die Einholung eines forensisch-psychiatrischen Gut-
achtens bzw. eines schlafmedizinischen Gutachtens nicht als erforderlich.
2.2.14. Der Umstand, dass der Beschuldigte – trotz Gegendruck der Privatkläge-
rin und dem Hochziehen ihrer Pyjamahosen – auf gezielte Weise mit den sexuel-
len Handlungen fortfuhr, spricht ferner zusätzlich gegen die seitens der Verteidi-
gung geltend gemachte Hypothese, dass er im Schlaf oder Halbschlaf gehandelt
hat (Urk. 30 S. 7 ff.). Vor dem Hintergrund der überzeugenden Aussagen der
Privatklägerin erweist sich auch das Vorbringen der Verteidigung, wonach es
möglich wäre, dass sie sich im Bett bewegt habe und den schlafenden Beschul-
digten unbewusst allenfalls auch intim berührt habe, der Beschuldigte dann auf-
gewacht sei und dem Irrtum unterlegen gewesen sein könnte, dass die Privatklä-
gerin wach und aktiv gewesen sei, worauf er in die sexuellen Handlungen einge-
stiegen sei (Urk. 30 S. 6), als abwegig. Sogar als abstrus zu bewerten sind beim
vorliegenden Beweisergebnis die Einwände der Verteidigung, die Privatklägerin
habe lediglich ein sehr reales Traumerlebnis gehabt oder aufgrund des Alkohol-
konsums oder in einer Art Verdrängungsmechanismus jeglichen Realitätsbezug
verloren (Urk. 30 S. 6).
2.2.15. Unverdächtig erscheinen ferner die Umstände der Anzeigeerstattung
durch die Privatklägerin (Urk. 4/2 S. 8 bzw. Urk. 57A, Video: 1:40:00): Anschau-
lich und lebensnah beschrieb die Privatklägerin, wie sie den Vorfall zunächst zu
verdrängen suchte und sich auf eine wichtige Studienarbeit konzentrierte, ihr es
aber schlecht ging und sie überfordert war, was ihrem nächsten Umfeld auffiel,
- 26 -
welchen Personen sie sich daraufhin auch anzuvertrauen vermochte und wie sie
insbesondere ihr Mitbewohner F._ bei der Kontaktierung der Opferhilfestelle
und der Polizei unterstützte.
2.2.16. Angesichts der erörterten sehr überzeugenden und damit glaubhaften
Sachdarstellung der Privatklägerin besteht kein vernünftiger Zweifel, dass sich der
Vorfall so zugetragen hat, wie er von ihr geschildert wurde, demgegenüber sich
die Ausführungen des Beschuldigten als reine Schutzbehauptungen erweisen.
Einhergehend mit der zutreffenden Auffassung der Vorinstanz (vgl. Urk. 43 E.
III.11. S. 20) bestärkt ferner das Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin der
Universität Zürich zur Auswertung von DNA-Spuren vom 28. Juli 2021 die Schil-
derungen der Privatklägerin. Ab dem Bereich Pospalte innen und Bundbereich
hinten, innen der Pyjamahose der Privatklägerin wurden Stichproben mit einem
DNA-Mischprofil ausgewertet. Die Merkmale des DNA-Profils des Beschuldigten
konnten in den 16 typisierten DNA-Systemen lückenlos im Mischprofil nachgewie-
sen werden und die übrigen Merkmale des Mischprofils stimmten mit dem DNA-
Profil der Privatklägerin überein. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Beschuldigte
und die Privatklägerin die Spurengeber des Mischprofils sind, wurde im Gutachten
mit mehreren Milliarden Mal grösser als die Wahrscheinlichkeit angegeben, dass
es sich um eine unbekannte männliche Person und die Privatklägerin handle
(Urk. 10/5 S. 2 f.). Selbst wenn die Möglichkeit indirekter DNA–Übertragung nicht
ausgeschlossen werden kann, stellen die DNA–Spuren doch einen weiteren ge-
wichtigen Hinweis für den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Privatklägerin dar,
weil die DNA des Beschuldigten dort gefunden wurde, wo die Privatklägerin die
Berührungen verortete. Aufgrund der Fundstelle der DNA innen im Bereich der
Pospalte scheint die These der Verteidigung, wonach die DNA-Spur durch Über-
tragung stattgefunden hätte, als wenig wahrscheinlich, zumal dieser Bereich der
Pyjama-Hose beim Anziehen kaum angefasst wird.
2.2.17. Es bestehen auch – entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 30
insb. S. 10 ff.; Urk. 75 S. 6 ff.) und einhergehend mit der zutreffenden Auffassung
der Vorinstanz (Urk. 43 E. III.14) – keine massgeblichen Zweifel an der Erfüllung
des subjektiven Anklagesachverhaltes. Die Handlungen des Beschuldigten waren
- 27 -
derart gezielt, dass er diese nur wissentlich und willentlich vorgenommen haben
kann. Ihm wurde im Vorfeld der gemeinsamen Übernachtung seitens der Privat-
klägerin klar kommuniziert, dass körperliche Nähe oder sexuelle Handlungen an-
lässlich der Übernachtung nicht in Frage kämen. Der Beschuldigte musste davon
ausgehen oder es zumindest für möglich halten, dass die Privatklägerin – nebst
dem für ihn erkennbaren Umstand, dass sie auch aufgrund des vorgängigen ge-
meinsamen Alkoholkonsums zumindest angetrunken war – schlief, zumal sie bei-
de sich Stunden davor zum Schlafen gelegt hatten, und sie ferner bis zum Weg-
drücken seines Penis keine Reaktion zeigte. Indem er ihr ohne sie aufzuwecken
zumindest die Pyjamahose herunterzog und seinen Penis zwischen ihren Ge-
sässbacken rieb, wusste und wollte er, dass sich die Privatklägerin aufgrund ihres
schlafenden Zustandes nicht dagegen wehren konnte bzw. nahm er dies zumin-
dest in Kauf und musste spätestens im Augenblick, als die Privatklägerin seinen
Penis wegdrückte, erkannt haben, dass die Privatklägerin auch weiterhin kein se-
xuelles Interesse an ihm hatte. Ungeachtet dessen berührte er sie willentlich
nochmals am Gesäss, versuchte in die inzwischen wieder hochgezogene Hose
der Privatklägerin zu fassen und strich danach unter ihrer Kleidung mit seiner
Hand ihrem Körper entlang bis zu ihren Brüsten, wo er versuchte diese zu berüh-
ren, wobei er um die sexuelle Natur seiner Handlungen und um das fehlende Ein-
verständnis der Privatklägerin wusste. Im entsprechenden Umfang ist der Ankla-
gesachverhalt erstellt.
IV. Rechtliche Würdigung
A. Schändung
1.1. Der Schändung im Sinne von Art. 191 StGB macht sich schuldig, wer eine
urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zu-
standes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung missbraucht.
1.2. Nach der Rechtsprechung gilt als im Sinne von Art. 191 StGB widerstands-
unfähig, wer nicht imstande ist, sich gegen ungewollte sexuelle Kontakte zu
- 28 -
wehren, weil er seinen Abwehrwillen nicht (wirksam) fassen oder äussern oder in
einen Abwehrakt umsetzen kann. Die Gründe einer Widerstandsunfähigkeit
können dauernd, vorübergehend oder situationsbedingt sein. Kennzeichnend ist
dabei, dass eine in der Person des Opfers liegende dauerhafte Eigenschaft oder
eine vorübergehende (situative) physische oder psychische bzw. kognitive Beein-
trächtigung vorliegt, welche Zustände das dergestalt verwundbare Opfer dem
Täter vollständig ausliefern. Die Tathandlung des Missbrauchs nach Art. 191
StGB besteht darin, dass sich der Täter die vorbestehende Urteils- oder
Widerstandsunfähigkeit des Opfers bewusst zunutze macht, um eine sexuelle
Handlung zu vollziehen (vgl. zum Ganzen Urteile 6B_265/2020 vom 11. Mai 2022
E. 3.2 und 5.2, 6B_1178/2019 vom 10. März 2021 E. 2.2 m. w. H., BGE 119 IV
230 E. 3a).
1.3. Widerstandsunfähigkeit wird namentlich bejaht, wenn es dem Opfer un-
möglich ist, den Angriff auf seine geschlechtliche Integrität abzuwehren, weil er
von ihm nicht wahrgenommen wird (BGE 133 IV 49 E. 7.4 S. 56 f., Urteil
6B_128/2012 vom 21. Juni 2012 E. 1.2.2). Das zunächst tief schlafende Opfer
bleibt nach der Rechtsprechung zum Widerstand unfähig, wenn es nach Beginn
des sexuellen Übergriffs zwar erwacht, sich danach aber aus körperlichen
Gründen nicht zur Wehr setzen kann (Urteil 6B_128/2012 vom 21. Juni 2012 E.
1.2.2 mit Hinweis). Eine Bewusstlosigkeit im Sinne eines komatösen Zustands
wird nicht vorausgesetzt. Widerstandsunfähigkeit kann auch vorliegen, wenn sich
eine Person alkohol- und müdigkeitsbedingt nicht oder nur schwach gegen die an
ihr vorgenommenen Handlungen wehren kann (Urteile 6B_543/2019 vom
17. Januar 2020 E. 3.1.2, 6B_232/2016 vom 21. Dezember 2016 E. 2.2,
6B_128/2012 vom 21. Juni 2012 E. 1.6.4; je mit Hinweisen).
1.4. Als beischlafsähnliche Handlungen gelten solche Verhaltensweisen, bei de-
nen das (primäre) Geschlechtsteil einer der beteiligten Personen mit dem Körper
der anderen Person in enge Berührung kommt. Es handelt sich dabei konkret um
das Einführen des männlichen Gliedes in After oder Mund sowie das Stimulieren
der Vagina oder des Gliedes durch Zunge oder Lippen. Ebenfalls erfasst wird der
sog. Schenkelverkehr, also das Reiben des männlichen Gliedes an den Ober-
- 29 -
schenkeln direkt unterhalb des Geschlechtsteils des Partners (BSK STGB II-
MAIER, Art. 189 StGB N 50 m.w.H.).
1.5. In subjektiver Hinsicht erfordert der Tatbestand der Schändung, dass der
Täter in Kenntnis der Widerstandsunfähigkeit des Opfers handelt. Diese Wendung
bringt zum Ausdruck, dass der Täter die Widerstands- bzw. Urteilsunfähigkeit des
Opfers wahrgenommen haben muss, wobei Eventualvorsatz genügt. Eventual-
vorsätzlich handelt, wer zumindest ernsthaft für möglich hält, dass das Opfer auf-
grund seines physischen oder psychischen Zustandes nicht in der Lage ist, sich
gegen das sexuelle Ansinnen zur Wehr zu setzen, und es trotzdem zu sexuellen
Handlungen bestimmt, sprich wenn der Täter zumindest ernsthaft für möglich hält,
dass sein Opfer schläft und sich gegen die sexuellen Handlungen nicht zur Wehr
setzen kann. Sichere Kenntnis um die Widerstandsunfähigkeit ist nicht erforder-
lich (Urteile 6B_543/2019 vom 17. Januar 2020 E. 3.1.2, 6B_128/2012 vom
21. Juni 2012 E. 1.6).
2.1. Gestützt auf die Beweiswürdigung ist vorliegend von einer Widerstands-
unfähigkeit im Sinne von Art. 191 StGB auszugehen, da der Beschuldigte bereits
beischlafsähnliche sexuelle Handlungen an der Privatklägerin vorzunehmen be-
gann, indem er sein primäres, erigiertes Geschlechtsorgan in engen Kontakt mit
dem Körper der Privatklägerin, nämlich zwischen ihre Gesässbacken, brachte und
daran rieb, als diese noch schlief bzw. sich im Halbschlaf oder in der Aufwach-
phase befand, und sich in diesem Zustand (zunächst) nicht dagegen zur Wehr
setzen konnte.
2.2. Sodann ergab die Sachverhaltserstellung, dass der Beschuldigte es zumin-
dest in Kauf nahm, dass die Privatklägerin aufgrund ihres zunächst schlafenden
und hernach – aller Voraussicht nach durch den vorgängigen Alkoholkonsum et-
was verschärften – schlaftrunkenen Zustands nicht in der Lage war, sich gegen
seine sexuellen Handlungen wirksam zur Wehr zu setzen, was er zur Vornahme
eben dieser Handlungen ausnutzte. Indizien für ein sexuelles Interesse der Pri-
vatklägerin bestanden vorliegend keine, zumal die Privatklägerin dem Beschuldig-
ten vor dem gemeinsamen Übernachten klar kommunizierte, dass ihrerseits kein
solches bestehe und er dies zu respektieren habe, was er ihr gegenüber auch
- 30 -
ausdrücklich bestätigte. Damit nahm der Beschuldigte bei der Vornahme der bei-
schlafsähnlichen Handlungen nicht nur die Widerstandsunfähigkeit, sondern auch
das fehlende Einverständnis der Privatklägerin zumindest in Kauf. Damit ist der
Tatbestand der Schändung gemäss Art. 191 StGB nicht nur in objektiver sondern
auch in subjektiver Hinsicht erfüllt.
3. Schuldausschluss- und Rechtfertigungsgründe sind keine gegeben. Ins-
besondere liegen keine Indizien vor, dass der Beschuldigte sich in einem derart
erheblich alkoholisierten und übermüdeten Zustand befunden haben könnte
oder dass eine Schlafkrankheit vorgelegen haben könnte (s. vorstehend unter
E. III.2.2.10.), dass er die Widerstandsunfähigkeit der Privatklägerin deshalb nicht
hätte erkennen können, mithin schuldunfähig gewesen sein könnte. Sein Zustand
lässt sich denn auch nicht mit demjenigen der Privatklägerin vergleichen, welche
im Gegensatz zu ihm schlief. Deshalb ist der Beschuldigte der Schändung im
Sinne von Art. 191 StGB schuldig zu sprechen.
B. Sexuelle Belästigung
1.1. Der sexuellen Belästigung im Sinne von Art. 198 Abs. 2 StGB macht sich
schuldig, wer jemanden tätlich sexuell belästigt. Es handelt sich dabei um quali-
fiziert unerwünschte sexuelle Annäherungen bzw. um physische Zumutungen
sexueller Art. Eine körperliche Kontaktaufnahme wird dabei vorausgesetzt. Es
genügen bereits wenig intensive Annäherungsversuche oder Zudringlichkeiten,
solange sie nach ihrem äusseren Erscheinungsbild sexuelle Bedeutung haben.
Hierunter fallen auch das Antasten an der Brust oder am Gesäss sowie das
Betasten von Bauch und Beinen auch über den Kleidern (BGE 137 IV 263 E. 3.1).
1.2. In subjektiver Hinsicht wird Vorsatz vorausgesetzt, wobei Eventualvorsatz
genügt. Der Täter muss zumindest in Kauf nehmen, dass sich das Opfer belästigt
fühlt (Urteil 6P.123/2003 vom 21. November 2003 E. 6.1).
2.1. Indem der Beschuldigte die Privatklägerin am Gesäss berührte bzw.
versuchte, in ihre Hose zu fassen und unter ihrer Kleidung mit seiner Hand ihrem
Körper entlang bis zu ihrer Brust zu gelangen, belästigte er sie in sexueller Art
- 31 -
und Weise, was er wusste und wollte. Mit dem Einverständnis der Privatklägerin
durfte er angesichts des Tatsache, dass sie ihm vor dem gemeinsamen Über-
nachten klar kommunizierte, dass ihrerseits kein sexuelles Interesse bestehe und
er dies zu respektieren habe, was er ihr gegenüber auch ausdrücklich bestätigte,
sowie dem Umstand, dass sie unmittelbar zuvor seinen erigierten Penis von sich
weggestossen, Gegendruck gegeben und ihre Pyjamahose wieder hochgezogen
hatte, in keiner Weise rechnen. Damit setzte sich der Beschuldigte bei der Vor-
nahme der erörterten sexuellen Handlungen wissentlich und willentlich über das
von ihm erkannte fehlende Einverständnis der Privatklägerin hinweg.
2.2. Damit ist auch der Tatbestand der sexuellen Belästigung gemäss Art. 198
StGB in objektiver wie subjektiver Hinsicht erfüllt.
3. Auch hier sind keine Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe ersicht-
lich (s. dazu vorstehend unter E. A.3.). Der Beschuldigte ist daher der sexuellen
Belästigung im Sinne von Art. 198 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
A. Strafrahmen
1. Die tat- und täterangemessene Strafe ist grundsätzlich innerhalb des ordent-
lichen Strafrahmens der schwersten anzuwendenden Strafbestimmung festzu-
setzen. Dieser Rahmen ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit gefasst
worden, um sämtlichen konkreten Umständen Rechnung zu tragen. Der ordentli-
che Rahmen ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen
und die für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart bzw.
zu milde erscheint. Der vom Gesetzgeber vorgegebene ordentliche Rahmen er-
möglicht in aller Regel, für eine einzelne Tat die angemessene Strafe festzulegen.
Er versetzt den Richter namentlich in die Lage, die denkbaren Abstufungen des
Verschuldens zu berücksichtigen (BGE 136 IV 55 E. 5.8.).
2. Vorliegend ist hinsichtlich der Schändung von einem Strafrahmen von
3 Tagessätzen Geldstrafe bis Freiheitsstrafe von zehn Jahren (vgl. Art. 191 StGB
bzw. Art. 34 Abs. 1 StGB) auszugehen. Es bestehen keine aussergewöhnlichen
- 32 -
Umstände, welche es rechtfertigen würden, diesen ordentlichen Strafrahmen zu
verlassen. Für die ferner zu beurteilende sexuelle Belästigung besteht ein Straf-
rahmen von Busse bis zu Fr. 10'000.– (Art. 106 Abs. 1 StGB).
B. Theoretische Grundlagen der Strafzumessung, Strafart und Strafvollzug
1. Innerhalb des Strafrahmens bemisst das Gericht die Strafe grundsätzlich
nach dem Verschulden des Täters. Es berücksichtigt dabei das Vorleben und
seine persönlichen Verhältnisse (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird
nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts,
nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters
sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren
Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden
(Art. 47 Abs. 2 StGB). Für die Zumessung der Strafe ist zwischen der Tat- und der
Täterkomponente zu unterscheiden. Bei der Tatkomponente ist als
Ausgangspunkt die objektive Schwere des Delikts festzulegen und zu bewerten.
Dabei ist anhand des Ausmasses des Erfolgs sowie aufgrund der Art und Weise
des Vorgehens zu beurteilen, wie stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut
beeinträchtigt worden ist. Ebenfalls von Bedeutung sind die kriminelle Energie
sowie ein allfälliger Versuch. Hinsichtlich des subjektiven Verschuldens sind
insbesondere das Motiv, die Beweggründe, die Willensrichtung sowie das Mass
an Entscheidungsfreiheit des Täters zu beurteilen. Die Täterkomponente umfasst
die persönlichen Verhältnisse, das Vorleben, insbesondere frühere Strafen oder
Wohlverhalten, und das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren,
insbesondere gezeigte Reue und Einsicht, oder ein abgelegtes Geständnis
(HEIMGARTNER IN: OFK-STGB-DONATSCH/ HEIMGARTNER/ ISENRING/WEDER, 21. A.,
Zürich 2022, Art. 47 StGB N 1 ff.). Hinsichtlich der Kriterien der Strafzumessung
ist ergänzend auf die aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Thema
(Urteile 6B_619/2019 vom 11. März 2020 E. 3.3.; BGE 136 IV 55, E. 5.4 ff.; 135
IV 130, E. 5.3.1; 132 IV 102, E. 8.1; je mit Hinweisen) zu verweisen. Gemäss
Art. 50 StGB hat das Gericht, sofern es sein Urteil zu begründen hat, die für die
Zumessung der Strafe erheblichen Umstände und deren Gewichtung
festzuhalten. Es hat seine Überlegungen in den Grundzügen wiederzugeben, so
- 33 -
dass die Strafzumessung nachvollziehbar ist (BGE 144 IV 313 E. 1.2 S. 319; 142
IV 365 E. 2.4.3 S. 270 f.; 136 IV 55 E. 5.5 S. 59 ff.; je mit Hinweisen).
2. Bei der Wahl der Sanktionsart sind als wichtigste Kriterien die Zweckmäs-
sigkeit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein so-
ziales Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen. Grundsätzlich ist
der Geldstrafe der Vorrang zu gewähren. Eine Freiheitsstrafe kann ausgespro-
chen werden, wenn eine solche geboten scheint, um den Täter von der Begehung
weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten oder wenn eine Geldstrafe vo-
raussichtlich nicht vollzogen werden kann (Art. 41 Abs. 1 StGB; vgl. auch HEIM-
GARTNER IN: OFK-STGB-DONATSCH/HEIMGARTNER/ISENRING/WEDER, a.a.O., Art. 41
StGB N 1 ff.).
3. Der Vollzug einer Geldstrafe bzw. einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei
Jahren wird grundsätzlich aufgeschoben (Art. 42 Abs. 1 StGB). Bei der Prüfung,
ob der Verurteilte für ein dauerndes Wohlverhalten Gewähr bietet, ist eine Ge-
samtwürdigung aller Umstände vorzunehmen. In die Beurteilung miteinzubezie-
hen sind neben den Tatumständen auch das Vorleben und der Leumund sowie
alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse auf den Charakter des Täters und
die Aussichten seiner Bewährung zulassen (Urteil 6B_38/2013 vom 8. Juli 2013
E. 2.2.1).
C. Konkrete Strafzumessung
1. Sanktionsart
Vorliegend kommt angesichts des – nachfolgend zu erörternden – Verschuldens
und der Höhe der damit verbundenen Strafe hinsichtlich der Schändung lediglich
eine Freiheitsstrafe in Betracht. Bezüglich der sexuellen Belästigung ist von
Gesetzes wegen ausschliesslich eine Busse auszusprechen.
2. Schändung
2.1. In objektiver Hinsicht wirkt sich merklich verschuldenserschwerend aus,
dass der Beschuldigte eine beischlafsähnliche sexuelle Handlung vornahm, in-
- 34 -
dem er – ohne ein Kondom zu benutzen – sein erigiertes Glied zwischen den Po-
backen bzw. am Gesäss der Privatklägerin rieb, womit eine Tatvariante der
Schändung mit relativ hoher Eingriffsintensität involviert ist. Verschuldensmin-
dernd wirkt sich der Umstand aus, dass die Vornahme dieser Handlung von ledig-
lich sehr kurzer Dauer war, wobei es allerdings die Privatklägerin war, welche ihn
von der Fortsetzung seines Tuns abhielt, was sich wiederum verschuldenserhö-
hend auswirkt. Der Beschuldigte nutzte die Gastfreundschaft der Privatklägerin
skrupellos aus und missbrauchte sie in ihrer eigenen Wohnung in ihrem Schlaf-
zimmer ungeachtet des von ihr vorgängig klar geäusserten Willens, was von be-
sonderer krimineller Energie zeugt. Immerhin ist nicht davon auszugehen, dass er
den Missbrauch bereits vorgängig geplant und die Privatklägerin dafür gezielt zum
Konsum alkoholischer Getränke motiviert hätte. Vielmehr scheint er sich eher
spontan hierzu entschlossen zu haben. In Anbetracht sämtlicher Umstände er-
scheint die objektive Tatschwere vor dem Hintergrund des sehr weiten Strafrah-
mens als gerade noch leicht, was eine Einsatzstrafe im Bereich von 12 Monaten
rechtfertigt.
2.2. Subjektiv ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte rein egoistisch zur
eigenen Lustbefriedigung handelte, wobei er darum wusste, dass die
Privatklägerin schlief und nahm zumindest in Kauf, dass sie entsprechend keinen
Abwehrwillen bilden bzw. ausdrücken konnte. Dieses eventualvorsätzliche
Handeln ist ihm leicht verschuldensmindernd anzurechnen. Zu seinen Gunsten ist
ferner von einer gewissen enthemmend wirkenden Alkoholisierung auszugehen,
welche moderat zu seinen Gunsten zu berücksichtigen ist. Sein Verschulden ist
nach der Würdigung der subjektiven Tatschwere insgesamt als noch leicht zu
qualifizieren. Die erörterten Umstände vermögen eine Reduktion der Einsatzstrafe
auf 10 Monate zu rechtfertigen.
3. Sexuelle Belästigung
3.1. Hinsichtlich der massgebenden jeweils zu Lasten der Privatklägerin vor-
genommenen sexuellen Belästigung wirkt einerseits in objektiver Hinsicht ver-
schuldenserschwerend, dass er mit einer gewissen Unbelehrbarkeit mehrere
Handlungen an ihr vornahm. Andererseits wirkt sich strafschärfend aus, dass er
- 35 -
ungeachtet des von ihr vor dem Zubettgehen klar geäusserten Willens sowie der
Tatsache, dass sie ihm kurz davor seinen erigierten Penis weggedrückt hatte,
Gegendruck ausübte und sich auch durch das Hochziehen der Pyjamahose
weiter gegen sein Vorgehen zur Wehr setzte, handelte, was von besonderer
krimineller Energie zeugt. In objektiver Hinsicht erweist sich sein Verschulden als
keineswegs leicht.
3.2. Der Beschuldigte handelte wiederum rein egoistisch zur eigenen Lust-
befriedigung, wobei er direktvorsätzlich handelte. Moderat zu seinen Gunsten ist
wiederum eine gewisse enthemmend wirkende Alkoholisierung zu
berücksichtigen. Insgesamt vermag die subjektive Tatschwere die objektive leicht
zu relativieren, womit sein Verschulden in Bezug auf die sexuelle Belästigung
insgesamt als nicht leicht einzustufen ist.
4. Täterkomponente
4.1. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten ist
zu bemerken, dass er am tt. Dezember 1991 geboren wurde und mit zwei
Geschwistern bei seinen Eltern aufwuchs. Nach Absolvierung der obligatorischen
Schulzeit schloss er eine Ausbildung als Fachmann Betriebsunterhalt erfolgreich
ab. Seit mehreren Jahren arbeitet er bei der H._ als Betriebsleiter und erzielt
dabei ein Einkommen von Fr. 6'000.– pro Monat (inkl. 13. Monatslohn, Urk. 81
S. 3). Er ist weiterhin weder verheiratet, noch lebt er in einer Partnerschaft oder
hat er Kinder (Urk. 6/4 F/A 50, Prot. I S. 5; Urk. 81 S. 2 ff.). Die persönlichen Ver-
hältnisse des Beschuldigten wirken sich strafzumessungsneutral aus.
4.2. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 65), was sich ebenfalls straf-
zumessungsneutral auswirkt.
4.3. Sein Nachtatverhalten zeitigt ebenfalls keine Auswirkungen auf die Strafzu-
messung, zumal weder ein Geständnis vorliegt, noch eine besondere Kooperation
oder Reue erkennbar ist.
4.4. Nach Würdigung der Täterkomponente erweist sich hinsichtlich der Schän-
dung unverändert eine Strafe von 10 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen.
- 36 -
Daran sind ihm zwei Tage als durch Haft erstanden anzurechnen (vgl. Art. 51
StGB). Bezüglich der sexuellen Belästigung erweist sich unter Berücksichtigung
der aktuellen finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten eine Busse in der Höhe
von Fr. 1'000.– als angemessen.
5. Vollzug
Vorliegend bestehen keine Umstände, welche dagegen sprechen könnten, dass
sich der Beschuldigte nicht dauernd wohlverhalten dürfte. Mit der Vorinstanz
(Urk. 43 E. VI.3.-4.) kann dem Beschuldigten als Ersttäter deshalb der bedingte
Vollzug der Freiheitsstrafe gewährt werden, unter gleichzeitiger Ansetzung einer
zweijährigen Probezeit (Art. 42 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 44 Abs. 1
StGB). Die Busse ist – mangels gesetzlicher Grundlage für einen bedingten Voll-
zug (vgl. Art. 105 Abs. 1 StGB) – demgegenüber zu bezahlen. Bei schuldhafter
Nichtbezahlung droht dem Beschuldigten eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen
(vgl. Art. 106 Abs. 2 StGB).
6. Ergebnis der Strafzumessung
Der Beschuldigte ist mit einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten sowie einer Busse
im Betrag von Fr. 1'000.– zu bestrafen. Die Freiheitsstrafe wird unter Gewährung
einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben, demgegenüber die Busse zu be-
zahlen ist.
VI. Genugtuung
A. Rechtliche Grundlagen
Eine Genugtuung gemäss Art. 49 OR setzt eine Verletzung von Persönlichkeits-
rechten, eine immaterielle Unbill, voraus und kann nur zugesprochen werden,
wenn die Schwere der Verletzung nicht anders wiedergutzumachen ist
(BGE 131 III 26 E. 12.1.). Die Persönlichkeitsverletzung muss widerrechtlich sein,
d.h. es dürfen keine Rechtfertigungsgründe für den Eingriff vorliegen. Zu
berücksichtigen ist, wie der Verletzte in seiner besonderen Situation von der
objektiven Schädigung betroffen und in seiner konkreten Lebensführung
- 37 -
beeinträchtigt wird (Urteil 6S.232/2003 vom 17 Mai 2003, E. 2.1 = Pra 93/2004 Nr.
144). Nebst dem Vorliegen einer sog. immateriellen Unbill sowie der
Widerrechtlichkeit der Persönlichkeitsverletzung muss die Handlung des
Haftpflichtigen adäquat kausal für den Eingriff sein. Das Gesetz nennt als Mass
für die Höhe der Genugtuung ausschliesslich die Art und Schwere der
körperlichen und seelischen Verletzung, doch sind auch die Intensität und Dauer
der Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Betroffenen, die Möglichkeit, durch
eine Geldzahlung den seelischen Schmerz etwas auszugleichen (BGE 118 II 410
E. 2.a), in Erwägung zu ziehen (vgl. zum Ganzen: OFK-OR-FISCHER, Art. 49 OR
N 1 ff.).
- 38 -
B. Würdigung
1.1. Die Vertreterin der Privatklägerin verlangt im Berufungsverfahren die Zu-
sprechung einer Genugtuung im Betrag von Fr. 8000.– zuzüglich 5% Zins ab
5. September 2020 (Urk. 50 S. 2; Urk. 76 S. 1).
1.2. Seitens der Privatklägerin wird – auch im Berufungsverfahren – geltend
gemacht, dass sie in ihrer Persönlichkeit widerrechtlich verletzt worden sei. Die
Privatklägerin habe bereits bei der Polizei zu Protokoll gegeben, dass sie sich
leer, kalt und müde fühle. Sie habe nicht viel geschlafen, oft weinen müssen, nicht
arbeiten können und kaum gegessen. Bei der Staatsanwaltschaft habe sie dann
ausgesagt, dass sie Vertrauensprobleme habe, nicht mehr intim werden könne
und Angst habe, jemanden bei sich übernachten zu lassen. Sie habe ein
gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und besuche eine Therapie. Am
1. Dezember 2020 habe sie zu Frau I._, eidg. anerkannte Psychotherapeutin
ASP, gewechselt. Der eingereichte Bericht der Therapeutin I._ diagnostiziere
der Privatklägerin eine posttraumatische Belastungsstörung, welche durch das
Ereignis vom 5. September 2020 verursacht worden sei. In Bezug auf das Ver-
schulden des Beschuldigten sei darauf hinzuweisen, dass dieser das Vertrauen
der Privatklägerin schamlos ausgenutzt habe, um seine Lust zu befriedigen
(Urk. 27 Ziff. 13 ff.). Anlässlich der Berufungsverhandlung wies die
Privatklägervertretung darauf hin, dass es sich um einen gravierenden sexuellen
Übergriff gehandelt habe und die Privatklägerin immer noch schwerwiegende
Folgen davontrage (Urk. 76 S. 3 f.): So habe sie unter anderem an
Konzentrationsschwierigkeiten gelitten, ein Rückzugsverhalten entwickelt und den
Wohnort wechseln müssen; das Ereignis habe eine Zäsur im Leben der
Privatklägerin dargestellt. Des Weiteren reichte die Privatklägervertretung einen
aktuellen psychotherapeutischen Bericht der Therapeutin I._ vom
7. Oktober 2022 ein, aus dem hervorgeht, dass die Privatklägerin weiterhin bei
dieser in psychotherapeutischer Behandlung sei und Behandlungstermine im
Rhythmus von zwei bis drei Wochen wahrnehme. Weiter geht aus dem Bericht
hervor, dass die Privatklägerin sich im Vorfeld der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung labilisiert, im Nachgang aber wieder stabilisiert habe. Nachdem
- 39 -
das Berufungsverfahren eingeleitet worden sei, habe sich der Zustand der
Privatklägerin erneut verschlechtert und die Privatklägerin zeige ein stärkeres
Vermeidungsverhalten, insbesondere im Hinblick auf den Kontakt mit Männern.
Die Beschwerden der Privatklägerin liessen sich klar auf die an ihr vom
Beschuldigten verübten Handlungen zurückführen (vgl. Urk. 77/1a).
2. Der Beschuldigte liess vor Vorinstanz dagegen einwenden, dass die geltend
gemachte Genugtuung aufgrund der nicht nachgewiesenen Widerrechtlichkeit ab-
zuweisen sei (Urk. 30 S. 21). Ausserdem sei der Bericht nicht von einer unab-
hängigen Therapeutin verfasst worden und stelle bloss eine Parteibehauptung
dar, welche bestritten werde. Die Privatklägerin sei für die Voraussetzungen der
zivilrechtlichen Haftung vollbeweispflichtig. Es gelinge ihr jedoch nicht, diesen
Beweis zu erbringen (Prot. I S. 9 f.). Anlässlich der Berufungsverhandlung hielt
die Verteidigung an ihrem Standpunkt fest und machte erneut geltend, dass keine
gültige Diagnose betreffend die posttraumatische Belastungsstörung vorliege und
eine allfällige Kausalität nicht bewiesen sei (Prot. II S. 14).
3. Einhergehend mit der zutreffend Auffassung der Vorinstanz (Urk. 43
E. VII.5.) griff der Beschuldigte widerrechtlich und schuldhaft in die psychische
und sexuelle Integrität der Privatklägerin ein und verletzte sie dadurch in ihren
Persönlichkeitsrechten. Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
gemäss ICD-10 F43.1, welche klar auf die Schändung und sexuelle Belästigung
durch den Beschuldigten zurückzuführen ist, ist aktenkundig (Urk. 28/1a). Auch
unabhängig von der konkreten Diagnose bestehen bezüglich der schweren Beein-
trächtigungen, unter denen die Privatklägerin seit der Tat leidet, keine Zweifel: Die
Schändung und die sexuelle Belästigung durch den Beschuldigten hatte beträcht-
liche Auswirkungen auf das (Sexual-)leben und den psychischen Zustand der Pri-
vatklägerin, was sich auf eindrückliche Weise bereits anhand ihrer überzeugen-
den Aussagen zeigt (vgl. z.B. Urk. 4/2 S. 18), aber auch durch die Berichte ihrer
Psychotherapeutin vom 26. November 2021 sowie 7. Oktober 2022 belegt wird,
wonach die Privatklägerin noch Monate nach und wegen der Tat unter Flash-
backs, Angst und Alpträumen litt und in ihrem Alltag, insbesondere im Umgang
mit Männern, immer noch eingeschränkt ist (vgl. Urk. 28/1a S. 2; Urk. 77/1a). Der
- 40 -
erforderliche adäquate Kausalzusammenhang zwischen der vom Beschuldigten
begangenen widerrechtlichen Persönlichkeitsverletzung und den geltend gemach-
ten Folgen für die Privatklägerin ist gestützt auf diese Erwägungen zu bejahen,
zumal keinerlei Hinweise ersichtlich sind, dass es in der Vergangenheit zu ander-
weitigen traumatisierenden Einwirkungen auf die Privatklägerin gekommen wäre.
Die seitens der Vorinstanz vorgesehene Genugtuung erweist sich aufgrund der
gewonnenen Erkenntnisse als deutlich zu tief. Die Schwere der in Frage stehen-
den Persönlichkeitsverletzung lässt – auch im Quervergleich zu ähnlichen Fällen
– vielmehr eine Genugtuung im Betrag von Fr. 6'000.– zuzüglich Zins ab Ereig-
nisdatum als angemessen erscheinen. Im Mehrbetrag ist das Genugtuungsbe-
gehren der Privatklägerin abzuweisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
A. Vorinstanzliches Verfahren
1. Gestützt auf Art. 428 Abs. 3 StPO hat die Rechtsmittelinstanz von Amtes
wegen auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung zu befinden,
wenn sie selber ein neues Urteil fällt und nicht kassatorisch entscheidet. Gemäss
Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die Verfahrenskosten, wenn
sie verurteilt wird.
2. Ausgangsgemäss rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten die Kosten des
Vorverfahrens wie des vorinstanzlichen Verfahrens aufzuerlegen. Da sich der Be-
schuldigte in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet sind ihm – einher-
gehend mit der zutreffenden Auffassung der Vorinstanz (Urk. 43 E. IX.2.) – ge-
stützt auf Art. 426 Abs. 4 StPO auch die Kosten der unentgeltlichen Rechtsbei-
ständin der Privatklägerin aufzuerlegen.
B. Zweitinstanzliche Kosten- und Entschädigungsfolgen
1.1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob bzw. inwieweit eine
Partei im Sinne dieser Bestimmung obsiegt oder unterliegt, hängt davon ab, in
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welchem Ausmass ihre vor der zweiten Instanz gestellten Anträge gutgeheissen
werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_1344/2019 vom 11. März 2020 E. 2.2.
m.w.H.). Wird der Entscheid im Rechtsmittelverfahren nur unwesentlich abge-
ändert, können die Kosten nach dem Verursacherprinzip auferlegt werden (Urteil
6B_318/2016 vom 13. Oktober 2016 E. 4.1. m.w.H.).
1.2. Der Beschuldigte unterliegt im Berufungsverfahren beinahe vollständig. Bei
vorliegender Ausgangslage sind dem Beschuldigten auch die Kosten des
Rechtsmittelverfahrens – einschliesslich derjenigen unentgeltlichen Rechtsbei-
ständin der Privatklägerin (vgl. Art. 426 Abs. 4 StPO bzw. obenstehende E. A.2.)
– aufzuerlegen.
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist in Anwendung von
Art. 424 Abs. 1 StPO i. V. m. §§ 16, 2 Abs. 1 lit. b, c und d sowie 14 GebV OG
unter Berücksichtigung der Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie des
Zeitaufwands des Gerichts für dieses Verfahren auf Fr. 4'000.– festzusetzen. Der
geltend gemachte Aufwand bzw. die Kosten der unentgeltlichen Rechtsbeiständin
der Privatklägerin für das Berufungsverfahren im Betrag von Fr. 7'251.– (inkl.
MwSt.) (vgl. Urk. 73 S. 2) erweisen sich als angemessen. Unter Berücksichtigung
ihrer – teilweise bereits berücksichtigen – Aufwendungen im Rahmen der
Berufungsverhandlung ist die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin
mit Fr. 7'600.– (inkl. MwSt.) zu entschädigen.
3.1. Die Entschädigungsfrage folgt den gleichen Regeln wie der
Kostenentscheid. Es gilt der Grundsatz, dass bei Auferlegung der Kosten keine
Entschädigung oder Genugtuung auszurichten ist (Urteil des Bundesgerichtes
6B_802/2015 vom 9. Dezember 2015 E. 5.3; BGE 137 IV 352 E. 2.4.2).
3.2. Ausgangsgemäss ist dem Beschuldigten keine Entschädigung oder Genug-
tuung zuzusprechen.
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