# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 5ad3ba5e-3e01-4bba-a84b-b32eb7d2891c
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil vom 30. Januar 2018 (DG170022)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 20. Juli
2017 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 37).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 134 S. 64 ff.):
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung im
Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 12 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und mit
heute 578 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber den Privatklägern B._
und C._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzan-
spruches werden die Privatkläger B._ und C._ auf den Weg des Zivilpro-
zesses verwiesen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ eine Genugtuung von
Fr. 16'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 2. Juli 2016 zu bezahlen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger C._ eine Genugtuung von
Fr. 8'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 2. Juli 2016 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
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7. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 8'000.– Auslagen Vorverfahren
Fr. 6'221.60 Auslagen (Gutachten)
Fr. 750.– Auslagen Untersuchung
Fr. 675.50 Entschädigung Zeugen
Fr. 26'123.85 Kosten amtliche Verteidigung (inkl. Fr. 1'041.40 Bar-
auslagen und MwSt), davon bereits Fr. 15'000.– als Akontozahlung ausbezahlt
Fr. 15'989.70 Kosten unentgeltliche Rechtsvertretung des Privatklägers 1 (inkl. Fr. 499.30 Barauslagen und MwSt)
Fr. 11'080.65 Kosten unentgeltliche Rechtsvertretung des Privatklägers 2 (inkl. Fr. 138.90 Barauslagen und MwSt)
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung und diejenigen für die unentgeltlichen
Rechtsvertretungen der Privatkläger, werden dem Beschuldigten auferlegt.
9. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretungen
werden auf die Gerichtskasse genommen. Vorbehalten bleibt die Rückzahlungs-
pflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
10. (Mitteilungen)
11.-13. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 179 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Hinwil vom 30. Januar 2018 sei betreffend
Dispositiv-Ziffer 1., 2., 7. und 8. aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei stattdessen der (einfachen) versuchten eventualvor-
sätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB zum Nachteil von B._ sowie der fahrlässigen Körper-
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verletzung im Sinne von Art. 125 StGB zum Nachteil von C._ schuldig
zu sprechen.
3. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von maximal 6 Jahren zu be-
strafen.
4. Unter ausgangsgemässer Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl. MwSt.)
zu Lasten der Staatskasse.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 181 S. 1)
1. Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils betreffend den Schuldspruch ge-
mäss Urteil-Dispositiv Ziffer 1.
2. Bestrafung des Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren.
3. Die Kosten seien dem Beschuldigten aufzuerlegen, inklusive Kosten des Be-
rufungsverfahrens.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Am 2. Juli 2016 kam es um ca. 01.00 Uhr im Bahnhof D._/ZH zwischen
dem Beschuldigten A._ und den Privatklägern B._ und C._ zu einer
tätlichen Auseinandersetzung. Während der Beschuldigte diverse Schürfungen
und eine Beule bzw. einen Bluterguss an der Stirne davontrug, erlitten der Privat-
kläger 1 diverse Schnitt- und Stichverletzungen am Hals, im Torso und an der
Hand und der Privatklägers 2 eine Stichverletzung im Rücken unterhalb der Ach-
sel.
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1.2. Am 20. Juli 2017 erhob die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich beim
Bezirksgericht Hinwil Anklage gegen den Beschuldigten wegen mehrfacher ver-
suchter vorsätzlicher Tötung i.S.v. Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
(Urk. 37). Mit Urteil vom 30. Januar 2018 wurde der Beschuldigte anklagegemäss
schuldig gesprochen und mit einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren bestraft, wovon
578 Tage durch Haft erstanden waren (Urk. 134). Am 31. Januar 2018 liess der
Beschuldigte Berufung anmelden (Urk. 95).
1.3. Das begründete Urteil wurde dem Beschuldigten am 22. Mai 2018, den Pri-
vatklägern am 22. bzw. am 28. Mai 2018 und der Staatsanwaltschaft am 23. Mai
2018 zugestellt (Urk. 129). Am 11. Juni 2018 wurde die Berufungserklärung innert
der 20-tägigen Frist von Art. 399 Abs. 3 StPO erstattet (Urk. 136).
1.4. Die Staatsanwaltschaft erhob mit Eingabe vom 18. Juli 2018 Anschluss-
berufung und beantragte die Bestätigung des Schuldspruchs sowie die Bestra-
fung des Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren (Urk. 142). Der
Privatkläger 2 liess mit Eingabe vom 26. Juli 2018 auf Anschlussberufung ver-
zichten (Urk. 144), während sich der Privatkläger 1 innert gesetzter Frist nicht
vernehmen liess.
1.5. Mit Eingabe vom 4. Dezember 2018 legitimierte sich Rechtsanwalt lic. iur.
X._ als erbetener Verteidiger des Beschuldigten (Urk. 164). In der Folge
wurde der bisherige amtliche Verteidiger, Rechtsanwalt lic. iur. E._, mit Prä-
sidialverfügung vom 18. Dezember 2018 aus dem amtlichen Mandat entlassen
(Urk. 168).
1.6. Am 27. Mai 2019 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher der Be-
schuldigte in Begleitung seines erbetenen Verteidigers, Rechtsanwalt lic. iur.
X._, der Staatsanwalt lic. iur. A. Kaegi, die Vertreterin des Privatklägers 1,
Rechtsanwältin lic. iur. F._, sowie der Vertreter des Privatklägers 2, Rechts-
anwalt lic. iur. G._, erschienen (Prot. II S. 7). Vorfragen waren keine zu ent-
scheiden und – abgesehen von der Einvernahme des Beschuldigten (Urk. 178) –
auch keine Beweise abzunehmen (Prot. II S. 8 f.). Das Urteil erging im Anschluss
an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 17 ff.).
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2. Umfang der Berufung
2.1. Mit der Berufungsbegründung anlässlich der Berufungsverhandlung vom
27. Mai 2019 beschränkte die Verteidigung des Beschuldigten die Berufung aus-
drücklich auf den Schuldspruch der Vorinstanz (Disp. Ziff. 1) und die Sanktion
(Disp. Ziff. 2 und 3), sowie die Kostenauflage (Disp. Ziff. 8; Prot. S. 8; Urk. 179
S. 1).
2.2. Unangefochten und damit in Rechtskraft erwachsen ist das vorinstanzliche
Urteil somit hinsichtlich der grundsätzlichen Feststellung der Schadenersatzpflicht
und der den Privatklägern jeweils zugesprochenen Genugtuung (Disp. Ziff. 4-6),
der Kostenfestsetzung (Disp. Ziff. 7) sowie des Rückforderungsvorbehalts der
amtlichen Verteidigungskosten (Disp. Ziff. 9), was vorab mittels Beschluss festzu-
stellen ist.
3. Anklagegrundsatz
Die Verteidigung bringt vor, die Anklageschrift bewege sich nahe an der Grenze
der Verletzung des Anklagegrundsatzes. Es sei nicht festgehalten, wer den ersten
tätlichen Schritt gemacht habe, und die Zeitpunkte der Messerstiche seien zudem
nicht genauer im Sachverhaltsablauf beschrieben (Urk. 179 S. 6). Dem ist entge-
genzuhalten, dass der Beschuldigte genau wusste, welcher konkreten Handlun-
gen er beschuldigt wird, sodass eine angemessene Verteidigung möglich ist (vgl.
BGE 6B_492/2015 vom 2. Dezember 2015 E. 2.2 mit Hinweisen, nicht publ. in
BGE 141 IV 437). Die Umschreibung der Tat ist ausreichend präzis. Dementspre-
chend liegt keine Verletzung des Anklageprinzips vor.
II. Schuldpunkt
1. Allgemeine Beweisregeln
1.1. Vorab ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu den allge-
meinen Beweiswürdigungsregeln zu verweisen (vgl. Urk. 134 S. 5 f.). Erneut ist
festzuhalten, dass das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
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unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der
angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person günsti-
geren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
1.2. Gemäss dem in Art. 8 und 32 Abs. 1 BV sowie Art. 6 Ziff. 2 EMRK veranker-
ten Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Beschuldigten) ist bis zum
gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer straf-
baren Handlung Beschuldigte unschuldig ist (BGE 127 I 40, 120 Ia 31 E. 2b; BGer
6S.363/2006 vom 28. Dezember 2006 E. 4; Pra 2002 Nr. 2 S. 4 f. und Nr. 180
S. 957 f.).
1.3. Als Beweislastregel bedeutet dieser Grundsatz einerseits, dass es Sache
der Anklagebehörde ist, die Schuld des Beschuldigten zu beweisen, und dass
nicht dieser seine Unschuld nachweisen muss. Ein Beschuldigter darf nie mit der
Begründung verurteilt werden, er habe seine Unschuld nicht nachgewiesen
(BGE 127 I 38 E. 2a mit Hinweis).
1.4. Wenn allerdings ein Beschuldigter eine ihn entlastende Behauptung auf-
stellt, ohne dass er diese wenigstens in einem Mindestmass glaubhaft machen
kann, findet der Grundsatz in «dubio pro reo» keine Anwendung. Es tritt nämlich
insoweit eine Beweislastumkehr ein, als nicht jede aus der Luft gegriffene Schutz-
behauptung von der Anklagebehörde durch hieb- und stichfesten Beweis wider-
legt werden muss. Ein solcher Beweis ist nur dann zu verlangen, wenn gewisse
Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder eine natürliche Vermutung für die Rich-
tigkeit der Behauptung sprechen bzw. diese zumindest als zweifelhaft erscheinen
lassen, oder wenn der Beschuldigte sie sonst wie glaubhaft macht (vgl. OGer ZH,
SB160176-O/U vom 20. September 2016 E. III/3.3; Stefan Trechsel, SJZ 77
[1981] S. 320). Andernfalls könnte jede Anklage mit einer abstrusen Schutz-
behauptung zu Fall gebracht werden.
2. Sachverhalt
2.1. Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten, der Privatkläger und
der Zeugen in der Untersuchung und im erstinstanzlichen Verfahren ausführlich
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wiedergegeben. Sie beurteilte die Glaubwürdigkeit der einvernommenen Per-
sonen und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen schlüssig und zutreffend, weshalb,
um Wiederholungen zu vermeiden, auf diese verwiesen werden kann (Urk. 134
S. 7 ff., S. 20 ff., S. 36.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2.2. Folgerichtig ging die Vorinstanz davon aus, dass insbesondere die Aussa-
gen der damaligen Freundin des Beschuldigten, H._, zum Tatgeschehen
glaubhaft seien. Die Darstellung des Beschuldigten erachtete sie dagegen mit
nachvollziehbarer Begründung als wenig glaubhaft. Sie kam zum Schluss, dass
zu Gunsten des Beschuldigten davon auszugehen sei, dass ihn der Privatkläger 1
provoziert habe und es in der Folge zu einem nicht intensiv geführten Gerangel
zwischen ihm und dem Privatkläger 1 gekommen sei. In der Folge habe sich
H._ zwischen die Streithähne gestellt und "Nein Schatz, nicht!" gerufen.
Gleichwohl habe der Beschuldigte sein Taschenmesser eingesetzt und den Pri-
vatklägern die in der Anklageschrift beschriebenen Verletzungen zugefügt, wobei
er von den möglichen tödlichen Folgen gewusst und diese in Kauf genommen
habe.
2.3. Diesen Erwägungen der Vorinstanz ist vollumfänglich zuzustimmen. Hervor-
zuheben ist, dass der Beschuldigte zwar geltend machte, er habe den Privat-
klägern 1 und 2 aus dem Weg gehen wollen, weil ihm diese bereits im Zug aufge-
fallen seien (Prot. I S. 22). Demgegenüber liess er sich laut den Aussagen seiner
damaligen Freundin, H._, gleichwohl auf eine Konfrontation mit dem musku-
lösen und tätowierten Privatkläger 1 ein, nachdem dem ebenfalls sichtlich musku-
lösen Beschuldigten "Hey body, komm mal her!" oder "Hey Buddy, zeig mal deine
Muskeln!" nachgerufen worden sei (Urk. 13/1 S. 2, Urk. 13/3 S. 7). In der Folge
sei er auf die Privatkläger zugegangen (so H._, Urk. 13/3 S. 7), obwohl er
bereits an diesen schnell vorbeigelaufen sei (so der Beschuldigte in Urk. 12/1
S. 3).
2.4. Entgegen den Behauptungen des Beschuldigten lag weder in diesem Zeit-
punkt noch später eine Notwehrsituation vor. Er hat sich an dieser Konfrontation
aktiv beteiligt und ist auf den Privatkläger 1 zugegangen, obwohl ihm ein Ausweg
offen stand bzw. er an den Privatklägern bereits schnell vorbeigelaufen war. Dies
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bestätigte der Beschuldigte auch in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 20. Juli 2017 indirekt, als er ausführte, die Privatkläger hätten ihm zu keiner
Zeit den Weg versperrt (Urk. 12/2 S. 13; vgl. auch Urk. 178 S. 9). Anlässlich der
Berufungsverhandlung gestand er sodann auch ein, dass es sein könne, dass er
nach dem Zuruf "Hey body, komm mal her!" oder "Hey Buddy, zeig mal deine
Muskeln!" auf den Privatkläger 1 zugegangen sei (Urk. 178 S. 9).
2.5. In der Folge fand zunächst ein relativ harmloses Gerangel zwischen ihm und
dem Privatkläger 1 statt. Damit hatten beide Seiten gerechnet und konkludent
dazu eingewilligt.
2.6. Den Behauptungen des Beschuldigten, die Privatkläger seien nach diesem
ersten Gerangel ein weiteres Mal bedrohlich auf ihn zu gerannt und hätten ihn ge-
schlagen (Urk. 12/1 S. 4; Urk. 178 S. 10), wird von H._ glaubhaft widerspro-
chen. Sie führte aus, einer der Privatkläger sei auf den Beschuldigten zugekom-
men und habe diesen beleidigt, worauf der Beschuldigte "mega hässig" geworden
sei. Danach sei alles sehr schnell gegangen und alle seien [erneut] aufeinander
losgegangen (Urk. 13/3 S. 7). Der Beschuldige bestätigte, dass ihn der Privatklä-
ger 1 als "Hurensohn" beschimpft habe, was ihn sehr wütend gemacht habe (Prot.
I S. 33; Urk. 178 S. 10). Er habe dann gesagt: "Hurensohn sagst du mir nicht!"
(Urk. 178 S. 10). In der Folge stellte sich H._ zwischen den Beschuldigten
und den Privatkläger 1 und versuchte, diese voneinander fernzuhalten bzw. zu
trennen. Dabei rief sie: "Nei Schatz!" bzw. "Nein Schatz mach das nicht!"
(Urk. 16/2 S. 1, Urk. 16/3 S. 1). Damit meinte sie, dass der Beschuldigte das
Messer weglegen solle (vgl. Urk. 13/1 S. 2; Urk. 16/1 S. 2: "Ich habe mich zwi-
schen die Parteien gestellt und A._ aufgefordert, das Messer wegzutun. Ich
habe es nicht geschafft."). Mithin war der Beschuldigte unmittelbar dabei, das
Messer gegen den Privatkläger 1 einzusetzen, womit H._, welche als einzige
das Messer entdeckt hatte, nicht einverstanden war.
2.7. In jener Situation rechneten die Privatkläger einzig damit, dass das Gerangel
zwischen dem Privatkläger 1 und dem Beschuldigten in der bisherigen Weise
bzw. relativ harmlos fortgesetzt wird. Nach der erneuten Provokation des Privat-
klägers 1 setzte der Beschuldigte jedoch überraschend sein Messer ein und fügte
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dem Privatkläger 1 und dem herbei eilenden Privatkläger 2 die dokumentierten
und in der Anklageschrift aufgeführten Verletzungen zu. Die Behauptung des
Beschuldigten, er habe lediglich mit dem Messer herumgefuchtelt, findet in den
Akten keine Stütze. Weder die Privatkläger noch die Zeugen sahen ein Messer
(vgl. Urk. 14/1 S. 5, Urk. 14/2 S. 9, Urk. 15/2 S. 10, Urk. 16/1 S. 5, Urk. 16/2 S. 4,
Urk. 16/3 S. 2). Einzig H._ bemerkte das Messer, mit welchem der Beschul-
digte jedoch nach ihren plastischen und glaubhaften Angaben nicht herumfuchtel-
te, er hielt es vielmehr mit nach unten gestrecktem Arm in der Hand (Urk. 13/3
S, 12). Mit dem Messer wurde somit weder herumgefuchtelt noch wurde es zur
Verteidigung gegen einen Angreifer gerichtet, wie es in einer Notwehrsituation zu
erwarten gewesen wäre. Vielmehr hielt der Beschuldigte das Messer möglichst
unauffällig und für Dritte nicht erkennbar in der Hand (vgl. die von H._ de-
monstrierte Haltung in Urk. 13/2, Urk. 13/1 S. 6). Diese Pose lässt nur den
Schluss zu, dass er überraschend bzw. unvermittelt und wuchtig gegen den Kör-
per der Privatkläger stechen wollte. Zudem hat der Beschuldigte anlässlich der
Berufungsverhandlung ausgeführt, das Messer vor der eigentlichen Provokation
bzw. der Beschimpfung mit "Hurensohn" hervorgenommen zu haben (Urk. 178
S. 11). In diesem Zeitpunkt stand der Beschuldigte mit dem Rücken zu den Pri-
vatklägern. Ein Gerangel war nicht mehr im Gange. Der Beschuldigte hat somit
nicht in einer bedrohlichen Situation das Messer gezückt. Weder war ein tätlicher
Angriff im Gange noch stand einer unmittelbar bevor. Dies verdeutlicht weiter,
dass klar keine Notwehrlage vorlag.
2.8. Die abweichende Auffassung der Verteidigung vor Vorinstanz, wonach sich
die Stiche und Schnitte aus dem Gerangel heraus aufgrund des von allen Beteilig-
ten ausgeübten Drucks unwillkürlich ergeben hätten (vgl. Urk. 88 S. 21), erscheint
demgegenüber abwegig. Das Messer wurde für die anderen nicht sichtbar her-
vorgenommen und überraschend eingesetzt. Die deutlichen Stich- und Schnittver-
letzungen lassen sich mit den vom Beschuldigten behaupteten "Hin-und-Her-
Bewegungen" nicht erklären, die er gemacht haben will, um zu verhindern, dass
die Privatkläger ihm das Messer wegnehmen (Urk. 12/1 S. 4). Diesfalls hätte er
den Privatklägern das Messer gezeigt, sie dadurch auf Abstand gehalten und
das Messer von ihnen weggehalten, damit sie es ihm nicht hätten wegnehmen
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können. Es wäre eben gerade nicht zu solchen Stichverletzungen gekommen. Die
deutlichen Wunden lassen sich – entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 179
S. 8 f) – vielmehr nur mit geführten, wuchtigen Bewegungen erklären.
2.9. H._ hatte nach eigenen Angaben erst beim Weglaufen in der Unterfüh-
rung realisiert, dass das Messer eingesetzt worden war. Auf dem Heimweg teilte
sie dem Beschuldigten mit, dass es feige sei, jemanden mit dem Messer zu ver-
letzen. Dies könne jeder (vgl. Urk. 13/1 S. 2 f.). Demnach bestand für sie bis zu-
letzt kein Anlass zur Annahme, dass sich der Beschuldigte in einer bedrohlichen
Situation befunden hat, welche den Einsatz eines Messers gerechtfertigt hätte.
2.10. Mit der Vorinstanz ist zu Gunsten des Beschuldigten davon auszugehen,
dass es sich beim eingesetzten Messer um ein Taschenmesser handelte
(Urk. 134 S. 45), wenngleich es nicht sichergestellt wurde und zweifelhaft er-
scheint, dass der Beschuldigte ein solches Klappmesser öffnen konnte, ohne
dass dies von Dritten bemerkt wurde.
2.11. Zusammenfassend ist mit der Vorinstanz erstellt, dass der Beschuldigte
zunächst an den beiden Privatklägern vorbeilief, sich nach einer Provokation des
Privatklägers 1 umdrehte und zu diesem hinlief, worauf sich die beiden in relativ
harmloser Art und Weise bekämpften. Der Beschuldigte hätte sich vor wie auch
nach dem Gerangel ohne Weiteres vom Geschehen entfernen können. Gleich-
wohl nahm er unbemerkt ein Messer hervor, hielt dieses vor den Privatklägern
versteckt, um es bei der Fortsetzung des Gerangels bzw. nach einer weiteren
Beschimpfung durch den Privatkläger 1 unvermittelt einzusetzen. Seine Freundin,
H._, bemerkte dies und wollte ihn mit dem Satz "Nein, Schatz, nicht" davon
abhalten, was ihr jedoch nicht gelang. In der Folge stach der Beschuldigte wuch-
tig – für solche Verletzungen (Durchtrennen der Halsschlagader) muss ein gewis-
ser Kraftaufwand vorgenommen werden – gegen den Torso und den Hals des
Privatklägers 1 bzw. gegen den Rücken unter der Achsel des Privatklägers 2.
Dadurch erlitten die Privatkläger die in der Anklageschrift aufgeführten, erheb-
lichen Verletzungen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Verletzungen an der
rechten Hand des Privatklägers 1 von dessen Abwehrbewegungen gegen das
eingesetzte Messer stammen. Mithin lag weder eine Notwehrsituation vor noch
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erfolgten die Verletzungen der Privatkläger zufällig bzw. unwillkürlich im Rahmen
eines Gerangels.
2.12. Die Verteidigung bringt weiter vor, die Verletzung des Privatklägers 2 werde
im medizinischen Gutachten nicht klar als Stichverletzung qualifiziert. Sie könne
ebenso gut als Schnittverletzung bezeichnet werden (Urk. 179 S. 11). Das Gut-
achten des Instituts für Rechtsmedizin stützt sich unter anderem auf den Notfall-
bericht des Spitals I._ vom 2. Juli 2016, welcher von einer Stichverletzung
spricht (Urk. 7/2 S. 2). Unter dem Titel "Anamnese und Rechtsmedizinische Un-
tersuchung" wird sodann im Gutachten festgehalten, dass der Privatkläger 2 an
der linken Brustkorbaussenseite, auf Höhe der hinteren Achsellinie, eine glatt-
randige, etwa in Körperlängsachse verlaufende, ca. 1,2 cm lange, etwas klaffen-
de, nicht blutende Haut - und Unterhautfettgewebsdurchtrennung mit spitz zulau-
fenden Wundwinkeln aufwies (Urk. 7/2 S. 3). Das Gutachten kommt sodann zum
Schluss, aufgrund der Wundmorphologie handle es sich dabei um eine "Stich-
(Schnitt-) Verletzung" (Urk. 7/2 S. 4). Gestützt auf diese Ausführungen kann als
erstellt betrachtet werden, dass es sich bei der Verletzung des Privatklägers 2
um eine Stichverletzung gehandelt hat, wie dies dem Beschuldigten auch in der
Anklageschrift vorgeworfen wird (vgl. Urk. 37 S. 2 f.).
2.13. Was ein Täter wusste, wollte oder in Kauf nahm, betrifft sog. innere Tatsa-
chen und ist damit zwar eine Tatfrage. Da sich diese inneren Tatsachen bei nicht
geständigen Tätern regelmässig nur gestützt auf äusserlich feststellbare Indizien
und Erfahrungsregeln ermitteln lassen, die Rückschlüsse von den äusseren Um-
ständen auf die innere Einstellung des Täters erlauben (Urteil des Bundesgerich-
tes 6S.133/2007 vom 11. August 2008 E. 2.4), und die Beurteilung, ob im Lichte
dieser äusseren Umstände der Schluss auf Vorsatz bzw. Eventualvorsatz be-
gründet ist, eine Rechtsfrage darstellt, ist das Bestehen eines Vorsatzes bzw.
Eventualvorsatzes nachfolgend im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu beurtei-
len (vgl. BGE 133 IV 1 E. 4.1; BGE 130 IV 58 E. 8.5; BGE 125 IV 242 E. 3c, je
m.H.)
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III. Rechtliche Würdigung
1. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur Tötung i.S.v. Art. 111
StGB sowie die theoretischen Grundlagen zum Vorsatz sowie zum Versuch unter
Hinweis auf Lehre und Rechtsprechung sorgfältig erörtert und grundsätzlich zu-
treffend gewürdigt (Urk. 134 S. 26 ff.). Auf diese Erwägungen kann zwecks Ver-
meidung von Wiederholungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nach-
folgenden Erwägungen verstehen sich als Hervorhebungen und Präzisierungen:
2. Vorab ist festzuhalten, dass der Beschuldigte im Moment des Zückens des
Messers nicht in Bedrängnis war. Die Erwägung der Vorinstanz, es könne nicht
ganz ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte aus Angst oder zum Schutz
der eigenen Person handelte (Urk. 134 S. 30), widerspricht sie selbst, wenn sie
ausführt, dies sei eine Schutzbehauptung des Beschuldigten (Urk. 134 S. 33 f.).
Präzisierend ist festzuhalten, dass dem Beschuldigten zu jeder Zeit der Weg zum
Ausgang offen stand und er genügend Gelegenheiten hatte, dem Streit auszuwei-
chen. Stattdessen kehrte er nach dem Ruf der Privatkläger zu diesen zurück und
liess sich bewusst auf ein Gerangel mit dem Privatkläger 1 ein. Offenkundig unzu-
frieden mit dem Ausgang des ersten Gerangels und nach eigenen Angaben noch
vor dieser weiteren Provokation (Urk. 178 S. 11) zückte er das Messer, welches
er nicht etwa zur Abwehr vor sich, sondern unauffällig auf Hosentaschenhöhe
hielt, so dass es ausser H._ keine weitere Person bemerkte. Dadurch wollte
er den Privatkläger 1 nach der Fortsetzung des Gerangels durch den Messerein-
satz überraschen. Er ging dabei abwartend und planmässig vor, wobei er wusste,
dass die Privatkläger unbewaffnet waren. Mit der Art, in der er das Messer hielt,
offenbarte er auch, dass er sich im Tatzeitpunkt nicht in einer Notwehrlage wähn-
te. Sein Verhalten war offensichtlich auf einen überraschenden Angriff seinerseits
ausgerichtet. Nach eigenen Angaben war der Auslöser für die zweite Runde des
Gerangels die Beschimpfung als Hurensohn, womit er selbst nicht von einem tät-
lichen Angriff auf ihn ausging. Er wähnte sich mithin selbst nicht in einer Notwehr-
lage, weshalb ihm mangels des subjektiven Rechtfertigungselementes auch kein
Notwehrexzess zugute gehalten werden kann. Schliesslich schilderte H._,
dass der Beschuldigte das Messer bereits hervorgenommen und dergestalt gehal-
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ten habe, bevor er vom Privatkläger 1 provoziert worden sei (Urk. 13/1 S. 6). Ers-
teres bestätigte der Beschuldigte sodann auch anlässlich der Berufungsverhand-
lung (Urk. 178 S. 11). Zudem ist erstellt, dass die Zeugin H._ sich zwischen
die Streithähne gestellt hat, was ebenfalls nicht für die Sachverhaltsbehauptung
des Beschuldigten spricht, wonach er sich und seine Freundin nur habe beschüt-
zen wollen. Dementsprechend ist – entgegen der Ansicht der Verteidigung
(Urk. 179 S. 11 f.) – nicht davon auszugehen, dass der Beschuldigte das Messer
aus einer gewissen Angst heraus zum Schutz und zur Abschreckung hervorge-
nommen hat.
3. Die Behauptung des Beschuldigten, er habe zufolge eines Schlages auf den
Kopf nicht mehr realisiert, was geschehen sei bzw. ein Blackout erlitten, ist ange-
sichts seines zielgerichteten Verhaltens als offensichtliche Schutzbehauptung zu
werten. Die Vorinstanz wies zu Recht darauf hin, dass der Beschuldigte diesfalls
nicht in der Lage gewesen wäre, den Kampf fortzusetzen und zuzustechen, son-
dern ohnmächtig geworden wäre (Urk. 134 S. 41). An dieser Einschätzung ändert
auch der Umstand nichts, dass der Beschuldigte selbst aus dem früheren Ge-
rangel eine Beule bzw. einen Bluterguss davongetragen haben mag. So konnte er
nach dem Zustechen schnell weglaufen und unterhielt sich mit H._ über das
Geschehene, wobei er ihr mitteilte, dass er die beiden wohl am Oberkörper getrof-
fen habe und dass das Messer nicht tief in den Körper gegangen sei (so H._,
Urk. 13/1 S. 3). Mit anderen Worten war ihm unmittelbar nach der Tat sehr wohl
bewusst, was er getan hatte. Ein Blackout konnte er mithin nicht gehabt haben.
4. Aufgrund der gesamten Situation ist davon auszugehen, dass der Beschul-
digte sich vor seiner anwesenden Freundin gedemütigt fühlte, als er mit "Huren-
sohn" beschimpft wurde. Er wollte als Sieger aus der Fortsetzung des Gerangels
hervorgehen, zumal bis jetzt niemand erkennbar die Oberhand erlangt hatte. Hier-
für wollte er den Privatkläger 1 mit dem überraschenden Einsatz des Messers
wohl primär kampfunfähig machen. Ein direkter Tötungsvorsatz lässt sich unter
den gegebenen Umständen nicht mit rechtsgenügender Sicherheit nachweisen.
Gleichwohl ist offensichtlich, dass Stiche und Schnitte am Hals und in den Torso
ohne Weiteres zum Tode führen können, was auch dem Beschuldigten bewusst
- 15 -
gewesen sein musste. Er nahm daher mit dem Einsatz des Messers den Tod des
Privatklägers 1 in Kauf. Daher ist mit der Vorinstanz von Eventualvorsatz auszu-
gehen. Dies beanstandet auch die Verteidigung nicht (Urk. 179 S. 12 f.).
5. Gleiches gilt auch beim Messereinsatz gegenüber dem Privatkläger 2. Letz-
terer war – zumindest vorerst – nicht der primäre Kontrahent des Beschuldigten.
Vielmehr hielt er den Privatkläger 1 zunächst zurück und mischte sich erst zum
Schluss ein. Der Beschuldigte sagte indes aus, ganz am Schluss habe der Privat-
kläger 2 ihn ebenfalls angegriffen (vgl. Urk. 12/2 S. 8 f.). Dementsprechend waren
aus Sicht des Beschuldigten beide Privatkläger Gegner und er hat das Messer
bewusst gegen beide eingesetzt. Dabei wurde der Privatkläger 2 vom Beschuldig-
ten in den Rücken gestochen und erlitt eine gut einen Zentimeter lange und eine
ebenso tiefe Haut- und Unterhautfettgewebedurchtrennung. Auch wenn diese
Verletzung deutlich harmloser erscheint als jene des Privatklägers 1, ist nicht da-
von auszugehen, dass sich der Beschuldigte hier zurückhielt bzw. weniger stark
zustach. Es blieb schlicht dem Zufall überlassen, dass ihm keine schwerere Wun-
de zugefügt wurde. Auch hier ist davon auszugehen, dass ein Stich mit einem
Messer gegen den Oberkörper einer Person tödlich sein kann. Dies musste dem
Beschuldigten bei seinem Handeln abermals bewusst gewesen sein und er nahm
die mögliche Todesfolge in Kauf. Der Beschuldigte handelte somit auch dies-
bezüglich eventualvorsätzlich.
6. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit seinem Ver-
halten den Tatbestand der mehrfach versuchten, eventualvorsätzlichen Tötung
i.S.v. Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 22 StGB erfüllte. Dieser Tatbestand kon-
sumiert gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung die vollendete schwere
Körperverletzung (BGE 137 IV 113 E. 1.5), worauf bereits die Vorinstanz zu Recht
hinwies (Urk. 134 S. 38 f.). Es liegen keine Rechtfertigungs- oder Schuld-
ausschlussgründe vor (vgl. Ziff. III 2 f.; Urk. 134 S. 39 ff.).
- 16 -
IV. Strafzumessung
1. Anwendbares Recht
1.1. Am 1. Januar 2018 sind die neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils
des Strafgesetzbuches (Änderung des Sanktionenrechts) in Kraft getreten (AS
2016 1249 ff.). Der Beschuldigte hat die zu beurteilende Straftat vor Inkrafttreten
des revidierten Rechts verübt. Nach Art. 2 Abs. 1 StGB wird nach neuem Recht
nur beurteilt, wer nach dessen Inkrafttreten ein Verbrechen oder Vergehen be-
gangen hat. Hat der Täter ein Verbrechen oder Vergehen vor Inkrafttreten des
neuen Rechts begangen, erfolgt die Beurteilung aber erst nachher, ist das neue
Recht anzuwenden, wenn es für den Täter milder ist (Art. 2 Abs. 2 StGB).
1.2. Wie sich nachfolgend ergibt, ist der Beschuldigte mit einer mehrjährigen
Freiheitsstrafe zu bestrafen. In diesem Bereich erweist sich das neue Recht nicht
als milder, weshalb das alte, zum Tatzeitpunkt geltende Sanktionenrecht anzu-
wenden ist.
1.3. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit 12 Jahren Freiheitsstrafe.
Die Staatsanwaltschaft verlangt mit ihrer Berufung die Ausfällung von 14 Jahren
Freiheitsstrafe (Urk. 142; Urk. 181 S. 1). Der Beschuldigte liess anlässlich der
Berufungsverhandlung eine Reduktion der Freiheitsstrafe auf maximal 6 Jahre
beantragen (Urk. 179 S. 1).
2. Allgemeine Strafzumessungsgrundsätze und Strafrahmen
2.1. Die allgemeinen Regeln und Kriterien der Strafzumessung sowie der mass-
gebliche Strafrahmen werden im vorinstanzlichen Urteil unter Hinweis auf
Rechtsprechung und Lehre zutreffend und umfassend wiedergegeben (Urk. 134
S. 42 ff.), worauf zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden
kann.
2.2. Zur objektiven Tatschwere bei Tötungen ist gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung zu berücksichtigen, dass Art. 111 StGB das Leben eines Men-
schen schützt, mithin das höchste aller Rechtsgüter. Der mit der Tötung als sol-
- 17 -
cher verbundene Unrechtsgehalt kann jedoch, anders als bei einer Körperver-
letzung, nicht abgestuft werden, sodass aus der Rechtsgutverletzung allein nichts
für die Strafzumessung abzuleiten ist. Die objektive Tatschwere bestimmt sich
damit vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Die objektive Tat-
schwere ist nicht nur anhand des äusseren Tatablaufes und der unmittelbaren
Vorbereitungshandlungen zu bewerten, da eine solche – aus jeglichem Kontext
gelöste – Betrachtung mit der tatbeständlichen Struktur der Tötungsdelikte nicht
vereinbar ist. Subjektive Merkmale wie Motive, Beweggründe und Absichten des
Beschuldigten sind implizit auch beim Grundtatbestand (Art. 111 StGB) mass-
geblich, wenn es um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades der Tat
geht. Dieser bestimmt sich anhand aller Tatkomponenten, die einem gesetzlichen
Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind. Entsprechend sind subjektive Merkmale
nach der Konzeption der Tötungstatbestände bei der Strafzumessung von Beginn
weg zu berücksichtigen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_1038/2017 vom 31. Juli
2018 E. 2.6.1).
3. Einsatzstrafe: Versuchte Tötung zum Nachteil des Privatklägers 1
3.1. Vorliegend erfolgte die Tat im Rahmen eines spontanen Konflikts zwischen
dem Beschuldigten und dem Privatkläger 1. Beide waren sichtlich trainiert, wobei
der Beschuldigte im Gegensatz zu den Privatklägern 1 und 2 nüchtern (Urk. 10/5)
und damit deutlich reaktionsfähiger war, während der Privatkläger 1 unter dem
Einfluss von mindestens 1.35 ‰ (Urk. 11/4) und der Privatkläger 2 von mindes-
tens 2.4 ‰ (Urk. 11/8) Alkohol standen. Die Kontrahenten kannten sich vorgängig
nicht. Der Beschuldigte wich zwar den Privatklägern zunächst aus, doch war er
nach dem Vorbeilaufen aufgrund einer Provokation ohne Weiteres bereit, zu die-
sen zurückzukehren, um sich gegenseitig zu beschimpfen und zu prügeln. Dies
lässt auf eine grundsätzliche Bereitschaft zum Konflikt schliessen. Aus dieser
ersten Phase ging kein erkennbarer Sieger hervor und die Auseinandersetzung
hätte in diesem Zeitpunkt beendet sein können.
3.2. Nach dem ersten Gerangel und noch vor der erneuten Beschimpfung zückte
der Beschuldigte unbemerkt das Messer. Er setzte es einzig aus einem verletzten
Ehrgefühl heraus und um letztlich doch siegreich aus der Auseinandersetzung
- 18 -
hervorzugehen, unvermittelt und heftig gegen den Privatkläger 1 und gegen den
herbei eilenden Privatkläger 2 ein. Dem hatten die überraschten und angetrunke-
nen Privatkläger nichts entgegenzusetzen, so dass der Privatkläger 1 sehr erheb-
lich verletzt wurde und mehrfach notfallmässig unter Vollnarkose operiert werden
musste, ansonsten er verblutet wäre (Urk. 8/2 S. 3). Der Privatkläger 2 hatte mit
einer wenig tiefen Stichverletzung im Rücken unter der Achsel mehr Glück, be-
stand doch keine Lebensgefahr (Urk. 7/2 S. 5). Demgegenüber trug der Beschul-
digte aus der Auseinandersetzung im Wesentlichen lediglich Schürfungen und
eine Beule bzw. einen Bluterguss an der Stirn davon (Urk. 9/1 S. 3). Aus diesen
ungleich starken Verletzungen der Kontrahenten wird augenscheinlich, wie mas-
siv der Beschuldigte durch den unvermittelten Messereinsatz den beiden unbe-
waffneten Privatklägern überlegen war. Durch sein Verhalten liess der Beschul-
digte die grundsätzlich ungefährliche Situation bewusst und einzig aus verletztem
Stolz eskalieren. Sein Vorgehen ist mit der Vorinstanz als perfide zu bezeichnen
(Urk. 134 S. 45). Des Weiteren konnte er keinen nachvollziehbaren Grund ange-
ben, weshalb er überhaupt das Messer dabei hatte, benötigt man doch entgegen
seiner Darstellung (Prot. I S. 27) für das Öffnen von Champagnerflaschen kein
Taschenmesser. Wenn die Verteidigung diesbezüglich ausführt, es sei notorisch,
dass wohl tausende von in der Schweiz wohnhaften Personen einigermassen
regelmässig ein Taschenmesser auf oder bei sich tragen, ohne sich für eventuelle
Kämpfe zu wappnen (vgl. Urk. 179 S. 17), mag dies durchaus zutreffen. Indes ist
bezeichnend, dass der Beschuldigte dieses Taschenmesser ohne nachvoll-
ziehbaren Grund hervorgeholt und aufgeklappt hat, um es – bei einer erneuten
Auseinandersetzung – gegen die Kontrahenten einzusetzen.
3.3. Die Verletzungen des Privatklägers 1 erfüllen den objektiven Tatbestand der
schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB. Dabei ist zu beachten, dass die
Sanität nicht durch den Beschuldigten herbeigerufen wurde, sondern sich dieser
trotz der Stiche umgehend vom Tatort entfernte und die verletzten Privatkläger
ihrem Schicksal überliess. Nur dem beherzten Eingreifen des Zeugen J._
und der umgehenden Verständigung des Notrufs durch die Zeugin K._ ist es
zu verdanken, dass der Privatkläger 1 schnell versorgt wurde (vgl. Urk. 16/2 S. 1
- 19 -
und Urk. 16/3 S. 1). Damit konnten schwerwiegendere Folgen abgewendet wer-
den.
3.4. Zu berücksichtigen ist weiter, dass es nicht das Handlungsziel des Beschul-
digten war, den Privatkläger 1 zu töten. Gleichwohl nahm er durch seinen Ge-
waltexzess und die dadurch verursachten schweren Verletzungen die von ihm
geschaffene Lebensgefahr in Kauf. Er handelte mithin bloss eventualvorsätzlich,
was verschuldensmindernd zu berücksichtigen ist. Bei der Zufügung der Ver-
letzungen handelte er dagegen direktvorsätzlich.
3.5. Seine Beweggründe bleiben letztlich unverständlich, hielt er doch stets und
auch im Berufungsverfahren daran fest, lediglich aus Angst das Messer hervor-
genommen und aus der bedrohlichen Situation heraus gehandelt zu haben. Diese
Behauptungen sind jedoch – wie oben aufgeführt – widerlegt. Letztlich bleibt es
dabei, dass er aus Ärger über eine Beschimpfung bzw. über die Provokation und
damit aus einem nichtigem Anlass handelte, zumal der Beschuldigte der Situation
einfach hätte entgehen können, indem er den Platz mit seiner Freundin verlassen
hätte, wozu diese ihn sogar explizit aufgefordert hatte. Eine solche Messerattacke
stellt keinesfalls eine angemessene Reaktion auf eine solche Provokation dar.
3.6. Im Zusammenhang mit der subjektiven Tatschwere stellt sich die Frage, wie
weit dem Täter die objektiven Verschuldenselemente persönlich zugerechnet
werden darf. Dabei spielen je nach Tatbestand etwa die Willensrichtung, mit
welcher der Täter gehandelt hat, seine Beweggründe und Motive eine Rolle (BGE
129 IV 6 E. 6.1). Da die einschlägigen Gesichtspunkte bereits in die Beurteilung
der objektiven Tatschwere eingeflossen sind, ist auf die vorstehenden Erwägun-
gen zu verweisen. Erneut ist festzuhalten, dass der Beschuldigte eventualvorsätz-
lich handelte, was sich zu seinen Gunsten auswirkt. Nachdem er an jenem Abend
weder unter Alkohol- noch unter Drogeneinfluss stand, liegt mit der Vorinstanz
keine Einschränkung der Schuldfähigkeit vor.
3.7. Somit ist das Verschulden in Bezug auf die versuchte Tötung gegen den
Privatkläger 1 als insgesamt beträchtlich einzustufen, was bei einer vollendeten
- 20 -
Tötung eine hypothetische Einsatzstrafe bei 13 Jahren Freiheitsstrafe rechtfer-
tigen würde.
3.8. Da der tatbestandsmässige Erfolg nicht eintrat und der Privatkläger 1 den
vollendeten Tötungsversuch des Beschuldigten überlebte, ist die verschuldens-
unabhängige Tatkomponente der versuchten Tatbegehung zu gewichten. Das
Mass der zulässigen Strafreduktion beim vollendeten Versuch hängt u.a. von der
Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges und den tatsächlichen Folgen der Tat
ab. Mit der Beendigung der Stiche in den Hals und den Brustkorb des Privat-
klägers 1 hat der Beschuldigte alles getan, was er nach seiner Vorstellung zur
Herbeiführung des tatbestandsmässigen Erfolges, den Tod eines Menschen, für
notwendig hielt. Der Privatkläger 1 wurde derart schwer verletzt, dass für ihn eine
unmittelbare Lebensgefahr bestand und er nur dank der Erstversorgung durch
den Zeugen J._ und dem rechtzeitigen Eintreffen der Ambulanz überlebte.
Es lag somit nicht am Beschuldigten, dass der Erfolg nicht eingetreten ist. Eine
Reduktion der Einsatzstrafe auf 11 Jahre Freiheitsstrafe trägt diesem Strafminde-
rungsgrund ausreichend Rechnung.
3.9. Soweit die Vorinstanz weiter den Umstand der Provokation durch den Pri-
vatkläger 1 verschuldensmindernd würdigte (Urk. 134 S. 49 f.), erscheint dies
wohlwollend, ist jedoch vorliegend gleichwohl zu bestätigen. Es ist daran zu er-
innern, dass sich der Beschuldigte nicht nur provozieren liess, sondern aktiv auf
die Privatkläger zuging und sich seinerseits auf den Streit einliess. Dass der Be-
schuldigte nach dem relativ harmlosen Streit plötzlich ein Messer zücken und den
Privatkläger 1 schwer verletzen würde, erscheint als völlig unverhältnismässige
Reaktion. Aus diesem Grunde verneinte die Vorinstanz denn auch zu Recht den
Strafmilderungsgrund einer entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung i.S.v.
Art. 48 lit. c. StGB (Urk. 134 S. 50), ist doch die Reaktion des Beschuldigten kei-
neswegs nachvollziehbar bzw. entschuldbar.
3.10. Zusammenfassend erscheint angesichts des weiterhin beträchtlichen Ver-
schuldens des Beschuldigten eine Einsatzstrafe für die Verletzung des Privat-
klägers 1 von 10 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe angemessen.
- 21 -
4. Einzelstrafe: Versuchte Tötung zum Nachteil des Privatklägers 2
4.1. Vorab ist weitgehend auf die Ausführungen zur Einsatzstrafe zu verweisen,
erfolgte doch die Tat gegen den Privatkläger 2 im gleichen Kontext wie gegen den
Privatkläger 1. Ergänzend ist festzuhalten, dass der Privatkläger 2 den Privatklä-
ger 1 zunächst zurückhielt bzw. zu schlichten versuchte und nicht der primäre
Gegner des Beschuldigten war. Die Tat des Beschuldigten richtete sich somit
nicht in erster Linie gegen ihn. Erst nachdem der Beschuldigte das Messer ge-
zückt und überraschend auf den Privatkläger 1 eingestochen hatte, griff auch der
Privatkläger 2 ins Geschehen ein. Offenkundig veranlasste dies den Beschuldig-
ten, dem Privatkläger 2 einen Stich in den Rücken unter die Achsel zu versetzen.
Diese Verletzung erfüllt den objektiven Tatbestand der einfachen Körperver-
letzung, befand sich der Privatkläger 2 doch weder in Lebensgefahr noch besteht
eine bleibende Arbeitsunfähigkeit oder bleibende Entstellung. Gleichwohl ist fest-
zuhalten, dass ein Stich in den Torso eines Menschen durchaus geeignet sein
kann, diesen zu töten, und es im dynamischen Geschehen des Kampfverlaufes
durchaus zu tödlichen Verletzungen des Privatklägers 2 hätte kommen können,
was der Beschuldigte in Kauf nahm.
4.2. Auch hier ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte den Privatkläger 2
nicht direkt töten wollte. Er war von diesem auch nicht provoziert worden. Viel-
mehr muss es dem Beschuldigten darum gegangen sein, ihn von einer Unter-
stützung des Privatklägers 1 abzuhalten. Gleichwohl nahm er durch seinen Ge-
waltexzess und das Einstechen in den Oberkörper des Privatklägers 2 eine To-
desfolge in Kauf. Er handelte mithin bloss eventualvorsätzlich, was verschul-
densmindernd zu berücksichtigen ist. Bei der Zufügung der Verletzung handelte
er dagegen direktvorsätzlich.
4.3. Betreffend Motiv und subjektive Tatschwere ist ebenso wie betreffend Vor-
satz und Fehlen von Strafmilderungsgründen auf die Ausführungen zur Tat gegen
den Privatkläger 1 zu verweisen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die dem
Privatkläger 2 zugefügten Verletzungen nicht schwer waren. Da die Tat im glei-
chen Kontext geschah und sein Verschulden sich mit der gegen den Privatkläger
- 22 -
1 verübten Tat überschneidet, rechtfertigt es sich, für den Tötungsversuch zum
Nachteil des Privatklägers 2 eine Asperation um 3 Jahre vorzunehmen.
5. Täterkomponente
5.1. Persönliche Verhältnisse
In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die vo-
rinstanzlichen Erwägungen sowie die Akten verwiesen werden (Urk. 134 S. 53,
Urk. 10/2 S. 37 ff.). Sein Leben erscheint eher unauffällig. Er scheint sich in der
Schweiz gut integriert zu haben. Er hat mehrere Lehren als Kindererzieher be-
gonnen, welche er wegen des Entzugs des N-Ausweises bzw. aus Gründen nicht
abschliessen konnte, welche nicht in der Person des Beschuldigten lagen. An-
lässlich der Berufungsverhandlung ergänzte er, er arbeite momentan im Metall-
bau und sei auf der Warteliste für eine Ausbildung als Reifenpraktiker in der Ga-
rage im Gefängnis Pöschwies (Urk. 178 S. 2). Den persönlichen Verhältnissen
des Beschuldigten kann nichts entnommen werden, was bei der Strafzumessung
in massgeblicher Weise straferhöhend oder strafmindernd zu beachten wäre.
5.2. Vorstrafen
Der Beschuldigte verfügt über keine Vorstrafen (Urk. 138), was sich gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung im Rahmen der Strafzumessung neutral
auswirkt, denn Gesetzestreue und Wohlverhalten gelten als Normalfall (BGE 136
IV 1 E. 2.6).
5.3. Nachtatverhalten
5.3.1. Zu den Täterkomponenten gehört auch das Nachtatverhalten eines Täters.
Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren (wie zum Bei-
spiel Reue, Einsicht und Strafempfindlichkeit; vgl. BSK StGB I, 3. A., Basel 2013,
N 174 zu Art. 47 StGB). Ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines Täters
bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und Reue wirken straf-
mindernd. Aus der Rechtsprechung des Bundesgerichts ergibt sich, dass nur ein
ausgesprochen positives Nachtatverhalten zu einer erheblichen Strafreduktion
- 23 -
führen kann. Zu einem solchen gehört ein umfassendes Geständnis von allem
Anfang an und aus eigenem Antrieb, also nicht erst auf konkrete Vorwürfe hin
oder nach dem Vorhalt entsprechender Beweise. Die Berücksichtigung von Ge-
ständnissen im Rahmen der Strafzumessung beruht hauptsächlich auf zwei
Gründen. Zum einen kann das Geständnis (vorbehältlich seiner kritischen Prüfung
im Rahmen der freien richterlichen Beweiswürdigung) zur Vereinfachung und
Verkürzung des Verfahrens und zur Wahrheitsfindung beitragen. Zum andern
kann das Opfer bzw. die geschädigte Partei durch die Schuldanerkenntnis des
Täters bereits eine gewisse immaterielle Genugtuung erfahren. Ein Verzicht auf
Strafminderung kann sich allenfalls aufdrängen, wenn das Geständnis die Straf-
verfolgung nicht erleichtert hat, weil die Täterschaft ohnehin bereits überführt
gewesen wäre. Bei umfangreichen und prozessentscheidenden Geständnissen
kann die Strafreduktion nach der bundesgerichtlichen Praxis hingegen bis zu ei-
nem Drittel betragen (vgl. BGE 121 IV 202 E. 2d/cc). Schliesslich stellen auch
Einsicht ins Unrecht der Tat und Reue Strafminderungsgründe dar. Nur wenn all
diese Faktoren erfüllt sind, kann eine massgebliche Strafreduktion erfolgen. Feh-
len einzelne Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger stark zu reduzieren
(vgl. BGE 6B_974/2009 vom 18. Februar 2010, E. 5.4.).
5.3.2. Der Beschuldigte entfernte sich nach der Tat vom Tatort und überliess die
verletzten Privatkläger ihrem Schicksal. Dieses unmittelbare Nachtatverhalten
zeugt nicht von Einsicht oder Reue und ist im Ergebnis strafzumessungsneutral
zu würdigen.
5.3.3. Demgegenüber ist dem Beschuldigten zugute zu halten, dass er sich aus
eigenem Antrieb am nächsten Morgen der Polizei stellte. Zudem hat sich der
Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung aufrichtig reuig gezeigt. Er hat
sich auch mittels Entschuldigungsschreiben persönlich bei den Privatklägern
entschuldigt. Diese Umstände sind strafmindernd zu berücksichtigen.
5.3.4. Soweit die Vorinstanz dem Beschuldigten ein Teilgeständnis zugute hielt,
ist dieser Umstand zu relativieren. Es ist daran zu erinnern, dass der Beschuldigte
jegliche Verantwortung abstritt und im Kerngeschehen bis fast zuletzt sowohl ein
Blackout wie auch eine Notwehrsituation geltend machte. Ein Geständnis, wel-
- 24 -
ches die Strafuntersuchung in nennenswerter Weise vereinfacht hätte, kann ihm
daher nicht zugute gehalten werden. Der Umstand, dass er zur Situation vor und
nach der Tat sowie zu seinen persönlichen Verhältnissen umfassend Auskunft
gab, stellt entgegen der Ansicht der Vorinstanz keinen Umstand dar, der sich er-
heblich auf die Strafzumessung auswirken könnte. Nichts desto trotz hat sich das
Teilgeständnis sowie der Umstand, dass er die Zivilforderungen nicht mehr ange-
fochten hat, strafmindern auszuwirken.
5.3.5. Zusammenfassend ist unter dem Aspekt des Nachtatverhaltens eine Straf-
minderung von rund 1 1⁄2 Jahren angemessen.
5.4. Weitere Straferhöhungs- oder -minderungsgründe sind nicht ersichtlich.
6. Fazit
6.1. Zusammenfassend erscheint die vorinstanzlich ausgefällte Freiheitsstrafe
von 12 Jahren dem Verschulden des Beschuldigten angemessen.
6.2. Der Anrechnung der bisher erstandenen Untersuchungshaft und des vor-
zeitigen Strafvollzugs von 1060 Tagen steht nichts entgegen.
6.3. Angesichts der Dauer der Freiheitsstrafe entfällt die Möglichkeit des beding-
ten oder teilbedingten Vollzugs (Art. 42 StGB). Die Freiheitsstrafe ist zu voll-
ziehen.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Regelung der Kostenfolgen zu be-
stätigen.
2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
Fr. 3'000.– festzusetzen.
3. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Während der Beschul-
digte mit seiner Berufung vollumfänglich unterliegt, unterliegt die Staatsanwalt-
- 25 -
schaft mit der Anschlussberufung einzig hinsichtlich des beantragten Straf-
masses. Da es sich dabei jedoch um einen Ermessensentscheid handelt, sind die
Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Ver-
teidigung und der unentgeltlichen Vertretungen der Privatklägerschaft, dem Be-
schuldigten dennoch vollumfänglich aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen Ver-
teidigung und der unentgeltlichen Vertretungen der Privatklägerschaft im Beru-
fungsverfahren sind auf die Gerichtskasse zu nehmen. Vorbehalten wird die
Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
4. Die amtliche Verteidigung des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. E._,
reichte mit Eingabe vom 20. Dezember 2018 seine Honorarnote für die amtliche
Verteidigung im Berufungsverfahren bis zum Verteidigerwechsel ein. Die geltend
gemachten Aufwendungen und Auslagen sind ausgewiesen und erweisen sich als
angemessen. Dementsprechend ist Rechtsanwalt lic. iur. E._ mit
Fr. 3'184.50 (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
5. Auch die unentgeltlichen Vertretungen der Privatkläger 1 und 2, Rechts-
anwältin lic. iur. F._ und Rechtsanwalt lic. iur. G._, haben mit Eingaben
vom 17. Mai 2019 (Urk. 175 ff.) bzw. vom 27. Mai 2019 (Urk. 182/1-2) ihre
Honorarnoten eingereicht. Angesichts der konkreten Umstände erscheint eine
Entschädigung von pauschal je Fr. 3'000.– (inkl. MwSt.) als angemessen.
Rechtsanwältin lic. iur. F._ sowie Rechtsanwalt lic. iur. G._ sind ent-
sprechend aus der Gerichtskasse zu entschädigen.