# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 37f15a70-d592-4fb3-99d8-98901b472ace
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Schändung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Dietikon vom 25. März 2021 (DG210002)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 4. Januar 2021
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 15).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 39 S. 23 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist einer strafbaren Handlung nicht schuldig und wird freige-
sprochen.
2. Die Privatklägerin wird mit ihren Schadenersatz- und Genugtuungsansprüchen auf
den Zivilweg verwiesen.
3. Das Genugtuungsbegehren des Beschuldigten wird abgewiesen.
4. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten betragen:
Fr. 3'500.00 Gebühr Vorverfahren;
Fr. 42.50 Zeugenentschädigung
und werden inkl. diejenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Vertretung der Privatklägerin auf die Gerichtskasse genommen.
5. Rechtsanwältin MLaw Y._ wird für ihre Aufwendungen als amtliche Verteidige-
rin aus der Gerichtskasse mit Fr. 18'581.65 (inkl. Barauslagen und 7.7 % MwSt.)
entschädigt.
6. Rechtsanwalt MLaw X._ wird für seine Aufwendungen als unentgeltlicher Ver-
treter der Privatklägerin aus der Gerichtskasse mit Fr. 11'951.35 (inkl. Barauslagen
und 7.7 % MwSt.) entschädigt.
7. (Mitteilungen)
8. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 9 f.)
a) Der Vertretung der Privatklägerschaft:
(Urk. 78 S. 2 f.)
I. Rechtsbegehren
1. Es sei Ziffer 1 des vorinstanzlichen Urteils aufzuheben und der Berufungs-
beklagte der Schändung im Sinne von Art. 191 StGB schuldig zu sprechen.
2. Es sei Ziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils aufzuheben und der Berufungs-
beklagte im Sinne einer Teilklage mit Nachklagevorbehalt zu verpflichten,
der Berufungsklägerin Fr. 9'391.91 Schadenersatz zuzüglich 5% Zins p.a.
seit dem 20. Februar 2021 zu bezahlen.
3. Es sei Ziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils aufzuheben und der Berufungs-
beklagte zu verpflichten, der Berufungsklägerin Fr. 15'000.– Genugtuung
zuzüglich 5% Zins p.a. seit dem 19. Oktober 2019 zu bezahlen.
4. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zusätzlich Mehrwertsteuer-
zusatz zulasten des Berufungsbeklagten.
II. Rechtsbegehren zur Anschlussberufung
1. Es sei das Begehren um Abweisung der Zivilklage abzuweisen.
2. Es sei das Begehren um Zusprechung einer angemessenen Genugtuung an
den Beschuldigten abzuweisen.
3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zusätzlich Mehrwertsteuer-
zusatz zulasten des Berufungsbeklagten.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 80 S. 2)
1. Die Berufung der Privatklägerin vom 24. Dezember 2021 sei vollumfänglich
abzuweisen und der Beschuldigte sei in Bestätigung von Dispositiv-Ziffer 1
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des Urteils des Bezirksgerichts Dietikon vom 25. März 2021 (Geschäfts-
Nr. DG210002-M) von Schuld und Strafe freizusprechen.
2. Dispositiv-Ziffer 2 des Urteils des Bezirksgerichts Dietikon vom
25. März 2021 (Geschäfts-Nr. DG210002-M) sei aufzuheben und die Zi-
vilansprüche der Privatklägerin seien vollumfänglich abzuweisen.
3. Dispositiv-Ziffer 3 des Urteils des Bezirksgerichts Dietikon vom
25. März 2021 (Geschäfts-Nr. DG210002-M) sei aufzuheben und dem Be-
schuldigten sei eine angemessene Entschädigung in der Höhe von
Fr. 3'000.– aus der Staatskasse zuzusprechen.
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der amtli-
chen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin,
seien auf die Staatskasse zu nehmen.
c) Der Staatsanwaltschaft:
(schriftlich; Urk. 74)
(Berufungsrückzug)

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang, Berufungsumfang, Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Dietikon vom 25. März 2021 wurde der
Beschuldigte gemäss dem eingangs wiedergegebenen Urteilsdispositiv frei-
gesprochen. Gegen dieses Urteil erhoben die Staatsanwaltschaft mit Eingabe
vom 25. März 2021 und die Vertretung der Privatklägerschaft mit Eingabe vom
26. März 2021 Berufung (Urk. 29; Urk. 30). Das begründete Urteil wurde den
Parteien am 6. Dezember 2021 zugestellt (Urk. 38/1-3). Mit Eingaben vom 15.
Dezember 2021 und 24. Dezember 2021 reichten die Staatsanwaltschaft sowie
die Vertretung der Privatklägerschaft fristgerecht ihre Berufungserklärung beim
hiesigen Gericht ein (Urk. 41; Urk. 43).
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1.2. Mit Präsidialverfügung vom 29. Dezember 2021 wurde dem Beschuldigten,
der Privatklägerin und der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um hinsichtlich der
Berufung der Gegenpartei Anschlussberufung zu erheben oder begründet ein
Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 45). Mit Schreiben vom
4. Januar 2022 liess der Beschuldigte Anschlussberufung erklären (Urk. 47).
Sodann beantragte die Vertretung der Privatklägerin mit Schreiben vom 6. Januar
2022 unter anderem den Ausschluss der Öffentlichkeit an der Berufungs-
verhandlung (Urk. 49). Mit Präsidialverfügung vom 31. Januar 2022 wurde die
Anschlussberufungserklärung des Beschuldigten den übrigen Parteien zugestellt
und dem Beschuldigten sowie der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, zu den
Anträgen der Privatklägerin betreffend Ausschluss der Öffentlichkeit Stellung zu
nehmen (Urk. 51). Beide Parteien verzichteten auf Vernehmlassung (Urk. 53;
Urk. 55). Mit Präsidialverfügung vom 5. April 2022 wurde die Publikums-
öffentlichkeit von der Berufungsverhandlung ausgeschlossen, akkreditierte
Gerichtsberichterstatter wurden unter Auflagen zugelassen (Urk. 57).
1.3. Mit Eingabe vom 20. Juli 2022 liess die Privatklägerin ihre Verhandlungs-
unfähigkeit – mit ärztlichem Zeugnis – mitteilen und stellte ein Dispensationsge-
such für die anberaumte Berufungsverhandlung (Urk. 63; Urk. 64). Hierzu wurde
dem Beschuldigten sowie der Staatsanwaltschaft mit Präsidialverfügung vom
3. August 2022 Frist zur Stellungnahme angesetzt (Urk. 66), worauf die Parteien
verzichteten (Urk. 68; Urk. 70). Mit Präsidialverfügung vom 15. August 2022 wur-
de der Privatklägerin das persönliche Erscheinen zur Berufungsverhandlung er-
lassen (Urk. 72).
1.4. Mit Eingabe vom 22. August 2022 zog sodann die Staatsanwaltschaft ihre
Berufung zurück, wovon Vormerk zu nehmen ist (Urk. 74).
1.5. Am 1. September 2022 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher
der Beschuldigte in Begleitung seiner amtlichen Verteidigerin, Rechtsanwältin
MLaw Y._, sowie der unentgeltliche Vertreter der Privatklägerin, Rechtsan-
walt MLaw X._, erschienen sind (Prot. II S. 9). Vorfragen waren keine zu ent-
scheiden und – abgesehen von der Einvernahme des Beschuldigten (Urk. 76) –
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auch keine Beweise abzunehmen (Prot. II S. 11 f.). Das Urteil erging im An-
schluss an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 20 ff.).
2. Berufungsumfang
2.1. Die Privatklägerin beantragt in ihrer Berufung die Schuldigsprechung des
Beschuldigten sowie Schadenersatz und Genugtuung (Urk. 43). Ihre Berufung
richtet sich mithin gegen Dispositiv-Ziffern 1 und 2 des vorinstanzlichen Urteils.
Gegenstand der Berufung ist damit auch die Kostenregelung (Dispositiv-Ziffer 4).
Mit der Anschlussberufung lässt sodann der Beschuldigte die Dispositiv-Ziffern 2
und 3 des vorinstanzlichen Urteils anfechten. Unangefochten blieben die Ent-
schädigungen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Privatkläger-
vertretung (Dispositiv-Ziffern 5 und 6). In diesem Umfang ist der vorinstanzliche
Entscheid in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschlusses vorzumerken
ist (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 437 StPO).
2.2. Im Übrigen steht der angefochtene Entscheid zur Disposition.
3. Prozessuales (Befragung der Privatklägerin im Berufungsverfahren)
3.1. Eine unmittelbare Beweisabnahme hat im mündlichen Berufungsverfahren
gemäss Art. 343 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 405 Abs. 1 StPO zu erfolgen, wenn
die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die Urteilsfällung notwendig er-
scheint. Eine unmittelbare Beweisabnahme ist notwendig, wenn sie den Ausgang
des Verfahrens beeinflussen kann. Dies ist namentlich der Fall, wenn die Kraft
des Beweismittels in entscheidender Weise vom Eindruck abhängt, der bei seiner
Präsentation entsteht. Davon ist beispielsweise auszugehen, wenn es in beson-
derem Masse auf den unmittelbaren Eindruck einer Zeugenaussage ankommt, so
etwa, wenn Aussage gegen Aussage steht. Das Gericht verfügt bei der Frage, ob
eine erneute Beweisabnahme erforderlich ist, über einen Ermessensspielraum
(BGE 144 I 234 E. 5.6.2 S. 239; 143 IV 288 E. 1.4.1 S. 290 f.; 140 IV 196 E. 4.4.1
und 4.4.2 S. 198 ff.; Urteil 6B_1408/2016 vom 20. Februar 2018 E. 1.4.1 mit
Hinweisen).
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Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung können auf Video aufgezeichnete
Einvernahmen genügen, um sich ein hinreichendes Bild von der Glaubwürdigkeit
der Auskunftsperson oder des Zeugen respektive der Glaubhaftigkeit deren
Aussagen zu verschaffen. Dies ist namentlich der Fall, wenn weitere Sachbewei-
se oder Indizien vorliegen und die einvernommene Person konstant und in sich
logisch konsistent aussagt (Urteil 6B_1265/2019 vom 9. April 2020 E. 1.2, nicht
publ. in BGE 146 IV 153). Das Bundesgericht hielt betreffend ein Vier-Augen-
Delikt fest, die Berufungsinstanz habe im Rahmen ihres Ermessens auf eine Ein-
vernahme der Belastungszeugin verzichten dürfen. Die polizeiliche und staatsan-
waltschaftliche Einvernahme sei audiovisuell aufgezeichnet worden und die Aus-
führungen wiesen eine hinreichend hohe Aussagequalität auf, die es erlaube, die
Schilderungen auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu überprüfen (vgl. Urteil 6B_612/2020
vom 1. November 2021 E. 2.4).
3.2. Die Privatklägerin A._ wurde am 14. Februar 2020 polizeilich (Urk. 6/1)
und am 4. August 2020 staatsanwaltschaftlich einvernommen (Urk. 6/2). Ihre
staatsanwaltschaftliche Befragung wurde audiovisuell aufgezeichnet (Urk. 6/3).
Von einer weiteren Befragung der Privatklägerin im Berufungsverfahren ist abzu-
sehen; dies insbesondere auch deshalb, weil die Privatklägerin gemäss ärztli-
chem Zeugnis verhandlungsunfähig ist und ein Dispensationsgesuch einreichte
(Urk. 63; Urk. 64). Eine Auseinandersetzung mit ihrem Aussageverhalten ist ge-
stützt auf die im Untersuchungsverfahren protokollierten Aussagen ohne deren
unmittelbare Kenntnisnahme vor Berufungsgericht möglich. Soweit für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen allenfalls deren nonverbales Verhalten
hilfreich ist, ist dies in der mehrstündigen Videobefragung gut dokumentiert. Die
Privatklägerin wurde von der Staatsanwaltschaft eingehend befragt. Sie gab das
aus ihrer Sicht Erlebte weitestgehend in freier Rede bzw. spontan und authentisch
wieder (Urk. 6/3). Die Videoaufzeichnungen vermögen dem Gericht mithin einen
ausreichenden persönlichen Eindruck vom Aussageverhalten der Privatklägerin
zu vermitteln. Sie erlauben, die Einvernahme und die Reaktionen der befragten
Privatklägerin genau zu verfolgen. Wie noch zu zeigen sein wird, liegen zudem
Zeugenaussagen der Zeuginnen C._, D._ und E._ sowie des Zeu-
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gen F._ (act. 7/1-5), wie auch die Befragung diverser polizeilicher Auskunfts-
personen (act. 7/6-10) – welche nicht zulasten des Beschuldigten verwertbar sind
– vor. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sämtliche Drittpersonen
zum Tatvorwurf an sich keine Angaben machen konnten, sondern ausschliesslich
zum Zustand der Privatklägerin vor und nach dem Geschehen. Als weitere Be-
weismittel liegen eine WhatsApp-Konversation zwischen dem Beschuldigten und
der Privatklägerin vom 19. Oktober 2019 vor, in welcher sich die Privatklägerin
zum Vorfall äussert (Urk. 3/5 S. 1), sowie ein WhatsApp-Chatverlauf zwischen der
Privatklägerin und der Zeugin C._ (Urk. 3/5 S. 2 ff.). Insofern existieren indi-
rekte Beweismittel. Einzelne Widersprüche oder Abweichungen in den Aussagen
können gestützt auf die protokollierten Befragungen gewürdigt werden. Soweit die
amtliche Verteidigung in Ergänzungsfragen solche aufzuzeigen versuchte, nahm
die Privatklägerin dazu hinreichend Stellung (Urk. 6/2 S. 22 ff.). Weitere Diskre-
panzen, welche im Rahmen einer erneuten Befragung auszuräumen wären, lie-
gen keine vor. Im Übrigen erfordern widersprüchliche Aussagen nicht notwendi-
gerweise eine nochmalige Beweisabnahme vor Gericht (HAURI/VENETZ, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Bd. II, 2. Aufl. 2014, N. 24 zu
Art. 343 StPO). Zusammenfassend kann das Berufungsgericht auf die im Un-
tersuchungsverfahren erfolgten Befragungen abstellen, ohne die Privatklägerin
persönlich anzuhören.
II. Sachverhalt
1. Ausgangslage
1.1. Die Staatsanwaltschaft legt dem Beschuldigten Schändung zum Nachteil
der Privatklägerin zur Last. Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die Anklage-
schrift der Staatsanwaltschaft vom 4. Januar 2021 (Urk. 15) verwiesen werden.
1.2. Der Beschuldigte hat sowohl in der Untersuchung sowie im gerichtlichen
Verfahren diverse sexuelle Handlungen mit der Privatklägerin eingeräumt, auch
wenn er die sexuellen Handlungen nicht als solche bezeichnet haben möchte
(vgl. Prot. I S. 7). Andere bzw. weitere ihm vorgeworfene sexuelle Handlungen mit
der Privatklägerin hat er bestritten. Soweit die sexuellen Handlungen vom Be-
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schuldigten eingestanden werden, wird geltend gemacht, diese seien einver-
nehmlich und gegenseitig erfolgt (Urk. 5/1 S. 13, 16 ff.; Urk. 5/2 S. 5, 9 ff.; Prot. I
S. 7 f.; Urk. 76 S. 8 ff.). Somit bestreitet der Beschuldigte nicht, mit der Privatklä-
gerin diverse sexuelle Handlungen vollzogen zu haben. Strittig ist jedoch, ob die
Privatklägerin grundsätzlich zum Widerstand fähig war oder ob dies – für den Be-
schuldigten erkennbar – nicht der Fall war.
1.3. Mithin stellt sich zunächst die Frage, ob die Privatklägerin im Zeitpunkt der
sexuellen Handlungen vollständig widerstandsunfähig (im Sinne von Art. 191
StGB) war. Sofern die Frage bejaht werden kann, gilt es zu prüfen, ob der Be-
schuldigte diese Widerstandsunfähigkeit der Privatklägerin erkennen konnte und
er die sexuellen Handlungen im Bewusstsein um ihren Zustand vollzogen hat. Im
Weiteren wäre zu klären, welche sexuellen Handlungen sich mit den vorhandenen
Beweismitteln erstellen lassen.
1.4. Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundsätze der richterlichen Beweis-
würdigung dargelegt (Urk. 39 S. 6 ff.). Darauf kann verwiesen werden (Art. 82
Abs. 4 StPO), ebenso auf die Erwägungen zu den vorhandenen Beweismitteln,
deren Verwertbarkeit sowie zur Glaubwürdigkeit der befragten Personen (Urk. 39
S. 4 ff.).
1.5. Das rechtliche Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV verlangt, dass die Behörde
die Vorbringen des von einem Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen
auch tatsächlich hört, prüft und in ihrer Entscheidfindung berücksichtigt. Nicht er-
forderlich ist, dass sie sich mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinander-
setzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich bestätigt oder widerlegt. Viel-
mehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken
(BGE 146 IV 297 E. 2.2.7 S. 308 mit Hinweisen).
2. Aussagen des Beschuldigten
2.1. Der Beschuldigte machte Aussagen bei der Polizei, bei der Staatsanwalt-
schaft (Urk. 5/1-5) und vor Vorinstanz (Prot. I S. 6 ff.) sowie im
Berufungsverfahren (Urk. 76). Bei der polizeilichen Einvernahme verweigerte er
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auf einzelne Fragen immer wieder die Aussage (Urk. 5/1). Konstant schildert er,
die Privatklägerin und er hätten beide auf freiwilliger Basis sexuelle Handlungen
vorgenommen (Urk. 5/1 S. 13, 16; Urk. 5/2 S. 5, 9 ff.; Prot. I S. 8; Urk. 76 S 11 f.).
Die Privatklägerin habe ihre Hand auf seine Brust gelegt, und er habe sie dann
umarmt, um ihr warm zu geben (Urk. 5/2 S. 9; Urk. 76 S. 10). Die Privatklägerin
habe ihn gestreichelt – bzw. gekratzt – und sich "normal" verhalten (Urk. 5/1 S. 13
f.). Es stimme nicht, dass sie sich weggedreht und er sie gedrängt bzw. zu sich
gedreht habe. Die Privatklägerin habe gewusst, was sie wolle. Es sei geküsst und
gestreichelt worden. Die Privatklägerin sei auch auf ihn gestiegen, habe ihn
geküsst und ihn am Rücken gekratzt. Sie sei dominant gewesen (Urk. 5/1 S. 16,
18 f.; Urk. 5/2 S. 9 f., 16; Prot. I S. 7; Urk. 76 S. 11 f.). Er habe die Privatklägerin
auf den Mund und an den Brüsten geküsst. Auch habe er sie an den Brüsten mit
der Hand berührt. Es habe so ausgesehen, als würde sie es geniessen. Sie habe
sich erotisch bewegt (Urk. 5/1 S. 17 ff.; Urk. 5/2 S. 9 ff.; Prot. I S. 7). Sie habe ihn
auch auf den Mund geküsst, auch mit der Zunge (Urk. 5/2 S. 10; Prot. I S. 7;
Urk. 76 S. 11). Er stellt in Abrede, die Privatklägerin mit der Hand zwischen den
Beinen bzw. über den Schambereich gestrichen zu haben. Eine orale
Befriedigung habe es nicht gegeben; weder sei er mit dem Penis noch mit dem
Finger eingedrungen. Er habe nur die Pobacken und den Rücken berührt und
sein Bein sei zwischen ihren Beinen gewesen (Urk. 5/1 S. 20 ff.; Urk. 5/2 S. 11 ff.;
Prot. I S. 7 f.). Weiter streitet er ab, den Kopf der Privatklägerin nach unten zu
seinem Penis gedrückt zu haben. Ihm habe es nicht gefallen, als sie auf ihm
gesessen sei, daher habe er sie weggeschoben (Urk. 5/1 S. 21; Urk. 5/2 S. 17;
Prot. I S. 8). Er sei erregt gewesen, zum Samenerguss sei es aber nicht
gekommen (Urk. 5/1 S. 22; Urk. 5/2 S. 13 f., 19).
2.2. Zum Gemütszustand der Privatklägerin, als der Beschuldigte sie vor der
Haustüre angetroffen habe, schilderte er zunächst, dass die Privatklägerin auf ihn
einen verlorenen bzw. betrunkenen Eindruck gemacht habe. Sie habe nach Alko-
hol gerochen und ihm auch mitgeteilt, dass sie viel getrunken habe. Sie sei müde
gewesen. Sie sei in einem schlechten Zustand gewesen. Sie habe gesagt, dass
sie dort wohnen würde, obwohl das nicht habe stimmen können, bzw. sie habe
nicht mehr gewusst, wo sie wohne. Sie habe aber zusammenhängend und ver-
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ständlich Spanisch gesprochen (Urk. 5/1 S. 10 f., 16, 23, 27; Urk. 5/2 S. 3 f., 7 f.,
22; Prot. I S. 9; Urk. 76 S. 9). Im Zeitpunkt, als es zu den sexuellen Handlungen
gekommen sei, sei sie im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten gewesen
(Urk. 5/1 S. 16). Sie sei auf ihm gelegen und habe das Geschehen im Griff gehabt
(Urk. 5/1 S. 24). Er räumte indes bei der polizeilichen Einvernahme ein, dass sie
bei diesen Handlungen immer wieder weggedöst sei; er habe dann aber keine
sexuellen Handlungen an ihr vollzogen (Urk. 5/1 S. 23 f.). Bei der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme relativierte er diese Aussage indes wieder.
Es sei ja oft so, dass man beim Küssen kurze Pausen mache. Das habe nichts
mit Dösen zu tun (Urk. 5/2 S. 16). Er habe die Privatklägerin als sehr müde
wahrgenommen und ihr sei kalt gewesen. Dass sie komplett betrunken gewesen
sei, habe er so nicht wahrgenommen (Urk. 5/2 S. 20). Auch als sie die Wohnung
gemeinsam verlassen hätten, habe sie sich normal verhalten. Sie habe einmal
einen Brechreiz gehabt. Geschwankt oder so habe sie aber nicht, sie sei normal
gegangen (Urk. 5/1 S. 29; Urk. 5/2 S. 21; Prot. I S. 10).
3. Aussagen der Privatklägerin
3.1. Die Privatklägerin wurde zweimal befragt: anlässlich der polizeilichen Ein-
vernahme vom 14. Februar 2020 (Urk. 6/1) und bei der parteiöffentlichen
Befragung durch die Staatsanwaltschaft vom 4. August 2020 (Urk. 6/2). Letzte
wurde – wie erwähnt – audiovisuell aufgezeichnet (Urk. 6/3).
3.2. In der polizeilichen Einvernahme schilderte die Privatklägerin – zu Beginn
in freier Rede –, wie sie den besagten Abend, an welchem es in den frühen
Morgenstunden zum gegenständlichen Vorfall gekommen ist, verbracht hat.
Insbesondere erzählte sie vom übermässigen Alkoholkonsum und dass sie vom
Ende des Abends nur noch verschwommene Erinnerungen habe. Sie habe nicht
mehr richtig sprechen können und sei wohl getorkelt. Sie habe auch ihre Adresse
in G._ – an welcher sie seit rund zwei Wochen gewohnt habe – nicht mehr
gewusst. Sie habe Filmrisse (Urk. 6/1 S. 4, 10 ff.). Die nächste klare Erinnerung
habe sie dann, als sie im Bett des Beschuldigten aufgewacht sei, als er sie
berührt und geküsst habe (Urk. 6/1 S. 4). Sie habe nicht gewusst, wie sie da
hingekommen sei und wer dieser Mann sei. Sie sei völlig desorientiert gewesen.
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Es habe alles keinen Sinn gemacht. Sie sei total überfordert gewesen. Als sie
realisiert habe, was da passiere, was sie gar nicht gewollt habe, habe sie
angefangen, sich abzudrehen. Der Beschuldigte habe das aber ignoriert. Es sei
eine Art Ohnmacht gewesen, sie sei verzweifelt gewesen. Sie habe sich auch
schlafend gestellt und sei auch immer wieder weggedöst. Es sei alles nicht
wirklich real gewesen (Urk. 6/1 S. 4, 10, 14, 21). Sie habe auch verschwommene
Erinnerungen, dass sie auf ihm gelegen sei und er sie nach unten zu seinem
Penis gedrückt und sie sich weggedreht habe (Urk. 6/1 S. 5, 10, 17, 19). Der
Beschuldigte habe sie überall geküsst und ihr zwischen die Beine und an die
Brüste gefasst (Urk. 6/1 S. 17, 19 f.). Sie habe sich weggedreht. Der Beschuldige
sei auf sie gestiegen und habe sie wieder zurückgedreht und überall geküsst. Er
habe ihren Kopf mit beiden Händen gehalten und sie geküsst. Er habe auch
versucht, sie mit der Zunge zu küssen. Sie habe aber ihren Mund geschlossen
gehalten (Urk. 6/1 S. 18 ff.). Sie habe seine Küsse nicht erwidert und ihn auch
nicht angefasst (Urk. 6/1 S. 22). Er sei auf ihr gelegen und aufgrund der
anhaltenden Schmerzen nach dem Vorfall im Schambereich aussen, nehme sie
an, dass er sich an ihr gerieben habe (Urk. 6/1 S. 10, 17 f.). Sie habe auch das
Gefühl, dass er mit dem Finger in sie eingedrungen sei, könne es aber nicht
sagen (Urk. 6/1 S. 21). Ob es zu (Oral-)Sex gekommen sei, könne sie auch nicht
sagen, sie denke aber eher nicht (Urk. 6/1 S. 17 ff.). Zum Fliehen sei sie zu müde
gewesen. Er habe sie einfach nicht in Ruhe gelassen (Urk. 6/1 S. 22). Sie habe
auch nicht sprechen können (Urk. 6/1 S. 22). Sie habe eventuell im Bett des
Beschuldigten gemeint, sie träume, Sex mit jemanden zu haben. Bei Bewusstsein
hätte sie keinen Sex gewollt, auch nicht Küssen, gar nichts (Urk. 6/1 S. 16).
3.3. In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme wiederholte sie weitestge-
hend ihre Aussagen (Urk. 6/2 S. 4 ff.). Wiederum schilderte sie, wie sie den
Abend an einer Party mit einer "Toilettenbekanntschaft" und der Band mit reich-
lich Alkohol verbracht und wie sie dann ihre neue Adresse noch nicht auswendig
gewusst habe und zu betrunken gewesen sei, diese nachzuschauen (Urk. 6/2
S. 4 f.). Sie habe gelallt und auch nicht gerade laufen können (Urk. 6/2 S. 7). Als
nächste Erinnerung nach dem Filmriss führte sie aus, dass sie in einem fremden
Bett aufgewacht sei, weil der Beschuldigte sie angefasst und geküsst habe. Sie
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habe lange gebraucht, bis sie realisiert habe, dass dies echt sei und kein Traum.
Sie sei überfordert gewesen. Sie habe nicht sprechen können. Das einzige, was
sie gemacht habe, sei sich wegzudrehen (Urk. 6/2 S. 8 f., 14 f.). Sie habe in ihrem
Zustand weder etwas sagen noch sonst Widerstand leisten können (Urk. 6/2 S.
15 f.). An Flucht habe sie nicht gedacht (Urk. 6/2 S. 16). Sie habe sich immer wie-
der schlafend gestellt. Er sei aber immer wieder zu ihr gekommen (Urk. 6/2 S. 9,
15). Der Beschuldigte habe sie ganz selbstverständlich angefasst und "mi amor"
gesagt (Urk. 6/2 S. 11). Sie sei der Ansicht, der Beschuldigte müsse gemerkt ha-
ben, dass sie betrunken gewesen sei. Das sei ziemlich offensichtlich gewesen
(Urk. 6/2 S. 12). Sie habe in diesem Moment nicht reflektieren können, da sie völ-
lig schockiert, überfordert und betrunken gewesen sei (Urk. 6/2 S. 12). Sie müsse
auch annehmen, dass der Beschuldigte gemerkt habe, dass sie nicht wolle
(Urk. 6/2 S. 16). Er habe sie weder bedroht noch unter Druck gesetzt; er habe sie
eher unterschwellig manipuliert, indem er ihr eine Vertrautheit vorgespielt und ihr
weisgemacht habe, sie müsse dankbar sein, dass er sie gefunden habe. Sie habe
das in diesem Moment nicht hinterfragt und habe sich gar gefreut, in G._ ei-
nen neuen Kollegen zu haben (Urk. 6/2 S. 17 f.). Wiederum schilderte sie die Er-
innerung, dass sie auf dem Beschuldigten oben gewesen sei und er ihren Kopf zu
seinem Geschlechtsteil gedrückt habe, wobei sie versucht habe, auszuweichen
(Urk. 6/2 S. 12). Neu führte sie aus, er habe auch ihre Hände zu seinem Penis
gedrückt. Sie wisse noch ganz klar, dass sie etwas Weiches in der Hand gehalten
und sich geekelt habe (Urk. 6/2 S. 24). Sie könne sich noch an Küsse und Berüh-
rungen erinnern (Urk. 6/2 S. 12, 14). Im Gegensatz zur ersten Einvernahme gab
die Privatklägerin zu Protokoll, nicht sagen zu können, wieviel von ihr und wieviel
vom Beschuldigten gekommen sei (Urk. 6/2 S. 13). Als die Verteidigung hier
nachhakte, erklärte die Privatklägerin, sie würde es ausschliessen, dass etwas
von ihr ausgegangen sei, aber sie wisse nicht, wie viel von ihr ausgegangen sei,
als sie bewusstlos gewesen sei oder wie fest sie sich gewehrt bzw. gezeigt habe,
dass sie nicht wolle (Urk. 6/2 S. 23). Sie könne sich nicht erinnern, dass sie mit-
gemacht habe (Urk. 6/2 S. 15). Geküsst habe sie ihn nicht. Sie sei seinen Küssen
ausgewichen, soweit sie sich erinnern könne (Urk. 6/2 S. 14). Als er ihr dann mit-
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geteilt habe, dass sie gehen müssten, und sie die Wohnung verlassen hätten, ha-
be sie noch geschwankt und den Alkohol immer noch gespürt (Urk. 6/2 S. 17 f.).
Auf die dokumentierte WhatsApp-Konversation zwischen ihr und dem Beschul-
digten – in welcher sie unter anderem geschrieben hat, dass, auch wenn sie sich
beteiligt habe, es für sie im Nachhinein nicht stimme, was zwischen ihnen passiert
sei – erklärte sie, sie habe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gewusst, was von ihr
gekommen sei und was nicht, weil das Ganze so wie ein Traum gewesen sei. Auf
der Aufzeichnung erwähnt die Privatklägerin an dieser Stelle erneut die Träume,
dass sie auf dem Beschuldigten gewesen sei und er sie runtergedrückt habe. Sie
wisse wirklich nicht, was von ihr gekommen sei und was von ihm (Urk. 6/3,
2.32.40-2.32.52). Sie habe ja auch geschrieben, dass sie dankbar gewesen sei,
dass er sie reingenommen habe, und das habe sie zu diesem Zeitpunkt auch so
empfunden. Sie habe noch lange das Gefühl gehabt, selber schuld zu sein, dass
ihr das passiert sei, weil sie zu viel getrunken habe. Dass es für einen Typen als
Einladung gelte, mit ihr zu machen, was er wolle. Sie habe erst später – als sie
das Erlebte einer Kollegin erzählt habe – realisiert, dass das überhaupt nicht
stimme (Urk. 6/2 S. 19).
Die audiovisuelle Aufzeichnung zeigt, dass die Privatklägerin das aus ihrer Sicht
Erlebte weitestgehend in freier Rede bzw. spontan und authentisch wiedergibt. Ih-
re Schilderungen erscheinen erlebnisbasiert (Urk. 6/3).
4. Weitere Beweismittel
4.1. Die weiteren befragten Personen können zum eigentlichen Kerngeschehen
keine sachdienlichen Hinweise machen. Sie können sich grösstenteils lediglich
zum Verhalten bzw. Alkoholisierungsgrad der Privatklägerin in der Nacht vom
18. auf den 19. Oktober 2019 vor dem Zusammentreffen der Privatklägerin mit
dem Beschuldigten und den gegenständlichen sexuellen Handlungen äussern.
Dazu haben nahezu sämtliche befragten Personen, welche die Privatklägerin an
jenem Abend am Konzert, der anschliessenden Party oder der darauffolgenden
Busfahrt erlebt haben, übereinstimmend ausgesagt, dass die Privatklägerin zwar
alkoholisiert gewesen sei, ihnen aber weder an der Sprache noch am Gang der
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Privatklägerin etwas aufgefallen sei (Urk. 7/1 S. 6, 9, 11; Urk. 7/2 S. 4; Urk. 7/6
S. 8; Urk. 7/7 S. 4, 7, 9; Urk. 7/8 S. 9; Urk. 7/9 S. 6 f.; Urk. 7/10 S. 4, 7, 9 ff.). Der
Fahrer H._, welcher am besagten Abend keinen Alkohol konsumierte, gab
immerhin an, dass die Privatklägerin gegen Schluss des Abends stark
alkoholisiert gewesen sei und eine "schwere Zunge" gehabt, aber verständlich
gesprochen habe. Sie habe selbständig aus dem Bus steigen können (Urk. 7/8
S. 10 ff.). Seine Aussagen dürfen indes nicht zulasten des Beschuldigten
herangezogen werden (vgl. Ziff. II 1.4 und Urk. 39 S. 5 f.).
4.2. Ein relevantes objektives Beweismittel stellt der bereits angesprochene
WhatsApp-Chat zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin dar (Urk. 3/5
S. 1). Interessant dabei ist die Reaktion der Privatklägerin, als der Beschuldigte
sich noch gleichentags mehrfach meldete und sich nach ihrem Befinden erkundig-
te. Sie schrieb dem Beschuldigten folgendes: "B._ danke dass du mich zu dir
reingenommen hast, und auch wenn ich mich beteiligt habe, so stimmt für mich im
Nachhinein nicht, was diese Nacht zwischen uns passiert ist, ich war wirklich sehr
betrunken! darum möchte ich keinen Kontakt mehr zu dir."
5. Beweiswürdigung
5.1. Die Aussagen des Beschuldigten zum Kerngeschehen sind detailliert,
konstant und weitestgehend widerspruchsfrei. Teilweise stellt er sein eigenes
Verhalten nicht ins beste Licht. Dies ist etwa der Fall, soweit er einräumt, die
Privatklägerin respektive eine ihm unbekannte Frau, die sich "in einem schlechten
Zustand" befunden habe (Urk. 5/1 S. 23, 27; Urk. 5/2 S. 4), in seine Wohnung
geführt und mit ihr sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Kleinere
Ungereimtheiten sind erkennbar, tun aber der grundsätzlichen Glaubhaftigkeit
seiner Aussagen keinen Abbruch.
5.2. Auch die Aussagen der Privatklägerin zum Kernsachverhalt sind weitest-
gehend konstant, erscheinen erlebnisbasiert und sind mithin insgesamt glaubhaft,
wobei gewisse Ungereimtheiten, worauf vereinzelt noch einzugehen ist, erkenn-
bar sind. Teilweise sind ihre Erinnerungen an die Geschehnisse verschwommen
bzw. lückenhaft und ihre Schilderungen entsprechend vage.
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5.3. Die Privatklägerin erklärt den Umstand, wie es zur späteren Anzeige – rund
zwei Monate nach dem Vorfall – gekommen ist. Dieser erscheint nachvollziehbar
(Urk. 6/2 S. 20). Es kommt denn bei Opfern sexueller Gewalt – sei es aus Scham
oder anderen Motiven – immer wieder vor, dass diese nicht sogleich nach den
Übergriffen Anzeige erstatten. Daraus kann vorliegend nichts gegen die Dar-
stellung der Privatklägerin abgeleitet werden.
5.4. Wie die Vorinstanz festhält, ist in casu der Alkoholisierungsgrad der Privat-
klägerin im Zeitpunkt der sexuellen Handlungen von entscheidender Bedeutung
(Urk. 39 S. 11). Ein objektiver Sachbeweis liegt diesbezüglich nicht vor.
5.4.1. Die Privatklägerin selbst macht hierzu teilweise vage Aussagen. Was in
welchen Mengen am besagten Abend an alkoholischen Getränken genau kon-
sumiert wurde, bleibt unklar. Die Privatklägerin gab zu ihrem Zustand an, sie habe
nicht mehr richtig sprechen können und habe gelallt. Sie sei möglicherweise auch
getorkelt. Beim Beschuldigten habe sie gar nichts mehr sagen können. Sie habe
"das Gefühl ihres Gesichts" nicht mehr gehabt, wie wenn sie die Muskeln nicht
mehr habe bewegen können (Urk. 6/1 S. 13, 22; Urk. 6/2 S. 7, 9, 15 f.). Sie sei
betrunken gewesen und habe Erinnerungslücken bzw. einen Filmriss und
teilweise verschwommene Erinnerungen (Urk. 6/1 S. 4 f., 10, 13, 16; Urk. 6/2 S. 4,
17, 19).
5.4.2. Der Beschuldigte führte zum Alkoholisierungsgrad der Privatklägerin
zusammengefasst aus, es sei zwar bei ihr eine Alkoholisierung erkennbar
gewesen, jedoch sei diese nicht derart stark gewesen, wie von ihr behauptet (Urk.
5/1 S. 11, 23). Als er die Privatklägerin vor der Hauseingangstür zu seinem
Wohnhaus vorgefunden habe, sei sie in einem schlechten Zustand und müde
gewesen, ausserdem sei ihr kalt gewesen (Urk. 5/1 S. 23, Urk. 5/2 S. 4; Prot. I
S. 9; Urk. 76 S. 9 f.). Dennoch habe sie mit ihm Spanisch gesprochen, zwar nicht
wie eine Einheimische, aber in verständlicher Art und Weise (Urk. 5/1 S. 26,
Urk. 5/2 S. 7 f., 20). Ungefähr eine halbe Stunde nach dem Zusammentreffen,
nachdem die Privatklägerin in seinem Bett etwas geschlafen habe, sei sie "müde,
dösig, aber normal" gewesen (Urk. 5/1 S. 14, 27). Sie habe sich aktiv beteiligt
(Urk. 5/1 S. 25; Urk. 5/2 S. 5 f.).
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5.4.3. Wie bereits ausgeführt, haben sämtliche weitere befragten Personen
übereinstimmend angegeben, die Privatklägerin als angetrunken wahrgenommen
zu haben, ihnen sei aber weder bei der Sprechweise noch beim Gang etwas
aufgefallen (vgl. II. 4.1). Wie die Vorinstanz festhält, steht die von der
Privatklägerin geltend gemachte Wehr- und Sprachlosigkeit demnach mit dem für
Dritte erkennbaren Alkoholisierungsgrad – wenigstens im Zeitraum, in welchem
diese Dritten sie beobachten konnten – nicht im Einklang (Urk. 39 S. 12). Wäre
dem wirklich so gewesen, hätte man das sicherlich an ihrem äusseren Verhalten
feststellen können und müssen. Die Privatklägerin bringt diesbezüglich zwar vor,
sie habe versucht, ihren Zustand zu überspielen, da sie sich nichts habe
anmerken lassen wollen (Urk. 6/2 S. 22). War dem wirklich so, spricht das
zumindest dafür, dass sie nicht derart betrunken war, dass ihre Motorik erheblich
eingeschränkt gewesen wäre und sie sich nicht mehr hätte "zusammenreissen"
können.
5.4.4. Soweit die Privatklägerin sodann geltend macht, nach dem Aussteigen aus
dem Bus sei "alles gekippt" (Urk. 6/2 S. 22), mag das sich aufgrund des dann
folgenden Blackouts so angefühlt haben. Dass der Zustand, in welchem der
Beschuldigte sie dann vorgefunden hat, wie von ihr behauptet, viel schlimmer und
sie nicht mehr ansprechbar gewesen sei (Urk. 6/2 S. 22), ist durchaus möglich,
jedoch erscheint auch möglich, dass sie weiterhin ansprechbar war. Immerhin hat
sie selbst gerade an diese Zeitspanne, in welcher der Beschuldigte sie beim
Hauseingang vorgefunden und mit zu sich genommen hat, gar keine Erinnerung
mehr. Daraus kann aber nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, dass sie sich im
Zustand der Widerstandsunfähigkeit befunden hat. Der Beschuldigte schildert
hierzu konstant und überzeugend, die Privatklägerin sei zwar merklich
alkoholisiert gewesen, sie habe indes mit ihm in verständlicher Sprache
kommuniziert und insbesondere mitgeteilt, dass sie in G._ wohne, die
genaue Wohnadresse indes nicht mehr wisse (Urk. 5/1 S. 10; Urk. 5/2 S. 7). Der
Umstand, dass die Privatklägerin ihre Wohnadresse nicht mehr angeben konnte
und den Heimweg nicht gefunden hat, ist sodann – wie die Vorinstanz zutreffend
erwägt – nicht notwendigerweise allein auf den übermässigen Alkoholkonsum
zurückzuführen. Die Privatklägerin wohnte im Tatzeitpunkt gerade mal ca. zwei
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Wochen dort und ihr waren entsprechend die Gegend und ihre Adresse noch
relativ neu.
5.5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Privatklägerin im Zeitpunkt
der sexuellen Handlungen mit dem Beschuldigten erkennbar erheblich alkoholi-
siert war, genaue Rückschlüsse auf den Alkoholisierungsgrad indes nicht gezo-
gen werden können.
5.6. Wie noch aufzuzeigen sein wird, sprechen indes diverse Elemente gegen
eine Alkoholisierung bis zur Widerstandsunfähigkeit, wie dies die Anwendung des
Tatbestandes von Art. 191 StGB verlangt.
5.6.1. So schildert die Privatklägerin selbst, sich verschwommen daran zu erin-
nern, auf dem Beschuldigten gelegen bzw. "auf ihm oben" gewesen zu sein
(Urk. 6/1 S. 5, 19; Urk. 6/2 S. 12). Dies stimmt mit den Aussagen des Beschuldig-
ten überein (Urk. 5/1 S. 16, 18 f.; Urk. 5/2 S. 9; Prot. I S. 8; Urk. 76 S. 12). Wenn
die Vorinstanz daraus schlussfolgert, es sei entsprechend davon auszugehen,
dass dieser Vorgang ein aktives Mitwirken der Privatklägerin erfordere, ist ihr bei-
zupflichten (Urk. 39 S. 13 f.). Daran ändert die Darstellung der Privatklägerin
nichts, sie könne sich nicht erklären, wie es in ihrem Zustand dazu gekommen
sei, dass sie auf dem Beschuldigten gewesen sei (Urk. 6/2 S. 23).
5.6.2. Die Privatklägerin räumt sodann ein, sie könne nicht sagen, wie viel vom
Beschuldigten und wie viel von ihr gekommen sei (Urk. 6/1 S. 6; 6/2 S. 13, 19,
23). Dies deutet nicht nur auf eine fehlende Widerstandsunfähigkeit der
Privatklägerin hin. Mit der Vorinstanz muss dies zudem als Indiz dafür gesehen
werden, dass der Beschuldigte angesichts der aktiven Beteiligung der
Privatklägerin an den sexuellen Handlungen – wie von ihm behauptet –
unabhängig von der tatsächlichen inneren Einstellung der Privatklägerin aufgrund
des dadurch erweckten Anscheins davon ausgehen durfte, diese würden im
gegenseitigen Einverständnis erfolgen. So hielt der Beschuldigte fest, es sei alles
gegenseitig erfolgt. Die Privatklägerin habe sich erotisch bewegt, habe ihn
geküsst, gestreichelt und am Rücken gekratzt (Urk. 5/1 S. 16 ff.; Urk. 5/2 S. 9 ff.;
Prot. I S. 7; Urk. 76 S. 9 ff.).
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5.6.3. Dazu passt ins Bild, dass die Privatklägerin nicht sagen konnte, ob der
Beschuldigte sie ausgezogen oder ob sie das selbst – aus welchen Gründen auch
immer – gemacht habe (Urk. 6/1 S. 19).
5.6.4. Die Privatklägerin stellt weiter in den Raum, sie habe im Bett eventuell
gemeint, sie träume, mit jemandem Sex zu haben (Urk. 6/1 S 16). Dieser von der
Privatklägerin geschilderte "Sextraum" setzt ein weiteres Fragezeichen hinter die
von ihr geschilderte Passivität und das von ihr vorgebrachte fehlende
Einverständnis während des Tatgeschehens. Es deutet vielmehr darauf hin, dass
sie sich in ihrem zugegebenermassen alkoholisierten, mithin aber auch
enthemmten Zustand an den sexuellen Handlungen aktiv beteiligt hat. Es ist
bekannt, dass Alkohol das Bewusstsein, die Wahrnehmung und die Motorik
beeinflusst und insbesondere neben der berauschenden und entspannenden
Wirkung auch enthemmend wirkt. Der Umstand, dass die Privatklägerin im
nüchternen Zustand keinen Sex mit dem Beschuldigten gewollt hätte (Urk. 6/1
S, 16), vermag daran nichts zu ändern. Es zeigt vielmehr, dass die Privatklägerin
im Nachhinein bereut haben könnte, was zwischen ihnen vorgefallen ist. Wenn
die Privatklägervertretung denn vorbringt, erst die Fachkenntnisse einer Juristin
hätten der Privatklägerin die Idee geben, dass das, was passiert ist, tatsächlich
eine Straftat sein könnte (Urk. 78 S. 7), untermauert dies das bereits grob
gezeichnete Bild. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass die Privatklägerin im
relevanten Zeitraum keinen Sex haben wollte, kann ihr nonverbales Verhalten aus
Sicht des Beschuldigten durchaus so verstanden werden, dass dieser von
einverständlichen sexuellen Handlungen ausgehen durfte.
5.6.5. In diesem Zusammenhang ist erneut auf die dokumentierte WhatsApp-
Nachricht der Privatklägerin an den Beschuldigten hinzuweisen. Neben ihrer
Beteiligung spricht sie davon, dass sie dem Beschuldigten zwar dankbar sei, es
für sie im Nachhinein indes nicht stimme, was zwischen ihnen passiert sei und sie
daher keinen Kontakt mehr möchte (Urk. 3/5). Diese Aussage ist – entgegen der
Privatklägervertretung (Urk. 78 S. 6) wie die Vorinstanz zutreffend erwägt – ein
starkes Indiz dafür, dass die Privatklägerin im Nachhinein bereut haben könnte,
was sie im Zeitpunkt des Geschehens – wohl aufgrund ihrer Alkoholisierung –
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allenfalls empfunden hatte (Urk. 39 S. 14) oder dass sie ihre damaligen Empfin-
dungen zumindest nicht für den Beschuldigten erkennbar kommuniziert hatte.
Diese Annahme findet denn auch in weiteren Aussagen der Privatklägerin eine
Stütze. So schilderte sie bei der Polizei, der Beschuldigte habe sich damals so
verhalten, als seien sie vertraut. Sie habe gar gedacht, er sei ein guter Freund.
Sie habe erst später, nachdem sie den Rausch ausgeschlafen habe, realisiert,
wie sie "zu dem Ganzen stehe". Sie habe damals gedacht, er habe sie beschützt
(Urk. 6/1 S. 10). Sie spricht auch davon, dass der Beschuldigte sie manipuliert
habe. Er habe so getan, als ob er sie von der Strasse gerettet habe und sie ihm
dankbar sein sollte, dass er sie so gut behandle. Sie habe das damals nicht
hinterfragt (Urk. 6/1 S. 21). Bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme fand sie
noch klarere Worte: Der Beschuldigte habe sich als Retter aufgespielt und sie
habe dies in dem Moment ebenfalls so empfunden. Der Beschuldigte habe ihr das
Gefühl gegeben, als würden sie sich ewig kennen und seien miteinander vertraut.
Er habe ihr auch das Gefühl gegeben, er passe auf sie auf, und es sei alles
normal und gut (Urk. 6/2 S. 10 ff.). Die Vertrautheit habe er vorgespielt und sie so
dazu bewegen wollen, dass sie dankbar sei, dass er sie gefunden habe (Urk. 6/2
S. 17). Erst am Abend – nachdem sie ihren Rausch ausgeschlafen habe – habe
sie gemerkt, dass das Ganze für sie nicht gestimmt habe und nicht in Ordnung
gewesen sei (Urk. 6/2 S. 19). Sie drückte auch aus, dass sie sich selbst Vorwürfe
gemacht habe, da sie zu viel getrunken habe. Sie habe lange das Gefühl gehabt,
selber schuld zu sein (Urk. 6/1 S. 21 f.; Urk. 6/2 S. 19). Erst Wochen später habe
sie dann – nachdem sie mit einer Kollegin gesprochen habe – realisiert, dass es
"überhaupt nicht okay gewesen" sei, was der Beschuldigte mit ihr gemacht habe
(Urk. 6/1 S. 5).
Diese Schilderungen zeichnen das Bild einer Frau, die im Tatzeitpunkt in ihrer
Wahrnehmung getrübt war und sich leicht manipulieren liess, die indes im Stande
war, sich eine – wenn auch nicht fundierte – Meinung zu bilden und entsprechend
zu handeln; sie hätte für den Beschuldigten erkennbar äussern können, dass sie
– trotz seiner Hilfe – mit sexuellen Handlungen nicht einverstanden gewesen wä-
re. Erst im Nachhinein distanzierte sie sich offensichtlich vom Geschehenen.
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5.6.6. Schliesslich lassen sich die obigen Ausführungen nur schwer mit den
Schilderungen der Privatklägerin, dass sie während des Tatgeschehens Ekel,
Verzweiflung und Hilflosigkeit gefühlt habe (Urk. 6/1 S. 21) und sie seinen Küssen
stets ausgewichen sei (Urk. 6/2 S. 14), in Einklang bringen. Umso mehr als sie
schilderte, unmittelbar nach den Geschehnissen, auf dem Weg zum Bahnhof,
geglaubt zu haben, im Beschuldigten einen neuen guten Kollegen in G._
gefunden zu haben, was sie gefreut habe (Urk. 6/1 S. 5; Urk. 6/2 S. 18). Dies
verstärkt den Eindruck, dass die Privatklägerin die Situation im Nachhinein
(unbewusst) umdeutete.
5.6.7. Bringt sodann die amtliche Verteidigung zum zeitlichen Ablauf vor, dass
das Verhalten der Privatklägerin im Anschluss an die sexuellen Handlungen –
nachdem sie auf der Toilette war, verliess sie gemeinsam mit dem Beschuldigten
die Wohnung, tauschte mit ihm die Handynummer aus und lief mit ihm zum
Bahnhof, wo sie sich vom Beschuldigten verabschiedete und selbständig nach
Hause ging – ebenfalls nicht für einen Zustand der praktischen
Widerstandsunfähigkeit unmittelbar davor spreche (Prot. II S. 15 f.), kann ihr
beigepflichtet werden. Ihrem Mitbewohner, der sie dann zuhause angetroffen
hatte, ist denn auch nicht aufgefallen, dass die Privatklägerin noch unter
Alkoholeinfluss gestanden wäre (Urk. 7/6 S. 8).
5.7. Gesamthaft betrachtet ist zwar davon auszugehen, dass die Privatklägerin
erheblich alkoholisiert war. Sie verfügte aber noch über gewisse kognitive sowie
motorische Fähigkeiten, die gegen eine Widerstandsunfähigkeit sprechen. Der
Beweis, dass sie sich nicht oder nur schwach wehren konnte und in diesem Sinne
widerstandsunfähig war, kann jedoch nicht erbracht werden. Entsprechend kann
nicht rechtsgenügend erstellt werden, dass die Privatklägerin sich im Tatzeitpunkt
in einem alkoholbedingten Zustand der Widerstandsunfähigkeit befunden hat.
Zudem kann nicht erstellt werden, dass die Privatklägerin die sexuellen Hand-
lungen des Beschuldigten – angesichts ihres Verhaltens im tatrelevanten
Zeitraum – in einer für diesen erkennbaren Weise ablehnte, und dies unabhängig
davon, ob sie mit diesen Handlungen einverstanden war oder nicht. Entsprechend
kann auch nicht mit ausreichender Wahrscheinlichkeit bewiesen werden, dass der
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Beschuldigte den Umstand der Alkoholisierung der Privatklägerin zur Vornahme
von sexuellen Handlungen ausnutzte.
5.8. Einem Schuldspruch darf nur der Sachverhalt zugrunde gelegt werden,
welcher der beschuldigten Person nachgewiesen ist. Da das Gericht aufgrund ei-
ner Mehrzahl von Indizien nicht unerhebliche und nicht nur theoretische Zweifel
daran hat, ob die Privatklägerin im tatrelevanten Zeitraum widerstandsunfähig
war, ist nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" also von (eingeschränkter)
Widerstandsfähigkeit auszugehen (BGE 127 I 38 E. 2a; BGE 144 IV 344 E. 2.2.1
ff.), womit bei der rechtlichen Würdigung des erwiesenen Sachverhalts eines der
zentralen Tatbestandsmerkmale von Art. 191 StGB als nicht gegeben erachtet
werden kann. Damit erübrigt sich die Prüfung der weiteren Tatumstände. Der An-
klagesachverhalt lässt sich nicht erstellen und der Beschuldigte ist vom Vorwurf
der Schändung freizusprechen.
6. Damit ist über eine Landesverweisung im Sinne von Art. 66a StGB nicht zu
befinden.
III. Zivilansprüche
Die Privatklägerin beantragt im Sinne einer Teilklage mit Nachklagevorbehalt
Schadenersatz im Umfang von Fr. 9'391.91 zuzüglich Zins zu 5% p.a. seit dem
20. Februar 2021 sowie eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 15'000.– zuzüglich
Zins von 5% p.a. seit dem 19. Oktober 2019 (Urk. 78 S. 2). Ausgangsgemäss ist
im Sinne von Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO über die Zivilforderungen der
Privatklägerin zu befinden, zumal der Sachverhalt spruchreif ist. Da die
zivilrechtliche Haftungsgrundlage (u.a. widerrechtliches Verhalten und
Persönlichkeitsverletzung im Sinne von Art. 41 ff OR und Art. 49 OR) fehlt und
diese sich auch nicht mit weiteren Beweismitteln erstellen lässt, sind die
Zivilforderungen der Privatklägerin abzuweisen.
- 23 -
IV. Genugtuungsbegehren des Beschuldigten
Das Genugtuungsbegehren des Beschuldigten (Urk. 47 S. 2; Urk. 80) ist mit
Verweis auf die vorinstanzlichen Erwägungen – zumal eine besonders schwere
Verletzung im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO nicht ersichtlich ist und über-
dies auch nicht ausreichend dargetan wurde (Urk. 80 S 4) – abzuweisen (Urk. 39
S. 19 f.).
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V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Erstinstanzliche Kosten- und Entschädigungsfolgen
Ausgangsgemäss fällt die erstinstanzliche Entscheidgebühr ausser Ansatz und
die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens – inklusive der
Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsvertretung
der Privatklägerin – sind auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2. Zweitinstanzliche Kosten- und Entschädigungsfolgen
2.1. Die Verfahrenskosten sind auf Fr. 3'000.– zu veranschlagen (Art. 424
Abs. 1 StPO in Verbindung mit § 16 Abs. 1 und § 14 der Gebührenverordnung
des Obergerichts). Die Kosten im Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien nach
Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine
Partei im Rechtsmittelverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht
gestellten Anträge gutgeheissen wurden (THOMAS DOMEISEN, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Bd. II, 2. Aufl. 2014, N. 6 zu
Art. 428 StPO).
2.2. Die Privatklägerin unterliegt mit ihren Anträgen im Berufungsverfahren
vollumfänglich. Der Rückzug der Berufung durch die Staatsanwaltschaft kommt
einem Unterliegen gleich (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte unterliegt
lediglich mit seinem Antrag auf Genugtuung im Rahmen seiner
Anschlussberufung, was vernachlässigbar erscheint. Ausgangsgemäss erscheint
es gerechtfertigt, der Privatklägerin die Hälfte der Kosten des
Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung und
der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, aufzuerlegen, diese indes
gestützt auf die unentgeltliche Prozessführung einstweilen auf die Gerichtskasse
zu nehmen. Die andere Hälfte der Kosten ist auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2.3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind definitiv auf die Gerichtskasse
zu nehmen.
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2.4. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin im Berufungs-
verfahren sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2.5. Die amtliche Verteidigung macht im Berufungsverfahren einen Aufwand
von Fr. 2'985.75 (inkl. MwSt.) geltend, was ausgewiesen ist und angemessen er-
scheint (Urk. 81). Zusätzlich ist ihr ein Zuschlag für die tatsächlichen Dauer der
heutigen Berufungsverhandlung zu vergüten. Es rechtfertigt sich daher, Rechts-
anwältin MLaw Y._ für ihre Aufwendungen im Berufungsverfahren pauschal
und gesamthaft mit Fr. 3'400.– (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entschädigen.
2.6. Der unentgeltliche Rechtsbeistand der Privatklägerin, Rechtsanwalt MLaw
X._, macht einen Aufwand von total Fr. 5'361.80 geltend. Dieser ist aus-
gewiesen und zu entschädigen. Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Dauer
der Berufungsverhandlung ist die Entschädigung für den unentgeltlichen Vertreter
der Privatklägerin somit auf pauschal Fr. 5'360.– (inklusive Barauslagen und
MwSt.) festzusetzen.