# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9876f535-9d26-477d-bf38-8ca8d61dad9e
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2014
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte Nötigung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 19. November 2013 (GB130088)
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Strafbefehl:
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 22. April 2013 (Urk. 35) ist
diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Es wird in Anwendung von Art. 52 StGB von einer Bestrafung des Beschul-
digten abgesehen.
3. Die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft, Abteilung 2 Emmen, vom 9. März
2012 angesetzte Probezeit von zwei Jahren wird um ein Jahr verlängert.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. Kosten Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten
Fr. Auslagen Untersuchung
5. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer sowie die Kosten des Strafbefehls
Nr. F-3/2012/6515 vom 22. April 2013 in Höhe von Fr. 900.00 und allfällige
nachträgliche Untersuchungs- und Überweisungskosten der Staatsanwalt-
schaft Zürich-Sihl werden dem Beschuldigten auferlegt, jedoch definitiv ab-
geschrieben.
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Berufungsanträge:
a) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl:
(Urk. 71 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 19. November 2013 sei mit
Ausnahme der Dispositiv Ziffer 2 zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte sei zu einer Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu
Fr. 10.00, entsprechend Fr. 250.00, wovon 2 Tagessätze durch Haft
erstanden sind, zu bestrafen, wobei der Vollzug der Geldstrafe - unter
Ansetzung einer Probezeit von 3 Jahren - aufzuschieben sei.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 72 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten Nötigung i.S. von
Art. 181 StGB i.V.m. Art. 22 StGB von Schuld und Strafe vollumfänglich
freizusprechen.
2. Auf die Verlängerung der Probezeit des Strafbefehls, Abteilung 2 Em-
men, vom 9. März 2012 sei aufgrund des obig beantragten Freispruchs
zu verzichten.
3.1 Dem Beschuldigten sei für die Dauer in der Polizeihaft vom 21. auf den
22. April 2013 eine Entschädigung von CHF 400.00 zuzusprechen.
3.2 Die Kosten der Untersuchung und des erst- und zweitinstanzlichen ge-
richtlichen Verfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen.
3.3 Die Kosten der amtlichen Verteidigung im zweitinstanzlichen Verfahren
seien auf die Staatskasse zu nehmen.
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## Considerations

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit Strafbefehl vom 22. April 2013 wurde der Beschuldigte wegen versuch-
ter Nötigung mit einer Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu Fr. 10.– bestraft, unter
Anrechnung der erstandenen Haft und Aufschub des Vollzugs der Strafe bei einer
Probezeit von 3 Jahren. Zudem wurde die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Emmenbrücke vom 9. März 2012 angesetzte Probezeit von zwei Jahren um ein
Jahr verlängert (Urk. 35). Die Untersuchungsbehörde hielt nach fristgerechter
Einsprache des Beschuldigten am Strafbefehl fest, woraufhin der Einzelrichter am
Bezirksgericht Zürich mit Verfügung vom 11. Juni 2013 das Verfahren zufolge feh-
lenden Strafbedürfnisses einstellte (Urk. 47).
1.2. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl erhob gegen diesen Entscheid am
16. Juli 2013 Beschwerde ans Obergericht des Kantons Zürich (Urk. 50). Die
III. Strafkammer erwog, dass für den vorliegenden Fall nach Anklageerhebung ei-
ne Einstellung nicht mehr möglich sei und wies das Verfahren zu neuer Entschei-
dung an die Vorinstanz zurück (Urk. 53), welche in der Folge mit Datum vom
19. November 2013 das eingangs angeführte Urteil fällte (Urk. 54).
1.3. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl meldete am 6. Dezember 2013 rechtzei-
tig Berufung gegen das vorinstanzliche Urteil an und stellte den Antrag, der Be-
schuldigte sei in Aufhebung von Dispositiv Ziffer 2 des bezirksgerichtlichen Urteils
zu einer Geldstrafe von 25 Tagessätzen à Fr. 10.– zu bestrafen, wovon
2 Tagessätze durch Haft erstanden seien, wobei der Vollzug der Geldstrafe unter
Ansetzung einer Probezeit von 3 Jahren aufzuschieben sei (Urk. 60 S. 3).
1.4. Mit Verfügung vom 14. April 2014 wurde dem Beschuldigten in Anwendung
von Art. 130 lit. d StPO eine amtliche Verteidigung bestellt (Urk. 66). Anlässlich
der Berufungsverhandlung erklärte diese, dass der Beschuldigte das gesamte
vorinstanzliche Urteil anfechte. Diesbezüglich hielt sie fest, dass sie erst zu einem
späten Zeitpunkt eingesetzt worden sei. Sie selbst habe keine Frist zur Erhebung
einer Anschlussberufung erhalten. Der Beschuldigte sei nicht anwaltlich vertreten
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gewesen und habe das Verfahren gar nicht verstanden. Er habe aber immer – so
auch vor Vorinstanz – gesagt, dass er von Schuld und Strafe freizusprechen sei.
Es könne ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er selber in der Sache
keine Berufung erhoben habe, da er den Unterschied, dass es hier um Ziffer 2
des Urteils gegangen sei, nicht verstanden habe und er wegen Ziffer 1 hätte Beru-
fung erheben müssen. Der Beschuldigte habe seiner Verteidigerin klar bestätigt,
dass er sich nicht schuldig fühlte. Zwar habe er den Sachverhalt äusserlich aner-
kannt, aber das könne ihm nicht zum Verhängnis gemacht werden, weil er nicht
anwaltlich vertreten gewesen sei (Urk. 72 S. 3; Prot. II S. 12).
Nach einer Zwischenberatung des Gerichts hielt der Präsident fest, dass dem Be-
schuldigten mit Präsidialverfügung vom 28. Januar 2014 Frist zur Anschlussberu-
fung angesetzt worden sei. Die amtliche Verteidigung sei indessen erst mit Präsi-
dialverfügung vom 14. April 2014 eingesetzt worden. Demzufolge hätte entweder
von Beginn an die amtliche Verteidigung eingesetzt oder die Frist zur Anschluss-
berufung neu angesetzt werden müssen. Die Frist zur Erklärung der Anschlussbe-
rufung wurde deshalb gegenüber dem Beschuldigten durch das Gericht wieder
eröffnet (Prot. II S. 13). Die Verteidigerin erklärte in der Folge formell Anschluss-
berufung, welche sich auf sämtliche Ziffern des vorinstanzlichen Urteils beziehe
(Prot. II S. 13).
1.5. Beweisergänzungsanträge wurden nicht gestellt.
2. Schuldpunkt
2.1. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 17. September 2012, um ca.
11:45 Uhr, aus dem an der B._-Strasse ... in ... Zürich parkierten Lieferwa-
gen des Privatklägers dessen Schlüsselbund behändigt zu haben und ihm diesen
während den folgenden ca. 27 Stunden vorenthalten zu haben. Dies, um den Pri-
vatkläger so zur Bezahlung der geforderten Lohnsumme von Fr. 220.– zu bewe-
gen, was ihm allerdings nicht gelungen sei.
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2.2. Diesen Sachverhalt hat der Beschuldigte stets eingestanden und dies auch
anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigt (Urk. 3 S. 2 f.; Urk. 32 S. 2 f.;
Urk. 42 S. 4; Prot. II S. 11). Der Sachverhalt ist somit erstellt.
2.3. In rechtlicher Hinsicht würdigte die Vorinstanz das Verhalten des Beschul-
digten als versuchte Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB.
2.3.1. Dass die Handlungsfreiheit des Privatklägers durch den Beschuldigten ein-
geschränkt wurde, wird nicht bestritten (Urk. 72 S. 5). Beim Tatbestand der Nöti-
gung ist die Rechtswidrigkeit positiv zu begründen. Dass der durch den Beschul-
digten verfolgte Zweck – Geltendmachung einer bestehenden Lohnforderung –
rechtmässig war, wurde bereits durch die Vorinstanz festgehalten. Es kann auf
die Ausführungen der Vorinstanz und der Verteidigerin verwiesen werden (Urk. 59
S. 5; Urk. 72 S. 5 f.).
2.3.2. Der Beschuldigte lässt geltend machen, dass auch das verwendete Mittel
und die Relation von Mittel und Zweck nicht unerlaubt waren. Da seine Lohnforde-
rung fällig gewesen sei, habe ihm gemäss Art. 339a OR ein Retentionsrecht zu-
gestanden und bestehe auch die notwendige Relation zur Lohnforderung (Urk. 72
S. 6). Indessen benötigte bzw. benutzte der Beschuldigte das besagte Fahrzeug
nicht zur Ausführung seiner Arbeitstätigkeit. So führte er aus, dass er jeweils
selbständig an den Arbeitsort reiste (Urk. 3 S. 1 f.). Wie bereits die Vorinstanz zu-
treffend festhielt, besteht somit kein Zusammenhang der Behändigung des
Schlüssels zur Arbeitstätigkeit des Beschuldigten, welcher ein Retentionsrecht im
Sinne des Obligationenrechts begründet hätte.
2.3.3. Der Beschuldigte macht weiter geltend, er habe sich in einer Notstandsitua-
tion befunden, da er zum Tatzeitpunkt auf der Strasse gelebt habe und dringend
auf das geforderte Geld angewiesen gewesen sei (vgl. Urk. 59 S. 4 f.; Prot. II
S. 11; Urk. 72 S. 7 f.). Die Vorinstanz hat diese Argumentation zutreffend verwor-
fen, auf welche Erwägungen verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO;
Urk. 59 S. 5 f.). So ist zwar nachvollziehbar, dass der Beschuldigte grundsätzlich
auf Geld zur Deckung seiner Bedürfnisse angewiesen war. Mit der Staatsanwalt-
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schaft (Prot. II S. 14 f.) ist indessen darauf hinzuweisen, dass der Staat für solche
Situationen ein soziales Auffangnetz zur Verfügung stellt, indem die Möglichkeit
von Sozialhilfe besteht und es auch genügend private Organisationen gibt, an
welche man sich für eine Mahlzeit oder einen Schlafplatz wenden kann (vgl. dazu
auch nachfolgend 3.6). Zur Durchsetzung seiner Forderung wäre dem Beschul-
digten der Rechtsweg offen gestanden. Zudem bestand zu keinem Zeitpunkt eine
unmittelbare Lebensgefahr für den Beschuldigten.
2.4. Die rechtliche Würdigung der Vorinstanz ist somit zutreffend. Der Beschul-
digte machte sich damit der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig (vgl. Urk. 54 S. 10).
3. Fehlendes Strafbedürfnis
3.1. Die zuständige Behörde sieht von einer Strafverfolgung, einer Überwei-
sung an das Gericht oder einer Bestrafung ab, wenn Schuld und Tatfolgen gering-
fügig sind (Art. 52 StGB). Die Vorinstanz hat die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung und die Lehre zur Anwendung dieser Bestimmung zutreffend wiedergege-
ben; darauf ist zu verweisen (vgl. Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.2. Der Einzelrichter am Bezirksgericht Zürich sah von einer Bestrafung des
Beschuldigten ab, da dieser offenkundig in prekären Verhältnissen – von der
Hand in den Mund – lebe und keinen Weg gesehen habe, seine weitgehend be-
rechtigte Forderung auf dem behördlichen Weg durchzusetzen; die subjektive
Schwere der Tat sei damit vernachlässigbar. Auch die objektive Schwere der Tat
sei geringfügig, da ein harmloses Mittel zur Nötigung verwendet worden und die
Integrität des Privatklägers nicht beeinträchtigt worden sei. Ferner stünden bei
Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen mit der Pfandnahme bzw. Retention
gesetzlich zulässige Sicherungsmittel für Forderungen zur Verfügung. Schliesslich
habe der Beschuldigte keineswegs den Eindruck eines unbelehrbaren Delinquen-
ten erweckt (Urk 54 S. 7 f.).
3.3. Die Staatsanwaltschaft monierte diesbezüglich, dass die Selbstjustiz des
Beschuldigten nicht gerechtfertigt gewesen sei, auch wenn er wohl keinen Weg
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gesehen habe, rasch an sein Geld zu kommen. Der Beschuldigte habe den Auto-
schlüssel während rund 27 Stunden und folglich über einen nicht unerheblichen
Zeitraum vorenthalten. Unter Beachtung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
hinsichtlich Nacktwanderns und verbotener Selbsthilfe beim Zuparkieren von
Falschparkern – bei der die Blockierung der Wegfahrt für wenige Minuten schon
ausreichend sei, um den Tatbestand zu erfüllen – könne die faktische Blockierung
des Fahrzeugs über 27 Stunden klarerweise nicht als geringfügige Folge der Tat
gesehen werden; der Beschuldigte sei daher zu bestrafen (Urk. 60 S. 2 f.; Urk. 71
S. 2 f.).
3.4. Der Beschuldigte liess an der heutigen Verhandlung auf die Ausführungen
der Vorinstanz verweisen (Prot. II S. 15; Urk. 59 S. 6 ff.).
3.5. Gemäss seinen eigenen Aussagen erhielt der Beschuldigte vom Privatklä-
ger am 13. September 2012 Fr. 100.– und am 14. September 2014 Fr. 200.– als
Lohnvorschuss (Urk. 3 S. 3 und 5). In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 22. April 2013 ergänzte der Beschuldigte, dass ihn ein Polizist am
17. September 2012 – am Tag des Vorfalls – angerufen und geheissen habe, auf
den Polizeiposten zu kommen, wo er nach Rückgabe des Schlüssels vom Privat-
kläger weitere Fr. 120.– erhalten würde. Er habe erwidert, den Schlüssel weiter
einzubehalten, bis der Privatkläger ihm den ganzen zustehenden Lohn ausbezah-
le. Er sei davon ausgegangen, dass der Privatkläger nach der Wegnahme des
Schlüssels genügend schlau sei, ihm den Lohn zu zahlen und richtig zu reagieren
(Urk. 32 S. 3 f.; vgl. Prot. I S. 4).
3.6. Auch wenn ohne Weiteres ersichtlich ist, dass der Beschuldigte in prekären
Verhältnissen lebt, trifft dessen Behauptung nicht zu, aufgrund des Verhaltens
des Privatklägers nicht einmal ausreichend Geld zur Finanzierung eines Essens
gehabt zu haben, da er kurz vor dem Vorfall insgesamt Fr. 300.– erhalten hatte
und ihm danach weitere Fr. 120.– (nach Aussagen des Privatklägers gar Fr. 150.–,
vorbehältlich der definitiven Abrechnung) in Aussicht gestellt wurden. Entgegen
der Vorinstanz kann das Verhalten des Beschuldigten damit auch nicht als voll-
kommen nachvollziehbar und nachfühlbar bezeichnet werden. Ferner erscheint es
– wie bereits oben unter 2.3.2 ausgeführt – als unzulässig, die Handlungen des
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Beschuldigten in die Nähe der Pfandnahme bzw. Retention zu rücken, da er sich
eigenmächtig und ohne Zustimmung den Besitz am Schlüsselbund des Privatklä-
gers verschafft hatte. Voraussetzung für die Strafbefreiung gemäss Art. 52 StGB
ist die Geringfügigkeit von Schuld und Tatfolgen. Beide Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein. Wer trotz polizeilicher Aufforderung bei gleichzeitigem In-
aussichtstellen einer zumindest teilweisen Begleichung der Forderung weiterhin
an einem tatbestandsmässigen Verhalten, verpönter Selbstjustiz, festhält, dessen
Schuld kann in subjektiver Hinsicht nicht mehr als derart gering erachtet werden.
3.7. Aus diesem Grund erscheinen die Voraussetzungen für das Absehen von
einer Strafe als nicht gegeben; die Berufung der Staatsanwaltschaft ist begründet
und es ist eine Strafe auszufällen.
4. Strafzumessung
4.1. Als Strafen sieht das Strafgesetzbuch Geldstrafe gemäss Art. 34 StGB,
gemeinnützige Arbeit im Sinne von Art. 37 StGB und Freiheitsstrafe gemäss
Art. 40 StGB vor. Gemäss Art. 34 Abs. 1 StGB beträgt die Geldstrafe höchstens
360 Tagessätze, sofern das Gesetz nichts anderes vorsieht. Die Zahl der Ta-
gessätze ist nach dem Verschulden des Täters zu bestimmen. Gemäss Abs. 2
derselben Bestimmung beträgt ein Tagessatz höchstens Fr. 3'000.–.
4.2. Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es be-
rücksichtigt dabei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wir-
kung der Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden
wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechts-
guts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des
Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren
Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden
(Art. 47 Abs. 2 StGB). Für die Zumessung der Strafe ist zwischen der Tat- und der
Täterkomponente zu unterscheiden. Bei der Tatkomponente ist als Ausgangs-
punkt die objektive Schwere des Delikts festzulegen und zu bewerten. Dabei ist
anhand des Ausmasses des Erfolgs sowie auf Grund der Art und Weise des Vor-
gehens zu beurteilen, wie stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut beein-
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trächtigt worden ist. Ebenfalls von Bedeutung sind die kriminelle Energie, der Tat-
beitrag bei Tatausführung durch mehrere Täter sowie ein allfälliger Versuch. Hin-
sichtlich des subjektiven Verschuldens sind insbesondere das Motiv, die Beweg-
gründe, die Willensrichtung sowie das Mass an Entscheidungsfreiheit des Täters
zu beurteilen. Die Täterkomponente umfasst die persönlichen Verhältnisse, das
Vorleben, insbesondere frühere Strafen oder Wohlverhalten, und das Verhalten
nach der Tat und im Strafverfahren, insbesondere gezeigte Reue und Einsicht,
oder ein abgelegtes Geständnis (Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, Kommentar
zum Schweizerischen Strafgesetzbuch, 13. Aufl., Zürich 2013, Art. 47 N 5 ff.).
4.3. Der Tatbestand der Nötigung nach Art. 181 StGB wird mit Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bis 360 Tagessätzen bestraft. Bei einem Ver-
such, wie vorliegend, kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB).
4.4. Bezüglich der objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass das Verschul-
den sehr leicht wiegt. Das abgenötigte Verhalten bestand einzig in der Wegnah-
me des Fahrzeugschlüssels des Privatklägers und damit in der faktischen Verun-
möglichung, den Lieferwagen zu fahren. Der Privatkläger erlitt keinen relevanten
Nachteil. Es ist von einer geringen kriminellen Energie auszugehen, da der Be-
schuldigte nach einem probaten Mittel zur Durchsetzung seiner Forderung auf Ar-
beitslohn gegenüber dem Arbeitgeber suchte. Auch die Tatfolgen für den Privat-
kläger waren nicht schwerwiegend, da ihm durch seinen Vater noch am Tag der
Behändigung des Fahrzeugschlüssels durch den Beschuldigten der passende Er-
satzschlüssel gebracht wurde (Urk. 4 S. 2). Das Fahrzeug stand dem Privatkläger
somit nur wenige Stunden nicht zu Verfügung und aus den Akten ist nicht ersicht-
lich, dass diesem daraus ein Schaden entstanden wäre. Dass der angestrebte Er-
folg ausblieb, lag ausserhalb des Einflussbereichs des Beschuldigten und wirkt
sich deshalb nur marginal zu seinen Gunsten aus.
4.5. Beim subjektiven Tatverschulden ist zu berücksichtigen, dass der Beschul-
digte vorsätzlich handelte und auch nach einem Anruf eines Polizisten weiterhin
am tatbestandsmässigen Verhalten festhielt. Hingegen sind seine Beweggründe
weitgehend nachvollziehbar. Schliesslich war der Beschuldigte, der sich eigen-
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ständig unter dem Existenzminimum durchschlägt, auf eine prompte Zahlung der
Lohnforderung dringend angewiesen.
4.6. Das Verschulden des Beschuldigten kann gesamthaft als sehr leicht be-
zeichnet werden. Es erscheint eine Einsatzstrafe von 2 Tagessätzen Geldstrafe
als angemessen.
4.7. Bezüglich des Vorlebens und der persönlichen Verhältnisse des wegen
Zechprellerei vorbestraften 45-jährigen Beschuldigten ist bekannt, dass er in ...
die Sekundarschule an einer Privatschule abschloss, eine Lehre als Schriften-
und Reklamenmaler absolvierte und danach bei diversen Arbeitgebern vor allem
im Hoch-, Tief, Strassen- und Gartenbau arbeitete. Er lebt derzeit als Obdachlo-
ser alleine auf der Strasse und finanziert sich durch Gelegenheitsarbeiten; er hat
weder Vermögen noch Schulden (Urk. 11 f.; Urk. 32 S. 5 f.). Seinen heutigen Aus-
führungen ist zu entnehmen, dass seine persönlichen Verhältnisse im Wesentli-
chen unverändert geblieben sind (Prot. II S. 6 ff.). Der Biographie des Beschuldig-
ten lassen sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren entnehmen.
4.8. Die Vorstrafe des Beschuldigten vom 9. März 2012 wegen Zechprellerei
und die Delinquenz während laufender Probezeit wirken sich straferhöhend aus.
Das weitgehende Geständnis des Beschuldigten ist hingegen strafmindernd zu
berücksichtigen. Diese Strafzumessungsfaktoren halten sich in etwa die Waage.
4.9. In Anbetracht aller relevanter Umstände erweist sich demnach eine Geld-
strafe von 2 Tagessätzen als angemessen.
4.10. Der Tagessatz darf nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung auch in
misslichen finanziellen Verhältnissen den Betrag von Fr. 10.– nicht unterschreiten,
um noch als ernsthafte Sanktion wahrgenommen zu werden (Urteil BGer vom
13. Juli 2010, 6B_610/2009, E. 1.5; BGE 135 IV 180 E. 1.4.2 mit Hinweisen). Für
den mittellosen Beschuldigten ist mithin die von der Untersuchungsbehörde bean-
tragte Höhe des Tagessatzes festzusetzen.
4.11. Unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Strafzumessungsgründe
erscheint es dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschul-
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digten angemessen, ihn mit einer Geldstrafe von 2 Tagessätzen zu Fr. 10.– zu
bestrafen, welche als durch 2 Tage Haft geleistet gilt (Art. 51 StGB).
5. Vollzug
5.1. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe, von gemeinnütziger Ar-
beit oder einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten und höchstens
zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig er-
scheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen ab-
zuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Materiell ist demnach das Fehlen einer ungünsti-
gen Prognose vorausgesetzt. Das heisst in Anlehnung an die herrschende Praxis,
dass auf das Fehlen von Anhaltspunkten für eine Wiederholungsgefahr abgestellt
wird. Die günstige Prognose wird also vermutet.
5.2. Da vorliegend eine Geldstrafe auszufällen ist, sind in objektiver Hinsicht die
Voraussetzungen zur Gewährung des bedingten Strafvollzuges erfüllt. Der Be-
schuldigte weist eine Vorstrafe über 10 Tagessätze Geldstrafe aus dem März
2012 auf; Art. 42 Abs. 2 StGB gelangt nicht zur Anwendung. Weil keine Umstände
vorliegen, die einen Vollzug der Geldstrafe erheischen, ist dem Beschuldigten der
bedingte Strafvollzug zu gewähren.
5.3. Schiebt das Gericht den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise auf, so
bestimmt es dem Verurteilten eine Probezeit von zwei bis fünf Jahren (Art. 44
Abs. 1 StGB). Diese ist auf zwei Jahre anzusetzen.
6. Widerruf
6.1. Die Vorinstanz verlängerte die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft, Ab-
teilung 2, Emmen, vom 9. März 2012 angesetzte Probezeit um ein Jahr. Sie hat
die theoretischen Grundlagen der Delinquenz während laufender Probezeit kor-
rekt dargelegt, worauf verwiesen werden kann (Urk. 59 S. 9). Indessen erscheint
angesichts der leichten Delinquenz des Beschuldigten sowie dessen günstiger
Prognose eine Verwarnung als genügend, um den Beschuldigten von der Ver-
übung weiterer Straftaten abzuhalten.
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7. Kostenfolge
7.1. Ausgangsgemäss ist das vorinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 4 und 5) zu
bestätigen.
7.2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ih-
res Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
7.3. Die Staatsanwaltschaft obsiegt in dem Sinne, dass zwar eine Strafe auszu-
fällen ist, jedoch fällt diese deutlich tiefer aus als beantragt. Auch der Beschuldig-
te dringt nur teilweise mit seiner Anschlussberufung durch. Ausgangsgemäss sind
die Kosten – ohne diejenigen der amtlichen Verteidigung – dem Beschuldigten zur
Hälfte aufzuerlegen, wegen der finanziellen Lage des Beschuldigten sind sie ihm
jedoch zu erlassen (Art. 425 StPO), und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind ebenfalls auf die Gerichts-
kasse zu nehmen (Art. 425 StPO).