# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** db4d9fbe-d7e9-417d-bbca-daba6d2ab0c0
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._, geboren 196_ (act. G 10.4.7, S. 1 oben), bezieht seit 1. Dezember 2017 von der
politischen Gemeinde X._ Sozialhilfe (act. G 10.4.7, S. 2 Mitte; siehe hierzu sowie zur
Erwerbsbiografie und Ausschöpfung des Anspruchs auf Arbeitslosenentschädigung
act. G 22, Rz 3.1). Die Leiterin der Sozialen Dienste X._ forderte ihn vor dem
Hintergrund einer beabsichtigten Einstellung der Sozialhilfeleistungen per Ende Mai
2021 am 17. März 2021 auf, baldmöglichst einen Antrag um Bezug der
Freizügigkeitsleistung (vgl. hierzu act. G 10.4.13) zu stellen, damit die Auszahlung noch
im Mai 2021 erfolgen könne (act. G 10.4.10). A._ liess in der Stellungnahme vom
25. März 2021 vorbringen, die Anweisung zum Bezug der Freizügigkeitsleistung sei
unrechtmässig, weshalb darauf zu verzichten sei (act. G 10.4.9). Daraufhin verfügten
die Sozialen Dienste X._ am 28. April 2021 u.a., dass die Unterstützung für A._ unter
Berücksichtigung eines verfügbaren Vermögens von über CHF 203'000 mangels
Bedürftigkeit per 31. Mai 2021 beendet werde. Vorbehalten bleibe ein Antrag auf
Nothilfe. Auf die Geltendmachung einer Rückforderung der vom 1. Dezember 2017 bis
30. April 2021 bezogenen Sozialhilfe von CHF 72'790.90 werde im Zuge der
Auszahlung der Freizügigkeitsleistung verzichtet. Eine spätere Rückerstattung werde
periodisch überprüft. Die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung würden
bis Ende 2021 übernommen (act. G 10.4.7).
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Den dagegen erhobenen Rekurs vom 10. Mai 2021 (act. G 10.4.2) hiess der
Gemeinderat X._ mit Beschluss vom 7. Juni 2021 insoweit gut, als A._ die von ihm
bezahlten Spitexkosten von CHF 114.35 zurückzuerstatten seien. Im Übrigen wurde
der Rekurs abgewiesen. Einem allfälligen Rekurs gegen den Beschluss des
Gemeinderats wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (act. G 10.4.1).
A.b.
A._ erhob gegen den Beschluss des Gemeinderats X._ am 29. Juni 2021 Rekurs
beim Departement des Innern des Kantons St. Gallen (act. G 10.1). Aufgrund einer
möglichen Befangenheitssituation von dessen Vorsteherin wurde der Rekurs zum
Entscheid an das Bildungsdepartement des Kantons St. Gallen überwiesen (act.
G 10.6). Dieses stellte zunächst mit Zwischenentscheid vom 15. Juli 2021 die
aufschiebende Wirkung des Rekurses vom 29. Juni 2021 antragsgemäss wieder her
(act. G 10.9). Mit Entscheid vom 23. März 2022, DIGS000_, hiess es sodann den
Rekurs, soweit darauf eingetreten wurde, insoweit gut, als es die Beendigung der
Unterstützung per 31. Mai 2021 aufhob. Das Gesuch um Anordnung von
aufsichtsrechtlichen Massnahmen wurde zur Prüfung an den Gemeinderat der
politischen Gemeinde X._ überwiesen. Zur Begründung führte das
Bildungsdepartement im Wesentlichen aus, im Fall eines Vorbezugs und der
Einstellung der finanziellen Sozialhilfe hätte der Rekurrent seinen Lebensbedarf
vollumfänglich mit seiner Freizügigkeitsleistung zu decken, was dazu führen würde,
dass er den «überwiegendsten» Teil davon bereits aufgebraucht hätte, bevor der
Versicherungsfall Alter eintrete. Dies erscheine nicht rechtmässig (act. G 10.26).
A.c.
Gegen den Rekursentscheid des Bildungsdepartements (Vorinstanz) vom 23. März
2022, DIGS000_, erhob die politische Gemeinde X._ (Beschwerdeführerin) am 6. April
2022 Beschwerde. Sie beantragte insoweit dessen Aufhebung, als die Einstellung und
Beendigung der Unterstützung von A._ (Beschwerdegegner) in Form von finanzieller
Sozialhilfe mangels Bedürftigkeit per 31. Mai 2021 zu bestätigen sei. Zudem sei auf die
Auferlegung der Verfahrenskosten des vorinstanzlichen Rekursverfahrens zu ihren
Lasten zu verzichten und es sei ihr für das vorinstanzliche Verfahren eine angemessene
ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen; alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge (act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom 25. Mai 2022 stellte
sie zusätzlich den Eventualantrag, dass die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung
und zum neuen Entscheid an die Sozialen Dienste zurückzuweisen sei. Demgegenüber
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wiederholte sie den Antrag um Zusprache einer angemessenen ausseramtlichen
Entschädigung für das vorinstanzliche Verfahren nicht mehr. Zur Begründung brachte
die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, der Schutz nicht vorbezogener
Freizügigkeitsguthaben sei mit dem Subsidiaritätsprinzip nicht vereinbar. Eine bis zum
Vorbezug einer AHV-Altersrente überbrückungsweise Anzehrung des Guthabens sei
betraglich beschränkt und dem Beschwerdegegner zumutbar. Im Übrigen werde der
Beschwerdegegner so oder anders auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein. Des
Weiteren rügte die Beschwerdeführerin eine Verletzung der Gemeindeautonomie (act.
G 5).
Die Vorinstanz beantragte in der Vernehmlassung vom 17. Juni 2022 die Abweisung
der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf den angefochtenen Entscheid (act.
G 8).
B.b.
In der Beschwerdeantwort vom 2. September 2022 ersuchte der Beschwerdegegner
unter Kosten- und Entschädigungsfolge um Abweisung der Beschwerde sowie um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Er machte im Wesentlichen geltend,
dem Subsidiaritätsprinzip komme gegenüber Sozialversicherungsleistungen kein
absoluter Vorrang zu. Der von der Beschwerdeführerin geforderte Vorbezug sei mit den
bundesrechtlichen Normen zum Schutz eines Freizügigkeitsguthabens nicht zu
vereinbaren. Ein Zwang zum Bezug des Freizügigkeitsguthabens sei frühestens dann
verfassungskonform, wenn gleichzeitig der Bezug einer AHV-Altersrente möglich sei.
Die von der Beschwerdeführerin angestrebte Praxis höhle den Schutz von
Altersguthaben gerade für die Gruppe der Sozialhilfebeziehenden aus, obwohl gerade
diese besonders darauf und auf die Erhaltung ihrer Altersvorsorge angewiesen seien
(act. G 17).
B.c.
Die Beschwerdeführerin nahm hierzu am 22. September 2022 Stellung und hielt
unverändert an den in der Beschwerdeergänzung gestellten Anträgen fest (act. G 19).
B.d.
Die Vorinstanz verzichtete am 12. Oktober 2022 auf eine weitere Stellungnahme (act.
G 21).
B.e.
In der Eingabe vom 13. Oktober 2022 hielt der Beschwerdegegner unverändert an
seinem Standpunkt fest (act. G 22).
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Verfahrensparteien im Beschwerdeverfahren sowie die Akten wird, soweit
entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Die Parteien verzichteten stillschweigend auf weitere Stellungnahmen (vgl. act. G 23).
B.g.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts zur Beurteilung der Beschwerde
vom 6. April 2022 ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]). Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung
der Beschwerde befugt (Art. 64 i.V.m. Art. 45 Abs. 1 VRP; vgl. Entscheid des
Verwaltungsgerichts B 2019/53 und B 2019/61 vom 24. Januar 2020, E. 1.2). Die
Beschwerde wurde am 6. April 2022 rechtzeitig erhoben (act. G 1) und erfüllt
zusammen mit der Ergänzung vom 25. Mai 2022 (act. G 5) in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 i.V.m. Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 und 2 VRP), weshalb grundsätzlich darauf einzutreten ist. Demgegenüber fehlt
es der Beschwerdeführerin bei ihrem Antrag, es sei auf die Auflage der
Verfahrenskosten des vorinstanzlichen Rekursverfahrens zu ihren Lasten zu verzichten
(act. G 5, Ziffer 4 der Anträge), an einem Rechtsschutzinteresse und es ist darauf nicht
einzutreten. Denn im angefochtenen Entscheid wurde bereits auf die Erhebung ihres
Anteils an den amtlichen Kosten verzichtet (Dispositivziffer 3 des angefochtenen
Entscheids, act. G 10.26).
1.1.
bis
Das Verwaltungsgericht hatte in seiner bisherigen Rechtsprechung bislang noch nicht
über die für eine Einstellung von finanzieller Sozialhilfe zu beachtenden
Voraussetzungen eines als zumutbar zu erachtenden frühestmöglichen Vorbezugs von
Freizügigkeitsleistungen zu befinden. Deshalb ergeht der vorliegende Entscheid in
Fünferbesetzung (Art. 18 Abs. 3 lit. b Ziff. 1 des Gerichtsgesetzes [GerG; sGS 941.1]).
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die von der Vorinstanz
verneinte Zulässigkeit der Einstellung der finanziellen Sozialhilfe per 31. Mai 2021.
Persönliche Sozialhilfe bezweckt gemäss Art. 2 des Sozialhilfegesetzes (SHG;
sGS 381.1), der Hilfebedürftigkeit vorzubeugen, deren Folgen nach Möglichkeit zu
beseitigen oder zu mildern und die Selbsthilfe der Hilfebedürftigen sowie ihre soziale
und berufliche Integration zu fördern (Art. 2 Abs. 1 SHG). Sie wird unter anderem
geleistet, soweit kein Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen besteht (Art. 2 Abs. 2
lit. b SHG). Wer für seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus
eigenen Mitteln aufkommen kann, hat Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe (Art. 9 Abs. 1
SHG). Diese Subsidiarität der Sozialhilfe gegenüber allen anderen Sicherungs- und
Schadenausgleichsystemen hat zur Folge, dass Sozialhilfebeziehende grundsätzlich
alle ihnen zustehenden Ansprüche auf Leistungen der primären sozialen Sicherheit
geltend machen (Entscheid des Verwaltungsgerichts B 2015/38 vom 22. Januar 2016
E. 2.2 mit Hinweisen), wie die Beschwerdeführerin eingehend und an sich zutreffend
erläuterte.
2.1.
Altersleistungen von Freizügigkeitspolicen und Freizügigkeitskonten dürfen frühestens
5 Jahre vor und spätestens 5 Jahre nach Erreichen des Rentenalters nach Art. 13
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40; bei Männern: 65 Jahre) ausbezahlt werden (Art. 16
Abs. 1 der Verordnung über die Freizügigkeit in der beruflichen Alters-, Hinterlassenen-
und Invalidenvorsorge [FZV; SR 831.425]). Die Entstehung des Anspruchs auf
Altersleistungen im Fall einer Frühpensionierung nach Art. 16 Abs. 1 FZV setzt nebst
der Erfüllung der im Gesetz vorgesehenen Voraussetzungen eine Willensäusserung der
versicherten Person voraus (BGE 148 III 237 f. E. 6.2.1.2.2 am Schluss). Von
Bundesrechts wegen geniessen die Vorsorgeguthaben einen Schutz, der deren
Erhaltung dient (BGE 148 V 123 f. E. 7.1 mit Hinweis u.a. auf Art. 113 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101], Art. 1 Abs. 1
BVG, Art. 9 Abs. 1, Art. 14 und Art. 20 ff. des Bundesgesetzes über die Freizügigkeit in
der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge [FZG; SR 831.42],
Art. 10 ff. FZV und Art. 92 Abs. 1 Ziff. 10 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung
und Konkurs [SchKG; SR 281.1]; zum sogar «kompromisslosen» Grundsatz der
Erhaltung des Vorsorgeschutzes siehe das Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [seit 1. Januar 2007: sozialrechtliche Abteilungen des
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgerichts] B 51/03 vom 7. September 2004 E. 3). Der Vorsorgeschutz wird
namentlich durch eine Freizügigkeitspolice oder durch ein Freizügigkeitskonto erhalten
(Art. 10 Abs. 1 FZV). Er fällt (erst) nach einem tatsächlich erfolgten Bezug des
Freizügigkeitsguthabens dahin (BGE 148 V 124 E. 7.2.1). Mit Blick auf den vom
Bundesgericht erwähnten Art. 92 Abs. 1 Ziff. 10 SchKG, der die Unpfändbarkeit von
Ansprüchen auf Vorsorge- und Freizügigkeitsleistungen gegen eine Einrichtung der
beruflichen Vorsorge vor Eintritt der Fälligkeit vorsieht, ist zudem auf BGE 148 III 232
hinzuweisen. Darin gelangte es unter Bezugnahme zum Vorsorgeschutz (E. 6.2.1.2.1)
zur Auffassung, dass Altersleistungen aus einem Freizügigkeitskonto bei einer
Freizügigkeitseinrichtung vor Erreichen des (ordentlichen) Rentenalters erst fällig
werden, wenn die versicherte Person die Auszahlung verlangt und diese auch erhält.
Vor dem Antrag handelt es sich lediglich um eine Anwartschaft («expectative»)
gegenüber der Freizügigkeitseinrichtung (E. 6.3.5; siehe auch die
Entscheidbesprechung von St. Oneyser vom 9. Juni 2022, in: swissblawg, <https://
swissblawg.ch/2022/06/5a_907-2021-verarrestierbarkeit-von-austrittsleistungen-und-
altersleistungen-aus-einem-freizuegigkeitskonto-amtl-publ.html>; abgerufen am
11. November 2022).
Wie sich aus der vorstehend dargestellten Rechtslage und der hierzu ergangenen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ergibt, ist das Anliegen des für (noch nicht
bezogene) Freizügigkeitsguthaben geltenden Vorsorgeschutzes bei der Gewährung
sozialhilferechtlicher Leistungen miteinzubeziehen, zumal das Sozialhilfe- und
Sozialversicherungsrecht eng miteinander verzahnt sind. Die beiden kollidierenden
Prinzipien des Vorsorgeschutzes einerseits und der Subsidiarität der Sozialhilfe
andererseits sind folglich im Einzelfall der sozialhilferechtlichen Leistungsprüfung
gegeneinander abzuwägen. Auch in der Literatur wird eine differenzierte Handhabung
bezogen auf den vorzeitigen Bezug von Freizügigkeitsleistungen gefordert, die deren
Zielsetzung im Auge behält (G. Wizent, Sozialhilferecht, 2020, Rz 630, S. 234 f.). In der
Botschaft des Bundesrates vom 30. Oktober 2019 zum Bundesgesetz über
Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose (ÜLG; SR 837.2) wurde in damit zu
vereinbarender Weise der Standpunkt vertreten, dass die Freizügigkeitsguthaben der
2. Säule nur ergänzend zu einer (vorbezogenen) AHV-Altersrente aufgelöst werden
sollen, damit der Vorsorgezweck erhalten bleibe. Die Sozialdienste würden denn auch
in der Regel darauf verzichten, von Sozialhilfebeziehenden (vorgängig) den vorzeitigen
Bezug der Freizügigkeitsleistungen zu verlangen (BBl 2019 8271). Hinsichtlich eines
Vorbezugs einer AHV-Altersrente, der für Männer frühestens nach Vollendung des
63. Altersjahres zulässig ist (Art. 40 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinterlassenenversicherung [AHVG; SR 831.10]), gelangte das Verwaltungsgericht
sodann zur Auffassung, dass ein solcher nur ausnahmsweise und erst nach einer
sorgfältigen Abwägung aller Umstände von den Sozialhilfebehörden verlangt werden
kann (Entscheid B 2015/38 vom 22. Januar 2016 E. 2.2). Diese Überlegungen haben
erst recht für einen unfreiwilligen Vorbezug des Freizügigkeitsguthabens zu gelten, der
bereits 3 Jahre vor dem AHV-Altersrentenvorbezug möglich wäre und damit die für die
Altersvorsorge bestimmten Mittel erheblich stärker in Anspruch nehmen würde. Zudem
würde das zum frühestmöglichen Zeitpunkt bezogene Freizügigkeitsguthaben – wenn
auch bloss noch wenige Jahre bis zum (Vor-)Bezug der AHV-Altersrente – der von
Bundesrechts wegen bis zum tatsächlichen Bezug geschützten Invalidenvorsorge
entzogen. Hinzu kommt, dass auch das von der St. Gallischen Konferenz der
Sozialhilfe herausgegebene KOS-Handbuch (Version vom 1. Januar 2021), worin im
Wesentlichen die SKOS-Richtlinien übernommen und vereinzelt ergänzt wurden,
vorsieht, dass Vermögen der 2. Säule grundsätzlich zusammen mit dem AHV-
Altersrentenvorbezug herauszulösen seien. Älteren Arbeitslosen sei bis zum AHV-
Altersrentenvorbezug eine Weiterführung der Altersvorsorge in der 2. Säule bei ihrer
bisherigen Vorsorgeeinrichtung zu ermöglichen (D.3.3 Abs. 3 und Abs. 4 der
Richtlinien). Die KOS-Richtlinien sind zwar bislang nicht für allgemein verbindlich erklärt
worden. Dennoch hat sich die Bemessung der finanziellen Sozialhilfe daran zu
orientieren (Art. 11 Abs. 1 SHG), womit sie bei der so-zialhilferechtlichen
Leistungsprüfung nicht ausser Acht gelassen werden dürfen (vgl. den Entscheid des
Verwaltungsgerichts B 2017/57 vom 23. Mai 2018 E. 4.4 mit Hinweisen).
bis
Die Vorinstanz zog im angefochtenen Entscheid den ausführlich begründeten Schluss,
dass dem gesundheitlich stark angeschlagenen, schon mehrere Jahre arbeitslosen,
inzwischen ausgesteuerten (siehe hierzu act. G 22, Rz 3.1) und seit März 2020 zu
100 % arbeitsunfähigen, alleinstehenden Beschwerdegegner ein Vorbezug des
Freizügigkeitsguthabens im Zeitpunkt der Vollendung des 60. Altersjahres und die
damit verbundene sechsstellige Reduktion des Freizügigkeitsguthabens (von etwas
mehr als CHF 200'000 auf günstigstenfalls CHF 99'000) nicht zugemutet werden kann.
Dabei liess sie zu Recht den erhöhten Heilbehandlungsbedarf sowie die damit
verbundenen Kosten nicht ausser Acht (siehe zum Ganzen E. 3.5.1 ff. des
angefochtenen Entscheids, act. G 10.26). Die Frage, ob der Beschwerdegegner zur
Durchsetzung allfälliger Rentenansprüche gemäss dem Bundesgesetz über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) angehalten werden könnte, bildet nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens und hat somit offenzubleiben.
2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Nicht gefolgt werden kann demgegenüber dem Standpunkt der Beschwerdeführerin,
eine Differenzierung zwischen bezogenen und nicht bezogenen
Freizügigkeitsleistungen rechtfertige sich nicht (act. G 5, Rz 14). Dies daher, weil diese
Unterscheidung aus dem bundesrechtlich verankerten Vorsorgeschutz hervorgeht, der
sein Ende erst im Fall des tatsächlichen Leistungsbezugs findet (siehe hierzu
vorstehende E. 2.2), und sachlich gerechtfertigt ist. Soweit die Beschwerdeführerin auf
die Möglichkeit des Bezugs von Ergänzungsleistungen (EL) verweist (act. G 5, Rz 14),
gilt es im vorliegenden Fall zu beachten, dass bei einem frühestmöglichen Vorbezug
der Freizügigkeitsleistungen im Monat der Vollendung des 60. Altersjahres und in den
Folgejahren mangels Anspruchs auf eine Rente der 1. Säule noch gar kein
entsprechender EL-Anspruch besteht. Damit greift die von der Beschwerdeführerin
geforderte Massnahme im Vergleich zu einem Vorbezug der AHV-Altersrente, deren
Folgen (prozentuale Kürzung) grundsätzlich unmittelbar durch Ergänzungsleistungen
kompensiert werden können, stärker in die Altersvorsorge ein. Die Vorinstanz legte
denn auch nachvollziehbar und zutreffend dar, mit welcher erheblichen, im Rahmen
einer Gesamtwürdigung letztlich nicht zumutbaren Reduktion des
Freizügigkeitsguthabens der Beschwerdegegner konfrontiert wäre. Entgegen der von
der Beschwerdeführerin vorgebrachten Rüge (act. G 5, Rz 25) kann im Einbezug des
umschriebenen, bundesrechtlich statuierten Vorsorgeschutzes im Rahmen der
sozialhilferechtlich gebotenen Zumutbarkeits- bzw. Leistungsprüfung keine Verletzung
der Gemeindeautonomie erblickt werden.
2.5.
Die vorinstanzliche Entscheidfindung erging daher sowohl in Nachachtung der
vorstehend dargelegten Grundsätze (E. 2.1 f.) als auch der gebotenen
Interessenabwägung (E. 2.3 f.) und ist damit nicht zu beanstanden. Mit der Vorinstanz
ist die Rechtmässigkeit der von der Beschwerdeführerin per 31. Mai 2021
angeordneten Einstellung der Sozialhilfeleistungen folglich zu verneinen. Auf die von
der Beschwerdeführerin eventualiter nicht näher substantiiert beantragte Rückweisung
zur weiteren Sachverhaltsabklärung (siehe act. G 5, Rz 41) ist zu verzichten, da davon
kein weiterer Erkenntnisgewinn zu erwarten ist.
2.6.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens sind mit Blick auf den
Verfahrensausgang vollumfänglich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung; sGS 941.12). Die Beschwerdeführerin stellt für den Fall
ihres Unterliegens den Antrag, dass auf die Erhebung amtlicher Kosten gemäss Art. 97
VRP zu verzichten sei, da bislang unbeantwortet gebliebene Rechtsfragen zu
beantworten gewesen seien (act. G 5, Rz 45). Dem ist beizupflichten, da sich weder
das Verwaltungsgericht noch (soweit ersichtlich) das Bundesgericht in seiner
bisherigen Rechtsprechung mit den für eine Einstellung von finanzieller Sozialhilfe zu
beachtenden Voraussetzungen eines als zumutbar zu erachtenden frühestmöglichen
Vorbezugs von Freizügigkeitsleistungen zu befassen hatten. Entsprechend wird auf die
Erhebung der amtlichen Kosten verzichtet.
3.2.
3.3.
Beim vorliegenden Verfahrensausgang hat der Beschwerdegegner einen Anspruch auf
eine ausseramtliche Entschädigung (Art. 98 Abs. 1 i.V.m. Art. 98 VRP). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Verwaltungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal CHF 1'500 bis
CHF 15'000. Der Rechtsvertreter des Beschwerdegegners hat keine Kostennote
eingereicht. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint mit Blick auf
die sich stellenden Rechtsfragen, den zweifachen Schriftenwechsel und den damit
notwendigen Aufwand eine pauschale Entschädigung von CHF 2'600 (CHF 2'500
zuzüglich 4 % Barauslagen, CHF 100; jedoch mangels Antrags ohne Mehrwertsteuer)
angemessen.
3.3.1.
bis
In Anbetracht des in der Sache obsiegenden Beschwerdegegners ist nicht zu
beanstanden, dass die Vorinstanz die Angelegenheit zur Festlegung der für das
Verfahren vor dem Gemeinderat zu entrichtenden ausseramtlichen Entschädigung an
die Beschwerdeführerin zurückwies (siehe hierzu Dispositivziffer 5 des angefochtenen
Entscheids, act. G 10.26; zum dagegen gerichteten Antrag Ziffer 1 der
Beschwerdeführerin siehe act. G 5).
3.3.2.
Aufgrund der zu Gunsten des Beschwerdegegners ausfallenden Kosten- und
Entschädigungsfolgen ist sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte