# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 96c08099-69cc-4285-ae7a-c6fde7647fe7
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, I. Abteilung, vom 13. April 2018 (DG170028)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 23. Oktober
2017 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 28).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 63 S. 62 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte B._ ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sin-
ne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklageziffer 1.1).
2. Die Beschuldigte B._ wird freigesprochen vom Vorwurf der versuchten schwe-
ren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB (Anklageziffer 1.2).
3. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitstrafe von 42 Monaten (wovon 302
Tage bis und mit heute durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden sind).
4. Die Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB für 8 Jahre des
Landes verwiesen.
5. Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informations-
system (SIS) angeordnet.
6. Es wird festgestellt, dass die Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger 2 A._
aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird der
Privatkläger 2 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
7. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger 2 A._ eine Genugtuung in
Höhe von Fr. 5'000.– nebst Zins zu 5% seit 16. Juni 2017 zu bezahlen. Im Mehrum-
fang wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
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8. Die gemäss Spurenbericht des FOR aufgelisteten Spuren und Spurenträger (Refe-
renz-Nr. K170616-090) können nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheides
vernichtet werden.
9. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 20. Oktober 2017 beschlag-
nahmte Tatmesser (A010'502'440) wird eingezogen und vernichtet. Mit der Vernich-
tung wird die Kantonspolizei Zürich beauftragt.
10. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 20. Oktober 2017 beschlagnahm-
ten Gegenstände:
− 1 Kopftuch, mehrfarbig (A010'502'611),
− 1 T-Shirt, grau weiss, mit Rosenmotiv auf Brust, "True Prodigy", Grösse 1
(A010'502'633),
− 1 Paar Shorts (Jeanshose), kurz, hellblau/verwaschen, "FB-Sister", Grösse L
(A010'502'644)
− 1 Paar Halbschuhe, blau, Stoff (A010'502'622),
− 1 T-Shirt violett, "The Nike Tee", Grösse XL (A010'502'655)
− 1 T-Shirt, ocker, "Campus", Grösse 8/9 years (A010'502'100),
− 1 Kinderhose, oliv, 3⁄4 lang, "Campus", 9A/10A (A010'502'097),
− 1 Paar Kinderschuhe, dunkelblau/rot, "Creeks", Grösse 34 (A010'502'086),
werden der Beschuldigten auf erstes Verlangen herausgegeben. Werden die Ge-
genstände nicht innert 30 Tagen nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils heraus-
verlangt, wird Verzicht auf Aushändigung angenommen und die Gegenstände wer-
den vernichtet. Mit der Vernichtung wird die Kantonspolizei Zürich beauftragt.
11. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 20. Oktober 2017 beschlagnahm-
ten Gegenstände:
− 1 Poloshirt, weiss, mit dunkelblauem Verschluss Knopfleiste "Hollister",
Gr. XL (A010'505'654),
− 1 Freizeithose, kurz, dunkelgrau, "DIADORA" (A010'505'676),
− 1 Textilstück, einzeln, dunkelgrau (zu A010'505'676 passend) (A010'505'698),
− 1 Unterhose schwarz, "UMOMO UNDERWEAR" Gr. S/M (A010'505'712),
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− 1 Paar Pantoffeln, beige/orange (A010'505'734),
− 1 Handtuch, weiss/rot, Grösse ca. 55 x 45 cm, blutig (A010'505'767),
− 1 Handtuch, weiss/hellgrün, Grösse ca. 60 x 45 cm, blutig (A010'505'790),
werden dem Privatkläger 2 auf erstes Verlangen herausgegeben. Werden die Ge-
genstände nicht innert 30 Tagen nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils heraus-
verlangt, wird Verzicht auf Aushändigung angenommen und die Gegenstände wer-
den vernichtet. Mit der Vernichtung wird die Kantonspolizei Zürich beauftragt.
12. Die Entschädigung von Rechtsanwältin Dr. iur. Y1._ für die amtliche Verteidi-
gung der Beschuldigten wird auf Fr. 37'870.– festgesetzt, nämlich Fr. 32'494.– für
den Aufwand, Fr. 2'613.10 für die Barauslagen und Fr. 2'762.90 für die Mehrwert-
steuer, wobei bereits eine Akonto-Ausbezahlung von Fr. 15'000.– erfolgt ist.
13. Die Entschädigung von Rechtsanwalt lic. iur. X._ für die unentgeltliche Vertre-
tung des Privatklägers 2 A._ wird auf Fr. 8'758.30 festgesetzt, nämlich
Fr. 7'919.– für den Aufwand, Fr. 199.60 für die Barauslagen und Fr. 639.70 für die
Mehrwertsteuer.
14. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf
Fr. 5'000.– ; die weiteren Verfahrenskosten betragen:
Fr. 5'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 1'581.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 4'961.35 Gutachten, Expertise, ect.
Fr. 861.05 Auslagen Untersuchung
Fr. 37'870.– Entschädigung amtliche Verteidigerin
Fr. 8'758.30 Entschädigung für Vertretung Privatkläger 2
Fr. 64'031.70 Total
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
15. Die Kosten und Gebühren des Vorverfahrens und des gerichtlichen Verfahrens,
einschliesslich der Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Ver-
tretung des Privatklägers 2, werden der Beschuldigten zu zwei Dritteln auferlegt,
diejenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung des Pri-
vatklägers 2 indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Vorbehalten
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bleibt die Verpflichtung der Beschuldigten, dem Kanton diese Entschädigungen im
Umfang von zwei Dritteln zurückzuzahlen, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhält-
nisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO und Art. 426 Abs. 4 StPO).
16. (Mitteilung)
17. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten (Urk. 86 S. 1 f.):
1. Die Anträge der I. Berufungsklägerin und des Anschlussberufungsklägers
seien abzuweisen.
2. In Gutheissung der Anträge der II. Berufungsklägerin sei das angefochtene
Urteil in den Dispositiv-Ziffern 1, 3, 4, 5, 6, 7 und 15 aufzuheben.
3. Stattdessen sei/seien
− die Berufungsklägerin auch vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen
Tötung freizusprechen;
− von einer Landesverweisung abzusehen;
− die Zivilforderungen des Privatklägers/Anschlussberufungsklägers
A._ auf den Zivilweg zu verweisen
− die II. Berufungsklägerin für die durch das Strafverfahren erlittenen
Nachteile angemessen zu entschädigen.
4. Eventualiter (für den Fall, dass die Berufungsklägerin vom Vorwurf gemäss
Anklageziffer 1.1 nicht wegen Notwehr im Sinne von Art. 15 StGB oder ent-
schuldbarem Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 2 freigesprochen
wird) – und insoweit die Anträge der schriftlichen Berufungserklärung vom
30. Oktober 2018 präzisierend:
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− Die II. Berufungsklägerin sei bezüglich Anklageziffer 1.1 der einfachen
Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand gemäss Art. 123
Ziffer 2 StGB, begangen im Notwehrexzess gemäss Art. 16 Abs. 1
StGB, schuldig zu sprechen;
− sie sei zu einer bedingten Freiheitsstrafe von höchstens 4 Monaten un-
ter Anrechnung der erstandenen Haft und bei einer Probezeit von
3 Jahren zu verurteilen;
− von einer Landesverweisung gemäss Art. 66a StGB sei abzusehen;
− die Zivilforderungen des Privatklägers/Anschlussberufungsklägers
A._ seien auf den Zivilweg zu verweisen;
− für die erlittene Überhaft sei der II. Berufungsklägerin eine angemesse-
ne Genugtuung zuzusprechen;
− unter Kostenfolge.
5. Subeventualiter:
− Die II. Berufungsklägerin sei bezüglich Anklageziffer 1.1 der versuchten
schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB, begangen im Notwehrexzess gemäss Art. 16 Abs. 1 StGB,
schuldig zu sprechen;
− sie sei zu einer bedingten Freiheitsstrafe von höchstens 24 Monaten
unter Anrechnung der erstandenen Haft und bei einer Probezeit von
3 Jahren zu verurteilen;
− von einer Landesverweisung sei gestützt auf Art. 66a Abs. 3 StGB ab-
zusehen;
− die Zivilforderungen des Privatklägers/Anschlussberufungsklägers
A._ seien auf den Zivilweg zu verweisen;
− unter Kostenfolge.
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b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 87 S. 1):
1. Die Beschuldigte sei der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB schuldig zu sprechen.
2. Die Beschuldigte sei mit 9 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen.
c) Der Privatklägerschaft A._ (Urk. 88 S.1):
1. Zu Ziffer 1: Die Beschuldigte sei für die versuchte vorsätzliche Tötung ge-
mäss Art. 111 i.V.m. Art. 22 StGB schuldig zu sprechen.
2. Zu Ziffer 3: Die Strafe sei infolge gänzlichen Fehlens einer Notwehrsituation
angemessen zu erhöhen.
3. Zu Ziffer 6: Die Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger einen
Schadenersatz in der Höhe des ausgewiesenen Lohnausfalls im Umfang
von Fr. 1'018.75 zu bezahlen. Im Weiteren sei das Schadenersatzbegehren
auf den Zivilweg zu verweisen.
4. Zu Ziffer 7: Die Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger unter dem
Titel Genugtuung den Betrag von Fr. 20'000.– zu bezahlen.
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## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Vermei-
dung von unnötigen Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen derselben
im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 63 S. 5 f.; Art. 82 Abs. 4
StPO).
1.2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Dielsdorf, I. Abteilung, vom 13. April 2018
wurde die Beschuldigte im Sinne des eingangs wiedergegebenen Urteilsdisposi-
tivs schuldig gesprochen und bestraft (Urk. 50). Gegen dieses Urteil meldete die
Staatsanwaltschaft mit Schreiben vom 18. April 2018 und die Beschuldigte mit
Schreiben vom 19. April 2018 Berufung an (Urk. 53 f.). Das begründete Urteil
(Urk. 61 = Urk. 63) wurde der Staatsanwaltschaft und der Beschuldigten am
10. Oktober 2018 zugestellt (Urk. 62/1 und 2). Die fristgerecht eingegangenen Be-
rufungserklärungen datieren vom 29. und 30. Oktober 2018 (Urk. 65 und 67).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 1. November 2018 wurde den Parteien Frist an-
gesetzt, um Anschlussberufung zu erklären oder begründet Nichteintreten auf die
Berufung zu beantragen (Urk. 69). Daraufhin erhob der Privatkläger mit Eingabe
vom 21. November 2018 betreffend die Ziffern 1, 3, 6 und 7 Anschlussberufung
(Urk. 73).
1.4. Am 15. April 2019 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher die Be-
schuldigte in Begleitung ihres Verteidigers Fürsprecher Y._, Rechtsanwalt
lic. iur. X._ sowie lic. iur. B. Groth als Vertreterin der Anklägerin erschienen
sind (Prot. II S. 4 ff.). Das vorliegende Urteil erging im Anschluss an die Beru-
fungsverhandlung (Prot. II S. 19 ff.).
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2. Umfang der Berufung
2.1. Die Staatsanwaltschaft beanstandet die Annahme eines Notwehrexzesses
nach Art. 16 Abs. 1 StGB, den erfolgten Freispruch wegen versuchter schwerer
Körperverletzung sowie die ausgesprochene Sanktion. Die Beschuldigte bean-
tragt einen vollumfänglichen Freispruch (Urk. 65; Urk. 67). Der Privatkläger erhob
im Schuld-, Sanktions- und im Zivilpunkt Anschlussberufung.
2.2. Damit steht mit Ausnahme der Vernichtung der sichergestellten Spuren, der
Beschlagnahmungen, der Entschädigung der amtlichen und unentgeltlichen Ver-
treter sowie der Kostenfestsetzung das gesamte vorinstanzliche Urteil zur Dispo-
sition. Im genannten Umfang ist mittels Beschlusses die Rechtskraft des vor-
instanzlichen Urteils festzustellen (Art. 402 i.V.m. Art. 437 Abs. 1 StPO).
II. Sachverhalt
1. Vorgeschichte und Anklagevorwurf
1.1. Vorgängig zum angeklagten und teilweise eingestandenen Vorfall zwischen
der Beschuldigten und dem Privatkläger fand eine Rauferei zwischen den Kindern
der Beschuldigten, des Privatklägers und der Zeugin C._ statt, bei welcher
letztere anwesend war. In der Folge begab sich die Beschuldigte gleichentags mit
ihrem Sohn D._ um ca. 17.30 zur Wohnung der Zeugin C._, um über
die Rauferei zu sprechen, wobei die Zeugin ihr Einlass in die Wohnung gewährte.
Ca. eine halbe Stunde später klingelte der Privatkläger A._ ebenfalls zur Klä-
rung der Rauferei zwischen den Kindern in Begleitung seines Sohnes E._
und seiner Nichte an der Wohnungstüre der Zeugin C._.
1.2. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
23. Oktober 2017 wird unter Anklageziffer 1.1 zur Vorgeschichte festgehalten,
dass die Beschuldigte sich am Freitag, dem 16. Juni 2017, ca. 17.30 Uhr, in die
Wohnung von C._ begeben habe, um sich mit ihr über deren Verhalten ge-
genüber ihrem Sohn D._ zu unterhalten. Um ca. 18.00 Uhr habe der Privat-
kläger A._ an der Wohnungstüre von C._ geklingelt, woraufhin sich die
Beschuldigte zur Türe begeben habe. Der Privatkläger A._ habe die Be-
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schuldigte gefragt, ob sie seinen Sohn E._ geschlagen habe, was diese mit
der Ergänzung bejaht habe, dass sie dies wieder tun würde. Hierauf habe die Be-
schuldigte sich des in der Hosentasche mitgeführten Gemüsemessers mit einer
Klingenlänge von 9.5 cm behändigt und dem Privatkläger A._ in den linken
Unterbauch gestochen. Der Privatkläger habe sich in der Folge körperlich zu weh-
ren begonnen und es sei zu einem Gerangel gekommen, in dessen Verlauf die
Beschuldigte immer wieder mit dem Messer auf den Privatkläger habe einstechen
wollen und mehrere Stichbewegungen in dessen Richtung ausgeführt habe, wäh-
rend der Privatkläger die Beschuldigte einmal mit beiden Händen am Hals umfas-
send zu Boden und einmal mit der Hand in ihrem Gesicht von sich weggestossen
habe. Dabei habe die Beschuldigte den Privatkläger seitlich in den linken Ober-
arm gestochen und ihm weiter Schnittverletzungen an der linken Achsel brustsei-
tig, am linken Oberarm vorderseitig sowie am linken Daumengrundgelenk zuge-
fügt, wobei weder die Stich- noch die Schnittverletzungen lebensgefährlich gewe-
sen seien oder zu bleibenden Nachteilen geführt hätten, wobei die Beschuldigte
um die möglicherweise Herbeiführung tödlicher Verletzungen gewusst und diese
zumindest in Kauf genommen habe (Urk. 28 S. 2 f.).
Ferner wird der Beschuldigten in Anklageziffer 1.2 vorgeworfen, dass sie im Ver-
laufe der in Anklageziffer 1.1 geschilderten Auseinandersetzung mit dem Privat-
kläger A._ ihrem Sohn D._, welcher sich zwischen sie und den Privat-
kläger gestellt und die Beschuldigte aufgefordert habe, dass sie aufhören solle,
auf den Privatkläger einzustechen, eine Stich-/Schnittverletzung an dessen Beu-
ge- und Streckseite des linken Ringfingers zugefügt habe, wobei sie um die mög-
licherweise Herbeiführung einer lebensgefährlichen oder schweren Verletzung
gewusst und diese zumindest in Kauf genommen habe (Urk. 28 S. 3 f.).
2. Parteistandpunkte
2.1. Die Beschuldigte hat den äusseren Anklagesachverhalt grösstenteils einge-
standen (Urk. 5/1 S. 2 ff.; Urk. 5/4 S. 2 ff.; Urk. 5/5 S. 2 ff; Urk. 44 S. 9; Urk. 85
S. 5 ff.§). Abweichend davon macht sie geltend, dass der Privatkläger sie tätlich
angegriffen und sie erst als Reaktion hierauf, in Notwehr, diesem lediglich zwei
Messerstiche versetzt habe. Ferner habe sich D._ verletzt, als er versucht
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habe, das Messer an sich zu nehmen. Die Beschuldigte sei somit vollumfänglich
freizusprechen.
2.2. Die Staatsanwaltschaft stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, dass
die Beschuldigte den Privatkläger im Rahmen der verbalen Auseinandersetzung
unvermittelt mit dem Messer angegriffen und dabei dessen Tod in Kauf genom-
men habe, woraufhin dieser sich tätlich zur Wehr gesetzt habe. Eine Not-
wehrsituation sei klar zu verneinen (Urk. 65 S. 2; Urk. 87 S. 2 ff.). Ferner habe die
Beschuldigte zumindest in Kauf genommen, ihren Sohn D._, während sie
wie eine Furie auf den Privatkläger A._ gestochen habe, mit dem Messer zu
verletzen.
2.3. Der Privatkläger beanstandet ebenfalls die Annahme einer Notwehrsituation
(Urk. 73 S. 2 ff.; Urk. 88 S. 2 ff.).
3. Beweiswürdigung
3.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Beweiswürdigung, die Sachbeweise
und die Aussagen der Beteiligten ausführlich und zutreffend dargestellt. Darauf
kann verwiesen werden (Urk. 63 S. 6 ff.).
Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 15. April 2019 erklärte die Beschuldig-
te auf die Frage, weshalb sie sich zu der Wohnung von C._ begeben habe,
dass sie habe herausfinden wollen, was passiert sei. C._ sei die einzige Er-
wachsene gewesen, welche beim Streit der Kinder anwesend gewesen sei. Auf
die Frage, weshalb sie ein Messer mitgenommen habe, erklärte sie, dass es sie
emotional sehr berührt und betroffen gemacht habe, als D._ weinend nach
Hause gekommen sei. Sie wisse, dass es ein Fehler gewesen sei, aber sie habe
eine grosse Bedrückung gefühlt in diesem Moment. Gleichzeitig habe sie auch
Angst gehabt, da sie ja nicht gewusst habe, mit wem sie sich da draussen treffen
werde. Sie habe aber eine Verantwortung gefühlt, irgendetwas zum Schutz von
D._ zu tun. Es sei ja nicht das erste Mal gewesen, dass sie auf ihr Kind los-
gegangen seien (Urk. 85 S. 7). Auf weitere Nachfrage erklärte sie, dass sie sich ja
an die Eltern gewandt habe und die nicht immer freundlich seien. Mit C._ ha-
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be sie nicht gestritten. Sie habe auch nicht geschrien. Es sei ein Gespräch gewe-
sen, bei dem sie ihren Standpunkt und ihr Unbehagen dargelegt habe. Es sei kein
Streitgespräch gewesen, weil C._ fast nichts geantwortet habe. Es sei eher
ein Selbstgespräch gewesen. Als es dann geläutet habe, sei es nicht mehr ihr Ort
gewesen, zu bleiben, sodass sie habe gehen können. C._ habe ohnehin
aufgehört, mit ihr zu sprechen, sie habe ihr ja gar nichts geantwortet. Der Privat-
kläger A._ habe dann schlechte Manieren gezeigt, so wie er sofort mit ihr
gesprochen habe. Auf Nachfrage erklärte sie, dass er sie unter anderem Hure
genannt habe. Dann habe sie nicht mehr zugehört. Auf Nachfrage bejahte sie,
dass er zu ihr gegangen und sie unmittelbar als Hure beleidigt habe. Ausserdem
habe sie nicht gesagt, dass sie seinen Sohn geschlagen habe und dies wieder tun
würde. Das sei gelogen. Auch habe er, wenn überhaupt, diese Frage, ob sie sei-
nen Sohn geschlagen habe, nicht als Frage, sondern als Aussage geäussert. Der
Privatkläger A._ habe dann die Türe mit beiden Händen versperrt und einen
Fusstritt ausgeteilt. Er habe sie dann mit den Fäusten und den Füssen geschla-
gen bzw. getreten. Da sie die Augen geschlossen und sich geschützt habe, habe
sie die Schläge und Tritte nicht gezählt. Gestochen habe sie den Privatkläger, als
dieser sie am Hals ergriffen habe. Es sei eine dichte Abfolge von schlagen, nicht
schlagen, schlagen, nicht schlagen gewesen, und dann habe er sie gepackt.
Auf die Frage, was passieren könne, wenn man einen Menschen mit einem Mes-
ser in den Unterbauch steche, erklärte sie, dass dies auf die Intensität und den
Ort ankomme. Hierauf danach gefragt, wie sie zugestochen habe, erklärte sie,
dass sie dies sehr leicht getan habe. Wiederum auf Nachfrage erklärte sie, dass
sie dies allerdings nicht bewusst getan habe, da sie verängstigt gewesen sei. Die
Ausführungen des Privatklägers wies sie weiterhin zurück. Auf die Frage, weshalb
sie ein zweites Mal auf den Privatkläger eingestochen habe, erklärte sie, dass er
– im Gegenzug zu dem, was sie gedacht habe – nach dem ersten Stich nicht ab-
gelassen habe, sondern noch aggressiver geworden sei. Sie habe gedacht, dass
er Angst bekomme und wegrenne. Der Privatkläger habe versucht, ihr das Mes-
ser wegzunehmen. Da sei auch D._ von hinten um sie herum gekommen,
um ihr zu helfen, und habe daran gezogen. So habe er sich verletzt.
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Auf die Ergänzungsfragen der Verteidigung führte die Beschuldigte aus, dass es
nicht zutreffe, dass sie den Sohn des Privatklägers geschlagen habe. Sie habe
mit ihm geschimpft und ihn dabei mit dem Finger an der Stirn berührt (Urk. 85 S. 7
ff.).
3.2. Die Vorinstanz machte grundsätzlich zutreffende Erwägungen zur allgemei-
nen Glaubwürdigkeit der Beschuldigten (vgl. Urk. 63 S. 23). Allerdings führt der
Umstand, dass die beschuldigte Person sich nicht selbst belasten muss nicht oh-
ne Weiteres dazu, dass ihre Aussagen mit besonderer Vorsicht zu würdigen sind.
Ein Unschuldiger hat genau das gleiche Interesse daran, sich in ein günstiges
Licht zu stellen. Ihr deshalb eine verminderte Glaubwürdigkeit zuzumessen, ver-
stiesse gegen die Unschuldsvermutung. Der Glaubwürdigkeit der Beteiligten ist im
Rahmen der Beweiswürdigung aber ohnehin eine nur untergeordnete Rolle zu-
zumessen, entscheidender ist die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen.
3.3. Mit Blick auf die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschuldigten stellt die
Vorinstanz fest, dass diese mit Ausnahme einzelner Aggravierungen betreffend
die Vorwürfe gegenüber dem Privatkläger als glaubhaft zu werten seien (Urk. 63
S. 24).
Dieser Einschätzung kann nicht gefolgt werden. Die Beschuldigte war in der Un-
tersuchung nicht in der Lage, den Vorfall von sich aus in sich geschlossen und
anschaulich wiederzugeben. Ihre Aussagen zum Kernsachverhalt wirken unge-
ordnet und diffus (Urk. 5/1 S. 4). Sie machte bruchstückhafte Aussagen, entwi-
ckelte diese auf Nachfrage weiter und erklärte diverse Male, dass sie es nicht
mehr wisse oder sie es nicht sagen könne. Gestützt auf ihre Aussagen stellt sich
jedenfalls kein schlüssiges Bild der Auseinandersetzung ein. Ferner finden sich
selbst in ihren frühen Aussagen Widersprüche und wenig nachvollziehbare Vor-
bringen. Beispielsweise sprach sie betreffend die vom Beschuldigten gegenüber
ihr angewandte Gewalt zu Beginn von Tritten. Auf Nachfrage kamen Schläge da-
zu, zuerst mit den Händen, dann, wiederum auf Nachfrage, mit den Fäusten
(Urk. 5/1 S. 4 ff.). An anderer Stelle erklärte sie, dass sie das Messer in die Hand
genommen habe, nachdem der Privatkläger sie angegriffen habe (Urk. 5/1 S. 6).
Kurz darauf erläuterte sie auf Nachfrage, dass sie das Messer zur Hand genom-
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men habe, weil sie grosse Angst gehabt und befürchtet habe, dass der Privat-
kläger sie und D._ schlagen und ihnen Schaden zufügen werde (Urk. 5/1
S. 7).
Anlässlich der Hauptverhandlung machte sie ausführlichere und zusammenhän-
gendere, allerdings vereinzelt auch von den früheren Aussagen abweichende
Ausführungen. So führte sie zum ersten Mal aus, dass sie sich zum Schutz nach
vorne gebeugt und die Schläge nicht gesehen habe, welche ihr der Privatkläger
versetzt habe (Urk. 44 S. 10 f.). Auch schilderte sie neu, dass der Privatkläger sie
gewürgt und dann, nachdem sie ihm den ersten Stich versetzt habe, noch ag-
gressiver mit einer Hand wieder gewürgt und versucht habe, ihr das Messer weg-
zunehmen (Urk. 44 S. 11). Auf die Frage, weshalb sie sich gemäss Schilderungen
des Privatklägers und der Zeugin C._ – nachdem der Privatkläger bei letzte-
rer geklopft habe – unmittelbar zur Haustüre und in die Konfrontation mit dem Pri-
vatkläger begeben habe, erklärte sie abweichend von den bisherigen Aussagen,
dass sie in der Nähe der Türe gewesen sei, als es geklopft habe. Da sie sich in
einer fremden Wohnung befunden habe, das Gespräch mit der Zeugin C._
beendet gewesen sei und sie gesehen habe, dass diese Besuch bekomme, habe
sie dort nichts mehr verloren gehabt und habe gehen wollen (Urk. 44 S. 13). In
der Untersuchung gab sie noch an, dass sie davon ausgegangen sei, der Privat-
kläger suche sie (vgl. Urk. 5/1 S. 11). Anlässlich der Berufungsverhandlung vom
15. April 2019 bestätigte sie im Wesentlichen die an der Hauptverhandlung vor-
gebrachten Aussagen. Die Abweichungen zu den Aussagen in der Untersuchung
vermochte sie nicht auszuräumen.
Vereinzelt machte die Beschuldigte sodann Gedächtnislücken geltend, welche
insbesondere mit Blick auf ansonsten detaillierte Schilderungen eher auf Aus-
sparungen hindeuten. So konnte die Beschuldigte in der Untersuchung nach dem
Einsatz des Messers gefragt nicht sagen, ob sie den Privatkläger damit getroffen
oder verletzt habe. Sie habe nichts dergleichen gesehen oder gespürt (Urk. 5/1
S. 7). Sie denke, sie habe zwei Stichbewegungen gegen den Privatkläger ausge-
führt. Der erste Versuch sei in Richtung Bauch gegangen und der zweite Versuch,
da könne es sein, dass eine Verletzung entstanden sei (Urk. 5/1 S. 9). Es er-
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staunt, dass sich die Beschuldigte nicht mehr daran erinnern kann, geht man
doch davon aus, dass ein Messerstich – insbesondere in den Bauchraum einer
anderen Person – in Erinnerung bleibt. Sicher war sie sich allerdings, dass
D._ dazu kam und sich zwischen sie und den Privatkläger stellte und ver-
suchte, das Messer aus dem Spiel zu nehmen (vgl. Urk. 5/1 S. 10). Aufgrund ihrer
eigenen Darstellung wollte D._ damit die Beschuldigte davon abhalten, den
Privatkläger mit dem Messer anzugehen, was er wohl kaum gemacht hätte, wenn
die Beschuldigte sich nur verteidigen wollte. Anlässlich der Hauptverhandlung war
sich die Beschuldigte dann schliesslich sicher, dass sie nur diese zwei Stiche
ausgeführt habe. Ansonsten habe sie den Privatkläger nicht verletzt. Auch schil-
derte sie auf die Frage, wie es zu den Verletzungen von D._ kam, dass
D._ es nicht gesehen habe, als sie den Privatkläger das erste Mal verletzt
habe (vgl. Urk. 44 S. 19). Es sei dann zu einem Gerangel gekommen, und als der
Privatkläger ihr das Messer habe entwenden wollen, habe D._ sich neben
sie gestellt und dem Privatkläger das Messer wegnehmen wollen. Auf die Nach-
frage, wem D._ das Messer habe wegnehmen wollen, erklärte sie, dass sie
alle drei die Hand am Messer gehabt hätten (Urk. 44 S. 14 und S. 19). Nebst wie-
derum feststellbaren Weiterentwicklungen stellt sich bei dieser Schilderung die
Frage, wann der zweite Messerstich erfolgte. Fest seht nämlich, dass die Ausei-
nandersetzung sich auflöste, nachdem sich D._ verletzt hatte. Nach der obi-
gen Schilderung der Beschuldigten wäre es dann aber gar nicht zu einem zweiten
Messerstich gekommen. Die Aussagen der Beschuldigten sind hier wiederum un-
genau und widersprüchlich.
Was sodann die von der Vorinstanz zutreffend festgestellten Aggravierungen an-
belangt ist anzumerken, dass sich solche nicht nur in der Schilderung der vom
Privatkläger begangenen Übergriffe zeigen. Vielmehr deuten sich solche bei
vielen von der Beschuldigten vorgebrachten Belastungsmomenten an. Bereits
was die von D._ aus der Rauferei mit anderen Kindern erlittenen Verletzun-
gen anbelangt sprach sie zuerst davon, dass D._ Kratzer gehabt und kom-
plett rot gewesen sei. Kurz darauf schilderte sie, dass der Sohn "ein rotes Gesicht
und ein blaues Auge und auch überall Kratzer, auch am Rücken, und rote Spuren
an den Oberarmen" gehabt habe (Urk. 5/1 S. 3 f.). An der Hauptverhandlung vom
- 16 -
12. April 2018 hatte er Hämatome im Gesicht und am Körper. Er habe geweint,
sie um Hilfe gebeten und erzählt, dass ein grösseres Kind und viele andere ihn
geschlagen hätten. Sie habe in diesem Moment Angst bekommen, dass es sich
um eine Gruppe Männer gehandelt haben könnte, denn diese seien gerade im
Garten gewesen. Es gebe viele Albaner in ihrer Stadt (Urk. 44 S. 9 f.). Anderer-
seits konnte sie sich an sie belastende Momente oft nicht mehr erinnern bzw.
wusste es nicht mehr oder spielte diese herunter. So will sie nicht mit der Zeugin
C._ gestritten haben. Man habe nur temperamentvoll gesprochen (Urk. 5/1
S. 10 f.). Sie sei auch nicht aggressiv gewesen und habe keine schlechten Wörter
gesagt (Urk. 5/1 S. 11). Anlässlich der Berufungsverhandlung deponierte sie,
dass es sich eher um ein Selbstgespräch gehandelt habe, da C._ gar nichts
geantwortet habe. Sie habe aber nicht geschrien und würde das auch nicht als
Streit betiteln (Urk. 85 S. 8). Auch mit dem Privatkläger habe sie nicht gestritten,
sondern gesprochen. Wie noch zu zeigen sein wird, stehen diese Schilderungen
auch im Widerspruch zu den Aussagen der weiteren Beteiligten.
Dass die Beschuldigte überhaupt ein Messer bei sich trug, erklärte sie in der Un-
tersuchung damit, dass sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe,
mit einem Misshandler zusammen gewesen und mehrfach von anderen erwach-
senen Männern zusammengeschlagen worden sei. Im Anschluss danach gefragt,
weshalb sie ein Messer mitnehme, um die Zeugin C._, also eine Frau, zu
besuchen, erklärte sie, dass sie alle Eltern habe besuchen wollen (vgl. Urk. 5/1
S. 6). Das kann zwar nicht widerlegt werden, hat sie indes zu Beginn der Ein-
vernahme nicht angetönt. Vielmehr erklärte sie, dass C._ ihren Sohn gehal-
ten habe und grob mit ihm gewesen sei. Deshalb sei sie zu ihr gegangen (Urk. 5/1
S. 3). Anlässlich der Berufungsverhandlung hierzu befragt, erklärte sie dann, dass
sie sich ja an die Eltern habe wenden wollen, und die nicht immer freundlich sei-
en. Ausdrücklich danach gefragt, ob sie sich denn nebst C._ auch noch an
andere Eltern habe wenden wollen bzw. C._ nur der erste Besuch hätte sein
sollen, dass sie vor dem Besuch bei C._ das Gespräch mit einem Paar na-
mens F._ und G._ gesucht habe, welches zwei Kinder habe. Es sei
auch das erste Mal gewesen, dass sie mit einem Messer auf die Strasse gegan-
gen sei (Urk. 85 S. 7). Grundsätzlich erscheint es völlig lebensfremd, dass man
- 17 -
sich zur Klärung einer Rauferei unter Kindern mit deren Eltern mit einem Messer
bewaffnet. Die Beschuldigte konnte denn auch keine konkrete Bedrohungslage
geltend machen, sondern verwies pauschal auf vergangene schlechte Erfahrun-
gen bzw. die Tatsache, dass die anderen Eltern nicht immer freundlich seien. Das
genügt mitnichten, um das Mitführen eines Messers zu rechtfertigen. Ein Messer
erscheint darüber hinaus zur Verteidigung wenig geeignet. Zwar kann eine Droh-
gebärde mit dem Messer durchaus geeignet sein, einen Gegner zum Rücktritt zu
veranlassen, gelingt das nicht, birgt aber der Einsatz desselben ein massives Ver-
letzungsrisiko bis hin zur Inkaufnahme tödlicher Folgen, dies im Vergleich bei-
spielsweise zu einem Pfefferspray oder einem Schlaginstrument. Ein Messer ist
damit eher geeignet, einen Schlussstrich unter eine Auseinandersetzung zu zie-
hen, als eine solche zu vermeiden bzw. abzuwehren. Grundsätzlich ist auch we-
nig nachvollziehbar, dass man sich zur Klärung einer Rauferei unter Kindern einer
Auseinandersetzung stellt, von welcher man davon ausgeht, dass man sich in de-
ren Rahmen mit dem Messer verteidigen müsse, zumal man auch die Inan-
spruchnahme legaler Mittel, wie der Polizei, allenfalls des Schulleiters oder ande-
rer verantwortlicher Personen hätte in Betracht ziehen können.
Zusammengefasst vermögen die Aussagen der Beschuldigten nicht zu überzeu-
gen. Insbesondere zum Kernsachverhalt bleiben sie ungeordnet und ungenau.
Gestützt auf ihre Aussagen stellt sich jedenfalls kein klares Bild der Auseinander-
setzung ein. Die Aussagen der Beschuldigten sind entsprechend als nicht über-
zeugend und daher als unglaubhaft zu qualifizieren.
3.4. Was die Vorinstanz zur Glaubwürdigkeit des Privatklägers A._ ausge-
führt hat kann wiederum mit dem Hinweis, dass aus dem blossen Interesse, sich
in einem günstigen Licht darzustellen, nicht darauf geschlossen werden kann, die
Aussagen seien mit gewisser Zurückhaltung zu würdigen, übernommen werden
(vgl. Urk. 63 S. 24). An seiner Glaubwürdigkeit ist damit grundsätzlich nicht zu
zweifeln.
3.5. Die Vorinstanz kam betreffend die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privat-
klägers zum Schluss, dass diese mit Ausnahme vereinzelter Widersprüche be-
- 18 -
züglich der Anzahl der Messerstiche sowie der Art und Weise, wie die Beschuldig-
te das Messer gehalten habe, glaubhaft seien (Urk. 63 S. 24 f.).
Dem Fazit ist grundsätzlich zuzustimmen. Die von der Vorinstanz herausgearbei-
teten Widersprüche erscheinen indes, soweit überhaupt von Widersprüchen die
Rede sein kann, von untergeordneter Bedeutung. Der Privatkläger gab bereits an-
lässlich der ersten Einvernahme vom 17. Juni 2017 an, dass es so schnell ge-
gangen sei, dass er das Messer nicht habe sehen können, sondern nur den Stich
gespürt habe bzw. dass er das Messer beim ersten Stich nicht habe sehen kön-
nen (Urk. 6/1 S. 2 f. Frage 9 und 11). Dies sagte er auch anlässlich der zweiten
Einvernahme vom 12. Juli 2017 aus. Dabei blieb er konstant, auch wenn er mehr-
fach danach gefragt wurde, wie die Beschuldigte den ersten Stich ausgeführt ha-
be (Urk. 6/2 S. 6 f. Frage 23, Frage 34 und Frage 42). Auch sagte er überwiegend
aus, dass die Klinge des Messers, als er es das erste Mal gesehen habe, beim
Daumen heraus geragt habe (Urk. 6/1 S. 2. f. Frage 10 und 11; Urk. 6/2 S. 9 Fra-
ge 46 bis 48). Leidglich auf Frage 28 erklärte er, dass die Klinge beim kleinen
Finger herausgeschaut habe (Urk. 6/2 S. 6). Insgesamt ergibt sich allerdings ge-
stützt auf die Aussagen des Privatklägers ein schlüssiges Bild des Ablaufs der
Auseinandersetzung. So sagte er grob zusammengefasst aus, dass er den ersten
Stich nicht gesehen, sondern nur gespürt habe. Daraufhin habe er die Beschul-
digte weggestossen, die Beschuldigte habe die Position des Messers gewechselt
und sei abermals auf ihn los, wobei sie ihn am Oberarm verletzt habe. Es habe
ein Handgemenge gegeben, er habe mehrfach versucht sie zu stoppen und sich
an der Hand verletzt, dann sei ihr Sohn dazwischen gekommen und als sie ge-
merkt habe, dass sie ihn (den Sohn) getroffen habe, habe sie inne gehalten.
Diese Aussagen sind in sich geschlossen, anschaulich, widerspruchsfrei und frei
von Strukturbrüchen. Sie geben ein schlüssiges und weitgehend lückenloses Bild
der abgelaufenen Auseinandersetzung ab. Seine Aussagen sind überzeugend
und somit als glaubhaft zu taxieren.
3.6. Auch zur Glaubwürdigkeit der Zeugin C._ machte die Vorinstanz
grundsätzlich zutreffende Ausführungen (vgl. Urk. 63 S. 25). Insbesondere ist da-
rauf hinzuweisen, dass die Zeugin selbst aussagte, ein gutes Verhältnis zum Pri-
- 19 -
vatkläger, insbesondere aber zu seiner Frau zu pflegen. Alleine aufgrund dieses
Umstandes ist aber nicht an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln, ebenso wenig führt
der Hinweis auf wahrheitsgemässe Aussagen unter der Strafandrohung von
Art. 307 StGB a priori zu glaubhafteren Aussagen.
3.7. Betreffend die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen ist der Vorinstanz zuzustim-
men, wenn sie die Aussagen der Zeugin grundsätzlich als glaubhaft taxierte
(Urk. 63 S. 25 f.). Die Zeugin C._ machte sehr ausführliche, anschauliche
und charakteristische Aussagen. Man erhält – insbesondere bei der Lektüre der
polizeilichen Einvernahme – den Eindruck, dass sie sehr emotional und aufge-
wühlt aussagte. Diese Emotionalität und die Ausführlichkeit ihrer Aussagen bzw.
ihr ungebrochener Redefluss lassen ihre Aussagen stellenweise ungeordnet und
ungenau erscheinen. Es lassen sich diesen aber keine Bestrebungen entnehmen,
die Beschuldigte über Gebühr hin zu belasten und auch für den Privatkläger un-
günstige Momente äusserte sie frei. Die vereinzelten Ungenauigkeiten erscheinen
mithin nicht strategischen Überlegungen entsprungen zu sein. Vielmehr sind sie
Folge ihres ungekünstelten Aussageverhaltens. Auch gab die Zeugin mehrfach zu
Protokoll, dass ihr Fokus vor allem auf den Kindern gelegen habe, was sich auch
mit ihren Aussagen deckt, dass sie auch über den Tag hinweg auf die Kinder
schaue. Als nicht in das Verfahren Involvierte schilderte sie das Erlebte frei und
legte das Augenmerk auf andere Punkte, als die direkt Beteiligten. Gerade mit
Blick auf den Vorwurf, dass sie sich mit dem Privatkläger abgesprochen habe und
diesen entlasten wolle, wirken solche Ausführungen mit verrücktem Fokus über-
zeugend. Ihre Aussagen sind damit als glaubhaft zu taxieren, allerdings in den
Details unter den obigen Vorzeichen zu würdigen. Anzumerken ist zu den Erwä-
gungen der Vorinstanz, dass die räumlichen Verhältnisse vor Ort überschaubar
waren. Der Annahme, dass die Zeugin, selbst wenn sie etwas entfernt vom Ge-
schehen stand, aufgrund der eher düsteren Lichtverhältnisse Mühe gehabt habe,
die Geschehnisse zu beobachten, ist somit zu widersprechen.
4. Beweiswürdigung
4.1. Die Beweiswürdigung der Vorinstanz kann in weiten Teilen übernommen
werden. Insbesondere ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass der körper-
- 20 -
lichen Auseinandersetzung zwischen der Beschuldigten und dem Privatkläger ei-
ne verbale Diskussion vorausging (Urk. 6 S. 28). Dabei ist gestützt auf die Zeugin
C._ und die Aussagen des Privatklägers anklagegemäss und zu Gunsten der
Beschuldigten erstellt, dass dieser wütend und laut fragte, ob die Beschuldigte
seinen Sohn geschlagen habe. Auch ist erstellt, dass die Beschuldigte dies bejah-
te und meinte, dass sie dies wieder tun werde, woraufhin der Privatkläger sie be-
schimpfte bzw. fragte, ob sie verrückt sei. Wenn die Verteidigung hier einwendete,
es sei realitätsfremd und schlicht aktenwidrig, wenn die Vorinstanz meine, die
Zeugin C._ und der Privatkläger hätten sich vor ihren ersten protokollierten
Aussagen nicht absprechen können, ist ihm insofern Recht zu geben, als die
Möglichkeit hierzu grundsätzlich bestanden hat (Urk. 86 S. 9 f.). Wie er anlässlich
seines zweiten Vortrages – auch auf Hinweis des Vertreters des Privatklägers
sowie der Staatsanwältin – einräumte, gab es allerdings vor Ort "andere Umstän-
de", als sich im Detail abzusprechen. So stand zweifelsohne die Betreuung des
verletzten Privatklägers bis zum Eintreffen der Sanitätsfahrzeuge im Vordergrund.
Dass man, wie die Verteidigung vorbrachte, sicher darüber gesprochen hat, was
passiert sei, kann nicht ausgeschlossen werden, genügt allerdings nicht, um da-
von auszugehen, der Privatkläger habe die der Beschuldigten vorgeworfene For-
mulierung, "ja, ich würde es wieder tun" von der Zeugin übernommen. Im Übrigen
erscheint dieser Zusatz nicht derart relevant, wie es die Vereidigung glauben ma-
chen will. Entgegen ihrer Ansicht erklärt dieser Satz die weitere Eskalation des
Streites nämlich nicht bzw. nur dann, wenn man davon ausgeht, der Privatkläger
habe die Beschuldigte hierauf angegriffen (Urk. 86 S. 10). Geht man indes davon
aus, dass die Beschuldigte in der Folge unvermittelt auf den Privatkläger einstach,
so lässt sich aus dieser Aussage nichts ableiten. Vielmehr ist die Ursache des in
der Anklage umschriebenen Angriffs der Beschuldigten auf den Privatkläger in de-
ren Aufgebrachtheit zu suchen und in Übereinstimmung mit der Zeugin C._
und entgegen den Aussagen der Beschuldigten kann denn auch davon ausge-
gangen werden, dass nicht nur der Privatkläger, sondern auch die Beschuldigte in
aufgebrachter Stimmung war. Die Zeugin C._ sagte nachvollziehbar und
überzeugend, damit glaubhaft aus, dass die Beschuldigte in ihrer Wohnung auf-
gebracht gewesen sei und laut geschrien habe. Auch der Privatkläger erklärte,
- 21 -
dass er, als er geläutet habe, Schreie gehört habe (Urk. 6/1 S. 2). Die Vertei-
digung brachte anlässlich der Berufungsverhandlung vor, die Zeugin C._ ha-
be geschildert, dass die Beschuldigte "aggressiv, ganz aggressiv" gesprochen
habe. Gleichzeitig habe sie die Beschuldigte allerdings mit einigen Sätzen zitiert,
welche wahrscheinlich sehr treffend das erreichte Niveau der Emotionen wieder-
geben würden. So soll die Beschuldigte gesagt haben: "Jetzt lasse ich es so. Du
hast Glück, dass ich bei Dir zuhause bin. Und wenn du noch einmal meinen Sohn
anfasst, werden wir das zwischen uns klären müssen" (Urk. 85 S. 7). Entgegen
der Ansicht der Verteidigung untermauert eine solche Drohung die von der Zeugin
geschilderte aggressive Verfassung der Beschuldigten. In Anbetracht der Tat-
sache, dass sich die Beschuldigte zur Klärung einer Rauferei unter Kindern mit
deren Eltern für alle Fälle mit einem Messer bewaffnete, ist eine solche Drohung
alarmierend. Der Privatkläger räumte auch ein, dass er die Beschuldigte mit ihren
vermeintlichen Schlägen gegenüber seinem Sohn E._ konfrontierte. Welchen
Wortlaut er dabei genau verwendete, ist mit seiner Vertretung als Wortklauberei
abzutun. Glaubhaft ist, dass er irgendwie etwas in der von seiner Rechtsvertre-
tung eingeräumten Art und Weise, "bist du verblödet" oder "bist du nicht ganz
normal", geäussert hat (Urk. 86 S. 11; Prot. 2 S. 14). Damit ist gestützt auf die
überzeugenden Aussagen des Privatklägers erstellt, dass die Beschuldigte die-
sem nach dem eingangs dargestellten verbalen Austausch unvermittelt – wie in
der Anklage umschrieben – einen Stich in den linken Unterbauch versetzte. Der
Privatkläger sagte nachvollziehbar aus, wie er nur den Stich gespürt und das
Messer erst danach gesehen habe. Für den von der Beschuldigten vorgebrachten
tätlichen Angriff des Privatklägers auf sie sprechen indes keinerlei Indizien. Insbe-
sondere handelte es sich beim Vorbringen der Verteidigung, die herausgeschla-
gene Frontseite der Kommode illustriere, dass der Privatkläger sich – wie von der
Beschuldigten geschildert – am Türrahmen festgehalten und sie getreten habe,
um eine reine Spekulation (Urk. 86 S. 13). Es stellt sich auch die Frage, wie die
Privatklägerin nach einem solch unvermittelten Angriff durch den kräftigeren Pri-
vatkläger mit Füssen und Fäusten überhaupt noch zur Gegenwehr in der Lage
hätte sein sollen und weshalb sie von den Tritten und Faustschlägen insbesonde-
re am Rumpf bzw. Oberkörper, aber auch im Gesicht keine Verletzungen bzw.
- 22 -
auffällige Spuren davontrug (Urk. 11/3). Das Szenario der Beschuldigten wird
denn durch die Aussagen der weiteren Beteiligten auch nicht bestätigt. Dass der
Privatkläger, welcher der Beschuldigten sowohl in Körpergrösse als auch Kraft
überlegen war, mit seinem Sohn und seiner Nichte bei der Beschuldigten auf-
tauchte und diese dann unvermittelt, mithin ohne Wortwechsel, zu treten begon-
nen haben soll, ist nicht nachvollziehbar. Auch die Verteidigung gab – im Zusam-
menhang mit den unter Anklageziffer 1.2 eingeklagten Vorwürfen – zu Bedenken,
dass ein Mann von seltener Rohheit sein müsste, wenn er sich in einem solchen
Streit einfach darüber hinwegsetzen würde, dass ein Kind mit einem Messer an
der Hand verletzt wurde (Urk. 86 S. 17). Für die Annahme, dass der Privatkläger
in Begleitung seines Sohnes und seiner Nichte bei er Beschuldigten auftaucht und
unvermittelt auf diese einzuschlagen beginnt, gilt allerdings das Gleiche.
Damit bleibt schleierhaft, weshalb der Privatkläger, wenn er der eigentliche Ag-
gressor gewesen sein soll, mit seinem Angriff gegen die Beschuldigte hätte aufhö-
ren sollen, als D._ sich verletzte. Das vom Privatkläger geschilderte Szena-
rio, wonach er den ersten Stich nicht gesehen und die Beschuldigte danach –
vornehmlich verteidigend – weggestossen habe, worauf sie wieder auf ihn los sei,
lässt sich hingegen auch mit den Aussagen der Zeugin C._ in Einklang brin-
gen. Selbst nach der Darstellung der Beschuldigten hielt sich die Zeugin C._
beim Eintreffen des Privatklägers in ihrer Stube auf, weswegen sie den Anfang
der Begegnung zwischen der Beschuldigten und dem Privatkläger nicht beobach-
ten konnte (vgl. auch Aussagen Zeugin C._ in Urk. Urk. 7/1 S. 2 zu Frage 6
und Urk. 7/2 S. 8; vgl. auch Aussagen des Privatklägers in Urk. 6/1 S. 3 auf Frage
18). Dies drängt den Schluss auf, dass die Zeugin C._ überwiegend vom Ge-
rangel nach dem ersten Stich, den sie nicht sah, sprach. Sowohl der Privatkläger
als auch die Zeugin sagten diesbezüglich aus, dass die Beschuldigte mehrfach
gegen ihn gestochen habe. Die Behauptung der Beschuldigten, dass sie nur
zweimal zugestochen habe, ist mit Blick auf die oben dargestellten Bagatelli-
sierungstendenzen und Weiterentwicklungen als Schutzbehauptung abzutun.
Gleich verhält es sich mit der zuletzt an der Berufungsverhandlung vorgebrachten
Behauptung, sie habe nur sehr leicht zugestochen, wobei sie die nachfolgende
Frage, ob sie dies bewusst getan habe, mit der Ergänzung verneinte, dass sie ja
- 23 -
verängstigt gewesen sei (Urk. 85 S. 11). Die Beschuldigte will somit einerseits
verängstigt nicht bewusst gehandelt haben, aber dennoch sicher sein, dass sie
nur sehr leicht – und eben nur zweimal – zugestochen habe. Das will nicht recht
zusammenpassen. Vielmehr ist wie gesehen davon auszugehen, dass die Be-
schuldigte als eigentliche Aggressorin in aufgebrachte Stimmung auf den Privat-
kläger einstach bzw. mehrfach einzustechen versuchte. Dass sich der Privatklä-
ger betreffend die Anzahl der Stiche widerspreche, lässt sich sodann nicht sagen.
Den vermeintlichen Widerspruch konnte er auf Nachfrage auflösen und gesamt-
haft sagte er konstant aus, dass die Beschuldigte mehrfach auf ihn eingestochen
habe und dass sie die Angreiferin war, was auch von der Zeugin C._ bestä-
tigt wird. Bei einem dynamischen Kampfgeschehen, welches aus unterschiedli-
cher Perspektive beobachtet und von den Beteiligten im Ausnahmezustand miter-
lebt wird, liegen vereinzelte Abweichungen stets im Bereich des zu Erwartenden.
Entscheiden ist, ob die Aussagen gesamthaft betrachtet konstant und überzeu-
gend sind und insbesondere keine wesentlichen Strukturbrüche oder groben Wi-
dersprüche enthalten. Das ist bei den Aussagen des Privatklägers – ganz im Ge-
gensatz zu jenen der Beschuldigten – der Fall.
Der Anklagesachverhalt gemäss Ziffer 1.1 ist entsprechend im Sinne der obigen
Erwägungen mit der Ergänzung zu Gunsten der Beschuldigten erstellt, dass der
Privatkläger sie im Rahmen des kurzen Wortwechsels beschimpfte und diese als
Reaktion hierauf zu den Messerstichen ansetzte, erstellt.
4.2. Zum Anklagesachverhalt gemäss Ziffer 1.2 lässt sich sagen, dass es keiner-
lei Anhaltspunkte dafür gibt, dass das Messer von jemand anderem als der Be-
schuldigten geführt wurde. Damit ist in Berücksichtigung des Verletzungsbildes
erstellt, dass diese von dem Messer stammen, welches die Beschuldigte führte.
Weiter ist mit Bezug auf die obigen Erwägungen zum Anklagesachverhalt gemäss
Ziffer 1.1 klar, dass die Beschuldigte als eigentliche Angreiferin mehrmals auf den
Privatkläger einstach und einzustechen versuchte. Alle Beteiligten sagten im
Endeffekt übereinstimmend aus, dass D._ sich während der Auseinander-
setzung bei der Beschuldigten aufhielt bzw. schliesslich zwischen der Beschuldig-
ten und dem Privatkläger stand. Die Beschuldigte mutmasste, dass D._ wohl
- 24 -
versucht habe, das Messer aus dem Spiel zu nehmen (vgl. Urk. 5/1 S. 10; Urk. 85
S. 12). Auch der Privatkläger erklärte, dass er mehrfach versuchte, der Beschul-
digten das Messers wegzunehmen, es ihm indes nicht gelang. Gemäss Gutach-
ten des Institutes für Rechtsmedizin könnten die Verletzungen am Ringfinger der
linken Hand von D._ sowohl als passive Abwehrverletzungen als auch durch
ein aktives Hineingreifen in das Messer gewertet werden (Urk. 10/8 S. 5). Damit
lässt sich nicht erstellen, dass D._ sich die Verletzungen wie in der Anklage
umschrieben zugezogen hat, als die Beschuldigte auf den Privatkläger hat ein-
stechen wollen.
Ferner kann unter grundsätzlichem Verweis auf die Ausführungen der Vorinstanz
auch zum subjektiven Sachverhalt festgehalten werden, dass der Beschuldigte
keine Inkaufnahme einer schweren Verletzung ihres eigenen Sohnes, D._,
angelastet werden kann. Zwar musste der Beschuldigten bewusst sein, dass die-
se Gefahr bestand. Dass sie den Eintritt dieses Erfolgs allerdings ernst genom-
men, damit gerechnet und sich mit ihm abgefunden hat, kann ihr aufgrund der ge-
samten Umstände, insbesondere jenem, dass sie just nach Verletzung von
D._ ihren Angriff einstellte, nicht unterstellt werden. Der diesbezügliche An-
klagesachverhalt lässt sich nicht erstellen, weshalb die Beschuldigte in diesem
Punkt freizusprechen ist.
III. Rechtliche Würdigung / Rechtswidrigkeit
1. Parteistandpunkte
1.1. Die Verteidigung beantragte neben dem Freispruch eventualiter, die Be-
schuldigte sei bezüglich Anklageziffer 1.1 der einfachen Körperverletzung
mit einem gefährlichen Gegenstand gemäss Art. 123 Ziffer 2 StGB bzw. subeven-
tualiter der versuchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB, je begangen im Notwehrexzess gemäss Art. 16 Abs. 1 StGB, schul-
dig zu sprechen (Urk. 86 S. 1).
Erfüllt sei lediglich der Tatbestand der einfachen Körperverletzung mit einem
Messer, also einem gefährlichen Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziffer 2 StGB,
- 25 -
wobei er darauf hinwies, dass es sich dabei nicht um eine Waffe im Sinne von
Art. 7 Abs. 1 lit. c der Waffenverordnung handle. Unter dem Titel "schwere Kör-
perverletzung" würden Fälle mit 15 bis 20 cm tiefen Stichwunden oder Einrissen
von Leber und Milz diskutiert. Ein oberflächlicher Stich mit einem Gemüsemesser
reiche bei weitem nicht (Urk. 86 S. 24). Allerhöchstens könne es sich um eine
versuchte schwere Körperverletzung handeln, da keine unmittelbare Lebens-
gefahr vorgelegen habe. Es sei keineswegs nachvollziehbar, dass die Vorinstanz
dann über den Umweg des Versuchs gleich zwei Stufen überspringe und den
Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung als erfüllt betrachte (Urk. 86
S. 25 f.)
1.2. Die Staatsanwaltschaft beantragte, wie auch der Privatkläger, es sei von der
Annahme eines Notwehrexzesses bzw. einer Notwehr generell abzusehen und
die Beschuldigte sei wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen (Urk. 87 S. 1; Urk. 88
S. 1).
2. Würdigung
2.1. Die Vorinstanz hat zutreffend festgehalten, dass der objektive Tatbestand
der vorsätzlichen Tötung nicht erfüllt ist und sich eingehend mit dem Versuch
bzw. dem subjektiven Tatbestand befasst. Auf diese ausführlichen und zutreffen-
den Erwägungen kann weitestgehend verwiesen werden (Urk. 63 S. 36 ff.). Wis-
sensseitig bringt die Beschuldigte gar nicht vor, um das Verletzungspotential von
Messerstichen in den Oberkörper nicht gewusst zu haben (vgl. dazu ihre Aus-
sagen in Urk. 5/1 S. 10). Wie die Vorinstanz feststellte, hat das Bundesgericht
denn auch festgehalten, dass es keiner besonderen Intelligenz bedarf, um zu er-
kennen, dass ungezielte Messerstiche in den Oberkörper eines Menschen den
Tod zur Folge haben können (BGE 109 IV 5 E. 2 S. 6). Willensseitig ist sodann
zutreffend, dass die Beschuldigte im dynamischen Kampfgeschehen, in ihrer auf-
gewühlten und aufgebrachten Verfassung – entgegen den Vorbringen der Vertei-
digung – nicht in der Lage war, die Stiche derart zu setzen, dass tödliche Verlet-
zungen ausgeschlossen werden konnten. Die effektive Einstichstelle hängt auch
entscheidend vom Verhalten des Gegenübers ab. Bei Messerstichen in den
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Oberkörper bzw. den Bauchraum liegt die Gefahr lebensgefährlicher Verletzun-
gen innerer Organe sehr nahe, wobei angesichts der dicht beieinander liegenden
Organe Zentimeter entscheidend sein können. Die Vorinstanz schloss entspre-
chend zutreffend, dass die genauen Auswirkungen der Stiche letztlich im Bereich
des Zufälligen gelegen haben. Das gilt auch für die Tatsache, dass der Stich in
den Bauch den Bauchraum nicht eröffnet hat. Dies kann – wie festgestellt – nicht
auf einen besonders kontrollierten Messereinsatz zurück geführt werden. Indem
die Beschuldigte in der oben umschrieben Art und Weise mit einem Messer mit
einer Klingenlänge von 9 cm mehrfach auf den Privatkläger einstach, hat sich ihr
die Todesfolge als derart wahrscheinlich aufgedrängt, dass ihr Verhalten vernünf-
tigerweise nur als Inkaufnahme einer Tötung gewertet werden kann. Eventual-
vorsatz ist damit zu bejahen und der subjektive Tatbestand von Art. 111 StGB ist
erfüllt.
2.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt lag sodann kein Angriff des Privatklägers
vor. Vielmehr verteidigte sich dieser gegen den (Messer-)Angriff der Beschuldig-
ten, wobei diese auch nach dem ersten Zurückstossen durch den Privatkläger
nicht von diesem abliess und einen weiteren Angriff initiierte bzw. diesen aufrecht
erhielt. Nachvollziehbar schilderte der Privatkläger seine tätliche Gegenwehr, wo-
bei er in diesem Zusammenhang auch konzedierte, der Beschuldigten dabei
Schmerzen verursacht zu haben (vgl. Urk. 6/1 S. 3 zu Frage 15). Seine diesbe-
züglichen Schilderungen stehen im Übrigen auch mit den bei der Beschuldigten
festgestellten punktförmigen Blutergüsse an der linksseitigen Halshaut im Ein-
klang, die vom IRM als Würgemale interpretiert wurden (vgl. Urk. 6/2 S. 9 zu Fra-
ge 50 und Urk. 11/3). Fest steht, dass der Privatkläger die tätliche Abwehr ein-
stellte, als die Beschuldigte von ihm abliess. Die Beschuldigte hat damit weder in
Notwehr noch in einem Notwehrexzess gehandelt. Ferner ist auch nicht ersicht-
lich, inwieweit sich die Beschuldigte in einem Irrtum über einen bereits im Gange
befindlichen Angriff durch den Privatkläger hätte befinden sollen.
2.3. Die Beschuldigte ist somit der versuchten Tötung im Sinne von Art. 111 in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. Vom Vorwurf der ver-
- 27 -
suchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung
mit Art. 22 Abs. 1 StGB ist die Beschuldigte freizusprechen.
IV. Strafzumessung
1. Parteistandpunkte
1.1. Die Verteidigung beantragte für den Fall des Schuldspruches wegen ver-
suchter schwerer Körperverletzung die Ausfällung einer Freiheitsstrafe von höchs-
tens 24 Monaten. Für den Fall des anklagegemässen Schuldspruches stellte sie
keine Anträge (Urk. 86 S. 1 f.)
1.2. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Ausfällung einer Freiheitsstrafe von
neun Jahren (Urk. 87 S. 1).
2. Würdigung
2.1. Die Vorinstanz hat zutreffende Ausführungen zum abstrakten Strafrahmen
gemacht und korrekterweise festgestellt, dass der ordentliche Strafrahmen vorlie-
gend 5 bis 20 Jahre Freiheitsstrafe beträgt. Die versuchte Tatbegehung vermag
angesichts der konkreten Umstände, auf welche noch einzugehen sein wird, die
Unterschreitung des Strafrahmens allerdings nicht zu rechtfertigen. Sie ist im
Rahmen der Strafzumessung strafmindernd zu berücksichtigen. Weitere Gründe
für ein Über- oder Unterschreiten des ordentlichen Strafrahmens liegen nicht vor
(BGE 136 IV 55 E. 58). Ebenso kann auf die Erwägungen der Vorinstanz zur
Theorie der konkreten Strafzumessung verwiesen werden (Urk. 62 S. 44 ff.).
2.2. Zu den Tatkomponenten und vorab zur objektiven Tatschwere ist festzu-
halten, dass die Beschuldigte den Privatkläger nach einem verbalen Wortwechsel
unvermittelt mit dem mitgebrachten Küchenmesser einen Stich in den linken Un-
terbauch versetzte und von diesem, auch nachdem er sie das erste mal wegges-
tossen hatte, nicht abliess, sondern nochmals zum Angriff ansetzte und ihn im
Rahmen des darauf folgenden Gerangels in den linken Oberarm stach und ihm
weitere Schnittverletzungen zufügte. Erst als der Sohn der Beschuldigten verletzt
- 28 -
wurde, liess sie vom Privatkläger ab und kümmerte sich um das Verarzten ihres
Sohnes. Entgegen der Vorinstanz kann nicht davon gesprochen werden, dass die
Beschuldigte mit keiner besonders hohen kriminellen Energie gehandelt habe,
weil die zugefügten Verletzungen lediglich oberflächlich und von leichter Natur
gewesen seien. Dass die Tat angesichts der Verletzungen nicht über das Ver-
suchsstadium hinaus kam, wird unter diesem Titel zu würdigen sein. Entscheiden
ist, dass die Beschuldigte die Auswirkungen ihrer Stiche im dynamischen Kampf-
geschehen nicht hat kontrollieren können. Dass der Stich in den Bauch den
Bauchraum nicht eröffnet habe, hat sodann nicht nur mit der aufgewendeten
Kraft, sondern mit dem eingesetzten Messer bzw. dessen Klingenlänge zu tun. Es
kann der Beschuldigten allerdings kaum zu Gute gehalten werden, dass sie kein
längeres Messer wählte, vielmehr ist der Umstand, dass sie überhaupt ein Messer
bei sich trug mit Blick auf das affektive Tatvorgehen belastend zu werten. Die Be-
schuldigte beliess es auch nicht bei einem Stich, sondern stach – auch mit Erfolg
– mehrmals zu. In Würdigung all dieser Umstände ist – in Anbetracht der im
Rahmen der vorsätzlichen Tötung denkbaren Konstellationen – von einem noch
nicht erheblichen Verschulden auszugehen.
2.3. Subjektiv wurde festgestellt, dass die Beschuldigte aktiv angriff, wenn sie
auch auf eine Beleidigung des Privatklägers reagierte. Sie handelte aus dem nie-
deren Motiv der Wut. Dass sie in ihrer Vorstellung ihren Sohn hat beschützen wol-
len, vermag daran nichts zu ändern und kann ihr nicht zugute gehalten werden.
Positiv ist indessen hervorzuheben, dass sie die konkrete Tat nicht von langer
Hand plante, sondern den Tatentschluss vielmehr im Sinne einer Kurzschluss-
reaktion fasste. Verschuldensvermindernd ist sodann der Eventualvorsatz zu
würdigen.
2.4. Insgesamt vermag die subjektive Tatschwere die objektive etwas zu rela-
tivieren. Es ist allerdings weiterhin von einem noch nicht erheblichen Tatverschul-
den auszugehen. Aufgrund der gesamten Tatschwere erscheint eine Einsatz-
strafe von 10 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen.
2.5. Die versuchte Tatbegehung ist als verschuldensunabhängige Tatkompo-
nente unter Berücksichtigung der Nähe des Erfolges bzw. des tatsächlichen Er-
- 29 -
folges strafmindernd zu würdigen. Zu beachten ist zudem, dass durch die ver-
suchte Tat ein zweites Rechtsgut beeinträchtigt werden kann, das ebenfalls straf-
rechtlich geschützt ist, dies allerdings im Schuldpunkt aufgrund unechter Konkur-
renz der Tatbestände unberücksichtigt bleibt. Das ist z.B. der Fall, wenn das Op-
fer, wie vorliegend, durch einen Tötungsversuch schwer verletzt wird (MATHYS,
Leitfaden Strafzmessung, N 218 f.). Wie festgestellt ist sodann der Umstand, dass
der Privatkläger aufgrund der Messerstiche nicht in Lebensgefahr schwebte, nicht
dem Verhalten der Beschuldigten zugute zuschreiben, sondern einzig dem Zufall
zu verdanken. Zu berücksichtigen ist indessen, dass der tatbestandsmässige Er-
folg angesichts der tatsächlich zugefügten Verletzungen nicht als besonders nah
erschien. Der Versuch ist entsprechend klar strafmindernd zu berücksichtigen.
2.6. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es bei einer versuchten Tat-
begehung blieb, ist die Einsatzstrafe auf rund 7 Jahre zu reduzieren.
2.7. Zu den Täterkomponenten, insbesondere der Darstellung der persönlichen
Verhältnisse und des Vorlebens sowie der Vorstrafen der Beschuldigten, kann
weitestgehend auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 63
S. 48 ff.). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte die Beschuldigte hierzu
aus, dass sich ihr Sohn, D._, seit Juli 2017 in Kuba bei ihrer Mutter bzw. sei-
ner Grossmutter befinde. Sie habe telefonisch Kontakt zu ihm und es gehe ihm
gut, auch wenn er sie vermisse. Der Grossmutter gehe es gesundheitlich nicht so
gut. Sie würden von der Familie unterstützt, welche allerdings nicht gedacht habe,
dass sich die Situation derart in die Länge ziehen werde. Sie selber habe seit
2013 keinen Aufenthaltsstatus mehr, zuvor habe sie die Aufenthaltsbewilligung B
gehabt. Nach Abschluss des Verfahrens habe sie vor, sich in Kuba sogleich wie-
der mit ihrer Familie zusammenzufinden und dort im Tourismus zu arbeiten
(Urk. 85 S. 1 ff.).
2.7.1. Dem Schluss der Vorinstanz, aus der bewegten und sicherlich schwierigen
Vergangenheit der Beschuldigten eine leichte Strafminderung abzuleiten, kann
nicht gefolgt werden. Die zugestandenermassen belasteten Verhältnisse der Be-
schuldigten vermögen eine solche Strafreduktion nicht zu rechtfertigen. Insbeson-
dere kann eine solche nicht aus dem Umstand resultieren, dass die Beschuldigte
- 30 -
auf der Suche nach besseren Chancen Kuba verliess und hier nun, da ihre Fami-
lie in Kuba verblieb, isoliert lebe. Auch kann nicht ohne Weiteres gesagt werden,
dass sie, nachdem sie in Kuba die Präuniversität besuchte bzw. gemäss Vertei-
digung die gymnasiale Ausbildung abschloss, über eine schlechte Schulbildung
verfüge. Gleich verhält es sich mit den Umständen, dass sie schliesslich in der
Schweiz ausländerrechtliche Hürden zu vergegenwärtigen hatte und partner-
schaftlich im Stich gelassen wurde. Auch wenn diese vergangenen Ereignisse zu
bedauern sind, führen unter dem Titel der persönlichen Verhältnisse vor allem
Umstände zu einer Strafreduktion, welche allgemein unter dem Begriff "schwieri-
ge Jugend" zusammengefasst werden können, da solche nach der allgemeinen
Lebenserfahrung geeignet sind, ein späteres deliktisches Verhalten zumindest zu
begünstigen. Zu denken ist an eine schwer gestörte Eltern-Kind-Beziehung, einen
häufigen Wechsel der Bezugsperson und frühere Heimaufenthalte. Es geht da-
rum, eine schwierige Phase in der Kindheit oder Jugend des Beschuldigten ein-
zubringen, die nach weitverbreiteter Anschauung das Strafbedürfnis für eine be-
stimmte Deliktskategorie reduziert (vgl. MATHYS, Leitfaden Strafzumessung,
N 285). Das trifft vorliegend nicht zu. Die persönlichen Verhältnisse der Beschul-
digten sind somit neutral zu werten.
2.7.2. Was die Vorstrafen anbelangt hat die Vorinstanz dargelegt, dass die Be-
schuldigte mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
25. März 2013 wegen gewerbsmässigen Betrugs zu einer Geldstrafe von
120 Tagessätzen zu Fr. 60.– verurteilt wurde. Das ist nach wie vor zutreffend
(Urk. 64). Diese im Tatzeitpunkt bereits länger zurückliegende Straftat, welche im
Übrigen nicht einschlägig ist, ist lediglich sehr leicht straferhöhend zu veranschla-
gen.
2.7.3. Die Vorinstanz stellte schliesslich zum Nachtatverhalten fest, dass die Be-
schuldigte die ihr vorgeworfenen Tathandlungen bereits anlässlich ihrer Ver-
haftung weitgehend eingestanden und den inkriminierten äusseren Tathergang
nicht bestritten habe, diese Zugeständnisse allerdings nicht zu einer wesentlichen
Vereinfachung des Verfahrens geführt hätten und bei der Beschuldigten weder
Einsicht noch Reue auszumachen seien. Es stellte das Nachtatverhalten leicht
- 31 -
strafmindernd in Rechnung (Urk. 63 S. 50). Dem ist mit der Ergänzung zuzustim-
men, dass die Beschuldigte mit Blick auf die geltend gemachte Notwehrsituation
kein vollumfängliches Geständnis ablegte. Bis zuletzt bestritt sie, den Privatkläger
unvermittelt angegriffen zu haben. Auch anlässlich der Hauptverhandlung erklärte
sie zum letzten Wort, dass sie niemanden habe angreifen, sondern sich nur ver-
teidigen wollen (Prot. I S. 20). Dabei blieb sie auch anlässlich der Berufungsver-
handlung. Sodann wäre die Bestreitung der Messerstiche angesichts der Tatum-
stände und den dokumentierten Verletzungen aussichtslos gewesen. Sehr wohl
hat sie aber behauptet, dass der Privatkläger sie angegriffen und sie in Notwehr
gehandelt habe. Damit war die Beschuldigte nicht vollumfänglich geständig. Auch
wenn sie die Geschehnisse sehr bedauerte und schliesslich einräumte, dass es
ein Fehler gewesen sei, das Messer mitzunehmen, kann auch mit Blick auf die
anhaltenden Bestreitungen von Einsicht und aufrichtiger Reue keine Rede sein.
Der Vorinstanz ist somit zuzustimmen, wenn sie das Nachtatverhalten lediglich
leicht in Abschlag brachte.
2.7.4. Nach Art. 47 Abs. 1 StGB hat das Gericht bei der Strafzumessung die "Wir-
kung der Strafe auf das Leben des Täters" zu berücksichtigen. Darunter fallen
Umstände, die den Beschuldigten als Folge der Strafe zusätzlich physisch oder
psychisch erheblich belasten. Im Wesentlichen geht es um die erhöhte Straf-
empfindlichkeit, welche nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur bei
aussergewöhnlichen Umständen zu bejahen ist. So bringt es der Vollzug einer
längeren Freiheitsstrafe zwangsläufig mit sich, dass der Betroffene aus seinem
Umfeld herausgerissen wird. Als unmittelbare gesetzmässige Folge einer unbe-
dingten Freiheitsstrafe muss dies nur bei aussergewöhnlichen Umständen straf-
mindernd berücksichtig werden (Urteil des Bundesgerichtes 6B_295/2012 vom
16. Juli 2013 E. 6.3 mit Hinweis). Die immer wieder angerufenen familiären Grün-
de führen deshalb grundsätzlich nicht zu einer erhöhten Strafempfindlichkeit und
somit zu keiner Strafreduktion (MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, N 259 ff.).
Das muss auch in vorliegendem Fall gelten.
2.8. Insgesamt überwiegen bei den Täterkomponenten die strafmindernden
Umstände die straferhöhenden leicht.
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2.9. Aufgrund aller relevanten Strafzumessungsgründe erscheint in Würdigung
aller objektiven und subjektiven Komponenten der begangenen Straftat sowie in
Berücksichtigung der versuchten Tatbegehung und der Täterkomponenten eine
Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten als angemessen.
2.10. Der Anrechnung der durch Haft und vorzeitigen Vollzug erstandenen
669 Tage an die auszufällende Strafe steht nichts entgegen.
2.11. Die Freiheitsstrafe ist angesichts der Dauer zu vollziehen.
V. Landesverweisung
1. Standpunkt der Beschuldigten
Die Verteidigung beantragte anlässlich der Berufungsverhandlung, auf die Anord-
nung einer Landesverweisung zu verzichten. Sie begründete diesen Antrag damit,
dass nach Art. 66a Abs. 3 StGB von einer Landesverweisung abgesehen werden
könne, wenn die Tat in entschuldbarer Notwehr gemäss Art. 16 Abs. 1 StGB be-
gangen wurde, wobei sie ergänzte, dass die Beschuldigte zwar nach Kuba zu-
rückkehren wolle, allerdings zwecks Besuch ihrer Verwandten auch in der Lage
sein wolle, diese in der Schweiz zu besuchen (Urk. 86 S. 27; Prot. II S. 8).
2. Würdigung
2.1. Die Vorinstanz ist nach zutreffenden Erwägungen sowohl zu den Voraus-
setzungen der Landesverweisung als auch der Anwendung der Bestimmung auf
den vorliegenden Fall zum Ergebnis gelangt, dass die Beschuldigte des Landes
zu verweisen ist. Hierauf kann angesichts der klaren Verhältnisse verweisen wer-
den. Auch anlässlich der Berufungsverhandlung hat sich nichts ergeben, was die
Annahme eines schweren persönlichen Härtefalls stützen würde. Insbesondere
wurde eine Notwehrsituation verneint, weshalb die Argumentation der Ver-
teidigung nicht greift. Im Übrigen verfügt die Beschuldigte nach wie vor über keine
gefestigten Bezugspunkte zur Schweiz, weder in familiärer noch in beruflicher
Hinsicht. Nachdem sie auch anlässlich der Berufungsverhandlung nochmals vor-
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brachte, dass sie nach dem Strafvollzug vor habe, nach Kuba zu gehen und dort
im Tourismus zu arbeiten, ist gestützt auf die vorliegende Katalogtat die Landes-
verweisung auszusprechen.
2.2. Die Landesverweisung kann für die Dauer von 5 bis 15 Jahre ausge-
sprochen werden (Art. 66a StGB). Dabei hat die Dauer dem Grundsatz der Ver-
hältnismässigkeit zu entsprechen und es sind die persönlichen Interessen gegen
das öffentliche Interesse abzuwägen, wobei dem Verschulden des Täters ein
grosses Gewicht zukommt (BSK StGB I-Zurbrügg/Hruschka, Art. 66a N 28 f.).
In Würdigung dieser Umstände erscheint die von der Vorinstanz ausgesprochen
Landesverweisung für die Dauer von 8 Jahren als angemessen. Sie ist ent-
sprechend zu bestätigen.
2.3. Zudem ist die Landesverweisung im Schengener Informationssystem aus-
zuschreiben, zur Begründung kann, um unnötige Wiederholungen zu vermeiden,
auf die Ausführungen der Vorinstanz verweisen werden (Urk. 63 S. 53 f.).
VI. Zivilansprüche
1. Parteistandpunkte
1.1. Der Privatkläger beantragte anlässlich der Berufungsverhandlung, die Be-
schuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger Schadenersatz in der Höhe des
ausgewiesenen Lohnausfalls im Umfang von Fr. 1'018.75 sowie eine Genugtuung
von Fr. 20'000.– zu bezahlen. Im Weitern sei das Schadenersatzbegehren auf
den Zivilweg zu verweisen (Urk. 88 S. 1).
1.2. Die Verteidigung beantragte die Verweisung der Zivilforderungen auch im
Falle einer Verurteilung auf den Zivilweg, zumal diese nicht ausgewiesen seien
und darüber hinaus wegen Selbstverschuldens gemäss Art. 44 Abs. 1 OR abzu-
weisen wären (Urk. 86 S. 26).
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2. Würdigung
2.1. Die Vorinstanz hat festgehalten, dass die vom Privatkläger geltend gemach-
te Lohneinbusse im Betrag von Fr. 1'018.75 ausgewiesen sei (Urk. 63 S. 55).
Dem ist mit Blick auf die bei den Akten liegenden Lohnabrechnungen zuzustim-
men (Urk. 47/3). Eine Reduktion gestützt auf Art. 44. Abs. 1 OR wurde weder
schlüssig vorgebracht noch fällt eine solche nach Verneinung einer Notwehrlage
in Betracht.
2.2. Der Beschuldigte ist somit zu verpflichten, dem Privatkläger Schadenersatz
in Höhe von Fr. 1'018.75.– zu bezahlen. Im Übrigen ist festzustellen, dass die Be-
schuldigte gegenüber dem Privatkläger A._ aus dem eingeklagten Ereignis
dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist, wobei er zur genauen Fest-
stellung des Schadenersatzanspruches auf den Weg des Zivilprozesses zu ver-
weisen ist.
2.3. Die Vorinstanz sprach dem Beschuldigten eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 5'000.– zuzüglich Zins seit dem 16. Juni 2017 zu (Urk. 63 S. 56).
Der Privatkläger musste aufgrund des Vorfalls notfallmässig operiert und während
drei Tagen stationär versorgt werden, war aufgrund der Verletzungen vom
19. Juni bis zum 15. Juli 2017 zu 100 % krankgeschrieben und erlitt eine post-
traumatische Belastungsstörung, welche eine rund drei Monate dauernde psycho-
logische Behandlung nach sich zog (Urk. 47/1-2). Auch heute belaste ihn der Vor-
fall noch sehr und er habe das Grundvertrauen in die Mitmenschen verloren
(Urk. 47/1). Körperliche Schäden blieben keine zurück und es bestand keine Le-
bensgefahr. Angesichts der gesamten Umstände, insbesondere der emotionalen
Belastung, welche der Privatkläger aus diesem Ereignis zu vergegenwärtigen hat-
te, erscheint die von der Vorinstanz zugesprochene Genugtuung zumindest nicht
unangemessen. In Berücksichtigung der Tatsache, dass keine Notwehrsituation
erstellt werden konnte, rechtfertigt sich allerdings eine angemessene Erhöhung
der Genugtuung auf Fr. 8'000.–. Die Beschuldigte ist entsprechend zu verpflich-
ten, dem Privatkläger eine Genugtuung von Fr. 8'000.– zuzüglich 5 % Zins seit
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dem 16. Juni 2017 zu bezahlen. Im Übrigen ist das Genugtuungsbegehren abzu-
weisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Das vorinstanzliche Urteil ist hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungs-
folgen (Dispositivziffer 15) zu bestätigen.
2.1. Die Kosten- und Entschädigungsfolgen des Rechtsmittelverfahrens tragen
die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1
StPO, Art. 436 StPO).
Die Beschuldigte unterliegt mit ihren Anträgen vollumfänglich. Die Staatsan-
waltschaft unterliegt mit ihren Anträgen im Sanktionspunkt teilweise. Die Kosten
dieses Verfahrens sind deshalb der Beschuldigten zu fünf Sechstel aufzuerlegen
und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der amtlichen Ver-
teidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers sind zu fünf
Sechstel einstweilen und zu einem Sechstel definitiv auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Vorzubehalten ist die Rückzahlungspflicht der Beschuldigten im Umfang
der einstweilen auf die Gerichtskasse genommenen fünf Sechstel der Kosten der
amtlichen Verteidigung.
2.2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 4'000.–
festzusetzen.
3. Die amtliche Verteidigung sowie die unentgeltliche Vertretung des Privat-
klägers sind für ihre Aufwände im Umfang von Fr. 21'000.– bzw. Fr. 7'000.– aus
der Gerichtskasse zu entschädigen.
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