# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 12b2469b-55a6-4f08-bf84-57ed98ca9d61
**Court:** CH_BSTG
**Chamber:** CH_BSTG_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** CH / Federation
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
A. Am Sonntag, 21. Februar 2016, um 16.00 Uhr, begann das Fussballspiel der
Super League zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen in der Swisspo-
rarena in Luzern. Kurz nach Anpfiff des Spiels wurden aus dem Gästesektor C6
des St. Galler Fanblocks zwei Rauch- und zwei Feuerwerkskörper in Richtung
Spielfeld geworfen. Unmittelbar nach der Detonation des zweiten Feuerwerks-
körpers verliessen mehrere Personen das Stadion, darunter B., der sich in einer
Distanz von 20,3 Meter zum detonierenden Knallkörper im Sektor D1 der Luzer-
ner Fans befand. B. machte geltend, wegen diesem Ereignis auf dem linken Ohr
einen massiven Gehörsverlust erlitten zu haben, und seine Jacke habe aufgrund
des Funkenwurfs Brandlöcher.
B. Am 22. Februar 2016 meldete sich B. bei der Luzerner Polizei. Er sei am Vortag
als Zuschauer am Super League-Spiel des FC Luzern gewesen und habe im
Stadion durch einen Knallkörper, der vom Gästesektor her in seine Richtung ge-
worfen worden sei, einen Gehörsschaden erlitten (pag. BA 10-01-0001 ff.). B.
konstituierte sich am 22. Februar/7. März 2016 als Privatkläger im Straf- und Zi-
vilpunkt und stellte Strafantrag wegen einfacher Körperverletzung und Sachbe-
schädigung (pag. BA 15-01-0002 und -0010 f.). Er machte Schadenersatz von
Fr. 120.-- wegen Sachbeschädigung und in unbezifferter Höhe für Arzt- und Spi-
talkosten sowie Genugtuung geltend. Ab 8. August 2016 liess er sich im Verfah-
ren anwaltlich vertreten (pag. BA 15-03-0003).
C. Am 22. Februar 2016 erhob die C. AG bei der Luzerner Polizei Strafanzeige we-
gen Sachbeschädigung. Sie führte aus, die zwei beim Fussballspiel vom 21. Feb-
ruar 2016 auf das Spielfeld geworfenen Rauchkörper hätten den Rasen des
Spielfelds an zwei Stellen zerstört (pag. BA 10-01-0012 ff.). Die C. AG konstitu-
ierte sich am 8. März 2016 als Privatklägerin im Straf- und Zivilpunkt und stellte
gegen den Beschuldigten Strafantrag wegen Sachbeschädigung. Sie machte
Schadenersatz von Fr. 800.-- und eine Genugtuung von Fr. 10‘000.-- geltend
(pag. BA 15-02-0001).
D. Die Luzerner Polizei wertete die Aufnahmen aus der Videoüberwachung im Sta-
dion aus. Aufgrund dieser Auswertung konnte A. (nachfolgend: Beschuldigter)
als mutmassliche Person, welche kurz nach Spielbeginn vier pyrotechnische Ge-
genstände auf das Spielfeld geworfen hatte, identifiziert werden (pag. BA 10-01-
0020). Am 7. März 2016 nahmen die Polizei Ausserrhoden und die Luzerner Po-
lizei den Beschuldigten vorläufig fest (pag. BA 06-00-0001 ff.) und führten an
dessen Wohnsitz in Z. eine Hausdurchsuchung durch (pag. BA 08-01-0001 ff.).
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Dabei wurden rund 100 Kilogramm pyrotechnische Gegenstände sichergestellt
(pag. BA 08-01-0006 ff.; 07-02-0019 ff.; 10-01-0037 ff.).
E. Die Staatsanwaltschaft Luzern Abteilung 2 Emmen (nachfolgend: Staatsanwalt-
schaft Luzern) eröffnete eine Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten u.a.
wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und Widerhandlungen gegen das
Sprengstoffgesetz (Akten-Nr. SA2 16 1698 23). Mit Gerichtsstandsanfrage vom
31. März 2016 ersuchte sie die Bundesanwaltschaft um Übernahme des Verfah-
rens (pag. BA 02-00-0001 ff.). Am 9. Mai 2016 übernahm diese das Verfahren
gegen den Beschuldigten (pag. BA 02-00-0004; Verfahrens-Nr. SV.16.0539-SH).
F. Die Bundesanwaltschaft teilte dem Beschuldigten am 15. Juni 2016 die Verfah-
rensübernahme mit und forderte ihn auf, eine Wahlverteidigung zu bestellen
(pag. BA 16-01-0001). Der Beschuldigte liess sich ab dem 12. Juli 2016 durch
Rechtsanwältin Manuela Schiller erbeten verteidigen (pag. BA 16-02-0002).
G. Am 21. Februar 2017 kündigte die Bundesanwaltschaft dem Beschuldigten sowie
der Privatklägerschaft den Abschluss der Untersuchung an und stellte in Aus-
sicht, gegen den Beschuldigten Anklage zu erheben (pag. BA 16-02-0027 f.).
H. Mit Verfügungen vom 22. und 29. März 2017 vereinigte die Bundesanwaltschaft
das Verfahren SA2 16 1698 23 der Staatsanwaltschaft Luzern und ihr Verfahren
SV.16.0539-SH in der Hand der Bundesbehörden (pag. BA 02-00-0005 ff.).
I. Am 30. März 2017 erhob die Bundesanwaltschaft gegen den Beschuldigten An-
klage beim Bundesstrafgericht wegen mehrfacher Gefährdung durch Spreng-
stoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht (Art. 224 Abs. 1 StGB),
schwerer Körperverletzung (Art. 122 Abs. 2 StGB), mehrfacher Sachbeschädi-
gung, begangen aus Anlass einer öffentlichen Zusammenrottung (Art. 144 Abs. 2
StGB), und mehrfacher Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz (Art. 3
Abs. 1, Art. 15 Abs. 1 i.V.m. Art. 37 Ziff. 1 Abs. 1 SprstG und Art. 17 und Art. 22
Abs. 1 i.V.m. Art. 38 Ziff. 1 Abs. 1 SprstG) (TPF pag. 3.100.1 ff.).
J. Die Verfahrensleitung der Strafkammer erteilte am 19. Mai 2017 Dr. med. D. ei-
nen Gutachterauftrag, welcher die Frage der Gehörsschädigung des Privatklä-
gers B. zum Gegenstand hatte (pag. TPF 3.291.1 ff.). Das Gutachten wurde am
30. Juni 2017 erstattet (pag. TPF 3.291.8 ff.) und den Parteien für Zusatzfragen
zugestellt (pag. TPF 3.300.3). Die Bundesanwaltschaft wurde am 27. Juni 2017
aufgefordert, die vermassten Werkpläne der Swissporarena einzureichen (TPF
pag. 3.280.3). Diese wurden am 3. Juli 2017 eingereicht (TPF pag. 3.510.10).
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Von Amtes wegen wurden die Akten um je einen Strafregister- und Betreibungs-
registerauszug sowie um die aktuellen Steuerunterlagen des Beschuldigten er-
gänzt (TPF pag. 3.300.1, 3.280.1, 3.221.1 ff.).
K. Mit Eingabe vom 28. Juli 2017 stellte und begründete die C. AG ihre Anträge im
Straf- und Zivilpunkt und stellte diverse Beweisanträge (pag. TPF 3.562.2 ff.).
L. Die Hauptverhandlung fand am 8. August 2017 in Anwesenheit der Parteien am
Sitz des Gerichts statt. Die mündliche Urteilseröffnung erfolgte am 9. Au-
gust 2017.

## Considerations

Die Strafkammer erwägt:
1. Zuständigkeit
Das Gericht prüft seine Zuständigkeit von Amtes wegen. Die Anklage lautet auf
mehrfache Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer
Absicht (Art. 224 Abs. 1 StGB), schwere Körperverletzung (Art. 122 Abs. 2 StGB),
mehrfache Sachbeschädigung, begangen aus Anlass einer öffentlichen Zusam-
menrottung (Art. 144 Abs. 2 StGB) und mehrfache Widerhandlung gegen das
Sprengstoffgesetz (Art. 3 Abs. 1, Art. 15 Abs. 1 i.V.m. Art. 37 Ziff. 1 Abs. 1 SprstG
und Art. 17 und Art. 22 Abs. 1 i.V.m. Art. 38 Ziff. 1 Abs. 1 SprstG). Gemäss Art. 35
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Organisation der Strafbehörden des Bun-
des vom 19. März 2010 (StBOG; SR 173.71) i.V.m. Art. 23 Abs. 1 lit. d StPO
unterstehen vorliegend einzig die Verbrechen und Vergehen der Art. 224 bis
226ter StGB der Bundesgerichtsbarkeit. Für die Verfolgung der weiteren ange-
klagten Delikte sind die Kantone zuständig (Art. 22 StPO). lst in einer Strafsache
sowohl Bundes- als auch kantonale Zuständigkeit gegeben, kann die Staatsan-
waltschaft des Bundes die Vereinigung der Verfahren in der Hand der Bundes-
behörden oder der kantonalen Behörden anordnen (Art. 26 Abs. 2 StPO). Die
Bundesanwaltschaft hat die Verfahren mit Verfügungen vom 22. und 29. März
2017 vereinigt (vgl. Prozessgeschichte Bst. H). Die Zuständigkeit des Bun-
desstrafgerichts für die Beurteilung aller Anklagepunkte ist demnach gegeben.
2. Anklagesachverhalt
Die Bundesanwaltschaft wirft dem Beschuldigten in der Anklageschrift vom
30. März 2017 zusammengefasst vor, er habe sich anlässlich des Super League
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Fussballspiels FC Luzern – FC St. Gallen vom 21. Februar 2016 mit einer gros-
sen Anzahl von Sympathisanten des FC St. Gallen im Gästesektor C6 der
Swissporarena in Luzern aufgehalten. Die Sympathisanten des FC St. Gallen
sollen sich u.a. durch eine schwarz-grüne Fan-Jacke sowie eine gemeinsame
„Fan-Choreo“ gegen aussen als zusammengehörige Gruppe ausgewiesen und
mittels provozierenden, teils beleidigenden Sprechchören und Transparenten zu
einer für die Friedensordnung bedrohlichen Grundstimmung beigetragen haben.
Diese Personenansammlung habe der Beschuldigte als Versteck und Rückzugs-
möglichkeit benutzt, um kurz nach Spielbeginn, zwischen 16:01:10 und 16:02:00
Uhr, zunächst zwei Rauchkörper (Ultra Rauchtopf Schwarz, Blackboxx Fire-
works, NEM: ca. 103 g) zu zünden und in den Strafraumbereich des Spielfelds
zu werfen. Die zwei Rauchkörper seien auf dem Spielfeld abgebrannt und hätten
einen dichten, schwarzen Rauch mit toxischen Eigenschaften erzeugt. An-
schliessend habe der Beschuldigte zwei Sprengkörper (KreiselbIitz mit Silberper-
lenschweif, Zink-Feuerwerk GmbH, NEM: ca. 18 g, davon ca. 10 g Blitzknallsatz)
gezündet und zwischen Strafraum und Seitenlinie des Spielfelds geworfen. Der
erste Sprengkörper habe sich nicht umgesetzt (sog. Blindgänger). Der zweite
Sprengkörper sei in der Luft über dem Spielfeld mit einem heftigen Blitzknall und
gleichzeitigem Funkenwurf detoniert. In den betroffenen Bereichen des Spiel-
felds und den angrenzenden Sektoren (Zuschauerbereich) hätten sich Spieler,
Zuschauer, ein Schiedsrichter und Stewart sowie Gegenstände befunden, wel-
che durch die vom Beschuldigten gezündeten Rauch- bzw. Sprengkörper gefähr-
det worden seien. Die zwei Rauchkörper sollen zudem auf dem Stadionrasen
zwei Brandlöcher (ca. 50 x 20 cm) verursacht und damit das Eigentum der C. AG
Luzern (Privatklägerin 2) in der Höhe von Fr. 800.-- geschädigt haben. Auf Grund
der Detonation des zweiten Sprengkörpers habe der Zuschauer B. (Privatkläger
1) im Sektor D1 eine massive Hörschädigung erlitten. Auf dem linken Ohr betrage
B. Hörfähigkeit 10% und auf dem rechten Ohr 60%, was einer Hörminderung von
81% bzw. 27% entspreche. Durch den Funkenwurf des Sprengkörpers sei zudem
die Jacke von B. beschädigt worden. Ausserdem habe der Beschuldigte diverse
pyrotechnische Gegenstände – alle ohne CH-Identifikationsnummer – besessen,
welche anlässlich der Hausdurchsuchung vom 7. März 2016 in seiner Wohnung
bzw. in seinem Schlafzimmer in Z. sichergestellt worden seien.
Laut Anklage habe der Beschuldigte dabei wissentlich und willentlich sowie in
verbrecherischer Absicht gehandelt, indem er mit dem Wurf der vier pyrotechni-
schen Gegenstände einerseits das Spielfeld beschädigt habe und andererseits
aufgrund seiner eingeschränkten Sicht, der unkontrollierten Wurfbahn und der
nicht eingehaltenen Abstandsvorschriften eine Verletzung von mehreren Perso-
nen (Fussballspieler, Schiedsrichter etc.) sowie insbesondere mit dem Wurf des
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zweiten Sprengkörpers eine schwere Körperverletzung und Sachbeschädigung
zum Nachteil von B. (Privatkläger 1) zumindest in Kauf genommen habe.
3. Feststellungen zum äusseren Sachverhalt
3.1 Tathergang und Täterschaft
3.1.1 Auswertung von sichergestellten Bild- und Tonaufnahmen
3.1.1.1 Die Bundesanwaltschaft edierte bei der Privatfernsehsender AG (Sport) Bildma-
terial des Fussballspiels FC Luzern gegen FC St. Gallen vom 21. Februar 2016
in Luzern (pag. BA 07-01-0005 und 0008 [zwei USB-Sticks]). Die Swissporarena
in Luzern ist videoüberwacht (pag. BA-07-03-0004 ff.). Die Bundesanwaltschaft
beschlagnahmte am 21. Juni 2016 u.a. Videomaterial der Stadionüberwachungs-
kameras (pag. BA 08-02-0001 [Festplatte „WD Elements“, pag. BA-08-02-0003]).
3.1.1.2 Auf den Aufnahmen der Stadionkameras ist eine vermummte Person erkennbar,
welche unter einer Choreo-Fahne hervortritt (16.00 Uhr 27 Sekunden). Diese
Person trägt nebst einer schwarzen Maske (Sturmhaube), blaue Jeans, weisse
Turnschuhe, eine schwarze Jacke mit einem grünen und einem weissen Streifen.
Die Person hält mehrere Gegenstände in der Hand und begibt sich hinunter zum
Zaun (16.00 Uhr 49 Sekunden). Danach zündet dieselbe Person mehrere (pyro-
technische) Gegenstände an und wirft deren vier über den Zaun jeweils in die-
selbe Richtung aufs Spielfeld (zwischen 16.01 Uhr 06 Sekunden und 16.02 Uhr
00 Sekunden). Auf der Frontkamera ist zu sehen, wie schwarzer Rauch vom
Spielfeld emporsteigt (ab 16.01 Uhr 26 Sekunden) und der vierte geworfene Ge-
genstand in der Luft detoniert (16.02 Uhr 06 Sekunden). Die vermummte Person
begibt sich anschliessend sofort zur gespannten Choreo-Fahne zurück und ver-
schwindet darunter (16.02 Uhr 04 Sekunden). Die Choreo-Fahne wird weggezo-
gen und am Boden deponiert. Ab diesem Zeitpunkt (16.02 Uhr 34 Sekunden)
sind keine vermummten Personen mehr zu erkennen (pag. BA 10-01-0006 f.).
3.1.1.3 Die Stadtpolizei St. Gallen wertete rechtshilfeweise Videodaten des Spiels vom
21. Februar 2016, welche von Sicherheitsmitarbeitern des FC St. Gallen erstellt
worden waren, aus und erstellte daraus fünf Filme (Bericht Stadtpolizei St. Gallen
vom 24. Mai 2016, pag. BA 07-02-0005 ff.). Film 1 zeigt den Einlass der Spielbe-
sucher (Gäste); der Beschuldigte ist dabei mit einem roten Pfeil markiert. Es ist
ersichtlich, wie Rauchkörper, wie sie später aufs Spielfeld geworfen werden, zur
Ablenkung des Sicherheitspersonals gezündet werden. Film 2 zeigt den komplet-
ten Aufzug der Choreo und den Abbrand der Pyrotechnik. Film 3 zeigt den Ab-
brand der pyrotechnischen Gegenstände durch den Beschuldigten. In Film 4 sind
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die St. Galler Fans zu sehen, wobei der Beschuldigte mit einem roten Pfeil mar-
kiert ist. Film 5 zeigt eine bearbeitete Version der Rohaufnahme beim Anpfiff der
Partie um 16.00 Uhr (pag. BA 07-02-0007 f.). Die Auswertung (gemäss Timecode
und mit Referenzzeitpunkt 16.00 Uhr) ergab folgenden zeitlichen Ablauf:
15.57 Uhr 50 Sekunden: Eine Choreo, die gegen den (ehemaligen) Sicherheitsverantwortlichen
gerichtet ist, wird über dem Gästesektor aufgezogen. Es handelt sich
um eine Comic-Figur, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „F.“ trägt.
15.58 Uhr 46 Sekunden: Aus dem Hinterteil der Comic-Figur wird ein Rauchkörper gezündet.
Es tritt schwarzer Rauch aus.
16.00 Uhr 00 Sekunden: Anpfiff der Partie.
16.00 Uhr 25 Sekunden Wurf des ersten Rauchkörpers, der auf dem Spielfeld abbrennt.
16.00 Uhr 31 Sekunden: Wurf des zweiten Rauchkörpers, der auf dem Spielfeld abbrennt.
16.00 Uhr 48 Sekunden: Wurf des ersten Knallkörpers in Richtung Spielfeld, der nicht detoniert
(Blindgänger).
16.01 Uhr 18 Sekunden: Wurf des zweiten Knallkörpers in Richtung Spielfeld und Detonation
desselben.
3.1.1.4 Im Auftrag der Bundesanwaltschaft (pag. BA 11-04-0001 f.) erstellte das Foren-
sische Institut des Kantons Zürich mit dem sichergestelltem Videomaterial eine
chronologische Zusammenstellung (Dauer: 12 Minuten und 24 Sekunden) mit
unmittelbarem Bezug zum Beschuldigten (pag. BA 11-04-0004 f., -0007 [DVD]).
Die Aufnahmen zeigen zunächst den Einzug der St. Galler Fans zum Sektor C6
der Swissporarena. Die Fans tragen mehrheitlich schwarze Jacken mit einem
weiss-grünen Streifen. Sie werden vom Sicherheitspersonal beim Eingang kon-
trolliert, welcher videoüberwacht ist. Im Hintergrund bei den Absperrgittern sind
weitere Fans zu erkennen, die auf ihren Einlass warten. Die Videoaufnahmen
zeigen, wie die Fans im Aussenbereich (pyrotechnische) Gegenstände über die
Absperrgitter in den Eingangsbereich zum Sektor C6 werfen. Das Sicherheits-
personal wird abgelenkt, indem von den Fans im Aussenbereich WC-Rollen zum
Sicherheitspersonal geworfen und auch Rauchkörper (schwarzer Rauch) gezün-
det werden. Im Treppenaufgang zum Sektor C6 ist ein mit einem Kapuzenpullo-
ver bekleideter, einen Rucksack in der Hand haltender Fan erkennbar, der die
(pyrotechnischen) Gegenstände rasch einsammelt und zum Sektor C6 hingeht.
Im Stadion deutlich erkennbar ist auch der Beschuldigte, der sich kurz vor Spiel-
beginn im Fan-Sektor C6 befindet. Er trägt die erwähnte Fan-Jacke, blaue Jeans-
hosen und weisse Turnschuhe, wobei aus einer Hosentasche eine Ecke seines
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Smartphones herausschaut. Ein brauner Aufnäher ist auf der Hosentasche sicht-
bar. Der Beschuldigte begibt sich in den hintersten Teil des Sektors C6 und be-
reitet seine Vermummung vor: Er stülpt sich einen schwarzen Gegenstand
(Maske) über den Kopf, jedoch noch ohne das Gesicht zu verdecken. Beim Ein-
zug der Mannschaften – kurz vor 16 Uhr – ziehen die FC St. Gallen Fans im
Sektor C6 die Choreo-Fahne mit dem Comic-Konterfei von F. (ehemaliger Si-
cherheitschef des FC Luzern) hoch, wobei der Beschuldigte mithilft. Der Beschul-
digte verschwindet danach unter der Fahne. Aus dem Hinterteil der Comicfigur
erscheinen plötzlich zwei gezündete Rauchkörper, aus welchen schwarzer
Rauch ausströmt. Es erfolgt eine (erste) Durchsage der Stadionansagerin, dass
Feuerwerkszündungen im Stadion aus Gründen der Sicherheit zu unterlassen
seien. Gerade in diesem Moment tritt eine Person unter der Choreo-Fahne hervor
– komplett vermummt und eine Strumpfmaske über das Gesicht gestülpt. Klar
erkennbar sind indessen die Jeanshose, die Ecke des Smartphones in der Ho-
sentasche, die weissen Turnschuhe etc. Die vermummte Person begibt sich mit
zwei pyrotechnischen Gegenständen (Rauchkörper) in der Hand bis hinunter zur
Abschrankung des Sektors C6. An den Absperrgittern hängt ein Banner mit der
Aufschrift: „Dis Wort isch für en Arsch“. Aus einer anderen Kameraperspektive
ist erkennbar, wie sich die vermummte Person bückt und dadurch ihre Unterhose
mit der Aufschrift „Jack & Jones“ sowie die Ecke des Smartphones erkennbar
wird. Die vermummte Person wirft sodann den ersten (pyrotechnischen) Gegen-
stand (Rauchkörper) aufs Spielfeld. Unmittelbar danach zündet und wirft sie den
zweiten Gegenstand, wiederum ein Rauchkörper. Die vermummte Person, die
sich in dem Moment immer noch bei der Abschrankung befindet, hält nun einen
anderen (pyrotechnischen) Gegenstand in der Hand und zündet diesen. Sie wirft
diesen Gegenstand in Richtung Spielfeld, wobei wieder die Ecke des Smartpho-
nes sichtbar wird. Danach will sie sich sofort wieder unter die noch aufgezogene
Choreo-Fahne begeben. Dabei bemerkt sie offenbar, dass der geworfene (pyro-
technische) Gegenstand nicht detonierte, greift in ihre Jackentasche und nimmt
einen weiteren (pyrotechnischen) Gegenstand hervor. Kurz vor dem (mittlerweile
vierten) Wurf wendet sich die Stadionansagerin zum zweiten Mal an die Zu-
schauer und erneuert ihren Aufruf, jegliches Abbrennen von Feuerwerk aus
Gründen der Sicherheit zu unterlassen. Noch während laufender Durchsage wirft
die vermummte Person den (pyrotechnischen) Gegenstand in Richtung Spielfeld.
Diesmal ist ein deutlicher Knall zu vernehmen und ein Funkenwurf in Richtung
Sektor D1 ist auf der Aufnahme klar erkennbar. Die St. Galler Fans im Sektor C6
jubeln und klatschen. Eine andere Kameraperspektive zeigt zeitgleich die Reak-
tionen der Zuschauer im Sektor D1, wo sich auch der Privatkläger B. aufhält:
Einige Zuschauer erschrecken und erheben sich; einige verlassen den Sektor
D1. Kurz nach der Detonation des (pyrotechnischen) Gegenstands begibt sich
die vermummte Person unter die nach wie vor aufgezogene Choreo-Fahne.
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Diese wird nun eingezogen und der Beschuldigte ist (ohne Vermummung) unter
den St. Galler Fans erkennbar.
Die Auswertung hält die von der Polizei ermittelten Merkmale fest, aufgrund derer
der Beschuldigte identifiziert worden ist. Aufgrund seiner Kleidung – insbeson-
dere seiner weissen Turnschuhe (Marke „Reebock“), dem braunen Aufnäher auf
seiner Hosentasche, dem Schriftzug auf seiner Unterhose (Marke „Jack & Jo-
nes“), dem aus der Hosentasche herausragenden Mobiltelefon – konnte der Be-
schuldigte trotz Vermummung zweifelsfrei und eindeutig als Werfer der pyrotech-
nischen Gegenstände identifiziert werden. Der Kriminaltechnische Dienst (KTD)
des Kantons Luzern erstellte von der Kleidung des Beschuldigten eine Fotodo-
kumentation (pag. BA 10-01-76, BA-08-02-001 ff. [Festplatte WD Elements]).
Nebst den erwähnten Kleidern trug der Beschuldigte am 21. Februar 2016 ein
graues T-Shirt mit dem Aufdruck „PYRO SQUAD – No Pyro No Party“ und einen
schwarzen Pullover mit dem Logo „MBFC – Maribor Football Club, 1960“ (pag.
BA-08-02-003 [Festplatte WD Elements], Ordner Bilder KTD, Bild 12 und 46).
3.1.2 Aussagen von Zeugen und Auskunftspersonen
3.1.2.1 Der Privatkläger B. wurde am 22. Februar 2016 durch die Luzerner Polizei als
Auskunftsperson einvernommen (pag. BA 12-01-0001 ff.). Er sagte zusammen-
gefasst aus, sein Sohn sei ausgelost worden, um beim Fussballspiel mit einem
Spieler einzulaufen. Vom FC Luzern sei ihm als Begleitperson der Platz 107,
Reihe 6, Sektor D1, zur Verfügung gestellt worden. Der Sektor D1 befände sich
direkt neben dem Gästesektor. Er habe sich an seinem Sitzplatz befunden, als
Gästefans zwei schwarze Rauchkörper geworfen hätten und etwa ein bis zwei
Minuten später zwei Knallköper vor ihm detoniert seien. Er sei danach aus dem
Sektor gelaufen. Zum Tathergang könne er nur sagen, dass der Knallkörper von
einer Gruppe St. Galler Fans mit schwarzen Jacken, schwarzen Brillen und
schwarzen Kapuzen geworfen worden sei. Der Knallkörper sei 1 bis 1,5 Meter
von ihm entfernt detoniert. Die Funken habe es zu ihm herauf geworfen und seine
Jacke habe Brandlöcher davongetragen. Er sei beim Arzt gewesen. Er höre auf
dem linken Ohr nur noch 10%. Er müsse eine Woche lang Medikamente nehmen.
Bei der Einvernahme durch die Bundesanwaltschaft vom 25. Januar 2017 (pag.
BA 12-01-0008 ff.) bestätigte B. seine Aussagen. Er führte präzisierend aus, dass
er aufgrund des plötzlichen lauten Knalles nicht gewusst habe, ob es sich um
einen Terroranschlag handle. Er habe nur noch aus dem Sektor gewollt.
Schliesslich sei er seinen Sohn abholen gegangen. Alles im Ohr habe gepfiffen.
Er habe gedacht, dies gehe nicht mehr weg. Er habe einen Druck im Ohr gehabt
und immer wieder versucht, einen Druckausgleich zu machen. Auch zu Hause
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sei es nicht besser geworden. Am darauffolgenden Tag sei er zum Hausarzt,
Dr. G., gegangen und habe Medikamente erhalten. Als es nicht besser geworden
sei, habe ihn Dr. G. zum Spezialisten Dr. H. geschickt. Er habe mittlerweile fünf
Operationen gehabt. Sie seien schmerzhaft gewesen. Danach habe er jeweils
zwei Stunden liegen müssen. Da die Behandlungen keinen Erfolg gebracht hät-
ten, müsse er nun Hörgeräte testen. Zur Detonation führte er aus, dass der Knall
sehr laut gewesen sei. Er habe nach dem Knall einen grossen Druck im ganzen
Kopf und ein Pfeifen im Ohr wahrgenommen. Diesen Knall habe er auch nachher
noch im Ohr gehört. Auf Vorhalt, dass er gemäss Fotodokumentation der Luzer-
ner Polizei (pag. BA 10-01-0042) 20,3 Meter von der Detonation entfernt gewe-
sen sei, konnte er keine Erklärung abgeben. Er bekräftigte seine frühere Aus-
sage, wonach er sich sehr nahe, 1 bis 1,5 Meter, bei der Detonation befunden
habe. Er führte weiter aus, er habe vor dem Vorfall immer gut gehört und nie
Probleme mit dem Gehör gehabt. Heute hingegen sei es lästig. Die Operationen
hätten nach seiner Einschätzung zwar eine Besserung gebracht, aber es sei nicht
mehr so gut wie vorher. Er höre nicht alles, wenn sich im Restaurant viele Leute
befänden; dann müsse er den Raum verlassen. Es rausche alles in seinem Kopf.
Er könne nicht mehr an Anlässe mit vielen Personen, wie die Fasnacht, gehen,
selbst wenn er sich Watte ins Ohr stopfe. Er sei kein Wehleidiger.
B. bestätigte auf Vorhalt eines grauen Pullovers mit FC Luzern-Beschriftung, der
Brandlöcher aufweist, dass es sich um den Pullover handle, den er am 22. Feb-
ruar 2016 der Luzerner Polizei übergeben habe (pag. BA 12-01-0015).
Anlässlich der Hauptverhandlung bestätigte B. als Auskunftsperson im Wesent-
lichen seine Aussagen zur Detonation des Knallkörpers. Er führte in Bezug auf
seine gesundheitliche Situation und Hörfähigkeit aus, dass er mit dem Gehör
Schwierigkeiten habe und nicht so gut höre. Er habe seit der letzten Einvernahme
keine Behandlung (Operation) mehr gehabt. Er teste seit sechs Wochen Hörge-
räte. Mit dem Hörgerät sei es etwas besser geworden. Er müsse den Leuten auf
den Mund schauen, damit er sie besser verstehe. Er habe vom Knall her manch-
mal tagsüber einen grossen Druck im Kopf; er meine dann, dass der Kopf explo-
diere. Er müsse dann Schmerztabletten nehmen und sich hinlegen. In der Nacht
könne er nicht gut schlafen, er wache auf und denke wieder an den Vorfall. Es
sei psychisch belastend. Er habe auch einen Tinnitus, ein dauerndes Pfeifen im
Ohr. Nachts, wenn es rundherum still sei, sei es am schlimmsten. Bei der Arbeit
sei es manchmal unangenehm; wenn viele Leute im Gastbetrieb seien, sei es
nicht zum Aushalten, man meine dann, man habe tausend Leute um sich herum.
Er müsse dann für eine Weile aus der Gaststube gehen. Weil er aber trotzdem
arbeiten müsse, gehe er dann wieder in die Gaststube (TPF pag. 3.932.2 ff.).
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3.1.2.2 Die Bundeskriminalpolizei befragte am 27. September 2016 sechs Stadionbesu-
cher, welche sich im gleichen Sektor wie B. (Sektor D1) aufgehalten hatten, als
Auskunftspersonen (pag. BA 12-03-0003 ff.; 12-04-0003 ff.; 12-05-0003 ff.; 12-
06-0003 ff.; 12-07-0003 ff.; 12-08-0003 ff.). Die Auskunftspersonen machten im
Wesentlichen übereinstimmende Aussagen. Sie erklärten, es habe einen sehr
lauten Knall gegeben. Sie seien erschrocken, jedoch nicht verletzt worden. Eine
Auskunftsperson führte ausserdem aus, sie habe „eine richtige Angstattacke“ er-
litten, und ihre Ohren hätten etwa drei Tage lang gepfiffen (pag. BA 12-05-0005).
3.1.2.3 Die Bundeskriminalpolizei befragte ebenfalls am 27. September 2016 den Ste-
wart (gekennzeichnet mit der Gilet-Nr. „1“), welcher die beiden Rauchkörper und
den Blindgänger mittels Zange und Eimer auf dem Spielfeld eingesammelt hatte,
als Auskunftsperson (pag. BA 12-02-0003 ff.). Dieser sagte aus, dass er den
Rauch der beiden Rauchkörper eingeatmet und deshalb gehustet habe. Wäh-
rend des Einsammelns der Rauchkörper habe es wieder geknallt. Der Knall sei
ihm wie eine Bombe vorgekommen. Es sei trotz den von ihm getragenen Ohren-
schützern sehr laut gewesen. Verletzungen habe er aber keine davongetragen.
3.1.2.4 I., die Ehefrau des Privatklägers B., wurde am 25. Januar 2017 durch die Bun-
desanwaltschaft als Zeugin befragt (pag. BA 12-09-0003 ff.). Sie erklärte, sie sei
in einem anderen Sektor gesessen als ihr Ehemann, hinter dem Tor und weiter
weg vom Spielfeld. Ihr Ehemann sei direkt neben dem Gästesektor gesessen.
Nach dem Knall sei er zu ihr gekommen und habe gesagt, dass der Knall direkt
neben ihm gewesen sei, dass er fast nichts mehr höre und seine Ohren pfeifen
würden. Er habe immer noch Probleme beim Hören und man merke, auf welcher
Seite er fast nichts höre. Vor dem Vorfall habe ihr Mann nie Probleme mit dem
Gehör gehabt. Er beklage sich manchmal, dass es zu laut sei im Raum, wenn
mehrere Personen sprechen, und er dann den Raum verlassen müsse. I. bestä-
tigte auf Vorhalt eines grauen Pullovers mit FC Luzern-Beschriftung, der Brand-
löcher aufweist, dass es sich um den Pullover handle, den ihr Ehemann am
21. Februar 2016 getragen und danach zur Luzerner Polizei gebracht habe. Der
Pullover sei vorher nicht beschädigt gewesen.
3.1.3 Aussagen des Beschuldigten
3.1.3.1 Der Beschuldigte wurde am 7. März 2016 im Rahmen der vorläufigen Festnahme
in delegierter Einvernahme durch die Luzerner Polizei befragt (pag. BA 13-01-
0004 ff.). Er verzichtete auf den Beizug eines Verteidigers und erklärte sich be-
reit, ohne Anwesenheit einer Verteidigung auszusagen (pag. BA 13-01-0005).
- 16 -
Der Beschuldigte erklärte, er sei am 21. Februar 2016, um 16.00 Uhr, in Luzern
am Fussballspiel Luzern gegen St. Gallen gewesen. Er sei mit dem Extrazug
angereist und mit dem Bus zum Stadion chauffiert worden. Die Stimmung sei
gemütlich und das Verhältnis zwischen den Fanlagern des FC St. Gallen und des
FC Luzern sei „easy“ gewesen. Von der Anfahrt bis zum Stadion habe er keinen
Alkohol konsumiert. Er habe weisse „Reebock“-Turnschuhe, blaue Jeans der
Marke „Carhart“, einen schwarzen Kapuzenpullover mit der violetten Aufschrift
„MBFC“ (= Maribor Fussball-Club), eine Unterhose der Marke „Jack & Jones“ und
einen schwarzen Gurt getragen. Eine schwarze Jacke mit grünen und weissen
Streifen habe er von einem Kollegen im Zug erhalten. Das Eintrittsbillett habe er
für Fr. 25.-- im Zug bei der Fanarbeit gekauft. Er besitze keine Saisonkarte in
St. Gallen und gehöre keiner Fangruppierung an. Er besuche seit etwa drei Jah-
ren Spiele des FC St. Gallen, jedoch nicht regelmässig (pag. BA 13-01-0006 ff.).
Nach anfänglichem Bestreiten einer Täterschaft (pag. BA 13-01-0009 Fragen 36
und 37) – erklärte der Beschuldigte, er habe im Stadion pyrotechnische Gegen-
stände in der Hand gehabt, zwei schwarze Rauchtöpfe und zwei Böller, wobei
sich ein Böller nicht entzündet habe. Er wisse nicht, wie diese Gegenstände ins
Stadion gelangt seien, jedenfalls nicht durch ihn, da er kontrolliert worden sei. Er
verweigere die Aussage dazu, wer ihm die Gegenstände im Stadion übergeben
habe (pag. BA 13-01-0009 Fragen 38 bis 41). Auf die Frage nach dem Tatablauf
erklärte er, er habe sich vermummt und sein Gesicht mit einer schwarzen Sturm-
haube maskiert. In der Szenenjacke habe es eine Kapuze mit integriertem Netz,
mit welchem man sich vermummen könne. Mit diesem habe er sein Gesicht ab-
gedeckt. Er sei unter die grosse Fahne gegangen, habe sich nach vorne an die
Absperrung begeben und die vier Gegenstände mit dem Feuerzeug gezündet.
Er sei danach wieder unter der Fahne abgetaucht und habe sich „entmummt“.
Die Kommandos habe ihm jemand aus der Szene gegeben. Die pyrotechnischen
Gegenstände habe er unmittelbar vor der Aktion erhalten. Der Gebrauch sei für
ihn selbsterklärend gewesen, diesen habe ihm niemand erklärt. Er habe zuerst
zwei Rauchkörper und danach zwei Knallkörper gezündet (pag. BA 13-01-0010).
Auf die Frage, wie diese pyrotechnischen Gegenstände gezündet würden, er-
klärte der Beschuldigte, es befinde sich eine Lunte an den Gegenständen, wel-
che die Detonation ca. zehn Sekunden hinauszögere. Sobald die Lunte zu bren-
nen beginne, könne man werfen. Alle vier Gegenstände seien mit einem Feuer-
zeug gezündet worden; ein Knallkörper habe sich jedoch nicht entzündet. Zuerst
habe er die beiden Rauchkörper gezündet; diese hätten einwandfrei funktioniert.
Dann habe er einen Böller (Knallkörper) gezündet. Die Lunte habe gebrannt. Er
habe den Böller geworfen, aber dieser sei nicht detoniert. Deshalb habe er sich
entschlossen, den zweiten Böller ebenfalls zu zünden. Er habe ihn geworfen;
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dieser sei dann detoniert. Wo und wann er detoniert sei, wisse er nicht. Er habe
ihn in dieselbe Richtung geworfen wie die Knallkörper (pag. BA 13-01-0015). Er
habe die zwei Rauchkörper auf das Spielfeld in den Sechzehner (Strafraum) des
FC Luzern und die Knallkörper auch nach vorne aufs Spielfeld geworfen. Er habe
definitiv niemanden verletzen wollen (pag. BA 13-01-0011). Bei seinem Wurf hät-
ten sich der Torhüter des FC Luzern und der rechte Verteidiger in unmittelbarer
Nähe befunden. Es seien insgesamt ca. vier Spieler gewesen, aber alle ca. 10-
15 Meter von der Detonation entfernt. Ihm sei bewusst gewesen, dass er mit dem
Wurf Spieler gefährde, und deshalb habe er eigentlich geschaut, dass nicht zu
viele Spieler in der Nähe gewesen seien (pag. BA 13-01-0015). Auf Vorhalt, dass
aufgrund des Vorfalls eine Person an den Ohren verletzt worden sei, sagte der
Beschuldigte, dies sei tragisch und nicht gewollt. Es tue ihm „mega leid“. Er sei
selber erschrocken, dass der Böller so laut gewesen sei (pag. BA 13-01-0011).
Angesprochen auf das Motiv erklärte der Beschuldigte, dass ihn jemand aus der
Szene motiviert habe, diese Gegenstände zu zünden. Aus „Verrücktheit“ über
Herrn F., den ehemaligen Sicherheitschef des FC Luzern, habe er die Gegen-
stände gezündet. Denn beim letzten Spiel in Luzern – bei welchem er selber nicht
dabei gewesen sei – hätten (St. Galler) Fans das Transparent „Fussball macht
frei“ aufgehängt. Die Fans seien aufgefordert worden, den Schriftzug zu entfer-
nen, was diese auch gemacht hätten. Der Sicherheitschef habe im Gegenzug
versprochen, keine Stadionverbote auszusprechen. Dies sei dann trotzdem ge-
schehen, weshalb die St. Galler Fans verärgert gewesen seien. Der Beschuldigte
erklärte, „wir“ hätten am Spiel in Luzern mit einer Choreo mit der Aufschrift „Dis
Wort esch för en Arsch“ reagiert, mit einem Bild, aus dessen „Arschloch“ es mit
einem Rauchkörper geraucht habe (pag. BA 13-01-0009). Er habe die Rauch-
und Knallkörper gezündet, weil er an diesem Tag sehr schlechte Laune gehabt
habe. Es sei ein Tag zum Vergessen gewesen, er habe diverse Probleme ge-
habt. Daher sei er wohl die richtige Person dafür gewesen (pag. BA 13-01-0010).
Zu den bei ihm zu Hause im Schlafzimmer sichergestellten pyrotechnischen Ge-
genständen von ca. 100 kg gab der Beschuldigte zu Protokoll, dass er „diese für
die Feiertage vom 1. August und 31. Dezember brauche“ (pag. BA 13-01-0013).
Auf Vorhalt, dass am 7. März (Tag der Einvernahme) keiner dieser Tage bevor-
stehe, erklärte der Beschuldigte, er habe immer ein solches Lager bei sich zu
Hause, da er jeweils an diesen Feiertagen sehr grosse Feuerwerke abbrenne.
Der Gesamtwert der gelagerten pyrotechnischen Gegenstände betrage ca.
Fr. 1‘000.-- (pag. BA 13-01-0014). Der Beschuldigte machte keine Angaben
dazu, wo er die Ware bezogen habe. Er nenne seinen Lieferanten nicht, weil ein
Teil der Artikel illegal sei und er niemanden belasten wolle (pag. BA 13-01-0014).
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3.1.3.2 Am 28. September 2016 wurde der Beschuldigte in Anwesenheit seiner Verteidi-
gerin durch die Bundeskriminalpolizei in delegierter Einvernahme befragt. Er er-
klärte auf den Vorhalt, er habe am 7. März 2016 gegenüber der Luzerner Polizei
umfangreiche Aussagen gemacht und eingestanden, pyrotechnische Gegen-
stände auf das Spielfeld geworfen zu haben, dass er weiterhin zu seinen Aussa-
gen stehe (pag. BA 13-01-0021). In Bezug auf das bei ihm zu Hause sicherge-
stellte pyrotechnische Material verweigerte er die Aussage und verwies darauf,
dass er dazu schon bei der Luzerner Polizei eine Aussage gemacht habe (pag.
13-01-0022 ff.). Die Fragen, ob er im Besitz eines Erwerbsscheines oder einer
Abbrandbewilligung für den Erwerb der Feuerwerkskategorie F4 sei und ob er
eine Verwendungsberechtigung habe, verneinte er (pag. BA 13-01-0024 Z. 2-6).
3.1.3.3 In der Schlusseinvernahme durch die Bundesanwaltschaft vom 25. Januar 2017
verweigerte der Beschuldigte die Aussage (pag. 13-01-0031 ff.).
3.1.3.4 In der Hauptverhandlung verweigerte der Beschuldigte die Aussage zur Anklage
und zur Sache (TPF pag. 3.931.4 f.). Im Rahmen des Parteivortrags der Vertei-
digung anerkannte er, am 21. Februar 2016 „zwei Rauchtöpfe und zwei Böller“
auf das Spielfeld geworfen zu haben. Er anerkannte weiter, dass anlässlich der
Hausdurchsuchung in seinem Zimmer eine stattliche Menge pyrotechnischer Ge-
genstände beschlagnahmt worden war. Diesen Sachverhalt habe er „seit seiner
ersten Einvernahme“ anerkannt; er bestreite dies nicht. Streitig sei aber, ob bzw.
wie er sich mit diesen Handlungen strafbar gemacht habe (TPF pag. 3.925.21 f.).
3.1.4 Aufgrund des polizeilich ausgewerteten Bild-/Tonmaterials und der Aussagen
des Beschuldigten sind sowohl der Tathergang als auch die Täterschaft des Be-
schuldigten und damit der in der Anklageschrift dargestellte äussere Ablauf der
Geschehnisse vom 21. Februar 2016 in der Swissporarena in Luzern erstellt.
3.2 Zu den vom Beschuldigten geworfenen Gegenständen und den von diesen aus-
gehenden Gefahren erstellte der Wissenschaftliche Forschungsdienst der Stadt-
polizei Zürich (WFD) aufgrund eines Fragenkatalogs der Bundesanwaltschaft am
20. Juli 2016 einen schriftlichen Bericht (pag. BA 11-01-0012 ff.; Bericht WFD).
3.2.1 Gemäss Bericht WFD handelt es sich bei den ersten zwei geworfenen pyrotech-
nischen Gegenständen um Rauchkörper der Marke „Ultra Rauchtopf Schwarz“
(Label: Blackboxx Fireworks; NEM [Nettoexplosivstoffmasse]: ca. 103 g; pag. BA
11-01-0013). Dieser Rauchkörper untersteht laut WFD der Kategorie T1. Er hat
eine Brenndauer von etwa 80 Sekunden und erzeugt einen dichten, schwarzen
Rauch. Der Rauchkörper enthält pyrotechnische Sätze, welche, einmal in Brand
- 19 -
gesetzt, unabhängig von Sauerstoff aus der Umgebungsluft, mit hohen Tempe-
raturen abbrennen. Es sind Brandverletzungen möglich. Laut Herstelleretikette
muss mindestens ein Meter Sicherheitsabstand zu Personen und leicht entzünd-
lichem Material eingehalten werden. Die Rauchsätze weisen toxische Eigen-
schaften auf. Die beim Abbrand entstehenden Gase und Rauchpartikel können
zu Reizungen der Schleimhäute und Atemwege führen. Auf der Etikette des Ultra
Rauchtopfs ist vermerkt, dass der Rauch beim Einatmen gesundheitsschädlich
sei (pag. BA-11-01-0014). Laut WFD geht keine Gefahr durch Splitter aus, da die
Rauchkörper abbrennen und sich nicht explosiv umsetzen. Die dabei entstehen-
den Funken fliegen kaum weiter als ein bis zwei Meter (pag. BA-11-01-0015).
3.2.2 Beim dritten (Blindgänger) und vierten geworfenen Gegenstand handelt es sich
gemäss Bericht WFD je um einen „Kreiselblitz mit Silberperlenschweif“ (Label:
Zink-Feuerwerk GmbH; NEM: ca. 18 g, davon ca. 10 g Blitzknallsatz; pag. BA 11-
01-0013). Gemäss Hersteller würden bei bestimmungsgemässer Verwendung
Kreiselblitze mittels 8 g Schwarzpulver als Ausstossladung aus einem Mörser
(Abschussvorrichtung) geschossen. Beim Aufstieg – nach dem Abschuss aus
dem Mörser – brenne der „Silberperlenschweif“ ab, anschliessend erfolge ein
Blitzknall mit Funken. Der auf der Verpackung angegebene Sicherheitsabstand
betrage mindestens 55 Meter. Bei diesem pyrotechnischen Gegenstand handelt
es sich laut Bericht WFD um einen Feuerwerkskörper der Kategorie F4. Diese
Feuerwerkskörper dürfen nicht in den offenen Verkauf gebracht werden. Seit
2014 besteht eine Buchführungspflicht. Wer als Verbraucher pyrotechnische Ge-
genstände der Kategorie F4 beziehen will, muss über einen Erwerbsschein bzw.
eine Abbrandbewilligung verfügen. Da der zur bestimmungsgemässen Verwen-
dung notwendige Mörser selber geladen werden muss – der Kreiselblitz also
nicht fertig verbaut ist –, benötigt man als Nachweis der Fachkenntnisse einen
Ausweis für die Verwendung pyrotechnischer Gegenstände, Verwendergruppe
Feuerwerk B (FWB). Der im Produkt enthaltene Blitzknallsatz ist ein energierei-
ches pyrotechnisches System mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit. Dementspre-
chend gross sind Explosionsdruck und Knalleffekt (pag. BA-11-01-0014). Zur
Frage einer Gefährdung für Personen und fremde Sachen führt der Bericht WFD
aus, der zylindrische Körper der Kreiselblitze bestehe aus Karton; eine Gefähr-
dung durch Splitter liege daher höchstens für Personen vor, die sich in unmittel-
barer Nähe befinden. Die bei der Explosion entstehenden Funken seien gerichtet
zur Tribüne D1 geflogen. Aufgrund der Beschädigung der Jacke eines Zuschau-
ers, der gemäss verifizierten Angaben in 20,3 Metern Entfernung zum explodie-
renden pyrotechnischen Gegenstand gesessen habe, sei abzuleiten, dass min-
destens in diesem Radius eine Gefährdung durch Funken (Brandverletzungen,
Materialschäden) bestanden habe. Dies korrespondiere überdies mit dem vom
Hersteller angegebenen Sicherheitsabstand von 55 m (pag. BA-11-01-0014 f.).
- 20 -
3.2.3 Der Bericht WFD hält anhand des zur Verfügung gestellten Bildmaterials fest,
dass die pyrotechnischen Gegenstände nicht bestimmungsgemäss eingesetzt
worden seien. Schäden an der menschlichen Gesundheit könnten daher nicht
ausgeschlossen werden. Mögliche Verletzungen seien stark abhängig von der
Distanz zum Abbrandort des pyrotechnischen Gegenstands. Besonders schwere
Verletzungen seien bei einer Umsetzung direkt am menschlichen Körper zu er-
warten. Für detaillierte Angaben zur Toxizität einzelner freigesetzter Stoffe und
Gase oder zu den Auswirkungen des Schalldrucks auf den menschlichen Körper
seien indes weiterführende Untersuchungen notwendig (pag. BA-11-01-0014 f.).
3.3 Ärztliche Berichte und Gutachten zur Frage der Gehörsschädigung von B.
3.3.1 Die Bundesanwaltschaft ernannte am 17. Oktober 2016 Dr. sc. techn. ETH J.,
Leiter Bereich Physik bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(SUVA), zum Sachverständigen nach Art. 184 StPO (pag. BA-11-03-0001 ff.). In
seinem akustischen Gutachten vom 28. Oktober 2016 (nachfolgend: Gutachten
SUVA; pag. BA 11-03-0009 ff.) führt Dr. J. Folgendes aus: Der Sprengkörper
„Kreiselblitz mit Silberperlenschweif“ habe einen Schallpegel von 119 dB(AI) @
50 m (bei einer Distanz zur Schallquelle von 50 Metern). Bei einem wie hier vor-
liegenden Einzelknall von weniger als 10 Millisekunden Dauer entspreche der
Schallpegel von 119 dB(AI) einem LAE von 104.4 dB. B. habe sich 20.30 Meter
von der Schallquelle entfernt aufgehalten. Aus dieser gegenüber der Herstel-
lermessung verkürzten Distanz ergebe sich am Ohr von B. ein erhöhter Schall-
expositionspegel von LAE von 112.2 dB mit einer Unsicherheit von etwa +/- 4 dB.
Bei einer einmaligen Schallbelastung von LE 112 dB(A) sei normalerweise keine
bleibende Gehörschädigung – und schon gar nicht in diesem Ausmass – zu er-
warten, da diese Belastung noch deutlich (um 8 dB) unter dem Präventionsgrenz-
wert der Suva von LE von 120 dB liege. Das Gutachten geht von einer Wahr-
scheinlichkeit einer bleibenden Schädigung von unter 1% nach einer Gehörbe-
lastung mit einem Schallexpositionspegel LAE von 112 dB aus. Trotzdem könne
nicht ausgeschlossen werden, dass B. Hörschädigung durch die Detonation aus-
gelöst worden sei: Dann nämlich, wenn eine individuelle temporäre oder dau-
ernde Schwächung oder Schädigung des Innenohres zu erhöhter Anfälligkeit ge-
genüber solchen Belastungen geführt habe.
3.3.2 Dr. med. G., Hausarzt von B., beantwortete am 6. Juli 2016 Fragen der Bundes-
anwaltschaft zu B. Hörfähigkeit (pag. BA 11-02-0003). B. habe vor dem schädi-
genden Ereignis nie Probleme mit dem Gehör gehabt. Dem Audiogramm vom
22. Februar 2016 sei zu entnehmen, dass das linke Ohr erst bei einer Frequenz
von 80 Dezibel und mehr reagiere. Im rechten Ohr sei das Hörvermögen zwar
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deutlich besser, jedoch auch – vor allem ab 1‘000 Hertz – abgeschwächt. Im Au-
diogramm vom 29. Februar 2016, nach einer Woche hochdosierter Cortison-
gabe, habe sich das linke Ohr wenig erholt und das rechte Ohr noch weiter ver-
schlechtert. Er habe deshalb B. direkt an den Spezialisten Dr. med. H. weiterver-
wiesen.
3.3.3 Die Bundesanwaltschaft ernannte am 28. November 2016 Dr. med. H. (nachfol-
gend: Dr. H.) zum Sachverständigen nach Art. 184 StPO (pag. BA-11-05-0001
ff.). Dr. H. führt im Gutachten vom 11. Januar 2017 (pag. BA 11-05-0009 ff.),
aufgrund von Zusatzfragen der Bundesanwaltschaft ergänzt am 13. Februar
2017 (pag. BA 11-05-0016), aus, gemäss Tonaudiogramm vom 2. März 2016
liege bei B. am rechten Ohr ein Hörverlust von 27% vor. Am linken Ohr habe er
eine mittel- bis schwergradige Schallempfindungsschwerhörigkeit pantonal mit
einer Hörminderung von 81%. Bei der Verlaufskontrolle vom 27. April 2016 habe
sich keine Verbesserung gezeigt. Der Knall des detonierten Sprengkörpers habe
aus medizinischer Sicht zu einer bleibenden Ohrschädigung bei B. geführt. Es
handle sich am ehesten um einen akustischen Unfall mit einem akuten Hörverlust
auf einem Ohr, welcher bei Lärmeinwirkung einer mittleren Intensität (90–120 dB)
auftrete und bei B. zu einem irreversiblen Schaden im Innenohrbereich auf der
linken Seite geführt habe.
3.3.4 Das vom Gericht beim HNO-Spezialisten PD Dr. med. D. eingeholte medizinische
Gutachten vom 21. Juni 2017 (nachfolgend: Gutachten Dr. D.; TPF pag. 3.291.11
ff.) – das auf einer spezialärztlichen Untersuchung mit Reintonaudiogramm vom
21. Juni 2017 beruht – hält Folgendes fest: Auf dem rechten Ohr habe B. eine
beginnende Altersschwerhörigkeit (Tonhörverlust von 18%), welche sich subjek-
tiv jedoch nicht störend auswirke. Auf dem linken Ohr liege eine hochgradige
Schwerhörigkeit mit einem prozentualen Tonhörverlust von 85% bei pancochle-
ärer Innenohrschwerhörigkeit zwischen 65 und 95 dB mit Ertaubung in den Fre-
quenzen über 4 kHz vor. Bezüglich der Art der linksseitigen Gehörsschädigung
lasse sowohl der Kurvenverlauf im Audiogramm wie auch die anamnestische An-
gabe von Unbehaglichkeit und verzerrtem Hören bereits bei Tönen mässiger
Lautstärke neben dem Verlust an inneren Haarzellen auf eine Zerstörung von
äusseren Haarzellen des Innenohrs schliessen. Es sei von einer dauernden Ge-
hörsschädigung auszugehen, da eine Regeneration von Haarzellen bei derarti-
ger Schädigung nicht zu erwarten sei. Die Gehörsschädigung auf dem linken Ohr
(nicht jedoch die rechtseitige Altersschwerhörigkeit) sei durch die Detonation des
Knallkörpers verursacht worden. Es sei von einem Knalltrauma auszugehen. Es
sei höchstwahrscheinlich eine vorbestehende, beginnende Altersschwerhörigkeit
auf beiden Ohren vorhanden gewesen, die aber subjektiv nicht wahrgenommen
worden sei. Diese Altersschwerhörigkeit werde über die Jahre noch zunehmen.
- 22 -
Die zusätzliche Minderung des Gehörs in den hohen Frequenzen beidseitig sei
der wohl bereits vorgängig vorhandenen beginnenden Altersschwerhörigkeit ge-
schuldet. Gemäss retrospektiver Schätzung sei der Hörverlust auf dem linken
Ohr zu 18% auf die Altersschwerhörigkeit und der zusätzliche Hörverlust von
67% auf insgesamt 85% auf das schädigende Ereignis zurückzuführen. Ferner
bestehe auf der linken Seite ein Tinnitus. Dieser sei für B. insbesondere nachts
sehr störend, jedoch kompensiert, d.h. er sei in seinen täglichen Verrichtungen
durch den Tinnitus zwar gestört, aber nicht völlig beeinträchtigt. B. habe seine
Hörfähigkeit gegenüber dem Gutachter wie folgt beschrieben: Die Gehörsschä-
digung sei bezüglich seiner Tätigkeit als Landwirt meist erträglich, ausser wenn
ein lauter Motor laufe, dann sei es aufgrund des Hördrucks und der damit einher-
gehenden Lärmempfindlichkeit unangenehm. Bei seiner Arbeit als Wirt habe er
insbesondere im Störlärm (Musik in der Gaststube oder lauten Gesprächsrun-
den) erhebliche Probleme und müsse den Raum verlassen. Im Alltag sei er von
lauten Geräuschen geplagt und habe bei Störlärm starke Verständigungsschwie-
rigkeiten, weshalb er angefangen habe, von den Lippen abzulesen. Der Gutach-
ter beschreibt B. als hochmotivierten Patienten, welcher versuche, seine Situa-
tion aktiv zu verbessern, aber aufgrund der ausbleibenden Besserungen ob sei-
ner Schädigung verzweifelt sei.
Dr. D. bestätigt sodann die Schlussfolgerungen im Gutachten Dr. H., wonach die
Gehörsschädigung von B. auf die Detonation zurückzuführen und irreversibel sei,
insgesamt für schlüssig und richtig (Gutachten S. 6). Zum Gutachten der SUVA
äussert sich Dr. D. wie folgt: Die auf statistischen Einschätzungen beruhende
Aussage, wonach eine Hörstörung bei einem Knalltrauma dieser Art nicht zu er-
warten sei bzw. nur dann, wenn das Ohr klar (temporär oder permanent) vorge-
schädigt sei, lasse die Berücksichtigung der individuellen Empfindlichkeit des
Menschen ausser Acht. Eine statistische Auswertung bilde in der Medizin den
Fall des individuellen Patienten niemals exakt ab. So seien aus der militärärztli-
chen Praxis Fälle individuell unterschiedlich ausgeprägter Gehörsverluste bei
Schiessunfällen mit mehreren jungen Beteiligten bekannt. Als Erklärung sei es
beispielsweise möglich, dass eine temporäre erregerbedingte, jedoch subklini-
sche (d.h. nicht bemerkbare) Schädigung des Innenohrs bei zusätzlichem Lärm-
trauma zu einem Hörverlust kumuliere. Zudem könnten bei älteren Erwachsenen
die meisten Ohren zumindest im Hochtonfrequenzbereich als vorgeschädigt be-
trachtet werden, wie auch bei B. eine solche Altersschwerhörigkeit im Hochton-
bereich erkennbar sei (Gutachten S. 5).
- 23 -
3.4 Beschädigte Gegenstände
Der Beschuldigte anerkannte in der Hauptverhandlung im Rahmen des Partei-
vortrags der Verteidigung, für den Schaden am Spielfeldrasen, verursacht durch
das Werfen von zwei Rauchkörpern, verantwortlich zu sein (TPF pag. 3.925.43).
Er bestritt hingegen, dass der Funkenregen des zweiten Sprengkörpers die Fan-
Jacke des Privatklägers B. beschädigt haben soll (TPF pag. 3.925.43 f.). Darauf
ist beim Anklagevorwurf der Sachbeschädigung näher einzugehen (E. 6).
4. Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Ab-
sicht (Art. 224 Abs. 1 StGB)
4.1 Nach Art. 224 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer vorsätzlich und in verbreche-
rischer Absicht durch Sprengstoffe oder giftige Gase Leib und Leben von Men-
schen oder fremdes Eigentum in Gefahr bringt.
4.1.1 Der Sprengstoffbegriff gemäss Art. 224 Abs. 1 StGB deckt sich im Wesentlichen
mit dem Begriff im Bundesgesetz über explosionsgefährliche Stoffe vom
25. März 1977 (Sprengstoffgesetz, SprstG; SR 941.41). Als Sprengstoffe gelten
gemäss Art. 5 Abs. 1 SprstG "einheitliche chemische Verbindungen oder Gemi-
sche solcher Verbindungen, die durch Zündung, mechanische Einwirkung oder
auf andere Weise zur Explosion gebracht werden können und die wegen ihrer
zerstörenden Kraft, sei es in freier oder verdämmter Ladung, schon in verhältnis-
mässig geringer Menge gefährlich sind". Darunter fallen Stoffe gemäss Art. 2 der
Verordnung über explosionsgefährliche Stoffe vom 27. November 2000 (Spreng-
stoffverordnung, SprstV; SR 941.411). Nicht unter den Sprengstoffbegriff fallen
Molotow-Cocktails (Brandwurfkörper) und Stoffe nach Art. 5 Abs. 2 lit. a SprstG
(explosionsfähige Gase, Dämpfe von flüssigen Brennstoffen sowie andere Stoffe,
die erst nach einer Vermischung mit Luft explodieren), lit. b (bei der Herstellung
chemischer Produkte verwendete Hilfsstoffe oder entstehende Zwischenerzeug-
nisse, die explosionsgefährlich sind, aber diese Eigenschaft vor Abschluss des
Produktionsverfahrens verlieren) und lit. c (explosionsfähige Erzeugnisse und
Präparate, die nicht zu Sprengzwecken hergestellt und in den Handel gebracht
werden). Die Definition in Art. 5 Abs. 1 SprstG gilt auch für die Art. 224–226 StGB,
wobei das Merkmal der zerstörerischen Kraft entscheidend ist (BGE 104 IV 232
E. Ia; 103 IV 241 E. I.1; Entscheid des Bundesstrafgerichts SK.2015.28 vom
7. April 2016, E. 4.1; TRECHSEL/FINGERHUTH, Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, Art. 224 StGB N. 2; ROELLI/
FLEISCHANDERL, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 224 StGB N. 4).
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Feuerwerkskörper und andere gebrauchsfertige Erzeugnisse mit einem Explosiv-
oder Zündsatz, die nicht zum Sprengen bestimmt sind, gelten als pyrotechnische
Gegenstände (Art. 7 SprstG). Sie fallen nicht unter den Sprengstoffbegriff von
Art. 5 SprstG. Pyrotechnische Gegenstände sind daher grundsätzlich nicht als
Sprengstoff im Sinne von Art. 224 Abs. 1 StGB zu qualifizieren. Ausgenommen
sind Erzeugnisse, die besonders grosse Zerstörungen bewirken oder zum Zwe-
cke der Zerstörung verwendet werden (BGE 104 IV 232 E. 1a; Urteil des Bun-
desgerichts 6B_299/2012 vom 20. September 2012 E. 2.2; Entscheid des Bun-
desstrafgerichts SK.2015.28 vom 7. April 2016 E. 4.2).
Für die im Tatbestand genannten „giftigen Gase“ lässt das StGB eine Definition
oder eine nähere Abgrenzung vermissen. Gemäss einem Teil der Lehre muss
infolgedessen jeder gasförmige Stoff genügen, der in seiner konkreten Menge
geeignet ist, eine Leib oder Leben gefährdende Vergiftung hervorzurufen (STRA-
TENWERTH/BOMMER, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil II: Straftaten
gegen Gemeininteressen, 7. Aufl., Bern 2013, § 29 N. 15; ROELLI/FLEISCHAN-
DERL, a.a.O., Art. 224 StGB N. 5). TRECHSEL/FINGERHUTH plädieren hingegen für
eine Beschränkung auf eigentliche Giftgase, wie sie als Kampfgas Verwendung
finden (a.a.O., Art. 224 StGB N. 3). Jedoch kann auch ein Gas, welches der in-
dustriellen Nutzung dient, zumindest dann ein giftiges Gas gemäss Art. 224 StGB
darstellen, wenn es durch seine Verwendungsweise oder Beschaffenheit ein
ähnliches Risiko wie ein Kampfgas darstellt (DUPUIS et. al., Petit Commentaire,
Code pénal, Basel 2012, Art. 224 StGB N. 10).
4.1.2 Art. 224 StGB setzt voraus, dass der Täter durch Sprengstoffe oder giftige Gase
Leib und Leben von Menschen oder fremdes Eigentum in konkrete Gefahr bringt
(vgl. BGE 115 IV 111 E. 3b). Die Gefahr muss nicht einer Mehrzahl von Personen
oder Sachen von grosser Substanz gelten; es genügt die gezielte Gefährdung
eines bestimmten Menschen oder einer bestimmten fremden Sache (BGE 103
IV 241 E. I.1; 115 IV 113; CORBOZ, Les infractions en droit suisse, Volume II,
3. Aufl., Bern 2010, Art. 224 StGB N. 12). Deshalb erfüllt bereits der taugliche
Versuch eines Sprengstoffattentats den Tatbestand von Art. 224 StGB (RO-
ELLI/FLEISCHANDERL, a.a.O., Art. 224 StGB N. 7; Entscheid des Bundesstrafge-
richts SK.2015.28 vom 7. April 2016 E. 4.1).
4.2 Der subjektive Tatbestand erfordert zunächst Gefährdungsvorsatz. Dieser liegt
vor, sobald der Täter die Gefahr kennt und trotzdem handelt; nicht erforderlich ist
hingegen, dass der Täter die Verwirklichung der Gefahr, sei es auch nur eventu-
ell, gewollt hat (BGE 103 IV 241 E. I.1). Die verbrecherische Absicht bezieht sich
auf das Handlungsziel des Täters. Dieses muss in der Verwirklichung eines (an-
deren) Verbrechens oder – über den Wortlaut hinaus – Vergehens bestehen, wie
- 25 -
beispielsweise Delikte gegen Leib und Leben oder Sachbeschädigung; eine an-
gestrebte Übertretung reicht dagegen nicht aus (ROELLI/FLEISCHANDERL, a.a.O.,
Art. 224 StGB N. 9; TRECHSEL/FINGERHUTH, a.a.O., Art. 224 StGB N. 7). Gemäss
Bundesgericht (BGE 103 IV 241 E. I.1 m.H.a. BGE 80 IV 117 S. 121) genügt eine
entsprechende Eventualabsicht (wobei sich die Doktrin auf Grund des hohen Re-
gelstrafrahmens kritisch dazu äussert; vgl. DONATSCH/WOHLERS, Strafrecht IV,
Delikte gegen die Allgemeinheit, Zürich 2011, S. 50; STRATENWERTH/BOMMER,
a.a.O., § 29 N. 20; ROELLI/FLEISCHANDERL, a.a.O., Art. 224 StGB N. 9).
4.3 Subsumtion objektiver Tatbestand
4.3.1 Es ist zunächst zu prüfen, ob es sich bei den vier pyrotechnischen Gegenstän-
den, die der Beschuldigte auf das Spielfeld geworfen hat, um Sprengstoffe oder
giftige Gase im Sinne von Art. 224 Abs. 1 StGB handelt.
4.3.1.1 Rauchkörper
Wie dem Bericht WFD entnommen werden kann (E. 3.2.1), sind die ersten beiden
geworfenen Gegenstände Rauchkörper mit dem Markennamen „Ultra Rauchtopf
Schwarz“, welche in die Kategorie T1 der pyrotechnischen Gegenstände einge-
ordnet werden. Gemäss Anhang 1 Ziff. 1.1 der Sprengstoffverordnung handelt
es sich bei der Kategorie T1 um pyrotechnische Gegenstände zu gewerblichen
Zwecken, die für die Verwendung auf Bühnen im Innen- und Aussenbereich ein-
schliesslich der Verwendung bei Film- und Fernsehproduktionen oder ähnlichen
Verwendungen bestimmt sind und eine geringe Gefahr darstellen. Die beiden
Rauchkörper fallen somit unter pyrotechnische Gegenstände gemäss Art. 7
SprstG und werden nur dann unter den Sprengstoffbegriff nach Art. 224 Abs.1
StGB subsumiert, wenn sie eine grosse Zerstörung bewirken oder zum Zweck
der Zerstörung verwendet werden (E. 4.1.1). Pyrotechnische Gegenstände der
Kategorie T1 stellen schon gemäss gesetzlicher Definition nur eine geringe Ge-
fahr dar. Der Bericht WFD attestiert dem Rauchkörper „Ultra Rauchtopf Schwarz“
– ausser dem Risiko von Brandverletzungen – kein besonders hohes Gefähr-
dungspotenzial (E. 3.2.1). Auch sein Verwendungszweck im Rahmen von Büh-
nen-, Film- und Fotoproduktionen sowie bei Musik- und Showveranstaltungen
(pag. BA-11-01-0014) zeigt auf, dass kein hohes Gefährdungspotenzial besteht.
Die Rauchkörper entfalten mithin grundsätzlich keine grosse zerstörerische Kraft.
Es ist zwar denkbar, dass auch pyrotechnische Gegenstände der Kategorie T1
bei nicht sachgerechter Verwendung eine zerstörerische Kraft entwickeln kön-
nen. Dies kann vorliegend verneint werden. Die durch den Beschuldigten auf das
Spielfeld geworfenen Rauchkörper haben einen eher kleinen Schaden am Rasen
verursacht und brannten im Freien ab. Es kann demnach nicht gesagt werden,
- 26 -
dass sie eine besonders grosse Zerstörung hätten bewirken können. Die Rauch-
körper stellen damit nicht Sprengstoff im Sinne von Art. 224 Abs. 1 StGB dar.
Es bleibt zu prüfen, ob von einer zerstörerischen Verwendung der beiden Rauch-
körper auszugehen ist und deshalb eine Subsumtion unter Art. 224 StGB in
Frage kommt. Auf den Videoaufnahmen aus zwei Kameraperspektiven (pag. BA
11-04-0007) ist deutlich erkennbar, wie der Beschuldigte – trotz eingeschränkter
Sicht wegen der Bannerhöhe – aus dem Sektor C6 die beiden Rauchkörper in
Richtung Spielfeld wirft. Seine Vorgehensweise lässt einzig darauf schliessen,
dass er mit dem Wurf und mithin der unzulässigen Verwendung der beiden
Rauchkörper mindestens eine Beschädigung von fremdem Eigentum (Stadion-
rasen) ins Auge fasste. Eine solche Beschädigung erfolgte denn auch aufgrund
des Abbrennens der beiden Rauchkörper. Die beiden Rauchkörper entfalten je-
doch keine zerstörerische Sprengwirkung bzw. einen Explosionsdruck oder ei-
nen Knalleffekt, wie dies etwa bei der Sprengung eines Briefkastens mit „Kra-
chern“ der Fall ist (vgl. BGE 104 IV 234); ihre „zerstörerische“ Wirkung be-
schränkt sich auf ein Abbrennen, eine explosive Umsetzung ist nicht möglich
(pag. BA-11-01-0015). Die beiden Rauchkörper stellen daher auch unter dem
Aspekt ihrer konkreten Verwendung durch den Beschuldigten keinen Sprengstoff
im Sinne von Art. 224 Abs. 1 StGB dar.
Die Rauchsätze des Rauchkörpers „Ultra Rauchtopf Schwarz“ weisen laut Be-
richt WFD toxische Eigenschaften auf. Die beim Abbrand entstehenden Gase
und Rauchpartikel könnten zu Reizungen der Schleimhäute und Atemwege füh-
ren und der Rauch könne beim Einatmen gesundheitsschädlich sein. Der Bericht
weist darauf hin, dass für detaillierte Angaben zur Toxizität einzelner freigesetzter
Stoffe und Gase spezifische Abklärungen notwendig seien (pag. BA-11-01-0014
f.). Von solchen konnte indes abgesehen werden. Laut Herstelleretikette muss
bei Verwendung des Rauchkörpers ein Mindestabstand von 1 Meter zu Personen
und leicht entzündlichem Material eingehalten werden (pag. BA-11-01-0014). Die
beiden Rauchkörper brannten in wesentlich grösserem Abstand zu Personen auf
dem Spielfeld oder Zuschauern auf den Stadiontribünen ab, weshalb eine kon-
krete Gefährdung von Menschen schon aus diesem Grund ausgeschlossen wer-
den kann. Beim Stadionrasen handelt sich sodann nicht um leicht entzündliches
Material. Der Stewart mit der Gilet-Nr. 1 erklärte in der Einvernahme als Aus-
kunftsperson vom 27. September 2016 sodann, er habe beim Wegräumen der
Rauchkörper wegen dem eingeatmeten Rauch zwar stark husten müssen; er
klagte jedoch nicht über irgendwelche Folgebeschwerden (pag. BA-12-2-0005).
Im Übrigen kann die Art und Menge der freigesetzten Stoffe nicht geeignet sein,
eine Leib und Leben gefährdende Vergiftung hervorzurufen, da der Rauchkörper
ansonsten nicht der Kategorie T1 – mithin einem geringen Gefahrenpotenzial,
- 27 -
mit Verwendung auch in Innenräumen – zugeordnet worden wäre. Dies gilt umso
mehr, als die beiden Rauchkörper vorliegend im Freien gezündet wurden.
Damit steht fest, dass es sich bei den fraglichen Rauchkörpern weder um
Sprengstoffe noch um Gift- oder Kampfgase oder aufgrund der freigesetzten
Gase um andere „giftige Gase“ im Sinne von Art. 224 Abs. 1 StGB handelt.
4.3.1.2 Sprengkörper
Beim dritten (Blindgänger) und vierten durch den Beschuldigten geworfenen Ge-
genstand handelt es sich gemäss Bericht WFD um Sprengkörper mit dem Han-
delsnamen „Kreiselblitz mit Silberperlenschweif“. Dieser Sprengkörper ist ein py-
rotechnischer Gegenstand der Kategorie F4 (E. 3.2.2). In diese Kategorie fallen
Feuerwerkskörper, die eine grosse Gefahr darstellen, die nur für die Verwendung
durch Personen mit Fachkenntnissen vorgesehen sind (sogenannte „Feuer-
werkskörper im gewerblichen Gebrauch“) und deren Lärmpegel bei bestim-
mungsgemässer Verwendung die menschliche Gesundheit nicht gefährdet (An-
hang 1 Ziff. 2.4 SprstV). Wie auf den Videoaufnahmen (E. 3.1.1) zu sehen bzw.
zu hören ist, detonierte der Sprengkörper mit einem lauten Knall und warf Fun-
ken. Die Zuschauer erschraken und manche verliessen das Stadion. Selbst der
Beschuldigte erschrak ob der Lautstärke des Knalls (pag. BA-13-01-11). Stewart
mit Gilet Nr. 1 hatte gerade die Rauchtöpfe auf dem Spielfeld eingesammelt und
den Eimer im Strafraum abgestellt, als ein Sprengkörper – nach seiner Wahrneh-
mung – wenige Schritte entfernt von ihm detonierte. Obwohl er Gehörschutz trug,
war der Knall „noch sehr laut“, „wie eine Bombe“ (pag. BA-12-02-5 f.). Der grosse
Explosionsdruck und der Knalleffekt sind auf den im Sprengkörper enthaltenen
Blitzknallsatz – ein energiereiches pyrotechnisches System mit hoher Reaktions-
geschwindigkeit – zurückzuführen (Bericht WFD, E. 3.2.2). Wird ein derartiger
pyrotechnischer Gegenstand der Kategorie F4 – welchem definitionsgemäss
eine grosse Gefahr immanent ist – in einem Fussballstadion, im Bereich von Zu-
schauern und Spielern, durch eine nicht autorisierte Person ohne Einhaltung der
Nutzungsbedingungen und des Sicherheitsabstandes von mindestens 55 Metern
gezündet, kann er eine grosse Zerstörung an Menschen und Eigentum bewirken.
Gemäss Bericht „Verletzungspotenzial pyrotechnischer Gegenstände direkt am
Körper“ des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) der Universität Bern vom 14. De-
zember 2016 (TPF pag. 3.925.81 ff.) sind – bei direkter Umsetzung am Körper –
Verletzungen an Menschen, etwa an der Hand, erwiesen bei Detonation eines
pyrotechnischen Gegenstandes mit einer gleichen Menge Blitzknallsatz (10 g),
wie sie vorliegend die Kreiselblitze aufweisen (WFD-Bericht S. 2). Das Gutachten
SUVA beschäftigt sich mit der spezifischen physikalischen Frage, welchem tem-
porären Lärmpegel der Privatkläger B. ausgesetzt war, und setzt dies in Relation
- 28 -
zu Lärmvorschriften bezüglich Arbeitssicherheit. Das Gutachten Dr. D. zeigt hin-
gegen auf, dass aufgrund unterschiedlicher Empfindlichkeiten, wie Fälle aus der
militärärztlichen Praxis aufzeigen, Personen gleichen Alters auf Knalltrauma un-
terschiedlich reagieren können. Aufgrund des Funkenwurfs sind ausserdem
Brandverletzungen und Materialschäden möglich (Bericht WFD, pag. BA-11-01-
15) – zu denken ist etwa an Augen- und Hautverletzungen.
Die beiden pyrotechnischen Gegenstände „Kreiselblitz mit Silberperlenschweif“
fallen demzufolge unter den Sprengstoffbegriff nach Art. 224 Abs. 1 StGB.
4.3.2 Konkrete Gefährdung
In Bezug auf die konkrete Gefährdung ist erstellt, dass der Beschuldigte die
Sprengkörper aus einer Menschenmenge heraus im Fussballstadion zündete.
Der vom Hersteller vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 55 Metern wurde
durch den Beschuldigten nicht annähernd beachtet. Es befanden sich in diesem
Radius zahlreiche Zuschauer (namentlich jene in den Sektoren C5, C6 [der Fan-
Sektor mit dem Beschuldigten], D1 [Sektor mit Privatkläger B.] und D2), aber
auch Spieler, der Schiedsrichter, ein Stewart sowie Sachen im unmittelbaren und
näheren Umkreis und damit im Gefahrenbereich beider vom Beschuldigten ge-
worfenen Sprengkörper. Auf der Videoaufnahme der Stadtpolizei Zürich (pag.
BA-11-04-0007 [CD]) ist der Stewart mit der Gilet-Nr. 1 zu erkennen, der sich in
unmittelbarer Nähe zum detonierten Kreiselblitz aufhielt, weil er noch damit be-
schäftigt war, die brennenden Rauchkörper mit einer Greifzange in einen Eimer
zu legen. Dieser Stewart war es auch, der den ersten, nicht detonierten Kreisel-
blitz, welcher sich als Blindgänger entpuppte, einsammelte. Ebenso in unmittel-
barer Nähe zur Gefahrenquelle hielt sich der Torwart auf. Der Abstand zwischen
dem Ort der Detonation des zweiten Kreiselblitzes und der Gästetribüne im Sek-
tor C6, wo sich auch der Beschuldigte befand, betrug nach Vermessungen der
Stadtpolizei Zürich ca. 11.10 Meter (pag. BA-11-04-0007 [CD]; pag. BA-08-02-
0003 [Festplatte WD Elements], Ordner Bearbeitete Bilder, Knallkörper 4_2). Der
Beschuldigte erklärte, im Moment des Wurfs hätten sich etwa vier Spieler in der
Nähe der Detonation, in ca. 10-15 Meter Entfernung, aufgehalten (pag. BA-13-
01-0015). Dass in diesem näheren Umkreis ohne weiteres von einer konkreten
Gefährdung für sich dort aufhaltende Personen und Sachen ausgegangen wer-
den kann, zeigt die Gehörsverletzung und die Beschädigung der Jacke des Pri-
vatklägers B., der im Sektor D1 in 20,30 Meter Distanz zur Gefahrenquelle bzw.
zum Detonationspunkt sass (pag. BA-11-04-0007 [CD]; pag. BA-08-02-0003
[Festplatte WD Elements], Ordner Bearbeitete Bilder, Knallkörper 4_2).
- 29 -
Da im Sinne der zitierten Rechtsprechung die konkrete Gefährdung auch bezüg-
lich des nicht detonierten Sprengkörpers bestand, ist die konkrete Gefährdung in
Bezug auf beide vom Beschuldigten geworfenen Sprengkörper nachgewiesen.
4.3.3 Der Beschuldigte hat mit dem Zünden und Werfen der beiden Sprengkörper den
objektiven Tatbestand von Art. 224 Abs. 1 StGB mehrfach erfüllt.
4.4 Subsumtion subjektiver Tatbestand
4.4.1 Der Beschuldigte zündete und warf die Sprengkörper wissentlich und willentlich.
Er wusste um die Gefahr, welche von diesen Sprengkörpern ausging. So führte
er aus, ihm sei bewusst gewesen, dass er mit dem Wurf Spieler gefährde, des-
halb habe er geschaut, dass sich nicht zu viele Spieler in der Nähe befinden wür-
den (pag. BA-13-01-0015). Er hielt es somit für möglich, Personen zu verletzen.
Die grosse Menge der bei ihm sichergestellten pyrotechnischen Gegenstände
und seine Aussage, dass er ständig ein Lager an solchen Gegenständen habe,
weil er am 1. August und an Silvester jeweils sehr grosse Feuerwerke abbrenne
(pag. BA-13-01-0013 f.), lassen darauf schliessen, dass er sich besonders gut
mit Pyrotechnika auskennt. Das stützt die Feststellung, dass dem Beschuldigten
das Gefährdungspotenzial der von ihm eingesetzten Sprengkörper in einem gut
besetzten Fussballstadion während eines laufenden Spiels bewusst war. Hinzu
kommt, dass zwischen dem Zünden der Rauchkörper und dem Werfen der
Sprengkörper durch den Beschuldigten die Stadionansage zweimal deutlich auf
das Verbot des Einsatzes von Pyrotechnika hinwies (vgl. Videofilm Stadtpolizei
Zürich, pag. BA-11-04-0007). Nach dem Gesagten ist der Gefährdungsvorsatz
ohne Zweifel gegeben. Der Beschuldigte wusste um die Gefahr für Leib und Le-
ben von Menschen und setzte die beiden Sprengkörper trotzdem ein.
4.4.2 Wer sich vermummt und während laufendem Spiel pyrotechnische Gegenstände
der hier in Frage stehenden Art auf das Spielfeld wirft, nimmt zumindest in Kauf,
beliebigen Personen (Spielern, Funktionären oder Zuschauern) einen gesund-
heitlichen Schaden zuzufügen und damit ein Verbrechen oder Vergehen zu be-
gehen. Diese Absicht wird – als inneres Element des Willens – durch die Miss-
achtung der Handhabungsvorschriften (u.a. 55 m Mindestabstand) untermauert.
Auch der Umstand, dass sich der Beschuldigte unmittelbar vor dem Verwenden
der Sprengkörper vermummte, um von der Polizei nicht identifiziert werden zu
können (pag. BA-13-01-0010), lässt auf nicht lautere Absichten schliessen. Zu-
dem hatte der Beschuldigte nach seiner Aussage ein Motiv für seine Taten, die
Durchführung einer Art „Vergeltungsaktion“ gegen den (ehemaligen) Sicherheits-
verantwortlichen des FC Luzern (pag. BA-13-01-0009). Der Umstand, dass der
Beschuldigte laut eigener Aussage nach dem nicht detonierten ersten Kreiselblitz
- 30 -
einen zweiten Kreiselblitz zündete und warf, weil der erste nicht detoniert war,
spricht ebenfalls für eine Schädigungsabsicht. Wenn der Beschuldigte aussagte,
er habe die Sprengkörper wegen ihrer Gefährlichkeit dorthin geworfen, wo sich
weniger Spieler aufgehalten hätten, dann kann er nur in der Eventualabsicht ge-
handelt haben, beliebige Menschen an ihrer Gesundheit zu beeinträchtigen.
Dass dies nicht sein primäres Ziel gewesen sein muss oder ihm der Verletzungs-
erfolg gar unerwünscht gewesen sein mag, ist unerheblich. Eine Eventualabsicht
des Verletzungserfolgs (im Sinne einer Körperverletzung) ist damit zu bejahen.
4.4.3 Nach dem Gesagten sind sowohl der Gefährdungsvorsatz als auch die verbre-
cherische Absicht gegeben. Der subjektive Tatbestand ist in beiden Fällen erfüllt.
4.5 Der Beschuldigte erklärte, er habe den zweiten Sprengkörper gezündet, weil der
erste nicht detoniert sei (pag. BA-13-01-0015). Es liegt mithin ein neuer Tatent-
schluss vor. Mit dem Zünden und Werfen der beiden Sprengkörper hat der Be-
schuldigte den Tatbestand von Art. 224 Abs. 1 StGB somit mehrfach erfüllt. Der
Beschuldigte ist der mehrfachen vorsätzlichen Gefährdung durch Sprengstoffe in
verbrecherischer Absicht gemäss Art. 224 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
5. Schwere Körperverletzung (Art. 122 Abs. 2 StGB)
5.1 Gemäss Art. 122 Abs. 2 StGB macht sich der schweren Körperverletzung schul-
dig, wer den Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstüm-
melt oder ein wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen
bleibend arbeitsunfähig, gebrechlich oder geisteskrank macht oder das Gesicht
eines Menschen arg und bleibend entstellt. Nach der ersten, hier in Frage ste-
henden Beispielgruppe in Abs. 2 gilt die „Verstümmelung oder das Unbrauchbar-
machen des Körpers oder eines wichtigen Organs oder Gliedes“ als schwere
Körperverletzung. Ob ein Organ als wichtig einzustufen sei, soll vorab nach des-
sen Funktion beurteilt werden. In erster Linie geht es um lebenswichtige Organe,
wobei gemäss einem Teil der Lehre bei paarigen Organen – wie z.B. dem Ohr –
wiederum die Beeinträchtigung des einen genügt (BERKEMEIER/ROTH, Basler
Kommentar, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 122 StGB N. 13; TRECHSEL/FINGERHUTH,
a.a.O., Art. 122 StGB N. 5; a.M. HEINE/TRUNIGER, Die strafrechtliche Verantwort-
lichkeit des Konzertveranstalters, ZStrR 128/2010, S. 83 ff., S. 88). Bei einer Be-
einträchtigung eines wichtigen Organs liegt jedoch nicht schon per se eine
schwere Körperverletzung vor. Diese ist vielmehr erst dann gegeben, wenn das
Organ oder Glied verstümmelt oder „in seinen Grundfunktionen erheblich gestört
ist“. Eine zwar dauerhafte, aber nur leichte Beeinträchtigung genügt nicht (BER-
KEMEIER/ROTH, a.a.O., Art. 122 StGB N. 15; BGE 129 IV 1). Alsdann vermögen
- 31 -
auch bloss vorübergehende Hörstörungen die Anforderungen an Art. 122 Abs. 2
StGB nicht zu erfüllen (HEINE/TRUNIGER, a.a.O., S. 88).
In der Lehre wird überdies der Ansatz vertreten, dass zumindest bei teilweiser
Schwerhörigkeit oder bei Hörverlust auf nur einem Ohr nicht auf Art. 122 Abs. 2
StGB – und damit auf das wichtige Organ – abzustellen sei. Gemäss HEINE/TRU-
NIGER (a.a.O., S. 89) sei die Hörfähigkeit auf einem Ohr nicht lebensnotwendig
und daher solle nicht Art. 122 Abs. 2 StGB, sondern vielmehr die Generalklausel
gemäss Art. 122 Abs. 3 StGB herbeigezogen werden. Um diesem Tatbestand
die nötigen rechtsstaatlichen Konturen zu geben, sei gemäss den beiden Autoren
auf den Grad der Behinderung abzustellen. Als qualifizierte Auslegungshilfe sei
dabei die international gebräuchliche Feldmann-Tabelle herbeizuziehen. Die
Feldmann-Tabelle setzt den Behinderungsgrad in Relation zum Hörverlust in
Prozenten. Gemäss HEINE/TRUNIGER empfehle sich – weil zu der physischen Be-
einträchtigung des Hörverlusts nach Art. 122 Abs. 3 StGB noch die psychische
Minderung typisierend beigefügt werden muss – normativ ab 50% Behinderung
von einer schweren Körperverletzung auszugehen. Im Falle einer mittelgradigen
Schwerhörigkeit sei hingegen in der Regel von einer einfachen Körperverletzung
auszugehen (HEINE/TRUNIGER, a.a.O., S. 89). Gemäss dem Bundesgericht er-
scheint das mögliche Bestehenbleiben eines teilweisen Gehörsverlusts zumin-
dest dann als „andere“ schwere Schädigung des Körpers im Sinne vom Art. 122
Abs. 3 StGB, wenn eine Hirnerschütterung, Schädelbruch, bleibende Entstellung
des Gesichts und die Arbeitsunfähigkeit von mehreren Wochen dazu tritt (BGE
101 IV 381, E. 1a).
Der subjektive Tatbestand erfordert Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genügt
(Art. 12 Abs. 2 StGB). Der Vorsatz muss sich auf die schwere Schädigung selbst
beziehen. Gefordert ist indessen nicht, dass sich der Täter gerade die eingetre-
tene Folge vorgestellt hat (BERKEMEIER/ROTH, a.a.O., Art. 122 StGB N. 25).
5.2 Subsumtion objektiver Tatbestand
5.2.1 Es ist zu prüfen, ob das Werfen des zweiten (detonierten) Sprengkörpers eine
schwere Körperverletzung zum Nachteil des Privatklägers B. bewirkt hat. Dazu
liegen zwei medizinische Gutachten (Gutachten Dr. H. und Gutachten Dr. D.) so-
wie ein akustisches Gutachten (Gutachten SUVA) vor (E. 3.3).
Das gerichtliche Gutachten Dr. D. ist in sich stimmig, logisch aufgebaut und nach-
vollziehbar. Es stützt sich für seine Feststellungen auf ein vom Gutachter erstell-
tes aktuelles Reintonaudiogramm ab. Es setzt sich zudem mit den im Vorverfah-
ren eingeholten Gutachten Dr. H. und Gutachten SUVA auseinander. Dabei teilt
- 32 -
es die Feststellungen im Gutachten Dr. H. und stimmt dessen Schlussfolgerun-
gen zu; es hält fest, dass jenes „lege artis“ erstellt worden sei. Die pysikalisch-
akustischen Berechnungen im Gutachten SUVA stellt das Gutachten Dr. D. in
Relation zu den eigenen medizinischen Feststellungen und Schlussfolgerungen
im konkreten Fall. Anhand empirischer Erkenntnisse aus der Militärmedizin er-
läutert es die Wahrscheinlichkeitsberechnungen im Gutachten SUVA (vgl. E.
3.3.4). Bei der Prüfung der Frage der schweren Körperverletzung ist aufgrund
der Beleuchtung sämtlicher relevanten Aspekte auf das gerichtliche Gutachten
Dr. D. abzustellen.
5.2.2 Natürliche Kausalität
Das Gutachten Dr. D. (TPF pag. 3.291.11 ff.) stellt fest, dass beim Privatkläger
B. ein altersbedingter Tonhörverlust von 18% auf dem rechten Ohr und eine
hochgradige Schwerhörigkeit von 85% auf dem linken Ohr besteht. Es legt dar,
dass die verminderte Hörfähigkeit auf dem rechten Ohr nicht auf die Detonation
des Sprengkörpers, sondern auf eine bereits vorhandene Altersschwerhörigkeit
zurückzuführen ist. Es besteht somit keine natürliche Kausalität zwischen der
Detonation des Sprengkörpers und dem Tonhörverlust auf dem rechten Ohr. Laut
Gutachten beträgt beim linken Ohr der Tonhörverlust 85%. Davon sind 18% auf
eine vorbestehende Altersschwerhörigkeit und der zusätzliche Hörverlust von
67% auf die Detonation des Sprengkörpers zurückzuführen. Diese Hörschädi-
gung ist irreversibel. Damit ist die Detonation sine qua non für den Tonhörverlust
von 85%, das heisst die Detonation kann nicht weggedacht werden, ohne dass
auch der Erfolg, also die Hörminderung von 85%, entfiele. Für den Erfolg als
Ganzes haftet auch derjenige, wer ihn nur mitverursacht hat, z.B. indem er sein
Ausmass vergrössert hat (NIGGLI/MAEDER, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel
2013, Art. 12 StGB N. 92). Auch die Verschlechterung einer bereits geschädigten
Gesundheit ist Verletzung (TRECHSEL/FINGERHUTH, a.a.O., vor Art. 122 StGB
N. 5). Somit ist die natürliche Kausalität zwischen der Detonation des Sprengkör-
pers und dem Hörverlust für den gesamten Tonhörverlust von 85% gegeben.
5.2.3 Adäquate Kausalität
5.2.3.1 Damit neben der natürlichen auch die adäquate Kausalität vorliegt, muss das
Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfah-
rungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder min-
destens zu begünstigen. Die Adäquanz ist nur zu verneinen, wenn ganz ausser-
gewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden des Opfers beziehungsweise
eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten,
- 33 -
mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wie-
gen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolgs er-
scheinen und so alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich das Ver-
halten des Angeschuldigten – in den Hintergrund drängen (BGE 131 IV 145
E. 5.1 und E. 5.2; BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 128 IV 49 E. 2b; BGE 127 IV 62
E. 2d; je mit Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung vermö-
gen ein schlechter Gesundheitszustand und eine ungünstige konstitutionelle Prä-
disposition des Opfers den Kausalzusammenhang nicht zu unterbrechen (BGE
131 IV 145 E. 5.3; Urteil des Bundesgerichtes 6S.243/2006 vom 4. Oktober 2006,
E. 2.2; vgl. auch Entscheid des Bundesstrafgerichts SK.2015.39 vom 29. Ja-
nuar 2016 E. 2.7.4). Die Adäquanz wird selbst dann nicht durchbrochen, wenn
ein Automobilist einen Fussgänger verletzt und dieser in der Folge stirbt, weil er
Bluter ist (BGE 131 IV 145 E. 5.3; kritisch dazu etwa RIKLIN, Schweizerisches
Strafrecht, Allgemeiner Teil I, Verbrechenslehre, 3. Aufl., 2007, S. 166).
5.2.3.2 Das Gutachten SUVA führt aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer bleibenden
Schädigung nach einer Gehörbelastung mit einem wie hier vorliegenden Schall-
expositionspegel LAE von 112 dB weit unter 1 Prozent beträgt. Das medizinische
Gutachten Dr. D. hält dazu fest, dass diese pauschale Aussage die individuelle
Empfindlichkeit eines jeden Menschen ausser Acht lasse. Aus der militärärztli-
chen Praxis sei bekannt, dass individuell unterschiedlich ausgeprägte Gehörs-
verluste bei Schiessunfällen mit mehreren Beteiligten im jungen wehrtauglichen
Alter eintreten könnten (Gutachten S. 5). Gemäss Gutachten SUVA müssten –
in analoger Interpretation seiner Kernaussage – die betroffenen Wehrleute, so-
weit sie praktisch im gleichen Abstand zur Schallquelle stehen, eine ungefähr
gleich starke Gehörsschädigung erleiden. Das Gutachten SUVA geht von einer
technisch-physikalischen Untersuchung des hier zu beurteilenden Vorfalles aus.
Es weist denn auch darauf hin, dass weitergehende Feststellungen zu speziellen
medizinischen Voraussetzungen für die Hörschädigung mit einem medizinischen
(ORL-)Gutachten vorzunehmen seien. Dies hat das Gericht mit dem bei Dr. D.
eingeholten Gutachten gemacht. Dieses ist daher stärker zu gewichten, weil es
die individuellen Besonderheiten des Falles in die Beurteilung miteinbezieht.
Beide Gutachten wurden, soweit für das Gericht feststellbar, lege artis erstellt.
Sie sind in sich schlüssig und nachvollziehbar. Die Differenz in ihrer Aussage ist
darauf zurückzuführen, dass die beiden Gutachten einen anderen Ansatz verfol-
gen bzw. das Problem aus einem anderen Blickwinkel beleuchten. Ferner ist zu
beachten, dass im Bereich der Sozialversicherung, in welcher die SUVA tätig ist,
der Adäquanzbegriff durch die Rechtsprechung eingeengt wurde (vgl. BGE 134
V 109), was nicht direkt ins Strafrecht zu übernehmen ist. Der Grundsatz der
adäquaten Kausalität wird mit Rücksicht auf die Besonderheiten des jeweiligen
Rechtsgebietes unterschiedlich angewendet (BGE 127 V 102 E. 5.b; vgl. Urteil
- 34 -
des Bundesgerichts 4A_171/2012 vom 25. Juni 2012 zum unterschiedlichen
Adäquanzbegriff im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht).
5.2.3.3 Bezogen auf die strafrechtliche Adäquanz ist Folgendes festzuhalten: Nach dem
allgemeinen Lauf der Dinge kann ein lauter Knall bei einem Menschen eine
schwere Hörschädigung hervorrufen. Die allgemeine Lebenserfahrung legt zu-
dem nahe, dass Menschen – auch solche gleichen Alters und mit gleicher kör-
perlicher Konstitution – unterschiedlich stark auf Schalleinwirkungen reagieren.
Der durch die Detonation eines Sprengkörpers entstehende Knall kann mithin bei
einzelnen Personen eine schwere Gehörsschädigung verursachen, während an-
dere geringe oder keine Folgen davon tragen. Die Aussage im Gutachten D. in
Bezug auf militärische Schiessunfälle untermauert dies. Sodann ist Folgendes
von Relevanz: Der Beschuldigte hatte auf die Wurfweite zwar Einfluss, er konnte
aber nur ungefähr abschätzen, wie weit genau und in welche Richtung der
Sprengkörper fliegt. Aufgrund der Zeitverzögerung der Zündung von ca. 10 Se-
kunden konnte er zudem nur annähernd abschätzen, ob dieser im Flug oder erst
nach dem Aufprall auf dem Stadionrasen explodiert. Es hing also vom Zufall ab,
in welcher Distanz vom Explosionsort – und in welcher konkreten Gefahr für das
Erleiden eines Gehörsschadens – sich der Privatkläger B. befand. Bei geringerer
Distanz wären die physikalischen Berechnungen im Gutachten SUVA und die
daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen für die Wahrscheinlichkeit eines Ge-
hörsschadens anders, zum Nachteil des Beschuldigten, ausgefallen. Umgekehrt
hätten sich bei grösserer Wurfweite möglicherweise Spieler und Funktionäre auf
dem Spielfeld näher beim Explosionsort befunden, was für diese im Lichte des
Gutachtens SUVA zu den gleichen Schlussfolgerungen geführt hätte. Nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge konnte also durch das Werfen des Sprengkörpers
im Stadion während eines Fussballspiels ein schwerer Gehörsschaden eintreten.
Das Verhalten des Beschuldigten ist damit adäquat kausal zum Gehörsschaden.
5.2.3.4 Dieser adäquate Kausalzusammenhang wird nicht durch äussere Umstände un-
terbrochen, wie etwa eine allfällige ungünstige Prädisposition. Gemäss dem Gut-
achten Dr. D. können die meisten Ohren älterer Erwachsener im Hochtonfre-
quenzbereich als vorgeschädigt betrachtet werden (Gutachten S. 5). Ein minimal
geschwächter Gesundheitszustand bzw. eine altersbedingte, geringfügig herab-
gesetzte Hörfähigkeit des Opfers stellt demnach keinen derart aussergewöhnli-
chen Umstand dar, dass damit schlechthin nicht zu rechnen wäre (vgl. Entscheid
des Bundesstrafgerichts SK.2015.39 vom 29. Januar 2016, E. 2.7.4). Die vom
Gutachter festgestellte, sehr wahrscheinlich vorliegende vorbestehende Alters-
schwerhörigkeit des Privatklägers bewegt sich im normalen Rahmen. Sie unter-
- 35 -
bricht schon deshalb nicht den rechtserheblichen Kausalzusammenhang. Aus-
serdem wusste der Beschuldigte, dass sich üblicherweise Menschen fast jeden
Alters zu einem Fussballspiel begeben, und er konnte dies selber feststellen.
5.2.3.5 Die adäquate Kausalität ist für den gesamten Hörverlust von 85% (einschliesslich
der vorbestehenden Beeinträchtigung von 18%) auf dem linken Ohr gegeben.
5.2.4 Unbrauchbarmachen eines wichtigen Organs
Gemäss herrschender Lehre stellt bereits ein Ohr ein wichtiges Organ im Sinne
von Art. 122 Abs. 2 StGB dar und es ist für die Bejahung einer schweren Körper-
verletzung nicht erforderlich, dass beide Ohren geschädigt worden sind (E. 5.1).
Dieser Auffassung ist der Vorzug zu geben. Eine einfache Körperverletzung im
Sinne von Art. 123 StGB ist demgegenüber gegeben, wenn innere oder äussere
Verletzungen oder Schädigungen zugefügt werden, die mindestens eine gewisse
Behandlung und Heilungszeit erfordern. Zu denken ist an Knochenbrüche, Hirn-
erschütterungen, Quetschungen und Blutergüsse, die nach einer gewissen Zeit
wieder aus- bzw. verheilen (vgl. BERKEMEIER/ROTH, a.a.O., Art. 123 StGB N. 4).
Die Hörminderung auf dem linken Ohr des Privatklägers beträgt 85%. Der ge-
richtliche Gutachter bezeichnet dies als hochgradige Schwerhörigkeit (Gutachten
Dr. D. S. 2). Gemäss Feldmann-Tabelle (abgedruckt in HEINE/TRUNIGER, a.a.O.,
S. 82) liegt damit eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit vor. Der gerichtli-
che Gutachter führt zudem aus, dass die mit der Zeit zunehmende Altersschwer-
hörigkeit auf dem linken Ohr zur Ertaubung führen kann, auch wenn das rechte
Ohr noch adäquat hörgerätversorgt werden kann (Gutachten Dr. D. S. 4). Das
linke Ohr ist mithin in seiner Grundfunktion erheblich gestört und wenn nicht völ-
lig, dann doch weitgehend unbrauchbar gemacht. Laut den beiden medizinischen
Gutachten bestehen keine Heilungschancen. Aufgrund der (höchstwahrschein-
lich) bis ans Lebensende dauernden Beeinträchtigung dieses wichtigen Organs
ist von einer schweren Körperverletzung auszugehen. Das Gehör ist ein funda-
mentales Sinnesorgan. Eine einseitige, an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
ist ein starker Eingriff in die Lebensqualität eines Menschen. Die soziale Interak-
tion ist dadurch erheblich erschwert. Insbesondere bei Stör- oder Hintergrundge-
räuschen wirkt sich die eingeschränkte Hörfähigkeit belastend aus, da zur Neut-
ralisation von Störgeräuschen die Hörfähigkeit auf beiden Ohren von Nöten ist.
So beschreibt der Privatkläger, dass er bei Störgeräuschen von den Lippen ab-
lesen muss (TPF pag. 3.932.3 sowie Gutachten Dr. D. S. 4). An Veranstaltungen
wie beispielsweise Open Air-Festivals kann er nicht mehr teilnehmen (Gutachten
Dr. D. S. 4). Darüber hinaus birgt die einseitige Hörunfähigkeit diverse Gefahren.
So kann es etwa im Strassenverkehr erfahrungsgemäss fatale Folgen haben,
- 36 -
wenn man bei einseitiger Hörunfähigkeit nicht erkennen kann, aus welcher Rich-
tung sich ein Fahrzeug nähert oder dessen Entfernung falsch einschätzt. Er-
schwerend kommt ein Tinnitus hinzu, der das Leben des Privatklägers weiter be-
einträchtigt (Gutachten Dr. D. S. 4). Der Privatkläger kann ferner seinen Beruf als
Gastwirt nur noch eingeschränkt ausüben und ist, wenn auch weniger stark, in
seiner Tätigkeit als Landwirt eingeschränkt. Die einseitige, an Taubheit gren-
zende Schwerhörigkeit (Gehörsminderung von 85%) ist nach dem Gesagten als
schwer im Sinne von Art. 122 StGB einzustufen.
5.2.5 Der Beschuldigte hat somit mit dem Zünden und Werfen des zweiten (detonier-
ten) Sprengkörpers ein wichtiges Organ eines Menschen dauernd verletzt und
somit den objektiven Tatbestand von Art. 122 Abs. 2 StGB erfüllt.
5.3 Subsumtion subjektiver Tatbestand
5.3.1 Wie sich aus den Ausführungen zum subjektiven Tatbestand bei der Gefährdung
durch Sprengstoffe und giftige Gase (vorne E. 4.4) ergibt, war die Herbeiführung
einer schweren Körperverletzung zum Nachteil des Privatklägers B. nicht das di-
rekte Handlungsziel des Beschuldigten. Ein direkter Vorsatz (ersten oder zweiten
Grades) liegt nicht vor. Es bleibt der Eventualvorsatz zu prüfen.
5.3.2 Eventualvorsatz ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtes gege-
ben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber den-
noch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich
mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit
Hinweis; vgl. auch Art. 12 Abs. 2 StGB). Die Abgrenzung zwischen Eventualvor-
satz und bewusster Fahrlässigkeit kann im Einzelfall schwierig sein, da sowohl
der eventualvorsätzlich als auch der fahrlässig handelnde Täter um die Möglich-
keit oder das Risiko der Tatbestandsverwirklichung weiss. Hinsichtlich der Wis-
sensseite stimmen somit beide Erscheinungsformen des subjektiven Tatbestan-
des überein. Unterschiede bestehen jedoch beim Willensmoment. Der bewusst
fahrlässig handelnde Täter vertraut (aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit) darauf,
dass der von ihm als möglich vorausgesehene Erfolg nicht eintrete, sich das Ri-
siko der Tatbestandserfüllung mithin nicht verwirklichen werde (BGE 130 IV 58
E. 8.3). Demgegenüber nimmt der eventualvorsätzlich handelnde Täter den Ein-
tritt des als möglich erkannten Erfolgs ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit
ihm ab. Wer den Erfolg derart in Kauf nimmt, „will" ihn im Sinne von Art. 12 Abs. 2
StGB. Nicht erforderlich ist, dass der Täter den Erfolg „billigt“ (BGE 130 IV 58
E. 8.3; eingehend BGE 96 IV 99 S. 101; BGE 103 IV 65 E. I.2 S. 68).
- 37 -
Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das
Gericht – bei Fehlen eines Geständnisses der beschuldigten Person – aufgrund
der Umstände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten
Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverlet-
zung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorg-
faltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter
habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 26 E. 3.2.2
mit Hinweisen). Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schlies-
sen, wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte,
dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als In-
kaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 133 IV
222 E. 5.3 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann auch vorliegen, wenn sich der
Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs statistisch gesehen nur relativ selten
verwirklicht. Doch darf in diesem Fall nicht allein aus dem Wissen des Beschul-
digten um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme und damit
auf Eventualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände
hinzukommen (BGE 131 IV 1 E. 2.2 mit Hinweis).
5.3.3 Dem Beschuldigten war die Gefahr, welche von den Sprengkörpern ausgeht, be-
kannt. Er sagte aus, es sei ihm bewusst gewesen, dass er mit dem Wurf Spieler
gefährde. Gemäss Bericht WFD (S. 5) befanden sich unter den anlässlich der
Hausdurchsuchung beim Beschuldigten sichergestellten Gegenständen 14 Krei-
selblitze des vom Beschuldigten in der Swissporarena verwendeten Typs. Auf-
grund seiner Erfahrung mit pyrotechnischen Gegenständen musste er sich bei
der unsachgemässen Verwendung der beiden Kreiselblitze im Klaren gewesen
sein, dass diese einen erheblichen Lärmpegel und Funkenwurf verursachen, sie
mithin bei derartiger Verwendung zu schweren Gesundheitsbeeinträchtigungen
bei Menschen im Wurfbereich führen können. Der Hinweis auf der Herstellereti-
kette bezüglich des einzuhaltenden Mindestabstands von 55 Metern musste ihm
dies zusätzlich bewusst gemacht haben. Deshalb ist es unerheblich, dass er nur
damit rechnete, Spieler – und nicht auch Zuschauer – zu gefährden. Das Wissen
des Beschuldigten um die Möglichkeit einer schweren Körperverletzung bzw. ei-
ner schweren Hörschädigung ist demnach zu bejahen (vgl. E. 4.4). Dabei musste
der Beschuldigte nicht wissen, welche Art von Verletzungen er konkret verursa-
chen konnte. So hätten etwa auch Verletzungen durch den Funkenwurf eintreten
können (Bericht WFD S. 4). Bezogen auf die Wahrscheinlichkeit einer bleibenden
Gehörsschädigung führt das Gutachten SUVA aus, dass eine solche vorliegend
äusserst gering gewesen sei (E. 3.3.1). Das Gutachten Dr. D. setzt sich mit dieser
Feststellung auseinander. Es legt in nachvollziehbarer Weise aus medizinischer
- 38 -
Sicht dar, dass die schwere Gehörsschädigung des Privatklägers nicht unge-
wöhnlich ist (E. 3.3.4). Somit ist in Würdigung der beiden Gutachten der Schluss
zu ziehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer schweren Gehörsschädigung bei
einer bestimmten Person in 20,3 m Entfernung von der Detonation des Spreng-
körpers klein ist, aber keineswegs als aussergewöhnliche Folge der Detonation
zu betrachten ist. Bei dieser Sachlage brauchen keine weiteren Umstände hin-
zuzutreten, damit vom Wissen des Beschuldigten um den möglichen Erfolgsein-
tritt auf Eventualvorsatz geschlossen werden kann. Der Beschuldigte hat eine
schwere Körperverletzung in Kauf genommen; er hat demnach eventualvorsätz-
lich gehandelt. Der subjektive Tatbestand ist gegeben.
5.4 Der Beschuldigte ist nach dem Gesagten der schweren Körperverletzung ge-
mäss Art. 122 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen.
6. Mehrfache Sachbeschädigung, begangen aus Anlass einer öffentlichen Zu-
sammenrottung (Art. 144 Abs. 2 StGB)
6.1 Wer eine Sache, an der ein fremdes Eigentums-, Gebrauchs- oder Nutznies-
sungsrecht besteht, beschädigt, zerstört oder unbrauchbar macht, wird, auf An-
trag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 144
Abs. 1 StGB). Gemäss Art. 144 Abs. 2 StGB wird der Täter von Amtes wegen
verfolgt, wenn er die Sachbeschädigung aus Anlass einer öffentlichen Zusam-
menrottung begangen hat. Eine Beschädigung setzt voraus, dass in die physi-
sche Substanz der Sache eingegriffen wird; Beeinträchtigung ihrer Ansehnlich-
keit genügt (BGE 115 IV 26 E. 2b). Nur die vorsätzliche Begehung ist strafbar
(Art. 12 Abs. 1 StGB); Eventualvorsatz (Art. 12 Abs. 2 StGB) genügt (vgl. auch
Entscheid des Bundesstrafgerichts SK.2015.28 vom 7. April 2016 E. 6.1).
Gemäss Art. 172ter StGB wird der Täter – auf Antrag – mit Busse bestraft, wenn
sich die Tat nur auf einen geringen Vermögenswert oder auf einen geringen
Schaden richtet. Der Geltungsbereich von Art. 172ter StGB erstreckt sich auf alle
im Zweiten Titel des Besonderen Teils des StGB erfassten Vermögensdelikte –
und damit insbesondere auch auf die Sachbeschädigung gemäss Art. 144 StGB
(WEISSENBERGER, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 172ter StGB N. 9).
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung liegt die objektive Grenze für den
geringen Vermögenswert oder Schaden bei Fr. 300.-- (vgl. u.a. BGE 121 IV 261).
- 39 -
6.2 Prozessvoraussetzungen
6.2.1 Die Privatklägerin 2 (C. AG) verlangt die Bestrafung des Beschuldigten, weil die-
ser mit dem Werfen von zwei Rauchkörpern den Stadionrasen vorsätzlich be-
schädigt und ihr dadurch einen Schaden von Fr. 800.-- zugefügt haben soll. Die
Privatklägerin 2 hat rechtzeitig und gültig Strafantrag gestellt (pag. BA 15-02-
0001). Die Prozessvoraussetzung für eine Strafverfolgung ist damit gegeben.
6.2.2 Der Privatkläger 1 (B.) verlangt die Bestrafung des Beschuldigten, weil dieser mit
dem Werfen des zweiten (detonierten) Sprengkörpers seine Jacke vorsätzlich
beschädigt und ihm einen Schaden von Fr. 99.-- zugefügt haben soll. Der Privat-
kläger 1 hat rechtzeitig und gültig Strafantrag gestellt (pag. BA 15-01-0011). Die
Prozessvoraussetzung für eine Strafverfolgung ist damit gegeben.
6.2.3 Gemäss Anklage soll der Beschuldigte die beiden Sachbeschädigungen vorsätz-
lich und aus Anlass einer öffentlichen Zusammenrottung im Sinne von Art. 144
Abs. 2 StGB begangen haben. Die Sympathisanten des FC St. Gallen im Gäste-
sektor würden unter anderem deswegen eine öffentliche Zusammenrottung dar-
stellen, weil sie aufgrund ihrer Kleidung und Transparente nach aussen als ver-
einigte Macht erscheinen würden, welche von einer für die Friedensordnung be-
drohlichen Grundstimmung getragen werden würde (vgl. Anklageschrift Ziff. 1.3).
Ob in casu eine öffentliche Zusammenrottung vorgelegen hat, kann offen bleiben.
Die Frage ist in tatbestandsmässiger und rechtlicher Hinsicht ohne Relevanz, da
Art. 144 Abs. 2 StGB eine Prozessvoraussetzung beschlägt. Die Privatkläger 1
und 2 haben rechtzeitig und gültig Strafantrag wegen Sachbeschädigung gestellt.
Ob der Beschuldigte bei Fehlen eines Strafantrags allenfalls gemäss Art. 144
Abs. 2 StGB von Amtes wegen zu verfolgen gewesen wäre, kann offen bleiben.
6.3 Subsumtion objektiver Tatbestand
6.3.1 Die beiden durch den Beschuldigten geworfenen Rauchkörper sind auf dem Sta-
dionrasen abgebrannt. Durch diese massive Hitzeeinwirkung hat der Rasen
Schaden genommen, wie die auf den Videoaufnahmen erkennbaren dunklen
Verfärbungen der Rasenfläche beweisen. Gemäss der durch die Privatklägerin 2
zu den Akten gelegten Rechnung hat die Stadtgärtnerei Luzern für Fr. 800.-- den
beschädigten Rasen wieder in Stand gesetzt (pag. BA 15-02-0029). Der Rasen
– unzweifelhaft eine fremde Sache – wurde damit sowohl in seiner physischen
Substanz als auch in seiner Ansehnlichkeit beeinträchtigt. Der Beschuldigte an-
erkannte diese Schadensverursachung in der Hauptverhandlung. Der objektive
Tatbestand der Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB ist erfüllt.
- 40 -
6.3.2 Der Beschuldigte bestreitet, dass der Funkenregen des zweiten Sprengkörpers
die Fan-Jacke des Privatklägers 1 beschädigt haben soll (TPF pag. 3.925.43 f.).
Der zweite geworfene Sprengkörper detonierte mit einem lauten Knall und gleich-
zeitigem Funkenwurf über dem Spielfeld. Auf den Videoaufnahmen ist zu erken-
nen, dass die Funken in Richtung des Privatklägers B. und der Zuschauer im
Sektor D1 flogen (pag. BA 11-04-0007). Dies wird durch Feststellungen des WFD
bestätigt (Bericht WFD S. 4). Die Auskunftsperson K. sagte aus, er sei als Zu-
schauer schon frühzeitig auf der Tribüne gewesen. Bei Spielbeginn sei über dem
Gästesektor ein Transparent aufgezogen worden. Dann habe es ein paar Mal
geknallt. Er habe einen grellen, lauten Knall wahrgenommen. Gegenstände oder
Teile seien zu ihm hergeflogen, er habe etwas im Gesicht gespürt (pag. BA-12-
08-0004 f.). Die Jacke von B. weist gemäss seinen glaubhaften Aussagen wie
auch jenen seiner Ehefrau seit diesem Vorfall etliche Brandspuren und Brandlö-
cher auf (pag. BA 10-01-0035; E. 3.1.2.1, 3.1.2.4). Demnach ist erstellt, dass der
Beschuldigte mit dem Werfen des Sprengkörpers die Jacke des Privatklägers –
eine fremde Sache – beschädigt und unbrauchbar gemacht hat. Der objektive
Tatbestand von Art. 144 Abs. 1 StGB ist damit erfüllt.
Gemäss Kaufbeleg vom 1. Mai 2015 beläuft sich der Wert der Jacke und dem-
nach die Höhe des Sachschadens auf Fr. 99.-- (TPF pag. 3.925.113). Somit ist
ein nur geringfügiger Schaden im Sinne von Art. 172ter Abs. 1 StGB eingetreten.
6.4 Subsumtion subjektiver Tatbestand
6.4.1 Der Beschuldigte anerkannte vor Gericht, für den Schaden am Spielfeldrasen,
verursacht durch das Werfen zweier Rauchkörper, verantwortlich zu sein (TPF
pag. 3.925.43). Aus seiner Aussage im Vorverfahren zum Tatmotiv ist zu schlies-
sen, dass er mit den Rauchkörpern einen Sachschaden bewirken wollte. Er han-
delte somit wissentlich und willentlich. Der subjektive Tatbestand ist erwiesen.
6.4.2 Wie vorstehend ausgeführt (E. 5.3.3), mussten dem Beschuldigten aufgrund sei-
ner Kenntnisse über pyrotechnische Gegenstände, insbesondere über Kreisel-
blitze, der Funkenwurf des von ihm geworfenen Sprengkörpers und die damit
verbundenen Gefahren bekannt gewesen sein. Laut Bericht WFD (S. 4) konnten
durch den Funkenwurf mindestens im Radius von 20,3 Metern Materialschäden
hervorgerufen werden. Aufgrund der Missachtung des Sicherheitsabstands von
55 Metern und der nicht bestimmungsgemässen Verwendung – ein Kreiselblitz
muss aus einer festen Vorrichtung abgeschossen werden (Bericht WFD S. 3) –
ist zu schliessen, dass der Beschuldigte mit Sachschäden zumindest rechnete.
Dieser Schluss wird durch sein Tatmotiv und den Umstand, dass er den zweiten
Kreiselblitz warf, weil der erste nicht detoniert war, zusätzlich gestützt. Schäden
- 41 -
auf Textilien von Zuschauern oder Spielern sind keine aussergewöhnlichen Fol-
gen des Funkenwurfs eines Sprengkörpers. Bezogen auf die beschädigte Jacke
des Privatklägers hat der Beschuldigte diesen Erfolgseintritt zumindest für mög-
lich gehalten. Indem er den Kreiselblitz trotzdem warf, hat er ihn in Kauf genom-
men. Er handelte mit Eventualvorsatz. Der subjektive Tatbestand ist gegeben.
6.5 Der Beschuldigte ist der mehrfachen Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1
StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB, schuldig zu sprechen.
7. Konkurrenz Gefährdungs- / Verletzungsdelikte
7.1 Es besteht Idealkonkurrenz zwischen Art. 224 StGB und den Verletzungsdelik-
ten, wenn es nicht bei der Gefährdung bleibt, sondern die Tathandlung zur Ver-
letzung des geschützten Rechtsguts, z.B. durch die Verwirklichung der verbre-
cherischen Absicht, führt (BGE 103 IV 241; ROELLI/FLEISCHANDERL, a.a.O.,
Art. 224 StGB N. 12). Dies ist selbst dann der Fall, wenn die Gefährdung voll-
ständig in der Verletzung aufgeht, da eine Konsumierung des Gefährdungs-
durch das Verletzungsdelikt sonst wegen der hohen Strafdrohung (des Gefähr-
dungstatbestands) zu unbilligen Ergebnissen führen würde (TRECHSEL/FINGER-
HUTH, a.a.O., Art. 224 StGB N. 12). Auch STRATENWERTH/BOMMER nehmen bei
Art. 224 StGB mit gleicher Begründung echte Konkurrenz an, wenn der Täter
seine verbrecherische Absicht verwirklicht, er also noch einen weiteren Verbre-
chens- oder Vergehenstatbestand erfüllt. Die Autoren schränken allerdings ein,
dass diese Auslegung die Gemeingefährlichkeit des Delikts erfordere (STRATEN-
WERTH/BOMMER, a.a.O., S. 64 i.V.m. S. 60); dessen besondere Verwerflichkeit
werde erst dadurch begründet, dass die Opfer unbeteiligte, nicht als Individuen
ausgewählte Dritte seien, sie vielmehr, im Verhältnis zum Täter, als Repräsen-
tanten der Allgemeinheit erscheinen würden. Die gefährdeten Personen müssten
vom Zufall ausgewählt worden sein (STRATENWERTH/BOMMER, a.a.O., S. 46 f.;
zustimmend TRECHSEL/FINGERHUTH, a.a.O., vor Art. 221 StGB N. 2 m.w.H.). Die
bei gemeingefährlichen Straftaten wegen des unkontrollierbaren Geschehensab-
laufs im Vergleich zu den gegen individuelle Rechtsgüter gerichteten Delikten
angedrohte höhere Strafe rechtfertigt sich nur, wenn die Allgemeinheit gefährdet
wurde. Allerdings spielt es dabei keine Rolle, ob die Gefahr nur eine oder meh-
rere Personen der Allgemeinheit oder fremde Sachen trifft (ROELLI/FLEISCHAN-
DERL, a.a.O., vor Art. 221 StGB N. 11). Den Tötungs- und Körperverletzungsde-
likten ist hingegen dann der ausschliessliche Vorrang zu geben, wenn mit einem
Tatmittel des siebten Titels (Feuer, Sprengstoff, Gas etc.) von vorneherein bloss
eine Individualgefahr für ganz bestimmte vom Täter ins Auge gefasste Personen
bewirkt wurde, die anschliessend zu einer Verletzung führte (ROELLI/FLEISCHAN-
DERL, a.a.O., vor Art. 221 StGB N. 14; Entscheid des Bundesstrafgerichts
- 42 -
SK.2015.28 vom 7. April 2016, E. 7.3.1). Im letzteren Sinne entschied das Bun-
desstrafgericht, dass bei einer mittels einer Handgranate (Sprengstoff im Sinne
von Art. 224 StGB) auf offener Strasse gegen die Ehefrau versuchten vorsätzli-
chen Tötung der Täter nur wegen Letzterer zu bestrafen war. Eine zusätzliche
Bestrafung nach Art. 224 StGB fiel nicht in Betracht, da der Täter keine anderen
Personen verletzen wollte und er niemand anderen konkret gefährdet hatte (Ent-
scheid des Bundesstrafgerichts SK.2015.4 vom 18. März 2015, E. 4.4.2).
7.2 Vorliegend ist es nicht bei der Gefährdung durch Sprengstoff geblieben; der de-
tonierte Sprengkörper hat darüber hinaus auch zur Verletzung von geschützten
Rechtsgütern geführt. Durch das Sprengstoffdelikt gefährdete der Beschuldigte
beliebige, ihm unbekannte Personen im Stadion und damit die Allgemeinheit. Der
Privatkläger B. erlitt dabei eine schwere Körperverletzung und sein Eigentum
wurde beschädigt. Der Beschuldigte stand mit ihm in keinerlei Beziehung. Es
handelt sich beim Privatkläger um ein unbeteiligtes, nicht als Individuum ausge-
wähltes Opfer und damit um einen Repräsentanten der Allgemeinheit.
Zwischen dem Gefährdungsdelikt (Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige
Gase in verbrecherischer Absicht) und den Verletzungsdelikten (schwere Kör-
perverletzung und Sachbeschädigung) besteht vorliegend echte Konkurrenz.
8. Mehrfache Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz (Art. 3 Abs. 1 und
15 Abs. 1 i.V.m. Art. 37 Ziff. 1 SprstG; Art. 17 und 22 Abs. 1 i.V.m. Art. 38
Ziff. 1 SprstG)
8.1 Die Bundesanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, er habe mehrfach gegen
das Sprengstoffgesetz verstossen, indem er die nachfolgend aufgeführten pyro-
technischen Gegenstände besessen habe, welche bei ihm anlässlich der Haus-
durchsuchung vom 7. März 2016 an seinem Domizil sichergestellt worden seien.
Der Beschuldigte habe diese Gegenstände in seinem Schlafzimmer teilweise in
Kartonschachteln und teilweise verstreut am Boden ungesichert aufbewahrt. Es
handle sich um pyrotechnische Gegenstände ohne CH-Identifikationsnummer.
Diese seien handhabungsunsicher und deshalb in der Schweiz nicht zugelassen.
Jeglicher Verkehr, darunter der Besitz, sei verboten (Anklageschrift Ziff. 1.4).
Die Anklageschrift listet auf S. 6/7 folgende pyrotechnische Gegenstände auf:
– Feuerwerk der Kategorie F1 - F3: 360 Stück JS021 Fontanny Strobe, Fontäne, 4 Stück Opening Flower and Happy Bird, 2 Stück Leuchtbatterie Nico, 5 Stück Römisches Licht „Hot Shots“,
126 Schuss, 59 Stück Stroboskop 90 s Triplex, 15 Stück Fountain JF02 gold/blue, 12 Stück
Fountain JF02 silver/red, 1 Stück Sonne, 2 Stück Raketen VIP, 8 Stück Ice Fountain, 2 Stück
Big White Strobe Flash CX-009 und 12 Stück Ultralux Breslauerfeuer Blackboxx;
- 43 -
– Am Boden knallendes Feuerwerk: 861 Stück FP3 Jorge, 60 Stück JC05 Jorge und 1 Stück
Black Death, Blitzknallkörper;
– Feuerwerk der Kategorie F4: 14 Stück Kreiselblitz Zink, 2 Stück Kometenbombe KaI. 60 Zink
und 8 Stück Zylinderbomben F4, 45 mm, Zylinderbomben;
– Rauchkörper der Kategorie P1 oder T1: 2 Stück Rauchkörper DA 100 mit Schraubzünder,
4 Stück YeIlow Smoke Bomb ARK-O, 4 Stück Mr. Smoke Green Fire 2 F.D.F., 22 Stück Ultra
Rauchtopf Blackboxx - weiss, 28 Stück Ultra Rauchtopf Blackboxx - schwarz, 3 Stück Ultra
Rauchtopf Blackboxx - grün, 5 Stück Ultra Rauchtopf Blackboxx - purpur, 4 Stück zusammen-
geklebt, 6 Stück Ultra Rauchtopf Blackboxx - gelb, 5 Stück zusammengeklebt, 3 Stück Ultra
Rauchtopf Blackboxx, ohne Etikette, 11 Stück Pyrorauch XL 200 - gelb, 5 Stück Pyrorauch XL
200 - orange und 5 Stück T.I.F.O. Mr. Smoke 1 F.D.F;
– Notsignalmittel der Kategorie P1 oder T1: 5 Stück IKAROS Handheld Rocket, 16 Stück Ult-
rasshop.com, Hand Flare - gelb, 21 Stück Ultrasshop.com, Hand Flare - grün, 5 Stück zusam-
mengeklebt, 3 Stück Red Handflare MK8, Pains Wessex, 3 Stück Comet Handflare - red, da-
runter 2 Blindgänger (direkt vernichtet), 1 Stück Comet Handflare - white, 2 Stück Comet Not-
signalrakete - rot, 5 Stück Comet Handfackel - rot, 2 Stück Comet Handfackel - rot, 1 Stück
Schermuly Para Red Mk1, Hand-HeId Rocket, 1 Stück Hand Flare - red, Albatross Safety,
1 Stück Hand Flare HUAHAI, 1 Stück Red Flare Signal, Good Brother, 1 Stück Jupiter K2, Red
Hand Flare, 1 Stück Hand Flare, HUAHAI Marine Signale, 1 Stück Pains Wessex Pinpoint Dis-
tress Hand Flare - red (direkt vernichtet), 1 Stück Comet Handfackel - rot (direkt vernichtet) und
6 Stück Hand Flare KM35, KoaKako mit 1 Stück Comet Hand Flare und 1 Stück Comet Rauch-
fackel - orange, zusammengeklebt;
– Militärisches Material: 11 Stück Nebelwurfkörper, vermutlich russischer Herkunft, 2 Stück Zu-
satzladungen Minenwerfer und 1 Signal Licht, DM 533, 28 mm, Hand.
8.2 Das in der Anklageschrift aufgelistete pyrotechnische Material wurde im Schlaf-
zimmer des Beschuldigten sichergestellt (pag. BA 08-01-0009). Eine (kommen-
tierte) Fotodokumentation der Luzerner Polizei bezüglich der beim Beschuldigten
sichergestellten Materialien befindet sich in den Akten (pag. BA 07-02-0019 ff.).
Im Auftrag der Bundesanwaltschaft nahm der WFD unter Bezugnahme auf das
Sprengstoffgesetz und die Sprengstoffverordnung eine Einteilung der pyrotech-
nischen Gegenstände nach Kategorien vor (pag. BA 11-01-0006, -0023 ff.).
Die Anklageschrift verweist in Fussnote 17 bezüglich der Auflistung der pyrotech-
nischen Gegenstände auf die erwähnte Fotodokumentation sowie die vom WFD
erstellte „Materialauflistung aus Hausdurchsuchung A. vom 07.03.2016“ (pag. BA
11-01-0023 ff.). Ein Vergleich der Materialauflistung mit der Auflistung in der An-
klage zeigt auf, dass 5 (nicht 2) Stück Big White Strobe Flash CX-009, 1 (nicht 3)
Stück Ultra Rauchtopf Blackboxx – grün sowie 3 Stück Ultra Rauchtopf Black-
boxx – rot (in der Anklage nicht aufgeführt) sichergestellt worden sind.
Es ist erstellt, dass der Beschuldigte am 7. März 2016 im Besitz der in der Ankla-
geschrift bzw. im Bericht WFD (Materialauflistung) genannten Gegenstände war.
- 44 -
8.3 Wegen unbefugten Verkehrs im Sinne von Art. 37 Ziff. 1 SprstG (i.V.m. Art. 333
Abs. 2 lit. b und Abs. 5 StGB) wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit
Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich ohne Bewilligung oder entgegen Verboten
des Sprengstoffgesetzes mit Sprengmitteln oder pyrotechnischen Gegenständen
verkehrt, insbesondere solche herstellt, lagert, besitzt, einführt, abgibt, bezieht,
verwendet oder vernichtet, wer unrichtige oder unvollständige Angaben macht,
die für die Erteilung einer Bewilligung gemäss dem Sprengstoffgesetz von Be-
deutung sind, oder wer eine mit solchen Angaben erwirkte Bewilligung verwen-
det. Auch fahrlässige Begehung ist strafbar (Art. 37 Ziff. 1 letzter Satz SprstG).
8.3.1 Rechtliches
8.3.1.1 Das Sprengstoffgesetz regelt den Verkehr mit Sprengmitteln, pyrotechnischen
Gegenständen und Schiesspulver (Art. 1 Abs. 1 SprstG). Die Bundesgesetzge-
bung über das Kriegsmaterial und den Schutz vor gefährlichen Stoffen und Zu-
bereitungen bleibt vorbehalten, soweit dieses Gesetz oder eine Ausführungsver-
ordnung keine besonderen Vorschriften aufstellt (Art. 1 Abs. 4 SprstG).
Als Verkehr gilt jeder Umgang mit Sprengmitteln und pyrotechnischen Gegen-
ständen, insbesondere das Herstellen, Lagern, Besitzen, Einführen, Abgeben,
Beziehen, Verwenden und Vernichten (Art. 3 Abs. 1 SprstG). Sprengmittel und
pyrotechnische Gegenstände dürfen nur in Verkehr gebracht werden, wenn sie
bei bestimmungsgemässer und sorgfältiger Verwendung das Leben und die Ge-
sundheit der Benützer und Dritter nicht gefährden (Art. 8a Satz 1 SprstG). Unbe-
ständige oder gegen äussere Einwirkungen besonders empfindliche Sprengmit-
tel und pyrotechnische Gegenstände dürfen weder hergestellt noch eingeführt
werden. Im Zweifel ist der Zentralstelle für Sprengstoff und Pyrotechnik des Bun-
desamtes für Polizei vorher ein Muster zu unterbreiten (Art. 15 Abs. 1 SprstG).
8.3.1.2 Gemäss Art. 7 SprstG sind pyrotechnische Gegenstände gebrauchsfertige Er-
zeugnisse mit einem Explosiv- oder Zündsatz, die nicht zum Sprengen, sondern
zu andern industriellen, technischen oder landwirtschaftlichen Zwecken bestimmt
sind (lit. a), oder bloss dem Vergnügen dienen, wie die Feuerwerkskörper (lit. b).
8.3.1.3 Die Sprengstoffverordnung definiert in Art. 5 die pyrotechnischen Gegenstände,
in Art. 6 die pyrotechnischen Gegenstände zu gewerblichen Zwecken und in
Art. 7 die Feuerwerkskörper. Letztere sind gemäss den Kriterien in Anhang 1
Ziff. 2 der Sprengstoffverordnung in 4 Kategorien eingeteilt (Art. 7 Abs. 1 SprstV).
Kategorie F1 umfasst Feuerwerkskörper, die eine sehr geringe Gefahr darstellen,
die einen vernachlässigbaren Lärmpegel erzeugen und die für die Verwendung
- 45 -
in eingegrenzten Bereichen einschliesslich Wohngebäuden vorgesehen sind
(Anhang 1 Ziff. 2.1 SprstV). Deren Abgabe ist nur an Personen über 12 Jahren
gestattet (Art. 7 Abs. 2 SprstV). Kategorie F2 umfasst Feuerwerkskörper, die eine
geringe Gefahr darstellen, die einen geringen Lärmpegel erzeugen und die für
die Verwendung in eingegrenzten Bereichen im Freien vorgesehen sind (An-
hang 1 Ziff. 2.2 SprstV). Deren Abgabe ist nur an Personen über 16 Jahren ge-
stattet (Art. 7 Abs. 3 SprstV). Kategorie F3 umfasst Feuerwerkskörper, die eine
mittlere Gefahr darstellen, die für die Verwendung in weiten offenen Bereichen
im Freien vorgesehen sind und deren Lärmpegel bei bestimmungsgemässer Ver-
wendung die menschliche Gesundheit nicht gefährden (Anhang 1 Ziff. 2.3
SprstV). Deren Abgabe ist nur an Personen über 18 Jahren gestattet (Art. 7
Abs. 4 SprstV). Kategorie F4 umfasst Feuerwerkskörper, die eine grosse Gefahr
darstellen, die nur für die Verwendung durch Personen mit Fachkenntnissen vor-
gesehen sind (sogenannte „Feuerwerkskörper im gewerblichen Gebrauch“) und
deren Lärmpegel bei bestimmungsgemässer Verwendung die menschliche Ge-
sundheit nicht gefährdet (Anhang 1 Ziff. 2.4 SprstV). Eine Person mit Fachkennt-
nissen ist eine Person, die über einen Ausweis nach Art. 14 Abs. 2 SprstG verfügt
(Art. 1a Abs. 1 lit. g SprstV).
8.3.1.4 Im Weiteren werden die pyrotechnischen Gegenstände zu gewerblichen Zwe-
cken in die Kategorien T1, T2, P1, P2 und P3 eingeteilt (Art. 6 Abs. 1 SprstV). In
die Kategorie T1 fallen pyrotechnische Gegenstände, die auf Bühnen im Innen-
und Aussenbereich, einschliesslich Film- und Fernsehproduktionen, verwendet
werden (Anhang 1 Ziff. 1.1 SprstV). Pyrotechnische Gegenstände der Kategorie
P1 sind solche, die auf Bühnen verwendet werden und eine geringe Gefahr dar-
stellen (Anhang 1 Ziff. 1.3 SprstV). Pyrotechnische Gegenstände der Kategorien
T1 und P1 dürfen nicht an Personen unter 18 Jahren abgegeben werden (Art. 6
Abs. 2 SprstV). Pyrotechnische Gegenstände der Kategorien T2 und P2 dürfen
nur an Personen mit Fachkenntnissen abgegeben werden (Art. 6 Abs. 3 SprstV).
8.3.1.5 Pyrotechnische Gegenstände dürfen unter den in Art. 24 Abs. 1 SprstV genann-
ten Voraussetzungen auf dem Markt bereitgestellt werden; Feuerwerkskörper
der Kategorien F1–F3 müssen zusätzlich mit einer CH-Identifikationsnummer
versehen sein (Art. 24 Abs. 2 SprstV). Art. 26 Abs. 2 SprstV nennt die Angaben,
die auf pyrotechnischen Gegenständen und Verkaufspackungen anzubringen
sind, u.a. Gebrauchsanweisung und minimaler Sicherheitsabstand. Feuerwerks-
körper der Kategorie F4 sind dem gewerblichen Gebrauch vorbehalten. Sie dür-
fen nur von Personen mit Fachkenntnissen verwendet werden. Sie dürfen nicht
in den Detailhandel (offener Verkauf) gebracht werden (Art. 7 Abs. 5 SprstV).
- 46 -
8.3.1.6 Bewilligungen zur Einfuhr von (u.a.) pyrotechnischen Gegenständen werden von
der Zentralstelle für Sprengstoff und Pyrotechnik (ZSP) beim Bundesamt für Po-
lizei erteilt (Art. 31 Abs. 1 SprstV). Ohne Bewilligung dürfen im Reiseverkehr Feu-
erwerkskörper der Kategorien F1–F3 eingeführt werden, ausgenommen am Bo-
den knallende Feuerwerkskörper, mit einem Bruttogesamtgewicht von höchstens
2,5 kg (Art. 31 Abs. 2 SprstV). Ein Erwerbsschein ist für den Erwerb von pyro-
technischen Gegenständen der Kategorien T2, P2 und F4 erforderlich (Art. 47
Abs. 1 SprstV). Wer einen Erwerbsschein für pyrotechnische Gegenstände er-
halten will, hat die in Anhang 4 SprstV vorgesehenen Angaben zu machen und
mit seiner Unterschrift zu bestätigen. Das Gesuch ist bei der vom Kanton be-
zeichneten Behörde einzureichen (Art. 47 Abs. 1 SprstV). Der Erwerbsschein ist
höchstens ein Jahr gültig (Art. 47 Abs. 4 SprstV). Liegt eine vom Kanton oder von
der Gemeinde ausgestellte und diesem Artikel entsprechende Bewilligung zum
Abbrennen (Abbrandbewilligung) von pyrotechnischen Gegenständen der Kate-
gorien T2 und F4 vor, so ist für eine Verwendung im Rahmen dieser Bewilligung
kein Erwerbsschein nötig (Art. 47 Abs. 5 SprstV). Pyrotechnische Gegenstände
der Kategorie F4 durften nach der entsprechenden Information über die Handha-
bung und die Sicherheitsvorkehrungen durch den Verkäufer an den Käufer ab-
gegeben werden, solange keine entsprechenden Verwendungsausweise für py-
rotechnische Gegenstände und kein Erwerbsschein für diese Kategorie erhältlich
waren, längstens jedoch bis zum 1. Januar 2014 (Art. 119a Abs. 7 SprstV).
8.3.2 Subsumtion objektiver Tatbestand
8.3.2.1 Es ist erstellt, dass der Beschuldigte im Besitz von 24 Stück Feuerwerkskörpern
der Kategorie F4 war, nämlich von 14 Stück Kreiselblitz Zink, 2 Stück Kometen-
bombe KaI. 60 Zink und 8 Stück Zylinderbomben F4, 45 mm, Zylinderbomben.
Der Erwerb und damit auch der Besitz von Feuerwerkskörpern der Kategorie F4
setzt einen Erwerbsschein voraus; diesem gleichgestellt ist eine Abbrandbewilli-
gung. Der Beschuldigte verfügt weder über einen Erwerbsschein noch über eine
Abbrandbewilligung (E. 3.1.3.2). Er macht auch nicht geltend, dass er vor dem
1. Januar 2014 in den Besitz der Feuerwerkskörper der Kategorie F4 gelangt sei;
hierfür bestehen keinerlei Anhaltspunkte. Damit steht fest, dass er objektiv den
Tatbestand von Art. 37 Ziff. 1 SprstG (Besitz ohne Bewilligung) erfüllt hat.
8.3.2.2 Es ist erstellt, dass der Beschuldigte im Besitz von 922 Stück bodenknallenden
Feuerwerkskörpern war, nämlich von 861 Stück FP3 Jorge, 60 Stück JC05 Jorge
und 1 Stück Black Death, alles sogenannte Blitzknallkörper.
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1
- 47 -
Die ZSP hat für am Boden knallende Feuerwerkskörper eine Empfehlung erstellt
(pag. BA 11-01-0029 f.). Sie hält darin fest, dass sie für derartige Feuerwerkskör-
per gestützt auf Art. 8a SprstG grundsätzlich keine Einfuhrbewilligungen erteile.
Nur in äusserst restriktiv gehandhabten Ausnahmefällen, etwa für regionale Tra-
ditionen („Bögg in Zürich“), könnten sodann gegen Knallartikel-Erklärung oder
Erwerbsschein solche Produkte bezogen werden. Ein legaler Besitz sei daher in
der Schweiz abgesehen von diesen Ausnahmefällen gar nicht möglich.
Der Beschuldigte hat keinen Erwerbsschein für am Boden knallende Feuerwerks-
körper. Die Einfuhr im Reiseverkehr ist untersagt (Art. 31 Abs. 2 SprstV); mithin
kann er auch nicht auf diese Weise legal in den Besitz dieser Feuerwerkskörper
gelangt sein. Damit steht fest, dass er auch in Bezug auf die 922 Stück am Boden
knallenden Feuerwerkskörper objektiv den Tatbestand von Art. 37 Ziff. 1 SprstG
(Besitz ohne Bewilligung) erfüllt hat.
8.3.2.3 Es ist erstellt, dass der Beschuldigte im Besitz von Feuerwerkskörpern der Kate-
gorien F1–F3 war. Der Verkauf von Feuerwerkskörpern dieser Kategorien ist im
Detailhandel, unter Einhaltung der jeweiligen Altersgrenze des Käufers, gestat-
tet. Der Erwerber braucht für den privaten Gebrauch keinerlei Bewilligung. Der
Besitz ist somit nicht strafbar im Sinne von Art. 37 Ziff. 1 SprstG. Daran ändert
nichts, dass die hier in Frage stehenden Gegenstände keine CH-Identifikations-
nummer aufweisen. Diese Vorschrift betrifft die Bereitstellung auf dem Markt; sie
richtet sich an den Anbieter (Art. 24 Abs. 2 i.V.m. Art. 1a Abs. 1 lit. e SprstV).
8.3.2.4 Es ist erstellt, dass der Beschuldigte im Besitz von Rauchkörpern und Notsignal-
mitteln war. Diese Gegenstände fallen gemäss Bericht des WFD in die Katego-
rien P1 oder T1 (pag. BA 11-01-0028). Für den Verkauf besteht eine Altersgrenze
des Erwerbers; eine Bewilligungspflicht für den Erwerb besteht nicht. Der Besitz
dieser Gegenstände ist somit nicht strafbar im Sinne von Art. 37 Ziff. 1 SprstG.
8.3.2.5 Es ist erstellt, dass der Beschuldigte im Besitz von 11 Stück Nebelwurfkörper,
2 Stück Zusatzladungen Minenwerfer und 1 Signal Licht, DM 533, 28 mm, Hand,
war.
Laut Bericht des WFD handelt es sich dabei um militärisches Material, nämlich
um Rauchkörper (Nebelwurfkörper) und Munition (übrige Gegenstände). In einer
Anmerkung hält der WFD diesbezüglich fest: „Diese pyrotechnischen Gegen-
stände sind ausschliesslich für militärische Anwendungen vorgesehen und un-
terstehen somit dem Munitionsbefehl der Schweizer Armee“ (WFD-Bericht S. 6).
Der Bericht WFD äussert sich nicht darüber, ob es sich bei diesen Gegenständen
tatsächlich um Sprengstoffe bzw. um pyrotechnische Gegenstände im Sinne der
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002454/index.html#fn-#a31-1
- 48 -
Sprengstoffgesetzgebung handelt. Da nur diesbezüglich Anklage erhoben wor-
den ist, kann offen gelassen werden, ob dieser Besitz allenfalls nach anderer
Bundesgesetzgebung, z.B. dem Bundesgesetz über Waffen, Waffenzubehör und
Munition vom 20. Juni 1997 (Waffengesetz, WG [SR 514.54]), strafbar wäre.
8.3.3 Subsumtion subjektiver Tatbestand
Aufgrund des Umfangs und der Art des sichergestellten pyrotechnischen Materi-
als sowie der Aussage des Beschuldigten, dass er an Feiertagen jeweils sehr
grosse Feuerwerke abbrenne, kann zwanglos geschlossen werden, dass der Be-
schuldigte Kenntnis über die Vorschriften über den Besitz und die dafür allenfalls
notwendigen Bewilligungen hatte. Er räumte selber ein, dass ein Teil der Ware
illegal sei. Damit kann er nur gemeint haben, dass entweder der Erwerb verboten
ist oder er nicht über die notwendigen Bewilligungen für den Besitz verfügt. Ob
er wusste, welche Feuerwerkskategorie und damit welche von ihm besessenen
Gegenstände unter die Bewilligungspflicht fallen, ist nicht ausschlaggebend. Der
Beschuldigte handelte demnach mit Wissen und Willen und damit vorsätzlich.
8.3.4 Der Beschuldigte ist nach dem Gesagten der (vorsätzlich begangenen) Wider-
handlung gegen Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 37 Ziff. 1 SprstG schuldig zu sprechen.
Der Umstand, dass nicht alle von ihm besessenen Gegenstände objektiv unter
den unbefugten Verkehr fallen, führt dabei nicht zu einem teilweisen Freispruch.
8.4 Wer vorsätzlich u.a. Schutz- oder Sicherheitsvorschriften des Sprengstoffgeset-
zes (Art. 17-26 SprstG) oder einer Ausführungsverordnung missachtet, wird mit
Busse oder gemeinnütziger Arbeit bestraft (Art. 38 Ziff. 1 SprstG i.V.m. Art. 333
Abs. 3 und 106–107 StGB). Fahrlässige Begehung ist strafbar (Art. 38 Ziff. 2
SprstG).
8.4.1 Rechtliches
Wer mit Sprengmitteln oder pyrotechnischen Gegenständen umgeht, ist ver-
pflichtet, zu ihrer Sicherung sowie zum Schutze von Leben und Gut alle nach den
Umständen gebotenen und zumutbaren Massnahmen zu treffen (Art. 17 SprstG).
Sprengmittel und pyrotechnische Gegenstände sind zu sichern, insbesondere
gegen Feuer, Witterungseinflüsse, Diebstahl und Wegnahme durch Unbefugte
(Art. 22 Abs. 1 SprstG). Die im konkreten Fall gebotenen und zumutbaren Siche-
rungsmassnahmen stehen unter anderem in Relation zum jeweiligen Gefahren-
potenzial eines bestimmten Sprengmittels oder pyrotechnischen Gegenstandes.
- 49 -
8.4.2 Subsumtion objektiver Tatbestand
Es ist erstellt, dass der Beschuldigte die sichergestellten pyrotechnischen Ge-
genstände (vgl. Materialauflistung des WFD) bei sich zu Hause, teilweise in Kar-
tonschachteln und teilweise lose auf dem Zimmerboden, aufbewahrte. Der Be-
schuldigte ist kinderlos und wohnt in Wohngemeinschaft mit einem Kollegen.
Feuerwerkskörper der Kategorien F1 und F2 stellen eine sehr geringe bzw. ge-
ringe Gefahr dar und dürfen an Minderjährige verkauft werden. Demnach können
auch an ihre sichere Aufbewahrung keine erhöhten Anforderungen gestellt wer-
den. Es muss genügen, dass solche Gegenstände in Innenräumen, sicher vor
kleineren Kindern und nicht in der Nähe von offenem Feuer aufbewahrt werden.
Feuerwerkskörper der Kategorie F3 stellen eine mittlere Gefahr dar und dürfen
nur an Erwachsene verkauft werden. Es muss hier zusätzlich genügen, dass
diese nicht in die Hand Minderjähriger gelangen. Die Art und Weise der Aufbe-
wahrung der Feuerwerkskörper der Kategorien F1 bis F3 mag nicht ideal sein,
kann aber nicht als Missachtung der Sicherheitsvorschriften angesehen werden.
Feuerwerkskörper der Kategorie F4 stellen eine grosse Gefahr dar. Sie dürfen
nur von Personen mit besonderen Fachkenntnissen und im gewerblichen Ge-
brauch verwendet werden. Der Verkauf im Detailhandel ist verboten. Wer solche
Gegenstände (auch unerlaubterweise) besitzt, muss daher für erhöhte Sicherung
sorgen. Da sie für den gewerblichen Gebrauch bestimmt sind, entspricht eine
Aufbewahrung in Wohnräumen zum Vorneherein nicht der gebotenen Sicherheit.
Ein allfälliger Brand oder eine Entwendung durch Unbefugte könnte verheerende
Folgen haben. Es wäre dem Beschuldigten zumutbar gewesen, diese Feuer-
werkskörper anderweitig, etwa in einem geeigneten und genügend gegen Feuer
und unbefugte Entwendung gesicherten Gewerbegebäude, aufzubewahren.
Für am Boden knallende Feuerwerkskörper werden wegen ihrer Gefährlichkeit
keine Einfuhrbewilligungen und nur ausnahmsweise, für besondere Zwecke, Er-
werbsscheine ausgestellt. Es ist offensichtlich, dass die Aufbewahrung in Wohn-
räumen nicht sicher ist. Es wäre dem Beschuldigten zumutbar gewesen, diese
Feuerwerkskörper an einem sicheren Ort aufzubewahren (siehe vorstehend).
Damit steht fest, dass der Beschuldigte jedenfalls in Bezug auf die Feuerwerks-
körper der Kategorie F4 und die am Boden knallenden Feuerwerkskörper die Si-
cherheitsvorschriften von Art. 17 und 22 Abs. 1 SprstG nicht eingehalten hat. Der
Beschuldigte hat diesbezüglich objektiv gegen Art. 38 Ziff. 1 SprstG verstossen.
- 50 -
8.4.3 Subsumtion subjektiver Tatbestand
Unter Hinweis auf E. 8.3.3 ist festzuhalten, dass der Beschuldigte Kenntnis über
die Sicherheitsvorschriften betreffend pyrotechnische Gegenstände hatte oder er
zumindest wusste oder annehmen musste, dass solche bestehen. Da er die Ge-
genstände mit diesem Wissen in seinem Schlafzimmer aufbewahrt hat, hat er
zumindest eventualvorsätzlich die genannten Sicherheitsvorschriften missachtet.
Der Beschuldigte hat somit vorsätzlich gegen Art. 38 Ziff. 1 SprstG verstossen.
8.4.4 Der Beschuldigte ist der (vorsätzlich begangenen) Widerhandlung gegen Art. 17
und 22 Abs. 1 SprstG i.V.m. Art. 38 Ziff. 1 SprstG schuldig zu sprechen. Der Um-
stand, dass er nur einen Teil der pyrotechnischen Gegenstände vorschriftswidrig
aufbewahrt hat, führt nicht zu einem teilweisen Freispruch.
9. Konkurrenz zwischen der Sprengstoffgesetzgebung und Art. 224 ff. StGB
9.1 Gemäss Art. 40 Abs. 1 SprstG schliesst Art. 224 StGB Strafen nach dem Spreng-
stoffgesetz nur aus, wenn damit die Tat nach dem Unrechtsgehalt und dem Ver-
schulden allseitig abgegolten wird. Die Strafbestimmungen des Sprengstoffge-
setzes sind gemäss Lehre (ROELLI/FLEISCHANDERL, a.a.O., Art. 224 StGB N. 12)
daher gegenüber denjenigen von Art. 224 StGB subsidiär. Subsidiär ist ein Tat-
bestand, der nur hilfsweise angewandt wird, wenn nicht ein anderer Tatbestand
greift. Gemäss TRECHSEL/FINGERHUTH (a.a.O., Art. 224 StGB N. 12) soll hinge-
gen zumindest Art. 37 SprstG als mitbestrafte Vortat in Art. 224 StGB aufgehen.
9.2 Vorliegend liegen zwei voneinander unabhängige Sachverhalte vor: Einerseits
Widerhandlungen nach Art. 224 StGB, begangen in der Swissporarena in Luzern
anlässlich des Fussballspiels vom 21. Februar 2016, andererseits der unerlaubte
Besitz und die vorschriftswidrige Aufbewahrung von unter das Sprengstoffgesetz
fallenden pyrotechnischen Gegenständen am Domizil des Beschuldigten. Der
Umstand, dass sich laut WFD-Bericht unter dem sichergestellten pyrotechni-
schen Material 28 Ultra Rauchtöpfe Schwarz (Artikel 118-8) und 14 Zink Kreisel-
blitze befinden (pag. BA 11-01-0016), wobei je zwei solcher Gegenstände vom
Beschuldigten am 21. Februar 2016 verwendet wurden, ändert daran nichts. Die
Bestrafung nach Art. 224 StGB für die Taten vom 21. Februar 2016 kann zum
Vorneherein nicht die Widerhandlungen gegen das Sprengstoffgesetz abgelten.
- 51 -
10. Strafzumessung
10.1 Rechtliches
10.1.1 Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für
mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der
schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass
der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es an das
gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
Bei der Bildung der Gesamtstrafe nach dem Asperationsprinzip gemäss Art. 49
Abs. 1 StGB ist nach der Rechtsprechung vorab der Strafrahmen für die
schwerste Straftat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für die schwerste
Tat innerhalb dieses Strafrahmens festzusetzen. Schliesslich ist die Einsatzstrafe
unter Einbezug der anderen Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips
angemessen zu erhöhen. Das Gericht hat mithin in einem ersten Schritt, unter
Einbezug aller straferhöhenden und strafmindernden Umstände, gedanklich die
Einsatzstrafe für das schwerste Delikt festzulegen. In einem zweiten Schritt hat
es diese Einsatzstrafe unter Einbezug der anderen Straftaten zu einer Gesamt-
strafe zu erhöhen, wobei es ebenfalls den jeweiligen Umständen Rechnung zu
tragen hat (Urteile des Bundesgerichts 6B_405/2011 und 6B_406/2011 vom
24. Januar 2012 E. 5.4; 6B_1048/2010 vom 6. Juni 2011 E. 3.1; 6B_218/2010
vom 8. Juni 2010 E. 2.1; 6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.2.2; 6B_297/2009
vom 14. August 2009 E. 3.3.1; 6B_579/2008 vom 27. Dezember 2008 E. 4.2.2,
je m.w.H.). Die tat- und täterangemessene Strafe ist dabei grundsätzlich inner-
halb des ordentlichen Strafrahmens der (schwersten) anzuwendenden Strafbe-
stimmung festzusetzen. Der ordentliche Strafrahmen wird bei Vorliegen von
Strafschärfungs- bzw. Strafmilderungsgründen nicht automatisch erweitert; er ist
nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die
betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde er-
scheint (BGE 136 IV 55 E. 5.8). Mit der Gesamtstrafe ist die für das schwerste
Delikt gesetzlich festgelegte Mindeststrafe in jedem Fall zu überschreiten
(ACKERMANN, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 49 StGB N. 121).
Die Bildung einer Gesamtstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich, während
ungleichartige Strafen kumulativ zu verhängen sind. Mehrere gleichartige Strafen
liegen vor, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss
gleichartige Strafen ausfällt (konkrete Methode). Dass die anzuwendenden Straf-
bestimmungen abstrakt gleichartige Strafen vorsehen, genügt nicht (BGE 138 IV
120 E. 5.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_375/2014 vom 28. August 2014
E. 2.7.1; ACKERMANN, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel 2007, Art. 49 StGB
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- 52 -
N. 86 f., 90). Die Bildung einer Gesamtstrafe ist bei ungleichartigen Strafen nicht
möglich (Urteil des Bundesgerichts 6B_785/2009 vom 23. Februar 2010 E. 5.5
mit Hinweisen). Die Praxis zu Art. 68 aStGB ist somit weiterhin massgebend.
Gemäss dieser Rechtsprechung mussten beide Strafen verhängt und konnte
keine Gesamtstrafe gebildet werden, wenn jemand einerseits mit einer Freiheits-
strafe und anderseits mit einer Busse zu bestrafen war (BGE 102 IV 242 E. 5 mit
Hinweisen). Dies gilt gleichermassen nach neuem Recht, ungeachtet dessen,
dass durch die am 1. Januar 2007 in Kraft getretene Revision des Allgemeinen
Teils des Strafgesetzbuchs neue Strafarten hinzugekommen sind. Die Bildung
einer Gesamtstrafe – sowie einer Zusatzstrafe – ist nur möglich, wenn mehrere
Geldstrafen, mehrfache gemeinnützige Arbeit, mehrere Freiheitsstrafen oder
mehrere Bussen ausgesprochen werden (zum Ganzen: BGE 137 IV 57 E. 4.3.1).
Die Täterkomponenten (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB; vgl. dazu E. 10.1.2) – die mit
der konkreten Straftat nicht im unmittelbaren Tatzusammenhang stehen – sind
dabei erst (und nur einmal) nach der Festlegung der (hypothetischen) Gesamt-
strafe für sämtliche Delikte zu berücksichtigen (Urteile des Bundesgerichts
6B_105/2015 vom 13. Januar 2016 E. 1.4.2; 6B_375/2014 vom 28. August 2014
E. 2.6; 6B_466/2013 vom 25. Juli 2013 E. 2.3.2).
10.1.2 Innerhalb des Strafrahmens misst das Gericht die Strafe nach dem Verschulden
des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse
sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47 Abs. 1 StGB).
Das Verschulden bestimmt sich nach der Schwere der Verletzung oder Gefähr-
dung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den
Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach, wie weit der Täter nach den
inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Tat zu vermeiden (Art. 47
Abs. 2 StGB). Somit kommt dem (subjektiven) Tatverschulden eine entschei-
dende Rolle zu (BGE 136 IV 55 E. 5.4). Ausgehend von der objektiven Tat-
schwere hat das Gericht dieses Verschulden zu bewerten. Es hat im Urteil dar-
zutun, welche verschuldensmindernden und -erhöhenden Gründe im konkreten
Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamteinschätzung des Tatverschuldens zu
gelangen (BGE 136 IV 55 E. 5.5). Der Gesetzgeber hat einzelne Kriterien aufge-
führt, die für die Verschuldenseinschätzung von wesentlicher Bedeutung sind
und das Tatverschulden vermindern bzw. erhöhen (BGE 136 IV 55 E. 5.5, 5.6).
Das Gesetz führt indes weder alle in Betracht zu ziehenden Elemente detailliert
und abschliessend auf, noch regelt es deren exakte Auswirkungen bei der Be-
messung der Strafe. Es liegt im Ermessen des Gerichts, in welchem Umfang es
die verschiedenen Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt. Dabei ist es nicht
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=str&query_words=asperationsprinzip&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F102-IV-242%3Ade&number_of_ranks=0#page242 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=str&query_words=einsatzstrafe&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-IV-57%3Ade&number_of_ranks=0#page57
- 53 -
gehalten, in Zahlen oder Prozenten anzugeben, wie es die einzelnen Strafzu-
messungskriterien berücksichtigt (BGE 136 IV 55 E. 5.6 S. 61; 134 IV 17 E. 2.1;
Urteil des Bundesgerichts 6B_650/2007 vom 2. Mai 2008 E. 10.1).
10.1.3 Nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit soll bei alternativ zur Verfügung ste-
henden Sanktionen im Regelfall diejenige gewählt werden, die weniger stark in
die persönliche Freiheit des Betroffenen eingreift bzw. die ihn am wenigsten hart
trifft. Im Vordergrund steht daher auch bei Strafen von sechs Monaten bis zu
einem Jahr die Geldstrafe als gegenüber der Freiheitsstrafe mildere Sanktion
(BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123; 134 IV 97 E. 4.2.2, 82 E. 4.1; je mit Hinweisen).
Mit Art. 41 StGB hat der Gesetzgeber für Strafen unter sechs Monaten eine ge-
setzliche Prioritätsordnung zugunsten nicht freiheitsentziehender Sanktionen
eingeführt (BGE 134 IV 82 E. 4.1 mit Hinweis; vgl. zum Ganzen auch Urteil des
Bundesgerichts 6B_375/2014 vom 28. August 2014 E. 2.7.1).
10.2 Strafrahmen
Der Beschuldigte hat mehrere Straftatbestände erfüllt. Abstrakt schwerste Tat ist
Art. 224 Abs. 1 StGB. Dieser Tatbestand droht Freiheitsstrafe nicht unter einem
Jahr an; der Strafrahmen beträgt damit Freiheitsstrafe von einem bis zu 20 Jah-
ren (Art. 40 StGB). Die obere Grenze kann nach Art. 49 Abs. 1 StGB nicht über-
schritten werden; die untere Grenze ist bei Tatmehrheit zwingend zu erhöhen.
Die weiteren Strafbestimmungen drohen an: Art. 122 StGB Freiheitsstrafe bis zu
zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen; Art. 144 Abs. 1 StGB
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe; Art. 144 Abs. 1 StGB i.V.m.
Art. 172ter Abs. 1 StGB Busse; Art. 37 Ziff. 1 SprstG i.V.m. Art. 333 Abs. 2 lit. b
StGB Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe; Art. 38 Ziff. 1 SprstG
i.V.m. Art. 333 Abs. 3 und Art. 106–107 StGB Busse oder gemeinnützige Arbeit.
Die Geldstrafe beträgt höchstens 360 Tagessätze (Art. 34 Abs. 1 StGB), ein Ta-
gessatz beträgt höchstens Fr. 3‘000.-- (Art. 34 Abs. 2 Satz 1 StGB).
Die Busse beträgt höchstens Fr. 10‘000.--, soweit es das Gesetz nicht anders
bestimmt (Art. 106 Abs. 1 StGB). Letzteres ist vorliegend nicht der Fall.
10.3 Bemessung der Einsatzstrafe
10.3.1 Gegenstand der Bemessung der Einsatzstrafe bildet die Verurteilung nach
Art. 224 Abs. 1 StGB, wofür zwingend eine Freiheitsstrafe auszusprechen ist.
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- 54 -
10.3.2 Tatkomponenten
10.3.2.1 Aufgrund der identischen Handlungsweise und des identischen Tatmittels wird
die Verwendung der beiden Sprengkörper (Kreiselblitze) gemeinsam behandelt.
Der Beschuldigte hat mit seinem Handeln eine grosse Zahl an Menschen – Sta-
dionbesucher, Fussballspieler und Funktionäre – konkret an Leib und Leben so-
wie deren Eigentum (Kleider und andere mitgeführte Gegenstände) gefährdet.
Die Personen hatten wegen der äusseren Gegebenheiten im Stadion oder ihrer
Aufgabe sowie wegen des unerwarteten Werfens der Sprengkörper keine Mög-
lichkeit, der Gefahr auszuweichen. Darin liegt eine hinterhältige Vorgehensweise.
Dass der Beschuldigte die Kreiselblitze aus dem Zuschauerbereich weg in Rich-
tung Spielfeld warf, relativiert sein Verschulden nicht, denn es befanden sich
auch auf dem Spielfeld Personen. Ausserdem ist gemäss Herstellerangaben ein
Sicherheitsabstand von 55 Metern einzuhalten; der Wurf ging jedoch nur wenige
Meter weit. Es ist einzig dem Zufall zu verdanken, dass nur eine Person verletzt
worden ist. Diese Umstände zeigen das Ausmass der konkreten Gefährdung auf.
Das objektive Tatverschulden ist aufgrund dieser Umstände sowohl bei der Ver-
wendung des ersten als auch bei jener des zweiten Sprengkörpers nicht mehr
leicht.
10.3.2.2 Der Beschuldigte gab zum Tatmotiv Ärger über den ehemaligen Sicherheitsver-
antwortlichen des FC Luzern an; dieser habe beim letzten Gastspiel des FC
St. Gallen dessen Fans aufgefordert, ein Transparent zu entfernen, was die Fans
befolgt hätten. Entgegen dessen Zusicherung seien dann doch Stadionverbote
ausgesprochen worden, was die St. Galler Fans verärgert habe. Er (der Beschul-
digte) sei bei jenem Spiel nicht anwesend gewesen. Beim Fussballspiel vom
21. Februar 2016 sei er von jemandem aus der Fanszene im Stadion motiviert
worden, die pyrotechnischen Gegenstände zu zünden. Dazu habe er sich zuerst
vermummt und sich dann unter der grossen Fahne nach vorne bis zur Absper-
rung begeben; danach sei er wieder zurückgegangen und habe sich „entmummt“.
Er sei wegen Problemen sehr schlecht gelaunt gewesen, aber nicht alkoholisiert.
Er sei mit der Fangruppe im Zug an- und wieder nach St. Gallen zurückgereist.
Er gehöre selber keiner Fangruppierung an (pag. 13-01-6 ff.; TPF pag. 3.931.3).
Die Stadionaufnahmen zeigen, dass mehrere Personen dem Beschuldigten nach
dem Werfen der Sprengkörper die Hand reichten; er stand also offenbar in Kon-
takt mit anderen Fans. Anhaltspunkte, dass er dabei unter einem Gruppendruck
gestanden hätte, liegen nicht vor; dies wird von ihm auch nicht geltend gemacht.
Das von ihm genannte Motiv – eine Rachehandlung für andere St. Galler Fans –
- 55 -
ist in keiner Weise entschuldigend, zumal das gegen jene Fans ausgesprochene
Stadionverbot ihn nicht betraf. Selbst die nach dem Werfen der Rauchtöpfe – vor
dem Werfen der Sprengkörper – erfolgte Stadiondurchsage, wonach aus Sicher-
heitsgründen keine pyrotechnischen Gegenstände abgebrannt werden dürfen,
hielt ihn nicht von seinem Handeln ab. Auch eine von der FC St. Gallen AG am
23. September 2015 wegen Verstosses gegen die Platz- und Stadionordnung –
der Beschuldigte hatte geholfen, Gegenstände über Absperrungen zu geben –
verhängte gesamtschweizerische Verwarnung mit Geltung vom 7. August 2015
bis zum 6. August 2016 liess den Beschuldigten offenbar unbeeindruckt (pag.
07-02-32 ff.). Seine Tat ist nicht nachvollziehbar und der Vergeltungsakt als sol-
cher verwerflich. Es wäre dem Beschuldigten ohne weiteres möglich gewesen,
seine Tat und deren Folgen zu vermeiden. Im Gesamtkontext ist das subjektive
Tatverschulden nicht mehr leicht.
10.3.3 Die gedankliche Einsatzstrafe ist auf 15 Monate Freiheitsstrafe festzulegen.
10.4 Diese Strafe ist in Anwendung des Asperationsprinzips – soweit gleichartige Stra-
fen gemäss Art. 49 Abs.1 StGB auszusprechen sind – angemessen zu erhöhen.
10.4.1 In dieser Hinsicht ist zunächst die zweite Verurteilung nach Art. 224 Abs. 1 StGB
in Bezug auf das Werfen des zweiten Sprengkörpers (sog. umgesetzter Spreng-
körper gemäss Anklageschrift Ziff. 1.1 S. 3 Absatz 4; vgl. E. 4.5) zu würdigen.
Zum Tatverschulden kann auf das zur Einsatzstrafe Gesagte verwiesen werden
(E. 10.3). Das objektive Tatverschulden wiegt dabei im Vergleich zur ersten Tat
nicht schwerer, nur weil sich der Sprengkörper umsetzte, denn es liegt ein Ge-
fährdungsdelikt vor. Die gleiche Gefährdung war schon beim ersten Sprengkör-
per gegeben, da auch dieser funktionsfähig war; dass jener nicht explodierte, ist
auf andere Umstände zurückzuführen, die für das Verschulden nicht relevant
sind. Indessen ist das subjektive Tatverschulden höher zu gewichten, da der Be-
schuldigte nicht von seinem Handeln Abstand nahm. Er wollte, dass mindestens
ein Sprengkörper explodierte, ansonsten hätte er den zweiten nicht mehr gewor-
fen.
Die Einsatzstrafe ist für die zweite Tathandlung um 6 Monate Freiheitsstrafe zu
erhöhen. Die Verurteilung wegen mehrfacher Widerhandlung gegen Art. 224
Abs. 1 StGB wird somit gesamthaft mit 21 Monaten Freiheitsstrafe abgegolten.
10.4.2 Die Einsatzstrafe ist aufgrund der Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung
(Art. 122 StGB) weiter zu erhöhen. Diese Tat ist objektiv und subjektiv von einer
- 56 -
Schwere, dass eine nach Art. 122 StGB grundsätzlich mögliche Geldstrafe aus-
geschlossen ist. Für diese Tat ist demnach eine Freiheitsstrafe auszusprechen.
Der Beschuldigte hat die Gesundheit eines Stadionbesuchers schwer und in ir-
reversibler Weise geschädigt; die Lebensqualität des Opfers ist in grossem
Masse und dauernd eingeschränkt. Der verursachte Erfolg ist erheblich. Der Be-
schuldigte nahm in Kauf, eine beliebige, ihm unbekannte Person zu verletzen.
Zu berücksichtigen ist zu seinen Gunsten, dass kein direkter Vorsatz vorlag. Die
Vorgehensweise des Beschuldigten ist rücksichtslos und hinterhältig. Das Tat-
motiv eines „Vergeltungsakts“ gegenüber dem Fussballclub Luzern ist nicht
nachvollziehbar und verwerflich. Die Tat ist in keiner Weise entschuldbar. Sie
wäre vom Beschuldigten leicht zu vermeiden gewesen. Zu den subjektiven Tat-
komponenten kann im Übrigen, da Idealkonkurrenz der Tatbestände gegeben
ist, auf die Ausführungen zu Art. 224 Abs. 1 StGB verwiesen werden (E. 10.4.1).
Das objektive und das subjektive Tatverschulden sind im Vergleich zur Wider-
handlung gegen Art. 224 Abs. 1 StGB höher zu gewichten, im Bereich von nicht
mehr leicht bis mittelschwer. Die Einsatzstrafe von 21 Monaten ist wegen Verur-
teilung zu schwerer Körperverletzung um 15 Monate Freiheitsstrafe zu erhöhen.
10.4.3 Die (hypothetische) Gesamtstrafe gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB für die mit Frei-
heitsstrafe zu ahndenden Verbrechen beträgt nach dem Gesagten 36 Monate.
10.5 In Bezug auf die Vergehen (Art. 37 Ziff. 1 SprstG und Art. 144 Abs. 1 StGB) ist
die objektive und subjektive Tatschwere nicht derart, dass zwingend eine Frei-
heitsstrafe auszusprechen ist. Nach dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit
(E. 10.1.3) sind für diese Taten demzufolge separate Geldstrafen auszufällen.
10.5.1 In Bezug auf die Widerhandlung gegen Art. 37 Ziff. 1 SprstG steht fest, dass der
Beschuldigte gegen 1‘000 pyrotechnische Gegenstände unrechtmässig in Besitz
hatte. Die grosse Anzahl und die Art dieser Gegenstände weisen auf ein erhebli-
ches Gefährdungspotenzial hin. Das objektive Tatverschulden ist nicht mehr
leicht. Zu welchem Zweck der Beschuldigte diese Gegenstände in Besitz hatte,
steht nicht fest. Eine rein friedfertige Verwendung am 1. August und Silvester,
wie von ihm behauptet, erscheint jedenfalls wenig glaubhaft. Denn er räumte ein,
dass ein Teil dieser Gegenstände illegal sei, weshalb er diese bei solchen Anläs-
sen kaum hätte verwenden können, ohne sich der Gefahr einer Strafverfolgung
auszusetzen. In subjektiver Hinsicht ist das Verschulden nicht mehr leicht. Als
gedankliche Einsatzstrafe ist eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen festzusetzen.
10.5.2 Diese Strafe ist aufgrund der Sachbeschädigung nach Art. 144 Abs. 1 StGB zum
Nachteil der Privatklägerin 2 angemessen zu erhöhen (Art. 49 Abs. 1 StGB).
- 57 -
10.5.2.1 Ein Schaden von mindestens Fr. 10'000.-- gilt gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung als gross und kann nach Art. 144 Abs. 3 StGB mit Freiheitsstrafe
von einem bis zu fünf Jahren bestraft werden (BGE 136 IV 117 E. 4.3.1 S. 119).
Die Grenze des geringen Schadens im Sinne von Art. 172ter Abs. 1 StGB liegt
demgegenüber bei Fr. 300.-- (BGE 121 IV 261). Der entstandene Schaden von
Fr. 800.-- liegt noch in der Nähe des geringen Sachschadens, jedenfalls im un-
teren Bereich des Grundtatbestands von Art. 144 Abs. 1 StGB. Er wurde durch
das Werfen der Rauchtöpfe auf den Stadionrasen verursacht. Die Tat und ihre
Folgen wären für den Beschuldigten ohne weiteres zu vermeiden gewesen. Das
objektive und subjektive Verschulden ist noch leicht. Das Bundesgericht hat Ein-
satzstrafen von 60 bzw. 55 Tagessätzen Geldstrafe für im Rahmen von Einbruch-
diebstählen in einen Kiosk begangene Sachbeschädigungen bei einem gesamt-
haften Schaden von Fr. 850.-- als übersetzt bezeichnet (Urteil des Bundesge-
richts 6B_105/2015 vom 13. Januar 2016 E. 1.4.2 und 1.2.2 i.V.m. Sachverhalt
lit. A). Eine Einsatzstrafe müsste vorliegend unterhalb jener Strafmasse liegen.
10.5.2.2 Vor der Hauptverhandlung hat der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 2
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 800.-- anerkannt und eine Geldüberweisung
ausgelöst. Der weitere von der Privatklägerin 2 geltend gemachte Schaden
wurde zwar nicht anerkannt; die Privatklägerin 2 wird aber auf den Zivilweg ver-
wiesen (E. 12.3). Es war dem Beschuldigten nicht zuzumuten, den nicht beziffer-
ten Schaden im Grundsatz anzuerkennen. Die Schadenswiedergutmachung ist
gemäss Art. 48 lit. d StGB als aufrichtige Reue strafmildernd zu berücksichtigen.
10.5.2.3 Mildert das Gericht die Strafe, so ist es nicht an die angedrohte Mindeststrafe
gebunden (Art. 48a Abs. 1 StGB). Das Gericht kann auf eine andere als die an-
gedrohte Strafart erkennen, ist aber an das gesetzliche Höchst- und Mindest-
mass der Strafart gebunden (Art. 48a Abs. 2 StGB). Einem Strafmilderungsgrund
ist mindestens strafmindernd Rechnung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts
6B_1174/2014 vom 21. April 2015 E. 1.3.3 mit Hinweis auf BGE 116 IV 11 E. 2e
S. 13). Als mildere Strafe käme vorliegend Busse oder gemeinnützige Arbeit in
Frage. Die erst kurz vor der Hauptverhandlung erfolgte Schadenswiedergutma-
chung rechtfertigt es indes nicht, auf eine andere (mildere) als die im Straftatbe-
stand vorgesehenen Strafarten zu erkennen. Der Strafmilderungsgrund ist inner-
halb des gesetzlichen Strafrahmens leicht strafmindernd zu berücksichtigen.
10.5.2.4 Nach der Rechtsprechung ist den Strafmilderungsgründen sowohl bei der Be-
messung der Einsatzstrafe als auch bei deren angemessenen Erhöhung nach
Art. 49 Abs. 1 StGB in dem Sinne Rechnung zu tragen, dass nicht nur die Ein-
satzstrafe tiefer angesetzt, sondern diese auch weniger stark erhöht wird. Diese
Strafreduktion kann aber durch die ebenso vorgeschriebene Erhöhung der Strafe
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gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB aufgewogen werden (Urteile des Bundesgerichts
6B_1174/2014 vom 21. April 2015 E. 1.3.3; 6S.270/2006 vom 5. September 2006
E. 6.1 mit Hinweis auf BGE 116 IV 300 E. 2a und c/dd S. 302 ff.).
Die Einsatzstrafe von 150 Tagessätzen Geldstrafe ist in Berücksichtigung des
Strafmilderungsgrunds etwas weniger stark zu erhöhen. Die (hypothetische) Ge-
samtstrafe für die Vergehen ist damit auf eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen
festzusetzen.
10.6 Für die Übertretungen (Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB und Art. 38
Ziff. 1 SprstG) ist aufgrund der gesetzlichen Strafdrohung je eine Busse auszu-
sprechen, wobei auch hier wiederum Art. 49 Abs. 1 StGB anzuwenden ist. Die
mögliche gemeinnützige Arbeit wurde nicht beantragt (Art. 107 Abs. 1 StGB).
10.6.1 Der Beschuldigte bewahrte eine grosse Anzahl – gegen 1‘000 Stück – an pyro-
technischen Materialien entgegen den Sicherheitsvorschriften von Art. 17 und 22
Abs. 1 SprstG in Kartonschachteln und lose auf dem Boden in seinem Schlafzim-
mer auf. Ein Zimmerbrand oder eine Entwendung hätte aufgrund der potenziellen
Gefährlichkeit dieser Gegenstände verheerende Folgen haben können. Der Be-
schuldigte hätte ohne weiteres für eine vorschriftsgemässe Aufbewahrung sor-
gen können; im Übrigen hätte er diese Gegenstände auch der Polizei übergeben
können. In objektiver und subjektiver Hinsicht liegt ein nicht mehr unerhebliches
Verschulden vor. Die Einsatzstrafe ist auf eine Busse von Fr. 500.-- festzusetzen.
10.6.2 Der Sachschaden zum Nachteil des Privatklägers 1 beträgt Fr. 99.--. Innerhalb
des privilegierten Tatbestands von Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB
liegt der Schaden – bei einer Grenze des geringen Schadens von Fr. 300.-- – im
unteren Drittel. Die Tat hätte vom Beschuldigten ohne weiteres vermieden wer-
den können. Eine direkte Schädigungsabsicht hatte er indes nicht. Objektiv und
subjektiv wiegt sein Verschulden leicht. Die Einsatzstrafe ist leicht zu erhöhen.
Es ist eine (hypothetische) Gesamtstrafe von Fr. 700.-- Busse festzusetzen.
Diese ist dem Verschulden des Beschuldigten sowie seinen persönlichen und
finanziellen Verhältnissen (vgl. E. 10.7.1) angemessen (Art. 106 Abs. 3 StGB).
10.7 Täterkomponenten
10.7.1 Vorleben und persönliche Verhältnisse
Der Beschuldigte ist knapp 24jährig. Er ist ledig und hat keine familiären Unter-
stützungspflichten. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft mit einem Kollegen und
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- 59 -
ist gesund. Er besuchte die obligatorischen Schulen, absolvierte eine Schreiner-
lehre, leistete Militärdienst und arbeitete danach wieder als Schreiner, bevor er
in den Gastbetrieb seiner Mutter eintrat. Er arbeitet heute als Allrounder im Gast-
haus seiner Mutter und nebenbei bei einem Kollegen in einer Bar. Er wird für
beide Anstellungen im Stundenlohn bezahlt; sein monatliches Einkommen be-
läuft sich gesamthaft auf ca. Fr. 3’000.--. Andere Einkünfte hat er nicht. Er hat
nach eigenen Angaben Schulden von etwa Fr. 20‘000.-- bis Fr. 30‘000.--, worun-
ter Anwaltskosten (pag. 13-01-1 f., -5, 13-01-21, 13-01-42 f.; TPF pag. 3.931.2).
Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft. Anlässlich der Hausdurchsuchung vom
7. März 2016 wurde ein Minigrip mit Marihuana, eine Hanfmühle und eine Waage
sichergestellt (pag. 08-01-11). Dieser Vorfall wurde von der zuständigen Staats-
anwaltschaft bereits mit einer Ordnungsbusse geahndet (pag. 13-01-13 Ziff. 71).
Der Beschuldigte wurde laut Betreibungsregisterauszug vom 22. Juni 2017 seit
2015 mehrmals betrieben, u.a. durch die Privatklägerin 2 und die L. AG. Mehrere
Ausstände hat er ans Betreibungsamt bezahlt. Laut Aussage in der Hauptver-
handlung ist er gewillt, die Ausstände zu begleichen, unter anderem durch ver-
mehrten Einsatz in der Bar. Dies erscheint glaubhaft, zumal er den Schaden der
Privatklägerin 2 von Fr. 800.-- bereits beglichen hat.
Die Steuererklärungen 2015 und 2016 wurden noch nicht eingereicht und sind
angemahnt worden. Für 2014 wurde ein Einkommen aus unselbständiger Er-
werbstätigkeit von Fr. 49‘365.-- veranlagt. Der Beschuldigte hat kein Vermögen.
Der Beschuldigte war im Tatzeitpunkt 22jährig. Von einem jugendlichen Leicht-
sinn kann indes nicht gesprochen werden. Weder die Sicherheitskontrollen beim
Betreten des Stadions noch die Hinweise und Verbote betreffend das Verwenden
pyrotechnischer Gegenstände hielten den Beschuldigten von seinem Tun ab.
Eine besondere Strafempfindlichkeit ist beim Beschuldigten nicht gegeben. Eine
solche ist nur bei aussergewöhnlichen Umständen zu bejahen, da die Verbüs-
sung einer Freiheitsstrafe für jede arbeitstätige und in ein familiäres Umfeld ein-
gebettete Person mit einer gewissen Härte verbunden ist (Urteile des Bundesge-
richts 6B_375/2014 vom 28. August 2014 E. 2.6; 6B_605/2013 vom 13. Januar
2014 E. 2.4.3; 6B_499/2013 vom 22. Oktober 2013 E. 1.4; je mit Hinweisen).
Umstände, welche über das hinausgehen, was als unvermeidbare Konsequenz
einer freiheitsentziehenden Sanktion gilt, sind weder dargetan noch ersichtlich.
Das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sind somit neutral zu würdigen.
- 60 -
10.7.2 Nachtatverhalten
10.7.2.1 Ein Geständnis kann nach der Rechtsprechung bei der Beurteilung des Nachtat-
verhaltens zugunsten des Täters berücksichtigt werden, wenn es auf Einsicht in
das begangene Unrecht oder auf Reue schliessen lässt oder der Täter dadurch
zur Tataufdeckung über den eigenen Tatanteil beiträgt (vgl. BGE 121 IV 202
E. 2d/cc). Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass ein Geständnis
zur Vereinfachung und Verkürzung des Verfahrens und zur Wahrheitsfindung
beitragen kann. Erleichtert das Geständnis die Strafverfolgung indes nicht, etwa
weil der Täter nur aufgrund einer erdrückenden Beweislage oder gar erst nach
Ausfällung des erstinstanzlichen Urteils geständig geworden ist, ist eine Straf-
minderung nicht angebracht (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_375/2014 vom
28. August 2014 E. 2.6; 6B_846/2013 vom 16. Juni 2014 E. 3; 6B_473/2011 vom
13. Oktober 2011 E. 5.4 und 6B_974/2009 vom 18. Februar 2010 E. 5.4).
10.7.2.2 Der Beschuldigte bestritt in der ersten Einvernahme zunächst seine Täterschaft,
gab jedoch in der gleichen Einvernahme seine Urheberschaft als Werfender der
Rauchtöpfe und Sprengkörper und damit den äusseren Sachverhalt zu. Er ver-
weigerte danach – auch vor Gericht – grundsätzlich die Aussage (E. 3.1.3). Der
Beschuldigte verhielt sich mithin nur anfänglich kooperativ. Da er zuvor anhand
von Videoaufnahmen zweifelsfrei als Täter identifiziert werden konnte (E. 3.1.1),
trug dies – auch angesichts des weiteren Aussageverhaltens – nicht zur Erleich-
terung der Ermittlungen bei. Solches wäre nur anzunehmen, wenn sich der Be-
schuldigte freiwillig – vor der Hausdurchsuchung – bei der Polizei gemeldet hätte.
Es kann sodann auch nicht von einem strafmindernd zu berücksichtigenden Teil-
geständnis gesprochen werden, da der Beschuldigte – abgesehen von der Sach-
beschädigung gegenüber der Privatklägerin 2 – Freispruch beantragt hat. Er
zeigte mithin kein Unrechtsbewusstsein; einzig die Urheberschaft räumte er ein.
Der Beschuldigte erklärte vor Gericht, er habe einen sehr grossen Fehler began-
gen, den er bis heute bereue. Sollte die Verletzung des Privatklägers 1 auf sein
Handeln zurückzuführen sein, so entschuldige er sich bei ihm (TPF pag. 3.920.8).
Im Vorverfahren hatte er erklärt, er habe niemanden verletzen wollen, und es tue
ihm leid, dass jemand verletzt worden sei (pag. 13-01-11). Die erst in der Haupt-
verhandlung im Rahmen des Schlussworts ausgesprochene – gewissermassen
„bedingte“ – Entschuldigung gegenüber dem Privatkläger 1 kann nicht als auf-
richtige Reue im Sinne des Strafmilderungsgrunds von Art. 48 lit. d StGB ver-
standen werden. Der Beschuldigte unterliess es namentlich, seinen Worten Ta-
ten folgen zu lassen. Die Äusserung hat auch keine strafmindernde Wirkung.
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In Bezug auf die Widerhandlung gegen Art. 37 Ziff. 1 SprstG hat der Beschuldigte
den Besitz der pyrotechnischen Gegenstände zwar anerkannt. Dies erfolgte un-
ter dem Druck der Hausdurchsuchung und ist demnach nicht strafmindernd zu
berücksichtigen, da es nicht zur Vereinfachung des Verfahrens beigetragen hat.
10.7.3 Gesamtstrafen
Die Täterkomponenten sind neutral zu behandeln. Damit sind die Gesamtstrafen
wie vorstehend dargelegt auszusprechen. Das Strafmass beträgt 36 Monate
Freiheitsstrafe, 180 Tagessätze Geldstrafe à je Fr. 50.-- (E. 10.8) und Fr. 700.--
Busse. Auch bei einer Gesamtbetrachtung der verschiedenen zu verhängenden
Strafen erscheinen diese insgesamt als verschuldens- und täterangemessen.
10.8 Tagessatz der Geldstrafe
Die Höhe des Tagessatzes bestimmt sich nach den persönlichen und wirtschaft-
lichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich nach Ein-
kommen und Vermögen, Lebensaufwand, allfälligen Familien- und Unterstüt-
zungspflichten sowie nach dem Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 Satz 2 StGB).
Ausgehend vom monatlichen Einkommen von ca. Fr. 3‘000.-- und geschätzten
Ausgaben für die Wohnung von Fr. 1‘000.-- (Mietanteil) und die Krankenkassen-
prämie von Fr. 400.-- ergibt sich ein strafrechtliches monatliches Nettoeinkom-
men von Fr. 1‘600.--. Die Höhe des Tagessatzes wird auf Fr. 50.-- festgesetzt.
10.9 Vollzug
10.9.1 Das Gesetz ermöglicht bedingte (Art. 42 StGB) und teilbedingte (Art. 43 StGB)
Strafen. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe, von gemeinnütziger
Arbeit oder einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten und höchstens
zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig er-
scheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen
abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Das Gericht kann den Vollzug einer Geldstrafe,
von gemeinnütziger Arbeit oder einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr
und höchstens drei Jahren nur teilweise aufschieben, wenn dies notwendig ist,
um dem Verschulden des Täters genügend Rechnung zu tragen (Art. 43 Abs. 1
StGB). Der unbedingt vollziehbare Teil darf die Hälfte der Strafe nicht übersteigen
(Art. 43 Abs. 2 StGB). Sowohl der aufgeschobene wie auch der zu vollziehende
Teil der Strafe muss mindestens sechs Monate betragen (Art. 43 Abs. 3 StGB).
Grundvoraussetzung für die teilbedingte Strafe im Sinne von Art. 43 StGB ist eine
begründete Aussicht auf Bewährung. Zwar fehlt ein entsprechender Verweis auf
- 62 -
Art. 42 StGB, doch ergibt sich dies aus Sinn und Zweck von Art. 43 StGB. Wenn
und soweit die Legalprognose des Täters nicht schlecht ausfällt, verlangt die Be-
stimmung, dass zumindest ein Teil der Strafe auf Bewährung ausgesetzt wird.
Umgekehrt gilt, dass bei einer Schlechtprognose auch ein bloss teilweiser Auf-
schub der Strafe nicht gerechtfertigt ist. Denn wo keinerlei Aussicht besteht, der
Täter werde sich in irgendeiner Weise durch den – ganz oder teilweise – gewähr-
ten Strafaufschub beeinflussen lassen, muss die Strafe in voller Länge vollzogen
werden. Die Auffassung, dass die subjektiven Voraussetzungen von Art. 42 StGB
auch für die Anwendung von Art. 43 StGB gelten müssen, entspricht ganz über-
wiegender Lehrmeinung (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1 S. 10, mit Hinweisen). Für Frei-
heitsstrafen, die über der Grenze für bedingte Strafen liegen (zwischen zwei und
drei Jahren), sieht Art. 43 StGB einen eigenständigen Anwendungsbereich vor.
An die Stelle des vollbedingten Strafvollzuges, der hier ausgeschlossen ist
(Art. 42 Abs. 1 StGB), tritt der teilbedingte Vollzug, wenn die subjektiven Voraus-
setzungen dafür gegeben sind. Der Zweck der Spezialprävention findet seine
Schranke am gesetzlichen Erfordernis, dass angesichts der Schwere des Ver-
schuldens wenigstens ein Teil der Strafe zu vollziehen ist. Hierin liegt die "haupt-
sächliche Bedeutung" bzw. der "Hauptanwendungsbereich" von Art. 43 StGB
(BGE 134 IV 1 E. 5.5.1 S. 14). Wenn das Gericht auf eine teilbedingte Strafe
erkennt, hat es im Zeitpunkt des Urteils den aufgeschobenen und den zu vollzie-
henden Strafteil festzusetzen und die beiden Teile in ein angemessenes Verhält-
nis zu bringen. Nach Art. 43 StGB muss der unbedingt vollziehbare Teil mindes-
tens sechs Monate betragen (Abs. 3), darf aber die Hälfte der Strafe nicht über-
steigen (Abs. 2). Im äussersten Fall (Freiheitsstrafe von drei Jahren) kann das
Gericht demnach Strafteile im Ausmass von sechs Monaten Freiheitsstrafe un-
bedingt mit zweieinhalb Jahren bedingt verbinden. Innerhalb des gesetzlichen
Rahmens liegt die Festsetzung im pflichtgemässen Ermessen des Gerichts. Als
Bemessungsregel ist das "Verschulden" zu beachten, dem in genügender Weise
Rechnung zu tragen ist (Art. 43 Abs. 1 StGB). Das Verhältnis der Strafteile ist so
festzusetzen, dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters
einerseits und dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum Ausdruck
kommen. Je günstiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbarkeit der Tat,
desto grösser muss der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil sein. Der unbe-
dingte Strafteil darf dabei das unter Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB)
gebotene Mass nicht unterschreiten (BGE 134 IV 1 E. 5.6 S. 15; zum Ganzen
auch Urteil des Bundesgerichts 6B_785/2007 vom 14. Mai 2008 E. 3.1).
10.9.2 Aus objektiven Gründen kann vorliegend nur ein teilweiser Strafaufschub der
Freiheitsstrafe gemäss Art. 43 StGB in Betracht fallen. In Bezug auf die Legal-
prognose ist Folgendes festzuhalten: Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft und
beruflich wie sozial integriert. Vor Gericht hat er zwar ausgeführt, der Vorfall vom
- 63 -
21. Februar 2016 habe sein Leben nachhaltig verändert (TPF pag. 3.920.8). Vor
Kreisgericht St. Gallen ist jedoch – zufolge Einsprache des Beschuldigten gegen
den Strafbefehl des Untersuchungsamts St. Gallen vom 8. Februar 2017 – ein
Strafverfahren wegen Tätlichkeiten (Art. 126 Abs. 1 StGB) und Beschimpfung
(Art. 177 StGB) sowie Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz (Art. 37 Ziff. 1
SprstG) hängig. Die Hauptverhandlung ist auf den 31. August 2017 angesetzt
(TPF pag. 3.292.2). Der Beschuldigte soll laut Strafbefehl am 1. Juli 2016 an ei-
nem Open Air-Festival eine Person beschimpft und ihr einen Tritt gegen das Bein
versetzt sowie am 1. August 2016 auf offener Strasse mehrere am Boden knal-
lende Feuerwerkskörper des Typs „Jorge Nitraat“ gezündet und damit gegen
Art. 37 Ziff. 1 SprstG verstossen haben (pag. BA-17-01-0009 ff.). Obwohl die Un-
schuldsvermutung gilt, ist jedenfalls im Umstand des laufenden Strafverfahrens
ein Indiz zu erblicken, dass sich der Beschuldigte auch seit seinen Handlungen
in der Swissporarena vom 21. Februar 2016 nicht gesetzeskonform verhält, na-
mentlich weiterhin verbotenerweise pyrotechnische Gegenstände besitzt und
verwendet. Auch der verbotene Besitz von gegen 1‘000 pyrotechnischen Gegen-
ständen, die am 7. März 2016 in seiner Wohnung beschlagnahmt worden waren,
spricht dafür, dass sich der Beschuldigte offenbar nicht an die gesetzlichen Vor-
schriften halten will. Es kann daher nicht gesagt werden, dass der Vorfall in der
Swissporarena eine einmalige Entgleisung war. In diesem Lichte kann nur mit
erheblichen Bedenken eine den teilbedingten Vollzug gänzlich ausschliessende
schlechte Prognose verneint werden. Das Gericht geht indessen davon aus, dass
die erstmalige Bestrafung zu einer (längeren) Freiheitsstrafe den Beschuldigten
künftig zu Wohlverhalten anhalten wird. Bei einer Gesamtbetrachtung, die auch
die Wirkung des Strafvollzugs einbezieht, kann ihm somit keine schlechte Prog-
nose gestellt werden, die einen teilbedingten Strafvollzug ausschliessen würde.
Demnach kann dem Beschuldigten der teilbedingte Strafvollzug gewährt werden.
10.9.3 Der unbedingt zu vollziehende Teil der Strafe muss mindestens sechs Monate
und darf im vorliegenden Fall höchstens 18 Monate betragen. Es liegt mehrfache
Tatbegehung vor. Der Beschuldigte hat seine Taten aus nicht nachvollziehbaren
Gründen (Vergeltungsakt), auf rücksichtslose und hinterhältige Art begangen und
im Wissen darum, dass unbeteiligte Dritte geschädigt werden könnten. Die Ver-
letzung des Privatklägers B. hat er in Kauf genommen. Das Verschulden wiegt
beim Tatbestand von Art. 224 Abs. 1 StGB nicht mehr leicht und beim Tatbestand
von Art. 122 StGB im Bereich von nicht mehr leicht bis mittelschwer. Dieses Tat-
verschulden legt nahe, den unbedingt zu vollziehenden Teil erheblich über dem
Mindestmass von sechs Monaten festzusetzen, und zwar im Bereich von 12 Mo-
naten. Die ebenfalls zu berücksichtigende Legalprognose, welche nur mit erheb-
- 64 -
lichen Bedenken bejaht werden kann, führt dazu, dass der unbedingt zu vollzie-
hende Teil auf die Hälfte der Freiheitsstrafe, mithin auf 18 Monate, festzusetzen
ist. Der Strafaufschub ist für die restlichen 18 Monate zu gewähren.
10.9.4 Für die Geldstrafe kann der Strafaufschub in vollem Umfang gewährt werden.
10.9.5 Schiebt das Gericht den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise auf, so bestimmt
es dem Verurteilten eine Probezeit von zwei bis fünf Jahren (Art. 44 Abs. 1 StGB).
Dem Verschulden entsprechend ist eine Probezeit von drei Jahren angezeigt.
10.9.6 Für den Fall, dass die Busse von Fr. 700.-- schuldhaft nicht bezahlt wird, ist eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 7 Tagen anzuordnen (Art. 106 Abs. 2 und 3 StGB; vgl.
HEIMGARTNER, Basler Kommentar, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 106 StGB N. 11 ff.).
10.9.7 Der Vollzugskanton ist Luzern (Art. 74 Abs. 1 und 2 StBOG i.V.m. Art. 31 StPO).
11. Einziehung; beschlagnahmte Gegenstände
11.1 Ist der Grund für die Beschlagnahme weggefallen, so hebt die Staatsanwaltschaft
oder das Gericht die Beschlagnahme auf und händigt die Gegenstände oder Ver-
mögenswerte der berechtigten Person aus (Art. 267 Abs. 1 StPO). Ist die Be-
schlagnahme nicht vorher aufgehoben worden, so ist über die Rückgabe an die
berechtigte Person, die Verwendung zur Kostendeckung oder die Einziehung im
Endentscheid zu befinden (Art. 267 Abs. 3 StPO).
Der Sicherungseinziehung unterliegen ohne Rücksicht auf die Strafbarkeit einer
bestimmten Person Gegenstände, die zur Begehung einer Straftat gedient haben
oder bestimmt waren oder die durch eine Straftat hervorgebracht worden sind,
wenn diese Gegenstände die Sicherheit von Menschen, die Sittlichkeit oder die
öffentliche Ordnung gefährden (Art. 69 Abs. 1 StGB). Das Gericht kann anord-
nen, dass die eingezogenen Gegenstände unbrauchbar gemacht oder vernichtet
werden (Art. 69 Abs. 2 StGB).
11.2 Die Bundesanwaltschaft hat die bei Anklageerhebung noch beschlagnahmten
Gegenstände und Vermögenswerte in der Anklage bezeichnet (Anklage Ziff. 4).
Sie beantragt die Einziehung und Vernichtung oder Unbrauchbarmachung aller
Gegenstände gemäss der Materialauflistung aus der Hausdurchsuchung beim
Beschuldigten vom 7. März 2016 (pag. BA-11-01-0023 bis -0027). Weiter bean-
tragt sie, die ebenfalls bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmten Gegen-
stände „zwei A4-Seiten mit Auflistungen“ (pag. BA-10-01-0047, BA-10-01-0048)
- 65 -
sowie eine am 21. Juni 2016 beschlagnahmte Festplatte „WD Elements“ (pag.
BA-08-02-0003) seien nach Rechtskraft des Urteils in den Akten zu belassen.
Der Beschuldigte widersetzt sich diesen Anträgen nicht (vorne Antrag Ziff. 7). In
der Einvernahme stimmte er der Einziehung ausdrücklich zu (TPF pag. 3.931.6).
11.3 Gemäss Beschlagnahmeprotokoll der Luzerner Polizei vom 7. März 2016 handelt
es sich bei den pyrotechnischen Gegenständen um diverses Material mit einem
Bruttoexplosivgewicht von 100 kg (pag. 08-01-6). Die Gegenstände sind in einer
Fotodokumentation der Luzerner Polizei vom 9. März 2016 aufgelistet und näher
bezeichnet (pag. 07-02-19 ff.). Sämtliche aufgelisteten pyrotechnischen Gegen-
stände haben keine schweizerische Identifikationsnummer. Ausserdem wurde di-
verses Zubehör (u.a. Kartonzylinder, Metallzylinder, Klebeband, Gurt, Maske,
Brille, Handschuhe) sichergestellt. Der vom Beschuldigten geltend gemachte Ge-
brauch (Verwendung am 1. August und 31. Dezember) ist nicht glaubhaft. Er
räumte zudem ein, dass ein Teil der von ihm gelagerten Gegenstände illegal ist
(pag. 13-01-14). Aufgrund der vorliegend zu beurteilenden Taten und der zuvor
verhängten schweizweiten Verwarnung durch die FC St. Gallen AG ist nicht aus-
zuschliessen, dass die pyrotechnischen Gegenstände für strafbare Handlungen
bestimmt sind. Sie stellen damit eine Gefahr für die Sicherheit von Menschen
dar. Das Gleiche gilt für die weiteren (nicht pyrotechnischen) Gegenstände; sie
stehen offensichtlich im Zusammenhang mit der Verwendung der pyrotechni-
schen Gegenstände. Die Gegenstände gemäss der Materialauflistung aus der
Hausdurchsuchung beim Beschuldigten vom 7. März 2016 (pag. BA-11-01-0023
bis -0027) sind demzufolge gemäss Art. 69 StGB einzuziehen und zu vernichten.
Die beim Beschuldigten sichergestellten zwei A4-Seiten mit Auflistungen zu
Fussballpartien (pag. BA-10-01-0047, -0048) sind in den Akten zu belassen,
ebenso die mit Beschlagnahmebefehl vom 21. Juni 2016 beschlagnahmte
schwarze Festplatte „WD Elements“, die u.a. Videoaufnahmen des Fussball-
spiels FC Luzern – FC St. Gallen vom 21. Februar 2016 enthält (pag. 08-02-1).
12. Zivilklagen
12.1 Die geschädigte Person kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat als Pri-
vatklägerschaft adhäsionsweise im Strafverfahren geltend machen (Art. 122
Abs. 1 StPO). Die Zivilklage wird mit der Erklärung nach Art. 119 Abs. 2 lit. b
StPO rechtshängig (Art. 122 Abs. 3 StPO). Die geschädigte Person muss ihren
Anspruch – soweit dies nicht in der vorgenannten Erklärung erfolgt ist – spätes-
tens in der Hauptverhandlung im Parteivortrag beziffern und begründen (Art. 123
Abs. 2 StPO). Die beschuldigte Person kann sich dazu äussern (Art. 124 Abs. 2
- 66 -
StPO). Das mit der Strafsache befasste Gericht beurteilt den Zivilanspruch un-
geachtet des Streitwertes (Art. 124 Abs. 1 StPO). Es entscheidet mit dem Urteil
in der Hauptsache (Art. 81 Abs. 4 lit. b StPO), wenn es schuldig spricht oder wenn
es freispricht und der Sachverhalt spruchreif ist (Art. 126 Abs. 1 StPO). Die Zivil-
klage wird (u.a.) auf den Zivilweg verwiesen, wenn die Privatklägerschaft ihre
Klage nicht hinreichend begründet oder beziffert hat (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
Wer Schadenersatzanspruch beansprucht, hat den Schaden zu beweisen
(Art. 42 Abs. 1 OR). Der nicht ziffernmässig nachweisbare Schaden ist nach Er-
messen des Richters mit Rücksicht auf den gewöhnlichen Lauf der Dinge und
auf die vom Geschädigten getroffenen Massnahmen abzuschätzen (Art. 42
Abs. 2 OR). Auf dem Schaden ist Zins zu 5% seit dem schädigenden Ereignis
geschuldet (Urteil des Bundesgerichts 6B_1404/2016 vom 13. Juni 2017).
12.2 Zivilklage von B. (Privatkläger 1)
12.2.1 Der Privatkläger 1 hat seine Zivilklage im Vorverfahren am 7. März 2016 gegen-
über der Luzerner Polizei anhängig gemacht (pag. 15-01-10 und -11).
12.2.2 Der Privatkläger 1 hat die Stellung eines Opfers, da er in seiner körperlichen In-
tegrität unmittelbar beeinträchtigt wurde (Art. 116 Abs. 1 StPO). Er hat Anspruch
auf Ersatz von Schaden, der ihm widerrechtlich, sei es mit Absicht, sei es aus
Fahrlässigkeit, zugefügt wurde (Art. 41 Abs. 1 OR). Diese Haftungsvorausset-
zungen sind erfüllt, denn der Beschuldigte hat den Privatkläger 1 mit der Verwen-
dung eines Sprengkörpers widerrechtlich am Gehör verletzt; sein Verschulden ist
erwiesen. Der Anspruch geht auf Ersatz von Kosten und Entschädigung für Ar-
beitsunfähigkeit (Art. 46 Abs. 1 OR) sowie auf Genugtuung (Art. 47 OR).
Der Privatkläger 1 hat aufgrund der Verurteilung des Beschuldigten wegen Sach-
beschädigung Anspruch auf Schadenersatz für widerrechtlich zugefügten Scha-
den. Auch diesbezüglich ist das Verschulden des Beschuldigten erwiesen.
12.2.3 Der Privatkläger 1 macht Schadenersatz von Fr. 99.-- geltend. Es ist erstellt, dass
die am 21. Februar 2016 getragene Jacke durch den Funkenwurf des Kreiselblit-
zes beschädigt wurde. Der Kaufpreis beträgt gemäss Quittung vom 1. Mai 2015
Fr. 99.--. Der Beschuldigte ist somit zu verpflichten, dem Privatkläger 1 als Scha-
denersatz Fr. 99.-- zuzüglich Zins zu 5% seit dem 21. Februar 2016 zu bezahlen.
12.2.4 Der Privatkläger 1 beantragt, der Beschuldigte sei für Gesundheitskosten und
Erwerbsausfall dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig zu erklären. Inwie-
fern er ungedeckte Gesundheitskosten hat und in welchem Umfang diese auf das
- 67 -
schädigende Ereignis zurückzuführen sind, kann heute nicht festgestellt werden.
Das gleiche gilt für den behaupteten Erwerbsausfall. Der Privatkläger 1 legte
diesbezüglich nicht dar, dass ein solcher tatsächlich eingetreten ist. Die Zivilklage
ist in Bezug auf den weiteren Schadenersatz auf den Zivilweg zu verweisen.
12.2.5 Der Privatkläger 1 macht eine Genugtuungsforderung von Fr. 60‘000.-- geltend.
12.2.5.1 Bei Körperverletzung kann der Richter unter Würdigung der besonderen Um-
stände dem Verletzten eine angemessene Geldsumme als Genugtuung zuspre-
chen (Art. 47 OR).
Der Zweck der Genugtuungssumme besteht darin, dass durch eine schadener-
satzunabhängige Geldleistung ein gewisser Ausgleich für den erlittenen physi-
schen und/oder seelischen Schmerz geschaffen wird (BREHM, Berner Kommen-
tar, 4. Aufl., Bern 2013, Art. 47 OR N. 9). Eine Genugtuung kann nur verlangt
werden, wenn die widerrechtliche Handlung den Geschädigten physisch oder
seelisch schwer getroffen hat (BREHM, a.a.O., Art. 47 OR N. 12). Die besonderen
Umstände müssen, weil Art. 47 OR ein Anwendungsfall von Art. 49 OR ist, in der
Schwere der Verletzung der Persönlichkeit liegen (BREHM, a.a.O., Art. 47 OR
N. 27; HEIERLI/SCHNYDER, Basler Kommentar, 5. Aufl., Basel 2011, Art. 47 OR
N. 16). Körperverletzungen, welche sowohl physische als auch psychische Be-
einträchtigungen umfassen, müssen daher grundsätzlich einen erheblichen phy-
sischen oder seelischen Schmerz bewirkt oder eine dauernde Beeinträchtigung
der Gesundheit zur Folge haben. Umstände, die je nach Fall eine Genugtuung
gemäss Art. 47 OR begründen können, sind vor allem Art und Schwere der Ver-
letzung, Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit der be-
troffenen Person, Grad des Verschuldens des Verursachers sowie ein eventuel-
les Mitverschulden des Opfers (BGE 141 III 97 E. 11.2, mit Hinweisen). Die Kör-
perverletzung muss zu immaterieller Unbill beim Verletzten geführt haben. Eine
geringfügige Beeinträchtigung, die nicht zu einem eigentlichen Schmerz führt,
stellt keine solche dar. Darüber hinaus muss der erlittene körperliche bzw. seeli-
sche Schmerz von einer gewissen Schwere sein. Eine Genugtuung ist in der Re-
gel geschuldet, wenn eine Körperverletzung (alternativ) bleibende Folgen hat,
schwer ist, das Leben bedroht, einen längeren Krankenhausaufenthalt nötig
macht, eine längere Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat oder mit besonders starken
oder lang anhaltenden Schmerzen verbunden ist (HEIERLI/ SCHNYDER, a.a.O.,
Art. 47 OR N. 13). Eine Verletzung, die problemlos ausheilt, gibt kein Anrecht auf
Genugtuung. Bleibt kein dauernder Nachteil zurück, so muss zumindest ein län-
gerer Spitalaufenthalt nötig gewesen sein. Es muss eine bedeutende Störung
des psychischen Gleichgewichts vorliegen. Die Verletzungen müssen also er-
hebliche Schmerzen erzeugt haben (BREHM, a.a.O., Art. 47 OR N. 28 f.). War der
- 68 -
(physische oder seelische) Schmerz von kurzer Dauer, so muss er heftig gewe-
sen sein; war er nicht heftig, so muss er von längerer Dauer gewesen sein
(BREHM, a.a.O., Art. 47 OR N. 14a).
Psychische Störungen nach schweren bzw. spektakulären Unfällen und Strafta-
ten sind in der Regel genugtuungsbegründend. Nach der Rechtsprechung be-
steht die immaterielle Unbill infolge posttraumatischer Belastungsstörungen in
der Regel aber nur befristet. Die posttraumatische Belastungsstörung muss nicht
zwingend zu einer dauerhaften Veränderung der Persönlichkeit führen. Praxis-
gemäss genügen auch vorübergehende "Angstzustände, Panik, Schlaflosigkeit,
Gefühle der Verunsicherung, Appetitlosigkeit und Melancholie", sofern die Inten-
sität dieser Störungen eine immaterielle Unbill verursacht (HÜTTE/LANDOLT, Ge-
nugtuungsrecht, Bd. 2, Zürich/St. Gallen 2013, N. 210 m.w.H.). Die posttrauma-
tische Belastungsstörung wird als eine Form sekundärer Viktimisierung bezeich-
net, die dann eintritt, wenn ein Opfer aggressiver oder gefährlicher Handlung zu-
sätzlich zu diesen Nachteilen geschädigt wird durch die Festschreibung seiner
Opferrolle (VOLBERT, in Volbert/Steller [Hrsg.], Handbuch der Rechtspsychologie,
Göttingen etc. 2008, 198) – gemeint als Opfer von Angriff oder Gefahr. Es han-
delt sich um eine spezifische Ausformung des Erinnerungsprozesses, welche
deshalb nicht "typische Auswirkungen des vorangegangenen extrem stressrei-
chen Ereignisses sein" können, weil sie eine besondere Reaktion einer "Subpo-
pulation von Personen darstellen" (VOLBERT, a.a.O., 342 f.).
Die zugesprochene Genugtuungssumme muss gerecht sein. Das Gericht ent-
scheidet nach Recht und Billigkeit, wenn das Gesetz es, wie in Art. 47 OR, an-
weist, auf die Umstände abzustellen (BGE 141 III 97 E. 11.2; vgl. Art. 4 ZGB).
Die als Voraussetzungen der Genugtuung genannten Kriterien wirken sich auch
auf die Höhe der Genugtuungssumme aus. Je schwerwiegender die Umstände
sind und je intensiver die Unbill auf den Anspruchsteller eingewirkt hat, desto
höher ist grundsätzlich die Genugtuungssumme (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O.,
Art. 47 OR N. 20). Bei der Bemessung der Genugtuung ist auf den Einzelfall ab-
zustellen, sodass nicht – wie bei der sozialversicherungsrechtlichen Integritäts-
entschädigung – auf einen schematischen „Genugtuungstarif“ abgestellt werden
kann. Dem Gericht kommt daher bei der Festlegung der Genugtuungssumme ein
hoher Ermessensspielraum zu. In der Praxis spielen aber auch Präjudizien und
Tabellen eine grosse Rolle (SCHÖNENBERGER, a.a.O., Art. 47 OR N. 5; HEI-
ERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 47 OR N. 20; BREHM, a.a.O., Art. 47 OR N. 62 ff.).
12.2.5.2 Der Privatkläger 1 erlitt durch die Straftat eine hochgradige, an Taubheit gren-
zende Schwerhörigkeit auf der linken Seite. Es handelt sich um eine bleibende
Gehörsschädigung. Es liegt somit eine schwere und dauernde Beeinträchtigung
- 69 -
seiner Gesundheit vor. Der Privatkläger 1 wird lebenslang ein Hörgerät auf der
linken Seite benötigen. Ausserdem leidet er seither an einem Tinnitus. Seine Le-
bensqualität ist erheblich und dauernd eingeschränkt. Die Einschränkungen be-
schlagen seinen Alltag, das Berufsleben und die Teilnahme am sozialen Leben
(E. 5.2.4). Gemäss dem vom Privatkläger 1 eingereichten Bericht von med. pract.
M., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 4. August 2017 leidet der
Privatkläger 1 an einer posttraumatischen Belastungsstörung PTSD (F43.1 nach
ICD 10). Der Facharzt hält fest, dass sämtliche diagnostischen Kriterien erfüllt
sind. Der Privatkläger 1 leide in typischer Weise unter sogenannten Nachhaller-
innerungen, Alpträumen und intrusiven Erinnerungen, Gefühlen zu diesem
Traumaereignis, Gleichgültigkeit, Lebensunlust, innerer Unruhe, vegetativer
Übererregbarkeit, Schreckhaftigkeit und Vermeidungen bezüglich allem, was ihn
mit dem Trauma konfrontieren könnte. In Bezug auf die Prognose hält der Fach-
arzt fest, dass der Privatkläger 1 auf die Behandlungsmethode bereits gut ange-
sprochen habe und sich voraussichtlich eine weitere Besserung erreichen lasse,
wenn auch nicht sicher sei, ob sich eine vollständige Remission der PTSD errei-
chen lasse. Letzteres, weil der Privatkläger 1 aufgrund des dauernden körperli-
chen Schadens (Hörschaden und Tinnitus) eine permanente Erinnerung an das
traumatische Ereignis haben werde (TPF pag. 3.925.114 ff.). Auf diese unbestrit-
ten gebliebenen Feststellungen ist abzustellen. Erwiesen sind somit erhebliche
psychische Beschwerden, wobei eine posttraumatische Belastungsstörung er-
fahrungsgemäss nicht von bleibender Dauer ist – worauf der Facharzt, mit der
Einschränkung wegen des bleibenden körperlichen Schadens, hinweist. Ins Ge-
wicht fällt im Weitern das Mass des Verschuldens (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_105/2010 vom 13. April 2010 E. 3.2), wobei zu berücksichtigen ist, dass der
Beschuldigte nur mit Eventualvorsatz gehandelt hat. Die Voraussetzungen für die
Zusprechung einer Genugtuung nach Art. 47 OR sind nach dem Gesagten erfüllt.
12.2.5.3 Die Höhe der Genugtuung hat sich grundsätzlich an der Gerichtspraxis zu orien-
tieren. Als Vergleichsfälle können etwa herangezogen werden: versuchte Tötung
mit einfachen Körperverletzungen ohne Lebensgefahr (Urteil Bundesgericht
6B_572/2011 vom 20. Dezember 2011 E. 3.2, Genugtuung Fr. 5'000.--;
HÜTTE/LANDOLT, Genugtuungsrecht, Bd. 2, Zürich/St. Gallen 2013, § 17 Nr. 112
[Urteil Bezirksgericht Zürich vom 18. Mai 2011 – Genugtuung Fr. 5'000.--], Nr.
638 [Urteil Kantonsgericht Waadt vom 24. September 2010, u.a. versuchter Mord
– Genugtuung Fr. 12'000.--]), versuchte eventualvorsätzliche Tötung mit einfa-
chen Körperverletzungen und posttraumatischer Belastungsstörung (Urteil Bun-
desgericht 6B_105/2010 vom 13. April 2010 E. 3.4 – Genugtuung Fr. 4'000.--),
versuchte schwere Körperverletzung ohne lebensgefährliche Verletzungen
(HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., § 17 Nr. 702 [Urteil Obergericht Zürich, Tages-Anzeiger
vom 6. November 2009 – Genugtuung Fr. 5'000.--]), schwere Körperverletzung
- 70 -
mit anhaltendem posttraumatischem Stress (HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., § 17 Nr.
632 [Urteil Kantonsgericht Waadt vom 6. September 2010 – Genugtuung
Fr. 7'000.--]), einfache Körperverletzung mit u.a. Panikattacken und psychiatri-
scher Behandlung (HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., § 17 Nr. 644 [Urteil Kantonsgericht
Waadt vom 11. Mai 2010 – Genugtuung Fr. 5'000.--]), versuchte Tötung ohne
Lebensgefahr, viertägiger Spitalaufenthalt, posttraumatische Belastungsstörung
mit vorbestehenden psychischen Beschwerden (Entscheid des Bundesstrafge-
richts SK.2015.4 vom 18. März 2015 E. 7.2.3 – Genugtuung Fr. 5'000.--).
Genugtuungssummen von mehreren zehntausend Franken wurden in folgenden
Fällen zugesprochen: versuchte Tötungsdelikte mit lebensgefährlichen Verlet-
zungen, die eine Notoperation erforderten (HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., § 17 Nr. 179
[Urteil Kantonsgericht Graubünden vom 29. Juni 2011 – Fr. 40'000.--], Nr. 163
[Urteil Obergericht Zürich vom 22. Oktober 2010 – Fr. 30'000.--], Nr. 119 [Urteil
Obergericht Zürich vom 23. September 2008 – Fr. 35'000.--]; Urteil Bundesge-
richt 6B_289/2008 und 6B_290/2008 vom 17. Juli 2008 E. 10 – Fr. 12'000.--),
versuchte Tötungsdelikte mit erheblichen Verletzungen oder bleibenden Schä-
den (HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., § 17 Nr. 673 [Urteil Obergericht Zürich, Tages-An-
zeiger vom 3. Februar 2012 – Fr. 35'000.--], Nr. 586 [Urteil Bezirksgericht Zürich
vom 1. Dezember 2010 – Fr. 25'000.--]), schwere Körperverletzung (gezielter
Schuss auf das linke Bein) mit bleibender schwerer Behinderung (HÜTTE/LAN-
DOLT, a.a.O., § 17 Nr. 598 [Urteile Obergericht Zürich vom 25. Mai 2009/Bundes-
gericht 6B_780/2009 vom 21. Januar 2010 – Fr. 40'000.-- nach Kürzung um ei-
nen Drittel wegen Mitverschuldens des Opfers]), versuchte Tötung mit schweren
Verletzungen (Schussabgabe aus weniger als 2 m Distanz mit lebensgefährlicher
Verletzung [Durchschuss von Leber und Magen] und Verletzungen an Oberarm
und Rumpf, notfallmässige Operation mit 11⁄2 Monaten Spital- und Rehabilitati-
onsaufenthalt, fortbestehende, gravierende physische und psychische Störun-
gen, Erwartung von Langzeitschäden; erhebliche kriminelle Energie des Täters,
keine Reduktion wegen vorbestehender Teilinvalidität des Geschädigten; Urteil
des Bundesgerichts 6B_579/2008 vom 27. Dezember 2008 – Fr. 40'000.--).
Die dieser Praxis zugrunde liegenden Sachverhalte sind mit dem vorliegenden
Fall hinsichtlich Art und Schwere der Verletzungen sowie Art und Schwere des
Verschuldens nicht vergleichbar. Präjudizien, die den Standpunkt des Privatklä-
gers 1 zu stützen vermöchten, werden nicht namhaft gemacht, obwohl der An-
spruchsteller – in Bezug auf im Vergleich zur bekannten Praxis erhöhende Ele-
mente – behauptungs- und beweispflichtig ist (HÜTTE/LANDOLT, a.a.O., N. 368).
Wird vergleichsweise das Unfallversicherungsrecht herangezogen, ist Folgendes
zu sagen: Der Versicherte hat bei durch Unfall erlittener dauernder erheblicher
- 71 -
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität Anspruch auf
eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG). Diese wird
entsprechend der Schwere des Integritätsschadens abgestuft und darf den
Höchstbetrag des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen (Art. 25
Abs. 1 UVG). Für die Bemessung der Integritätsentschädigung gelten die Richt-
linien des Anhangs 3 zur UVV (Art. 36 Abs. 2 UVV). Gemäss Anhang 3 UVV
beträgt bei Verlust des Gehörs auf einem Ohr die Integritätsentschädigung 15%.
Sie beträgt ebenfalls 15% bei einseitigem Hörverlust von 90%, 10% bei Hörver-
lust von 70% oder 80%, 5% bei Hörverlust von 50% oder 60% (Tabelle 12 der
SUVA zur Integritätsentschädigung gemäss UVG). Die Integritätsentschädigung
bei Tinnitus beträgt gemäss Tabelle 13 der SUVA 0% bei leichtem, geringfügi-
gem Tinnitus, 5% bei schwerem Tinnitus und 10% bei sehr schwerem Tinnitus.
Bei dauerhaften psychischen Unfallfolgen wird die Integritätsentschädigung nach
der Schwere von 0% bis 100% abgestuft (Tabelle 19 der SUVA). Fallen mehrere
körperliche, geistige oder psychische Integritätsschäden aus einem oder mehre-
ren Unfällen zusammen, so wird die Integritätsentschädigung nach der gesamten
Beeinträchtigung festgesetzt. Die Gesamtentschädigung darf den Höchstbetrag
des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen (Art. 36 Abs. 3 UVV). Eine
allfällig nach UVG ausgerichtete Integritätsentschädigung ist sodann von der Ge-
nugtuungssumme nach Art. 47 OR in Abzug zu bringen (BGE 141 III 97 E. 11.4).
12.2.5.4 In Würdigung sämtlicher Faktoren ist vorliegend eine Genugtuung in einem tiefen
fünfstelligen Frankenbereich angemessen. Die Genugtuung ist auf Fr. 12'000.--
festzusetzen. Auf der Genugtuung ist ein Zins von 5% seit dem schädigenden
Ereignis geschuldet (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 47 OR N. 24). Der Beschul-
digte ist somit zu verpflichten, dem Privatkläger 1 eine Genugtuungssumme von
Fr. 12‘000.-- zuzüglich Zins zu 5% seit dem 21. Februar 2016 zu bezahlen.
12.3 Zivilklage der C. AG (Privatklägerin 2)
12.3.1 Die Privatklägerin 2 hat ihre Zivilklage im Vorverfahren mit der Erklärung vom
8. März 2016 gegenüber der Luzerner Polizei anhängig gemacht (pag. 15-02-1).
Sie hat aufgrund der Verurteilung des Beschuldigten wegen Sachbeschädigung
Anspruch gegen diesen auf Schadenersatz für widerrechtlich zugefügten Scha-
den. Das Verschulden des Beschuldigten ist erwiesen.
12.3.2 Die Privatklägerin 2 beantragt mit Eingabe vom 28. Juli 2017, der Beschuldigte
sei zu verpflichten, ihr den gesamten verursachten Schaden zu ersetzen. In der
Begründung führt sie aus, die vom Beschuldigten verursachten Brandschäden
auf dem Stadionrasen hätten Reparaturkosten von Fr. 800.-- zur Folge gehabt
(Eingabe S. 15 Ziff. 2.2). Der Fussballclub Luzern habe ausserdem durch den
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Vorfall einen Imageverlust erlitten, was sich langfristig auf die Besucherzahlen
auswirke. Der Schaden sei nicht bezifferbar und deshalb vom Richter gemäss
Art. 42 Abs. 2 OR i.V.m. Art. 43 OR zu schätzen. Als Untergrenze für die Scha-
densbemessung sei zu berücksichtigen, dass gemäss Stadionordnung (Ziff. 8.5),
welcher der Beschuldigte mit dem Kauf des Eintrittsbillets zugestimmt habe, fehl-
bare Stadionbesucher in jedem Fall eine Umtriebsentschädigung für die Ermitt-
lung des Sachverhalts in der Höhe von Fr. 500.-- zu bezahlen hätten (Eingabe
S. 16 Ziff. 3). Die im Vorverfahren geltend gemachte Genugtuungsforderung in
der Höhe von Fr. 10‘000.-- (pag. 15-02-1) wird damit nicht aufrechterhalten.
12.3.3 Gemäss Rechnung der Stadt Luzern vom 22. März bzw. 1. April 2016 kostete die
nach dem Fussballspiel durchgeführte Reparatur des Stadionrasens Fr. 800.--
(pag. 15-02-29). Schaden und Schadenshöhe sind insoweit bewiesen. In der
Hauptverhandlung anerkannte der Beschuldigte einen Schadenersatzanspruch
von Fr. 800.-- (Antrag Ziff. 5). Davon ist im Dispositiv Vormerk zu nehmen.
12.3.4 Zum nicht bezifferten Schaden ist Folgendes festzuhalten: Die Privatklägerin 2
legt nicht dar, inwiefern sie selbst – und nicht der Fussballclub Luzern – durch
den Vorfall vom 21. Februar 2016 einen Imageschaden erlitten haben sollte. Sie
legt auch nicht dar, inwiefern sie – und nicht der Fussballclub Luzern – durch
einen auf den Vorfall vom 21. Februar 2016 zurückzuführenden Zuschauerrück-
gang einen finanziellen Schaden erlitten habe. Seit dem Vorfall sind überdies
knapp 18 Monate verstrichen. Für eine allfällige richterliche Schadensschätzung
hätte die Privatklägerin 2 sachverhaltliche Grundlagen zu behaupten und zu be-
weisen, welche eine Schadensschätzung ermöglichen würden. Die Stadionord-
nung stellt dazu keine taugliche Grundlage dar. Die angerufene Ziff. 8.5 spricht
von einer pauschalen Umtriebsentschädigung für Sachverhaltsermittlungen und
administrativen Aufwand. Solche stellen keinen Schaden dar. Derartige Aufwen-
dungen sind vielmehr im Rahmen der Parteientschädigung geltend zu machen.
Die weiteren Schadenersatzforderungen sind mithin nicht hinreichend begründet.
Die Klage ist im Fr. 800.-- übersteigenden Betrag auf den Zivilweg zu verweisen.
13. Kosten
13.1 Wenn die beschuldigte Person verurteilt wird, trägt sie gemäss Art. 426 Abs. 1
StPO die Verfahrenskosten mit Ausnahme der Kosten für die amtliche Verteidi-
gung. Der erbeten verteidigte Beschuldigte ist vollumfänglich kostenpflichtig.
13.2 Die Verfahrenskosten setzen sich zusammen aus den Gebühren zur Deckung
des Aufwands und den Auslagen im konkreten Straffall (Art. 422 Abs. 1 StPO).
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Bund und Kantone regeln die Berechnung der Verfahrenskosten und legen die
Gebühren fest; sie können für einfache Fälle Pauschalgebühren festlegen, die
auch die Auslagen abgelten (Art. 424 StPO). Der Bund hat dies im Reglement
des Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und
Entschädigungen in Bundesstrafverfahren geregelt (BStKR; SR 173.713.162).
13.3 Die Verfahrenskosten betragen total Fr. 24‘712.35 (Gebühr Bundesanwaltschaft
Fr. 9‘500.--, Auslagen Vorverfahren Fr. 3‘812.35 [pag. 24-0-12], Gerichtsgebühr
Fr. 7‘500.--, Auslagen des Gerichts Fr. 3‘900.-- [Gutachterkosten]). Mit Rücksicht
auf die beschränkten finanziellen Verhältnisse und zur Vermeidung einer für die
Bewährung und Wiedereingliederung ungünstigen finanziellen Belastung werden
in sinngemässer Anwendung von Art. 425 StPO dem Verurteilten von den Ver-
fahrenskosten Fr. 15‘000.-- zur Bezahlung auferlegt.
14. Entschädigungen
14.1 Die Privatklägerschaft hat gegenüber der beschuldigten Person Anspruch auf
angemessene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren,
wenn sie obsiegt (Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO). Die Privatklägerschaft hat ihre
Entschädigungsforderung bei der Strafbehörde zu beantragen, zu beziffern und
zu belegen. Kommt sie dieser Pflicht nicht nach, so tritt die Strafbehörde auf den
Antrag nicht ein (Art. 433 Abs. 2 StPO).
14.2 Auf die Berechnung der Entschädigung der ganz oder teilweise freigesprochenen
beschuldigten Person, der Wahlverteidigung, der gänzlich oder teilweise obsie-
genden Privatklägerschaft und der Drittperson im Sinne von Art. 434 StPO sind
die Bestimmungen über die Entschädigung der amtlichen Verteidigung anwend-
bar (Art. 10 BStKR). Die Anwaltskosten umfassen das Honorar und die notwen-
digen Auslagen, namentlich für Reise, Verpflegung und Unterkunft sowie Porti
und Telefonspesen (Art. 11 Abs. 1 BStKR). Das Honorar wird nach dem notwen-
digen und ausgewiesenen Zeitaufwand bemessen. Der Stundenansatz beträgt
mindestens 200 und höchstens 300 Franken (Art. 12 Abs. 1 BStKR). Die Ausla-
gen werden im Rahmen der Höchstansätze aufgrund der tatsächlichen Kosten
vergütet (Art. 13 BStKR). Bei Fällen im ordentlichen Schwierigkeitsbereich, d.h.
für Verfahren ohne hohe Komplexität und ohne Mehrsprachigkeit, beträgt der
Stundenansatz gemäss ständiger Praxis der Strafkammer Fr. 230.-- für Arbeits-
zeit und Fr. 200.-- für Reise- und Wartezeit (Beschluss des Bundesstrafgerichts
BK.2011.21 vom 24. April 2012, E. 2.1; Urteil des Bundesstrafgerichts
SN.2011.16 vom 5. Oktober 2011, E. 4.1). Der Stundenansatz für Praktikanten
beträgt praxisgemäss Fr. 100.-- (Urteile des Bundesstrafgerichts SK.2010.28
vom 1. Dezember 2011, E. 19.2; SK.2010.3 vom 5. Mai 2010, E. 8.4).
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Der vorliegende Fall liegt im ordentlichen Schwierigkeitsbereich. Damit sind für
die Entschädigungsbemessung die vorgenannten Stundenansätze anzuwenden.
14.3 B. (Privatkläger 1)
Rechtsanwalt Beat Frischkopf machte mit Kostennote vom 10. März 2017 eine
Entschädigung von Fr. 2‘433.25 geltend (8,75 Std. à Fr. 250.-- = Fr. 2‘187.--,
Auslagen Fr. 66.--, Mehrwertsteuer zu 8% Fr. 180.25) (pag. 15-03-27). Ausge-
hend vom Stundenansatz von Fr. 230.-- ist die Entschädigung auf Fr. 2‘244.80
festzusetzen (8,75 Std. à Fr. 230.--, Auslagen Fr. 66.--, MWST Fr. 166.30).
Rechtsanwalt Artan Sadiku macht für seine Aufwendungen mit Kostennote vom
7. August 2017 eine Entschädigung von Fr. 12‘942.75 geltend. Die in der Kos-
tennote auf einer Annahme basierende Angabe für die Teilnahme an der Haupt-
verhandlung von 12 Stunden ist gemäss effektiver Dauer auf 10 Stunden festzu-
setzen (inkl. 1,5 Std. Nachbesprechung mit Klient). Die Entschädigung ist bei ei-
nem Stundenansatz von Fr. 230.-- für 36,5 Stunden Arbeitszeit bzw. Fr. 200.--
für 6,5 Stunden Reisezeit auf Fr. 11‘159.20 festzusetzen (Honorar Fr. 10‘783.70
inkl. Auslagenpauschale Fr. 290.-- und MWST, Auslagen Klient Fr. 375.50 [Be-
richt Dr. med. M. Fr. 240.--, Reisespesen Fr. 108.--, Mittagessen Fr. 27.50]).
Die Entschädigung des Privatklägers 1 für seine notwendigen Aufwendungen im
Verfahren ist zu Lasten des Beschuldigten somit auf Fr. 13‘404.-- festzusetzen.
14.4 C. AG (Privatklägerin 2)
Rechtsanwalt Philipp Studhalter macht für seine Aufwendungen mit Kostennote
vom 7. August 2017 eine Entschädigung von Fr. 15‘285.20 geltend, basierend
auf einem Stundenansatz von Fr. 260.-- bzw. Fr. 280.--. Dieser ist auf Fr. 230.--
für Arbeitszeit und auf Fr. 200.-- für Reisezeit festzusetzen. Der Aufwand Admi-
nistration Kundendossier von Fr. 85.-- ist im Stundenansatz des Anwalts inbe-
griffen und nicht zusätzlich zu entschädigen. Die Entschädigung ist damit auf
Fr. 12‘844.40 festzusetzen (Honorar: Arbeit bis Hauptverhandlung 41 Stunden à
Fr. 230.--, Teilnahme Hauptverhandlung 7,5 Stunden à Fr. 230.--, Reisezeit 3,25
Std. à Fr. 200.--, total Fr. 11‘805.--, MWST Fr. 944.40, Reisespesen Fr. 95.--).
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