# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 074263d3-86ee-4781-a854-48892dde99c6
**Court:** CH_BSTG
**Chamber:** CH_BSTG_001
**Year:** 2011
**Language:** de
**Jurisdiction:** CH / Federation
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** 

## Facts

Sachverhalt:
A. Die Bundesanwaltschaft eröffnete am 16. Dezember 2004 ein gerichtspolizeili-
ches Ermittlungsverfahren gegen A1, A2 und weitere, teils unbekannte Täter-
schaft wegen Verdachts der Förderung der Prostitution und des Menschenhan-
dels, ausgehend von einer kriminellen Organisation (cl. 1 pag. 1.0.1). Es bestand
der Verdacht, dass A1 im Raum D2 verschiedene Sexsalons betreibe, in wel-
chen Frauen aus Brasilien zur Prostitution gezwungen würden. Das Verfahren
wurde verschiedentlich ausgedehnt, so am 19. Januar 2005 auf A3 und am
8. September 2005 auf A4 (cl. 1 pag. 1.0.2 f.). Am 17. Januar 2006 dehnte die
Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen A1 auf die Tatbestände der Geldwä-
scherei und der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (cl. 1
pag. 1.0.4 f.) sowie gegen A3 auf den Tatbestand der Geldwäscherei (cl. 1
pag. 1.0.6 f.) aus. Die weiteren polizeilichen Ermittlungen führten dazu, dass das
Verfahren am 8. Februar 2006 auf A5 wegen Verdachts der Förderung der Pros-
titution und des Menschenhandels ausgedehnt wurde (cl. 1 pag. 1.0.8 f.). Am
20. März 2007 wurde das Verfahren gegen A4 und am 5. April 2007 dasjenige
gegen A5 auf den Tatbestand des rechtswidrigen Betretens des Landes oder
des darin Verweilens sowie des Erleichterns oder vorbereiten Helfens der
rechtswidrigen Einreise oder des rechtswidrigen Verweilens im Lande ausge-
dehnt (cl. 1 pag. 1.0.10 f.). Am 5. Juni 2007 wurde das Verfahren gegen A1 auf
den Tatbestand der Pornografie und am 11. September 2007 auf den Tatbe-
stand des Erleichterns oder vorbereiten Helfens der rechtswidrigen Einreise oder
des rechtswidrigen Verweilens im Lande ausgedehnt (cl. 1 pag. 1.0.12 f.). Der
Anfangsverdacht auf das Bestehen einer kriminellen Organisation hat sich nicht
erhärtet; formell wurde das Verfahren diesbezüglich nie eröffnet.
B. Am 19. Januar 2007 vereinigte die Bundesanwaltschaft das bis anhin durch die
Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn gegen A1 und A2 geführte Verfahren
wegen Menschenhandels, Förderung der Prostitution, Freiheitsberaubung, Er-
werb und Lagern falschen Geldes und Widerhandlungen gegen das ANAG in der
Zuständigkeit der Bundesbehörden (cl. 1 pag. 2.2.15 ff.). Am 6. Juni 2007 wurde
das im Kanton Solothurn im gleichen Zusammenhang geführte Verfahren gegen
B13 wegen Förderung der Prostitution, Freiheitsberaubung und Widerhandlun-
gen gegen das ANAG mit dem von der Bundesanwaltschaft geführten gerichts-
polizeilichen Ermittlungsverfahren vereinigt (cl. 1 pag. 2.2.20 f.). Am 26. Novem-
ber 2007 ordnete die Bundesanwaltschaft die Vereinigung der Verfahren gegen
A1 wegen Verdachts der Geldwäscherei, Verdachts der Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz, Verdachts der Widerhandlung gegen das ANAG
und Verdachts der Pornografie, das Verfahren gegen A3 wegen Verdachts der
Geldwäscherei sowie die Verfahren gegen A4 und A5 wegen Verdachts der Wi-
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derhandlung gegen das ANAG in der Hand der Bundesbehörden an (cl. 1
pag. 2.2.30 ff.).
C. A1 war vom 28. März 2006 bis 27. Juli 2007 in Untersuchungshaft, A2 vom
11. bis 23. Oktober 2006, A3 vom 28. März bis 24. Mai 2006, A4 vom 28. März
2006 bis 13. Juni 2007 und A5 vom 28. März 2006 bis 22. Mai 2007 (cl. 5
pag. 6.1.1 ff.; cl. 6 pag. 6.1.305 ff.; cl. 7 pag. 6.2.1 ff.; pag. 6.3.1 ff.; cl. 8
pag. 6.4.1 ff.; cl. 9 pag. 6.5.1 ff.).
D. Vom 26. Juli 2004 bis 18. April 2006 wurden zahlreiche rückwirkende und aktive
Telefonkontrollen sowie eine aktive Faxüberwachung durchgeführt (cl. 18
pag. 9.5.16 ff.; cl. 19 pag. 9.7.1 ff.). A1 wurde vom 19. Januar 2005 bis 28. März
2006 mittels eines Satellitennavigationsgerätes (GPS) an seinem Personenwa-
gen überwacht (cl. 16 pag. 9.1.5–24). Vom 9. Mai 2005 bis 18. Oktober 2005
wurde der Eingangsbereich des Sexsalons Studio C3 in D1 videoüberwacht
(cl. 16 pag. 9.2.1–154). In der Zeit vom 29. März 2005 bis 10. April 2006 kam ein
verdeckter Ermittler zum Einsatz (cl. 17 pag. 9.4.12–109). Bei A1, A3, beim Stu-
dio C3, beim Studio C2 sowie beim Studio C1 wurden am 28. März 2006 Haus-
durchsuchungen durchgeführt (cl. 14 pag. 8.1.3 ff.; pag. 8.2.3 ff.; pag. 8.3.3 ff.;
pag. 8.4.3 ff.; 8.5.4 ff.). Am 11. Oktober 2006 fand bei A2 eine Durchsuchung an
ihrem Domizil und eine weitere in den von ihr bewohnten Räumen im Studio C3
statt (cl. 15 pag. 8.6.5–10). Dabei wurden diverse Geschäftsunterlagen, Verträ-
ge, Ausweise, Videokassetten, Bargeld, ein Kokaintester, eine CD mit pornogra-
fischem Inhalt und Sex-Menükarten sichergestellt, wobei die beweisrelevanten
Gegenstände von der Bundesanwaltschaft am 31. August 2007 beschlagnahmt
wurden (cl. 15 pag. 8.7.14 ff.). Am 29. Februar 2008 beschlagnahmte die Bun-
desanwaltschaft zwei Vermögenswerte (cl. 15 pag. 8.7.37 f.; pag. 8.7.40 f.). Mit
zahlreichen Editionsersuchen und Beschlagnahmeverfügungen der Bundesan-
waltschaft vom 20. Januar 2005 bis 3. November 2006 wurden im Zusammen-
hang mit der Herkunft und dem Verbleib von mutmasslich deliktisch erlangten
Vermögenswerten mehrere Unterlagen herausverlangt sowie Vermögenswerte
auf diversen Konten von Banken und bei Versicherungen beschlagnahmt (cl. 10
pag. 7.2.1 ff.; cl. 11 pag. 7.4.1 ff.; cl. 12 pag. 7.8.1 ff., cl. 13 pag. 7.17.4 ff.).
E. Am 29. Oktober 2008 stellte die Bundesanwaltschaft beim Eidgenössischen Un-
tersuchungsrichter den Antrag auf Einleitung der Voruntersuchung (cl. 1
pag. 1.0.14 ff.). Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass aus ihrer Sicht sämtliche
Untersuchungshandlungen durchgeführt wurden, weshalb ihr Antrag auf Einlei-
tung einer Voruntersuchung „in Form eines Schlussberichtes“ gehalten ist (cl. 1
pag. 1.0.15).
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F. Das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt eröffnete am 10. November 2008
die Voruntersuchung gegen A1, A2, A3, A4, A5 sowie B13 (cl. 1 pag. 1.0.195 ff.).
G. Am 21. Juni 2010 schloss das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt die
Voruntersuchung und erstellte gleichentags einen Schlussbericht (cl. 51
pag. 24.0.1–8).
H. Die Bundesanwaltschaft erhob am 16. Dezember 2010 beim Bundesstrafgericht
Anklage gegen A1, A2, A3, A4, A5 sowie B13 wegen qualifizierter Freiheitsbe-
raubung, Förderung der Prostitution, Menschenhandel, Anstiftung zur Geldfäl-
schung, Widerhandlung gegen das BetmG, Geldwäscherei, Pornografie sowie
Widerhandlung gegen das ANAG, evtl. AuG (cl. 138 pag. 138.100.1–96).
I. Mit Beschluss vom 11. Februar 2011 wurde das Strafverfahren gegen B13 vom
Hauptverfahren SK.2010.28 abgetrennt und neu unter der Verfahrensnummer
SK.2011.3 geführt. Gleichzeitig wurde das Verfahren gegen die vorerwähnte
Person sistiert und die Rechtshängigkeit des Verfahrens vom Bundesstrafgericht
auf die Bundesanwaltschaft übertragen (cl. 138 pag. 138.950.1.–4).
J. Mit Beschluss vom 3. März 2011 wurde die Anklageschrift an die Bundesanwalt-
schaft zur Berichtigung zurückgewiesen (cl. 138 pag. 138.110.1–4). Am 31. März
2011 reichte die Bundesanwaltschaft die berichtigte Anklageschrift ein (cl. 138
pag. 138.110.8–113).
K. Die Hauptverhandlung fand am 8. Juni 2011, vom 21. bis 25. November 2011
sowie am 1. Dezember 2011 vor der Strafkammer des Bundesstrafgerichts am
Sitz des Gerichts statt (cl. 138 pag. 138.920.1–45). A4 wurde von der Teilnahme
an der Hauptverhandlung dispensiert (cl. 138 pag. 138.442.3–8). A5 wurde für
die Zeit vom 21. bis 25 November 2011 sowie 1. Dezember 2011 dispensiert,
nachdem sie am 8. Juni 2011 unentschuldigt nicht erschienen war (cl. 138
pag. 138.442.11).
L. A5 sowie A4 haben mit Schreiben vom 10. Februar 2012 beziehungsweise
28. März 2012 auf ein Rechtsmittel gegen das Urteil des Bundesstrafgerichts
vom 1. Dezember 2011 verzichtet (cl. 138 pag. 138.960.1 f.).
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## Considerations

Die Strafkammer erwägt:
1. Vorfragen
1.1 Anwendbares Prozessrecht
1.1.1 Das Vorverfahren bis zur Anklageerhebung wurde unter altem Prozessrecht
(BStP) durchgeführt. Die entsprechenden Verfahrenshandlungen behalten ge-
mäss Art. 448 Abs. 2 der seit 1. Januar 2011 in Kraft stehenden Schweizeri-
schen Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (StPO; SR 312.0) ihre Gültig-
keit. Dies betrifft nach dem Willen des Gesetzgebers auch solche Verfahrens-
handlungen, welche unter altem Recht angeordnet worden sind und unter neuem
Recht ihren Fortgang nehmen (Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Verein-
heitlichung des Strafprozessrechts, BBl 2005 S. 1085 ff., 1351).
1.1.2 Die Hauptverhandlung untersteht neuem Verfahrensrecht (Art. 450 StPO). Dies
entspricht dem Grundsatz der sofortigen Anwendbarkeit neuen Rechts auf hän-
gige Verfahren (FINGERHUTH, in: DONATSCH/A6JAKOB/LIEBER [Hrsg.] Kommentar
zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich/Basel/Genf 2010, Art. 448
StPO N. 2).
1.2 Anwendbares materielles Recht
1.2.1 Die den Beschuldigten vorgeworfenen Straftaten wurden vor dem 1. Januar
2007, mithin vor Inkrafttreten des revidierten Allgemeinen Teils des Strafgesetz-
buches begangen. Somit würde unter Berücksichtigung des strafrechtlichen
Rückwirkungsverbots grundsätzlich das alte Recht gelten. Art. 2 Abs. 2 StGB
sieht jedoch vor, dass das neue Recht anwendbar ist, wenn es für den Täter das
mildere ist als das zum Zeitpunkt der Tat geltende (sog. lex mitior). Welches
Recht das mildere ist, ergibt sich aus dem Zusammenspiel der Vorschriften des
Besonderen Teils (beziehungsweise des Nebenstrafrechts) und des Allgemeinen
Teils des Strafgesetzbuches (BGE 134 IV 82 E. 6.2.1). Anzuwenden ist in Bezug
auf ein und dieselbe Tat nur entweder das alte oder das neue Recht (Grundsatz
der Alternativität); eine kombinierte Anwendung ist ausgeschlossen. Konkret ist
zu prüfen, ob der Beschuldigte nach dem neuen Recht milder bestraft wird als
nach dem alten Recht (BGE 134 IV 82 E. 6.2.3 mit Hinweisen; unveröffentlichte
E. 8.1 von TPF 2009 25, mit Hinweisen).
1.2.2 a) Mit der Neufassung des StGB wurden die der Anklage zugrunde liegenden
Tatbestände der Freiheitsberaubung (Art. 183 StGB), Förderung der Prostitution
(Art. 195 StGB), Pornografie (Art. 197 StGB), Geldfälschung (Art. 240 StGB) so-
wie Geldwäscherei (Art. 305 bis
StGB) nicht geändert. Der zur Zeit der Tatbege-
hung massgebliche Art. 19 aBetmG stellte dieselben vorsätzlichen Handlungen
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unter Strafe wie der am 1. Juli 2011 in Kraft getretene revidierte Art. 19 BetmG.
Die Tatbestandselemente blieben unverändert. Geändert wurden lediglich die
Sanktionen. Im Rahmen der Revision des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbu-
ches wurden per 1. Januar 2007 die Strafandrohungen der Normen an das neue
Sanktionensystem angepasst. Die Frage des anwendbaren Rechts stellt sich
demnach bei diesen Tatbeständen grundsätzlich erst im Rahmen der Strafzu-
messung (E. 15.1.2). Indessen hat sich gezeigt, dass die revidierten Bestimmun-
gen des Allgemeinen Teils für den Täter oftmals mildere Rechtsfolgen haben.
Davon ist grundsätzlich auch vorliegend auszugehen, da alle Straftatbestände in
der angeklagten Variante heute auch eine pekuniäre Sanktion vorsehen, wäh-
rend früher der bedingte Vollzug der pekuniären Sanktion nicht möglich war. Zu-
dem wurde das Rechtsinstitut des bedingten Strafvollzugs ausgebaut und jenes
der teilbedingten Strafe geschaffen (Art. 42 und 43 StGB). Deshalb wird zu-
nächst bei den erwähnten Tatbeständen von der Anwendung des neuen Rechts
ausgegangen und erst anschliessend im Rahmen der Strafzumessung, soweit
bei den einzelnen Anklagepunkten erforderlich, ein Vergleich mit den Rechtsfol-
gen nach altem Recht vorgenommen.
b) Hingegen unterscheidet sich der zur Zeit der Tatbegehung massgebliche
Grundtatbestand des Menschenhandels (Art. 196 Abs. 1 aStGB) im Vergleich
zum revidierten Tatbestand von Art. 182 Abs. 1 StGB in Bezug auf das Rechts-
gut wie folgt: Gemäss DELNON/RÜDY wird in Art. 196 aStGB ein engerer Begriff
des Menschenhandels verwendet, indem nur bestraft wurde, wer mit Menschen
Handel trieb, um der Unzucht eines anderen Vorschub zu leisten. Menschen-
handel zum Zwecke der Ausbeutung der Arbeitskraft oder der Entnahme von
Körperorganen wurde von Art. 196 aStGB nicht erfasst. Aus diesem Grunde
wurde eine neue Strafbestimmung über den Menschenhandel eingeführt. Da die
revidierte Strafbestimmung nicht mehr alleine die sexuelle Selbstbestimmung der
Betroffenen schützt, wird sie neu unter dem vierten Titel des Strafgesetzbuches
aufgeführt (zum Ganzen DELNON/RÜDY, Basler Kommentar, 2. Aufl., Basel 2007,
Art. 182 StGB N. 5). Im Bereich der Ausnützung sexueller Handlungen hat die
Revision materiell keine Änderungen gebracht (Urteil des Bundesgerichts
6B_277/2007 vom 8. Januar 2008, E. 4.2). Soweit sich die Vorbereitungshand-
lungen im Anwerben von Frauen für die Prostitution in Bordellen erschöpft, führt
die Änderung der Rechtslage nicht zu einem günstigeren Ergebnis (Urteil des
Bundesgerichts 6B_277/2007 vom 8. Januar 2008, E. 4.2). Neu im Vergleich
zum alten Recht ist ebenfalls, dass die Gewerbsmässigkeit gemäss Art. 182
Abs. 2 StGB als Qualifikation behandelt wird (DELNON/RÜDY, a.a.O., Art. 182
StGB N. 33). Angeklagt ist der mehrfache Menschenhandel, weshalb zunächst
bei der Schuldfrage das alte Recht referiert und erst anschliessend, soweit bei
der Strafzumessung erforderlich, ein Vergleich mit den Rechtsfolgen nach neu-
em Recht vorgenommen wird.
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c) Die Umschreibung der der Anklage zugrunde gelegten Tatbestände des
rechtswidrigen Einreisens, der Erleichterung bzw. Vorbereitung der rechtswidri-
gen Einreise und des Verweilens in Bereicherungsabsicht sowie der Beschäfti-
gung von Ausländerinnen ohne Bewilligung (Art. 23 Abs. 1, 2 und 4 ANAG) ha-
ben mit der am 1. Januar 2007 in Kraft getretenen Totalrevision (Art. 115 Abs. 1
lit. a–c und Art. 116 Abs. 1 Bst. a i.V.m. Art. 3 Bst. a AuG sowie Art. 117 AuG)
keine inhaltliche Änderung der Tatbestandselemente erfahren (Botschaft AuG,
BBl 2002 3709, insbesondere 3832 f.). Erhöht wurden lediglich die Strafrahmen
(Botschaft AuG, BBl 2002, 3832 und 3833). Deshalb wird diesbezüglich von der
Anwendung des alten Rechts ausgegangen.
1.3 Zuständigkeit
Nach Art. 22 StPO obliegt die Verfolgung und Beurteilung strafbarer Handlungen
grundsätzlich den Kantonen, soweit sie nicht der Bundesgerichtsbarkeit unter-
stehen. Ist in einer Strafsache sowohl Bundes- als auch kantonale Zuständigkeit
gegeben, kann der Staatsanwalt des Bundes die Vereinigung der Verfahren in
der Hand der Bundesbehörde oder der kantonalen Behörden anordnen (Art. 26
Abs. 2 StPO bzw. Art. 18 bis
Abs. 2 in Verbindung mit Art. 18 Abs. 2 aBStP). Die
Bundesanwaltschaft hat die Verfahren, welche Anklagepunkte kantonaler Zu-
ständigkeit betreffen, in Anwendung oben erwähnten Gesetzesbestimmungen
gültig mit dem in ihre genuine Zuständigkeit fallenden Verfahren vereinigt (siehe
vorstehend Erw. B; cl. 1 pag. 2.2.15-32). Die sachliche Zuständigkeit des Bun-
desstrafgerichts für die Beurteilung aller Anklagepunkte ist demnach gegeben.
1.4 Rechtmässigkeit der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens
1.4.1 Die Verteidiger machen geltend, die Voraussetzung für die Eröffnung des Ermitt-
lungsverfahrens gegen die Beschuldigten habe mangels genügenden Anfangs-
verdachts gefehlt (cl. 138 pag. 138.920.9–11; pag. 138.920.225–226); es liege
daher ein Hindernis für das Strafverfahren insgesamt vor.
1.4.2 In Bezug auf das anwendbare Recht ist auf Erwägung 1.1.1 zu verweisen. Die
Eröffnung des Ermittlungsverfahrens ist demzufolge nach Massgabe der BStP zu
beurteilen, weil es noch unter deren Herrschaft abgeschlossen wurde. Art. 101
Abs. 1 BStP bestimmte, dass der Bundesanwalt „bei hinreichendem Verdacht
strafbarer Handlungen“ schriftlich die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens an-
ordnet. Allerdings galt unter der Herrschaft des BStP ein strafrechtliches Ermitt-
lungsverfahren bereits dann als im materiellen Sinne eröffnet, wenn die Bundes-
anwaltschaft oder die BKP prozessuale Handlungen vornahmen; die formelle Er-
öffnungsverfügung hatte nur deklaratorische Bedeutung (SCHMID, Strafprozess-
recht, 4. Aufl., Zürich 2004, N. 785; OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozess-
rechts, 2. Aufl., Bern 2005, N. 1336–1337). Der hinreichende Verdacht setzt – in
Abgrenzung zum dringenden Tatverdacht – nicht voraus, dass Beweise und In-
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dizien bereits für eine erhebliche oder hohe Wahrscheinlichkeit einer Verurtei-
lung sprechen.
1.4.3 Dem Ermittlungsverfahren gingen folgende Aktivitäten der BKP voraus: Am
16. November 2004 befragte die BKP eine aus Brasilien stammende Frau, wel-
che zuvor vier Monate im Sexsalon Studio C2 in D2 als Prostituierte tätig gewe-
sen war, als Auskunftsperson (cl. 22 pag. 12.1.1–15). Aus Angst vor Repressa-
lien bestand sie darauf, dass ihre Personalien im Protokoll nicht erwähnt würden
(cl. 22 pag. 12.1.1). Sie sagte aus, A6 (gemeint: A1) habe deutsch gesprochen
und A7 (gemeint: A2) habe die Übersetzung auf Portugiesisch gemacht. Ihr sei
gesagt worden, dass sie an ihre Familie in Brasilien denken solle, falls sie das
Haus verlasse. Sie habe dies als Drohung verstanden. A6 habe ihr gesagt, dass
sie ihm Fr. 12'000.– schulde und dass sie dieses Geld zurückzubezahlen habe,
bevor sie ihren Pass wieder bekomme (cl. 22 pag. 12.1.6). Es sei Druck ausge-
übt und es seien Drohungen ausgesprochen worden. A6 habe sie über die Ge-
pflogenheiten aufgeklärt und darüber, dass es keinen Sinn mache zu flüchten
(cl. 22 pag. 12.1.11). A6 habe neben dem Studio C2, der Bar C11 und dem Stu-
dio C1 noch das Studio C3 (cl. 22 pag. 12.1.12). Auf Vorhalt der Fotodokumenta-
tion erkannte sie A1 als den von ihr gemeinten A6 (cl. 22 pag. 12.1.11).
1.4.4 Die Bundesanwaltschaft eröffnete am 16. Dezember 2004 formell das Ermitt-
lungsverfahren (cl. 1 pag. 1.0.1) und zwar auf der Grundlage des Antrags der
BKP vom 9. Dezember 2004 (cl. 2 pag. 5.1.1–15). Dieser formuliert den Tatver-
dacht unter anderem damit, dass A1 einer Organisation vorstehen dürfte, oder
an einer solchen beteiligt sei, welche Frauen in die Schweiz verbringe und der
Prostitution zuführe (cl. 2 pag. 5.1.14). Es wird dargelegt, worauf sich der Tat-
verdacht stützt; die Vorermittlungsergebnisse, wonach A1 seit vielen Jahren im
Rotlichtmilieu tätig sei (cl. 2 pag. 5.1.5), sowie die polizeilichen Aussagen einer
Auskunftsperson (cl. 2 pag. 5.1.12; siehe E. 1.4.3).
1.4.5 Die Aussagen der Auskunftsperson vom 16. November 2004 (E. 1.4.3) sind hin-
sichtlich des Schuldenabbausystems, der verbalen Drohungen und der Etablis-
sements von A1 ausführlich und detailreich. Gestützt auf diese klar formulierten
Informationen bestand für die BKP die hinreichend begründete Wahrscheinlich-
keit, dass strafbare Handlungen begangen wurden und allenfalls noch andauern
könnten. Dies umso mehr, als A1 eine bekannte Figur im Solothurner Rotlichtmi-
lieu war, die Schilderungen also auch nicht a priori als realitätsfern erschienen
(Bericht der Kapo Bern vom 15. November 2004 wegen Verdachts des Men-
schenhandels und Förderung der Prostitution; Bericht/Ermittlungsverfahren der
Kapo Solothurn vom 27. Oktober 2004 wegen Verdachts der Freiheitsberaubung
und Förderung der Prostitution; Bericht der Kapo Luzern vom 6. Februar 2004
wegen Betreibens einer Kontaktbar in Luzern; Strafanzeige der Kapo Luzern
vom 6. Februar 2004 wegen Widerhandlung gegen das ANAG; Bericht der Kapo
Solothurn vom 7. Januar 2004 wegen Einladens einer Frau aus Brasilien in die
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Schweiz; Strafanzeige der Kapo Solothurn vom 5. Januar 2004 wegen vorsätzli-
chen Erleichterns der Arbeitsaufnahme ohne Bewilligung; Strafanzeige der Kapo
Solothurn vom 11. Juli 2002 wegen Menschenhandels, Förderung der Prostituti-
on, Freiheitsberaubung, Widerhandlung gegen das ANAG, Erwerb und Lagerung
falschen Geldes [cl. 2 pag. 5.1.13]) und eine Affinität zu tatbestandsmässigem
Verhalten zeigen. Die Faktenlage bei formeller Eröffnung des Ermittlungsverfah-
rens hatte somit die Qualität eines hinreichenden Tatverdachtes. Die BKP war
folglich verpflichtet, der Anzeige vom 16. November 2004 nachzugehen. Der
Einwand der Verteidiger ist somit unbegründet.
1.5 Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation
1.5.1 Die Verteidiger machen geltend, das Verfahren sei wegen Verdachts der Förde-
rung der Prostitution und des Menschenhandels, ausgehend von einer kriminel-
len Organisation eröffnet worden (cl. 1 pag. 1.0.1). Der Vorwurf der Zugehörig-
keit zu einer kriminellen Organisation gemäss Art. 260 ter
StGB habe sich nicht
erhärtet und sei demnach der Anklageschrift nicht zu entnehmen. Das Bundes-
strafgericht habe deshalb das Verfahren wegen der angeblichen Zugehörigkeit
zu einer kriminellen Organisation einzustellen (cl. 138 pag. 138.920.227–228;
pag. 138.920.318–319).
1.5.2 Die Bundesanwaltschaft hatte zu Beginn des Verfahrens Anhaltspunkte, dass die
Förderung der Prostitution und der Menschenhandel von einer kriminellen Orga-
nisation gemäss Art. 260 ter
StGB ausgingen. Gestützt auf Art. 340 bis
aStGB –
wonach die strafbaren Handlungen nach Art. 260 ter
StGB der Bundesgerichts-
barkeit unterstehen – (neu: Art. 24 StPO) sowie Art. 18 bis
Abs. 2 in Verbindung
mit Art. 18 Abs. 2 BStP vereinigte die Bundesanwaltschaft das ganze Strafver-
fahren in der Zuständigkeit der Bundesbehörden. In diesem Sinne handelt es
sich bei Art. 260 ter
StGB um eine die Zuständigkeit begründende Norm. Das Ver-
fahren wurde nie wegen Art. 340 bis
aStGB beziehungsweise Art. 260 ter
StGB ge-
führt, sondern wegen anderer Tatbestände (siehe Lit. A., B. und H.). Entspre-
chend konnte und kann mit Bezug auf den Tatbestand der Zugehörigkeit zu einer
kriminellen Organisation auch keine Einstellung erfolgen. Der Einwand ist somit
unbegründet.
1.6 Anklageprinzip
1.6.1 Die Verteidigung von A1 macht hinsichtlich der Anklagepunkte A.I.2.–5. betref-
fend die Förderung der Prostitution und des Menschenhandels eine Verletzung
des Anklageprinzips geltend, weil die Tatvorwürfe nicht mit konkreten Beweisen
belegt seien (cl. 138 pag. 138.920.228–229).
1.6.2 Nach dem aus Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV sowie aus Art. 6 Ziff. 1 und
Ziff. 3 lit. a und b EMRK abgeleiteten Anklagegrundsatz bestimmt die Anklage-
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schrift den Gegenstand des Gerichtsverfahrens. Gegenstand des gerichtlichen
Verfahrens können nur Sachverhalte sein, die dem Beschuldigten in der Ankla-
geschrift vorgeworfen werden (Umgrenzungsfunktion; Immutabilitätsprinzip;
vgl. Art. 169 Abs. 1 aBStP bzw. Art. 9 Abs. 1 StPO). Die Anklage hat die der be-
schuldigten Person zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu
umschreiben, dass die Vorwürfe genügend konkretisiert sind. Das Anklageprin-
zip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der angeschuldigten
Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion),
wobei die beiden Funktionen von gleichwertiger Bedeutung sind (BGE 133 IV
235 E. 6.2 f., m.w.H.; 120 IV 348 E. 2; Urteil des Bundesgerichts 6P.122/2004
vom 8. März 2005, E. 4.1, je m.w.H.). Durch klare Umgrenzung des Prozessge-
genstands und Vermittlung der für die Verteidigung notwendigen Informationen
soll dem Betroffenen ein faires Verfahren garantiert werden. Entscheidend ist,
dass der Beschuldigte genau weiss, was ihm konkret vorgeworfen wird (Urteile
des Bundesgerichts 6B_209/2010 vom 2. Dezember 2010, E. 2.4; 6B_794/2007
vom 14. April 2008, E. 2.1, je m.w.H.).
1.6.3 Der Anklagegrundsatz verlangt also, dass der Vorwurf, der dem Angeklagten
gemacht wird, genügend konkret ist. In dieser Hinsicht rügt die Verteidigung
nichts. Dagegen verlangt der Anklagegrundsatz nicht, dass die Anklageschrift die
Beweismittel nennt, durch welche ein bestimmter Vorwurf gestützt wird. Die ent-
sprechende Rüge der Verteidigung geht fehl.
1.7 Verwertbarkeit der Beweismittel aus Zwangsmassnahmen
1.7.1 Die Verteidiger bestreiten die Rechtmässigkeit der Erhebung sowie die Verwert-
barkeit der Unterlagen und Erkenntnisse gemäss den Ziffern 9.1 bis 9.13 der An-
klageschrift (GPS-Erfassung, Audio- und Videoüberwachung, Janus-PV Abfra-
gen, verdeckter Ermittler, Telefon- und Faxüberwachung, Zufallsfunde [cl. 138
pag. 138.920.9–11]). Es habe am dringenden Tatverdacht und an der Verhält-
nismässigkeit für die Anordnung der Zwangsmassnahmen gefehlt. Die Zwangs-
massnahmen hätten nicht nebeneinander angeordnet werden dürfen. Schliess-
lich seien bereits andere Untersuchungshandlungen im Kanton Solothurn gegen
A1 wegen Förderung der Prostitution erfolgreich gewesen (cl. 138
pag. 138.920.54).
1.7.2 a) Die Zulässigkeit der Telefonkontrollen und der Audio- und Videoüberwachung
sowie der daraus gewonnenen Beweise beurteilen sich nach Massgabe des da-
mals geltenden Bundesgesetzes betreffend die Überwachung des Post- und
Fernmeldeverkehrs vom 6. Oktober 2000 (BÜPF; SR 780.1). Gemäss Art. 66
Abs. 2 BStP sind für die Audio- und Videoüberwachung die Bestimmungen des
BÜPF sinngemäss anwendbar. Nach dessen Art. 3 Abs. 1 lit. a durfte eine
Überwachung nur angeordnet werden, wenn sich aus bestimmten Tatsachen der
dringende Verdacht ergab, die Zielperson habe allein oder mit anderen eine so-
- 22 -
genannte Katalogtat begangen; zu diesen gehört die Förderung der Prostitution
und der Menschenhandel (Art. 3 Abs. 2 lit. a BÜPF). Der vom Gesetz verlangte
dringende Tatverdacht erheischt mehr als der hinreichende Tatverdacht, der für
die Eröffnung eines Strafverfahrens vorausgesetzt wird (E. 1.4.2). Es müssen In-
dizien nachgewiesen, nicht bloss behauptet werden, welche zwar die Strafbarkeit
unter einem bestimmten Deliktstatbestand noch nicht als erstellt, aber doch auf
signifikante Weise nahe liegend erscheinen lassen.
b) Die Bundesanwaltschaft ordnete am 25. Januar 2005 die erste Telefonkontrol-
le gegen A1 an und beantragte gleichentags die Genehmigung bei der damals
zuständigen Gerichtsinstanz, dem Präsidenten der I. Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts (cl. 18 pag. 9.5.5 ff.). Dem Gesuch lagen der Rapport der
BKP vom 9. Dezember 2004 sowie die Berichterstattung der BKP vom
18. Januar 2005 bei. Aus diesen Unterlagen geht hervor, dass A1 unter falschen
Versprechen in Bezug auf die berufliche Tätigkeit Frauen von der Region Belo
Horizonte in die Schweiz gelockt und sogleich in zwei seiner Bordelle gebracht
habe. Dort seien sie unter massivsten Zwangsmassnahmen festgehalten und zur
Prostitution gezwungen worden. Der dringende Tatverdacht stützt sich auf diese
gerichtspolizeilichen Ermittlungsergebnisse, welche zu Recht die erste Zwangs-
massnahme zur Folge hatten (cl. 18 pag. 9.5.16 ff.). Die Verdachtslage hat sich
im Laufe der Ermittlungen ständig verdichtet (siehe Entscheide des Präsidenten
der I. Beschwerdekammer in cl. 18 pag. 9.5.37 ff.; pag. 9.6.79; cl. 19 pag. 9.7.34;
pag. 9.9.27 f.; pag. 9.9.77 f.), nicht zuletzt aufgrund der Aussagen von zahlrei-
chen Opfern, wie beispielsweise derjenigen von B14, wonach A6 (gemeint: A1)
ein richtiger Frauenhändler sei (cl. 19 pag. 9.7.17).
c) Am 3. Mai 2005 ersuchte die Bundesanwaltschaft den Präsidenten der I. Be-
schwerdekammer um Genehmigung der Aussenvideoüberwachung des Sexsa-
lons Studio C3. In Bezug auf den erstellten dringenden Tatverdacht kann auf Er-
wägung 1.7.2 b verwiesen werden.
1.7.3 a) Die Rechtmässigkeit des Einsatzes des verdeckten Ermittlers richtet sich nach
dem damals geltenden Bundesgesetz vom 20. Juni 2003 über die verdeckte Er-
mittlung (BVE; durch die StPO aufgehoben; vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_141/2011 vom 23. August 2011, E. 2.1). Der Gesetzgeber hat die verdeckte
Ermittlung auf Bundesebene per 1. Januar 2005 geregelt. Bei der mutmasslichen
Tat musste es sich um eine sogenannte Katalogtat im Sinne des BVE handeln,
was für Menschenhandel und Förderung der Prostitution der Fall war und ge-
mäss neuem Recht der Fall ist (vgl. gemäss Art. 286 Abs. 2 StPO in Verb. mit
Art. 182 und Art. 195 StGB). Ein solcher Einsatz unterliege, wenn die gesetzli-
chen Voraussetzungen erfüllt sind, überdies dem Erfordernis der Verhältnismäs-
sigkeit staatlichen Verhaltens, was in diesem Zusammenhang das Bestehen
eines konkreten Verdachts, die Zielperson werde eine gewichtige Straftat bege-
hen, voraussetze (BGE 112 Ia 18 4a).
- 23 -
b) Die Bundesanwaltschaft ordnete mit Datum vom 29. März 2005 den ersten
Einsatz des verdeckten Ermittlers an (cl. 17 pag. 9.4.12–13). In Bezug auf den
dringenden Tatverdacht kann auf E. 1.7.2 b verwiesen werden. Dem ergänzen-
den Verlängerungsantrag vom 26. September 2005 lagen weiter die Aussagen
der Auskunftsperson B14 vom 10. Dezember 2004 und Amtsberichte des ver-
deckten Ermittlers vom 5. und 14. September 2005 bei (cl. 17 pag. 9.4.50 ff.).
Die Auskunftsperson sagte aus, ihr sei der Pass und das Flugticket durch B48
abgenommen worden, damit sie nicht habe abhauen können (cl. 17 pag. 9.4.73).
Man habe ihr gesagt, wenn sie sich weigere, die Arbeit zu verrichten, dann wer-
de sie nach Brasilien zurückgeschickt. Jedoch erst, wenn sie ihre Schulden ab-
gearbeitet habe (cl. 17 pag. 9.4.74). Sie habe nie alleine nach draussen gehen
dürfen (cl. 17 pag. 9.4.75). Vom ersten Freier pro Tag, der Fr. 100.– bezahlt ha-
be, seien Fr. 20.– für das Zimmer drauf gegangen, Fr. 50.– für A6 (gemeint: A1)
und Fr. 30.– seien dafür verwendet worden, die Schulden abzubezahlen (cl. 17
pag. 9.4.77). Den Amtsberichten ist zu entnehmen, dass den Frauen die Pässe
weggenommen wurden (cl. 17 pag. 9.4.93; pag. 9.4.95). Der Tatverdacht hatte
sich somit weiter erhärtet.
1.7.4 Am 2. Februar 2005 ordnete die Bundesanwaltschaft gestützt auf Art. 101 Abs. 2
BStP die Bekanntgabe der JANUS PV-Abfragen aller Bundesbehörden und in al-
len Kantonen für einen bestimmten Zeitraum an (cl. 16 pag. 9.3.6). Am 19. Janu-
ar 2005 bewilligte die Bundesanwaltschaft die Überwachung von A1 mittels eines
GPS-Empfängers an seinem Fahrzeug und verlängerte diese Massnahme am
18. Juli 2005 und 13. Januar 2006 (cl. 9.1.5 ff.). Voraussetzung für diese Mass-
nahmen ist unter anderem ein hinreichender Tatverdacht nach Art. 101 Abs. 1
BStP. In Bezug auf den vorhandenen dringenden Tatverdacht kann auf Erwä-
gung 1.7.2 b verwiesen werden.
1.7.5 a) In Bezug auf den Grundsatz der Verhältnismässigkeit der Zwangsmassnah-
men bzw. verdeckten Ermittlungsmassnahmen (E. 1.7.2 b und c; E. 1.7.3 b;
E. 1.7.4) ist erforderlich, dass die Ermittlungen sonst aussichtslos oder unver-
hältnismässig erschwert würden. Gemäss Art. 4 Abs. 1 lit. b BVE kann der Ein-
satz des verdeckten Ermittlers zudem angeordnet werden, wenn andere Unter-
suchungsmassnahmen erfolglos geblieben sind. Damit sind allerdings bloss sol-
che ohne vorgängiges Bewilligungserfordernis gemeint. Vielfach ist es notwen-
dig, mehrere Zwangsmassnahmen parallel oder überlappend anzuordnen (HUG,
Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich/Basel/Genf 2010,
Art. 197 StPO N. 19). Die einzelnen Zwangsmassnahmen haben verschiedene
Stossrichtungen, weshalb ein ganzes Bündel von Massnahmen notwendig sein
kann (HUG, a.a.O., Art. 197 StPO N. 19).
b) Gerade im Bereich von Straftaten im Rotlichtmilieu sind die genannten
Zwangs- bzw. verdeckten Ermittlungsmassnahmen regelmässig – wie auch vor-
liegend – ein unabdingbares und wirksames Mittel, um die Strukturen der delikti-
- 24 -
schen Tätigkeiten zu erkennen und aufzudecken. Ohne solche Massnahmen wä-
re es vorliegend kaum möglich gewesen zu erkennen, ob es sich um ein erlaub-
tes oder deliktisches Betriebssystem handelt. Aufgrund der verschiedenen
Stossrichtungen der Zwangsmassnahmen mussten diese nicht kaskadenartig
eingesetzt werden. Erkenntnisse über die Netzwerke in Brasilien und über das
soziale Umfeld der Beschuldigten waren fast ausschliesslich durch den verdeck-
ten Ermittler zu gewinnen. Die GPS-Erfassung diente zur Erstellung eines Be-
wegungsrasters von A1. Mit der Audio- und Videoüberwachung konnte festge-
stellt werden, wie häufig die Prostituierten das Studio C3 verlassen konnten und
wie häufig dieses von Freiern frequentiert wurde. Die Janus-PV Abfragen dienten
der Bekanntgabe kriminalpolizeilicher Daten und die verdeckte Ermittlung sowie
die Telefon- und Faxüberwachung der Sicherung von Erkenntnissen über das
Geschäftsmodell. Die Ermittlungen wären somit ohne den Einsatz der verschie-
denen Zwangsmassnahmen aussichtslos gewesen beziehungsweise unverhält-
nismässig erschwert worden. Schliesslich betraf das damalige Strafverfahren im
Kanton Solothurn gegen A1 andere Prostituierte, nämlich fast ausschliesslich
solche aus Osteuropa, andere Tatzeiten und Etablissements (siehe Urteil des
Obergerichtes des Kantons Solothurn vom 28. Januar 2005 [cl. 47 pag. 18.7.75–
147 ff.]). Die Bundesanwaltschaft war also verpflichtet, die vorliegenden Sach-
verhalte zu untersuchen.
1.7.6 Der Einwand der Verteidiger ist somit unbegründet. Der Antrag ist abzuweisen.
1.8 Verwertbarkeit der Einvernahmeprotokolle von Belastungszeugen
1.8.1 Der Verteidiger von A1 rügt im Zusammenhang mit sämtlichen Zeugen und Aus-
kunftspersonen gemäss den Ziffern A.I.1.–10. der Anklageschrift eine Verletzung
des direkten Konfrontationsrechts seines Mandanten (cl. 138 pag. 138.920.21).
Der Verteidiger von A2 beanstandet eine Verletzung des direkten Konfrontations-
rechts seiner Mandantin in Bezug auf die meisten unter
A.III.1.2 lit. e und A.III.2.2 lit. k der Anklageschrift aufgeführten Frauen (cl. 138
pag. 138.920.22).
1.8.2 Ein Angeschuldigter hat in einem Strafverfahren gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK
Anspruch darauf, bei der Befragung von Belastungszeugen anwesend zu sein
und diesem Fragen zu stellen (BGE 131 I 476 E. 2.2; 125 I 127 E. 6c/ee; 118 Ia
462 E. 5a; 116 Ia 289 E. 3). Mit Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK soll ausgeschlossen
werden, dass ein Strafurteil auf Aussagen von Zeugen abgestützt wird, ohne
dass dem Beschuldigten wenigstens einmal eine angemessene und hinreichen-
de Gelegenheit gegeben wurde, das Zeugnis in Zweifel zu ziehen und Fragen an
den Zeugen zu stellen (BGE 131 I 476 E. 2.2; 118 Ia 462 E. 5.a; 116 Ia 289
E. 3.a; 113 Ia 422 E. 3.c). Dem Anspruch, den Belastungszeugen Fragen zu stel-
len, kommt insofern grundsätzlich ein absoluter Charakter zu; er erfährt aber in
der Praxis in zweifacher Hinsicht eine gewisse Relativierung: So gilt er nur, wenn
- 25 -
dem streitigen Zeugnis alleinige oder ausschlaggebende Bedeutung zukommt,
dieses also den einzigen oder den wesentlichen Beweis darstellt (BGE 131 I 476
E. 2.2; 129 I 151 E. 3.1; BGE 125 I 127 6c dd). Von einer direkten Konfrontation
kann ausnahmsweise abgesehen werden, wenn dies der Schutz des Opfers
oder eines anonymen Zeugen erfordert, oder falls sich der Zeuge vor dem Be-
schuldigten fürchtet (Urteil des Bundesgerichts 6B_45/2008 vom 2. Juni 2008,
E. 2.4). Gemäss Art. 5 Abs. 1, 4 und 5 OHG (neu: Art. 152 Abs. 3 StPO) sind die
Persönlichkeitsrechte des Opfers zu wahren, die Begegnung des Opfers mit dem
Beschuldigten zu vermeiden, wenn das Opfer dies verlangt.
1.8.3 Die Bundesanwaltschaft schränkte das Konfrontationsrecht der Beschuldigten
aufgrund der Opfereigenschaft der Frauen ein. Zahlreiche Frauen sagten aus,
dass sie Angst vor A1 hätten (cl. 22 pag. 12.1.1 betr. B11; pag. 12.2.3 betr. B14;
pag. 12.3.20 betr. B1; pag. 12.4.25 betr. B2; pag. 12.5.47 betr. B3; cl. 23
pag. 12.6.24 betr. B4; pag. 12.8.22 betr. B6; pag. 12.9.45 betr. B7; pag. 12.10.19
betr. B8; pag. 12.12.15 betr. B12; cl. 18 pag. 12.51.3 betr. B15, usw.). Den auf-
gezeichneten Telefonkontrollen ist zu entnehmen, wie A1 konkrete Anweisungen
gab, die Frauen zu bedrohen oder schlecht zu behandeln: „Wichtig ist, das A5 ihr
heute Abend Angst macht, dass, wenn sie etwas macht, ihre Mutter und Vater
nicht mehr leben werden!“ (cl. 102 pag. 51.257). „Und dann behan-
delst...behandelst du sie schlecht! Mit dem Fuss in den Arsch!“ (cl. 105
pag. 54.221). Insoweit ist begründet und damit erstellt, dass viele Prostituierte
vor A1 Angst haben konnten und hatten. Angesichts der zahlreichen Einvernah-
meprotokolle der Zeuginnen und Auskunftspersonen wird aber vorliegend über
die Verwertbarkeit, sofern von Relevanz, erst im Rahmen der Beweiswürdigung
abschliessend zu entscheiden sein.
1.9 Verwertbarkeit der Amtsberichte des verdeckten Ermittlers
1.9.1 Die Verteidiger von A1 und A3 rügen im Zusammenhang mit dem verdeckten
Ermittler eine Verletzung des Konfrontationsrechts ihrer Mandanten (cl. 138
pag. 138.920.21 f.). Die Konfrontation habe zudem unverdeckt zu erfolgen (cl.
138 pag. 138.920.64).
1.9.2 In Bezug auf den Anspruch des Beschuldigten auf die Befragung von Belas-
tungszeugen kann auf Erwägung 1.8.2 verwiesen werden. Die Rechtsprechung
anerkennt die Interessen für die Geheimhaltung der Identität von Zeugen. Eben-
so ist ein Schutzbedürfnis von V-Personen anerkannt, damit sie auch nach ab-
geschlossenem Verfahren noch weiterhin im Dienste der Polizei eingesetzt wer-
den können (BGE 125 I 127 E. 6d cc). Hinsichtlich des anwendbaren Rechts in
Bezug auf die Vertraulichkeitszusage gegenüber einem verdeckten Ermittler gel-
ten die Ausführungen in Erwägung 1.7.3 a analog. Art. 23 Abs. 3 BVE statuiert,
- 26 -
dass bei Einvernahmen eines verdeckten Ermittlers die verfahrensleitende Be-
hörde die notwendigen Schutzmassnahmen wie die Veränderung von Aussehen
und Stimme und die getrennte räumliche Einvernahme trifft.
1.9.3 Der verdeckte Ermittler wurde am 1. September 2009 parteiöffentlich einver-
nommen (cl. 28 pag. 12.53.3 ff.). Rechtsanwalt Rolf Liniger erschien nicht, ob-
wohl ihm die Einvernahme angezeigt worden war. Die Einvernahme erfolgte per
Videoübertragung. Der verdeckte Ermittler war abgeschirmt und seine Stimme
technisch verändert (cl. 28 pag. 12.53.26). Die Verteidiger konnten Fragen stel-
len. Mit Verfügung vom 2. November 2011 wurde den Parteien Gelegenheit ge-
geben, die Akten zu ergänzen (cl. 37 pag. 16.01.311). Die Parteien beantragten
keine weiteren Beweismassnahmen. Mit Verfügung des Bundesstrafgerichts vom
19. Juli 2011 wurde auf die Einvernahme des verdeckten Ermittlers verzichtet,
worauf die Parteien nicht reagiert und eine erneute Befragung beantragt haben.
Die Parteien hatten während des ganzen Verfahrens Akteneinsicht zum Einsatz
des verdeckten Ermittlers und den Amtsberichten und konnten Anträge stellen.
Diese Massnahmen waren ausreichend, um die optische und akustische Verde-
ckung des verdeckten Ermittlers zu kompensieren. Schliesslich hat sich an der
Hauptverhandlung nichts ergeben, was die Zuverlässigkeit der Amtsberichte des
verdeckten Ermittlers in Zweifel gezogen hat. Soweit sich die Anträge nicht auf
Sachverhalte aus der Hauptverhandlung beziehen, sondern auf Parteirechte der
Beschuldigten im generellen, wussten die Verteidiger schon seit mehr als vier
Monaten vor dem zweiten Teil der Hauptverhandlung, dass keine weitere Ein-
vernahme des verdeckten Ermittlers stattfinden würde. Die Anträge sind somit
verspätet und unbegründet. Da die Bedingungen für die Verschleierung des ver-
deckten Ermittlers gegeben sind (E. 1.9.2), ist es zudem ausgeschlossen, ihn
ohne die Zusicherung einer solchen einzuvernehmen. Auch bilden die Aussagen
und Amtsberichte des verdeckten Ermittlers nicht das ausschlaggebende Be-
weismittel. Die Erkenntnisse des verdeckten Ermittlers sind somit verwertbar. Die
Anträge sind abzuweisen.
1.10 Verwertbarkeit der Einvernahmeprotokolle der Mitbeschuldigten
1.10.1 Der Verteidiger von A1 rügt im Zusammenhang mit den Einvernahmen der Mit-
beschuldigten A4 und A5 eine Verletzung des Konfrontationsrechts. Er bean-
tragt, die beiden Mitbeschuldigten seien in direkter Konfrontation mit A1 einzu-
vernehmen (cl. 138 pag. 138.920.21).
1.10.2 A1 hat auf eine Konfrontation anlässlich der parteiöffentlichen Einvernahmen der
Mitbeschuldigten verzichtet (cl. 36 pag. 16.01.119). Die Rüge der Verletzung des
Konfrontationsrechts ist somit unbegründet.
1.11 Verwertbarkeit der Einvernahmeprotokolle im Zusammenhang mit dem Frauenin-
formationszentrum (nachfolgend: FIZ)
- 27 -
1.11.1 Die Verteidiger von A1, A2 und A3 machen ein Verwertungsverbot betreffend die
belastenden Aussagen der Frauen geltend, welche beim FIZ waren (cl. 138
pag. 138.920.232; pag. 138.920.297; pag. 138.920.322). Die Mitarbeiterinnen
des FIZ hätten die Frauen vor den Einvernahmen beeinflusst.
1.11.2 Die ersten Aussagen einiger Frauen weichen von den späteren ab. So sagte B5
in der Einvernahme vom 28. März 2006 aus, sie habe alles freiwillig gemacht
und sei weder bedroht noch unter Druck gesetzt worden (cl. 23 pag. 12.7.6). Bei
der zweiten Einvernahme vom 4. April 2006 sagte sie aus, dass sie nicht aus
dem Haus hätten gehen oder telefonieren dürfen (cl. 23 pag. 12.7.24). An der
parteiöffentlichen Einvernahme vom 20. April 2006 kam zur Sprache, dass sie
zwischen der ersten und zweiten Einvernahme mit Vertreterinnen des FIZ ge-
sprochen habe (cl. 23 pag. 12.7.45). Ein ähnlich widersprüchliches Aussagever-
halten zeigt dasjenige von B7, welche bei der zweiten Aussage vom 4. April
2006 in Bezug auf ihre erste Einvernahme sagte, dass sie alles ändern möchte
(cl. 23 pag. 12.9.30). Als Frau B16 und Frau B17 als Vertreterinnen vom FIZ mit
dem Vorwurf einer allfälligen Beeinflussung konfrontiert wurden, sagten sie aus,
dass sie den Frauen keine Empfehlungen abgegeben hätten, was auszusagen
sei (cl. 25 pag. 12.33.8; pag. 12.34.7). Frau B17 gab an, sie habe den Frauen
geraten, die Wahrheit zu sagen (cl. 25 pag. 12.34.7). Die Aussagen der Mitarbei-
terinnen des FIZ sind glaubwürdig und decken sich mit der Aussage der Aus-
kunftsperson B5, wonach ihr niemand gesagt habe, was sie bei der zweiten Ein-
vernahme vom 4. April 2006 aussagen solle (cl. 23 pag. 12.7.45). Die Gründe für
die widersprüchlichen Aussagen sind folgende: B12 sagte am 5. April 2006 aus,
dass sie ihre Aussage vom letzten Mal ändern möchte. Sie habe Angst gehabt,
dass ihrer Familie etwas passiere (cl. 24 pag. 12.12.24). B15 sagte aus, als sie
noch als Prostituierte bei A1 gearbeitet habe, sei sie von ihm klar instruiert wor-
den, was sie im Falle einer Polizeikontrolle auszusagen hätte (cl. 28
pag. 12.51.11). B1 sagte ebenfalls aus, sie sei im Hinblick auf Polizeikontrollen
von A1 instruiert worden (cl. 22 pag. 13.3.11). B7 sagte aus, A1 habe gesagt,
dass es sich nicht lohnen würde, die Wahrheit zu sagen, dass die Polizei
schlecht und böse sei und die Polizei sie sicher misshandeln würde (cl. 23
pag. 12.9.44). Die Gründe für das widersprüchliche Aussageverhalten der Prosti-
tuierten sind somit die – angsteinflössenden – Instruktionen A1s, an welche sich
die Frauen zunächst gehalten und sich offenbar erst später dazu entschieden
haben, vermutlich nachdem sie Vertrauen zu den Behörden und zum Verfahren
gefasst hatten, A1 mit ihren Aussagen zu belasten. Die bei zahlreichen Frauen
nachzuweisenden Veränderungen der Aussagen von der ersten zur zweiten Ein-
vernahme sind somit plausibel erklärbar und kein Hinweis darauf, dass die zwei-
ten, belastenden Aussagen auf Instruktion der Mitarbeiterinnen des FIZ erfolg-
ten. Angesichts der zahlreichen Einvernahmen der Frauen, welche sich vom FIZ
beraten liessen, wird aber vorliegend über die Verwertbarkeit der Protokolle, so-
- 28 -
fern von Relevanz, erst im Rahmen der Beweiswürdigung abschliessend zu ent-
scheiden sein. (Die Beweisanträge sind – wie sich zeigen wird – abzuweisen.)
2. Vorbemerkungen zu den Anklagepunkten I.1 – 5 (A1), III.1 – 3 A2, IV.1 – 2
A3, V.1 – 3 A4, VI.1 – 3 A5); tatbestandsbegründende Elemente des Ge-
schäfts; generelle Beweiswürdigung
2.1 Allgemeines: Die Geschädigten (Opfer) der genannten Anklagepunkte sind alles
Frauen, welche sich in bestimmten Studios prostituierten. Dabei sollen sie von
den Beschuldigten in unterschiedlicher Art und Intensität strafbar behandelt wor-
den sein. Die Anklage geht davon aus, dass die Handlungen, die Gegenstand
der Anklage sind, systematisch im Rahmen eines bestimmten Geschäftsmodells
begangen wurden. Entsprechend beschreibt die Anklage in den Anklagepunkten
Förderung der Prostitution und Menschenhandel zum Nachteil von über 140
Frauen, die vorgeworfenen Handlungen bei 37 dieser Frauen generell und
zugleich mit einem Katalog von Einzelkriterien, welche die Strafbarkeit begrün-
den können, bei den übrigen Frauen lässt die Anklage den konkreten Detail-
sachverhalt offen und umschreibt diesen nur generell; diesbezüglich wurden
auch keine Einvernahmen mit den je betroffenen Frauen, von welchen in den
meisten Fällen nur ein Name bekannt ist, durchgeführt. Betreffend weiterer fünf
Frauen in den Anklagepunkten I.1 – 3 (A1) und III.1 (A2) erfolgt die Umschrei-
bung des tatbestandsmässigen Verhaltens in traditioneller Weise,
d.h. individualisiert und konkret. Es ist deshalb angezeigt, die Eckpfeiler der An-
klage in diesen Punkten vorab zu prüfen.
2.2 Aufbau der Anklage
2.2.1 Die Anklagepunkte I.1 und I.2 betreffend A1 sind auch die chronologisch ersten
Sachverhalte der Anklage, welche die Problematik des Prostitutionsgewerbes
betreffen. Sie sind traditionell aufgebaut, was heisst, dass ein vollständiger Le-
benssachverhalt geschildert wird, der sich auf zwei Frauen aus Kolumbien be-
zieht und sich in der ersten Hälfte des Jahres 2001 abgespielt haben soll; er wird
unter dem Aspekt der Freiheitsberaubung (Anklagepunkt I.1) und unter dem As-
pekt der Förderung der Prostitution (Anklagepunkt I.2) dargestellt.
2.2.2 Daran schliessen sich chronologisch nicht der Anklagepunkt A1 I.3 (A2 III.1) an,
sondern die Anklagepunkte A1 I.4 und I.5 (und A2 III.2 und III.3, A3 IV.1 und
IV.2, A4 V.1 und V.2 und A5 VI.1 und VI.2), die als Hauptanklagepunkte anzuse-
hen sind. Diese Anklagepunkte, soweit sie A1, A2 und A3 betreffen, beziehen
sich auf die gesamte Periode ab Anfang Juli 2001 bis zur Verhaftung von A1, A3,
A4 und A5 am 28. März 2006. Soweit diese Anklagepunkte A4 betreffen, bezie-
- 29 -
hen sie sich auf die Periode Februar 2005 bis 28. März 2006, bei A5 auf die Pe-
riode August 2004 bis 28. März 2006.
2.2.3 Die Anklagepunkte I.4 und I.5 (für die anderen Beschuldigten ergänzt in den ge-
nannten Anklagepunkten, die im folgenden der Übersichtlichkeit halber nicht
mehr genannt werden) folgen einem System, das sich nicht in einfacher Weise
erschliesst: Zuerst werden im Punkt I.4 der Anklage 37 Frauen genannt, von
welchen bekannt ist, wann sie in welchem Studio gearbeitet haben. Die sie
betreffenden strafbarkeitsbegründenden Kriterien schildert die Anklage generell;
und individualisiert sie in den Anhängen 1 und 2 der Anklage jeweils als Matrix.
Danach folgen 105 Frauen von welchen nur bekannt ist, dass sie nach dem glei-
chen Schema in die Schweiz kamen: Dass also ihre Tickets beim Reisebüro C12
gebucht und A1 in Rechnung gestellt worden waren, und dass für sie Geldbeträ-
ge namens A1 nach Brasilien überwiesen wurden (cl. 119 pag. 68.396 ff.), wobei
die mit diesen Geschäften beim Reisebüro und beim Moneytransmitter befassten
Personen mit jenen Fällen, die die anderen 37 Fälle betreffen, identisch waren.
2.2.4 Zwischen der Aufzählung dieser beiden „Gruppierungen“ von Frauen, hält die
Anklage fest, dass sich die nachstehend unter Ziffer I.4.2 beschriebenen Tat-
handlungen bezüglich der 37 Frauen teilweise gemäss einer Liste im Anhang 1
zuordnen lassen. Anklagepunkt I.5.2 (Menschenhandel) verweist mit Bezug auf
die betroffenen Frauen auf Ziffer I.4 (Förderung der Prostitution) und ebenfalls
darauf, dass sich die in dieser Ziffer (I.5.2) beschriebenen Tathandlungen teil-
weise gemäss einer Liste in Anhang 2 zuordnen lassen. Als Anhänge 1 und 2
finden sich Listen, welche die einzelnen Elemente mit der, mit wenigen Ausnah-
men, selben Nummerierung wie im betreffenden Vorwurf erwähnen (z.B. I.4.2.1
a, b, oder I.4.2.2 y, z, aa, bb etc.). Die Elemente werden gemäss einer Matrix auf
die 37 Frauen verteilt. Die Anklagepunkte I.4.2.1 (Zuführung), I.4.2.2 (Beein-
trächtigung) und I.4.2.3 (Festhalten) verzichten darauf, die jeweils betroffenen
Frauen noch einmal zu nennen.
2.2.5 Man könnte nun annehmen, damit habe die Anklage in übersichtlicher Art für
jede der 37 Frauen die Vorwürfe so dargestellt, dass klar ist, ob sie sich auf alle
Varianten der Förderung der Prostitution (Zuführung, Beeinträchtigung, Festhal-
ten) oder nur auf einen Teil davon bezieht. Würde die Liste gemäss Anhang 1
indessen so verstanden, dass nur diejenigen Elemente vorgeworfen werden, die
dort auch individualisiert vermerkt sind, würde das auch bedeuten, dass die An-
klage mit Bezug auf die 105 auf der Liste nicht erscheinenden Frauen gar keinen
Vorwurf enthält. Es kann insoweit geschlossen werden, dass unter den Anklage-
punkten I.4 und I.5, und nur unter diesen, die Staatsanwaltschaft des Bundes
davon ausgeht, es gehe hier allgemein um die Bestrafung eines unzulässigen
Geschäftsgebarens in einem bestimmten Zeitraum. Dazu passt, dass die Bun-
desanwaltschaft mit Bezug auf die erwähnte Liste festhält, damit liessen sich die
beschriebenen Tathandlungen teilweise bezüglich der 37 genannten Frauen zu-
- 30 -
ordnen. Sie geht offenbar davon aus, dass dies nicht zwingend der Fall gewesen
sein muss. Geht man indessen davon aus, dass unter den Anklagepunkten I.4
und I.5 über 140-fache Handlungen gegen die sexuelle Integrität bzw. die Frei-
heit einzelner Personen angeklagt sein müssen, erscheint diese Sichtweise der
Anklage als zumindest problematisch. Die Anklage erscheint insoweit als Mi-
schung von akribischer Zuordnung einzelner Elemente auf einzelne Tatbe-
standsvarianten einerseits und einem pauschalisierten Vorwurf andererseits.
Dass die Anklage dennoch beurteilt werden kann, ergibt sich aus den nachfol-
genden Erwägungen. An dieser Stelle kann jedenfalls bereits festgehalten wer-
den, dass auf die Anklage betreffend die 105 Frauen, über die, ausser ihren Na-
men, keine konkreten Informationen vorgebracht werden – insbesondere nicht
über den Zeitraum der behaupteten Prostitution und über das Studio, in dem die-
se ausgeübt worden sein soll – nicht eingetreten werden kann.
2.3 Stellungnahme der Beschuldigten zum angeklagten Prostitutionsgeschäft im
Grundsatz; Bemerkungen zum Beweiswert ihrer Aussagen
2.3.1 Der Beschuldigte A1 bestreitet die Anklage in vielen relevanten Teilen. So brach-
te er im Verfahren mehrfach vor, die Frauen hätten sich selbst organisiert, sie
seien freiwillig gekommen im Wissen darum, welche Arbeit sie in der Schweiz
erwarte. Er hätte deren Reise nicht organisiert. Die Frauen hätten selbst be-
stimmt, wann sie arbeiten wollten. Sie hätten auch jederzeit wieder gehen kön-
nen. Pässe und Tickets seien nur aufbewahrt und nicht weggeschlossen worden.
Grundsätzlich sei er nur Angestellter der C13 AG gewesen, die sich auf die Ver-
mietung von Liegenschaften, in denen Prostitution betrieben worden sei, spezia-
lisiert habe. Der Beschuldigte A1 gibt zu, einzelne Studios in der Schlussphase
selbst geführt zu haben, dass die Frauen bei der Ankunft Schulden in der Höhe
von ca. Fr. 9'000.– (cl. 30 pag. 13.1.510; cl. 138 pag. 138.930.51) gehabt hätten
und dass das Abrechnungsschema 50% : (50% - Fr. 20.– [cl. 138
pag. 138.930.52]) betragen habe, wobei seine 50% immer an ihn gefallen seien
und die Frauen die Schulden zunächst mit den ihnen zustehenden 50% abzüg-
lich der Fr. 20.– pro Tag hätten abzahlen müssen, bevor sie etwas verdient hät-
ten. Er bestreitet auch nicht, dass sich die Frauen illegal in der Schweiz auf-
gehalten bzw. sich illegal als "Touristinnen" prostituiert hätten. Soweit der Be-
schuldigte A1, entgegen zahlreichen verwertbaren Beweismitteln, pauschal be-
streitet, die in den Studios beschäftigten Frauen seien durch von ihm verantwor-
tete Geschäftspraktiken in ihrer sexuellen Selbstbestimmung eingeschränkt wor-
den, sind seine Aussagen unglaubwürdig; deren Beweiswert insofern gering.
Einzelne Bestreitungen, etwa hinsichtlich dem Zweck der Videokameras, sind
nicht a priori unplausibel und werden deshalb im Einzelnen zu prüfen sein (siehe
E. 2.15).
- 31 -
2.3.2 Die Beschuldigte A2 gibt grundsätzlich alle Vorwürfe zu. Sie ist neben A1 die am
stärksten in die angeklagten Handlungen involvierte beschuldigte Person. Sie
fungierte zumindest faktisch als dessen Stellvertreterin, insbesondere auch, weil
sie portugiesischer Muttersprache ist und sich deshalb problemlos mit den Brasi-
lianerinnen verständigen und unterhalten konnte. Ein gewisses Interesse, ihre
Rolle zu relativieren, darf angenommen werden. Andere Faktoren, welche ihre
Aussagen verfälschen könnten, sind nicht ersichtlich. Ihre Aussagen sind daher
grundsätzlich von hohem Beweiswert.
2.3.3 Der Beschuldigte A3 ist ein Kollege oder Freund des Beschuldigten A1. Sie ken-
nen sich seit 25 Jahren, als Letzterer noch eine Metzgerei führte (vgl. cl. 31
pag. 13.02.043). Die beiden waren in der relevanten Zeit im selben Verein enga-
giert und gingen auch immer wieder zusammen essen. A3 verkehrte teils als
Kunde in den hier interessierenden Etablissements, teils nahm er untergeordnete
Verrichtungen für A1 vor oder erbrachte kleinere Dienstleistungen für die Frauen
wie Einkäufe, Chauffeurdienste oder Transporte. Vom genauen Funktionieren
der Betriebe A1s will er nichts gewusst haben, sondern nur in Ansätzen, was
nicht unwahrscheinlich sein dürfte. A3 vermeidet es grundsätzlich, A1 zu be-
lasten. Wo er es trotzdem tut, ist der Beweiswert seiner Angaben hoch.
2.3.4 Die Beschuldigte A4 gibt alle Vorwürfe zu. Sie arbeitete zunächst als Prostituier-
te wie auch die anderen hier als Geschädigte aufgeführten Frauen. Sie wurde
aber später zur Insiderin, als sie die Rolle der sogenannten Hausverantwortli-
chen übernahm. Damit wurde sie in die inkriminierten Handlungen involviert.
Nach eigener, von anderen bestätigter Aussage war sie auch die Geliebte von
A1. Ihre Aussagen sind grundsätzlich von hohem Beweiswert. Sie dürfte ein ge-
wisses Interesse haben, sich primär als A1s Werkzeug darzustellen, was unter
den gegebenen Umständen als nachvollziehbar erscheint. Auf der anderen Seite
hat sie auch ein gewisses Interesse daran, umfassend beurteilt zu werden, weil
sie – offenbar – auch eine Verurteilung in Brasilien zu befürchten hat.
2.3.5 Für die Beschuldigte A5 gilt ähnliches wie oben für A4. Auch sie war als Inside-
rin, jedoch ohne persönliche Bindungen zu A1, in die inkriminierten Handlungen
involviert, insbesondere indem sie die brasilianischen Frauen teilweise für A1
rekrutierte, wenn sie sich in der Heimat aufhielt. Ihre Kompetenzen im Bereich
der Führung des Prostitutionsgeschäfts und der Studiokontrolle waren aber ins-
gesamt geringer als diejenigen von A4 (E. 2.18.5).
2.4 Übrige Beweismittel
2.4.1 Wie sich aus den Akten ergibt, hatten die Beschuldigten bei zahlreichen im Vor-
verfahren befragten Zeugen und Auskunftspersonen nie die Gelegenheit, Ergän-
zungsfragen zu stellen. Die Verwertung solcher Aussagen durch das Gericht als
Hauptbeweise ist ausgeschlossen oder als Nebenbeweise nur sehr beschränkt
- 32 -
zulässig. Das Gericht verzichtet im Folgenden darauf, Einvernahmen von Perso-
nen zu Lasten des Beschuldigten A1 beizuziehen, bei welchen er das Konfronta-
tionsrecht nicht ausüben konnte. Bei gewissen Personen konnte zwar A1 das
Konfrontationsrecht ausüben, nicht aber A2. Diesen Umstand hat das Gericht
nicht berücksichtigt, da in ihrem Fall auf allenfalls eingeschränkt verwertbare
Aussagen nicht Bezug genommen werden muss: Es kann insoweit auf ihr um-
fassendes, wenn auch in der Hauptverhandlung leicht relativiertes Geständnis
sowie auf Einvernahmen der anlässlich der Hauptverhandlung befragten Aus-
kunftspersonen abgestellt werden, welche das Geständnis im Grundsatz bestä-
tigten.
2.4.2 Die nicht zu Lasten des Beschuldigten A1 herangezogenen Personenbeweise
werden indessen auch nicht zu seinen Gunsten berücksichtigt, weil sie in den
entscheidenden Punkten nicht glaubhaft sind, so jedenfalls in Bezug auf die An-
klagepunkte I.4 und I.5 (anders in Bezug auf die Geschädigten im Fall I.1
bzw. I.2, soweit diese entlastend angeben, sie hätten das Studio C3 verlassen
können (cl. 80 pag. 29.0201, Aussage B18; cl. 80 pag. 29.0244, Aussage B19);
diesbezüglich trifft das nachfolgende Argument nicht zu). Es handelt sich um die-
jenigen ersten Aussagen von Geschädigten, mit welchen A1 nicht konfrontiert
worden ist. Es ist erwiesen, dass die Frauen mindestens in der Regel instruiert
worden sind, was sie bei einer Einvernahme durch die Polizei zu sagen hätten
(vgl. E. 1.11.2). Die Beschuldigte A4 gibt dazu an: „Ganz konkret musste man
aussagen, dass man keine Schulden abbezahlen musste, dass man nie den
Namen A1 erwähnen sollte, dass man freiwillig in die Schweiz gekommen ist und
dass man sein Ticket selbst finanziert hat. Weiter musste man sagen, dass man
sich frei bewegen konnte und dass Inhaber des Betriebes eine so genannte B20
war.“ (EV vom 30. April 2007, cl. 32 pag. 13.03.233). Diese Angabe ist mehrfach
bestätigt worden, insbesondere auch von Frauen, die gerade damit begründet
haben, weshalb sie in der ersten Befragung so aussagten und ihr Aussagever-
halten in oder ab der zweiten Einvernahme änderten (vgl. zu den Gründen der
geänderten Aussagen die EV von B12 vom 5. April 2006 [cl. 24 pag. 12.12.24]
sowie die EV von B15 vom 13. August 2007 [cl. 28 pag. 12.51.11]). Auf Frage zu
den Verhaltensregeln bei Polizeikontrollen sagte B4 aus, A6 (gemeint: A1) und
A4 hätten mehrmals wiederholt, dass sie hätten sagen sollen, dass sie von A6
noch nie etwas gehört und ihn auch nicht gesehen hätten. Auf die Frage, wem
das Etablissement gehöre, hätten sie antworten sollen, es gehöre einer B21
(cl. 23 pag. 12.06.30).
2.4.3 Im Übrigen stellt das Gericht betreffend den Beschuldigten A1 auf alle Einver-
nahmen ab, für welche er die Gelegenheit hatte oder gehabt hätte, Ergänzungs-
fragen zu stellen, insbesondere auch auf sämtliche Aussagen, die in der Haupt-
verhandlung erhoben worden sind. Für die anderen Beschuldigten werden Fra-
- 33 -
gen der Beweisverwertung erforderlichenfalls, wo aufgeworfen bzw. von Amtes
wegen zu prüfen, im konkreten Einzelfall erörtert.
2.5 Zum Vorgehen
2.5.1 Der Hauptanklagesachverhalt ist in den primär nach rechtlichem Gesichtspunkt
unterschiedenen Anklagepunkten I.4 und I.5 betreffend A1 sowie in den vollstän-
dig entsprechenden einschlägigen Anklagepunkten für die übrigen Beschuldigten
geschildert. Im Anklagepunkt I.1 und I.2 geht es um einen auch in rechtlicher
Hinsicht anders gelagerten, isolierten Einzelfall, der im Übrigen nur A1 betrifft. Im
Anklagepunkt I.3 betreffend A1, der eine Entsprechung nur im Punkt II.1 gegen
die Beschuldigte A2 hat, handelt es sich um Einzelsachverhalte, die materiell
den Anklagepunkten I.4 und I.5 entsprechen und deren separate Behandlung in
der Anklage sich aus der Verfahrensgenese ergibt (in diesen Punkten wurde ur-
sprünglich ein kantonales Verfahren geführt). Es drängt sich deshalb auf, die alle
Beschuldigten betreffenden Hauptanklagepunkte I.4 und I.5 sowie deren Ent-
sprechungen zu behandeln und erst anschliessend auf Punkt I.3 bzw. II.1 und
schliesslich auf die Punkte I.1 und I.2 einzugehen.
2.5.2 Die Anklage behandelt die Themenkomplexe Förderung der Prostitution und
Menschenhandel nach rechtlichen Kriterien, unterschieden in den Anklagepunk-
ten I.4 und I.5, wobei in Punkt I.4 der Sachverhalt zusätzlich nach den drei Tat-
bestandsvarianten von Art. 195 Abs. 2 bis 4 StGB getrennt beschrieben wird; es
handelt sich jedoch um einen einheitlichen Lebenssachverhalt, der in der Folge
zunächst als Einheit behandelt und nachfolgend unter die zwei Tatbestände von
Art. 195 und Art. 182 bzw. aArt 196 StGB und die Tatbestandsvarianten von
Art. 195 Abs. 2 bis 4 StGB subsumiert wird (unten Erw. 3).
Zunächst werden die vorgeworfenen Verhaltensweisen und die Kriterien, welche
die Strafbarkeit begründen sollen, identifiziert. Diese sollen die Grundpfeiler des
Geschäftsmodells gebildet haben; sodann wird nach deren Beweis gefragt. Al-
lenfalls sind einzelne Sachverhaltselemente in Einzelfällen zu prüfen. Sodann
sind die Rollen zu bestimmen, welche die Beschuldigten innerhalb des inkrimi-
nierten Geschäfts wahrgenommen haben. Schliesslich sind diese Kriterien im
Falle von deren Beweis zu subsumieren.
2.6 Identifikation der relevanten, zum System gehörenden Verhaltensweisen
bzw. Merkmale des Geschäftsmodells; als solche sind anzusehen:
a) Allen betroffenen Frauen aus Brasilien wurde die Reise in die Schweiz aus-
schliesslich ermöglicht, um hier in den Studios des Beschuldigten A1 als Prosti-
tuierte zu arbeiten;
- 34 -
b) Alle Frauen stammten, wenn sie nicht eigentlich arm waren, mindestens aus
einem wirtschaftlich sehr schwierigen Umfeld in Brasilien, waren mittellos und
brachten keine Deutschkenntnisse mit;
c) A1 sorgte direkt oder indirekt dafür, dass den Frauen das Flugticket in der
Schweiz organisiert und bezahlt wurde und in Brasilien von diesen mittels mitge-
teiltem Code bezogen werden konnte;
d) A1 sorgte via schweizerischer Finanztransmitter direkt oder indirekt dafür,
dass den Frauen mindestens die notwendigen Auslagen für die Reise vorab in
Brasilien erstattet und ein Vorzeigegeld vorab in Brasilien ausgehändigt wurde,
damit sie bei der Einreise vortäuschen konnten, als Touristinnen einzureisen.
Das Vorzeigegeld mussten sie bei der Ankunft in einem seiner Studios wieder
abgeben;
e) Alle Frauen verrichteten ihre Arbeit als Prostituierte in der Schweiz ohne Be-
willigung und damit illegal;
f) A1 legte einen Schuldenbetrag von Fr. 10'000.– bis Fr. 16'000.– fest, den die
Frauen durch Prostitution in den Studios von A1 abverdienen mussten, bevor sie
selbst einen Teil der Einnahmen für sich behalten konnten. Diese „Schuld“ be-
trug ein Mehrfaches seiner effektiven Ausgaben von ca. Fr. 3'000.– bis
Fr. 4'000.– für das Flugticket und einige andere Aufwendungen, die A1 im Vor-
aus für die Frauen je bereits bezahlt hatte oder noch bezahlen musste (Reise-
auslagen; allenfalls Vermittlungsgebühr).
g) Das Abrechnungsschema für die Einnahmen der Frauen aus Prostitution war
wie folgt:
- 50% aller Einnahmen aus der Prostitution standen A1 zu und flossen direkt
an ihn oder, wie er es nannte, „gingen an das Haus“ (cl. 29 pag. 13.01.004);
- von den restlichen 50% gingen pro Tag Fr. 20.– unter dem Titel "Werbekos-
ten" zusätzlich an A1;
- der Rest stand der jeweiligen Prostituierten zu; unter dem Titel Tilgung ging
auch dieses Geld jedoch an A1 bis die von ihm festgelegte „Schuld“ voll-
ständig getilgt war. Erst danach konnten die Frauen diesen Teil als eigene
Einnahmen effektiv als Verdienst behalten. Während der Schuldentilgungs-
phase erhielten die Frauen von A1 zwar Fr. 100.– pro Woche für laufende
Bedürfnisse, Geld das ihnen als Vorschuss auf ihren künftigen Verdienst auf
ihre Schuld draufgeschlagen wurde. Nach einiger Zeit konnten diejenigen
Frauen, die dies wünschten, Beträge von in der Regel Fr. 300.– nach Hause
schicken. Auch dieses Geld wurde ihnen auf ihre Schuld hinzugerechnet.
- 35 -
h) Sämtliche Einnahmen mussten die Frauen an A1 persönlich bzw. an die
Hausverantwortlichen zuhanden A1s abgeben. A1 selbst führte wöchentlich
Buch darüber, wie gross die gemäss Abrechnungsmodus (lit. g) abzuarbeitende
Schuld jeweils noch war.
i) Die Dienstleistungen, welche die Frauen zu erbringen hatten, richteten sich
nach einer sogenannten Menuliste, welche auch die verschiedenen Preise für
die einzelnen angebotenen Praktiken enthielt. Diese Listen waren in den drei
Studios A1s identisch. Die Frauen hatten dabei das Recht, bestimmte Sexual-
praktiken zu verweigern.
j) Der Bereich, in dem die Frauen das Geld von den Kunden entgegennahmen,
war mit Videokameras überwacht; wo dies nicht der Fall war, wurde durch die
Kontrolle der jeweiligen Hausverantwortlichen und durch gegenseitige Kontrolle
der Frauen untereinander sicher gestellt, dass die Frauen ihre effektiven Ein-
nahmen abgaben.
k) A1 legte die Öffnungszeiten der Studios und damit die mit den Öffnungszeiten
identischen Arbeitszeiten in den Studios fest und zwar wie folgt: Sonntag bis
Donnerstag 10.00 Uhr bis 02.00 Uhr sowie freitags und samstags von 10.00 Uhr
bis 04.00 Uhr. Es gab keine Ruhetage.
2.7 Element a)
2.7.1 Allen betroffenen Frauen aus Brasilien wurde die Reise in die Schweiz aus-
schliesslich ermöglicht, um hier in den Studios des Beschuldigten A1 als Prosti-
tuierte zu arbeiten.
2.7.2 Dieses Element wird von den Beschuldigten als selbstverständlich vorausge-
setzt. A1 wehrt sich nur gegen den Vorwurf, den Frauen seien in Brasilien ande-
re Tätigkeiten als die Prostitution in Aussicht gestellt worden: „Jede der Frauen,
die gekommen ist, wusste, was sie machen würde“ (cl. 31 pag. 13.02.140,
pag. 13.02.506), A2 (cl. 34 pag. 13.05.130) A3 (cl. 31 pag. 13.02.140), A4 (cl. 32
pag. 13.03.182, pag. 13.03.235 f.), A5 (cl. 33 pag. 13.04.100, pag. 13.04.153 f.).
Das Element ist erwiesen, ohne dass Aussagen betroffener Frauen zu prüfen
wären.
2.8 Element b)
2.8.1 Alle Frauen stammten, wenn sie nicht eigentlich arm waren, mindestens aus
einem wirtschaftlich sehr schwierigen Umfeld in Brasilien, waren mittellos und
brachten keine Deutschkenntnisse mit.
2.8.2 Der Beschuldigte A1 bestreitet dieses Element im Grundsatz nicht. Er macht nur
geltend, er habe mit der Organisation der Frauen gar nichts zu tun gehabt; viel-
mehr hätten sich die Frauen selber organisiert (z.B. cl. 29 pag. 13.01.015).
- 36 -
Die Beschuldigte A5, die teilweise auch mit der Rekrutierung zu tun hatte, sagte
dazu: "Es waren alles Mädchen aus ärmsten Verhältnissen. (Sie beginnt zu wei-
nen). Die meisten Mädchen kamen aus Belo Horizonte oder der Umgebung von
Belo Horizonte. Der grösste Teil der Mädchen kam aus der Region von Betim.
Dort lebten sie in Favelas. In dieser Region herrscht grosse Armut. Die meisten
Familien bestehen aus mehr als 4 Personen. Oft muss eine Mutter alleine für ih-
re Kinder sorgen oder der älteste Sohn kann allenfalls Geld für den Familienun-
terhalt verdienen." (EV vom 5. Juli 2006 cl. 33 pag. 13.04.102).
Auch die Beschuldigte A4 geht davon aus, dass die Frauen sich aus einer wirt-
schaftlichen Notlage heraus zur Prostitution bereit erklärten (EV vom 12. April
2006, cl. 32 pag. 13.03.043; EV vom 30. April 2007, cl. 32 pag. 13.03.235).
Auch die Beschuldigte A2, die zweimal nach Belo Horizonte gereist war, sagte
über die dort rekrutierten Frauen aus: "Man kann sagen, dass diese Mädchen
aus ganz armen Verhältnissen stammten, sie hatten schlicht und einfach
"Nichts"." (EV vom 18. Oktober 2006, cl. 34 pag. 13.05.025).
Der Beschuldigte A3 sagte über die Verhältnisse dort, allerdings im Zusammen-
hang mit der Abgabe von Geschenken im Jahre 1996, nicht der Rekrutierung
von Prostituierten: "[... ] hat mich zu den Adressen gefahren, wo ich die Ge-
schenke abgab. An 2 Adressen waren schlimmste Wohnverhältnisse. Bei uns
würde man nicht einmal einen Hund so halten, eine der Frauen, wo ich Ge-
schenke abgab, wohnte in normalen brasilianischen Verhältnissen. Die anderen
Frauen, wo ich die Geschenke abgab, wohnten in ärmsten Verhältnissen." (EV
vom 7. April 2006, cl. 31 pag. 13.02.014). "Anlässlich dieser Reise habe ich ge-
sehen, welche Armut bei denen dort herrscht. Die sind nicht nur arm, die sind
mausarm." (EV vom 16. Mai 2006, cl. 31 pag. 13.02.069). Anlässlich der Haupt-
verhandlung hat A3 seine Aussage in gewisser Weise relativiert, aber nicht
grundsätzlich in Abrede gestellt (EV-Protokoll HV, S. 15, cl. 138
pag. 138. 930.046).
Dieses Element wird durch folgende, ausser gegen A2 verwertbare Aussagen
von Betroffenen erhärtet: B12 schilderte die äusserst prekären finanziellen Ver-
hältnisse der Familie (cl. 24 pag. 12.12.025); ebenso B4 (cl. 23 pag. 12.06.025);
B22 (cl. 24 pag. 12.14.012, bestätigt anlässlich der HV, EV-Protokoll S. 11,
cl. 138 pag. 138 930 133); B9 (cl. 24 pag. 12.11.011); B7 (cl. 23 pag. 12.09.31 f.)
und B5 (cl. 23 pag. 12.07.25).
2.8.3 Gegenteilige Informationen sind nicht bekannt; gegenteilige Aussagen sind den
Akten nicht zu entnehmen. Soweit die Verteidigung anlässlich der Hauptverhand-
lung Fotos von Domizilen von einzelnen Geschädigten, aktuell heruntergeladen
aus Google Streetview, einreichte, um darzutun, dass die behauptete Armut der
Frauen nicht erstellt sei, lässt sich auch nichts Gegenteiliges für den Zeitpunkt
der Rekrutierung herleiten.
- 37 -
2.8.4 Schliesslich ist festzuhalten, was sich aus A1s eigenen Aussagen ergibt. Davon
ausgehend, dass, wie vorgebracht, die Frauen in Brasilien korrekt über die Ar-
beit, die sie erwartete, und die Bedingungen, unter welchen sie arbeiten würden,
informiert worden sind, ist zu schliessen, was, wie oben wiedergegeben, auch
ausgesagt wurde: Auf dieses Geschäft würde sich nicht einlassen, wer nicht in
finanzieller Not ist. Dies gilt insbesondere auch für den Zeitpunkt der Arbeitsauf-
nahme in einem der Etablissements: Die Geschäftsmodalitäten können nur im
Interesse von Frauen liegen, die über gar nichts verfügen und für welche bereits
die Aussicht, in einigen Monaten vielleicht etwas verdienen zu können, sich bis
dahin ohne Lohn zu prostituieren und auf Kredit gelegentlich kleine dreistellige
Beträge nach Hause schicken zu können, Motiv für das Bleiben genug ist.
2.8.5 Dieses Element ist somit ebenfalls als erwiesen zu betrachten.
2.9 Die Elemente c) und d) werden wegen ihres engen organisatorischen Konnexes
zusammen behandelt.
2.9.1 A1 sorgte direkt oder indirekt dafür, dass den Frauen das Flugticket in der
Schweiz organisiert und bezahlt wurde und in Brasilien von diesen mittels mitge-
teiltem Code bezogen werden konnte (oben lit. c).
A1 sorgte via schweizerischer Finanztransmitter direkt oder indirekt dafür, dass
den Frauen mindestens die notwendigen Auslagen für die Reise vorab in Brasi-
lien erstattet und ein Vorzeigegeld vorab in Brasilien ausgehändigt wurden, damit
sie bei der Einreise vortäuschen konnten, als Touristinnen einzureisen. Das Vor-
zeigegeld mussten sie bei der Ankunft in einem seiner Studios wieder abgeben
(oben lit. d).
2.9.2 Gemäss eigener Aussage benutzte A1 in den letzten fünf Jahren vor 2006 für
Reisebuchungen privat ausschliesslich das Reisebüro C12 (EV vom 17. Oktober
2006, cl. 30, pag. 13.01.314). Über dieses Reisebüro wurden in diesen letzten
fünf Jahren auch zahlreiche Flüge von Brasilien in die Schweiz gebucht (BKP
Bericht vom 7. Mai 2007, S. 42 ff., cl. 4, pag. 05.01.548 ff., mit Listen in cl. 119
pag. 68.396 ff.). Die Liste ab pag. 05.01.549 ff. gibt diese Namen wieder. Dabei
handelt es sich mit einer Ausnahme (B23) ausschliesslich um Namen von Frau-
en anscheinend brasilianischer Herkunft. Unter den Namen befinden sich auch
die meisten derjenigen 37 Frauen, bei denen klar ist, dass sie als Prostituierte in
die genannten Studios A1s reisten. Unter den Namen befinden sich aber auch
die Beschuldigten A2, A4 und A5. Dagegen fehlen auf der Liste die Privatkläge-
rinnen B8 und B7 sowie die Geschädigten B24, B25 und B14. Dies gilt auch für
den Fall, dass unterschiedliche Schreibweisen berücksichtigt werden (z.B. B26).
2.9.3 A1 machte im Vorverfahren geltend, er habe bis im Jahre 2003 nur eine Reise
für eine Frau vorfinanziert (offenbar war dies Gegenstand eines anderen Verfah-
rens). Dann habe er das nie mehr gemacht. Die Frauen hätten andere Frauen
- 38 -
organisiert. Die Frauen, die bereits hier gewesen seien, hätten ihm das Geld für
die Tickets gegeben. Die Tickets seien dann lediglich auf seinen Namen gelau-
fen. Die Frauen, die in den Salons gearbeitet hätten, hätten ihm das Geld aber
erst später, meist nach Ankunft der Frauen, ausgehändigt, manchmal auch gar
nicht. Er wisse, dass er Schulden beim Reisebüro C12 habe und nehme zur
Kenntnis, dass es Fr. 60'000.– sein sollen. Er wisse aber nicht, ob dies stimme
(EV vom 16. Mai 2006, cl. 29 pag. 13.01.059). Damit bestreitet A1 nicht, dass die
via Reisebüro C12 in die Schweiz gereisten brasilianischen Frauen bei ihm spä-
ter in den betreffenden Studios als Prostituierte gearbeitet haben. Er bestreitet
damit auch nicht, dass er die meisten Aufträge für die betreffenden Tickets erteilt
hat. (An anderer Stelle hatte er zugestanden, drei bis vier Reisen vorfinanziert zu
haben [cl. 29, pag. 13.01.015]; im solothurnischen Verfahren hatte er die Bevor-
schussung aller Reisekosten zugestanden [cl. 79 pag. 28.200]). Er bestritt im
Vorverfahren lediglich, die Einreise vorfinanziert zu haben. Damit begab er sich
aber in einen unlösbaren Widerspruch zu seinen eigenen Aussagen, geht er
doch mit dem Schuldenabbausystem gerade selbst davon aus, dass die neu an-
gekommenen Frauen bei ihm reale Schulden hatten. Solche können nur durch
Vorfinanzierung des Tickets und weiterer Kosten im Zusammenhang mit der Ein-
reise entstanden sein. In der Hauptverhandlung anerkannte er denn auch, das
Flugticket und das Reisegeld vorfinanziert zu haben (cl. 138 pag. 138.930.48;
pag. 138.930.53–54).
Der Beschuldigte A3 sagte dazu, A1 habe ihn einmal gefragt, ob er ihm einen
Gefallen tun und vom Reisebüro Tickets entgegennehmen könne. Er könne sich
diese nicht nach Hause schicken lassen und auch nicht ins Postfach nehmen. A1
habe ihm auch gesagt, er müsse nichts bezahlen, er (gemeint: A1) würde dies
alles machen. A1 habe ihn jeweils gefragt, ob die Tickets schon gekommen sei-
en. Nach einiger Zeit sei ihm dann aufgefallen, dass nichts mehr gekommen sei.
Damit sei die Sache für ihn (gemeint: A3) erledigt gewesen (EV vom 16. Mai
2006, cl. 31 pag. 13.02.067). Aus den Tickets, welche A3 vorgehalten wurden,
ergibt sich, dass dies Ende November, anfangs Dezember 2004 gewesen sein
muss.
Die Beschuldigte A4 sagte auf Vorhalt eines abgehörten Telefongesprächs vom
23. Januar 2006 folgendes aus: Sie habe im Auftrag von A6 (gemeint: A1) ein
Gespräch mit Frau B27 vom Reisebüro gehabt. Es sei darum gegangen, zwei
Tickets abzusagen und ein Flugticket zu bestätigen. Sie habe sehr viele Flugti-
ckets annullieren müssen, etwa sechs oder acht Tickets. Im Maximum habe sie
zwei oder drei Tickets bestellen müssen. Normalerweise habe A6 die Tickets be-
stellt (EV vom 2. Juni 2006, cl. 32 pag.13.03.089 f.). Und weiter im Zusammen-
hang mit den Flugtickets: Sie könne keine Angaben über die Anzahl machen. Sie
habe aber vor allem Codes für die Flugtickets und für Überweisungen von Geld,
- 39 -
das am Flughafen habe vorgezeigt werden müssen, durchgegeben (EV vom
23. März 2007, cl. 32 pag. 13.03.202).
Betreffend die Zeit, in der sie für A1 in Brasilien tätig gewesen sei, schilderte die
Beschuldigte A5 ihre und die Rolle anderer so: Wenn sie Mädchen gehabt habe,
welche in die Schweiz hätten kommen wollen, habe sie A6 (gemeint: A1) ein
SMS geschrieben. A6 habe ihr das Geld geschickt und sie habe es beim Unter-
nehmen C14 in Belo Horizonte abholen können. Danach sei sie mit den Mäd-
chen zum Passbüro gegangen, um Pässe zu machen. Danach habe sie die Na-
men an A4 mitgeteilt. Danach habe sie die Codes für die Tickets von A4 erhal-
ten. In den letzten eineinhalb Jahren ausschliesslich von ihr. Vorher seien es
verschiedene Personen gewesen, unter anderem A6 und B28. Auf Frage erklärte
sie, sie habe von Geld für Koffern und Dollars gesprochen. Die Dollars seien als
Vorzeigegeld für die Einreise gewesen und die Mädchen hätten einen Koffer ge-
braucht. Sowohl das Geld für die Koffern wie auch die Vorzeigedollars habe ihr
A6 gesandt. In der Regel habe sie für Koffer und Vorzeigegeld von A6 Fr. 800.–
erhalten. Davon hätte sie USD 500 kaufen sollen, aber manchmal habe es we-
gen dem Wechselkurs nicht gereicht. Sie habe selber etwa 10 Personen organi-
siert. Oft seien aber auch nur Geldüberweisungen über sie abgewickelt worden.
In solchen Fällen habe sie das Geld an andere Personen weitergeben müssen.
Es habe in Brasilien mehrere Personen gegeben, die für A1 Mädchen organisiert
hätten. Sie hätte zu drei Organisatorinnen Kontakt gehabt. Es habe aber noch
mehr gegeben, die sie nicht gekannt habe. Sie habe pro Mädchen, für welche sie
die Reise organisiert habe, Fr. 1'300.– erhalten, davon Fr. 300.– etwa nach 14
Tagen bis einem Monat und die restlichen Fr. 1'000.–, wenn das Mädchen die
Schulden abbezahlt gehabt habe (EV vom 31. Mai 2006, cl. 33 pag. 13.04.059
ff.).
2.9.4 B5 sagte aus: Sie sei im November 2003 in die Schweiz gekommen und ins Stu-
dio C2 gebracht worden. Im August 2004 sei sie nach Brasilien zurückgekehrt.
„Die Idee war, dass ich ein Jahr geblieben wäre. Aber ich hatte so viele Proble-
me in Brasilien, dass A6 meinte, es wäre besser, wenn ich zurück nach Brasilien
gehen würde und von dort aus Frauen organisieren würde. Die Idee von A6 war,
dass ich ähnlich wie B29 für ihn arbeite in Brasilien. Ich hätte damals 1300 Fran-
ken pro Frau verdient. Meine Funktion wäre gewesen, diese Frauen zu rekrutie-
ren, zu schauen, dass sie ihre Pässe erhalten und ihre Flugtickets und solche
Dinge. So hat er mir dies gesagt. Ich habe versucht Frauen zu organisieren, aber
ich habe keine gefunden, die der Vorstellung von A6 entsprachen. Er wollte
grosse, schlanke Frauen. Er hat auch gesagt, dass es keine schwarzen Frauen
sein dürfen. Er hat nicht speziell nach Frauen aus armen Verhältnissen oder
nach verschwiegenen Frauen gefragt. Aber Frauen, die hierher kommen aus
Brasilien sind sowieso alle arm. Reiche Frauen würden sich nicht darauf einlas-
sen.“ (EV vom 4. April 2006, cl. 23 pag. 12.07.024). Diese detaillierte und glaub-
- 40 -
hafte Aussage zeigt, dass A1 hinter der Rekrutierung der Frauen stand, auch
wenn er diese nicht persönlich vornahm.
Weiter sagte B5: "Ich habe die Telefonnummer von A6 gehabt. Da ich den Rest
des Hauses abzahlen wollte, habe ich ihn im 2005 angerufen. Ich wollte schon
viel früher wieder zurück in die Schweiz, aber da ich A6 nicht viele Einnahmen
brachte, wollte er mich zuerst nicht zurückholen. Es hatte nicht viele Frauen in
den Salons, deswegen hat er mir dann gesagt, er schicke mir die Flugtickets.
Normalerweise verlangt er pro Ticket 5'000 Franken. Dies ist der Preis, wenn
man das zweite Mal kommt. Beim ersten Mal kostet es 13'000 Franken. Dieser
Preis steht nicht auf dem Ticket, sondern es handelt sich hier um den Preis, den
A6 verlangt. Bei mir hat er das zweite Mal aber 10'900 Franken verlangt. Ich ha-
be die Flugtickets mit einem Code bei dem Reisebüro C15 abholen können. Er
hat mir noch 400 Dollar geschickt, mit Moneytransfer C16, welche ich mit auf die
Reise nehmen musste." (EV vom 4. April 2006, cl. 23 pag. 12.07.025). Auch die-
se Aussage, notabene einer Frau, die sich bei ihrer zweiten Einreise direkt an A1
wenden konnte, zeigt unzweifelhaft, dass A1 hinter der Organisation und der
Vorfinanzierung von Tickets und Reisegeld stand.
Diese Elemente werden namentlich auch durch folgende Aussagen von Betrof-
fenen erhärtet, die (ausser gegen A2) verwertbar sind. B12 gibt an, dass das Ti-
cket und Geld durch die Beschuldigte A5 organisiert worden sei (cl. 24
pag. 12.12.027 f.). B4 nennt die Beschuldigte A5, die das Ticket und Geld orga-
nisiert habe (cl. 23 pag. 12.06.026). B11 sagt, das Ticket und Geld seien durch
B30 beschafft worden, sie habe damals noch nicht gewusst, dass eigentlich A6
das Ticket von der Schweiz aus organisiert und den Code übermittelt habe
(cl. 22 pag. 12.01.020). B1 gab an, A6 habe das Ticket in der Schweiz organi-
siert und das Geld sei von A6 an B31 geschickt worden (cl. 22 pag. 12.03.004;
pag. 13.03.025). B2 sagte aus, sie habe an den ersten beiden Tagen nicht gear-
beitet. Als sie darauf bestanden habe, nach Hause zu fahren, habe A6 gesagt, er
sei nicht dazu da, Flugtickets zu finanzieren für Nutten, die mit dem Flugzeug
hätten herumfliegen wollen (EV vom 4. April 2006, cl. 22 pag. 12.04.030). Und
schliesslich gab B3 an, dass ihr A4 von der Schweiz aus telefonisch mitgeteilt
habe, dass A6 das Ticket bestätigt habe und sie habe ihr den Code durchgege-
ben. Am Telefon habe A4 nur den Namen von A6 erwähnt. Sie, die Aussagende,
habe erst in der Schweiz erfahren, wer er sei (EV vom 4. April 2006, cl. 22
pag. 12.05.025 f.).
Schliesslich hatte auch die als Zeugin vor Gericht befragte Mitarbeiterin des Rei-
sebüros C12, Frau B27, keinen Zweifel daran, dass A1 hinter den Reiseorgani-
sationen für brasilianische Frauen stand. So sagte sie unter anderem aus: "Er
hat bei uns relativ häufig Flugtickets für Damen aus Brasilien organisiert [...].
Herr A1 sagte uns, dass er die Frauen für Kontaktbars einfliegt." (cl. 138
pag. 138 930 082f.).
- 41 -
2.9.5 Flüge und Geldtransfer wurden, soweit ersichtlich, primär oder ausschliesslich
über zwei Personen (B32, Chef, und B27) abgewickelt, die unter der Firma C12
ein Reisebüro betrieben und unter den Firmen "C17" und "C18 GmbH" im Money
Transmitting tätig waren.
Dabei sagte B27 (EV vom 9. Mai 2006, cl. 24 pag. 12.19.005; anlässlich der HV
im Grundsatz bestätigt, cl. 138 pag. 138.930.082 ff.): Flugbuchungen könnten
einfach so vorgenommen werden. Für Geldüberweisungen habe ein Geldwä-
scherei-File angelegt werden müssen. A1 sei zu diesem Zweck persönlich vor-
beigekommen, habe A2 mitgebracht und sie als seine Assistentin bzw. Mitarbei-
terin vorgestellt. Frau A2 habe in der Folge aber nie Geld überwiesen. Betreffend
Geldüberweisungen hat sie angegeben, dass sie einen Zusammenhang mit den
Tickets zwar nicht sicher bestätigen, sich aber vorstellen könne. A1 habe es als
Reisegeld für Bekannte bzw. Passagiere bezeichnet. A1 habe sich jeweils er-
kundigt, wie viel er bezahlen müsse, um z.B. Fr. 500.– nach Brasilien zu über-
weisen. Diesen Betrag habe er dann auf ihr Bankkonto einbezahlt (nach Schilde-
rungen des weiteren technischen Ablaufs). Kurz danach habe A1 sie dann ange-
rufen und den Übermittlungscode erfragt, den man benötigt habe, damit der
Endbegünstigte die Auszahlung habe entgegennehmen können. Für diese Geld-
transaktionen sei es immer A1 gewesen, der mit ihr Kontakt aufgenommen habe.
Auch diese Aussagen hat die Zeugin vor Gericht im Grundsatz bestätigt, auch
wenn sie sich an einzelne Details nicht mehr zu erinnern vermochte (cl. 138
pag. 138.930.083). Bei den Flugbuchungen habe A1 und teilweise A2 die Tickets
bestellt. Später sei dann A2 durch eine A4 abgelöst worden. Dies sei, so glaube
sie, Ende 2004 und anfangs 2005 gewesen. Es habe aber eine Phase gegeben,
in der nur A1 Tickets bestellt habe. Auf Frage erklärte sie, dass diejenigen Per-
sonen, die auf Rechnung von Herrn A1 Flüge gebucht hätten, "offensichtlich in
seinem Auftrag bei uns gebucht" hätten (cl. 138 pag. 138.930.082).
2.9.6 Aus den oben genannten Beweismitteln ergibt sich für das Gericht zweifelsfrei,
dass der Beschuldigte A1 hinter der Rekrutierung der in seinen Studios tätigen
Frauen aus Brasilien stand und er insbesondere den reisewilligen Frauen die
Einreise ermöglichte, indem er Tickets und Reisegeld organisierte. Es erscheint
auch klar, dass das Geld dafür nur aus seinem Vermögen stammen konnte. Die-
se Elemente sind daher erwiesen.
2.10 Element e)
2.10.1 Alle Frauen verrichteten ihre Arbeit als Prostituierte in der Schweiz ohne Bewilli-
gung und damit illegal.
2.10.2 A1 gab in der Voruntersuchung an, die Frauen hätten den Aufenthaltsstatus als
Touristinnen gehabt, weil es schwer gewesen sei, eine Arbeitsbewilligung zu be-
kommen (EV vom 11. April 2006, cl. 29 pag. 13.01.017). Anlässlich der Haupt-
- 42 -
verhandlung erklärte er auf Frage, die Frauen seien für ihn als Touristinnen legal
in der Schweiz gewesen (EV-Protokoll HV, S. 47, cl. 138 pag. 138.930.078). Er
räumte aber ein, dass nicht versucht worden sei, eine Bewilligung zu erhalten.
Die Beschuldigte A2 bestätigte, dass die Frauen keine Bewilligung gehabt hät-
ten, um zu arbeiten. Allerdings sagte sie, man habe keine Bewilligungen erhalten
(EV-Protokoll HV, S. 23, cl. 138 pag. 138 930 054).
2.10.3 Dass die Frauen illegal tätig waren und selbst von der Illegalität ihrer Tätigkeit
ausgingen oder entsprechend belehrt wurden, ergibt sich aus deren eigenen
Aussagen (z.B. B5, cl. 23 pag. 12.07.031; B4, cl. 23 pag. 12.06.008), teilweise
bestanden sogar Einreisesperren (für diesbezügliche weitere Belegstellen von
Aussagen der Geschädigten und der Beschuldigten, vgl. unten, E. 12, ANAG-
Vergehen). Im Übrigen haben alle Frauen das sogenannte Vorzeigegeld vorab
überwiesen erhalten, um bei der Einreise einen Status vortäuschen zu können,
den sie effektiv nicht hatten.
2.10.4 Das Element ist offensichtlich erfüllt. Keine einzige Frau hatte eine Arbeitsbewil-
ligung. Alle sind als Touristinnen eingereist, um hier als Prostituierte zu arbeiten.
Ihre Tätigkeit und damit ihr Aufenthalt waren mithin illegal.
2.11 Element f)
2.11.1 A1 legte einen Schuldenbetrag von Fr. 10'000.– bis Fr. 16'000.– fest, den die
Frauen durch Prostitution in den Studios von A1 abverdienen mussten, bevor sie
selbst einen Teil der Einnahmen für sich behalten konnten. Diese „Schuld“ be-
trug ein Mehrfaches seiner effektiven Ausgaben von ca. Fr. 3'000.– bis
Fr. 4'000.– für das Flugticket und einige andere Aufwendungen, die A1 im Vor-
aus für die Frauen je bereits bezahlt hatte oder noch bezahlen musste (Reise-
auslagen; allenfalls Vermittlungsgebühr).
2.11.2 A1 selbst gab am Schluss zu, dass die Schulden so etwa um die Fr. 9'000.–
betragen hätten (EV vom 17. Januar 2008, cl. 30 pag. 13.01.510; cl. 138
pag. 138.930.051). Dies, nachdem er anfänglich behauptet hatte, die Schuld ha-
be der effektiven Ausleihung entsprochen und der Betrag, den die Frauen bei
ihm ausgeliehen hätten, dürfte sich auf eine Höhe zwischen Fr. 1'200.– und
Fr. 4'500.– belaufen haben (EV vom 6. Juli 2006, cl. 29 pag. 13.01.133). Zu Be-
ginn wies er den – von ihm bezeichneten – Vorwurf, die (auferlegten) Schulden
hätten Fr. 9'000.– betragen, zurück (EV vom 23. September 2003, cl. 81
pag. 30.044). Später machte er geltend, bei den von den Frauen genannten Be-
trägen hätte es sich um Reais gehandelt (cl. 29 pag. 13.01.240). Er bestreitet, A2
entsprechende Instruktionen gegeben zu haben. Anlässlich der Hauptverhand-
lung erklärte A1 schliesslich, dass er die – damit als solche nicht mehr bestritte-
nen – individuell überhöhten Schuldbeträge auferlegt habe, weil er auch Ausla-
- 43 -
gen für Frauen gehabt habe, die dann nicht gekommen oder ohne für ihn zu ar-
beiten wieder heimgekehrt seien (cl. 138 pag. 138 930 052).
Die Beschuldigte A2 sagte aus, den Frauen auf Anweisung A1s jeweils Schulden
in der Höhe von Fr. 12'000.– bis Fr. 16'000.– mitgeteilt zu haben. Als sie ihn ge-
fragt habe, warum die Schulden so hoch seien, habe er ihr gesagt, das gehe sie
nichts an, da dies sein Geschäft sei (cl. 34 pag. 13.05.017, pag. 13.05.028,
pag. 13.05.074. pag. 13.05.130, pag. 13.01.325).
Die Beschuldigte A4 sagte nach anfänglichem Leugnen in den früheren Einver-
nahmen aus, die auferlegten Schulden hätten Fr. 9'000.– bis Fr. 12'000.– betra-
gen. Sie habe die Tageseinnahmen der Frauen entgegengenommen und an A6
weitergeleitet (EV vom 12. Juni 2006, cl. 32 pag. 13.03.111). A6 habe ihr gesagt,
sie solle den Frauen einen Schuldenbetrag von Fr. 9'000.– bis Fr. 13'000.– nen-
nen (EV vom 26. Juni 2006, cl. 32 pag. 13.03.130). Sie habe A6 gefragt, warum
die Frauen so hohe Schulden hätten. Er habe gesagt, dies sei sein Geschäft, sie
solle sich da nicht einmischen (EV vom 17. August 2006, cl. 32 pag. 13.03.140).
Sie bestätigte auch, dass die als Schulden auferlegten Kosten und Auslagen in
keinem Verhältnis zu den effektiven Kosten und Auslagen gestanden hätten
(EV vom 29.09.2006, cl. 32 pag. 13.03.186 f.).
Auch die Beschuldigte A5 bestätigte, dass den Frauen zu hohe "Schulden" auf-
erlegt wurden: "Die Schulden von zwischen Fr. 11'000.– und Fr. 13'000.– waren
eh viel zu hoch“ (EV vom 5. Juli 2006, cl. 33 pag. 13.04.099). Wenn ein Mädchen
das zweite oder dritte Mal gekommen sei, dann habe sie bei A1 Schulden in der
Höhe zwischen Fr. 3000.– und Fr. 6000.– gehabt, je nach Lust und Laune A1s
(EV vom 5. Juli 2006, cl. 33 pag. 13.04.102).
2.11.3 Dieses Element wird durch folgende Aussagen von Betroffenen aus dem Vorver-
fahren erhärtet.
B12 gab an, selbst eine Schuld von Fr. 11'000.– auferlegt erhalten zu haben, und
von anderen habe sie erfahren, dass die Schuld in deren Fall Fr. 13'000.– betra-
gen habe (cl. 24 pag. 12.12.031). B4 nennt einen auferlegten Schuldbetrag von
Fr. 13'600.– (cl. 23 pag. 12.06.028, pag. 12.06.049) und B5 einen solchen von
Fr. 10'900.– (cl. 23 pag. 12.07.026 und 028). B6 musste sich von A1 Fr. 13'600.–
als Schuld anrechnen lassen (cl. 23 pag. 12.08.026).
2.11.4 Das Gericht erachtet gestützt auf die genannten Beweismittel als erstellt, dass
den Frauen systematisch Schulden zur Abarbeitung auferlegt wurden, die ein
Mehrfaches der den Frauen von A1 effektiv für die Reise insgesamt vorgeschos-
senen Beträge ausmachten (Ticket, Pass, Auslagen für Gepäckstücke, allenfalls
Vermittlungsprovisionen). Die effektiven Auslagen A1s beliefen sich in der Regel
auf Fr. 3'000.– bis Fr. 4'000.–, die auferlegten Schulden auf jedenfalls mehr als
- 44 -
Fr. 9'000.–, in den allermeisten Fällen aber deutlich mehr als Fr. 10'000.–. Das
Element ist mithin erwiesen.
2.12 Element g)
Das Abrechnungsschema für die Einnahmen der Frauen aus Prostitution war wie
folgt: 50% aller Einnahmen aus der Prostitution standen A1 zu und flossen direkt
an ihn. Die anderen 50% gingen unter Abzug von Fr. 20.– pro Tag an die Frau-
en, wobei dieser Teil bis zur Abzahlung der auferlegten überhöhten Schulden
ebenfalls an A1 ging.
2.12.1 Dieses Element wird denn auch von den Beschuldigten A1 (cl. 29
pag. 13.01.004; cl. 30 pag. 13.01.337), A2 (cl. 34 pag. 13.05.028, 13.05.062,
13.05.130), A4 (cl. 32 pag. 13.03.037, 13.03.053, 13.03.193, 13.03.236) und A5
(cl. 33 pag. 13.04.30, 13.04.101, 13.04.154) bestätigt. A3 macht geltend, vom
Finanziellen nie etwas gewusst zu haben (cl. 31 pag. 13.02.140). Seine Aussage
kann also weder Beweis- noch Gegenbeweismittel sein.
2.12.2 Alle befragten Frauen, die in den Studios A1s arbeiteten, haben diesen Modus,
in Einzelfällen mit leichten und erklärbaren Abweichungen, übereinstimmend im
Sinne der Anklage und der Geständnisse der Beschuldigten geschildert.
2.12.3 Auch dieses Element ist mithin erwiesen.
2.13 Element h)
Sämtliche Einnahmen mussten die Frauen an A1 persönlich bzw. an die Haus-
verantwortlichen zuhanden A1s abgeben. A1 selbst führte wöchentlich Buch
darüber, wie gross die gemäss Abrechnungsmodus (lit. g) abzuarbeitende
Schuld jeweils noch war.
2.13.1 Dieses Element wird von den Beschuldigten A2 (cl. 34 pag. 13.05.028 f.,
pag. 13.03.040, pag. 13.05.130) A4 (cl. 32 pag. 13.03.058) und A5 bestätigt
(cl. 33 pag. 13.04.101). Dabei wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass
das Geld in ein mit dem Namen der betreffenden Frau beschriftetes Couvert ge-
legt werden musste. Die Beschuldigte A2 sagte zudem aus, dass die Frauen
gemäss den Anweisungen von A1 auch allfällige Trinkgelder hätten in die Cou-
verts legen müssen. Sie hätte ihnen jedoch gesagt, diese sollten sie behalten.
Der Beschuldigte A1 hat dies indirekt – z.B. musste den Frauen pro Woche
Fr. 100.– Essensgeld gegeben werden, das auf die Schulden aufgerechnet wor-
den sei – und direkt bestätigt (z.B. EV-Protokoll HV, cl. 138 pag. 138 930 057).
Anlässlich der Hauptverhandlung bestätigte A1 das "Briefcouvert-System"
(cl. 138 pag. 138.930.058; A2 bestätigte an dieser Stelle, die Umschläge entge-
gengenommen zu haben, A1 habe die Abrechnung gemacht, ebd.).
- 45 -
2.13.2 Ebenfalls in diesem Sinne lauten die Aussagen von betroffenen Frauen: B4 sag-
te, nein, sie habe nichts bekommen. Sie habe die Fr. 100.–, die sie von einem
Kunden bekommen habe, in ein Couvert gesteckt, das von A6 weggenommen
worden sei (cl. 23 pag. 12.06.049). B3 führte aus, dass der Kunde vorgängig ha-
be bezahlen müssen und erst anschliessend im oberen Stock bedient worden
sei. Das Geld sei in ein speziell angeschriebenes Couvert gelegt und anschlies-
send in einer Art Kasse oder Schublade deponiert worden (cl. 22
pag. 12.05.008). B6 gab an, die Frauen hätten das Geld selbst verwaltet, indem
sie es in ein Couvert gesteckt hätten, auf dem der Name der jeweiligen Frau ge-
standen sei. Jeden Morgen sei A6 gekommen und habe das Geld abgeholt
(cl. 23 pag. 12.08.026). Ebenso äusserten sich B9 (cl. 24 pag. 12.11.026) und
B22 (cl. 24 pag. 12.14.012), bestätigt an der HV: "Gezwungen. Man musste es
abgeben" (cl. 138 pag. 138 930 129); auch B15 bestätigte den Sachverhalt we-
nigstens sinngemäss in der Hauptverhandlung (cl. 138 pag. 138.930.143).
2.13.3 Auch dieses Element ist somit als erwiesen zu betrachten.
2.14 Element i)
Die Dienstleistungen, welche die Frauen zu erbringen hatten, richteten sich nach
einer sogenannten Menuliste, welche auch die verschiedenen Preise für die ein-
zelnen angebotenen Praktiken enthielt. Diese Listen waren in den drei Studios
A1s identisch. Die Frauen hatten dabei das Recht, bestimmte Sexualpraktiken
abzulehnen.
2.14.1 Dieses Element wird von allen Beschuldigten bestätigt. A1 gibt an, die neu ange-
kommenen Frauen seien von den Hausverantwortlichen gebrieft worden, indem
man ihnen die Preisliste gezeigt habe, und diese instruiert worden seien, wie sie
sich allgemein im Salon zu verhalten hätten (EV vom 11. April 2006, cl. 29
pag. 13.03.0016). Er hat dies anlässlich der Hauptverhandlung bestätigt (cl. 138
pag. 138.930.055). A4 (z.B. cl. 32 pag. 13.03.112), A5 (cl. 33 pag. 13.04.017)
und A2 (cl. 34 pag. 13.04.003, 13.05.008) bestätigten dies ebenfalls. B22 bestä-
tigte die Verwendung der Menulisten in der Hauptverhandlung (cl. 138
pag. 138.930.129, ebenso B15 (cl. 138 pag. 138.930.142) und B33 (cl. 138
pag. 138.930.102). Laut B4 habe A4 gesagt, sie solle alles machen, was die
Freier verlangten (cl. 23 pag. 12.06.0008).
2.14.2 Bei den Hausdurchsuchungen in den Studios C1, C2 und C3 wurde jeweils min-
destens je eine Preisliste sichergestellt (C1: cl. 15 pag. 08.04.12 f. Pos. 8 und
23; Studio C3: cl. 14 pag. 08.02.011 Pos. E 1/16; C2: cl. 14 pag. 08.03.021
Pos. 14).
2.14.3 Damit erscheint auch dieses Element erwiesen, ohne dass noch im Einzelnen
auf weitere Aussagen von betroffenen Frauen einzugehen wäre. Gegenteilig lau-
- 46 -
tende Aussagen, wonach die Frauen in ihrem Angebot und in der Preisgestal-
tung frei gewesen wären, liegen keine vor.
2.15 Element j)
Der Bereich, in dem die Frauen das Geld von den Kunden entgegennahmen,
war mit Videokameras überwacht; wo dies nicht der Fall war, wurde durch die
Kontrolle der jeweiligen Hausverantwortlichen und durch gegenseitige Kontrolle
der Frauen untereinander sicher gestellt, dass die Frauen ihre effektiven Ein-
nahmen abgaben.
2.15.1 Der an sich nicht bestrittene Betrieb von Videoanlagen in den öffentlich zugängli-
chen Räumen bzw. den Eingangsbereichen der Studios wird als bauliche Mass-
nahme ausgegeben, welche der Sicherheit der Frauen gedient habe (so A1 an-
lässlich der Hauptverhandlung, cl. 138 pag. 138.930.041f.; A2 bestätigt die Exis-
tenz der Anlagen, cl. 138 pag. 138.930.061).
2.15.2 Dass es Kameras zur Überwachung gab, wird auch durch Aussagen diverser
Betroffener bestätigt (B12, cl. 24 pag. 12.12.009; B2, cl. 22 pag. 12.04.011;
ebenso alle anlässlich der Hauptverhandlung befragten betroffenen Frauen,
cl. 138 pag. 138.930.95–111, pag. 138.930.123–134, pag. 138.930.135–149).
Vom Zweck der Anlage hatten die Frauen verschiedene oder gar keine Vorstel-
lungen; einzelne gaben an, die Anlagen hätten wohl (auch) der Überwachung
der Geldübergaben gedient (B2, cl. 22 pag. 12.04.011; so auch auf Frage B15,
cl. 138 pag. 138.930.143).
2.15.3 Das Element ist in objektiver Hinsicht erstellt. Die Frauen wussten, dass sie in
bestimmten Teilen der Studios mit Kameras überwacht wurden; über den Zweck
bzw. die Zwecke, die damit verfolgt wurden, machten sie sich unterschiedliche
Vorstellungen.
2.16 Element k)
A1 legte die Öffnungszeiten der Studios und damit die mit den Öffnungszeiten
identischen Arbeitszeiten in den Studios fest und zwar wie folgt: Sonntag bis
Donnerstag 10.00 Uhr bis 02.00 Uhr sowie freitags und samstags von 10.00 Uhr
bis 04.00 Uhr. Es gab keine Ruhetage.
2.16.1 A1 bestritt, dass es irgendwelche Arbeitszeiten gegeben habe: Die Arbeitszeit
sei nicht geregelt gewesen, eine bestimmte Arbeitszeit habe er nicht vorgegeben
(EV vom 11. April 2006, cl. 29 pag. 13.01.017). In der Hauptverhandlung bestä-
tigte er dies und machte weiter geltend, er habe die als solche nicht bestrittenen
Öffnungszeiten der Studios von den vorher dort ansässigen Betrieben über-
nommen (cl. 138 pag. 138.930.056f.). Dagegen sagte die Beschuldigte A4: Sie
hätten ihr die Preisliste erklärt und die Arbeitszeiten bekannt gegeben. Von
- 47 -
Sonntag bis Donnerstag habe man von 10.00 Uhr bis 02.00 Uhr und Frei-
tag/Samstag von 11.00 Uhr bis 04.00 Uhr arbeiten müssen (EV vom 12. Juni
2006, cl. 32 pag. 13.03.106, bezieht sich auf ihren ersten Aufenthalt, wo sie als
einfache Prostituierte arbeitete). Auch aus den Aussagen der Beschuldigten A5
ergibt sich, dass es Arbeitszeiten gab, welche sie sogar zu kontrollieren hatte.
Sie bezeichnet diese allerdings nicht konkret (cl. 33 pag. 13.04.091 und
pag. 13.04.157). A2 bestätigte die Angabe von A4 im Grundsatze, ging jedoch
davon aus, dass der tägliche Beginn erst um 11.00 Uhr gewesen sei, ausser es
wäre schon vorher ein Freier gekommen (cl. 34 pag. 13.05.003) und fügte an:
"Sie haben dort gewohnt. Sie hatten keine festen Arbeitszeiten. Sie waren ein-
fach dort." (cl. 138 pag. 138.930.057).
2.16.2 Dieses Element der Öffnungs- bzw. Arbeitszeiten wird durch folgende Aussagen
von Betroffenen aus der Voruntersuchung erhärtet: B12: bestätigt die Aussagen
von A4 (E. 2.16.1), geht aber davon aus, dass der Arbeitsbeginn jeden Tag um
10.00 Uhr gewesen sei (cl. 24 pag. 12.12.033). B22 gab an, die Zeiten seien
09.00 Uhr bis ca. 24.00 Uhr, von Freitag bis Sonntag von 9.00 Uhr bis 02.00
oder 03.00 Uhr gewesen (cl. 24 pag. 12.14.008 und 12.14.011). B11 sagte aus,
es habe diesbezüglich keine Selbstbestimmung gegeben. Die Arbeitszeiten hät-
ten von Montag bis Donnerstag von 09.00 Uhr bis 02.00 Uhr und Freitag bis
Sonntag von 11.00 Uhr bis 04.00 Uhr gedauert (EV anonym vom 16. November
2004, cl. 22 pag. 12.01.010, keine abweichenden Aussagen in der EV vom
1. Februar 2004, cl. 22 pag. 12.01.028).
Die drei anlässlich der Hauptverhandlung befragten betroffenen Frauen gaben
Folgendes zu Protokoll: B22 gab an, dass es keine festen Arbeitszeiten gegeben
habe, hingegen feste Öffnungszeiten. Während der Öffnungszeiten hätten die
Frauen anwesend sein müssen, es sei aber möglich gewesen, einkaufen zu ge-
hen. Sie habe im Studio gewohnt und es sei nicht erlaubt gewesen, das Studio
zu verlassen (cl. 138 pag. 138.930.129 f.). B33 ihrerseits gab an, sie habe im
Studio gewohnt. Sie habe dieses nicht verlassen können, wann sie gewollt habe,
weil es Videokameras gegeben habe. Es habe weder feste Arbeits- noch Freizei-
ten gegeben; sie habe in jedem Zustand arbeiten müssen (cl. 138
pag. 138.930.102 f.). B15 schliesslich führte aus, sie habe im Studio gewohnt, es
habe feste Öffnungs- und Schlusszeiten gegeben; es habe keinen freien Tag
gegeben. Sie sei aber nicht verpflichtet gewesen, einen Kunden zu bedienen,
wenn es ihr nicht gut gegangen sei. Das Studio habe sie nicht spontan, sondern
nur in Begleitung des Chauffeurs verlassen können (cl. 138 pag. 138.930.142).
Anders sagte B9 aus: Es habe keine festen Arbeitszeiten gegeben. Es sei nicht
obligatorisch gewesen, jeden Tag zu arbeiten. Es habe auch Tage gegeben, an
denen keine Kunden gekommen seien. Aber feste freie Tage in dem Sinne habe
es ebenfalls nicht gegeben (EV vom 28. März 2006, cl. 24 pag. 12.11.008). Die-
se Aussage machte sie in der ersten Einvernahme bei der Bundeskriminalpolizei.
- 48 -
Im Unterschied zu anderen Betroffenen änderte sie diese Aussage in den fol-
genden beiden Einvernahmen bei der Bundesanwaltschaft nicht wesentlich,
sondern sagte: Die Öffnungszeiten im Studio C2 seien Sonntag bis Freitag von
10.00 Uhr bis 02.00 Uhr sowie Freitag und Samstag von 10.00 Uhr bis 04.00 Uhr
gewesen. Die Frauen hätten die Arbeit gerecht unter einander aufgeteilt. Wenn
eine Frau am Vortag mehr gearbeitet habe, habe sie am nächsten Tag etwas
später aufstehen und mit der Arbeit beginnen können. So hätten sie sich abge-
wechselt, das heisst, sie habe nicht jeden Tag bereits um 10.00 Uhr zur Arbeit
bereit sein müssen. Sie hätten aber die Kunden aufgeschrieben, damit sie ge-
wusst hätten, wer wie viel verdient habe (EV vom 4. April 2006, cl. 24
pag. 12.11.030).
2.16.3 Die geringen Abweichungen in den zahlreichen Aussagen der betroffenen Frau-
en können mit unterschiedlichen Vorgaben in den verschiedenen Studios zu-
sammenhängen. Klar erscheint, dass es Arbeitszeiten gab und vor allem, dass
grundsätzlich während 7 Tagen gearbeitet werden musste. Dass B9, die schon
in Brasilien als Prostituierte gearbeitet hatte, dies anders empfand, mag die
grundsätzliche Erkenntnis nicht in Frage zu stellen. Ihre Aussage zeigt, dass sie
eigentlich keine freien Tage, sondern einfach möglichst viel Geld verdienen woll-
te. Sie hatte dementsprechend wohl eher Angst davor, dass sie einen lukrativen
Tag hätte verpassen können. Zudem war ihre Schwester Hausverantwortliche
und wäre durch eine gegenteilige Aussage belastet worden. Auszuschliessen ist,
dass es für die einen Frauen Arbeitszeiten gab und für die anderen nicht.
2.16.4 Zusammenfassend ist festzuhalten und kann als erwiesen gelten: Alle Frauen
wohnten in den jeweiligen Studios, für die es feste Öffnungszeiten an sieben Ta-
gen die Woche gab. Ausser den Nachtzeiten zwischen 24 bzw. 02.00 oder 04.00
Uhr und 10.00 Uhr gab es keine Freizeiten oder gar freie Tage. Innerhalb der
Öffnungszeiten waren die Frauen grundsätzlich gehalten, Kunden zu bedienen.
Im Einzelfall später zu beginnen oder früher Schluss machen oder bei Unpäss-
lichkeit gar nicht zu arbeiten, oblag der Selbstorganisation der in den Studios je-
weils anwesenden Frauen.
2.16.5 Umstritten blieb und ist nicht mit Sicherheit für alle Frauen festzustellen, inwie-
weit sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren und ob sie die Studios
nach eigenem Gutdünken verlassen konnten und durften. Die Mehrheit ging da-
von aus, dass sie nicht berechtigt und nicht in der Lage gewesen seien, das Stu-
dio spontan und bzw. oder ohne Begleitung zu verlassen. Unbestritten sind die in
der Gruppe getätigten wöchentlichen Einkäufe bei einem Grossverteiler, jeweils
in Begleitung eines Chauffeurs, sowie individuell, unter derselben Vorausset-
zung, Besuche beim Arzt und ebenso in Einzelfällen, Ausflüge in Begleitung A1s
oder Restaurantbesuche in der Gruppe.
- 49 -
2.17 Weitere Merkmale oder Elemente, die die Anklageschrift aufführt
Einige Elemente der Anklage sind nicht für alle Frauen erfüllt (vgl. dazu u.a. vor-
hergehende Erwägung); diese sind, wo nicht flächendeckend verwirklicht, nicht
geeignet, die Tatbestandsmässigkeit des Geschäftsmodells als solchem zu be-
gründen. Sie sind allenfalls im Fall der mit obigen Elementen lit. a) bis k) zu be-
gründenden Tatbestandsmässigkeit des Geschäfts im Rahmen des Verschul-
dens und damit bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Konkret geht es ins-
besondere um die Wegschliessung von Pass und Rückreiseticket. Damit sollte
vermieden werden, dass die Frauen flüchten konnten, bevor sie ihre "Schulden"
abbezahlt hatten (z.B. EV von B7, cl. 23 pag. 12.09.37, EV von B8, cl. 23
pag. 12.10.5; EV von A2, cl. 79 pag. 28.0038); ebenso könnte von Bedeutung
sein, dass die Frauen die Etablissements nicht alleine, sondern nur unter direkter
oder indirekter Kontrolle A1s und mit Begleitung verlassen konnten.
2.18 Die Rolle der einzelnen Beschuldigten
2.18.1 Bereits aufgrund des oben wiedergegebenen Beweisergebnisses steht für das
Gericht zweifellos fest, dass A1 im angeklagten Geschäftsmodell die dominante
Hauptperson war, die letztlich die Kontrolle über das Gesamte ausübte. Seine
ursprünglichen Angaben, er habe nur Räumlichkeiten vermietet, in welchen an-
dere in eigener Verantwortung Bordelle betrieben hätten, ist widerlegt. So bestä-
tigte unter anderem die anlässlich der Hauptverhandlung befragte Zeugin B34,
welche als Untermieterin der C13 AG für das Studio C2 auftrat, dass sie die
Funktion einer reinen Strohfrau und mit dem Geschäft dort im Übrigen überhaupt
nichts zu tun gehabt habe (cl. 138 pag. 138.950.185 ff.). Auch für die Mitarbeite-
rin des Reisebüros C12, die Zeugin B27, als Aussenstehende, stand ausser
Zweifel, dass die anderen Beteiligten im Auftrag A1s und für ihn handelten
(cl. 138 pag. 138.930.080 ff.) und ihm insoweit subordiniert waren. Der Beschul-
digte hat seine übergeordnete und dominante Funktion anlässlich der Hauptver-
handlung schliesslich wenigstens im Grundsatz nicht mehr bestritten bzw. we-
nigstens implizit zugestanden.
2.18.2 Die Beschuldigte A2 war A1s Stellvertreterin. Sie hat sich selbst nicht prostituiert,
sondern fungierte, auch aus Gründen ihrer Sprachkompetenz, als Mittlerin zwi-
schen A1 und den in dessen Etablissements tätigen Frauen. Sie gab selbständig
oder in dessen Auftrag Weisungen an die Frauen bzw. die Hausverantwortlichen.
Sie erhielt für ihre Arbeit von A1 einen Lohn von Fr. 200.– pro Tag (cl. 138
pag. 138.930.063), und sie hat sich als Geschäftsführerin bezeichnet (ebd.). Als
Geschäftsführerin für A1 wurde sie auch von der Zeugin B34 wahrgenommen
(cl. 138 pag. 138.930.088).
- 50 -
2.18.3 Der Beschuldigte A3 hatte im Geschäft keine operative Funktion; ihm waren im
Übrigen die Einzelheiten des Geschäfts nicht bekannt. Als Kollege und Freund
A1s nahm er kleinere Handreichungen wie Reparaturen vor oder fungierte als
Chauffeur. Für die Frauen in den Studios, in denen er auch als Kunde verkehrte,
erbrachte er kleinere Dienstleistungen wie Einkäufe und ähnliches.
2.18.4 Die Beschuldigte A4 war ursprünglich als "einfache" Prostituierte in A1s Studios
gekommen. Sie stieg in der Hierarchie mit der Zeit zu einer Hausverantwortli-
chen auf. Als Geliebte A1s hatte sie eine über die anderen Frauen herausgeho-
bene Stellung in den Betrieben und privilegierten Zugang zu A1. In der Anklage-
periode war sie nicht denselben Bedingungen unterworfen wie die Prostituierten,
die ihre Schulden bei A1 mit dem Erlös aus der Prostitution abbauen mussten.
Nach dem Ausscheiden A2s übernahm sie deren Funktion und Rolle. Sie war
organisatorisch in den gesamten Ablauf eingebunden. In ihrer Funktion wies sie
die neu angekommenen Frauen in die Usancen ein, überwachte die Frauen auch
und sorgte dafür, dass der Betrieb im Sinne der Erwartungen und Vorgaben A1s
funktionierte. Sie gab auch dessen Direktiven oder diejenigen von A2 an die
Frauen weiter. Sie war in geringerem Umfang auch an Rekrutierungen von Frau-
en und an der Organisation von deren Einreise beteiligt. Die ihr von der Anklage
in diesem Sinne vorgeworfene Rolle hat sie grundsätzlich zugestanden (cl. 32
pag. 13.3.235 ff.).
2.18.5 A5 hat auf zusammenfassenden Vorhalt hin zwar eine vergleichbare Rolle wie
diejenige von A4 zugestanden, ohne allerdings mit A1 eine Liebesbeziehung un-
terhalten zu haben. Ihr umfassendes Geständnis auf einen generalisierten Vor-
halt hin scheint vor allem dadurch motiviert zu sein, dass sie nach Hause reisen
wollte (cl. 33 pag. 13.04.157 f.). Anders als A4 blieb sie aber auch als Hausver-
antwortliche, zu der sie später wurde, gewöhnliche Prostituierte insoweit, als sie
bei ihren Aufenthalten in der Schweiz A1 Schulden zurückzahlen musste (cl. 33
pag. 13.04.108). Sie will den Frauen auch keine Instruktionen erteilt haben; sie
habe lediglich die Hausordnung und den Arbeitsablauf erklärt; die Frauen seien
bei der Ankunft in der Schweiz von A2 und später von A4 in Empfang genommen
und instruiert worden. Sie hat zwar über die Regeln informiert, diese jedoch nicht
autoritativ durchgesetzt. Jedenfalls habe sie nicht getan, was A1 von ihr verlangt
habe, mit den Frauen hart zu sprechen (cl. 33 pag. 13.04.156 f.). Von einer or-
ganisatorischen Einbindung in A1s Geschäft kann auch insoweit nicht gespro-
chen werden, als sie auf die Bedingungen, unter welchen die Frauen, wie sie
selbst auch, arbeiten mussten, keinen Einfluss hatte. Hingegen war sie in Brasi-
lien bisweilen mit der Rekrutierung neuer Frauen und deren Reiseorganisation
befasst (u.a. cl. 33 pag. 13.04.130); sie hält jedoch fest, jeweils in einem Abhän-
gigkeitsverhältnis zu A1 gestanden zu haben, weil sie wieder in die Schweiz ha-
be kommen wollen und er das davon abhängig gemacht habe, dass sie andere
Frauen rekrutiere (cl. 33 pag. 13.04.129).
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3. Rechtliches zu den Tatbeständen Förderung der Prostitution (Art. 195
StGB) und Menschenhandel (Art. 182 StGB bzw. Art. 196 aStGB [in der bis
am 31.12.2006 geltenden Fassung])
3.1 Förderung der Prostitution (Art. 195 StGB)
Gemäss Art. 195 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstra-
fe bestraft, wer eine unmündige Person der Prostitution zuführt (Abs. 1), wer eine
Person unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder eines Vermögensvorteils we-
gen der Prostitution zuführt (Abs. 2); wer die Handlungsfreiheit einer Person,
welche die Prostitution betreibt, dadurch beeinträchtigt, dass er sie bei dieser Tä-
tigkeit überwacht oder Ort, Zeit, Ausmass oder andere Umstände der Prostitution
bestimmt (Abs. 3), und wer eine Person in der Prostitution festhält (Abs. 4).
Die Anklage lautet auf Widerhandlung gegen Art. 195 StGB in den drei Tatbe-
standsvarianten Zuführen einer mündigen Person zur Prostitution (Abs. 2), Be-
schränkung der Handlungsfreiheit einer Prostituierten (Abs. 3) und Festhalten ei-
ner Person in der Prostitution (Abs. 4). Geschützt wird in jeder Variante die
Handlungsfreiheit einer in die Prostitution gedrängten oder sich bereits prostituie-
renden Person. Die Voraussetzungen des Tatbestands sind für jede Variante
separat zu prüfen.
Die Bundesanwaltschaft wirft A1, A2, A4, A5 und A3 konkret vor, sie hätten vom
Juli 2001 bis 28. März 2006, wobei sich die Beteiligung von A4 auf die Zeit von
Februar 2005 bis 28. März 2006 und diejenige von A5 auf die Zeit vom August
2004 bis 28. März 2006 beschränkt habe, mehrfach vorsätzlich, eventuell even-
tualvorsätzlich, sowie mittäterschaftlich, 142 Frauen in den Studios C3, C2 und
C1 unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder eines Vermögensvorteils der Pros-
titution zugeführt, indem sie die Frauen unter falschen Versprechen und Vorfi-
nanzierung der Reisekosen in die Schweiz gelockt hätten. Sie hätten die Pässe
und die Rückreisetickets abgenommen und ihnen hohe Schulden von
Fr. 10'000.– und Fr. 16'000.– auferlegt, welche in keinem Verhältnis zu den Auf-
wendungen von Fr. 3'000.– bis Fr. 4'000.– für die Reisekosten gestanden hätten.
Sie hätten die Frauen in ihrer Handlungsfreiheit beeinträchtigt, indem sie die
Prostituierten überwacht und die Umstände der Prostitution durch Festlegung
von Ort, Zeit und Ausmass festgelegt hätten. Die Prostituierten hätten die Studi-
os nicht ohne Begleitung verlassen dürfen. Von den Kundeneinnahmen seien
vorerst einmal die Hälfte an A1 gegangen und die restlichen 50% seien unter
Abzug von Fr. 20.– pro Tag für die Zimmermiete und Werbekosten an die beste-
henden Schulden angerechnet worden. Schliesslich seien die Frauen in der
Prostitution festgehalten worden, indem ihnen die erwähnten Dokumente mit der
Mitteilung abgenommen worden seien, dass sie diese erst wieder zurückbekä-
men, wenn die Schulden abgearbeitet seien.
- 52 -
3.1.1 Zuführen einer mündigen Person zur Prostitution (Art. 195 Abs. 2 StGB)
Strafbar macht sich, wer eine Person unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder
eines Vermögensvorteils wegen der Prostitution zuführt. Weil die gezielte Einwir-
kung des Täters auf das Opfer dessen Willens- und Handlungsfreiheit nennens-
wert beeinträchtigen muss, ist das Zuführen zu verneinen, wenn der Täter dem
Opfer bloss die Gelegenheit eröffnet oder Möglichkeiten aufzeigt, sich auf die
Prostitution einzulassen, es also lediglich zur Tätigkeit verleitet; Zuführen meint
ein aktives Einwirken von einiger Intensität auf die Willensbildung der betroffenen
Person, sodass sich diese motivieren lässt, sich zu prostituieren. Wer sich be-
reits prostituiert, kann zwar in bestimmte Bereiche bzw. Facetten des Gewerbes
eingeführt, aber nicht mehr der Prostitution als solcher zugeführt werden, wohl
aber wer mit der Prostitution bereits abgeschlossen hatte. Führt der Täter eine
erwachsene Person der Prostitution zu, ist nach Absatz 2 der Bestimmung zu-
sätzlich erforderlich, dass er eine Abhängigkeit des Opfers ausnützt oder "eines
Vermögensvorteils wegen" handelt. Der auch in den Art. 188, 192 und 193 StGB
verwendete Begriff der Abhängigkeit ist im Rahmen von Art. 195 StGB weit zu
verstehen. Ob eine Abhängigkeit vorliegt, entzieht sich einer allgemeinen Um-
schreibung und ist, auch nach den Vorgaben der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung, nach den konkreten Umständen des jeweiligen Falles zu ermitteln. In
Betracht kommen neben dem in Art. 193 StGB genannten Arbeitsverhältnis jede
andere hinreichend schwere Form von Abhängigkeit. Das ist etwa bei Hörigkeit,
Drogensucht, finanziellen Abhängigkeiten usw. anzunehmen. Nach der zweiten
Variante muss der Täter das Opfer "eines Vermögensvorteils wegen" der Prosti-
tution zuführen, das heisst mit Blick auf eine eigene vermögenswerte Besserstel-
lung handeln. Das Tatbestandsmerkmal "verschmilzt" mit dem Motiv des Täters.
Insoweit klingt die moralische Missbilligung der Zuhälterei des früheren Rechts
an (vgl. Art. 201 aStGB), worin der Gesetzgeber neu keinen hinreichenden
Strafgrund mehr erblickte. Daraus leitet die herrschende Lehre zutreffend ab,
eine erwachsene Person für geldwerte Vorteile der Prostitution zuzuführen, sei
nach Art. 195 Abs. 2 StGB nur strafbar, wenn das Opfer unter Druck gesetzt
oder dessen besondere Unterlegenheit ausgenützt werde, sodass seine Hand-
lungsfreiheit im Ergebnis ähnlich stark eingeschränkt sei wie bei den anderen
Formen des Delikts. Insofern liegt das Schwergewicht beim Begriff des Zufüh-
rens und nicht beim Merkmal des Handelns um des vermögenswerten Vorteils
wegen (BGE 129 IV 71 E. 1.4, mit zahlreichen Hinw.).
3.1.2 In der Handlungsfreiheit beeinträchtigen (Art. 195 Abs. 3 StGB)
Nach Art. 195 Abs. 3 StGB wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder mit Ge-
fängnis bestraft, wer die Handlungsfreiheit einer Person, die sich prostituiert, da-
durch beeinträchtigt, dass er sie bei ihrer Tätigkeit überwacht oder Ort, Zeit,
Ausmass oder andere Umstände der Prostitution bestimmt. Geschütztes
Rechtsgut ist die Entscheidungsfreiheit der Prostituierten, die nicht verletzt wer-
- 53 -
den darf. Von der Bestimmung wird erfasst, wer sich der Prostituierten gegen-
über in einer Machtposition befindet, die es ihm erlaubt, deren Handlungsfreiheit
einzuschränken und festzulegen, wie sie ihrer Tätigkeit im Einzelnen nachzuge-
hen hat, oder in Einzelfällen bestimmte Verhaltensweisen zu erzwingen. Die
Strafbarkeit setzt voraus, dass auf die betroffene Person ein gewisser Druck
ausgeübt wird, dem sie sich nicht ohne weiteres entziehen kann, so dass sie in
ihrer Entscheidung, ob und wie sie dem Gewerbe nachgehen will, nicht mehr
vollständig frei ist, und dass die Überwachung oder die bestimmende Einfluss-
nahme ihrem Willen oder ihren Bedürfnissen zuwiderläuft (BGE 126 IV 76 E. 2
S. 80 f. mit Hinweisen). Ob unzulässiger Druck im Sinne der Bestimmung aus-
geübt wird, entscheidet sich nach den Umständen des jeweiligen Falles. Das
Bundesgericht hielt die Strafbarkeit für gegeben im Falle von Animierdamen, de-
ren Anwesenheit und Tätigkeit streng kontrolliert wurden und die aufgrund der
Rahmenbedingungen, obligatorischer Zimmermiete und zu leistender Forfaits
ihren Lebensunterhalt nur durch Prostitution verdienen konnten. Daran änderte
nichts, dass die Frauen den durch Prostitution erwirtschafteten Verdienst behal-
ten konnten (Urteile 6S.446/2000 vom 29. März 2001, E. 3 und 6S.570/1997 vom
9. Oktober 1997, E. 2, besprochen von A6 Wiprächtiger, Aktuelle Praxis des
Bundesgerichts zum Sexualstrafrecht, ZStrR 117/1999 S. 146 f.). Das Bundes-
gericht bestätigte ferner die Verurteilung des Betreibers eines "Begleitservices",
der die angestellten Prostituierten zu praktisch permanenter Einsatzbereitschaft
verpflichtete und sie ständig durch Chauffeure überwachen liess, die auch das
Geld einzogen (BGE 125 IV 269 E. 2 S. 271 f.). Schliesslich bejahte das Bun-
desgericht die Förderung der Prostitution bei einem Täter, der ausländische
Prostituierte illegal in die Schweiz brachte, diese und andere, bereits illegal in der
Schweiz sich aufhaltende Prostituierte beherbergte, ihnen Arbeit im Gewerbe in
Saunas und Nachtclubs vermittelte, sie jeweils dorthin begleitete und überwach-
te, den Erlös ihrer Arbeit entgegennahm und ihnen einen Teil davon wieder aus-
zahlte, sowie ihnen Darlehen gab, die sie abarbeiten mussten (Urteil
6P.162/2001 vom 22. März 2002, E. 6). Nicht gegen Art. 195 Abs. 3 StGB ver-
stiess hingegen der Geschäftsführer eines Saunaclubs, der sich damit begnügte,
von den Prostituierten Eintritt und einen Gewinnanteil von 40% zu verlangen.
Zwar war eine verbindliche Preisliste erlassen worden, und die Prostituierten
mussten ihre Einnahmen zunächst der Geschäftsführung aushändigen, doch war
ihre (Bewegungs-) Freiheit ansonsten nicht weiter eingeschränkt. Sie erhielten
ihren Verdienst nach Abzug der Gewinnbeteiligung am Ende jedes Arbeitstages
ausbezahlt (zum Ganzen BGE 129 IV 81 E. 1.2 mit weiteren Verweisungen).
3.1.3 In der Prostitution festhalten (Art. 195 Abs. 4 StGB)
Nach der Botschaft und der ihr folgenden Doktrin regelt diese Tatbestandsvari-
ante Fälle, in welchen der Täter eine ausstiegswillige Person unter Druck setzt,
um sie davon abzuhalten, ihren Willen durchzusetzen und das Gewerbe auf-
- 54 -
zugeben. Diese restriktiven Voraussetzungen – gebildeter Wille der betroffenen
Person, sich von der Prostitution zu lösen, und ein sie daran hindernder Druck
des Täters – ergeben sich gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung aus der
Notwendigkeit, die einzelnen Tatbestandsvarianten voneinander abzugrenzen
und entsprächen Sinn und Zweck der Norm. Erfasst Art. 195 Abs. 3 StGB abge-
schwächte Formen des Festhaltens in der Prostitution durch Kontrolle der Tätig-
keit und Bestimmung der Modalitäten ihrer Ausübung (Botschaft, BBl 1985 II
1084, zitiert vom Bundesgericht in BGE 129 IV 81 E. 2.3), wodurch die betroffe-
nen Personen in ihrer Entscheidungsfreiheit, ob und wie sie dem Gewerbe nach-
gehen wollen, deutlich eingeschränkt würden und eine bestimmende Einfluss-
nahme auf ihren Willen oder ihre (wohlverstandenen) Bedürfnisse und Interes-
sen erfolgen würde (vgl. BGE 126 IV 76 E. 2 S. 80 f., mit Hinw.), erscheint dem-
gegenüber das Festhalten in der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 4 StGB
als qualifizierte Form des Festhaltens in der Prostitution (in diesem Sinne auch
Botschaft, BBl 1985 II 1084). Es geht hier nicht um den Schutz vor Überwachung
der Tätigkeit und fremdbestimmter Auferlegung der Umstände ihrer Ausübung,
sondern darum, ausstiegswillige oder -bereite Prostituierte davor zu schützen,
durch gezielten Druck daran gehindert zu werden, sich selbstbestimmt neu zu
orientieren und ihrem Gewerbe den Rücken zu kehren. Nicht von Art. 195 Abs. 4
StGB sondern allenfalls von Abs. 3 der Norm erfasst werden damit Einwirkungen
auf die betroffene Person, die sie daran hindern, einen solchen Willen erst zu
bilden (BGE 129 IV 81 E. 2.3).
3.1.4 Konkurrenzfragen mit Bezug auf die drei Tatbestandsvarianten betreffend einem
Opfer
Soweit ersichtlich, befassen sich publizierte Lehre und Rechtsprechung bisher
nicht mit Fragen der Konkurrenz der oben behandelten Tatbestandsvarianten un-
ter einander. Aus der Vorgeschichte von BGE 129 IV 81 E. A ist zu schliessen,
dass, falls entsprechend angeklagt, alle Varianten zu prüfen sind. Sind die Vor-
aussetzungen für einzelne Varianten nicht erfüllt, scheint mit Bezug darauf frei-
zusprechen zu sein. So wies das Bundesgericht im zitierten Fall die Sache zur
Prüfung unter dem Aspekt von Abs. 4 an die Vorinstanz zurück, obwohl es den
Schuldspruch unter Abs. 3 für berechtigt hielt. Dies hätte es unterlassen, wenn
bei einem Schuldspruch unter einer Variante offen gelassen werden könnte, ob
auch andere Varianten erfüllt sind. Mithin wäre im Falle der Verwirklichung meh-
rerer Varianten von Art. 195 StGB wohl Realkonkurrenz anzunehmen.
3.2 Menschenhandel
Gemäss Art. 196 aStGB bzw. Art. 182 StGB macht sich unter anderem strafbar,
wer mit Menschen Handel treibt, um sie der Prostitution zuzuführen.
- 55 -
Die Bundesanwaltschaft wirft A1, A2, A4, A5 und A3 weiter vor (Anklagepunkt
betr. Menschenhandel), sie hätten von Anfang Juli 2001 bis Ende März 2006,
wobei sich die Beteiligung von A4 auf die Zeit von Februar 2005 bis 28. März
2006 und diejenige von A5 auf die Zeit von August 2004 bis 28. März 2006 be-
schränkt habe, mehrfach vorsätzlich, eventuell eventualvorsätzlich, sowie mittä-
terschaftlich, gewerbsmässig 142 Frauen aus ärmlichen Verhältnissen in Brasi-
lien zum Zweck der sexuellen Ausbeutung in den Studios C3, C2 und C1 rekru-
tiert. Sie hätten den Frauen die Flugtickets, die Pässe sowie ein Vorzeigegeld
organisiert. Die Frauen seien in den Studios zur Prostitution gezwungen und
ausgebeutet worden, da der festgesetzte und abzuarbeitende Schuldenbetrag
von Fr. 10'000.– bis 16'000.– in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen für die
vorgeschossenen Reisekosten von Fr. 3'000.– bis Fr. 4'000.– gestanden sei. Die
Frauen seien dadurch in ihrem sexuellen Selbstbestimmungsrecht verletzt wor-
den.
3.2.1 Verhältnis (Art. 196 aStGB) zu Art. 182 StGB
Art. 182 StGB löste per 1. Dezember 2006 den früheren Art. 196 StGB ab, was
unter dem Aspekt der lex mitior zu prüfen ist. Für die Frage des milderen Rechts
im Verhältnis zwischen Art. 196 aStGB und Art. 182 StGB ist auf Erwägung
1.2.2. b zu verweisen.
3.2.2 Nach Art. 196 aStGB wird mit Zuchthaus oder Gefängnis nicht unter sechs Mo-
naten und zwingend mit Busse bestraft, wer mit Menschen Handel treibt, um der
Unzucht eines anderen Vorschub zu leisten.
3.2.3 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung setzt eine Verurteilung wegen
Menschenhandels voraus, dass die betroffene Person in ihrem sexuellen Selbst-
bestimmungsrecht verletzt worden ist (BGE 126 IV 225 E. 1c). Ob die Betroffe-
nen im Einzelfall selbstbestimmt gehandelt haben, ist an Hand der Umstände zu
beurteilen. Das faktische "Einverständnis" allein ist nicht massgebend, weil die
Tathandlung nur formal mit dem Willen der Betroffenen erfolgt sein kann. Es ist
deshalb darüber hinaus zu prüfen, ob die Willensäusserung dem tatsächlichen
Willen nach wohlverstandener Interessensbeurteilung entsprach. Menschenhan-
del kann unter Umständen auch bei angeblicher Zustimmung in den Wechsel
von einem Etablissement in das andere vorliegen (vgl. BGE 126 IV 225 E. 1d). In
Präzisierung dieser Rechtsprechung hat das Bundesgericht erkannt, dass der
Tatbestand des Menschenhandels in der Regel erfüllt ist, wenn junge Frauen,
die aus dem Ausland kommen, unter Ausnützung ihrer schwierigen Lage zur
Ausübung der Prostitution in der Schweiz engagiert werden. Ihre "Einwilligung" in
diese Tätigkeit und in die (illegale) Überführung in die Schweiz ist nicht wirksam,
wenn sie auf ihre schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse im Herkunftsland zu-
rückzuführen ist; die Personen verfügen in diesen Fällen nicht über die erforder-
liche Entscheidungsfreiheit (BGE 129 IV 81 mit Verweisungen namentlich auf
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BGE 128 IV 117 E. 4b und c). Dies alles gilt auch für denjenigen, der als Eigen-
händler Personen anwirbt und deren Einreise organisiert mit dem Ziel, diese in
eigenen Etablissements zu beschäftigen (vgl. E. 3.2.1).
4. Folgerungen für die Anklagepunkte I.4 und I.5 und die Äquivalente in den
anderen Anklagen (A2 III.2 und III.3; A3 IV.1 und IV.2; A4 V.1 und V.2; A5
VI.1 und VI.2)
4.1 Förderung der Prostitution
4.1.1 Strafbarkeit A1s
a) Anklagpunkt I.4, Zuführen gemäss Art. 195 Abs. 2 StGB
Diese Tatbestandsvariante scheidet bei allen Frauen aus, für die keine spezifi-
schen Angaben vorliegen. Das Zuführen scheidet aus, weil mangels Beweises
des Gegenteils zu Gunsten des Beschuldigten anzunehmen ist, die Frauen hät-
ten sich bereits in Brasilien prostituiert, was in vielen Fällen positiv nachgewiesen
ist. Wo dies nicht der Fall gewesen sein sollte, ist jedenfalls nicht erstellt, dass
A1 eine Motivationshandlung zuzurechnen wäre, welche die – oben unter dem
Rechtlichen geschilderte – verlangte Intensität einer Zuführungshandlung errei-
chen würde. Das Eröffnen der Gelegenheit, sich zu prostituieren, genügt, wie
oben gezeigt, nicht. Dies dürfte im System A1 der Normalfall gewesen sein. Zu-
führen meint ein aktives Einwirken von einiger Intensität auf die Willensbildung
der betroffenen Person, sodass sich diese motivieren lässt, sich zu prostituieren.
Angenommen werden könnte das Zuführen zur Prostitution nur noch dort, wo
eine – bisher sich nicht prostituierende – Frau in Brasilien mit falschen Angaben
über ihre Tätigkeit rekrutiert worden wäre und sich ahnungslos in einem Etablis-
sement A1s gezwungen gesehen hätte, sich prostituieren zu müssen. In Einzel-
fällen kann das nicht gänzlich ausgeschlossen werden, entspräche jedoch nicht
dem Geschäftsmodell insgesamt. Jedenfalls scheint der Nachweis für diese
Konstellation mit verwertbaren Beweismitteln nicht erbracht werden zu können.
Der Beschuldigte ist demnach vom Vorwurf für diese Tatbestandsvariante freizu-
sprechen.
Ein Freispruch hätte insoweit aber auch aus einem weiteren Grund zu erfolgen,
wenn eine strafbare Handlung unter diesem Titel überhaupt nachgewiesen wäre:
Sind die Voraussetzungen für einen Schuldspruch wegen Menschenhandels ge-
geben, was vorliegend, wie sich zeigen wird, der Fall ist, wäre eine Verletzung
von Art. 195 Abs. 2 StGB für identische Sachverhalte und Geschädigte, durch
Art. 182 StGB konsumiert (vgl. Delnon/Rüdy, Basler Kommentar, Strafrecht II.,
Basel 2007, 2. Aufl. N. 45 zu Art. 182 StGB), zumal Art. 195 Abs. 2 StGB keine
weiteren Unrechtselemente und Schutzgüter als diejenigen von Art. 183 StGB
- 57 -
enthält; dies gilt selbstredend auch für die Konkurrenz von Art. 196 aStGB zu
Art. 195 Abs. 2 StGB; der Umstand der anderen systematischen Einordnung des
Menschenhandels im alten und im neuen Recht ändert daran in materieller Hin-
sicht nichts.
b) Anklagepunkt I.4, Beeinträchtigen gemäss Art. 195 Abs. 3 StGB
Vor dem Hintergrund der wiedergegebenen Rechtsprechung und Doktrin ergibt
sich für das festgehaltene Beweisergebnis klar, dass A1 den Tatbestand der Be-
einträchtigung der Handlungsfreiheit sich prostituierender Personen verwirklicht
hat, indem er die in seinen Studios tätigen Frauen überwachte und die Umstän-
de, unter welchen diese sich prostituierten, weitestgehend bestimmte.
Auch falls die Frauen die Studios faktisch schon zu Beginn hätten verlassen
können, was in einzelnen Fällen auch vorgekommen zu sein scheint, waren sie
offensichtlich durch die gesamten oben namhaft gemachten Umstände gebun-
den.
Sie hätten für diesen Fall – überzogene – Schulden gehabt ohne Aussicht, diese
zurückbezahlen zu können, sie wären mittellos gewesen, mit illegalem Aufent-
haltsstatus, unkundig einer hier gängigen Sprache. Sie waren auch moralisch
gebunden gegenüber A1, der ihnen die Möglichkeit erst eröffnet hatte, in der
Schweiz mit Prostitution Geld zu verdienen. Es ist offensichtlich, dass die Frauen
bereits zu Beginn nicht mehr frei waren, sich auf die Prostitution unter den vor-
gegebenen Bedingungen einzulassen oder nicht. Ausserdem waren sie gebun-
den durch die für sie, wegen ihrer Herkunft aus schwierigen finanziellen Verhält-
nissen und ohne Bargeld ganz wesentliche Aussicht, später, nach Abbezahlung
der Schulden, tatsächlich dringend nötiges Geld verdienen zu können.
Soweit sie sich, einmal vor Ort angekommen, auf die Prostitution einliessen, ar-
beiteten sie in A1s Studios nach dessen weit gehenden Regelungen. Dabei be-
fand sich der Beschuldigte A1 in einer Machtposition, einmal als Gläubiger der
überhöht festgelegten Schulden, aber auch deshalb, weil sie sich illegal in der
Schweiz aufhielten, sie aus ihrer Sicht deshalb keine Aussicht hatten, gegebe-
nenfalls bei Behörden Unterstützung zu finden und sich insoweit als rechtlos ver-
stehen mussten, weil sie mittellos waren und der gängigen Sprachen unkundig.
Der Beschuldigte A1 nützte seine Machtposition aus, indem er Druck auf die be-
troffenen Frauen ausübte, sodass diese nicht mehr frei waren in ihrer Entschei-
dung, ob und wie sie dem Gewerbe nachgehen wollten, insbesondere indem er
den Arbeitsort, der zugleich Wohnort war, die Leistungen, die zu erbringen wa-
ren, die Termine und die Arbeitszeiten bestimmte – sie mussten sich während
der Öffnungszeiten der Studios, in welchen sie auch wohnten, grundsätzlich an
sieben Tagen die Woche bereit halten, Freier zu bedienen – und sie zur Bezah-
lung grösstenteils fiktiver Schulden zwang. Die Frauen wurden schliesslich auch
überwacht, sei es durch Video, sei es durch soziale Kontrolle, um sicherzustel-
- 58 -
len, dass sämtliche Einnahmen an A1 flossen. A1s bestimmende Einflussnahme
lief schliesslich auch den Bedürfnissen und Interessen der betroffenen Frauen
selbst zuwider, indem sie ihm unter dem Titel Schuldentilgung grösstenteils fikti-
ve Schulden abtragen mussten, während längerer Zeit von den Einnahmen
nichts für sich behalten konnten und sich dadurch unabhängig von allfälligen zu-
sätzlichen physischen Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit in einer ent-
würdigenden finanziellen und sozialen Abhängigkeit befanden. So waren sie
namentlich sogar darauf angewiesen, dass man ihnen Fr. 100.– pro Woche – un-
ter Anrechnung an ihre Schulden – wieder „gab“, damit sie sich überhaupt ernäh-
ren konnten. Unter diesen Umständen würde es geradezu zynisch anmuten,
wenn man eine Beschränkung der betroffenen Frauen in ihrer Handlungsfreiheit
verneinen wollte; von auch nur annähernd autonom ausgeübter Prostitution kann
nicht die Rede sein. Der objektive Tatbestand ist mithin erfüllt.
c) Soweit die Anklageschrift auf den Seiten 23 bis 25 über hundert Frauen nur
namentlich nennt, jedoch keinerlei Angaben zu Zeiten, in welchen diese sich in
der Schweiz aufgehalten haben, zu den Etablissements, in welchen sie sich
prostituiert haben sollen und zu Umständen, unter welchen dies der Fall gewe-
sen sein soll, ist ein Schuldspruch bereits in Nachachtung des Anklagegrundsat-
zes ausgeschlossen. Dies gilt umso mehr, als der Beschuldigte verschiedene
weitere Etablissements betrieb, teilweise wohl nur als Vermieter, und insoweit
auch gar nicht nachgewiesen wäre, dass die dort geltenden Geschäftsumstände
überhaupt strafrechtlich relevant gewesen wären. Im Übrigen fehlen insoweit
auch (verwertbare) Aussagen der Betroffenen selbst. Zusammenfassend bedeu-
tet dies, dass sich der Schuldspruch nur auf die 37 auf den Seiten 22 f. genann-
ten Frauen bezieht, von welchen Aussagen vorliegen und für welche die Ankla-
geschrift detaillierte Angaben zu Ort, Zeit und Umständen ihrer Tätigkeit für den
Beschuldigten enthält. Auf einen formellen Freispruch im Rahmen des Disposi-
tivs kann verzichtet werden.
d) Anklagepunkt I.4, Festhalten gemäss Art. 195 Abs. 4 StGB
Gemäss der oben wiedergegebenen Rechtsprechung und Doktrin ist der Tatbe-
stand nur restriktiv anzuwenden und die Tatbestandserfordernisse sind hoch.
Wie oben dargelegt, muss eine sich prostituierende Person den Ausstiegswillen
gebildet haben und daran gehindert werden, diesen zu verwirklichen. Mangels
einschlägiger spezifischer Angaben und gegenteiligen Beweisen ist davon aus-
zugehen, dass keine der Frauen einen relevanten Ausstiegswillen gebildet hatte
und daran gehindert worden wäre, das Etablissement des Beschuldigten tat-
sächlich zu verlassen. Bei dieser Tatbestandsvariante hätte die Anklage im Ein-
zelnen darlegen müssen, welche Frau wann einen relevanten Ausstiegswillen
entwickelte und wie dieser im konkreten Fall gebrochen wurde. Die Aufzählung
der Merkmale des Geschäftsmodells genügen für diese Tatbestandsvariante
nicht. In der Tat geht das Gericht davon aus, dass die meisten Frauen sich in der
- 59 -
Anfangsphase von zwei bis ca. dreieinhalb Monaten zwar ausgenutzt vorkamen,
aber bleiben wollten, weil sie danach effektiv hätten Geld verdienen können.
Dies genügt nach der genannten Rechtsprechung jedoch nicht für eine Verurtei-
lung wegen Festhaltens in der Prostitution.
e) In Bezug auf die über hundert in der Anklageschrift auf den Seiten 23 bis 25
erwähnten Frauen, für welche ein Schuldspruch aufgrund des Anklageprinzips
ausgeschlossen ist, ist auf Erwägung 4.1.1. b zu verweisen.
f) Subjektiver Tatbestand: Der Beschuldigte liess im Verfahren einwenden, es
habe ihm am Vorsatz gefehlt, weil er, insbesondere gestützt auf das ihn betref-
fende und ihn diesbezüglich freisprechende Urteil des Obergerichts des Kantons
Solothurn vom 28. Januar 2005 davon ausgegangen sei und davon habe ausge-
hen dürfen, dass sein Geschäftsmodell rechtlich korrekt sei (Urteil, cl. 47
pag. 18.07.0075). Dabei handelt es sich um eine Schutzbehauptung; aus dem
genannten Urteil kann diese Schlussfolgerung gerade nicht gezogen werden.
Vielmehr gilt das Gegenteil. Das Obergericht befasste sich ausführlich mit dem
höchstrichterlichen Leitentscheid BGE 129 IV 81. Es kommt zum Schluss, dass
das von ihm zu beurteilende, dort angewandte Geschäftsmodell A1s nicht dem-
jenigen entspricht, welches das Bundesgericht beurteilte. Namentlich hätten die
Frauen keine Darlehen oder andere Schulden abzuarbeiten gehabt (insb. S. 44
des Urteils), was für das bundesgerichtliche, eine Schuldigsprechung bestäti-
gende Urteil eben gerade der Fall war. In diesem zentralen Element weicht das
vorliegend zu beurteilende System von demjenigen des bundesgerichtlichen
Leitentscheides gerade nicht ab, hingegen von dem des solothurnischen Urteils
sehr wohl. Die Frauen waren dort auch frei, das Etablissement jederzeit zu ver-
lassen. Aus dem solothurnischen Urteil – und dem dort behandelten Bundesge-
richtsurteil – ergibt sich durch Umkehrschluss also gerade, dass das hier zu be-
urteilende Geschäftsmodell strafrechtlich von Belang ist. Im Übrigen ergibt sich
aus dem gesamten Verhalten A1s – insbesondere dass er sich geschützt von
Strohleuten als einfacher Vermieter von Räumlichkeiten im Hintergrund hielt und
die Frauen anweisen liess, ihn nicht zu erwähnen – dass er sich bewusst war,
ein illegales Geschäft zu betreiben. Indem er dies über längere Zeit wissentlich
auch tat, ergibt sich, dass er dies auch wollte, er mithin vorsätzlich gehandelt hat.
g) Zusammenfassend ergibt sich, dass sich A1 im Anklagepunkt I.4 der Förde-
rung der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 3 StGB in Bezug auf 37 Frauen
schuldig gemacht hat und für die übrigen Tatbestandsvarianten freizusprechen
ist.
4.1.2 Strafbarkeit der übrigen Beschuldigten
a) Generelle Vorbemerkung
- 60 -
Wie oben festgestellt, wurde das ganze Geschäft von A1 beherrscht, die Mitbe-
schuldigten waren, soweit überhaupt im Rahmen des Geschäfts tätig, ihm fak-
tisch unterstellt. Handlungen im Einzelnen, die über das A1 Vorgeworfene hi-
nausgingen, sind weder von der Anklage vorgebracht worden noch wären solche
ersichtlich. Das bedeutet, dass die anderen Beschuldigten sich nur insoweit
strafbar gemacht haben können, als auch A1 strafbar ist. Soweit A1 aus tatsäch-
lichen oder rechtlichen Gründen freizusprechen ist, gilt dies auch für die anderen
Beschuldigten.
Aus obiger Begründung ergibt sich, dass eine Verurteilung aller Beschuldigter
wegen Verletzung von Art. 195 Abs. 2 und Abs. 4 StGB, im Unterschied zu
Abs. 3 dieser Bestimmung, ausgeschlossen ist. Entsprechend sind die Beschul-
digten bezüglich aller Anklagepunkte, welche diese Bestimmungen betreffen,
formell freizusprechen. Das die Beschuldigte A2 betreffende Dispositiv ist hin-
sichtlich der formellen Freisprüche nicht vollständig. Es handelt sich um ein of-
fensichtliches Versehen. Das Dispositiv des vorliegenden Urteils ist demnach in
Ziffer II.1 entsprechend zu vervollständigen: A2 wird in allen Anklagepunkten
wegen Förderung der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 2 und 4 StGB frei-
gesprochen. Zu korrigieren ist im Dispositiv auch die in diesem Zusammenhang
(Förderung der Prostitution) offensichtlich falsche Erwähnung von Anklagepunkt
A.III.3 statt A.III.1.
b) A2 (Anklagepunkt III.2)
Die Beschuldigte A2 war als Studioverantwortliche, aber auch generell als Stell-
vertreterin oder Geschäftsführerin, für A1 in den gesamten Abläufen des Prosti-
tutionsbetriebs in den drei Studios involviert; sie sorgte namentlich dafür, dass
die von A1 vorgegebenen Umstände, unter welchen die Betriebe funktionierten,
durchgesetzt wurden, unter anderem dadurch, dass sie die betroffenen Frauen
selbst im Sinne A1s instruierte oder durch die Studioverantwortlichen instruieren
liess. Sie war auch als Dolmetscherin zwischen A1 und den betroffenen Frauen
tätig. Sie überwachte die Frauen um sicherzustellen, dass diese ihre gesamten
Einnahmen abgaben. Zwar hatte sie auf A1s Vorgaben, wenigstens teilweise,
keinen Einfluss, insbesondere nicht auf die Festsetzung der abzuarbeitenden
Schuldbeträge. Sie sorgte jedoch dafür oder trug mindestens dazu bei, dass im
Sinne des vorgegebenen Schuldenabbausystems abgerechnet werden konnte
und A1 die ihm daraus zukommenden Geldbeträge tatsächlich einnehmen konn-
te. Sie war mithin an der Realisierung der oben geschilderten strafrechtswidrigen
Geschäftspraktiken direkt beteiligt, indem sie dazu beitrug, die Handlungsfreiheit
der in den drei Studios tätigen Prostituierten zu beschränken, womit sie den Tat-
bestand von Art. 195 Abs. 3 StGB wie A1 in objektiver Hinsicht verwirklicht hat.
Aufgrund der gesamten Umstände steht ausser Frage, dass sie auch vorsätzlich
gehandelt hat; insbesondere war ihr auch aus eigener Anschauung bekannt,
- 61 -
dass mindestens einige der betroffenen Frauen ihre Arbeit nur in grosser seeli-
scher Not leisten konnten.
c) A3 (Anklagepunkt IV.1)
Der Beschuldigte A3 war als Kollege A1s in den Studios, die er teilweise auch
als Kunde frequentierte, zwar mehr als ein gewöhnlicher, aussenstehender Frei-
er, insbesondere weil er sowohl für A1 als auch für die Frauen Dienstleistungen
erbrachte und seinerseits zu beiden Seiten ein gewisses Vertrauensverhältnis
bestanden zu haben scheint. Hingegen war er in das von A1 betriebene und im
Sinne von Art. 195 Abs. 3 StGB rechtswidrige Geschäft nicht involviert. Die ge-
nauen Umstände, unter welchen dieses betrieben wurde, waren ihm auch nicht
im Detail bekannt. Damit fehlt es an einer organisatorischen Verpflichtung mit
A1, die es erlauben würde, ihn generell als Mittäter, eventuell Gehilfen für die
Handlungen A1s anzusehen. Entsprechend fällt die Anklage gegen ihn in diesem
Punkt grundsätzlich zusammen, denn diese baut fast ausschliesslich auf organi-
satorischer Verflechtung mit A1 und nicht auf individuellen tatbestandsmässigen
Handlungen A3s auf. Soweit die A3 in der Anklageschrift Ziff. IV.1.2 lit. a bis k
vorgeworfenen Handlungen überhaupt als im Sinne von Art. 195 StGB tatbe-
standsmässig gelten können, was offensichtlich nicht für alle dort aufgeführten
gilt, sind sie beweismässig nicht erstellt. Eine in objektiver und subjektiver Hin-
sicht tatbestandsmässige Handlung – z.B. die von der Anklage vorgebrachte, die
Frauen in ihrer Handlungsfreiheit beschränkende und kontrollierende Beaufsich-
tigung der Studios, in den Studios für Ordnung gesorgt zu haben etc. – ist nicht
erwiesen; eine solche wäre auch nicht ersichtlich, zumal die betroffenen Frauen
den Beschuldigten A3 gar nicht als Teil des "Betriebs" wahrgenommen haben.
Eine A3 belastende Aussage einer Betroffenen, er habe zu den misslichen Be-
dingungen beigetragen, unter welchen sie habe arbeiten müssen, gibt es nicht.
Soweit er die Frauen etwa herum chauffiert oder mit ihnen ein Restaurant aufge-
sucht hat, fehlte es jedenfalls am Vorsatz, die Frauen zu beaufsichtigen oder zu
bewachen und damit in ihrer Handlungsfreiheit zu beschränken. Der Beschuldig-
te ist demnach vom Vorwurf der Förderung der Prostitution beziehungsweise der
Gehilfenschaft dazu freizusprechen.
d) A4 (Anklagepunkt V.1)
Die Beschuldigte A4, die zunächst als einfache Prostituierte zu A1 kam, war spä-
ter als Studioverantwortliche für A1 in die gesamten Abläufe des Prostitutionsbe-
triebs im jeweiligen Studio involviert; sie sorgte namentlich dafür, dass die von
A1 vorgegebenen Umstände, unter welchen die Betriebe funktionierten, durch-
gesetzt wurden, unter anderem dadurch, dass sie die betroffenen Frauen bei der
Ankunft im Sinne A1s instruierte. Sie überwachte die Frauen, um sicherzustellen,
dass diese ihre gesamten Einnahmen abgaben. Zwar hatte sie auf A1s Vorga-
ben keinen Einfluss, insbesondere nicht auf die Festsetzung der abzuarbeiten-
- 62 -
den Schuldbeträge. Sie sorgte jedoch dafür oder trug mindestens dazu bei, dass
im Sinne des vorgegebenen Schuldenabbausystems abgerechnet werden konn-
te und A1 die ihm daraus zukommenden Geldbeträge tatsächlich einnehmen
konnte. Als Geliebte A1s hatte sie direkten Zugang zu ihm. Nach dem Ausschei-
den A2s wuchs sie in deren Rolle als Stellvertreterin A1s hinein. Sie war mithin
an der Realisierung der oben geschilderten strafrechtswidrigen Geschäftsprakti-
ken direkt beteiligt, indem sie damit dazu beitrug, die Handlungsfreiheit der in
ihrem Studio tätigen Prostituierten zu beschränken und später als Nachfolgerin
A2s deren Funktion, mit noch weiter reichenden Kompetenzen als denjenigen
einer einfachen Studioverantwortlichen, übernahm. Damit hat sie den Tatbestand
von Art. 195 Abs. 3 StGB wie A1 in objektiver Hinsicht verwirklicht. Aufgrund der
gesamten Umstände steht ausser Frage, dass sie auch vorsätzlich gehandelt
hat; insbesondere war ihr das freiheitsbeschränkende Geschäftsmodell aus
eigener Erfahrung bekannt und sie wusste um die seelische Not, die mit den von
ihr mit auferlegten Geschäftsmodalitäten verbunden waren.
e) A5 (Anklagepunkt VI.1)
Die Beschuldigte A5, die zunächst als einfache Prostituierte zu A1 kam, war spä-
ter, wie zahlreiche andere Frauen auch, als Hausverantwortliche für A1 tätig. Sie
blieb jedoch trotz der herausgehobenen Stellung die bei A1 jeweils verschuldete
Prostituierte, die ihre Schulden abbezahlen musste. Auf die von A1 vorgegebe-
nen Regeln hatte sie keinen Einfluss, insbesondere nicht auf die Festsetzung der
abzuarbeitenden Schuldbeträge. Sie sorgte insoweit lediglich gemeinsam mit
den anderen Frauen, den Geschädigten, dafür, dass im Sinne des vorgegebe-
nen Schuldenabbausystems abgerechnet werden und A1 die ihm daraus zu-
kommenden Geldbeträge tatsächlich einnehmen konnte. Sie war mithin an der
Realisierung der oben geschilderten strafrechtswidrigen Geschäftspraktiken nur
sehr indirekt und ohne autoritative Rolle beteiligt. Ein strafrechtlich relevanter ob-
jektiver Beitrag zur Realisierung des Tatbestands von Art. 195 Abs. 3 StGB ist zu
verneinen, soweit in Übereinstimmung mit der Entscheidung der Bundesanwalt-
schaft, einfache Hausverantwortliche nicht wegen Verletzung von Art. 195 Abs. 3
StGB verfolgen zu wollen (cl. 138 pag. 138.930.136). Anders verhält es sich je-
doch mit ihrem Engagement im Rahmen der Rekrutierung anderer Frauen in
Brasilien (vgl. unten E. 4.2.2 lit. d).
f) Mittäterschaft wird nach ständiger Rechtsprechung angenommen, wenn der
Tatbeteiligte bei der Entschliessung, Planung und Ausführung eine Delikts vor-
sätzlich und in massgeblicher Weise mit den anderen Tätern zusammenwirkt,
sodass er als Hauptbeteiligter dasteht (BGE 120 IV 265 E. 2c). Aufgrund der ge-
schilderten Rollenverteilung (E. 2.18.1–4) – gestützt auf die Aussagen der Be-
schuldigten und der betroffenen Frauen – besteht kein vernünftiger Zweifel, dass
- 63 -
A1 mit A2 und A4 das inkriminierte Prostitutionsgeschäft, mit unterschiedlichen
Rollen, im arbeitsteiligen und bewussten Zusammenwirken gemeinsam betrie-
ben haben. Schuldrelevante Unterschiede im Verhalten der einzelnen Mittäter
sind bei der Strafzumessung zu berücksichtigen.
4.2 Menschenhandel
4.2.1 Strafbarkeit A1 (Anklagepunkt I.5)
Vor dem Hintergrund der oben in E. 3.2 wiedergegebenen Tatbestandselemente
ist als relevantes Beweisergebnis von den erwiesenen Elementen des Ge-
schäftsmodells in E. 2.1 bis 2.16 für den Tatbestand des Menschenhandels Fol-
gendes festzuhalten: Der Beschuldigte A1 hat in Brasilien junge Frauen aus zu-
meist sehr armem oder zumindest wirtschaftlich sehr schwierigem Umfeld für
seine Bordelle rekrutieren lassen. Er hat diesen Frauen in der Folge die Reise in
die Schweiz ermöglicht, indem er Geld überwies oder überweisen liess, für Päs-
se, den Kauf von Gepäckstücken und als Vorzeigegeld für die Einreise der Frau-
en als Touristinnen in die Schweiz; er liess ihnen Flugtickets organisieren und fi-
nanzierte die Reise vor. Zwar hat er die Frauen in Brasilien dafür nicht persönlich
ausgesucht und engagiert, wiewohl sie häufig nach seinen Vorgaben rekrutiert
wurden, sie waren aber ausnahmslos dazu bestimmt, in A1s Studios unter den
von ihm diktierten Bedingungen der Prostitution nachzugehen. Dabei war die
"Einwilligung" dieser Frauen rechtlich unwirksam: Die Einwilligung in diese Tätig-
keit und in die illegale Überführung in die Schweiz zum Zeitpunkt ihrer Zusage,
ist auf ihre schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse im Herkunftsland zurückzu-
führen; aber auch die Einwilligung zum Zeitpunkt ihres Arbeitsbeginns bei A1 war
nicht wirksam, weil sie auf freiheitsbeschränkenden Voraussetzungen im Sinne
von E. 4.1 oben beruhte. Aufgrund der vorfinanzierten Reise und des auferlegten
Schuldenabbausystems konnte A1 davon ausgehen, dass die Frauen die erwar-
tete Tätigkeit auch ausüben würden, wenn sie dann einmal in der Schweiz ange-
kommen waren. Indem A1 in einer Vielzahl von Fällen gleich gehandelt hat, hat
er auch das mit dem Begriff des "Handel Treibens" verbundene Erfordernis der
wiederholten Begehung erfüllt (vgl. Trechsel, Kurzkommentar zum Schweizeri-
schen Strafgesetzbuch, 2. Auflage 1997, Art. 196 StGB N. 2). Schliesslich hat er
mit diesem Handel, soweit man darin überhaupt ein Tatbestandserfordernis er-
blicken wollte, direkt wesentliche Geldsummen verdient und damit "gewerbs-
mässig" gehandelt: Gemäss seinem eigenen Konzept waren die überhöhten
Schulden der Frauen, die diese zunächst mit den eigentlich ihnen zustehenden
Einnahmen aus der Prostitution zurückzahlen mussten, im Zusammenhang mit
der Reise entstanden, während die ihm zustehenden 50% der Einnahmen sei-
nen Anteil am Prostitutionsgeschäft ausmachten. Die Frauen zahlten ihm im Er-
gebnis also nicht nur seine Auslagen für den Menschenhandel zurück, sondern
darüber hinaus noch ein Honorar dafür. A1 hat mithin objektiv tatbestandsmässig
- 64 -
gehandelt. Dass er auch in dieser Hinsicht mit Wissen und Willen, demnach vor-
sätzlich gehandelt hat, steht ausser Frage (vgl. auch oben E. 4.1.1). A1 hat sich
mithin des Menschenhandels im Sinne von Art. 196 aStGB schuldig gemacht.
4.2.2 Strafbarkeit der anderen Beschuldigten
a) A2 ( Anklagepunkt III.3)
In Ergänzung zu E. 4.1.2 lit. b ist hier anzufügen, dass A2 organisatorisch auch
in die Handlungen eingebunden war, die A1 unter dem Titel des Menschenhan-
dels zuzurechnen sind. Darüber hinaus hat sie auch Handlungen vorgenommen,
die direkt mit diesem Teil des Geschäfts verbunden waren, insbesondere im
Rahmen der Reiseorganisation für die neu angeworbenen Frauen in Brasilien.
Der Vorsatz A2s steht auch hier ausser Frage (vgl. ebd.). A2 hat sich mithin des
Menschenhandels im Sinne von Art. 196 aStGB schuldig gemacht.
b) A3 (Anklagepunkt IV.2)
Eine Beteiligung A3s ist auch hier nicht ersichtlich, es kann auf E. 4.1.2 lit. c ver-
wiesen werden. A3 ist vom Vorwurf des Menschenhandels bzw. der Gehilfen-
schaft dazu freizusprechen.
c) A4 (Anklagepunkt V.2)
In Ergänzung zu E. 4.1.2 lit. d ist hier anzufügen, dass A4 organisatorisch auch
in die Handlungen eingebunden war, die A1 unter dem Titel des Menschenhan-
dels zuzurechnen sind, jedenfalls ab dem Zeitpunkt, als sie die Funktion A2s
übernommen hatte (vgl. oben); davor war sie bereits involviert, etwa indem sie
bei Neurekrutierungen vermittelte. Darüber hinaus hat sie auch Handlungen vor-
genommen, die direkt mit diesem Teil des Geschäfts verbunden waren, insbe-
sondere im Rahmen der Reiseorganisation für die neu angeworbenen Frauen in
Brasilien. Der Vorsatz von A4 steht ausser Frage. Sie hat sich mithin des Men-
schenhandels im Sinne von Art. 196 aStGB schuldig gemacht.
d) A5 (Anklagepunkt VI.2)
In Ergänzung zu E. 4.1.2 lit. e ist hier anzufügen, dass A5 insbesondere in der
Rekrutierung neuer Frauen in Brasilien und in der Reisevorbereitung tätig war;
sie wurde dafür im Erfolgsfall auch bezahlt (cl. 33 pag. 13.04.154ff.). Sie war an
der Rekrutierung und der illegalen Einreise von mindestens 16 Frauen für A1s
Studios beteiligt. Der Vorsatz von A5 steht ausser Frage. Sie hat sich mithin des
Menschenhandels im Sinne von Art. 196 aStGB schuldig gemacht.
e) Mittäterschaft (vgl. oben E. 4.1.2 lit. f) auch hier gegeben, für die drei Mitan-
geklagten, jedenfalls stets gemeinsam mit A1, welcher strafrechtlich für alle in-
kriminierten Einreisen haftet.
- 65 -
5. Förderung der Prostitution (A1 Anklagepunkt I.3, A2 Anklagepunkt III.1)
5.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 und A2 vor, sie hätten als Mittäter mehrfach
vorsätzlich oder eventualvorsätzlich B35 vom 5. bis 25. März 2003 im Studio C2
in D2 und im Studio C3 in D1 sowie B36 vom 28. November 2002 bis 28. Januar
2003 im Studio C2 unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit der Prostitution zuge-
führt, indem sie die beiden Frauen unter falschen Versprechen und Vorfinanzie-
rung der Reisekosten in die Schweiz gelockt hätten. Sie hätten diesen den Pass
und das Rückreiseticket abgenommen und ihnen hohe Schulden von Fr. 9'000.–
bzw. Fr. 10'000.– auferlegt, welche in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen
von Fr. 3'000.– bis Fr. 4'000.– für die Reisekosten gestanden hätten. Sie hätten
zudem zum Nachteil von B35 und B36 in der erwähnten Periode und den ge-
nannten Studios sowie zum Nachteil von B37 in der Zeit 27. Februar bis
25. März 2003 im Studio C3 die Handlungsfreiheit beeinträchtigt, indem sie die
Prostituierten überwacht und die Umstände der Prostitution durch Festlegung
von Ort, Zeit und Ausmass festgelegt hätten. Die Prostituierten hätten das Studio
nicht ohne Begleitung verlassen dürfen. Bei B35 sowie B37 sei vom Verdienst
aus der Tätigkeit als Prostituierte die Hälfte einkassiert und unter Abzug von
Fr. 20.– pro Tag sei die andere Hälfte an die Schulden angerechnet worden. Bei
den Einnahmen von B36 hätten sie 70% kassiert und 30% seien an die Schulden
angerechnet worden. Schliesslich seien die Frauen in der Prostitution festgehal-
ten worden, indem ihnen die erwähnten Dokumente abgenommen worden seien
mit der Mitteilung, dass sie diese erst wieder zurückbekämen, wenn die Schul-
den abgearbeitet seien.
5.2 Vorbemerkung
Die betreffenden Lebenssachverhalte spielen sich in der Zeit ab, die von den
Anklagepunkten I.4 und I.5 abgedeckt sind. Sie passen in das generelle Ge-
schäftsmodell und weisen auch sonst gegenüber den oben in den Erwägungen
3 und 4 geschilderten Umständen und rechtlichen Erörterungen keine Besonder-
heiten auf, ausser dass betreffend B36 behauptet wird, sie habe einen anderen
Abzahlungsmodus für die Schulden gehabt (70% Abliefern, 30% Anrechnung an
Schulden; die Begründung für die in dieser Beziehung einzige Abweichung in
den Aussagen der betroffenen Frauen dürfte darin liegen, dass B36 die täglich
erhobenen Fr. 20.– für A1 fälschlicherweise als Quote zu den 50% für A1 dazu-
geschlagen zu haben scheint; eine Quote von 70% für A1 entspricht jedoch nicht
seinem Geschäftsmodell und ist nirgends sonst behauptet oder nachgewiesen).
a) Der Hauptgrund für die separate Anklage trotz identischer Sachverhalte im
Rahmen desselben Geschäftsmodells ist offenbar, dass es sich ursprünglich
hierbei um Gegenstände eines im Kantons Solothurn geführten Verfahrens ge-
- 66 -
handelt hatte, die in der Folge in das vorliegende Bundesstrafverfahren integriert
wurden (cl. 1 pag. 01.00.022).
Anders als in den Anklagepunkten I.4 und I.5 wird hier hingegen lediglich Förde-
rung der Prostitution angeklagt, nicht aber Menschenhandel. A3 figuriert nicht als
Beteiligter; ebenso wenig A4 und A5.
5.3 Die Aussagen der betroffenen drei Frauen sind mangels Konfrontationsmöglich-
keit mit einem Fragerecht nicht zu Lasten der Beschuldigten verwertbar.
5.4 Die unter den Anklagepunkten I.4 und I.5 abgehandelten Elemente können ohne
weiteres auch hier unter dem Aspekt der Förderung der Prostitution in den Tat-
bestandsvarianten "Zuführen", "Beeinträchtigen“ und "Festhalten" übernommen
werden. Es kann an dieser Stelle in Bezug auf das Beweisergebnis auf Erwä-
gung 4.1.1 (A.) und Erwägung 4.1.2 (B.) verwiesen werden. Auch hier unterlässt
es im Übrigen die Anklage festzuhalten, die Frauen hätten einen relevanten Aus-
stiegswillen entwickelt gehabt, der gebrochen worden wäre. Das angeblich be-
sondere Abrechnungsschema bei B36 dürfte nicht zutreffend geschildert sein
oder dürfte sich vielmehr nur auf die jeweils ersten Fr. 100.– pro Tag beziehen,
was aber im Ergebnis keine Rolle spielt, da auch die zu Gunsten der Beschuldig-
ten anzunehmende Quote A1s von "nur" 50% in diesem Fall an der Tatbe-
standsmässigkeit nichts ändern würde. Als Beweisergebnis steht somit fest, dass
A1 und A2 die Prostituierten B36, B35 und B37 bei der Prostitution in ihrer Hand-
lungsfreiheit beeinträchtigten, da auch bei ihnen erwiesen ist, dass sie in der An-
klageperiode unter denselben Bedingungen wie im Anklagepunkt I.4 bzw. III.2 für
A1 der Prostitution nachgegangen sind.
5.5 In Bezug auf die rechtlichen Voraussetzungen des Tatbestands der Förderung
der Prostitution kann auf Erwägung 3.1 verwiesen werden.
5.6 a) Weiter steht aufgrund des Beweisergebnisses fest, dass die objektiven und
subjektiven Tatbestandselemente von Art. 195 Abs. 2 und 4 StGB nicht gegeben
sind. A1 und A2 sind freizusprechen vom Vorwurf der mehrfachen Förderung der
Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 2 und 4 StGB (Anklagepunkt I.3; Ankla-
gepunkt III.1).
b) Demgegenüber ergibt sich gestützt auf das Beweisergebnis, dass die objekti-
ven und subjektiven Tatbestandselemente von Art. 195 Abs. 3 StGB gegeben
sind. A1 und A2 sind schuldig zu sprechen der mehrfachen Förderung der Prosti-
tution im Sinne von Art. 195 Abs. 3 StGB in Bezug auf drei Frauen (Anklage-
punkt I.3, Anklagepunkt III.1).
- 67 -
6. Qualifizierte Freiheitsberaubung (Anklagepunkt I.1) und Förderung der
Prostitution (Anklagepunkt I.2)
6.1 Qualifizierte Freiheitsberaubung
6.1.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe sich mit direktem Vorsatz oder
möglicherweise eventualvorsätzlich mehrfach und in gemeinsamer Entschluss-
fassung, Planung sowie Absprache und im arbeitsteiligen, bewussten Zusam-
menwirken mit B13 und damit mittäterschaftlich begangen, der mehrfachen qua-
lifizierten Freiheitsberaubung schuldig gemacht, indem er B19 in der Zeit vom
23. Januar bis 31. Mai 2001 und B18 in der Zeit vom 25. März bis 31. Mai 2001
und damit in beiden Fällen länger als zehn Tage im Studio C3 in D1 gefangen
gehalten habe. A1 habe den gesamten Betriebsablauf für das Studio festgelegt
und B13 habe dafür gesorgt, dass seine Vorgaben umgesetzt worden seien. A1
und B13 hätten die illegal arbeitenden B19 und B18 daran gehindert, das Studio
zu verlassen, bis die von A1 auf je rund Fr. 18'000.– festgelegten Schuldenbe-
träge abgearbeitet gewesen seien. B13 habe den Schlüssel zur stets verschlos-
senen Türe des Etablissements verwahrt. A1 habe zudem mit baulichen Mass-
nahmen (Holzzaun, teils mit Stacheldrahtabschluss, Schliessriegel aussen an
der Tür im südlichen Zaun, teilweise Vergitterung der Fenster, teilweise Ver-
schraubung der Fensterläden, Videoüberwachungsanlage) dafür gesorgt, dass
die beiden Frauen das Studio nicht unbeaufsichtigt hätten verlassen können. Er
habe B19 und B18 ins Studio zurückholen lassen, nachdem B13 dank der Vi-
deoüberwachung deren versuchte Flucht mit Hilfe von B38 entdeckt habe.
6.1.2 a) A1 bestritt den Vorwurf im Vorverfahren (cl. 30 pag. 13.1.520) und hielt daran
in der Hauptverhandlung fest (cl. 138 pag. 138.930.65 f.). Er habe niemanden
festgehalten (cl. 30 pag. 13.1.522; cl. 79 pag. 28.0030). Die baulichen Mass-
nahmen hätten der Sicherheit gedient, da die Studios überfallen worden seien
(cl. 79 pag. 28.0206; cl. 138 pag. 138.930.11 f.; pag. 138.930.66).
6.1.3 a) Die Aussagen von B19 und B18 sind mangels Konfrontation nicht zu Lasten
des Beschuldigten verwertbar. B18 sagte aus, dass sie mit einem Kollegen im
Ausgang gewesen sei (cl. 80 pag. 29.201). B19 sagte aus, man habe sich bei
B39 abmelden müssen, wenn man das Haus verlassen habe (cl. 80
pag. 29.201).
b) A2 sagte im Vorverfahren aus, A1 habe die baulichen Änderungen wegen Ko-
lumbianerinnen gemacht, damit diese nicht hätten abhauen können (cl. 81
pag. 30.0024). An der Hauptverhandlung konnte sie sich auf entsprechenden
Vorhalt hin nicht mehr an ihre damalige Aussage und die Sache selbst erinnern
(cl. 138 pag. 138.930.66).
c) B13 sagte auf Vorhalt der Aussagen von B19 und B18, wonach sie sich ohne
Einverständnis nicht aus dem Hause hätten entfernen dürfen, aus: "Diese Aus-
- 68 -
sagen sind so falsch wie (...). Die konnten kommen und gehen wann sie woll-
ten." (cl. 81 pag. 30.0482).
d) B38 sagte im Vorverfahren aus, er glaube, die Frauen seien gegen ihren Wil-
len im Studio C3 zurückgehalten worden. Sie hätten dort weg wollen (cl. 80
pag. 29.0162). Anlässlich der Hauptverhandlung konnte er sich an das Ereignis –
den angeblichen Fluchtversuch mit seiner Hilfe – nur noch "sehr vage" erinnern
(cl. 138 pag. 138 930 092). Auf Vorhalt seiner früheren Aussage vor der Polizei
Solothurn gab er an, dass er damals nur die Koffern der Frauen, nicht aber diese
selbst transportiert habe. Er glaube, seine damalige Aussage sei vielmehr eine
romantische gewesen, er könne sich heute nicht mehr dazu äussern, ob, wie und
in welcher Art und Weise das (gemeint: eine Flucht) möglich gewesen sei
(cl. 138 pag. 138.930.93).
e) Die baulichen Veränderungen am Studio C3 selbst – zum angeblichen Zweck,
die Frauen festzuhalten – erschliessen sich aus der Fotodokumentation in den
Akten (cl. 79 pag. 28.0157).
6.1.4 In Bezug auf die Aussagen von A2 ist zu bemerken, dass sie anfangs 2001 noch
gar nicht in Studio C3 tätig war. Sie konnte somit keine eigenen Erfahrungen zu
den damaligen Umständen in diesem Etablissement schildern. Soweit sie sich
zum Zweck der baulichen Massnahmen äussert, handelt es sich um reine Mut-
massungen. Ebenso scheint die damalige Aussage von B38, wonach die Frauen
festgehalten worden seien – auch nach dessen eigener an der Hauptverhand-
lung vorgebrachten Deutung – eine reine, offenbar romantisch motivierte Inter-
pretation zu sein. Der Vorwurf, B13 habe die Schlüssel versteckt, stellt B13
selbst in Abrede. Schliesslich sprechen die Aussagen von B19 und B18 dage-
gen, dass sie gefangen gehalten wurden. Es ist sodann nicht auszuschliessen,
dass die baulichen Massnahmen tatsächlich dem Schutz vor Überfällen dienen
sollten, zumal es solche in der Vergangenheit tatsächlich gegeben hatte (auch
mit dem im Anklagepunkt I.6 geschilderten Verhalten, wollte sich A1 auf künftige
Überfälle vorbereiten). Zumindest ist nicht hinreichend erwiesen, dass die bauli-
chen Massnahmen dem Festhalten der Frauen hätten dienen sollen. Schliesslich
leuchtet nicht ein, warum die Infrastruktur des Studios C3 anfangs 2001 der
Freiheitsberaubung dienlich gewesen sein sollte, nachher aber nicht mehr. Ins-
gesamt ist die Sachverhaltsbehauptung der Anklage, wonach A1 die beiden
Frauen unrechtmässig im Studio fest- und gefangen gehalten haben soll, nicht
rechtsgenügend erstellt.
6.1.5 Der qualifizierten Freiheitsberaubung macht sich unter anderem schuldig, wer
jemanden unrechtmässig festnimmt, gefangen hält, oder jemandem in anderer
Weise unrechtmässig die Freiheit entzieht und dieser Entzug der Freiheit mehr
als zehn Tage dauert (Art. 183 Ziff. 1 i.V.m. Art. 184 al. 4 StGB). Freiheitsberau-
bung liegt vor, wenn das Opfer an einem Ort eingegrenzt und seine Fortbewe-
- 69 -
gungsfreiheit aufgehoben wird (DELNON/RÜDY, a.a.O., a.a.O., Art. 183 StGB,
N. 20. Eventualvorsatz genügt (DELNON/RÜDY, a.a.O., Art. 184 StGB, N. 20).
6.1.6 Aufgrund des Beweisergebnisses steht fest, dass die objektiven und subjektiven
Tatbestandselemente von Art. 183 Ziff. 1 i.V.m. Art. 184 StGB nicht geben sind.
A1 ist somit vom Vorwurf der qualifizierten Freiheitsberaubung gemäss Art. 183
Ziff. 1 i.V.m. Art. 184 StGB freizusprechen, ohne dass auf die rechtlichen Aspek-
te des Anklagepunktes näher eingetreten werden müsste.
6.2 Mehrfache Förderung der Prostitution
6.2.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe mehrfach vorsätzlich, eventuell
eventualvorsätzlich, mittäterschaftlich mit B13 in der Zeit vom 23. Januar bis
31. Mai 2001 zum Nachteil von B19 und in der Zeit vom 25. März bis 31. Mai
2001 zum Nachteil von B18 diese beiden Frauen im Studio C3 in D1 der Prosti-
tution zugeführt. Er habe gemeinsam mit B13 die Frauen in der Prostitution fest-
gehalten und sie damit in ihrem sexuellen Selbstbestimmungsrecht beeinträch-
tigt. A1 habe die beiden Frauen in der Handlungsfreiheit beeinträchtigt, indem er
sie überwacht und die Umstände der Prostitution (Arbeitszeiten, Preisliste) be-
stimmt habe. Er habe die Frauen verpflichtet, einen einseitig festgelegten Schul-
denbetrag von je rund Fr. 18'000.– durch ihre Tätigkeit als Prostituierte abzuar-
beiten, wobei diesem Schuldenbetrag Aufwendungen von A1 für die Reisekosten
der Frauen von je rund Fr. 3'000.– bis Fr. 4'000.– gegenübergestanden seien. Er
habe sie dadurch in eine finanzielle Abhängigkeit gedrängt und sie am Verlassen
des Studios gehindert.
6.2.2 a) A1 machte im Vorverfahren geltend, er könne sich an B18 und B19 nicht erin-
nern (cl. 28 pag. 28.0025 f.). Bei der Schlusseinvernahme führte er aus, die
Frauen seien nicht eingeschlossen gewesen. Die Summe von Fr. 18'000.– höre
er zum ersten Mal (cl. 30 pag. 13.1.0504). In der Hauptverhandlung bestritt er die
Vorwürfe (cl. 138 pag. 138.930.64).
b) Die Aussagen von B19, B18 und B13 sind mangels Konfrontation nicht zu
Lasten von A1 verwertbar.
c) A2 sagte aus, sie habe ab dem 1. Juni 2001 im Salon (gemeint: Studio C3)
gearbeitet (cl. 81 pag. 30.0021). Sie habe ca. im Jahre 2001/2002 mit A1 zu ar-
beiten begonnen. Damals seien im Studio C3 keine Brasilianerinnen gewesen.
Es seien nur Kolumbianerinnen, Venezolanerinnen, Dominikanerinnen, Ungarin-
nen etc. anwesend gewesen (cl. 34 pag. 13.05.016).
d) B38 sagte im Vorverfahren auf die Frage, was ihm die Frauen über ihre Ar-
beitsbedingungen gesagt hätten, aus: "Nein, das nicht" (cl. 80 pag. 29.0162). In
Bezug auf seine Aussage in der Hauptverhandlung kann auf Erwägung 6.1.3 e
verwiesen werden.
- 70 -
6.2.3 Der hier angeklagte Lebenssachverhalt ist zeitlich der erste Sachverhalt, bei dem
es um das Prostitutionsgeschäft geht. Damals war die Rekrutierung von Frauen
aus Brasilien noch nicht aktuell. Anfangs 2001 arbeiteten im Studio C3 vorwie-
gend Frauen aus Mittelamerika. Entsprechend war in dieser Phase B13 als Do-
minikanerin Studioverantwortliche. Die Verhältnisse waren somit anders gelagert
als in den Anklagepunkten I.3–I.5, weshalb die für diese Geschäftsmodelle cha-
rakteristischen Verhaltensweisen und Merkmale (E. 2.7 – 2.17) nicht unbesehen
übernommen werden können. Schliesslich ist erstellt, dass A1 anfangs 2001 wei-
tere Studios hatte, welche nach unterschiedlichen Geschäftsmodellen funktio-
nierten. Diesbezüglich kann auf das Urteil des Obergerichtes des Kanton Solo-
thurn vom 28. Januar 2005 verwiesen werden (E. 1.7.5; cl. 47 pag. 18.7.75–
147). In Bezug auf den Beweiswert der Aussagen von A2 und B38 kann auf die
Erwägung 6.1.4 verwiesen werden. Insgesamt liegen keine ausreichenden Be-
weise vor, wonach A1 die Frauen unter Ausnützung eines Vermögensvorteils der
Prostitution zugeführt, festgehalten und ihn ihrer sexuellen Selbstbestimmung
beeinträchtigt habe.
6.2.4 In Bezug auf die rechtlichen Voraussetzungen des Tatbestands der Förderung
der Prostitution kann auf Erwägung 3.1 verwiesen werden.
6.2.5 Aufgrund des Beweisergebnisses steht fest, dass die objektiven und subjektiven
Tatbestandselemente von Art. 195 Abs. 2–4 StGB nicht gegeben sind. A1 ist
somit vom Vorwurf der mehrfachen Förderung der Prostitution im Sinne von
Art. 195 Abs. 2–4 StGB (Anklagepunkt I.2) freizusprechen.
7. Anstiftung zur Geldfälschung (Anklagepunkt I.6)
7.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe seinen Schwager B40 ca. im Mai
1999 in D2 gegen Bezahlung von Fr. 400.– vorsätzlich veranlasst, für ihn
Falschgeld im Wert von Fr. 5'690.– (21 Noten à Fr. 10.–, 29 Noten à Fr. 20.–,
30 Noten à Fr. 50.– und 34 Noten à Fr. 100.–) herzustellen. Dazu habe B40 ech-
te Schweizer Banknoten auf seinem PC eingescannt und anschliessend ausge-
druckt. A1 habe B40 gesagt, das Studio C3 sei überfallen worden und das
Falschgeld sei für den Fall, dass dies wieder einmal geschehe. Das Falschgeld
habe A1 der Studioverantwortlichen übergeben und sie angewiesen, es zu ver-
stecken und im Falle eines Überfalles einem Täter herauszugeben. A1 habe ge-
wollt oder zumindest in Kauf genommen, dass das gefälschte Geld als echt in
Umlauf gesetzt werde.
7.2
7.2.1 A1 sagte am 13. Juni 2002 aus, er habe die ganze von ihm (gemeint: B40) her-
gestellte Summe ins Studio C3 gebracht. Wie viel dies jedoch gewesen sei und
- 71 -
warum man auf diese Summe gekommen sei, wisse er nicht. Als sein Schwager
ihm das gedruckte Geld übergeben habe, habe er es schnell angeschaut und
durchgeblättert. Er habe es nicht nachgezählt (cl. 79 pag. 28.183). Es sei nicht
die Absicht gewesen, das Falschgeld in Umlauf zu bringen. Höchstens, wenn es
wieder einen Raubüberfall auf das Studio gegeben hätte (cl. 79 pag. 28.183 f.).
Er sagte am 16. Februar 2005 aus, er habe nie die Absicht gehabt, das Geld in
Umlauf zu setzen. Er habe sie (gemeint: die gefälschten Banknoten) erhalten, sie
angeschaut und dann in das Couvert gelegt (cl. 79 pag. 28.29). In der Schluss-
einvernahme bei der Bundesanwaltschaft vom 17. Januar 2008 sagte er aus,
man habe ein Couvert mit Falschgeld im Studio C3 deponiert, das man
einem Räuber hätte übergeben können, wenn dieser Geld verlangt hätte (cl. 30
pag. 13.1.504). Im diesem Sinne sagte er auch am 14. Oktober 2009 beim
Eidgenössischen Untersuchungsrichter aus (cl. 30 pag. 13.1.522). In der Haupt-
verhandlung vom 8. Juni 2011 anerkannte er den Anklagevorwurf. Er habe den
Betrag nicht gekannt, der im Couvert gewesen sei (cl. 138 pag. 138.930.13). Er
bestätigte, dass das Geld ausschliesslich dafür gedacht gewesen sei, bei einem
Überfall dem Täter übergeben zu werden (cl. 138 pag. 138.930.14). Es habe
eine sehr schlechte Qualität gehabt (cl. 138 pag. 138.930.15).
7.2.2 B40 sagte in seinem eigenen Verfahren bei der Kantonspolizei Solothurn am
13. Juni 2002 als Beschuldigter aus, sein Schwager (gemeint: A1) sei zu ihm ge-
kommen und habe ihm gesagt, er sei wieder einmal überfallen worden. Er habe
ihn gefragt, ob er ihm ein paar Noten drucken könne, für den Fall, dass er wieder
einmal überfallen werde (cl. 47 pag. 18.7.48). Daraufhin habe er verschiedene
Noten genommen und sie im PC eingelesen. Er glaube, sein Schwager habe
dann die Noten bei ihm abgeholt (cl. 47 pag. 18.7.49). Am 17. Juni 2003 sagte er
aus, es sei richtig, dass das Falschgeld für Überfälle gemacht worden sei (cl. 47
pag. 18.7.55). B40 wurde dafür mit Urteil des Richteramtes Olten-Gösgen vom
8. Juli 2004 wegen Geldfälschung schuldig gesprochen (cl. 47 pag. 18.07.005–
38).
7.2.3 Am 11. September 2001 sagte A2 aus, A1 habe ihr gesagt, beim Geld im Um-
schlag handle es sich um Falschgeld, das für den Fall gedacht sei, wenn wieder
einmal ein Raubüberfall stattfände (cl. 79 pag. 28.221).
7.2.4 Laut dem Spurensicherungsbericht der Kantonspolizei Solothurn vom
11. September 2001 sei sofort festgestellt worden, dass es sich um Falschgeld
handle (cl. 79 pag. 28.163).
7.2.5 Aufgrund der übereinstimmenden Aussagen von A1 und B40 hinsichtlich ihrer
Rollenverteilung bei der Produktion und des Zwecks, für den das Falschgeld
hergestellt worden sei, ist bewiesen, dass A1 im Mai 1999 B40 mit der Herstel-
lung von Falschgeld betraute. Das Falschgeld im Betrag von Fr. 5'690.– hätte bei
einem allfälligen Überfall einem Täter übergeben werden und sonst nicht ander-
- 72 -
weitig gebraucht werden sollen. In subjektiver Hinsicht bestehen keine Zweifel,
dass A1 um die Falschgeldherstellung B40s wusste und diese wollte.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 240 Abs. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr
bestraft, wer Metallgeld, Papiergeld oder Banknoten fälscht, um sie als echt in
Umlauf zu bringen. Erfasst wird damit die abstrakte Gefährdung des Geldver-
kehrs durch Fälschungshandlungen oder allenfalls durch unvollendet versuchte
Absatzhandlungen (BGE 133 IV 256 E. 4.2.2). Die Tathandlung liegt im Fäl-
schen, also im Herstellen von Geldzeichen, die den Anschein echten Geldes er-
wecken (NIGGLI, Kommentar zum Schweizerischen Strafrecht, Band 6a, Bern
2000, N. 14 und 65 vor Art. 240 ff. StGB). Die Qualität des Falschgeldes ist nicht
entscheidend. Es reicht, wenn das Falsifikat geeignet ist, bei flüchtiger Betrach-
tung eine Gefahr der Verwechslung herbeizuführen (BGE 123 IV 55, 58 f. E. 2 b;
DONATSCH/WOHLERS, Strafrecht IV: Delikte gegen die Allgemeinheit, 3. Aufl., Zü-
rich 2004, S. 104).
7.3.2 Subjektiv ist Vorsatz hinsichtlich aller objektiven Tatbestandselemente erforder-
lich.
7.3.3 Weiter verlangt der Tatbestand die Absicht, das Falsifikat als echt in Umlauf zu
bringen (vgl. dazu NIGGLI, a.a.O., N. 32 ff. zu Art. 240 StGB). Die erforderliche
Absicht ist gegeben, wenn der Fälscher will, dass das Falschgeld überhaupt, von
wem auch immer, als echtes Geld verwendet wird; die Absicht muss sich allein
auf die Zweckbestimmung des Falschgeldes beziehen. Da nach den allgemeinen
Regeln auch die Eventualabsicht genügt, reicht es aus, dass der Fälscher in
Kauf nimmt, der eingeweihte Dritte, dem er das Falschgeld überlassen will, wer-
de dieses als echt in Umlauf bringen (BGE 119 IV 154, 157 E. 2 d mit Verwei-
sungen).
7.3.4 Ein besonders leichter Fall im Sinne von Art. 240 Abs. 2 StGB liegt nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung vor, wenn die Fälschung für jedermann
leicht erkennbar ist oder wenn nur wenige Falsifikate mit geringem Nominalwert
hergestellt werden. Ein besonders leichter Fall ist einerseits nur zurückhaltend
anzunehmen, andererseits ist zu beachten, dass der Grundtatbestand von
Art. 240 Abs. 1 StGB eine Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr vorsieht.
Entscheidend ist daher letztlich auch die kriminelle Energie, zu deren Bestim-
mung auch das Vorgehen heranzuziehen ist. Bei der Frage, ob ein besonders
leichter Fall vorliegt, steht dem Richter ein gewisser Einschätzungsspielraum zu
(BGE 133 IV 256 E. 3.2). Einen solchen hat das Bundesgericht bei folgenden
Fällen angenommen: 8 Zweihunderternoten (BGE 133 IV 256 E. 3), 10 Fünfzi-
gernoten (Urteil des Bundesgerichts 6B_626/2008 vom 11. November 2008),
31 Hunderternoten (Urteil des Bundesgerichts 6B_392/2007 vom 5. Oktober
- 73 -
2007). Das Bundesstrafgericht hat mit Entscheid vom 9. Dezember 2009
(SK.2009.20, E. 3.1.3) bei fünf Serien mit jeweils 10 (davon 5 wieder vernichtet),
25 und 35 gefälschten Hunderternoten einen mehrfachen besonders leichten Fall
angenommen. Mit Entscheid vom 30. September 2010 (SK.2010.11, E. 2.4.4.2
b) hat es bei mehreren Fälschungsserien, wobei in jeder Handlungseinheit ma-
ximal 30 Hunderternoten hergestellt wurden, die Schwelle zum Grundtatbestand
von Art. 240 Abs. 1 StGB als gegeben erachtet, da von einer hohen kriminellen
Energie ausgegangen wurde.
7.4 Anstifter ist, wer jemanden vorsätzlich zu dem von diesem verübten Verbrechen
oder Vergehen bestimmt hat (Art. 24 StGB).
7.5
7.5.1 B40 hat mit Wissen und Willen Falschgeld hergestellt, nachdem ihn A1 dazu mit
Wissen und Willen beauftragt hat. Damit sind die Tatbestandselemente der An-
stiftung zur Geldfälschung zweifellos erfüllt. Die Zweckbestimmung des Falsch-
geldes war es, im Falle eines Überfalles dem Täter übergeben zu werden. A1
hatte somit die bedingte Absicht, dieses als echt in Umlauf zu bringen.
7.5.2 B40 hat Fr. 5'690.– Falschgeld hergestellt. Entsprechend wäre unter dem quanti-
tativen Aspekt nicht mehr von einem besonders leichten Fall auszugehen. Mass-
gebend für die Abgrenzung zwischen Grundtatbestand und privilegierter Variante
ist aber die kriminelle Energie. Zu prüfen ist daher vorliegend die Frage, ob die
spezielle Zweckbestimmung der Noten die kriminelle Energie als derart gering
erscheinen lässt, dass die Geldfälschung als leichter Fall angesehen werden
kann. A1 bezweckte, das Falschgeld im Falle eines Überfalles herauszugeben.
Insofern diente das Falschgeld dazu, einen unrechtmässigen Angriff auf das ei-
gene Vermögen abzuwehren. Der Verwendungszweck war somit sehr einge-
schränkt. Unter diesem Aspekt ist die kriminelle Energie als gering einzustufen.
Schliesslich hätten die Falsifikate aufgrund der schlechten Qualität nicht mehr
ohne weiteres von einem Täter weiter in Umlauf gesetzt werden können. Das
Schädigungspotential für die Allgemeinheit war somit relativ gering. Hinzu
kommt, dass der Produktionsaufwand sehr klein war, da B40 die Noten lediglich
in den Computer eingelesen hat. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der vorlie-
gende Fall von jenem, der dem erwähnten Entscheid des Bundesstrafgerichts
SK.2010.11 vom 30. September 2010 (E. 2.4.4.2 b) zugrunde lag. Dort wurden
mehrere Produktionsserien mit beträchtlichem Aufwand hergestellt. In Anbet-
racht des Gesagten liegt ein besonders leichter Fall der Geldfälschung vor.
7.6 Beim besonders leichten Fall der Geldfälschung handelt es sich um ein Verge-
hen (Art. 242 Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 10 StGB). Die Verfolgungsverjährung be-
trägt sieben Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB). Das strafbare Verhalten erfolgte im
- 74 -
Mai 1999. Die vorliegende Tat ist somit verjährt. Gemäss Art. 329 Abs. 1 lit. c
StPO ist die Verjährung ein Verfahrenshindernis (STEPHENSON/ZALUNARDO-
WALSER, Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Basel 2011,
Art. 329 StPO N. 5), das zur Einstellung des Verfahrens gemäss Art. 329 Abs. 4
StPO führt. Das Verfahren gegen A1 wegen Anstiftung zur Geldfälschung (An-
klagepunkt I.6) gemäss Art. 240 Abs. 2 StGB i.V.m. Art 24 Abs. 1 StGB ist somit
einzustellen.
8. Mehrfache qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
(Anklagepunkt I.7)
8.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe Ende Dezember 2005 bis Anfang
Januar 2006 im Raum D2, in D3 und in D4 Anstalten getroffen, um 100 Gramm
Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 95% an B41 zu vermitteln. Anfang Januar
2006 habe er sich von B42 etwa sieben Pakete mit ungefähr 700 Gramm dieses
Kokains zeigen lassen. Anfangs Januar 2006 habe er B42 aufgefordert, ihm ein
Muster dieses zu 95% reinen Kokains zu besorgen. Am 6. Januar 2006 habe er
sich mit B42 getroffen, die ihm ein Päckchen mit diesem Kokain übergeben ha-
be. Gleichentags habe er sich mit B41 in D5 getroffen, um ihn über das Kokain
zu informieren und dieses zu testen, wobei der Test nicht zustande gekommen
sei, da sie sich nicht über den Preis hätten einigen können. In subjektiver Hin-
sicht hätte er vorsätzlich oder eventualvorsätzlich gehandelt.
8.2 A1 wird weiter vorgeworfen, er habe Ende Januar 2006 im Raum D2 Anstalten
getroffen, ca. 400 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgrad von 95% an einen
Deutschen zu vermitteln, indem er mit B42 betreffend mögliche Abnehmer Kon-
takt gehabt habe. Am 26. Januar 2006 (recte 26. Februar 2006) habe er B42 te-
lefonisch mitgeteilt, dass er einen Deutschen kenne, der an der Abnahme von
insgesamt 400 Gramm des 95% -igen Kokains interessiert sei, wobei die Über-
gabe des Kokains an den Deutschen nicht stattgefunden habe. In subjektiver
Hinsicht habe er vorsätzlich oder eventualvorsätzlich gehandelt.
- 75 -
8.3
8.3.1 In den Schlusseinvernahmen bei der Bundesanwaltschaft vom 17. Januar 2008
und am 19. Oktober 2009 beim Eidgenössischen Untersuchungsrichteramt aner-
kannte der Beschuldigte den Schlussvorhalt, welcher im Wesentlichen dem An-
klagevorwurf entspricht, nicht. Vielmehr antwortete er abstrakt und ausweichend,
man habe über Kokain gesprochen. Er sei aber nie in diesem Geschäft tätig ge-
wesen und habe nie Kokain angefasst oder entgegengenommen. Er wisse auch
nicht, ob es Kokain gewesen sei, welches ihm B42 gezeigt habe (cl. 30
pag. 13.1.511). Am 14. Oktober 2009 schwächte er diese Aussage noch ab, in-
dem er sagte, er habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt und habe nie beab-
sichtigt, etwas mit Drogen zu machen (cl. 30 pag. 13.1.523). In früheren Einver-
nahmen machte er indessen Aussagen, auf welche die Anklage abstellt. So
schilderte er in der Einvernahme bei der Kantonspolizei Waadt vom 16. August
2006 die lange Beziehung, welche er in unterschiedlicher Intensität mit B42 ge-
habt habe (cl. 29 pag. 13.1.176). Weiter führte er aus, dass er erfahren habe,
dass B42 über Kokain verfüge (cl. 29 pag. 13.1.177). Auf Vorhalt diverser aufge-
zeichneter Telefongespräche gab er an, dass er zwei oder drei Personen gefragt
habe, ob sie an Kokain interessiert seien. Sie hätten aber nicht geglaubt, dass
der Reinheitsgrad tatsächlich 95% betrage. Darum habe ihm B42 vorgeschlagen,
ein Muster zu bringen, um es ihnen zu zeigen (cl. 29 pag. 13.1.179).
8.3.2 Anstalten-Treffen für die Vermittlung von 100 Gramm Kokain am 6. Januar 2006
a) A1 interpretierte bei der Einvernahme bei der Kantonspolizei Waadt vom
16. August 2006 diverse aufgezeichnete Telefongespräche wie folgt: Auf Vorhalt
des Telefongespräches zwischen ihm und B42 vom 28. Dezember 2005 (cl. 29
pag. 13.1.203) räumte er ein, dass über einen Kilopreis von Fr. 45'000.– gespro-
chen worden sei (cl. 29 pag. 13.1.178). Nach Vorhalt des Telefongespräches
zwischen ihm und B42 vom 30. Dezember 2005 (cl. 29 pag. 13.1.213 ff.) sagte
er aus, mit 70 bis 80 Blätter sei der Kokainpreis im Strassenverkauf gemeint und
mit drei Wohnungen zu putzen sei weiteres Kokain liefern gemeint gewesen
(cl. 29 pag. 13.1.179). In Bezug auf das aufgezeichnete Telefongespräch vom
6. Januar 2006 sagte er aus, er habe B42 gebeten 100 papiers, was 100 Gramm
Kokain bedeute, in D6 zu holen. Jemand aus der Region D9 habe sich dafür in-
teressiert und habe ein Muster sehen wollen. B42 sei dann aber mit mehreren
Paketen gekommen, weil sie nicht verstanden habe, dass er nur eines habe er-
halten wollen. Er habe dieses Paket nicht aufgemacht und B42 gesagt, sie solle
damit nach D6 zurückgehen. Er habe mit der Person, der er die Drogen habe
präsentieren wollen, bereits einen Termin abgemacht gehabt. Er habe sich dann
trotzdem hinbegeben, um zu sagen, dass es nicht stattfände (cl. 29
pag. 13.1.181). In der Einvernahme bei der Bundesanwaltschaft vom
4. September 2006 bestätigte A1 die Richtigkeit seiner Aussagen bei der Kan-
- 76 -
tonspolizei Waadt vom 16. August 2006 (cl. 29 pag. 13.1.262). Er sagte weiter
aus, es sei beim Treffen vom 6. Januar 2006 um Kokain gegangen. Er habe B42
getroffen und sie habe gewollt, dass er ihr jemanden bringe, der das kaufe. Er
habe ihr gesagt, dass er das Kokain nicht berühre und nichts damit zu tun haben
wolle. Er habe aber unter Umständen einen Interessenten für das Kokain. Er
müsse diesen aber zuerst noch fragen (cl. 29 pag. 13.1.258). Weiter führte er
aus, B42 habe ihm 6, 7 oder 8 quadratische Plastiksäckchen, in denen es ihrer
Aussage zufolge Kokain gehabt habe, gezeigt. Er habe diese selber in den Hän-
den gehabt. Sie hätten ungefähr 600, 700 oder 800 Gramm gewogen (cl. 29
pag. 13.1.259 f.). An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011 sagte er aus, er
habe mit B41 über dieses Thema (gemeint: 100 Gramm Heroin mit einem Rein-
heitsgehalt von 95%) gesprochen (cl. 138 pag. 138.930.6). Auf die Frage, über
welche konkreten Mengen und Preise er mit B41 gesprochen habe, sagte er aus,
sie hätten "bloss über Gramm vom Kilo und 100 Gramm gesprochen" (cl. 138
pag. 138.930.7). Er bejahte die Frage, dass er sich in diesem Zusammenhang
mit B41 am 6. Januar 2006 bei der Autobahnraststätte in D5 getroffen habe
(cl. 138 pag. 138.930.7). Es sei um das besagte Kokain gegangen. Er habe sich
zuvor mit B42 in D4 getroffen. Es seien mehrere Päckchen gewesen. B42 habe
gesagt, dass es Kokain sei. Er habe ein Päckchen in der Hand gehabt. Sie habe
etwa 7 bis 8 Stück gehabt (cl. 138 pag. 138.930.8). Er habe ihm (gemeint: B41)
gesagt, dass er ihn mit B42 „kurzschliessen“ möchte. Er (gemeint: B41) habe
dann gesagt, dass die Preisvorstellung von B42 viel zu hoch sei (cl. 138
pag. 138.930.9).
b) B41 hat als Auskunftsperson bei der Bundeskriminalpolizei am 31. August
2006 und bei der Bundesanwaltschaft am 15. Dezember 2006 ohne Anwesen-
heit von A1 ausgesagt. An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011 hatte A1
aber die Gelegenheit, an die Auskunftsperson Fragen zu stellen, so dass die
Aussagen von B41 verwertbar sind.
Bei der ersten Einvernahme bei der Bundeskriminalpolizei wurden B41 diverse
abgehörte Telefongespräche vorgehalten. Er gab hierauf an, er habe A1 vor acht
bis neun Jahren einmal einen Kokaintester beschafft. A1 habe offenbar von einer
Frau Kokain für den Weiterverkauf angeboten erhalten. Er habe ihn (gemeint:
B41) gefragt, ob er etwas für ihn (gemeint: A1) verkaufen könne (cl. 26
pag. 12.35.6). Auf Vorhalt eines aufgezeichneten Telefongespräches sagte er
aus, er habe am 6. Januar 2006 von A1 ein Muster verlangt. Er (gemeint: B41)
habe von 100 Gramm Kokain gesprochen. Er habe sich dann mit A1 an der
Raststätte in D5 getroffen. Auf Frage, was an Ort und Stelle hätte getestet wer-
den sollen, sagte er, „das Kokain“ (cl. 26 pag. 12.35.7). Er habe bei A1 ein dün-
nes Päckchen in der Grösse von ca. einer Handfläche gesehen. Er habe dieses
in seiner Brustinnentasche gehabt, wenn er sich richtig erinnere (cl. 26
pag. 12.35.27; pag. 12.35.8). Sie seien sich über den Preis nicht einig geworden
- 77 -
(cl. 26 pag. 12.35.8). Wenn sie sich preislich geeinigt hätten, wäre es wohl zur
Übergabe gekommen (cl. 26 pag. 12.35.9). Bei der Bundesanwaltschaft sagte er
am 15. Dezember 2006 aus, A1 habe seine Jacke leicht geöffnet, um ihm das
Päckchen in der Brustinnentasche zu zeigen und er habe ein olivfarbenes Päck-
chen gesehen (cl. 26 pag. 12.35.27). A1 habe ihm die Brustinnentasche anläss-
lich ihres Gesprächs über ein Muster für eine Kokainlieferung gezeigt. Er (ge-
meint: A1) habe ihm gesagt, er kenne jemanden, der Kokain liefern könne. Er
(gemeint: A1) habe ihn gefragt, ob er jemanden kenne, der das Kokain abneh-
men würde (cl. 26 pag. 12.35.27). An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011
sagte er aus, er habe A1 in D5 getroffen. Es sei um Kokain gegangen. Es sei
ihm angeboten worden. (cl. 138 pag. 138.930.29). Das Treffen sei für ihn eine fi-
nale Sache gewesen, um etwas abzuschliessen. Auf Frage, ob es zu einer
Übergabe gekommen wäre, wenn man sich preislich geeinigt hätte, sagte er aus,
das sei nicht möglich gewesen. Die Preisdifferenz sei zu gross gewesen (cl. 138
pag. 138.930.30).
c) Aufgrund der Aussagen von A1 ist erstellt, dass er für B42 einen Abnehmer
für 100 Gramm Kokain suchte. Er glaubte, mit B41 am 6. Januar 2006 in D5 das
Kokaingeschäft abschliessen zu können. Die Aussagen von B41 sind hinsichtlich
des Zwecks des Treffens in D5, der Art und der Menge der Drogen sowie der un-
terschiedlichen Preisvorstellung konstant und detailreich. Beweismässig ist dem-
nach erstellt, dass A1 am 6. Januar 2006 in D5 B41 traf, um zwischen diesem
und B42 100 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 95% zu vermitteln.
8.3.3 Anstalten-Treffen für die Vermittlung von 400 Gramm Kokain am 26. Januar (rec-
te: Februar) 2006
a) Konfrontiert mit dem abgehörten Telefonat vom 26. Februar 2006 sagte A1 in
der Einvernahme bei der Kantonspolizei Waadt vom 16. August 2006 aus, er ha-
be B42 gesagt, dass jemand interessiert sei und auf „400 Kalbsfilets“ warte, was
400 Gramm Kokain bedeute. Bei dieser Person habe es sich um einen Deut-
schen gehandelt, den er in der Schweiz kennen gelernt habe, dessen Name er
aber nicht nennen möchte (cl. 29 pag. 13.1.194). In der Einvernahme bei der
Bundesanwaltschaft vom 4. September 2006 schwächte er die Aussage ab. Er
habe einen Deutschen getroffen, mit dem er allgemein über Drogen diskutiert
habe (cl. 29 pag. 13.01.264). An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011 sagte
er auf die Frage, ob es den Deutschen gegeben habe aus, wenn er so ausge-
sagt habe, dann habe es ihn wahrscheinlich schon gegeben (cl. 138
pag. 138.930.9 f.).
b) Aufgrund der Aussagen von A1 ist erstellt, dass er für B42 einen Deutschen
Kunden gefunden hat, der an 400 Gramm Kokain interessiert war. Beweismässig
ist demnach erstellt, dass A1 im Februar 2006 im Raum D2 zwischen B42 und
- 78 -
einem Deutschen Kunden 400 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von
95% vermittelte.
8.4
8.4.1 Das Gesetz erwähnt in Art. 19 Abs. 1 lit. a–f BetmG etwa das unbefugte Herstel-
len, Lagern, Befördern, Einführen, unbefugtes Veräussern, auf andere Weise
einem andern verschaffen oder in Verkehr bringen, das unbefugte Besitzen und
Erwerben. Bei den einzelnen Teilhandlungen handelt es sich um verschiedene
Entwicklungsstufen derselben deliktischen Tätigkeit (ALBRECHT, Die Strafbe-
stimmungen des Betäubungsmittelgesetzes, 2. Aufl., Bern 2007, Art. 19 BetmG
N. 185).
8.4.2 Ein schwerer Fall im Sinne von Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG (Art. 19 Ziff. 2 lit. a
aBetmG) liegt vor, wenn der Täter weiss oder annehmen muss, dass sich die
Widerhandlung auf eine Menge von Betäubungsmitteln bezieht, welche die Ge-
sundheit vieler Menschen in Gefahr bringen kann. Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung beträgt die relevante Grenzmenge für Heroin 12 Gramm und für
Kokain 18 Gramm (BGE 109 IV 143 E. 3b S. 144 f.). Art. 19 Abs. 2 BetmG er-
wähnt auch die bandenmässige Tatbegehung (lit. b), den gewerbsmässigen
Handel (lit. c) und Ausbildungsstätten, in denen vorwiegend für Jugendliche oder
in ihrer unmittelbaren Umgebung gewerbsmässig Betäubungsmittel angeboten,
abgegeben oder auf andere Weise zugänglich gemacht werden (lit. d). Ist ein
Qualifikationsgrund gegeben, muss nicht geprüft werden, ob allenfalls noch ein
weiterer Qualifikationsgrund vorliegt (BGE 124 IV 286 E. 3 S. 295; 122 IV 265
E. 2c S. 267 f. m.w.H.).
8.4.3 Qualifizierte Widerhandlungen gegen Art. 19 Abs. 1 und 2 BetmG sind nur bei
Vorsatz strafbar, wobei Eventualvorsatz genügt. Der auf Art. 19 Abs. 2 lit. a
BetmG bezogene Vorsatz erfordert in erster Linie die Kenntnis des Täters über
die Art und die Menge der erworbenen oder weitergegebenen Betäubungsmittel.
Dafür genügt das Bewusstsein des Täters, dass die von ihm verkaufte Drogen-
menge quantitativ erheblich ist und der Gebrauch des betreffenden Betäu-
bungsmittels beträchtliche Schädigungen der menschlichen Gesundheit zu be-
wirken vermag (BGE 104 IV 211 E. 2; (ALBRECHT, a.a.O., Art. 19 BetmG N. 177
m.w.H.).
8.4.4 Vermitteln von Betäubungsmitteln weist die Struktur einer typischen Gehilfen-
schaft im Sinne von Art. 25 StGB auf, wird indessen vom Gesetz als selbständi-
ge Tat erwähnt. Sie umfasst die Förderung des illegalen Verkehrs durch die Her-
stellung von Kontakten zwischen Personen, die Betäubungsmittel veräussern
und solchen, welche diese Stoffe erlangen wollen (ALBRECHT, a.a.O., Art. 19
BetmG N. 68).
- 79 -
8.4.5 Nach Art. 19 Abs. 1 lit. g BetmG wird bestraft, wer zu einer Tat nach Art. 19
Abs. 1 lit. a–f BetmG Anstalten trifft. Damit werden zum einen der Versuch im
Sinne von Art. 21 ff. StGB und zum anderen, darüber hinaus, gewisse qualifizier-
te Vorbereitungshandlungen erfasst und zu selbständigen Taten mit derselben
Strafdrohung wie die übrigen verbotenen Verhaltensweisen aufgewertet
(BGE 130 IV 131 E. 2.1 S. 135). Die Qualifikation ist gegeben, wenn die Hand-
lung ihrem äusseren Erscheinungsbild einen auf Drogenverkehr gerichteten
Zweck erkennen lässt, also nicht ebenso gut als Ausdruck einer legalen Hand-
lungsabsicht gelten kann (BGE 117 IV 309 E. 1d); als Beispiele werden Erkundi-
gungen über Bezugsquellen von Drogen, Auskundschaften der Grenzkontrollen
oder das Aufnehmen von Kontakten im Drogenmilieu genannt (BGE 112 IV 106
E. 3b).
8.5
8.5.1 A1 hat am 6. Januar 2006 in D5 zwischen B42 und B41 100 Gramm Kokain mit
einem Reinheitsgehalt von 95% und im Februar 2006 zwischen B42 und einem
Deutschen 400 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 95% zum Erwerb
vermittelt. Damit hat er mehrfach Anstalten getroffen zur Vermittlung (bzw. „auf
andere Weise einem verschafft“) einer qualifizierten Menge Kokain im Sinne von
Art. 19 Abs. 1 lit. g und lit. c i.V.m. Abs. 2 lit. a BetmG. Er wusste über die Dro-
genmengen Bescheid, welche er vermittelte, und handelte somit vorsätzlich.
Aufgrund seines engen Kontaktes mit der Drogendealerin B42 wusste er, dass
diese Menge die Gesundheit vieler Personen gefährden kann.
8.5.2 A1 ist schuldig zu sprechen der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. g i.V.m. Abs. 2 lit. a
BetmG.
9. Geldwäscherei (Anklagepunkt I.8)
9.1 Vorwurf betreffend das „Drogengeld“ von B42
9.1.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe vom 28. Dezember 2005 bis
6. Januar 2006 für B42 mehrmals in D6 und D2 Schweizer Franken in Euro um-
getauscht, im Wissen, dass es sich um Gelder aus einem bandenmässigen
Handel mit Kokain im Mehrkilobereich gehandelt habe. Am 28. Dezember 2005
und am 6. Januar 2006 habe er Fr. 5'000.– beziehungsweise Fr. 15'000.– selbst
gewechselt und B42 das Wechselgeld übergeben. Am 30. Dezember 2005 habe
er A3 und am 6. Januar 2006 B43 und B44 angewiesen, Fr. 15'000.– bezie-
hungsweise Fr. 16'000.– in Euro zu wechseln und an B42 zu übergeben.
- 80 -
9.1.2 A1 bestreitet die Vorgänge nicht. Er bestätigte am 16. August 2006 bei der Kan-
tonspolizei Waadt, zwischen Fr. 5'000.– und Fr. 7'000.– in D6 gewechselt zu ha-
ben (cl. 29 pag. 13.01.178). Er machte jedoch beim Eidgenössischen Untersu-
chungsrichteramt am 14. Oktober 2009 geltend, erst nach dem Wechsel vom
30. Dezember 2005 gewusst zu haben, dass das Geld aus dem Kokainhandel
stamme: Beim Wechseln im Januar habe er gewusst, woher das Geld stamme.
Er habe es trotzdem gemacht, weil er ja keinen Profit daraus geschlagen habe
(cl. 30 pag. 13.1.523). In Bezug auf den ersten Wechsel in D6 sagte er aus, er
sei nach D6 gegangen und habe in der Küche von B42 eine Frau angetroffen.
B42 habe ihm gesagt, die Frau habe mit Salons in D6 sehr viel Geld verdient und
müsse es wechseln. Hinsichtlich des Wechsels, den A3 am 30. Dezember 2005
vorgenommen habe, machte er nebst fehlendem Wissen um die Herkunft des
Geldes auch geltend, es stimme nicht, dass er A3 die Anweisung erteilt habe,
das Geld zu wechseln; mindestens sinngemäss mit den Worten: „Das stimmt so
nicht“. B42 sei nach D7 gekommen und habe A3 das Geld übergeben. Er habe
es nicht entgegengenommen und A3 übergeben (cl. 30 pag. 13.1.512). Mit Be-
zug auf den Wechsel, den die Eheleute B43 und B44 am 6. Januar 2006 vorge-
nommen haben, machte er ebenfalls geltend, er habe von B42 kein Geld entge-
gengenommen. Sie habe das Geld direkt B43 und B44 gegeben und diese seien
dann mit dem Geld gegangen. B43 und B44 hätten das gewechselte Geld B42
zurückgegeben und nicht ihm (cl. 30 pag. 13.1.512 f.). An der Hauptverhandlung
vom 21. November 2011 anerkannte er die Vorwürfe (cl. 138 pag. 138.930.71).
A1 sagte auf die Frage, ob er A3 angefragt habe, ob er das Geld wechseln wür-
de, aus, das stimme (cl. 138 pag. 138.930.73). Er habe die Familie B43 und B44
angefragt. Er habe B43 und B44 gesagt, dass sie in das Studio kommen und das
Geld in Euro wechseln sollten. Es stimme, dass er selber Fr. 15'000.– gewech-
selt habe. Es sei auch zutreffend, dass er zuvor bereits Fr. 5'000.– in D6 für Frau
B42 gewechselt habe (cl. 138 pag. 138.930.73). Auf Frage, ob er bestreite, bei
den Transaktionen gewusst zu haben, dass das Geld aus dem Handel mit bei-
nahe reinem Kokain stamme, sagte er aus, er habe dies bei der zweiten Trans-
aktion gewusst (cl. 138 pag. 138.930.73).
9.1.3 Am 5. Mai 2006 sagte A3 bei der Bundesanwaltschaft aus, er (gemeint: A1) habe
ihn damals an einem Freitagmittag auf sein Natel angerufen und ihn gefragt, ob
er ihm einen Dienst erweisen könne. A1 habe ihn angefragt, ob er Schweizer
Franken in Euro wechseln könne (cl. 31 pag. 13.2.46). Er habe ein ungutes Ge-
fühl gehabt und ihn (gemeint: A1) gefragt, weshalb die Leute nicht selber das
Geld wechseln würden. Er habe A1 gefragt, wohin er mit dem Geld gehen solle,
worauf er ihm gesagt habe, er solle zur Bank C5, der Bank C4 und der Bank C19
gehen. Er habe der Frau die Euro übergeben, welche ihm von der Bank jeweils
in einem Couvert übergeben worden seien. A1 habe ihn gefragt, ob der Geld-
wechsel geklappt habe, worauf er ihm gesagt habe, dass alles anstandslos ge-
- 81 -
klappt habe. Ihm sei aber trotzdem nicht wohl gewesen und das Ganze sei ihm
komisch vorgekommen. Er habe A1 gefragt, was es mit dem Geldwechsel auf
sich habe. Er habe aber von ihm die Antwort erhalten, die Frau mache irgend-
welche Geschäfte und das sei nichts für ihn (cl. 31 pag. 13.02.047). Er habe ein
ungutes Gefühl gehabt. Er habe sich gedacht, wenn die Leute das Geld nicht
selber wechseln würden, müsse etwas dran sein (cl. 31 pag. 13.2.47 f.). Am
16. Mai 2006 sagte er aus, soweit er sich erinnern könne, habe er für die unbe-
kannte Frau aus D6 und A1 das Geld in Euro gewechselt. A1 sei mit dieser Frau
bekannt. Er (gemeint: A1) habe sich damals mit der Frau in französischer Spra-
che unterhalten. Er habe nichts verstanden, da er kein Französisch spreche. A1
habe ihm gesagt, er müsse aufpassen und nicht den ganzen Betrag bei dersel-
ben Bank wechseln (cl. 31 pag. 13.2.56). Bei der Schlusseinvernahme vom 14.
Oktober 2009 sagte er aus, er (gemeint: A1) habe ihn angerufen und gefragt, ob
er Fr. 100.– verdienen möchte. Er habe ihn gefragt warum. Er (gemeint: A1) ha-
be es ihm erklärt. Er habe lange überlegt, ob er es machen solle. Er habe dann
aber zugesagt, obwohl er immer ein ungutes Gefühl gehabt habe. Er habe dann
das Geld trotzdem gewechselt (cl. 31 pag. 13.2.150). An der Hauptverhandlung
vom 21. November 2011 sagte er in Bezug auf B42 aus, er habe sie am Tag
kennen gelernt, an dem er das Geld umgetauscht habe (cl. 138
pag. 138.930.71). A1 habe ihn angefragt, ob er ihm einen Gefallen machen kön-
ne. Er habe ihn nach D7 bestellt. Er (gemeint: A1) habe ihn gefragt, ob er Fran-
ken in Euro tauschen könne. Er habe ein komisches Gefühl gehabt. Für die
Transaktion habe er Fr. 100.– erhalten. Er habe sich schon Gedanken gemacht,
woher das Geld komme. Es stimme, dass er ein ungutes Gefühl gehabt habe (cl.
138 pag. 138.910.72). Auf die Frage, ob er bei einem eigenen Geschäft das Geld
ebenfalls in drei Tranchen umtauschen würde, sagte er aus, „eher nicht“ (cl. 138
pag. 138.910.72 f.).
9.1.4 B44 sagte am 1. und 8. Mai 2006 bei der Bundeskriminalpolizei aus, er und sei-
ne Frau seien von A1 angerufen und gefragt worden, ob sie Zeit hätten in den
Salon in D7 zu kommen. Im Salon seien sie von einem unbekannten Herrn, einer
unbekannten Frau und A1 bereits erwartet worden. Die Frau habe schliesslich
ein Bündel Noten aus ihrer Tasche genommen. A1 habe sie (gemeint: B43 und
B44) gefragt, ob sie das Geld in Euro wechseln könnten. Er habe bei der Bank
C35 Fr. 10'000.– in Euro gewechselt. Seine Frau habe bei einer anderen Bank
gewechselt. Danach seien sie wieder in den Salon in D2 gefahren und hätten die
Euro auf die Theke gelegt. Für diesen Dienst habe er von A1 Fr. 100.– bekom-
men (cl. 24 pag. 12.17.6; pag. 12.17.16). Bei der Hauptverhandlung vom 23. No-
vember 2011 sagte er aus, es stimme, dass er Fr. 10'000.– für eine unbekannte
Frau gewechselt habe (cl. 138 pag. 138.930.154). Auf die Frage, wer konkret ge-
fragt habe, ob er Franken in Euro tauschen könne, sagte er aus, es sei möglich,
- 82 -
dass es A1 gewesen sei (cl. 138 pag. 138.930.154 f.). Es sei ein Freundschafts-
dienst für A1 gewesen (cl. 138 pag. 138.930.155).
9.1.5 Aus den abgehörten Telefongesprächen ergibt sich, dass B42 A1 am 27. De-
zember 2005, 22.40 Uhr, um einen Gefallen bittet: Sie habe eine Freundin, die
Fr. 25'000 in Euro wechseln möchte. A1 sagte darauf, er könne es morgen ver-
suchen (cl. 104 pag. 53.428), was in der Folge dann unbestrittenermassen ge-
schah. Über die Herkunft des Geldes ist diesem Telefonat nichts zu entnehmen.
Bereits am Abend des folgenden Tages, am 28. Dezember 2005, 20.39 Uhr,
führte A1 ein langes Telefongespräch, bei dem es offensichtlich darum ging,
dass er einen Abnehmer für 3 Kilogramm Drogen (gemeint: Kokain) mit einem
Reinheitsgehalt von 95% zum Preis von Fr. 45'000 pro Kilogramm, entsprechend
25'000 Euro, finden wollte: „Aber du gehst nicht sagen, dass 45 Franken pro
Rechnung? ... Sie glauben nicht, dass es 95% sind“ (cl. 105 pag. 54.12). Am
5. Januar 2006 sprach A1 mit B42 am Telefon wieder über einen Geldwechsel.
A1 teilte ihr mit, dass das Geld über sein Konto gewechselt werden könne: „Ich
werde es auf mein Konto zahlen. “ Es wurde vereinbart, sich am nächsten Tag
zu treffen (cl. 105 pag. 54.395). Die ausgewerteten Bankunterlagen haben erge-
ben, dass A1 am 6. Januar 2006 am Bancomat Fr. 15'000.– einbezahlt hat (sie-
he Finanzbericht BKP vom 18. Juli 2007, S. 100; cl. 4 pag. 5.1.848).
9.1.6 Als Beweisergebnis steht fest, dass A1 am 28. Dezember 2005 in D6 für B42
einen Betrag von Fr. 5'000.– in Euro wechselte. Aus den Telefonkontrollen ist zu
entnehmen, dass A1 schon ab dem 28. Dezember 2005, abends, wusste, dass
das Geld aus Drogengeschäften im Kilobereich stammte. Es ist aber nicht aus-
geschlossen, dass ihn B42 erst nach dem gleichentags erfolgten Geldwechsel
über die deliktische Herkunft des Geldes einweihte. Aufgrund der Aussagen von
A1 ist indessen erwiesen, dass er ab dem zweiten Geldwechsel beziehungswei-
se spätestens am 30. Dezember 2005 wusste, dass das Geld aus dem Handel
mit Kokain stammte. Aufgrund der glaubhaften Aussagen von A3 ist weiter er-
stellt, dass ihm A1 in Anwesenheit von B42 am 30. Dezember 2005 Fr. 15'000.–
im Studio C1 in D7 bei D2 übergab und ihn anwies, diesen Betrag in Euro zu
wechseln. Die Anweisungen kamen mit Bestimmtheit von A1, da A3 nach eige-
nen Aussagen B42 gar nicht verstand. Am 6. Januar 2006 wechselte A1 bei der
Bank C4 in D2 einen Betrag von Fr. 15'000.– in Euro und gab die gewechselten
Euro B42. Am 6. Januar 2006 übergab A1 zusammen mit B42, B43 und B44
Fr. 16'000.– und wies diese an, diesen Betrag in Euro zu wechseln und den
Wechselbetrag B42 zu übergeben, was auch geschah.
9.2 Vorwurf betreffend das Geld aus der Förderung der Prostitution und dem Men-
schenhandel
9.2.1 A1 wird vorgeworfen, er habe in den unten genannten Zeitperioden Bargeld in
der Höhe von rund Fr. 747'820.–, das aus der Förderung der Prostitution und
- 83 -
dem Menschenhandel in seinen Studios stammte, auf verschiedene Konti bar
einbezahlt beziehungsweise bar abgehoben oder in einem Fall auf ein bankin-
ternes Abwicklungskonto zu Gunsten einer Hypothek bei der Bank C20 für die
Verwaltung C21 AG transferiert. Daneben habe er noch Fr. 19'630.– solcher
Herkunft bei sich zu Hause versteckt. Betroffen seien folgende Konti, Transakti-
onen und Zeiträume:
a) indem er in der Zeit von 9. März 2000 bis 30. Dezember 2005 Fr. 164'000.–
auf das Konto K6 bei der Bank C5 in D2, lautend auf die C13 AG, bar einbezahlt
habe;
b) indem er im Zeitraum Juli 2000 bis Juli 2005 Barabhebungen von Fr. 89'984.–
ab dem Konto K6 bei der Bank C5 in D2, lautend auf die C13 AG, getätigt habe;
c) indem er von 4. Dezember 2003 bis 6. Januar 2006 Einnahmen in der Höhe
von rund Fr. 452'240.– auf das Konto K1 bei der Bank C4 in D2, lautend auf
Pneuhandel A1, bar einbezahlt habe;
d) indem er von ca. Anfang 2000 bis 6. Januar 2006 Barabhebungen von rund
Fr. 527'165.– ab dem Konto K1 bei der Bank C4 in D2, lautend auf Pneuhandel
A1, getätigt habe;
e) indem er am 7. April 2005 den Betrag von Fr. 100'000.– ab dem Konto K1 bei
der Bank C4 in D2, lautend auf Pneuhandel A1, auf die Bank C20 auf ein bankin-
ternes Abwicklungskonto K7 zu Gunsten einer Hypothek bei der Bank C20 für
die Verwaltung C21 AG transferiert habe beziehungsweise auf dem Bankweg
habe überweisen lassen;
f) indem er vom 4. Januar 2000 bis 25. Juli 2003 Einnahmen im Umfang von
rund Fr. 111'951.– auf das Bank C4 Konto K8 in D2, lautend auf die C13 AG, bar
einbezahlt habe;
g) indem er von 2000 bis 2005 ab dem Konto K9, lautend auf die C13 AG, den
Betrag von Fr. 13'420.– bar abgehoben habe;
h) indem er in seinem Büro in D7 bei D2 Bargeld im Betrag von Fr. 19'630.–, da-
von Fr. 16'200.– im Bettsofa, versteckt habe, das am 28. März 2006 sicherge-
stellt worden sei.
9.2.2 Die Transaktionen (E. 9.2.1 a–h) lassen sich mit den entsprechenden Bank-
/Postbelegen beweisen (siehe Finanzbericht der Bundeskriminalpolizei vom
18. Juli 2007, cl. 4 pag. 5.1.777 ff., insbesondere pag. 5.1.778, 779, 782, 784,
785, 787 und 793; cl. 12 pag. 7.10.8–14; cl. 53 pag. 2.63–491; cl. 54 pag. 3.17–
80; cl. 57 pag. 6.32–514; cl. 58 pag. 7.47–94; cl. 126 pag. 75.35; cl. 127
pag. 76.157 f.). Die Einnahmen in den diversen Etablissements von A1 setzten
sich aus Bar- und Kartengeld zusammen. Entsprechend dem Anklagegrundsatz
- 84 -
(E. 1.6.2) ist zu beachten, dass sich die Anklage, mit Ausnahme des genannten
Transfers von Fr. 100'000.– (E. 9.2.1 e), auf die Bartransaktionen beschränkt.
9.2.3 Die Bareinzahlungen auf das Konto C34 K1 bei der Bank C4 in D2 sind die fol-
genden:
Datum Betrag Text
04.12.2003 10'150.00 Bancomat Bank C4 D2
04.12.2003 13'000.00 Bank C4 D2
08.12.2003 2'050.00 Bancomat Bank C4 D2
15.12.2003 1'440.00 Bancomat Bank C4 D2
22.10.2003 1'970.00 Bancomat Bank C4 D2
29.12.2003 15'200.00 Bank C4 D2
31.12.2003 43'810.00
05.01.2004 11'980.00 Bancomat Bank C4 D2
05.01.2004 320.00 Bancomat Bank C4 D2
05.01.2004 1'100.00 Bancomat Bank C4 D2
08.01.2004 200.00 Bancomat Bank C4 D2
03.02.2004 13'650.00 Bancomat Bank C4 D2
09.02.2004 1'440.00 Bancomat Bank C4 D2
16.02.2004 1'320.00 Bancomat Bank C4 D2
04.03.2004 150.00 Bancomat Bank C4 D2
08.03.2004 750.00 Bancomat Bank C4 D2
12.03.2004 7'000.00 Bancomat Bank C4 D2
15.03.2004 1'090.00 Bancomat Bank C4 D2
22.03.2004 1'230.00 Bancomat Bank C4 D2
20.04.2004 750.00 Bancomat Bank C4 D2
21.04.2004 2'200.00 Bancomat Bank C4 D2
03.05.2004 790.00 Bancomat Bank C4 D2
03.05.2004 5'780.00 Bancomat Bank C4 D2
07.06.2004 1'170.00 Bancomat Bank C4 D2
16.06.2004 6'000.00 Bancomat Bank C4 D2
04.08.2004 15'000.00 Bancomat Bank C4 D2
05.08.2004 180.00 Bancomat Bank C4 D2
02.09.2004 70.00 Bancomat Bank C4 D2
02.09.2004 9'990.00 Bancomat Bank C4 D2
08.09.2004 180.00 Bancomat Bank C4 D2
04.10.2004 180.00 Bancomat Bank C4 D2
04.10.2004 5'000.00 Bancomat Bank C4 D2
11.10.2004 1'000.00 Bancomat Bank C4 D2
04.11.2004 180.00 Bancomat Bank C4 D2
29.11.2004 1'000.00 Bancomat Bank C4 D2
02.12.2004 1'060.00 Bancomat Bank C4 D2
03.12.2004 3'920.00 Bancomat Bank C4 D2
03.12.2004 15'100.00 Bancomat Bank C4 D2
13.12.2004 1'000.00 Bancomat Bank C4 D2
27.12.2004 1'000.00 Bancomat Bank C4 D2
27.12.2004 2'000.00 Bancomat Bank C4 D2
- 85 -
31.12.2004 113'780.00
05.01.2005 180.00 Bancomat Bank C4 D2
06.01.2005 5'500.00 Bancomat Bank C4 D2
06.01.2005 5'500.00 Bancomat Bank C4 D2
18.01.2005 6'000.00 Bancomat Bank C4 D2
18.01.2005 7'000.00 Bancomat Bank C4 D2
19.01.2005 5'000.00 Bancomat Bank C4 D2
28.01.2005 10'000.00 Bancomat Bank C4 D2
02.02.2005 7'000.00 Bancomat Bank C4 D2
08.02.2005 120.00 Bancomat Bank C4 D2
03.03.2005 35'000.00 Bancomat Bank C4 D2
04.03.2005 43'000.00 Bancomat Bank C4 D2
01.04.2005 13'000.00 Bancomat Bank C4 D2
06.04.2005 75'000.00 Bank C4 D2
07.04.2005 9'360.00 Bancomat Bank C4 D2
03.05.2005 24'990.00 Bank C4 D2
04.05.2005 9'700.00 Bancomat Bank C4 D2
04.05.2005 20'000.00 Bancomat Bank C4 D2
09.05.2005 150.00 Bancomat Bank C4 D2
31.05.2005 1'000.00 Bank C4 D2
06.06.2005 1'100.00 Bancomat Bank C4 D2
02.08.2005 1'000.00 Bancomat Bank C4 D2
31.12.2005 279'600.00
06.01.2006 15'000.00 Bancomat Bank C4 D2
08.03.2006 550.00 Bancomat Bank C4 D2
31.03.2006 15'550.00
TOTAL 452'740.00 (Abweichung zur Anklageschrift von Fr. 500.–)
Es fällt auf, dass A1 fast alle Einzahlungen über den Bancomaten der Bank C4
D2 abwickelte, vereinzelt sogar solche für über Fr. 30'000.– (3. und 4. März
2005). Von Anfang 2000 bis 6. Januar 2006 hat er von diesem Konto
Fr. 527'165.– abgehoben. Gemäss Anklageschrift hat er auf dieses Konto vom
4. Dezember 2003 bis 6. Januar 2006 Fr. 452'240.– einbezahlt. Dem Finanzbe-
richt ist zu entnehmen, dass A1 ab diesem Konto am 7. April 2005 den Betrag
von Fr. 100'000.– auf die Bank C20 zu Gunsten einer Hypothek der Verwaltung
C21 AG überwiesen habe (cl. 4 pag. 5.1.782).
9.2.4 Dem Finanzbericht der Bundeskriminalpolizei ist zu entnehmen, dass die C13
AG im März 1996 an A1 veräussert worden sei (cl. 4 pag. 5.1.831). Die Einnah-
men der C13 AG hätten unter anderem aus dem Club C22, Studio C23, Studio
C2, Studio C24, Studio C3 und diversen anderen Etablissements gestammt (cl. 4
pag. 5.1.779 f.).
9.2.5 A1 sagte am 17. Oktober 2006 bei der Bundeskriminalpolizei zum Zweck der
C13 AG aus, dieser sei das Mieten und die Untervermietung von Wohnungen
gewesen (cl. 30 pag. 13.1.306). In Bezug auf die Art von Transaktionen der C13
- 86 -
AG sagte er aus, wenn jemand mit der Postkarte bezahlt habe, sei es auf die
Post gekommen und wenn mit der Kreditkarte bezahlt worden sei, sei es auf die
Bank C4 oder Bank C5 gekommen. Auf die Frage, mit welchen Zahlungsmitteln
die Kunden in den Etablissements bezahlt hätten, sagte er, bar oder mit Kredit-
beziehungsweise Postkarte (cl. 30 pag. 13.1.308). Als er gefragt wurde, für wel-
che Studios die Einnahmen über die C13 AG abgerechnet worden seien, sagte
er aus, dies habe vier Etablissements in D2 betroffen. In D4 das Parterre und die
zweite Etage. Weiter das Studio C3 in D1, das Studio C1 in D7 bei D2 und das
Studio C2 in D2. Das Studio C25 und das Studio C26 seien durch die Mieter
über die Kreditkartenterminals abgerechnet worden (cl. 30 pag. 13.1.309). Als er
gefragt wurde, wie es mit dem Objekt in D8 stehe, sagte er, das habe er ganz
vergessen (cl. 30 pag. 13.1.310). Im Verlaufe der weiteren Einvernahme wurden
noch der Club C22, das Studio C27, der Salon C28, der Salon C29, das Studio
C30, der Salon C31, der Salon C32 sowie der Club C33 erwähnt (cl. 30
pag. 13.1.311). Er sei einmal im Monat in den Studios vorbei gegangen und ha-
be die Mieteinnahmen in bar abgeholt (cl. 30 pag. 13.1.312). An der Hauptver-
handlung vom 21. November 2011 anerkannte er den Anklagevorwurf nicht
(cl. 138 pag. 138.930.74). Er verneinte, dass es einen Pneuhandel gegeben ha-
be. Auf die Frage, warum auf dem Konto C34 ab 2003 sehr viele Bareinzahlun-
gen erfolgt seien, sagte er, sie hätten ab September 2003 eine Bar gehabt. Die
Bareinnahmen seien bis Ende April/Mai 2005 auf das Konto einbezahlt worden.
Alle grossen einbezahlten Barbeträge hätten aus D9 gestammt. Er habe die Bar-
beträge in D2 einbezahlt, da er in D9 kein Konto gehabt habe. Die Einnahmen
aus den drei Studios (gemeint: Studio C3, C2 und C1) habe er vor allem bei sich
gehabt, um Rechnungen und die Miete zu bezahlen (cl. 138 pag. 138.930.75).
Auf die Frage zu den Bareinzahlungen von Fr. 452'240.– auf das Konto C34 sag-
te er aus, der grösste Teil stamme aus der Bar C11 in D9, aber auch aus ande-
ren Studios. Auf die Frage, warum von 2000 bis anfangs 2006 Fr. 527'165.– in
bar abgehoben worden seien, sagte er, die Mieten seien immer in bar bezahlt
worden. Zum Hintergrund der Transaktion ab dem Konto C34 am 7. April 2005
von Fr. 100'000.– an die Verwaltung C21 AG sagte er aus, er habe das Geld ab-
gehoben und auf ein Konto in D10 zu Gunsten der Verwaltung C21 AG überwie-
sen. Es sei um die Liegenschaften in D2 gegangen, die damit erworben worden
seien (cl. 138 pag. 138.930.76). Auf die Frage, warum Fr. 16'200.– in seinem
Bettsofa gewesen seien, sagte er aus, das sei für die Miete der Liegenschaft in
D2 gewesen (cl. 138 pag. 138.930.76 f.).
9.2.6 Beweismässig ist erstellt, dass die Transaktionen im Zusammenhang mit der
C13 AG und dem Konto C34 (Anklageziffern 8.2.2 lit. a, b, d, f, g) unter anderem
einen Zeitraum von rund 1 1⁄2 Jahren vor der inkriminierten Geschäftspraxis
betreffend die Förderung der Prostitution und den Menschenhandel umfassen.
Für diesen Zeitraum ist eine Bestrafung wegen Geldwäscherei von vornherein
- 87 -
ausgeschlossen. Mit Blick auf die restliche Herkunft der Bareinlagen auf die Kon-
ti der C13 AG und C34 ist nachgewiesen, dass diese aus den verschiedenen Sa-
lons von A1 stammten. Der Anklagevorwurf wegen Förderung der Prostitution
und Menschenhandel betrifft aber ausschliesslich die Studios C3, C2 und C1.
Aus den Akten ist nicht ersichtlich, welche Bareinzahlungen aus der Geschäftstä-
tigkeit von diesen drei Studios stammten. Nicht ausgeschlossen ist, dass die
meisten Einzahlungen vom 4. Dezember 2003 bis 6. Januar 2006 auf das Konto
C34 (Anklageziffer 8.2.2 lit. c) aus Einkünften der Bar C11 in Luzern herrührten.
Aufgrund der Vermischung der Gelder aus den verschiedenen Etablissements
mit allfälligen Einkünften aus den Studios C3, C2 und C1 ist die Herkunft der
(Verbrechens-) Gelder nicht mehr eruierbar. In Bezug auf die am 28. März 2006
im Büro von A1 beschlagnahmten Gelder von Fr. 19'630.–, wovon Fr. 3'430.– of-
fen in Ablageflächen herumlagen und Fr. 16'200.– im Bettsofa versteckt waren
(cl. 14 pag. 8.1.11; Pos. 47–50), ergibt sich folgendes: Aufgrund der Aussagen
von A1 ist erstellt, dass er lediglich die Gelder aus den Studios C3, C2 und C1
bar bei sich hatte. Die Einnahmen aus den anderen vermieteten Lokalen benö-
tigte er zur Bezahlung seiner Mieten und die Gelder aus der Bar C11 flossen auf
das Konto der Bank C4 in D2. Insofern ist die deliktische Herkunft des beschlag-
nahmten Bargeldes von Fr. 19'630.– erstellt.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft, wer eine Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Ermittlung
der Herkunft, die Auffindung oder die Einziehung von Vermögenswerten zu ver-
eiteln, die, wie er weiss oder annehmen muss, aus einem Verbrechen herrühren.
9.3.2 Ein Schuldspruch wegen Geldwäscherei verlangt neben dem Nachweis der
Geldwäschereihandlung sowohl den Nachweis der Vortat als auch den Nach-
weis, dass die Vermögenswerte aus eben dieser Vortat herrühren (BGE 126 IV
255 E. 3a). Durch die Geldwäscherei wird in erster Linie die Einziehung, das
heisst der Zugriff der Strafbehörden auf eine Verbrechensbeute, vereitelt. Straf-
bar ist die Vereitelungshandlung als solche, unbesehen eines Vereitelungser-
folgs. Die Geldwäscherei ist mithin ein abstraktes Gefährdungsdelikt (BGE 127
IV 20 E. 3a; 126 IV 255 E. 3a; 119 IV 59 E. 2e).
Die Handlung muss typischerweise geeignet sein, die Einziehung zu gefährden.
Sie setzt aber keine komplizierten Finanztransaktionen und keine erhebliche kri-
minelle Energie voraus. Nach der Rechtsprechung kommt selbst einfachsten
Tathandlungen die Eignung zu, die Einziehung der Verbrechensbeute zu verei-
teln (BGE 128 IV 117 E. 7a; 127 IV 20 E. 3a; 122 IV 211 E. 3b/aa). Als Vereite-
lungshandlung qualifiziert hat die Rechtsprechung bisher unter anderem das
Verstecken von aus Betäubungsmittelhandel herrührenden Geldern (BGE 119 IV
59 E. 2e) bzw. das Zur-Verfügung-Stellen einer Wohnung als vorübergehendes
- 88 -
Versteck für Drogengelder (Urteil des Bundesgerichts 6S.702/2000 vom 14. Au-
gust 2002, E. 2.2), das Umwechseln von Bargeld in kleiner Stückelung in grösse-
re Banknoten der gleichen Währung oder den Umtausch in eine andere Wäh-
rung (BGE 122 IV 211 E. 2c mit Hinweisen), nicht jedoch dessen einfache Ein-
zahlung auf das dem üblichen Zahlungsverkehr dienende persönliche Bankkonto
am Wohnort (BGE 124 IV 274 E. 4a) oder den blossen Besitz oder die Aufbe-
wahrung der deliktisch erlangten Vermögenswerte (Urteil des Bundesgerichts
6S.595/1999 vom 24. Januar 2000, E. 2d/aa m.w.H.; vgl. zum Ganzen Urteil des
Bundesgerichts 6B_321/2010 vom 25. August 2010, E. 3.1).
Den Tatbestand von Art. 305 bis
StGB kann auch erfüllen, wer Vermögenswerte
wäscht, die er selber durch ein Verbrechen erlangt hat (Urteil des Bundesge-
richts 6S.59/2005 vom 2. Oktober 2006 mit Verweisungen auf BGE 120 IV 323
E. 3; 122 IV 211 E. 3c; 124 IV 274 E. 3).
9.3.3 In subjektiver Hinsicht ist Vorsatz erforderlich; Eventualvorsatz genügt. Dieser
muss sich auf alle objektiven Tatbestandsmerkmale beziehen, auch auf die Ver-
eitelungshandlung und die Herkunft des Geldes (TRECHSEL/AFFOLTER-EIJSTEN,
Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2008,
Art. 305 bis
StGB N 21). Dabei genügt es, wenn der Täter den Tatbestand ent-
sprechend der „Parallelwertung in der Laiensphäre“ verstanden hat (BGE 129 IV
238 E. 3.2.2). So braucht er nicht zu wissen, dass die Handlung, aus welcher der
Wert stammt, ein Verbrechen ist, sondern nur, dass sie ein schwerwiegendes
Unrecht bildet, welches erhebliche Sanktionen nach sich zieht (PIETH, Basler
Kommentar, a.a.O., Art. 305 bis
StGB N 46, zum Ganzen auch Urteil des Bundes-
strafgerichts SK.2010.16 vom 16. Dezember 2010, E. 3.1).
9.4
9.4.1 Mit Bezug auf das „Drogengeld“ von B42
Die Umwechslungen des Bargeldes von Fr. 46'000.– (Fr. 15'000.– + Fr. 15'000.–
und Fr. 16'000.–), welches aus dem Erlös aus Drogenhandel stammte, in Euro
am 30. Dezember 2005 und zweimal am 6. Januar 2006 erfüllen den objektiven
Tatbestand von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB. A1 ist wegen seines Wissensvorsprungs
und seiner Tatherrschaft als Täter, und nicht nur als Anstifter hinsichtlich der
Umwechslungen von A3 beziehungsweise der Eheleute B43 und B44 anzuse-
hen.
Subjektiv ist der Tatbestand mit Ausnahme der ersten Transaktion zweifellos er-
füllt, da A1 um die Herkunft des „Drogengeldes“ wusste. Er wusste daher, dass
das Geld aus einem schwerwiegenden Delikt stammt. Zudem hat er durch die
Art des Umtausches gewusst, dass damit die ursprüngliche Währung nicht mehr
nachvollzogen werden kann.
- 89 -
A1 hat sich somit der mehrfachen Geldwäscherei gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB
schuldig gemacht.
9.4.2 Mit Bezug auf die Gelder aus der Förderung der Prostitution und dem Men-
schenhandel
Bei den unter dem Bettsofa sichergestellten Fr. 16'200.– handelt es sich um Gel-
der aus der Förderung der Prostitution und dem Menschenhandel und damit aus
einem Verbrechen. Durch das Verstecken des Geldes hat A1 eine unzulässige
Vereitelungshandlung vorgenommen. In Bezug auf das restliche bei A1 sicher-
gestellte Geld von Fr. 3'430.– liegt keine Vereitelungshandlung vor, da dieses of-
fen herumlag. Der objektive Tatbestand von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB ist erfüllt.
Subjektiv hatte A1 als Vortäter das erforderliche Wissen und den erforderlichen
Willen. Er wusste, dass das Geld aus einem schwerwiegenden Delikt stammt.
Zudem hat er durch das Verstecken des Geldes gewusst, dass er damit die Her-
kunft des Geldes verschleiert. Der subjektive Tatbestand von Art. 305 bis
Ziff. 1
StGB ist erfüllt. Damit erfüllen auch die in Anklagepunkt 8.8.2 umschriebenen
Tathandlungen den Tatbestand der Geldwäscherei.
9.4.3 a) Die Anklage nennt als anwendbare Norm auch Art. 305 bis
Ziffer 2 lit. c StGB,
also Gewerbsmässigkeit. Besonders umschrieben wird die Gewerbsmässigkeit
in der Anklage nicht. Gemäss der genannten Bestimmung liegt ein schwerer Fall
insbesondere vor, wenn der Täter durch gewerbsmässige Geldwäscherei einen
grossen Umsatz oder einen erheblichen Gewinn erzielt.
Mit Bezug auf das gewaschene „Drogengeld“ gibt es keine Hinweise darauf,
dass A1 gewerbsmässig handelte. Vielmehr ist wahrscheinlicher, dass es sich
um einen Freundschaftsdienst für B42 handelte. Er führte nämlich von 1995 bis
2003 mit ihr eine unregelmässige intime Beziehung (cl. 29 pag. 13.1.176).
b) Mit Bezug auf die Gewerbsmässigkeit ist zu fordern, dass diese sich auf den
Erlös aus der Geldwäscherei und nicht auf denjenigen der Vortat bezieht. Ein
Eigengeldwäscher verdient daraus nichts mehr und handelt deshalb mit Bezug
auf die Geldwäscherei auch nicht gewerbsmässig. Die Gewerbsmässigkeit muss
sich in gleicher Weise spezifisch auf die Geldwäscherei beziehen wie die Ban-
denmässigkeit. "On ne vise donc pas ici l’hypothèse où le blanchisseur forme
une bande avec le ou les auteurs du crime préalable; il doit s’agir d’une bande
de blanchisseurs" (CORBOZ, Les infractions en droit suisse, 3. Auflage, Bern
2010, Art. 305 bis
StGB N 49; in diesem Sinne auch Entscheid des Bundesstrafge-
richts SK.2004.13 vom 6. Juni 2005, E. 2.5.2).
A1 ist hinsichtlich der Gelder aus der Förderung der Prostitution und dem Men-
schenhandel sogenannter Eigengeldwäscher. Er ist somit mit Bezug auf das
„Bordellgeld“ der Geldwäscherei im Sinne des Grundtatbestandes schuldig zu
sprechen.
- 90 -
9.4.4 Bei der Geldwäscherei gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB handelt es sich um ein
Vergehen. Die Verfolgungsverjährung beträgt 7 Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB).
Das Verfahren gegen A1 wegen mehrfacher Geldwäscherei ist somit einzustel-
len, soweit vor dem 1. Dezember 2004 begangen. A1 hat sich schuldig gemacht,
der mehrfachen Geldwäscherei gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB.
10. Geldwäscherei (Anklagepunkt IV.3)
10.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A3, wie bereits unter Erwägung 9.1.1 ausgeführt,
vor, er habe am 30. Dezember 2005 den Betrag von Fr. 15'000.– von B42 und
A1 im Studio C1 in D7 bei D2 entgegengenommen. Anschliessend habe er die-
sen Betrag im Auftrag von B42 und A1 bei drei Banken (Bank C5, Bank C4,
Bank C35) in D2 in Euro gewechselt und das Wechselgeld am gleichen Tag B42
im Studio C1 übergeben. Dieses Geld habe aus bandenmässig betriebenem
Handel mit hochwertigem Kokain gestammt. A3 habe von der Herkunft des Gel-
des Kenntnis gehabt.
10.2 A3 anerkannte den Tatablauf im Vorverfahren sowie an der Hauptverhandlung
(cl. 31 pag. 13.2.46 ff.; pag. 13.2.56; pag. 13.2.150, auf Vorhalt von cl. 1
pag. 1.0.35). Dabei wurde ihm am 14. Oktober 2009 von der Bundesanwaltschaft
vorgehalten, dass er Fr. 15'000.– aus Drogenerlös in Euro gewechselt habe. Da-
zu sagte er aus, „Ja, das tat ich“. In Bezug auf seine sonstigen Aussagen kann
auf Erwägung 9.1.3 verwiesen werden. Der Sachverhalt ist erstellt.
10.3 In Bezug auf die Rechtsprechung zur Geldwäscherei gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1
StGB kann auf Erwägung 9.3 verwiesen werden.
Indem A3 Fr. 15'000.–, welche aus dem Erlös von Drogenhandel stammten, in
D2 in Euro wechselte, erfüllte er den objektiven Tatbestand von Art. 305 bis
Ziff. 1
StGB. In subjektiver Hinsicht war er in Bezug auf die Herkunft des Geldes miss-
trauisch, hatte ein ungutes Gefühl und wechselte das Geld dann trotzdem, wie
von A1 empfohlen, bei drei verschiedenen Banken (cl. 32 pag. 13.2.056). Zudem
musste er zur Kenntnis nehmen, dass A1 das Geld nicht selber wechseln wollte.
Schliesslich bestätigte er, Geld aus Drogenerlös gewechselt zu haben (cl. 31
pag. 13.2.150). Als Laie musste er die Abgrenzung von Verbrechen und Verge-
hen nicht kennen. Durch sein ungutes Gefühl beim Wechseln hat er aber min-
destens in Kauf genommen, dass das Geld aus einem schwerwiegenden Delikt
stammte. Die aussergewöhnliche Art und Weise des Geldwechsels bei drei Fi-
nanzinstituten am gleichen Tag konnte nicht anders verstanden werden, als dass
damit die ursprüngliche Währung nicht mehr nachvollzogen werden kann. Der
subjektive Tatbestand von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB ist somit erfüllt.
- 91 -
10.4 A3 ist schuldig zu sprechen der Geldwäscherei gemäss Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB.
11. Pornografie (Anklagepunkt I.9)
11.1
11.1.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe in seinem Büro eine CD mit rund
12'000 Bildern harter und anderer Pornografie, die auf den Genitalbereich kon-
zentrierte Darstellungen nackter Frauen und Männer sowie Darstellungen von
Frauen und Männern, teilweise mit Tieren, mit menschlichen Ausscheidungen
und mit Gewalt enthalte, bis 28. März 2006 besessen. Zu dieser hätten seine un-
ter sechzehn Jahre alten Kinder freien Zugang gehabt. Die CD sei mit „A1“,
„sepz. JPG’s“ beschriftet gewesen.
11.1.2 A1 sagte am 5. Juni 2007 bei der Bundesanwaltschaft aus, er kenne diese CD
nicht. Er wisse auch nicht, was auf dieser CD sei (cl. 30 pag. 13.1.446). Auf Vor-
halt diverser Farbausdrucke von dieser CD sagte er aus, dies sei abstossend. Er
habe diese Bilder noch nie gesehen. Er sehe diese zum ersten Mal (cl. 30
pag. 13.1.447). Er habe sie einfach aufbewahrt und nicht weggeworfen (cl. 30
pag. 13.1.448). Am 23. November 2007 sagte er aus, er müsse diese CD’s im
Zusammenhang mit dem Kauf eines Computers erhalten haben (cl. 30
pag. 13.1.487). Er habe gar nicht gewusst, was auf dieser CD gewesen sei
(cl. 30 pag. 13.1.488). An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011 sagte er aus,
er habe die CD nie angeschaut. Wenn er gewusst hätte, was auf der CD drauf
sei, hätte er sie bestimmt irgendwo versteckt oder vernichtet (cl. 138
pag. 138.930.15). Er habe keine Ahnung, was ein „JPG“ sei (cl. 138
pag. 138.930.16). Die CD’s seien mit dem ersten Computer in sein Büro ge-
kommen. Auf Frage, warum sein Name auf der CD stehe, antwortete er, er wisse
es nicht. Er habe diese nicht angeschrieben (cl. 138 pag. 138.930.17).
11.1.3 Die Aussage von A1, wonach die Aufschrift auf der CD mit dem Bildformat „spez.
JPG’s“ und seinem Namen nicht von ihm stamme, erscheint aus folgenden
Gründen glaubhaft: Weder wurden bei A1 andere Datenträger mit Pornografie
gefunden, noch befanden sich pornografische Daten auf der Festplatte. Dies ist
für einen Pornografie-Konsumenten untypisch. Es handelt sich um eine einzige
uralte CD mit Bildern sehr schlechter Qualität. Die CD enthält Gewalt-, Tier- und
Exkrementalpornografie. Die Gewaltdarstellungen sind grauenhaft. Derjenige,
der sich zu erkennen gibt, Freude an Kotspielen zu haben, erntet mit ziemlicher
Sicherheit Abscheu und Ekel. Wer seinen Kindern auch nur ein einigermassen
intaktes Vaterbild vermitteln will, wird alles daran setzen, dass so etwas nicht mit
ihm in Verbindung gebracht wird. Es ist daher davon auszugehen, dass A1 diese
CD vor seinen Kindern verborgen hätte, wenn er um deren Inhalt gewusst hätte.
- 92 -
11.2 Wer gemäss Art. 197 Ziff. 1 StGB pornografische Schriften, Ton- oder Bildauf-
nahmen, Abbildungen, andere Gegenstände solcher Art oder pornografische
Vorführungen einer Person unter 16 Jahren anbietet, zeigt, überlässt, zugänglich
macht oder durch Radio oder Fernsehen verbreitet, wird mit Freiheitsstrafe bis
zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.
Gemäss Art. 197 Ziff. 3 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft, wer Gegenstände oder Vorführungen im Sinne von Art. 197
Ziff. 1 StGB, die sexuelle Handlungen mit Kindern oder mit Tieren, menschlichen
Ausscheidungen oder Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben, herstellt, einführt, la-
gert, in Verkehr bringt, anpreist, ausstellt, anbietet, zeigt, überlässt oder zugäng-
lich macht. Die Gegenstände werden eingezogen.
Gemäss Art. 197 Ziff. 3 bis
StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
mit Geldstrafe bestraft, wer Gegenstände oder Vorführungen im Sinne von
Art. 197 Ziff. 1 StGB, die sexuelle Handlungen mit Kindern oder Tieren oder se-
xuelle Handlungen mit Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben, erwirbt, sich über
elektronische Mittel oder sonst wie beschafft oder besitzt. Die Gegenstände wer-
den eingezogen.
Der Begriff der Pornografie setzt ein Zweifaches voraus. Zum Einen müssen die
Darstellungen oder Darbietungen objektiv betrachtet darauf ausgelegt sein, den
Konsumenten sexuell aufzureizen. Zum Anderen ist erforderlich, dass die Sexua-
lität so stark aus ihren menschlichen und emotionalen Bezügen herausgetrennt
wird, dass die jeweilige Person als ein blosses Sexualobjekt erscheint, über das
nach Belieben verfügt werden kann. Das sexuelle Verhalten wird dadurch ver-
gröbert und aufdringlich in den Vordergrund gerückt. Im Vordergrund stehen sich
auf den Genitalbereich konzentrierende Darstellungen (BGE 131 IV 64 E. 10.1.1,
m.w.H.; vgl. auch MENG/SCHWAIBOLD, Basler Kommentar, Strafrecht II, 2. Aufl.,
Basel 2007, Art. 197 StGB N. 14).
Harte Pornografie i.S.v. Art. 197 Abs. 3 und 3 bis
StGB sind pornografische Dar-
stellungen, die sexuelle Handlungen mit Kindern oder Tieren oder sexuelle
Handlungen mit Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben. Ziff. 3 erwähnt zudem Dar-
stellungen, die sexuelle Handlungen mit menschlichen Ausscheidungen zum
Gegenstand haben. Ziff. 3 bis
erwähnt pornografische Erzeugnisse mit menschli-
chen Ausscheidungen hingegen nicht. Die Auflistung ist jeweils abschliessend
(vgl. für Art. 197 Ziff. 3 StGB BGE 121 IV 128 E. 2). Bei der Darstellung sexueller
Handlungen mit Tieren muss die sexuelle Handlung direkt und aufdringlich ge-
zeigt werden (vgl. BGE 97 IV 99 E. 2b; ferner STRATENWERTH/WOHLERS,
Schweizerisches Strafgesetzbuch, Handkommentar, 2. Aufl., Bern 2009, Art. 197
StGB N. 5). Ebenfalls als verbotene harte Pornografie gelten Darstellungen se-
xueller Praktiken, welche körperliche Gewalttätigkeiten (namentlich, aber nicht
- 93 -
nur sadistische oder masochistische Praktiken) miteinschliessen (MENG/
SCHWAIBOLD, a.a.O., Art. 197 StGB N. 25).
Subjektiv ist Vorsatz erforderlich, wobei Eventualvorsatz ausreicht (MENG/
SCHWAIBOLD, a.a.O., Art. 197 StGB N. 75).
11.3 Dass der genannte Datenträger auf den Genitalbereich konzentrierte Darstellun-
gen nackter Frauen und Männer sowie Darstellungen von Frauen und Männern,
teilweise mit Tieren, menschlichen Ausscheidungen und mit Gewalt enthält, ist
aufgrund der in den Akten befindlichen Abbildungen ersichtlich (cl. 120
pag. 69.3–39). A1s Kinder, beide damals unter 16 Jahren, hatten Zugang zur
CD. Die objektiven Tatbestandselemente von Art. 197 Abs. 1, 3 und 3 bis
StGB
sind somit erfüllt. A1 hatte jedoch nicht den erforderlichen Vorsatz, da er vom In-
halt der CD keine Kenntnis hatte. A1 ist somit vom Vorwurf der Pornografie ge-
mäss Art. 197 Abs. 1, 3 und 3 bis
StGB freizusprechen.
12. Widerhandlungen gegen das ANAG (Anklagepunkt I.10)
12.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A1 vor, er habe insbesondere den Prostituierten
A4, A5, B45, B25, B15 sowie anderen Frauen die rechtswidrige Einreise in die
Schweiz sowie das rechtswidrige Verweilen in der Schweiz erleichtert und vorbe-
reiten geholfen. Er habe diese Frauen ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitsbe-
willigung in seinen Studios C3, C2 und C1 beherbergt und als Prostituierte be-
schäftigt. Er habe dies mehrfach vorsätzlich, eventuell eventualvorsätzlich be-
gangen, dadurch, dass er die Absicht gehabt habe, sich oder einen anderen un-
rechtmässig zu bereichern, eventuell ohne diese Absicht.
12.2
12.2.1 Am 11. Februar 2005 sagte A1 bei der Kantonspolizei Solothurn aus, die Frauen
hätten keine Bewilligung. Er wisse, dass eine Bewilligung notwendig sei (cl. 80
pag. 29.350). Am 11. April 2006 sagte A1 bei der Bundeskriminalpolizei auf die
Frage, welchen Aufenthaltsstatus die Frauen hätten, die bei ihm arbeiteten, aus,
sie seien Touristinnen (cl. 29 pag. 13.1.16 f.). Er verneinte die Frage, ob für die
Frauen Arbeitsbewilligungen bestünden. Es sei schwer, diese zu bekommen
(cl. 29 pag. 13.1.17). Am 23. November 2007 sagte er bei der Bundesanwalt-
schaft in Bezug auf die Vorfinanzierung des Fluges von A4 aus, er habe das
Geld vorgeschossen (cl. 30 pag. 13.1.488). Betreffend die Vorfinanzierung des
Fluges von A5 sagte er aus, das werde er gewesen sein (cl. 30 pag. 13.1.489).
Bei der Hauptverhandlung vom 21. November 2011 bestritt er den Anklagevor-
wurf (cl. 138 pag. 138.930.77 f.). Für ihn seien die Frauen legal hier gewesen, da
sie die Grenze (gemeint: Grenzkontrolle) passiert hätten (cl. 138
- 94 -
pag. 138.930.78). Er bestätigte, dass den Touristinnen vorgängig zur Einreise
ein Vorzeigegeld von USD 400 bis 500 gesandt worden sei (cl. 138
pag. 138.930.53 f.).
12.2.2 A4 sagte aus, dass sie keine Arbeitsbewilligung gehabt habe. Sie habe im Studio
C2 als Prostituierte gearbeitet (cl. 80 pag. 29.445). A5 gab zu Protokoll, sie wis-
se, dass dies illegal sei. Am 12. April 2005 habe sie im Studio C1 mit Arbeiten
begonnen (cl. 48 pag. 18.9.108). Sie sei glaublich am 3. Mai 2005 ausgeschafft
worden, weil sie hier illegal gearbeitet habe (cl. 33 pag. 13.4.20). Sie sei am
8. Mai 2005 zu Hause in Belo Horizonte angekommen. Als sie angekommen sei,
habe ihre Mutter bereits einen Anruf von A4 erhalten. Sie (gemeint: A4) habe
ihrer Mutter gesagt, A1 habe bereits ein Ticket für ihre Rückreise reserviert. Der
Flug sei für den 11. oder 12. Mai 2005 geplant gewesen. Sie sei wieder gekom-
men (gemeint: in die Schweiz). Am 13. Oktober 2005 sei sie wieder nach Hause
gereist (cl. 33 pag. 13.4.29). Auf die Frage, wer die Reisen finanziert habe, sagte
sie aus, A6 (gemeint: A1) habe alle Billette gekauft (cl. 33 pag. 13.4.30). Sie sei
am 28. Januar 2006 hier (gemeint: die Schweiz) angekommen (cl. 33
pag. 13.4.20). Die Frage, ob sie die ganze Zeit seit der Ankunft im Studio C3
gewesen sei, bejahte sie (cl. 33 pag. 13.4.20). B45 sagte aus, sie sei seit dem
17. Oktober 2004 im Studio C2 in D2 gewesen und habe seither dort jeden Tag
als Prostituierte gearbeitet. Sie verneinte die Frage, ob sie eine Arbeitsbewilli-
gung gehabt habe (cl. 80 pag. 29.422). B15 sagte aus, die Flugtickets seien von
A1 bezahlt worden. Sie sei von einem Ehepaar in D11 abgeholt und ins Studio
C2 in D2 gebracht worden (cl. 28 pag. 12.51.15). A1 habe alle Reisen finanziert
(cl. 28 pag. 12.51.60). Sie sei von der Polizei festgenommen worden, weil sie
hier illegal gearbeitet habe. A1 habe gewusst, dass sie eine zweijährige Sperre
erhalten habe (cl. 28 pag. 12.51.63). Nachdem sie von einer Polizeikontrolle zu-
rückgekommen seien, hätten sie im Haus bleiben dürfen. Von daher habe A1
gewusst, dass sie eine Einreisesperre hätten (cl. 28 pag. 12.51.64). Sie vernein-
te die Frage, ob sie eine Arbeitsbewilligung gehabt habe (cl. 48 pag. 18.9.58).
12.2.3 Den Telefonkontrollen ist zu entnehmen, dass A1 B25 am 9. Juni 2005 vom
Flughafen Frankfurt durch B46 abholen liess (cl. 87 pag. 36.358; pag. 36.371;
pag. 36.385; pag. 36.415).
12.2.4 A4 wurde am 7. Dezember 2004 von der Kantonspolizei Solothurn angehalten
und am 8. Dezember 2004 mit einer Einreisesperre bis zum 11. Dezember 2006
belegt (cl. 48 pag. 18.9.120). Sie arbeitete von Ende Februar 2005 bis am
28. März 2006 im Studio C1. Am 28. März 2006 wurde sie im Studio C1 in D7 bei
D2 verhaftet (cl. 7 pag. 6.3.5 f.). Ihre Reisebüro C12 Buchungsbestätigung da-
tiert vom 14. Februar 2005 (cl. 76 pag. 25.214). A5 wurde am 2. März 2005 von
der Polizei des Kantons Solothurn im Studio C3 angehalten (cl. 8 pag. 6.4.7 f.)
und mit einer Einreisesperre bis zum 3. Mai 2007 belegt (cl. 48 pag. 18.9.99).
Ihre Rechnung vom Reisebüro C12 ist vom 9. Mai 2005 (cl. 76 pag. 25.229). Sie
- 95 -
arbeitete von Mitte Mai 2005 bis Oktober 2005 im Studio C1 sowie von Ende Ja-
nuar 2006 bis 28. März 2006 im Studio C3. B45 wurde am 7. Dezember 2004
von der Polizei des Kantons Solothurn im Studio C2 angehalten und am 8. De-
zember 2004 mit einer Einreisesperre bis zum 11. Dezember 2006 belegt (cl. 48
pag. 18.9.6). Sie arbeitete von Mitte Oktober 2004 bis 7. Dezember 2004 sowie
ab August 2005 für unbestimmte Zeit im Studio C2. Mit Verfügung vom 3. Juni
2005 wurde B25 mit einer Einreisesperre bis 2. Juni 2007 belegt (cl. 48
pag. 18.9.34). Sie arbeitete von Ende Mai 2005 mit Unterbruch bis Ende Juni
2005 in den Studios C2 und C1. Am 24. Juni 2005 wurde B15 mit einer Einreise-
sperre bis 2. Juni 2007 belegt (cl. 48 pag. 18.9.51). Sie arbeitete ab 20. Juli 2005
bis Ende Dezember 2005 im Studio C3. Zahlreiche weitere Frauen, für welche
A1 wegen Förderung der Prostitution und Menschenhandel schuldig gesprochen
wurde, arbeiteten von ca. 2003 bis Anfang 2006 in seinen Etablissements, ob-
schon sie alle nicht über eine gültige Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verfüg-
ten.
12.3 Gemäss Art. 23 Abs. 1 al. 4 und 5 i.V.m. al. 6 ANAG wird mit Gefängnis bis zu
sechs Monaten und fakultativ einer Busse bis Fr. 10'000.– bestraft, wer rechts-
widrig das Land betritt und hier verweilt und wer im In- oder Ausland die rechts-
widrige Ein- oder Ausreise oder das rechtswidrige Verweilen im Lande erleichtert
oder vorbereiten hilft. Gemäss Art. 23 Abs. 2 Satz 1 ANAG wird mit Gefängnis
und mit Busse bis zu 100'000 Franken bestraft, wer in der Absicht, sich oder
einen anderen unrechtmässig zu bereichern, einem Ausländer die rechtswidrige
Einreise oder das rechtswidrige Verweilen im Lande erleichtert oder vorbereiten
hilft. Gemäss Art. 23 Abs. 4 Satz 1 ANAG wird zusätzlich zu einer allfälligen Be-
strafung nach Abs. 1 für jeden rechtswidrig beschäftigten Ausländer mit einer
Busse bis zu 5'000 Franken bestraft, wer vorsätzlich Ausländer beschäftigt, die
nicht berechtigt sind, in der Schweiz zu arbeiten.
Wer zum Zweck des Arbeitserwerbs mit einem Touristenvisum bzw. ohne das
bei Erwerbsabsichten notwendige Visum einreist, überschreitet die Landesgren-
ze rechtswidrig (BGE 131 IV 174 E. 3 und 4). Der bewilligungsfreie Aufenthalt in
der Schweiz als Tourist wird mit der Aufnahme einer nicht gemeldeten bzw. nicht
bewilligten Erwerbstätigkeit rechtswidrig, sofern nicht die besonderen Bestim-
mungen des Freizügigkeitsabkommens gelten (BGE 131 IV 174 E. 3.2 und 4).
Wer ausländische Prostituierte beschäftigt und beherbergt, die als Touristinnen
in die Schweiz eingereist und über keine Aufenthalts- bzw. Arbeitsbewilligung
verfügen, erfüllt die Tatbestände des Erleichterns des rechtswidrigen Aufenthalts
gemäss Art. 23 Abs. 1 al. 5 und der rechtswidrigen Beschäftigung nach Art. 23
Abs. 4 ANAG (BGE 131 IV 174 E. 4 und 5).
- 96 -
12.4 A1 hat die Einreise von zahlreichen Frauen durch die Bezahlung beziehungswei-
se Vorfinanzierung der Flugtickets oder durch die Organisation des Transports in
die Schweiz erleichtert, so dass sie in die Schweiz einreisen und in seinen Studi-
os ohne Bewilligung als Prostituierte arbeiten konnten. Er hatte aufgrund der
Festnahmen der Prostituierten in seinen Studios Kenntnis, dass A4, A5, B45,
B25 und B15 mit Einreisesperren belegt worden waren und keine Aufenthalts-
und Arbeitsbewilligungen hatten. A1 hat zweifellos vorsätzlich und in Bereiche-
rungsabsicht gehandelt. Dadurch hat A1 den objektiven und subjektiven Tatbe-
stand von Art. 23 Abs. 1, 2 und 4 ANAG erfüllt. Beim Erleichtern bzw. Vorberei-
ten der rechtswidrigen Einreise und des Verweilens und dem Beschäftigen von
Ausländerinnen ohne Bewilligung handelt es sich um ein Vergehen. Die Verfol-
gungsverjährung beträgt 7 Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB). Das Verfahren ge-
gen A1 wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das ANAG ist somit einzustel-
len, soweit vor dem 1. Dezember 2004 begangen. A1 hat sich schuldig gemacht
mehrfacher Widerhandlungen gegen das ANAG im Sinne von Art. 23 Abs. 1, 2
und 4 ANAG.
13. Widerhandlungen gegen das ANAG (Anklagepunkt V.3)
13.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A4 vor, sie sei von September 2004 bis 6. Dezem-
ber 2004 rechtswidrig in der Schweiz gewesen und Ende Februar 2005 unter
Umgehung einer bestehenden, bis 11. Dezember 2006 dauernden Einreisesper-
re unberechtigterweise in die Schweiz eingereist, um ohne entsprechende Bewil-
ligung in den Studios von A1 zu arbeiten. Sie habe ab Mitte 2005 bis April 2006
von der Schweiz aus B3, B4, B5, B6, B2 sowie namentlich nicht bekannten
Frauen aus Brasilien die rechtswidrige Einreise in die Schweiz sowie das
rechtswidrige Verweilen in der Schweiz erleichtert und vorbereiten geholfen. Sie
habe dies mehrfach vorsätzlich, eventuell eventualvorsätzlich begangen. Das Er-
leichtern beziehungsweise Vorbereiten der rechtswidrigen Einreise und des Ver-
weilens habe sie zudem in der Absicht begangen, sich oder einen anderen un-
rechtmässig zu bereichern, eventuell ohne diese Absicht.
13.2
13.2.1 Am 23. März 2007 hat A4 bei der Bundesanwaltschaft den Tatvorwurf hinsicht-
lich der rechtswidrigen Einreise in die Schweiz und dem Verweilen anerkannt
(cl. 32 pag. 13.3.200 ff.). Der Sachverhalt ist erstellt.
13.2.2 A4 bestätigte am 23. März 2007 bei der Bundesanwaltschaft den Vorhalt, dass
sie die rechtswidrige Einreise von Frauen in die Schweiz erleichtert habe, indem
sie den Frauen die Codes für das Beziehen von Flugtickets mitgeteilt oder Flug-
tickets bestellt beziehungsweise die Codes für die Geldüberweisungen weiterge-
- 97 -
leitet habe (cl. 32 pag. 13.3.202). B3 sagte aus, dass A4 sie von der Schweiz
aus angerufen und ihr den Code durchgegeben habe, mit welchem sie bei der
Fluggesellschaft C15 das Flugticket habe abholen können (cl. 22 pag. 12.5.25).
Der Sachverhalt ist erstellt.
13.3 In Bezug auf die rechtlichen Ausführungen zu Art. 23 Abs. 1 und 2 ANAG kann
auf Erwägung 12.3 verwiesen werden.
13.4 A4 hatte Kenntnis, dass gegen sie eine Einreisesperre bestand. Sie reiste trotz-
dem wissentlich und willentlich in die Schweiz und arbeitete ohne Bewilligung.
Dadurch hat sie in objektiver und subjektiver Hinsicht den Tatbestand von Art. 23
Abs. 1 ANAG erfüllt. Zudem hat sie den objektiven und subjektiven Tatbestand
von Art. 23 Abs. 2 ANAG erfüllt, da sie bewusst und in Bereicherungsabsicht die
Einreise von zahlreichen Frauen durch Übermitteln von Codes für den Bezug der
Flugtickets und Geld erleichterte, so dass die Frauen in die Schweiz einreisen
und in den Studios von A1 als Prostituierte arbeiten konnten. Beim rechtswidri-
gen Einreisen und Verweilen sowie beim Erleichtern der rechtswidrigen Einreise
und des Verweilens handelt es sich um ein Vergehen. Die Verfolgungsverjäh-
rung beträgt 7 Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB). Das Verfahren gegen A4 wegen
mehrfacher Widerhandlungen gegen das ANAG ist somit einzustellen, soweit vor
dem 1. Dezember 2004 begangen. A4 hat sich schuldig gemacht mehrfacher
Widerhandlungen gegen das ANAG im Sinne von Art. 23 Abs. 1 und 2 ANAG.
14. Widerhandlungen gegen das ANAG (Anklagepunkt VI.3)
14.1 Die Bundesanwaltschaft wirft A5 vor, sie habe von Oktober 2003 bis August
2004, vom 28. Oktober 2004 bis 26. Januar 2005 und vom 12. April 2005 bis
3. Mai 2005 rechtswidrig in der Schweiz verweilt. Sie sei am 12. Mai 2005 unter
Umgehung einer bis 3. Mai 2007 bestehenden Einreisesperre unberechtigterwei-
se in die Schweiz eingereist und bis Oktober 2005 geblieben sowie am 28. Ja-
nuar 2006 mit falschem Pass in die Schweiz eingereist, um ohne entsprechende
Bewilligung in den Studios von A1 zu arbeiten. Sie habe von August 2004 bis
Januar 2006 in der Schweiz und in Brasilien B5, B45, B12, B4 und namentlich
nicht bekannten Frauen aus Brasilien die rechtswidrige Einreise in die Schweiz
und das rechtswidrige Verweilen in der Schweiz erleichtert und vorbereiten ge-
holfen. Sie habe dies mehrfach vorsätzlich, eventuell eventualvorsätzlich began-
gen. Das Erleichtern beziehungsweise Vorbereiten der rechtswidrigen Einreise
und des Verweilens habe sie zudem in der Absicht begangen, sich oder einen
anderen unrechtmässig zu bereichern, eventuell ohne diese Absicht.
14.2
- 98 -
14.2.1 A5 bestätigte am 25. August 2006 bei der Bundesanwaltschaft ihre bisherigen
Aussagen bei der Bundeskriminalpolizei (cl. 33 pag. 13.4.121). Sie sagte aus,
dass sie vom Oktober 2003 bis August 2004, vom 28. Oktober 2004 bis 26. Ja-
nuar 2005 und vom 12. April 2005 bis 3. Mai 2005 in der Schweiz gewesen sei.
Am 12. April 2005 sei sie in die Schweiz zurückgekehrt. Im Mai sei sie ausge-
schafft worden. Am 11. oder 12. Mai 2005 sei sie wieder in die Schweiz geflogen
und bis 13. Oktober 2006 in der Schweiz geblieben. Am 28. Januar 2006 sei sie
wieder in die Schweiz eingereist (cl. 30 pag. 13.4.12 f.; pag. 13.4.28 f.;
pag. 13.4.34; pag. 13.4.121 ff.). Bei der Einvernahme vom 11. April 2007 bestä-
tigte sie die Einreisen in die Schweiz und Aufenthalte in den Studios C3, C2 und
C1 (cl. 33 pag. 13.4.144 ff.). Die Einreisesperre-Verfügung datiert vom 4. Mai
2005 (cl. 48 pag. 18.9.99). Der Sachverhalt ist erstellt.
14.2.2 A5 sagte am 18. Mai 2006 aus, A1 habe das Geld für die Pässe überwiesen und
sie habe es den Mädchen weitergegeben (cl. 33 pag. 13.4.40). A1 habe ihr das
Geld geschickt. Sie habe dann mit den Mädchen abgemacht und sei mit ihnen
zum Passbüro gegangen um Pässe zu machen (cl. 33 pag. 13.4.59). Sie habe
die Codes für die Tickets von A4 erhalten. Sowohl das Geld für die Koffern wie
auch die Vorzeigedollars habe ihr A1 geschickt (cl. 33 pag. 13.4.60). Auf Frage,
welche Frauen sie für A1 organisiert habe, nennt sie unter anderem B5, B45,
B12 und B4 (cl. 33 pag. 13.4.83 ff.). Bei der Einvernahme vom 11. April 2007
anerkannte sie den Anklagevorwurf (cl. 33 pag. 13.4.145 ff.). B12 sagte aus, A5
habe alles für ihre Reise in die Schweiz vorbereitet. Sie habe Geld gewechselt,
Pässe und Flugtickets beschafft (cl. 24 pag. 12.12.27). B4 sagte aus, A5 habe
von Brasilien aus alles über A1 organisiert (cl. 23 pag. 12.6.26). Der Sachverhalt
ist erstellt.
14.3 In Bezug auf die rechtlichen Ausführungen zu Art. 23 Abs. 1 und 2 ANAG kann
auf Erwägung 12.3 verwiesen werden.
14.4 A5 hatte Kenntnis, dass gegen sie eine Einreisesperre bestand. Sie reiste trotz-
dem wissentlich und willentlich in die Schweiz und arbeitete hier ohne Bewilli-
gung. Dadurch hat sie in objektiver und subjektiver Hinsicht den Tatbestand von
Art. 23 Abs. 1 ANAG erfüllt. Zudem hat sie den objektiven und subjektiven Tat-
bestand von Art. 23 Abs. 2 ANAG erfüllt, da sie bewusst und in Bereicherungs-
absicht die Einreise von zahlreichen Frauen durch Übermitteln von Codes für
den Bezug der Flugtickets und Geld erleichterte, so dass die Frauen in die
Schweiz einreisen und in den Studios von A1 ohne Bewilligung als Prostituierte
arbeiten konnten. Beim rechtswidrigen Einreisen und Verweilen sowie beim Er-
leichtern der rechtswidrigen Einreise und des Verweilens handelt es sich um ein
Vergehen. Die Verfolgungsverjährung beträgt 7 Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB).
Das Verfahren gegen A5 wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das ANAG ist
- 99 -
somit einzustellen, soweit vor dem 1. Dezember 2004 begangen. A5 hat sich
schuldig gemacht wegen mehrfacher Widerhandlungen gegen das ANAG im
Sinne von Art. 23 Abs. 1 und 2 ANAG.
15. Strafzumessung
15.1
15.1.1 Die Beschuldigten haben die ihnen zur Last gelegten Delikte sowohl vor Inkraft-
treten des neuen Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches am 1. Januar 2007,
des AuG vom 11. Oktober 2011 als auch vor dem Inkrafttreten des revidierten
Art. 19 des Betäubungsmittelgesetzes am 1. Juli 2011 begangen. Ob altes oder
neues Recht anzuwenden ist, richtet sich vorliegend nach der konkret ermittelten
Sanktion. Die Frage des anwendbaren milderen Rechts ist anhand einer konkre-
ten Betrachtungsweise zu beantworten (Grundsatz der konkreten Vergleichsme-
thode). Entscheidend ist, nach welchem Recht die konkret ermittelte Sanktion
und der damit verbundene Eingriff in die persönliche Freiheit des Täters die mil-
dere ist (BGE 134 IV 82 E. 6.2.1 mit Hinweisen). Anzuwenden ist in Bezug auf
ein und dieselbe Tat nur das alte oder das neue Recht (Grundsatz der Alternati-
vität). Eine kombinierte Anwendung der beiden Rechte ist ausgeschlossen
(BGE 134 IV 82 E. 6.2.3).
15.1.2 Die Frage nach dem milderen Recht beschränkt sich damit grundsätzlich auf die
konkret ermittelten Sanktionen (Urteil des Bundesgerichts 6B_414/2009 vom
21. Juli 2009, E. 3.2). Die Eingriffsintensität wird anhand eines Stufensystems
ermittelt und ergibt sich zunächst aus der Qualität der Strafart, sodann aus den
Strafvollzugsmodalitäten, anschliessend aus dem Strafmass und letztlich aus der
Berücksichtigung allfälliger Nebenstrafen. Die Freiheitsstrafe gilt immer als ein-
schneidender als die Geldstrafe, unabhängig von den persönlichen und wirt-
schaftlichen Verhältnissen des Betroffenen. Freiheitsentziehende Massnahmen
des alten und des neuen Rechts sowie Busse und Geldstrafe sind qualitativ
gleichwertig, soweit sie unbedingt ausgesprochen werden (vgl. zum Ganzen
BGE 134 IV 82 E. 7.1–7.2.4 S. 89–92). Erst wenn sich die Entscheidung auf
einer Stufe nicht herbeiführen lässt, weil sich im konkreten Fall keine Verände-
rung der Rechtsfolgen ergibt, ist der Vergleich auf der nächsten Stufe fortzuset-
zen.
15.1.3 Nach diesen Vorgaben (E. 15.1.2) ist zunächst bei A1, A2, A4 und A5 der Ver-
gleich bezüglich des Menschenhandels anzustellen. Die im Tatzeitpunkt gelten-
de Fassung von Art. 196 Abs. 1 aStGB sah als Sanktion Zuchthaus oder Ge-
fängnis nicht unter sechs Monaten mit einer zwingend zu verbindenden Busse
(Abs. 3) vor. Aufgrund der Revision des Strafgesetzbuches besteht in der heuti-
gen Fassung von Art. 182 Abs. 1 StGB die Möglichkeit, die Freiheitsstrafe mit
- 100 -
einer Geldstrafe von maximal 360 Tagessätzen zu höchstens Fr. 3'000.– (Art. 34
Abs. 2 StGB), das heisst von höchstens Fr 1'080'000.– zu verbinden. Die Dauer
der Freiheitsstrafe beträgt in der Regel mindestens sechs Monate; die Höchst-
dauer beträgt 20 Jahre (Art. 40 Satz 1 StGB). Das neue Recht ist nur insoweit
das härtere, als eine Geldstrafe die altrechtliche Busse betragsmässig über-
steigt. Das neue Recht ist hingegen milder, indem der Anwendungsbereich des
bedingten Vollzugs einer Freiheitsstrafe auf zwei Jahre ausgedehnt und die Mög-
lichkeit einer bedingten Geldstrafe sowie das Institut der teilbedingten Strafe ein-
geführt wurde; darüber hinaus werden die subjektiven Voraussetzungen für den
bedingten Strafvollzug gesetzlich vermutet (Art. 42 Abs. 2 StGB). Da sich aber
vorliegend bei A1 eine Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren als angemessen
erweisen wird, ist das neue Recht in diesem Sinne nicht milder. Aus diesen
Gründen ist die Strafzumessung bei A1 nach dem zur Tatzeit geltenden bisheri-
gen Recht vorzunehmen. Bei A2, A4 und A5 wird sich hingegen eine Freiheits-
strafe von unter 2 Jahren als angemessen erweisen, weshalb bei ihnen das neue
Recht anzuwenden ist.
15.1.4 Bei A3 ist nach den Vorgaben (E. 15.1.2) ein Vergleich bezüglich der Geldwä-
scherei anzustellen. Die im Tatzeitpunkt geltende Fassung von Art. 305 bis
StGB
sah die Möglichkeit von Gefängnis oder Busse vor. Die kürzeste Dauer der Ge-
fängnisstrafe ist nach altem Recht drei Tage. Wo das Gesetz nicht ausdrücklich
anderes bestimmt, ist die längste Dauer drei Jahre (Art. 36 aStGB). Aufgrund der
Revision des Strafgesetzbuches besteht in der heutigen Fassung von Art. 305 bis
StGB die Möglichkeit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstra-
fe. Da sich bei A3 eine pekuniäre Sanktion als angemessen erweisen wird, ist
das neue Recht anzuwenden.
15.2
15.2.1 a) Gemäss Art. 63 aStGB misst der Richter die Strafe nach dem Verschulden
des Täters zu; er berücksichtigt die Beweggründe, das Vorleben und die persön-
lichen Verhältnisse.
Nach der Praxis des Bundesgerichts zum alten Allgemeinen Teil des Strafge-
setzbuches (vgl. den Grundsatzentscheid BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114, der zwi-
schenzeitlich mehrmals bestätigt wurde [BGE 129 IV 6 E. 6.1; 123 IV 150 E. 2a;
121 IV 193 E. 2a; 120 IV 136 E. 3a]) bezieht sich der Begriff des Verschuldens
im Sinne von Art. 63 aStGB auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der
konkreten Straftat. Im Rahmen der Tatkomponente sind insbesondere folgende
Faktoren zu beachten: Das Ausmass des verschuldeten Erfolges, die Art und
Weise der Herbeiführung dieses Erfolges; die Willensrichtung, mit welcher der
Täter gehandelt hat, und die Beweggründe des Schuldigen. Die Täterkomponen-
te umfasst das Vorleben, die persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten
- 101 -
nach der Tat und im Strafverfahren, beispielsweise Reue, Einsicht, ferner die
Strafempfindlichkeit.
b) Das neue, auf den 1. Januar 2007 in Kraft getretene Recht bringt gegenüber
der Rechtsprechung zu Art. 63 aStGB (E. 16.2.1 a) materiell keine Änderungen.
Das neue Recht übernimmt nach dem Willen des Gesetzgebers, was bisher ge-
mäss Rechtsprechung für die Verschuldensfeststellung und die Strafzumessung
zu berücksichtigen war. Insoweit nennt Art. 47 Abs. 2 StGB die Verschuldenskri-
terien der bisherigen Praxis ausdrücklich und Abs. 1 bestimmt explizit, dass für
die Zumessung der Strafe auch deren Auswirkungen auf das Leben des Täters
(Strafempfindlichkeit und Spezialprävention) zu berücksichtigen ist: Gemäss
Art. 47 Abs. 1 StGB misst das Gericht die Strafe nach dem Verschulden des Tä-
ters zu. Es berücksichtigt das Vorleben, die persönlichen Verhältnisse sowie die
Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters. Das Verschulden wird nach der
Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der
Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie
danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen
in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Abs. 2).
15.2.2 Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für
mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der
schwersten Tat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass der
angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es an das
gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB; Art. 68
Abs. 1 aStGB).
15.2.3 Bei der Bildung der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB (Art. 68 Abs. 1
aStGB) ist nach der Rechtsprechung vorab der Strafrahmen für die schwerste
Tat zu bestimmen und alsdann die Einsatzstrafe für die schwerste Tat innerhalb
dieses Strafrahmens festzusetzen. Schliesslich ist die Einsatzstrafe unter Einbe-
zug der anderen Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips angemessen
zu erhöhen. Der Richter hat mithin in einem ersten Schritt, unter Einbezug aller
straferhöhenden und strafmindernden Umstände, gedanklich die Einsatzstrafe
für das schwerste Delikt festzulegen. In einem zweiten Schritt hat er diese
Einsatzstrafe unter Einbezug der anderen Straftaten zu einer Gesamtstrafe zu
erhöhen, wobei er ebenfalls den jeweiligen Umständen Rechnung zu tragen hat
(Urteil des Bundesgerichts 6B_218/2010 vom 8. Juni 2010, E. 2.1 mit zahlrei-
chen Verweisungen).
15.2.4 Das Asperationsprinzip kommt nur bei mehreren gleichartigen Strafarten zum
Zug (ACKERMANN, Basler Kommentar, 2. Aufl., Basel 2007, Art. 49 StGB N. 38).
Ungleichartige Strafen sind nebeneinander auszufällen (Urteil des Bundesge-
richts 6B_172/2009 vom 29. Oktober 2009, E. 4). Das gilt auch nach altem
Recht.
- 102 -
15.3 A1
15.3.1 A1 ist der mehrfachen Förderung der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 3
StGB (Anklagepunkte A.I.3 und 4), des mehrfachen Menschenhandels im Sinne
von Art. 196 Abs. 1 aStGB, der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen
das BetmG im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. g i.V.m. Abs. 2 lit. a BetmG, der mehr-
fachen Geldwäscherei im Sinne von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB sowie der mehrfa-
chen Widerhandlung gegen das ANAG im Sinne von Art. 23 Abs. 1, 2 und 4
ANAG schuldig befunden worden. Die Tatmehrheit wirkt strafschärfend. Andere
Strafschärfungsgründe sind nicht ersichtlich. Der fakultative Strafmilderungs-
grund von Art. 19 Abs. 3 lit. a BetmG findet vorliegend minimal Anwendung, da
A1 bei der Vermittlung der Drogen lediglich einen Gefälligkeitsdienst leistete.
Die Strafandrohung von Art. 195 Abs. 3 StGB lautet auf Freiheitsstrafe bis zu
zehn Jahren oder Geldstrafe, diejenige von Art. 196 Abs. 1 aStGB auf Zuchthaus
(20 Jahre) oder Gefängnis nicht unter sechs Monaten und einer Busse, diejenige
von Art. 19 Abs. 1 lit. g i.V.m. Abs. 2 lit. a BetmG auf Freiheitsstrafe nicht unter
einem Jahr bis zum gesetzlich festgelegten Höchstmass für Freiheitsstrafe
(20 Jahre), womit eine Geldstrafe verbunden werden kann, jedoch gestützt auf
Art. 19 Abs. 3 lit. a BetmG eine Strafmilderung möglich ist, wonach der Richter
an die Strafart und das Strafmass, die für Verbrechen oder Vergehen angedroht
sind, nicht gebunden ist (Art. 66 Abs. 1 aStGB), diejenige von Art. 305 bis
Ziff. 1
StGB auf Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, diejenige von Art. 23
Abs. 1 ANAG auf Gefängnis bis zu sechs Monaten und einer fakultativen Busse
bis zu Fr. 10'000.–, diejenige von Art. 23 Abs. 2 ANAG auf Gefängnis und Busse
bis zu Fr. 100'000.– und diejenige von Art. 23 Abs. 4 Satz 1 ANAG, zusätzlich zu
einer allfälligen Bestrafung nach Abs. 1, für jeden rechtswidrig beschäftigten
Ausländer auf Busse bis zu Fr. 5'000.–. Der Menschenhandel ist die am
schwersten wiegende Tat und somit Ausgangspunkt der Strafzumessung. Der
Strafrahmen umfasst somit eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu
20 Jahren und zwingend eine Busse.
15.3.2 Hinsichtlich der Tatkomponente ist erwiesen, dass A1 während rund vier Jahren
eine Vielzahl von verschiedenen Delikten im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit
im Rotlichtmilieu verübte. Am meisten Gewicht kommt dem Menschenhandel
und der Förderung der Prostitution zu. A1 war die treibende Kraft und Hauptprofi-
teur seines Geschäftes mit der „Handelsware Mensch“. Dabei ging er äusserst
planmässig und professionell vor. Er hat Strukturen geschaffen, welche ihn nach
aussen hin als Vermieter von Häusern erscheinen liessen. Er nahm aber beim
Prostitutionsgeschäft die absolut tragende Rolle ein, da ohne sein Know-how das
Geschäftsmodell nicht funktioniert hätte. "Er war der grosse Chef..." (cl. 79
pag. 28.0054). Die Art und Weise der Tatausführung war raffiniert organisiert,
was die gezielte Rollenverteilung mit den Studioverantwortlichen belegt. Er in-
struierte A2, A4 und A5, wie diese die Prostituierten zu kontrollieren hatten. Er di-
- 103 -
rigierte den Geschäftsablauf in seinen Studios und profitierte durch die Ausbeu-
tung der Frauen finanziell am meisten. Sein erniedrigendes und durch nichts zu
rechtfertigendes Schuldenabbausystem war äussert verwerflich. Dadurch hat er
die Frauen schamlos ausgebeutet. A1 wusste genau, dass ihm die vorwiegend
nicht gebildeten, sprachunkundigen und mittellosen Frauen aus Brasilien durch
das Schuldenabbausystem hilflos ausgeliefert waren und von ihm finanziell ab-
hängig wurden. Dies verleiht seiner Vorgehensweise eine besonders perfide No-
te. Ihm war als langjähriger Bordellbetreiber bewusst, dass er mit diesem Vorge-
hen die Notlage der Frauen ausnutzte und die Grenzen des Erlaubten längst hin-
ter sich gelassen hatte. Dieses Verhalten ist in hohem Mass menschenverach-
tend und zeugt von einer erheblichen kriminellen Energie. Sein übriges Verhalten
gegenüber den Frauen war sehr erniedrigend, da er zumindest einige von ihnen
gezielt von der Aussenwelt abschottete. Um zu verhindern, dass seine illegalen
Machenschaften entdeckt wurden, gab er den Frauen strikte Anweisungen, wie
sie sich im Falle von Kontrollen zu verhalten hätten. Er hat veranlasst, dass die
jungen Frauen mit Touristenvisum und Vorzeigegeld in die Schweiz reisen konn-
ten. In seinen Studios hat er sie unter sklavenähnlichen Bedingungen ohne Be-
willigung und unter ständiger Aufsicht der Prostitution nachgehen lassen, wobei
es ihm völlig egal war, dass einige von ihnen wegen Widerhandlungen gegen
das Ausländerrecht bestraft wurden. Insgesamt lebte die Mehrheit der Frauen in
grosser seelischer Not. Der verschuldete Erfolg wiegt schwer. Sein Beweggrund
war rein egoistisch und profitorientiert. Insgesamt ist sein Verhalten gegenüber
den Prostituierten abstossend, was sich deutlich straferhöhend auswirkt. Die
ANAG-Delikte sowie die Geldwäscherei im Zusammenhang mit den Bordellgel-
dern hängen als Begleitdelikte mit seinen Studios zusammen, weshalb diese im
Rahmen der Strafzumessung kein grosses Gewicht haben. Bei der Geldfäl-
schung fällt bezeichnenderweise auf, dass er nicht einmal Bedenken hatte, sei-
nen Schwager dazu anzustiften, was negative Rückschlüsse auf seinen Charak-
ter zulässt. Lediglich leicht straferhöhend wirken sich die Drogendelikte aus, da
er nicht aus eigennütziger und profitorientierter Motivation handelte. Lediglich
minimal strafmindernd ist der Einsatz des verdeckten Ermittlers zu würdigen. Im
Lichte dieser Faktoren liegt ein erhebliches Verschulden vor.
15.3.3 a) Was die persönlichen Verhältnisse betrifft, so führte A1 vor seiner Tätigkeit als
Bordellbetreiber ein unauffälliges Leben (cl. 30 pag. 13.1.496; cl. 47
pag. 18.7.65–66; cl. 138 pag. 138.251.7–9; cl. 138 pag. 138.930.2–5). Er wurde
im Kanton Solothurn geboren. Er hat Schwestern und Brüder. Er besuchte 8 Jah-
re die Schule und hat im Jahre K11 erfolgreich die Metzgerlehre abgeschlossen.
Anschliessend absolvierte er eine Kochlehre und arbeitete dann in einer Metzge-
rei. Die RS absolvierte er bei den Versorgungstruppen. Danach arbeitete er als
Koch und anschliessend in verschiedenen Metzgereibetrieben. In einem dieser
Betriebe hat er seine Frau kennengelernt. Von 1983 bis 1994 hat er selbständig
- 104 -
mit seiner Frau eine Metzgerei geführt. Die Metzgerei musste er aus finanziellen
Gründen aufgeben. Ab anfangs 1995 bis 1996 war er im Aussendienst für die
Firma C36 in D12 tätig. Während dieser Zeit hat er damit begonnen, im Bereich
der Prostitution Wohnungen zu mieten und zu vermieten. A1 heiratete im Jahre
K12. Seit 1995 wohnt er mit der Familie in D7 bei D2. Das Verhältnis zu seinen
Kindern ist gut. Er lebt mit seiner Ehefrau zusammen. Er ist Mitglied eines Ver-
eins in D2.
Er war nach der Untersuchungshaft in psychiatrischer Behandlung. Bei der Ver-
handlung sagte er aus, er habe keine gesundheitlichen Probleme mehr. Gemäss
Strafregisterauszug vom 12. Mai 2011 (cl. 138 pag. 138.231.3 f.) wurde A1 mit
Entscheid des Obergerichts des Kantons Solothurn vom 28. Januar 2005 wegen
gewerbsmässiger Hehlerei zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten, bedingt
vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt. Am 6. März 2006 wurde
er von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn wegen Vergehen gegen
das Waffengesetz, zu einer Busse von Fr 100.–, bedingt vollziehbar mit einer
Probezeit von 1 Jahr, verurteilt, dies als Zusatzstrafe zum vorerwähnten Urteil.
Am 15. Januar 2008 wurde er von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn
wegen Fahren in fahrunfähigem Zustand zu einer Geldstrafe von 15 Tagessät-
zen zu Fr. 30.–, bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren, und einer
Busse von Fr. 400.–, verurteilt.
Die finanziellen Verhältnisse präsentieren sich wie folgt: Gemäss Steuererklä-
rung 2009 hat A1 keine Einkünfte aus unselbständiger Erwerbstätigkeit (cl. 138
pag. 138.271.39). Er arbeitet im Mandatsverhältnis für einen Kollegen und bei
Bauern als Metzger und wird für diese Tätigkeiten in Naturalien entlöhnt. Er wird
nicht vom Sozialamt unterstützt und erhält keine Renten oder Zusatzleistungen.
Die Familie lebt hauptsächlich vom Einkommen der Ehefrau von A1. Dieses be-
trägt laut Lohnausweis und Steuererklärung 2009 netto Fr. 34'012.– jährlich (cl.
138 pag. 138.271.39, 48). Die Krankenkasse beträgt Fr. 200.–. A1 hat gemäss
eigener Auskunft kein Vermögen, aber Schulden, die er nicht beziffern konnte
(cl. 138 pag. 138.930.2–4).
b) Die Vorstrafen wirken sich straferhöhend aus. Dem Angeklagten ist demge-
genüber zu Gute zu halten, dass der Führungsbericht zu keinen Beanstandun-
gen Anlass gibt (cl. 138 pag. 138.251.5): Das Vorleben ist im Übrigen weder
strafmindernd noch –erhöhend zu berücksichtigen, da A1 keine aussergewöhnli-
chen Erschwernisse in der Jugend und Ausbildung hatte. A1 hat das illegale
Prostitutionsgeschäft stets kategorisch abgestritten. Er zeigte über Jahre absolut
keine Einsicht und versuchte vielmehr sämtliche Straftaten zu bagatellisieren. Es
ist ihm deshalb nicht zu glauben, wenn er erst beim Schlusswort zu Protokoll
gibt, dass er sich bei allen Betroffenen ausdrücklich entschuldigen möchte, dass
sie wegen ihm leiden mussten (cl. 138 pag. 138.920.33). Schliesslich verkennt er
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mit seiner Einschätzung, dass zahlreiche Frauen die erniedrigenden Erlebnisse
in seinen Studios bei Weitem noch nicht verarbeitet haben (E. 18.5.3).
15.3.4 Für die mit Freiheits- oder Geldstrafe (bzw. Busse) bedrohten Delikte ist nach
dem Gesagten eine Gesamtstrafe auszufällen. Der Menschenhandel ist die
schwerste Tat und damit Ausgangspunkt für die Strafzumessung. Unter Einbe-
zug aller straferhöhenden und –mindernden (lediglich Führungsbericht) Umstän-
de scheint eine Einsatzstrafe von 3 Jahren und eine Busse von Fr. 5'000.– an-
gemessen. Die mehrfache Tatbegehung, die mehrfache Förderung der Prostitu-
tion in zwei Anklagepunkten, die mehrfache qualifizierte Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz, die mehrfache Geldwäscherei sowie die mehrfa-
chen Widerhandlungen gegen das ANAG bilden Grund zu angemessener Erhö-
hung der Strafe. Die Straferhöhung wegen der mehrfachen Förderung der Prosti-
tution muss aufgrund der zahlreichen Frauen, welche der Prostitution zugeführt
wurden, sowie dem langen Deliktszeitraum erheblich ausfallen.
15.3.5 Hat das Gericht eine Tat zu beurteilen, die der Täter begangen hat, bevor er we-
gen einer anderen Tat verurteilt worden ist, so bestimmt es die Zusatzstrafe in
der Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als wenn die strafbaren
Handlungen gleichzeitig beurteilt worden wären (49 Abs. 2 StGB, Art. 68 Abs. 2
aStGB). Der erste Entscheid bleibt hinsichtlich Strafdauer sowie Straf- und Voll-
zugsart unabänderlich, da er in Rechtskraft erwachsen ist; das die Zusatzstrafe
ausfällende Gericht kann aber im Rahmen der massgebenden gesetzlichen Vor-
schriften bei der gedanklichen Bestimmung der Gesamtstrafe eine andere Straf-
art und Vollzugsart wählen. Das Gericht hat darüber im Rahmen der gesetzli-
chen Bestimmungen nach seinem eigenen Ermessen zu befinden und sich zu
fragen, welche Strafe es im Falle einer gleichzeitigen Verurteilung in Anwendung
von Art 49 Abs. 1 StGB (Art. 68 Abs. 1 aStGB) ausgesprochen hätte (BGE 133
IV 150 E. 5.2.1). Ausgehend von dieser hypothetischen Gesamtbewertung be-
misst es anschliessend unter Beachtung der rechtskräftigen Grundstrafe die Zu-
satzstrafe (BGE 133 a.a.O; 109 IV 90 E. 2d). Die Dauer der Zusatzstrafe für die
neu zu beurteilenden Straftaten ergibt sich aus der Differenz zwischen der hypo-
thetischen Gesamtstrafe und der Grundstrafe (BGE 132 IV 102 E. 8.2).
15.3.6 Bei der Beurteilung von Straftaten, welche der Täter teils vor und teils nach einer
früheren Verurteilung begangen hat, liegt zum einen die Rechtsfigur der retro-
spektiven Konkurrenz vor (E. 15.3.5), zum anderen gewöhnliche Konkurrenz mit
einer oder mehreren neuen Taten. Allerdings „sind die Straftaten vor und jene
nach einer früheren Verurteilung indes nicht getrennt zu beurteilen und dann zu
kumulieren. Es ist vielmehr auch hier eine Gesamtstrafe zu bilden, wobei für die
Berechnung Tatgruppen gebildet werden, teilweise als Zusatzstrafe zum frühe-
ren Urteil“ (ACKERMANN, a.a.O., Art. 49 StGB N. 76 mit Hinweisen). „Bei der Bil-
dung der Gesamtstrafe mit Blick auf Taten, die teils vor und teils nach der frühe-
ren Verurteilung verübt wurden, sind zwei Konstellationen zu unterscheiden: Ist
- 106 -
die vor der früheren Verurteilung begangene Straftat schwerer als die nachher
begangene, ist die Dauer der für die frühere schwerste Straftat auszusprechende
Zusatzstrafe unter Berücksichtigung der späteren Tat angemessen zu erhöhen.
Ist dagegen die nach der früheren Verurteilung verübte Straftat die schwerere, so
ist von der für diese Tat verwirkten Strafe auszugehen und deren Dauer wegen
der vor der ersten Verurteilung begangenen Tat angemessen zu erhöhen, und
zwar unter Berücksichtigung des Umstandes, dass für die frühere Tat eine –
hypothetische – Zusatzstrafe auszufällen ist“ (ACKERMANN, a.a.O., Art. 49 StGB
N. 77, mit Nachweis der Bundesgerichtspraxis; vgl. TRECHSEL/AFFOLTER-
EIJSTEN, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, St. Gallen 2008,
Art. 49 StGB N. 20). Die Erhöhung um die Zusatzstrafe erfolgt nach der Strafzu-
messungsregel von Art. 68 Abs. 1 aStGB (Art. 49 Abs. 1 StGB). Es kann daher
die Zusatzstrafe nicht einfach zur selbständigen Strafe für die späteren Straftaten
hinzugezählt werden (Kumulation), sondern letztere muss angemessen und nach
Massgabe der Zusatzstrafen erhöht und so die Gesamtstrafe gebildet werden
(Asperationsprinzip; so Urteil des Bundesgerichts 6S.22/2006 vom 7. April 2006,
E. 4.2.1). Dabei soll die Erhöhung umso geringer ausfallen, je enger der zeitli-
che, sachliche und situative Zusammenhang unter den Einzeltaten und je stärker
ihre tätersubjektive Basis ist (ACKERMANN, a.a.O., Art. 49 StGB N. 49). Bei meh-
reren Taten vor und nach einer früheren Verurteilung muss das Gericht zunächst
„eine hypothetische Gesamtstrafe für die nach der Verurteilung begangenen Ta-
ten festsetzen und alsdann eine hypothetische Gesamtstrafe für die vor der Ver-
urteilung begangenen Taten. Die für die vor der Verurteilung begangenen Taten
auszufällende Zusatzstrafe ergibt sich aus der Differenz der hypothetischen Ge-
samtstrafe und der bereits ausgefällten Strafe“ (ACKERMANN, a.a.O., Art. 49
StGB N. 77, mit Verweisungen).
15.3.7 A1 wurde am 28. Januar 2005 vom Obergericht des Kantons Solothurn wegen
gewerbsmässiger Hehlerei zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten, bedingt
vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt. Das Urteil ist in Rechts-
kraft erwachsen. Er hat die heute zu beurteilenden Straftaten teils vor, teils
mehrheitlich nach diesem Urteil begangen, so dass eine partielle Zusatzstrafe zu
fällen ist.
Im Falle der gleichzeitigen Beurteilung würde der mehrfache Menschenhandel
die schwerste Tat mit der höchsten verwirkten Ausgangsstrafe darstellen, die in-
folge der mehrfachen Förderung der Prostitution, der mehrfachen qualifizierten
Widerhandlung gegen das BetmG, der mehrfachen Geldwäscherei sowie der
mehrfachen Widerhandlung gegen das ANAG angemessen zu erhöhen wäre
(Art. 68 Abs. 1 aStGB). Dabei hängen der mehrfache Menschenhandel und die
mehrfache Förderung der Prostitution im Tatmuster auf das Engste zusammen
und entspringen einem analogen Handlungsimpuls; die ANAG Delikte, die Geld-
fälschung und die Geldwäscherei betreffend des Geldes aus den Bordellen sind
- 107 -
reine Begleittaten. A1 hat den mehrfachen Menschenhandel sowie die mehrfa-
che Förderung der Prostitution in der Zeit von Mitte 2001 bis Ende März 2006
begangen. Die meisten Delikte beging er ab anfangs 2005. Rund 1/5 bis 1/6 die-
ser Delikte fallen in die Zeit vor der Grundstrafe. Nach dem Urteil des Kantons
Solothurn beging er die restlichen Delikte aus dem Menschenhandel und der
Förderung der Prostitution, die mehrfache Widerhandlung gegen das BetmG, die
mehrfache Geldwäscherei sowie die mehrfache Widerhandlung gegen das
ANAG. Der Tatkomplex nach dem Urteil des Kantons Solothurn ist aufgrund der
Vielzahl der Delikte insgesamt schwerer wiegend.
Ausgangspunkt der Strafzumessung bildet somit die hier zu ahndende Tatgruppe
nach der ersten Verurteilung, darunter als schwerste Tat der mehrfache Men-
schenhandel. In Ansehung der Strafzumessungsfaktoren (E. 15.3) und unter Be-
rücksichtigung des Asperationsprinzips ist für die Delikte nach der ersten Verur-
teilung eine hypothetische Gesamtstrafe von 3 1⁄2 Jahren und einer Busse von
Fr. 5'000.– angemessen.
Bei gleichzeitiger Beurteilung der Taten vor der ersten Verurteilung würde der
mehrfache Menschenhandel die schwerste Tat darstellen, deren Strafdauer in-
folge der mehrfachen Förderung der Prostitution und der Verurteilung wegen
gewerbsmässiger Hehlerei durch den Kanton Solothurn in Anwendung des
Asperationsprinzips angemessen zu erhöhen wäre. Die gewerbsmässige Hehle-
rei ist zwar nicht zu verharmlosen; jedoch kommt diesem Verbrechen im Ver-
gleich zum Menschenhandel und zur Förderung der Prostitution nur eine unter-
geordnete Bedeutung zu. In Berücksichtigung dessen und der Zumessungsfakto-
ren für die heute beurteilten Delikte (E. 15.3) ist eine hypothetische Gesamtstrafe
für alle vor der früheren Verurteilung begangenen Taten von 2 1⁄2 Jahren und ei-
ner Busse von Fr. 5'000.– angemessen; das ergibt eine hypothetische Zusatz-
strafe von rund 2 Jahren und 3 Monaten und einer Busse von Fr. 5'000.–.
15.3.8 Nunmehr ist die hypothetische Gesamtstrafe für die Taten nach dem Urteil des
Kantons Solothurn wegen der vorher begangenen durch Asperation zu erhöhen.
Bei der Festsetzung der konkreten Sanktion ist eine Strafzumessung erforder-
lich, die alle wesentlichen Umstände berücksichtigt, wobei der Richter sein
pflichtgemässes Ermessen auszuüben und gleichzeitig die klaren gesetzlichen
Schranken zu berücksichtigen hat (Urteil des Bundesgerichts 6B_560/2007 vom
21. Januar 2008, E. 2.1.4). Die Erhöhung der Strafe durch Asperation hat vorlie-
gend geringer als üblich auszufallen, da der sachliche und situative Zusammen-
hang zwischen den Einzeltaten eng ist. In Ansehung des Gewichtes der Taten
und der subjektiven Elemente führt dies vorliegend zu einer Freiheitsstrafe von
4 1⁄2 Jahren und einer Busse von Fr. 10'000.–, wobei für die Busse eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 3 Monaten zu bestimmen ist. Die ausgestandene Untersu-
chungshaft von 487 Tagen ist anzurechnen. Die Strafe ist durch den Kanton So-
lothurn zu vollziehen.
- 108 -
15.3.9 Nach dem Gesagten ist A1 mit einer Freiheitsstrafe von 4 1⁄2 Jahren zu bestrafen,
unter Anrechnung von 487 Tagen Untersuchungshaft, teilweise als Zusatzstrafe
zum Urteil des Obergerichtes des Kantons Solothurn vom 28. Januar 2005, so-
wie einer Busse von Fr. 10'000.–, für welche eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Mo-
naten zu bestimmen ist. Die Strafe ist durch den Kanton Solothurn zu vollziehen.
15.4 A2
15.4.1 A2 ist der mehrfachen Förderung der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 3
StGB (Anklagepunkte A.III. 1 und 2) sowie des mehrfachen Menschenhandels
gemäss Art. 196 Abs. 1 aStGB (Anklagepunkt A.III. 3) schuldig befunden wor-
den. Die Tatmehrheit wirkt sich strafschärfend aus. Andere Strafschärfungsgrün-
de sind nicht ersichtlich, ebenso wenig Strafmilderungsgründe.
In Bezug auf die Strafandrohungen für den Menschenhandel und die Förderung
der Prostitution sowie den Strafrahmen kann auf Erwägung 15.3.1 verwiesen
werden.
15.4.2 Hinsichtlich der Tatkomponente ist erwiesen, dass A2 über die lange Zeit von
Juni 2001 bis Ende 2004 die Studioverantwortliche im Studio C3 war. Sie war die
„rechte Hand“ (bzw. „...die Frontperson, die alles regeln musste.“ [cl. 22
pag. 12.2.13]) von A1. Sie gewährleistete den reibungslosen Ablauf des illegalen
Prostitutionsgeschäfts. Gegen aussen war sie die vorgeschobene Mieterin. Sie
war in die illegalen Geschäftspraktiken von A1 involviert und hat von der Ausbeu-
tung der betroffenen Frauen ebenfalls finanziell profitiert. Für ihre Oberaufsicht
im Salon bekam sie von A1 Fr. 200.– pro Tag, was eindrücklich belegt, welchen
wichtigen Stellenwert sie im inkriminierten Geschäftsmodell innehatte. Sie hatte
Kenntnis vom illegalen Schuldenabbausystem, da sie den Prostituierten das
Geld abnahm und es A1 gab (cl. 138 pag. 138.930.67). Ihr war bewusst, dass
die Frauen durch das Schuldenabbausystem auf menschenunwürdige Weise
ausgebeutet wurden. Sie empfand das System sogar selber als ungerecht. Ge-
rade deshalb wäre es ihr zuzumuten gewesen, aus dem Bordellbetrieb auszu-
steigen. Sie erniedrigte die im Studio tätigen Frauen, indem sie sie anschrie. Ihre
Kontakte zu Brasilien haben massgeblich dazu beigetragen, dass über 20 (cl. 22
pag. 12.1.3 ff. – cl. 33 pag. 13.4.113) nicht gebildete, sprachunkundige und mit-
tellose Frauen teilweise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – so das Ver-
sprechen, als Kindermädchen arbeiten zu können (cl. 22 pag. 12.1.3) – als Pros-
tituierte in die Studios A1s kamen und durch das auferlegte Schuldenabbausys-
tem in ein finanzielles Abhängigkeitsverhältnis gerieten. A2s Beweggrund war
rein finanziell und egoistisch motiviert. Ihr Verhalten zeugt von einer erheblichen
kriminellen Energie. Lediglich sehr leicht strafmindernd ist der Einsatz des ver-
deckten Ermittlers zu berücksichtigen. Das Verschulden ist insgesamt nicht mehr
leicht.
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15.4.3 a) Was die persönlichen Verhältnisse betrifft, so führte A2 ein unauffälliges Le-
ben (cl. 34 pag. 13.5.121–127; cl. 34 pag. 13.5.134–138; cl. 138 pag. 138.252.5–
6; cl. 138 pag. 138.930.19–22). Sie wurde in Kap Verden/CV geboren. Sie hat
vier Geschwister. Sie hatte eine glückliche Kindheit. Nach der Schule machte sie
während zwei Jahren eine Lehrerinnenausbildung, welche sie aber nicht ab-
schloss. Sie zog dann mit ihrem ersten Mann und den zwei gemeinsamen Kin-
dern nach Portugal. Danach hat sie in mehreren Ländern in Europa im Gastge-
werbe gearbeitet. 1984 kam sie in die Schweiz und arbeitete als Zimmermäd-
chen. Ab 1986 arbeitete sie im Kanton Solothurn zuerst in Fabriken, und dann ab
1992 mehrheitlich im Gastgewerbe. 1986 heiratete sie. Seit 2002 ist sie geschie-
den. An der Hauptverhandlung vom 8. Juni 2011 sagte sie aus, dass sie seit drei
Monaten mit ihrem Partner zusammen lebt.
Gemäss Strafregisterauszug vom 12. Mai 2011 (cl. 138 pag. 138.232.3) ist A2
einschlägig vorbestraft, so wurde sie mit Entscheid des Amtsgerichtspräsidenten
Thal-Gäu vom 8. Mai 2007 wegen mehrfachen Erleichterns des rechtswidrigen
Aufenthaltes, mehrfacher vorsätzlicher Beschäftigung eines Ausländers ohne
Bewilligung und Vergehen gegen das Waffengesetz zu einer Geldstrafe von 50
Tagessätzen zu Fr. 30.–, bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von 3 Jahren,
und einer Busse von Fr. 2000.–, bestraft.
Die finanziellen Verhältnisse gestalten sich wie folgt: Gemäss Steuererklärung
2009 (cl. 138 pag. 138.272.20–23) hat sie kein Einkommen aus Erwerbstätigkeit.
Sie ist arbeitslos und erhält eine Arbeitslosenentschädigung von monatlich
Fr. 1'380.–. Sie erhält keine Unterhaltsbeiträge von ihrem Ex-Mann. Sie bezahlt
die Wohnung mit ihrem Lebenspartner hälftig. Die Krankenkasse bezahlt das
Sozialamt. Sie hat kein Vermögen, aber nach eigenen Angaben Schulden von
Fr. 100'000.–.
b) Die Vorstrafe wirkt sich straferhöhend aus. Das Vorleben fällt ansonsten we-
der strafmindernd noch –erhöhend ins Gewicht, da A2 keine aussergewöhnli-
chen Erschwernisse im Leben und der Ausbildung hatte. Zugunsten von A2
spricht, dass sie sich seit mehr als sechs Jahren klaglos verhalten hat. Zu ihren
Taten verhält sie sich neutral und sie zeigt keine spezielle Reue.
15.4.4 Für die mit Freiheits- oder Geldstrafe (bzw. Busse) bedrohten Delikte ist nach
dem Gesagten eine Gesamtstrafe auszufällen. Der Menschenhandel ist die
schwerste Tat und damit Ausgangspunkt für die Strafzumessung. Unter Einbe-
zug der Strafzumessungsfaktoren erscheint eine Einsatzstrafe von 12 Monaten
und eine Busse von Fr. 1'000.– angemessen. Die mehrfache Tatbegehung sowie
die mehrfache Förderung der Prostitution in zwei Anklagepunkten bilden Grund
zu angemessener Erhöhung der Strafe. Aufgrund der Gesamtwürdigung aller
genannter Faktoren ist bei A2 eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten und eine
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Busse von Fr. 1'000.– angemessen, für welche eine Ersatzfreiheitsstrafe von 30
Tagen zu bestimmen ist.
15.4.5 Die objektiven Grenzen des bedingten Strafvollzugs (Art. 42 Abs. 1 StGB) sind
nach dem Gesagten nicht überschritten.
15.4.6 Die subjektiven Voraussetzungen des bedingten Strafvollzugs sind erfüllt, wenn
eine unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Bege-
hung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten. Die Gewährung setzt nach
neuem Recht nicht mehr die positive Erwartung voraus, der Täter werde sich
bewähren, sondern es genügt die Abwesenheit der Befürchtung, dass er sich
nicht bewähren werde. Der Strafaufschub ist deshalb die Regel, von der grund-
sätzlich nur bei ungünstiger Prognose abgewichen werden darf; er hat im breiten
Mittelfeld der Ungewissheit den Vorrang (Botschaft zur Änderung des Schweize-
rischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes sowie zu einem Bundes-
gesetz über das Jugendstrafrecht vom 21. September 1998, BBl 1999 S. 1979,
2049; BGE 134 IV 82 E. 4.2; 134 IV 1 E. 4.4.2). Bei der Prüfung, ob der Verurteil-
te für ein dauerndes Wohlverhalten Gewähr bietet, ist eine Gesamtwürdigung al-
ler wesentlichen Umstände vorzunehmen, namentlich der Tatumstände und der
Täterpersönlichkeit sowie aller wesentlichen weiteren Tatsachen, die gültige
Schlüsse auf den Charakter des Täters und die Aussichten seiner Bewährung
zulassen (BGE 134 IV 1 E. 4.2.1).
Es sind keine Gründe ersichtlich, welche bezweifeln liessen, dass A2 sich auch
zukünftig dauernd wohl verhalten werde. Sie lebt mit einem Lebenspartner und
hat Kinder. Aus den Akten sind keine Hinweise auf eine allgemeine Neigung zu
regelmässigem verantwortungslosem Verhalten ersichtlich. Die Taten, die der
Vorstrafe zugrunde liegen, beging sie vor über sechs Jahren unmittelbar nach
dem Ausstieg aus A1s Salon. Dadurch sind die Taten zwar nicht zu bagatellisie-
ren, aber als solche lassen sie nicht per se auf einen heutigen Charaktermangel
der Beschuldigten schliessen. Jedenfalls sind wegen der Vorstrafe die strenge-
ren Voraussetzungen an eine günstige Prognose gemäss Art. 42 Abs. 2 StGB
nicht gegeben. Letztlich hat ihr Verhalten nach dem Urteil des Amtsgerichtsprä-
sidenten Thal-Gäu 8. Mai 2007 gezeigt, dass sie von ihrem kriminellen Verhalten
Abstand genommen hat. Seither hat sie sich wohl verhalten und ist offensichtlich
gewillt, ihrem Leben eine positive Wendung zu geben. Insgesamt bestehen keine
Anzeichen für eine negative Bewährungsprognose.
15.4.7 A2 ist mit einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten zu bestrafen, bedingt vollziehbar
mit einer Probezeit von 2 Jahren, unter Anrechnung von 30 Tagen Untersu-
chungshaft, sowie einer Busse von Fr. 1'000.–, für welche eine Ersatzfreiheits-
strafe von 30 Tagen zu bestimmen ist.
15.5 A3
- 111 -
15.5.1 A3 ist der Geldwäscherei im Sinne von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB schuldig befunden
worden.
Die Strafdrohung von Art. 305 bis
Ziff. 1 StGB lautet auf Freiheitsstrafe bis zu drei
Jahren oder Geldstrafe.
15.5.2 Hinsichtlich der Tatkomponente ist erwiesen, dass A3 als jahrelanger Freund von
A1 diesem mit der Geldwäsche einen Gefälligkeitsdienst erwies. Als enger Ver-
trauter von A1 kannte er die illegale Herkunft des Geldes. Er hat das von A1 initi-
ierte illegale Geschäft zielgerichtet mitgetragen. Die Art und Weise der Vorge-
hensweise war geschickt, indem er das Geld bei verschiedenen Banken wech-
selte, was aber letztlich auf die Idee von A1 zurückzuführen war. Das Ausmass
des verschuldeten Erfolges ist angesichts der geringen Wechselsumme eher
klein. Lediglich leicht strafmindernd ist der Einsatz des verdeckten Ermittlers zu
berücksichtigen. Die kriminelle Energie und das Verschulden sind insgesamt ge-
ring.
15.5.3 a) Was die persönlichen Verhältnisse betrifft, so führte A3 ein unauffälliges Le-
ben (cl. 31 pag. 13.2.133–139; cl. 47 pag. 18.7.67–68; cl. 138 pag. 138.930.24–
26; cl. 138 pag. 138.233.3; cl. 138 pag. 138.253.6–8). A3 wurde in D2 geboren.
Er hat Brüder und eine Schwester, zu denen er ein gutes Verhältnis hat. Er
wuchs in D13 auf und hatte eine glückliche Kindheit. Er hat sechs Jahre die Pri-
marschule und dann zwei Jahre die Oberstufe in D13 besucht. 1964 begann er
eine Lehre als Elektromonteur und schloss diese 1968 erfolgreich ab. Ab Juni
1978 bis zu seiner Pensionierung am 31. Oktober 2006 arbeitete er bei der Fir-
ma C37 in D2. 1990 hat er geheiratet. 2000 wurde die Ehe geschieden. Seit der
Scheidung lebt er alleine in D13. Es geht ihm gesundheitlich gut. Er ist nicht vor-
bestraft. In Bezug auf seine finanziellen Verhältnisse sagte er an der Hauptver-
handlung vom 8. Juni 2011 aus, er bekomme monatlich Fr. 3'500.– von der AHV
und der Pensionskasse und hat zusätzliche Mieteinnahmen von monatlich
Fr. 600.–. Die Krankenkasse beträgt Fr. 250.–. Er hat keine Unterstützungspflich-
ten.
b) Der Lebenslauf ist weder strafmindernd noch –erhöhend zu werten, da er kei-
ne aussergewöhnlichen Erschwernisse in der Jugend oder Ausbildung hatte. Seit
der Tat hat er sich wohl verhalten. Der Führungsbericht des Regionalgefängnis-
ses Bern ist gut. Gegenüber der Tat verhält er sich neutral und er zeigt keine
spezielle Reue.
15.5.4 Unter Einbezug aller straferhöhenden und –mindernden (lediglich Führungsbe-
richt) Umstände scheint eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 120.– ange-
messen.
15.5.5 In Bezug auf die subjektiven Voraussetzungen für den bedingten Strafvollzug
kann auf Erwägung 15.4.6 verwiesen werden.
- 112 -
Es ergeben sich keine Umstände, welche bezweifeln liessen, dass A3 sich auch
zukünftig dauernd wohl verhalten werde. Aus den Akten sind keine Hinweise auf
eine allgemeine Neigung zu regelmässigem verantwortungslosem Verhalten er-
sichtlich. Die Tat lässt nicht per se auf einen heutigen Charaktermangel des Be-
schuldigten schliessen. Seine Tat ist als einmalige Entgleisung zu betrachten.
Seither hat er sich wohl verhalten. Insgesamt bestehen keine Anzeichen für eine
negative Bewährungsprognose.
15.5.6 Nach dem Gesagten ist A3 zu bestrafen mit einer Geldstrafe von 60 Tagessät-
zen zu Fr. 120.–, bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren. Die aus-
gestandene Untersuchungshaft von 58 Tagen ist an die Strafe anzurechnen.
15.6 A4
15.6.1 A4 ist der mehrfachen Förderung der Prostitution im Sinne von Art. 195 Abs. 3
StGB, des mehrfachen Menschenhandels im Sinne von Art. 196 Abs. 1 aStGB
und der mehrfachen Widerhandlungen gegen das ANAG im Sinne von Art. 23
Abs. 1 und 2 ANAG schuldig befunden worden. Die Tatmehrheit wirkt strafschär-
fend. Andere Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe sind nicht ersichtlich.
In Bezug auf die Strafandrohungen von Art. 195 Abs. 3 StGB, Art. 196 Abs. 1
aStGB, Art. 23 Abs. 1 und 2 ANAG, den Ausgangspunkt der Strafzumessung
sowie den Strafrahmen kann auf Erwägung 15.3.1 verwiesen werden.
15.6.2 Hinsichtlich der Tatkomponente ist erwiesen, dass A4 über einen relativ langen
Zeitraum von Februar 2005 bis März 2006 Studioverantwortliche, namentlich im
Studio C1 war. Sie wurde immer mehr zur rechten Hand von A1 (cl. 28
pag. 12.51.15; pag. 12.51.9). A4 war organisatorisch im Prostitutionsgeschäft mit
eingebunden, indem sie die Frauen instruierte und A1s Befehle umsetzte. Als
Geliebte von A1 (cl. 24 pag. 12.12.34; cl. 28 pag. 12.51.15) nahm sie in seinem
Geschäftsmodell eine wichtige Funktion ein und genoss zu Lasten der Prostitu-
ierten zahlreiche Privilegien. Ihre Gefühle für A1 und die daraus resultierende
emotionale Abhängigkeit von A1 machen ihr Verhalten nicht straflos, sind aber
leicht strafmindernd zu berücksichtigen. Sie unterstützte A1 tatkräftig, führte des-
sen Befehle aus und war in die illegalen Geschäftspraktiken bestens eingeweiht.
Sie hat zum Funktionieren des Menschenhandels und des illegalen Prostituti-
onsgeschäftes wesentlich beigetragen. Durch ihre Kontakte nach Brasilien hat
sie dafür gesorgt, dass ständig junge, meist ungebildete Brasilianerinnen aus
ärmlichen Verhältnissen rekrutiert werden konnten. Sie instruierte die neu an-
kommenden Frauen über die Abläufe im Studio. Besonders stossend ist, dass
sie aus eigener Erfahrung wusste, wie schlimm es war, sich für A1 zu prostituie-
ren. Dennoch trug sie zu Lasten ihrer Landsfrauen dazu bei, das illegale und er-
niedrigende Schuldenabbausystem durchzusetzen. Ihr Beweggrund war nebst
der emotionalen Abhängigkeit von A1 auch egoistischer und finanzieller Natur.
- 113 -
Lediglich sehr leicht strafmindernd ist der Einsatz des verdeckten Ermittlers zu
berücksichtigen. Ihr Verschulden ist insgesamt nicht mehr leicht.
15.6.3 a) Was die persönlichen Verhältnisse betrifft, so führte A4 vor ihrer Tätigkeit als
Studioverantwortliche ein unauffälliges und ärmliches Leben (cl. 32
pag. 13.3.21). Sie wurde in Belo Horizonte in Brasilien geboren. Sie hat zwei
Brüder und zwei Schwestern. Sie besuchte acht Jahre die Grundschule und drei
Jahre die Mittelschule. Sie hatte kein Geld, um ein Studium zu finanzieren. Sie
arbeitete unter anderem in einer Kleiderfabrik, als Haushaltshilfe, als Wäscherin
und auf einer Baustelle. Um mehr zu verdienen, hat sie an den Wochenenden
Putzarbeiten gemacht. Sie hat monatlich umgerechnet ca. Fr. 250.– verdient. Mit
ihrem Verdienst hat sie ihre Familie und ihre zwei Kinder unterhalten. Sie ist im
schweizerischen Strafregister nicht verzeichnet. Sie lebt wieder in Brasilien. Sie
hat Angst, dass A1 aus Rache jemandem befiehlt, sie umzubringen (cl. 32
pag. 13.3.241).
b) Der Lebenslauf ist weder strafmindernd noch –erhöhend zu werten. Der Füh-
rungsbericht des Regionalgefängnisses Thun ist gut (cl. 138 pag. 138.254.2–3).
Sie ist einsichtig und anerkennt, Fehler gemacht zu haben (cl. 32 pag. 13.3.241).
Sie bereut ihre Taten aufrichtig. Dies ist strafmindernd zu berücksichtigen.
15.6.4 Für die mit Freiheits- oder Geldstrafe (bzw. Busse) bedrohten Delikte ist eine
Gesamtstrafe zu bilden. Der Menschenhandel ist die schwerste Tat und Aus-
gangspunkt für die Strafzumessung. Unter Einbezug aller straferhöhenden und
-mindernden Umstände erscheint eine Einsatzstrafe von 8 Monaten und eine
Busse von Fr. 250.– angemessen. Die mehrfache Tatbegehung, die mehrfache
Förderung der Prostitution sowie die mehrfache Widerhandlung gegen das
ANAG bilden Grund zu angemessener Erhöhung der Strafe. Die ANAG Delikte
sind zwar nicht zu bagatellisieren, spielen aber vorliegend eine eher untergeord-
nete Rolle. In Anbetracht all dessen erscheinen eine Freiheitsstrafe von 18 Mo-
naten und eine Busse von Fr. 500.– angemessen. Für die Busse ist eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 45 Tagen zu bestimmen.
15.6.5 In Bezug auf die subjektiven Voraussetzungen für den bedingten Strafvollzug
kann auf Erwägung 15.4.6 verwiesen werden.
Es ergeben sich keine Umstände, welche bezweifeln liessen, dass A4 sich auch
zukünftig dauernd wohl verhalten wird. Aus den Akten sind keine Hinweise auf
eine allgemeine Neigung zu regelmässigem verantwortungslosem Verhalten er-
sichtlich. Ihre Taten lassen nicht per se auf einen heutigen Charaktermangel
schliessen. Ihre Taten sind als Entgleisung zu betrachten. Letztlich hat ihr Ver-
halten nach den Taten gezeigt, dass sie vom kriminellen Verhalten Abstand ge-
nommen hat. Seither hat sie sich wohl verhalten und ist offensichtlich gewillt,
ihrem Leben eine positive Wendung zu geben. Sie bereut die Taten aufrichtig.
Insgesamt bestehen keine Anzeichen für eine negative Bewährungsprognose.
- 114 -
15.6.6 Nach dem Gesagten ist A4 zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 18 Mona-
ten, bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren, unter Anrechnung von
443 Tagen Untersuchungshaft, sowie einer Busse von Fr. 500.–, für welche eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 45 Tagen zu bestimmen ist.
15.7 A5
15.7.1 A5 ist des mehrfachen Menschenhandels gemäss Art. 196 Abs. 1 aStGB sowie
der mehrfachen Widerhandlung gegen das ANAG im Sinne von Art. 23 Abs. 1
und 2 ANAG schuldig befunden worden. Die Tatmehrheit wirkt sich strafschär-
fend aus. Andere Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe sind nicht er-
sichtlich.
In Bezug auf die Strafandrohungen für den Menschenhandel und die ANAG De-
likte, die schwerste Tat und den Strafrahmen kann auf Erwägung 15.3.1 verwie-
sen werden.
15.7.2 Hinsichtlich der Tatkomponente ist erwiesen, dass A5 für A1 vor allem in der
Organisation der jungen Frauen wichtig war. Durch ihre Kontakte nach Brasilien
hat sie dafür gesorgt, dass ständig junge, meist nicht gebildete Brasilianerinnen
aus zumeist sehr armem oder zumindest wirtschaftlich sehr schwierigem Umfeld
rekrutiert werden konnten. Sie unterstützte damit A1 tatkräftig und war ein wich-
tiges Glied in der Kette des Menschenhandels. Sie kannte A1s menschenunwür-
diges Prostitutionsgeschäft mit dem Schuldenabbausystem aus eigener Erfah-
rung, sorgte sie doch mit Unterbrüchen über den relativ langen Zeitraum vom
28. Oktober 2004 bis März 2006 als Hausverantwortliche in den Studios C3 und
C1 für einen geordneten Bordellbetrieb. Dies verleiht ihrem Verhalten eine be-
denkliche Note, da sie auf dem Rücken und zu Lasten ihrer Landsfrauen finan-
ziell profitierte. Lediglich sehr leicht entlastend ist der Einsatz des verdeckten
Ermittlers zu berücksichtigen. Ihr Verschulden ist insgesamt nicht mehr leicht, je-
doch geringer als dasjenige von A2 und A4.
15.7.3 a) Was die persönlichen Verhältnisse betrifft, so führte A5 vor ihrer Tätigkeit in
den Studios ein unauffälliges und sehr ärmliches Leben (cl. 33 pag. 13.4.104 ff.).
Sie wurde in Minas Gerais in Brasilien geboren. Sie hat einen Bruder und eine
Adoptivschwester. Sie ist in einer Baracke aufgewachsen. Sie besuchte sieben
Jahre lang die Schule. Danach arbeitete sie während rund zehn Jahren in Klei-
derfabriken. Ab 2000 war sie regelmässig arbeitslos. In dieser Zeit bekam sie
das Angebot, in der Schweiz zu arbeiten. Am 23. Oktober 2003 kam sie in die
Schweiz. Sie lebt heute wieder in Brasilien und hat nach eigenen Angaben eine
kleine Tochter.
b) Der Lebenslauf ist weder strafmindernd noch –erhöhend zu werten. Der Füh-
rungsbericht des Regionalgefängnisses Bern ist gut (cl. 138 pag. 138.255.2). Sie
- 115 -
ist einsichtig und bereut ihre Taten aufrichtig. Dies ist strafmindernd zu berück-
sichtigen.
15.7.4 Für die mit Freiheits- oder Geldstrafe (bzw. Busse) bedrohten Delikte ist eine
Gesamtstrafe zu bilden. Der Menschenhandel ist die schwerste Tat und Aus-
gangspunkt für die Strafzumessung. Unter Einbezug aller straferhöhenden und
-mindernden Umstände erscheinen eine Einsatzstrafe von 6 Monaten und eine
Busse von Fr. 250.– angemessen. Die mehrfache Tatbegehung sowie die mehr-
fache Widerhandlung gegen das ANAG bilden Grund zu angemessener Erhö-
hung der Strafe. Die ANAG-Delikte sind zwar nicht zu bagatellisieren, spielen
aber vorliegend eine eher untergeordnete Rolle. In Anbetracht all dessen er-
scheinen eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten und eine Busse von Fr. 500.– an-
gemessen. Für die Busse ist eine Ersatzfreiheitsstrafe von 45 Tagen zu bestim-
men.
15.7.5 In Bezug auf die subjektiven Voraussetzungen für den bedingten Strafvollzug
kann auf Erwägung 15.4.6 verwiesen werden.
Es ergeben sich keine Umstände, welche bezweifeln liessen, dass A5 sich auch
zukünftig dauernd wohl verhalten wird. Aus den Akten sind keine Hinweise auf
eine allgemeine Neigung zu regelmässigem verantwortungslosem Verhalten er-
sichtlich. Ihre Taten lassen nicht per se auf einen heutigen Charaktermangel
schliessen. Ihre Taten sind als einmalige Entgleisung zu betrachten. Letztlich hat
ihr Verhalten nach den Taten gezeigt, dass sie vom kriminellen Verhalten Ab-
stand genommen hat. Seither hat sie sich wohl verhalten und ist offensichtlich
gewillt, ihrem Leben eine positive Wendung zu geben. Sie bereut die Taten auf-
richtig. Insgesamt bestehen keine Anzeichen für eine negative Bewährungsprog-
nose.
15.7.6 Nach dem Gesagten ist A5 zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 15 Mona-
ten, bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von 2 Jahren, unter Anrechnung von
421 Tagen Untersuchungshaft, sowie einer Busse von Fr. 500.–, für welche eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 45 Tagen zu bestimmen ist.
16. Einziehung/Ersatzforderung
16.1 Bezüglich der Einziehung ist die Frage des anwendbaren Rechts nicht mehr auf-
zuwerfen, da sich das alte Recht bei A1 und das neue Recht bei A2 als im Hin-
blick auf die Hauptsanktion als massgebliches erwiesen hat und das Urteil ins-
gesamt auf das gleiche Recht abzustützen ist (BGE 134 IV 82 E. 6.2.3, E. 7.4).
Dies gilt nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung gleichermassen für Sanktio-
nen und allfällige Nebenstrafen, worunter auch Anordnungen „anderer Mass-
- 116 -
nahmen“ im Sinne von Art. 66–73 StGB (bzw. Art. 57–62 aStGB) zu verstehen
sind (BGE a.a.O. E. 7.1, 7.4).
Das Gericht verfügt ohne Rücksicht auf die Strafbarkeit einer bestimmten Person
die Einziehung von Gegenständen, die zur Begehung einer Straftat gedient ha-
ben oder bestimmt waren, oder die durch eine strafbare Handlung hervorge-
bracht worden sind, wenn diese Gegenstände die Sicherheit von Menschen, die
Sittlichkeit oder die öffentliche Ordnung gefährden (Art. 58 Abs. 1 aStGB).
16.2 Der mit Verfügung vom 31. August 2007 beschlagnahmte Kokaintester und die
CD mit pornografischem Inhalt sind somit in Anwendung von Art. 58 Abs. 1
aStGB einzuziehen und zu vernichten.
Die übrigen beschlagnahmten Gegenstände sind den Berechtigten nach Rechts-
kraft des Urteils herauszugeben.
16.3
16.3.1 Gemäss Art. 70 Abs. 1 StGB (Art. 59 Ziff. 1 al. 1 aStGB) verfügt das Gericht die
Einziehung von Vermögenswerten, die durch eine Straftat erlangt worden sind
oder dazu bestimmt waren, eine Straftat zu veranlassen oder zu belohnen, so-
fern sie nicht dem Verletzten zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustan-
des ausgehändigt werden. Sind die der Einziehung unterliegenden Vermögens-
werte nicht mehr vorhanden, so erkennt das Gericht auf eine Ersatzforderung
des Staates in gleicher Höhe, gegenüber Dritten jedoch nur, soweit dies nicht
nach Art. 70 Abs. 2 StGB (Art. 59 Ziff. 1 al. 2 aStGB) ausgeschlossen ist (Art. 71
Abs. 1 StGB; Art. 59 Ziff. 2 al. 2 aStGB). Entscheidend ist der tatsächlich erlang-
te Vermögenswert, denn nur dieser kann mittels einer Ersatzforderung maximal
abgeschöpft werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_692/2009 und 6B_693/2009
vom 22. April 2010, E. 6.4). Dabei ist jedoch das Verhältnismässigkeitsprinzip zu
beachten. Das Gericht kann von einer Ersatzforderung ganz oder teilweise ab-
sehen, wenn diese voraussichtlich uneinbringlich wäre oder die Eingliederung
des Betroffenen ernstlich hindern würde (Art. 71 Abs. 2 StGB; Art. 59 Ziff. 2 al. 2
aStGB).
16.3.2 Am Domizil von A1 sowie in den Studios C2, C1 und C3 wurden insgesamt
Fr. 25'735.10 beschlagnahmt (cl. 15 pag. 8.7.14 ff.; pag. 8.7.40 f.). Dabei handelt
es sich nachweislich um Deliktserlös, der im Sinne von Art. 59 Ziff. 1 aStGB ein-
zuziehen ist.
16.3.3 Die kriminelle Herkunft der weiteren beschlagnahmten Vermögenswerte ist nicht
erwiesen.
16.3.4 Das Gericht hat keine gesicherten Erkenntnisse über die genaue Höhe des Um-
satzes, welcher durch die strafbaren Handlungen in den drei Studios erzielt wur-
- 117 -
de. Die mittels mehrfacher Förderung der Prostitution und dem mehrfachen
Menschenhandel erwirtschafteten Vermögenswerte sind grösstenteils nicht mehr
vorhanden, weshalb eine Einziehung im Sinne von Art. 70 Abs. 1 StGB (Art. 59
Ziff. 1 aStGB) ausscheidet und eine Ersatzforderung festzusetzen ist. Der illegale
Erlös ist wie folgt zu schätzen: A1 führte das illegale Prostitutionsgeschäft rund
4 1⁄2 Jahre. Eine Hochrechnung der BKP gestützt auf die videoüberwachte Kun-
denfrequenz im Studio C3 im Juni 2005 hat einen monatlichen Umsatz von
Fr. 33'200.– ergeben (cl. 16 pag. 9.2.79). Alleine der illegale Erlös aus dem Stu-
dio C3 liegt somit bei Weitem über einer Million Franken. Schliesslich ist der ef-
fektive Deliktserlös noch um einiges höher, sofern der Umsatz aller drei Studios
berücksichtigt wird. Der exakte Deliktserlös ist aber letztlich nicht relevant, da die
gesamte Summe bei A1 und A2 uneinbringlich ist. Zu Lasten von A1 und zu
Gunsten der Eidgenossenschaft ist daher die Ersatzforderung reduziert auf
Fr. 600'000.– festzusetzen. Die Ersatzforderung der Eidgenossenschaft gegen
A2 ist ebenfalls zu reduzieren und auf Fr. 2'500.– festzusetzen. Bei A4 und A5 ist
von einer Ersatzforderung abzusehen, da diese uneinbringlich wäre. Bei A1 hat
die Bundesanwaltschaft mit Beschlagnahmeverfügung vom 28. März 2006
Bankkonten im Umfang von Fr. 81'986.54 beschlagnahmt (cl. 10 pag. 7.2.58 ff.;
cl. 11 pag. 7.4.73 ff.). Die Gelder auf den Konti sind vermischt, und können daher
nicht eingezogen werden. Dieser Vermögenswert sowie die übrigen beschlag-
nahmten Vermögenswerte von A1 stehen aber für die Durchsetzung der Ersatz-
forderung zur Verfügung. Bei A2 wurden am 11. Oktober 2006 Fr. 2'350.– be-
schlagnahmt. Bei diesem Betrag ist ebenfalls nicht auszuschliessen, dass er
nicht durch eine Straftat erlangt worden ist; eine Einziehung scheidet somit aus.
Dieser Vermögenswert steht aber für die Durchsetzung der Ersatzforderung ge-
gen sie zur Verfügung.
16.3.5 Die Beschlagnahme nach Art. 71 Abs. 3 StGB (Art. 59 Ziff. 2 Abs. 3 aStGB) als
Sicherungsinstrument zur späteren Durchsetzung der Ersatzforderung stellt eine
vorsorgliche Massnahme dar, die sich in ihrer Natur und Tragweite von der her-
kömmlichen strafprozessualen Beschlagnahme unterscheidet, indem ihre Wir-
kung über die Rechtskraft des Urteils hinaus bis zu dem Zeitpunkt andauert, in
welchem sie durch eine Massnahme nach dem Schuldbetreibungs- und Kon-
kursrecht abgelöst wird. Dem blossen Sicherungszweck entsprechend werden
daher die fraglichen Vermögenswerte mit dem Strafurteil nicht eingezogen. Viel-
mehr bleibt die Beschlagnahme bis zur Einleitung der Zwangsvollstreckung zur
Durchsetzung der Ersatzforderung bestehen (zum Ganzen Urteil des Bundesge-
richts 6B_694/2009 und 6B_695/2009 vom 22. April 2010, E. 1.4.2). Die Be-
schlagnahme der übrigen Vermögenswerte von A1 bleibt daher im Hinblick auf
die Vollstreckung der Ersatzforderung gegen ihn aufrecht erhalten. Entgegen
dem Wortlaut von Ziffer VI. 3 des Dispositivs ist das bei A2 beschlagnahmte
- 118 -
Bargeld von Fr. 2'350.– nicht einzuziehen, sondern die Beschlagnahme bleibt im
Hinblick auf die Vollstreckung der Ersatzforderung gegen sie aufrecht erhalten.
17. Zivilansprüche
17.1 Gemäss Art. 122 Abs. 1 StPO kann die geschädigte Person zivilrechtliche An-
sprüche aus der Straftat als Privatklägerschaft adhäsionsweise im Strafverfahren
geltend machen.
17.2 Die Privatklägerinnen verlangen von A1, A2 und A3 Schadenersatz und Genug-
tuung. Sie machen unter dem Titel Schadenersatz geltend, dass sie durch das
Schuldenabbausystem einen Schaden erlitten hätten. Das Abzahlungsmodell,
bei welchem nur A1 profitiert habe, sei vorgängig nie erwähnt worden (cl. 138
pag. 138.920.192). Das Betriebssystem der Beschuldigten sei so angelegt ge-
wesen, dass nicht nur die hohen Schulden zuerst hätten abbezahlt werden müs-
sen, sondern von den Einnahmen der Frauen nur die Hälfte an diese Schulden
angerechnet worden seien. Die andere Hälfte sei vorab an „das Haus“ gegan-
gen, wie A1 es ausgedrückt habe. Damit habe eine Frau, wenn sie eine Schuld
von Fr. 12'000.– erhalten habe, – zur Deckung der angeblichen Reisekosten
wohlgemerkt – zu deren Tilgung A1 effektiv Fr. 24'000.– bezahlen müssen
(cl. 138 pag. 138.920.198). Unter dem Titel Genugtuung wird geltend gemacht,
die Beschuldigten hätten das Selbstbestimmungsrecht und die Handlungsfreiheit
der Privatklägerinnen äusserst intensiv über Monate beschränkt. Der Aufenthalt
in den Studios sei insgesamt sehr erniedrigend gewesen und sämtliche Privat-
klägerinnen seien durch die Festhaltung und sexuelle Ausbeutung mehrfach,
nachhaltig und schwer traumatisiert worden. Bei allen hätten die Delikte zu einer
schweren Persönlichkeitsverletzung geführt. Die Ereignisse hätten einen tiefen
Riss in ihr Leben gezogen. Die psychischen Auswirkungen davon hätten eine
langanhaltende und deutliche Verminderung der Lebensqualität zur Folge. Mit
Blick auf die schweren Persönlichkeitsverletzungen der Geschädigten mit lang-
fristigen Auswirkungen und das äusserst schwere Verschulden von A1, sei für
jede der Privatklägerinnen eine Genugtuung festzusetzen, wobei die psychi-
schen Auswirkungen der Geschehnisse auf das einzelne Opfer, die Dauer und
das Ausmass der Freiheitsbeschränkung, letztlich aber auch der Grad der erhal-
tenen Information über den Zweck der Reise, zu würdigen seien (cl. 138
pag. 138.920.205–207).
17.3 a) Haben mehrere den Schaden gemeinsam verschuldet, sei es als Anstifter,
Urheber oder Gehilfen, so haften sie dem Geschädigten solidarisch (Art. 50
Abs. 1 OR). Für den Geschädigten ist es somit unerheblich, in welcher Rolle je-
mand den Deliktsschaden verursacht hat. Die Solidarität erstreckt sich nicht nur
- 119 -
auf Schadenersatzansprüche, sondern bezieht sich auch auf die Leistung von
Genugtuung (HEIERLI/SCHNYDER, Basler Kommentar, Obligationenrecht I, Basel
2011, 5. Aufl., Art. 50 OR N. 9). Ob und in welchem Umfange die Beteiligten
Rückgriff gegeneinander haben, wird durch richterliches Ermessen bestimmt
(Art. 50 Abs. 2 OR). Dafür ist in erster Linie die Schwere des Verschuldens
massgebend (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 50 OR N. 17).
b) Als Schädiger kommen ausschliesslich A1 und A2 in Frage. Bei A2 ist jeweils
zu prüfen, ob sie im betreffenden Zeitpunkt überhaupt noch Funktionsträgerin im
Salon war. A3 ist freizusprechen vom Vorwurf der mehrfachen Förderung der
Prostitution und des mehrfachen Menschenhandels. Die Schadenersatzforde-
rungen der Privatklägerinnen gegen A3 sind somit abzuweisen.
17.4
17.4.1 a) Gemäss Art. 41 Abs. 1 OR wird zum Ersatze verpflichtet, wer einem anderen
widerrechtlich Schaden zufügt, sei es aus Absicht, sei es aus Fahrlässigkeit. Wer
den Schadenersatzanspruch stellt, hat den Schaden zu beweisen (Art. 42 Abs. 1
OR). Der nicht ziffernmässig nachweisbare Schaden ist nach Ermessen des
Richters mit Rücksicht auf den gewöhnlichen Lauf der Dinge und auf die vom
Geschädigten getroffenen Massnahmen abzuschätzen (Art. 42 Abs. 2 OR). Das
Bundesgericht tendiert unter Berufung auf die ratio legis von Art. 59 aStGB zum
Bruttoprinzip und betont, dass keine Anhaltspunkte dafür bestünden, dass die
Gestehungskosten abgezogen werden könnten. Allerdings verdient nach der
Rechtsprechung auch das Kriterium der Verhältnismässigkeit Beachtung – mit
der Konsequenz, dass im Einzelfall die Abwendung vom reinen Bruttoprinzip ge-
boten erscheinen kann. In der Doktrin wird von jeglichem Schematismus abgera-
ten und dafür eingetreten, einzelfallbezogen zu prüfen, ob die Abschöpfung des
gesamten Bruttoerlöses der strafbaren Handlung vor dem Verhältnismässig-
keitsprinzip standhält (Urteil des Bundesgerichts 6P.236/2006 vom 23. März
2007, E. 11.3).
b) Das Schuldenabbausystem funktionierte wie folgt: Die Prostituierten mussten
nicht bloss die hohen Schulden abbezahlen, sondern hatten von den Einnahmen
die Hälfte an A1 zu geben und die andere Hälfte wurde teils an die Schulden an-
gerechnet. Wenn eine Frau beispielsweise Fr. 100.– verdiente, hatte sie vorweg
Fr. 50.– an A1 zu geben, Fr. 20.– gingen pro Tag an die Unterkunft und Fr. 50.–
wurden an die Schulden angerechnet (Abrechnungsschema 50% : [50% -
Fr. 20.–]). Mit der Abzahlung der Schulden überliessen die Frauen effektiv A1
jeweils den doppelten Betrag, soweit die „Schulden“ keine echten waren.
c) Der Schaden berechnet sich entsprechend den zutreffenden Ausführungen
der Privatklägerinnen (cl. 138 pag. 138.920.198 f.) nach folgenden Kriterien:
Massgebend für die Berechnung des Schadens sind primär die Anfangsschulden
- 120 -
und die abgearbeiteten Beträge. A1 hat diese nie in Abrede gestellt. Nachfolgend
(E. 17.4.2) kann deshalb der Einfachheit halber direkt auf die Aussagen der
Frauen und die sichergestellten Couverts mit den notierten Restschulden abge-
stellt werden. Nicht zu berücksichtigen sind bei der Schadensberechnung die
Fr. 100.–, welche die Frauen wöchentlich von A1 für den Einkauf bekamen sowie
die Fr. 300.–, welche die Frauen oftmals monatlich nach Brasilien schicken konn-
ten. Ebenfalls nicht zu berücksichtigen ist das Trinkgeld, welches die Freier den
Frauen gaben (cl. 22 pag. 12.1.9), das von A1 eingezogen, aber nicht an die
Schulden angerechnet wurde. In Bezug auf die Berücksichtigung der Kosten für
die Logis ist folgende Unterscheidung vorzunehmen: Bei denjenigen Frauen,
welche bereits in Brasilien einwilligten, in der Prostitution zu arbeiten und ledig-
lich eine Beteiligung am Gewinn zu erhalten, sind 50% der Einnahmen an die
Schulden anzurechnen. Hingegen sind bei den Frauen, welche unter falschen
Vorwänden in die Schweiz gelockt wurden, die 50% an A1 beim Schaden mit zu
berücksichtigen beziehungsweise berechnet sich der Schaden aus den gesam-
ten Einnahmen. Diese Frauen befanden sich nämlich gegen ihren Willen in den
Studios. A1 bestreitet zwar, dass die Frauen in Brasilien nicht gewusst hätten,
dass sie sich in der Schweiz zu prostituieren hätten. Dieser pauschalen Behaup-
tung stehen aber die glaubwürdigen Aussagen zahlreicher Prostituierter entge-
gen, weshalb nachfolgend (E. 17.4.2) auf deren Version abzustellen ist. Entspre-
chend dem gemässigten Bruttoprinzip (E. 17.4.1. a) sind sodann bei den Frauen
die Flugkosten in Abzug zu bringen. Der Preis für ein Flugticket ist entweder den
edierten Unterlagen des Reisebüros C12 zu entnehmen, ansonsten ist der Flug-
preis entsprechend den dazumal geltenden Tarifen (cl. 138 pag. 138.920.207)
auf Fr. 2'300.– zu schätzen.
17.4.2 Der Schaden der Privatklägerinnen berechnet sich wie folgt:
a) B1 wurde unter dem falschem Versprechen, im Gastgewerbe tätig sein zu
können, in die Schweiz gelockt (cl. 22 pag. 12.3.2 f; pag. 12.3.5; pag. 12.3.9).
Sie arbeitete vom 4. November 2003 bis Januar 2004 im Studio C1. Ihre Schul-
den betrugen Fr. 24'000.– (cl. 22 pag. 12.3.5). Gemäss einem beschrifteten
Couvert von A1 betrug die Restschuld Fr. 5'953.– (cl. 22 pag. 12.3.36;
pag. 12.3.46). Sie bezahlte somit Schulden von Fr. 18'047.– ab. Damit generierte
sie für A1 und A2 einen effektiven Umsatz von Fr. 36'094.–. Nach Abzug der
Flugkosten von Fr. 2'300.– ergibt sich ein Schaden von Fr. 33'794.–, zuzüglich
5% Zins seit 1. Februar 2004.
b) B4 wusste, dass sie sich in der Schweiz zu prostituierten hatte (cl. 23
pag. 12.6.28). Sie arbeitete vom 29. Dezember 2005 bis 28. März 2006 im Stu-
dio C1. Sie hatte eine Schuld von Fr. 13'600.– (cl. 23 pag. 12.6.28; pag. 12.6.49).
Die sie betreffenden Couverts haben eine notierte Restschuld von Fr. 380.–
(cl. 21 pag. 10.1.51) und Fr. 155.– (cl. 15 pag. 8.4.12). Sie hatte am 28. März
2006 keine Schulden mehr (cl. 23 pag. 12.6.5), was von B3 bestätigt wurde
- 121 -
(cl. 22 pag. 12.5.9). B4 ging davon aus, dass sie Schulden von Fr. 28'000.– ab-
bezahlt hatte (cl. 23 pag. 12.6.28, 50). Zu Gunsten von A1 ist aber davon auszu-
gehen, dass sie ihm Einkünfte von Fr. 27'200.– einbrachte. Dies ergibt abzüglich
der 50% vom Bruttoerlös gemäss dem Aufteilungsschüssel sowie der Reisekos-
ten von Fr. 2'223.– (cl. 76 pag. 25-32) einen Schaden von Fr. 11'377.–, zuzüglich
5 % Zins seit 28. März 2006.
c) B5 wusste bereits in Brasilien, dass sie Fr. 11'200.– Schulden und die Hälfte
abzugeben hatte (cl. 23 pag. 12.7.23). Sie arbeitete bei ihrem ersten Aufenthalt
in der Schweiz vom 19. November 2003 bis August 2004 in den Studios C3, C2
und C1. Sie arbeitete die Schulden ab (cl. 23 pag. 12.7.24). Dies geht aus ihrer
Aussage hervor, dass sie die letzten zwei Monate Fr. 4'000.– verdient habe
(cl. 23 pag. 12.7.24). Die Geschädigte brachte damit A1 und A2 Einnahmen von
Fr. 22'400.–. Dies ergibt abzüglich der Hin- und Rückreise von Fr. 1'774.– bezie-
hungsweise Fr. 1'067.– (cl. 76 pag. 25.123; pag. 25.170) sowie 50% des Brutto-
erlöses einen Schaden von Fr. 8'359.–.
Vom 31. Dezember 2005 bis 28. März 2006 arbeitete sie ein zweites Mal bei A1
im Studio C1 und ab Februar 2006 im Studio C3. A1 auferlegte ihr eine Schuld
von Fr. 10'900.– (cl. 23 pag. 12.7.25; cl. 21 pag. 10.1.45). Die Geschädigte
machte keine Angaben zum abgearbeiteten Betrag. Aus dem sichergestellten
Couvert „K10“ (cl. 21 pag. 10.1.41) ist aber aufgrund der notierten Zahl zu
schliessen, dass B5 eine Schuld von Fr. 2'610.– tilgte. Sie brachte somit A1 und
A2 einen Umsatz von Fr. 5'220.–. Dies ergibt abzüglich dem Bruttoerlös von 50%
sowie der Reisekosten von Fr. 2'463.– (cl. 76 pag. 25.36) einen Schaden von
Fr. 147.–. Der Schaden beträgt somit insgesamt Fr. 8'506.–, zuzüglich 5% Zins
seit 28. März 2006.
d) B7 wusste im Voraus von der Prostitution (cl. 23 pag. 12.9.33). Sie war vom
6. Juli 2005 bis 28. März 2006 im Studio C2. Sie hatte Schulden von Fr. 12'600.–
(cl. 23 pag. 12.9.34). Sie habe in den ersten drei Monaten knapp Fr. 30'000.– an
A6 (gemeint: A1) bezahlt und nichts für sich verdienen können (cl. 23
pag. 12.0.34). Sie tilgte sämtliche Schulden (cl. 23 pag. 12.9.38). Die Geschädig-
te brachte somit A1 Einnahmen von Fr. 25'200.–, wovon ihr 50% zustehen. Ab-
züglich der geschätzten Flugkosten von Fr. 2'300.– ergibt sich ein Schaden von
Fr. 10'300.–, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
e) B8 wusste, dass sie sich in der Schweiz zu prostituieren hatte (cl. 23
pag. 12.10.4; pag. 12.10.29). Sie arbeitete vom 4. November 2005 bis 28. März
2006 zuerst im Studio C3 und dann knapp drei Monate im Studio C2. Sie hatte
Schulden von Fr. 13'000.–. Laut ihren Aussagen habe sie es geschafft, ihre
Schulden auf Fr. 2'000.– abzuarbeiten (cl. 23 pag. 12.10.27). Entsprechend dem
sichergestellten Couvert mit der Aufschrift „B47“ steht fest, dass der Restbetrag
Fr. 2'065.– betrug. Die Geschädigte erwirtschaftete somit für A1 Einnahmen von
- 122 -
Fr. 21'870.–, wovon ihr 50% zustehen. Abzüglich der geschätzten Flugkosten
von Fr. 2'300.– ergibt sich ein Schaden von Fr. 8'635.–, zuzüglich 5% Zins seit
28. März 2006.
f) B9 wusste vor ihrer Einreise in die Schweiz von der Prostitution (cl. 24
pag. 12.11.11; pag. 12.11.24) und den Schulden von Fr. 12'000.– (cl. 24
pag. 12.11.4; pag. 12.11.24). Sie arbeitete vom 13. Februar 2006 bis 28. März
2006 im Studio C2. Gemäss ihren Aussagen habe sie Fr. 3'000.– abgearbeitet
(cl. 24 pag. 12.11.24). Gemäss dem sichergestellten Couvert „Marcia 9155“
(cl. 21 pag. 10.1.54) steht zu Gunsten von A1 fest, dass der Restbetrag
Fr. 9'155.– betrug und sie somit Fr. 2'845.– abgearbeitet hat. Sie verschaffte so-
mit A1 einen Umsatz von Fr. 5'690.–. Dies ergibt abzüglich 50% des Bruttoerlö-
ses sowie der Flugkosten von Fr. 2'496.– (cl. 76 pag. 25.41) einen Schaden von
Fr. 349.–, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
g) B10 wusste, dass sie in der Schweiz als Prostituierte zu arbeiten hatte (cl. 24
pag. 12.13.3). Sie arbeitete vom 22. September 2003 bis Januar 2004 in den
Studios C3, C2 und C1. Ihre Schulden betrugen Fr. 14'700.– (cl. 24
pag. 12.13.4). Sie hat ihre Schulden nach vier Monaten abbezahlt gehabt (cl. 24
pag. 12.3.4). Sie verschaffte somit A1 und A2 Einkünfte von Fr. 29'400.–. Dies
ergibt abzüglich 50% vom Bruttoerlös sowie der Reisekosten von Fr. 1'871.–
(cl. 76 pag. 25.106) einen Schaden von Fr. 12'829.– , zuzüglich 5% Zins seit
1. Februar 2004.
h) B11 kam in die Schweiz und dachte als Kindermädchen arbeiten zu können.
Ihr ist ein monatliches Einkommen von Fr. 1'200.– versprochen worden (cl. 22
pag. 12.1.3). Sie arbeitete vom 29. März 2004 bis Juli 2004 im Studio C2. Sie
hatte Schulden von Fr. 12'000.–, die sie zurückbezahlte (cl. 22 pag. 12.1.6, 11).
Sie verschaffte somit A1 und A2 einen Umsatz von Fr. 24'000.–, was abzüglich
der Flugkosten von Fr. 2'117.– (cl. 76 pag. 25.150) einen Schaden von
Fr. 21'883.–, zuzüglich 5% Zins seit 1. August 2004, ergibt.
i) B12 dachte, in der Schweiz als Putzfrau arbeiten zu können. Sie wusste, dass
sie für den Flug Fr. 4'000.– zu bezahlen hatte (cl. 24 pag. 12.12.27). Sie arbeite-
te vom 9. Dezember 2005 bis 28. März 2006 im Studio C2. A1 setzte ihre Schuld
auf Fr. 11'000.– fest (cl. 24 pag. 12.12.31). Nach drei Monaten und zwei Wochen
bestätigte ihr A1, dass sie ihre Schulden abgearbeitet hatte (cl. 24
pag. 12.12.32). Sie brachte somit A1 einen Umsatz von Fr. 22'000.–. Abzüglich
der Flugkosten von Fr. 2'225.– (cl. 76 pag. 25.26) ergibt sich ein Schaden von
Fr. 19'775.–, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
17.4.3 Während der Prostitutionstätigkeit von B10, B1, B5 und B11 waren sowohl A1
wie auch A2 Funktionsträger in den Studios. Sie sind somit für diese Zeit in soli-
darischer Verbindung zu verpflichten, Schadenersatz zu bezahlen. Für die restli-
chen Privatklägerinnen – ausser B2, B3 und B6, da bei ihnen die Bruttoumsätze
- 123 -
die Höhe der Reisekosten von vornherein nicht deckten – hat A1 den Schaden-
ersatz alleine zu bezahlen.
17.5
17.5.1 Gemäss Art. 49 Abs. 1 OR hat Anspruch auf Leistung einer Geldsumme als Ge-
nugtuung, wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, sofern die
Schwere der Verletzung es rechtfertigt und diese nicht anders wiedergutgemacht
werden kann. Auf der Seite des Haftpflichtigen ist nicht mehr ein schweres Ver-
schulden erforderlich. Im Weiteren muss eine Persönlichkeitsverletzung wider-
rechtlich und adäquat kausal auf die Handlung des Haftpflichtigen beziehungs-
weise auf den haftungsbegründenden Tatbestand zurückzuführen sein (HEIER-
LI/SCHNYDER a.a.O., Art. 49 OR N. 14 f.). Die für die Schadenersatzbemessung
geltenden Regeln sind – wie bei Art. 47 OR – auch bei der Festsetzung der Ge-
nugtuungssumme nach Art. 49 OR zu beachten (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O.,
Art. 49 OR N. 16). Namentlich die Schwere des Verschuldens des Schädigers
kann die Höhe der Genugtuungssumme beeinflussen. Im Übrigen gelten für die
Bemessung die Regeln von Art. 47 OR (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 49 OR
N. 16). Je schwerwiegender die Umstände sind und je intensiver die Unbill auf
den Anspruchsteller eingewirkt hat, desto höher ist grundsätzlich die Genug-
tuungssumme (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 47 OR N. 20). Deren Bemessung
ist mit Blick auf die Umstände des Einzelfalls vorzunehmen (HEIERLI/SCHNYDER,
a.a.O., Art. 47 OR N. 20). Bei der Bemessung der Basisgenugtuung ist auf die
Art und Schwere der Verletzung, die Intensität und die Dauer der Auswirkungen
auf die Persönlichkeit des Opfers sowie auf den Grad des Verschuldens des
Schädigers abzustellen (HEIERLI/SCHNYDER, a.a.O., Art. 47 OR N. 20 m.w.H.).
Die Genugtuung ist mit 5% (Art. 73 OR) seit dem schädigenden Delikt zu verzin-
sen (BGE 129 IV 149 E. 4.3).
17.5.2 a) Bei der Bemessung der Genugtuung ist wie folgt zu unterscheiden: Für solche
Frauen, welche sich bereits in Brasilien prostituierten, wird keine Genugtuung
zugesprochen. Eine geringe Genugtuung wird für diejenigen Frauen festgelegt,
welche sich in Brasilien nicht prostituierten, aber vor der Einreise in die Schweiz
in die Prostitution eingewilligt haben. Für Frauen, welche sich in Brasilien nicht
prostituierten und unter falschen Versprechen in die Schweiz gelockt wurden,
wird vorliegend die grösste Genugtuung festgesetzt.
b) Als Haftpflichtige kommen ausschliesslich A1 und A2 in Frage. In Bezug auf
A3 kann auf Erwägung 17.3 b verwiesen werden. Die Genugtuungsforderungen
der Privatklägerinnen gegen A3 sind abzuweisen.
Der Grad des Verschuldens von A1 ergibt sich aus Erwägung 15.3.2. In Bezug
auf das Wissen der Frauen hinsichtlich ihrer Tätigkeit in der Schweiz, der Dauer
- 124 -
des Aufenthalts in den Bordellen und ihrer abgearbeiteten Schulden kann – aus-
ser bei B2, B3 und B6 – auf die Erwägung 17.4.2 verwiesen werden.
17.5.3 Die Genugtuungen der Privatklägerinnen bemessen sich wie folgt:
a) B1 sagte aus, sie sei vom Freund ihrer Mutter und ihrem Mann geschlagen
worden (cl. 22 pag. 12.3.23). Sie habe in Brasilien als Sekretärin gearbeitet
(cl. 22 pag. 12.3.24.). Sie seien im Studio C1 wie Tiere gehalten worden (cl. 22
pag. 12.3.7). In der Zeit als sie dort (gemeint: im Studio) gewesen sei, habe sie
eine Latexallergie gehabt. Sie habe sich nicht wohl gefühlt, aber A1 und A5 hät-
ten von ihr verlangt, dass sie trotzdem arbeiten müsse (cl. 22 pag. 12.3.10;
pag. 22 pag. 12.3.28). Sie habe grosse Angst (cl. 22 pag. 12.3.20). Sie sei im
Prinzip gezwungen worden, etwas zu machen, was sie nicht gewollt habe (cl. 22
pag. 12.3.26).
b) B1 hatte von allen Privatklägerinnen die grössten Schulden abzuarbeiten,
ohne selbst etwas verdient zu haben (siehe Erwägung 17.4.2 a). Sie arbeitete im
Studio von A1 zum ersten Mal als Prostituierte. Sie musste sich prostituieren,
obwohl sie nicht wollte. Die sexuelle Ausbeutung und die damit verbundene psy-
chische Belastung waren daher erheblich. Der Grad der Integritätsverletzung war
insgesamt beträchtlich. Bei der Bemessung der Genugtuung ist aber zu berück-
sichtigen, dass sie aufgrund der Misshandlungen in Brasilien bereits zu einem
gewissen Grad psychisch vorbelastet war. Dieser Umstand führt zu einer Reduk-
tion der Genugtuung. In Anbetracht sämtlicher Umstände erscheint eine Genug-
tuung von Fr. 10'000.–, zuzüglich 5% Zins seit 1. Februar 2004 als angemessen.
c) B2 arbeitete vom 23. bis 28. März 2006 im Studio C2. Sie sagte aus, sie habe
in ihrer Heimat als Coiffeuse gearbeitet (cl. 22 pag. 12.4.3; pag. 12.4.26). Ihr sei
angeboten worden, in die Schweiz zu kommen um in einer Bar zu arbeiten
(cl. 22 pag. 12.4.27; pag. 12.4.28; pag. 12.4.30; cl. 35 pag. 15.0.23). Sie sei
ziemlich geschockt gewesen, als sie erfahren habe, dass sie als Prostituierte ar-
beiten solle (cl. 22 pag. 12.4.27). Als sie erfahren habe, was hier (gemeint: Stu-
dio C2) abläuft, habe sie nach Hause gehen wollen. A6 (gemeint: A1) habe sie
sehr rassistisch behandelt. Er habe gesagt, er habe nicht gewollt, dass man eine
Schwarze herschicke (cl. 22 pag. 12.4.27). Sie habe Panikattacken und Depres-
sionen, seit ihr Mann versucht habe sie umzubringen. Auf Frage, ob sich ihr Zu-
stand verschlechtert habe, seit sie als Prostituierte habe arbeiten müssen, sagte
sie, sie sei die ganze Zeit am Weinen (cl. 22 pag. 12.4.37). Sie habe ein Panik-
syndrom. Das sei vorher noch nie passiert. Auf Frage zu ihrem Selbstmordver-
such sagte sie aus, sie habe geschlafen und geträumt, dass die Polizei den Ort
gestürmt habe. Alle hätten fliehen und ins Versteck gehen müssen. Als sie auf-
gewacht sei, sei sie schon mit dem halben Körper aus dem Fenster gewesen.
Seither könne sie nicht mehr schlafen, weil sie Angst habe, dass wieder etwas
Gleiches passiere (cl. 22 pag.12.4.49). Laut Bericht des FIZ hätten durch den
- 125 -
Schock, welche sie durch die Erfahrungen erlitten habe, die schweren Angstzu-
stände und Schlaflosigkeit stark zugenommen. Seit ihrer Rückkehr (gemeint:
nach Brasilien) sei es ihr nicht mehr möglich gewesen, die Ängste und weiteren
psychischen Beschwerden ohne Medikamente zu reduzieren. Im ersten Jahr ha-
be die Medikation stetig erhöht werden müssen, da die Panikattacken nicht kon-
trollierbar gewesen seien. Das Gefühl des Eingeschlossen seins, keinen Ausweg
zu haben, komme immer wieder. Das Ganze sei wie ein schlimmer Albtraum und
sie fürchte sich, dass der Hauptangeklagte plötzlich vor ihr stehe (cl. 35
pag. 15.0.97).
B2 hatte sich in Brasilien nicht prostituiert und wurde unter falschen Versprechen
in die Schweiz gelockt. Sie hat Panikzustände und ist traumatisiert. Bei der Be-
messung der Genugtuung ist zu berücksichtigen, dass sie wegen der Drohung
ihres Mannes bereits psychisch vorbelastet war und nur 5 Tage im Studio arbei-
tete. Unter Würdigung sämtlicher Umstände erscheint eine Genugtuung von
Fr. 5'000.–, zuzüglich Zins seit 28. März 2006, angemessen.
d) B3 arbeitete vom 9. bis 28. März 2006 im Studio C1. Sie sagte aus, sie sei
über die Prostitution in der Schweiz orientiert worden (cl. 22 pag. 12.5.24;
pag. 12.5.14). Sie habe zuvor als Coiffeuse in Brasilien gearbeitet (cl. 22
pag. 12.5.14). Sie sei sich wie eine Gefangene vorgekommen (cl. 22
pag. 12.5.3). A4 habe ihr gesagt, dass sie Fr. 13'000.– Schulden habe. In dem
Moment habe sie sofort wieder nach Hause gehen wollen. In der zweiten Woche
habe sie viel weinen müssen, weil sie zurück nach Hause habe gehen wollen
(cl. 22 pag. 12.5.27). Dem Bericht des FIZ ist zu entnehmen, dass sie einen
Schock habe. Seit der Rückkehr (gemeint: nach Brasilien) leide sie an Depressi-
onen und erhalte vom Arzt Antidepressiva (cl. 35 pag. 15.0.89).
B3 wurde von A1 durch das erniedrigende Schuldenabbausystem in der Persön-
lichkeit verletzt. Sie ist durch die schockierenden Geschehnisse im Salon trau-
matisiert und wurde depressiv. Unter Berücksichtigung der relativ kurzen Aufent-
haltsdauer von rund 2 1⁄2 Wochen erscheint es angemessen, ihr eine Genug-
tuung von Fr. 3'000.–, zuzüglich 5% Zins sei 28. März 2006 zuzusprechen.
e) B4 sagte aus, sie habe in Brasilien als Tänzerin und gelegentlich als Prostitu-
ierte gearbeitet (cl. 23 pag. 12.6.25). Um ihrem Kind eine bessere Zukunft zu
ermöglichen habe sie begonnen, sich zu prostituieren (cl. 23 pag. 12.6.26).
Sie kannte das Prostitutionsbusiness von Brasilien her und wusste, dass sie die-
ses in der Schweiz auszuüben hatte. In Anbetracht der genannten Kriterien
(E. 17.5.2 a) ist ihr somit keine Genugtuung zuzusprechen.
f) B5 sagte aus, sie habe in Brasilien nicht gearbeitet (cl. 23 pag. 12.7.3). Sie
habe von Anfang an gewusst, dass sie sich hier prostituieren werde (cl. 23
pag. 12.7.4). Laut Bericht des FIZ machte sie einen müden und resignierten Ein-
- 126 -
druck (cl. 35 pag. 15.0.99). Am Anfang nach der Rückkehr (gemeint: nach Brasi-
lien) sei es ihr psychisch schlecht gegangen (cl. 35 pag. 15.0.100).
B5 arbeitete zum ersten Mal in der Schweiz als Prostituierte. Sie wusste aber be-
reits in Brasilien, welche Tätigkeit sie in der Schweiz erwartet. Aufgrund der Ar-
beitsverhältnisse in den drei Studios erlitt sie psychische Beschwerden. Sie hat
resigniert. In Anbetracht aller Umstände erscheint eine Genugtuung von
Fr. 4'000.– angemessen, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
g) B6 arbeitete vom 22. bis 28. März 2006 im Studio C3. Sie habe von der Pros-
titution in der Schweiz und den Schulden gewusst. Sie habe gezögert, da sie
sich vorher noch nie prostituiert habe (cl. 23 pag. 12.8.24). Sie habe sich wie Ab-
fall gefühlt (cl. 23 pag. 12.8.26). Gemäss Bericht des FIZ sei ihr wegen der Tat-
sache, wo (gemeint: in A1s Studios) sie gelandet sei, das Erbrechen gekommen
(cl. 35 pag. 15.0.91). Im ersten Halbjahr 2006 habe sie niemanden sehen wollen,
habe sich im Haus versteckt, sei oft depressiv und lustlos gewesen und habe
keine Kraft für den Alltag gehabt (cl. 35 pag. 15.0.92).
B6 wurde durch die Arbeit in den Studios depressiv und fühlte sich kraftlos. Sie
hat dadurch eine erhebliche Persönlichkeitsverletzung erlitten. Angesichts der
letztlich aber nur kurzen Dauer im Studio von 6 Tagen rechtfertigt sich eine Ge-
nugtuung von Fr. 2'000.–, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
h) B7 sagte aus, sie habe in Contagen (Brasilien) als Masseuse gearbeitet
(cl. 23 pag. 12.9.31).
B7 hat bereits in Brasilien im Rotlichtmilieu gearbeitet. Sie wusste bereits in Bra-
silien, dass sie in der Schweiz als Prostituierte arbeiten werde (E. 18.4.2 d). B7
hat somit entsprechend den genannten Kriterien (E. 17.5.2 a) keinen Anspruch
auf Genugtuung.
i) B8 sagte aus, sie habe, bevor sie in die Schweiz gekommen sei, als Dienst-
mädchen gearbeitet (cl. 23 pag. 12.10.21). Sie habe mit der Prostitution erst in
der Schweiz angefangen (cl. 23 pag. 12.10.28). Seit sie hier angekommen sei,
habe sie jeden Tag daran gedacht, so rasch als möglich nach Hause zu gehen
(cl. 23 pag. 12.10.29). Sie habe einfach gut für ihre Tochter schauen wollen. Dies
habe sie motiviert, sich zur Prostitution zu überwinden (cl. 23 pag. 12.10.29).
Dem Bericht des FIZ ist zu entnehmen, dass es ihr im ersten Jahr schlecht ging.
Das Erlebte sei wieder gekommen, ebenfalls die tiefe Scham. Bis jetzt habe sie
Mühe, etwas zu tun. Es sei als hätte sie weder Lust noch Kraft. Sie sei lethar-
gisch (cl. 35 pag. 15.0.94).
B8 war in Brasilien nicht Prostituierte. Sie wusste aber vor ihrer Einreise in die
Schweiz, dass sie sich in den Studios werde prostituieren müssen. Sie wurde
über die relativ lange Zeit von sechs Monaten sexuell ausgebeutet und wurde le-
thargisch. Sie erlitt dadurch eine erhebliche Persönlichkeitsverletzung. In Anbet-
- 127 -
racht sämtlicher Umstände erscheint eine Genugtuung von Fr. 5'000.– ange-
messen, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
j) B9 sagte aus, sie habe ihren Unterhalt bis zu ihrer Abreise in die Schweiz als
Prostituierte verdient (cl. 24 pag. 12.11.22). Ihre Schwester B7 sei schon in der
Schweiz gewesen und habe hier gearbeitet (cl. 24 pag.12.11.23). Sie habe von
Beginn weg die Bedingungen gekannt (cl. 24 pag. 12.11.11).
B9 hat bereits in Brasilien als Prostituierte gearbeitet und wusste, dass sie in der
Schweiz das gleiche Schicksal erwartet. Sie kannte durch ihre Schwester die Ar-
beitsbedingungen. In Ansehung der genannten Kriterien (E. 17.5.2 a) steht ihr
keine Genugtuung zu.
k) B10 sagte aus, sie habe bereits in Brasilien als Prostituierte gearbeitet (cl. 24
pag. 12.13.3).
B10 arbeitete bereits in Brasilien als Prostituierte. Sie wusste, dass sie in der
Schweiz als Prostituierte zu arbeiten hatte (E. 17.4.2. g). Sie hat somit keinen
Anspruch auf Genugtuung (E. 17.5.2 a).
l) B11 sagte aus, sie habe in Brasilien in einem Imbisslokal und als Kindermäd-
chen gearbeitet (cl. 22 pag. 12.1.18). In Bezug auf ihre Tätigkeit in den Studios
sagte sie aus, sie habe auch Kunden bedienen müssen, wenn sie krank gewe-
sen sei und sich nicht wohl gefühlt habe (cl. 22 pag. 12.1.9). Sie habe keine frei-
en Tage gehabt (cl. 22 pag. 12.1.10). Als sie nach Brasilien gegangen sei, habe
sie sich von einem Psychologen behandeln lassen müssen. Sie habe auch Me-
dikamente nehmen müssen (cl. 22 pag. 12.1.49). Dem Bericht des FIZ ist zu
entnehmen, dass sie nach wie vor unter posttraumatischen Belastungsstörungen
als Folge der erlittenen Straftat leide. Der Grad der Verletzung der psychischen,
physischen und sexuellen Integrität sei als hoch zu bezeichnen (cl. 138
pag. 138.601.19).
B11 arbeitete in Brasilien nicht als Prostituierte und wurde unter falschen Ver-
sprechen in die Schweiz gelockt. Die vier monatige sexuelle Ausbeutung hat
schwere und unabsehbare Spuren hinterlassen. Der Grad der Verletzung der
persönlichen Integrität ist schwer. In Anbetracht sämtlicher Umstände erscheint
eine Genugtuung von Fr. 10'000.– angemessen, zuzüglich 5% Zins seit 1. Au-
gust 2004.
m) B12 sagte aus, sie habe ihre Ausbildung abgebrochen, als sie in die Schweiz
gekommen sei (cl. 24 pag. 12.12.25 f.). In Bezug auf ihre Tätigkeit im Studio C2
sagte sie aus, sie sei mehrere Male von einem Kunden mit Gewalt behandelt
worden. Er habe versucht sie zu vergewaltigen. Trotzdem habe er immer wieder
ins Studio kommen dürfen. Er habe immer sie gewollt (cl. 24 pag. 12.12.45). A1
habe gesagt, das sei ein normaler Kunde (cl. 24 pag. 12.12.46). Laut Bericht des
FIZ leide B12 nach wie vor unter den psychischen Narben der Straftat. Sie leide
- 128 -
an Schlafstörungen und plötzlich auftretenden Angstträumen. Sie wähne sich
dann eingeschlossen im Bordell. Das verursache ein Gefühl der Enge in der
Brust und sie wache schweissgebadet auf. Sie habe deutliche posttraumatische
Belastungsstörungen von der erlittenen Straftat. Der Grad der Verletzung der
psychischen, physischen und sexuellen Integrität sei hoch (cl. 138
pag. 138.601.17).
B12 arbeitete in Brasilien nicht als Prostituierte und wurde unter falschen Ver-
sprechen in die Schweiz gelockt. Sie hat die sexuelle Ausbeutung nach wie vor
nicht verarbeitet und leidet sehr darunter. Der Grad der Verletzung ihrer Intims-
phäre war schwer. In Anbetracht aller Umstände hat sie Anspruch auf eine Ge-
nugtuung von Fr. 12'000.–, zuzüglich 5% Zins seit 28. März 2006.
17.5.4 Während der Prostitutionstätigkeit von B1, B5 und B11 waren sowohl A1 wie A2
Funktionsträger in den Studios. Sie sind somit in solidarischer Verbindung zu
verpflichten, diesen Privatklägerinnen Genugtuung für deren unmittelbare Beein-
trächtigung ihrer Persönlichkeit durch die Umstände der Prostitution zu bezahlen.
Für die restlichen Privatklägerinnen hat A1 die Genugtuung für deren unmittelba-
re Beeinträchtigungen ihrer Persönlichkeit durch die Umstände der Prostitution
alleine zu bezahlen.
17.5.5 Die Privatklägerinnen wurden zum Teil massiv in ihrer Persönlichkeit verletzt und
Langzeitschäden sind nicht auszuschliessen. A1 und A2 sind deshalb dem
Grundsatz nach zu verpflichten, unter dem Titel der Genugtuung für weitere Be-
einträchtigungen der Persönlichkeit der Privatklägerinnen, die aus den Umstän-
den der Prostitution folgen, aufzukommen.
17.6 Massgebend für die interne Haftungsquote zwischen A1 und A2 ist das Ver-
schulden. In Bezug auf das Verschulden kann auf die Erwägungen 15.3.2 und
15.4.2 verwiesen werden. Das Verschulden von A1 ist um einiges grösser als
dasjenige von A2. Soweit A1 und A2 für Genugtuung und Schadersatz solida-
risch haften (E. 17.4.3 und 17.5.4), haben A1 im internen Verhältnis eine Quote
von 4/5 und A2 eine solche von 1/5 zu tragen.
17.7 Über die Verwendung von Bussen, eingezogenen Vermögenswerten sowie voll-
streckbaren Ersatzforderungen zu Gunsten der Privatklägerinnen ist nach Voll-
streckung der Ersatzforderungen zu entscheiden.
17.8 a) Gemäss Art. 432 Abs. 1 StPO hat die obsiegende beschuldigte Person ge-
genüber der Privatklägerschaft Anspruch auf angemessene Entschädigung für
die durch die Anträge zum Zivilpunkt verursachten Aufwendungen. Die Höhe der
Entschädigung nach Abs. 1 beschränkt sich auf die Aufwendungen, die durch die
Anträge im Zivilpunkt verursacht wurden (WEHRENBERG/BERNHARD, Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Basel 2011, Art. 432 StPO
- 129 -
N. 14). Diesbezüglich ist vor allem an Anwaltskosten und Aufwendungen zur Be-
schaffung von Beweismitteln zu denken (WEHRENBERG/BERNHARD, a.a.O.,
Art. 432 StPO N. 14). Die beschuldigte Person obsiegt, wenn das Gericht die Zi-
vilklage zunächst als spruchreif betrachtet, im Urteil jedoch abgewiesen hat
(WEHRENBERG/BERNHARD, a.a.O., Art. 432 StPO N. 5).
b) Die Zivilansprüche gegen A3 wurden abgewiesen, weshalb sich die Frage
einer allfälligen Entschädigung durch die Privatklägerinnen stellt. Die Grundlage
für die Abweisung der Zivilansprüche gegen A3 waren die Freisprüche. Die Ver-
teidigungsstrategie war deshalb auf den Strafpunkt ausgerichtet, was die Plä-
doyernotizen belegen (cl. 138 pag. 138.920.316–342). A3 hatte somit in Bezug
auf den Zivilpunkt keinen zusätzlichen Aufwand. Ein zusätzlicher Aufwand wäre
in zeitlicher Hinsicht auch kaum mehr möglich gewesen, da die Anträge unmit-
telbar vor Beginn des zweiten Teils der Hauptverhandlung vom 21. November
2011 eingereicht wurden (cl. 138 pag. 138.601.11–13) und die Begründung wäh-
rend des Plädoyers erfolgte (cl. 138 pag. 138.920.29; pag. 138.920.186–219).
Insgesamt rechtfertigt sich keine andere Kostenverteilung als diejenige im Straf-
punkt. A3 ist somit keine Parteientschädigung zu Lasten der Privatklägerinnen
auszurichten.
18. Verfahrenskosten
18.1 Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird.
Ausgenommen sind die Kosten für die amtliche Verteidigung; vorbehalten bleibt
Art. 135 Abs. 4 StPO (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die Kosten, Gebühren und Ent-
schädigungen richten sich nach dem Reglement des Bundesstrafgerichts über
die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bundesstrafverfahren vom
31. August 2010 (BStKR; SR 173.713.162). Für die polizeilichen Ermittlungen
können Gebühren in der Höhe von Fr. 200.– bis Fr. 50'000.–, für die Untersu-
chung und Anklage solche in der Höhe von Fr. 1'000.– bis Fr. 100'000.– erhoben
werden (Art. 6 Abs. 3 lit. b und Abs. 4 lit. c BStKR). Die Gebühr für die polizeili-
chen Ermittlungen und die Untersuchung darf den Betrag von Fr. 100'000.– nicht
überschreiten (Art. 6 Abs. 5 BStKR).
18.2
18.2.1 Die Bundesanwaltschaft macht Gesamtgebühren von Fr. 58'000.– geltend (cl. 13
pag. 138.110.103), wovon bei den Beschuldigten je Fr. 10'500.– (Fr. 7'500.– ge-
richtspolizeiliche Ermittlungen; Fr. 3'000.– Untersuchung und Anklage) angefal-
len seien. Der Rest sei im Zusammenhang mit dem abgetrennten Verfahren ge-
gen B13 verursacht worden.
- 130 -
Die beantragten Gebühren entsprechen den gesetzlichen Grundlagen, sind aber
leicht übersetzt und sind um die auf B13 angefallene Gebühr zu reduzieren. Die
Gesamtgebühr für das Vorverfahren ist auf Fr. 45'000.– festzusetzen.
18.2.2 Für das Verfahren vor Bundesstrafgericht ist eine Gerichtsgebühr in Anwendung
von Art. 7 lit. b BStKR festzusetzen; ein Betrag von Fr. 25'000.– erscheint ange-
messen.
18.3
18.3.1 Weiter verlangen das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt und die Bun-
desanwaltschaft Ersatz eigener Auslagen von insgesamt Fr. 476'855.80
([cl. 138.110.103] Fr. 12'765.50 Auslagen Eidgenössisches Untersuchungsrich-
teramt [cl. 50 pag. 20.1.1], Fr. 464'090.30 Auslagen Bundesanwaltschaft [cl. 50
pag. 20.0.1 ff.]) Davon nicht auferlegbar sind bei den Auslagen des Untersu-
chungsrichteramtes die Kosten für die Vorladungen, da diese in den Gebühren
inbegriffen sind. Die Akontozahlungen für die Anwaltskosten sind ebenfalls in
Abzug zu bringen (E. 19.1). Beim Eidgenössischen Untersuchungsrichteramt
sind insgesamt Auslagen von Fr. 12'050.– in Abzug zu bringen. Bei den Ausla-
gen der Bundesanwaltschaft sind die Übersetzerkosten in Abzug zu bringen.
Dies in Anwendung von Art. 426 Abs. 3 lit. b StPO (Fremdsprachigkeit von zwei
Beschuldigten). Die Reise- und anderen Spesen sowie die Versandkosten sind
durch die Gebühr abgegolten und können den Beschuldigten nicht auferlegt
werden. Die Kosten für die amtlichen Verteidigungen sind in Abzug zu bringen
(E. 19.1). Weiter nicht auferlegbar sind die Kosten für den Gefangenentransport,
die Arztkosten sowie die Kosten für die Untersuchungshaft (vgl. DONATSCH/
A6JAKOB/LIEBER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung,
Art. 422 StPO Rz 18 f.). Bei der Bundesanwaltschaft sind insgesamt Auslagen
von Fr. 453'710.30 in Abzug zu bringen.
18.3.2 Nach Abzug der nicht auferlegbaren Auslagen von Fr. 465'760.30 betragen die
durch die Beschuldigten in der Strafuntersuchung verursachten Auslagen insge-
samt rund Fr. 11’095.–, bestehend aus Auslagen des Eidgenössischen Untersu-
chungsrichteramtes im Zusammenhang mit dem Versand von Korrespondenz
von Fr. 715.– und Auslagen der Bundesanwaltschaft von Fr. 9'859.– für die
Überwachung des Fernmeldeverkehrs, von Fr. 115.– für Zeugenentschädigung-
en und von Fr. 406.– für die Entschädigung der Auskunftsperson.
18.3.3 Die Auslagen des Gerichts betragen Fr. 3'051.–, bestehend aus Fr. 2’616.– für
Zeugenentschädigungen und Fr. 435.– für die Entschädigung der Auskunftsper-
son.
18.4 Das Total der auferlegbaren Verfahrenskosten beträgt bei den Beschuldigten
somit Fr. 84'146.–, bestehend aus Fr. 45'000.– Gebühr für das Vorverfahren,
- 131 -
Fr. 11'095.– Auslagen für das Vorverfahren, Fr. 25'000.– Gerichtsgebühr und
Fr. 3'051.– Auslagen Gericht.
18.5 Bei der Festlegung des Verfahrenskostenanteils gilt es, die Tatbeiträge der Be-
schuldigten im Kontext der Gesamtuntersuchung zu würdigen. Die meisten Un-
tersuchungen sind im Zusammenhang mit A1 angefallen. Die Untersuchungs-
handlungen im Zusammenhang mit A2, A3, A4 und A5 waren weit geringer.
Demnach erscheint es angemessen, A1 von den Verfahrenskosten 40% aufzuer-
legen und den übrigen Beschuldigten je 15%.
18.6 a) Das urteilende Gericht kann in sinngemässer Anwendung von Art. 425 StPO –
entsprechend den früheren Art. 172 Abs. 1 und Art. 38 Abs. 2 BStP – im Ent-
scheid über die Verfahrenskosten unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen
Verhältnisse der Kostenpflichtigen von einer Kostenauferlegung ganz oder teil-
weise absehen (SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommen-
tar, Zürich/St. Gallen 2009, Art. 425 StPO N. 3 f.; DOMEISEN, Basler Kommentar
zur Strafprozessordnung, Basel 2011, Art. 425 StPO N. 3 f.). Eine Kostenreduk-
tion ist denkbar für den Fall, dass bestimmte Gründe vorliegen, die eine ernsthaf-
te Gefährdung der Resozialisierung des Täters erkennen lassen und wenn eine
Reduktion für eine Wiedereingliederung unerlässlich erscheint (BGE 133 IV 187
E. 6.3 S. 197).
b) In diesem Sinne ist zu berücksichtigen, dass A1 keiner geregelten Arbeit
nachgeht, A2 Sozialhilfe und A3 eine tiefe Rente bezieht. In Anbetracht der pre-
kären wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschuldigten und unter dem Gesichts-
punkt der Wiedereingliederung sind die genannten Beschuldigten nur zur teilwei-
sen Kostentragung zu verpflichten; angemessen erscheint, A1 einen Betrag von
Fr. 30'000.–, A2 Fr. 4'000.– und A3 Fr. 2'000.– aufzuerlegen. A4 und A5 sind mit-
tellos. Entsprechend müssen die Verfahrenskosten als weitgehend uneinbring-
lich angesehen werden. Bei dieser Sachlage rechtfertigt es sich, diesen beiden
Beschuldigten in sinngemässer Anwendung von Art. 425 StPO die Verfahrens-
kosten zu erlassen.
Die übrigen Kosten gehen zu Lasten der Eidgenossenschaft.
19. Entschädigungen
19.1 Fürsprecher Mark Schibler, Fürsprecher Matthias Fischer sowie Fürsprecher
Jürg Friedli wurden am 29. März 2006 von der Bundesanwaltschaft als amtliche
Verteidiger von A3, A4 beziehungsweise A5 eingesetzt (cl. 38 pag. 16.2.1–2;
cl. 39 pag. 16.3.1–2; cl. 40 pag. 16.4.1–2). Rechtsanwalt Rolf Liniger wurde am
21. April 2006 von der Bundesanwaltschaft als amtlicher Verteidiger von A1 ein-
- 132 -
gesetzt (cl. 36 pag. 16.1.29–30). Am 12. Oktober 2006 wurde Fürsprecher Martin
Schmutz als amtlicher Verteidiger von A2 eingesetzt (cl. 41 pag. 16.5.2–2). Mit
Verfügung des Bundesstrafgerichts vom 27. September 2011 wurde Rechtsan-
wältin Regina Marti rückwirkend ab dem 10. November 2008 als unentgeltliche
Rechtsvertreterin der Geschädigten eingesetzt (cl. 138 pag. 138.443.1–4).
Gemäss Art. 422 Abs. 2 lit. a StPO gelten die Kosten der amtlichen Verteidigung
als Auslagen. Deren Verlegung richtet sich indes nach der Spezialregelung von
Art. 426 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. Art. 135 Abs. 4 StPO. Die Entschädigung der amtli-
chen Verteidigung wird nach dem Anwaltstarif des Bundes, mithin gemäss
BStKR, festgesetzt (Art. 135 Abs. 1 StPO). Die Anwaltskosten umfassen das
Honorar und die notwendigen Auslagen, namentlich für Reise, Verpflegung und
Unterkunft sowie Porti und Telefonspesen (Art. 11 Abs. 1 BStKR). Das Honorar
wird nach dem notwendigen und ausgewiesenen Zeitaufwand des Verteidigers
bemessen. Der Stundenansatz beträgt mindestens 200.– und höchstens 300.–
Franken (Art. 12 Abs. 1 BStKR). Die Auslagenvergütung richtet sich nach Art. 13
BStKR). Gemäss Art. 13 Abs. 2 lit. c BStKR gelten für Mittag- und Nachtessen
die Beträge gemäss Art. 43 der Verordnung des EFD vom 6. Dezember 2001 zur
Bundespersonalverordnung (VBPV; SR 173.713.162). Gemäss Art. 43 Abs. 1
lit. b VBPV wird das Mittag- oder das Nachtessen mit einem Pauschalbetrag von
Fr. 27.50 vergütet.
19.2 Der Straffall warf keine aussergewöhnlichen Schwierigkeiten in tatsächlicher
oder rechtlicher Hinsicht auf. Der Stundenansatz wird deshalb in Anwendung des
erwähnten Reglements auf Fr. 230.– festgesetzt. Der Stundenansatz für die zu
vergütende Reisezeit beträgt gemäss ständiger Praxis des Bundesstrafgerichts
Fr. 200.– (vgl. Entscheid des Bundesstrafgerichts SK.2008.14 vom 9. Dezember
2008, E. 8.1 m.w.H.). Schliesslich liegt der Ansatz für die zu erstattenden Foto-
kopien bei je Fr. 0.50 (Art. 4 Abs. 1 des Reglements). Der Stundenansatz für den
Arbeitsaufwand von Praktikanten beträgt praxisgemäss Fr. 100.– (vgl. Entscheid
des Bundesstrafgerichts SK.2010.3 vom 5. Mai 2010, E. 8.4).
19.3 a) Der Verteidiger von A1 macht einen Zeitaufwand von 499.60 Stunden zu
einem Stundenansatz von Fr. 260.– und 86 Stunden Reisezeit zu einem Stun-
denansatz von Fr. 200.– geltend und verlangt unter Berücksichtigung der Ausla-
gen von Fr. 5'493.68 und der Mehrwertsteuer eine Entschädigung von
Fr. 163'884.96 (cl. 138 pag. 138.721.1–21). Der geltend gemachte Arbeitsauf-
wand erscheint angemessen. Der verlangte Stundenansatz ist aber für die
499.60 Stunden à Fr. 260.– praxisgemäss auf Fr. 230.– festzulegen. Das Mittag-
und Nachtessen ist anstatt je Fr. 30.– mit je Fr. 27.50 zu vergüten. Die nicht be-
rücksichtigte Zeit für die Teilnahme an der Urteilseröffnung von 1 Stunde ist zu-
- 133 -
sätzlich zu vergüten. Die geltend gemachten Auslagen inklusive derjenigen im
Zusammenhang mit dem Prozess erscheinen angemessen.
b) Rechtsanwalt Rolf Liniger ist somit für die amtliche Verteidigung von A1 mit
Fr. 148'000.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenossenschaft zu
entschädigen. Für die Entschädigung des amtlichen Verteidigers hat A1 der Eid-
genossenschaft im Umfang von Fr. 130'000.– Ersatz zu leisten hat, sobald er
dazu in der Lage ist.
19.4 a) Der Verteidiger von A2 macht einen Zeitaufwand von 256 Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 240.– und 24 Stunden Reisezeit zu einem Stundenansatz
von Fr. 200.– geltend und verlangt unter Berücksichtigung der Auslagen von
Fr. 1'493.– und der Mehrwertsteuer eine Entschädigung von Fr. 73'070.30
(cl. 138 pag. 138.723.5–8). Der geltend gemachte Zeitaufwand erscheint ange-
messen. Der verlangte Stundenansatz von Fr. 240.– für die Arbeitszeit ist aber
praxisgemäss auf Fr. 230.– festzulegen. Die geltend gemachten Auslagen er-
scheinen angemessen.
b) Fürsprecher Martin Schmutz ist somit für die amtliche Verteidigung von A2 mit
Fr. 70’500.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenossenschaft zu ent-
schädigen. Für die Entschädigung des amtlichen Verteidigers hat A2 der Eidge-
nossenschaft im Umfang von Fr. 4'000.– Ersatz zu leisten hat, sobald sie dazu in
der Lage ist.
19.5 a) Der Verteidiger von A3 macht einen Zeitaufwand von 250.94 Stunden zu
einem Stundenansatz von Fr. 230.– und 21 Stunden Reisezeit zu einem Stun-
denansatz von Fr. 200.– geltend und verlangt unter Berücksichtigung der Ausla-
gen von Fr. 1'734.60 und der Mehrwertsteuer eine Entschädigung von
Fr. 68'630.25 (cl. 138 pag. 138.724.1–5). Der Zeitaufwand und die Auslagen in-
klusive derjenigen im Zusammenhang mit dem Prozess erscheinen angemes-
sen, mit folgender Ausnahme: Die antizipierte Zeit für die Teilnahme an der
Hauptverhandlung ist leicht auf das tatsächliche Mass zu erhöhen.
19.6 Fürsprecher Mark Schibler ist somit für die amtliche Verteidigung von A3 mit
Fr. 69'000.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenossenschaft zu ent-
schädigen. Für die Entschädigung des amtlichen Verteidigers hat A3 der Eidge-
nossenschaft im Umfang von Fr. 8'000.– Ersatz zu leisten, sobald er dazu in der
Lage ist.
19.7 a) Der Verteidiger von A4 macht einen Zeitaufwand von 301.5 Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 240.– sowie einen Zeitaufwand der Praktikanten von 57
Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 120.– geltend und verlangt unter Be-
rücksichtigung der Auslagen von Fr. 7'763.80 und der Mehrwertsteuer eine Ent-
- 134 -
schädigung von Fr. 86'734.60 (cl. 138 pag. 138.725.2–30). Der geltend gemach-
te Arbeitsaufwand erscheint angemessen, mit folgender Korrektur: Vom Ar-
beitsaufwand sind 26.75 Stunden Reisezeit in Abzug zu bringen, welche mit ei-
nem Stundenansatz von Fr. 200.– zu vergüten sind. Die nicht berücksichtigte
Reisezeit für die Teilnahme an der Hauptverhandlung von 16 Stunden ist zusätz-
lich zu vergüten. Hingegen ist der antizipierte Zeitaufwand von 60 Stunden für
den zweiten Teil der Hauptverhandlung sowie die Urteilseröffnung auf das tat-
sächliche Mass zu reduzieren. Der verlangte Stundenansatz von Fr. 240.– ist auf
Fr. 230.– und der verlangte Stundenansatz von Fr. 120.– für den Zeitaufwand
der Praktikanten auf Fr. 100.– festzulegen. Die geltend gemachten Auslagen er-
scheinen angemessen.
b) Fürsprecher Matthias Fischer ist somit für die amtliche Verteidigung von A4
mit Fr. 88'000.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenossenschaft zu
entschädigen. Auf eine künftige Ersatzpflicht von A4 für diese Zahlung ist auf-
grund ihrer prekären finanziellen Situation zu verzichten.
19.8 a) Der Verteidiger von A5 macht einen Zeitaufwand von 296 Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 240.–, davon 24 Stunden Reisezeit, geltend und verlangt
unter Berücksichtigung der Auslagen von Fr. 5'250.45 und der Mehrwertsteuer
eine Entschädigung von Fr. 82'088.55 (cl. 138 pag. 138.726.2–5). Der geltend
gemachte Arbeitsaufwand erscheint angemessen. Der verlangte Stundenansatz
ist aber auf Fr. 230.– festzulegen. Die Reisezeit ist praxisgemäss mit Fr. 200.–
zu vergüten. Die Auslagen erscheinen angemessen.
b) Rechtsanwalt Jürg Friedli ist somit für die amtliche Verteidigung von A5 mit
Fr. 78’500.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenossenschaft zu ent-
schädigen. Auf eine künftige Ersatzpflicht von A5 für diese Zahlung ist aufgrund
ihrer prekären finanziellen Situation zu verzichten.
19.9 a) Die Vertreterin der Privatklägerinnen macht einen Zeitaufwand 177.34 Stun-
den ohne Angabe eines Stundenansatzes sowie Auslagen von Fr. 1'696.50 und
die Mehrwertsteuer geltend (cl. 138 pag. 138.727.1–10). Der Zeitaufwand er-
scheint angemessen, mit folgender Korrektur: 8 Stunden sind Reisezeit, welche
mit Fr. 200.– zu entschädigen sind. Der restliche Zeitaufwand ist mit Fr. 230.– zu
entschädigen. Die Auslagen erscheinen angemessen.
b) Rechtsanwältin Regina Marti ist somit für die amtliche Vertretung der Privat-
klägerinnen mit Fr. 46'000.– (inkl. Auslagen und MwSt) zu Lasten der Eidgenos-
senschaft zu entschädigen. A1 trifft das grösste Verschulden. Für die Entschädi-
gung der amtlichen Vertretung der Privatklägerinnen haben somit A1 der Eidge-
nossenschaft im Umfang von Fr. 18’400.– und A2 im Umfang von Fr. 1'800.– Er-
satz zu leisten, sobald sie dazu in der Lage sind. Auf weitere Rückforderungen
- 135 -
im Sinne von Art. 426 Abs. 4 StPO ist zu verzichten, soweit diese nicht ohnehin
entfallen.
19.10 a) A1, A2, A3 und A5 verlangen Entschädigungen im Zusammenhang mit den
angewandten Zwangsmassnahmen beziehungsweise der ausgestandenen Un-
tersuchungshaft und A1 zudem wegen der auferlegten Meldepflicht (cl. 138
pag. 138.920.290; pag. 138.920.314; pag. 138.920.340; pag. 138.920.379). A3
verlangt zusätzlich eine Entschädigung wegen weiteren Verletzungen seiner
persönlichen Verhältnisse.
b) Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird
das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf: Genugtuung für
besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere
bei Freiheitsentzug (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). Sind gegenüber der beschuldig-
ten Person rechtswidrig Zwangsmassnahmen angewandt worden, so spricht ihr
die Strafbehörde eine angemessene Entschädigung und Genugtuung zu
(Art. 431 Abs. 1 StPO. Gemäss Art. 431 Abs. 2 StPO besteht im Fall von Unter-
suchungs- und Sicherheitshaft der Anspruch, wenn die zulässige Haftdauer
überschritten ist und der übermässige Freiheitsentzug nicht an die wegen ande-
rer Straftaten ausgesprochene Sanktion angerechnet werden kann. Der An-
spruch nach Abs. 2 entfällt, wenn die beschuldigte Person zu einer Geldstrafe,
zu gemeinnütziger Arbeit oder zu einer Busse verurteilt wird, die umgewandelt
eine Freiheitsstrafe ergäbe, die nicht wesentlich kürzer wäre als die ausgestan-
dene Untersuchungs- und Sicherheitshaft (Art. 431 Abs. 3 lit. a StPO); zu einer
bedingten Freiheitsstrafe verurteilt wird, deren Dauer die ausgestandene Unter-
suchungs- und Sicherheitshaft überschreitet (Art. 431 Abs. 3 lit. b StPO). Beim
Anspruch auf Haftentschädigung ist zu unterscheiden zwischen rechtswidriger
(d.h. ungesetzlicher) und ungerechtfertigter Haft. Rechtswidrig ist die Haft nur
dann, wenn sie auf einer Verletzung von Rechtsnormen (z.B. EMRK Art. 5) be-
ruht. Als ungerechtfertigt wird die Haft bezeichnet, wenn sie rechtmässig ange-
ordnet wurde, sich aber hinterher wegen Einstellung des Verfahrens oder Frei-
spruchs oder bei Überhaft als strafprozessual unbegründet erweist (zum Ganzen
GRIESSER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO), Zü-
rich, Basel, Genf 2010, Art. 431 StPO N. 2 m.w.H.).
c) Bei sämtlichen Beschuldigten waren im Zeitpunkt der Anordnung der Untersu-
chungshaft die gesetzlichen Haftvoraussetzungen in materieller und formeller
Hinsicht gegeben (cl. 5 pag. 6.1.1 ff.; cl. 6 pag. 6.1.315 ff.; cl. 7 pag. 6.2.3 ff.;
cl. 8 pag. 6.4.1 ff.; cl. 9 pag. 6.5.1 ff.). Die Untersuchungshaft wurde rechtmässig
angeordnet und hat sich bei allen Beschuldigten als begründet erwiesen. Bei al-
len Beschuldigten überschreitet die Freiheitsstrafe beziehungsweise bei A3 die
umgewandelte Strafe im Sinne Art. 431 Abs. 3 lit. a StPO die Dauer der Untersu-
chungshaft, weshalb die Begehren unter den Titeln der Untersuchungshaft und
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Meldepflicht unbegründet sind. Anhaltspunkte für Verletzungen der persönlichen
Verhältnisse von A3 gibt es nicht.
19.11 a) A3 macht weiter einen Verdienstausfall von Fr. 12'568.– zuzüglich Zins zu 5%
seit 30. April 2006 geltend (cl. 138 pag. 138.920.340), den er während der Un-
tersuchungshaft als Angestellter der Firma C37 erlitten habe. Zusätzlich sei er
wegen wirtschaftlichen Einbussen im Zusammenhang mit der Haftverlängerung
wegen Anwalts- und Verfahrenskosten mit Fr. 3'000.– zuzüglich 5% Zins seit
14. Oktober 2006 zu entschädigen. Schliesslich sei er wegen dem Rechtshilfe-
verfahren vor Bundesstrafgericht für die Verfahrenskosten von Fr. 3'000.– zuzüg-
lich Zins zu 5% seit 30. Oktober 2007 zu entschädigen.
b) In Bezug auf die rechtmässige und gerechtfertigte Untersuchungshaft kann
auf Erwägung 19.10 c verwiesen werden. A3 ist somit für seine wirtschaftlichen
Einbussen nicht zu entschädigen. Hinsichtlich der gesetzlichen Grundlagen für
eine Kostenauferlegung bei einem Schuldspruch kann auf Erwägung 18.1 ver-
wiesen werden. A3s Forderungen unter diesen Titeln sind demnach unbegrün-
det.
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