# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 35246a74-e062-4cca-9189-a63a48a374ae
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
Der am 2
3.
September
2004
geborene
X._
wuchs ab dem sechsten Altersjahr auf den
A._
a
uf. Nachdem er in die Schweiz zurückgekeh
rt war, besuchte er ab
Sommer 2015 die Schule in
B._
(
Urk.
6/1/5
,
Urk.
6/3/4
). A
m 2
9.
Oktober 2017
wurde er
von seinen Eltern unter Hinweis auf depressive Symptome und eine Entwicklungsstörung bei der Invalidenversicherung
zum Leistungsbezug
angemeldet (
Urk.
6/3). Nach durchgeführten medizinischen Abklärungen gewährte
ihm
die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
mit Mitteilung vom
9.
März 2018
eine Kostengutsprache für
eine
ambulante P
s
ychotherapie (
Urk.
6/11)
, die mit Mitteilung vom 1
3.
November 2019 verlängert wurde (
Urk.
6/49). Eine Kosten
übernahme
für eine Zahnbehand
lung
lehnte
die IV-Stelle dagegen mit Verfügungen vom 2
4.
September 2018
und 1
7.
März 2020
ab
(
Urk.
6/28
,
Urk.
6/61
).
1.2
Am
4.
Januar 2021 erfolgte die Anmeldung von
X._
für Massnah
men der beruflichen Eingliederung (
Urk.
6/66
-67
). Die IV-Stelle
zog Unterlagen betreffend die schulische Ausbildung des Versicherten bei und
führte medizi
nische Abklärungen durch. Mit Vorbescheid vom 2
6.
April 2021
mit dem Titel «Kein Anspruch auf erstmalige berufliche Ausbildung»
stellte sie die Verneinung des
Leistungsa
nspruches in Aussicht (
Urk.
6/80). Nachdem der Vater des Ver
sicherten, unterstützt durch den
behandelnde
n Psychologen
Dr.
phil.
C._
, am
9.
Juni 2021 dagegen Einwand erhoben hatte (
Urk.
6/90), wies die IV-Stelle das
Leis
t
ungsb
egehren mit Verfügung vom 2
0.
August 2021 wie angekün
digt ab (
Urk.
6/93
=
Urk.
2
).
2.
Hiergegen erhob
en die Eltern des
Versicherte
n,
Y._
und
Z._
, am 1
6.
September 2021 Beschwerde mit dem sinngemässen Antrag, die Verfügung vom 2
0.
August 2021 sei aufzuheben
; er habe Anspruch auf Eingliederungsmass
nahmen im Rahmen seiner
erstmaligen beruflichen Ausbildung
(
Urk.
1
S. 2
). Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 1
4.
Oktober 2021 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5)
,
wovon
den Eltern des Versicherten
mit Verfügung vom 1
8.
Oktober 2021 Kenntnis erteilt wurde (
Urk.
7).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus
übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
). Nach Massgabe der Art. 13 und 21 IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (Abs. 2). Nach Massgabe von Art. 16 Abs. 2
lit
. c IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (Abs. 2
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
1.3
Nach Art. 16 Abs. 1 IVG haben Versicherte, die noch nicht erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung in wesentlichem Umfange zusätzliche Kosten entstehen, Anspruch auf Ersatz dieser Kosten, sofern die Ausbildung den Fähigkeiten der versicherten Person entspricht. Als erstmalige berufliche Ausbildung gilt gemäss Art. 5 Abs. 1 IVV die berufliche Grundbildung nach dem Berufsbildungsgesetz (BBG) sowie, nach Abschluss der Volks- oder Sonderschule, der Besuch einer Mittel-, Fach- oder Hochschule und die berufliche Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder auf die Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte.
Unter erstmaliger beruflicher Ausbildung im Sinne von
Art.
16
Abs.
1 IVG ist die gezielte und planmässige Förderung in beruflicher Hinsicht zu verstehen, mit anderen Worten, der systematische Erwerb oder die Vermittlung spezifischer beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten (AHI 2002 S. 176 E. 3b
/
aa
mit Hinweis). Als derartige Ausbildung gelten Massnahmen erst dann, wenn sie nach getroffe
ner Berufswahl zur Vorbereitung auf die eigentliche Berufsausbildung notwendig werden. Die schulischen Vorkehrungen müssen abgeschlossen, die Berufswahl getroffen und die vorgesehenen Massnahmen als integrierende Bestandteile des Berufszieles formuliert worden sein. Vorbereitende Massnahmen fallen dann unter
Art.
16 IVG, wenn sie nach getroffener Berufswahl als gezielte Vorbereitung auf die eigentliche Berufsausbildung notwendig werden. Nicht zur erstmaligen beruflichen Ausbildung gehören Zwischenjahre, die der Förderung der Berufs
wahlreife, der Berufsfindung, dem Ausfüllen schulischer Lücken und der Förderung des Arbeitsverhaltens dienen (Urteil des Bundesgerichts I 485/01 vom 1
5.
Mai 2002
E. 3c
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
betitelte die
angefochtene Verfügung
mit der
Überschrift «Kein Anspruch auf erstmalige berufliche Ausbildung» und
begründete die Abweisung des Leistungsbegehrens damit, dass gemäss den medizinischen Unterlagen
z
war gewisse gesundheitliche Einschränkungen bestünden, sie jedoch davon ausgehe
, dass diese den
Versicherten
in der Arbeitsfähigkeit nicht merklich einschränken würden (
Urk.
2 S. 1). Die im Rahmen des
Einwandverfahren
s
eingereichte Stellungnahme
des behandelnden Psychotherapeuten
sei
dem regionalärztlichen Dienst
zur Prüfung vorgelegt worden. Die
beschriebenen
somatischen und psychischen Beschwerden
stellten
keine invalidisierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen
dar
. Die depressive Störung sei gut mit einer leitliniengerechten Psychotherapie und Psychopharmakotherapie behandel
bar. Eine gener
elle Lernstörung bestehe nicht
. Es lägen keine neuen Erkenntnisse vor, die einen Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen ergäben
(
Urk.
2 S. 2).
2.2
Demgege
nüber machten die Eltern des Versicherten
geltend, gemäss einer ausführlichen Abklärung im Herbst 2020 sei eine Lernstörung ausgewiesen. Ferner lasse die Annahme, die depressive Störung sei gut behandelbar
,
einerseits ausser Acht, dass es auch bei einer leitlinienkonformen Behandlung negative Verläufe geben könne
. A
ndererseits werde
nicht berücksichtigt
, wie sich diese
Störung
individuell bei
m Versicherten
auswirke. Er erleide trotz Verbesserung immer wieder Rückschläge, die kognitiven Einschränkungen würden zudem die Bewältigung der depressiven Symptomatik erschweren (
Urk.
1 S. 1). Dies führe zu einer merklichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Zusätzliche Belastungs
faktoren
,
die seine Arbeitsfähigkeit ebenfalls beeinträchtigen würden, seien dokumentiert, jedoch nich
t berücksichtigt worden (
Urk.
1
S. 2).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin
den Anspruch des
Versicherten
auf berufliche
Eingliederungsm
assnahmen
, insbesondere
in Form
einer
erstmaligen
beruflichen
Ausbildung
,
zu Recht mangels
einer relevanten gesundheitlichen Beeinträchtigung
verneint hat.
3.
3.1
MSc
.
D._
, Psychologin
,
und
Dr.
phil.
C._
berichteten am 1
3.
November 2020 über eine durchgeführte testpsychologische Abklärung zur Erfassung des kognitiven Potentials und der Identifikation von allfälligen Teil
leistungsschwächen
des Versicherten
(
Urk.
6/75/6
). D
ie
Abklärung
habe
ausge
prägte
Schwächen im Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis
ergeben, welche
die Kriterien einer Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F81.9
)
,
erfüllten
. Die normativen Schwächen würden den
Versicherten
signifikant im Lernen und im schulischen Alltag beeinträchtigen.
Es falle ih
m schwer, sich komplexere Aufträ
ge zu merken und
diese
umzusetzen
,
und er benötige im Vergleich zu Gleichaltrigen mehr Repetitionen, um Neues zu lernen. Diese Lernstörung bestehe trotz durchschnittlichem kognitivem Potential und sei weder auf unzureichende Beschulung noch auf
Visusprobleme
zurückzu
führen. Aufgrund dieser Lernstörung
empfählen
sie eine individuelle Prüfung
schulischer Massnahmen
. Die Lernstörung
beeinflusse
di
e Leistung des Versicher
ten
insbesondere im schulischen Alltag
und erfordere eine hohe Kompensations
leistung. Seine aktuell guten bis sehr guten Noten würden jedoch von seinem Engagement und Fleiss, seine Schwächen zu kompensieren und sei
n
Potential auszuschöpfen, zeugen (
Urk.
6/75/9
).
3.2
Der seit Ende 2016 behandelnde
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, stellte in seinem Bericht vom 1
6.
Februar 2021 die Diagnose einer
Dysthymie
(ICD-10 F34.1) bei Verdacht auf eine andere Entwicklungsstörung (ICD-10 F
88;
Urk.
6/78/1). Er
führte aus, sofern die psychische Belastung und der D
ruck erträglich seien, könne
der
Versicherte
einem 100%-Pensum nachgehen
.
Tätigkeiten, die seine kognitiven Ressourcen überfordern würden oder bei denen exzessiver Leistungsdruck ausgeübt werde, seien ihm nicht möglich.
S
eine Leistungsfähigkeit
sei vermindert, der genaue Umfang der Einschränkung
sei schwierig abzuschätzen
,
da dies
kontext- und tätigkeitsabhängig
sei
(
Urk.
6/78/2)
. Dem Versicherten
sei es kürzlich dank seines grossen Einsatzes sowie einer sehr verständnisvollen Lehrperson und vielseitigen Unterstützungsmassnahmen gelungen, aus der Sek C in die Sek B zu wechseln. Aktuell stelle dies ein
e grosse Herausfor
derung dar. Der Versicherte
habe Schwächen in der Selbständigkeit und auch im kognitiven Profil (insbesondere Kurz- und Langzeitgedächtnis)
. Zudem
habe
er
einen geringen Selbstwert, den er durch Grössenphantasien zu kompensieren versuche.
Er
brauche Unterstützung (zum Beispiel in der Form eines Job-Coachings), um die Anforderungen von Beruf und Berufsschule bewältigen zu können. Aktuell gestalte sich die Suche nach einer Lehrstelle als sehr schwierig, was einen Rückfall in die zwischenzeitlich kompensierte depressive
Symptomatik
ausgelöst habe. Der
Versicherte
habe spezifische Wünsche, in welchem Bereich seine Ausbildung
liegen solle. Eventuell
brauche
es hier aufgrund der beschriebenen Schwächen jedoch noch eine Umorientierung, wofür er ebenfalls Unterstützung benötige
. Sofern er - ergän
zend zur aktuellen Unterstützung durch die ambulante Therapie - auch beruflich unterstützt werden könne, sei von einem erfolgreichen Übertritt in die berufliche Ausbildung auszugehen
(
Urk.
6/78/3)
.
3.3
Gemäss Aktennotiz gelangten die Sachbearbeitenden nach
einer internen Besprechung
mit
Dr.
med.
F._
, Facharzt für
Kinder- und Jugend
medizin
,
vom
regionalen ärztlichen Dienst (
RAD
)
am 1
0.
März 2021 zum Schluss, anhand der vorliegenden Unterlagen sei kein invalidisierender Gesundheits
schaden ersichtlich
und somit
Art.
16 (IVG) nicht ausgewiesen
(
Urk.
6/79).
3.4
Dr.
phil.
C._
führte in seiner Stellungnahme vom
2.
Juni 2021 zum
ablehnen
den
Vorbescheid aus, gemäss seiner Einschätzung sei der
Versicherte
nicht in der Lage, eine Lehre in der freien Wirtschaft zu bewältigen, auch nicht auf EBA-Niveau. Die
durchgeführte
Abklärung
des
kognitiven
Potentials habe zwar eine durchschnittliche
Intelligenz
, jedoch ein sehr inhomogenes Prof
il ergeben, insbe
sondere habe der
Versicherte
eine gravierende normative Schwäche in der Skala
«
Arbeitsgedächtnis
»
. Bereits dieses
kognitive
Profil wirke an sich invalidisierend und
stelle
seines Erachtens eine Indikation für berufliche Massnahmen dar. Insbesondere könne der
Versicherte
von einem Coaching zur
Bewältigung
der Berufsschule (auch auf EBA-
Niveau
) sehr
profitieren beziehungsweise sei
er
auf jeden Fall auf eine Unterstützung angewiesen, die im Rahmen einer üblichen Berufs
schule nicht gewährleistet werde (
Urk.
6/87/1).
Zudem zeige der
Versicherte
immer wieder Rezidive seiner depressiven Störung mit Phasen der erneuten Verschlechterung. C
hronisch sei
e
n
neben einem flachen Affekt und einer eingeschränkten Ausdrucksfähigkeit ein tiefes Selbstvertrauen und eine Kompensation mit Grössenphantasien vorhanden.
In Phasen von ausgeprägtem negativem Affekt
zeige
er zudem verstärkt
Insuffizienzgefühle
und diverse Ängste bis hin zu Panikattacken. Er verfüge über wenig Selbstreflexions
fähigkeit und andere Ressourcen
,
um insbesondere die ausgeprägten negativen Phasen konstruktiv zu bewältigen. Es sei davon auszugehen, dass sich dies bei einer Arbeitstätigkeit gravierend auswirken werde (
Urk.
6/87/1).
Ausserdem lägen
bekannte biographische und psychoso
ziale Belastungsfaktoren vor. Der
Versicherte
sei schliesslich
auch mehrfach körperlich belastet, insbesondere hätten ihm mehrere Zähne operativ entfernt werden müssen und er sei überge
wichtig. Diese Faktoren würden sich zusätzlich negativ auf die psychischen Einschränkungen auswirken (
Urk.
6/87/2).
3.5
RAD-Arzt
Dr.
F._
führte dazu
am 1
5.
Juni 2021
aus
, d
er behandelnde Psychotherapeut
bestätige
die Feststellung, dass kein invalidisierender soma
tischer Gesundheitsschaden vorliege. Die beschriebene depressive Störung sei ebenfalls als nicht invalidisierend zu betrachten, da sie gut und leitliniengerecht mit Psychotherapie und/oder Medikamenten zu behandeln sei. Das Vorliegen einer generellen Lernstörung werde vom Therapeuten verneint (
Urk.
6/91/1).
4.
4.1
Unstrittig ist, dass beim
im Verfügungszeitpunkt 17-jährigen
Versicherten
kein
invalidisierender
somatischer Gesundheitsschaden
vorliegt
.
In psychischer Hinsicht stellte der
behandelnde Psychiater
Dr.
E._
die Diagnosen einer
Dysthymie
(ICD-10 F
34
.
1
)
sowie eines Verdachts auf eine
andere
Entwicklungs
störung
(ICD-10 F88
;
Urk.
6/78/1
)
.
RAD-Arzt
Dr.
F._
hielt diese Störungen
indessen
aufgrund der guten Therapierbarkeit sowie des Fehlens einer generellen Lernstörung nicht für invalidisierend
(
Urk.
6/91/1)
.
Dazu ist festzuhalten, dass als
invalid im Sinne von
Art.
16 IVG gilt, wer aus gesundheitlichen Gründen bei einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Ausbildung erhebliche Mehrkosten auf sich nehmen muss. Bezüglich psychischer Beeinträchtigungen sind die von der Rechtsprechung zum invalidisierenden geistigen oder psychischen Gesundheits
schaden (
Art.
4
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
7 und 8
Abs.
1 ATSG) entwickelten Grundsätze auch im Bereich des
Art.
16 IVG massgeblich; dabei ist jedoch nicht die Erwerbstätigkeit, sondern der beabsichtigte Ausbildungsgang mit seinen spezifischen Anforderungen Bezugspunkt (BGE 114 V 29 E. 1b in
fine
mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts I 159/05 vom 16. März 2006 E. 3.2.2).
4.2
Im vorliegenden Fall
handelt es sich bei der
Dysthymie
zwar
grundsätzlich um eine leichte psychische Störung,
die
mit Blick auf den Rentenanspruch und die dafür erforderliche leistungsspezifische Invalidität
für sich allein betrachtet
grundsätzlich
nicht einem Gesundheitsschaden im invalidenversicherungsrecht
lichen Sinne
gleichkommt
(Urteile des Bundesgerichts 8C_623/2013 vom 1
1.
März 2014 und 9C_146/2015 vom 1
9.
Januar 2016 E. 3.2, je mit Hinweisen)
.
Allerdings lässt die Verneinung eines invalidisierenden Gesundheitsschaden
s
durch den RAD-Arzt (
Urk.
6/79/1) jegliche
Bezugnahme auf
die Anforderungen
eine
r
konkrete
n
Ausbildung vermissen, weshalb dieser Einschätzung für die vorliegenden Belange nicht gefolgt werden kann.
Nicht ganz zutreffend
ist sodann
die
Feststellung
des RAD-Arztes
, eine generelle Lernstörung werde von der
«
Therapeutin
»
verneint (
Urk.
6/91/1).
Vielmehr
treten
beim Versicherten
sehr wohl
kognitive Einschränkungen, insbesondere
im Bereich des Kurzzeit- und A
rbeitsgedächtnisses
zum psychischen Leiden
hinzu
,
weshalb
der behandelnde
Psychiater die Verdachtsdiagnose einer anderen Entwicklungsstörung (ICD-10 F88) stellte
(
Urk.
6/78/1)
.
Diese Einschätzung bestätigte
auch der behandelnde Psychotherapeut, der gestützt auf eine
testpsy
chologische Abklärung zur Erfassung des kognitiven Potentials und der Identi
fikation von allfälligen Teilleistungs
schwächen des Versicherten
zwar eine normale Intelligenz, jedoch auch sta
rke Schwächen in den Bereichen
Ar
beits- und Kurzzeitgedächtnis
feststellte und gestützt darauf eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F81.9)
,
diagnostizierte
(
Urk.
6/75/9)
.
Diese wirke sich dahingehend aus, dass es dem Versicherten schwerfalle, sich komplexe Aufträge zu merken und diese umzusetzen
,
und er im Vergleich zu Gleichaltrigen mehr Repetitionen benötige, um Neues zu lernen. Er sei dadurch signifikant im Lernen und im schulischen Alltag beeinträchtigt
(
Urk.
6/75/6)
.
Diese kognitiven Schwierigkeiten
berücksichtigte
Dr.
F._
bei seiner Einschätzung nicht, sondern hielt diesbezüglich
ohne Begründung
fest, dass keine generelle Lernstörung vorliege
(
Urk.
6/
91/1)
. Dies greift angesichts der von den behandelnden Fachpersonen festgestellten
gesundheitlichen
Einschrän
kungen jedoch zu kurz.
4.3
Ohnehin e
ntscheidender als die Natur der medizinischen Ursache sind
jedoch
die Auswirkungen der Krankheit
.
Im Zusammenhang mit
Art.
16
IVG
müssen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen sich so auswirken – und infolgedessen «ein solches Gewicht» aufweisen, wobei sie aber auch hier als Teilursache genügen –
,
dass sie die erstmalige berufliche Ausbildung erheblich behindern und infolge
dessen wesentliche zusätzliche Kosten verursachen (
Murer
Erwin, in:
Invaliden
versicherungsgesetz
[
Art.
1- 27
bis
IVG
]
, Bern 2014,
Art.
16 N 62).
Gemäss
Dr.
E._
führen die Schwächen bei der Selbständigkeit und im kognitiven Profil sowie der niedrige Selbstwert
dazu, dass
der Versicherte
Unterstützung
benötigt
(z.B. in Form eines Job-Coachings)
, um die Anforderungen von
B
eruf und Berufsschule bewältigen zu können
. Mit einer
solchen
beruflichen
Unters
tützung
sei
eine positive Prognose hinsichtlich des Übertritts ins Erwerbsleben
zu stellen
(
Urk.
6/78/3).
Auch der behandelnde Psychotherapeut erachtete bereits aufgrund des kognitiven Profils berufliche Massnahmen für indiziert und hielt
fest, dass der Versicherte
nicht in der Lage sei, eine Lehre in der freien Wirtschaft zu bewältigen, auch nicht auf EBA-Niveau. Er sei auf jeden Fall auf eine Unter
stützung angewiesen, die im Rahmen einer üblichen Berufsschule nicht gewährleistet werde (
Urk.
6/87/1).
Gestützt auf diese nachvollziehbar
begründete
n Ausführungen ist entgegen der Darstellung der Beschwerdegegnerin nicht von der Hand zu weisen, dass eine Invalidität im Sinne von
Art.
16
Abs.
1 IVG gegeben oder
dass
der Versicherte
zumindest
davon bedroht
ist
, was für einen Anspruch auf Eingliederungsmass
nahmen hinreichend ist (
Art.
8
Abs.
1 IVG).
Selbst die Beschwerdegegnerin ging
zunächst
von einer depressiven und einer Entwicklungsstörung aus (
Urk.
6/10/2) und übernahm
deswegen
seit März 2018 die Kosten für ambulante Psychothe
rapie (
Urk.
6/11,
Urk.
6/49)
; ein weiteres Gesuch für die Zeit ab
1.
Dezember 2021 wurde gestellt (
Urk.
6/98),
darüber
aber nach Lage der Akten noch nicht entschie
den.
D
er
Einschätzung der behandelnden Fachleute wird durch die
abweichende
und
fachfremde Beurteilung
des
RAD-Arzt
es
die Grundlage nicht entzogen.
Darüber hinaus ist nicht ersichtlich, auf welchen Invaliditätsbegriff sich der
RAD-Arzt
bezog
; es
scheint,
dass seine Beurteilung
nicht
vor dem Hintergrund
d
er leistungsspezifischen Invalidität
im Sinne von
Art.
16 IVG
, sondern
mit Blick auf
die Invalidität für
einen - hier nicht strittigen - R
entenanspruch erfolg
e
, so dass dem Kurzbericht kein Beweiswert beizumessen ist.
4.4
Hier fällt
zudem
ins Gewicht, dass
nicht ersichtlich
ist
, welche
konkrete
berufliche Ausbildung der
Versicherte
anstrebt
.
Es
ist nicht belegt, dass
er im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung eine Ausbildung in Angriff genommen
oder
eine Berufswahl getroffen
hätte
.
Gemäss Bericht von Dr.
E._
vom 16. Februar 2021 hatte der
Versicherte
von der Sek C in die Sek B
gewechselt
, so dass der Abschluss der
schulischen Vorkehrungen
fraglich erscheint
.
Nach Aussage seines Arztes hat er
jedoch spezifische Wünsche, in welchem Bereich seine Ausbildung liegen soll
(U
rk.
6/78/3)
,
und
er hat
Schnupper
tage
absolviert
, wobei
die Betriebe
- allenfalls nach einem 10.
Schuljahr -
Potential für eine Ausbildung als Automobilassistent EBA
gesehen
haben
(
Urk.
6/76/
8-
9
,
Urk.
6/76/21)
.
Die Beschwerdegegnerin hat betreffend die Berufswahl im Rahmen ihrer Abklärungspflicht keine Erhebungen getätigt, obschon
Dr.
E._
spezifische Wünsche
erwähnt
hat. Daher kann zu den
konkret
notwendige
n
Massnahmen als integrierende Bestandteile
für das
Berufsziel
vorliegend
nicht
s gesagt werden
.
D
ie Beschwerdegegnerin
wird
abzuklären haben, o
b aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen und dem dadurch entstehenden Unterstützungsbedarf bei einer den Fähigkeiten des Versicherten entsprechenden
konkreten
beruflichen Ausbil
dung wesentliche Mehrkosten
von
jährlich um 400 Franken
entstehen.
Nach dem Gesagten
kann der
Anspruch
des Versicherten
auf
eine
erstmalige berufliche Ausbildung
vor der Durchführung weiterer Abklärungen
nicht
abschliessend
beurteil
t werden.
Hiefür
ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und die Beschwerde in diesem Sinne gutzuheissen.
4.5
Im Weiteren
erschliesst sich nicht
, weshalb die Beschwerdegegnerin das Gesuch des Beschwerdeführers um berufliche Eingliederung
einzig
unter dem Titel «Erstmalige berufliche Ausbildung» geprüft hat.
Da der Versicherte zumindest von einer Invalidität bedroht
ist, fällt
grundsätzlich
der
Zugang zu
weiteren Einglie
derungsmassnahmen wie etwa Berufsberatung gemäss
Art.
15 IVG in Betracht
. Indem die Beschwerdegegnerin den Anspruch auf erstmalige berufliche Ausbil
dung pauschal verneint hat, hat sie sich zu Unrecht nicht damit auseinander
gesetzt, in welcher Form
der
Versicherte
Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung
, insbesondere Berufsberatung
benötigt und welche Leistungen
er
hierfür beanspruchen könnte.
Dies wird sie nachzuholen haben.
4.6
Die Beschwerde ist somit in dem Sinn gutzuheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
3.
Mai 2021 aufgehoben und die Sache zur Prüfung von geeig
neten beruflichen Massnahmen und zur neuen Verfügung an die Beschwerdegeg
nerin zurückgewiesen wird.
5.
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 600.-- anzusetzen und ausgangsgemäss der unterlie
genden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.