# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 2f2b24a1-fe58-5a86-a0d6-c7917b128440
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer reichte am 18. August 2017 bei der Gemeinde Safnern ein
Baugesuch ein für den Neubau eines Wohnhauses mit zwei Wohneinheiten und einer
Lagerhalle auf Parzelle Safnern Grundbuchblatt Nr. C._ Die Parzelle wurde erst
vor einigen Jahren abparzelliert und in die Wohn- und Gewerbezone (WG) eingezont.1
Da das kantonale Strasseninspektorat Seeland (in der Folge "Strasseninspektorat") den
geplanten Strassenanschluss an die Kantonsstrasse nicht bewilligte, verlangte der
1 Vorakten Gemeinde, Beilage 6
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damalige Anwalt des Beschwerdeführers mit Schreiben vom 27. Februar 2018, die
Gemeinde habe die geeigneten und erforderlichen Schritte zur Erschliessung
(hinreichende Zu- und Wegfahrt) seines Grundstückes an die Hand zu nehmen und das
Baugesuch sei bis zum Vorliegen dieser Erschliessung zu sistieren. Die Gemeinde stellte
dem Beschwerdeführer daraufhin den Bauabschlag in Aussicht, da eine Erschliessung
mehrere Jahre dauern würde. Mit Schreiben vom 19. März 2018 verlangte der damalige
Anwalt des Beschwerdeführers von der Gemeinde, bei dieser Ausgangslage sei der
Bauabschlag zu verfügen und zu bestätigen, dass die Gemeinde die beantragten
Massnahmen zwecks Erschliessung eingeleitet habe. Mit Entscheid vom 18. April 2018
erteilte die Gemeinde Safnern ohne vorherige Publikation den Bauabschlag. Zudem
forderte sie die Bauherrschaft auf, innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt dieser Verfügung
die Profile und den Baucontainer vom Grundstück zu entfernen oder für den Baucontainer
ein Baugesuch einzureichen.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 30. Mai 2018 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung
des Entscheids vom 18. April 2018 und die Rückweisung zur weiteren Behandlung an die
Gemeinde Safnern. Er macht insbesondere geltend, entgegen der Ansicht der Gemeinde
und des Strasseninspektorats sei die Erschliessung der Parzelle gewährleistet. Zudem sei
das rechtliche Gehör verletzt worden.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, stellte fest, dass
die Gemeinde den angefochtenen Entscheid am 20. April 2018 versandte und die Post
diesen zurückschickte, nachdem die Abholfrist bis am 30. April 2018 unbenutzt verstrichen
war. Das Rechtsamt führte den Schriftenwechsel durch und stellte dem Beschwerdeführer
Kopien von Aktenstücken zu, die er gemäss Beschwerde nicht erhalten habe. Der vom
Beschwerdeführer während des Beschwerdeverfahrens mandatierte Anwalt beantragte am
31. Juli 2018 die Sistierung des Verfahrens, um bezüglich der Erschliessung
Vergleichsverhandlungen mit der Nachbarschaft zu führen. Nach Gewährung des
rechtlichen Gehörs sistierte das Rechtsamt antragsgemäss das Verfahren. Mit Schreiben
vom 17. Oktober 2018 beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Sistierung und
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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reichte gleichzeitig Schlussbemerkungen ein, da keine Einigung erzielt werden konnte.
Dabei bestätigte der Beschwerdeführer sinngemäss das gestellte Rechtsbegehren. Auf die
Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Baugesuch
abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Gemäss Zustellfiktion gilt eine Sendung am letzten Tag der
Abholfrist als zugestellt, soweit diese nicht abgeholt wird.4 Da vorliegend die Abholfrist am
30. April 2018 unbenutzt verstrich5, begann die Beschwerdefrist nicht vor dem 1. Mai 2018
zu laufen. Auf die am 30. Mai 2018 form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
b) Der Beschwerdeführer beantragt in der Beschwerde die Aufhebung des
Bauabschlags und die Rückweisung an die Gemeinde zur weiteren Prüfung des
Baugesuchs. Dasselbe gelte für den Fall, dass für die BVE die nordseitige Erschliessung
ausser Betracht falle, jedoch die südseitige Erschliessung vom D._weg her in
Betracht komme. Diesfalls bestehe die Möglichkeit, die Zufahrt mittels Notwegrechts nach
Art. 694 ZGB6 zu Lasten des benachbarten Grundeigentümers sicherzustellen. Die
Gemeinde habe nach Aufhebung der angefochtenen Verfügung das Verfahren zu sistieren,
bis Klarheit über das Notwegrecht bestehe. Eine Sistierung dränge sich auf, da eine
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 BVR 2006 S. 378 E. 3, VGE 2016.354 vom 29.03.2017 E. 2.3 5 Pag. 12 f. der Akten der BVE 6 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 210)
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öffentlich rechtliche Verpflichtung zur Gewährleistung einer Erschliessung bestehe und die
Gemeinde anlässlich der vor einigen Jahren erfolgten Einzonung der Parzelle ebenfalls
von einer zureichenden Erschliessung ausgegangen sei.
Die Gemeinde führt dazu aus, der damalige Anwalt des Beschwerdeführers habe mit
Schreiben vom 19. März 2018 den Bauabschlag verlangt. Daher habe die Sistierung nicht
aufrechterhalten werden können. Zudem sei die Sistierung nicht sinnvoll, da eine
gerichtliche Erstreitung des Notwegrechts nötig sei, die sich über mehrere Jahre hinziehen
könne.
Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz. Der Streitgegenstand braucht sich
nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch nicht über dieses
hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien den Streitgegenstand.
Sowohl für das Einleiten eines Beschwerdeverfahrens als auch für dessen Umfang und
eine allfällige vorzeitige Beendigung gelten somit die Verfügungs- oder Dispositionsmaxime
sowie das Rügeprinzip. Die Parteien können den Streitgegenstand im Verlauf des
Verfahrens nicht erweitern, sondern nur einschränken.7
Anfechtungsobjekt ist nur der angefochtene Entscheid vom 18. April 2018, mit welchem die
Gemeinde u.a. ohne Publikation den Bauabschlag für das aktuelle Baugesuch erteilte. Eine
allfällige Erschliessung des Grundstücks über den D._weg ist nicht Teil des
vorliegend zu beurteilenden Projekts und eine Projektänderung in Form eines
Eventualbegehrens ist grundsätzlich nicht zulässig.8 Auf diese Vorbringen kann daher nicht
eingetreten werden.
2. Rechtliches Gehör
a) Der Beschwerdeführer rügt die Verletzung des rechtlichen Gehörs, da ihm das im
Entscheid erwähnte E-Mail vom 15. September 2017, das die Tragweite eines
Amtsberichts habe, nicht formgerecht eröffnet worden sei.
7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 bis 8 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 13c mit weiteren Hinweisen
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b) Die Gemeinde führt aus, sie habe das E-Mail vom 15. September 2017 noch
gleichentags der Bauherrschaft zur Kenntnis und dem Projektverfasser zur Bearbeitung
weitergeleitet. Ausserdem habe das Schreiben weder die Form noch die Tragweite eines
Amtsberichts. Es sei lediglich die Antwort des Strasseninspektorats, dass die Aktennotiz
zur Einigungsverhandlung zwischen dem Beschwerdeführer und dem Nachbarn nicht
genüge und weitere Unterlagen eingereicht werden müssten.
c) Mit Verfügung vom 28. Februar 2017 hielt das Strasseninspektorat zu einem ersten
Projekt des Beschwerdeführers (Neubau von zwei Wohnhäusern sowie einer
Doppelgarage mit Technikraum) fest, der geplante Strassenanschluss könne nicht bewilligt
werden.9 Nachfolgend passte der Beschwerdeführer sein Projekt an und die Gemeinde
verlangte dazu beim Strasseninspektorat einen Fachbericht. Dieses hielt mit Schreiben
vom 5. Juli 2017 fest, die Einhaltung der Verkehrssicherheit sei nicht gegeben und der
Strassenanschluss entspreche nicht den Normen, weshalb es auf das Baugesuch nicht
eintrete und es zur Überarbeitung zurückschicke.10 Daraufhin fragte die Gemeinde per E-
Mail bezüglich diverser Punkte beim Strasseninspektorat nach.11 Anschliessend reichte der
Beschwerdeführer das aktuelle Baugesuch ein und weitere Pläne nach, welche die
Gemeinde dem Bauinspektorat zur Prüfung weiterleitete. Mit E-Mail vom 8. September
2017 trat das Bauinspektorat auch auf das aktuelle Baugesuch nicht ein, unter anderem da
keine Vereinbarung mit dem nachbarlichen Grundeigentümer vorliege, die die
Sicherstellung des Sichtfelds garantiere.12 Am 13. September 2017 wandte sich die
Gemeinde erneut per E-Mail an das Strasseninspektorat. Dieses antwortete per E-Mail
vom 15. September 2017 und hielt insbesondere fest, die "Aktennotiz"13 genüge nicht, es
müsse eine schriftliche Vereinbarung, wonach im Sichtfeld die Mauer auf 0.6 m
zurückgebaut und das Grünzeug, welches ins Sichtfeld rage, dauerhaft entfernt werde.
Zudem verlangte das Strasseninspektorat weitere Informationen und Unterlagen. Es ist
unklar, ob die Gemeinde dem Beschwerdeführer dieses E-Mail weitergeleitet hat. Der
von der Gemeinde eingereichte E-Mail-Verkehr enthält zwar einen entsprechenden Text,
es ist jedoch nicht ersichtlich, ob und an welche Adresse die Nachricht gesendet wurde.14
9 Vorakten Gemeinde, Beilage 28 10 Vorakten Gemeinde, Beilage 26 f. 11 Vorakten Gemeinde, Beilage 25 12 Vorakten Gemeinde, Beilage 19 ff. 13 Vermutlich die Aktennotiz zum Einigungsgespräch vom 7. August 2017, Vorakten Gemeinde, Beilage 30 14 Vorakten Gemeinde, Beilage 14
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d) Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist ein Teilaspekt des allgemeinen Grundsatzes
des fairen Verfahrens von Art. 29 BV15. Als grundlegende Verfahrensgarantie umfasst er
insbesondere auch das Recht der Parteien, von jedem eingereichten Aktenstück bzw. jeder
Stellungnahme Kenntnis zu nehmen und sich dazu äussern zu können, und zwar
unabhängig davon, ob dieses Aktenstück neue Tatsachen oder Argumente enthält. Es ist
Sache der Parteien zu beurteilen, ob ein Dokument einen Kommentar erfordert.16 Demnach
sind den Parteien im Baubewilligungsverfahren die verfahrensleitenden Verfügungen, die
Amts- und Fachberichte sowie die Stellungnahmen der Gegenpartei zuzustellen, so dass
diese Gelegenheit haben, sich dazu zu äussern, sofern sie dies als erforderlich erachten.17
In jedem Fall muss den Parteien Gelegenheit gegeben werden, zu den Unterlagen
schriftlich Stellung zu nehmen.18 Die Gemeinde stellte im angefochtenen Entscheid
ausdrücklich auf das erwähnte E-Mail vom 15. September 2017 des Strasseninspektorats
ab. Sie hätte dem Beschwerdeführer dieses E-Mail daher auf jeden Fall zur Kenntnis
bringen müssen. Die Gemeinde wollte dem Beschwerdeführer das E-Mail ja auch
weiterleiten, es ist nur nicht klar, ob die elektronische Weiterleitung tatsächlich erfolgte.
Zudem hätte die Gemeinde einen aktuellen Fachbericht einholen sollen, ein E-Mail genügt
den Formerfordernissen nicht.
Das Rechtsamt der BVE hat dem Beschwerdeführer eine Kopie des E-Mails vom
15. September 2017 mit Verfügung vom 12. Juli 2018 zugestellt. Zudem hat es das
Strasseninspektorat zu einer Vernehmlassung eingeladen. Der Beschwerdeführer konnte
sich daher spätestens mit den Schlussbemerkungen zum E-Mail sowie zu einer
formgerechten Stellungnahme des Strasseninspektorats äussern. Inhaltlich hatte der
Beschwerdeführer zudem bereits vorher Kenntnis von der Sichtweise des
Strasseninspektorats: Gemäss Schreiben vom 27. Februar 2018 des damals vom
Beschwerdeführer mandatierten Anwalts an die Gemeinde erläuterte das
Strasseninspektorat anlässlich eines Lokaltermins vom 14. Februar 2018 die Situation.
Weiter führte der damalige Anwalt des Beschwerdeführers aus: "Gemäss zutreffender
15 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101). 16 BGE 133 I 100, Regeste und E. 4.3 ff. 17 BVR 2009 S. 328 E. 2.4; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 38/39 N. 9b; Urs Eymann, Das rechtliche Gehör im erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahren, KPG-Bulletin 2/2006 S. 47 ff. 18 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 38/39 N. 9b.
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Feststellung des Strasseninspektorats fehlt es sodann an einer Vereinbarung mit den
Grundeigentümern des Nachbargrundstückes, wonach die Sichtverhältnisse dauerhaft
gewährleistet sind."19 Eine allfällige Gehörsverletzung des Beschwerdeführers wegen
Nichtzustellung des E-Mails würde damit nicht besonders schwer wiegen und ist durch die
BVE, welche volle Überprüfungsbefugnis hat, geheilt. Gleiches gilt bezüglich der
Nichteinhaltung der Formerfordernisse. Da der Beschwerdeführer Kenntnis von der
Sichtweise des Strasseninspektorats hatte und die Beschwerde auch nach Kenntnis des E-
Mails aufrecht erhalten hat, ist dem Beschwerdeführer durch die allfällige Gehörsverletzung
kein nennenswerter Mehraufwand entstanden. Eine Ausscheidung von Verfahrenskosten
rechtfertigt sich daher so oder anders nicht.20
3. Strassenanschluss
a) Das Grundstück des Beschwerdeführers grenzt im Norden direkt an die
Kantonsstrasse. Der Beschwerdeführer plant mit dem vorliegenden Projekt im Nordosten
der Parzelle einen Strassenanschluss an die Kantonsstrasse. Gegen Osten ist die Sicht bei
der vorgesehenen Ausfahrt frei. Problematisch ist die Ausfahrt gegen Westen.
b) Der Strassenanschluss bedarf einer Bewilligung des zuständigen Gemeinwesens
(Art. 85 Abs. 1 SG21), hier des Strasseninspektorats. Voraussetzung für die Bewilligung ist,
dass die Zu- und Wegfahrt die öffentliche Strasse nicht beeinträchtigt und die allgemeinen
baurechtlichen Sicherheitsanforderungen gewährleistet (vgl. dazu Art. 73 Abs. 1 SG und
Art. 21 Abs. 1 BauG in Verbindung mit Art. 57 BauV22)23. Zur Beurteilung der Frage, ob ein
Strassenanschluss verkehrssicher ist, können die einschlägigen Normen des
Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) als
Entscheidungshilfe herangezogen werden. Diese legen die Anforderungen fest, denen eine
Erschliessungsstrasse zu genügen hat. Es handelt sich nicht um Rechtsnormen, sondern
lediglich um Richtlinien, deren Anwendung im Einzelfall vor den allgemeinen
19 Vorakten Gemeinde, Beilage 7 20 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 9; BGer 1C_233/2017 vom 19.09.2018, E. 5.5; VGE 2016/219 vom 21.03.2017, E. 2.4 21 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 22 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 23 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 7/8 N. 18
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Rechtsgrundsätzen, insbesondere vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit,
standhalten muss. Sie dürfen daher nicht unbesehen der konkreten Verhältnisse der
Entscheidung zugrunde gelegt werden.24
Grundstückzufahrten sind so zu gestalten, dass durch die ein- und ausfahrenden
Fahrzeuge die Beeinträchtigung der Sicherheit und die Behinderung des Verkehrs auf
öffentlichen Strassen vermieden wird (VSS SN 640 050 [Grundstückzufahrten], Ziff. 6). In
diesem Zusammenhang legt die VSS Norm "Knoten, Sichtverhältnisse in Knoten in einer
Ebene" die Abmessungen der Sichtfelder fest, die in Knoten vorhanden sein müssen, damit
ein vortrittsbelastetes Fahrzeug in den Verkehr einbiegen kann. Grundstückzufahrten sind
überall dort zu vermeiden, wo die minimalen Knotensichtweiten nicht gewähreistet werden
können.25 Das Sichtfeld ist von allen Hindernissen freizuhalten, die ein Motorfahrzeug oder
ein leichtes Zweirad verdecken könnten. Dies gilt auch für Pflanzenwuchs, Schnee oder
parkierte Fahrzeuge. In der Regel genügt es, wenn das Sichtfeld in einem Höhenbereich
zwischen 0.60 m und 3.00 m über der Fahrbahn hindernisfrei ist. Für die Beurteilung des
Sichtfelds ist die ungünstigste Sichtlinie zu berücksichtigen.26 Als Beobachtungsdistanz
wird innerorts ein Wert von 3.00 m empfohlen; sie sollte bei Neuanlagen 2.50 m nicht
unterschreiten.27 Die erforderlichen Knotensichtweiten hängen von der
Zufahrtsgeschwindigkeit der vortrittsberechtigten Motorfahrzeuge ab und werden durch
Wertebereiche definiert. Die unteren Werte gelten für untergeordnete Strassentypen
(Erschliessungsstrassen, Sammelstrassen, Verbindungsstrassen), Sichtwerte zwischen
dem unteren und dem oberen Wert sind erforderlich für übergeordnete Strassentypen wie
Hauptverkehrsstrassen und wichtige Verbindungsstrassen und der obere Wert gilt für
übergeordnete Strassen mit ungünstigen Verhältnissen im Knotenbereich (beispielsweise
grosse Längsneigung, mehr als zwei Fahrstreifen, grosser Schwerverkehrsanteil). Bei einer
Geschwindigkeit von 50 km/h wird eine Knotensichtweite von 50 bis 70 m verlangt.28
c) In seiner Vernehmlassung führte das Strasseninspektorat aus, die Parzelle befinde
sich am Ende einer Kurve im Bereich einer Mittelinsel, welche zum Schutz der
Einmündung E._ Strasse / F._ in die Kantonsstrasse erstellt worden sei.
24 VGE 2016/166 vom 03.07.2017, E. 3.3 m.w.H. 25 VSS SN 640 273a Ziff. 2; VSS SN 640 050 Ziff. 5 26 VSS SN 640 273a Ziff. 10 27 VSS SN 640 273a Ziff. 11 und 13 28 VSS SN 640 273a Ziff. 12.1
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Wie aus dem Unfallkataster hervorgehe, komme es trotz dieser Schutzinsel regelmässig zu
Verkehrsunfällen. Der Beschwerdeführer weise darauf hin, dass seine
Erschliessungssituation einfach mit einer Signalisation "Linksabbiegen verboten" gelöst
werden könnte. Allerdings müssten alle Fahrzeuge dadurch bis zum über 3 km entfernten
Kreisel G._ fahren, um ohne zu manövrieren, resp. risikolos wenden zu können.
Dies sei keine taugliche Lösung für die Erschliessung eines Neubauvorhabens. Aus
Erfahrung sei deshalb klar, dass so oder so auf dem Strassenanschluss an die
Kantonsstrasse links abgebogen werde. Auf solche behelfsmässige
Erschliessungslösungen könne nicht eingetreten werden. Die Sichtfelder gemäss Norm
Knoten, "Sichtfelder in Knoten in einer Ebene", seien im Plan Sichtbermen von H._
vom 28. August 2017 zwar richtig eingezeichnet. Dabei sei der unterste Wert der
Bandbreiten von 50 bis 70 Meter für die Anhaltesichtweite eingesetzt worden. Wie die
Fotos in der Beilage zeigen würden, könne jedoch vor Ort auch mit dieser minimalen
Anhaltesichtweite von 50 Metern das geforderte Sichtfeld nicht eingehalten werden.
d) Im dem von der Planerin H._ AG eingereichten Plan vom 28. August 2017
sind die Sichtbermen mit einer Knotensichtweite von 50 m eingezeichnet und Fotos
veranschaulichen die Situation: Die Mauer mit Bepflanzung befindet sich innerhalb der
Sichtzone, welche in einem Höhenbereich zwischen 0.60 m und 3.00 m über der Fahrbahn
hindernisfrei sein sollte.29 Auf den Fotos zum Plan ist ersichtlich, dass die Mauer alleine
zwischen 0.6 m und 1.10 m hoch ist und die Bepflanzung weit höher reicht (Fotos 2 und 3).
Zudem wird klar, dass das Terrain hinter der Mauer bis zur erhöhten Tenneinfahrt des
benachbarten Bauernhauses ansteigt und die Mauer das dahinterliegende Terrain stützt
(Foto 4).30 Die Fotos des Strasseninspektorats zeigen, dass ein Fahrzeug beim
vorgesehenen Strassenanschluss bei der entscheidenden Minimaldistanz von 50 m nicht
ersichtlich ist, bei 42 m nur die Kühlerhaube gesehen werden kann und das ganze
Fahrzeug erst aus einer Distanz von 40 m wahrgenommen wird.31 Der Schlussfolgerung
des Strasseninspektorats, dass die Sichtfelder vor Ort nicht eingehalten werden können
wegen der Mauer und der Bepflanzung, kann daher gefolgt werden. Gleiches gilt für die
Annahme des Strasseninspektorats, dass die Signalisation "Linksabbiegen verboten"
vorliegend keine taugliche Lösung für die Erschliessung des Neubauvorhabens ist. Die
einschlägigen Normen erachten zudem bei Neuanlagen als Massnahmen bei
29 Vorakten Gemeinde, Beilagen 23 f.; VSS SN 640 273a Ziff. 10 30 Vgl. auch Vorakten Gemeinde, Faszikel 6, Beilage 4 31 Beilage F zur Stellungnahme des Strasseninspektorats vom 28. Juni 2018
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ungenügender Knotensichtweite Lösungen mittels einer geeigneten Signalisation als nicht
zulässig.32 Unbestritten ist zudem, dass eine Vereinbarung mit dem Nachbarn, wonach die
Sichtverhältnisse dauerhaft gewährleistet sind, trotz entsprechender Verhandlungen bis
heute nicht vorliegt.33 Da das Terrain hinter der Mauer bis zur Tenneinfahrt ansteigt,
würden bauliche Massnahmen, welche über die Reduktion der Höhe der Mauer und das
Zurückschneiden von Pflanzen hinausgehen, erforderlich. Diese Umstände dürften das
Finden einer einvernehmlichen Lösung mit dem Nachbarn erschwert haben.
e) Der Beschwerdeführer führte in der Beschwerde aus, bereits heute bestehe eine
Zufahrt zur Hauptstrasse. Vor Abbruch der Scheune sei dort sogar eine Reihe von
Fahrzeugen untergebracht gewesen, welche mutmasslich auch in die Hauptstrasse
eingebogen seien.
Die Gemeinde führte dazu aus, dass eine "Zufahrt besteht", beschreibe nicht die
eigentliche Situation. Da der Schopf von der Bauherrschaft ohne Bewilligung abgerissen
worden sei, falle auch eine allfällige Besitzstandsgarantie weg.
Gemäss Art. 84 Abs. 1 SG gelten die Bestimmungen über die Besitzstandsgarantie nach
Art. 3 BauG sinngemäss. Laut Art. 3 Abs. 1 BauG werden aufgrund bisherigen Rechts
bewilligte oder bewilligungsfreie Bauten und Anlagen in ihrem Bestand durch neue
Vorschriften und Pläne nicht berührt. Sie dürfen unterhalten, zeitgemäss erneuert und,
soweit dadurch ihre Rechtswidrigkeit nicht verstärkt wird, auch umgebaut und erweitert
werden (Art. 3 Abs. 2 BauG). Art. 3 BauG vermittelt keinen Anspruch auf
Nutzungsänderung; die Besitzstandsgarantie besteht nur soweit, als die bisherige Nutzung
im bisherigen Umfang weitergeführt wird.34 Dass einst ein Strassenanschluss bewilligt
worden wäre, wird vom Beschwerdeführer nicht belegt. Gemäss Amtsbericht des
Strasseninspektorats vom 28. Februar 2017 handelt es sich beim vorliegend beantragten
Strassenanschluss um einen neuen Strassenanschluss, was durch die Aussage des
früheren Anwalts des Beschwerdeführers bestätigt wird, wonach die Zufahrt zum
abgebrochenen Unterstand "toleriert" wurde.35 Der Beschwerdeführer plant statt des
32 VSS SN 640 273a Ziff. 13.1 und 13.2; vgl. auch VSS SN 640 050 Ziff. 5 33 Vgl. insb. Schlussbemerkungen des Beschwerdeführers vom 17. Oktober 2018, S. 1 34 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 3 N. 2a 35 Vorakten Gemeinde, Beilage 29
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abgebrochenen Schopfs den Neubau einer Lagerhalle und eines Zweifamilienhauses und
damit eine wesentliche Nutzungsänderung. Selbst wenn früher ein rechtmässiger
Strassenanschlusses bestanden hätte, kann sich der Beschwerdeführer daher nicht auf die
Besitzstandsgarantie berufen. Es kann somit auch offen bleiben, wie viele Fahrten die
geplante Lagerhalle und das Einfamilienhaus verursachen würden.
f) In den Schlussbemerkungen bringt der Beschwerdeführer vor, es bleibe auch nach
der Vernehmlassung des Strasseninspektorats unbeantwortet, weshalb eine
rechtsgenügliche Erschliessung zur Hauptstrasse aus Verkehrssicherheitsgründen verneint
werde, obwohl die streitbetroffene Anlage entsprechend genutzt werde. Ein Blick auf die
Karte (u.a. mit google maps) zeige unschwer, wie einfach z.B. der benachbarte Eigentümer
von Parzelle Nr. I._ via die kritisierte Strasseneinmündung in die Hauptstrasse
einbiegen könne. Verkehrsschilder würden keine bestehen – trotz angeblich
verkehrsgefährdender Situation.
Ein bestehendes Strässchen im Grenzbereich der Nachbarparzelle Nr. I._ und der
Parzelle des Beschwerdeführers führt neben der heute geplanten Ausfahrt auf die
Kantonsstrasse. Es ist unklar, ob hier ein Strassenanschluss bewilligt wurde. Die
Bewohner und Besucher der Parzelle Nr. I._ sind jedenfalls nicht auf diese
Ausfahrt angewiesen, sondern können die Kantonsstrasse südlich über den
D._strasse erreichen. Ob zur Sicherung der bestehenden Situation Massnahmen
ergriffen werden müssen, ist nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
g) Der Beschwerdeführer bringt in den Schlussbemerkungen vor, die Gemeinde habe in
der Beantwortung der Voranfrage vom 29. Juni 2015 implizit die hinreichende
Erschliessung bejaht. Selbst wenn diese Voranfrage noch keine schützenswerte
Vertrauensposition zu begründen vermöchte, lasse sich daraus immerhin entnehmen, dass
die bereits bisher (und heute) stattfindenden regelmässigen Zu- und Wegfahrten nicht als
Problem gesehen würden.
Es ist verständlich, dass sich der Beschwerdeführer aufgrund der Antwort der Gemeinde
zu seiner Voranfrage eine Erteilung der Baubewilligung erhoffte. Die in der Praxis
gebräuchliche Voranfrage ist für das nachfolgende Baubewilligungsverfahren jedoch nicht
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verbindlich und schafft keine Vertrauensposition.36 Zudem äusserte sich die Gemeinde
nicht ausdrücklich zur Strassenanschlussbewilligung, sondern einzig positiv zur
Gewährung einer Ausnahme zum östlichen Zonenabstand. Dabei machte sie ausdrücklich
einen Vorbehalt bezüglich allfälliger Einsprachen oder eines oberinstanzlichen Entscheids
im Rahmen des künftigen Baugesuchs.37
h) Zusammengefasst steht fest, dass die geplante Ausfahrt auf die Kantonsstrasse das
erforderliche Sichtfeld deutlich nicht einhält und damit eine Verkehrsgefährdung bewirken
würde. Dies gilt umso mehr, als beim Linksabbiegen zusätzlich eine Schutzinsel umfahren
werden muss und es an dieser Stelle regelmässig zu Unfällen kommt.38 Selbst der
Beschwerdeführer hat sich anlässlich eines Einigungsgesprächs dahingehend geäussert,
die Ausfahrt sei – selbst nach den vom Strasseninspektorat geforderten Anpassungen –
sehr gefährlich.39 Eine südseitige Erschliessung über den D._strasse erscheint
vorliegend grundsätzlich möglich, auch wenn die Verkehrssicherheit noch geprüft werden
muss und vorgängig weitere Schritte nötig sind, da sie über fremden Grund führt.40 Die
Nichterteilung des Strassenanschluss bzw. der Bauabschlag erweisen sich daher auch als
verhältnismässig. Die Beschwerde wird deshalb abgewiesen.
4. Verfahrenskosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'500.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV41).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).
36 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32-44 N. 5 mit Hinweisen. 37 Vgl. letzte Beschwerdebeilage 38 Beilage E zur Vernehmlassung des Strasseninspektorats vom 28. Juni 2018 39 Vorakten Gemeinde, Beilage 30 40 Vgl. dazu Vorakten Gemeinde, Beilage 6 41 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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