# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 8c2a7b74-78c5-45c1-a5b7-6975f30f3688
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend
versuchte schwere Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung, vom
24. September 2014 (DG140181)
- 2 -
Anklage: (Urk. 22)
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 12. Juni
2014 ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 36 S. 34 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte ist schuldig der versuchten schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der falschen Anschuldigung im Sinne von Art. 303
Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 StGB wird die Beschuldigte freigesprochen.
3. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 24 Monaten aufge-
schoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (12 Monate)
wird die Freiheitsstrafe vollzogen.
5. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Schadenersatz
von Fr. 389.20 zu bezahlen.
6. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 3'000.– zu-
züglich 5 % Zins ab 26. Oktober 2013 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
7. Es wird bei der Beschuldigten eine invasive Probenahme und die Analyse
dieser Probe zur Erstellung eines DNA-Profils angeordnet.
Die Beschuldigte wird verpflichtet, sich innert 30 Tagen ab Eintritt der
Rechtskraft dieses Urteils bei der Kantonspolizei Zürich, Erkennungsdienst,
Zeughausstrasse 11, Zürich, zur erkennungsdienstlichen Behandlung mit
Wangenschleimhautabnahme zu melden.
- 3 -
8. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 4'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'500.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 1'910.30 Auslagen Untersuchung
Fr. 8'545.– amtliche Verteidigung
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden der Beschuldigten
auferlegt, aber definitiv abgeschrieben.
10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse
genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO.
11. (Mitteilungen)
12. (Rechtsmittel)"
Schlussanträge im Berufungsverfahren:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Prot. II S. 2)
1. Die Angeklagte sei der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125
StGB schuldig zu sprechen. Eventualiter sei sie der qualifizierten einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 StGB schuldig zu sprechen.
Subeventualiter sei sie im Sinne der Anklage der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig zu sprechen.
2. Dafür sei sie im Haupt- und im Eventualantrag mit einer Freiheitsstrafe von
6 Monaten, und im Subeventualfall zu einer solchen von 18 Monaten zu
bestrafen.
- 4 -
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei unter Ansetzung einer Probezeit von
2 Jahren bedingt aufzuschieben.
4. Die Kosten seien der Staatskasse zu belasten. Auf eine Überbindung der
Kosten für die amtliche Verteidigung sei in jedem Fall zu verzichten.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 42, sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

## Considerations

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 24. September 2014 wurde
die Beschuldigte der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig- und vom
Vorwurf der falschen Anschuldigung im Sinne von Art. 303 Ziff. 1 Abs. 1 und
Ziff. 2 StGB freigesprochen. Die Beschuldigte wurde bestraft mit einer Freiheits-
strafe von 3 Jahren; deren Vollzug wurde im Umfang von 24 Monaten bei einer
Probezeit von 2 Jahren aufgeschoben. Weiter wurde die Beschuldigte verpflichtet,
dem Privatkläger Schadenersatz von Fr. 389.20 sowie eine Genugtuung von
Fr. 3'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 26. Oktober 2013 zu bezahlen. Die Vorinstanz
ordnete sodann eine invasive Probenahme zur Erstellung eines DNA-Profils bei
der Beschuldigten an und auferlegte dieser die Kosten der Untersuchung und des
gerichtlichen Verfahrens, schrieb diese aber sogleich ab. Davon ausgenommen
wurden die Kosten der amtlichen Verteidigung, die unter Vorbehalt der Rück-
zahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen auf die Gerichtskasse
genommen wurden (Urk. 36 S. 34 ff.).
- 5 -
1.2. Gegen dieses mündlich eröffnete Urteil liess die Beschuldigte durch ihren
amtlichen Verteidiger am 3. Oktober 2014 fristgerecht Berufung anmelden
(Urk. 30) und nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 35/1-3) am
10. Februar 2015 – ebenfalls fristgerecht – dem Obergericht die Berufungserklä-
rung einreichen (Urk. 38). Mit Präsidialverfügung vom 19. Februar 2015 wurde die
Berufungserklärung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO der Staatsan-
waltschaft und dem Privatkläger übermittelt, um gegebenenfalls Anschlussberu-
fung zu erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 40).
Am 23. Februar 2015 teilte die Staatsanwaltschaft mit, auf die Erhebung einer
Anschlussberufung zu verzichten und die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
zu verlangen (Urk. 42). Der Privatkläger liess sich nicht verlauten.
1.3. Mit Eingabe vom 13. August 2015 stellte die Verteidigung namens der
Beschuldigten ein Dispensationsgesuch betreffend die Berufungsverhandlung, da
diese immer noch in Südamerika weile und ihre Rückkehr ungewiss sei. Gleich-
zeitig beantragte die Verteidigung die schriftliche Durchführung des Berufungs-
verfahrens (Urk. 61). Mit Schreiben der Verfahrensleitung vom 17. August 2015
wurde dem Dispensationsgesuch der Beschuldigten stattgegeben, mit dem Hin-
weis, dass die mündliche Berufungsverhandlung wie geplant durchgeführt werde
(Urk. 63).
1.4. Zu Beginn der heutigen Berufungsverhandlung, zu welcher der amtliche
Verteidiger der Beschuldigten erschienen ist, waren weder Vorfragen zu ent-
scheiden noch Beweise abzunehmen (Prot. II S. 3 ff.). Das vorliegende Urteil
erging im Anschluss an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 6 ff.).
2. Umfang der Berufung
Die Beschuldigte ficht den vorinstanzlichen Schuldspruch und die ausgefällte
Strafe an (Urk. 38 S. 2). Anders als noch in der Berufungserklärung beantragte
die Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung einen Schuldspruch wegen
fahrlässiger Körperverletzung im Sinne von Art. 125 StGB und es sei eine beding-
te Freiheitsstrafe von 6 Monaten auszufällen. Eventualiter sei die Beschuldigte
der qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 StGB
- 6 -
schuldig zu sprechen, unter Ausfällung der gleichen Strafe. Im Subeventualfall –
für den Fall der Bestätigung des vorinstanzlichen Schuldspruchs – sei die Frei-
heitsstrafe auf 18 Monate festzusetzen (Urk. 38 S. 2). Die Berufung betrifft mithin
die Dispositivziffern 1, 3 und 4 des vorinstanzlichen Urteils. Die nicht angefochte-
nen Punkte (Dispositivziffern 2 und 5 ff.) sind damit in Rechtskraft erwachsen
(Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO; Prot. II S. 4). Das ist
vorab vorzumerken.
3. Sachverhalt
3.1. Die Vorinstanz hat den Anklagesachverhalt als erstellt erachtet (Urk. 36
S. 18-20) und die Beschuldigte anerkennt diesen – wie schon das ganze Verfah-
ren hindurch – weitgehend. Entgegen der Darstellung in der Anklage stellt die
Beschuldigte aber dezidiert in Abrede, die Glasflasche zerbrochen und hernach
dem Privatkläger ins Gesicht gestochen zu haben. Vielmehr habe sie diesen mit
der noch unversehrten Flasche geschlagen (Prot. I S. 11, 12, 19). Sie habe ihm
diese von oben nach unten heftig "über den Kopf gezogen", sodass sie deswegen
zersplittert sei (Urk. 5/1 S. 2, 4, 5; Urk. 5/2 S. 5, 6, 10, 11; Urk. 5/3 S. 2, 4).
3.2. Mit dieser Darstellung widerspricht die Beschuldigte allerdings den dies-
bezüglich übereinstimmenden Aussagen der drei voneinander unabhängigen, an
der Auseinandersetzung nicht beteiligten Zeugen C._, D._ und E._
(vgl. die entsprechenden Zusammenfassungen in Urk. 36 S. 12-14). Ungeachtet
von durchaus vorliegenden "Ungereimtheiten" (so der Verteidiger in Urk. 38 S. 3,
vgl. auch Urk. 56 S. 9) schilderten diese drei das Kerngeschehen deckungsgleich,
wie die Beschuldigte die Flasche auf einer Mauer zerschlagen habe, bevor sie
den abgebrochenen Flaschenhals dem Privatkläger mit einer Bewegung von un-
ten nach oben bzw. geradeaus ins Gesicht gestochen habe (Urk. 6/1 S. 2, 3; Urk.
6/4 S. 4, 5; Urk. 7/1 S. 3; Urk. 7/3 S. 4; Urk. 8/2 S. 2; Urk. 8/4 S. 3, 4). Dass die
Zeugin D._ davon sprach, die Beschuldigte habe die Flasche an einer
"Wand, bestehend aus Eisenstangen" zerschlagen (Urk. 7/1 S. 3), ist ein – ver-
meintlicher – Widerspruch zu den Aussagen der anderen Zeugen, der gerade da-
für spricht, dass die Zeugin effektiv Wahrgenommenes widergibt: Aus den Foto-
grafien des Tatortes ergibt sich nämlich, dass auf der Mauer bzw. dem Mäuer-
- 7 -
chen, an welchem die Beschuldigte gemäss Aussagen der Zeugen C._ und
E._ die Flasche zerschlagen habe, ab einer Höhe von wohl einem guten Me-
ter ein recht massiver Metallzaun angebracht ist, sodass mit Fug sowohl von einer
"Mauer" als auch einer "Wand, bestehend aus Eisenstangen" gesprochen werden
kann (s. die Fotodokumentation in Urk. 3 S. 2-4). In der Einvernahme als Zeugin
sprach D._ denn auch von einer "Mauer mit Metallstangen", wo die Beschul-
digte die Flasche zerschlagen habe (Urk. 7/3 S. 4, 5 [hier mit Bezug auf die Foto-
grafie der Mauer]). Ähnliches gilt es zu den Aussagen von E._ zu sagen,
wenn er die von ihm in der polizeilichen Einvernahme erwähnte Mauer (Urk. 8/2
S. 2) in der staatsanwaltschaftlichen Befragung dann als "Säule" bezeichnet (Urk.
8/4 S. 3, 4), auf den Fotografien aber ganz klar die immergleiche Mauer als Ort
des Geschehens angibt. Aus seinen Ausführungen ergibt sich denn auch, dass er
offensichtlich von der vordersten, massivsten Eisenstange als "Säule" sprach
(Urk. 8/4 S. 5).
3.3. Der Privatkläger selbst vermag sich nicht daran zu erinnern, ob die
Beschuldigte vor dem Schlag die Flasche an der Wand zerbrochen hat oder nicht
(vgl. dazu die Zusammenfassung seiner Aussagen in Urk. 36 S. 11/12). Das
erscheint auch plausibel vor dem Hintergrund dessen, dass sich der Privatkläger
vor dem Schlag gemäss den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen passiv
verhalten habe und von der Beschuldigten unvermittelt attackiert worden sei (vgl.
dazu Urk. 36 S. 19). Der Privatkläger hatte damit seine Aufmerksamkeit vor dem
Schlag nicht der Beschuldigten zugewandt. Hinzu kommt, dass der Privatkläger
beim fraglichen Ereignis ganz erheblich angetrunken war, wies er doch zum Zeit-
punkt der Blut- bzw. Urinentnahme eine Stunde und 15 Minuten bzw. eine Stunde
und 45 Minuten nach dem Vorfall noch immer einen Blutalkoholgehalt von
zwischen 1,79 bis 1,97 Gewichtspromillen auf und konnte ihm der Konsum von
Kokain und Cannabis nachgewiesen werden. Gemäss den entsprechenden Fest-
stellungen des Instituts für Rechtsmedizin entspricht das einer deutlichen Betrun-
kenheit bis hin zu einem eigentlichen "Rausch", kombiniert zusätzlich mit den
Nachwirkungen des Kokainkonsums (Urk. 12/5 S. 2, 3, 5). Ein solcher Zustand ist
offensichtlich geeignet, sich einschränkend auf das Erinnerungsvermögen auszu-
wirken.
- 8 -
3.4. Warum sodann die drei voneinander unabhängigen und je auch nicht in
irgend einer Weise mit einer der Parteien verbundenen Zeugen übereinstimmend
die Beschuldigte unbewusst oder gar bewusst falsch belasten sollten, wäre
schlichtweg nicht ersichtlich. Dass den Zeugen abzunehmen ist, dass sie ehrlich
das aus ihrer Sicht Erlebte schilderten, wurde bereits dargelegt. Und für eine
bewusste Falschanschuldigung fehlte jegliches Motiv. Alleine dass sie sich alle
drei im Nachgang des Vorfalls um den Privatkläger gekümmert und sich dabei auf
Spanisch ausgetauscht hatten (so der Verteidiger in Urk. 26 S. 6), kann jedenfalls
kein Grund dafür sein.
Demgegenüber hat die Beschuldigte natürlich offensichtlich ein Interesse daran,
ihre Tathandlung im Gegensatz zum Anklagesachverhalt als einmaligen Schlag
mit einer intakten Flasche darzustellen: Es ist – jedenfalls grundsätzlich – sicher
gravierender, wenn jemand eine Flasche zunächst zerbricht, um hernach mit der
so hergestellten "Waffe" gegen jemanden vorzugehen, als wenn ein Täter einem
Widersacher "nur" einen einmaligen Schlag mit einer intakten Flasche auf den
Kopf versetzt.
3.5. Schliesslich spricht auch das Verletzungsbild des Privatklägers viel eher
gegen die Version der Beschuldigten als dafür: Insbesondere die ca. 8 cm lange,
klaffende, halbkreisförmige Schnittwunde seitlich des linken Auges mit Schnitt-
verletzungen des Ober- und Unterlids (Urk. 10/5 und 10/8) lässt sich zwanglos mit
dem von den Zeugen geschilderten von unten nach oben bzw. geradeaus erfolg-
ten Zustossen mit einem abgebrochenen Flaschenhals in Übereinstimmung
bringen. Demgegenüber wäre zu vermuten, dass ein Opfer, dem eine unversehrte
Glasflasche heftig "über den Kopf gezogen" wird, irgendwo am Schädel – am
naheliegendsten wohl auf der Schädeldecke – mindestens eine Platzwunde auf-
weisen müsste. Solches ist beim Privatkläger jedoch nicht festzustellen (Urk. 3
S. 1, unteres Bild und Urk. 10/5).
3.6. Unzutreffend ist, wenn die Verteidigung vorbringt, die Staatsanwaltschaft
werfe der Beschuldigten in ihrer Anklageschrift vor, dass diese die Flasche am
Hals haltend an der Mauer zerschlagen habe (Urk. 65 S. 5). Eine solche Annah-
me erwiese sich schon aufgrund der Fotodokumentation als unrichtig, war es
- 9 -
doch der obere Teil der Flasche, der auf der Mauer lag (vgl. Urk. 3 S. 2–5). Es
trifft zwar zu, dass in der Anklageschrift die Vorgehensweise der Beschuldigten
dahingehend umschrieben ist, dass diese dem Privatkläger mit der rechten Hand
"den zersplitterten Flaschenhals" wuchtig ins Gesicht, Richtung Augen, gestochen
habe (Urk. 22 S. 2). Damit ist aber lediglich die Stossrichtung umschrieben.
Offensichtlich muss die Beschuldigte die Flasche am Rumpf gehalten haben, als
sie – wie in der Anklageschrift umschrieben – zugestochen hatte. Entsprechend
war es der vordere Teil der Flasche, eben der "zersplitterte Flaschenhals", der
den Privatkläger am Auge getroffen haben muss. Dabei kann nicht entscheidend
sein, ob sich der "Radius der Wunde" mit demjenigen der Abbruchstelle deckt,
was die Verteidigung in Abrede stellt (Urk. 65 S. 5). Die Radien müssten nur dann
identisch sein, wenn die Beschuldigte die Flasche absolut waagrecht gehalten
hätte, als sie zugestochen hatte. Es ist aber offenkundig, dass der zersplitterte
Rand einer am Flaschenhals abgebrochenen Flasche zweifelsohne auch geeignet
ist, jemandem Schnitt– bzw. Stichverletzungen zuzufügen, wenn diese leicht
schräg gehalten wird.
3.7. Aus diesen Gründen und im Übrigen mit den zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz (Urk. 36 S. 18-20) ist damit der Sachverhalt so erstellt, wie er von der
Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht worden ist (vgl. Anklageschrift S. 2/3).
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Es steht ausser Diskussion, dass das Handeln der Beschuldigten zum
Nachteil des Privatklägers in objektiver Hinsicht mindestens eine einfache
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB zur Folge hatte. Der Verteidi-
ger anerkennt darüber hinaus auch, dass mit der Flasche ein gefährlicher Gegen-
stand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB zum Einsatz gekommen ist und
die Beschuldigte deshalb – soweit von einer vorsätzlichen Tatbegehung auszu-
gehen ist – diesen qualifizierten Tatbestand erfüllt hat (Urk. 26 S. 5; Urk. 38 S. 2,
Urk. 65 S. 8 f.).
4.2. Zwischen den Parteien umstritten ist jedoch die Vorsatzfrage. Während die
Verteidigung im Rahmen des Berufungsverfahrens im Sinne des Hauptantrages
- 10 -
nunmehr von Fahrlässigkeit ausgeht, ist im Sinne eines Eventualstandpunktes die
weitergehende Frage umstritten, ob sich ein allfällig zu bejahender (Eventual-
)vorsatz der Beschuldigten auf eine schwere Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 2 StGB bezogen hat und sie deswegen des Versuchs zur Erfüllung
dieses Tatbestandes verurteilt werden muss. Die Vorinstanz ist der Auffassung
der Staatsanwaltschaft gefolgt und hat die Beschuldigte der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Diesen Schuldspruch akzeptiert die Verteidi-
gung lediglich im Sinne eines Subeventualantrages und verlangt berufungsweise,
dass die Vorgehensweise der Beschuldigten als fahrlässige Körperverletzung im
Sinne von Art. 125 StGB einzustufen sei. Nur im Eventualstandpunkt geht die
Verteidigung von einem vorsätzlichen Verhalten im Sinne von Art. 123 Ziff. 2
Abs. 2 StGB aus (Urk. 65 S. 2, 5 ff.).
4.3. Soweit die Verteidigung ihren Antrag ausschliesslich damit begründet, dass
im Zweifelsfall zugunsten der Beschuldigten davon auszugehen sei, diese habe
vor dem Schlag gegen den Privatkläger die Flasche nicht zerbrochen (Urk. 26
S. 5/6, Urk. 65 S. 8), ist darauf nicht weiter einzugehen. Das Beweisverfahren hat
das Gegenteil ergeben.
4.4. Vor Vorinstanz hatte der Verteidiger im Eventualstandpunkt die rechtliche
Würdigung der Staatsanwaltschaft noch anerkannt (Urk. 26 S. 7/8). Im Beru-
fungsverfahren macht er nun geltend, es sei der geforderte Eventualvorsatz hin-
sichtlich einer schweren Körperverletzung nicht erstellt (Urk. 65 S. 9). Zwar habe
die Beschuldigte mit der Flasche das Gesicht und da die Augenpartie des Privat-
klägers verletzt. Freilich bleibe unklar, ob sie das überhaupt gewollt und inwiefern
sie den Erfolg einer schweren Körperverletzung in Kauf genommen habe. Es
spreche jedenfalls einiges dafür, dass die Berufungsklägerin und auch das Opfer
vor lauter Substanzmissbrauch derart fahrig drauf gewesen seien, "dass sie ihre
Bewegungen nicht einmal mehr ansatzweise selbstbestimmt und gezielt" hätten
steuern können (Urk. 38 S. 3).
- 11 -
4.5. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Voraussetzungen einer schweren
Körperverletzung zutreffend umrissen (Urk. 36 S. 22). Darauf kann verwiesen
werden.
4.5.1. Offensichtlich ebenfalls zutreffend ist dann, dass der von der Beschuldigten
eingestandenermassen heftige (Urk. 5/1 S. 4, 5; Urk. 5/2 S. 5) Schlag mit der zer-
brochenen Glasflasche in die Richtung eines Auges geeignet war, ein wichtiges
Organ des Privatklägers – eben ein Auge – unbrauchbar zu machen oder das
Gesicht bleibend zu entstellen. Nachdem dies glücklicherweise nicht geschehen
ist, hat die Beschuldigte deshalb in objektiver Hinsicht eine versuchte schwere
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB begangen (vgl. auch Urk. 36 S. 22; Art. 82 Abs. 4 StPO). Daran än-
dert auch nichts, dass die Verteidigung sich berufungsweise nunmehr auf den
Standpunkt stellt, dass die Beschuldigte nur von einem heftigen Schlag gespro-
chen habe, um die von ihr möglicherweise tatsächlich erfundene Tatbestandsva-
riante eines Schlages mit einer ganzen Bierflasche zu untermauern, weil eben nur
ein Schlag von einer gewissen Intensität geeignet sei, eine Flasche zum Bersten
zu bringen (Urk. 65 S. 5). Erstellt ist, dass die Beschuldigte mit einer abgebroche-
nen Glasflasche in Richtung des Auges des Privatklägers zugestochen hat. Dem
Arztbericht ist zu entnehmen, dass der Privatkläger dadurch eine ausgeprägte,
ca. 8 cm lange Schnittverletzung seitlich des linken Auges erlitten hat und sich im
Bereich des Wundgebietes zahlreiche kleine Glassplitter präsentierten. Die sich
selbst tamponierende Verletzung des Auges sei zwar glücklicherweise nur sehr
gering ausgefallen, hätte aber schlimmstenfalls zum Verlust des Auges führen
können (Urk. 10/5 S. 2 f.). Damit ist in objektiver Hinsicht ohne weiteres von einer
versuchten schweren Körperverletzung auszugehen.
4.5.2. Aber auch die Erwägungen der Vorinstanz zum subjektiven Tatbestand
treffen zu: Der Verteidiger vermischt mit seiner berufungsweise vorgebrachten
Argumentation die Vorsatz- mit der Schuldfrage. Mit der Vorinstanz ist festzu-
halten, dass zum Allgemeinwissen zählt, dass ein Schlag mit einer zerbrochenen
Bierflasche in die Richtung der Augen eines Menschen zu einer dauerhaften
Unbrauchbarmachung derselben führen kann. Und ebenso ist mit der Vorinstanz
- 12 -
festzustellen, dass auch die Beschuldigte über dieses Wissen verfügte. Es ist
demnach richtig, dass das Handeln der Beschuldigten nur als Inkaufnahme des
möglichen tatbestandmässigen Erfolgs ausgelegt werden kann (Urk. 36 S. 23/24).
Eine fahrlässige Tatbegehung fällt damit ausser Betracht.
4.5.3. Wenn der Verteidiger ausführt, es sei die Beschuldigte nicht mehr in der
Lage gewesen, ihre Bewegungen auch nur ansatzweise selbstbestimmt und
gezielt steuern zu können (Urk. 65 S. 5, 8 ff.), spricht er das Thema des Ver-
schuldens an. Dass dieses aber in einem derartigen Masse beeinträchtigt gewe-
sen wäre, dass von einer (vollständigen) Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19
Abs. 1 StGB ausgegangen werden müsste, ist nicht ersichtlich und macht der
Verteidiger indessen selbst nicht geltend, ansonsten von der Straflosigkeit der
Beschuldigten auszugehen wäre. Eine allfällige verminderte Schuldfähigkeit ist im
Rahmen der Strafzumessung zu berücksichtigen.
4.6. Die Beschuldigte ist damit in Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils der
versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
5. Strafzumessung
5.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze, nach welchen eine Strafe zuzumessen
ist, richtig zusammengefasst (Urk. 36 S. 25 ff.). Zur Vermeidung von Wieder-
holungen kann darauf verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Die Strafe für die
Beschuldigte ist innerhalb eines Strafrahmens von bis zu 10 Jahren Freiheits-
strafe oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen zu bemessen (Art. 122 Abs. 4
StGB). Bei einem versuchten Delikt ist zunächst eine Einsatzstrafe für das (mut-
masslich) vollendete Delikt festzusetzen und hernach eine Reduktion infolge des
Versuchs vorzunehmen (BGE 136 IV 55 E. 5.7).
5.2. In Bezug auf die objektive Tatschwere der (mutmasslich) vollendeten
schweren Körperverletzung ist zu sehen, dass der heftige Schlag der Beschuldig-
ten mit der zerbrochenen Flasche gegen die linke/vordere Seite des Kopfes des
Privatklägers ohne weiteres hätte zur Folge haben können, dass dieser sein
- 13 -
linkes Auge verliert und/oder sein Gesicht bleibend entstellt wird. Auf einer Skala
aller denkbaren schweren Körperverletzungen wäre ein solcher Erfolg jedoch
gleichwohl noch ungefähr im Bereich eines Drittels der Maximalstrafe anzu-
siedeln: Zwar fällt erschwerend ins Gewicht, dass die Beschuldigte die Flasche
vor dem Einsatz gegen den Privatkläger durch das Zerschlagen an der Mauer zu
einer eigentlichen – untechnisch gesprochen – Waffe umfunktionierte, was die
Wahrscheinlichkeit schwerer, entstellender bis hin zu lebensgefährlichen Ver-
letzungen klar erhöhte. Sodann ist aufgrund der Beweislage davon auszugehen,
dass die Beschuldigte den Privatkläger jedenfalls nicht in einem eigentlichen
Kampf, sondern vielmehr unvermittelt angegriffen hat, sodass diesem die Mög-
lichkeit genommen war, sich zu schützen und/oder zu verteidigen. Andererseits
hat die Beschuldigte wenn auch anerkanntermassen heftig, so doch lediglich ein-
mal zugeschlagen. Hätte der Privatkläger sodann sein linkes Auge effektiv ver-
loren, wäre er nicht erblindet, sondern hätte er immerhin noch das rechte Auge
weiter zur Verfügung gehabt. Der Verlust eines von zwei paarigen Organen wiegt
denn auch weniger schwer als der Verlust eines nichtpaarigen Organs.
5.3. In subjektiver Hinsicht konnte nicht erstellt werden, was die Beschuldigte
zu ihrer Tat veranlasst hat. Während es nach ihrer eigenen Darstellung um Rück-
geld gegangen ist, welches ihr der Privatkläger geschuldet habe (vgl. dazu
Urk. 36 S. 8 ff.), will dieser den Schlag darum erhalten haben, weil er der
Beschuldigten deren Wunsch nach einer Zigarette abgeschlagen habe (Urk. 36
S. 11 f.). Nach den Aussagen der Zeugin C._ sei die Beschuldigte sehr ag-
gressiv aufgetreten, habe herumgeschrien, sie werde jemanden umbringen, und
habe jeden älteren Mann um Geld gefragt. Das habe sie auch beim Privatkläger
getan und ihm schliesslich ein "Säckchen mit weissem Pulver" gezeigt. Daran ha-
be sich der Privatkläger aber nicht interessiert gezeigt, woraufhin die Beschuldigte
plötzlich die Flasche gegen die Wand und hernach dem Privatkläger ins Gesicht
geschlagen habe. Aus Sicht der Zeugin habe es dafür keinen Grund gegeben; der
Privatkläger sei an der Wand gelehnt, habe nichts gemacht und die Beschuldigte
nicht beachtet (Urk. 6/1 S. 2 ff.; Urk. 6/4 S. 3 ff.). Die Zeugin D._ will beo-
bachtet haben, dass die Beschuldigte den Privatkläger verbal belästigt und ge-
wollt habe, dass er mit ihr kommt. Auch diese Zeugin berichtete von einem "bös-
- 14 -
artigen" Auftreten der Beschuldigten, die auf spanisch zu sich selbst gesagt habe,
sie werde jemanden töten. Auch sie bezeichnete demgegenüber das Verhalten
des Privatklägers als ruhig; er habe die Hände in der Jackentasche gehabt, bevor
er von der Beschuldigten mit der Flasche geschlagen worden sei (Urk. 7/1 S. 2 ff.;
Urk. 7/3 S. 3 ff.). E._ erklärte schliesslich, die Beschuldigte habe laut ge-
flucht, geschrien und einige Male gesagt, sie werde den Privatkläger umbringen,
währenddem dieser eher ruhig an eine Mauer gelehnt gewesen sei (Urk. 8/2 S. 2,
3). In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme führte der Zeuge aus, die Be-
schuldigte und der Privatkläger seien heftig am diskutieren gewesen, als die Be-
schuldigte plötzlich die Flasche genommen, sie zerbrochen und damit den Privat-
kläger verletzt habe (Urk. 8/4 S. 3). Nach Einschätzung des Zeugen sei der Pri-
vatkläger aber "ein bisschen hinüber" gewesen und habe auf die Anwürfe der Be-
schuldigten nicht reagiert, sondern sich ruhig verhalten. Er habe auf den Schlag
der Beschuldigten auch überhaupt keine Abwehrreaktion gezeigt (Urk. 8/4 S. 4, 5,
7). Auf Nachfrage bestätigte dann auch dieser Zeuge, dass die Beschuldigte den
Privatkläger um Geld gefragt habe (Urk. 8/4 S. 6).
5.3.1. So oder anders muss der Auslöser für das Verhalten der Beschuldigten ein
einigermassen nichtiger Grund gewesen sein; gesagt werden kann wohl, dass der
Privatkläger einem Wunsch, einem Anliegen, einer Aufforderung o.ä. der Be-
schuldigten in deren Augen nicht nachgekommen ist. Dabei ist unerheblich, ob es
nun um Geld, Zigaretten oder auch Betäubungsmittel gegangen ist. Entscheidend
ist, dass die offenbar bereits aggressive bzw. jedenfalls auffällige Beschuldigte
dem Privatkläger, der sie wohl nicht zu beachten und zu ignorieren versuchte,
derart überraschend mit der zuvor zerbrochenen Flasche ins Gesicht geschlagen
hat, dass diesem keine Abwehrmöglichkeit geblieben ist. Der Vorinstanz zuzu-
stimmen ist, wenn sie festhält, die Tat sei nicht im Voraus geplant gewesen, son-
dern es hätten sich die unbeherrschten Aggressionen der Beschuldigten spontan
entladen. Ebenfalls richtig ist, dass der Beschuldigten lediglich Eventualvorsatz
nachgewiesen werden kann (Urk. 36 S. 27).
5.3.2. Weiter hat die Vorinstanz berücksichtigt, dass die Beschuldigte unter erheb-
lichem Alkoholeinfluss stand, und hat ihr in diesem Sinne eine leicht- bis mittel-
- 15 -
gradige Verminderung der Schuldfähigkeit zugebilligt (Urk. 36 S. 27). Der Vertei-
diger bringt dagegen vor, es sei nicht einzusehen, wieso lediglich von einer leicht-
bis mittelgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit ausgegangen werde. Viel-
mehr sei der "Unfall" das Produkt eines "masslosen Ausgangs der beiden Betei-
ligten", ohne dass ein wirklicher Streit habe festgestellt werden können (Urk. 38
S. 3, Urk. 65 S. 10). Die Strafuntersuchung habe keinerlei Motive zu Tage beför-
dert. Eine lediglich leicht bis mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit werde
dieser Situation kaum gerecht. Dies insbesondere angesichts des Umstandes,
dass die Beschuldigte im Rahmen von Gewaltdelikten bisher nicht aufgefallen sei
(Urk. 65 S. 10).
5.3.2.1. Berufungsweise verlangt die Verteidigung, es sei aufgrund der konkreten
Umstände von einer verminderten Schuldfähigkeit mittleren bis höheren Grades
auszugehen (Urk. 65 S. 10). Vor Vorinstanz hatte er noch von einer "deutlichen
Verminderung der Schuldfähigkeit" gesprochen. Wenn die Meinung der Zeugen
zutreffe – so dort der Verteidiger –, dass die Beschuldigte aus vollkommen nichti-
gem Grund dem Privatkläger mit einer kaputten Flasche ins Gesicht gefahren sei,
müsse von einer "mehr oder weniger kompletten geistigen Umnachtung" ausge-
gangen werden. Denn ausserhalb schwerwiegender psychischer Erkrankungen
lasse sich eine derartige Tat bei normalem Bewusstsein jedenfalls kaum erklären
(Urk. 26 S. 10).
5.3.2.2. Alle Beteiligten sind sich einig, dass die Beschuldigte zur Tatzeit alkoholi-
siert war. Da sie aber erst einen Monat nach dem Vorfall polizeilich tangiert wer-
den konnte (Urk. 5/1), war es nicht möglich, den konkreten Grad der Alkoholisie-
rung rechtsmedizinisch zu ermitteln. Es ist dem Verteidiger recht zu geben, wenn
er die Ansicht vertritt, ein im Nachhinein erstelltes Gutachten hätte unter diesen
Umständen "nicht mehr allzu viel" gebracht (Urk. 26 S. 9, vgl. auch Urk. 65 S. 10).
Ebenfalls ist dem Verteidiger aber recht zu geben, wenn er geltend macht, dass
grundsätzlich gleichwohl eine reduzierte Schuldfähigkeit angenommen werden
könne: Eine Begutachtung braucht nämlich dann nicht angeordnet zu werden,
wenn sie nach Lage der Dinge den Erkenntnisstand über die Schuldfähigkeit des
Beschuldigten nicht zu verbessern vermöchte (BSK StGB I-Bommer, N. 22 zu
- 16 -
Art. 20 mit weiteren Hinweisen). Das ist bei der gegebenen Sachlage offensicht-
lich der Fall.
5.3.2.3. Nach den vorstehend (Erw. 3.2) wiedergegebenen Aussagen der drei am
Vorfall nicht beteiligten Zeugen verhielt sich die Beschuldigte vor dem Vorfall
aggressiv und sprach wirr vor sich hin bzw. wahllos zu Unbeteiligten. Die
Beschuldigte habe gar mehrfach geäussert, sie würde jemanden umbringen. Die
Zeugen schätzten die Beschuldigte allesamt als betrunken ein und vermuteten
auch, dass sie zusätzlich noch Drogen konsumiert haben dürfte. Letztlich hat sie
dann aber dem Privatkläger unvermittelt und aus objektiv nichtigem Anlass mit
der zuvor zerbrochenen Bierflasche ins Gesicht geschlagen. Der Privatkläger sag-
te aus, den Alkoholgeruch der Beschuldigten wahrgenommen zu haben, obwohl
er selber alkoholisiert gewesen sei. Sie habe deshalb "sicherlich auch alkoholi-
siert" gewesen sein müssen (Urk. 4/1 S. 5). Die Beschuldigte selbst sagte in ihrer
Ersteinvernahme am 25. November 2013, sie sei zum Tatzeitpunkt "mittelmässig
alkoholisiert" gewesen; sie habe die ganze Nacht durchgemacht, getrunken und
getanzt. Da sie aber bis kurz vor der Tat getanzt und es lustig gehabt habe, könne
sie "nicht so stark" alkoholisiert gewesen sein. Auf die Frage, ob sie Betäubungs-
mittel und/oder Medikamente konsumiert habe, verweigerte die Beschuldigte die
Antwort (Urk. 5/1 S. 3). In der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 16. Mai
2014 befleissigte sich dann die Beschuldigte in geradezu augenfälliger Weise,
wiederholt zu betonen, wie sehr sie damals betrunken gewesen sei und wieviel
sie getrunken habe (Urk. 5/2 S. 3 ff.). Auf Vorhalt ihrer diesbezüglichen Erstaus-
sage erklärte sie, "wenn ich halb betrunken gewesen wäre, dann hätte ich mehr
Erinnerungen" (Urk. 5/2 S. 11). Die Aussagen der Zeugen, sie habe wohl zusätz-
lich unter Drogeneinfluss gestanden, sei aggressiv gewesen, habe Leute belästigt
und davon gesprochen, jemanden umzubringen, bezeichnete die Beschuldigte
indes allesamt als Lügen (Urk. 5/2 S. 8-10), was nach Ansicht der Verteidigung
als qualifiziertes Schweigen einzustufen sei (Urk. 65 S. 4). Wenn die Verteidigung
daraus ableiten will, dass das Aussageverhalten der Beschuldigten vermuten
lasse, dass es nicht um "Peanuts" gegangen sei, kann dem schon aufgrund des
Verbots der Verpflichtung zur Selbstbelastung nicht gefolgt werden. In der
Schlusseinvernahme wiederholte die Beschuldigte, es habe der Alkohol "das"
- 17 -
verursacht; sie sei sehr betrunken gewesen und habe viel Alkohol gehabt
(Urk. 5/4 S. 2, 4, 5). Ebenso äusserte sie sich in der vorinstanzlichen Hauptver-
handlung: Sie sei so betrunken gewesen, dass es ihr schwer falle, sich zu erin-
nern (Prot. I S. 11). Sie könne sich nicht erinnern, wie sie sich gefühlt habe, und
wenn sie sehe, was sie gemacht habe, tue es ihr leid. Sie sei aber sicher, die
Flasche nicht zuerst zerschlagen zu haben (Prot. I S. 12).
5.3.2.4. Geht man davon aus, dass die Beschuldigte im nicht alkoholisierten
Zustand psychisch jedenfalls nicht in relevantem Masse auffällig ist (wofür keine
Anhaltspunkte bestehen) und sie des Weiteren auch nicht grundsätzlich als
gewaltbereit bezeichnet werden muss (vgl. dazu nur etwa den Strafregisteraus-
zug: Urk. 37, wo keine Delikte gegen Leib und Leben verzeichnet sind), ist ange-
sichts der ganzen Umstände mit dem Verteidiger schon zu folgern, dass der vor-
gängige Alkoholkonsum für das Verhalten der Beschuldigten mit ausschlag-
gebend war (Urk. 26 S. 10, Urk. 65 S. 10). Umgekehrt ist aber zu berücksichtigen,
dass sie durchaus logische und folgerichtige Überlegungen anstellen konnte; ins-
besondere hat sie nicht etwa in einem plötzlichen impulsiven Ausbruch mit einer
Flasche zugeschlagen, welche sie gleichsam zufällig in der Hand gehalten hätte,
sondern sie hat – wie gesehen – die Flasche zunächst an der Wand zerbrochen,
um hernach eine effektivere "Waffe" einsetzen zu können. Sodann hat auch
niemand beobachtet, dass die Beschuldigte beispielsweise Gangunsicherheiten
gezeigt hätte oder getorkelt wäre. Sie selbst hatte ja in der Ersteinvernahme denn
auch noch argumentiert, sie habe bis kurz vor der Tat getanzt und es lustig ge-
habt, sodass sie gar nicht stark alkoholisiert gewesen sein könne. Von daher wirkt
übertrieben und taktisch motiviert, wie die Beschuldigte in den staatsanwaltschaft-
lichen Einvernahmen ohne Unterlass betont, wie sehr sie betrunken gewesen sei
– zumal es auch widersprüchlich erscheint, wenn sie einerseits zwar (alkohol-
bedingte) Erinnerungslücken geltend macht, andererseits sich aber gleichwohl an
– allesamt für sich günstige – Umstände sicher erinnern will.
5.3.2.5. Wenn man die vom Institut für Rechtsmedizin verwendeten Stadien der
akuten Alkoholwirkungen als Anhaltspunkt nimmt (Urk. 12/5 S. 3), zeigte die Be-
schuldigte damit am ehesten die Symptome einer "deutlich betrunkenen" Person.
- 18 -
Ein solcher Zustand wird erfahrungsgemäss bei einer Blutalkoholkonzentration
von zwischen 1,5 und 2,0 Gewichtspromillen erreicht. Im Sinne einer Faustregel
nimmt die bundesgerichtlich Rechtsprechung ab einer Blutalkoholkonzentration
von über 2 Gewichtspromillen eine Verminderung der Schuldfähigkeit an
(BGE 122 IV 49 E. 1b, unter Hinweis auf BGE 119 IV 292 E. 2d). Ein unmittel-
barer Rückschluss von einer gemessenen Blutalkoholkonzentration auf den
psychischen Zustand des Täters im Tatzeitpunkt ist allerdings nicht möglich. Es
ist immer der konkrete Einzelfall massgebend (Bundesgerichtsentscheid
6B_849/2013 vom 19.06.2014, E. 1.4.4).
Vorliegend muss schon davon ausgegangen werden, dass sich die Beschuldigte
zur Tatzeit alkoholbedingt bis zu einem gewissen Grad persönlichkeitsfremd ver-
halten hat. Sie war nicht "nur" angetrunken oder beschwipst, sondern deutlich
betrunken. Das schränkte ihre Steuerungsfähigkeit in einem Masse ein, das die
Annahme einer eingeschränkten Schuldfähigkeit rechtfertigt. Wenn die Vorinstanz
von einer leicht- bis mittelgradigen Verminderung ausgeht (Urk. 36 S. 27), ist das
zu übernehmen.
5.3.2.6. Für eine noch stärkere Einschränkung bestehen indessen, wie vorste-
hend gesehen, aufgrund ihres ganzen Verhaltens insbesondere vor der Tat keine
Anzeichen. Wenn der Verteidiger eine deutlichere Verminderung schwergewichtig
daraus ableiten möchte, dass nur schon alleine aufgrund der Tat "von einer mehr
oder weniger kompletten geistigen Umnachtung" ausgegangen werden müsse,
weil eine derartige Tat bei normalem Bewusstsein kaum zu erklären sei (Urk. 26
S. 10), zäumt er gleichsam das Pferd am Schwanze auf: Nur weil eine Tat "jensei-
tig" ist, muss sie deswegen nicht quasi zwangsläufig in einem Zustand (stark) ein-
geschränkter Schuldfähigkeit begangen worden sein. Konsequent weitergedacht
müsste das ja heissen, dass je schwerer ein Delikt wiegt, mehr oder weniger
"automatisch" auch eine stärkere Verminderung der Schuldfähigkeit anzunehmen
wäre. Der Zirkelschluss "wiederholt [bzw. schwer] delinquent gleich abnorm gleich
psychisch gestört gleich vermindert schuldfähig" ist aber unzulässig (BSK StGB I-
Bommer/Dittmann, Art. 19 N. 60, mit verschiedenen weiteren Hinweisen). Daraus
ergibt sich denn auch, dass nur erhebliche psychische Normabweichungen eine
- 19 -
Verminderung der Schuldfähigkeit begründen können (a.a.O.). Und bei alkohol-
bedingten Bewusstseinsveränderungen heisst das eben im Sinne der zitierten
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, dass erst ganz signifikanter Alkoholkonsum
bzw. sehr deutlich vom Normalzustand abweichende Beeinträchtigungen über-
haupt einer rechtlich relevanten psychischen Störung entsprechen und die
Annahme einer verminderten Schuldfähigkeit rechtfertigen.
5.3.3. Im BGE 136 IV 55 E. 5.6 und 5.7 hat das Bundesgericht festgelegt, wie bei
einer Verminderung der Schuldfähigkeit im Sinne einer nachvollziehbaren Straf-
zumessung vorzugehen ist. In Umsetzung dieser Vorgaben ist vorliegend festzu-
halten, dass sich die vorstehend in tatsächlicher Hinsicht ermittelte leicht- bis mit-
telgradige Verminderung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten auch in rechtli-
cher Hinsicht zwischen leicht und erheblich auswirkt. Die als Folge ihres erhebli-
chen Alkoholkonsums eingetretenen Bewusstseinseinschränkungen mindern das
Verschulden der Beschuldigten merklich. Erachtet man für die objektive Tat-
schwere eine Einsatzstrafe in der Höhe ungefähr eines Drittels der Maximalstrafe
als angemessen, reduziert sich diese aufgrund der subjektiven Umstände dem-
nach auf einen guten Viertel. Als Einsatzstrafe für die gesamte Tatschwere des
mutmasslich vollendeten Delikts erscheinen damit 36 Monate als angemessen.
Die von der Vorinstanz bis hierhin angenommenen 4,5 Jahre (also 54 Monate,
Urk. 36 S. 27) sind damit deutlich zu hoch ausgefallen. Insbesondere bei der
objektiven Tatschwere scheint die Vorinstanz übermarcht zu haben: Wenn sie für
die gesamte Tatschwere eine Einsatzstrafe von 4,5 Jahren festsetzt und hierbei
bereits berücksichtigt haben will, dass zufolge einer leicht- bis mittelgradigen
Verminderung der Schuldfähigkeit subjektiv ein leichtes Verschulden vorliege
(a.a.O.), muss ja folgerichtig für das objektive Tatverschulden eine gedankliche
Einsatzstrafe von deutlich mehr als 5 Jahren angenommen worden sein. Das wird
dem zur Diskussion stehenden Delikt aber nicht gerecht. Auch wenn die Tat der
Beschuldigten keinesfalls bagatellisiert werden soll, kann dafür keine objektive
Einsatzstrafe von deutlich mehr als der Hälfte der Maximalstrafe zur Diskussion
stehen.
- 20 -
5.4. Bei einem Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB kann das Gericht die
Strafe mildern. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe bei einem – wie
vorliegend – vollendeten Versuch hängt unter anderem von der Nähe des tat-
bestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (BGE 121 IV
55 E. 1).
5.4.1. Vorliegend lag der tatbestandsmässige Erfolg – vorab der Verlust des
linken Auges und/oder eine bleibende Entstellung des Gesichts – sehr nahe. Es
ist einzig und allein dem Zufall zu verdanken, dass die Beschuldigte den Privat-
kläger mit ihrem Schlag nicht ins Auge getroffen hat, was mit grosser Wahrschein-
lichkeit gleichbedeutend mit dessen Verlust gewesen wäre. Die Beschuldigte hat
dem Privatkläger die abgebrochene Flasche ja derart nahe neben dem linken
Auge ins Gesicht gestossen, dass Ober- und Unterlid vom Schnitt gar mit betrof-
fen worden sind. Dazu, dass der Privatkläger nicht seines Auges verlustig ge-
gangen ist, hat die Beschuldigte mithin überhaupt nichts von sich aus beige-
tragen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Strafe deshalb nicht zu reduzieren.
5.4.2. Die tatsächlichen Folgen der Tat sind zwar – mit der Vorinstanz (Urk. 36
S. 27) – nicht unerheblich. Der Privatkläger musste über drei Tage im Spital
stationär behandelt werden und hatte – so die Anklageschrift – während eines
Monats Schmerzen. An bleibenden Schäden ist aber letztlich einzig eine zwar
sichtbare, aber schön verheilte Narbe neben dem linken Auge verblieben
(Urk. 10/11; vgl. dazu auch Urk. 4/5 S. 8/9). Diese Umstände – die tatsächlichen
Folgen sind bei Weitem nicht tatbestandsmässig im Sinne von Art. 122 Abs. 2
StGB – müssen sich spürbar strafmindernd auswirken.
5.5. Aus der Biographie der Beschuldigten lassen sich sodann keine mass-
geblichen Strafzumessungsfaktoren ableiten (vgl. Urk. 36 S. 28).
5.6. Der Strafregisterauszug über die Beschuldigte weist zwei Vorstrafen aus.
Es stehen zwei Strafbefehle zu Buche, mit welchen die Beschuldigte am 28. Juni
2005 bzw. 3. Juni 2010 wegen eines Vergehens gegen das ANAG mit einer
bedingten Gefängnisstrafe von 3 Monaten bzw. wegen Diebstahls mit einer
bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie einer Busse von
- 21 -
Fr. 300.– bestraft werden musste (Urk. 37). Diese Vorstrafen sind indessen nicht
einschlägig und liegen im einen Fall weit zurück. Sie sind damit nur ganz leicht
straferhöhend zu würdigen.
5.7. Was das Nachtatverhalten betrifft, hat die Vorinstanz die Voraussetzungen
für eine Strafreduktion unter diesem Titel richtig erörtert (Urk. 36 S. 29/30). Die
Beschuldigte war von Anfang an geständig, den Privatkläger mit einer Flasche
geschlagen und verletzt zu haben. Einzig in Bezug auf das konkrete Vorgehen
macht die Beschuldigte geltend, die Flasche vor dem Schlag nicht zerbrochen zu
haben.
Von Beginn weg zeigte sich die Beschuldigte sodann reuig und beteuerte stetig,
dass ihr leid tue, den Privatkläger verletzt zu haben (Urk. 5/1 S. 5; Urk. 5/2 S. 11;
Urk. 5/4 S. 2; Prot. I S. 12, 16). Das ist ihr abzunehmen und hat zusammen mit
dem Teilgeständnis eine leichte Strafminderung zur Folge.
5.8. Gesamthaft erscheint es damit als angemessen, die Beschuldigte mit einer
Freiheitsstrafe von 28 Monaten zu bestrafen.
6. Strafvollzug
6.1. Eine Strafe von 28 Monaten kann nicht vollständig bedingt aufgeschoben
werden (Art. 42 Abs. 1 StGB). Hingegen kommt ein teilbedingter Aufschub des
Vollzugs gemäss Art. 43 Abs. 1 StGB in Frage. Dabei darf der unbedingt voll-
ziehbare Teil die Hälfte der Strafe nicht übersteigen und muss sowohl der aufge-
schobene wie auch der zu vollziehende Teil mindestens sechs Monate betragen
(Art. 43 Abs. 2 und 3 StGB).
6.2. Grundvoraussetzung für eine teilbedingte Strafe im Sinne von Art. 43 StGB
ist, dass eine begründete Aussicht auf Bewährung besteht. Zwar fehlt ein ent-
sprechender Verweis auf Art. 42 StGB, doch ergibt sich dies aus Sinn und Zweck
von Art. 43 StGB. Wenn und soweit die Legalprognose des Täters nicht schlecht
ausfällt, verlangt die Bestimmung, dass zumindest ein Teil der Strafe auf Bewäh-
rung ausgesetzt wird. Umgekehrt gilt, dass bei einer Schlechtprognose auch ein
bloss teilweiser Aufschub der Strafe nicht gerechtfertigt ist. Denn wo keinerlei
- 22 -
Aussicht besteht, der Täter werde sich in irgendeiner Weise durch den – ganz
oder teilweise – gewährten Strafaufschub beeinflussen lassen, muss die Strafe in
voller Länge vollzogen werden. Die Auffassung, dass die subjektiven Voraus-
setzungen von Art. 42 StGB auch für die Anwendung von Art. 43 StGB gelten
müssen, entspricht ganz überwiegender Lehrmeinung (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1 mit
div. Verweisen). Das – unklare – Element des Verschuldens im Wortlaut von
Art. 43 Abs. 1 StGB ist gemäss Bundesgericht mit der – verschuldensmässig
ermittelten – Strafhöhe verknüpft: Die Notwendigkeit einer teilbedingten Freiheits-
strafe ergibt sich demzufolge – wie vorliegend – als Folge der Schwere des Ver-
schuldens, das sich in einer Strafhöhe zwischen zwei und drei Jahren nieder-
schlägt (BGE 134 IV 1 E. 5.3.3). Das Verhältnis zwischen aufgeschobenem und
zu vollziehendem Strafteil ist nach pflichtgemässem Ermessen so festzusetzen,
dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters einerseits und
dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum Ausdruck kommen. Je
günstiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser
muss der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf
dabei das unter Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass
nicht unterschreiten (BGE 134 IV 1 E. 5.6).
6.3. Unter Verweis auf die vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 36 S. 31) kann
der Beschuldigten eine günstige Prognose gestellt werden. Das prozessuale Ver-
schlechterungsverbot (Art. 391 Abs. 2 StPO) liesse sodann eine vollständig unbe-
dingte Strafe ohnehin nicht zu.
6.4. Es ist der Beschuldigten deshalb der teilbedingte Aufschub der Strafe zu
gewähren. Bei der Bemessung des Verhältnisses zwischen dem zu vollziehenden
und dem bedingt aufzuschiebenden Teil der Strafe fällt zunächst ins Gewicht,
dass das Tatverschulden der Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 28 Mona-
ten geführt hat. Das liegt gut in der Mitte des Strafrahmens, in welchem teil-
bedingte Freiheitsstrafen möglich sind (1 Jahr bis 3 Jahre, Art. 43 Abs. 1 StGB),
aber nur 4 Monate über einer Strafe, bei welcher der vollbedingte Aufschub denk-
bar wäre (24 Monate, Art. 42 Abs. 1 StGB). Aus Verschuldensgesichtspunkten ist
deshalb grundsätzlich einmal ein vollziehbarer Anteil etwa in der Mitte des Zu-
- 23 -
lässigen ins Auge zu fassen. Bei einer einwandfreien Legalprognose kann aber
eine Reduktion angezeigt sein. Vorliegend ist die Prognose für die Beschuldigte
indessen aufgrund deren beider Vorstrafen nicht ganz einwandfrei. Wenn auch
nicht einschlägig, musste sie vor der Tat vom 26. Oktober 2013 doch immerhin
bereits zweimal mit Gefängnis bzw. Geldstrafe sanktioniert werden. Das liesse es
als nicht gerechtfertigt erscheinen, den vollziehbaren Teil der Strafe beim
Minimum von 6 Monaten anzusetzen. Von der ausgefällten Freiheitsstrafe von
28 Monaten sind damit 8 Monate für vollziehbar zu erklären.
6.5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe von 28 Monaten ist damit im Umfang von
20 Monaten bei einer Probezeit von 2 Jahren (Art. 44 Abs. 1 StGB) bedingt auf-
zuschieben, und im übrigen Umfang (8 Monate) zu vollziehen.
7. Kosten- und Entschädigungsfolgen
7.1. Die Verteidigung beantragt, auch für den Fall eines Schuldspruchs, die
Kosten des Berufungsverfahrens infolge Mittellosigkeit definitiv abzuschreiben.
Auf die Überbindung der Kosten für die amtliche Verteidigung sei zu verzichten
(Urk. 65 S. 14).
7.2. Gemäss Art. 425 StPO können Forderungen aus Verfahrenskosten von der
Strafbehörde gestundet oder unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Ver-
hältnisse der kostenpflichtigen Person herabgesetzt oder erlassen werden. In
Kommentatorenkreisen ist man sich unter Hinweis auf die Materialien zwar mehr-
heitlich einig, dass diese Bestimmung – die begrifflich an sich eine rechtskräftige
Kostenauflage voraussetzt – auch Grundlage für die Festsetzung und Auflage der
Gebühren und Kosten bilden soll (Schmid, Praxiskommentar, 2. Auflage, Art. 425
N. 3f.; Griesser, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., 2. Auflage 2014,
Art. 425 N. 2; BSK StPO-Domeisen, 3. Auflage 2014, Art. 425 N. 3). Keinesfalls
verlangt aber Art. 425 StPO, dass – gleichsam zwingend – schon im Urteil dar-
über befunden wird, ob der minderbemittelte Betroffene von der Kostentragungs-
pflicht (allenfalls auch nur teilweise) zu befreien ist. Vielmehr ermöglicht es die
genannte Bestimmung – bzw. legt es deren Wortlaut gar nahe – dass den
Verhältnissen des Betroffenen erst im Zeitpunkt des Kostenbezugs Rechnung ge-
- 24 -
tragen werden kann. Ein solches Vorgehen war auch bereits unter dem bis Ende
2010 in Kraft gestandenen § 190a StPO/ZH zulässig, obwohl jene Bestimmung
noch ausdrücklich festgelegt hatte, dass bereits bei der Bemessung und der Auf-
lage der Kosten die Verhältnisse des Betroffenen zu berücksichtigen waren
(Bundesgerichtsentscheide 6B_417/2007 vom 7. Dezember 2007, E. 2.4.4. samt
Verweisen und 1P.411/2002 vom 6. November 2002, E. 5.4.; Donatsch/Schmid,
Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich, Zürich 1996 ff., § 190a
StPO N. 9, Niklaus Schmid, Strafprozessrecht, 4. Auflage 2013, N. 1215 und
Rechenschaftsbericht des Kassationsgerichtes 1987, S. 337 Nr. 70). Zu beden-
ken ist in diesem Zusammenhang nämlich, dass die definitive Abschreibung von
Gerichtskosten eine weitreichende Wirkung aufweist und einem Erlass gleich-
kommt. Sie können daher selbst dann nicht mehr geltend gemacht werden, wenn
der Schuldner in der Folgezeit in günstige finanzielle Verhältnisse kommt. Diese
Art der Abschreibung sollte daher nur in ausgesprochenen Ausnahmefällen
gewährt werden (vgl. zum alten Recht ZR 103 Nr. 46).
7.3. Die Beschuldigte geht im Moment keiner Erwerbstätigkeit nach und weilt
momentan in Südamerika. Selbst wenn im Moment von der Mittellosigkeit der
Beschuldigten auszugehen ist, ist zu vergegenwärtigen, dass die Beschuldigte
34 Jahre alt ist und eine Rückkehr in die Schweiz nicht auszuschliessen ist
(Urk. 58 und Urk. 61). Es ist damit durchaus denkbar, dass die Beschuldigte
durch eigenen Arbeitserwerb in günstige(re) finanzielle Verhältnisse kommen
wird. Ebenso ist nicht ausgeschlossen, dass die Beschuldigte in den Genuss
eines Vermögensanfall sonstiger Art, beispielsweise aus ehe- oder erbrechtlichen
Ansprüchen kommen könnte. Es kann daher nicht gesagt werden, es sei ausge-
schlossen, dass sie in absehbarer Zeit in eine günstigere wirtschaftliche Situation
kommen wird. Die Beschuldigte im jetzigen Zeitpunkt von der – ganzen oder teil-
weisen – Tragung der Verfahrenskosten definitiv zu entbinden, wäre daher nicht
gerechtfertigt.
7.4. Im Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Vorliegend unterliegt
die Beschuldigte mit ihrer Berufung in Bezug auf den Haupt- sowie Eventualan-
- 25 -
trag vollständig (Qualifikation der Tat als fahrlässige bzw. einfache qualifizierte
statt versuchte schwere Körperverletzung) und in Bezug auf den Subeventual-
antrag (Reduktion der Freiheitsstrafe auf 18 Monate) etwa zur Hälfte. Das recht-
fertigt es, die Kosten des Berufungsverfahrens zu drei Vierteln der Beschuldigten
aufzuerlegen und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse zu nehmen. Davon aus-
genommen sind die Kosten der amtlichen Verteidigung. Dieselben sind zu drei
Vierteln unter Vorbehalt der Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO
einstweilen sowie zu einem Viertel definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
7.5. Eine Prozessentschädigung hat die Beschuldigte dem Privatkläger man-
gels erheblicher Umtriebe im Berufungsverfahren nicht zu entrichten.