# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0e074aba-1f77-4431-aa86-0ab5bf8ff799
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1965, meldete sich am 24. Februar 2012 unter Hin
weis auf ein posttraumatisches Belastungssyndrom bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 11/6). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, holte bei der
A._
ein psychiatrisches Gutachten ein, das am 29. Mai 2015 erstattet wurde (Urk 11/45), auferlegte dem Versicherten mit Schreiben vom 29. September 2015 eine Mitwirkungspflicht zur Verbesserung des Gesundheits
zustands (Urk. 11/47) und verneinte mit Verfügung vom 10. Dezember 2015 einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (Urk. 11/58).
1.2
Der Versicherte meldete sich am 10. Januar 2019 unter Hinweis auf eine psychi
sche Erkrankung erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 11/67). Die IV-Stelle klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab
und verneinte nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk. 11/78; Urk. 11/81; Urk. 11/83) mit Verfügung vom 15. Oktober 2019 einen Renten
anspruch (Urk. 11/86
= Urk. 2).
2.
Die Pensionskasse der
Y._
erhob am 18. November 2019 Beschwerde gegen die Verfügung vom 15. Oktober 2019 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es seien dem Versicherten Leistungen der Invaliden
versicherung zuzusprechen, eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (Urk. 1 S. 2).
Nachdem die Beschwerdeführerin mit Gerichtsverfügung vom 28. November 2019 (Urk. 5) hierzu aufgefordert worden war, begründete sie mit Eingabe vom 8. Januar 2020 (Urk. 7) ihre Beschwerdelegitimation.
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 11. Februar 2020 (Urk. 10) die Abweisung der Beschwerde. Mit Gerichtsverfügung vom 20. Februar 2020 (Urk. 12) wurde die Beschwerdeantwort der Beschwerdeführerin und dem Versi
cherten bei gleichzeitiger Beiladung d
esselben zum Prozess zugestellt.
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsm
assnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so ist gemäss Art. 87 Abs. 3 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
1.4
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.5
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Renten
anspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesent
lichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar.
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtli
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE
141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
1.6
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige Verfügung, wel
che auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommens
vergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung in den erwerblichen Auswir
kungen des Gesundheitszustands) beruht; vorbehalten bleibt die Rechtsprechung zur Wiedererwägung und zur prozessualen Revision (BGE 133 V 108 E. 5.4
).
1.
7
Beruht
die
ursprüngliche rentenzusprechende oder
rentenabweisende Verfügung auf einer nicht nachvollziehbaren Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, so ist auch nicht feststellbar, ob sich seither die Arbeitsfähigkeit und der Invaliditätsgrad verändert haben. Es stellt sich die Frage, welche rechtlichen Auswirkungen die festgestellte Mangelhaftigkeit der ursprünglichen Verfügung auf das Revisions
verfahren hat. Das Gericht kann bei festgestellter zweifelloser Unrichtigkeit der ursprünglichen Rentenverfügung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) eine auf
Art.
17 ATSG gestützte Revisionsverfügung mit dieser substituierten Begründung schützen.
Zwar ist diese Rechtsprechung in erster Linie für Fälle gedacht, in denen sich die Unrichtigkeit der ursprünglichen Verfügung zu Ungunsten des Versicherten (Herabsetzung oder Aufhebung der Rente) auswirkt. Wenn aber infolge Mangel
haftigkeit der ursprünglichen Rentenverfügung erst gar nicht überprüft werden kann, ob sich seither der Invaliditätsgrad erheblich verändert hat, muss es in ana
loger Anwendung der genannten Rechtsprechung auch möglich sein, die Renten
verfügung zu Gunsten eines Versicherten abzuändern, selbst wenn die Revisions
voraussetzungen nicht nachzuweisen sind. Hierin liegt keine gerichtliche Ver
pflichtung der Verwaltung, ihre Verfügung in Wiedererwägung zu ziehen, was
rechtsprechungsgemäss unzulässig wäre (vgl. BGE 133 V 50 E. 4.2.1). Vielmehr wird damit lediglich der fehlenden Nachvollziehbarkeit der ursprünglichen Rentenzusprechung Rechnung getragen. Diesen Umstand hat nicht die versicherte Person zu vertreten, ansonsten ihr Anspruch auf revisionsrechtliche (
Art.
17 ATSG) Rentenerhöhung dann beeinträchtigt oder g
ar vereitelt würde, wenn eine gerichtliche
Beurteilung, ob die Revisionsvoraussetzungen tatsächlich eingetreten sind, infolge der Mängel des früheren Verwaltungsaktes von vornherein nicht möglich ist.
Kann mangels nachvollziehbarer Arbeitsfähigkeitsbeurteilung zum Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache kein Vergleich mit der beruflichen Leistungsfä
higkeit zum Zeitpunkt des Revisionsentscheides gezogen werden, ist darauf abzustellen, wie sich die Arbeitsfähigkeit in diesem Zeitpunkt präsentierte
(vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts 9C_602/2007 vom 11. April 2008 E. 5.1-2)
.
Gleiches muss gelten, wenn
mit der
ursprüngliche
n
Verfügung
keine Rente zugespro
ch
en, sondern ein entsprechender
Anspruch – wie vorliegend –
verneint wurde
.
1.8
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bun
desgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Hierzu gehören auch Abhängigkeits
syndrome
und Substanzkonsumstörungen, welche seit der mit BGE 145 V 215 vollzogenen Rechtsprechungsänderung ebenfalls als invalidenversicherungs
rechtlich beachtliche psychische Gesundheitsschäden in Betracht fallen.
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte
Indika
toren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belas
tungs
fak
toren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ande
rerseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE
141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 5.1).
1.9
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Verfahren
verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren über
haupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der entscheidrele
vante Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, es werde von den Behandlern weiterhin die Diagnose einer posttraumati
schen Belastungsstörung gestellt, wobei mit Verfügung vom 10. Dezember 2015 bereits ausführlich begründet worden sei, wieso diese Diagnose nicht nachvoll
ziehbar sei. Zusätzlich werde von einem Abhängigkeitssyndrom berichtet. Einschränkungen, welche durch eine Abhängigkeit ausgelöst würden, begründe
ten jedoch keinen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. Eine Veränderung
im Sinne einer Verschlechterung
der medizinischen Situation werde durch die neu eingeholten Berichte nicht begründet (S. 1
f.
). Es bestehe deshalb
ungeachtet
des neuen Bundesgerichtsentscheids
betreffend Suchterkrankungen
(vgl. vorstehend E. 1.8)
weiterhin kein Anspruch auf Leistungen der Invaliden
versicherung (S. 2).
2.2
Die Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin nach Art. 59
des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
ist ausgewiesen, nachdem diese gestützt auf Ziff. 7.3 sowie Ziff. 16-19 ihrer Statuten seit dem 1. Januar 2013 eine
Invaliden
-
Ersatzrente an den Versicherten leistet (vgl. Urk. 7 sowie Urk. 8/11-6)
.
2.3
Die Beschwerdeführerin stellte sich auf den Standpunkt (Urk. 1), die Beschwerde
gegnerin habe im Vorfeld der rentenabweisenden Verfügung vom 10. Dezember 2015
trotz angeblich fehlender Objektivierbarkeit der im Gutachten festgehalte
nen vollen Arbeitsunfähigkeit in angepasster und angestammter Tätigkeit auf eine abschliessende und umfassende Abklärung des Gesundheitszustandes des Versicherten verzichtet, weshalb die entsprechenden Schlussfolgerungen willkür
lich gewesen seien (S. 12 Ziff.
23
).
Das Krankheitsbild des Versicherten zeige sich trotz der Teilnahme an ambulan
ten und stationären Behandlungen chronifiziert. Die im Rahmen der Neuanmel
dung eingereichten Arztberichte wiesen
sowohl
in diagnostischer Hinsicht als auch punkto
Intensität Beschwerden auf, die wesentlich von der medizinischen Aktenlage im Jahr 2015 abwichen. Insbesondere seien eine andauernde Persön
lichkeitsänderung nach Extrembelastung mit zusätzlichen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit phasenweise auch schweren Epi
soden
,
diagnostiziert worden, die sich auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten auswi
rkten (S. 13 Ziff. 24). Es lägen
ein Revisionsgrund und eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit vor (S. 13 Ziff. 25 f.).
Eventuell seien durch die Beschwerdegegnerin weitere Abklärungen in Form einer psychiatrischen Begutachtung vorzunehmen, nachdem im Jahr 2015 keine abschliessende Abklärung des medizinischen Sachverhalts vorgenommen worden sei, der Versicherte aber mittlerweile seiner Schadenminderungs- beziehungs
weise Mitwirkungspflicht nachgekommen sei und damit die geltend gemachte Hinderung zur Eruierung des rechtserheblichen Sachverhalts weggefallen sei (S. 13 f. Ziff. 29). Dabei sei auch die neu ergangene Rechtsprechung zum Abhän
gigkei
tssyndrom (vgl. vorstehend E. 1.8
) zu berücksichtigen (S. 14 Ziff. 31).
2.4
Z
u prüfen ist
zunächst
, ob
die rentenabweisende Verfügung vom 10. Dezember 2015
(
Urk.
11/58)
auf einer nachvollziehbaren Arbeitsfähigkeitsbeurteilung beruhte und somit ein Vergleich mit der beruflichen Leistungsfähigkeit im Zeit
punkt des
Neuanmeldungsentscheides
gezogen werden kann (vgl. vorstehend E. 1.7). Gegebenenfalls ist weiter die strittige Frage zu beantworten, ob
ein Revi
sionsgrund im Sinne einer relevanten Änderung in den tatsächlichen Verhältnis
sen seit
dem 10. Dezember 2015 vorliegt. So oder anders ist schliesslich zu prüfen, o
b
der medizinische Sachverhalt seitens der Beschwerdegegnerin genügend abgeklärt wurde
.
3.
3.1
Der rentenabweisenden Verfügung vom 10. Dezember 2015 (Urk. 11/58) lagen im Wesentlichen folgende Berichte zugrunde:
3.2
Dr. med. B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
C._, D._
, führte im Kurzaustrittsbericht vom 1. Februar 2011 (Urk. 11/29/2-3
= Urk. 11/31/16-17 = Urk. 11/31/23-24
) aus, der Patent sei
am 23. Dezember 2010
ein- und am 28. Ja
nuar 2011 ausgetreten. Er nannte folgende Austrittsdiagnosen (S. 1):
-
p
osttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) bei/mit
-
Status nach Exposition in kriegerische Aktivitäten anfangs der 90er-Jahre
-
mittelschwere
r
depressive
r
Episode (F32.1)
-
Alkohol- und Cannabiskonsum zur Sedation (bis vor circa 2 Wochen)
-
Status nach Heroinkonsum
Nach Eintritt in ängstlich-agitiertem Zustand mit paranoidem Erleben, ausge
prägten Schlafstörungen und Unfähigkeit, sich zu entspannen, habe der Patient mit medikamentöser Neueinstellung sowie intensiven Gesprächen stabilisiert werden können (S. 1 unten). Eine Arbeitsunfähigkeit sei bis zum 31. März 2011 attestiert worden, ab April 2011 sollte eine schrittweise Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit möglich sein (S. 2).
3.3
Im Bericht vom 3. März 2011 (Urk. 11/31/25-27) führte Dr.
B._
aus, der Patient sei als Soldat im Krieg in Bosnien zahlreichen massiven Belastungen ausgesetzt gewesen. Er habe exzessiv illegale Substanzen konsumiert und sei einmal fast an einer Überdosis gestorben
. Er sei gefangen genommen und im Gefängnis gefoltert worden. Nach dem Krieg habe er alles vergessen, normal leben und nicht mehr über die erlebten Ereignisse sprechen wollen. Seit 1995 habe er belastende Schlaf
schwierigkeiten, anfänglich sei er in der Schweiz oft nächtelang durch den Wald gelaufen, weil er Angst vor dem Sterben gehabt habe und keinen Schlaf habe finden können (S. 1 unten).
3.4
Die Ärzte der Akuttagesklinik der
D._
berichteten am 17. Mai 2011 (Urk. 11/12/8-12 = Urk. 11/31/18-22) über die Behandlung vom 28. Februar bis am 25. März 201
1.
Als Austrittsdiagnose nannten sie eine posttraumatische Belastungsstörung (S. 1 Mitte).
Nachdem er im Krieg viel Schlimmes erlebt habe, sei er 1995 aus dem Gefängnis geflohen und durch seine Jugendliebe als Flücht
ling in die Schweiz gekommen. Später hätten sie geheiratet und drei Söhne bekommen. Er habe einige Zeit als Lastwagenchauffeur, zwei Jahre als Busfahrer in Zürich und seit 5 Jahren als solcher bei Stadtbus
Y._
gearbeitet (Urk. 11/12/11 Mitte). Seit den Kriegserlebnissen habe er massive Schlafschwie
rigkeiten.
Es seien Selbstmedikationsversuche mit Alkohol und Cannabis erfolgt, wobei letzteres jedoch Paranoia ausgelöst habe. Emotional bemerke er eine zunehmende Gefühlslosigkeit, Gleichgültigkeit und fehlende
s Mitgefühl für andere Menschen,
ein zunehmend aggressives Misstrauen mit paranoiden Tendenzen
sowie
Ein
engung auf die Unterstellung negativer Absichten seiner Umgebung
und
ein aus
ge
prägtes Vermeidungsverhalten mit sozialer Isolation (Urk. 11/12/11 unten). Dies habe im Beruf zu massiven Spannungen geführt (Urk. 11/12/12 oben).
3.5
Dr.
B._
(vorstehend E. 3.2) nannte im Bericht vom 23. März 2012 (Urk. 11/12/1-
7) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) bei
-
Status nach Exposition in kriegerische Aktivitäten anfangs der 90er Jahre
-
mittelschwere depressive Episode (F32.1)
Bei einer ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörung mit diversen Begleitproblemen (depressive Erkrankung, episodischer Suchtmittelkonsum in selbstmedikativer Absicht, Paar- und Familienprobleme) sei von einer tendenziell schwierigen Prognose auszugehen
. Eine Reintegration in die vormalige Tätigkeit als Busschauffeur sei aus aktueller Sicht eher unwahrscheinlich (Ziff. 1.4). Aktuell bestehe in der bisherigen und einer behinderungsangepassten Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
(Ziff. 1.7).
3.6
Am
19. Juli 2012 (Urk. 11/13)
berichtete Dr.
B._
, ein stationärer Klinikaufent
halt auf der Spezialstation für Traumafolgestörungen vom 23. April bis 1. Mai 2012 habe
noch
nicht
den gewünschten Erfolg gebracht
(S. 1 Ziff. 1).
3.7
Die Ärzte der Spezialstation für Traumafolgestörungen der
D._
berichteten am 10. Oktober 2012 (Urk. 11/15) über die Hospitalisation des Versicherten vom 19. Juli bis 30. August 2012
(vgl. S. 1)
. Sie nannten folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 2 Ziff. 1.1):
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
Störung durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanz
gebrauch (F10.24)
-
Störung durch Cannabinoide, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (F12.24)
Trotz intensiver ambulanter Therapie und
der
sechswöchigen Hosp
italisation sei es zu keiner we
sentlichen Symptomreduktion gekommen, so dass eher von einem chronische
n Verlauf ausgegangen werde (S.
4 Mitte
Ziff. 1.4
).
Auf dem primären Arbeitsmarkt sei der Versicherte für jede Tätigkeit 100
%
arbeitsunfähig. In geschütztem Rahmen wäre ein Arbeitsversuch mit einem Pen
sum von 50
%
ab sofort denkbar. Selbst in geschütztem Rahmen werde jedoch mit Abwesenheiten sowie mit schweren interpersonellen Schwierigkeiten gerech
net (S. 6 Ziff. 1.7).
Vor allem während des Krieges, aber auch in letzter Zeit sei es zu Missbrauch von Substanzen g
ekom
men. Durch Cannabis könne er sich entspannen, aber es ver
stärke
paranoide Vorstellungen, welche erst nach dem zusätzlichen Konsum von Alkohol nachliessen (
S. 7 Ziff.
1.11).
3.8
Dr.
med.
E._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, führte im Bericht vom 7. März 2014 (
Urk. 11/31/5-8) aus, d
ie ambulante Behandlung erfolge seit dem 17.
Februar
1997
(S. 1 Ziff. 1.2)
. Bei i
hren Behandlungen habe der Pati
ent die ganze Zeit psychisch unauffällig gewirkt. Er habe sich nie über psychische Beschwerden beklagt und auch nie über seine traumatischen Erleb
nisse in der Jugend. Am 23.
Dezember
2010 habe er über seinen sehr schlechten psychischen Zustand berichtet, worauf
umgehend die Überweisung ins
C._
erfolgt sei (S. 2 unten Ziff.
1.4).
3.9
Dr.
B._
(vorstehend E. 3.2) nannte im Bericht vom 26. März 2014 (Urk. 11/32) weiterhin dieselben Diagnosen, wie sie die Ärzte der Spezialstation für Trauma
folgestörungen der
D._
am 10. Oktober 2012 gestellt hatten (vorstehend E. 3.
7
). Eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt sei weiterhin undenkbar. Denkbar sei ein Arbeitsversuch im geschützte
n Rahmen im Pensum von zirka 50
% (Ziff. 1.7).
3.10
Dr. med. F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Neurologie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in seiner Stel
lungnahme vom 8. Juli 2014 (Urk. 11/46 S. 4 f.) aus, der späte Ausbruch der post
traumatischen Belastungsstörung sowie mangelnde Angaben zu den Ressourcen und zu psychosozialen Faktoren beeinträchtigten die diagnostische Sicherheit und es bestehe die Gefahr, den subjektiven Beschwerden folgend die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung quasi im Umkehrschluss zu stellen. Um sämtliche erforderlichen Aspekte zu berücksichtigen, sei eine externe psychi
atrische Begutachtung dringend zu empfehlen (S. 4 Mitte).
3.11
Am 29. Mai 2015 erstattete
n
Dr. med.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
und
Dr.
med.
H._
,
A._
,
ihr
psychiatri
sches Gutachten (Urk. 11/45).
Sie
nannte
n
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 18 Ziff. 6.1):
-
(
komplexe
)
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide: Abhängig
keitssyndrom (F12.2)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: schädlicher Gebrauch (F10.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: schädlicher Gebrauch (F13.1)
Eine Beurteilung sei
allerdings
nur eingeschränkt möglich. Ausführliche Befunde hätten nur teilweise erhoben werden können, da die Explorationstermine auf
grund des Gesundheitszustands des Exploranden jeweils vorzeiti
g hätten abge
brochen werden müs
sen. Daher werde der Explorand aktuell für eingeschränkt
explorationsfähig gehalten (S. 18 Ziff.
7).
Die vorliegenden Symptome könnten allenfalls auch einer chronifizierten, andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) zugeordnet werden
. Der ungünstige Therapieverlauf und der unklare zeitliche Verlauf der Symptome ermöglichten vorliegend keine klare Abgrenzung zur posttraumati
schen Belastungsstörung (F42.0).
Abschliessend könne zur Diagnose nicht Stel
lung genommen werden, da eine umfassende Befunderhebung nicht möglich gewesen sei
(S. 20 Ziff. 7.2)
.
Aus den wenigen Angaben des Exploranden hätten sich auch keine ausreichen
den Schlüsse auf sein soziales Aktivitätsniveau ziehen lassen.
Aufgrund der Schwere des subjektiven Leidens und paranoid misstrauischer Grundeinstellung gegenüber fremden Personen scheine es zurzeit nicht möglich, den Exploranden von einem erneuten stationären oder teilstationären Therapieversuch zu überzeu
gen.
Eine aktuelle Cannabisabhängigkeit werde bei kontinuierlichem Gebrauch, selbst zum Zeitpunkt der Exploration, als gegeben erachtet. Ebenso werde auf
grund des Verhaltens bei der Exploration eine unkontrollierte Einnahme der ärzt
lich verordneten Sedativa vermutet. Aktuell sei der Explorand zu 100
%
arbeits
unfähig. Der bisherige ungünstige Krankheitsverlauf im Übergang zur andauern
den Persönlichkeitsänderung lege einen erneuten stationären Therapieversuch nahe
, sofern der psychische Zustand dies zulasse
.
Eine neuropsycho
logische Abklärung sei zur diag
nostischen Abklä
rung angezeigt. Anhand des
psycho
patho
logischen Befunde
s sei aber aktu
ell eindeutig von einer Arbeitsunfäh
igkeit von 100
%
auszugehen (S. 20
f.
Ziff.
7.3).
Diese bestehe sowohl in der letztmals aus
geübten als auch in einer behinderungsangepassten Tätigkeit (S. 21 Ziff. 7.6). Die Sicherheit der vorliegenden Beurteilung werde als gering eingeschätzt, da wich
tige Befunde zur Objektivierung der Symptome und zum Ausschluss medizini
scher Differentialdiagnosen nicht hätten erhoben werden können (S. 21 Ziff. 7.
5
).
4.
Die Beschwerdegegnerin begründete die rentenabweisende Verfügung vom 10. Dezember 2015 (Urk.
11/
58) wie folgt:
Die Kriegserlebnisse lägen über 20 Jahre und somit zu lange zurück, als dass sie eine invalidenversicherungsrechtlich relevante
posttraumatische Belastungsstö
rung
erklären könnten. Zudem sei es
dem Versicherten
möglich gewesen, bis 2011 voll erwerbstätig zu sein, wa
s auch im Widerspruch zu den ge
schilderten, seit den Kriegsereignissen bestehenden, m
assiven Schlafstörungen mit Alb
träumen und nächtlichen Läufen durch den Wald stehe
.
Es
sei klar, dass bei aktivem Kon
sum von Cannabis und Alkohol die angestammte Tätigke
it als Buschauffeur nicht zumut
bar sei. Dennoch sei dies bei Fehlen eines invalidenversic
herungsrechtlich relevanten Lei
dens, das Folge oder Ursache der Abhängigkeit sei, nicht leistungs
auslösend
(S. 2 Mitte)
.
Da aufgrund der unvollständigen Angaben und der geringen Kooperation des Versicherten allfällige psychische Einschränkungen nicht hätten objektiviert wer
den können, könne nicht auf das psychiatrische Gutachten abgestellt werden.
Zudem sei der Versicherte während der Begutachtung unter dem Einfluss psycho
troper Substanzen gestanden, was die objektive Beurteilung erheblich erschwert beziehungsweise zu einer Befundverschlechterung geführt habe.
Es sei
sodann
kein objektivierter Leidensdruck f
est
stellbar und der Versicherte schöpfe die Therapiemöglichk
eiten nicht aus (S. 3 Mitte).
Weiter abzuklä
ren sei der medizinische Sachverhalt nicht, da der Versicherte vorerst die
am 29. September 2015
auferlegte
Schadenminderungspflicht
zu erfüllen habe. Es werde davon ausgegangen, dass mit einer störungsspezifischen (Trauma-)Behandlung sein Gesundheitszustand wesentlich verbessert werden könne
(S. 3 unten)
.
5.
5.1
Die Ärzte der Spezialstation für Traumafolgestörungen der
D._
(vorstehend E. 3.
7
) berichteten am 18. Dezember 2017 (Urk. 11/64/7-11) über den Klinikau
fenthalt des Versicherten vom 20. September bis 12. Dezember 201
7.
Sie nannten folgende psychiatrischen Diagnosen (S. 1 f.):
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (F43.1), Differentialdiag
nose (DD): Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0)
-
rezidivierende depressive Störung, bei Eintritt schwere Episode ohne psy
chotische Symptome (F33.2), bei Austritt mittelgradig (F33.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom (F12.2), ärztlich verordnet
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeitssyn
drom (F12.2), seit 2 Jahren abstinent
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide: Abhängig
keitssyndrom (F12.2), seit 2 Jahren abstinent
-
vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang (F42.0)
Nachdem es vor zwei Jahren aufgrund seines Konsumverhaltens (Alkohol, Cannabis) zur Scheidung gekommen sei, trinke und kiffe er nicht mehr (
S. 2
Mitte).
Der Patient leide unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. Symptome aus allen drei Clustern (Intrusion, Vermeidung,
Übererregung) seien in starker Ausprägung vorhanden. Zudem erfülle er die Kriterien einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Differentialdiagnostisch müsse eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung in Erwägung gezo
gen werden. Dafür sprächen eine misstrauische Haltung, sozialer Rückzug, chronische Gefühle des Bedrohtseins sowie Entfremdung. Es fehlten jedoch fremd
anamnestische Angaben zur prämorbiden Persönlichkeit, so dass diese Diagnose nicht bestätigt werden könne (S. 4 Mitte).
Während vielen Jahren sei es zu
Missbrauch von Substanzen (vor allem Cannabis und Alkohol) gekom
men, welche er vor alle
m im Sinne einer Selbstmedi
kation gegen An
spannung, Angst und negative Ge
fühle eingesetzt habe. Heute noch zeige er sich auf sedierende Medi
kation angewiesen (Benzodiazepi
ne, Neurolep
tika)
, so dass von einer Such
t
verlage
rung ausgegangen werde. Weitere Symptome wie depressive Stim
mungslage, Verfolgungsideen, ge
legentliches
Stimmenhören, Wutausbrüche, Ge
reiztheit sowie agoraphobisches Verm
eidungsverhalten würden
im Rahmen der primären komplexen
posttraumatischen Belastungsstörung inter
pretiert. Insgesamt sei der Patient durch die Gesamtkonstellation im Alltag deut
lich eingeschränkt (S.
4 unten
).
5.2
Dr. med.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachstelle für Psychiatrische Gutachten,
D._
, erstattete am 29. November 2018 seinen Bericht über die
von der Beschwerdeführerin in Auftrag gegebene
vertrauensärztliche Untersuchung des Versicherten (Urk. 11/64/1-5). Er führte aus,
dieser
habe nach
seiner Flucht in die Schweiz erste Flas
h-Backs von den erlebten Gewalt
tätigkeiten und der
mehrmaligen
Vergewaltigung im Gefängnis gehabt. Über die Arbeit habe er sich von
diesen Gedanken dist
anziert. Ab dem Jahr 2009 hätten
Schlaflosig
keit, starke Wutausbrüche und Alkoholkonsum
begonnen (S.
2 Mitte).
Die während der Untersuchung geschilderten und beobachteten Symptome seien mit einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer nach Extrembelastung eintretenden Persönlichkeitsänderung vereinbar (S. 4 unten). Unabhängig von der Diagnose sei der Versicherte zum jetzigen Zeitpunkt schwer krank
und leide an einer Vielzahl von psychischen Symptomen, die sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch nur schwierig unter Kontrolle zu bringen seien. Aus psychiatrischer Sicht sei er deshalb zum jetzigen Zeitpunkt zu 100
%
arbeitsun
fähig (S. 5
Mitte
).
5.3
Dr. med. J._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ambulato
rium für Traumafolgestörungen,
D._
, führte im Bericht vom 21. Februar 2019 (Urk. 11/71) aus, die ambulante Behandlung erfolge seit dem 21. Dezember 2017
(Ziff. 1.1), wobei die Termine gegenwärtig alle zwei Wochen bei der Psychologin stattfänden (Ziff. 1.2). Als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er (Ziff. 2.5):
-
andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) mit zusätzlichen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (F43.1)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit phasenweise auch schweren Episoden (F33.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom (F13.2)
Die andauernde
Persönlichkeitsänderung sei während des
Beobachtungszeit
raums der am
bulanten und stationären Therapien
in den Jahren 2017 bis
2018 entstanden. Die rezidiviere
nde depressive Störung, die posttraumatische Belas
tungsstörung
und A
bhängigkeit von Sedativa bestün
den seit jeher
, sprich
seit den Jahren 2010 bis 2012 (Ziff.
2.5).
Gemäss der Mini-ICF-APP sei die Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Rou
tinen schwer beeinträchtigt, gleiches gelte für die Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, die Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen und die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit. Die Durchhaltefähigkeit und die Selbstbehauptungsfähigkeit seien mittelgradig bis schwer beeinträchtigt, die Kontaktfähigkeit zu Dritten und die Gruppenfähigkeit seien schwer eingeschränkt. Die Fähigkeit, familiäre Bezie
hungen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten, sei mittelgradig, die Fähigkeit zu Spontanaktivitäten sei schwer
eingeschränkt. Die Fähigkeit zur Selbstpflege sei leicht und die Verkehrsfähigkeit leicht bis mittelgradig beeinträchtigt (Ziff. 3.4).
Die bisherige Tätigkeit sei nicht zumutbar (Ziff. 4.1).
An einem guten
Tag und ohne Kontakt zu Mitmen
schen sei eine ange
passte Tätigkeit von zirka 2 Stun
den zumutbar,
jedoch
nicht auf täglicher Basis. Mit häufigen Fehlzeiten sei zu rech
nen. Auf dem primären Arbeitsmarkt sei der Versicherte generell
arbeitsunfähig (Ziff. 4.
2).
Selbst in geschütztem Rahmen werde mit Flucht vor sozialen Kontak
ten und vor Konflikten gerechnet, Teamarbeit sei kaum vorstellbar (Ziff. 4.3).
5.4
Dr. med.
K._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in ihrer Stellungnahme vom 27. Juni 2019 (Urk. 11/75 S. 5 f.) aus, der Versicherte habe die am 29. September 2015 auferlegte Schadenminderungspflicht erfüllt, indem er sich vom 20. September bis 12. Dezember 2017 in die stationäre störungsspezifische Traumabehandlung in der
D._
begeben habe.
Benzodiazepine würden seit mindestens 2012 durchgehend eingenommen. Es habe eine Suchtverlagerung von Alkohol und Cannabis auf Benzodiazepine statt
gefunden, weshalb nun diesbezüglich nicht mehr Missbrauch, sondern Abhän
gigkeit diagnostiziert werde.
Die Diagnose einer depressiven Erkrankung sei nicht nachvollzieh
bar. Nach ICD-10 sollten die ge
nerellen Gruppenkriterien zur Einordnung einer depressiven Stö
rung erfüllt sein. Die Episode sollte nicht auf einen
Missbrauch psychotroper Substan
zen zurückzufü
hren sein. Die Einnahme von Ben
zodiazepinen könne selbst depressive Symptome verursachen. Dies
e seien dann als psychische Stö
rungen durch Sed
ativa oder Hypnotika zu diagnos
tizieren
(S. 5).
Im Austrittsbericht der
D._
vom 18. Dezember 2017 (vorstehend E. 5.1) werde die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung mit Differentialdiagnose Persönlichkeitsänderung gestellt. Die vorliegende Symptomatik überlappe sich jedoch mit der sehr häufig und häufig auftretenden Symptomatik bei Benzodia
zepineinnahme. Daher sei sie ebenfalls, zumindest als Differentialdiagnose, unter die psychischen Störungen durch Sedativa oder Hypnotika (F13.2) zu subsumie
ren (S. 5 f.).
Insgesamt ergebe sich keine Verschlechterung im Vergleich zum damaligen Gesundheitszustand. Für die Tätigkeit als Busfahrer müsse nicht nur Abstinenz von Alkohol und Cannabis, sondern von allen psychotrop wirksamen Substanzen
vorliegen. So könne die Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt wiederhergestellt werden. Eine Abstinenz sei medizinisch zumutbar, ein Entzug müsse nach Absprache mit den Behandlern wahrscheinlich stationär erfolgen (S. 6 Mitte).
6.
6.1
Der psychiatrische Gutachter erachtete den Versicherten im Mai 2015 als zu 100
%
arbeitsunfähig, schätzte die Sicherheit seiner Beurteilung aber als gering ein, da wichtige Befunde zur Objektivierung der Symptome und zum Ausschluss medizinischer Differentialdiagnosen nicht hätten erhoben werden können. Dies lag daran, dass die Explorationstermine aufgrund des Gesundheitszustandes des Versicherten jeweils vorzeitig abgebrochen werden mussten, wobei aufgrund des Verhaltens des Versicherten gar die Einnahme von Cannabis zum Zeitpunkt der Exploration als gegeben erachtet und die unkon
trollierte Einnahme von Sedativa
vermutet wurde
. Auch liessen sich keine ausreichenden Schlüsse auf sein soziales Aktivitätsniveau ziehen
(vorstehend E. 3.11).
Zu Recht hielt die Beschwerdegegnerin daher in ihrer Verfügung vom 10. Dezem
ber 2015 (vorstehend E. 4) fest, es könne nicht auf das psychiatrische Gutachten abgestellt werden. Dieses hatte sie auf Empfehlung ihres RAD-Arztes Dr.
F._
in Auftrag gegeben, welcher eine externe psychiatrische Begutachtung dringend empfohlen hatte, nachdem er die diagnostische Sicherheit angesichts des späten Ausbruchs der posttraumatischen Belastungsstörung und der mangelnden Anga
ben zu den Ressourcen sowie zu den psychosozialen Faktoren als beeinträchtigt erachtet hatte (vorstehend E.
3.10). Diese Dringlichkeit bestand
aus Sicht der
Beschwerdegegnerin nach Erstattung des Gutachtens offenbar nicht mehr, obwohl sie nicht auf dieses abstellte. Im Gegenteil befand sie, der medizinische Sachverhalt sei nicht weiter abzuklären, da der Versicherte vorerst die Schaden
minderungspflicht zu erfüllen habe (vorstehend E. 4).
6.2
Ob d
ieses Vorgehen der Beschwerdegegnerin zum damaligen Zeitpunkt vertretbar
oder mit der Beschwerdeführerin willkürlich (vgl. vorstehend E. 2.3) war,
kann offenbleiben
.
Ergebnis dieses Vorgehens ist jedenfalls,
dass keine
zuverlässige Diagnosestellung und keine
nachvollziehbare Arbeitsfähigkeitsbeurteilung zum Zeitpunkt der rentenabweisenden Verfüg
ung
im Dezember 2015
vorliegen
. Bei genauem Hinsehen liegt
im Ergebnis
keinerlei
verlässliche
gutachterliche Beur
teilung des Gesundheitszustandes und der
Arbeitsfähigkeit vor
, nachdem der Gutachter seine
Einschätzung
der Befunde und Diagnosen sowie der
Arbeits
unfähig
keit von 100
%
selber
stark
relativiert und die Beschwerdegegnerin entsprechend auch nicht auf diese abgestellt hatte (vorstehend E. 6.1).
Der Sachverhalt, wie er der rentenabweisenden Verfügung vom 10. Dezember 2015 zugrunde lag, taugt somit nicht als Vergleichsbasis
und es ist
daher
kein Vergleich mit der beruflichen Leistungsfähigkeit zum Zeitpunkt des
Neuanmel
dungsentscheides
möglich. Folglich entfällt die Frage nach dem Vorliegen eines Revisionsgrundes und es ist einzig darauf abzustellen, wie sich die Arbeitsfähig
keit im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung präsentierte (vgl. vorstehend E. 1.7).
7.
7.1
Der Versicherte absolvierte vom 20. September bis 12. Dezember 2017 einen fast dreimonatigen Klinikaufenthalt auf der Spezialstation für Traumafolgestörungen der
D._
(vorstehend E. 5.1) und erfüllte somit die ihm am 29. September 2015
von der Beschwerdegegnerin auferlegte Schadenminderungspflicht (vgl. Urk. 11/47
sowie E. 5.4). Anschliessend begab er sich in die ambulante Behandlung des Ambulatoriums für Traumafolgestörungen der
D._
, welche
seit
her
in einem Rhythmus von zweiwöchigen Sitzungen stattfindet (vorstehend E. 5.3).
Dies lässt einen relevanten Leidensdruck beim Versicherten vermuten.
7.2
Dafür, dass
in objektiver Hinsicht
erhebliche psychische Beeinträchtigungen vorliegen, spricht insbesondere die Tatsache, dass
Dr.
I._
anlässlich der ver
trauensärztlichen Untersuchung des Versicherten
zu Handen der Pensionskasse
als externer, nicht behandelnder Facharzt
zum Schluss gelangte
, die während der Untersuchung geschilderten und beobachteten Symptome seien mit einer post
traumatischen Belastungsstörung oder einer nach Extrembelastung eintretenden Persönlichkeitsänderung vereinbar (vorstehend E. 5.2).
Seinen Feststellungen kommt einiges an Gewicht zu und e
s ist ernst zu nehmen, wenn er ausführt, der Versicherte sei unabhängig von der Diagnose schwer krank und leide an einer Vielzahl von psychischen Symptomen, die sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch nur schwierig unter Kontrolle zu bringen seien, es bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
.
Eindrücklich sind auch die vom behandelnden
Psychiater
formulierten
Beein
trächtigungen gemäss der Mini-ICF-APP und dessen Einschätzung, dass sel
bst in einer Tätigkeit in geschü
tztem Rahmen mit Flucht vor sozialen Kontakten und vor
Konflikten gerechnet werde, wobei Teamarbeit kaum vorstellbar sei (vorste
hend E. 5.3).
7.3
Ob auch die von ihm diagnostizierte rezidivierende depressive Störung vorliegt, ist aufgrund der derzeitigen Aktenlage kaum zu beurteilen. Zum Vornherein ohne Relevanz ist
,
ob die depressiven Symptome durch die Einnahme von Benzodia
zepinen verursacht wurde
n
, worauf die RAD-Ärztin Dr.
K._
am 27. Juni 2019 noch
anspielte (vorstehend E. 5.4)
, zumal
am 11.
Juli 2019 die bundesge
richtliche Praxisänderung zu den primären Abhängigkeitssyndromen erging (vor
stehend E. 1.8):
Sollte
demgemäss
ein Abhängigkeitssyndrom
oder auch nur eine Substanzkonsumstörung
betreffend Sedativa oder Hypnotika vorliegen
- wofür die sorgfältig verfassten Berichte der
D._
(vorstehend E. 5.1 und 5.3) durchaus sprechen – so
wären diese einem strukturierten Beweisverfahren zu unterziehen.
Ein solches erlaubt die Aktenlage derzeit nicht. Es fehlt hierfür an einer umfas
senden
gutachterlichen
Beurteilung des Gesundheitszustands des Versicherten
,
welche über die Befunde
,
Diagnosen
und die Arbeitsfähigkeit
Auskunft gibt und
die
das ganze Leistungsprofil mit sowohl negativen als auch positiven Anteilen
beinhaltet
und so verfasst
ist
, dass die
attestierte Arbeitsunfähigkeit
gleichsam aus dem Saldo aller wesentli
chen Belastungen und Ressourcen
abgeleitet wurde
(vgl.
BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1)
.
7.4
Der medizinische Sachverhalt kann nach dem Gesagten nicht erstellt werden.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese eine psychiatrische Exper
tise
über den Gesundheitszustand des Versicherten
und dessen Verlauf
seit seine
r
Neuanmeldung
vom 10. Januar 2019 (Urk. 11/67)
einhole und über seinen Leis
tungsanspruch neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
8.
8.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
8
00.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
8.2
Im Verfahren der Verwaltungsgerichtsbeschwerde darf obsiegenden Behörden oder mit öf
fent
lichrechtlichen Aufgaben betrauten Organisationen in der Re
gel keine Parteientschädigung zugesprochen werden. In An
wen
du
ng dieser Bestim
mung hat das
Bundesgericht der SUVA und den privaten UVG-Versiche
rern so
wie
– von Sonderfällen abgesehen – den Krankenkassen keine Partei
entschädigungen zugesprochen, weil sie als Orga
nisa
tionen mit öffentlichrechtlichen Aufgaben zu qua
lifizieren sind (BGE 112 V 356 E. 6 mit Hinweisen). Das hat grund
sätzlich auch für die Trägerinnen oder Versicherer der berufli
chen Vorsorge gemäss BVG zu gelten (BGE 128 V 124 E. 5b, 126 V 143 E. 4a, 118 V 158 E. 7, 117 V 349 E. 8 mit Hinweis).
Eine Abweichung von diesem Grundsatz ist vorliegend nicht angezeigt, weshalb der Beschwerdeführerin als berufliche Vorsorgeversicherung keine Parteientschä
digung zuzusprechen ist.