# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** d1dcaf96-9cb1-4432-ad9a-3c18c4afed7d
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** 

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1988, wurde am 24. Juni 2007
zusammen
mit ihrer Schwes
ter Opfer einer Straftat, für welche der Täter mit Urteil des Bezirksgerichts
Y._
vom 9. März 2011 beziehungsweise des Obergerichts vom 14. Oktober 2011 der versuchten vorsätzlichen Tötung, der einfachen Körperverletzung, der mehrfachen Drohung sowie der Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über Waffen, Waffenzubehör und Munition schuldig gesprochen wurde (Urk. 8/
1
/2 S.
70 f. und Urk. 8/56/2 S. 50).
1.2
Am 25. Mai 2011
stellte
die Geschädigte beim Kanton Zürich, Kantonale
Opfer
hilfestelle
(im Folgenden: Opferhilfestelle),
das Gesuch
um
Entschädigung
und Genugtuung
aus Opferhilfe
für die Folgen der Straftat vom 24. Juni 2007
(Urk. 8/2/1)
.
Mit Verfügung vom 6. Juni 2011 sistierte die Opferhilfestelle das Verwaltungsverfahren bis zum endgültigen Abschluss des Strafverfahrens sowie des Unfallversicherungsverfahrens (
Urk.
8/6).
A
m 4. Februar 2014
substanziierte
die Geschädigte das Gesuch um Opferhilfe
(Urk. 8/50)
.
Mit Verfügung vom
17. April 2014
hob die Opferhilfestelle die Sistierung des Verfahrens auf,
sprach
der Geschädigten
Fr. 12‘074.40 für längerfristige Hilfe (Prozessentschädigung und anwaltliche Aufwendungen im Opferhilfeverfahren), Fr. 2‘246.70 für län
gerfristige Hilfe Dritter („vorprozessuale“ Anwaltskosten im
Unfallversiche
rungs
verfahren
), eine Entschädigung für Schaden aus Semestergebü
hr
en im Betrag von Fr. 3‘828.
--
sowie
aus
Übersetzungskosten
im Betrag
von Fr. 245.65
zuzüglich Zins, eine Entschädigung für Schaden aus Erwerbsausfall im Betrag von Fr. 532.-- zuzüglich Zins sowie eine Genugtuung im Betrag von Fr. 5‘000.
--
zuzüglich Zins zu
(Urk. 8/57 = Urk. 2 S. 7)
.
2.
Gegen die Verfügung vom 17. April 2014 (Urk. 2) erhob die Geschädigte am 21. Mai 2014 Beschwerde und beantragte, es sei ihr in teilweiser Aufhebung der Verfügung
eine Entschädigung für
einen Erwerbsausfall nach
E
rmessen des Gerichts
,
mindestens aber von insgesamt Fr. 15‘685.
--
zuzüglich 5 %
Z
ins ab Verfall
,
für
ein
en
Haushalt
schaden von Fr. 2‘003.
--
zuzüglich 5 % Zins ab Ver
fall sowie die ungekürzte Genugtuung
in der Höhe von Fr. 10‘000.-- zuzüglich 5 % Zins ab dem 24. Juni 2007 zuzusprechen (
Urk. 1
S. 2).
In der
Beschwerde
antwort
vom 6. Juni 2014 schloss die Opferhilfestelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7). Mit Verfügung vom 23. Juni 2014 wurde der Beschwerde
führerin antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 2) Rechtsanwalt
Luzius
Hafen als unent
geltlicher Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren bestellt (Urk. 11).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am
1.
Januar 2009 ist das totalrevidierte Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG) in Kraft getreten. Nach den Übergangsbestimmungen von
Art.
48
lit
. a des
seit
1.
Januar 2009 in Kraft stehenden OHG gilt das bisherige Recht für Ansprüche auf Entschädigung oder Genugtuung für Straftaten, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes verübt worden sind. Weil vorliegend Ansprü
che für eine am 24. Juni
2007 verübte Straftat im Streit
stehen, gelangen
die materiellen Vorschriften der
bis Ende 2008 in Kraft gewesenen Gesetzes- und Verordnungsbestimmungen
zur Anwendung
. Sie werden – so
weit nicht anderes vermerkt
– in der bis 31. Dezember 2008 gültig gewesenen Fassung zitiert.
1.2
Hilfe nach dem OHG erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperli
chen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), und zwar unabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist und ob er sich schuldhaft verhalten hat (
Art.
2
Abs.
1 OHG).
1.3
Gemäss
Art.
11 OHG können Opfer einer in der Schweiz verübten Straftat im Kanton, in dem die Tat verübt wurde, eine Entschädigung oder Genugtuung geltend machen. Das Opfer muss die Gesuche um Entschädigung und Genugtu
ung innert zwei Jahren nach der Straftat bei der Behörde einreichen; andern
falls verwirkt es seine Ansprüche (
Art.
16
Abs.
3 OHG).
1.4
Die Entschädigung richtet sich nach dem Schaden und dem Einkommen des Opfers (
Art.
13
Abs.
1 OHG) und beträgt maximal
Fr.
100'000.-- (
Art.
4 der Ver
ordnung über die Hilfe an Opfer von Straftaten, OLV). Im Übrigen umschreiben
Art.
12
Abs.
1 und
Art.
13 OHG den Begriff des Schadens nicht. Der Gesetzge
ber ging davon aus, dass die Behörde bei der Bestimmung des Schadens die Regeln des Privatrechts analog anwendet (Botschaft des Bundesrates zum OHG,
BBl
1990 II S. 991). Das Bundesgericht verweist für den Schadensbegriff nach
Art.
12
Abs.
1 und
Art.
13 OHG auf
Art.
45 (Schadenersatz bei Tötung) und 46 (Schadenersatz bei Körperverletzung) des Obligationenrechts (OR; BGE 129 II 49 E. 2; BGE 128 II 49 E. 3.2).
Der Schadensbegriff ist im Opferhilferecht der gleiche wie im Haftpflichtrecht;
eine Kohärenz zwischen den Begriffen des Opferhilfegesetzes und denjenigen des Privatrechts ist auch aus Praktikabilitätsgründen geboten (BGE 131 II 656 E.
6.5).
1.5
Gemäss
Art.
12
Abs.
2 OHG kann dem Opfer unabhängig von seinem Einkom
men eine Genugtuung ausgerichtet werden, wenn es schwer betroffen ist und besondere Umstände es rechtfertigen. Diese Umschreibung entspricht weitge
hend den in den
Art.
47 und 49
Abs.
1 des OR genannten Voraussetzungen für die Leistung von Genugtuung. Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich ver
letzt wird, hat nach
Art.
49
Abs.
1 OR Anspruch auf Leistung einer Geldsumme als Genugtuung, sofern die Schwere der Verletzung es rechtfertigt und diese nicht anders wieder gutgemacht worden ist.
Art.
47 OR, der einen
Anwen
dungsfall
von
Art.
49
Abs.
1 OR darstellt (BGE 89 II 396 E. 3), sieht vor, dass bei Tötung eines Menschen oder bei Körperverletzung das Gericht unter Würdi
gung der besonderen Umstände dem Verletzten oder den Angehörigen des Getö
teten eine angemessene Geldsumme als Genugtuung zusprechen kann.
2.
2.1
Streitig un
d zu prüfen ist der Anspruch der
Beschwerdeführer
in
auf
eine
Entschä
digung für Erwerbsausfall und für Haushaltschaden sowie auf
eine ungekürzte
Genugtuung.
2.2
Der Beschwerdegegner begründete seinen Entscheid
zusammengefasst
damit
(Urk. 1)
,
aus den Akten der Unfallversicherung ergebe sich, dass vom 24. Juni bis 2. September 2007 eine straftatkausale vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden sei und ab dem 3. September 2007 wieder eine volle Arbeits
fähigkeit bestanden habe. Die rückwirkend bestätigte Arbeitsunfähigkeit über den 2. September 2007 hinaus sei durch das tatsächliche Verhalten der Beschwerdeführerin mit Arbeitsaufnahme widerlegt.
Der Schaden aus
Erwerbs
ausfall
sei somit für den Zeitraum vom 24. Juni bis 2. September 2007 (71 Tage) unter Anrechnung der Taggelder der Unfallversicherung zu berechnen (
E. 3c
S. 3
f.
).
Was den Haushaltschaden angehe, so sei die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Straftat 19 Jahre alt gewesen und habe
bei
ihren Eltern gewohnt. Grund
sätzlich setze eine Entschädigung für Haushaltschaden die Führung eines eige
nen Haushaltes voraus, was vorliegend nicht der Fall sei. Selbst wenn von einem sehr beschränkten Umfang der Mithilfe im Haushalt der Eltern ausgegan
gen würde, sei weder ausgewiesen, noch könne mit überwiegender Wahrschein
lichkeit davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin eine Arbeits
unfähigkeit i
n
den Haushalttätigkeiten erlitten habe (
E. 3d
S. 4).
Hinsichtlich Genugtuung sei zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin seit dem 30. September 2009 in
Z._
lebe, weshalb sich eine Kürzung der Genugtuung um 50 % rechtfertige (
E. 6b S.
6).
2.3
Dem hielt die Beschwerdeführerin
im Wesentlichen
entgegen
(Urk. 1)
, es h
ätten
bei ihr schon wenige Wochen nach dem Ereignis Anzeichen einer posttrauma
tischen Belastungsstörung bestanden. Aus der Ätiologie und der Definition der posttraumatischen Belastungsstörung heraus sei es medizinisch nicht möglich,
dass die Störung zwischendurch verschwunden sei und eine volle Arbeitsfähig
keit bestanden habe
(
Ziff.
10 f. S. 5 f.)
. Sie habe nach der Tat nicht mehr in der freien Wirtschaft gearbeitet, sondern sei ausschliessli
ch im geschützten R
ahmen des elterlichen Cafés beschäftigt gewesen. Eine auf dem freien Arbeitsmarkt verwertbare Arbeitsfähigkeit habe kaum bestanden
(Ziff. 12 S. 6 f.)
. Auch aus dem Umstand, dass sie Leistungen der Arbeitslosenkasse bezogen habe, könne nicht auf eine volle Arbeitsfähigkeit geschlossen werden, sei doch nach Art. 15 Abs. 3 AVIV bei Behinderten im Zweifelsfall von einer Vermittlungsfähigkeit auszugehen. Zum anderen habe sie Symptome entwickelt, welche sie selber nicht direkt in den Zusammenhang mit der Traumatisierung gebracht habe
(Ziff. 13 S. 7)
.
Auch dass sie die Handelsschule erfolgreich abgeschlossen habe und die Aufnahmeprüfung an die Universität in
Z._
bestanden und ein Stu
dium aufgenommen habe, spreche nicht gegen die Arbeitsfähigkeit, habe sie doch bei der Prüfung auf den erlernten Erfahrungsschatz zurückgreifen können und sei die Aufnahmeprüfung an die Universität
Z._
für sie leicht (deutsch) gewesen. Der Studienbetrieb sei relativ gut vereinbar mit einem
Vermeidungs
verhalten
(
Ziff. 14
S.
7
ff).
Es müsse von einer durchgehenden hochgradigen Arbeitsunfähigkeit ab der Straftat bis irgendwann in der ersten Hälfte 2010 ausgegangen werden (Ziff. 15 S. 8).
Was den Haushaltsschaden betreffe, habe sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder im gemeinsamen Haushalt gelebt. Im Gegensatz zu schulpflichtigen Kindern existie
rten für bei den Eltern lebende
Töchter zwischen 15 und 24 Jahren SAKE-Zahlen, die einen wöchentlichen Haushaltaufwand von durchschnittlich 13.2 Stunden aufwiesen. Ihr Aufwand übersteige das statistische Mittel (
Ziff. 20
S. 12 f.). Der Haushaltschaden werde nur für die erste Zeit der attestierten 100%igen Arbeitsfähigkeit geltend gemacht, wofür eine echtzeitliche mediz
ini
sche Einschätzung vorliege (
Ziff. 22 S. 14).
Bezüglich Genugtuung sei zu bedenken, dass sie ab ihrem 5. Altersjahr bis zu ihrem 22. Altersjahr in der Schweiz gelebt. Sie sei nicht aus Vergnügen nach
A._
gezogen, sondern vom Tatort und vom Täter weg nach
A._
geflo
hen, ohne die Absicht gehabt zu haben, in
A._
zu bleiben. Sie habe so rasch als möglich, nämlich per 30. April 2013 ihren Wohnsitz wieder nach
Y._
verlegt. Es ergebe sich da
her kein
Grund,
die Genugtuung zu kürzen (Ziff.
25 S. 16 f.).
3.
3.1
Der Beschwerdegegner
ging in der angefochtenen Verfügung von einer
straftat
kausalen
vollständigen Arbeitsunfähigkeit zwischen dem 24. Juni und dem 2. September 2007 aus und ermittelte für diesen Zeitraum ein
Valideneinkom
men
von Fr. 3‘571.3
0.
Davon zog
er
die im gleichen Zeitraum geleisteten Tag
gelder der Unfallversicherung in Höhe von Fr. 3‘040.-- ab und errechnete einen Erwerbsausfall von 531.30 (Urk. 2 E
.
3c S. 3 f).
3.2
3.2.1
Im unfallversicherungsrechtlichen Verfahren hat das hiesige Gericht mit rechts
kräftigem Urteil vom 28. Juni 2013 (Prozess Nr. UV.2011.00339, Urk. 8/48/1) die Leistungseinstellung des Unfallversicherers per 30. Juni 2010
gestützt auf d
en Arztbericht
von
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –
psychotherapie
,
vom 1. November 2009
und
den Bericht
der Psychologin und Psychotherapeutin
C._
vom 23. März 2010
als rechtens befunden
, da die Leistungen für Psychotherapie nicht mehr zur Steigerung beziehungsweise Erhaltung der Arbeitsfähigkeit dienten (E.
3.4)
.
Wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit vom 3. September 2007 bis zum 30. Juni 2010 verhielt, ist vorliegend zu prüfen.
3.2.2
Dem Bericht von Dr.
B._
vom 1. November 2009 (
Urk.
3/4
=
Urk.
8/
2/12
) ist zu entnehmen, dass sich die Beschwerdeführerin am 15. August 2009 erstmals bei ihr vorgestellt ha
tte
. Es hätten daraufhin lediglich vier ei
gent
liche Therapiesitzungen stattgefunden, in denen die Beschwerdeführerin beträchtliche Einsicht in ihre Problematik gewonnen habe, sich ein Stück weit habe distanzieren können und sich ihre neuen Perspektiven abzuzeichnen begonnen hätten. Wegen einer wichtigen Aufnahmeprüfung in
A._
habe die Therapie unterbrochen werden müssen. Die Beschwerdeführerin habe die Prü
fung bestanden und sich daraufhin entschlossen, Mitte Oktober 2009 ein Stu
dium in
Z._
aufzunehmen. Die Psychiaterin diagnostizierte eine posttrau
matische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1). Bezüglich der Arbeitsfähigkeit attestierte sie der Beschwerdeführerin, bi
s zur Therapieaufnahme sei sie „
sicher voll oder hochgradig arbeitsunfähig“ gewesen, deshalb habe sie lediglich im elterlichen Geschäft mitgeholfen. Aufgrund der Symptomatik der
Belastungsstö
rung
traue sich die Beschwerdeführerin keine Ausbildungen und keine berufli
che Entwicklung zu.
3.2.3
Am 23. März 2010 (Urk.
8/53/70
, Übersetzung: Urk.
8/2/13
) berichtete
C._
, die Beschwerdeführerin habe im Dezember 2009 die Psychotherapie bei ihr aufgenommen. Sie diagnostizierte ebenfalls eine posttraumatische
Belas
tungs
störung
(DSM IV 309.81),
welche
voll entwickelt
sei
. Die Beschwerdefüh
rerin leide unter anderem unter wiederholten, eindringlichen und schmerzlichen Erinnerungen an das Ereignis, unter eindringlichen und schmerzlichen Alb
träumen, unter einem Gefühl des Wiedererlebens und unter Flashback-Episoden, sowie unter stressauslösenden Momenten, die dem traumatischen Ereignis ähn
lich seien. Weiter wurden eine Vermeidungshaltung, ein erhöhter Erregungszu
stand, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, erhöhte Schreckhaftigkeit sowie das Ausreissen der Haare beschrieben. Es wurde schliesslich festgehalten, dass die Therapie
befriedigende Ergebnisse bringe und sich
die Symptomatik der Beschwerdeführerin erheblich verbessert
habe
. Am 17. Juni 2010 (Urk.
8/53/65
) berichtete die Psychotherapeutin erneut von einem Rückgang der Symptomatik und hielt fest, die Beschwerdeführerin sei erfolgreich in ihrem Studiengang und bestehe die diesbezüglichen Prüfungen
. D
as Sozialleben habe sich verbessert.
3.2.
4
Dr.
B._
erwähnte im November 2009, dass die Beschwerdeführerin seit der Straftat voll oder zumindest hochgradig arbeitsunfähig sei, weshalb sie lediglich im elterlichen Geschäft mitgeholfen habe.
Allerdings stand die Be
schwer
deführerin erst seit Mitte August 2009 bei ihr in Behandlung. Eine rück
wirkend bestätigte Arbeitsunfähigkeit ist gemäss Rechtsprechung zurückhaltend zu gewichten und besonders auf Übereinstimmung mit den echtzeitlichen Akten zu überprüfen (Urteil des Bundesgerichts 8C_418/2010 vom 27. August 2010). Für den fraglichen Zeitraum fehlen echtzeitliche
Arbeitsunfähigkeitsbescheini
gungen
.
Laut IK-Auszug
arbeitete die Beschwerdeführerin bereits vor der Straftat im elter
lichen Betrieb mit
. Am 30. August 2007 gab die Beschwerdeführerin gegen
über einer Mitarbeiterin des Unfallversicherers an, sie habe für die Zeit nach dem Praktikum
keine konkreten beruflichen Pläne gehabt
(Urk. 8/2/9). D
ie Aussage der Psychiaterin, es sei der Beschwerdeführerin lediglich eine Tätigkeit im elterlichen Betrieb und vertrauten Umfeld
möglich gewesen
und aufgrund der Symptomatik der Belastungsstörung traue sich die Beschwerdeführerin keine Ausbildungen und keine berufliche Entwicklung zu
,
ist daher nicht nach
vollziehbar
.
T
rotz der von
Dr.
B._
vertretenen Meinung, dass sich
die Beschwerdeführerin
keine berufliche Entwicklung mehr zutraue,
war es der Beschwerdeführerin möglich, nach der Straftat Zukunftspläne zu schmieden und diese auch erfolgreich umzusetzen.
Wohl eher
wegen der Aufnahmeprüfungen in
A._
und
in der Aussicht auf den Beginn des Studiums als aufgrund
der behaupteten
Beeinträchtigungen
sind auch die Einstelltage der Arbeitslosenver
sicherung zu sehen, welche aufgrund ungenügender
Stellenbemühungen
am Ende der Bezugsperiode und kurz vor Aufnahme des Studiums verfügt worden sind.
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse sind auch für die Zeit des Bezugs von
Ar
beits
losentaggeldern
nicht vorhanden.
Was den Zeitraum ab Aufnahme des Studiums in
Z._
betrifft,
attestierte
C._
keine Arbeitsunfähigkeit. Die Beschwerdeführerin
war trotz der behaup
teten Einschränkungen fähig, ihre Studien mit Erfolg zu betreiben, weshalb auch für diesen Zeitraum von einer vollständigen Arbeitsfähi
gkeit auszugehen ist.
Zusammenfassend ist somit nicht zu beanstanden, dass der Beschwerdegegner davon ausging, dass die Beschwerdeführerin seit 3. September 2007 wieder vollständig arbeitsfähig war.
3.3
Was die Berechnung der Entschädigung für den Schaden aus Erwerbsausfall zwischen der Straftat und dem 2. September 2007 betrifft, wurde diese von der Beschwerdeführerin nicht bestritten und
sind die Grundlagen der Berechnung
durch die Akten ausgewiesen.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Anspruch auf Entschädigung für Haus
haltschaden mit der Begründung, die Beschwerdeführerin habe im Zeitpunkt der Tat bei ihren Eltern gelebt und keinen eigenen Haushalt geführt.
4.2
4.2.1
Im privaten Haftpflichtrecht ist der Haushaltschaden, also der wirtschaftliche Wertverlust, der durch die Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im Haushalt entsteht, als ersatzfähiger Schaden anerkannt. Seine Besonderheit liegt darin, dass er auch zu ersetzen ist, wenn er sich nicht in zusätzlichen Aufwendungen niederschlägt. Der wirtschaftliche Wertverlust ist unabhängig davon auszu
glei
chen, ob er zur Anstellung einer Ersatzkraft, zu vermehrtem Aufwand der
teil
invaliden
Person, zu zusätzlicher Beanspruchung der Angehörigen oder zur Hin
nah
me von Qualitätsverlusten führt. Anspruchsberechtigt ist die Person, die verletzt und in ihrer Haushaltführung beeinträchtigt worden ist: Hausfrauen und Hausmänner, Ehepartner, ledige, geschiedene oder verwitwete Personen, die ihren eigenen Haushalt führen (Urteil des Bundesgerichts 1A.252/2000 vom 8. Dezember 2000, E. 2a mit Hinweisen).
4.2.2
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung, wonach Personen anspruchsberechtigt sind, die ihren eigenen Haushalt führen, kann nicht dahingehend interpretiert werden, dass erwachsene Personen, die im gemeinsamen Haushalt mit ihren El
tern leben, nicht anspruchsberechtigt wären. Vielmehr ist mit der Bezeich
nung „eigen“ gemeint, dass die anspruchsberechtigte Person Teil
der
Haushal
t
ge
mein
schaft
ist
und in dieser Haushaltgemeinschaft Aufgaben der Haushalt
füh
rung übernimmt
. Im Unterschied zu Kindern,
die vor allem aus erzieherischen Grün
den zur Mithilfe im Haushalt angehalten werden und
deren
Beitrag eher sym
bolischen Charakter haben dürfte, wird von volljährigen Kindern
regelmäs
sig
erwartet, dass sie sich an der Hauhaltführung beteiligen und/oder einen finanzi
ellen Beitrag an die Haushaltführung leisten. Sofern erwachsene Kinder
vor dem schädigenden Ereignis
im gemeinsamen Haushalt der Eltern
eine
Hau
halttätig
keit
ausgeübt haben,
haben sie grundsätzlich auch einen
Anspruch auf Entschä
digung für Haushaltschaden.
4.
3
4.3.1
Der für die Erledigung des Haushalts erforderliche Aufwand ist
rechtspre
chungsgemäss
entweder konkret nach der effektiven
Vermögenseinbusse
(
Dif
ferenztheorie
) zu ermitteln oder abstrakt
ausschliesslich
gestü
tzt auf statis
tische Daten festzulegen. Die Zulässigkeit der abstrakten Berechnungsmethode bedeu
tet aber nicht, dass der Verweis auf die statistischen Werte ausreicht, oder dass diese ohne Rücksicht auf die konkrete Situation Anwendung finden dürfen. Der Haushaltschaden ist möglichst konkret
zu bemessen. Es ist darauf abzu
stellen, inwieweit die medizinisch festgestellt
e Invalidität sich auf die Haus
haltführung auswirkt. Ersatz für Haushaltschaden kann deshalb nur verlangen, wer ohne das beeinträchtigende Ereignis überhaupt eine Haushalttätigkeit ausgeübt hätte. Zur Substantiierung des Haushaltschadens sind daher konkrete Vorbringen zum Haushalt, in dem die geschädigte Person lebt, u
nd zu den Auf
gaben, die ihr da
rin ohne Beeinträchtigung zugefallen wären, unerlässlich. Erst wenn feststeht, inwiefern die den Anspruch stellende Person durch das Ereignis tatsächlich beeinträchtigt ist, stellt sich die Frage nach der Quantifizierung, bei der auf sta
tistische Werte zurückgegriffen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 4C.166/2006 vom 25. August 2006, E. 5 mit Hinweisen). Dabei bilden
rechtspre
chungsgemäss
die Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung
des Bun
des
amtes für Statistik (SAKE)
über den Zeitaufwand
für Haus- und
Fami
lien
ar
bei
ten
eine repräsentative Grundlage für die Ermittlung des Zeitaufwandes im Haushalt (BGE 131 III 360 E. 8.2.1).
4.3.2
Laut Arztbericht von
Dr.
med. D._
, Fachärztin für Physikalische Medizin, vom 23. Juli 2007 (Urk. 8/2/7) litt die Beschwerdeführerin nach der Straftat an einem posttraumatischen
Cervicovertebralsyndrom
, einer
Schädel
kon
tusion
rechts und einem schweren Angstzustand mit Depression. Sie könne die Wohnung ohne Begleitung nicht verlassen, klage über Schlafstörungen und ein ständiges Angstgefühl sowie über Schmerzen im
Nacken-Schultergürtel
bereich
mit Kopfschmerzen. Gegenüber dem Schadeninspektor des
Unfallversi
cherers
gab die Beschwerdeführerin am 30. August 2007 (Urk. 8/54/104 S. 2) an, sie habe keine körperlichen Beschwerden mehr, sie habe jedoch noch Prob
leme mit dem Schlaf, leide unter Albträumen und fühle sich beim Verlassen des Hauses nicht sicher. Die Schmerzmittel habe sie drei Wochen nach der Straftat absetzen können.
4.3.3
Dem Arztbericht von
Dr.
D._
kann nicht entnommen werden, in welchem Umfang die Beschwerdeführerin in der Haushalttätigkeit eingeschränkt war.
Allerdings waren die somatischen Beschwerden nach kurzer Zeit soweit abge
klungen, dass sie nach drei Wochen auf Schmerzmittel verzichten konnte. Län
ger
litt sie an
Schlafstörungen und ein
em ständigen
Angstgefühl, welches sie daran hinderte, das Haus alleine zu verlassen.
Gestützt auf den Arztbericht von
Dr.
D._
und d
i
e eigenen Angaben der Beschwerdeführerin ist davon auszu
gehen, dass sie während der ersten drei Wochen nach der Straftat aufgrund der Schmerzen in der Haushaltführung vollständig eingeschränkt war. Danach war sie in denjenigen Tätigkeiten eingeschränkt, die das Verlassen des Hauses erfor
derten.
Ab dem 3. September 2007 ist von keiner Einschränkung mehr auszuge
hen (vgl. E. 3.2.3).
4.3.4
Die Beschwerdeführerin machte geltend, die von ihr im elterlichen Haushalt näher dargelegte geleistete Arbeit entspreche ungefähr dem statistischen Wert (Urk. 1
Ziff.
20 f. S. 12 f.).
Der durchschnittliche Zeitaufwand für Haushaltarbeiten der
bei den Eltern leben
den Töchter
zwischen 15 und 24 Jahren betr
ug
im Jahr 2007
gemäss
SAKE-
Tabelle T3.6.2.1
14.2 Stunden. Die Beschwerdeführerin gab an, vor dem schädigenden Ereignis 13.5 Stunden pro Woche für Haushal
tarbeiten aufge
wendet zu haben.
Darin enthalten
sind
die Haustierversorgung von 3.75 Stun
den, welche
– da sie ein Hobby betreffen -
nicht anzurechnen sind, sowie die Besorgung der Wäsche von 4 Stunden, wobei in der Wäschebesorgung auch Wäsche des von den Eltern betriebenen Restaurants enthalten ist
. Es
rechtfertigt
sich daher
, davon nur 2 Stunden anzurechnen. Somit ergibt sich ein
massge
bender
Aufwand für Hau
s
haltarbeiten von 7.75 Stunden
. Die Tätigkeiten, die das Verlassen des Hauses erforderten, beschränken sich auf das Einkaufen, für welches die Beschwerdeführerin einen
wöchentlichen
Aufwand von 1.5 Stunden geltend machte.
4.4
4.4.1
Der zu berücksichtigende Lohn entspricht dem
jenigen
einer Haushalthilfe oder Haushälterin zuzüglich eines Aufschlages, welcher der Qualität der Arbeit einer Ehefrau beziehungsweise Mutter Rechnung trägt (BGE 129 II 145 E. 3.2.1).
Der von der Beschwerdeführerin beantragte Stundenansatz von Fr. 30.-- erscheint als sachgerecht.
4.
4.
2
Bei einem Stundenansatz von Fr. 30.-- und bei einem zu entschädigenden Auf
wand von 7.75 Stunden hat die Beschwerdeführerin für die ersten drei Wochen nach der Straftat bis zum 15. Juli 2007 Anspruch auf eine Entschädigung von Fr. 697.5
0.
Vom 16. Juli bis 2. September 2007, mithin während 7 Wochen
,
hat sie bei einem zu entschädigenden Aufwand von 1.5 Stunden Anspruch auf eine Entschädigung von Fr. 315.--. Insgesamt hat sie damit Anspruch auf eine Ent
schädigung für
den
Haushaltschaden von Fr. 1‘012.50 zuzüglich Zins
en
zu
5 % seit dem 24. Juni 2007
.
5.
5.1
Die Beschwerdegegnerin sprach der Beschwerdeführerin eine um 50 % gekürzte Genugtuung im Betrag von Fr. 5‘000.-- zu.
5.2
Nach der bundesgerichtlichen Praxis sind bei der Bemessung sowohl der zivil- als auch der opferhilferechtlichen Genugtu
ung die Lebenshaltungskosten der
b
erechtigten
Person
an
ihrem
ausländischen Wohnsitz grundsätzlich nicht zu berücksichtigen. Die Genugtuung stellt im Unterschied zur Schadenersatzleis
tung nicht einen Ausgleich für eine Vermögensminderung dar. Sie soll vielmehr den erlittenen Schmerz durch eine Geldsumme aufwiegen. Diese Geldsumme ist in der Regel nach dem am Gerichtsstand geltenden Recht zu bemessen ohne Rücksicht darauf, wo d
ie
Kläger
in
lebt und was
sie
mit dem Geld machen wird (
BGE 121 III 252
E. 2b S. 255 f.;
125 II 554
E. 2b S. 556). Von diesem Grundsatz kann ausnahmsweise abgewichen werden. Wo die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten von den hiesigen Verhältnissen markant abweichen, ist eine krasse Besserstellung de
r
b
erechtigten
Person
zu vermeiden, die nach Abwä
gung aller Umstände mit sachlichen Gründen nicht zu rechtfertigen und daher im Ergebnis unbillig wäre (
BGE 125 II 554
E. 2b S. 556, E. 4a S. 559 mit Hin
weis; Entscheid 1A.299/2000 vom 30. Mai 2001 E. 2b; ähnlich Art. 27 Abs. 3 des revidierten OHG i
n der Fassung vom 23. März 2007
, in Kraft
seit
1. Januar 2009).
Das Bundesgericht liess daher eine gewisse (nicht schematische)
Genugtu
ungs
reduktion
in Fällen zu, in denen die Lebenshaltungskosten am Wohnsitz de
r
b
erechtigten
Person
um ein Vielfaches niedriger lagen als in der Schweiz (z.B.
BGE 125 II 554
E. 4a S. 559 f. betr.
Vojvodina
: 18-facher Kaufkraftunterschied; Entscheid 1A.299/2000 vom 30. Mai 2001 E. 5c betr. Bosnien-Herzegowina: 6
bis 7-fach tiefere Lebenshaltungskosten).
5.
3
Die Beschwerdeführerin zog Ende September 2009 nach
A._
, um dort ein Studium aufzunehmen. Laut Auszug aus dem
P
ersonenregister der Stadt
Y._
vom 5. Mai 2014 (
Urk.
3/12) ist sie seit dem 30. April 2013 ununterbrochen wieder in der Stadt
Y._
wohnhaft. Im Verfügungszeitpunkt hatte die Beschwerdeführerin somit Wohnsitz in der Stadt
Y._
, womit kein Raum bleibt für eine Kürzung der Genugtuung infolge tiefer Lebenshaltungskosten im Ausland. Damit hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ausrichtung der
ungekürzten
Genugtuungssumme von Fr. 10‘000.--. Hinzu kommen Zinsen zu 5 %
ab dem 24. Juni 2007.
6.
6.1
Rechtsanwalt
Luzius
Hafen machte in seiner Honorarnote vom
15. September 2015
(Urk.
13/2
) einen Aufwand von
14 Stunden
und
eine Kleinspesenpau
schale von 3 %
geltend. Unter Berücksichtigung des
bis 31. Dezember 2014 gültig gewesenen
gerichtsüblichen Ansatz
es
von Fr. 200.-- zuzüglich Mehr
wertsteuer (
MWSt
)
erscheint d
as
geltend gemachte
Honorar
von
Fr. 3‘114.70 (inkl.
MWSt
)
als angemessen.
6.2
Geltend gemacht wurde ein zusätzlicher Schaden von Fr. 22‘156.-- zuzüglich Zins
en
. Bei Zusprechung
einer
Entschädigung für
den
Haushaltschaden im Betrag von Fr. 1‘012.50 zuzüglich Zins sowie
einer
um Fr.
5‘000.-- zuzüglich Zins
en
höheren Genugtuung
obsiegt die Beschwerdeführerin im Umfang von gut
einem Viertel
.
Die Beschwerdegeg
nerin hat daher eine um
drei Viertel
gekürzte Prozessentschädigung von Fr.
778.70 zu bezahlen
. Im Betrag von Fr.
2‘336.--
ist der unentgeltliche Rechtsvertreter aus der Gerichtskasse zu ent
schädigen.