# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 7dbc0996-a01a-519d-8a56-513d24b71f0b
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte bei der Gemeinde Unterseen das Baugesuch vom
26. Juni 2015 ein für den Abbruch des Wohngebäudes und den Neubau eines
Mehrfamilienhauses mit sechs Wohnungen und einer Einstellhalle. Die Parzelle Unterseen
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Grundbuchblatt Nr. E._ liegt in der Wohnzone W2. Gegen das Bauvorhaben erhob
der Beschwerdeführer Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 26. November 2015 erteilte
das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 23. Dezember 2015 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 26. November 2015 und die Erteilung des
Bauabschlags. Dabei macht er insbesondere geltend, die Fahrbahnbreite der Zufahrt sei
ungenügend und die Sichtweiten nach VSS-Normen würden bei der Einmündung in die
F._strasse nicht eingehalten. Zudem führe das geplante Bauvorhaben zu einer
übermässigen Beschattung seiner Liegenschaft und zu einer Mehrbelastung des
Fussweges entlang seines Grundstückes, wodurch erhebliche Lärmimmissionen
entstünden.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Das Regierungsstatthalteramt
Interlaken-Oberhasli und die Gemeinde Unterseen beantragen mit Stellungnahme vom
5. Januar 2016 bzw. 19. Januar 2016 die Abweisung der Beschwerde. Die
Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 3. Februar 2016 sowie in
ihrer Eingabe vom 20. Mai 2016, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf
einzutreten sei.
4. Das Rechtsamt holte einen Fachbericht der Feuerwehr G._ zur Frage des
Zugangs der Feuerwehr für die Brandbekämpfung ein. Danach führte es im Beisein der
Parteien sowie einer Vertretung der Feuerwehr G._ und des TBA,
Oberingenieurkreis I (OIK I), einen Augenschein mit Instruktionsverhandlung durch. Die
Parteien und die anderen Teilnehmer des Augenscheins erhielten Gelegenheit, sich zum
Protokoll des Augenscheins zu äussern. Die Parteien konnten ausserdem
Schlussbemerkungen einreichen. Auf die Rechtsschriften, den Fachbericht der Feuerwehr
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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G._ und das Ergebnis des Augenscheins wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Die BVE ist somit zur
Beurteilung der Beschwerde gegen den Gesamtentscheid zuständig.
b) Die Beschwerdegegnerin bestreitet die Legitimation des Beschwerdeführers nicht
grundsätzlich. Sie macht aber geltend, die Hauszufahrt zum geplanten Bauvorhaben führe
nicht über die für den Beschwerdeführer massgebende Erschliessungsstrasse, weshalb er
von der Erschliessung des Bauvorhabens nicht in höherem Masse als jedermann betroffen
sei. Es fehle ihm daher an einem schutzwürdigen Interesse an dieser Rüge.
c) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2
BauG3). Die Beschwerdelegitimation setzt weiter voraus, dass die beschwerdeführende
Person durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen
betroffen ist (Art. 40 Abs. 2 BauG i.V.m. Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Bei Bauvorhaben
muss die Beziehung zum Streitgegenstand insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben
sein.4 Als Nachbar ist der Beschwerdeführer vom Bauvorhaben betroffen und durch den
angefochtenen Entscheid beschwert. Der Beschwerdeführer darf daher in seiner
Einsprache und Beschwerde alle Rügen vorbringen, die sich rechtlich oder tatsächlich auf
seine Stellung auswirken.5 Der Nutzen kann darin bestehen, dass das Bauvorhaben –
vorliegend der Abbruch des Wohngebäudes und der Neubau des Mehrfamilienhauses –
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 17 5 BVR 2011 S. 272 E. 6.2; VGE 2015/42 vom 22.4.2015 E. 1.2.2
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nicht oder nicht wie geplant realisiert werden kann, wenn sich die Beschwerde als
begründet erweist.6
d) Der Beschwerdeführer ist nur im Rahmen seiner Einsprachegründe zur Beschwerde
befugt (Art. 40 Abs. 2 BauG). Dabei genügt es, wenn in der Einsprache der entsprechende
Themenbereich angesprochen ist. Die rechtliche Begründung kann später noch
nachgeschoben oder geändert werden.7 Vorliegend hat der Beschwerdeführer bereits in
seiner Einsprache vom 4. September 2015 vorgebracht, die Hauszufahrt sei für das
geplante Mehrfamilienhaus ungenügend. Damit wurde der Themenbereich der
Erschliessung in der Einsprache genügend angesprochen. Im Übrigen macht der
Beschwerdeführer mit der Rüge der ungenügenden Erschliessung auch Verletzung von
Bundesrecht geltend. Auf Rügen betreffend die Verletzung von Bundesrecht ist im
Beschwerdeverfahren auch dann einzutreten, wenn sie in der Einsprache nicht vorgebracht
worden sind.8
e) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1
BauG). Sie enthält einen Antrag und eine Begründung. Die BVE tritt deshalb auf die
Beschwerde ein.
2. Rechtliche Qualifikation der Stichstrasse
a) Die Strassenerschliessung wird unterschieden in Basiserschliessung (wie
insbesondere Kantonsstrassen, Hauptverkehrsadern oder Sammelstrassen),
Detailerschliessung, welche mehrere Grundstücke mit den Anlagen der Basiserschliessung
verbindet, und der Hauszufahrt (Art. 106 BauG). Für die Planung und den Bau der Basis-
und Detailerschliessungsanlagen ist grundsätzlich die Gemeinde zuständig, für
Kantonsstrassen der Kanton. Als Hauszufahrten oder Hausanschlüsse werden Strassen
bezeichnet, die ein Gebäude oder eine zusammengehörige Gebäudegruppe mit diesem
Erschliessungsnetz verbinden (Art. 106 Abs. 3 BauG). Hauszufahrten sind somit ebenfalls
Teil der Erschliessung. Ihre Planung und ihr Bau ist jedoch Sache der jeweiligen
Grundeigentümer.
6 BGE 137 II 30 E. 2.3; BGE 1C_236/2010 vom 16.7.2010 E. 1.4; BVR 2011 S. 272 E. 6.2 7 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 40 N. 9a 8 BVR 2015 S. 15 E. 1.4; VGE 2010/90 vom 1.11.2010, E. 2.3 und 2.5
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b) Die Bauparzelle liegt in der zweiten Bautiefe an die F._strasse. Das
Bauvorhaben wird mit einer Stichstrasse zur F._strasse erschlossen. Weitere
Gebäude sind auf der Parzelle nicht geplant. Die Stichstrasse, die eine Länge von circa
15 m aufweist, dient demnach ausschliesslich dazu, das geplante Mehrfamilienhaus mit
dem öffentlichen Strassennetz zu verbinden, und ist daher eine Hauszufahrt. Die
F._strasse, in welche die Stichstrasse mündet, ist gemäss dem geltenden
Verkehrsrichtplan der Gemeinde Unterseen als Erschliessungsstrasse für den
Mischverkehr qualifiziert. Es handelt sich dabei um eine Quartiererschliessungs- und somit
um eine Detailerschliessungsstrasse.
3. Genügende Zufahrtsstrasse
a) Der Beschwerdeführer rügt, die strassenmässige Erschliessung des projektierten
Mehrfamilienhauses mit Einstellhalle sei ungenügend. Die Zufahrt, die sehr schmal sei,
diene bisher lediglich der Erschliessung eines Einfamilienhauses, müsse nun aber sechs
weitere Wohnungen erschliessen. Mit dem Bauvorhaben sei mit einer steigenden Zahl an
Verkehrsbewegungen zu rechnen. Der bestehende Zufahrtsweg sei dieser Mehrbelastung
nicht gewachsen und erfülle von seiner Breite her die Voraussetzungen einer genügenden
strassenmässigen Erschliessung nicht. Art. 5 Bst. a BauG sei nicht anwendbar, da die
Mehrbelastung durch das Bauvorhaben bedeutend sei und Verkehrssicherheit und
Brandbekämpfung nicht gewährleistet seien.
b) Bauvorhaben dürfen nur bewilligt werden, wenn das Baugrundstück genügend
erschlossen ist (Art. 7 Abs. 1 BauG). Die Erschliessung ist genügend, wenn die
Zufahrtsstrasse hinreichend nahe an Bauten und Anlagen heranführt und diese für
Wehrdienste und Sanität gut erreichbar sind (Art. 7 Abs. 2 Bst. a BauG). Die
Erschliessungsanlagen müssen den Beanspruchungen gewachsen sein, die sich aus der
Nutzung des Baugrundstücks und der weiteren Grundstücke ergeben können, denen sie
nach der Planung zu dienen bestimmt sind (Art. 7 Abs. 3 BauG). Der Regierungsrat
umschreibt die Anforderungen an eine genügende Erschliessung näher (Art. 8 Abs. 1
BauG). Er ordnet namentlich auch die Fälle, in denen eine bestehende
Erschliessungsstrasse als genügend geltend kann, obgleich sie den Anforderungen an
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eine Neuerschliessung nicht entspricht (Abs. 2 Bst. a) und die für besondere Fälle
möglichen Erleichterungen oder geltenden strengeren Anforderungen (Abs. 2 Bst. b).
Unter den Voraussetzungen von Art. 5 BauV9 kann eine bestehende Zufahrt, die die
Kriterien für eine neue Strasse nicht erfüllen würde, eine genügende Erschliessung
darstellen. Art. 5 Abs. 1 Bst. a BauV setzt dafür voraus, dass das Bauprojekt in einem
weitgehend überbauten Gebiet oder ausserhalb der Bauzone liegt, dass die insgesamt zu
erwartende Mehrbelastung verhältnismässig gering ist und die Verkehrssicherheit und
Brandbekämpfung gewährleistet sind.
c) Unumstritten ist, dass es sich bei der Zufahrt zur Bauparzelle um eine bestehende
Erschliessungsanlage im Sinne von Art. 5 BauV handelt und das geplante Bauprojekt in
einem weitgehend überbauten Gebiet liegt. Die Zufahrt erschliesst das Grundstück
Nr. E._. Bei einer Realisierung des Bauvorhabens würde die Zufahrt anstatt der
bisherigen zwei Wohnungen neu sechs Wohnungen mit elf Abstellplätzen erschliessen.10
Der OIK I hat dies am Augenschein als geringe Mehrbelastung eingestuft.11 Diese Ansicht
überzeugt (Art. 6 Abs. 3 BauV). Umstritten ist damit lediglich, ob die Anforderungen an die
Verkehrssicherheit erfüllt sind und die Brandbekämpfung gewährleistet ist.
d) Die Frage, ob die Verkehrssicherheit auf einer bestehenden Erschliessungsanlage
hinreichend ist, ist nicht danach zu beurteilen, ob die für Neuanlagen geltenden
Gesetzesvorschriften eingehalten sind, sondern aufgrund einer Würdigung der
tatsächlichen Verhältnisse vor Ort zu beantworten. Die gesetzlichen Bestimmungen für
Neuanlagen können dabei insoweit berücksichtigt werden, als ein massives Abweichen
davon vermuten lässt, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Die BauV
verlangt aber für Wegstücke wie die umstrittene Stichstrasse keine Mindestbreite (Art. 6
Abs. 2 BauV). Auch hier gilt jedoch, dass Zu- und Weggang für die Benutzerinnen und
Benutzer sicher sein müssen.12
Die Hauszufahrt ist an der schmalsten Stelle 2,30 m breit. Auf der Parzelle der
Beschwerdegegnerin besteht eine Wendemöglichkeit, sodass die Hauszufahrt jeweils
9 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 10 Vgl. Protokoll des Augenscheins vom 29. Juni 2016, S. 6 und S. 10 11 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 12 12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 7/8 N. 7
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vorwärts befahren werden kann. Der Vertreter des OIK I führte am Augenschein aus, die
Breite der Hauszufahrt entspreche der SN Norm 640 207 "Geometrisches Normalprofil".
Die Hauszufahrt sei zudem kurz und übersichtlich.13 Da die Zufahrt praktisch
ausschliesslich von Anwohnern benutzt wird, die mit den örtlichen Verhältnissen vertraut
sind und entsprechende Vorsicht walten lassen, kommt die BVE zum Schluss, dass der
Verkehrssicherheit auf der Hauszufahrt selber genügend Rechnung getragen wird.
e) Die Zufahrt für die Feuerwehr über die F._strasse wurde im Fachbericht der
Feuerwehr G._ vom 10. März 2016 als ausreichend beurteilt. Der Vertreter der
Feuerwehr G._ führte am Augenschein aus, ein Löscheinsatz bei den geplanten
Neubauten auf der Parzelle Nr. E._ erfolge direkt ab der F._strasse, auf
welcher die Tanklöschfahrzeuge abgestellt würden. Die F._strasse sei für das
Abstellen der Fahrzeuge genügend breit. Eine direkte Zufahrt zum Bauvorhaben sei nicht
erforderlich. Die erlaubte Maximaldistanz von der Abstellfläche des Fahrzeuges bis zur
Liegenschaft von 80 m sei im vorliegenden Fall klar eingehalten. Da die
Tanklöschfahrzeuge mit 100 m langen Schläuchen ausgerüstet seien, reiche die
Schlauchlänge ohne weiteres aus, um einen Einsatz direkt ab der F._strasse
durchzuführen. Der Zugang zum geplanten Mehrfamilienhaus sei für die Feuerwehr somit
gewährleistet.14
Die Ausführungen der Feuerwehr G._ überzeugen. Es ist nicht ungewöhnlich,
dass der Zugang für die Feuerwehr nicht bis unmittelbar zum Gebäude führt. Im
vorliegenden Fall beträgt die Fusswegdistanz für die Feuerwehr zwischen der Abstellfläche
auf der F._strasse und dem geplanten Mehrfamilienhaus der Beschwerdegegnerin
rund 55 m. Diese Strecke kann durch die Feuerwehr problemlos zu Fuss überwunden
werden. Der Zugang für die Feuerwehr erfolgt für sämtliche Häuser in der näheren
Umgebung direkt über die F._strasse. In der bereits bestehenden Überbauung an
der F._strasse gibt es somit Gebäude, die nicht besser erschlossen sind als das
geplante Mehrfamilienhaus. Die Feuerwehr G._ ist denn auch mit den lokalen
Verhältnissen vertraut und mit den entsprechenden Gerätschaften ausgerüstet. Es kann
daher davon ausgegangen werden, dass die Feuerwehr auch bei schmalen Strassen
Rettungseinsätze durchführen und ihre Aufgaben erfüllen kann. Im Notfall kann die
Feuerwehr zudem über die privaten Grundstücke Nrn. H._ und I._ näher
13 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 14; Fotos des Augenscheins, Nr. 14 14 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 4 f.
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zum Mehrfamilienhaus heranfahren, da es ihr in Notstandssituationen gestattet ist, auch
private Grundstücke in Anspruch zu nehmen. Die Brandbekämpfung bis zur Bauparzelle ist
somit gewährleistet. Der Umstand, dass die Abstellfläche auf der F._strasse die
Mindestbreite von 6 m im Sinne der Richtlinie für Feuerwehrzufahrten, Bewegungs- und
Stellflächen nicht einhält, vermag an dieser Beurteilung nichts zu ändern, zumal es sich bei
den einschlägigen Bestimmungen der Feuerwehr Koordination Schweiz (FKS) nicht um
Rechtsnormen, sondern lediglich um Richtlinien handelt, die nicht unbesehen der
konkreten Verhältnisse der Entscheidung zugrunde gelegt werden dürfen.15
f) Das Bauvorhaben liegt damit in einem weitgehend überbauten Gebiet. Es ist nur mit
verhältnismässig geringer Mehrbelastung zu rechnen. Verkehrssicherheit und
Brandbekämpfung sind gewährleistet. Zusammenfassend folgt, dass das Wegstück auf der
F._strasse im Abschnitt bis zur Bauparzelle als genügende Erschliessung im
Sinne von Art. 5 Abs. 1 Bst. a BauV zu qualifizieren ist.
4. Strassenanschluss an die F._strasse
a) Das Bauprojekt hat eine gesteigerte Benutzung des bestehenden
Strassenanschlusses bei der Einmündung der Hauszufahrt in die F._strasse
(Gemeindestrasse) zur Folge. Daher ist eine Strassenanschlussbewilligung der Gemeinde
erforderlich (Art. 85 Abs. 1 SG16). Voraussetzung dafür ist, dass die Zu- und Wegfahrten
die öffentliche Strasse nicht beeinträchtigen (vgl. dazu Art. 73 Abs. 1 SG und Art. 21 Abs. 1
BauG in Verbindung mit Art. 57 BauV). Zur Beurteilung der Frage, ob ein
Strassenanschluss verkehrssicher ist, können die einschlägigen Normen des
Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) als
Entscheidungshilfe herangezogen werden. Diese legen die Anforderungen fest, denen eine
Erschliessungsstrasse zu genügen hat. Es handelt sich indessen nicht um Rechtsnormen
sondern lediglich um Richtlinien, deren Anwendung im Einzelfall vor den allgemeinen
Rechtsgrundsätzen, insbesondere vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit,
15 BVR 2013 S. 183 E. 3.3 mit Hinweisen; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, §41 N. 16 16 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
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standhalten muss. Sie dürfen daher nicht unbesehen der konkreten Verhältnisse der
Entscheidung zugrunde gelegt werden.17
b) Für die Anordnung von Grundstückszufahrten sowie für die Bestimmung von
Sichtweiten privater Ausfahrten in öffentliche Strassen sind die Normen VSS SN 640 050
(Grundstückszufahrten) und VSS SN 640 273a (Knoten, Sichtverhältnisse in Knoten in
einer Ebene) massgebend. Grundstückzufahrten sind so zu gestalten, dass durch die ein-
und ausfahrenden Fahrzeuge die Beeinträchtigung der Sicherheit und die Behinderung des
Verkehrs auf öffentlichen Strassen vermieden wird. Bei der Anordnung und Gestaltung von
Grundstückszufahrten ist aus Sicherheitsgründen stets das Aus- und Einfahren der
Fahrzeuge in Vorwärtsrichtung anzustreben.18 Eine Grundstückzufahrt bildet mit der
vortrittsberechtigen Strasse eine Einmündung. Sie ist deshalb hinsichtlich Anforderungen
der Verkehrssicherheit den Knoten gleichgestellt. Das gilt insbesondere für die
Knotensichtweiten. Grundstückzufahrten sind überall dort zu vermeiden, wo die minimalen
Knotensichtweiten nicht gewährleistet werden können.19 Die Norm VSS SN 640 273a legt
die Abmessungen der Sichtfelder fest, die in Knoten vorhanden sein müssen, damit ein
vortrittbelastetes Fahrzeug den vortrittsberechtigten Verkehr kreuzen oder in diesen
einbiegen kann.20 Das Sichtfeld ist von allen Hindernissen freizuhalten, die ein
Motorfahrzeug oder ein leichtes Zweirad verdecken könnten. Dies gilt auch für
Pflanzenwuchs, Schnee oder parkierte Fahrzeuge. In der Regel genügt es, wenn das
Sichtfeld in einem Höhenbereich zwischen 0,60 m und 3,00 m über der Fahrbahn
hindernisfrei ist. Für die Beurteilung des Sichtfelds ist die ungünstigste Sichtlinie zu
berücksichtigen.21 Als Beobachtungsdistanz wird innerorts ein Wert von 3,00 m empfohlen;
sie sollte bei Neuanlagen 2,50 m nicht unterschreiten.22 Die erforderlichen
Knotensichtweiten hängen von der Zufahrtsgeschwindigkeit der vortrittsberechtigten
Motorfahrzeuge ab und werden durch Wertebereiche definiert; diese bewegen sich
zwischen 10 bis 140 m. Die unteren Werte gelten für untergeordnete Strassentypen
(Erschliessungsstrassen, Sammelstrassen, Verbindungsstrassen), Sichtwerte zwischen
dem unteren und dem oberen Wert sind erforderlich für übergeordnete Strassentypen wie
17 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 21 N. 7; BGer 1C_375/2011 vom 28.12.2011 E. 3.3.3 18 VSS SN 640 050 Ziff. 6 19 VSS SN 640 050 Ziff. 5 20 VSS SN 640 273a Ziff. 2 21 VSS SN 640 273a Ziff. 10 22 VSS SN 640 273a Ziff. 11 und 13
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Hauptverkehrsstrassen und wichtige Verbindungsstrassen und der obere Wert gilt für
übergeordnete Strassen mit ungünstigen Verhältnissen im Knotenbereich (beispielsweise
grosse Längsneigung, mehr als zwei Fahrstreifen, grosser Schwerverkehrsanteil).23
c) Auf der F._strasse ist eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h signalisiert.
Die Vertreter der Gemeinde hielten am Augenschein fest, diese Geschwindigkeit werde
ihrer Einschätzung nach von einer grossen Mehrheit der Fahrzeuge eingehalten. Der
Vertreter des OIK I führte dazu aus, die Gefahr einer Geschwindigkeitsüberschreitung sei
gering, zumal auf der F._strasse diverse verkehrsberuhigende Elemente
vorhanden seien. Es könne daher angenommen werden, dass die Geschwindigkeit
eingehalten werde.24 Da es sich bei der F._strasse um einen untergeordneten
Strassentyp handelt, muss die Knotensichtweite nach links und nach rechts grundsätzlich
jeweils mindestens 20 m betragen. Die ungenügende Sichtweite nach rechts konnte mit
der Grundeigentümerin der Parzelle Nr. I._ inzwischen bereinigt werden. Diese
räumte der Beschwerdegegnerin mit Dienstbarkeitsvertrag vom 22. Januar 2015 ein
dingliches Fuss- und Fahrwegrecht ein, wodurch die Verbreiterung der Zufahrtsstrasse ab
der F._strasse zur Parzelle Nr. I._ ermöglicht wird. Damit ist die
Sichtweite und die Verkehrssicherheit Richtung Osten gewährleistet. Nach links ist die
Knotensichtweite bei der bestehenden Einmündung der Hauszufahrt in die
F._strasse leicht eingeschränkt. Grund dafür ist die sichtbehindernde Bepflanzung
auf der Liegenschaft Unterseen Gbbl.-Nr. H._. Der Vertreter des OIK I hielt am
Augenschein zur Verkehrssicherheit im fraglichen Bereich des Strassenanschlusses fest,
die Sicht nach links sei auf einer Höhe von 0,60 m über Terrain zwar leicht eingeschränkt,
Motorfahrzeuge und Fussgänger seien aber dennoch sichtbar. Die Augenhöhe
(Beobachtungspunkt) der Verkehrsteilnehmer liege üblicherweise mindestens 1,00 m über
der Fahrbahn. Auf dieser Beobachtungshöhe sei die Sichtweite wesentlich besser als auf
einer Höhe von 0,60 m über Terrain.25 Eine gewisse Gefährlichkeit bestehe vorliegend vor
allem in Bezug auf herannahende Fahrradfahrer, da diese meistens entlang des
Strassenrandes fahren würden und häufig eine hohe Fahrgeschwindigkeit aufwiesen. Die
Gemeinde könne jedoch verlangen, dass die Pflanzen, die das Sichtfeld verdecken,
zurückgeschnitten oder entfernt werden. Hinsichtlich der Fussgänger und Motorfahrzeuge
sei die Verkehrssicherheit im fraglichen Bereich nicht gefährdet. Zudem sei ein Wenden
23 VSS SN 640 273a Ziff. 12.1 24 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 7 und S. 10 25 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 9 f., Fotos Nrn. 6 und 9–13
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auf der Hauszufahrt möglich, so dass die Fahrzeuge vorwärts in die F._strasse
einmünden könnten. Ein Kreuzen mit dem vortrittsberechtigen Verkehr im
Strassenanschlussbereich der F._strasse sei zwar nicht möglich, da die
Fahrzeuge auf der F._strasse ohne weiteres auf Sichtweite anhalten können, sei
dies jedoch nicht problematisch.26
d) Insgesamt zeigt sich aufgrund der Akten und des Augenscheins, dass die
Einmündung der Zufahrt in die F._strasse in östlicher Richtung unproblematisch,
in westlicher Richtung aufgrund der Bepflanzung auf der Parzelle Nr. H._ nicht
optimal ist. Da der Strassenabschnitt der F._strasse aber gerade und übersichtlich
ist, können die Verkehrsteilnehmer ein von der Zufahrtsstrasse in die F._strasse
einmündendes Fahrzeug rasch wahrnehmen und auf der Teilstrecke anhalten. Die
Einschränkung der Sichtweiten bei der Einmündung der Zufahrt in die F._strasse
ist zudem ohne weiteres behebbar. Wenn es die Verkehrssicherheit erfordert, kann das
zuständige Gemeinwesen gestützt auf Art. 84 Abs. 2 SG verlangen, dass Bauten, Anlagen,
Pflanzen und sonstige Vorkehren, die den Strassenabständen, dem Lichtraumprofil, den
Sichtzonen oder dem Verbot der Beeinträchtigung widersprechen, innert angemessener
Frist beseitigt oder angepasst werden. Die Gemeinde Unterseen hat denn auch bereits im
vorinstanzlichen Verfahren sowie am Augenschein erklärt, dass sie ein entsprechendes
Verfahren einleiten werde.27
Es besteht somit kein Anlass, von den überzeugenden Ausführungen des OIK I
abzuweichen. Die Verkehrssicherheit beim Strassenanschluss an die F._strasse
ist gewährleistet bzw. kann mit Anpassung oder Entfernung der Bepflanzung auf der
Parzelle Nr. H._ hergestellt werden. Die Gemeinde hat die
Strassenanschlussbewilligung für die gesteigerte Benützung des bestehenden
Strassenanschlusses unter Berücksichtigung der konkreten Verkehrssituation somit zu
Recht erteilt. Die Beschwerde ist in diesem Punkt abzuweisen.
5. Schattenwurf
26 Vgl. Protokoll des Augenscheins, S. 9–11 27 Vgl. Vorakten, pag. 77; Protokoll des Augenscheins, S. 13
RA Nr. 110/2015/175 12
a) Der Beschwerdeführer macht geltend, die Besonnung und Aussicht seiner
Liegenschaft Unterseen Gbbl.-Nr. J._ werde durch das Bauvorhaben
eingeschränkt.
b) Nach Art. 22 Abs. 3 BauV dürfen höhere Häuser und Hochhäuser bestehende
Wohnbauten nicht durch übermässigen Schattenwurf beeinträchtigen. Das Vorhaben gilt
unbestrittenermassen weder als Hochhaus noch als höheres Haus im Sinne von Art. 20
BauG. Für andere Bauten und Anlagen enthält die Baugesetzgebung keine Vorschriften
über die zulässige Beschattung. Es ist unbestritten, dass das Bauvorhaben die
massgebenden Vorschriften (insbesondere Grenz- und Gebäudeabstand, Gebäudehöhe)
einhält. Für die Überprüfung der Frage, ob eine übermässige Beschattung vorliegt, bleibt
somit kein Raum. Eine allfällige Beschattung, welche durch zonenkonforme, den
baupolizeilichen Vorschriften entsprechende Bauten verursacht wird, muss von der
Nachbarschaft hingenommen werden (Art. 89 Abs. 2 BauV).28
6. Fussweg
a) Der Beschwerdeführer rügt, durch das Bauvorhaben entstehe eine Mehrbelastung
auf dem Fussweg entlang seines Wohnhauses. Das Fusswegrecht zulasten des
Grundstücks Gbbl.-Nr. K._ werde dadurch in unzulässiger Weise überdehnt. Die
mit der Dienstbarkeit belastete Parzelle Gbbl.-Nr. K._ steht nicht im Eigentum des
Beschwerdeführers, er hat kein eigenes schutzwürdiges Interesse an dieser Rüge (Art. 35c
Abs. 1 BauG), darauf kann mangels Legitimation nicht eingetreten werden. Ob und in
welchem Umfang eine Dienstbarkeit besteht, ist im Übrigen eine Frage des Zivilrechts.
Über privatrechtliche Verhältnisse wird im Baubewilligungsverfahren grundsätzlich nicht
entschieden. Die Baubewilligungsbehörden haben lediglich zu prüfen, ob ein Bauvorhaben
den bau- und planungsrechtlichen Vorschriften und den nach anderen Gesetzen im
Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften entspricht (Art. 2 Abs. 1 BauG).
Ausgenommen sind einzig privatrechtliche Tatbestände, die von der Baugesetzgebung
vorausgesetzt oder ausdrücklich als massgebend erklärt werden. Ob es sich vorliegend um
eine solche zivilrechtliche Frage handelt, die einer vorfrageweisen Beurteilung im
Beschwerdeverfahren bedarf, kann indessen offen bleiben.
28 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 24 N. 31a
RA Nr. 110/2015/175 13
b) Weiter macht der Beschwerdeführer sinngemäss geltend, aufgrund des geplanten
Mehrfamilienhauses werde der Fussweg, der über die Parzelle Gbbl.-Nr. K._ führe
und nur unweit von seinem Schlafzimmer entfernt sei, künftig öfters benutzt. Es sei daher
mit einer Zunahme der Lärmimmissionen zu rechnen.
Das Bauvorhaben liegt in der zweigeschossigen Wohnzone W2 und ist gemäss Art. 43
GBR29 zonenkonform. Die mit der Wohnnutzung üblicherweise verbundenen Einwirkungen
sind hinzunehmen. Dazu gehört auch der Lärm, der durch die Benutzung eines privaten
Fussweges entstehen kann. Sollte es aufgrund der Benutzung des Fussweges durch
Bewohner des geplanten Mehrfamilienhauses in der Nacht zu Ruhestörungen kommen, so
wäre die Ortspolizei der Gemeinde – wie überall sonst auch – für die Unterbindung von
allfälligem Nachtlärm zuständig.
7. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG30). Die Verfahrenskosten im
Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für besondere
Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren erhoben
werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.– bis Fr. 4'000.– je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m.
Art. 4 Abs. 2 GebV31). Die Pauschale wird vorliegend festgelegt auf Fr. 1'600.–. Für den
Augenschein vom 29. Juni 2016 wird in Anwendung von Art. 20 Abs. 1 GebV eine
zusätzliche Gebühr von Fr. 400.– erhoben. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens
betragen somit Fr. 2'000.–.
b) Der Beschwerdeführer hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der Beschwerdegegnerin
gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Der Beschwerdeführer hat der Beschwerdegegnerin
29 Baureglement der Einwohnergemeinde Unterseen vom 17. April 2000 30 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 31 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2015/175 14
die Parteikosten von Fr. 3'581.30 (Honorar Fr. 3'250.–, Auslagen Fr. 96.–, Mehrwertsteuer
Fr. 265.30) zu ersetzen.