# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3435ce6d-540a-4295-8659-bb48f285e171
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 25. Oktober 2016 (DG160200)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 27. Juni
2016 (Urk. D1/15) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz (Urk. 63 S. 40 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte ist schuldig
- der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB,
- der Widerhandlung gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 118 Abs. 2
AuG sowie
- des mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. b
SVG.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit 8 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und mit heute
119 Tage durch Haft und 197 Tage durch vorzeitigen Strafantritt erstanden sind
(insgesamt 316 Tage).
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Solothurn vom 1. April 2015 für eine
Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 110.– unter Ansetzung einer Probezeit von
zwei Jahren gewährte bedingte Strafvollzug wird widerrufen.
5. Die Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2, B._,... [Adresse],
Schadenersatz im Umfang von Fr. 15'076.45 zuzüglich 5 % Zins ab dem 11. April
2016 zu bezahlen.
6. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
15. April 2016 beschlagnahmten Gegenstände werden eingezogen und der Lager-
behörde zur Vernichtung überlassen:
- 1 Skalpell (Ass.-Nr. A008'846'342),
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- 1 Ampulle "Lidocain 1% Streuli" 2 ml, 1 Ampulle "Lidocain-Epinephrin 1%
Streuli" 5 ml, 1 originalverpackte Spritzennadel "BD Venflon" 1.1x32mm, 1
originalverpackte Spritze "Omnifix" 10ml (Ass.-Nr. A008'848'702).
7. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Verteidi-
ger aus der Gerichtskasse mit Fr. 22'000.–, inkl. MwSt, entschädigt (Entschädigung
total Fr. 32'000.–, abzgl. Akontozahlung Fr. 10'000.–).
8. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 5'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 6'000.-- Gebühr Strafuntersuchung;
Fr. 4'079.95 Gutachten/Expertisen;
Fr. 144.-- Auslagen Untersuchung;
Fr. 238.50 div. Kosten;
Fr. 32'000.00 amtliche Verteidigung.
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden der Beschuldigten auferlegt.
10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
11. (Mitteilungen)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 66 S. 2; Urk. 80 S. 2 f.)
" 1.1 Es sei die Beschuldigte A._ von den Vorwürfen der  vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in  mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Dossier 1) sowie der  gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 118 Abs. 1 und Abs. 2 in Verbindung mit Art. 90 Abs. 1 lit. a AuG (Dossier 2) freizusprechen.
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1.2 Es sei die erstinstanzliche Schuldigsprechung der Beschuldigten A._ wegen mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung im  von Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG (Dossier 3) zu bestätigen.
1.3 Es sei die Beschuldigte A._ mit einer angemessenen  zu bestrafen und es sei deren Vollzug unter Ansetzung  Probezeit vollumfänglich resp. überwiegend aufzuschieben.
1.4 Es sei vom Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Solothurn vom 1. April 2015 gegen die Beschuldigte A._ ausgefällten bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 110.– abzusehen und es sei stattdessen die dannzumal  Probezeit von 2 Jahren um 1 Jahr zu verlängern.
1.5 Es seien die gegenüber der Beschuldigten A._ geltend  Zivilansprüche der Privatklägerin 2 abzuweisen.
1.6 Es sei der Beschuldigten A._ unter Berücksichtigung der Freisprüche gemäss vorstehender Ziffer 1.1 ein entsprechend  Anteil der Kosten der Untersuchung und des  Verfahrens aufzuerlegen. Im Restumfang seien die Verfahrenskosten auf die Gerichtskasse zu nehmen.
1.7 Es seien die Kosten der amtlichen Verteidigung (zuzüglich 8% Mehrwertsteuer) vollumfänglich und vorbehaltlos auf die  zu nehmen.
1.8 Es sei der Beschuldigten A._ unter Anrechnung der  gemäss vorstehender Ziffer 1.3 eine angemessene  und Genugtuung für die von ihr erstandene Haft .
1.9. Es seien Dispositivziffern 6 bis 8 sowie 11 und 12 des  Urteils zu bestätigen.
1.10. Es sei über die Verfahrenskosten im Berufungsverfahren  zu entscheiden.
sowie eventualiter
2.1 Es sei die Beschuldigte A._ bezüglich Dossier 1 der schwe-
ren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB, eventualiter des versuchten Totschlags im Sinne von Art. 113 StGB in  mit Art. 22 Abs. 1 StGB, je begangen in Notwehrexzess, schuldig zu sprechen.
2.2 Es sei die Beschuldigte vom Vorwurf der Widerhandlung gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 118 Abs. 1 und Abs. 2 in Verbindung mit Art. 90 Abs. 1 lit. a AuG (Dossier 2) .
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2.3 Es sei die erstinstanzliche Schuldigsprechung der Beschuldigten A._ wegen mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung im  von Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG (Dossier 3) zu bestätigen.
2.4. Es sei die Beschuldigte A._ mit einer Freiheitsstrafe von  3 Jahren zu bestrafen, unter Anrechnung der von ihr bereits erstandenen Haft.
2.5 Es sei der Vollzug der Freiheitstrafe vollumfänglich , eventualiter höchstens im Umfang der von der Beschuldigten A._ bereits erstandenen Haft anzuordnen und im  unter Ansetzung einer Probezeit aufzuschieben.
2.6 Es sei vom Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Solothurn vom 1. April 2015 gegen die Beschuldigte A._ ausgefällten bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 110.- abzusehen und es sei stattdessen die dannzumal  Probezeit von 2 Jahren um 1 Jahr zu verlängern.
2.7 Es sei festzustellen, dass die Beschuldigte A._ gegenüber der Privatklägerin 2 aus dem zur Anklage gebrachten Ereignis  Dossier 1 dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur Feststellung des Umfanges seien die Schadenersatz- resp. Genugtuungsbegehren auf den Weg des ordentlichen  zu verweisen.
2.8 Es sei der Beschuldigten A._ unter Berücksichtigung des Freispruches gemäss vorstehender Ziffer 2.2 ein angemessener Anteil der Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen  aufzuerlegen, ihr dieser jedoch sofort vollständig und  zu erlassen.
2.9 Es seien die Kosten der amtlichen Verteidigung (zuzüglich 8% Mehrwertsteuer) vollumfänglich und vorbehaltlos auf die  zu nehmen.
2.10. Es seien Dispositivziffern 6 bis 8 sowie 11 und 12 des  Urteils zu bestätigen.
2.11. Es sei über die Verfahrenskosten im Berufungsverfahren  zu entscheiden "
a) Der Staatsanwaltschaft IV (Urk. 70; Urk. 82 S. 1)
"- Bestrafung der Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren.
- Bestätigung des Urteils der Vorinstanz in den weiteren Punkten"
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## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von unnötigen Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 63 S. 6 f.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
1.2. Mit Urteil der 7. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich vom 25. Oktober
2016 wurde die Beschuldigte A._ im Sinne des eingangs wiedergegebenen
Urteilsdispositivs schuldig gesprochen und bestraft. Gegen dieses Urteil liess sie
innert Frist mit Schreiben vom 26. Oktober 2016 Berufung anmelden (Urk. 50).
Das begründete Urteil wurde dem Verteidiger der Beschuldigten in der Folge am
28. März 2017 zugestellt (Urk. 62/2), woraufhin dieser mit Eingabe vom 14. April
2017 fristgerecht die Berufungserklärung beim hiesigen Gericht einreichte
(Urk. 66).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 19. April 2017 wurde der Anklagebehörde so-
wie den Privatklägerin Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder
begründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 68). Während
sich die Privatkläger innert Frist nicht vernehmen liessen, erhob die Anklage-
behörde mit Eingabe vom 2. Mai 2017 Anschlussberufung (Urk. 70).
1.4. Beweisanträge wurden im Rahmen des Vorverfahrens keine gestellt
(Urk. 66 S. 5 und Urk. 70).
1.5. Am 30. Oktober 2017 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher die
Beschuldigte in Begleitung ihres amtlichen Verteidigers Rechtsanwalt lic. iur.
X._ sowie Staatsanwalt lic. iur. M. Scherrer erschienen sind (Prot. II S. 4).
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2. Umfang der Berufung
2.1. In ihrer Berufungserklärung vom 14. April 2017 brachte die Verteidigung
vor, das erstinstanzliche Urteil werde in Teilen angefochten. Die Berufung der Be-
schuldigten richte sich namentlich gegen die Dispositivziffern 1 bis 5 sowie 9 und
10. Angefochten werde damit der Schuldpunkt (mit Ausnahme der Schuldig-
sprechung wegen mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung), die Bemessung der
Strafe, die Regelung der Zivilforderung der Privatklägerin 2 sowie der Kosten-
folgen (Urk. 66).
2.2. Die Anschlussberufung der Anklagebehörde dagegen richtet sich einzig
gegen die vorinstanzliche Bemessung der Strafe (Urk. 70).
2.3. Damit wurde das Urteil der 7. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich vom
25. Oktober 2016 in den folgenden Punkten nicht angefochten (vgl. auch Prot. II
S. 7):
− Schuldspruch wegen mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung (Dispo-
sitiv Ziffer 1 al. 3),
− Einziehung und Vernichtung diverser Gegenstände (Dispositiv Ziffer 6),
− Entschädigung der amtlichen Verteidigung (Dispositiv Ziffer 7) und
− Kostenfestsetzung (Dispositiv Ziffer 8).
Diese Dispositiv (Teil-)Ziffern des vorinstanzlichen Urteils sind damit nicht mehr
angefochten und in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschluss festzu-
stellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.4. Im übrigen Umfang steht das vorinstanzliche Urteil zwecks Überprüfung
zur Disposition.
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II. Sachverhalt
3. Sachverhalt
3.1. Anklagevorwurf
3.1.1. Dossier 1 / Versuchte vorsätzliche Tötung
Die Anklagebehörde wirft der Beschuldigten zunächst in tatsächlicher Hinsicht
stark zusammengefasst vor, sie habe am 14. Dezember 2015 um ca. 01.45 Uhr,
im Rahmen einer teilweise tätlich geführten Auseinandersetzung mit ihrem dama-
ligen Lebenspartner, dem Privatkläger 1 [nachfolgend Privatkläger], ein Skalpell
mit einer Klingenlänge von 3.5 cm (Gesamtlänge 16 cm) hervor gezogen und da-
mit in Aufwärtsbewegungen zweimal gezielt im Herzbereich auf den Oberkörper
des Privatklägers eingestochen. Dabei habe sie wörtlich gesagt: "Jetzt verblutest
Du, Wichser!". Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung habe die Beschuldig-
te mehrmals versucht, erneut auf den Privatkläger einzustechen, wobei dieser
seinerseits jeweils versucht habe, die Angriffe – teilweise unter Zuhilfenahme ei-
nes kleinen Ballschlägers – abzuwehren. Schliesslich sei es dem Privatkläger ge-
lungen, die Beschuldigte soweit abzuwehren, dass diese sich in der Küche einge-
schlossen habe, was ihm wiederum die Möglichkeit zur Flucht aus der Wohnung
eröffnet habe. Der Privatkläger habe die Wohnung über den Balkon verlassen und
sei bis ins Restaurant "C._" geflohen, wohin ihm die Beschuldigte – immer
noch mit dem Skalpell in der Hand – gefolgt sei. Die Beschuldigte habe dem Pri-
vatkläger mit dem Skalpell diverse Verletzungen zugefügt, wobei sie insbesonde-
re mit den ersten beiden gezielten Skalpell-Stichen in den rechten Brustkorb des
Privatklägers gewusst und direkt gewollt habe, diesem damit tödliche Verletzun-
gen beizubringen. Bei den weiteren Skalpell-Stichen habe sie gewusst und ge-
wollt resp. in Kauf genommen, dass bei der Verwendung eines solchen Skalpells
im Falle eines – im dynamischen Geschehensablaufs von ihr nicht kontrollierba-
ren – zufälligen, anderen Stichverlaufes mit einer schweren bzw. gar tödlichen
Verletzung des Privatklägers zu rechnen gewesen sei (Urk. 15 S. 2 f.).
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3.1.2. Dossier 2 / Widerhandlung Ausländergesetz
Weiter wird der Beschuldigten in der Anklageschrift vom 27. Juni 2016 zu-
sammengefasst vorgeworfen, sie habe am 9. März 2011 den peruanischen
Staatsangehörigen D._ geheiratet und die Heirat sowie den angeblichen ge-
meinsamen ehelichen Wohnsitz den zuständigen Behörden gemeldet, obwohl die
beiden keine eheliche Gemeinschaft geführt hätten. Dieser Umstand habe, wie
die Beschuldigte gewusst und gewollt bzw. zumindest in Kauf genommen habe,
zum weiteren, vermeintlich rechtmässigen Verbleib ihres Ehemannes in der
Schweiz bis zum Frühjahr 2016 geführt (Urk. 15 S. 4).
3.2. Standpunkte der Beschuldigten
3.2.1. Hinsichtlich des Vorwurfs der versuchten vorsätzlichen Tötung stellte sich
die Beschuldigte im Verlauf der Untersuchung und des vorinstanzlichen Verfah-
rens auf den Standpunkt, es sei unzutreffend, dass sie im Zuge der Auseinander-
setzung mit dem Privatkläger 1 als erste mit dem Skalpell auf diesen losgegangen
sei. Vielmehr sei es der Privatkläger gewesen, der sie angegriffen habe. Sie habe
sich lediglich mit dem Skalpell gegen den Angriff des Privatklägers gewehrt. Sie
habe sich in einer eigentlichen Notwehrsituation befunden und sich deshalb ver-
teidigen müssen. Weiter sei unzutreffend, dass sie in Tötungsabsicht gehandelt
habe. Genau das Gegenteil sei der Fall gewesen. Weil sie den Privatkläger mög-
lichst nicht habe verletzten wollen, habe sie im Brust- und nicht im Halsbereich
zugestochen. Schliesslich sei es auch nicht zutreffend, dass sie den Privat-
kläger 1 bis zum Restaurant "C._" verfolgt habe. Sie sei ihm lediglich des-
halb gefolgt, weil sie habe sicherstellen wollen, dass er mir seinem eigenen Han-
dy Hilfe angefordert habe. Ihr Handy habe sie nämlich nicht finden können. Im üb-
rigen Umfang stellte die Beschuldigte den in der Anklage geschilderten, äusseren
Ablauf der Ereignisse nicht substantiiert in Abrede (Urk. 2/2 S. 2 ff., Urk. 2/4 S. 7
ff., Urk. 2/7 S. 1 ff. und Prot. I. S. 15 ff.). An diesen Standpunkten hielt die Be-
schuldigte denn auch im Rahmen ihrer Befragung anlässlich der Berufungsver-
handlung fest. Konkret gab sie hier zu Protokoll, sie habe kein Motiv gehabt, den
Privatkläger zu töten, sondern diesen über alles geliebt. Sie habe einen dummen
Satz betreffend Drogenrückfall gesagt, woraufhin der Beschuldigte versucht habe,
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sie hinauszutreten. Sie habe sich in der Küche verschanzt, aber er habe den
Baseballschläger geholt und sie geschlagen, woraufhin sie das Skalpell genom-
men und dieses eingesetzt habe. Sie habe nicht gezielt gestochen, sondern sei
auf den Knien gewesen und habe nach oben gestochen, ohne zu sehen, wohin.
Sie habe gedacht, mit einem Skalpell könne man nur oberflächliche Schnitte zu-
fügen, mit einem Messer hingegen würde man einen grösseren Schaden anrich-
ten. Deshalb habe sie ein Skalpell genommen. Sie sei dem Privatkläger gefolgt,
weil sie gesehen habe, wie er die Wohnung mit seinem Handy über den Balkon
verlassen habe. Sie habe ihr Handy nicht gefunden habe und sei in Panik gera-
ten. Sie habe gedacht, der Privatkläger würde Hilfe herbeirufen, deshalb sei sie
ihm nachgegangen (Urk. 79 S. 7 ff.).
3.2.2. Betreffend Widerhandlung gegen das Ausländergesetz (Dossier 2) stellte
die Beschuldigte während der gesamten Untersuchung in Abrede, die Ehe mit
D._ ohne jeden Ehewillen eingegangen zu sein, keine Ehe mit ihm geführt
und den Behörden unwahre Angaben betreffend Wohnort ihres Ehemannes ge-
meldet zu haben (act. D2 Urk. 5 S. 2 ff., act. D1 Urk. 2/7 S. 4). Vor Vorinstanz
räumte sie hingegen ein, gegenüber der Gemeinde betreffend Wohnsitz von
D._ einen Fehler begangen zu haben. Es sei ihr bewusst, dass sie hinsicht-
lich der Wohnsitzbestätigung gelogen habe. Sie sei die Ehe aber nicht ohne ent-
sprechenden Willen eingegangen und man habe anfänglich auch noch für kurze
Zeit tatsächlich zusammen gewohnt (Prot. I. S. 24). Anlässlich ihrer Befragung im
Rahmen der Berufungsverhandlung stellte sich die Beschuldigte auf den Stand-
punkt, es sei ihr bewusst, dass sie gegen die Gemeinde und das Migrationsamt
verstossen habe, weil sie ihren Ehemann nicht abgemeldet habe. Es sei keine
Heirat aus Liebe gewesen, er sei ein Trostpflaster gewesen. Sie habe gedacht,
dass es mit ihm gut komme, weil er auch Latino sei und deshalb vieles gepasst
habe. Sie hätten auch ein paar Monate ohne Unterbrüche zusammen gewohnt.
Dann sei er ausgezogen, aber wieder nach Hause gekommen (Urk. 79 S. 23 ff.).
3.3. Nachdem der Anklagesachverhalt im oben dargelegten Umfang durch die
Beschuldigte in Abrede gestellt wird, ist mittels der erhobenen Beweise zu prüfen,
ob sich der gegen die Beschuldigte erhobene und in der Anklageschrift geschil-
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derte Sachverhalt rechtsgenügend erstellen lässt. Die Vorinstanz hat in diesem
Zusammenhang die theoretischen Grundzüge der Beweiswürdigung und die ein-
schlägige bundesgerichtlichen Rechtsprechung sowie den Grundsatz "in dubio
pro reo" korrekt dargestellt. Zudem hat sie – mit einer Ausnahme, auf welche
nachfolgend unter Ziffer 3.5.4 eingegangen wird – korrekt zusammengefasst, wel-
che Beweismittel zur Erstellung des strittigen Sachverhaltes grundsätzlich her-
angezogen werden können. Auf all diese Erwägungen kann vorab verwiesen
werden (Urk. 63 S. 10).
3.4. Versuchte vorsätzliche Tötung
3.4.1. Durch das Untersuchungsergebnis und die übereinstimmenden Schilderun-
gen der Beschuldigten und des Privatklägers 1 ist zunächst erstellt, dass es in der
Nacht vom 13./14. Dezember 2015 in der Wohnung des Privatklägers zu einer
wechselseitigen, teilweise gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen der Be-
schuldigten und dem Privatkläger gekommen ist, in deren Verlauf dem Privatklä-
ger durch die Beschuldigte die in der Anklageschrift unter Ziffer 1.6. aufgezählten
Stich-/Schnittverletzungen mittels eines Skalpells zugefügt wurden. Hingegen ist
die Frage, von wem die Aggression ausging und wer welche Rolle einnahm res-
pektive mit welchem Motiv agierte, umstritten.
3.4.2. Aussagen der Beschuldigten
3.4.2.1. Die Beschuldigte wurde im Rahmen der Strafuntersuchung vier Mal zur
Sache einvernommen. Zunächst am 15. Dezember 2015 durch die Kantonspolizei
Zürich (Urk. 2/1), dann folgte gleichentags die Hafteinvernahme durch den unter-
suchenden Staatsanwalt (Urk. 2/2) und am 2. Februar 2016 eine Konfront-
ationseinvernahme mit dem Privatkläger 1 (Urk. 2/4). Die Schlusseinvernahme er-
folgte schliesslich am 30. Mai 2016 (Urk. 2/7). Die Vorinstanz hat die jeweiligen
Depositionen der Beschuldigten in ihrem Entscheid richtig zusammengefasst und
das Wesentliche korrekt wiedergegeben. Mit Verweis auf die betreffenden Erwä-
gungen (Urk. 63 S. 11 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO) erübrigt es sich, die Aussagen der
Beschuldigten erneut und detailliert darzustellen.
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3.4.2.2. Nach den zusammengefassten Darstellungen der Beschuldigten sei die
Auseinandersetzung zwischen ihr und dem Privatkläger 1 deshalb ins Rollen ge-
kommen, weil sie diesen gebeten habe, keine Drogen mehr zu nehmen. Sie habe
ihm angedroht, einen allfälligen Rückfall seinem Vater zu melden. Der Privat-
kläger sei über ihre Bitte dermassen erbost gewesen, dass er sie aus dem Bett
gestossen, an den Haaren gepackt und über den Boden in Richtung Korridor ge-
zogen habe. Irgendwie habe sie sich befreien und in der Küche verschanzen kön-
nen. Als sie durch die Glastür hindurch gesehen habe, dass der Privatkläger im
Schlafzimmer den Baseballschläger geholt habe, habe sie das Skalpell aus der
Küchenschublade genommen. Dieses habe sie bereits im Sommer einmal dort
versteckt gehabt, um sich gegen allfällige Aggressionen des Privatklägers wehren
zu können. Der Privatkläger sei dann in die Küche gekommen, habe sie erneut an
den Haaren gepackt und ihr mit dem Baseballschläger auf den linken Unterarm
geschlagen. Dann habe er sie in Richtung Wohnzimmer geschleift, wo er sie er-
neut mit dem Baseballschläger attackiert habe. Dort habe sie ihm dann mit dem
Skalpell in den Bauchbereich gestochen, wobei sie vor dem Privatkläger auf dem
Boden gekniet sei und auch aus dieser Position zugestochen habe. Sie sei dann
wieder in die Küche gerannt. Von dort habe sie gesehen wie der Privatkläger mit
dem Handy in der Hand über den Balkon die Wohnung verlassen habe. Sie selbst
habe ihr Handy nicht finden können, weshalb sie ihm über den Balkon gefolgt sei.
Sie habe gehofft, dass er mit seinem Handy medizinische Hilfe anfordern werde
(act. Urk. 2/1 S. 5 ff.; Urk. 2/2 S. 2 ff.; Urk. 2/4 S. 6 ff.; Urk. 2/7 S. 2 ff.; Prot. I.
S. 16 ff. und Urk. 79. S. 7 ff.).
3.4.3. Aussagen des Privatklägers 1
3.4.3.1. Der Privatkläger 1 wurde am Tattag auf der Intensivstation A des Stadt-
spitals Triemli erstmals polizeilich und zwar als Beschuldigter zur Sache befragt.
Seine Aussagen wurden im Bericht vom 14. Dezember 2015 "sinngemäss" zu-
sammengefasst. Wer den Privatkläger 1 befragte (mutmasslich wohl der Gefreite
E._) ist aufgrund der Angaben im Bericht nicht mit Sicherheit eruierbar. Eben
so wenig lässt sich dem Bericht entnehmen, inwiefern genau der Privatkläger vor
seiner Befragung "auf die strafprozessualen Recht und Pflichten aufmerksam ge-
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macht" wurde. Der Bericht weist darüber hinaus keine Unterschrift auf, mitwelcher
etwa die Richtigkeit der gemachten Angaben durch den Rapportierenden
und/oder den Privatkläger bestätigt würde. Insgesamt betrachtet kann der Bericht
vom 14. Dezember 2015 daher – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – nicht
als Beweismittel zum Nachteil der Beschuldigten herangezogen werden.
3.4.3.2. Hingegen können diejenigen Aussagen des Privatklägers 1, welche er an-
lässlich der polizeilichen Einvernahme vom 21. Dezember 2015 (Urk. 3/2 S. 2 ff. )
respektive der Konfrontationseinvernahme vom 2. Februar 2016 (Urk. 2/4) zu Pro-
tokoll gegeben hat, vorbehaltlos als Beweismittel verwendet werden. Die Vor-
instanz hat seine betreffenden Depositionen vollständig und richtig zusammenge-
fasst. Auf deren Erwägungen kann zwecks Vermeidung von unnötigen Wiederho-
lungen vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 63 S. 15 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.4.3.3. Nach der Darstellung des Privatklägers sei es im Verlauf des Nachmittags
bis in den Abend des 13. Dezember 2015 in seiner Wohnung an der F._-
Strasse ... in G._ zu deutlichen Spannungen und Differenzen zwischen ihm
und der Beschuldigten gekommen. Er habe ihr mitgeteilt, dass er die Beziehung
zu ihr überdenken wolle und Abstand von ihr brauche. Daraufhin habe die Be-
schuldigte angedeutet, dass etwas Schlimmes passieren werde, wenn er sie ver-
lasse. Während sie seine Frage, ob sie Suizidabsichten hege, klar verneint habe,
sei sie der Folgefrage, ob sie vorhabe ihm etwas anzutun, auf merkwürdige Art
und Weise ausgewichen. Daraufhin habe er die Beschuldigte aufgefordert, seine
Wohnung zu verlassen. Weil sie sich geweigert habe, seiner Aufforderung nach-
zukommen, habe er sie mit den Händen aus dem Bett gestossen und am Arm in
Richtung Wohnungstüre gezogen. Dabei sei sie ihm entkommen und habe ins
Wohnzimmer entweichen können. Er sei ihr dorthin gefolgt und habe sie erneut
am Arm und möglicherweise auch an den Haaren gepackt, um sie so aus der
Wohnung zu bugsieren. In diesem Moment sei ihm die Beschuldigte gegenüber
gestanden. Sie habe den Oberkörper nach vorne gebeugt gehabt und ihn von un-
ten nach oben zweimal gegen die Brust geschlagen. Erst später habe er gemerkt,
dass er blute. Er sei zunächst allerdings davon ausgegangen, dass seine Wunde
an der linken Hand wieder aufgeplatzt sei. Als dann sein T-Shirt nass geworden
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sei, habe er realisiert, dass er am Oberkörper blute. In diesem Moment habe er
bemerkt, dass die Beschuldigte nicht wie zunächst angenommen einen Kugel-
schreiber, sondern ein Skalpell in der Hand gehalten habe. Auf seine entsetzte
Frage hin, was sie denn da mache, habe sie geantwortet "und jetzt verblüetisch
Du, Wixer". Daraufhin habe sie erneut mit dem Skalpell von unten seitliche Stich-
bewegungen in Richtung seines Kopfes und Halses gemacht und auch versucht,
in Richtung seiner Genitalien zu stechen. Das Gerangel mit der Beschuldigten
habe dann noch eine Weile angedauert und er habe panikartig versucht, die rech-
te Hand der Beschuldigten, in welcher sie nach wie vor das Skalpell gehalten ha-
be, wegzudrücken. Irgendwie sei es ihm gelungen, die Beschuldigte auf den Bo-
den zu ziehen und diesen Moment habe er genutzt, um ins Schlafzimmer zu ren-
nen und seinen Baseballschläger zu holen. Auf dem Weg dorthin habe er sich im
Korridor im Spiegel gesehen. Dieses Bild werde er nie mehr vergessen. Auf dem
Rückweg sei er im Korridor wieder der Beschuldigten begegnet. Diese habe plötz-
lich wieder versucht auf ihn einzustechen. Mit dem Baseballschläger habe er ihre
Angriffe abzuwehren versucht. Dabei habe er in Richtung ihres rechten Armes
und auch gegen ihren Kopf geschlagen. Einmal habe er sie dabei richtig am Kopf
getroffen, woraufhin die Beschuldigte von ihm abgelassen und sich in der Küche
eingesperrt habe. Diesen Moment habe er genutzt, er habe sein Handy im Zim-
mer geholt und sei durchs Wohnzimmer über die Balkonbrüstung ins Freie ge-
langt und geflüchtet. Als er zurückgeschaut habe, habe er die Beschuldigte übers
Balkongeländer steigen sehen. Während dem Rennen habe er die Polizei angeru-
fen und sei barfuss zum C._ geflüchtet, wo er dann die Polizei angetroffen
habe (Urk. 3/2 S. 2 ff.; Urk. 2/4 S. 5 ff.).
3.4.4. Zeugenaussagen
3.4.4.1. Der Zeuge H._ gab als Zeuge befragt zusammengefasst zu Proto-
koll, dass in der Tatnacht plötzlich ein Mann sein Restaurant betreten habe, der
einen Baseballschläger in der Hand gehalten habe. Der Mann sei voller Blut ge-
wesen. Er habe gesagt, dass er Hilfe brauche. Kurz darauf sei eine Frau ins Rest-
aurant gekommen. Auch sie sei voller Blut gewesen. Die Frau habe kein Wort
gesagt und habe eine Nagelfeile oder etwas ähnliches in der Hand gehalten. Er
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habe den Eindruck gehabt, dass der Mann vor der Frau Angst gehabt habe. Die
Frau dagegen sei ruhig gewesen (Urk. 4/10 S. 3).
3.4.4.2. Die Zeugin I._ gab an, dass am Tattag um ca. 12.30 Uhr eine Frau
an der Haustüre geläutet habe. Herr J._ sei dann runter gegangen, wo er auf
eine Frau getroffen sei, die behauptet habe, sie habe ihre Schlüssel vergessen.
Herr J._ habe sie daraufhin ins Haus gelassen. Bei dieser Frau habe es sich
wohl um die Beschuldigte gehandelt. Weil sie und Herr J._ argwöhnisch ge-
wesen seien, hätten sie durch den Spion geschaut und die Frau vor der Woh-
nungstüre von Herrn K._ knien sehen. Es habe den Eindruck gemacht, als
wolle sie an der Türe lauschen. Gleichzeitig habe sie etwas an ihrem Handy ge-
macht. Die Frau habe sich dann insgesamt rund 20 Minuten im Haus aufgehalten.
Man habe den Eindruck erhalten, dass sie bewusst leise zu sein versuchte. Dies
sei etwas merkwürdig gewesen, weil man ja erwarten würde, dass jemand, der
den Schlüssel vergessen hat, versuchen würde, die Person innerhalb der Woh-
nung mittels Lärm auf sich aufmerksam zu machen (Urk. 4/7 S. 3 ff.). Anlässlich
der polizeilichen Einvernahme vom 14. Dezember 2015 gab I._ zudem zu
Protokoll, dass sie am Abend des 13. Dezember um ca. 23.50 Uhr von einem
Konzert nach Hause gekommen sei. Ihr sei aufgefallen, dass vor der Wohnungs-
türe des Privatklägers 1 zu diesem Zeitpunkt ein blauer Migros-Sack gelegen sei.
Der Sack sei umgekippt gewesen und eine Jacke habe aus dem Sack geragt
(Urk. 4/4 S. 2).
3.4.4.3. Der Zeuge J._ bestätigte die Aussagen seiner Mitbewohnerin
I._, wonach sie die Beschuldigte am Mittag des 13. Dezember 2015 längere
Zeit vor der Wohnung des Privatklägers 1 hätten knien sehen. Die Frau habe sich
längere Zeit im Treppenhaus und im Gang des Kellers aufgehalten, bevor sie
dann das Haus wieder verlassen habe. Der Zeuge gab dabei an, dass es sich bei
der fraglichen Frau um die Beschuldigte gehandelt habe. Da sei er sich ziemlich
sicher (Urk. 4/8 S. 3 ff.).
3.4.4.4. Die Zeugin L._ sagte zusammengefasst aus, dass sie zum Tatzeit-
punkt Lärm im Haus vernommen habe. Es habe so getönt, als ob jemand Möbel
verrücken und schreien würde. Dann habe der Lärm plötzlich aufgehört. Nach ei-
- 16 -
ner kurzen Pause sei es dann aber nochmals lärmig geworden. Sie habe zu-
nächst gedacht, der Lärm komme von der Wohnung über ihr. Sie sei dann ins
Treppenhaus gegangen und habe realisiert, dass der Lärm aus der Wohnung un-
ter ihr stammte. Es habe nach Möbelrücken und den Schreien eines Mannes ge-
klungen. Es habe so getönt, als ob der Mann "Aufhören!" und "Hilfe" gerufen ha-
be. Es habe sich wie eine Schlägerei angehört. Der Lärm sei aus der Wohnung
K._ gekommen. Sie sei dann zurück in die Wohnung und von dort auf ihren
Balkon gegangen. Von dort habe sie gesehen, wie aus der Wohnung unter ihr ein
Mann über den Balkon nach draussen gesprungen sei. Sie wisse nicht genau, ob
es sich bei diesem Mann um Herrn K._ gehandelt habe. Der Mann sei jeden-
falls über den Balkon nach draussen gesprungen. Sie wisse noch, dass er ein
weisses T-Shirt und weisse Boxershorts getragen habe. Er habe seine Händen
gegen den Bauch gepresst gehalten. Ob er verletzt gewesen sei, könne sie nicht
sagen. Nicht einmal eine Minute danach habe sie dann gesehen, wie eine Frau
ebenfalls aus der Wohnung K._ gekommen und über den Balkon geklettert
sei. Diese Frau sei dann dem Mann hinterher gegangen. Die Frau habe dem
Mann hinterher gewollt und sei deshalb gerannt. Die Zeugin führte weiter aus, da-
nach habe sie sofort das Telefon zur Hand genommen und die Polizei angerufen
(Urk. 4/9 S. 3 ff.).
3.4.5. Würdigung
3.4.5.1. Die Vorinstanz hat sich unter Ziffer 8 des angefochtenen Entscheides zu-
nächst korrekt zu den theoretischen Grundsätzen der Aussagenwürdigung ge-
äussert und danach auch die Glaubwürdigkeit der Beschuldigten und des Privat-
klägers zutreffend eingeschätzt. Entscheidend aber – und auch dies hat die Vor-
instanz richtigerweise erkannt – ist nicht die Glaubwürdigkeit der aussagenden
Personen, sondern die Glaubhaftigkeit ihrer konkreten Schilderungen. Auf die in
keiner Art und Weise zu beanstandenden Erwägungen der Vorinstanz kann daher
verwiesen werden (Urk. 63 S. 17 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.4.5.2. Die Vorinstanz hat erwogen, die Beschuldigte habe insgesamt über-
wiegend widerspruchsfrei ausgesagt und sie sei konstant bei ihrer Version der
Geschehnisse geblieben. Ihre Aussagen seien aber dennoch inhaltlich wenig
- 17 -
schlüssig. Bereits ihre Schilderungen, weshalb es zu der Auseinandersetzung mit
dem Privatkläger 1 gekommen sei, sei alles andere als überzeugend. Ebenso
wenig einleuchtend seien ihre Depositionen zur Frage, woher sie das Skalpell ge-
habt respektive wo sie dieses vor der Auseinandersetzung aufbewahrt habe.
Auch dass die Beschuldigte mit dem Skalpell lediglich versucht habe, die Angriffe
des Privatklägers 1 abzuwehren, sei angesichts des Verletzungsbildes schwerlich
nachvollziehbar. Die Verletzungen des Privatklägers 1 seien durch die Arztbe-
richte und das Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin ausgewiesen. Zudem
seien diese von der Beschuldigten als Folge ihrer Handlungen auch anerkannt
worden. Des weiteren sei auch die Erklärung, weshalb die Beschuldigte dem Pri-
vatkläger 1 über den Balkon ins Freie gefolgt und ihm bis ins Restaurant C._
nachgerannt sei, wenig lebensnah. Insgesamt seien die Aussagen der Beschul-
digten trotz ihrer Konstanz als vage, ausweichend und wenig nachvollziehbar zu
bezeichnen. Demgegenüber habe der Privatkläger 1 sehr detailliert, wider-
spruchsfrei und nachvollziehbar ausgesagt. Er habe die Beschuldigte weder un-
nötig belastet, noch habe er versucht, sein eigenes Verhalten zu verharmlosen.
Freimütig habe er zum Beispiel zugegeben, dass er mit dem Baseballschläger ei-
nige Hiebe gegen den Kopf und die Arme der Beschuldigten geführt habe, wobei
er sie auch mindestens einmal hart am Kopf getroffen habe. Auch sonst habe er
das eigene grobe Verhalten der Beschuldigten gegenüber detailliert und offen zur
Sprache gebracht. Der Privatkläger 1 habe zudem weder nach dem Vorfall auf
dem Parkplatz des Obergerichts noch im gegenwärtigen Verfahren Schaden-
ersatz- und/oder Genugtuungsansprüche gestellt. All das seien neben seinen
überzeugenden Schilderungen Indizien, welche für die Glaubhaftigkeit seiner
Darstellungen sprechen würden. Dass der Privatkläger 1 zunächst davon ausge-
gangen sei, die Beschuldigte habe ihn geschlagen, und er gedacht habe, sie halte
einen Kugelschreiber in der Hand und das Blut stamme von seiner erst vor kur-
zem genähten Verletzung an der linken Hand, spreche aufgrund der Anschaulich-
keit dieser Wahrnehmungen für echtes Erleben. Auch dass er sich blutüberströmt
im Spiegel im Korridor erblickt habe und er dieses Bild nie vergessen werde, sei
als Realkennzeichen zu werten. Auch habe der Privatkläger 1 seine psychische
Verfassung überzeugend geschildert und in diesem Zusammenhang zu Protokoll
- 18 -
gegeben, er sei frustriert und resigniert gewesen und habe sogar weinen müssen.
Zudem habe er Panik gehabt, als er gesehen habe, dass ihm die Beschuldigte
über den Balkon gefolgt sei. Und auch die angebliche Bemerkung der Beschuldig-
ten "Jetzt verblutest du, Wichser" sei kaum erfunden, passe sie doch perfekt in
den Ablauf des gesamten Geschehens und wirke absolut authentisch und über-
zeugend. Zudem falle auf, dass sich die Schilderungen des Privatklägers 1 im
Randgeschehen auch mit den Darstellungen der Zeugen decke (Urk. 63 S. 23 ff.).
3.4.5.3. Die Verteidigung wendet demgegenüber im Wesentlichen ein, die Vor-
instanz lege dieser Schlussfolgerung neben den Zugaben der Beschuldigten in
erster Linie die Angaben des Privatklägers zugrunde, welche sich von derjenigen
der Beschuldigten insofern gewichtig unterscheiden würden, als dass jeder den
Auslöser des gewalttätigen Konflikts im Verhalten des anderen sehe und sich sel-
ber nur in Notwehr habe verteidigen wollen (Urk. 80 S. 6). Die Vorinstanz hebe
jede noch so kleine Abweichung in den Angaben der Beschuldigten hervor, wäh-
rend sie die Darstellung des Privatklägers 1 trotz diverser Ungereimtheiten nicht
kritisch hinterfrage. Es würden erhebliche Zweifel am Ablauf der Geschehnisse
bestehen, weshalb in Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo von der für
die Beschuldigte günstigere Sachlage auszugehen sei (Urk. 80 S. 13 f.).
3.4.5.4. Die Vorinstanz hat sich gründlich mit den Aussagen der beiden beteiligten
Personen, nämlich mit jenen der Beschuldigten und des Privatklägers 1 ausei-
nander gesetzt. Mit überzeugenden Argumenten hat sie dargetan, weshalb sie die
Aussagen der Beschuldigten trotz ihrer Konstanz inhaltlich als nicht überzeugend
und damit als wenig glaubhaft erachtete. Anlässlich der Berufungsverhandlung
verstrickte sich die Beschuldigte zudem teilweise in Widersprüche, auf welche
nachfolgend noch einzugehen ist. Demgegenüber hat die Vorinstanz in nicht zu
beanstandender Art und Weise dargetan, weshalb sie die Aussagen des Privat-
klägers 1 als glaubhaft erachtete und der eingeklagte Sachverhalt gestützt darauf
erstellt sei. Auf all dies kann vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 63 S. 21 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Dass die Darstellungen des Privatklägers im Gegensatz zu
jenen der Beschuldigten absolut überzeugend sind, ergibt sich zudem auch aus
den nachfolgenden, ergänzenden Erwägungen:
- 19 -
3.4.5.4.1. Der Privatkläger 1 schilderte den Verlauf des Sonntag Abends mehr-
fach und eindrücklich als sehr konfliktbehaftet, für ihn nervlich sehr belastend und
aufreibend (Urk. 2/4 S. 5 ff. und Urk. 3/2 S. 7 ff.). In ihrer ersten, polizeilichen Ein-
vernahme war seitens der Beschuldigten von Streitigkeiten am Nachmittag des
13. Dezember 2015 noch keine Rede (Urk. 2/1 S. 4). Demgegenüber sprach sie
dann aber in der Konfrontationseinvernahme zwar davon, dass man im Verlauf
des späteren Nachmittags gestritten habe, danach aber habe man einträchtig zu-
sammen einen Film angeschaut und dann seien sie auf Vorschlag des Privat-
klägers 1 zusammen ins Bett gegangen. Der Privatkläger 1 habe sie zugedeckt
(Urk. 2/4 S. 6). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung schilderte die Be-
schuldigte, sie hätten anfangs verbal gestritten und sich dabei gegenseitig ziem-
lich verletzt. Danach hätten sie sich aber wieder beruhigt, gemeinsam einen Film
geschaut und anschliessend ins Bett gelegt, um zu schlafen (Urk. 79 S. 8). Wäre
die Entscheidung, zusammen ins Bett schlafen zu gehen, tatsächlich so einträch-
tig gefällt worden, wie die Beschuldigte dies glauben machen will, so hätte sie
sich wohl kaum in ihren Kleidern ins Bett gelegt. Dass die Beschuldigte im Bett ih-
re Kleider trug hat einerseits der Privatkläger 1 überzeugend ausgesagt. Es ergibt
sich aber auch aus den Bildern von der Überwachungskamera, wo erkennbar ist,
dass die Beschuldigte schwarze Leggins sowie ein schwarzes T-Shirt trägt und
überdies etwas Schwarzes um den Kopf gewickelt hat (Urk. D1/1/2 S. 11). An-
lässlich der Berufungsverhandlung erklärte die Beschuldige dazu befragt, sie ha-
be bloss ein T-Shirt zum Schlafen angezogen, das seien keine Kleider. Auf die
Frage, weshalb sie bisher mit keinem Wort erwähnt hat, dass sie vor dem Ver-
lassen der Wohnung noch ihre Kleider angezogen habe, antwortete sie, dass sie
immer im T-Shirt schlafe. Damit konfrontiert, dass sie aber auch noch Hosen an-
gezogen sowie einen Pullover um den Kopf gewickelt hatte, erklärte sie, das sei
kein Pullover, sondern ein Sweater gewesen. Diesen habe sie auch angehabt.
Auf die Frage, ob sie nun mit dem T-Shirt oder mit dem Sweater ins Bett gegan-
gen sei, führte sie aus, es sei ein "langärmliges dünnes" gewesen, sie wisse nicht,
wie das heisse (Urk. 79 S. 30). Mithin erscheinen die Erklärungen der Beschuldig-
ten widersprüchlich und damit unglaubhaft.
- 20 -
3.4.5.4.2. Die Verteidigung wirft die Frage auf, wie und wo die Beschuldigte das
scharfe Skalpell auf sich getragen haben soll, während sie vom Privatkläger 1
durch die Wohnung gezerrt und gestossen worden sein soll, da sie nur eine Leg-
gins und ein enganliegendes Oberteil ohne Taschen getragen habe (Urk. 80
S. 7 f.). Wie vorstehend ausgeführt, trug die Beschuldigte gemäss ihren eigenen
Angaben überdies auch einen Pullover bzw. einen Sweater, welchen sie sich
nach dem Schlag auf den Kopf um den Kopf wickelte. Wie dieser Pullover genau
ausgesehen hat, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Auch auf der doku-
mentierten Fotografie ist nicht erkennbar, ob die Kleidung der Beschuldigten über
Taschen verfügte, wobei dies immerhin bei Sweater-Pullover durchaus üblich ist.
Letztlich kann aber offenbleiben, wo die Beschuldige das Skalpell versteckt hatte,
weil zumindest nicht auszuschliessen ist, dass sie dieses auf sich getragen hatte,
zumal ein Skalpell ohne Weiteres auch im Ärmel oder Hosenbund versteckt wer-
den könnte. Hinzu kommt, dass die Beschuldigte bereits eine Woche zuvor ein
Skalpell bei sich trug und dieses auch einsetzte, um ihre dem Privatkläger gegen-
über geäusserten Suizidgedanken zu untermauern. Diesbezüglich ist der Ver-
teidigung allerdings zuzustimmen, dass sich aus diesem Vorfall entgegen der Vor-
instanz (vgl. Urk. 63 S. 22) keine latente Gewaltbereitschaft dem Privatkläger ge-
genüber ableiten lässt, da die Beschuldigte lediglich mit dem Einsatz des Skal-
pells gegenüber sich selber drohte (vgl. Urk. 80 S. 8). Dass es dabei zu einer Ver-
letzung des Privatklägers kam, ist auf unglückliche Umstände zurückzuführen.
Immerhin zeigt dieser Vorfall aber, dass die Beschuldigte bereits damals ein
Skalpell mit sich führte und auch nicht davor zurückschreckte, dieses einzu-
setzen.
3.4.5.4.3. Der Privatkläger 1 gab zu Protokoll, die Stimmung am Abend des
13. April sei dermassen unerträglich für ihn geworden, dass er die Sachen der
Beschuldigten (Stiefel, ein Mantel, Schuhe etc.) in zwei Migros-Säcke zusam-
mengepackt und diese vor die Wohnungstüre gestellt habe (Urk. 3/2 S. 9). Die
Beschuldigte erwähnte diesen Umstand während der Untersuchung mit keinem
Wort. Dass es sich aber tatsächlich so verhalten haben muss, wird deutlich, wenn
man sich die Aussagen der Zeugin I._ vor Augen führt. Diese gab anlässlich
der polizeilichen Einvernahme vom 14. Dezember 2015 zu Protokoll, dass sie am
- 21 -
Abend des 13. Dezember um ca. 23.50 Uhr von einem Konzert nach Hause ge-
kommen sei. Ihr sei aufgefallen, dass vor der Wohnungstüre des Privatklägers 1
zu diesem Zeitpunkt ein blauer Migros-Sack gelegen sei. Der Sack sei umgekippt
gewesen und eine Jacke habe aus dem Sack geragt (Urk. 4/4 S. 2). Erst anläss-
lich der Berufungsverhandlung bestätigte die Beschuldigte selber, dass der Pri-
vatkläger ihre Sachen in zwei Migros-Säcken vor der Wohnungstüre deponiert
habe (Urk. 79 S. 12). Er habe sie aber nie aufgefordert, die Wohnung zu verlas-
sen, sondern dies aus Trotz gemacht. Er habe dies bereits vorher schon einmal
gemacht, als sie viel gestritten hätten. Wenn sie sich streiten und nicht gleich wie-
der versöhnen würden, habe er meistens ihre Handtasche gepackt und in den
Gang geworfen. Oder er habe ihr Handy rausgeworfen. Später habe er sich je-
weils entschuldigt und die Dinge wieder reingenommen. Ob er das an diesem
Abend auch gemacht habe, wisse sie nicht (Urk. 79 S. 25 f.). Folglich bestreitet
die Beschuldigte nicht mehr, dass der Privatkläger ihre Sachen in zwei Migros-
Säcke packte und vor die Haustüre stellte, jedoch bestreitet sie, dass darin eine
Aufforderung zum Verlassen der Wohnung liegt. Ihre Erklärung, dass er dies be-
reits früher machte, überzeuge aber nicht, zumal sie einerseits zunächst ausführ-
te, er habe das "schon einmal" gemacht, dann hingegen erklärte, er mache das
"meistens" und schliesslich, er mache das "immer". Abgesehen davon, dass sie
diese Erklärung in der Berufungsverhandlung das erste Mal vorbrachte, liegt zwi-
schen "schon einmal" und "immer" ein grosser Unterschied, weshalb diese wenig
glaubhaft erscheint.
3.4.5.4.4. Anlässlich der Berufungsverhandlung verstrickte sich die Beschuldigte
in Bezug auf ihre – angebliche – Angst vor dem Privatkläger sodann in viele Wi-
dersprüche. So führte sie aus, sie und der Privatkläger hätten sich öfters verbal
gestritten, aber nicht in solch einem Ausmass, wie an jenem Abend. Er sei wäh-
rend der gemeinsamen Zeit nicht so schlimm handgreiflich geworden oder habe
sie körperlich attackiert, er habe sie bloss an die Wand gedrückt (Urk. 79 S. 13 f.).
In Bezug auf den angeblichen Drogenrückfall führte die Beschuldigte aus, der Pri-
vatkläger habe im Juni einen Drogenrückfall erlitten und Heroin konsumiert. Sie
habe im Abfalleimer einen verbrannten Löffel und Spritzen gefunden. Im Bade-
zimmer sei Blut gewesen, deshalb sei sie darauf gekommen. Der Rückfall sei eine
- 22 -
einmalige Sache gewesen, ansonsten sei er clean gewesen. Er habe es später
zugegeben. Sie hätten einen Streit gehabt und er sei an die ... [Strasse] in Zürich
gegangen und habe sich anschliessend im Zimmer verschanzt, deshalb habe sie
es gewusst. Der Privatkläger habe sich zwei Tage lang in der Wohnung ver-
schanzt nach der Einnahme, sie habe ihn erst zwei Tage danach gesehen. Auf
die Frage, ob sie gemerkt habe, dass er unter Drogeneinfluss stand, antwortete
die Beschuldigte, damals nicht, sie habe nach zwei Tagen nichts mehr bemerkt
(Urk. 79 S. 10 f.). Die Beschuldigte führte weiter aus, sie habe das Skalpell aus
der Praxis in ... mitgenommen und zu ihrem eigenen Schutz in die Schublade, wo
er die Servietten aufbewahre, gelegt. Sie habe ihm Angst machen wollen, falls er
nochmals so austicke. Damit konfrontiert, dass sie zuvor ausgesagt habe, er sei
noch nie so ausgetickt, antwortete die Beschuldigte: "Ja, nicht so schlimm, er hat
mich wie gesagt auch schon an die Wände gestossen oder gröber angepackt.
Aber er nahm nie den Baseballschläger." Es sei nie zu Übergriffen mit einem Ge-
genstand in der Hand gekommen. Auf die Frage, weshalb sie dann bereits im
Sommer 2015 ein Skalpell in der Küche deponiert habe, antwortete die Beschul-
digte, sie habe gemerkt, dass der Beschuldigte "so aggressiv, nicht sich selber"
sei, wenn er Drogen konsumiert habe. Damit konfrontiert, dass sie zuvor ausge-
sagt habe, sie habe nicht bemerkt, dass der Beschuldigte unter Drogen gestan-
den habe, führte sie aus, sie habe damals Angst gehabt, dass es nicht bei diesem
einen Ausrutscher bleibe und er nochmals einen Rückfall habe und wieder so ag-
gressiv werde. Auf die Anschlussfrage, ob der Privatkläger früher unter Drogen-
einfluss aggressiv gewesen sei, antwortete die Beschuldigte: "Ich habe ihn nie un-
ter Drogen erlebt. Wir waren während seiner cleanen Phase zusammen". Auf
Nachfrage, weshalb sie dann angenommen habe, dass er aggressiv werden
könnte, antwortet sie, sie sei nach diesen zwei Tagen, als er konsumiert habe, zu
ihm gegangen. Er sei nicht derselbe gewesen, "er war völlig ein anderer Mensch,
völlig "aggro". Sie habe ihn nicht mehr erkannt (Urk. 79 S. 17; S. 19 f.). Diese
Aussage steht nun aber in einem deutlichen Widerspruch zu ihren vorherigen
Aussagen, wonach sie den Drogenkonsum des Privatklägers nicht bemerkt habe.
Insgesamt erscheint es somit nicht glaubhaft, dass die Beschuldigte aus Angst
vor dem Privatkläger bzw. einem Drogenrückfall ein Skalpell in der Küche ver-
- 23 -
steckte, obwohl sie den Privatkläger nie unter Drogeneinfluss erlebt hatte und es
zwischen den Parteien auch noch nie zu einer tätlichen Auseinandersetzung ge-
kommen war.
3.4.5.4.5. Auffällig im Aussageverhalten der Beschuldigten ist denn auch, dass sie
nach ihrer Darstellung zu keinem Zeitpunkt versucht hat, die Wohnung der Privat-
klägers 1 zu verlassen. So erklärt auch die Verteidigung das Verhalten des Pri-
vatklägers damit, dass er die Beschuldigte unbedingt habe aus seiner Wohnung
weghaben wollen. Nachdem es ihm nicht gelungen sei, sie mit Ziehen, Stossen
und sonstigen Tätlichkeiten aus der Wohnung zu bugsieren, habe er schliesslich
den Baseballschläger behändigt und gegen sie eingesetzt (Urk. 80 S. 7). Die Be-
schuldigte führte hingegen anlässlich der Berufungsverhandlung aus, sie sei
schockiert gewesen, dass der Privatkläger den Baseballschläger geholt habe. Sie
habe gedacht, dass er sich wieder beruhige und sie sich zusammen ins Bett le-
gen würden, weshalb sie sich in der Küche verschanzt habe (vgl. Urk. 79 S. 20 f.).
Es erstaunt doch sehr, dass die Beschuldigte nie versucht hatte, die Wohnung zu
verlassen, obwohl sie der Privatkläger mehrfach und unmissverständlich dazu
aufgefordert hatte und ihr gegenüber – scheinbar – sehr gewalttätig und aggressiv
vorgegangen sein soll. Hätte die Beschuldigte tatsächlich solche Angst vor dem
Privatkläger gehabt, wie sie dies glaubhaft machen will, so wäre es doch nahe-
liegend gewesen, rasch möglichst die Wohnung zu verlassen.
3.4.5.4.6. Im gleichen Zusammenhang ist auch der Umstand zu sehen, dass die
Beschuldigte mit keinem Wort erwähnte, um Hilfe geschrien zu haben. Auch sonst
hat sie offenbar keinerlei Anstalten getroffen, auf sich und ihre missliche Lage
aufmerksam zu machen. Hätte sie sich tatsächlich in einer derart bedrohlichen
Lage befunden, wie sie behauptet, dann wäre es doch wohl das naheliegendste
gewesen, um Hilfe zu schreien. Weder hat sie etwas derartiges je behauptet,
noch hat die Zeugin L._, welche den Lärm aus der Wohnung K._ hörte,
Hilferufe der Beschuldigten wahrgenommen. Das Gegenteil ist der Fall, sie gab zu
Protokoll, Hilferufe eines Mannes gehört zu haben, was nahtlos zu den Schilde-
rungen des Privatklägers 1, nicht aber zu jenen der Beschuldigten, passt (Urk. 4/9
S. 3 ff.).
- 24 -
3.4.5.4.7. Weiter klarerweise für die Unglaubhaftigkeit der Darstellungen der Be-
schuldigten spricht der Umstand, dass der Privatkläger 1, welcher nach den
Schilderungen der Beschuldigten der gewalttätige Aggressor gewesen sein soll,
letztlich über den Balkon und barfuss ins Freie flüchtete. Wäre er es gewesen, der
die Situation mittels roher Gewalt zunächst provoziert und dann kontrolliert hätte,
dann hätte es für ihn keinen Grund gegeben, derart kopflos (mitten im Dezember,
spärlich bekleidet und barfuss!) aus der Wohnung zu flüchten und auf der Flucht
auch noch panisch die Polizei zu avisieren (Urk. 1/8 S. 4 und Urk. 1/9). Sein Ver-
halten lässt sich nur damit erklären, dass er, wie er selbst aussagte, in panischer
Angst vor der Beschuldigten flüchtete, weil er um sein Leben fürchtete.
3.4.5.4.8. Ebenfalls vollkommen lebensfremd ist in diesem Zusammenhang die
Behauptung der Beschuldigten, sie sei dem Privatkläger 1 deshalb über den Bal-
kon ins Freie gefolgt und ihm dann nachgerannt, weil sie ihr Handy nicht habe fin-
den können und sicherstellen wollen, dass der Privatkläger mit seinem Handy die
Rettungskräfte orientiere. Entgegen den Vorbringen der Verteidigung befand sie
sich nicht mitten in der Nacht in einer fremden Wohnung, so dass ihr keine andere
Möglichkeit geblieben ist, als dem Privatkläger zu folgen (vgl. Urk. 80 S. 9). Die
Beschuldigte hat selber bestätigt, sich oft beim Privatkläger aufgehalten zu haben
(Urk. 79 S. 14), weshalb ohne Weiteres davon auszugehen ist, dass sie sich gut
in der Wohnung auskannte – immerhin wusste sie ja auch genau, welche Schub-
laden der Privatkläger bloss selten benutzte. Welches Opfer einer massiven Ge-
walttat, das sich gerade eben noch in Notwehr mittels Skalpellstichen in den
Rumpf des vermeintlichen Aggressors gegen diesen zur Wehr gesetzt hat, ver-
folgt seinen Peiniger mitten in der Nacht durchs Quartier bis in das Quartierres-
taurant? Wäre es der Beschuldigten tatsächlich ein Anliegen gewesen, dafür be-
sorgt zu sein, dass Hilfe herbeigerufen wird, so hätte sie dies mit ihrem Mobil-
telefon tun können. Wenn sie dieses in ihrem Zustand tatsächlich nicht gefunden
hatte, so wäre es viel naheliegender gewesen, die Nachbarn zu informieren oder
um Hilfe zu rufen. Allerspätestens im Restaurant hätte sie sich entsprechend äus-
sern können. All dies tat sie nachweislich nicht. Der Zeuge H._ gab bekannt-
lich zu Protokoll, die Frau habe kein Wort gesagt und habe eine Nagelfeile oder
etwas ähnliches in der Hand gehalten. Er habe den Eindruck gehabt, dass der
- 25 -
Mann vor der Frau Angst gehabt habe. Die Frau dagegen sei ruhig gewesen
(Urk. 4/10 S. 3). Entgegen der Verteidigung kann die Beschuldigte auch aus den
Aussagen der Zeugin L._ nicht zu ihren Gunsten ableiten (vgl. Urk. 80 S. 10).
Diese erklärte gegenüber der Stadtpolizei Zürich, zunächst sei ein Mann über die
Balkonbrüstung gesprungen, dann eine Frau. Sie sei direkt in Richtung des Man-
nes gelaufen und habe diesen verfolgt. Auf Nachfrage führte die Zeugin aus, sie
denke nicht, dass die Frau den Mann gezielt verfolgt habe, wisse es aber nicht
(Urk. D1/4/1 S. 1 f.). Anlässlich der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft er-
klärte sie sodann, nachdem der Mann über den Balkon gesprungen sei, habe sie
eine Frau über den Balkon klettern sehen. Sie sei dem Mann hinterhergegangen.
Sie sei gerannt, sie habe ihm hinterhergewollt (Urk. D1/4/9 S. 4). Mithin ergibt sich
auch aus diesen Zeugenaussagen, dass die Beschuldigte dem Privatkläger nach-
rannte. Schliesslich kann mangels Relevanz offengelassen werden, ob die Be-
schuldigte sich bewusst war, dass sie das Skalpell nach wie vor in der Hand hielt,
als sie dem Privatkläger ins Restaurant folgte, oder ob aufgrund ihrer Reaktion
auf Vorhalt der Bilder der Überwachungskamera davon auszugehen ist, dass sie
es unbewusst tat (vgl. Urk. 63 S. 22). Immerhin hat sie dieses nach dem Aufsu-
chen des Restaurants und vor dem Eingreifen der Polizei aber in einem Blumen-
topf entsorgt, wo es später von der Polizei aufgefunden wurde, was eher für ein
bewusstes Handeln spricht.
3.4.5.4.9. Wenn die Verteidigung in diesem Zusammenhang vorbringt, es sei ge-
nauso lebensfremd, dass der Privatkläger nicht zumindest versucht habe zu flie-
hen, nachdem ihm die Beschuldigte die lebensgefährlichen Verletzungen mit dem
Skalpell zugefügt habe, sondern ins Schlafzimmer und damit in eine Sackgasse
gegangen sei, um den Baseballschläger zu holen und später erneut zunächst im
Schlafzimmer sein Mobiltelefon geholt habe, bevor er über den Balkon aus der
Wohnung geflüchtet sei (Urk. 80 S. 11 f.), ist dem entgegenzuhalten, dass bereits
die Vorinstanz zutreffend ausführte, der Privatkläger habe nachvollziehbar darge-
legt, dass er es als kleineres Übel angesehen habe, sich nochmals den Angriffen
der Beschuldigten auszusetzen, als ohne Mobiltelefon loszulaufen (Urk. 63 S. 24).
Dass er sein Mobiltelefon während der Flucht auch benutzte, um Hilfe anzufor-
dern, ist belegt (D1/1/8 S. 4). Auch in Bezug auf den Rückzug ins Schlafzimmer
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erklärte der Privatkläger, die Beschuldigte sei mit dem Rücken in Richtung Balkon
auf dem Boden gesessen, er habe die Wohnzimmertüre hinter sich gehabt. Er sei
zurückgerannt und habe sich im Spiegel gesehen. Weil er nicht gewusst habe,
was machen, sei er ins Schlafzimmer gegangen und habe seinen Schläger geholt
(Urk. D1/3/2 S. 12). Auf Nachfrage, weshalb er nicht gleich über den Balkon ge-
flüchtet sei, erklärte er, die Beschuldigte sei näher zur Balkontüre gewesen. Er
hätte über sie hinwegsteigen müssen, um zum Balkon zu gelangen. Im Nach-
hinein denke er, dass die Wohnungstüre eine Option gewesen wäre, aber er sei
nicht auf die Idee gekommen. Er habe in den Spiegel geschaut und sei ins Zim-
mer gegangen (Urk. D1/3/2 S. 14; Urk. D1/2/4 S. 10).
3.4.5.4.10. Unglaubhaft sind weiter auch die Depositionen der Beschuldigten im
Zusammenhang mit der Frage, wie und wo sie das Skalpell behändigte. Wie be-
reits die Vorinstanz zutreffend erwog, ist es schwer vorstellbar, dass die Beschul-
digte das Skalpell rund ein halbes Jahr lang in der Schublade rechts neben dem
Spülbecken vor dem Privatkläger 1 versteckt aufbewahrt haben soll. Dagegen
sprechen mit der Vorinstanz zunächst einmal die sehr überschaubaren Verhält-
nisse in der Küche des Privatklägers. Weiter fällt in diesem Zusammenhang aber
auch auf, dass die Beschuldigte angab, sie habe das Skalpell in der Schublade
aufbewahrt, weil der Privatkläger die Küche fast nie putze (Urk. 2/2 S. 2). In der
Konfrontationseinvernahme gab sie dann an, das Skalpell habe sie in der Schub-
lade oben rechts neben dem Spülbecken versteckt, weil der Privatkläger diese
gar nie aufmache, denn er brauche ja nie Servietten (Urk. 2/4 S. 9). Anlässlich der
Berufungsverhandlung erklärte sie, sie habe das Skalpell in der äussersten
Schublade, wo er seine Servietten aufbewahre, gelegt, weil er diese nie benutze.
Es seien beide Versionen richtig, er habe die Küche wirklich nur grob geputzt. Auf
Vorhalt von Urk. D1/ 1/7 S. 4 und damit konfrontiert, dass in dieser Schublade
hauptsächlich leere Plastiktüten erkennbar seien, erklärte die Beschuldigte, da-
rauf seien roten Papierservietten erkennbar. Diese hätten sie für Weihnachten
gekauft (Urk. 79 S. 18). Schliesslich ist auch darauf hinzuweisen, dass es wohl
äusserst unwahrscheinlich erscheint, dass die Beschuldigte sozusagen vor dem
Privatkläger in die Küche flüchtete, um dort in der Schublade voller Plastiktüten
und Servietten nach ihrem Skalpell zu suchen, während direkt vor ihrer Nase auf
- 27 -
der Arbeitsfläche mindestens zwei Küchenmesser griffbereit lagen (Urk. D1/1/7
S. 1, 2 und 4). Ganz generell drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage
auf, weshalb man zum Schutz vor angeblichen Aggressionen ein Skalpell in den
Haushalt seines Partners mitnimmt und dieses exakt dort deponiert, wo ohnehin
jede Menge anderer Messer jederzeit vorhanden und verfügbar sind? Die Erklä-
rung der Beschuldigten, wonach mit einem Skalpell bloss oberflächliche Schnitte
gemacht werden können (Urk. 79 S. 18), vermag nicht zu überzeugen. Immerhin
bestätigte auch die Beschuldigte, dass gröbere Verletzungen verursacht werden
können, wenn man mit einem Skalpell in den Brustkorb eines Menschen sticht
(Urk. 79 S. 23). Die Beschuldigte wusste aufgrund ihrer Ausbildung zweifelsfrei,
dass ein Skalpell ein chirurgisches Instrument ist, welches verwendet wird, um die
Haut scharf zu durchtrennen und sich hierfür besser eignet, als ein beliebiges
Messer. Auch unter diesem Aspekt sind die Darstellungen der Beschuldigten voll-
ends unglaubhaft.
3.4.6. Zusammengefasst kann namentlich auch unter Hinweis auf die in allen Tei-
len überzeugenden Erwägungen der Vorinstanz festgehalten werden, dass auf-
grund der überzeugenden und glaubhaften Schilderungen des Privatklägers 1
kein ernsthafter Zweifel daran bestehen kann, dass sich der Sachverhalt so zuge-
tragen hat, wie er ihn konstant zu Protokoll gegeben hat. Daran vermögen die
zwar konstanten und auch weitgehend widerspruchslosen Aussagen der Be-
schuldigten nichts zu ändern, denn sie sind über weite Strecken geradezu lebens-
fremd, wenig nachvollziehbar und damit unglaubhaft.
3.4.7. Entgegen der Verteidigung erübrigt es sich denn auch, den Privatkläger vor
Gericht erneut zu befragen. Hierzu besteht kein Anlass, weil er in der Unter-
suchung konstant sowie widerspruchslos aussagte und überdies weitere Beweis-
mittel seine Darstellung bestätigen. So weist die Staatsanwaltschaft zu Recht da-
rauf hin, dass das Verletzungsbild des Privatklägers dessen Darstellung bestätigt
(Prot. II S. 8). Der Privatkläger erlitt zwei Stichverletzungen am rechten Brustkorb
in der Höhe vom 3. und 6. Zwischen-Rippen-Raum, vorne ca. 3 bis 4 cm rechts
seitlich vom Brustbein, eine Stichverletzung an der linken Schulter im Bereich der
Delta-Muskulatur, zwei Stichverletzungen am linken Ellenbogen, eine Stich-
- 28 -
Schnittverletzung von ca. 2.5 cm Länge am linken Unterarm und eine Stichver-
letzung am linken, seitlichen Oberschenkel (Urk. D1/6/5 S. 1; Urk. D1/6/6 S. 3 f.).
Die Staatsanwaltschaft führte zutreffend aus, dass die beiden nahe beieinander
liegenden Stichverletzungen am Brustkorb mit der Darstellung des Privatklägers,
wonach er in einer statischen Phase der Auseinandersetzung für ihn über-
raschend diese zwei Stiche zugefügt erhalten habe, welche er zuerst als Schläge
interpretiert und dann gedacht habe, er sei mit einem Kugelschreiber gestochen
worden, übereinstimmen. Anschliessend wurde die Auseinandersetzung dyna-
misch und der Privatkläger setzte den Baseballschläger gegen die Beschuldigte
ein, wobei es zu den weiteren unkontrollierten Stich- und Schnittverletzungen an
den Extremitäten kam (vgl. auch Prot. II S. 8). Hätte die Beschuldigte zur Vertei-
digung und ohne hinzusehen einfach nach oben gestochen, wie sie es geltend
macht, würde ein anderes Verletzungsbild resultieren. Für die Darstellung des
Privatklägers sprechen ferner die Aussage der Zeugin L._, welche erklärte,
sie habe Schreie bzw. Hilferufe eines Mannes aus der Wohnung des Privatklä-
gers vernommen (Urk. D1/4/1 S. 1 u. 2; D1/4/9 S. 3). Schliesslich liegt auch die
Aufzeichnung des Notrufs des Privatklägers vor, auf welcher zu hören ist, wie der
Privatkläger offensichtlich verängstigt und panisch bei der Polizei um Hilfe ersucht
und erklärt, seine Freundin wolle ihn mit einem Skalpell abstechen und sei hinter
ihm her (Urk. D1/1/8 S. 4 f.; Urk. D1/1/9). Wären die Aggressionen vom Privatklä-
ger ausgegangen, wie dies die Beschuldigte geltend macht, hätte er kaum über-
stürzt, leicht bekleidet und ohne Schuhe die Wohnung verlassen und auf der
Flucht derart verängstigt die Polizei angerufen. Auch der Zeuge H._ erklärte,
er habe den Eindruck gehabt, der Mann habe (grosse) Angst gehabt. Die Frau,
welche eine oder zwei Minuten später gekommen sei, sei ganz ruhig gewesen,
sie habe gar nichts gemacht. Sie sei wohl wie im Schock gewesen (Urk. D1/4/6
S. 1; Urk. D1/4/10 S. 3). Somit wird die Darstellung des Beschuldigten durch di-
verse weitere Beweismittel bestätigt, weshalb sich eine Einvernahme des Privat-
klägers durch das Gericht erübrigt.
- 29 -
3.5. Widerhandlung gegen das Ausländergesetz
3.5.1. Die Beschuldigte wurde insgesamt viermal durch die Polizei respektive die
Staatsanwaltschaft zur Sache einvernommen. Die Vorinstanz hat die diesbezüg-
lichen Aussagen der Beschuldigten korrekt zusammengefasst und wiedergege-
ben. Gleiches gilt auch für die einschlägigen Aussagen des Privatklägers 1. Auf
diese Erwägungen, welche auch seitens der Beschuldigten selbst respektive ihrer
Verteidigung nicht in Abrede gestellt wurden, kann vorab verwiesen werden
(Urk. 63 S. 25 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.5.2. Die Vorinstanz kam zusammengefasst zum Schluss, sowohl die Be-
schuldigte als auch der Privatkläger 1 hätten angegeben, seit fünf Jahren, somit
seit 2010 ein Paar gewesen zu sein und seit dann eine Beziehung mit Unter-
brüchen geführt zu haben. Trotzdem habe die Beschuldigte im Februar 2011
D._ geheiratet. Die Beschuldigte habe aber weder dessen Geburtsdatum ge-
kannt, noch habe sie gewusst, wie er mit ganzem Namen heisse. Auch betreffend
Kennenlernen und Dauer des Zusammenlebens habe sie keinerlei Angaben ma-
chen können. Schliesslich habe sie auf die Frage nach längeren Partnerschaften
ihren ehemaligen Ehemann gar nicht erwähnt. Die Beschuldigte sei überdies ge-
ständig, gegenüber der Wohngemeinde falsche Angaben gemacht und ihren
ehemaligen Ehemann an ihrem Wohnsitz angemeldet zu haben, obwohl dieser
nie dort gewohnt habe. Gestützt auf all dies sei erstellt, dass die Beschuldigte
D._ einzig deshalb geheiratet habe, um diesem zu einer Aufenthaltsbewilli-
gung für die Schweiz zu verhelfen (Urk. 63 S. 24).
3.5.3. Die Verteidigung stellte sich wie bereits vor Vorinstanz auf den Standpunkt,
die Beschuldigte habe sich mit D._ vermählt, weil sie gehofft und geglaubt
habe, dass sie als verheiratete Frau ein seriöseres Leben führen könne; er sei für
sie eher eine Art "Trostpflaster" gewesen. Gleichzeitig sei es der Beschuldigten
mit der Eheschliessung auch darum gegangen, den konservativen Erwartungen
ihrer Mutter gerecht zu werden. Die Beschuldigte habe stets eingestanden, dass
die Ehe bzw. das Zusammenleben mit dem Ehemann nicht funktioniert habe. Dies
sei auch der Grund gewesen, weshalb sie nach ein paar Wochen bereits wieder
ausgezogen sei. Im Übrigen habe die Beschuldigte auch nicht bestritten, dass sie
- 30 -
gegenüber den Einwohnerbehörden der Stadt M._ trotzdem angegeben ha-
be, dass D._ weiterhin mit ihr zusammen wohne. Allein weil das eheliche Zu-
sammenleben nicht funktioniert habe, könne ihr allerdings nicht unterstellt wer-
den, dass bei ihr von Anfang an kein Wille vorhanden gewesen sei, mit D._
eine Lebensgemeinschaft zu begründen. Für die Annahme einer Scheinehe sei
nicht ausreichend, dass die Ehe abgeschlossen wurde, um dem ausländischen
Ehegatten den Aufenthalt in der Schweiz zu ermöglichen; erforderlich sei viel-
mehr, dass die eheliche Gemeinschaft nie wirklich gewollt war (Urk. 47 S. 16 f.
und Urk. 80 S. 18 ff.).
3.5.4. Unbestritten ist, dass die Beschuldigte am tt.mm.2011 in ... den
peruanischen Staatsangehörigen D._ heiratete und dass diese Eheschlies-
sung mitsamt den Angaben zum angeblich gemeinsamen Wohnsitz den zuständi-
gen Behörden gemeldet wurden. Damit gilt es einzig die Frage zu beantworten,
ob sie und ihr Ehemann eine ehelichen Gemeinschaft führten. Wie die Vorinstanz
zutreffend erwog, konnte die Beschuldigte keinerlei konkrete Angaben zu ihrem
angeblichen Ehemann machen. Weder kannte sie dessen vollständigen Namen,
noch wusste sie, wie alt er ist und wann er Geburtstag hat. Darüber hinaus konnte
sie nicht sagen wann und unter welchen Umständen sie sich kennen lernten, wie
lange die Beziehung dauerte und wie lange sie effektiv mit ihrem vermeintlichen
Ehemann zusammenwohnte. Auch anlässlich der Berufungsverhandlung konnte
die Beschuldigte weder den vollständigen Namen ihres Ex-Ehemannes, dessen
Geburtstag oder Alter, seinen genauen Herkunftsort oder die Anzahl seiner Ge-
schwister nennen. So sagte sie beispielsweise, er stamme aus Peru, verweigerte
aber auf Nachfrage, wo genau er aufgewachsen sei, die Antwort. Sie könne nicht
sage, wie lange die Beziehung effektiv gedauert habe, es habe Unterbrüche ge-
geben. Ihr Sohn sei viel zu jung gewesen und habe ja bereits einen Vater, des-
halb habe sie ihn nicht miteinbezogen (Urk. 79 S. 23 ff.). Ein derartiges Desinte-
resse an der Person von D._ lässt sich nicht lapidar damit erklären, dass
man sich Daten schlecht merken könne. Vielmehr kommt damit in optima forma
zum Ausdruck, dass der Beschuldigten weder etwas an seiner Person noch an
einer gemeinsamen ehelichen Gemeinschaft lag. Zwar ist der Verteidigung beizu-
pflichten, dass eine Heirat nicht aus Liebe erfolgen muss, jedoch darf auch nicht
- 31 -
von Beginn an die Absicht fehlen, eine eheliche Gemeinschaft zu gründen. Dass
die Beschuldigte D._ heiratete, um ein seriöseres Leben zu führen, vermag
nicht zu überzeugen. Insbesondere spricht gegen die Absicht der Beschuldigten
auf Gründung einer ehelichen Gemeinschaft, dass sie ihren Sohn, welcher no-
tabene mit ihr zusammenlebte, gemäss eigenen Angaben nicht involvieren wollte,
zumal schleierhaft ist, wie sie so ernsthaft eine eheliche Gemeinschaft mit
D._ bilden wollte. Wenn die Vorinstanz daher zum Schluss kommt, es sei er-
stellt, dass die Beschuldigte D._ einzig deshalb geheiratet habe, um ihm zu
einer Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz zu verhelfen, so ist ihr darin vollum-
fänglich zuzustimmen. Der eingeklagte Sachverhalt ist daher erstellt und gestützt
darauf ist die rechtliche Würdigung vorzunehmen.
III. Rechtliche Würdigung
4. Versuchte vorsätzliche Tötung
4.1. Der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB macht sich strafbar,
wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wobei Abgrenzungen gegenüber der quali-
fizierten und der privilegierten Tötung vorzunehmen sind (Donatsch, StGB-
Kommentar, 19. Aufl., Art. 111 N 6, N 12 f.).
4.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt stach die Beschuldigte mit einem Skalpell
(Gesamtlänge 16 cm, Klingenlänge 3.5 cm) mit zwei Aufwärtsbewegungen gezielt
auf den Oberkörper des Privatklägers 1 ein, wobei sie diesen im Herzbereich ver-
letzte. In der weiteren Folge der Auseinandersetzung stach sie erneut mehrfach
auf den Privatkläger 1 ein. Gemäss dem Gutachten des Instituts für Rechts-
medizin vom 30. Dezember 2015 fügte sie dem Privatkläger dabei die folgenden
Verletzungen zu:
− 2 Stichverletzungen am rechten Brustkorb in der Höhe vom 3. und 6.
Zwischen-Rippenraum vorne, ca. 3 bis 4 cm seitlich des Brustbeins
und ca. 2 bis 4 cm vom Herz und Herzbeutel entfernt,
− 2 Stichverletzungen am linken Ellenbogen
- 32 -
− 1 Stich-Schnittverletzung ca. 2.5 cm lang am linken Unterarm 3 cm
vom Handgelenkrücken und
− 1 Stichverletzung am linken, seitlichen Oberschenkel ca. 20 cm unter-
halb des Hüftgelenks.
4.3. Gestützt auf die medizinischen Berichte war namentlich das zweimalige
Einstechen der Beschuldigten auf den Brustkorb des Privatklägers 1 mit einem
Skalpell ohne weiteres geeignet, letzterem tödliche Verletzungen zuzufügen. Ge-
mäss Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin vom 30. Dezember 2015 kön-
nen Stiche oder Schnitte mit einem spitzen oder scharfen Gegenstand im Bereich
des Rumpfes aufgrund der engen räumlichen Beziehung zu lebenswichtigen
Strukturen (grosse Blutgefässe, Herz, Lunge und Luftröhre etc.) grundsätzlich zu
schwerwiegenden bzw. tödlichen Verletzungen oder Komplikationen führen. Sollte
der bei Eintritt ins Spital vermutete Spannungspneumothorax beim Privatkläger 1
(Urk. 6/4, Urk. 6/6 S. 5 f.) zudem tatsächlich vorgelegen haben, könne aus
rechtsmedizinischer Sicht beim Privatkläger 1 von unmittelbarer Lebensgefahr
ausgegangen werden (Urk. 6/2).
4.4. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann bereits bei einem ein-
zigen gegen den Oberkörper des Opfers geführten Messerstich auf vorsätzliche
Tötung erkannt werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_829/2010 vom 28. Februar
2011 E. 3.2, Tatwaffe war ein Messer mit einer Klingenlänge von 11 cm, mit Hin-
weis auf das Urteil 6S.104/2002 vom 22. Oktober 2003 E. 2.; vgl. z.B. auch Urteile
6B_572/2011 vom 20. Dezember 2011 E. 2.6, gezielter Stich in den Oberkörper
mit einem 27 cm langen Messer; 6B_635/2009 vom 19. November 2009 E. 3.3,
Stich in die Nierengegend mit einem Tranchiermesser [Klingenlänge ca. 23.5 cm];
6B_788/2008 vom 26. Dezember 2008 E. 1, kräftige, gezielte Messerstiche in
Brust und Rücken [Klingenlänge ca. 20 cm]; 6B_822/2008 vom 5. November 2008
E. 4.3, Stich mit Kraftaufwand in die Brust mit einem Messer mit einer Klingenlän-
ge von 15.5 cm; 6S.224/2005 vom 21. Juni 2005 E. 2, Messerstich [Klingenlänge
von 8-10 cm] mit voller Wucht in den Bauch; im Urteil 6B_775/2011 vom 4. Juni
2012 E. 2.5 verneint bei einem Stich seitlich unterhalb der Achsel bei einer Klin-
genlänge von 34 mm).
- 33 -
4.5. Wer in einer dynamischen Auseinandersetzung mit einem Messer in den
Brustbereich eines Menschen sticht, muss in aller Regel mit schweren Verletzun-
gen rechnen. Bei einem Messerstich in den Brustbereich ist das Risiko einer tödli-
chen Verletzung als hoch einzustufen (Bundesgerichtsentscheid 6B_432/2010
vom 1. Oktober 2010 E. 4, mit weiteren Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung bedarf es keiner besonderen Intelligenz, um zu erkennen, dass
ungezielte Messerstiche in Brust und Bauch eines Menschen den Tod zur Folge
haben können (BGE 109 IV 5 E. 2; Bundesgerichtsentscheide 6B_829/2010 vom
28. Februar 2011, E. 3.2, und 6B_177/2011 vom 5. August 2011, E. 2.10).
4.6. Gleiches muss auch im vorliegenden Fall Geltung haben. Zwar wies das
Skalpell bei einer Gesamtlänge von 16 cm "lediglich" eine Klingenläge von 3.5 cm
auf, dennoch muss es mit der Vorinstanz als äusserst gefährliches Tatwerkzeug
bezeichnet werden. Ein Skalpell ist nämlich explizit dazu geschaffen, um damit
die menschliche Haut mit geringstmöglichem Aufwand sauber zu durchtrennen.
Gemäss Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin bietet die Haut zudem den
grössten Widerstand bei der Penetration durch einen scharfen oder spitzen Ge-
genstand. Ist dieser Widerstand erst einmal überwunden, so wird dem eindrin-
genden Werkzeug kein relevanter Widerstand mehr entgegengesetzt, welcher
wesentlichen Einfluss auf die Wundtiefe haben könnte. Deshalb sei es auch nicht
vorstellbar, dass die Eindringtiefe bei einem Stich durch den Angreifer gezielt ge-
steuert werden könne, vor allem nicht bei einem dynamischen Vorgang, welcher
durch unvorhersehbare Bewegungen des Opfers relevant beeinflusst werden
könne (Urk. 6/6 S. 5).
4.7. Nach dem Gesagten liegt bei einem Messerstich im Brustbereich eines
Menschen eine Todesfolge im allgemein bekannten Rahmen des Kausalverlaufs
und ist somit vom Vorsatz erfasst. Es darf als allgemein bekannt vorausgesetzt
werden, dass angesichts der Empfindlichkeit der gesamten Brustregion grund-
sätzlich Messerstiche gegen den Thorax zum Tod eines Menschen führen kön-
nen. Demnach muss, wer entsprechende Gewalt gegen den Brustbereich eines
Menschen ausübt, aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit von tödlichen Verlet-
zungen mit solchen Konsequenzen rechnen und nimmt sie damit zumindest in
- 34 -
Kauf. Dies gilt umso mehr im vorliegenden Fall, denn die Beschuldigte ist unter
anderem diplomierte Arztgehilfin mithin also medizinisch geschult und daher bes-
tens mit der menschlichen Anatomie vertraut. Dass die Beschuldigte nicht "nur"
eventual- sondern sogar direktvorsätzlich handelte, zeigte sich denn auch in ihrer
Äusserung, wonach sie ihr deliktisches Handeln gegenüber dem schwer verletz-
ten Privatkläger 1 mit den Worten kommentierte "jetzt verblutest Du, Wichser".
Doch damit nicht genug. Ungeachtet der schweren Verletzungen, die sie ihm be-
reits beigebracht hatte, stach die Beschuldigte nach einer kurzen Pause weiter
auf den Privatkläger 1 ein. Dabei verursachte sie unter anderem am linken Ober-
schenkel des Privatklägers 1 eine Stichverletzung, wobei auch hier darauf hinzu-
weisen ist, dass im Falle der Eröffnung der Oberschenkelschlagader eine
schwerwiegende oder gar tödliche Verletzung nahe liegen könnte (Urk. 6/6 S. 5).
Wenn die Beschuldigte vor diesem Hintergrund sinngemäss geltend macht, gera-
de der Umstand, dass sie mit dem Skalpell nicht die Halsschlagader, sondern
eben den Rumpf des Privatklägers 1 angegriffen habe zeige, dass sie diesen
nicht habe ernsthaft verletzen oder gar töten wollen, dann kann dieser schon bei-
nahe zynisch anmutende Einwand schlicht nur als vollkommen unbehilfliche
Schutzbehauptung taxiert werden. Darauf ist jedenfalls nicht weiter einzugehen.
4.8. Die Verteidigung kritisiert, die Vorinstanz unterstelle der Beschuldigten eine
direkte Tötungsabsicht, ohne ein Motiv dafür aufzuzeigen. Angesichts der seit
mehreren Jahren bestehenden On-Off-Beziehung erscheine es äusserst unwahr-
scheinlich, dass die Beschuldigte den Privatkläger wegen dessen zuvor geäusser-
ten Beziehungsende habe umbringen wollen. Auch die erlittenen Verletzungen
würden nicht auf ein bewusstes Handeln der Beschuldigten schliessen lassen,
zumal von einer medizinisch ausgebildeten Person zu erwarten wäre, dass sie
gezielt in den Halsbereich stechen würde, wo bereits eine einzelne Stich- oder
Schnittverletzung ohne weiteres zum Tod führen könne. Für eine gezielte Tötung
mittels Stichen in die Herzgegend wäre ausserdem ein grösseres Messer, wie es
in der Küche verfügbar gewesen wäre, zielführender gewesen (Urk. 80 S. 15 ff.).
Wenn sich die Verteidigung auf den Standpunkt stellt, es habe bei der Beschul-
digten an der Tötungsabsicht gefehlt, so kann vollumfänglich auf die zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz unter Ziffer 2.4 des angefochtenen Entscheides ver-
- 35 -
wiesen werden (Urk. 63 S. 28; Art. 82 Abs. 4). Einerseits ist nämlich erstellt, dass
die Beschuldigte das Skalpell unvermittelt hervorzog und dieses nicht etwa, wie
von ihr behauptet, in der Küche behändigt hat. Sie hatte es mit anderen Worten
die ganze Zeit auf sich getragen und sie wollte es auch zum Einsatz bringen, was
darin zum Ausdruck kommt, dass sie dem Privatkläger gegenüber zum Ausdruck
brachte, es werde etwas schlimmes passieren, falls er beabsichtige sie zu ver-
lassen. Augenscheinlich aber wurde die Tötungsabsicht der Beschuldigten aller-
spätestens dann, als sie nach den zwei Stichen in die Brust des Privatklägers
nicht etwa von diesem abliess, sondern nach einer kurzen Unterbrechung erneut
auf diesen einstach und ihm weitere Schnitt- und Stichverletzungen beibrachte,
wobei sie ihm gegenüber ausdrücklich sagte, er werde jetzt verbluten. Überdies
war es aufgrund der Grössenverhältnisse für die kleinere Beschuldigte einfacher,
in die Brustgegend zu stechen als in die Halsgegend. Dass aufgrund der sich im
Brustkorb befindenden lebenswichtigen Organen auch durch Stiche in den Brust-
korb lebensgefährliche Verletzungen hervorgerufen werden können, war sich die
Beschuldigte bewusst (vgl. Urk. 79 S. 23). Gegenüber einem grösseren Messer
hat ein Skalpell sodann den Vorteil, dass es leichter versteckt werden kann, wes-
halb der Überraschungseffekt beim Einsatz grösser ist.
4.9. Nach dem Gesagten und mit Verweis auf die ebenfalls korrekten Erwägun-
gen der Vorinstanz (Urk. 63 S. 26 ff.) steht fest, dass die Beschuldigte beim frag-
lichen Vorfall zum Nachteil des Privatklägers 1 in objektiver Hinsicht tatbestands-
mässig und in subjektiver Hinsicht vorsätzlich im Sinne von Art. 111 StGB gehan-
delt hat. Aufgrund des – glücklicherweise – ausgebliebenen Taterfolges (nämlich
des Ablebens des Privatklägers 1) ist von einer (vollendet) versuchten Begehung
im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB auszugehen, was auch bereits die Vorinstanz
schon zutreffend erkannte.
4.10. Dass unter den gegebenen Umständen entgegen der Verteidigung (Urk. 80
S. 16) für die Anwendung des privilegierenden Tatbestandes des Totschlages im
Sinne von Art. 113 StGB kein Raum bleibt, hat die Vorinstanz ebenfalls mit über-
zeugender Begründung dargetan. Auch hierauf kann vollumfänglich verwiesen
werden (Urk. 63 S. 28 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Ergänzend ist hier lediglich darauf
- 36 -
hinzuweisen, dass auch die Beschuldigte selbst nie behauptet hat, in einem Zu-
stand von grosser seelischer Belastung respektive in einer heftigen Gemütsbe-
wegung gehandelt zu haben. Sie stellte sich bekanntlich bis dato konsequent auf
den Standpunkt, sie habe mit dem Skalpell – welches sie zuvor in der Küche aus
den Versteck in der Schublade genommen habe – auf den Beschuldigten einge-
stochen, weil dieser sie aggressiv und sehr gewalttätig angegriffen und verletzt
habe. Sie habe sich lediglich gegen diesen Angriff verteidigt.
4.11. Schliesslich macht die Verteidigung, wie bereits vor Vorinstanz, auch im
Berufungsverfahren eventualiter eine Tatbegehung in Notwehr respektive im Not-
wehrexzess geltend (Urk. 66 S. 3 f.; Urk. 80 S. 3 f. und S. 17 f.). Bei ihrer dies-
bezüglichen Argumentation geht sie von ihrer eigenen Sachdarstellung aus und
verkennt, dass der Anklagesachverhalt vollumfänglich erstellt ist. Für die An-
nahme einer Notwehrsituation bleibt aufgrund des verbindlich festgestellten Sach-
verhaltes kein Raum, weshalb auf die betreffenden Einwände der Verteidigung
nicht weiter einzugehen ist.
4.12. Die Vorinstanz erwog weiter, die Voraussetzungen einer qualifizierten Tö-
tung seien nicht erfüllt (Urk. 63 S. 28). Diese Würdigung der Vorinstanz ist allein
schon aufgrund des Verschlechterungsverbotes zu übernehmen. Weiterungen
hierzu erübrigen sich.
4.13. Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen und in Bestätigung des ange-
fochtenen Entscheides ist die Beschuldigte der versuchten vorsätzlichen Tötung
im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
5. Widerhandlung gegen das Ausländergesetz
5.1. Die Vorinstanz sprach die Beschuldigte im Sinne der Anklage der Wider-
handlung gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 118 Abs. 2 AuG schuldig
(Urk. 63 S. 30).
5.2. Wie bereits vor Vorinstanz (Urk. 47 S. 17) beanstandete die Verteidigung
auch anlässlich der Berufungsverhandlung die rechtliche Würdigung der An-
klagebehörde und damit auch jene der Vorinstanz nicht substantiiert. Sie stellte
- 37 -
sich bekanntlich einzig auf den Standpunkt, der Anklagesachverhalt lasse sich
nicht erstellen (Urk. 80 S. 18 ff.).
5.3. Wer Behörden durch falsche Angaben oder Verschweigen wesentlicher
Tatsachen täuscht und dadurch die Erteilung einer Bewilligung für sich oder ande-
re erschleicht oder bewirkt, dass der Entzug einer Bewilligung unterbleibt, macht
sich gestützt auf Art. 118 Abs. 1 AuG strafbar. Art. 118 Abs. 2 AuG sanktioniert
sodann Verstösse gegen Vorschriften über die Zulassung und den Aufenthalt von
Ausländerinnen und Ausländern durch Eheschliessung mit einer Ausländerin oder
einem Ausländer oder durch die Vermittlung oder Förderung einer solchen. Ge-
stützt auf den erstellten Sachverhalt hat die Beschuldigte am tt.mm.2011 in ...
den peruanischen Staatsangehörigen D._ geheiratet. Die Eheschliessung
sowie den angeblich gemeinsamen ehelichen Wohnsitz meldete sie sodann den
zuständigen Behörden, obwohl sie und ihr vermeintlicher Ehemann wussten, dass
sie keine eheliche Gemeinschaft führten. Durch dieses Verhalten hat die Be-
schuldigte sowohl in objektiver, als auch in subjektiver Hinsicht den Tatbestand
von Art. 118 Abs. 2 AuG erfüllt. Wenn die Vorinstanz in diesem Zusammenhang
etwas widersprüchlich zu ihrer eigenen Beweiswürdigung erwägt, es "deute alles
darauf hin, dass diese Ehe einzig zur Umgehung der Vorschriften" eingegangen
worden sei, so ist darauf hinzuweisen, dass dieser Anklagevorwurf auch nach
Auffassung der Vorinstanz erstellt ist. Mutmassungen unter dem Titel rechtliche
Würdigung sind daher nicht nur missverständlich, sondern auch nicht angängig.
5.4. Die Beschuldigte ist somit der Widerhandlung gegen das Ausländergesetz
im Sinne von Art. 118 Abs. 2 AuG schuldig zu sprechen.
IV. Sanktion
6. Strafzumessung
6.1. Die Vorinstanz hat die notwendigen Ausführungen zur Theorie der Straf-
zumessung gemacht, worauf verwiesen werden kann (Urk. 63 S. 31 f.; Art. 82
Abs. 4 StPO).
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6.2. Ausgehend von der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB als schwerstem Delikt beträgt der
Strafrahmen Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren. Dieser ist mit der Vorinstanz
nicht zu verlassen. Der Strafmilderungsgrund des Versuchs ist innerhalb des or-
dentlichen Strafrahmens strafmindernd zu berücksichtigen. Die Widerhandlung
gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 118 Abs. 2 AuG sowie das mehr-
fache Fahren ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG werden je
mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldstrafe sanktioniert. Damit wäre
grundsätzlich sowohl eine Freiheitsstrafe als auch eine Geldstrafe auszufällen.
Aufgrund der Tatsache, dass gegen die Beschuldigte bereits mehrfach Geld-
strafen verhängt werden mussten, welche offenbar nicht die gewünschte Wirkung
zeigten, erscheint es vorliegend nicht angezeigt, für die beiden Nebendelikte
Geldstrafen auszusprechen. Vielmehr ist im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB die für
die versuchte vorsätzliche Tötung festzusetzende Einsatzstrafe (Freiheitsstrafe)
unter Berücksichtigung des Asperationsprinzips angemessen zu erhöhen.
6.3. Die Anklagebehörde beantragte im Berufungsverfahren – wie bereits vor
Vorinstanz – die Bestrafung der Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von
10 Jahren (Urk. 70 und Urk. 82). Zur Begründung brachte sie vor, die Beschuldig-
te sei in überraschender und massiver Art und Weise gegen den Privatkläger ge-
walttätig geworden, ohne dass irgendwelche Gründe für ihr Handeln ersichtlich
seien. Wohl nur die Flucht des Privatklägers und der Einsatz der Polizei hätten die
Beschuldigte von weiteren Attacken gegen den Privatkläger abgehalten. Sie habe
in direkter Tötungsabsicht gehandelt und ihr Verhalten sei rein egoistisch und
skrupellos gewesen. Überdies sei es nicht dem Verhalten der Beschuldigten zu
verdanken, dass es beim Versuch geblieben sei, sondern dem Umstand, dass der
Privatkläger rechtzeitig Hilfe anfordern konnte. Wenn die Vorinstanz die Einsatz-
strafe aufgrund des Versuchs von 11 Jahren auf 8 Jahre reduziere, gewichte sie
den Strafreduktionsfaktor zu stark. Strafschärfend komme die Deliktsmehrheit
hinzu, wobei sei bezüglich des Strassenverkehrsgesetzes einschlägig vorbestraft
sei und im Laufe der Probezeit erneut delinquiert habe (Urk. 82 S. 2 f.).
- 39 -
6.4. Die Verteidigung dagegen beantragte eine Bestrafung der Beschuldigten
mit einer Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren. Sie begründete ihren Antrag
anlässlich der Berufungsverhandlung wie folgt: Der Beschuldigten könne weder
ein direkter Tötungsvorsatz noch ein skrupelloses Vorgehen zur Last gelegt wer-
den, weil sie spontan und reaktiv auf das Verhalten des Privatklägers reagiert ha-
be. In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse sei zu berücksichtigen, dass die
Beschuldigte bis zu ihrer Verhaftung ein geordnetes und unauffälliges Leben als
alleinerziehende und berufstätige Mutter geführt habe. Wegen ihres minder-
jährigen Sohnes sei ihr auch eine hohe Strafempfindlichkeit zu Gute zu halten. Mit
Blick auf das Nachtatverhalten sei zu ihren Gunsten zu berücksichtigen, dass sie
von Beginn der Untersuchung an breitwillig ausgesagt und nie bestritten habe, für
die massiven Verletzungen des Privatklägers verantwortlich zu sein. Auch habe
sie von Beginn an grosses Bedauern über das Vorgefallene sowie aufrichtige
Reue gezeigt. Überdies habe sie es unterlassen, ihr Verhalten zu bagatellisieren
oder zu beschönigen. Positiv sei auch zu berücksichtigen, dass der Beschuldigten
im vorzeitigen Strafvollzug eine gute Führung attestiert werde und sie freiwillige
Wiedergutmachungszahlungen an die Privatklägerin 2 leiste. Aufgrund des
durchwegs positiven Nachtatverhaltens sei daher eine gewichtige Strafreduktion
angezeigt (Urk. 80 S. 20 ff.).
6.5. Tatkomponente betreffend versuchte vorsätzliche Tötung
6.5.1. Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass die Beschuldigte den Pri-
vatkläger im Rahmen einer tätlichen Auseinandersetzung, welche nota bene sie
selbst provozierte, vollkommen unvermittelt mit einem Skalpell attackierte und
diesem zweimal gezielt in die Brust unmittelbar im Herzbereich stach. Das Vorge-
hen der Beschuldigten muss bei objektiver Betrachtung als heimtückisch und
rücksichtslos bezeichnet werden. Dies umso mehr, als sie nach diesen beiden
ersten, lebensbedrohlichen Stichen noch weiter mit dem Skalpell gegen den Pri-
vatkläger vorging und diesem im Rahmen eins hochdynamischen Tatgeschehens
noch zusätzliche, unkontrollierbare Stich- und Schnittwunden beibrachte. Nach-
dem der Privatkläger in panischer Angst vor der Beschuldigten ins Freie flüchtete,
verfolgte ihn diese mit dem Skalpell in der Hand und machte keinerlei Anstalten
- 40 -
um dem schwer verletzten Beschuldigten zu helfen respektive Hilfe herbei zu ho-
len. Zugunsten der Beschuldigten ist wohl anzunehmen, dass sie die Tötung des
Privatklägers nicht geplant hatte. Immerhin aber trug sie das Skalpell auf sich und
wie sich zeigte, schreckte sie auch nicht zurück, dieses aus nichtigem Grund ge-
gen den Privatkläger einzusetzen. Was das Ausmass des Erfolges anbelangt, so
kann mit der Vorinstanz darauf hingewiesen werden, dass zwar einerseits eine
lebensgefährliche Verletzung bestand, dass aber andererseits sämtliche Ver-
letzungen innerhalb relativ kurzer Zeit und ohne nennenswerte Komplikationen
abheilten. Der Privatkläger musste glücklicherweise lediglich fünf Tage in Spital-
pflege verbringen. Insgesamt betrachtet legte die Beschuldigte eine erschreckend
hohe kriminelle Energie an den Tag. Die Vorinstanz berücksichtigte weiter zu
recht, dass dem Angriff mit dem Skalpell ein verbaler Streit vorausging, anlässlich
welchem der Privatkläger die Beschuldigte aus dem Bett stiess, grob packte und
über den Boden schleifte. Sie attestierte dem Privatkläger ein gewisses Mitver-
schulden wobei sie allerdings auch erkannte, dass es auch der Privatkläger war,
der bereits den ganzen Nachmittag versuchte, die Situation zu deeskalieren und
die Beschuldigte vollkommen entnervt und resigniert mehrmals aufforderte, seine
Wohnung zu verlassen. Gesamthaft betrachtet muss das objektive Verschulden
für das (hypothetisch) vollendete Delikt als mehr als erheblich bezeichnet werden.
6.5.2. Zur subjektiven Tatschwere ist zunächst zu erwähnen, dass die Beschuldig-
te – gestützt auf den erstellten Sachverhalt und damit entgegen der Verteidigung
– direkt vorsätzlich handelte. Selbst wenn sie die Tat nicht von langer Hand ge-
plant hatte, nahm sie für den Fall einer Auseinandersetzung ein Skalpell mit in die
Wohnung des Beschuldigten, was besonders heimtückisch erscheint. Wohl ist zu
Gunsten der Beschuldigten anzunehmen, dass sie sich zur Tatzeit in einer emoti-
onal schwierigen Situation befand. Dies einerseits wegen der beiden Fehlge-
burten, welche sie vor geraumer Zeit erleiden musste, aber auch weil der Privat-
kläger am Tatabend ihre Beziehung für beendet erklärt hatte. Dennoch handelte
die Beschuldigte vollkommen unangemessen und aus rein egoistischen Gründen,
weil sie über die aufgelöste Beziehung gekränkt war oder sich dafür am Privat-
kläger rächen wollte. Sie legte ein in jeder Hinsicht verwerfliches, gefühlskaltes
und hinterlistiges Verhalten an den Tag. Dies obwohl sich der Privatkläger zuvor
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noch bemühte, sie zu beruhigen, mit ihr zusammen einen Film anschaute und ihr
sogar – gegen seinen eigentlichen Willen – anbot, bei ihm zu schlafen, damit sie
nicht alleine sein musste. Das von der Beschuldigten in subjektiver Hinsicht zu
verantwortende Tatverschulden rückt ihr Handeln in die Nähe des Mord-
Tatbestandes gemäss Art. 112 StGB und vermag das objektive Tatverschulden in
keiner Art und Weise zu relativieren.
6.5.3. Das Tatverschulden der Beschuldigten für die (hypothetisch) vollendete
vorsätzliche Tötung ist bei gesamthafter Betrachtung als mehr als erheblich zu
bezeichnen, weshalb eine hypothetische Einsatzstrafe von 11.5 Jahren als dem
Tatverschulden angemessen erscheint.
6.6. Bei einem Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB kann das Gericht die Stra-
fe mildern. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe bei einem vollendeten
Versuch hängt unter anderem von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs
und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (BGE 121 IV 49 E. 1). Bekanntlich ver-
setzte die Beschuldigte dem Privatkläger zwei gezielte Stiche in die Herzgegend.
Dass die dadurch verursachten, schwerwiegenden und lebensbedrohlichen Ver-
letzungen letztlich nicht zum Tod des Privatklägers führten, ist einzig dessen
Geistesgegenwart zu verdanken. Nur aufgrund seiner Flucht aus der Wohnung
gelang es ihm, sich der Beschuldigten zu entziehen und die Polizei zu alarmieren.
Nur dank der sofortigen medizinischen Versorgung und der anschliessenden spi-
talärztlichen Intervention überlebte der Privatkläger die Attacke der Beschuldigten.
Demgegenüber unternahm die Beschuldigte nichts, um den Todeseintritt zu ver-
hindern. Nicht nur, dass sie weder die Polizei, noch die Rettungskräfte alarmierte,
nein, sie setzte dem vor ihr flüchtenden und schwer verletzten Privatkläger auch
noch mit dem Skalpell in der Hand nach und hetzte ihn so regelrecht durchs
Quartier. Wenn die Vorinstanz unter dem Titel "Versuch" eine Strafminderung von
drei Jahren (mithin rund 27 %) vornimmt, so erscheint dies klarerweise als zu mil-
de. Angemessen ist es, die hypothetische Einsatzstrafe unter den gegebenen
Umständen um 1.5 Jahre auf 10 Jahre zu senken.
6.7. Betreffend der Widerhandlung gegen das Ausländergesetz erwog die Vor-
instanz, dass die Beschuldigte D._ einzig deswegen geheiratet habe, um ihm
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den Aufenthalt in der Schweiz zu ermöglichen. Ob sie dafür eine Geld- oder eine
andere Gegenleistung erhalten habe, sei nicht bekannt und werde von der Be-
schuldigten verneint. Die Beschuldigte habe zwar ohne Ehewille geheiratet und
sie habe es unterlassen, die zuständigen Ämter über den Auszug ihres Eheman-
nes aus der ehelichen Wohnung zu informieren, aktiv aber habe sie nichts unter-
nommen, um eine intakte Ehe vorzutäuschen. Das Verschulden könne als leicht
bezeichnet werden (Urk. 63 S. 34). Diese Erwägungen sind nicht zu beanstanden
und zu übernehmen, dies umso mehr, als sie von der Beschuldigten respektive ih-
rer Verteidigung auch nicht substantiiert in Abrede gestellt wurden. Unter Berück-
sichtigung des Asperationsprinzips gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB rechtfertigt sich
eine Erhöhung der hypothetischen Einsatzstrafe um 2 Monate.
6.8. Zum Fahren ohne Berechtigung ist zunächst zu sagen, dass die Beschul-
digte diesen Tatbestand mehrfach direkt vorsätzlich erfüllte. Sie tat dies – wie die
Vorinstanz zutreffend erkannte – aus reiner Bequemlichkeit und teilweise auch im
vermeintlichen Interesse ihres Sohnes. Wenngleich hier nicht von schwerwiegen-
der Delinquenz zu sprechen ist, so ist doch zu erwähnen, dass im Handeln der
Beschuldigten eine bedenkliche Haltung gegenüber behördlichen Anordnungen
zum Ausdruck kommt. Wenn die Vorinstanz das Verschulden als nicht mehr leicht
bezeichnet, dann ist ihr darin vollumfänglich zuzustimmen. Unter diesem Titel
rechtfertigt sich eine weitere, asperierte Erhöhung der hypothetischen Einsatz-
strafe um 2 Monate.
6.9. Nach dem Gesagten ist nach Berücksichtigung der verschuldensabhängi-
gen sowie der verschuldensunabhängigen Tatkomponente des Versuchs die Ein-
satzstrafe auf 10 Jahre und 4 Monate Freiheitsstrafe festzusetzen.
6.10. Täterkomponente
6.10.1. Die Vorinstanz hat den Werdegang der Beschuldigten wiedergegeben, da-
rauf kann verwiesen werden (Urk. 63 S. 34 f.). Die Beschuldigte führte an der Be-
rufungsverhandlung zudem aus, sie besuche einmal pro Woche eine freiwillige
Therapie. Sie hoffe, dass sie dadurch wieder auf die Beine komme. Sie habe re-
gelmässig Kontakt zu ihrem Sohn, er besuche sie einmal pro Monat oder alle zwei
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Monate einmal. Aufgrund des Vorfalls habe er sich jedoch von ihr distanziert. Er
werde derzeit von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater betreut. Wenn sie aus der Haft
entlassen werde, wolle sie nicht vom Sozialamt abhängig sein. Sie wolle für ihren
Sohn da sein und wieder eine Beziehung zu ihm aufbauen (Urk. 79 S. 2 ff.).
6.10.2. Wie bereits die Vorinstanz richtig erkannte, lässt sich aus dem Vorleben
und den persönlichen Verhältnissen nichts ableiten, was die Strafzumessung in
massgeblicher Weise beeinflussen würde.
6.10.3. Die Vorinstanz berücksichtigte zu Gunsten der Beschuldigten das Teilge-
ständnis betreffend den Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie das
Geständnis betreffend den Vorwurf des mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung
ebenso leicht strafmindernd wie das kooperative Verhalten der Beschuldigten in
der Untersuchung. Diese Erwägungen sind korrekt und können ohne Weiteres
übernommen werden. Nicht zugestimmt werden kann der Vorinstanz wie auch der
Verteidigung, wenn sie der Beschuldigten deswegen eine hohe Strafempfindlich-
keit attestiert, weil sie Mutter eines heute 14-jährigen Sohnes ist. Nach der Recht-
sprechung des Bundesgerichts können den Wirkungen der Strafe auf das Leben
des Täters unter dem Gesichtspunkt der Strafempfindlichkeit auch die berufliche
und die familiäre Situation Berücksichtigung finden. Weil die Auswirkungen des
Strafvollzugs auf Beruf und Familie zunächst eine unmittelbare gesetzliche Folge
der Freiheitsstrafe sind, ist jedoch Zurückhaltung geboten. Berufliche Schwierig-
keiten und die Trennung von der Familie können mithin für sich allein nicht dazu
führen, dass die Schwere des Verschuldens in den Hintergrund tritt und die Strafe
unter Einbezug spezialpräventiver Gesichtspunkte auf ein Mass herabgesetzt
wird, das eben diese Folgen ausschliesst (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6S.313/2002 vom 18. Februar 2003 E. 5.3). Bei dem mittlerweile 14-jährige Sohn
der Beschuldigten handelt es sich nicht mehr um ein Kleinkind. Seine Betreuung
wird durch die Mutter der Beschuldigten sichergestellt und alle übrigen Belange
werden durch eine Beiständin geregelt. Wie sich dem Vollzugsbericht der JVA
Hindelbank vom 2. Oktober 2017 zudem entnehmen lässt, wird die Beschuldigte
durch ihren Sohn und ihre Mutter regelmässig besucht, sodass der Kontakt und
der Austausch zwischen Mutter und Sohn, wie auch der telefonische Austausch
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zwischen Mutter und Beiständin sichergestellt ist (Urk. 77 und Urk. 79 S. 3).
Wenngleich die Situation zweifelsohne und in verschiedener Hinsicht schwierig
ist, kann noch nicht davon gesprochen werden, dass hier von einer Strafempfind-
lichkeit ausgegangen werden müsste, welche das übliche Mass an nachteiligen
Auswirkungen, welche jede Delinquenz nach sich zieht, übersteigen würde.
6.10.4. Neu und sehr wohlwollend kann der Beschuldigten unter dem Titel Nach-
tatverhalten leicht strafmindernd zu gute gehalten werden, dass sie offenbar seit
einigen Monaten freiwillige Wiedergutmachungszahlungen in der Höhe von
Fr. 100.– pro Monat an die Privatklägerin 2 überweist (Urk. 77 und Urk. 78).
6.10.5. Die Beschuldigte ist im Schweizerischen Strafregister zweifach verzeich-
net. Mit Strafbefehl vom 7. September 2009 wurde sie wegen Urkundenfälschung
und falscher Anschuldigung zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen und einer
Busse von Fr. 300.– verurteilt. Der Vollzug wurde bei einer Probezeit von zwei
Jahren aufgeschoben. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn vom 1. April 2015 wurde sie zudem wegen grober Verletzung der Ver-
kehrsregeln zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen und einer Busse von
Fr. 550.– verurteilt. Der Vollzug der Strafe wurde aufgeschoben und die Probezeit
auf zwei Jahre festgesetzt. Die vorliegend zu beurteilende Delinquenz hat die Be-
schuldigte während laufender Probezeit begangen, weshalb nachfolgend auch
noch der Widerruf dieser Strafe zu prüfen sein wird. Wenngleich aufgrund der
sehr tiefen Strafen beiden Strafregistereinträgen offenbar eine verhältnismässig
geringfügige Delinquenz zugrunde gelegen sein muss, ist doch darauf hinzu-
weisen, dass die Vorstrafe aus dem Jahre 2015 in Bezug auf das heute zu beur-
teilende SVG-Delikt als einschlägig zu bezeichnen ist. Mit der Vorinstanz rechtfer-
tigt sich daher eine leichte Straferhöhung unter diesem Titel ohne Weiteres.
6.11. Fazit
6.11.1. Unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Strafzumessungsgrün-
de erscheint es dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen der Be-
schuldigten angemessen, sie mit 10 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen.
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6.11.2. Die Beschuldigte befand sich vom 14. Dezember 2015 bis zum 11. April
2016 in Haft (Urk. 9/1) und ist seither im vorzeitigen Vollzug (Urk. 9/26 ). Die er-
standene Haft von 120 Tagen und die im vorzeitigen Vollzug verbrachten
566 Tage, insgesamt 686 Tage, sind der Beschuldigten im Sinne von Art. 51
StGB auf die Freiheitsstrafe anzurechnen.
7. Vollzug
Angesichts der Strafhöhe von 10 Jahren Freiheitsstrafe fällt ein (teil-) bedingter
Vollzug schon in objektiver Hinsicht außer Betracht (vgl. Art. 42 und 43 StGB). Die
Strafe ist zu vollziehen.
V. Widerruf
8.1. Die Vorinstanz kam zusammengefasst zum Schluss, die mit einer mehr-
jährigen Freiheitsstrafe zu bestrafende Beschuldigten könne angesichts der ein-
schlägigen Vorstrafe betreffend Widerhandlung gegen das Strassenverkehrs-
gesetz sowie des Delinquierens während laufender Probezeit im SVG-Bereich
keine günstige Prognose gestellt werden. Der mit Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Solothurn vom 1. April 2015 für eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu
Fr. 110.– unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren gewährte bedingte
Strafvollzug sei daher zu widerrufen (Urk. 63 S. 37).
8.2. Die Verteidigung brachte diesbezüglich anlässlich der Berufungsverhand-
lung vor, in Anbetracht des vorliegenden Strafverfahrens samt ihrer bald zweijäh-
rigen Inhaftierung scheine die Beschuldigte genügend beeindruckt, so dass nicht
zu erwarten sei, dass sie inskünftig weitere Straftaten verüben werde. Hinzu
komme, dass der Widerruf der bedingt ausgesprochenen Geldstrafe im Betrag
von total Fr. 2'200.– angesichts ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse ei-
ne unverhältnismässige Härte darstelle. Deshalb sei vom Widerruf der Vorstrafe
abzusehen und die Probezeit um ein Jahr zu verlängern (Urk. 80 S. 22 f.).
8.3. Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Verge-
hen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, wider-
ruft das Gericht die bedingte Strafe (Art. 46 Abs. 1 StGB). Die heute zu beurtei-
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lenden Taten fallen in die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Solothurn vom
1. April 2015 festgesetzte Probezeit von zwei Jahren (Urk. 1/12). Die Beschuldigte
beging die heute zu beurteilenden Delikte nur wenige Monate nach der Verurtei-
lung durch die Staatsanwaltschaft Solothurn. Sie zeigte sich namentlich im Stras-
senverkehr nicht nachhaltig beeindruckt und liess sich auch durch die verhängten
administrativ Massnahme, nämlich den Entzug des Führerausweises, nicht von
neuerlicher Delinquenz im Bereich der Strassenverkehrsgesetzgebung abhalten.
Wenn die Vorinstanz in Würdigung dieser Umstände zum Schluss kommt, der
Beschuldigten könne keine gute Prognose gestellt werden, weshalb der mit Straf-
befehl der Staatsanwaltschaft Solothurn vom 1. April 2015 für eine Geldstrafe von
20 Tagessätzen zu Fr. 110.– unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren
gewährte bedingte Strafvollzug zu widerrufen sei, so ist ihr darin ohne weiteres
zuzustimmen.
VI. Zivilforderungen
9.1. Die Vorinstanz verpflichtete die Beschuldigte, der Privatklägerin 2 Scha-
denersatz in der Höhe von Fr. 15'076.45 zu bezahlen.
9.2. Die Verteidigung beantragte im Rahmen ihrer Berufungserklärung die Ab-
weisung der Schadenersatzforderungen der Privatklägerin 2 (Urk. 66 S. 3). An-
lässlich der Berufungsverhandlung führte sie für den Fall eines Schuldspruches in
Bezug auf Dossier 1 aus, die Beschuldigte anerkenne nach wie vor ihre grund-
sätzliche Schadenersatzpflicht gestützt auf Art. 46 f. OR. Es sei jedoch zu berück-
sichtigen, dass sich der Privatkläger 1 die von ihm ausgegangenen Aggressionen
als Selbst- bzw. Mitverschulden im Sinne von Art. 43 Abs. 1 OR anrechnen lassen
müsse. Zudem sei zu bedenken, dass später im Rahmen des gegen den Privat-
kläger 1 geführten Strafverfahrens über allfällige Zivilansprüche der Beschuldigten
resp. ihrer Versicherung zu entscheiden sei. Angesichts der ungewissen Sach-
lage seien die Zivilansprüche der Privatklägerin 2 zur Feststellung des Umfangs
auf den Weg des ordentlichen Zivilprozesses zu verweisen (Urk. 80 S. 23 f.).
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9.3. Die Vorinstanz hat zutreffend dargelegt, dass die Forderung der Privat-
klägerin 2 belegt und die Handlungen der Beschuldigten für die entstandenen Hei-
lungskosten und das ausbezahlte Krankentaggeld direkt kausal sind. Entgegen
der Verteidigung trifft den Privatkläger 1 kein Selbst- oder Mitverschulden, weil die
Eskalation der Auseinandersetzung einzig durch die Beschuldigte verursacht
wurde. Für ein Selbst- oder Mitverschulden ist nicht bereits ausreichend, dass der
Privatkläger 1 die Beschuldigte aus seiner Wohnung werfen wollte, zumal diese
sich vehement weigerte, diese zu verlassen. Im Übrigen kann vollumfänglich auf
die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 63
S. 37 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO), weshalb die Beschuldigte zu verpflichten ist, der
Privatklägerin 2 Schadenersatz in der Höhe von Fr. 15'076.45 zu bezahlen.
VII.Kosten- und Entschädigung
10. Vorinstanzliches Verfahren
Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kostenauflage vollumfänglich zu bestäti-
gen.
11. Berufungsverfahren
11.1. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.– zu
veranschlagen.
11.2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Während die Beschul-
digte mit ihrer Berufung vollumfänglich unterliegt, obsiegt die Anklagebehörde mit
ihrer Anschlussberufung. Ausgangsgemäss sind daher die Kosten des Beru-
fungsverfahrens (exklusive der Kosten für die amtliche Verteidigung) der Be-
schuldigten aufzuerlegen.
11.3. Der amtliche Verteidiger ist antragsgemäss mit Fr. 11'917.30.– zu ent-
schädigen (Urk. 81). Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind einstweilen auf
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die Gerichtskasse zu nehmen, wobei eine Nachforderung dieser Kosten gemäss
Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehalten bleibt.