# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** c0970539-2ada-4dee-98fc-9e927710bb42
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
Am 23. Dezember 2016 meldete A._, geboren 1980, ihre beiden Kinder, B._ und C._, beide geboren am 4. November 2016 in Frank
reich,
bei der Invalidenversicherung zum Bezug von
medizinischen
Mass
nahmen
in Frankreich
(
Urk. 6/1 und Urk. 6/1 in Prozess
Nr. IV.2017.01
131)
an, worauf die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, nach Erlass des Vorbe
scheids (Urk. 6/14) mit Verfügungen vom 3. Oktober 2017 die Ansprüche von C._ (Urk. 6/15 = Urk. 2) sowie von B._ (Urk. 2 in
Prozess Nr.
IV.2017.01
131) auf medizinische Massnahmen im Ausland verneinte.
2.
2.1
Gegen die Verfügungen vom 3. Oktober 2017 (Urk. 2 und Urk. 2 in
Prozess Nr.
IV.2017.01
131)
erhob der Krankenversicherer von A._, B._ und C._, die
SWICA Krankenversicherung AG
(Urk. 11/2-5), mit Eingabe vom 18. Dezember 2017 (Urk. 1 und Urk. 1 in Prozess Nr. IV.2017.01131) Beschwer
den und beantragte, es sei die IV-Stelle zu verpflichten, die Kosten der Behand
lungen von B._ und C._ im Ausland zu über
nehmen (Urk. 1 S. 2 und Urk. 1 S. 2 in
Prozess Nr.
IV.2017.0
1131
).
Mit Beschwerdeantworten vom 27. November 2017 (Urk. 5 und Urk. 5 in Prozess Nr. IV.2017.01131) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Be
schwerden sowie in prozessualer Hinsicht die Trennung der beiden Beschwerde
verfahren.
2.2
Mit Verfügung vom 5. Dezember 2017 (Urk. 7 in
Prozess Nr.
IV.2017.0
1131
) wurde das vorliegende Verfahren betreffend den Anspruch auf medizinische Massnahmen im Ausland von C._ vom Verfahren betreffend den Leistungsanspruch von B._ (Prozess Nr. IV.2017.01131) abgetrennt und es wurde anschliessend mit einer gleichentags erlassenen Verfügung bei der Beschwerdeführerin die vollständigen Akten der obligatorischen Kranken
versi
cherung in Sachen des C._ sowie diejenigen in Sachen der A._ betreffend die Schwangerschaft und die Entbindung von B._ und C._ beigezogen (Urk. 10/1-11, Urk. 11/1-11 und Urk. 13/1-2, 3, 5-8). Davon wurde der Beschwerdegegnerin am 27. August 2018 Kenntnis gegeben (Urk. 15).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Schweizerische und ausländische Staatsangehörige sowie Staatenlose haben gemäss
Art.
6
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden Bestimmungen.
Art.
39 bleibt vor
be
halten (
Abs.
1). Ausländische Staatsangehörige sind, vorbehältlich Artikel 9 Absatz 3, nur anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (
Art.
13
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
ver
sicherungsrechts, ATSG
) in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Für im Ausland wohnhafte Angehörige dieser Personen werden keine Leistungen gewährt (
Abs.
2). Bei Personen, die mehrere sich ablösende Staatsangehörigkeiten besessen haben, ist für die Leistungsberechtigung die Staatsangehörigkeit während des Leistungsbezugs massgebend (Abs. 3).
1.2
Gemäss Art. 9 IVG entsteht der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen frühestens mit der Unterstellung unter die obligatorische oder die freiwillige Ver
sicherung und endet spätestens mit dem Ende der Versicherung (Abs. 1
bis
).
Gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung haben Personen, die der Versicherung nicht oder nicht mehr unterstellt sind, höchstens bis zum 20. Altersjahr Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, sofern mindestens ein Elternteil freiwillig versichert ist (lit. a); oder während einer Erwerbstätigkeit im Ausland nach Art. 1a Abs. 1 lit. c des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) oder nach Art. 1a Abs. 3 lit. a AHVG oder auf Grund einer zwischenstaatlichen Vereinbarung obligatorisch versichert ist (lit. b).
Gemäss Abs. 3 dieser Bestimmung haben ausländische Staatsangehörige mit Wohn
sitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben, Anspruch auf Eingliederungs
mass
nahmen, wenn sie selbst die Voraussetzungen nach Art. 6 Abs. 2 IVG erfüllen oder wenn:
-
ihr Vater oder ihre Mutter, falls sie ausländische Staatsangehörige sind, bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Bei
träge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben (lit. a);
-
und sie selbst in der Schweiz invalid geboren sind oder sich bei Eintritt der Invalidität seit mindestens einem Jahr oder seit der Geburt ununter
brochen in der Schweiz aufgehalten haben. Den in der Schweiz invalid geborenen Kindern gleichgestellt sind Kinder mit Wohnsitz und gewöhn
lichem Aufenthalt in der Schweiz, die im Ausland invalid geboren sind und deren Mutter sich dort unmittelbar vor der Geburt während höchstens zwei Monaten aufgehalten hat. Der Bundesrat regelt, in welchem Umfang die Invalidenversicherung die Kosten zu übernehmen hat, die sich im Aus
land wegen der Invalidität ergeben (lit. b).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 3. Oktober 2017 (Urk. 2) davon aus, dass aus medizinischer Sicht auf Grund einer Risiko
schwangerschaft der Mutter des Versicherten ein Spitalaufenthalt für die Geburt des Versicherten indiziert gewesen sei, dass jedoch ein Spitalaufenthalt im Aus
land aus medizinischen Gründen nicht erforderlich gewesen sei. Da die Geburt des Versicherten auf Grund besonderer familiärer Strukturen nach Frankreich verlegt worden sei, seien auch andere beachtliche Gründe für die Durchführung der medizinischen Eingliederungsmassnahmen im Ausland nicht gegeben.
2.2
Die Beschwerdeführerin bringt hiegegen vor, dass sich die Mutter des Versicher
ten nicht für eine geplante Geburt mittels Kaiserschnitt, sondern lediglich für eine Kontroll
untersuchung ins Ausland begeben habe. Anlässlich dieser Kontroll
un
ter
suchung sei entschieden worden, die Geburt mittels Kaiserschnitt sofort ein
zu
leiten. Des Weiteren sei das Geburtsgebrechen des Versicherten unvor
hergesehen gewesen und der Versicherte hätte nach der Geburt nicht sogleich in die Schweiz transportiert werden können. Da die Geburt notfallmässig und früher als geplant habe durchgeführt werden müssen, sei das Geburtsgebrechen des Versicherten unvermittelt im Ausland aufgetreten und es seien unmittelbar nach der Geburt des Versicherten medizinische Eingliederungs
massnahmen erforderlich gewesen, weshalb es sich dabei um einen Notfall gehandelt habe (Urk. 1 S. 4).
3.
3.1
Vorerst gilt es zu prüfen, ob C._ zum Zeitpunkt seiner Geburt und während der anschliessenden medizinischen Behandlungen im Ausland für medi
zinische Eingliederungsmassnahmen der schweizerischen Invaliden
versiche
rung unterstellt war. Dabei gilt es vorweg, das anwendbare Recht sowie die Frage, ob der Versicherte zum Zeitpunkt seiner Geburt am 4. November 2016
beziehungs
weise
während der anschliessenden im Ausland durchgeführten medizinischen Behandlung in der Schweiz Wohnsitz hatte, zu prüfen.
3.2
Am 1. Juni 2002 ist das Abkommen vom 21. Juni
1999 zwischen der Schweize
ri
schen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und
ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Fre
izügigkeit (Freizügigkeitsab
kom
men;
FZA) in Kraft getreten.
Nach Art. 1 Abs. 1 des auf der Grundlage des Art. 8 des FZA ausgearbeiteten und Bestandteil des Abkommens bildenden (Art. 15 FZA) Anhangs II (Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit) FZA in Ver
bindung mit Abschnitt A dieses Anhangs wenden die Vertragspar
teien unter
einander insbesondere die VO 883/2004 und die Verordnung (EG) Nr. 987/2009 (VO 987/2009) des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Septem
ber 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der VO 883/2004 oder gleichwertige Vorschriften an. Die beiden genannten ge
meinschaftsrechtli
chen Verordnungen sind für die Schweiz durch den Beschluss Nr. 1/2012 des Gemischten Ausschusses vom 31. März 2012 zur Ersetzung des Anhangs II des Abkommens über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit per 1. April 2012 in Kraft getreten (AS 2012 2345; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_455/2011 vom 4. Mai 2012 E. 2.1).
3.3
In zeitlicher Hinsicht
sind
das FZA
und die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen VO 883/2004, welche die VO 1408/71 ersetzt hat, sowie die VO
987/2009, welche die Ver
ordnung (EWG) Nr. 574/72 des Rates vom 21. März 1972
über die Durchfüh
rung der VO 1408/71 (VO 574/72) ersetzt hat, anzuwen
den,
da
vorliegend die Frage nach der Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin für die Zeit ab der Geburt des Versicherten am 4. November 2016 (Urk. 6/1) und daher für einen Zeitraum
nach Ink
rafttreten des FZA und der VO 883/2004 sowie der VO 987/2009 im Streite steht (vgl. die Übergangsbestimmungen von Art. 87 VO 883/2004 und das Urteil des Bundesgerichts 9C_651/2012 vom 15. Mai 2013 E. 5.1.2).
3.4
In
persön
li
cher Hinsicht
sind das FZA und die VO 883/2004
anwendbar, da
der Versicherte
Staatsangehörige
r
der Bundesrepublik Deutschland
(Urk. 6/7/1)
und damit Staatsangehörige
r
eines Mit
gliedstaates ist, für welche
n
die Rechtsvor
schriften eines oder mehrerer Mitglied
staaten im Sinne von Art. 2 Abs. 1
der VO 883/2004
gelten.
3.5
3.5.1
In Bezug auf die sachliche
Anwendbarkeit
der VO 883/2004
gilt es zu beachten, dass
die medizinischen Massnahmen nach
Art.
13 IVG
nach
der Rechts
prechung (BGE 143 V 1 E. 5.2.4
) Vorkehren im Sinne des FZA dar
stellen
, welche auf die Behandlung von Geburtsgebrechen an sich gerichtet sind, unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich, weshalb die Ordnung der medizinischen Massnahmen nach
Art.
13 IVG
im Sinne des FZA
sachlich eine (obligatorische eidgenössische) Krankenpflege
versicherung für Geburtsgebrechen im Rechtssinne darstellt.
3.5.2
Das
FZA und die VO 883/2004
sind vorliegend daher auch in sachlicher Hinsicht anwendbar
, da sich der Geltungsbereich der
VO 883/2004
unter anderem auf Leistungen bei Krank
heit und Mutterschaft bezieht (Art.
3 Abs. 1 lit. a VO 883/2004
).
3.6
Die VO 883/2004, welche
unter anderem für Rechtsvor
schriften über Zweige der
s
ozialen Sicherheit, die Leistungen bei Krankheit und Mutterschaft betreffen, gilt
, enthält
in Kapitel 1 des Titels III besondere Vor
s
chriften für diese Leis
tungs
art. Der
Titel II
VO 883/2004 (Art. 11-16) enthält
allgemeine Kollisionsre
geln zur Bestimmung der anzuwendenden
Rechtsvorschriften. Dabei legt Art. 11 Abs. 1
VO 883/2004 den kollisionsrechtlichen Grundsatz der Einheitlichkeit der an
wend
baren Rechtsvorschriften in dem Sinne fest, dass für jede betroffene Person die Rechtsvorschriften nur eines Mitgliedstaates massgebend sind (BGE 138 V 258 E.
4.2
mit Hinweis).
3.7
Unter Vorbehalt der abkommens
rechtlichen Vor
ga
ben - darunter auch des Dis
krimi
nierungs
verbots (
Art. 4 der VO 883/2004
) - ist es Sache des inner
staatlichen Rechts, festzulegen, un
ter welchen Voraus
setzungen Leistungen ge
währt werden (vgl. BGE 131 V 209 E
. 5.3).
3.8
Der Titel II VO 883/2004 (Art. 11-16) enthält allgemeine Kollisionsregeln zur Bestimmung der anzuwendenden Rechtsvorschriften. Dabei legt Art. 11 Abs. 1 VO 883/2004 den kollisionsrechtlichen Grundsatz der Einheitlichkeit der anwendbaren Rechtsvorschriften in dem Sinne fest, dass für jede betroffene Per
son die Rechtsvorschriften nur eines Mitgliedstaates massgebend sind (BGE 138 V 258 E. 4.2 mit Hinweis). Ausnahmen vorbehalten, gilt für Arbeitnehmende das Beschäftigungslandprinzip (Art. 11 Abs. 3 lit. a der VO 883/2004; BGE 136 V 244 E. 3.2.1). Nichterwerbstätige sind ebenfalls den Rechtsvorschriften (nur) eines Mitgliedstaats unterstellt. Nach Art. 11 Abs. 3 lit. e VO 883/2004 unterliegen sie den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats, sofern nichts anderes bestimmt ist. Dabei handelt es sich um einen eigenen Anspruch auf Grund des Wohnorts (BGE 140 V 98 E. 8.1; 143 V 52 E. 6.2.2).
3.9
Das FZA konkretisiert als Ergänzung zu Anhang XI der VO Nr. 883/2004 in seinem Anhang II Abschnitt A Nr. 1 lit. i Ziff. 3 lit. a FZA die Personenkategorien, welche, obgleich nicht in der Schweiz wohnhaft, dem schweizerischen Kranken
versicherungsrecht unterstehen (BGE 143 V 52 E. 6.2.2.2). Gemäss der Rechtspre
chung des Bundesgerichts (BGE 143 V 1 E. 2.4.2) betreffen diese Bestimmungen indes nur die schweizerische Krankenversicherung gemäss dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) und nicht die medizinischen Massnahmen gemäss dem IVG. Demzufolge ist das Wahlrecht in Bezug auf diese Sachleistun
gen nach Art. 3 Abs. 1 lit. a und Art. 18 Abs. 2 VO 883/2004 auf die schweizeri
sche Krankenversicherung (gemäss dem KVG) beschränkt (BGE 143 V 1 E. 5.2.4.2).
3.10
Titel III der VO Nr. 883/2004 (Art. 17 ff.) enthält sodann besondere Vorschriften für die einzelnen Leistungsarten. Im Art. 17-35 umfassenden Kapitel 1 (Leistungen bei Krankheit sowie Leistungen bei Mutterschaft und gleichgestellte Leistungen bei Vaterschaft) sieht Art. 32 Regelungen zur «Rangfolge der Sach
leistungsansprüche - Besondere Vorschrift für den Leistungsanspruch von Fami
lienangehörigen im Wohnmitgliedstaat» vor. Diese lauten wie folgt:
Ein eigenständiger Sachleistungsanspruch aufgrund der Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats oder dieses Kapitels hat Vorrang vor einem abgeleiteten Anspruch auf Leistungen für Familienangehörige. Ein abgeleiteter Anspruch auf Sach
leistungen hat jedoch Vorrang vor eigenständigen Ansprüchen, wenn der eigen
ständige Anspruch im Wohnmitgliedstaat unmittelbar und ausschliesslich auf
grund des Wohnorts der betreffenden Person in diesem Mitgliedstaat besteht (Abs. 1).
Wohnen die Familienangehörigen eines Versicherten in einem Mitgliedstaat, nach dessen Rechtsvorschriften der Anspruch auf Sachleistungen nicht vom Bestehen einer Versicherung, einer Beschäftigung oder einer selbständigen Erwerbstätigkeit abhängt, so werden die Sachleistungen für Rechnung des zuständigen Trägers in dem Mitgliedstaat erbracht, in dem sie wohnen, sofern der Ehegatte oder die Person, die das Sorgerecht für die Kinder des Versicherten hat, eine Beschäftigung oder eine selbständige Erwerbstätigkeit in diesem Mitglied
staat ausübt oder von diesem Mitgliedstaat aufgrund einer Beschäftigung oder einer selbständigen Erwerbstätigkeit eine Rente erhält (Abs. 2).
3.11
Art.
32 VO Nr. 883/2004
enthält eine Kollisionsnorm und bestimmt den leistungs
pflicht
igen Träger und damit auch
das anzuwendende Recht, wenn sich
bei Familien
angehörigen Ansprüche aus eigenem Recht mit solchen aus abgeleitetem Recht
überschneiden beziehungsweise (in Abs. 2 dieser Bestimmung), wenn sich Ansprüche auf Beschäftigung oder allgemeine aus Versicherung mit solchen auf Grundlage der reinen Begründung des Wohnsitzes (Systeme der öffentlichen beziehungsweise nationalen Gesundheitsdienste) konkurrenzieren (Karl-Jürgen Bieback in: Europäisches Sozialrecht,
Maximilian Fuchs [Hrsg.]
, 7. Aufl., Basel/Baden-Baden/Wien 2018, Art. 32 VO Nr. 883/2004 N. 2).
3.12
Das Bundesgericht fasste den Regelungsgehalt von Art.
32 VO Nr. 883/2004
in
BGE 143 V 52 E. 6.3.2 folgendermassen zusammen:
«Die zitierte Bestimmung regelt nicht nur die Anspruchskonkurrenz zwischen eigenen und abgeleiteten Leistungsansprüchen des Familienangehörigen. Viel
mehr stellt sie zugleich eine Kollisionsnorm dar, die das anzuwendende Recht auch bezüglich des Statusverhältnisses (beispielsweise Versicherteneigenschaft) einschliesslich etwaiger Beitragspflichten umfassend und eindeutig bestimmt. Die Vorschrift zielt insbesondere auf die Vermeidung von Doppelversicherungen von Familienangehörigen sowie auf eine Belastungsangleichung innerhalb der EU, soweit Einwohnersysteme (nationale Gesundheitsdienste) betroffen sind (...). Bei Letzteren handelt es sich um ein steuerbasiertes System für Leistungen bei Krank
heit sowie Mutter- und Vaterschaft, das - anders als im Falle von durch Beiträge von Beschäftigen und/oder Selbstständigerwerbenden finanzierten Sozialversi
cherungen - allen Einwohnern eines Landes offensteht (...).
Art. 32 Abs. 1 VO Nr. 883/2004 stellt mithin den Grundsatz auf, dass ein eigen
ständiger Anspruch Vorrang vor einem abgeleiteten Anspruch hat. Diesem Grund
satz ist aber dann ausnahmsweise nicht zu folgen, wenn der eigenständige Anspruch allein durch den Wohnsitz begründet wird. Diesfalls tritt der (eigen
ständige) Anspruch allein auf Grund des Wohnsitzes zurück gegenüber einem abgeleiteten Anspruch aus Versicherung (...). Wenn aber - so Abs. 2 der Bestim
mung - bei den Familienangehörigen der Ehegatte oder die Person mit dem Sor
gerecht für die Familienmitglieder im Wohnstaat gleichzeitig auch selbst eine Beschäftigung oder Erwerbstätigkeit ausübt oder von einem Träger des Wohn
staats eine Rente bezieht, gehen die Ansprüche des Wohnstaats vor (...).
Das Bestehen eines eigenständigen oder abgeleiteten Sachleistungsanspruchs ist sodann in folgender Reihenfolge zu prüfen: Nach Ermittlung des anwendbaren Rechts gemäss Titel II (Art. 11-16) und den Normen des Titels III/Kapitel 1 (Art. 17-35) VO Nr. 883/2004 - vor allem nach Massgabe von Art. 11 und 17 VO Nr. 883/2004 - ist in einem zweiten Schritt zu eruieren, ob auf Grund der Rechts
vorschriften des für den jeweiligen Anspruch zuständigen Mitgliedstaats die ent
sprechenden Voraussetzungen vorliegen. Dabei sind sowohl die Rechtsfolgen der Art. 17 ff. VO Nr. 883/2004 wie auch gegebenenfalls Vor- und Nachrangregelun
gen des nationalen Rechts von Ansprüchen aus Erwerbstätigkeit und aus abge
leitetem Recht als Familienmitglied zu beachten. Besteht nach diesem Prüfvor
gang immer noch ein Normkonflikt, insbesondere weil originärer und abgeleiteter Anspruch nach unterschiedlichen Rechtsordnungen zu bestimmen sind, ist ein Anwendungsfall von Art. 32 Abs. 1 Satz 1 VO Nr. 883/2004 zu bejahen (...)».
4.
4.1
Vorerst ist die Frage nach dem Wohnort des Versicherten und seiner Eltern im Zeitpunkt der Geburt des Versicherten und danach gemäss dem Recht des FZA und der VO 883/2004 zu prüfen.
4.2
In
Art.
1 lit.
j
VO
883/2004
wird der Wohnort als der Ort des gewöhnlichen Auf
enthalts definiert. Davon ist der vorübergehende Aufenthalt zu unterscheiden (
Art.
1 lit.
k
VO
883/2004
). Der Wohnort als gewöhnlicher Aufenthalt befindet sich an demjenigen Ort, an welchem eine Person den Mittelpunkt ihrer Lebens
führung hat. Seine nähere Bestimmung kann von subjektiven oder objektiven Umständen abhängen. Bei subjektiver Bestimmung richtet sich der Wohnort nach dem Willen des Betreffenden; bei objektiver Bestimmung richtet er sich nach den äusserlichen Lebensumständen, die notfalls auch gegen den erklärten Willen des Betreffenden ins Feld geführt werden können
(BGE 138 V 533 E. 54.2)
.
4.3
Art.
11 der
VO
Nr. 987/2009
(Durchführungsverordnung) enthält verschiedene Kriterien, welche nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH; Urteil des EuGH
C
?
589/10
vom 16. Mai 2013 Rn. 50) für
die Bestimmung dieses Mittelpunkts der
Lebensführung
berücksichtigt werden können
. Dazu gehören
die Dauer und Kontinuität des Aufenthalts im Hoheitsgebiet der betreffenden Mitglie
dstaaten,
die familiären Verhältnisse und die familiären Bin
dungen
, die
Art und
die
spezifischen Merkmale
der
ausgeübten Tätigkeit, insbe
sondere des Ortes, an dem eine solche Tätigkeit in der Regel ausgeübt wird, d
ie
Dauer
haftigkeit der Tätigkeit und die
Dauer
des
Arbeitsvertrags,
die Ausübung
einer nicht bezahlten Tätigkeit,
die Einkommensquelle und Wohnsituation von
Studierenden
sowie
der steuerliche Wohnsitz.
Nach der Rechtsprechung ist der unfreiwillige krankheitsbedingte Verbleib an einem bestimmten Ort nicht unbe
dingt wohnsitzbegründend. Im Übrigen lässt das
Gemeinschaftsrecht die Frage, wie der Wohnort zu bestimmen ist, weitgehend offen und überantwortet die nähere Bestimmung dem jeweiligen nationalen Recht (BGE 138 V 186 E. 3.3.1 mit Hinweisen auf Urteile des EuGH
; Kahil-Wolff
in: Europäisches Sozialrecht, Maximilian Fuchs [Hrsg.],
7.
Aufl., Basel/Baden-Baden/Wien 2018,
Art. 1 VO Nr.
883/2004
N.
2
0
).
4.4
Im schweizerischen Recht bestimmt sich der Wohnsitz gemäss Art. 13 Abs. 1 ATSG nach Art. 23-26 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuch
s
(ZGB). Nach Art. 25 Abs. 1 ZGB gilt als Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge der Wohnsitz der Eltern oder, wenn die Eltern keinen gemeinsamen Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter dessen Obhut das Kind steht; in den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort als Wohnsitz. Steht den Eltern die elterliche Sorge und Obhut gemeinsam zu, haben sie aber verschiedene Wohnsitze, so ist umstritten, ob der abgeleitete Wohnsitz zugunsten des effektiven Aufenthalts dahinfällt (Peter Breit
schmid, Personen- und Familienrecht inkl. Kindes- und Erwachsenen
schutzrecht Art. 1-456 ZGB, 2. Aufl., Zürich 2012, Art. 25 ZGB N 1 mit Hinweis auf Staehelin, BSK ZGB 25 N 9 und BGE 135 III 49 E 5.3).
5.
5.1
Den Akten ist zu entnehmen, dass die Mutter des Versicherten, eine Staats
ange
hörige der Föderativen Republik Brasilien, am 7. September 2014 in die Schweiz eingereist ist. Seit diesem Zeitpunkt verfügte sie über eine Aufenthalts
bewilligung B und übte in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit aus (Urk. 6/7/2-3). Gemäss ihren Angaben (Urk. 6/6/1) habe sie sich ab der 28. Schwanger
schaftswoche aus gesund
heitlichen Gründen in einem Spital in Frankreich aufge
halten, worauf sie am 4. November 2016, in der 32. Schwanger
schafts
woche (zuzüglich 6 Tage; Urk. 6/5/1-2 S. 1) die Zwillinge gebar. Nach der Geburt hielten sich die Eltern des Versicherten bis zu dessen Spitalent
lassung am 21. November 2016 in Frank
reich auf (Urk. 6/6/1 und Urk. 10/11).
5.2
Zum Zeitpunkt der Geburt des Versicherten am 4. November 2016 war die Mutter des Versicherten mit dem Vater des Versicherten, O._, ein Staatsan
ge
höriger der Bundesrepublik Deutschland, verheiratet. Der Vater des Versicher
ten war zum Zeitpunkt der Geburt und in der Zeit danach in Frankreich wohnhaft (Urk. 6/1 Ziff. 3.2.2) und übte in Frankreich eine Erwerbstätigkeit aus (Urk. 6/6/1). Den getrenntlebenden Eltern des Versicherten stand das elterliche Sorgerecht gemeinsam zu (Urk. 6/1 Ziff. 3.3).
5.3
Der Versicherte wurde am 4. November 2016 in Frankreich geboren und war dort vom 4. bis 21. November 2016 (Urk. 6/5/1-2) hospitalisiert. Der Versicherte ver
fügte jedoch bereits ab dem Zeitpunkt seiner Geburt über eine Aufenthaltsbe
willigung B in der Schweiz (Urk. 6/7/1) und hielt sich zusammen mit seiner Mutter bis 31. August 2017 (vgl. Urk. 14) in der Schweiz auf.
6.
6.1
Die Umstände, dass die Mutter des Versicherten vor der Niederkunft in der Schweiz wohnhaft war und in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit ausübte, dass sie nach der an die Geburt des Versicherten anschliessenden Hospitalisation in Frank
reich zurück in die Schweiz reiste und dort bis 31. August 2017 verblieb (Urk. 14), sowie der Umstand, dass der Versicherte bereits ab dem Zeitpunkt seiner Geburt in der Schweiz über eine Aufenthaltsbewilligung B verfügte, stellen Indi
zien für die Annahme eines Lebensmittelpunktes des Versicherten in der Schweiz dar. Dem Schreiben der Mutter des Versicherten an die Beschwerde
gegnerin vom 26. Januar 2017 (Urk. 6/6/1) ist sodann zu entnehmen, dass sie für die Nieder
kunft ein Spital in Frankreich, wählte, um es ihren Familien
an
gehörigen und insbesondere ihrem Ehegatten zu ermöglichen, sie während des Spital
aufenthalts besuchen zu können. Dies stellt ein Indiz dafür dar, dass der Aufenthalt in Frankreich nur für die Schwangerschaft und Nieder
kunft geplant war, und dass kein andauernder Aufenthalt in Frankreich beabsichtigt war. Der Umstand, dass der Versicherte nach der Entlassung aus dem Spital in Frankreich nicht bei seinem in Frankreich wohnhaften Vater, welcher mit der Mutter das gemeinsame elterliche Sorgerecht innehatte, verblieb, sondern sich bei seiner Mutter in der Schweiz aufhielt, hat sodann als Indiz dafür zu gelten, dass sich die Eltern des Versicherten offensichtlich darauf verständigten, dass die Mutter die tatsächliche Obhut über den Versicherten ausübe. Dies stellt ein weiteres Indiz für einen Wohnort beziehungsweise für einen Ort des dauernden Aufenthalts des Versicherten in der Schweiz dar.
6.2
In Anbetracht der gesamten Umstände ist daher nicht daran zu zweifeln, dass sich der Versicherte und seine Mutter lediglich vorübergehend, um Leistungen der Heilbehandlung in Anspruch zu nehmen, in Frankreich aufgehalten haben, und dass sich der Mittelpunkt der Lebensführung, die persönlichen Lebensum
stände der Mutter des Versicherten sowie des sich in ihrer tatsächlichen Obhut befindenden Versicherten vom Zeitpunkt seiner Geburt bis 31. August 2017 in der Schweiz befanden. Es ist daher mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit davon auszugehen, dass sich in diesem Zeitraum der Wohnort beziehungsweise der Ort des gewöhnlichen Aufenthalts des Versicherten im Sinne von Art. 1 lit. j VO 883/2004 in der Schweiz befand.
7.
7.1
Da sowohl der Vater als auch die Mutter des Versicherten zum Zeitpunkt seiner Geburt in je einem anderen Vertragsstaat je eine Beschäftigung ausübten, beur
teilt sich die Frage nach dem anwendbaren Recht nach Art. 32 der VO 883/2004 (vgl. vorstehend E. 3.12).
7.2
Am 1. Januar 2016 wurde in Frankreich der neue allgemeine Kranken
versiche
rungs
schutz (protection universelle maladie, PUMA) eingeführt (
www.ameli.fr/assure/droits-de
marches/europe-international/protection-sociale-france
). Durch die Einführung der PUMA am 1. Januar 2016 fiel zwar der Status des leistungsberechtigten Familienmitglieds für alle volljährigen Personen weg, minderjährige Familienangehörige behielten den Status der leistungsberechtigten Person indes
bei (
www.cleiss.fr/docs/regimes/regime_france
). Demzufolge war der Versicherte bei seiner Geburt in Frankreich durch seinen in Frankreich wohn
haften Vater bei dessen Krankenversicherung grundsätzlich mitversichert. Dabei handelte es sich um einen abgeleiteten Anspruch, welcher gemäss Art. 32 Abs. 1 VO 883/2004 gegenüber einem eigenständigen
Sachleistungs
anspruch
nachran
gig war.
7.3
Da es sich bei der französischen allgemeinen Krankenversicherung PUMA nicht um ein
Einwohnersystem
beziehungsweise um ein solches a
uf Grundlage der reinen Begründung des Wohnsitzes
,
sondern um ein System der Kranken
ver
si
cherung handelt, bei welchem
der Anspruch auf Sachleistungen vom Bestehen einer Versicherung
und/oder
einer Beschäftigung oder einer selb
ständigen
Erwerbs
tätigkeit abhängt (
www.cleiss.fr/docs/regimes/regime_france
),
ist Art. 32 Abs. 2 VO 883/2004 vorliegend nicht anwendbar.
7.4
Demgegenüber handelt es sich beim Anspruch auf medizinische Massnahmen bei Geburtsgebrechen gemäss den Rechtsvorschriften der Schweiz (Art. 1b in Verbin
dung mit Art. 13 Abs. 1 IVG) um einen eigenständigen Anspruch. Laut Art. 32 Abs. 1 VO 883/2004 hat ein (eigenständiger) Anspruch gemäss den Rechts
vor
schriften der Schweiz, wenn ein solcher ausgewiesen ist, daher Vorrang vor einem (abgeleiteten) Anspruch gemäss dem französischen Recht. Dies gilt es im Folgen
den zu prüfen.
7.5
7.5.1
Da der Versicherte zum Zeitpunkt seiner Geburt Wohnsitz in der Schweiz hatte (vorstehend E. 6.2), gehörte er gemäss Art. 1b IVG in Verbindung mit Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG seit seiner Geburt zum Kreis der versicherten Personen der Invalidenversicherung und war seit diesem Zeitpunkt der
obligatorische
n Versi
cherung unterstellt.
7.5.2
Gemäss
Art.
2 FZA dürfen die Staatsangehörigen einer Vertragspartei, die sich rechtmässig im Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei aufhalten, bei der Anwendung dieses Abkommens gemäss den Anhängen I, II und III nicht aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit diskriminiert werden
. In Art. 4 der VO 883/2004 ist sodann geregelt, dass
Personen, für die diese Verordnung gilt, die gleichen Rechte und Pflichten aufgrund der Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats wie die S
taatsangehörigen dieses Staates, so
fern in dieser Verordnung nichts
A
nderes bestimmt ist
.
7.5.3
Gemäss der Rechtsprechung (BGE 133 V 320 E. 5.7 zu Art. 3 der bis 31. März 2012 in Kraft gewesenen VO 1408/71) ist, wenn die
Voraussetzungen des persön
lichen und sachlichen Geltungsbereichs der
VO 883/2004
gegeben
sind
,
auf Grund von Art. 4 der VO 883/2004
eine auf die Staatsangehörigkeit abstellend
e Ungleichbehandlung unzulässig, weshalb sich der
Anspruch auf medizinische Massnahmen bei Geburtsgebrechen
gemäss den für schweizerische Staatsange
hörige und nicht gemäss den
für ausländische Staatsangehörige geltenden gesetzlichen Vorschriften
bemisst.
7.5.4
Da beim Versicherten die Voraussetzungen
des persönlichen und sachlichen Gel
tungsbereichs der
VO 883/2004 erfüllt sind (vorstehend E. 3.4 und E. 3.5.2), ist eine
auf die Staatsangehörigkeit
(Deutschland; Urk. 6/1/2)
abstellend
e Ungleich
behandlung des Versicherten gemäss Art. 4 der VO 883/2004 unzulässig
.
Bei der Prüfung der versicherungsmässigen Voraussetzungen für den Anspruch auf medizinische Eingliederungsmassnahmen ist vorliegend daher nicht nach Art. 6 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 9 Abs. 3 IVG sondern nach Art. 6 Abs. 1 IVG vor
zugehen. Weil
schweizerische Staatsangehörige in der Lage des
Versicherten die versicherungsmässigen Voraussetzungen für
medizinische Massnahmen bei Geburtsgebrechen
erfüllen
, muss dasselbe
auch für den Versicherten gelten.
7.6
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 ATSG) notwendigen medizini
schen Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebre
chen, für welche diese Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung aus
schliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Art. 13 Abs. 2 IVG). Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (Art. 3 Abs. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 Satz 1 der Verordnung über Geburtsgebrechen, GgV). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein Geburts
gebre
chen als solches erkannt wird, ist unerheblich (Art. 1 Abs. 1 GgV). Die Geburts
gebrechen sind in der Liste im Anhang aufgeführt. Das Eidgenössische Departe
ment des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehr
ausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (Art. 1 Abs. 2 GgV). Als medizinische Mass
nahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissen
schaft ange
zeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweck
mässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV).
7.7
Die Geburtsgebrechen sind in einer Liste im Anhang der GgV aufgeführt (Art. 1 Abs. 2 Satz 1 GgV). Wird die Behandlung eines Geburtsgebrechens nur über
nommen, weil eine im Anhang festgelegte Therapie notwendig ist, so beginnt der Anspruch mit der Einleitung dieser Massnahme; er umfasst alle medizinischen Massnahmen, die in der Folge zur Behandlung des Geburtsgebrechens notwendig sind (Art. 2 Abs. 2 GgV). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV).
7.8
In der Liste im Anhang der GgV sind
zahlreiche Gebrechen auf
geführt
, bei denen ein Leistungsanspruch davon abhängt, ob eine Operation oder eine andere näher umschri
ebene Behandlung notwendig ist.
Diese Kriterien dienen der Umschrei
bung eines bestimmten Schweregrades, indem nur bei einer bestimmten Behand
lungsform ein zu Lasten der Invalidenversicherung gehendes Geburts
gebrechen vorliegt (BGE 142 V 58
E. 3.1). Um ein solches Geburtsge
brechen handelt es sich bei der Ziff. 497 der Liste des Anhangs der GgV.
Vom Geburtsgebrechen der Ziff. 494 erfasst werden
Neugeborene mit einem Geburts
gewicht unter 2000
Gramm
bis zur Erre
ichung eines Gewichtes von 3000 Gramm.
Beim Geburtsgebrechen der Ziff. 497 handelt es sich um s
chwere respiratorische Adaptationsstörungen (wie Asphyxie, Atemnotsyndrom, Apnoen), sofern sie in den ersten 72 Lebensstunden manifest werden und eine Intensivbehandlung begonnen werden muss
.
7.9
In Art. 14 Abs. 1 IVG wird der Umfang der medizinischen Massnahmen geregelt. Diese umfassen die Behandlung, die vom Arzt selbst oder auf seine Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege vorgenommen wird, mit Ausnahme von logopädischen und psychomotorischen Therapien (lit. a) und die Abgabe der vom Arzt verordneten Arzneien (lit. b). Gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung hat die versicherte Person überdies, wenn die ärztliche Behandlung in einer Kranken- oder Kuranstalt erfolgt, Anspruch auf Unterkunft und Ver
pfle
gung in der allgemeinen Abteilung. Begibt sie sich in eine andere Abteilung, obwohl die Massnahme in der allgemeinen Abteilung durchgeführt werden könnte, so hat sie Anspruch auf Ersatz der Kosten, die der Versicherung bei Behandlung in der allgemeinen Abteilung entstanden wären.
7.10
Art.
14
bis
IVG
bestimmt, dass
die Kostenvergütung für stationäre Behandlungen im Sinne von
Art.
14
Abs.
1 und 2 IVG, die in einem nach
Art.
39 des Bundesge
setzes über die Krankenversicherung (KVG) zugelassenen Spital erbracht werden, im Umfang von 80
%
durch die Versicherung und im Umfang von 20
%
durch den Wohnkanton der versicherten Person geleistet
wird
, wobei der Wohnkanton seinen Anteil direkt dem Spital zu entrichten hat.
7.11
Gemäss Art. 9 Abs. 1 IVG
werden die Eingliederungsmassnahmen in der Schweiz, ausnahmsweise auch im Ausland, gewährt
. In Art. 23
bis
IVV wird präzisiert, dass die Versicherung die Kosten einer einfachen und zweckmässigen Durchführung im Ausland übernimmt, wenn sich die Durchführung einer Eingliederungs
mass
nahme in der Schweiz als unmöglich erweist, insbesondere weil die erforderlichen Institutionen oder Fachpersonen fehlen (Abs. 1). Die Versicherung übernimmt sodann die Kosten für die einfache und zweckmässige Durchführung medizini
scher Massnahmen, die notfallmässig im Ausland durchgeführt werden (Abs. 2). Wird eine Eingliederungsmassnahme aus anderen beachtlichen Gründen im Aus
land durchgeführt, so vergütet die Versicherung die Kosten bis zu dem Umfang, in welchem solche Leistungen in der Schweiz zu erbringen gewesen wären (Abs. 3).
8.
8.1
Die Ärzte des Spitals D._, E._, Frankreich, stellten in ihrem Bericht vom 28. November 2016 (Urk. 6/5/1-2) fest, dass der Versicherte am 4. November 2016 im Rahmen einer Frühgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche (zuzüglich 6 Tage) als monochorialer
, mo
noamnioter
Zwilling geboren worden sei. Da nach der Geburt Atemnot aufgetreten sei, seien fünf Minuten nach der Geburt eine künstliche Beatmung (CPAP) und eine atemstimulierende Medikation mit Koffein erforderlich gewesen. Bei der Geburt am 4. November 2016 habe der Versicherte ein Gewicht von 1536 Gramm und bei Spitalaustritt am 21. November 2016 ein solches von 1645 Gramm aufgewiesen.
8.2
Die Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes der Beschwerdegegnerin (RAD), Dr. F._, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, führte in ihre Stellungnahme vom 3. April 2017 (Urk. 6/13/2) aus, dass der Spitalaufenthalt der Mutter des Versicherten ab der 28. Schwangerschaftswoche zur Überwachung einer Risikoschwangerschaft medizinisch indiziert gewesen sei, dass die statio
näre Behandlung jedoch auch in der Schweiz hätte stattfinden können. Obwohl den Akten nicht zu entnehmen sei, weshalb der Kaiserschnitt so früh durchge
führt worden sei, sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Geburt auch in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt herbeigeführt worden wäre, und dass es beim Ver
sicherten auch bei einer Geburt in der Schweiz zu einem Geburtsgebrechen der Ziff. 494 der Liste des Anhangs zur GgV gekommen wäre. Bei der Geburt habe der Versicherte ein Gewicht von 1536 Gramm aufgewiesen, weshalb ein Geburts
gebrechen der Ziff. 494 der Liste des Anhangs zur GgV bis zum Erreichen eines Gewichts von 3000 Gramm ausgewiesen sei. Da der Versicherte vorüber
gehend mittels einer CPAP-Beatmung und mittels Koffeinzitrat habe behandelt werden müssen, sei ein Geburtsgebrechen der Ziff. 497 der Liste des Anhangs zur GgV für die Zeit ab der Geburt bis 21. November 2017 zu bejahen.
9.
9.1
Gestützt auf die erwähnten medizinischen Akten, insbesondere den Bericht der Ärzte des Spitals D._ vom 28. November 2016 (vorstehend E. 8.1), steht daher fest, dass der Versicherte bei der Geburt am 4. November 2016 ein Gewicht von 1536 Gramm und bei Spitalaustritt am 21. November 2016 ein solches von 1645 Gramm aufgewiesen hat. Da das Geburtsgewicht unter 2000 Gramm zu liegen kam, sind daher die Voraussetzungen des Geburtsgebrechens der Ziff. 494 der Liste des Anhangs zur GgV
bis zur Erre
ichung eines Gewichtes von 3000 Gramm erfüllt.
9.2
Des Weiteren steht gemäss der medizinischen Aktenlage fest, dass der Versicherte nach der Geburt bis zum Spitalaustritt am 21. November 2016 mittels künstlicher Beatmung und atemstimulierender Medikation behandelt wurde. Gestützt auf die nachvollziehbare Beurteilung durch Dr. F._ vom 3. April 2017 (vorstehend E. 8.2) ist daher davon auszugehen, dass der Versicherte unmittelbar nach der Geburt unter einer
schwere
n
respiratorische
n Adaptationsstörung litt, welche eine
Intensivbehandlung
erforderte. Demzufolge steht fest, dass die Voraussetzungen des Geburtsgebrechens der Ziff. 497 für die Zeit ab der Geburt vom 4. November 2016 bis zum Spitalaustritt am 21. November 2016 erfüllt waren.
9.3
Vorliegend ist unbestritten (Urk. 1), dass die für die Behandlung der Geburts
ge
brechen der Ziff. 494 und 497 der Liste des Anhangs zur GgV erforderlichen medizinischen Eingliederungsmassnahmen auch in der Schweiz hätten durch
ge
führt werden können. Zu prüfen ist indes, ob die medizinischen Mass
nahmen gemäss Art. 23
bis
Abs. 2 IVV notfallmässig im Ausland durchgeführt wurden.
9.4
9.4.1
Gemäss der auch bei der Auslegung von Art. 23
bis
Abs. 2 IVV zu beachtenden Definition des Notfalls in Art. 36 Abs. 2 der
Verordnung über die Kranken
versi
cherung (KVV)
liegt ein solcher vor, wenn die versicherte Person
bei einem vorübergehenden Auslandsaufenthalt einer medizinischen Behandlung
bedarf
und
wenn
eine Rückreise in die Schweiz nicht angemessen ist.
Demgegenüber besteht k
ein Notfall, wenn sich
die versicherte Person
zum Zwecke dieser
B
ehandlung ins Ausland
begibt.
9.4.2
Gemäss der Rechtsprechung liegt ein
Notfall
im Sinne
von Art. 36 Abs. 2 KVV vor, wenn die versicherte Person bei einem vorübergehenden Auslandaufenthalt einer unaufschiebbaren medizinischen Hilfe bedarf und eine Rückreise in die Schweiz nic
ht möglich oder angemessen ist
(BGE 126 V 484 E. 4).
Die Ange
messenheit der Rückreise beurteilt sich nach den gesamten Umständen des ein
zelnen Falles. Dazu gehören die medizinische Zumutbarkeit der Rückreise, die Kosten der Rückreise im Verhältnis zu den Behandlungskosten, aber auch die Prüfung, ob die Behandlung in der Schweiz möglich gewesen wäre oder ob die Rückkehr eine Verzögerung der Behandlung und dadurch eine Verschlechterung des Gesundheitszustands nach sich gezogen hätte (Urteile des Bundessgerichts 9C_1009/2010 vom 29. Juli 2011 E. 2.3; 9C_35/2010 vom 28. Mai 2010 E. 3-5).
9.4.3
Dem Bericht der Ärzte des Spitals D._ vom 28. November 2016 (vorste
hend E. 8.1) ist zu entnehmen, dass die Niederkunft am 4. November 2016 geplant war (Accouchement par césarienne programmée). Damit überein
stimmend ist dem sich bei den Akten befindenden Mail der G._ AG an die Beschwerdeführerin vom 27. September 2016 (Urk. 10/1) zu entnehmen, dass die Niederkunft am 4. November 2016 geplant war.
9.4.4
Gemäss der Aktenlage steht daher fest, dass es sich bei der Niederkunft mittels Kaiserschnitt vom 4. November 2016 um eine geplante Behandlung im Ausland handelte. Vor der Geburt des Versicherten stand indes nicht fest und es war nicht vorherzusehen, dass der Versicherte bei der Geburt lediglich ein Gewicht von 1536 Gramm aufweisen und dass er nach der Geburt unter einer
schwere
n
respi
ratorische
n Adaptationsstörung leiden würde, welche eine stationäre Intensiv
be
handlung mit künstlicher Beatmung und atemstimulierender Medikation erfor
dert. Bei der stationären Behandlung des Versicherten vom 4. November 2016 bis 21. November 2016 handelte es sich daher nicht um eine geplante Behandlung. Vielmehr bedurfte der Versicherte nach seiner Geburt in Frankreich unvermittelt einer
unaufschiebbaren medizinischen
Behandlung.
9.4.5
Die beteiligten Ärzte nahmen nicht ausdrücklich zur Frage nach der Reisefähig
keit des Versicherten beziehungsweise zur Frage, ob beziehungsweise ab welchem Zeitpunkt eine Reise des Versicherten in die Schweiz möglich oder angemessen war, Stellung. Auf Grund des Umstandes, dass der Versicherte bei Geburt lediglich ein Gewicht von 1536 Gramm und bei Spitalaustritt am 21. November 2016 ein solches von 1645 Gramm aufwies, sowie auf Grund des Umstandes, dass der Ver
sicherte seit der Geburt unter einer
schwere
n
respiratorische
n Adaptationsstörung litt, welche in der Zeit vom 4. bis 21. November 2016 einer intensiven stationären Behandlung mit künstlicher Beatmung und atemstimulierender Medikation bedurfte, ist indes mit dem massgebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit davon auszugehen, dass in der Zeit vom 4. November bis 21. No
vember 2016 eine Reise in die Schweiz für den Versicherten mit nicht unerhebli
chen gesundheitlichen Risiken verbunden und dass während dieses Zeitraums eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Versicherten durch eine Reise in die Schweiz nicht auszuschliessen war. In Würdigung der gesamten Umstände ist daher davon auszugehen, dass eine Reise in die Schweiz für den Versicherten in der Zeit ab der Geburt am 4. November 2016 bis zum Zeitpunkt des Austritts aus dem Spital D._ am 21. November 2016 nicht ange
messen war.
9.4.6
Demzufolge ist davon auszugehen, dass es sich bei der in der Zeit vom 4. bis 21. November 2016 in Frankreich durchgeführten stationären Behandlung der Geburtsgebrechen der Ziff. 494 und 497 der Liste des Anhangs zur GgV um not
fallmässige Behandlungen im Sinne von Art. 23
bis
Abs. 2 IVV gehandelt hat.
10.
Nach Gesagtem ist ein Anspruch des Versicherten auf medizinische Massnahmen im Sinne von Art. 13 IVG für die gemäss Art. 9 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 23
bis
Abs. 2 IVV notfallmässig in der Zeit vom 4. bis 21. November 2016 anlässlich eines stationären Aufenthalts im Spital D._ in E._, Frankreich, durchgeführte Behandlung der Geburtsgebrechen der Ziff. 494 und 497 der Liste des Anhangs zur GgV zu bejahen.
In diesem Sinne ist die Beschwerde daher gutzuheissen.
11.
11.1
Nicht zum Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens gehört die Frage nach dem Umfang des Leistungsanspruchs der Beschwerdeführerin in betraglicher Hin
sicht.
11.2
Gemäss der Rechtsprechung ist in Bezug auf Kostenbeteiligungen
im Rahmen der internationalen Leistungsaushilfe
das im Behandlungsland geltende Recht der sozialen Sicherheit massgebend (BGE 141 V 612 E. 6.2). Das französische Recht der Krankenversicherung (PUMA) sieht grundsätzlich eine Kostenbeteiligung beziehungsweise einen Selbstbehalt (unterschiedlicher Höhe) der versicherten Person vor
(www.cleiss.fr/docs/regimes/
regime_france). Demgegenüber ist von der versicherten Person bei einer Durchführung medizinischer Massnahmen im Ausland im Sinne von Art.
13
in Verbindung mit Art.
9
Abs.
1 IVG
und Art.
23
bis
Abs.
2 IVV
keine Kostenbeteiligung geschuldet.
Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin als Krankenversicherer des Versicherten die streitigen Kosten der Behandlung in Frankreich gemäss dem in Frankreich für Krankenversicherer geltenden Tarif beglichen hat (Urk. 11/11 S. 4). Davon ausgenommen ist indes ein allfälliger Selbstbehalt. Diesen haben die Eltern indes akzeptiert, haben sie doch selbst keine Kostenübernahme durch die Beschwerdegegnerin verlangt. Der Versicherte ist daher nicht beschwert, wenn nun an Stelle des Krankenversicherers die Beschwerdegegnerin leistungspflichtig wird und kein Selbstbehält anfällt.
Unter diesen Umständen ist mangels eines Rechtsschutz
interesses von einer Bei
ladung des Versicherten zum Verfahren (§ 14 Abs. 1 GSVGer) beziehungsweise von einer solchen seiner Eltern abzusehen.
12.
Gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantona
len Versicherungsgericht bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Ver
weige
rung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert innerhalb des gesetzli
chen Rahmens (Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.--) auf
Fr. 1’000.-- fest
zusetzen und gemäss dem Ver
fahrensausgang
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
.