# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** b5dbeffc-472a-4df9-8764-d5ec61a38602
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 30. September 2021 (DG210028)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 27. April
2021 (Urk. D1/28) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33
Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. a WG und Art. 27
Abs. 1 WG,
− des mehrfachen Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von
Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG,
− der Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch im Sinne von
Art. 94 Abs. 1 lit. a SVG,
− der Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in
Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG sowie
− der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von
Art. 19 Abs. 1 lit. a, lit. c und lit. d BetmG.
2. Vom Vorwurf der Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrun-
fähigkeit im Sinne von Art. 91a Abs. 1 SVG wird der Beschuldigte freige-
sprochen.
3. Die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland, Zweigstel-
le Flughafen, vom 6. August 2018 ausgefällte bedingte Geldstrafe von
75 Tagessätzen zu je Fr. 130.– wird widerrufen.
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4. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von
5 1⁄2 Jahren, wovon bis und mit heute 444 Tage durch Haft erstanden sind,
sowie, unter Einbezug der widerrufenen Strafe, mit einer Geldstrafe von
180 Tagessätzen zu je Fr. 30.– als Gesamtstrafe und mit einer Busse von
Fr. 300.–.
5. Die Busse und die Geldstrafe sind zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte
die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe
von 3 Tagen.
6. Es wird eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB (Behandlung
psychische Störung sowie Suchtbehandlung Alkohol und Kokain) angeord-
net.
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird zu diesem Zweck nicht aufgeschoben.
7. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 24. Juli
2020 beschlagnahmte und bei der Kantonspolizei Zürich, Asservate-Triage,
aufbewahrte Mobiltelefon, Smartphone, Marke iPhone, grau (A014'039'840)
wird dem Beschuldigten zuhanden seiner Effekten herausgegeben.
8. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 26. April 2021 beschlagnahmten Gegenstände werden eingezogen und
der Lagerbehörde zur Vernichtung bzw. gutscheinenden Verwendung über-
lassen:
a) beim Forensischen Institut Zürich lagernd:
− 1 Kinderjacke, Grösse 92, blau, Marke H&M (A013'996'980) − 2 Patronen, Remington Peters, Kal. 357 SIG, Vollmantel
(A013'996'935) − 1 Hülse, Remington Peters, Kal. 357 SIG (A013'996'946) − 1 Projektil, aus Kinderjacke (A013'997'018) − 1 Projektil, aus Wohnzimmerwand (A013'997'085) − 1 Hülse, Remington Peters, Kal. 357 SIG (A013'997'121)
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− 1 Patrone, Remington Peters, Kal. 357 SIG, Vollmantel (A013'997'201)
− 1 Pistole, SIG Sauer, P229, Kal. 357 SIG, Nr. AE13666, inkl.  (A013'997'676)
− Munition: 13 Patronen aus Magazin der SIG Sauer, P229, Kal. 357 SIG, Nr. AE13666, 1 Patrone für Schmauchversuch  (A013'998'555)
− 2 Patronen, Remington Peters, Kal. 357 SIG (A013'998'793)
b) bei der Kantonspolizei Zürich, Asservate-Triage, lagernd:
− 1 Schwert mit Holzgriff und -schaft (A013'995'567) − 1 Gewehr, Pumpaction Mossberg 590 12 GA, Nr. P015743
(A013'995'614) − 1 Baseballschläger, Beschriftung «good night» (A013'995'636) − 1 Baseballschläger, Big stick (A013'995'669) − 1 Gewehr, Doppellauf-Flinte T03-63 inkl. Stofftasche schwarz
(A013'995'670) − Munition: 4 Kisten diverse Schrotmunition (A013'995'681) − 1 Luftgewehr, Gamo/Camo Rocket (A013'995'749) − 1 Patrone, Kal. 357 (A013'996'684) − Munition: 10 Schuss Munition, 500 S&W, 2 Schuss Munition,
357 SIG (A013'996'708) − 8 verschossene Schrothülsen, ELEY 12, 1 zerrissene Schiess-
scheibe (A013'996'720)
9. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 26. April 2021 beschlagnahmten und bei der Kantonspolizei Zürich, As-
servate-Triage, unter der BM Lagernummer B01958-2020 aufbewahrten Be-
täubungsmittel und Betäubungsmittelutensilien werden eingezogen und der
Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen:
− 3 Säcke Marihuana, Sack-Nr. 1 brutto 96.6 Gramm, Sack-Nr. 2 brutto 89.2 Gramm, Sack-Nr. 3 brutto 152.2 Gramm (A013'996'797)
− 3 Säcke Marihuana, Sack-Nr. 1 brutto 29.6 Gramm, Sack-Nr. 2 brutto 113.3 Gramm, Sack-Nr. 3 brutto 154 Gramm (A013'996'800)
− 1 Sack Marihuana, netto 234.8 Gramm (A013'997'052) − 1 Sack Marihuana, netto 254 Gramm (A013'997'074) − 1 Sack Marihuana, netto 239.3 Gramm (A013'997'109)
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− 1 Sack Marihuana, netto 82.5 Gramm (A013'997'234) − 1 Sack Marihuana-Blütenstaub, netto 24.4 Gramm (A013'997'289) − 1 Minigrip unbekannte Substanz, netto 1.3 Gramm (A013'997'314) − 1 Feinwaage, My Weigh 7001DX, inkl. Verpackungsmaterial
(A013'997'336) − 1 schwarze Box enthaltend Utensilien zur Herstellung von Haschisch,
1 Feinwaage, 1 angefangene Packung Ephedrine HCL (A013'997'405)
10. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
vom 26. April 2021 beschlagnahmten und bei der C._ AG, ... [Adresse],
aufbewahrten Gegenstände werden eingezogen und der Lagerbehörde zur
Vernichtung überlassen:
− 1 Grow-Zelt − 2 Aktivkohlefilter, 1 x 40 cm und 1 x 50 cm − 3 Lampen, 2 x 600 W, 1 x Unbekannt − 4 Nitro-Dampf-Birnen, 600 W − 2 Trafo/Vorschaltgeräte, 600 W − 3 Ventilatoren, 1 x 15 W, 2 x 20 W − 3 Lüftungsanlagen/-rohre, 170 W − 2 Luftentfeuchter, 850 W − 7 Trocknungsnetze, 50 cm − 1 Polynator − 1 Sprühflasche − 1 Giesskanne − 1 Erdsack, 50 l − 1 Kiste mit Zubehör − 44 Gartenstangen − 21 Pflanzentöpfe − 4 Regentonnen, 3 x 30 I, 1 x 60 l
11. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
B._ für Folgen aus der strafbaren Handlung vom 13. Juli 2020 dem
Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
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12. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ Fr. 8'000.–
zuzüglich 5 % Zins ab 13. Juli 2020 als Genugtuung zu bezahlen.
13. Der Antrag des Beschuldigten auf Ausrichtung einer Genugtuung wird ab-
gewiesen.
14. Der Antrag des Beschuldigten auf Ausrichtung von Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 107'806.05 wird abgewiesen.
15. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 5'000.00 Gebühr Vorverfahren Fr. 31'567.00 Auslagen (Gutachten) Fr. 6'701.90 Auslagen Untersuchung
Fr. 376.95 Lagerkosten C._ AG
Fr. 12'360.70 Entschädigung amtliche Verteidigung RA lic. iur. X2._ (bereits bezahlt)
Fr. 19'905.00 Entschädigung amtliche Verteidigung RA Dr. iur. X1._ (inkl. MWST und Barauslagen)
Fr. 9'463.00 Entschädigung unentgeltliche Rechtsvertretung der Privat-klägerin (inkl. MWST und Barauslagen)
Fr. 91'374.55 Total
Allfällige weitere Kosten (inkl. allfällige weitere Lagerkosten der
C._ AG) bleiben vorbehalten.
16. Die Kosten gemäss Dispositiv-Ziffer 15 werden dem Beschuldigten aufer-
legt. Die Kosten der amtlichen Verteidigungen und der unentgeltlichen
Rechtsvertretung der Privatklägerin werden indessen einstweilen auf die Ge-
richtskasse genommen. Eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO
sowie Art. 138 Abs. 1 StPO in Verbindung mit Art. 426 Abs. 4 StPO bleibt
vorbehalten.
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Zusätzlich werden dem Beschuldigten die Kosten von Fr. 1'200.– aus dem
Beschwerdeverfahren vor der III. Strafkammer des Obergerichts des Kan-
tons Zürich (UB200157-O) auferlegt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 102 S. 2; Urk. 115 S. 2)
1. Es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der versuchten Tötung freizu-
sprechen.
2. Es sei dem Beschuldigten eine Genugtuung im Ermessen des Gerichts
zuzusprechen.
3. Es sei dem Beschuldigten einen Schadenersatz von Fr. 173'393.95 zu
entrichten.
4. Die Kosten des Verfahrens seien zu mindestens 9/10 und die Kosten
des Verfahrens vor Obergericht zur Gänze auf die Staatskasse zu
nehmen.
5. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien vollumfänglich auf die
Staatskasse zu nehmen.
b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 100 S. 3; Urk. 116 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 9 1⁄2 Jahren, einer
Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr. 30.– und einer Busse von
Fr. 300.– zu bestrafen.
2. Im Übrigen sei das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen.
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c) Der Vertreterin der Privatklägerschaft:
(Urk. 106)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils hinsichtlich der Zivilansprüche im
Falle der Verurteilung des Beschuldigten.
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## Considerations

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richtes Winterthur vom 30. September 2021 meldeten der Beschuldigte am
1. Oktober 2021 und die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (fortan Staats-
anwaltschaft) am 6.Oktober 2021 Berufung an (Urk. 70 und 77). Das begründete
Urteil der Vorinstanz wurde ihnen am 12. Januar 2022 zugestellt (Urk. 94), worauf
die Staatsanwaltschaft am 25. Januar 2022 und der Beschuldigte am 27. Januar
2022 je die Berufungserklärung einreichten (Urk. 100 und 102).
1.2. Innert angesetzter Frist gemäss Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO verzichtete die
Privatklägerin sinngemäss auf Erhebung einer Anschlussberufung (Urk. 106).
1.3. Am 26. Januar 2022 wurde ein neuer Strafregisterauszug über den Be-
schuldigten eingeholt (Urk. 101). Nachdem die Parteien mit Vorladung vom
21. März 2022 zur heutigen Berufungsverhandlung vorgeladen worden waren
(Urk. 108), reichte die Justizvollzugsanstalt D._ auf entsprechendes Ersu-
chen einen therapeutischen Erstbericht des PPD und einen Vollzugsbericht be-
treffend den Beschuldigten ein (Urk. 109 bis 112). Der Beschuldigte liess zudem
Urkunden betreffend seine Besuchs- und Telefonkontakte im Gefängnis einrei-
chen
(Urk. 114/1-2).
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1.4. Zur Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte in Begleitung seines amt-
lichen Verteidigers, Rechtsanwalt Dr. iur. X2._, und Staatsanwältin lic. iur.
Groth erschienen (Prot. II S. 5).
2. Umfang der Berufung
Die Staatsanwaltschaft beschränkte ihre Berufung auf die Bemessung der (Frei-
heits-)Strafe (Urk. 100), während der Beschuldigte vom Vorwurf der versuchten
Tötung freigesprochen und entsprechend nicht mit einer Freiheitsstrafe (sondern
nur mit Geldstrafe und Busse für die übrigen, nicht angefochtenen Schuldsprü-
che) bestraft, aber für die erlittene Haft und den damit verbundenen Lohnausfall
entschädigt werden möchte. Die Regelung der Zivilansprüche der Privatklägerin
wird demgegenüber, trotz Anfechtung des diesbezüglichen Schuldpunktes, aus-
drücklich akzeptiert (Urk. 102).
Entsprechend ist vorab festzustellen, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Win-
terthur vom 30. September 2021 bezüglich der Dispositivziffern 1 teilweise
(Schuldsprüche gemäss 2. bis 6. Spiegelstrich), 2 (Freispruch vom Vorwurf der
Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit), 3 (Widerruf
der Vorstrafe), 4 teilweise (Geldstrafe und Busse), 5 (Vollzug Geldstrafe und Bus-
se bzw. Ersatzfreiheitsstrafe), 6 Abs. 1 (Anordnung einer ambulanten Behandlung
im Sinne von Art. 63 StGB), 7 (Herausgabe Mobiltelefon), 8 (Einziehung und Ver-
nichtung/gutscheinende Verwendung beschlagnahmter Gegenstände), 9 (Einzie-
hung und Vernichtung beschlagnahmter Betäubungsmittel und Betäubungsmit-
telutensilien), 10 (Einziehung und Vernichtung beschlagnahmter Gegenstände),
11-12 (Regelung der Zivilansprüche) sowie 15 (Kostenfestsetzung) in Rechtskraft
erwachsen ist.
Die Frage, ob der Vollzug der Freiheitsstrafe für die ambulante Behandlung ge-
mäss Art. 63 StGB aufgeschoben werden soll oder nicht, hängt davon ab, ob
nachfolgend überhaupt eine Freiheitsstrafe auszufällen sein wird. Entsprechend
kann Dispositivziffer 6 Abs. 2 des erstinstanzlichen Urteils heute noch nicht als
rechtskräftig angesehen werden.
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3. Sachverhalt
3.1. Was den heute noch umstrittenen Anklagesachverhalt I (Dossier 1; vgl.
Urk. D1/28 S. 2 f.) angeht, steht aufgrund der im Wesentlichen übereinstimmen-
den Aussagen des Beschuldigten und der Privatklägerin fest, dass der Beschul-
digte am Montag, 13. Juli 2020, ab ca. 17.30 Uhr, zuhause an der E._-
strasse ... in F._, nachdem er den Tag damit verbrachte hatte, Bier zu trin-
ken, Kokain zu konsumieren und zu schlafen, nach einer verbalen Auseinander-
setzung mit der Privatklägerin eine Pistole, SIG Sauer P229, behändigte, im Win-
tergarten Munition aus der Packung schüttete und allenfalls bereits dort oder
sonst im Obergeschoss im Elternschlafzimmer die Pistole belud und sodann vom
Bett aus einen Schuss in das TV-Gerät abgab. Die Privatklägerin rannte daraufhin
nach oben ins Schlafzimmer, vergewisserte sich, dass der Beschuldigte unverletzt
war und versuchte, ihm die Pistole wegzunehmen, was jedoch misslang. Darauf-
hin begab sich die Privatklägerin wieder ins Parterre ins Wohnzimmer und setzte
sich aufs Sofa, um die Schuhe zu binden, da sie die beiden Kinder der Parteien
aus der Kita abholen gehen wollte. In dieser Zeit kam der Beschuldigte mit der
Pistole (in der Hand oder in der Hosentasche) ebenfalls die Treppe hinunter und
es kam in der Folge vom Gang her in Richtung Wohnzimmer zu einer weiteren
Schussabgabe, wobei das Projektil in die Lehne des Sofas eindrang.
Wie im bisherigen Verfahren machte der Beschuldigte zum Kerngeschehen auch
heute geltend, dass die Privatklägerin nicht mehr auf dem Sofa gesessen, son-
dern ausserhalb seines Blickfeldes im Wohnzimmer Richtung Wintergar-
ten/Esszimmer gestanden sei, als er den Schuss abgefeuert habe. Ohnehin habe
er zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, in Kauf genommen oder auch nur da-
mit gerechnet, die Privatklägerin durch seinen Schuss zu verletzen oder zu töten
(Prot. II S. 13, Prot. I S. 39 und S. 42 ff., Urk. D1/5/12 S. 4). Er widerspricht damit
der auf den Aussagen der Privatklägerin basierenden Anklageschrift, welche ihm
vorwirft, dass die Privatklägerin bei der Schussabgabe noch auf dem Sofa geses-
sen sei, er den Schuss bewusst und gewollt in ihre Richtung verfeuert und ca. 34
cm neben ihr in die Lehne des Sofas geschossen habe, wobei er die Privatkläge-
rin nur knapp verfehlt habe, sodass sie unverletzt geblieben sei (Urk. D1/28
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S. 2 f.). Entsprechend sind die genauen Umstände vor bzw. während der Schuss-
abgabe anhand der vorliegenden Beweismittel zu erstellen. Welche Beweis-
grundsätze dabei zu beachten sind, hat die Vorinstanz zutreffend dargelegt (Urk.
97 S. 7 f. und 9), worauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.2. Vorliegend sind primär die Aussagen des Beschuldigten und der Privatklä-
gerin, seiner Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen, im Tatzeitpunkt rund
zweijährigen bzw. zehn Monate alten Kinder, zu würdigen (Urk. D1/5/1-12,
Urk. D1/6/1-2 und Prot. I S. 11 ff.). Sodann wurde noch der Vater der Privatkläge-
rin, welcher in der gleichen Liegenschaft wohnt, befragt (Urk. D1/7/1-2) und es
liegen die Fotodokumentationen der Kantonspolizei und des Forensischen Insti-
tuts Zürich (FOR) (Urk. D1/8/1-2, 4) sowie das Gutachten vom 18. November
2020 und das Ergänzungsgutachten vom 9. September 2021 zur Schussbahnre-
konstruktion, beide erstellt durch das FOR (Urk. D1/9/6 und Urk. 49), bei den Ak-
ten. Diese Beweismittel wurden alle vorschriftsgemäss erhoben und sind damit
uneingeschränkt verwertbar.
Was die Aussagen der Privatklägerin angeht ist sodann anzumerken, dass diese
mehrfach – so auch durch die Vorinstanz (Prot. I S. 11 ff.) – ausführlich befragt
wurde, wobei die erstinstanzliche Befragung auch auf Video festgehalten wurde
und bei den Akten liegt (Urk. 62), was es dem Obergericht erlaubt, sich – neben
der Kenntnisnahme des Inhalts der Aussagen – auch ein Bild über ihr nonverba-
les Aussageverhalten zu machen. Eine erneute Einvernahme durch das Beru-
fungsgericht drängt sich vor diesem Hintergrund nicht auf, zumal die Privatkläge-
rin inhaltlich konstant ausgesagt hat, sodass auch keine Notwendigkeit besteht,
sie mit Widersprüchen zu konfrontieren. Eine weitere Einvernahme der Privatklä-
gerin wurde denn auch von keiner Seite beantragt.
Die Vorinstanz hat in ihren Erwägungen die wesentlichen Aussagen der Befragten
sowie den Inhalt der sachlichen Beweismittel ausführlich wiedergegeben (Urk. 97
S. 10-27). Hierauf kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
Sodann ist festzuhalten, dass a priori nichts gegen die grundsätzliche Glaubwür-
digkeit des Beschuldigten sowie der Privatklägerin spricht, auch wenn natürlich of-
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fensichtlich ist, dass gerade für den Beschuldigten viel auf dem Spiel steht. Oh-
nehin kommt der Glaubwürdigkeit gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung
gegenüber der Bewertung der Glaubhaftigkeit der einzelnen Aussagen lediglich
untergeordnete Bedeutung zu.
3.3. Die Privatklägerin, welche nicht von sich aus Anzeige erstattet hatte (vgl.
hierzu die Hinweise der Vorinstanz in Urk. 97 S. 29 f.), wurde die ersten beiden
Male polizeilich befragt bzw. einvernommen, als der Beschuldigte noch unbe-
kannten Aufenthalts war (Urk. D1/1 S. 3 und Urk. D1/6/1). Wie sie gegenüber der
Vorinstanz überzeugend schilderte, habe sie damals befürchtet, dass er sich et-
was angetan habe bzw. antun werde, da dies seine letzte Aussage ihr gegenüber
gewesen sei, und es sei ihr während der Befragung durch die Kantonspolizei
Thurgau sehr schlecht gegangen. Sie sei dann erleichtert gewesen, als – noch im
Rahmen der Einvernahme – Bescheid gekommen sei, dass er gefunden worden
sei (Prot. I S. 15). Ihre initiale, bereits im Rahmen der ersten Kontaktaufnahme
durch die Kantonspolizei Zürich, wenige Stunden nach dem Vorfall erstmals ge-
äusserte Schilderung einer Schussabgabe in ihre Richtung, während sie auf dem
Sofa sass und die Schuhe band, blieb in allen nachfolgenden Wiedergaben kon-
stant und widerspruchsfrei. Entgegen den Vorbringen der Verteidigung (Urk. 115
Rz. 16) ist dabei ihre Aussage, wonach der Beschuldigte in ihre Richtung gezielt
habe, nicht zwingend als implizite Aussage zu verstehen, dass sie dies tatsächlich
gesehen hätte. Vielmehr schilderte sie authentisch, wie es durch den eindrücklich
in der Erinnerung haftenden Knall zu einem Pfeifen in den Ohren gekommen sei
und dass sie – da sie im Moment der Schussabgabe vom Schuhebinden nicht
hochgesehen habe – daraus geschlossen habe, dass er vom Gang her in ihre
Richtung geschossen haben müsse. Wie sie ergänzend vor Vorinstanz ausführte,
war sie sich zunächst nicht sicher, ob die Waffe wirklich geladen gewesen war
oder ob es sich allenfalls um eine Platzpatrone gehandelt habe, da sie – anders
als beim Schuss im Schlafzimmer – kein Einschussloch gesehen habe (vgl. hierzu
bereits den Polizeirapport, Urk. D1/1 S. 3, welcher diese Vermutung ebenfalls
wiedergibt). Die Polizisten hätten dann aber gemeint, es müsse ein richtiger
Schuss abgegeben worden sein, da es sonst nicht zu einem derartigen Pfeifen im
Ohr gekommen wäre. Diese Aussage deckt sich auffallend damit, dass sie ihrem
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Vater zunächst sagte, dass der Beschuldigte zweimal geschossen habe, aber
nicht auf sie (Urk. D1/7/1 S. 2). Wie den Akten zu entnehmen ist, wurde das Ein-
schussloch des Projektils im Sofa tatsächlich erst am nächsten Morgen im Rah-
men der Spurensicherung – in Abwesenheit der Privatklägerin – gefunden
(Urk. D1/1 S. 2). Die Verteidigung bringt in diesem Zusammenhang vor, die Pri-
vatklägerin habe ihrem Vater unmittelbar nach dem Vorfall bereits von einem
Schuss ins Sofa erzählt, was sich aus der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
des Vaters ergebe (Urk. 115 Rz. 8 f.). Ihr Vater sagte dies aber gerade nicht in
der tatnächsten polizeilichen Einvernahme aus, sondern erst bei der Staatsan-
waltschaft, nachdem sein Erinnerungsvermögen offenbar bereits durch die ihm in
der Zwischenzeit bekanntgewordenen Umstände, namentlich den Ergebnissen
der Spurensicherung, beeinflusst worden war (vgl. Urk. D1 7/1 F/A 17; Urk. D1
7/2 F/A 32). Entgegen den Vorbringen der Verteidigung (Urk. 115 Rz. 16) sagte
die Privatklägerin zudem nie aus, sie habe das Einschussloch im Sofa sofort ge-
sehen. Die von der Verteidigung zitierte Aussage betrifft das Einschussloch
"oben", also den ersten Schuss im Obergeschoss (Urk. D1 6/2 F/A 70). Im Übri-
gen ist der ersten Einvernahme der Privatklägerin ihr Verstörtsein über das Erleb-
te und über die Tatsache, dass (in ihren Worten) aus etwas Kleinem etwas ganz
Grosses entstanden sei (Urk. D1/6/1 S. 3 und 6), deutlich zu entnehmen. Gleich-
zeitig ist sie sichtlich bemüht, das Erlebte psychologisch einzuordnen und zu rati-
onalisieren, ohne dass sie dabei den Beschuldigten übertrieben anschwärzen o-
der auch nur beschuldigen würde, gezielt auf sie geschossen zu haben. Im Ge-
genteil verzichtete sie ausdrücklich auf einen Strafantrag (Urk. D1/2). Dies alles
verleiht ihrer Darstellung ein hohes Mass an Glaubhaftigkeit, zumal auch keinerlei
Motiv für eine Falschbelastung erkennbar ist. Zudem kann aufgrund der wie er-
wähnt glaubhaften Schilderungen des Knalls und des Pfeifens in den Ohren wäh-
rend des Schuhebindens ausgeschlossen werden, dass die Privatklägerin die
zeitliche Abfolge irrtümlich durcheinanderbringt, wie dies der Beschuldigte heute
konstatiert (Prot. II S. 17; Urk. 115 Rz. 11).
3.4. Demgegenüber sagte der Beschuldigte zwar konstant – und unwiderlegbar
– aus, er habe die Pistole, als er vom Schlafzimmer ins Parterre heruntergekom-
men sei, zunächst in der Hosentasche und nicht in der Hand gehabt (Urk. D1/5/1
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S. 6, Urk D1/5/8 S. 2, Urk. D1/5/12 S. 4, Prot. I S. 41). Hernach wird das eigentli-
che Kerngeschehen jedoch variierend geschildert. Anlässlich seiner Verhaftung
gestand er noch grundsätzlich ein, in Richtung der Privatklägerin geschossen zu
haben, wobei es aber weder eng noch gefährlich gewesen sei (Urk. D1/5/1 S. 3).
Auffallend ist, dass er im Rahmen dieser – tatnächsten – Einvernahme mehrfach
erst auf Nachfrage, quasi im Sinne einer Selbstrechtfertigung, nachschob, dass
die Privatklägerin vom Sofa bereits aufgestanden bzw. weggelaufen sei, bevor er
den Schuss abgegeben habe und zudem eingestand, dass ihre Wahrnehmung
des Vorfalles eine andere gewesen sein könnte (Urk. D1/5/1 S. 8 und S. 14). So-
dann erwähnte er einen kurzen verbalen Austausch (sie habe "nein, nein" gesagt,
als er das Haus habe verlassen wollen), welcher vor der zweiten Schussabgabe
noch stattgefunden habe (Urk. D1/5/1 S. 6). Am 25. August 2020 schilderte er
dies dann einiges dynamischer. So habe sie ihn, als er die Waffe im Hosensack
ergriffen habe und habe herausnehmen wollen, angeschrien ("Spinnsch eigent-
lich") und sei dann gerannt, 'gerugelt' oder sofort weggesprungen (Urk. D1/5/8
S. 2). Demgegenüber schilderte er vor Vorinstanz wiederum, sie habe "nein, nein"
gerufen, als er das Haus habe verlassen wollen. Er habe mit ihr sprechen wollen,
aber sie habe ihn demonstrativ ignoriert, sei aufgesprungen und davon gelaufen.
Er habe nicht gewusst, was er tun solle und habe ins Wohnzimmer geschossen.
Seine Frau habe nicht gesehen, dass er die Pistole in der Hand gehabt und zum
Schiessen angesetzt habe, er habe sie auch nicht angeschaut (Prot. I S. 39 und
43). Heute sagte der Beschuldigte aus, er habe, nachdem die Privatklägerin nach
links weggelaufen sei und ihn nicht beachtet habe, soweit rechts wie möglich ins
Wohnzimmer geschossen und dabei in keinem kleinsten Sekundenbruchteil damit
gerechnet, die Privatklägerin zu treffen (Prot. II S. 13 und 18).
Die singuläre, inhaltlich übertrieben wirkende Schilderung des Beschuldigten, die
Privatklägerin sei vor der Schussabgabe davon gerannt, 'gerugelt' oder wegge-
sprungen, kann bereits aufgrund der übrigen, hiervon abweichenden Aussagen
des Beschuldigten selbst verworfen werden. Aber auch seine weitere Darstellung,
dass die Privatklägerin das Sofa vor der Schussabgabe bereits verlassen habe
und in Richtung Wintergarten/Essbereich (vgl. den Situationsplan in Urk. D1/8/4
S. 9) davon gelaufen sei, wirkt im konkreten Ablauf wenig konstant (vgl. hierzu
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auch die Ausführungen der Vorinstanz, Urk. 97 S. 28 f.). Sie passt aber auch nicht
in den grösseren Handlungsbogen. Wie beide relativ konstant ausgeführt haben,
gab es vor der zweiten Schussabgabe einen kurzen verbalen Austausch. Die Pri-
vatklägerin führte hierzu bei der Polizei aus, der Beschuldigte habe ihr vorgewor-
fen, dass sie nicht zu ihm stehe und es nicht verstehen würde. Sie habe dies be-
stritten. Auch wenn sie sich später nicht mehr genau daran erinnern konnte, deckt
sich dies damit, dass der Beschuldigte aussagte, er sei nach dem Schuss im
Schlafzimmer nach unten gegangen, weil der Streit noch nicht fertig gewesen sei
und sie habe "nein, nein" gesagt. Weiter erklärte er mehrfach, er habe dann mit
ihr sprechen wollen, sie habe ihn aber ignoriert, was sich wiederum äusserst gut
in die Schilderung der Privatklägerin, vom Schuhebinden nicht aufgesehen zu ha-
ben, einfügen lässt. Wäre sie nun aber in dieser Situation – ganz offensichtlich
genervt vom unreifen Verhalten des Beschuldigten – effektiv aufgesprungen und
weggelaufen, wäre zu erwarten, dass sie dies in Richtung Haustüre getan hätte,
hatte sie doch vor, die Kinder in der Kita abzuholen. Im Übrigen erklärte der Be-
schuldigte bei der Begutachtung wiederum, er sei [als die Privatklägerin, nachdem
sie nach der ersten Schussabgabe ins Schlafzimmer gekommen war und dieses
hernach wieder verlassen hatte] ebenfalls hinuntergegangen und habe aufs Sofa
geschossen. Sie sei aufgestanden, weggelaufen und habe ihn nicht beachtet. Er
habe nicht einfach ungezielt ins Zimmer geschossen, sondern gewusst, dass er
die Ehefrau nicht treffe. Er habe hundertprozentig das Gefühl, treffsicher gewesen
zu sein. Er sei nie davon ausgegangen, dass ihm versuchte Tötung vorgeworfen
würde (Urk. D1/17/8 S. 36). Diese Darlegung zeigt recht klar auf, dass sich die
Privatklägerin – wie sie es immer ausgesagt hat – eben doch in Schussrichtung
befunden haben muss, ansonsten seine vorhandene bzw. nicht vorhandene
Treffsicherheit gar keine erwähnenswerte Rolle spielen würde.
Angesichts der konstanten, äusserst glaubhaften Aussagen der Privatklägerin, ih-
res fehlenden Motivs für eine Falschbelastung und der anfänglich unsicher wir-
kenden, eine Wegbewegung der Privatklägerin vor der Schussabgabe nachschie-
benden und auch hernach inhaltlich variierenden Darstellung des Beschuldigten
ist vorliegend für die Sachverhaltserstellung, was den Moment der Schussabgabe
angeht, auf die Darstellung der Privatklägerin abzustellen.
- 16 -
3.5. Mithin ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte mit der Waffe in der
Hosentasche die Treppe vom ersten Stock ins Parterre hinunterkam, es hernach
zu einer kurzen verbalen Ansprache bzw. zu Vorwürfen des Beschuldigten an die
Privatklägerin kam, wobei die Privatklägerin den Beschuldigten jedoch ignorierte
und sie vom Schuhebinden auch nicht in seine Richtung aufsah. Daraufhin nahm
er die Waffe zur Hand und schoss, obwohl sie noch auf dem Sofa sass, in ihre
Richtung, wenn auch nicht gezielt auf sie. In der ersten Einvernahme erklärte er
hierzu, er habe in die Hauswand gegenüber der Haustüre, die Wand im Wohn-
zimmer, geschossen (Urk. D1/5/1 S. 8), später – nach Kenntnis des Einschussor-
tes – machte er wenig verbindlich geltend, der Schuss sei dorthin gegangen, wo
er hätte treffen sollen (Prot. I S. 43). Der Schuss flog gemäss Schussbahnrekon-
struktion des FOR am nächsten Punkt nur ca. 34 cm von der Privatklägerin ent-
fernt vorbei, durchschlug sodann links von ihr die Sofalehne und drang in die
Wohnzimmerwand ein (Urk. D1/9/6 in Verbindung mit Urk. 49). Gemäss Berech-
nungen der Gutachter ist angesichts der Sitzposition der Privatklägerin und der
Schussbahn des Projektils davon auszugehen, dass ein Schuss von 120 unter
analogen Voraussetzungen abgegebenen Schüssen die Privatklägerin potentiell
tödlich getroffen hätte (Urk. D1/9/6 S. 6 f. in Verbindung mit Urk. 49 S. 9). hätte
sich diese Selbstredend im Promillebereich (0.008) liegende theoretische Gefähr-
dung bei einer Positionsänderung der Privatklägerin (Aufstehen oder im Sitzen
nach links drehen) massiv verändern können, was in der mathematischen Risi-
koherleitung nicht abgebildet, im Ergänzungsgutachten jedoch als Gefahr im
Rahmen des grundsätzlich dynamischen Geschehens – zu Recht – erwähnt wird
(vgl. Urk. 49 S. 10, wonach die Privatklägerin innerhalb der Reaktionszeit von
mehr als einer Sekunde vor Schussabgabe u.a. durchaus hätte aufstehen und in
die Schussbahn gelangen können).
Damit ist der Sachverhalt in objektiver Hinsicht rechtsgenügend erstellt (vgl. er-
gänzend die überzeugenden Ausführungen der Vorinstanz in Urk. 97 S. 28 ff. und
insbesondere S. 33). Da die subjektive Komponente eng mit der rechtlichen Wür-
digung verknüpft ist, ist darauf sogleich nachfolgend näher einzugehen.
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4. Rechtliche Würdigung
4.1. Die Staatsanwaltschaft hat das Verhalten des Beschuldigten als eventual-
vorsätzlichen Tötungsversuch angeklagt (Urk. D1/28), welcher Subsumtion die
Vorinstanz gefolgt ist. Letztere führte dazu unter anderem aus, der Beschuldigte
habe aufgrund der Unsteuerbarkeit des Schusses eine solche Gefahrensituation
geschaffen, in welcher es nur noch dem Zufall überlassen geblieben sei, ob sich
die Gefahr verwirkliche oder nicht. Angesichts der konkreten Umstände habe er
ernsthaft damit zu rechnen gehabt, die Privatklägerin zu treffen, zumal er gewusst
habe, dass es sich um ein dynamisches Tatgeschehen gehandelt habe, dass er
sich selber in einer körperlich schlechten, angetrunkenen sowie emotional aufge-
wühlten Verfassung befunden habe und dass er keinerlei Kontrolle über die Flug-
bahn seines Schusses gehabt habe. Er habe auch nicht darauf vertrauen dürfen,
dass die von ihm geschaffene Lebensgefahr aufgrund der nicht voraussehbaren
Reaktion der Privatklägerin ausbleiben werde (Urk. 97 S. 34 ff., insb. S. 35 und
S. 37 f.).
Der Beschuldigte bestreitet jedoch seit Beginn des Strafverfahrens nicht nur, dass
die Privatklägerin bei der Schussabgabe auf dem Sofa sass, was im Rahmen der
Sachverhaltserstellung widerlegt wurde, sondern auch, dass er den Schuss mit
Tötungsvorsatz abgab bzw. zumindest in Kauf nahm, damit seine Ehefrau zu er-
schiessen (Urk. D1/5/1 S. 8 f. und S. 15, Urk. D1/5/12 S. 4, Prot. II S. 13). Auch
aus diesem Grund verlangt die Verteidigung einen Freispruch vom Vorwurf der
versuchten Tötung, da der Beschuldigte allenfalls zwar grobfahrlässig gehandelt
habe, dies aber vorliegend, da sein Handeln keine Folgen gezeitigt habe, straflos
bleiben müsse (Urk. 60 S. 11 und Urk. 115 S. 13).
4.2. Durch die beweismässig erstellte Schussabgabe in Richtung der Privatklä-
gerin schuf der Beschuldigte vorliegend für diese objektiv eine unmittelbare Le-
bensgefahr im Sinne der Definition von Art. 129 StGB (Gefährdung des Lebens),
denn es ist allgemein bekannt, dass ein Treffer mit einem Schusswaffenprojektil
zum Tod führen kann, was auch dem Beschuldigten – als grundsätzlich geübten
Schützen (Prot. I S. 34; Prot. II S. 19) – bewusst sein musste (vgl. auch
Urk. D1/5/2 S. 15), zumal die unmittelbare Gefährdungssituation bereits durch das
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Hantieren mit der schussbereiten Waffe und das Zielen in Richtung der Privatklä-
gerin geschaffen wurde (vgl. BGer 6B_816/2007 vom 11. März 2008 E. 3.4.1-2,
BGer 6B_824/2016 vom 10. April 2017 E. 10, BGE 111 IV 51, BGE 121 IV 67 =
Pra 1996 Nr. 24, BGE 133 IV 1 sowie BSK StGB-Maeder, 2019, Art. 129 N 19 f.).
Die weitergehende rechtliche Subsumtion seines Verhaltens hängt davon ab, ob
der Beschuldigte bei der Schussabgabe subjektiv davon ausging bzw. darauf ver-
traute, er könne diese drohende Gefahr durch sein Verhalten (insb. bewusstes
Vorbeischiessen) abwenden, wie er dies geltend macht, oder ob davon auszuge-
hen ist, dass er in Kauf nahm, dass die Privatklägerin tödlich getroffen werden
könnte, auch wenn dies nicht sein primäres Ziel war. Im ersten Fall wären die wei-
teren Tatbestandsmerkmale der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129
StGB näher zu prüfen, im zweiten Fall eine eventualvorsätzlich versuchte Tötung
im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB in Betracht zu
ziehen (vgl. zum Ganzen BGer 6B_816/2007 vom 11. März 2008 E. 3.5).
Die Abgrenzung des Gefährdungsvorsatzes im Sinne von Art. 129 StGB vom
Eventualvorsatz bezüglich eines Tötungserfolgs birgt gewisse Schwierigkeiten (so
auch BSK StGB-Schwarzenegger, 2019, Art. 111 N 14). So wurde beispielsweise
von eventualvorsätzlichem Tötungsversuch ausgegangen, als sich bei einem
Kampf mit geladener Pistole, wobei eine Kugel im Lauf und der Finger am Abzug
war, mehrere Schüsse lösten (BGer 6S.778/2000 vom 23. März 2001), bei einer
Schussabgabe auf eine Holztüre, welche die fliehenden Opfer gerade hinter sich
geschlossen hatten (BGer 6B_103/2012 vom 27. August 2012) und als der Ehe-
mann mindestens vier Pistolenschüsse aus 19-29 m Entfernung auf den fahren-
den Personenwagen seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau abgab (BGer
6B_249/2014 vom 16. Oktober 2014).
Demgegenüber auf Gefährdung des Lebens erkannt wurde – neben Fällen, wo
(lediglich) mit geladenen und schussbereiten Waffen auf das Opfer gezielt oder
gar nur mit schussbereiten Waffen hantiert wurde (ohne dass dabei ein Schuss
gefallen wäre; vgl. BGE 121 IV 67 = Pra 1996 Nr. 24, BGE 107 IV 163, BGE 100
IV 215) – beispielsweise bei einem Schuss mit einem Sturmgewehr 1,2 m neben
die Brust des Opfers in die Kellermauer (BGE 94 IV 60 mit Hinweis auf die Gefahr
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des Rikoschettierens), bei Abfeuern eines Schusses in die ungefähre Richtung
des Gegners im Streit in einer emotional geladenen Situation (BGer 6B_824/2016
vom 10. April 2017), bei einem Schuss mit einer Armbrust aus 2,4 Metern Entfer-
nung in Richtung des auf dem Sofa sitzenden Opfers, wobei der Pfeil ca. 57-68
Zentimeter oberhalb dessen Kopfes in der Wand stecken blieb (BGer
6B_816/2008 vom 4. Dezember 2008 E. 5), bei einem Schuss aus rund einem
Meter Entfernung auf das Antriebsrad des Rollstuhls, in dem das Opfer sass, wo-
bei das Projektil nur wenige Zentimeter vom Opfer entfernt den oberen Bereich
des Antriebsrads durchschlug und die Flugbahn annähernd parallel zu den Roll-
stuhlrädern verlief (BGer 6B_816/2007 vom 11. März 2008 E. 2.-3.) sowie als der
wegen Überarbeitung an einem physischen Erschöpfungszustand leidende Täter
nachts von seiner Ehefrau aus dem Schlaf gerissen wurde und – um sie zur Ruhe
zu bringen – aus dem Nachttisch den geladenen Revolver behändigte, aus dem
sich im anschliessenden Handgemenge ungewollt ein Schuss löste, der die Ehe-
frau tödlich traf (BGE 114 IV 103).
4.3. In Literatur und Rechtsprechung wird (in Abgrenzung zum direkten Vor-
satz) dort von Eventualvorsatz gesprochen, wo die Tatbestandsverwirklichung
aus der Sicht des Täters eine bloss für möglich gehaltene Vorbedingung oder Ne-
benfolge des eigentlichen Handlungsziels bildet. Anderseits fallen darunter auch
Fälle, wo der Täter sich der Möglichkeit des Eintritts verschiedener Erfolge be-
wusst ist oder des Eintritts eines anderen als des von ihm angestrebten. Art. 12
Abs. 2 Satz 2 StGB umschreibt dies wie folgt: "Vorsätzlich handelt bereits, wer die
Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt." Gemäss Bundesge-
richt handelt eventualvorsätzlich, wer den tatbestandsmässigen Erfolg für den Fall
seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch uner-
wünscht sein (BGE 131 IV 1; BGE 96 IV 99; BSK StGB-Niggli/Maeder, 2019,
Art. 12 N 48 ff., N 52 m. w. H.). Wie die Staatsanwaltschaft zutreffend ausführt
(Prot. II S. 21 f.), handelt somit nicht nur vorsätzlich, wer den (diesen) Erfolg woll-
te, sondern auch, wer ihm zumindest gleichgültig oder gar billigend gegenüber-
stand. Vertraut der Täter demgegenüber ernsthaft darauf, dass der Erfolg nicht
eintreten bzw. von ihm verhindert werden kann, liegt nicht Eventualvorsatz betref-
fend das Erfolgsdelikt, sondern allenfalls ein Gefährdungsdelikt oder aber ein Fall
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von (strafloser) bewusster Fahrlässigkeit vor. Mithin stimmen Eventualvorsatz
hinsichtlich des Erfolgseintritts, Vorsatz betreffend die Gefährdung und bewusste
Fahrlässigkeit auf der Wissensseite überein. In allen Fällen weiss der Täter um
das Risiko der Tatbestandsverwirklichung. Der Unterschied liegt auf der Willens-
seite. Die Subsumtion muss in der Regel anhand von Indizien erfolgen, wobei der
Schluss vom Wissen auf das Wollen dort als zulässig angesehen wird, wo sich
dem Täter der Eintritt des Erfolges als so wahrscheinlich aufdrängte, dass sein
Handeln vernünftigerweise nicht anders denn als Billigung dieses Erfolges ausge-
legt werden kann, zumindest sofern nicht Gegenindizien diesen Schluss entkräf-
ten (sog. Wahrscheinlichkeitstheorie; PK StGB-Trechsel/Fateh-Moghadam 2021,
Art. 12 N 15 m. w. H.). Niggli/Maeder formulieren im Basler Kommentar die Faust-
regel wie folgt: Dass der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen
hat, liegt grundsätzlich umso näher, je wahrscheinlicher es ihm schien, dass sie
eintreten könnte, und je weniger er sie innerlich ablehnte, und umgekehrt (BSK
StGB-Niggli/Maeder, 2019, Art. 12 N 58). Gemäss Bundesgericht sind im Rahmen
der Beurteilung neben dem Ausmass des dem Täter bekannten bzw. von ihm an-
genommenen Risikos auch die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung sowie die
Beweggründe und die Art der Tathandlung zu berücksichtigen (BGE 135 IV 12 E.
2.3.2-3; BGE 134 IV 26 E. 3.2). Einfluss auf die Beurteilung kann auch haben, in-
wiefern das Risiko für den Täter kalkulierbar bzw. dosierbar blieb bzw. ob dem
Opfer eine reelle Abwehrchance blieb oder nicht (PK StGB-Trechsel/Fateh-
Moghadam 2021, Art. 12 N 15 mit Hinweis auf den Entscheid des Bundesgerichts
6B_213/2019 vom 26. August 2019 E. 4.4).
4.4. a) Befragt zu seiner Motivation und Gefühlswelt im Tatzeitpunkt erklärte
der Beschuldigte in seiner ersten Einvernahme, es habe Streit mit seiner Ehefrau
gegeben, weil er sich einen Tag freigenommen und Alkohol und Drogen konsu-
miert habe und sie mit dem Konsum nicht einverstanden gewesen sei. Er sei häs-
sig gewesen, habe eine andere Meinung gehabt, zumal es nicht das erste Mal
gewesen sei, dass er das gehört habe. Auch sei er aggressiv und betrunken ge-
wesen. Er sei hässig gewesen, als er im 1. Stock in den Fernseher geschossen
habe. Sie habe dann gerufen, ob er wahnsinnig sei und der Streit sei weiterge-
gangen. Er habe dann auch im Gang unten in Richtung des Wohnzimmers ge-
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schossen (Urk. D1/5/1 S. 2 f.). Die Schusswaffe habe er behändigt, weil er damit
gedroht habe, sich das Leben zu nehmen. In den Fernseher geschossen habe er
aus Wut auf sich selber. Im Streit sei man einfach wütend und er habe nicht weit
studiert warum und wieso, als er auf den Fernseher geschossen habe (ebenda S.
6). Er habe aus Wut geschossen, auf die Situation, dass es wieder zum Streit ge-
kommen sei. Niemals habe er seine Frau töten oder verletzen wollen. Er wisse
nicht, warum er dann in ihre Richtung geschossen habe (ebenda S. 9).
In der nächsten Einvernahme nach den allgemeinen Lebensumständen gefragt,
beschrieb er diese als damals stressig, da die beiden Kinder einen kurzen Alters-
abstand hätten und die Tochter nicht für alle Arbeitstage der Privatklägerin über
einen Kita-Platz verfügt habe, weshalb er sein Ferien- und Überzeitguthaben ver-
wendet habe, um auf sie aufzupassen. Beide (er und die Privatklägerin) hätten
kaum mehr Freizeit gehabt, was eine Beziehung schon belaste, jedoch liebe er
die Privatklägerin über alles. An jenem Tag habe er Suizidgedanken gehabt und
auch geäussert. Nachdem er vor 15 Jahren schon einmal Kokain konsumiert ha-
be, sei es in den letzten drei Monaten wieder gehäuft dazu gekommen. Es habe
ihn ein Stück weit von der enormen Belastung, die er gehabt habe, abgelenkt. Er
habe seit der Hochzeit all seine Zeit dafür investiert, das Einfamilienhaus umzu-
bauen. Nach vier Jahren sei man dann auch mal am Anschlag. Er habe das Ko-
kain als Ablenkung genommen, um sich dem Stress zu entziehen (Urk. D1/5/4 S.
2 f.). Dem Haftrichter erklärte er am 8. September 2020, er bestreite den Vorwurf
der versuchten Tötung. Er habe in seinem vollkommenen Bewusstsein ins Leere
geschossen. Er habe sich einfach Gehör verschaffen wollen. Er habe im Griff ge-
habt, wohin er schiesse. Er hätte überall hin schiessen können, sie sei ja nicht da
gewesen. Er wisse nicht, weshalb die Privatklägerin sage, sie sei auf dem Sofa
gesessen. Er wisse, dass er sie nie gefährdet und nicht auf sie gezielt habe. Auf
Vorhalt, er habe aber nicht die Wand getroffen, die er eigentlich habe treffen wol-
len, antwortete er, er habe geschossen und er sei einer, der nicht dort sitzen und
sprechen könne. Er habe die Flucht ergriffen und dann mit der Privatklägerin tele-
foniert. Er habe ja gewusst, dass sie nicht verletzt sei (Urk. D1/15/14 S. 3 f.).
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Vor Vorinstanz angesprochen auf seine (Drogen-)Vergangenheit und die Vorstra-
fen, erklärte er, wenn er in grosser Not sei, neige er dazu, dies mit Suchtmitteln zu
unterdrücken. Die Suchtmittel bewirkten, dass er sich von seinen Problemen dis-
tanzieren könne (Prot. I S. 32 f.). Die Ehe sei am Anfang sehr gut verlaufen, die
schönste Zeit seines Lebens. Mit der Operation der Tochter hätten dann aber die
Probleme begonnen, das habe ihn stark belastet. Anfang 2020 habe er wieder
angefangen, Kokain zu konsumieren. Er sei mit der Tochter viel im Spital gewe-
sen, habe den Konsum aber so weit unter Kontrolle gehabt. Nach ungefähr drei
Monaten, im Juli, habe er wieder damit begonnen und vermehrt konsumiert.
Grund sei die extreme seelische Belastung gewesen. Der Konsum habe ihn beru-
higt und distanziert, es habe ihn einfach abgelenkt. Er habe sich nicht nur von
seinen Problemen distanziert, sondern auch von der Privatklägerin. Das habe sie
gemerkt und das sei ihm nicht recht gewesen, weil er gemerkt habe, dass er der
Auslöser dafür gewesen sei. Mit den Kindern sei es kurz vor dem Vorfall sehr
stressig gewesen. Sie seien nahe nacheinander geboren. G._ habe sehr
wenig geschlafen, viel geweint und man habe oft aufstehen müssen. Es sei ein-
fach stressig gewesen. Am 13. Juli 2020 sei er müde, übermüdet, angespannt,
antriebslos und unmotiviert gewesen. Als seine Frau nach Hause gekommen sei,
sei er im Bett gewesen. Sie habe ihn geweckt und angesprochen. Er habe ge-
merkt, dass sie recht habe und sei von sich selbst enttäuscht gewesen. Sie sei
dann wieder nach unten gegangen und er noch einen Moment auf dem Bett ge-
wesen. Sein Denken sei eingeengt gewesen und er habe sich in seine Enttäu-
schung hineingesteigert, bis er völlig verzweifelt gewesen sei. Er habe die Pistole
geholt, weil er sich etwas habe antun wollen. Den Schuss auf das TV-Gerät habe
er abgegeben, weil er seine Frau zu einer Reaktion habe zwingen wollen, die er
nicht erhalten habe. Der Grund für den Schuss unten sei gewesen, dass er ent-
täuscht gewesen sei, dass seine Hilfeschreie nicht auf Anklang gestossen seien
(Prot. I S. 35 ff.). Er sei dann zum Auto gegangen und habe nur geweint (Prot. I S.
46).
Auch gegenüber dem Gutachter schilderte er den Alkohol- und Kokainkonsum
bzw. dessen Auswirkung und sein allgemeines Befinden am Tattag ähnlich wie
gegenüber den Untersuchungsbehörden (vgl. Urk. D1/17/8 S. 28 f. und S. 32 ff.).
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Nach dem Konsum am Morgen der Tat habe er eine innere Gelassenheit ver-
spürt, ein Verdrängen von Emotionen und Recht/Unrecht. Es sei eine Erleichte-
rung gewesen, Zeit für sich zu haben. Der anschliessende Bierkonsum habe ihn
müde gemacht. Er habe sich angetrunken gefühlt, ruhig, gelassen und gedämpft.
Danach habe er geschlafen, bis die Privatklägerin heimgekommen sei und ausge-
rufen habe. Er sei dann enttäuscht und wütend gewesen über sich selbst und die
Situation. Er habe sich Vorwürfe gemacht, dass er den Tag hätte nutzen sollen für
seine Erholung, nicht für den Konsum. Es sei ein heftiger Streit zwischen der Pri-
vatklägerin und ihm entbrannt, weil es wieder passiert sei, dass er über den Alko-
hol Entspannung gesucht habe. Als er die Waffe aus dem Schrank geholt habe,
seien sie bei ihrem Streit an einem Punkt gewesen, wo er sich nicht mehr habe
rechtfertigen können. Er sei emotional einen Schritt weiter gegangen zur Tat. Er
habe die Waffe geholt und gedroht, sich selbst umzubringen. Er sei verzweifelt
gewesen, habe sich mehr Verständnis von ihr gewünscht und sich nicht ernst ge-
nommen gefühlt, da sie nicht auf ihn eingegangen sei. Er habe sich in seine Emo-
tionen hineingesteigert und es in der Situation nicht gemerkt. Er sei emotional ei-
ne Stufe gestiegen, weil Worte nicht gefruchtet hätten. Er habe sich unbeachtet
gefühlt und eine Reaktion von ihr erzwingen wollen. Als er ins Wohnzimmer ge-
schossen habe, sei er noch mal eine Stufe weiter gegangen. Er habe nicht ein-
fach ungezielt ins Zimmer geschossen, sondern gewusst, dass er die Ehefrau
nicht treffe. Er habe hundertprozentig das Gefühl, treffsicher gewesen zu sein. Er
sei nie davon ausgegangen, dass ihm versuchte Tötung vorgeworfen würde.
Nach dem Schuss habe er sich umgedreht und sei zur Haustüre raus gegangen.
Er habe gedroht, sich selbst umzubringen, habe aber nicht die Absicht gehabt.
Beim Verlassen des Hauses habe er sich traurig, hilflos, wütend und planlos ge-
fühlt. Er denke, durch den Konsum sei er schneller gereizt gewesen, gegebenen-
falls enthemmt und niedergeschlagen (a.a.O., S. 36).
b) Die Privatklägerin sagte dazu, der Beschuldigte habe sich frei genommen, weil
er psychisch nicht zwäg gewesen sei. Als sie nach Hause gekommen sei, sei er
alkoholisiert gewesen und am Schlafen, das habe sie genervt, weil es in letzter
Zeit oft vorgekommen sei. Er sei dann runter gekommen und hässig gewesen, er
habe ihr Vorwürfe gemacht, dass sie nicht zu ihm stehen würde. Plötzlich habe er
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gesagt, dass er nicht mehr wolle, es fertig sei und habe dann seine Waffe geholt.
Auf ihre Beruhigungsversuche habe er nicht reagiert. Er habe gemeint, dass sie
es nicht verstehe und die Sache nicht ernst nehmen würde. Als sie den ersten
Schuss gehört und sich versichert habe, dass er unverletzt war, habe sie zu ihm
gesagt, dass es so nicht mehr weitergehen könne, sie Angst habe und so etwas
nicht akzeptieren könne. Er habe nicht reagiert, da sei sie wieder runter gegan-
gen, um die Kinder abzuholen. Er sei dann runter gekommen und habe wieder
gesagt, dass sie nicht zu ihm stehe und es nicht verstehe. Weiter äusserte sie, ihn
sonst so nicht zu kennen. Er sei nie gewalttätig. Aber wenn er so austicke und
drohe, sich das Leben zu nehmen... (Urk. D1/6/1 S. 3 ff.). Sodann erwähnte sie
noch einen früheren Fall, wo er stark verändert gewirkt habe und in einem Wutan-
fall laut herumgeschrien und zahlreiche Gegenstände in der Wohnung beschädigt
habe. Auch sie habe er gepackt und auf ihren Oberarm geschlagen. Er habe sie
nicht verprügeln wollen, er sei mit der Situation überfordert gewesen, es sei aber
eine Grenze überschritten worden. Auch damals habe er mit der Waffe das Haus
verlassen wollen, habe sich aber sofort beruhigt, als der zweijährige Sohn in an-
gesprochen habe. Sie hätten danach miteinander reden können und er habe ge-
meint, wenn er die Familie verliere, verliere er alles. Danach habe er sich für ei-
nen Entzug entschieden und sei in ein Hotel gegangen, da er es alleine habe
schaffen wollen. Sie würde auch sagen, dass er danach bis gestern nicht mehr
konsumiert habe. Er sei wieder so verändert gewesen (ebenda S. 5 f.). Seine
Gewalt richte er normalerweise gegen sich oder gegen Gegenstände. Aber seine
narzisstische Art könne natürlich als psychische Gewalt gegen sie angesehen
werden. Seit sie ihn kenne, sei er noch nie gegenüber Dritten gewalttätig gewor-
den (ebenda S. 7).
Vor Vorinstanz führte sie aus, sie und der Beschuldigte hätten im Jahr 2016 ge-
heiratet. Danach sei immer viel los gewesen. Sie hätten das Haus umgebaut, da-
nach sei zuerst G._ auf die Welt gekommen und sie seien immer noch am
Renovieren gewesen, und danach sei H._ gekommen. Es habe viele emoti-
onale Momente gegeben, vor allem aufgrund von H._s Operation am Kopf.
Seit der Corona-Pandemie sei es relativ schwierig geworden. Die psychische Be-
lastung des Beschuldigten sei ins Unermessliche gestiegen. Dies habe sich als
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Stress und Frust ausgewirkt. Die eheliche Beziehung sei in den Tagen und Wo-
chen vor der Tat eher bedrückt gewesen, die Sucht sei als Thema immer wieder
aufgetaucht. Am Schluss habe er sich zurückgezogen. Unmittelbar vor dem 13.
Juli 2020 sei die Stimmung aufgrund des Drucks von allen Seiten, insbesondere
finanziell und mit den Kindern, sehr belastend gewesen. Als der Beschuldigte
nach der ersten Schussabgabe im Bett gelegen sei, sei er für sie nicht wirklich
ansprechbar und in einem klaren Zustand gewesen. Wie bereits die Tage zuvor,
der grosse Frust und diese Verzweiflung (Prot. I S. 17 f. und S. 21).
4.5. Konkrete Beurteilung
4.5.1. Grösse des (dem Täter bekannten) Risikos der Tatbestandsverwirklichung
Gemäss Gutachten wäre bei jeweils analoger Schussabgabe aufgrund der fest-
gestellten Streuung (vgl. zur Ermittlungsmethode Urk. D1/9/6 S. 6 f.) mit der
Wahrscheinlichkeit von 1:120 mit einem potentiell tödlichen Treffer zu rechnen
(vgl. zur konkreten, präzisierten Berechnung Urk. 49 S. 4 ff., S. 9), was einem Ri-
siko im Promillebereich entspricht und als zwar eher klein, aber doch realistisch
einzuschätzen ist. Jedenfalls würde sich bei einer solchen Quote wohl niemand
freiwillig aufs Sofa setzen, da wenig beeinflussbar ist, wo im natürlichen Streube-
reich der Schuss effektiv einschlagen wird. Dieses Risiko veränderte (erhöhte o-
der verringerte) sich gemäss Gutachterangaben zudem aufgrund verzögerter Re-
aktionsmöglichkeit des Schützen signifikant, hätte sich die Privatklägerin im mas-
sgebenden Moment in die Schussbahn hin oder davon weg bewegt (a.a.O., S.
10). Selbstredend hätte auch eine allfällige Seitwärtsbewegung der Schusshand
die gleichen Folgen.
Für die Privatklägerin bestand konkret keine Abwehr- bzw. Ausweichmöglichkeit,
da sie den Schuss – auch nach den Angaben des Beschuldigten vor Vorinstanz
(Prot. I S. 43) – erst bemerkte, als sie den Knall hörte, da sie vom Schuhebinden
nicht in Richtung des Beschuldigten aufsah, als er ins Parterre hinunter kam.
Wie der Beschuldigte mehrfach aussagte, war er überzeugt, aufgrund seiner
Treffsicherheit eine Verletzung der Privatklägerin verhindern zu können. Mithin
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ging er davon aus, aufgrund seines eigenen Könnens das Risiko gänzlich aus-
schalten zu können bzw. nahm die reell bestehende Gefahr nicht bzw. zu wenig
ernst. Auch wenn dies offensichtlich eine falsche Annahme war, da der Bereich
der natürlichen Streuung durch Können kaum beeinflusst werden kann, zumal er
gemäss eigenen Angaben seit Geburt der Kinder nicht mehr geschossen hatte
(davor sei er regelmässig im Schiesskeller gewesen), und ein derart nahes Vor-
beischiessen deshalb selbst Profis verboten ist (vgl. Urk. D1/9/6 S. 8: ein Vorbei-
schiessen ist den Spezialkräften von Armee und Polizei im Nahbereich je nach
Reglement erst ab einer seitlichen Mindestdistanz von 1-2 Metern erlaubt), kann
nicht ausgeschlossen werden, dass er gerade aufgrund seines schlechten psy-
chischen Zustands sowie des Einflusses des vorgängigen Alkohol- und Kokain-
konsums, welcher ihn einerseits enthemmte und anderseits aber auch von seinen
Emotionen distanzierte, in Überschätzung seiner Fähigkeiten effektiv glaubte, ein
kontrollierbares Risiko einzugehen.
4.5.2. Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung
Wie bereits erwähnt, ist es selbst professionellen Schützen von Polizei und Armee
verboten, in derart geringer Distanz an einem Menschen vorbei zu schiessen
(Urk. D1/9/6 S. 8 mit Hinweis auf die entsprechenden Reglemente). Mithin ist von
einer ausserordentlich schweren Sorgfaltspflichtverletzung auszugehen, gerade
auch angesichts der Tatsache, dass er im damaligen Zeitpunkt schon jahrelang
nicht mehr in einem Schiesskeller gewesen war.
4.5.3. Beweggründe und Art der Tathandlung
Die Tat erfolgte impulsiv aus dem Moment heraus. Wie der Beschuldigte durch-
aus glaubhaft und vor dem Hintergrund seiner damaligen Depression und des vo-
rangegangenen Alkohol- und Kokainkonsums nachvollziehbar ausführte, befand
er sich in einem psychischen Ausnahmezustand, wobei sich sein Denken – dies
geht auch aus den Aussagen der Privatklägerin hervor – offenbar ichzentriert auf
seine gefühlte Überforderung einengte, was er als grosse Verzweiflung und Von-
sich-selbst-enttäuscht-Sein umschrieb. Gleichzeitig erhoffte er sich offenbar
(mehr) Verständnis und Anteilnahme der Privatklägerin. Dass sie hierauf nicht
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einging und ihn – nachdem sie ihm nach dem ersten Schuss klargemacht hatte,
dass es so nicht weitergehe – ignorierte, veranlasste ihn offensichtlich im Sinne
einer völlig unangemessenen Kurzschlusshandlung zur Schussabgabe, durch
welche er gemäss eigenen Angaben "eine Reaktion erzwingen", also die Auf-
merksamkeit der Privatklägerin erhalten wollte (so auch heute: Prot. II S. 15). Mit-
hin war seine Tat nicht durch Aggression gegen bzw. Zorn auf die Privatklägerin
geprägt, sondern von Selbstmitleid bzw. kindischem Heischen nach Aufmerksam-
keit und Bestätigung, was zur Schilderung eines verminderten, von Suizidgedan-
ken geprägten Selbstwertgefühls und auch zum von der Privatklägerin wiederge-
gebenen Vorwurf fehlenden Verständnisses und Unterstützung passt. Solches
scheint auch seinem üblichen Verhaltensmuster zu entsprechen, schilderte die
Privatklägerin doch mehrfach, dass er sich in seiner Verzweiflung in der Regel zu-
rückziehe und Gewalt gegen sich selbst und Gegenstände ausübe, die Wut und
Aggression jedoch nicht gegen Dritte wende, welche These denn auch durch die
Einschätzung im Therapiebericht vom 21. Juni 2022 gestützt wird (vgl. Urk. 110
S. 12 f.).
4.5.4. Gegenindikatoren
In der Lehre wird teilweise postuliert, bei der Ermittlung des subjektiven Tatbe-
standes nicht nur positive Vorsatzindikatoren zu prüfen, sondern auch nach Ge-
genindikatoren zu forschen, deren Vorliegen für bewusste Fahrlässigkeit spre-
chen bzw. ein Vertrauen des Täters auf den Nichteintritt des strafrechtlich verpön-
ten Erfolgs nahelegten (Hans Vest: «Vom Zufall abhängt»?, AJP/PJA 8/2018 S.
945 ff., m. w. H.). Dabei handle es sich beispielsweise um das Risiko, dass der
Täter selbst oder ihm nahestehende Personen gefährdet oder verletzt werden,
und zum anderen könne Selbstüberschätzung des eigenen Könnens (gemeint in
der Regel das fahrerische Können im Zusammenhang mit Raserfahrten) eine Rol-
le spielen. Sodann könne ein geringes Risiko der Tatbestandsverwirklichung dafür
sprechen, dass der Beschuldigte auf dessen Nichteintritt vertraute. Probleme bei
der Vorsatzfeststellung könnten sich auch ergeben bei Impuls- und Spontantaten,
etwa beim Handeln aus plötzlicher Eingebung oder emotionaler Aufwallung bzw.
unreflektiert-impulsiven Aktionen (a.a.O., S. 955 ff.).
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Diese Argumente sprechen vorliegend klar gegen einen Tötungsvorsatz. Zwar litt
die Ehe damals unter der psychischen Symptomatik sowie der Alkohol- und Dro-
gensucht des Beschuldigten, welche sich stressinduziert verstärkt hatten. Jedoch
kann weder den Aussagen des Beschuldigten noch der Privatklägerin entnommen
werden, dass sich die Eheleute im eigentlichen Sinn entfremdet hatten oder stark
zerstritten gewesen wären. Die Ehe kann – trotz der damals akuten Belastung –
als erfolgreich und durchaus glücklich angesehen werden, wenn auch gerade in
der bekanntermassen anstrengenden Kleinkinderphase steckend. Zudem war of-
fenbar der Kauf des in den Vorjahren mit grosser Eigenleistung renovierten Haus-
teils geplant und sogar bereits die Finanzierung geklärt bzw. stand der Über-
schreibungstermin somit wohl kurz bevor (Urk. D1/5/4 S. 8, Urk. D1/7/2 S. 7).
Dies alles legt nahe, dass der Beschuldigte keinerlei Interesse oder Absicht ha-
ben konnte, der Privatklägerin – zumal aus nichtigem Anlass – im Sinne einer Re-
torsionshandlung das Leben zu nehmen, sondern vielmehr die Zukunft als Familie
plante. Hinzu kommt, dass er damals offensichtlich seine eigenen Schiesskünste
als äusserst präzise einschätzte und gar nicht in Betracht zog, dass er die Privat-
klägerin treffen könnte. Diese Selbstein- bzw. Überschätzung teilt er mit manchem
Autofahrer, welcher durch riskante Fahrmanöver sich und Dritte gefährdet (vgl.
hierzu BGE 133 IV 9 E. 4.4).
4.5.5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass vorliegend die objektive Grösse
der Risikoverwirklichung zwar als recht klein, aber durchaus reell einzuschätzen
ist, da ein tödlicher Schuss aufgrund der Sitzposition der Privatklägerin, gebückt
auf dem Sofa, und der Zielanvisierung (an die Hauswand) im (äussersten Rand-
)Bereich der Normalverteilung bzw. Streuung eines derartigen Zielschusses lag.
Insofern ist dem Beschuldigten jedenfalls eine massive Sorgfaltspflichtverletzung
vorzuwerfen, handelte er doch entgegen jeglichen Sicherheitsbestimmungen. Je-
doch kann vor dem Hintergrund seiner psychischen Ausnahmesituation und an-
gesichts der distanzierenden Wirkung des Alkohol- bzw. Drogenkonsums nicht
widerlegt werden, dass dem Beschuldigten die Risikoverwirklichung, spricht die
Gefahr, dass er mit seinem Schuss die Privatklägerin tödlich verletzen könnte,
subjektiv nicht wahrscheinlich erschien. Vielmehr scheint er im Gegenteil davon
überzeugt gewesen zu sein, aufgrund seiner Treffsicherheit jedenfalls neben die
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Privatklägerin zu schiessen, zumal, und das erscheint vorliegend der wesentlichs-
te Faktor, ein direkter Treffer seine Absicht, ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen,
konterkariert hätte. Hinzu kommt, dass die allgemeinen Lebensumstände und
Familiensituation dafür sprechen, dass er eine tödliche Verletzung der Privatklä-
gerin, seiner Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kleinkinder, innerlich
auch stark ablehnte, mithin weder gleichgültig und schon gar nicht billigend ak-
zeptiert hätte, weshalb auch ein versuchter erweiterter Suizid hier nicht naheliegt.
Vor dem Hintergrund dieser Einschätzung verbleiben begründete Zweifel daran,
dass der Beschuldigte bei seiner Schussabgabe in Richtung der Privatklägerin ih-
ren Tod im Sinne der Rechtsprechung eventualvorsätzlich in Kauf genommen hat.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass er im Zusammenhang mit der Schussabgabe je-
denfalls freizusprechen ist. Vielmehr sind im Weiteren die Tatbestandsmerkmale
der Gefährdung des Lebens gemäss Art. 129 StGB zu prüfen.
4.6. Wegen Gefährdung des Lebens wird gemäss Art. 129 StGB mit Freiheits-
strafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer einen Menschen in skrupel-
loser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt. Nach der bereits unter Ziffer 4.2
vorstehend zitierten Rechtsprechung ist dies der Fall, wenn nach dem gewöhnli-
chen Lauf der Dinge die Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit der Verletzung
des Lebens bzw. des Todeseintritts besteht. Nicht erforderlich ist insoweit, dass
die Wahrscheinlichkeit des Todes grösser ist als jene seiner Vermeidung. Das
Element der Unmittelbarkeit beinhaltet neben der ernsthaften Wahrscheinlichkeit
der Verwirklichung der Gefahr, dass die unvermittelte, akute Gefahr direkt dem
Verhalten des Täters zuzuschreiben ist. Wie bereits erwähnt hat das Bundesge-
richt im Zusammenhang mit Schusswaffen verschiedentlich eine unmittelbare Le-
bensgefahr bejaht. So hat es beispielsweise erkannt, dass sich nach Art. 129
StGB schuldig macht, wer wissentlich eine schussbereite Waffe so halte, dass ein
sich unerwartet lösender Schuss in der Nähe eines Menschen einschlagen könne.
Ebenso entschied es in jenem Fall, bei welchem der Täter in unmittelbarer Nähe
des Opfers einen Schuss auf dessen Rollstuhl abgab, der das Opfer nur um we-
niges verfehlte, wobei ergänzend darauf hingewiesen wurde, dass bereits eine
vom Täter zufällig ausgeführte, leicht seitliche Bewegung der Schusshand einen
direkten Beintreffer hätte bewirken und beim verwendeten Kaliber diesfalls bei
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Verletzung wichtiger Blutgefässe ohne weiteres tödliche Folgen hätten eintreten
können. Mithin kann gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung bereits beim
Hantieren mit einer geladenen Waffe ohne Schussabgabe auf eine unmittelbare
Lebensgefahr geschlossen werden (BGer 6B_816/2007 vom 11. März 2008 E.3.3
und 3.4 m. w. H.).
Aufgrund der erstellten Umstände kann vorliegend nicht zweifelhaft sein, dass der
Beschuldigte die Privatklägerin durch das Hantieren mit der schussbereiten Waffe
und die Schussabgabe in ihre Richtung in unmittelbare Lebensgefahr brachte,
zumal auch hier bereits eine kleine Seitwärtsbewegung der Schusshand bzw.
Aufsteh- oder Abdrehbewegung der Privatklägerin einen direkten Treffer nach
sich hätte ziehen können. Das verwendete Projektil wäre gemäss dem Gutachten
des FOR vom 18. November 2020 denn auch ohne weiteres in der Lage gewe-
sen, lebensgefährliche bzw. tödliche Verletzungen zu verursachen (vgl. Urk.
D1/9/6 S. 6). Der Beschuldigte erfüllte somit den objektiven Tatbestand von Art.
129 StGB.
In subjektiver Hinsicht erfordert Art. 129 StGB direkten Vorsatz in Bezug auf die
unmittelbare Lebensgefahr. Dieser ist aber bereits gegeben, wenn der Täter den
deliktischen Erfolg als notwendige Folge oder als Mittel zur Erreichung des ver-
folgten Zwecks in seinen Entschluss miteinbezogen hat. Er braucht nicht das vom
Täter erstrebte Ziel zu sein; es genügt, dass er mitgewollt ist. Des Weiteren ver-
langt der subjektive Tatbestand von Art. 129 StGB ein skrupelloses Handeln.
Gemeint ist damit ein qualifizierter Grad der Vorwerfbarkeit, eine besondere
Hemmungs- und Rücksichtslosigkeit des Täters. Massgeblich ist, ob das Verhal-
ten des Täters, welches eine unmittelbare Lebensgefährdung zur Folge hatte, an-
gesichts des Tatmittels und der Tatmotive und unter Berücksichtigung der konkre-
ten Tatsituation gemessen an den allgemein anerkannten Grundsätzen von Sitte
und Moral als gewissenlos zu bewerten ist (BGer 6B_816/2007 vom 11. März
2008 E. 3.7 m. w. H.). Skrupellosigkeit liegt gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung stets vor, wenn die Lebensgefahr aus nichtigem Grund geschaffen
wird oder deutlich unverhältnismässig erscheint, so dass sie von einer tiefen Ge-
ringschätzung des Lebens zeugt (BGer 6B_824/2016 vom 10. April 2017 E. 10.2).
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Zwar ist nicht davon auszugehen, dass die Gefährdung der Privatklägerin primä-
res Handlungsziel des Beschuldigten war, sondern er ihre Aufmerksamkeit bzw.
eine Reaktion von ihr erzwingen wollte. Die Gefährdung war zur Erreichung die-
ses Primärziels jedoch unumgänglich und somit zwingend mitgewollt. Damit ist
der nötige direkte Vorsatz zu bejahen. Überdies war das zur Erreichung des Tat-
motivs (Erringen von Aufmerksamkeit/Erzwingen einer Reaktion) gewählte Tatmit-
tel (Schussabgabe) gemessen an den allgemeinen Grundsätzen von Sitte und
Moral derart krass sittenwidrig, dass sein Verhalten als gewissenlos im Sinne von
Art. 129 StGB erscheint. Wer im Verlauf eines verbalen Streits eine Pistole be-
händigt und lädt und anschliessend bewusst und gewollt aus kurzer Entfernung
mit der Pistole vom Gang her ins Wohnzimmer in Richtung der Privatklägerin
schiesst (so bereits der Anklagevorwurf, vgl. Urk. D1/28 S. 2 f.), um ihre Aufmerk-
samkeit zu erringen bzw. eine Reaktion von ihr zu erzwingen, handelt völlig un-
verhältnismässig, hemmungslos und eindeutig skrupellos, womit der Tatbestand
auch in subjektiver Hinsicht erfüllt ist.
Da sich der Beschuldigte bzw. seine Verteidigung zur Möglichkeit einer entspre-
chenden rechtlichen Würdigung im Rahmen der Berufungsverhandlung äussern
konnte (vgl. Art. 344 Abs. 1 StPO; Prot. II S. 20), ist er hinsichtlich des unter Zif-
fer 1.I der Anklageschrift angeklagten Lebenssachverhaltes (Urk. D1/28 S. 2 f.) –
da Schuldausschluss- sowie Rechtfertigungsgründe fehlen – der Gefährdung des
Lebens im Sinne von Art. 129 StGB schuldig zu sprechen.
5. Strafzumessung und Vollzug
5.1. Wie bei der Strafzumessung vorzugehen ist, hat die Vorinstanz unter Hin-
weis auf Art. 47 StGB zutreffend aufgezeigt (Urk. 97 S. 52 ff.), worauf verwiesen
werden kann. Für die Gefährdung des Lebens kommt aufgrund der Höhe des
Verschuldens (vgl. nachfolgend Ziff. 5.2.1) nur eine Freiheitsstrafe in Frage (BGE
147 IV 241 = Pra 111 (2022) Nr. 17).
5.2. Das Gesetz setzt den Strafrahmen für die Gefährdung des Lebens auf
Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren fest (Art. 129 StGB). Dem
Schuldmilderungsgrund der verminderten Schuldfähigkeit (vgl. Urk. D1/17/8 S. 66
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und 73) kann ohne Weiteres innerhalb dieses weiten Rahmens Rechnung getra-
gen werden.
5.2.1. Hinsichtlich der zu würdigenden Tatkomponenten ist festzuhalten, dass die
geschaffene Gefährdung als sehr gross anzusehen und nahe einer (eventual-)
vorsätzlichen versuchten Tötung (mit einer Mindeststrafe von 5 Jahren) zu veror-
ten ist. Zwar wurde im Rahmen der Schussbahnrekonstruktion für die statische
Situation der Schussabgabe das Risiko eines tödlichen Treffers bloss auf 1:120
festgesetzt. Jedoch bestand die Gefährdung bereits ab Behändigung der schuss-
bereit geladenen Waffe, hätte sich doch durchaus bereits vorzeitig ein Schuss lö-
sen können. Hinzu kommt, dass bereits kleinräumige Positionsveränderungen der
Schusshand und/oder der Privatklägerin das Risiko exponentiell hätten erhöhen
können, was im Rahmen eines dynamischen Geschehens nie auszuschliessen
ist. Auch wenn der Beschuldigte diese Gefährdung nicht planmässig schuf, son-
dern die Behändigung der Waffe und die Schussabgabe spontan erfolgte, um sich
Aufmerksamkeit zu verschaffen, weshalb nicht von grosser krimineller Energie
auszugehen ist, ist die objektive Tatschwere insgesamt trotzdem als schwer zu
taxieren, und die Einsatzstrafe auf 48 Monate Freiheitsstrafe festzusetzen.
Subjektiv kann dem Beschuldigten eine über die Gefährdung hinausgehende In-
kaufnahme einer möglichen Tötung der Privatklägerin nur knapp nicht nachge-
wiesen werden bzw. verbleiben daran vorliegend einzig aufgrund der psychischen
Ausnahmesituation, seiner drogen- und alkoholunterstützten Selbstüberschätzung
und da aufgrund der gesamten Umstände nicht davon auszugehen ist, dass er die
ihm nahestehende Privatklägerin töten wollte bzw. solches auch nur gleichgültig
akzeptiert hätte, rechtserhebliche Zweifel. Da die vorsätzliche Gefährdung somit
wie vorerwähnt nahe am Eventualvorsatz des Erfolgsdeliktes lag, vermag die sub-
jektive Komponente das Verschulden nicht zu relativieren. Verschuldensmindernd
fällt demgegenüber ins Gewicht, dass von einer leichtgradig verminderten Steue-
rungs- bzw. Schuldfähigkeit auszugehen ist (Urk. D1/17/8 S. 66 und 73), weshalb
nach Berücksichtigung der Tatkomponenten eine Einsatzstrafe von rund 42 Mo-
naten Freiheitsstrafe resultiert.
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5.2.2. Den Akten (Urk. D1/5/12 S. 9 ff. , Urk. 18/7-8, Urk. 17/8) und dem ange-
fochtenen Urteil (Urk. 97 S. 58 f.) kann zum Vorleben des Beschuldigten und sei-
nen persönlichen Verhältnissen entnommen werden, dass er in I._ geboren
und in J._ aufgewachsen ist. Nach der Trennung der Eltern lebte er mit der
Mutter und den Geschwistern in K._. Nach Abschluss der obligatorischen
Schulzeit absolvierte er eine Automechanikerlehre und arbeitete sich in den
Folgejahren in seinem Lehrbetrieb bis zum Werkstattchef hoch, in welcher Funkti-
on er auch im Tatzeitpunkt noch beschäftigt war. Dies zeigt, dass seine Arbeitge-
berin trotz Phasen (jugendlicher) Straffälligkeit und Alkohol- bzw. Drogensucht
(Urk. D1/17/8 S. 51 f.) über all die Jahre an ihm festgehalten hat. Er ist Vater ei-
nes heute rund vierjährigen Sohnes und einer bald dreijährigen Tochter. Seit der
Tat und nach einer kurzen fürsorgerischen Unterbringung sitzt er nun ununterbro-
chen in Untersuchungs- und Sicherheitshaft bzw. im vorzeitigen Straf- und Mass-
nahmenvollzug. Er sieht gemäss seinen Angaben seine Frau und seine Kinder
praktisch jede Woche, zudem sei er schon von Kollegen oder seinem ehemaligen
Chef besucht worden. Mit seiner Frau habe er zudem so oft wie möglich telefoni-
schen Kontakt. Der Beschuldigte ist zudem im Gefängnis arbeitstätig und ver-
sucht, diverse Angebote wie Kurse oder Sportaktivitäten zu nutzen (Prot. II S. 8 f.
und 13, vgl. auch die Dokumentation des Kontakts mit der Familie in Urk. 114/1-
2). Dies alles ist als strafzumessungsneutral zu werten.
Der Beschuldigte ist bis heute nicht geständig, den Schuss ins Wohnzimmer ab-
gegeben zu haben, als die Privatklägerin auf dem Sofa sass. Zwar gab er zu Be-
ginn noch zu, dass der Schuss zumindest in Richtung der Privatklägerin zielte,
seither macht er jedoch konstant geltend, sie sei bei der Schussabgabe nicht
mehr in seinem Blickfeld gewesen, weshalb ihm diesbezüglich keine Strafminde-
rung angerechnet werden kann. Jedoch entschuldigte er sich im Rahmen seines
erstinstanzlichen Schlusswortes glaubhaft bei ihr und den Kindern, was immerhin
moderat strafmindernd als Einsicht und Reue gewertet werden kann. Spürbar
straferhöhend sind sodann die beiden, allerdings nicht einschlägigen Vorstrafen
aus den Jahren 2018 (Strafbefehl wegen SVG-Delikten, Verurteilung zu einer be-
dingt vollziehbaren Geldstrafe von 75 Tagessätzen zu Fr. 130.– und Fr. 2'300.–
Busse) und 2020 (Strafbefehl wegen Diebstahls, Verurteilung zu einer unbeding-
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ten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 80.–) anzurechnen (Urk. 101), zumal
sich die Tat in der Probezeit der ersten Vorstrafe und kurz nach Eröffnung des
zweiten Verdikts ereignete. Insgesamt überwiegen die Straferhöhungsgründe,
und ist der Beschuldigte für die Gefährdung des Lebens mit 45 Monaten bzw. 3 3⁄4
Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen.
An diese Strafe anzurechnen sind 730 Tage bis und mit heute erstandene Unter-
suchungs- und Sicherheitshaft, fürsorgerische Unterbringung sowie vorzeitiger
Straf- und Massnahmenvollzug (Art. 51 StGB).
5.3. Aufgrund der Strafdauer, aber auch zufolge gutachterlich festgestellter
Schlechtprognose (Urk. D1/17/8 S. 68 ff., S. 74: mittelgradige Wahrscheinlichkeit
für zukünftige Gewaltdelikte, hohe Wahrscheinlichkeit für zukünftige Betäu-
bungsmittel- und Strassenverkehrsdelikte) ist die Freiheitsstrafe zu vollziehen
(Art. 42 f. StGB). Der Vollzug ist auch nicht für die Durchführung der ambulanten
Behandlung gemäss Art. 63 StGB aufzuschieben, da dies nach gutachterlicher
Aussage nicht notwendig ist, um der Art der Behandlung Rechnung zu tragen
(Urk. D1/17/8 S. 76; Art. 63 Abs. 2 StGB).
6. Kosten- und Entschädigungsfolgen
6.1. Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt
wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die Kosten des Berufungsverfahrens sind den Par-
teien nach Massgabe ihres Obsiegens und Unterliegens aufzuerlegen (Art. 428
Abs. 1 StPO).
6.2. Nachdem der Beschuldigte heute auch hinsichtlich Anklagesachverhalt I –
wenn auch mit abweichender rechtlicher Würdigung – schuldig zu sprechen ist, ist
die vorinstanzliche vollumfängliche Kostenauflage (samt Rückforderungsvorbehalt
hinsichtlich der Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Rechtsvertretung der Privatklägerin und inkl. Kosten des Beschwerdeverfahrens
Geschäfts-Nr. UB200157-O; erstinstanzliche Dispositivziffer 16) zu bestätigen.
6.3. Für das Berufungsverfahren ist eine Gerichtsgebühr von Fr. 3'500.– zu er-
heben (§ 14 Abs. 1 lit b GebV OG in Verbindung mit § 16 Abs. 1 GebV OG). So-
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dann beträgt die Gerichtsgebühr für das Beschwerdeverfahren Geschäfts-Nr.
UB210192 vor der III. Strafkammer des hiesigen Obergerichts, deren Verlegung
mit Beschluss vom 7. Dezember 2021 dem Endentscheid vorbehalten wurde, Fr.
1'500.– (vgl. Urk. 92).
Die Staatsanwaltschaft beschränkte ihre Berufung auf die Thematik der Strafzu-
messung, während der Beschuldigte einen vollumfänglichen Freispruch beantrag-
te. Nachdem der Beschuldigte schuldig zu sprechen ist, die Freiheitsstrafe zufolge
abweichender rechtlicher Qualifikation aber spürbar zu reduzieren ist, erscheint
es gerechtfertigt, die Kosten dem Beschuldigten zu drei Fünfteln aufzuerlegen
und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung, welche ausgehend von der eingereichten
Honorarnote auf Fr. 10'000.– festzusetzen sind (Urk. 117; § 23 in Verbindung mit
§ 17 f. AnwGebV) sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vor-
behalt der Rückzahlung von drei Fünfteln dieser Kosten durch den Beschuldigten,
sollten dies seine finanziellen Verhältnisse dereinst erlauben (vgl. Art. 135 Abs. 4
StPO).
6.4. Mangels Freispruchs fehlt es an einer Rechtsgrundlage für die Zuspre-
chung einer Haftentschädigung oder von Schadenersatz hinsichtlich entgangenen
Lohnes, wie der Beschuldigte dies fordert (Urk. 115 Rz. 38 f.; vgl. Art. 429 Abs. 1
StPO).