# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** ae5b62df-90ad-5f11-9f3f-0650d3e52576
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Oberingenieurkreis I (OIK I) des Tiefbauamts des Kantons Bern liess im
Jahr 2012 das Lärmsanierungsprojekt Nr. 9509 für die Kantonsstrassen Nrn. 1136, 1140,
1141, 229.4, 229.5, 1250 und 1103 in den Gemeinden Thun, Steffisburg,
Heiligenschwendi, Schwendibach, Homberg, Horrenbach-Buchen, Teuffenthal, Fahrni,
Unterlangenegg, Oberlangenegg, Wachseldorn, Buchholterberg und Eriz erstellen.
Gemäss Prognose werden im Jahr 2031 (Sanierungshorizont) im Sanierungsperimeter bei
27 Liegenschaften die Immissionsgrenzwerte überschritten sein. Der Fachausschuss Lärm
des Kantons Bern stimmte in seinem Bericht vom 12. Juli 2013 den vom OIK I beantragten
Erleichterungen für diese 27 Gebäude zu.
RA Nr. 140/2018/9 2
2. Die Liegenschaft der Beschwerdeführerin 3 in der Gemeinde Buchholterberg
(B._, Parzelle D._ Grundbuchblatt Nr. E._) befindet sich im
Perimeter des Lärmsanierungsprojekts Nr. 9509. Gemäss Prognose werden bei dieser
Liegenschaft im Jahr 2031 die Immissionsgrenzwerte am Tag um 3 db(A) überschritten
sein. Mit Verfügung vom 15. Februar 2018 befreite der OIK I den Kanton von der Pflicht,
Lärmsanierungsmassnahmen zum Schutz der Liegenschaft B._ zu ergreifen. Zur
Begründung führte der OIK I zusammengefasst aus, es seien alle Massnahmen an der
Quelle und auf dem Ausbreitungsweg geprüft worden. Die Massnahmen hätten sich
entweder als unverhältnismässig erwiesen oder es würden ihnen andere öffentliche
Interessen entgegenstehen.
3. Dagegen erhob u.a. die Beschwerdeführerin 3 mit Eingabe vom 14. März 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE). Sie
beantragt die Aufhebung der Verfügung vom 15. Februar 2018 und den Vollzug von
Lärmsanierungsmassnahmen. Zur Begründung führt sie insbesondere aus, mit einer
Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit könne sowohl der Lärm reduziert als auch die
Sicherheit erhöht werden. Die Beschwerde war von zwei weiteren Beschwerdeführenden
(Beschwerdeführende 1 und 2) mitunterzeichnet.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein.
Mit Verfügung vom 16. März 2018 wies das Rechtsamt die Beschwerdeführenden 1 und 2
darauf hin, dass sie die Beschwerde vom 14. März 2018 mangelhaft unterzeichnet hätten.
Es gab ihnen Gelegenheit zur Verbesserung und machte zugleich darauf aufmerksam,
dass die Beschwerde als zurückgezogen gelte, wenn innert der angesetzten Nachfrist
keine rechtsgültig unterzeichnete Beschwerde beim Rechtsamt eingehe (Art. 33 Abs. 1 und
2 VRPG2). Die Beschwerdeführenden 1 und 2 reichten kein rechtsgültig unterzeichnetes
Beschwerdeexemplar nach. Mit Verfügung vom 16. Mai 2018 schrieb das Rechtsamt das
Verfahren betreffend die Beschwerdeführenden 1 und 2 daher als erledigt vom
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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Geschäftsverzeichnis ab. Diese Abschreibungsverfügung erwuchs in Rechtskraft.
Betreffend die Beschwerde der Beschwerdeführerin 3 führte das Rechtsamt das Verfahren
fort.
5. In seiner Vernehmlassung vom 9. April 2018 beantragt der OIK I die Abweisung der
Beschwerde. Er weist insbesondere darauf hin, eine Geschwindigkeitsreduktion würde die
Lärmbelastung nur marginal reduzieren und sei unverhältnismässig. Die Gemeinde
Buchholterberg reichte keine Stellungnahme ein.
6. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Gemäss Art. 19 Abs. 1 KLSV3 können Verfügungen kantonaler Behörden betreffend
den Vollzug des öffentlich-rechtlichen Lärmschutzes nach den Vorschriften des VRPG
angefochten werden. Nach Art. 60 Abs. 1 Bst. a VRPG unterliegen Verfügungen
grundsätzlich der Verwaltungsbeschwerde. Die BVE ist zur Beurteilung der Verfügung des
Tiefbauamts zuständig (Art. 62 Abs. 1 Bst. a VRPG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1
Bst. f OrV BVE4).
b) Zur Beschwerde befugt ist, wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat
oder keine Möglichkeit zur Teilnahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung
besonders berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung
der Verfügung hat (Art. 65 Abs. 1 VRPG). Die Beschwerdeführerin 3 ist als
Verfügungsadressatin und Eigentümerin der Liegenschaft B._ durch die
3 Kantonale Lärmschutzverordnung vom 14. Oktober 2009 (KLSV; BSG 824.761) 4 Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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angefochtene Verfügung beschwert. Sie hat deshalb ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung oder Änderung (Art. 65 Abs. 1 Bst. a VRPG). Somit ist sie zur
Beschwerdeführung legitimiert.
c) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 67 VRPG).
Sie enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG). Die BVE tritt deshalb
auf die Beschwerde ein.
2. Sanierungspflicht
a) Gemäss Art. 16 Abs. 1 USG5 müssen Anlagen, die den Vorschriften des USG oder
den Umweltvorschriften anderer Bundesgesetze nicht genügen, saniert werden. Gestützt
auf Art. 16 Abs. 2 USG hat der Bundesrat mit der LSV6 Vorschriften über die Sanierung
bestehender ortsfester Anlagen erlassen (Art. 13 – 20 LSV). Zweck der Sanierung ist der
Schutz vor schädlichem und lästigem Lärm (Art. 1 USG, Art. 1 Abs. 1 LSV). Bestehende
ortsfeste Anlagen, die wesentlich zur Überschreitung der Immissionsgrenzwerte beitragen,
sind zu sanieren (Art. 13 Abs. 1 LSV). Sie müssen grundsätzlich so weit saniert werden,
als dies technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist und dass die
Immissionsgrenzwerte nicht überschritten werden (Art. 13 Abs. 2 LSV). Ist eine Sanierung
nach Art. 16 Abs. 2 USG im Einzelfall unverhältnismässig, gewähren die Behörden
Erleichterungen (Art. 17 Abs. 1 USG).
b) Die Liegenschaft der Beschwerdeführerin 3 liegt in der Zone mit
Empfindlichkeitsstufe (ES) II. Hier gilt gemäss Anhang 3 LSV ein Immissionsgrenzwert von
60 dB(A) am Tag bzw. 50 dB(A) in der Nacht. Gemäss Lärmsanierungsprojekt wurde für
das Jahr 2031 eine Lärmbelastung bei Liegenschaft B._ von 63 dB(A) tags und 49
dB(A) nachts ermittelt. Der Immissionsgrenzwert wird also am Tag um 3 dB(A)
überschritten sein. Es besteht somit grundsätzlich eine Sanierungspflicht.
5 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 6 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrats vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
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3. Erleichterungen
a) Würde die Sanierung unverhältnismässige Betriebseinschränkungen oder Kosten
verursachen oder stehen ihr überwiegende Interessen namentlich des Ortsbild-, Natur- und
Landschaftsschutzes, der Verkehrs- und Betriebssicherheit sowie der Gesamtverteidigung
entgegen, gewährt die Vollzugsbehörde Erleichterungen (Art. 17 Abs. 1 USG und Art. 14
Abs. 1 LSV). Bei dieser Regelung handelt es sich um eine Ausnahmebestimmung. Die
Gewährung von Erleichterungen ist Sonderfällen vorbehalten.7 Gemäss Art. 13 Abs. 3 LSV
sind in einem ersten Schritt Massnahmen an der Quelle vorzusehen. Stehen diesen
Massnahmen überwiegende Interessen entgegen, sind Massnahmen im
Ausbreitungsbereich des Lärms anzuordnen. Erst wenn Sanierungsmassnahmen finanziell
nicht zumutbar sind oder ihnen die erwähnten überwiegenden öffentlichen Interessen
entgegenstehen, gewährt die Behörde gemäss Art. 14 Abs. 1 LSV Erleichterungen.
b) Erleichterungen haben zur Folge, dass die Überschreitung der Immissionsgrenzwerte
in einer bestimmten Situation zugelassen wird. Es handelt sich um eine
Ausnahmebewilligung, die nur in Sonderfällen erteilt werden soll. Die Gewährung von
Erleichterungen soll nach dem Willen des Gesetzgebers restriktiv gehandhabt werden. Die
Gewährung von Erleichterungen setzt daher stets eine gesamthafte Interessenabwägung
voraus. Varianten, die erhebliche Nachteile aufweisen oder offensichtlich
unverhältnismässig erscheinen, dürfen zwar bereits nach einer ersten summarischen
Prüfung aus dem Auswahlverfahren ausgeschieden werden. Gemäss Rechtsprechung
müssen aber auch in diesen Fällen die Auswirkungen der in Betracht kommenden
Massnahmen hinreichend bekannt sein, bevor in einem zweiten Schritt allfällige
überwiegende Interessen an der Gewährung von Erleichterungen geprüft werden können.8
Das Tiefbauamt des Kantons Bern publizierte im September 2017 eine Arbeitshilfe zum
Thema «Abweichende Höchstgeschwindigkeiten».9 Darin wird in Kapitel 8 die jüngere
7 Griffel/Rausch, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 17 N 2 8 BGE 138 II 379 E. 5; Urteil des Bundesgerichts 1C_496/2009 vom 16. Juli 2010 E. 3.5; Urteil des Bundesgerichts 1C_11/2017 vom 2. März 2018 E. 2.1 m.w.H.; VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016, E. 2.2, E. 2.3 m.w.H., E. 4.3 m.w.H. 9 Abrufbar unter:
«https://www.bve.be.ch/bve/de/index/strassen/strassen/signalisation_markierung/signalisation/vorschriftssignal e.assetref/dam/documents/BVE/TBA/de/TBA_ST_SR_AH_Abweichende_Hoechstgeschwindigkeiten.pdf»
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Rechtsprechung betreffend Lärmsanierungen aufgegriffen und definiert, wie bei
Temporeduktionen im Rahmen des Lärmschutzes vorzugehen ist.
4. Geschwindigkeitsreduktion als Lärmschutzmassnahme
a) Bei der Lärmsanierung sind in einem ersten Schritt Massnahmen an der Quelle wie
beispielsweise Tempolimiten oder schallabsorbierende Strassenbeläge vorzusehen. Die
Beschwerdeführerin 3 begründet ihre Beschwerde denn auch damit, dass eine
Temporeduktion hätte erfolgen müssen.
b) Das Gebäude der Beschwerdeführerin 3 befindet sich an der G._strasse
Nr. H._ zwischen der Einmündung C._ und der Ortschaft «F._».
Der betroffene, rund 500 m lange Streckenabschnitt befindet sich damit gerade noch
ausserorts. Die signalisierte Höchstgeschwindigkeit beträgt 60 km/h. Südlich verläuft die
G._strasse weiter über Land, wo die Höchstgeschwindigkeit ab der Einmündung
C._ 80 km/h beträgt. Nördlich beim Ortseingang «F._» ist eine generelle
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h signalisiert.
Die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge ausserhalb von Ortschaften,
ausgenommen auf Autostrassen und Autobahnen, wurde vom Bundesrat auf 80 km/h
festgelegt (Art. 4a Abs. 1 lit. b VRV10 i.V.m. Art. 32 Abs. 2 SVG11). Sie kann für bestimmte
Strassenstrecken von der zuständigen Behörde aufgrund eines Gutachtens herab- oder
heraufgesetzt werden (Art. 32 Abs. 3 SVG). Die Herabsetzung ist nach Art. 108
Abs. 2 SSV12 insbesondere zulässig, wenn eine Gefahr nur schwer oder nicht rechtzeitig
erkennbar und anders nicht zu beheben ist (lit. a), wenn bestimmte Strassenbenützer eines
besonderen, nicht anders zu erreichenden Schutzes bedürfen (lit. b) oder wenn dadurch
eine im Sinne der Umweltschutzgesetzgebung übermässige Umweltbelastung (Lärm,
Schadstoffe) vermindert werden kann; dabei ist der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu
wahren (lit. d). Vor der Festlegung von abweichenden Höchstgeschwindigkeiten wird durch
ein Gutachten (Art. 32 Abs. 3 SVG) abgeklärt, ob die Massnahme nötig (Abs. 2), zweck-
und verhältnismässig ist oder ob andere Massnahmen vorzuziehen sind. Dabei ist
10 Verkehrsregelverordnung vom 13. November 1962 (VRV; SR 741.11) 11 Strassenverkehrsgesetz des Bundes vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01) 12 Signalisationsverordnung des Bundesrats vom 5. September 1979 (SSV; SR 741.21)
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insbesondere zu prüfen, ob die Massnahme auf die Hauptverkehrszeiten beschränkt
werden kann (Art. 108 Abs. 4 SSV). Inhalt und Umfang eines solchen Gutachtens hängen
vom Zweck der Geschwindigkeitsbegrenzung und den örtlichen Gegebenheiten ab.
Handelt es sich um Geschwindigkeitsreduktionen zur Lärmsanierung, müssen
insbesondere die Konsequenzen der Temporeduktion aus Lärmsicht im Gutachten
beschrieben und alternative Massnahmen zur Lärmbekämpfung aufgezeigt werden. Dazu
gehören namentlich die akustischen Wirkungen oder die Änderung der Störwirkung auf die
Anwohner. Ebenfalls konkret zu ermitteln sind die technische Machbarkeit, die Kosten und
der Nutzen der Massnahme.13
c) Die Beschwerdeführerin 3 bringt vor, mit einer Temporeduktion von 60 km/h auf
50 km/h könne eine erhebliche Lärmreduktion erreicht werden. Eine zeitlich begrenzte
Temporeduktion auf 40 km/h zwischen 21:00 Uhr bis 06:00 Uhr würde zusätzlich Ruhe
ermöglichen. Demgegenüber führt der OIK I in seiner Vernehmlassung vom 9. April 2018
aus, auf dem fraglichen Strassenabschnitt würden sich 13 Wohngebäude mit je einer
Wohnung befinden. Bei 12 dieser Gebäude werde der Immissionsgrenzwert heute
eingehalten. Lediglich beim Gebäude der Beschwerdeführerin 3 werde er am Tag um
1 db(A) überschritten und dies trotz der Tatsache, dass bei 6 Wohngebäuden die strengere
ES II und nicht wie üblich die ES III gelte. Nachts würden die Grenzwerte überall
eingehalten. Von einer übermässigen Lärmbelastung könne damit nicht die Rede sein.
Es trifft zu, dass auf dem fraglichen Streckenabschnitt der Immissionsgrenzwert am Tag
heute einzig beim Gebäude der Beschwerdeführerin 3 um 1 db(A) überschritten wird. Im
Jahr 2031 wird der Immissionsgrenzwert beim Gebäude der Beschwerdeführerin 3 am Tag
um 3 db(A) und bei einem weiteren Gebäude um 1 db(A) überschritten sein. Nachts
werden die Grenzwerte sowohl heute als auch im Jahr 2031 bei jedem Gebäude auf dem
Streckenabschnitt eingehalten. Diese Ergebnisse des Lärmsanierungsprojekts sind
unbestritten. Der OIK I schliesst daraus, dass keine übermässige Lärmbelastung vorliege.
Die Übermässigkeit einer Umweltbelastung ist jedoch bereits dann gegeben, wenn die
Grenzwerte der LSV überschritten sind.14 Das Mass der Überschreitung ist unerheblich.
Vorliegend besteht daher eine übermässige Umweltbelastung. Dies gilt indes nur für die
Lärmbelastung am Tag. Nachts werden die Grenzwerte sowohl heute als auch im
13 Vgl. Entscheid des Bundesgerichts 1C_117/2017, 1C_118/2017 vom 20. März 2018 E. 5.2 14 Vgl. auch Entscheid des Bundesrates VPB 65.87 vom 27. November 2000 E. IV 4.b
RA Nr. 140/2018/9 8
Sanierungshorizont im Jahr 2031 eingehalten. Auf die Nacht bezogene Forderungen der
Beschwerdeführerin 3 haben damit zum Vornherein keine Grundlage.
d) Der OIK I hält im Lärmsanierungsprojekt fest, eine Reduktion der Geschwindigkeit sei
im vorliegenden Fall aufgrund der Funktionalität im übergeordneten Strassennetz nicht
zweckmässig und auch nicht möglich. In der angefochtenen Verfügung vom 15. Fe-
bruar 2018 hält die Vorinstanz zudem fest, eine Geschwindigkeitsreduktion sei nicht
gesetzeskonform und hätte ohne Strassenumbau keine Wirkung. Die Massnahme sei
wirtschaftlich nicht tragbar und unverhältnismässig. In der Vernehmlassung vom
9. April 2018 führt der OIK I schliesslich aus, eine Geschwindigkeitsreduktion von 60km/h
auf 50 km/h bewirke eine Lärmverminderung um 1.2 db(A). Mit dieser
Geschwindigkeitsreduktion könnte das Lärmproblem bei der fraglichen Liegenschaft im
Jahr 2031 daher nur marginal reduziert werden. Damit die Geschwindigkeit von 50 km/h
dauerhaft und ohne polizeiliche Kontrolle eingehalten würde, bräuchte es zudem bauliche
Massnahmen wie z.B. Pförtner oder eine Verengung der Fahrbahn. Ob die Schätzung der
Beschwerdeführerin 3, wonach bereits heute 1/3 der Fahrzeuge die Geschwindigkeit nicht
einhalte, stimme, wisse der OIK I nicht. Aber bei einer weitergehenden Reduktion auf
50 km/h ohne bauliche Massnahmen wäre das Mass der Geschwindigkeitsübertretungen
sicher noch höher. Solche baulichen Massnahmen würden rund Fr. 300'000.-- bis
Fr. 400'000.-- kosten, was in Relation zur Lärmbelastung unverhältnismässig sei. Das
Kosten-Nutzen-Verhältnis sei denkbar schlecht. Ausserdem würden solche baulichen
Massnahmen eine unverhältnismässige Betriebseinschränkung (Schikane) bedeuten.
Der OIK I holte zu den Auswirkungen einer Temporeduktion kein Gutachten im Sinn von
Art. 108 SSV ein. Wie dargelegt, ist dies nicht in jedem Fall notwendig:
Sanierungsvarianten, die erhebliche Nachteile aufweisen oder offensichtlich
unverhältnismässig erscheinen, können bereits aufgrund einer summarischen Prüfung aus
dem Auswahlverfahren ausgeschieden werden. Entscheidend ist, dass die zuständige
Behörde die erforderlichen Informationen besitzt, um zu beurteilen, ob eine der
Voraussetzungen von Art. 108 Abs. 2 SSV erfüllt ist und ob die Massnahme zweck- und
verhältnismässig ist. Der abstrakte Hinweis im vorliegenden Lärmsanierungsprojekt auf die
Funktionalität im Strassennetz genügt hierfür nicht. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass
eine Geschwindigkeitsreduktion erhebliche Nachteile aufweisen würde oder offensichtlich
unverhältnismässig wäre.15 Dies gilt umso mehr, als sich die rund 500 m lange Strecke mit
15 Vgl. auch VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016 E. 4.4
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Tempo 60 km/h unmittelbar bei der Ortschaft «F._» befindet, wo ohnehin eine
Höchstgeschwindigkeit «50 generell» signalisiert ist. Der OIK I führt aus, mit einer
Geschwindigkeitsreduktion von 60 km/h auf 50 km/h könne eine Lärmverminderung von
1.2 db(A) erreicht werden. Ob es sich bei dieser Angabe um einen allgemeinen Wert oder
um das Ergebnis einer konkreten, im vorliegenden Einzelfall durchgeführten Berechnung
handelt, ist nicht ersichtlich. So oder anders könnte mit einer Lärmreduktion in dieser
Grössenordnung die Überschreitung des Mittelungspegels im Jahr 2031 beim Gebäude der
Beschwerdeführerin 3 aber auf ca. 1.8 db(A) und damit um rund 40 % reduziert werden.
Beim anderen betroffenen Gebäude wäre die Überschreitung von 1 db(A) sogar ganz
behoben. Selbst wenn bloss zwei Gebäude betroffen sind, ist die zu erreichende,
wahrnehmbare Reduktion des Lärmpegels um ca. 1.2 db(A) im Ergebnis daher nicht derart
gering, als dass sich weitere Abklärungen zum Vornherein erübrigen würden. Art. 108
Abs. 1 und Abs. 2 lit. d SSV verlangt schliesslich keine erhebliche Senkung der
übermässigen Umweltbelastung.16
Zu den baulichen Massnahmen hielt das Bundesgericht im Urteil 2A.38/2006 vom
13. Juli 2006 betreffend eine Tempo-30-Zone zwar noch fest, die blosse Signalisation der
zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h beeinflusse die effektiv gefahrene
Geschwindigkeit kaum. Eine merkliche Senkung des durchschnittlichen
Geschwindigkeitsniveaus könne in der Regel nur durch gezielte bauliche Massnahmen für
die Verkehrsberuhigung erreicht werden (vgl. dortige E. 3.4.1). In einem erst kürzlich
erschienenen Urteil führt das Bundesgericht allerdings aus, in seiner jüngeren
Rechtsprechung anerkenne es in Übereinstimmung mit dem BAFU, dass auch durch
andere flankierende Massnahmen als bauliche Massnahmen eine Absenkung der
gefahrenen Geschwindigkeit erreicht werden könne. Die in BGer 2A.38/2006 vom
13. Juli 2006 referenzierten Erfahrungswerte seien zudem bereits älteren Datums und
würden sich auf Umfrageergebnisse ausgewählter Gemeinden abstützen.17 Ohne
genauere Prüfung ist daher nicht auszuschliessen, dass andere flankierende Massnahmen
wie beispielsweise Geschwindigkeitskontrollen oder Tempodisplays ebenfalls in Betracht
kommen. Gerade Tempodisplays sind kostengünstig und können nach neueren
Erkenntnissen eine hohe Wirkung auf die gefahrenen Geschwindigkeiten ausüben.
Offenbar wurden keine Geschwindigkeitsmessungen durchgeführt und aus den Akten
ergibt sich nicht, dass die Temporeduktion von Seiten der Verkehrstechnik geprüft worden
16 Vgl. Entscheid des Bundesgerichts 1C_589/2014 vom 3. Februar 2016 E. 6.3 17 Entscheid des Bundesgerichts 1C_11/2017 vom 2. März 2018 E. 4.2.2
RA Nr. 140/2018/9 10
wäre. Der Hinweis auf die Funktionalität im übergeordneten Strassennetz ist angesichts
der nahegelegenen Ortschaft «F._» ebenfalls nicht überzeugend. Der Sachverhalt
erweist sich daher als zu wenig abgeklärt, um gestützt darauf eine
Verhältnismässigkeitsprüfung vornehmen zu können.
e) Die Beschwerdeführerin 3 macht weiter geltend, eine Temporeduktion diene auch der
Sicherheit. Die Bushaltestelle I._ werde vor allem morgens zwischen 6:00 Uhr und
8:00 Uhr und abends ab 16:00 Uhr gut frequentiert. Im Winter müsse die Fahrbahn bei
Finsternis und öfters bei rutschigem Strassenzustand überquert werden. Schulkinder und
erwachsene Fussgänger müssten auf einer Länge von ca. 100 m bis zur Bushaltestelle die
Strasse begehen. Die Beschwerdeführerin 3 rügt weiter den Standort des heute
aufgestellten Signals «Höchstgeschwindigkeit» 60 km/h. Nach Ansicht der
Beschwerdeführerin 3 müsse das Signal vor und nicht nach der Einmündung zum
C._ stehen.
Dem hält der OIK I entgegen, grundsätzlich möge diese ganzheitliche Betrachtung
stimmen. Bei der Verfügung vom 15. Februar 2018 gehe es aber ausschliesslich um die
Lärmsanierung. Es gehe nur um Massnahmen zur Lärmverminderung und nicht um eine
generelle Überprüfung der Geschwindigkeiten.
Handelt es sich um Geschwindigkeitsreduktionen zur Lärmsanierung – wie dies vorliegend
der Fall ist – müssen die Konsequenzen der Temporeduktion insbesondere aus Lärmsicht
untersucht werden. Dies bedeutet aber nicht, dass eine isolierte Betrachtung erfolgt: Für
die Verhältnismässigkeitsprüfung einer Geschwindigkeitsreduktion im Rahmen eines
Lärmsanierungsprojekts wird eine gesamthafte Interessenabwägung verlangt, unter
Einbezug aller relevanten Umstände des Einzelfalls. Dazu gehören alle zu erwartenden
positiven oder negativen Auswirkungen einer Geschwindigkeitsbegrenzung in allen
Bereichen wie Lärm, Luft, Verkehrssicherheit, Verkehrsfluss usw., unabhängig davon, ob
sie in Anhang 3 LSV, im USG oder in anderen Normen verankert sind.18 Die von der
Beschwerdeführerin 3 vorgebrachten Sicherheitsaspekte sind also auch im Rahmen eines
Lärmsanierungsprojekts zu berücksichtigen. Nicht Gegenstand ist allerdings, ob das
aktuelle Signal «Höchstgeschwindigkeit» 60 km/h signalisationsrechtlich richtig positioniert
ist.
18 Entscheid des Bundesgerichts 1C_589/2014 vom 3. Februar 2016 E. 6.4; Entscheid des Bundesgerichts 1C_117/2017, 1C_118/2017 vom 20. März 2018 E. 5.2; VGE 2014/208 vom 23. Mai 2016 E. 7.2.2
RA Nr. 140/2018/9 11
5. Ergebnis und Rückweisung
a) Es ist unbestritten, dass eine Geschwindigkeitsreduktion zu einer Abnahme der
Lärmimmissionen führt. Somit muss in einem nächsten Schritt beurteilt werden, ob eine
Temporeduktion in Würdigung der gesamten konkreten Umstände auch verhältnismässig
ist. Dabei genügt der Verweis auf die Funktion der Strasse nicht. Der Umstand, dass nicht
mehr als 2 Gebäude betroffen sind und eine Reduktion von rund 1.2 db(A) zur Diskussion
steht, rechtfertigt es im konkreten Fall ebenfalls nicht, die Geschwindigkeitsreduktion als
quellenseitige Massnahme ohne nähere Prüfung, insbesondere der verkehrstechnischen
Aspekte, auszuschliessen. Ohne hinreichende Kenntnis über die Auswirkungen einer
Geschwindigkeitsherabsetzung dürfen keine überwiegenden Interessen an der Gewährung
von Erleichterungen angenommen werden. Es sind daher weitere Abklärungen notwendig,
um die Zweck- und Verhältnismässigkeit einer Geschwindigkeitsreduktion beurteilen zu
können. Nach dem Gesagten erweist sich die Streitsache wegen der unvollständigen
Sachverhaltsabklärung im vorinstanzlichen Verfahren als nicht entscheidreif. Gestützt auf
Art. 72 Abs. 1 VRPG19 wird die Sache zur weiteren Abklärung an den OIK I
zurückgewiesen.20
b) Wie erwähnt, publizierte das Tiefbauamt des Kantons Bern eine neuere Arbeitshilfe
zum Thema «Abweichende Höchstgeschwindigkeiten» (E. 3.b). Zum weiteren Vorgehen
kann sich der OIK I an dieser Arbeitshilfe orientieren.
6. Rechtsverwahrung
a) Die Beschwerdeführerin 3 verlangt schliesslich, von der geltend gemachten
Rechtsverwahrung sei Kenntnis zu nehmen und diese sei vorzumerken. Zur Begründung
macht die Beschwerdeführerin 3 geltend, sie behalte sich ausdrücklich vor, bei heute nicht
vorhersehbaren Veränderungen der Verkehrs- und der damit verbundenen Lärmsituation
an der G._strasse auf das vorliegende Verfahren zurückzukommen und
entsprechende Massnahmen einzufordern.
19 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 20 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 3
RA Nr. 140/2018/9 12
b) Bei der Rechtsverwahrung handelt es sich um einen Rechtsbehelf aus dem
Baubewilligungsverfahren. Die Rechtsverwahrung bezweckt die Orientierung der
Gesuchstellenden und der Behörden über Privatrechte, welche durch das Bauvorhaben
berührt werden, und über Entschädigungsansprüche, die daraus abgeleitet werden
könnten (Art. 32 Abs. 1 BewD21). Da die angefochtene Verfügung aufgehoben wird,
erübrigt sich das Begehren der Beschwerdeführerin 3 um Vormerkung einer
Rechtsverwahrung. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass es sich vorliegend nicht um
ein Baubewilligungsverfahren handelt und die Beschwerdeführerin 3 auch keine
Entschädigungsansprüche geltend macht. Die Vormerkung einer Rechtsverwahrung wäre
daher ohnehin nicht möglich gewesen. Eine Rechtsverwahrung hätte denn auch nicht die
von der Beschwerdeführerin 3 geltend gemachte Wirkung gehabt, später auf das
vorliegende Verfahren zurückkommen zu können.
7. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben
(Art. 108 Abs. 1 und 2 VRPG).
b) Die Beschwerdeführerin 3 ist nicht durch einen berufsmässigen Parteivertreter
vertreten. Es sind keine Parteikosten zu sprechen (Art. 104 VRPG).