# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** f1068c96-a981-55b6-a362-658ad16a7ea0
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2005
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 14. Mai 2003 bei der Gemeinde ein Baugesuch
ein für den Neubau eines Gewerbegebäudes mit Büroräumen auf Parzelle Roggwil (BE)
Grundbuchblatt Nr. E._. Gleichzeitig beantragte er eine Ausnahmebewilligung für
die Reduktion des Abstandes zum F._bach auf 5 m. Die Parzelle liegt in der
Wohn- und Gewerbezone WG2 und grenzt an die Industriezone IG2. Gegen das
Bauvorhaben erhob die Beschwerdeführerin Einsprache. Am 16. Juni 2004 reichte der
Beschwerdegegner eine Projektänderung ein. Demnach sollen im Gewerbegebäude ein
Zwischenlager für Möbel und Archivräume für Pläne und Software eingerichtet werden.
Zudem ist anstelle der Container-Element-Bauweise neu eine Metallkonstruktion mit
Blechfassade vorgesehen.
Mit Gesamtbauentscheid vom 21. Juli 2004 erteilte der Regierungsstatthalter von
Aarwangen die Baubewilligung, die Ausnahmebewilligung gemäss Art. 26 BauG1 für die
Unterschreitung des Gewässerabstandes im Sinn von Art. 19 GBR2 sowie die
Anlagegenehmigung gemäss Art. 16 ABAG3.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 23. August 2004 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Verweigerung der Baubewilligung und sinngemäss die Aufhebung des Gesamtentscheides
vom 21. Juli 2004.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet4, führte den
Schriftenwechsel und - im Beisein der Beteiligten und des zuständigen
Wasserbauingenieurs5 - einen Augenschein mit Instruktionsverhandlung durch.
1 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 2 Baureglement der Gemeinde Roggwil vom 12. Juni 1995 (GBR), genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern (AGR) am 24. Januar 1996 3 Gesetz vom 4. November 1992 über die Arbeit, Betriebe und Anlagen (ABAG; BSG 832.01) 4 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 5 Wasserbauingenieur des Oberingenieurkreises IV, Tiefbauamt des Kantons Bern (TBA)
3
Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zum Protokoll des Augenscheins zu äussern und
Schlussbemerkungen einzureichen.
4. Auf die Rechtsschriften und auf das Ergebnis des Augenscheins wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Die BVE prüft die Eintretensvoraussetzungen von Amtes wegen.
Ein Gesamtentscheid kann laut Art. 11 Abs. 1 KoG6 unabhängig von den geltend
gemachten Einwänden einzig mit dem für das Leitverfahren massgeblichen Rechtsmittel
angefochten werden. Leitverfahren war im vorliegenden Fall das
Baubewilligungsverfahren. Baubewilligungen können nach Art. 40 BauG innert 30 Tagen
seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur
Beurteilung der Beschwerde zuständig. Beschwerdebefugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin ist als unterlegene Einsprecherin durch den
vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten. Ob
dies auch für die einzelnen Rügen gilt, wird - sofern notwendig - im Rahmen der
materiellen Erwägungen geprüft.
2. Die Beschwerdeführerin rügt, der Gewässerabstand des Bauvorhabens zum F._bach betrage nur 5 m statt der zulässigen 10 m gemäss Art. 19 GBR.
a) Gemäss Art. 19 GBR ist von den Gewässern ein Gewässerabstand von mindestens
10 m zu wahren. Er wird von der oberen Böschungskante aus gemessen. Vorbehalten
bleiben kleinere Abstände für standortgebundene Anlagen, die auf die Nutzung der
6 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1)
4
Wasserkraft angewiesen sind. Diese kommunale Bestimmung kommt nebst den
kantonalen Vorschriften des Wasserbaugesetzes7 (WBG) zur Anwendung, da es sich dabei
um einen Gewässerabstand handelt, der aus anderen als aus wasserbaupolizeilichen
Gründen festgelegt wurde8.
b) Die nordöstliche Ecke des Gewerbegebäudes ist in einer Distanz von 5 m zum
(teilweise eingedolten) F._bach vorgesehen. Der F._bach zweigt
anschliessend in nordwestlicher Richtung ab, so dass sich die Distanz im Verlauf des
Gebäudes vergrössert. Bereits die Mitte der Nordfassade des Gebäudes hält eine Distanz
von 10 m zum F._bach ein. Art. 19 GBR bezieht sich auch auf eingedolte
Gewässer. Das Bauvorhaben unterschreitet somit teilweise den in Art. 19 GBR
vorgesehenen Gewässerabstand. Die ebenfalls auf der Nordseite verlaufende
Sauberwasserleitung ist kein Gewässer im Sinn von Art. 19. Der Gewässerabstand gilt
nicht gegenüber dieser Sauberwasserleitung.
Es ist unbestritten, dass es sich beim Bauvorhaben nicht um eine standortgebundene
Anlage handelt, die auf die Nutzung der Wasserkraft angewiesen ist. Das Bauvorhaben
kommt deshalb nicht in den Genuss des Vorbehalts für einen kleineren Abstand gemäss
Satz 3 von Art. 19 GBR. Es ist somit zu prüfen, ob für die teilweise Unterschreitung des
Gewässerabstandes eine Ausnahmebewilligung im Sinn von Art. 26 BauG erteilt werden
kann (siehe nachfolgende Erwägung 3).
3. Der Regierungsstatthalter hat gestützt auf die Anträge der Gemeinde, des
zuständigen Fischereiaufsehers und des zuständigen Wasserbauingenieurs die
Ausnahmebewilligung gemäss Art. 26 BauG für das Unterschreiten des Gewässerabstandes von 10 m erteilt. Die Beschwerdeführerin bestreitet, dass besondere
Verhältnisse vorliegen und die Voraussetzungen für eine Ausnahmebewilligung erfüllt sind.
a) Ausnahmen von einzelnen Bauvorschriften können gewährt werden, wenn
besondere Verhältnisse es rechtfertigen und keine öffentliche Interessen beeinträchtigt
werden (Art. 26 Abs. 1 BauG). Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen
7 Gesetz vom 14. Februar 1989 über Gewässerunterhalt und Wasserbau (Wasserbaugesetz; WBG; BSG 751.11) 8 Uli Kunz und Heidi Walther, Erläuterungen zum WBG, 1989, S. 150
5
nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne durch
Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden (Art. 26 Abs. 2 BauG). Nach der
Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts können alle wesentlichen Interessen der
gesuchstellenden Person, welche sich auf Zweck, Umfang oder Gestaltung des
Bauvorhabens beziehen und in den geltenden Vorschriften keine Berücksichtigung finden,
besondere Verhältnisse darstellen und die Gewährung einer Ausnahmebewilligung
rechtfertigen. Interessen dieser Art müssen mit den Besonderheiten des Baugrundstücks
oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Die Gewährung einer Ausnahme ist demnach
vorab beim Vorliegen von objektiven Besonderheiten erlaubt (z.B. Lage und Form der
Parzelle, Beschaffenheit des Baugrundes, technisch bedingte Ausnahmesituationen usw.).
Gestützt auf Art. 26 BauG in der seit dem 1. Januar 1995 geltenden Fassung kann mit der
Gewährung einer Ausnahme auch solchen Besonderheiten Rechnung getragen werden,
die in den subjektiven Verhältnissen der bauwilligen Person begründet sind (z.B.
Bedürfnisse einer behinderten Person). Allerdings genügen rein finanzielle Interessen als
Ausnahmegrund ebensowenig wie der Wunsch nach einer (nicht gesetzeskonformen)
Ideallösung oder intensives Ausnützungsstreben. Wirtschaftliche Gründe sind nicht ohne
weiteres zu beachten, da sie praktisch in jedem Fall angeführt werden können. Der
Ausnahmegrund ist keine absolute Grösse. Ob ein Sachverhalt als solcher zu genügen
vermag, hängt vielmehr von drei Komponenten ab: Vom Interesse der Bauherrschaft an
der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der abgewichen werden soll, und
von Art und Mass der verlangten Abweichung. Ein wichtiger Grund liegt umso eher vor, je
weniger die Ziele der Bauvorschriften gefährdet werden.9
b) Vorweg ist festzuhalten, dass hier - entgegen den Ausführungen des
Regierungsstatthalters - nur eine Ausnahme von Art. 19 GBR, nicht jedoch von Art. 48
GBR nötig ist. Art. 48 WBG sieht lediglich vor, dass Bauten und Anlagen, die weniger als
10 m vom Gewässer erstellt werden sollen, einer Wasserbaupolizeibewilligung bedürfen.
Eine solche Wasserbaupolizeibewilligung wurde im vorliegenden Fall vom zuständigen
Wasserbauingenieur beziehungsweise vom Regierungsstatthalter erteilt, was von der
Beschwerdeführerin denn auch nicht bestritten wird. Art. 48 WBG begründet keine
generelle Bauverbotszone im Bereich von 10 m Distanz von Gewässern. In der Praxis
erteilt der Kanton normalerweise eine Wasserbaupolizeibewilligung bei einem
9 vergleiche dazu: BVR 2002 S. 1 ff. E. 3b, mit Hinweisen; KPG-Bulletin 2002 S. 52 f.; Aldo Zaugg, Kommentar zum bernischen BauG, 2. Auflage, Bern 1995, Art. 26/27 N. 5
6
Gewässerabstand bis mindestens 5 m. Einzig die kommunale Vorschrift von Art. 19 GBR
verlangt einen Gewässerabstand von 10 m.
Das Mass der Abweichung ist eher gering. Wie oben erwähnt wird die Distanz von 10 m
gemäss Art. 19 GBR zum (teilweise eingedolten) F._bach nur in der nordöstlichen
Ecke des Gewerbegebäudes unterschritten. Bereits die Mitte der Nordfassade des
Gebäudes hält eine Distanz von 10 m zum F._bach ein.
Im vorliegenden Fall stellen die Besonderheiten des Baugrundstücks besondere
Verhältnisse dar, die eine Ausnahme rechtfertigen. Die Lage der Parzelle ist zwar für einen
Gewerbebau ideal. Das Grundstück liegt in der gemischten Zone WG2, grenzt an die
Industriezone, ist bestens erschlossen und für andere Nutzungen (zum Beispiel
Wohnnutzung) eher unattraktiv. Die Bebaubarkeit des Grundstückes ist aber stark
eingeschränkt durch die westlich gelegene, im Boden verlegte Starkstromleitung, den
südöstlich gelegenen Staatsstrassen-Viadukt und die bestehenden Garagen im Süden der
Parzelle. Ohne Abreissen der Garagen und ohne Ausnahme wäre ein Gewerbebau in einer
vernünftigen Grösse nicht mehr möglich.
Die Ausnahme beeinträchtigt keine öffentlichen Interessen. Wie oben erwähnt verlangen
die kantonalen Behörden in ihrer Praxis zum WBG normalerweise einen minimalen
Abstand von 5 m. Sowohl der zuständige Fischereiaufseher als auch der zuständige
Wasserbauingenieur sehen im vorliegenden Fall keinen Grund, um von dieser Praxis
abzuweichen beziehungsweise um eine Ausnahme von Art. 19 GBR zu verweigern. Zwar
seien Bauten im 10-m-Bereich von Gewässern grundsätzlich unerwünscht. Dies gelte
jedoch vor allem für Gebiete ausserhalb der Bauzone mit hohen Naturwerten. Im
vorliegenden Fall sei das Potenzial für die Natur jedoch stark reduziert (Staatsstrassen-
Viadukt, Parkplatz, Ölabscheider, Gewerbezone). Der F._bach sei nur gering
hochwassergefährdet. Es sei mit keiner wesentlichen Erhöhung der Wasserführung zu
rechnen. Die - auch vom Kanton erwünschte Ausdolung - des Brunnbachs sei auch mit
einem Abstand von 5 m weiterhin möglich. Die Vorschriften gemäss Art. 8 und 9 BGF10
könnten auch mit einem Abstand von 5 m eingehalten werden. Im Übrigen befinde sich
innerhalb des Gewässerabstandes gemäss Art. 19 GBR bereits ein Ölabscheider des TBA.
Auch die Gemeinde macht keine öffentlichen Interessen geltend, die einer
Ausnahmebewilligung entgegenstehen würden. Sie hat im Gegenteil die Bedeutung ihrer
10 Bundesgesetz vom 21. Juni 1991 über die Fischerei (BGF; SR 923.0)
7
eigenen Vorschrift von Art. 19 GBR stark relativiert. Anders als zur Zeit der Schaffung des
GBR (1990) möchte sie sich heute bezüglich Gewässerabstand der kantonalen Praxis
anschliessen. Sie sieht deshalb eine grosszügige Ausnahmepraxis zu Art. 19 GBR vor. In
einem anderen Fall hat sie diesen Willen unter Beweis gestellt. Mit Entscheid vom
4. Dezember 2003 hat der Regierungsstatthalter eine Ausnahmebewilligung gemäss
Art. 26 BauG für das Unterschreiten des Gewässerabstandes von 10 m im Sinn von Art. 19
GBR durch eine Erschliessungsstrasse erteilt. Vorgängig hat die Gemeinde - in
Übereinstimmung mit dem zuständigen Fischereiaufseher, dem zuständigen
Wasserbauingenieur und dem Naturschutzinspektorat des Kantons Bern (NSI) - dieser
Ausnahme zugestimmt. In den Genuss dieser Ausnahmebewilligung kam übrigens die
Beschwerdeführerin, welche für das vorliegende Bauprojekt eine solche
Ausnahmebewilligung ablehnt. Dieser Fall ist mit dem vorliegenden Bauprojekt
vergleichbar. Für die Frage des Gewässerabstandes spielt keine Rolle, ob es sich um eine
Erschliessungsstrasse oder um einen Gewerbebau handelt. Art. 19 GBR bezieht sich auf
alle Bauten und Anlagen.
Schliesslich sind keine erheblichen privaten Interessen ersichtlich, die durch die
Ausnahmebewilligung beeinträchtigt werden könnten.
c) Somit steht fest, dass die Voraussetzungen für eine Ausnahme gemäss Art. 26 BauG
erfüllt sind und die entsprechende Bewilligung der Vorinstanz zu bestätigen ist.
4. Die Beschwerdeführerin hat anlässlich des Augenscheins vom 3. Dezember 2004
und im Rahmen ihrer Stellungnahme zum Augenscheinprotokoll vom 7. Januar 200511 den
Gebäudeabstand zwischen dem vorgesehenen Gewerbegebäude und den bestehenden Garagen auf der Bauparzelle gerügt. Gemäss Art. 21 Abs. 2 GBR dürfe der
Gebäudeabstand für Nebenbauten zwar auf 2 m reduziert werden. Die bestehenden
Garagen seien aber grösser als die für Nebenbauten zulässigen 60 m2. Deshalb sei der
reduzierte Abstand rechtswidrig.
Gemäss Art. 33 Abs. 3 VRPG müssen bei fristgebundenen Eingaben Antrag und
Begründung innert der Frist eingereicht sein. Die Beschwerdeführerin hat die Rüge zum
Gebäudeabstand erst anlässlich des Augenscheins vom 3. Dezember 2004 angetönt und
11 S. 2 der Stellungnahme der Beschwerdeführerin zum Augenscheinprotokoll vom 7. Januar 2005
8
in ihrer Stellungnahme zum Augenscheinprotokoll vom 7. Januar 2005 vorgebracht. Die
Rüge erfolgte also nach Ablauf der Beschwerdefrist (23. August 2004) und somit zu spät.
Zudem ist die Beschwerdeführerin zu dieser Rüge nicht legitimiert, da sie kein eigenes
schutzwürdiges Interesse daran geltend machen kann (Art. 35a Abs. 1 BauG). Die
bestehenden Garagen sowie der Abstand zwischen diesen und dem vorgesehen
Gewerbegebäude sind für die Beschwerdeführerin - nach Erstellung des
Gewerbegebäudes - nicht einsehbar. Auf diese Rüge ist deshalb nicht einzutreten. Es
besteht auch kein Anlass für eine Prüfung von Amtes wegen.
5. Die Beschwerdeführerin rügt eine Beeinträchtigung des Orts- und Landschaftsbildes beziehungsweise eine Verletzung der kommunalen Ästhetikvorschrift von Art. 26 Abs. 1 GBR durch das Bauvorhaben. "Das Bauwerk in
Containerelementen/Profiltechnik ausgeführt mit Flachdach" würde keinen positiven
Beitrag zur Erscheinung des Orts- und Landschaftsbildes leisten, sondern einen
ausgesprochen hässlichen Blickfang bilden. Die Bauherrschaft habe sich über die Pflicht
zur ästhetischen Gestaltung ohne Rücksicht auf die Liegenschaft der Beschwerdeführerin
hinweggesetzt.
a) Art. 9 Abs. 1 BauG äussert sich zum Ortsbild- und Landschaftsschutz. Demnach
dürfen Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen Landschaften, Orts- und
Strassenbilder nicht beeinträchtigen. Zur Verhinderung einer störenden Baugestaltung
(störende Farb- oder Materialwahl, ortsfremde Bau- oder Dachform und dergleichen)
können im Baubewilligungsverfahren Bedingungen und Auflagen verfügt oder
Projektänderungen verlangt werden. Art. 9 Abs. 3 BauG sieht vor, dass die Gemeinden
nähere Vorschriften erlassen dürfen. Die Gemeinde hat von dieser Kompetenz in Art. 26 ff.
GBR Gebrauch gemacht. Gemäss Art. 26 Abs. 1 GBR sind Bauten und Anlagen
hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, Lage, Proportionen, Dach- und Fassadengestaltung,
Material- und Farbwahl so auszubilden, dass sie einen positiven Beitrag zur Erscheinung
des Orts- und Landschaftsbildes leisten. Gemäss Art. 32 Abs. 1 GBR ist bei der Gestaltung
von Dächern auf gute Gesamtwirkung bezogen auf Proportionen und Materialwahl zu
achten. Neben dem zur Diskussion stehenden Objekt ist dabei die Dachlandschaft der
Nachbarbauten und das Strassenbild zu berücksichtigen. Diese Bestimmungen gehen
9
somit weiter als das allgemeine Beeinträchtigungsverbot von Art. 9 Abs. 1 BauG und
haben selbständige Bedeutung12.
An das Erfordernis des "positiven Beitrages zur Erscheinung des Orts- und
Landschaftsbildes" und an das Kriterium der "guten Gesamtwirkung" dürfen nicht
unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Solche Erfordernisse sind weder an
geringen noch an besonders hohen architektonischen Qualitäten zu messen. Das bedeutet
bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten nur, dass das Mittelmass der Umgebung
nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder Anlage an den qualitativ
hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren hat.13
b) Vorweg ist festzuhalten, dass der Beschwerdegegner bereits im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens mit der Projektänderung vom 16. Juni 2004 auf die Container-
Element-Bauweise verzichtet hat. Sofern sich die Rüge der Beschwerdeführerin betreffend
Beeinträchtigung des Orts- und Landschaftsbildes gegen die Container-Element-Bauweise
richtet, ist sie gegenstandslos geworden.
Die Gemeinde selber will keine allzu hohen Anforderungen aus ihren Ästhetik-Vorschriften
ableiten. Gemäss ihrer eigenen Auslegung entspricht das vorliegende Bauvorhaben den
kommunalen Ästhetik-Vorschriften. Insbesondere erachtet sie an diesem Standort ein
Flachdach als besser vereinbar mit Art. 26 GBR als ein Giebeldach.
Das Rechtsamt hat sich anlässlich des Augenscheins vom 3. Dezember 2004 einen
eigenen Eindruck von der Bauparzelle und deren Umgebung verschafft. Die Bauparzelle
liegt in der gemischten Wohn- und Gewerbezone WG2. Auch die benachbarten
Liegenschaften im Südwesten liegen in der Wohn- und Gewerbezone WG2. Die
Bauparzelle liegt unterhalb dieser Liegenschaften und ist wegen dazwischenliegender
Bäume von dort kaum einsehbar. Über den südöstlichen Teil der Parzelle führt der Viadukt
der Staatsstrasse, dahinter verläuft die Bahnhofstrasse. Im Norden grenzt die Bauparzelle
an das grosse Industriegebiet der ehemaligen Spinnerei Gugelmann (Industriezone IG2).
Auch die benachbarte Parzelle der Beschwerdeführerin mit dem Restaurant Tafelei liegt in
der Industriezone. Die Umgebung der Bauparzelle ist geprägt vom Viadukt und dem
12 BVR 1990 S. 241 ff. (VGE 17802 vom 22. Januar 1990) 13 VGE 20321 vom 2. Juli 1998, S. 10 mit Hinweisen; VGE 21266 vom 21. September 2001, S. 15, mit Hinweisen
10
Industriegebiet. Die von der Bauparzelle einsehbaren Gebäude sind heterogen. Es gibt
einige Häuser mit Firstdach, ansonsten sind vor allem Industrie- und Gewerbebauten mit
Flachdach zu sehen. Das benachbarte Restaurant Tafelei der Beschwerdeführerin ist zwar
neu renoviert und hat Firstdach. Auch dieses Gebäude, das früher als Kantine diente, ist
aber eine einfache, in der Industriezone übliche Zweckbaute ohne hohe architektonische
Qualität. Bei der Umgebung der Bauparzelle handelt es sich keineswegs um ein sensibles
Orts- und Landschaftsbild. Die örtlichen Gegebenheiten sind geprägt vom benachbarten
Industriegebiet und von den umliegenden Strassenbauten und sind als eher
unterdurchschnittlich zu beurteilen. Sie stellen keine hohen Anforderungen an die Ästhetik
des vorliegenden Bauvorhabens.
Die Bauparzelle selber liegt in einer Senke und ist nicht gut einsehbar. Einzig die
Fensterfront des benachbarten Restaurants Tafelei der Beschwerdefühererin ist direkt auf
die Bauparzelle gerichtet. Der vorgesehe Gewerbebau wird von dort gut zu sehen sein. Der
Augenschein hat aber gezeigt, dass auch jetzt schon die Aussicht vom Restaurant Tafelei
durch die bestehenden Garagen und vor allem durch den dominanten Strassenviadukt
beeinträchtigt wird. Bei der vorgesehen Baute handelt es sich um eine einfache
Metallkonstruktion mit Blechfassade und Flachdach, die sich ohne weiteres in diese
Umgebung einpasst. In der Umgebung befinden sich weitere ähnliche Zweckbauten mit
Flachdach. In der Wohn- und Gewerbezone WG2 sind Flachdächer grundsätzlich zulässig.
Ein Flachdachverbot aus ästhetischen Gründen (Art. 32 Abs. 1 und 2 GBR) lässt sich in
dieser Umgebung nicht rechtfertigen. Der Beschwerdegegner wäre bereit gewesen,
anstelle der Blechfassade eine verputzte oder begrünte Fassade zu wählen. Die
Beschwerdeführerin ist jedoch auf dieses Angebot nicht eingegangen. Daraus ist zu
schliessen, dass sie eine anders gestaltete Fassade nicht als ästhetischer beurteilt.
c) Damit steht fest, dass der Einwand der Beeinträchtigung des Orts- und
Landschaftsbildes offensichtlich unbegründet ist.
6. a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat
die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Die Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr und den Beweiskosten (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die
Pauschalgebühr wird festgesetzt auf Fr. 1'400.- (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit
11
Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1 GebV14). Die Beweiskosten belaufen sich auf Fr. 400.-
(Augenschein). Die Verfahrenskosten betragen somit Fr. 1'800.-.
b) Die Beschwerdeführerin hat zudem dem Beschwerdegegner die Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes des Beschwerdegegners
gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdeführerin hat somit dem
Beschwerdegegner die Parteikosten von Fr. 3'276.40 zu ersetzen.