# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** a4764bca-7576-4ea9-b0a7-262f60077456
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2011
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Verletzung des Amtsgeheimnisses
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, Einzelrichterin in Strafsachen, vom 17. September 2009 (GG090260)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 27. Mai 2009
ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Angeklagte A._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
Die Angeklagte B._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
3. Die Kosten, einschliesslich derjenigen der Untersuchung, werden auf die
Gerichtskasse genommen.
4. Der Angeklagten A._ wird keine Entschädigung zugesprochen.
Der Angeklagten B._ wird keine Entschädigung zugesprochen.
5. Der Angeklagten A._ wird eine Genugtuung von Fr. 500.00 zuzüglich 5
% Zins seit 25. Oktober 2007 aus der Gerichtskasse zugesprochen.
Der Angeklagten B._ wird eine Genugtuung von Fr. 500.00 zuzüglich 5
% Zins seit 25. Oktober 2007 aus der Gerichtskasse zugesprochen.
6. Der Angeklagten A._ wird eine Prozessentschädigung von Fr. 7'000.00
zuzüglich 7,6% Mehrwertsteuer aus der Gerichtskasse zugesprochen.
Der Angeklagten B._ wird eine Prozessentschädigung von Fr. 7'000.00
zuzüglich 7,6% Mehrwertsteuer aus der Gerichtskasse zugesprochen.
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Berufungsanträge:
a) des Vertreters der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 88 S. 1 f.)
1. Das Urteil der Einzelrichterin in Strafsachen des Bezirksgerichts Zürich
vom 17. September 2009 sei aufzuheben.
2. Die beschuldigten Personen B._ und A._ seien der Verlet-
zung des Amtsgeheimnisses im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
schuldig zu sprechen.
3. B._ und A._ seien je mit einer Geldstrafe von 50 Tagessät-
zen zu bestrafen, wobei der Tagessatz bei B._ auf Fr. 70.– (ent-
sprechend Fr. 3'500.–) und bei A._ auf Fr. 80.– (entsprechend Fr.
4'000.–) festzusetzen sei.
4. Beide beschuldigten Personen seien zudem in eine Busse von je
Fr. 800.– zu verfällen (Art. 42 Abs. 4 StGB).
5. Beiden beschuldigten Personen sei der bedingte Vollzug der Geldstra-
fe unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren zu gewähren.
6. Es sei eine Ersatzfreiheitsstrafe von acht Tagen bei schuldhafter Nicht-
bezahlung der Busse festzusetzen.
7. Den beschuldigten Personen seien die Kosten des Verfahrens aufzuer-
legen.
b) des Vertreters der Geschädigten:
(Urk. 89 S. 1)
Die Angeklagten A._ und B._ seien der Verletzung des Amtsge-
heimnisses im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen
und angemessen zu bestrafen.
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c) des Verteidigers der Angeklagten:
(Urk. 90 S. 1)
1. Abweisung der Berufung von Staatsanwaltschaft und Stadt Zürich.
Bestätigung des erstinstanzlichen Freispruchs samt Zuerkennung einer
Genugtuung und Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen für
das erstinstanzliche Verfahren.
2. Entschädigung der Appellatinnen für die Aufwendungen für ihre erbe-
tene Verteidigung vor zweiter Instanz.
Angemessene Erhöhung der Genugtuung für die Appellatinnen.
3. Regelung auch der zweitinstanzlichen Kostenfolgen inkl. Kosten der ab
31. August 2010 bewilligten amtlichen Verteidigung zulasten der
Staatskasse.

## Considerations

Das Gericht erwägt:
I. Verfahrensgang und Prozessuales
1. Am 27. Mai 2009 erhob die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich gegen die
Angeklagten Anklage wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses im Sinne von Art.
320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB (Urk. 34). Die Einzelrichterin für Zivil- und Strafsachen am
Bezirksgericht Zürich sprach die Angeklagten mit Urteil vom 17. September 2009
frei (Urk. 60). Gegen diesen Entscheid erhoben sowohl die Anklägerin wie auch
die geschädigte Stadt Zürich am 22. bzw. am 24. September 2009 Berufung, oh-
ne diese zu beschränken (Urk. 42 und 43). Ihre Beanstandungsschriften datieren
vom 9. November 2009 (Urk. 55 und 56).
In ihren Beweiseingaben beantragten insbesondere die Anklägerin und die Ge-
schädigte die Einvernahme von weiteren Zeugen (Urk. 63 und 67). Gleichzeitig
reichten sie diverse Urkunden ein (Urk. 68 und 70). Mit Beschluss vom 1. Februar
2010 ersuchte die Berufungskammer die Anklägerin um Einvernahme weiterer
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Personen als Zeugen (Urk. 74). Nachdem die Verteidigung am 11. Juni 2010 bei
der Anklägerin eine weitere Zeugenbefragung beantragt hatte, wurde diese am 8.
Juli 2010 nach Einholung des obergerichtlichen Einverständnisses durchgeführt
(Urk. 77/5/1 und 80). Alsdann gingen die Akten wieder beim Obergericht ein. Am
31. August 2010 beantragte der erbetene Verteidiger, es sei den beiden Ange-
klagten die amtliche Verteidigung zu bewilligen und in seiner Person ein amtlicher
Verteidiger zu bestellen (Urk. 82). Diesem Antrag wurde mit Präsidialverfügung
vom 6. September 2010 stattgegeben (Urk. 84). Am 25. Oktober 2010 wurden die
Parteien zur heutigen Berufungsverhandlung vorgeladen.
2. Am 1. Januar 2011 ist die Schweizerische Strafprozessordnung in Kraft getre-
ten. Gemäss Art. 453 Abs. 1 StPO werden Rechtsmittel nach bisherigem Recht
beurteilt, wenn ein Entscheid vor Inkrafttreten der Schweizerischen Strafprozess-
ordnung gefällt worden ist. Das vorliegende Verfahren richtet sich demgemäss
nach den kantonalrechtlichen Prozessvorschriften (StPO/ZH und GVG/ZH).
II. Sachverhalt
Den Angeklagten wird vorgeworfen, im Januar bzw. Mai 2007 als Angestellte des
Sozialdepartementes der Stadt Zürich im Bewusstsein um den geheimen, nicht
öffentlich zugänglichen Inhalt und in Kenntnis ihrer amtlichen Stellung dem bei der
Zeitschrift "C._" tätigen Journalisten D._ verschiedene zum Teil anony-
misierte Dokumente übergeben zu haben, welche in dienstlichem Zusammen-
hang in ihren Einflussbereich gelangt waren und welche dem Amtsgeheimnis un-
terstanden. Sie hätten damit in Kauf genommen, dass diese medial aufbereitet ei-
ner breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden (Urk. 34).
Die Angeklagte A._ verneinte in der ersten Befragung als Auskunftsperson,
etwas mit den C._-Artikeln zu tun zu haben. In der weiteren Untersuchung,
vor Vorinstanz und auch im Berufungsverfahren anerkannte sie den angeklagten
Sachverhalt (Urk. 9/3, 9/5; Prot. I S. 11 ff. und Prot. II S. 27). Die Angeklagte
B._ verneinte in ihrer ersten Befragung als Auskunftsperson ebenfalls, dem
C._-Journalisten Informationen übermittelt zu haben (Urk. 8/1 S. 2 und 4), als
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Angeschuldigte befragt räumte sie demgegenüber am 19. Juni 2008 ein, D._
in Unterlagen Einblick gegeben und solche auch ausgedruckt zu haben (Urk. 8/3
S. 9). Dies anerkannte sie auch in der Schlusseinvernahme vom 12. März 2009,
vor Vorinstanz und auch heute (Urk. 8/4; Prot. I S. 14 ff. und Prot. II S. 42). Sie
bestritt indes die Weitergabe von einzelnen in der Anklageschrift erwähnten Do-
kumenten.
Die Vorinstanz hat den Anklagesachverhalt insoweit als erstellt betrachtet, als
dieser dem Geständnis bzw. Teilgeständnis entspricht. Unter Hinweis auf die zu-
treffende Begründung und insbesondere gestützt auf den Umstand, dass dem
C._-Journalisten D._ gemäss dessen unwiderlegbaren Aussagen noch
weitere Personen als Informationsquelle dienten, ist dem ohne weiteres zu folgen.
Auch hat die Vorinstanz gestützt auf die Akten die notwendigen Korrekturen bei
einzelnen Fallnummern bzw. Datumsangaben vorgenommen. Es kann auf die
entsprechenden Erwägungen verwiesen werden (Urk. 60 S. 2-4; § 161 GVG). Der
Anklagesachverhalt ist in diesem Sinn als erstellt zu betrachten. Auch die Vertei-
digung hat diesen anerkannt (Urk. 37 S. 26).
III. Rechtliche Würdigung
Die Angeklagten liessen die rechtliche Würdigung ihres Verhaltens als Amtsge-
heimnisverletzung bestreiten. Soweit eine Anonymisierung der Unterlagen statt-
gefunden habe, stelle sich die Frage, ob überhaupt noch von einer Amtsgeheim-
nisverletzung ausgegangen werden könne. Der Tatbestand sei aber insbesondere
deshalb nicht erfüllt, weil es am Tatbestandsmerkmal des objektiven Interesses
an der Geheimhaltung fehle. Schliesslich berufen sie sich auf den übergesetzli-
chen Rechtfertigungsgrund des überwiegenden öffentlichen Interesses (Urk. 37 S.
11, S. 12 ff. und S. 26/27).
1. Tatbestandsmässigkeit
Der Verletzung des Amtsgeheimnisses im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
macht sich schuldig, wer ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft
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als Mitglied einer Behörde oder als Beamter anvertraut worden ist oder das er in
seiner amtlichen oder dienstlichen Stellung wahrgenommen hat. Schutzobjekt des
Straftatbestandes sind einerseits - mitunter sensible - Daten der Bürgerinnen und
Bürger, welche diese in ihrem Kontakt mit staatlichen Institutionen offen legen
müssen. Geschützt wird aber auch das Funktionieren der Behörden, welche ihre
Geschäfte seriös vorbereiten, beraten und abwickeln können müssen, ohne dass
sie unzulässigen Einmischungsversuchen ausgesetzt sind oder Aussenstehende
von Insiderinformationen profitieren können (Niklaus Oberholzer, in BSK II, 2.
Aufl., Basel 2007, N 3 und 4 zu Art. 320 StGB; Donatsch/Wohlers, Strafrecht IV,
3. Aufl., Zürich 2004, S. 466 f.).
Dem Tatbestand liegt ein materieller Geheimnisbegriff zugrunde. Entscheidend
ist, ob es sich um eine Tatsache handelt, die weder offenkundig noch allgemein
zugänglich ist und bezüglich derer der Geheimnisherr nicht nur ein berechtigtes
Interesse, sondern auch den ausdrücklich oder stillschweigend bekundeten Willen
zur Geheimhaltung hat (a.a.O. N 7 unter Hinweis auf BGE 114 IV 46). Dieser Ge-
heimnischarakter ist mit Bezug auf die der Anklage zugrundeliegenden Daten oh-
ne weiteres zu bejahen. Nicht vorausgesetzt ist, dass die Daten einer bestimmten
Person zugeordnet werden können, weshalb der von der Angeklagten A._
vorgenommenen Teil-Anonymisierung keine den objektiven Tatbestand aus-
schliessende, befreiende Bedeutung zukommt. Zutreffend wies die Vorinstanz
auch darauf hin, dass die Beurteilung, ob ein Geheimnis im Sinne des Gesetzes
vorliege, nicht davon abhänge, wie gross das Interesse Dritter und insbesondere
der Öffentlichkeit an der Bekanntgabe der Tatsache sei. Das Spannungsverhält-
nis, das in einem konkreten Fall zwischen dem Geheimhaltungsinteresse und
dem öffentlichen Informations- und Offenlegungsinteresse bestehen kann, betrifft
nicht den Tatbestand, sondern allenfalls die Rechtswidrigkeit des tatbestands-
mässigen Verhaltens (BGE 127 IV 130 E. 3.b) cc); BGE 126 IV 236 E. 4d.). Inso-
weit entfällt die Tatbestandsmässigkeit auch nicht deshalb, weil es an einem ob-
jektiven Interesse an der Geheimhaltung fehlen würde.
Keiner weiteren Ausführungen bedarf es schliesslich, dass die Angeklagten die
offenbarten Daten im Rahmen ihrer Tätigkeit erfahren haben. Wie sich aus ihren
(nachstehend noch wiederzugebenden) Aussagen ergibt, haben die Angeklagten
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die Daten auch in Kenntnis des Geheimnischarakters mit Bedacht und bewusst,
mithin vorsätzlich an den C._-Journalisten offenbart. Die Vorinstanz ging
damit zu Recht davon aus, dass die Angeklagten mit ihrem Verhalten den Tatbe-
stand der Amtsgeheimnisverletzung in objektiver und subjektiver Hinsicht erfüllt
haben. Es kann ergänzend auf die entsprechenden Erwägungen verwiesen wer-
den (Urk. 60 S. 4-6; § 161 GVG). Ebenso trifft zu, dass den beiden Angeklagten je
nur eine Tathandlung vorgeworfen wird, weshalb keine mehrfache Tatbegehung
vorliegt.
2. Übergesetzlicher Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen
2.1. Grundlagen
Der Rechtfertigungsgrund der Wahrnehmung berechtigter Interessen gilt als ge-
wohnheitsrechtlich anerkannt. Die Voraussetzungen dieses Rechtfertigungsgrun-
des werden in der Rechtsprechung weitgehend denen des rechtfertigenden Not-
standes angeglichen, obwohl es anders als beim rechtfertigenden Notstand nicht
um die Abwehr einer Gefahr geht, sondern um die Ausübung verfassungsmässig
garantierter Freiheitsrechte oder um die Herstellung sozial erwünschter und gebil-
ligter Zustände auf Kosten der Beeinträchtigung anderer Interessen. Nach Auffas-
sung des Bundesgerichts sind die Voraussetzungen dann gegeben, wenn "die Tat
ein zur Erreichung des berechtigten Ziel notwendiges und angemessenes Mittel
ist, sie insoweit den einzig möglichen Weg darstellt und offenkundig weniger
schwer wiegt als die Interessen, welche der Täter zu wahren sucht" (BGE 127 IV
135, 169; 129 IV 15). Als berechtigtes Ziel kann dabei zwar jedes schutzwürdige
private oder öffentliche Interesse in Betracht kommen, tatbestandsmässiges Ver-
halten rechtfertigen kann es aber nur, wenn es nicht um einen Konflikt geht, den
das geltende Recht bereits abschliessend entschieden hat (BGE 120 IV 213 f.)
und wenn es keinen gesetzeskonformen Weg gibt, auf dem sich das Ziel wahren
liesse (BGE 94 IV 70 f.; 115 IV 80; 118 IV 179 f.). Auch dürfen andere Interessen
selbstverständlich nur so weit beeinträchtigt werden, wie es als unerlässlich er-
scheint.
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Der Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen lässt in gewissem
Mass eine Interessenverrechnung zu und trägt so die Gefahr in sich, die Grenzen
des strafbaren Verhaltens aufzulösen und den strafrechtlichen Rechtsgüterschutz
auszuhöhlen. Damit er hiezu nicht geradezu benutzt wird, ist unbestritten, dass
eine restriktive Anwendung, eine Beschränkung auf Ausnahmefälle geboten ist.
Die neuere Lehre tendiert in Anlehnung an die zitierte Rechtsprechung dahin, für
dessen Anerkennung vorauszusetzen, dass nicht nur die berechtigten Interessen
deutlich höher zu gewichten sind als die verletzten, sondern auch die verwende-
ten Mittel angemessen sind (Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, Allgemei-
ner Teil I, 3. Aufl., Bern 2005, § 10 N 59 f.; Kurt Seelmann, in: BSK I, 2. Aufl.,
2007, N 24 zu Art. 14 StGB mit weiteren Hinweisen; a.M.: Riklin, in: Festschrift für
Stefan Trechsel, Zürich, Bern, Genf, 2002 S. 541, der eine einfache höhere Ge-
wichtung als hinreichend erachtet, das Erfordernis der deutlichen Höherwertung
ablehnt und es als in gewissen Fällen nicht sachgerecht erachtet).
Die Durchbrechung der Schweigepflicht ohne Einwilligung der vorgesetzten Be-
hörde unter Berufung auf den übergesetzlichen Rechtfertigungsgrund der Wah-
rung berechtigter Interessen ist gestützt auf diese allgemeinen Grundsätze nur
ausnahmsweise und nach Erschöpfung aller legalen Möglichkeiten zulässig. Das
Bundesgericht verlangt wie gesehen, dass das verwendete Mittel dem verfolgten
Zweck angemessen ist, und verneint deshalb einen Rechtfertigungsgrund, wenn
dem Täter zur Erreichung des Ziels andere, gesetzliche Mittel zur Verfügung
standen und ihm zugemutet werden konnte, davon Gebrauch zu machen. Es
könne in diesem Sinne einem Beamten nicht zugestanden werden, mit Amtsge-
heimnissen die Flucht in die Öffentlichkeit anzutreten, solange er nicht mit allen
ihm zur Verfügung stehenden gesetzlichen, insbesondere dienstlichen Mitteln
versucht hat, gegen die Amtspflichtverletzungen oder sonstigen Missstände an-
zukämpfen, die er in seiner Stellung wahrgenommen haben will (Donatsch/
Flachsmann/Hug/Weder, Kommentar StGB, 18. Aufl., Zürich 2010, N 21 zu Art.
320 StGB; BGE 94 IV 70; BGE 114 IV 48; SJZ 83 (1987) 344, ZR 76 (1977) Nr.
45; Oberholzer, a.a.O. N 15 zu Art. 320 StGB; Stratenwerth/Bommer, Schweizeri-
sches Strafrecht Besonderer Teil II, 6. Aufl., Bern 2008, § 59 N 12). Im Entscheid
BGE 117 IV 179/180 hielt das Bundesgericht fest, dass selbst wenn man anneh-
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men wollte, dass objektiv die Voraussetzungen des Rechtfertigungsgrundes der
Wahrung berechtigter Interessen nicht gegeben seien, ein zumindest subjektiver
Unrechts- und Schuldvorwurf auszuschliessen sei, wenn der Täter das gewählte
Vorgehen als einzig möglichen Weg angesehen hat und in guten Treuen auch
ansehen durfte. Es ging im fraglichen Entscheid um die illegale Einreise zwecks
Heirat der (schweizerischen) Mutter der eigenen Tochter.
2.2. Prozessstandpunkte
2.2.1. Die Vorinstanz ging gestützt auf die Angaben der Angeklagten davon aus,
dass bei der Bekämpfung des Sozialhilfemissbrauchs gravierende amtsinterne
Missstände herrschten. Ziel des Handelns der Angeklagten sei es gewesen, ge-
gen den allzu lockeren Umgang mit Steuergeldern und die Ungleichbehandlung
der Sozialhilfeempfänger anzugehen, was berechtigt gewesen sei. Da die Namen
der von den weitergegebenen Unterlagen betroffenen Sozialhilfeempfängern nicht
publiziert worden seien, tangiere die Amtsgeheimnisverletzung der Angeklagten
nur die Interessen der Behörde. Sie kommt alsdann zum Schluss, dass das Vor-
gehen der Angeklagten notwendig und angemessen war und eine Interessenab-
wägung klar ergebe, dass ihre Tat weit weniger schwer wiege als die Interessen,
die sie zu wahren suchten. Die Angeklagten hätten sodann eindrücklich dargetan,
dass nach den verbindlichen Vorgaben von oben der Dienstweg strikte einzuhal-
ten gewesen sei, ansonsten Konsequenzen drohten und dass sie nicht hoffen
durften, auf dem internen Weg etwas erreichen zu können. Aufgrund der Ein-
schränkungen in ihrer Tätigkeit sei auch das mangelnde Vertrauen der Angeklag-
ten in die Geschäftsprüfungskommission (GPK) nachvollziehbar. Die Angeklagten
hätten überzeugend und unwiderlegt dargetan, dass sie alle ihnen zur Verfügung
stehenden und halbwegs Erfolg versprechenden dienstlichen Mittel ausgeschöpft
hatten, bevor sie das Amtsgeheimnis verletzten. Darüber hinaus sei in subjektiver
Hinsicht rechtsgenügend erstellt, dass sie unter den gegebenen Umständen das
von ihnen gewählte Vorgehen als den einzig möglichen Weg ansahen und in gu-
ten Treuen ansehen durften. Sie hätten sich in einer grossen Gewissensnot be-
funden, als sie im Sinne eines letzten Mittels das Amtsgeheimnis verletzten, um
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das zu tun, was letzten Endes ihre Aufgabe in der Fallkontrolle gewesen sei: die
Bekämpfung des Sozialhilfemissbrauchs (Urk. 60 S. 21-23).
2.2.2. Die Anklägerin rügt in ihrer Berufungsbeanstandung, das angefochtene Ur-
teil habe sich mit Lehre und Rechtsprechung nur unzureichend auseinanderge-
setzt und die Rahmenbedingungen seien ungenügend und einseitig zu Gunsten
der Angeklagten ausgeleuchtet worden. Sie hebt bei der Interessenabwägung
und der Frage der Verhältnismässigkeit insbesondere das Amtsgeheimnis als ein
Schlüsselfaktor für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Rechtsstaat
hervor, das nur dann verletzt werden dürfe, wenn es im Vergleich mit dem ange-
strebten Zweck der Amtsgeheimnisverletzung deutlich geringer wiege. Die Vo-
rinstanz setze sich sodann nicht mit dem Zeitpunkt der zu beurteilenden Amtsge-
heimnisverletzung auseinander, den sie als zur Unzeit erfolgt betrachtet. Schliess-
lich sei auch die Beweiswürdigung hinsichtlich des "einzig möglichen Weges"
nicht schlüssig (Urk. 55). Sie beantragte den Beizug der Weisung 37 des Stadtra-
tes von Zürich vom 6. September 2006 (GR Nr. 2006/357) sowie die Einvernahme
der Vorgesetzten der Angeklagten (E._, F._, G._ und H._).
2.2.3. Die geschädigte Stadt Zürich erachtet in ihrer Beanstandungsschrift den
Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen ebenfalls als nicht ge-
geben und macht insbesondere geltend, die Angeklagten hätten im relevanten
Zeitpunkt Januar bzw. Mai 2007 andere Mittel und Wege zur Verfügung gehabt,
um ihre Anliegen vorzubringen und ihre Ziele zu erreichen. Subjektiv hätten die
Angeklagten das gewählte Vorgehen keinesfalls als einzig möglichen Weg anse-
hen können. Im angefochtenen Urteil habe eine Fokussierung auf den rechtlich
relevanten Zeitraum nicht oder nur ungenügend stattgefunden, die Angeklagten
hätten nach der vom Stadtrat am 6. September 2006 verstärkten Missbrauchsbe-
kämpfung im Nachgang zum sog. "Spanienfall" innerhalb und ausserhalb des De-
partements zahlreiche legale Möglichkeiten zur Verfügung gestanden, ihre Anlie-
gen vorzubringen und sich Gehör zu verschaffen (Ombudsfrau, GPK) (Urk. 56).
Mit ihren Beweisanträgen liess die Geschädigte zahlreiche Dokumente im Zu-
sammenhang mit der Verstärkung der Missbrauchsbekämpfung einreichen und
die Befragung weiterer Zeugen beantragen (Urk. 67).
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2.2.4. Auch die Verteidigung hat im Rahmen des Berufungsverfahrens zahlreiche
Dokumente - weitestgehend Presse- und Medienartikel aus der Zeit 2006 bis En-
de 2009 zu den Akten gegeben und sich deren Verwendung für das Berufungs-
verfahren vorbehalten. Hierauf, wie auch auf die von der Geschädigten einge-
reichten Unterlagen wird - soweit notwendig - nachfolgend einzugehen sein.
2.3. Beurteilungsgrundlagen
Für die Beurteilung der Frage, ob sich die Angeklagten auf den Rechtfertigungs-
grund der Wahrung berechtigter Interessen berufen können, sind nachstehend
zunächst die Beurteilungsgrundlagen darzulegen und zu würdigen. Es handelt
sich einerseits um die vorinstanzlichen Akten und dort insbesondere die Angaben
der Angeklagten, der befragten, weiteren Personen sowie der bereits damals im
Recht liegenden Urkunden. Des weiteren sind die Aussagen der ergänzend be-
fragten Zeugen darzulegen und zu würdigen. Gestützt auf diese umfassenden
Grundlagen werden die dargelegten Voraussetzungen des geltend gemachten
Rechtfertigungsgrundes nach Massgabe der bundesgerichtlichen Praxis geprüft.
Es sind demgemäss die sich gegenüberstehenden Ziele und Interessen einander
gegenüberzustellen und zu gewichten, die Angemessenheit des gewählten Mittels
sowie das Kriterium des "einzig möglichen Weges" zu prüfen.
2.4. Aussagen der Angeklagten
2.4.1. Die Angeklagte A._ wurde am 25. Oktober 2007 erstmals als Aus-
kunftsperson befragt. Sie schilderte dort ihre Arbeit im Fallcontrolling, in welchem
Bereich sie seit 2001/2002 im Umfang von 20% tätig war. Sie habe im Rahmen
ihrer Kontrolltätigkeit immer wieder Sachen gesehen, mit denen sie nicht einver-
standen gewesen sei und diese auch gemeldet, was aber nichts gefruchtet habe.
Es sei immer wieder gesagt worden, es handle sich dabei um Einzelfälle, was in-
des nicht zutreffe. Sie räumte damals einen Kontakt zu D._ ein, nicht jedoch,
mit den C._-Artikeln etwas zu tun zu haben. Vielmehr erklärte sie, sie müsse
sagen, dass sie die Leute, die solche Missstände ans Tageslicht bringen, bewun-
dere für ihre Zivilcourage; sie selber hätte gerne so viel Mut (Urk. 9/1, insbes. S.
3). In der Einvernahme als Angeschuldigte vom 7. Mai 2008 schilderte sie aus-
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führlich ihre Tätigkeit beim Sozialdepartement, bei welchem sie bereits 1997 als
Kanzlistin bei der Quartier-Beratungsstelle I._ eingetreten war. Zusammen
mit zwei Mitarbeitern habe sie sich mit den administrativen Fällen befasst und ca.
80 Dossiers betreut. Sie sei dort eingetreten, weil sie sich zuvor beim J._ in
einer Art gewerkschaftlichen Tätigkeit für sozial Schwächere eingesetzt habe.
Nach dreijähriger Tätigkeit und einer kurzen Auszeit habe sie ein Onlinehandbuch
für das Fallverwaltungsprogramm Pro-Leist schreiben können, wobei das Projekt
schliesslich wieder fallen gelassen worden sei. Man habe ihr dann beim Rechts-
dienst ein 40% Pensum angeboten, parallel dazu habe sie Schulungen für neue
Mitarbeiter/innen gemacht im Fallverwaltungsprogramm Pro-Leist. Ab Anfang
2002 sei sie auch für den Bereich Fallcontrolling eingesetzt worden (zu rund 20%)
(Urk. 9/2 S. 2/3). In der Fallkontrolle habe sie jährlich vielleicht 250 Fälle kontrol-
liert. Bei dieser Tätigkeit habe sie bald einmal gemerkt, dass viele Mitarbeiter eine
schlechte Fallführung machen, so dass keine Kontrolle möglich war. Auch im
Rahmen der Schulungstätigkeit habe es solche Erlebnisse gegeben. Mehrfach
habe sie dies ihrem Chef gemeldet, sei aber nach ihrer Wahrnehmung dort auf
taube Ohren gestossen. Im Rahmen ihrer Tätigkeit im Kompetenzzentrum seien
sie ja auch für den Support der Fallführenden tätig gewesen, worauf seitens ihres
Chefs grosses Gewicht gelegt worden sei, ungleich der Fallkontrolle. Die von ihr
der Teamleitung gemeldeten Kontrollergebnisse hätten von dieser den Fallbear-
beitenden gemeldet werden müssen, was indes nicht geschehen sei. Ihr Vorge-
setzter habe sie, die Angeklagte, in den Mitarbeitergesprächen zwar gut qualifi-
ziert, doch seien ihre Anliegen nicht aufgenommen worden. Im Jahr 2006 sei sie
deshalb mit einem konkreten Fall, der keinen Aufschub zuliess, direkt zur Vorge-
setzten ihres Chefs, G._, gegangen, als dieser in den Ferien gewesen sei.
Sie habe den Eindruck gehabt, diese sei überrascht und aus allen Wolken gefal-
len und sie habe quasi alarmmässig die betreffende Teamleiterin orientiert, dass
in einem bestimmten Fall etwas schief gelaufen sei; die Sozialarbeiterin habe die
Sache aufgenommen und auch korrigiert. Weitere Massnahmen seien aber nicht
getroffen worden (Urk. 9/2 S. 4 ff.). In der fortsetzenden Befragung vom 18. Juni
2008 schilderte die Angeklagte weiter, dass sie sich bei ihrer Arbeit immer wieder
gesagt habe, dass gewisse Sachen nicht sein dürften. Sie habe den Eindruck ge-
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habt, dass seitens der Führung die Öffentlichkeit belogen werde und dass man
nicht bereit sei, hier klaren Wein einzuschenken; es sei ihr um die Sache und
nicht um Personen gegangen. Sie habe in diesem Bereich festgestellt, dass es
Sozialarbeiter/innen gegeben habe, welche ihre Klienten begünstigt hätten. Prob-
leme habe es dann bei einem Wechsel der Betreuungsperson gegeben, welche
strenger gewesen sei (Urk. 9/3 S. 1/2). Sie sei immer wieder bei Herrn H._
vorstellig geworden mit einzelnen Fällen und bezüglich ganzer Berufsgruppen,
welche besonders problematisch schienen - z.B. Taxifahrer oder Prostituierte.
Andere Fälle seien solche gewesen, die vom Sozialamt Gelder bezogen und
trotzdem z.B. über ein Auto verfügt hätten. Sie habe alle Fälle Herrn H._ ge-
meldet mit der Idee, dass dieser dann mit dem Teamleiter des/der betreffenden
Sozialarbeiter/in in Kontakt trete (Urk. 9/3 S. 2/3).
Im November 2006 habe sie an einem Vortrag eines freien C._-journalisten
zum Thema "Ausrichtung der Sozialhilfe an Jugendliche" aus Interesse teilge-
nommen. Sie sei mit dessen Ausführungen weitgehend einverstanden gewesen,
der Referent sei indes vom Publikum "quasi in der Luft zerrissen" worden. Sie ha-
be sich ein Herz gefasst und ihn gefragt, ob sie sich über dieses Thema einmal
näher unterhalten könnten und ihm erklärt, wo sie arbeite. Er habe auf einen Kol-
legen verwiesen, der sich mit der Sache näher befasse, dieser werde sich bei ihr,
der Angeklagten, melden. Im Januar 2007 habe dann D._ sie zu Hause an-
gerufen, ev. auch per Mail kontaktiert, und sie über seine Berichterstattung über
den Spanien-Fall orientiert. Sie, die Angeklagte, habe ihm erklärt, dass sie in ei-
ner Art grossen Not sei, weil sie nicht mehr wisse, wohin sie sich wenden müsse
mit ihren Kenntnissen über die Missstände im Sozialdepartement, welche ihr nun
schon seit Jahren aufgefallen seien. Sie hätten dann bei ihr zu Hause ein länge-
res Gespräch geführt, in welchem sie dem Journalisten über ihre Erfahrungen be-
richtet habe, generell auf Problemkomplexe und Missstände bezogen. D._
habe dann nach konkreten Beispielen gefragt, die den Leser interessieren würden
(Urk. 9/3 S. 4/5). Zu den Medien sei sie gegangen, weil sie in grosser Not gewe-
sen sei. Diese habe sich immer mehr aufgebaut und gestaut. Sie habe bei ihrem
Chef nichts erreichen können, ebenso wenig bei der Chefin ihres Chefs. Sie habe
sich an den Rechtsdienst gewendet, um allenfalls juristischen Rat zu erhalten,
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ohne dass dies etwas gefruchtet hätte. Sie habe sich überlegt, zu Frau F._
oder Frau E._ zu gehen, was sie letztlich habe verwerfen müssen, weil sie
sich über Teamleiter, über Sozialarbeiter/innen, über Vorgesetzte sehr kritisch
hätte äussern müssen und dabei insbesondere über Personen, von denen sie
gewusst habe, dass sie gut mit Frau F._ oder Frau E._ standen. Sie
hätte sich quasi in die Löwengrube begeben müssen und dies sei ihr hoffnungslos
erschienen. Man müsse auch sehen, dass einem ja immer wieder, fast mantra-
mässig eingebläut worden sei, es sei der Dienstweg strikt einzuhalten. Sie habe
sich überlegt, an die Sozialbehörde zu gelangen bzw. an den Referenten der So-
zialbehörde, habe aber gewusst, dass diese im Kollegium eingebunden seien. Sie
habe sich auch überlegt, ob sie sich an Herrn K._, Vizepräsident der Sozial-
behörde, wenden könne, dies aber verworfen, weil sein Denken auch so gewesen
sei, dass im Sozialdepartement alles in Ordnung sei. Sie habe sich auch überlegt,
zur Ombudsfrau zu gehen, habe sogar einen Pfarrer in L._ angeschrieben.
All diese Überlegungen hätten indes nicht weitergeführt, sondern es habe ihr ein-
fach erschienen, dass sie gegen eine gänzlich undurchdringliche Gummiwand
laufen würde, obwohl es doch eigentlich ihre Pflicht als Mitarbeiterin der Fallkon-
trolle und als Beamtin gewesen sei, etwas zu machen. Unter diesem Druck sei sie
während etwa drei Jahren einmal pro Monat zur Psychotherapie gegangen, wo
sie nur über das gesprochen habe. Sie habe es nicht als ihre Aufgabe angese-
hen, Missstände aus Kollegialität zu decken, wie andere dies getan hätten. Sie
habe den Psychologen aufgesucht, um ihren Sohn und ihren Freund nicht ständig
mit diesen Problemen zu belasten (Urk. 9/3 S. 5/6). Sie habe merken müssen,
dass dieses rot-linke Lager, zu dem sie von Haus aus ja eigentlich auch gehöre,
eine undurchdringliche Phalanx bildete, weil man partout nicht bereit gewesen sei,
irgendwelche Kritik am Sozialdepartement anzunehmen. Auch externe Behörden
hätten keine Chance gehabt, hier etwas zu bewirken, so die GPK des Gemeinde-
rates. Alle Mitarbeiter/innen der Sozialen Dienste hätten von Frau F._ ein
Mail erhalten mit dem Inhalt, dass nur ganz bestimmte Mitarbeiter/innen zur Aus-
kunftserteilung gegenüber der GPK befugt seien. Den andern, unter andern ihr,
der Angeklagten und B._, von denen man ja gewusst habe, dass sie immer
- 17 -
wieder auf Missstände aufmerksam gemacht hatten, sei dies strikt untersagt wor-
den (Urk. 9/3 S. 6).
Bevor sie D._ Konkreteres mitgeteilt und ihm die Unterlagen gegeben habe,
sei sich bewusst gewesen, dass sie dem Amtsgeheimnis unterstehe, ebenso des
Risikos, dass ihre berufliche Tätigkeit in Frage gestellt werden könnte. Sie sei
aber zum Schluss gekommen, dass sie ihm etwas sagen müsse, um aus ihrem
Dilemma herauszukommen. Sie habe vorher schon verschiedene Fälle, aus de-
nen Missstände ersichtlich gewesen seien, ausgedruckt gehabt und bei sich zu
Hause gesammelt, um einmal beispielsweise beim Rechtsdienst oder bei Herrn
K._ oder wo auch immer auf internem Weg belegen zu können, dass diese
Vorwürfe bzw. ihre Feststellungen auch tatsächlich zutrafen und sie sie belegen
könne. Es habe sich ein Papierstoss von ca. 10-15 cm angesammelt (Urk. 9/3
S. 7). Bevor sie D._ anhand von einzelnen Fällen die Abläufe erklärt habe,
habe sie die Dokumente anonymisiert; schliesslich habe er vier Fälle mitgenom-
men. Akten habe sie ihm einmal übergeben, andere Informationen seien mündlich
weiter gegeben worden, ev. auch einmal per Mail. Von einer Artikelserie sei nicht
die Rede gewesen und sie glaube auch nicht, dass dies geplant gewesen sei.
Wahrscheinlich sei die Sache aufgrund der Reaktionen weiter behandelt worden.
Es habe ja wie eine Bombe eingeschlagen und sie sei erstaunt gewesen, dass es
dabei nicht um die Missstände und deren Behebung gegangen sei, sondern da-
rum, das "Leck" zu finden. Die Frage einer Entschädigung sei nie ein Thema ge-
wesen und ebenso wenig sei es ihr um eine Fokussierung auf Frau E._ ge-
gangen. Aufgrund der Reaktionen in der Amtsleitung nach dem ersten Artikel und
nachdem sie habe lesen, hören und sehen können, wie Frau E._ alles in Ab-
rede gestellt habe und wie sie von perfider Verzerrung gesprochen habe, sei klar
geworden, dass man überhaupt nicht gewillt gewesen sei, irgendetwas zu ändern
(Urk. 9/3 S. 8-11). In der Schlusseinvernahme bestätigte die Angeklagte, dass es
ihr und B._ einzig um die Sache, nämlich die korrekte Abwicklung der Sozi-
alhilfe gegangen sei, die ihres Erachtens nicht gewährleistet gewesen sei und zur
Verschleuderung von Steuergeldern geführt habe (Urk. 9/4 S. 3/4). Sie habe sich
verpflichtet gefühlt, so vorzugehen, um den ihr obliegenden Amtspflichten auch
- 18 -
tatsächlich nachzukommen, weil alle anderen Wege sich als unbehelflich erwie-
sen hatten (Urk. 9/4 S. 6).
Vor Vorinstanz hielt die Angeklagte an ihren Vorbringen fest und betonte noch-
mals, dass sie sich aufgrund der Reaktionen auf den Spanien- und Hotelfall nichts
habe versprechen dürfen, wenn sie sich direkt an Frau F._ oder die Depar-
tementsvorsteherin gewendet hätte (Prot. I S. 11-13).
Anlässlich der Berufungsverhandlung anerkannte die Angeklagte den Sachverhalt
und bestätigte ihre Aussagen in der Untersuchung und vor Vorinstanz. Sie führte
aus, es sei ihr nicht um Einzelfälle gegangen, sondern darum, das System zu
verbessern. Jede Kritik sei aber abgeblockt worden, vor allem von ihrem Vorge-
setzten H._. Sie habe sich überlegt, den Präsidenten der Sozialbehörde oder
E._ zu kontaktieren, aber sie habe durch deren öffentlichen und internen
Äusserungen gemerkt, dass dies keinen Sinn habe. Zur Ombudsfrau sei sie nicht
gegangen, da diese allen Kollegen gesagt habe, sie sollten sich krank schreiben
lassen. An die Möglichkeit, die GPK zu kontaktieren, habe sie nie gedacht und die
Strafverfolgungsbehörden wären nicht geeignet gewesen, eine Änderung des
Systems zu bewirken (Prot. II S. 26-42).
2.4.2. Die Angeklagte B._, 1991 als Juristin im Bereich der Fallführung im
Sozialdepartement eingetreten, wurde 1994 Fürsorgesekretärin in der Beratungs-
stelle I._, war dort in verschiedene Reorganisationsprojekte eingebunden
und wurde später von Frau E._ ins Projektteam Sozialzentren berufen, wo
u.a. auch Frau F._ tätig war. Seit November 2001 arbeitete sie im Kompe-
tenzzentrum, welches sich u.a. mit der Fallkontrolle beschäftigte. Weitere Gebiete
waren Beschwerdesachen, die Beratung der Teams der Sozialzentren in fachli-
chen Fragen sowie die Ausarbeitung von Entscheidgrundlagen für die vorgesetz-
ten Stellen (Urk. 8/2 S.1/2). B._ erklärte in ihrer ersten Befragung als Aus-
kunftsperson am 25. Oktober 2007, dass sie von sich aus mit D._ in Kontakt
getreten sei und ihm für seine Artikel gratuliert habe. Sie habe als Mitarbeitende
lesen müssen, dass gemäss ihrer Führung alles nicht stimme, dabei sei alles, was
berichtet worden sei, richtig gewesen (Urk. 8/1 S. 2). Sie schilderte die Verhältnis-
se im Sozialdepartement dahingehend, dass sie sich zwar verschiedentlich kri-
- 19 -
tisch geäussert habe, dass der Kritik jedoch nicht nachgegangen worden sei. Je
länger je mehr habe sie das Gefühl gehabt, dass diejenigen Personen, die mit
den Fällen vertraut gewesen seien und die auf gewisse Missstände hingewiesen
hätten, einfach gar nicht gehört werden wollten. Gegen aussen und gegen innen
sei je länger je mehr eine menschlich extrem abwertende arrogante Führungshal-
tung zum Ausdruck gekommen; man habe beschwichtigt und abgestritten, gegen
innen sei dies auch zum Ausdruck gekommen, indem keiner mehr wagte, das
Gegenteil zu sagen (Urk. 8/1 S. 3/4). Sie habe den Eindruck gehabt, dass die
Fallkontrolle auf der Prioritätenliste sehr weit hinten angesiedelt und Umsetzun-
gen immer wieder verschoben worden seien. Von der Fallkontrolle aus hätten sie
die Ergebnisse der Prüfung eines Teams protokolliert, schriftlich festgehalten und
weitergeleitet. Von der Teamleitung sei es an die Leitung des Kompetenzzentrum
und auch an Frau F._ weitergegangen, die Kritikpunkte seien also bekannt
gewesen. Auch andern sei die fehlende Rückkoppelung zwischen den von ihnen
monierten Fällen und dem was nachher damit passierte, aufgefallen und als
schlimmer Zustand beklagt worden, auch wenn es bei der Interpretation der Fol-
gen sicher einen Interpretationsspielraum gegeben habe (Urk. 8/2 S. 5). Das
Thema Missstände sei an den Teamsitzungen immer präsent gewesen, das
Jammern über die Normalität der Missstände habe fast etwas selbstbefriedigen-
des gehabt. Sicher habe es ab und zu einmal gewisse Bestrebungen gegeben,
eine Verbesserung herbeizuführen, aber nur punktuell und doch eher selten (Urk.
8/3 S. 1). Sie habe ihre Feststellungen und Bedenken ihrem direkten Vorgesetz-
ten H._ vorgetragen und er habe immer bestätigt, dass sowohl Frau G._
wie auch Frau F._ die Situation kennen. Er habe ihr aber auch zu verstehen
gegeben, dass er die von ihr geschilderten Missstände gar nicht als solche erken-
nen wollte, sondern dies als Normalität bezeichnete, was die Situation schwierig
gemacht habe (Urk. 8/3 S. 3). Wenn man ihr so locker entgegen halte, warum
man nicht zu Frau E._ gegangen sei - was sie sich grundsätzlich getraut hät-
te - dann müsse man bedenken, dass der Dienstweg strikte einzuhalten war, an-
sonsten man als unsolidarisch und unglaubwürdig nicht beachtet worden sei. Ge-
genüber der GPK seien nur ausgewählte Personen zur Aussage ermächtigt ge-
wesen. Die Angeklagte zeigte sich überzeugt, dass auch ein Gang zu Frau
- 20 -
E._ nichts bewirkt hätte, was ja deren Reaktion später deutlich gemacht ha-
be (a.a.O.). Sie sei auch überzeugt, dass es nötig gewesen sei, öffentlichen Druck
aufzubauen. In einem für sie klaren Fall, in welchem es um Schwarzarbeit gegan-
gen sei, habe H._ nichts unternommen, weshalb sie sich an den Rechts-
dienst gewandt habe. Da sich die Klientin beschwert habe, sei sie, die Angeklag-
te, vom Fall wegen Befangenheit abgezogen worden; der Beschluss sei dann
aber immerhin so gefasst worden, wie sie ihn vorgetragen habe (Urk. 8/3 S. 5).
Zu ihren Kontakten zu D._ führte die Angeklagte aus, dass ein erster Kontakt
im April 2007 stattgefunden habe. Sie habe ihm per Mail mitgeteilt, dass sie seine
Berichte gut finde und sie inhaltlich stimmten. Sie sei von A._ im März 2007
darüber informiert worden, dass sie D._ die Informationen geliefert habe. Sie
selbst habe D._ in weitere Unterlagen Einblick gegeben, ohne die Namen
abzudecken. Für sie sei klar gewesen, dass es nicht um die Personen, sondern
um die Sache gegangen sei (Urk. 8/3 S. 9). Die Reaktionen im Amt hätten sie zur
Überzeugung geführt, dass es falsch gewesen wäre, bereits nach dem ersten Ar-
tikel zu stoppen. Es sei um Situationen gegangen, die persönliche Note gegen
Frau E._ habe ihr Mühe bereitet, obwohl diese nicht so reagiert habe, wie sie
es für gut befunden hätte. Auf der Grundlage der geschilderten Situation habe sie
keinen andern Weg gesehen, obwohl ihr bewusst gewesen sei, dass sie mit der
Herausgabe von Dokumenten eine Amtsgeheimnisverletzung begehe. Sie habe
sich verpflichtet gefühlt etwas zu tun und gespürt, dass die beiden ersten Artikel
nicht genügten (Urk. 8/3 S. 10/11). In der Schlusseinvernahme erklärte die Ange-
klagte, sie sei der Überzeugung, dass ihr gesamtes Vorgehen gerechtfertigt ge-
wesen sei, weil eben das Amt nicht gewillt gewesen sei, selbst in ganz klaren und
krassen Fällen etwas zu unternehmen. In der ganzen Konstellation habe sie in
der Wahrung des Amtsgeheimnisses gegenüber der klaren Missbrauchskonstella-
tion kein schützenswertes Interesse mehr gesehen (Urk. 8/4 S. 7).
Vor Vorinstanz erklärte die Angeklagte B._, insbesondere die Reaktionen
von Frau E._ und Frau F._ auf den Hotel- und den Spanienfall, aber
auch auf die ersten Publikationen in C._ hätten ihr gezeigt, dass sich etwas
ändern müsse. Sie habe aber gewusst, dass sie neutralisiert würde, wenn sie di-
- 21 -
rekt zu Frau E._ ginge. In die GPK habe sie das Vertrauen verloren, weil sie
sich beim Vorgehen nicht durchgesetzt habe.
An der Berufungsverhandlung anerkannte die Angeklagte den Sachverhalt im sel-
ben Umfang wie vor Vorinstanz und hielt an ihren bisherigen Aussagen fest (Prot.
II S. 42). Sie führte weiter aus, sie habe sich nicht an andere Stellen gewandt, da
im Departement eine Mentalität vorgeherrscht habe, in der man die Missbrauchs-
und Misstandsthematik schlichtweg nicht verstanden habe. Für sie sei das ganze
Department inklusive Ombudsfrau, Behördenmitgliedern und GPK nicht unabhän-
gig gewesen. Um etwas zu ändern habe man die Steuerzahler informieren müs-
sen (Prot. II S. 42-48).
2.4.3. In einer ausführlichen Befragung beider Angeklagter vom 9. September
2008 äusserten sie sich zum GPK-Bericht vom 19. November 2007. Dabei kriti-
sierten sie, dass die Untersuchungskommission nur in den vom Sozialamt vorge-
gebenen Rahmenbedingungen Befragungen durchführen durften, und dass der
Bericht letztlich beschönigend ausgefallen sei. Gewisse Feststellungen seien be-
stätigt, deren Tragweite aber zu wenig erkannt worden (Urk. 10/1). Zur Weisung
37 des Stadtrates vom 6. September 2006 betreffend die Verstärkung der Miss-
brauchsbekämpfung äusserte sich die Angeklagte B._ dahingehend, dass
auch hier ein gewisser Druck von aussen nötig gewesen sei. Dabei bestätigten
sie die Feststellungen wie die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Behör-
den, die Problematik der Selbstdeklaration u.w., welche in der Weisung themati-
siert worden waren (Urk. 10/1 S. 10/11). Zu den Erkenntnissen des GPK-
Berichtes betreffend die Anzahl von Zweckentfremdungen und unrechtmässigen
Bezügen führte die Angeklagte B._ aus, es seien nur diejenigen erfasst, wel-
che in die Einzelfallkommission kämen, wogegen andere Fälle nicht erfasst wür-
den, weshalb die Anzahl Fälle höher sei. Den im Rahmen einer Administrativun-
tersuchung ergangene Bericht M._, welcher von den von den Angeklagten
473 untersuchten und davon 313 beanstandeten Fällen, nur in 12 Fällen finanzre-
levante Mängel feststellten, bezeichnete die Angeklagte B._ als blanken Un-
sinn (Urk. 10/1 S. 15/16). Die Angeklagten äusserten sich sodann am 28. März
- 22 -
2008 und im September 2008 ausführlich zum Bericht M._ (Urk. 10/2 und
10/3).
2.5. Aussagen von Drittpersonen
2.5.1. Im Rahmen der Untersuchung wurden vor der Anklageerhebung verschie-
dene Zeugen und Auskunftspersonen zu den Verhältnissen im Sozialdepartement
befragt. Die Vorinstanz hat deren Aussagen im angefochtenen Urteil zusammen-
gefasst wieder gegeben. Es kann vorab darauf verwiesen werden (Urk. 60 S. 16
f.; § 161 GVG). Es ergibt sich daraus, was bereits die Angeklagten bestätigten,
dass nämlich im Sozialdepartement ein Klima der Verunsicherung geherrscht ha-
be, dass Kritik unerwünscht gewesen sei und hierarchische Strukturen geherrscht
hätten. Die Äusserungen beziehen sich teilweise auf Zeiträume, die weit vor den
heute zu beurteilenden Taten lagen (so z.B. N._, welche bis Ende April 2003
im Sozialdepartement tätig war) oder sie stammen von Personen, welche in einer
andern Abteilung des Sozialdepartementes (Zeuge O._ der in der Asylorga-
nisation AOZ tätig war; Urk. 11/3) oder gar nicht dort arbeitete; so die als Gewerk-
schaftssekretärin tätige P._ (Urk. 11/2). Bestätigt wurden insbesondere auch
für den Zeitraum 2003 bis 2008, dass Missstände nicht gesehen wurden oder
man diese nicht habe wahrnehmen wollen (Urk. 11/4) bzw. dass eine interne Kri-
tik nicht möglich gewesen sei (Urk. 11/15 und Urk. 11/16).
2.5.2. In der ergänzenden Untersuchung wurden G._ (Urk. 3/1), F._
(Urk. 77/3/2), H._ (Urk. 77/3/4), E._ (Urk. 77/3/5), Q._ (Urk. 77/3/9),
R._ (Urk. 77/3/14) sowie S._ (Urk. 77/5/1) als Zeugen einvernommen,
für die soweit notwendig die erforderlichen Aussageermächtigungen vorliegen. Im
Anschluss an die Befragungen nahmen die Angeklagten zu diesen Aussagen
Stellung (Urk. 77/6/1-6). Es ist nachfolgend auf diese Aussagen im Einzelnen ein-
zugehen. Im Zentrum der Befragungen standen Fragen nach der Betriebs- und
Verarbeitungskultur rund um die sogenannte Missbrauchsproblematik in den So-
zialen Diensten (Urk. 77/3/1 S. 2; Urk. 77/3/4 S. 2)
Der Übersicht halber ist vorab festzuhalten, dass E._ im fraglichen Zeitraum
als Stadträtin dem Sozialdepartement der Stadt Zürich vorstand und gleichzeitig
- 23 -
Präsidentin der Sozialbehörde war. Direkt unterstellt war ihr F._, die Leiterin
der Sozialen Dienste, welchen wiederum das Kompetenzzentrum und die einzel-
nen Sozialzentren unterstanden. F._ war auch Geschäftsführerin der Sozial-
behörde. Dem Kompetenzzentrum stand G._ vor. Dieses umfasste mehrere
Teams und einem dieser Teams stand H._ als Teamleiter vor. H._ war
seit der Bildung der Sozialen Dienste im Jahr 2001/2002 Fachbereichsleiter und
direkter Vorgesetzter der Angeklagten im fraglichen Zeitraum (Urk.77/3/4 S. 2).
2.5.2.1. In der Zeugenbefragung vom 26. Mai 2010 erklärte H._, dass man
anfänglich nach der Gründung der Sozialen Dienste die Fallkontrolle nicht sehr
ernst genommen habe. Dies habe sich aber im Laufe der Zeit geändert und man
habe versucht, die gewonnenen Erkenntnisse zu verarbeiten und einzubauen.
Nach dem sog. Hotel- und dem Spanien-Fall habe man die Platzierungen wie
auch die Time-out-Problematik rigider geprüft und fachlich neu eingebettet, aber
auch anderweitig geprüft, wie man verhindern kann, dass solche Vorfälle wieder
passieren (Urk. 77/3/4 S. 2/3). Auf die Frage, ob es offizielle Sprachregelungen in
die Richtung gegeben habe, dass man die Kontrollmechanismen grundsätzlich als
ausreichend bezeichnete, Missbrauch grundsätzlich negierte und nur von Einzel-
fällen sprach, sagte der Zeuge, dass dies teilweise sicher die Haltung gewesen
sei. Man sei eher von Einzelfällen als von systemischen Fehlern ausgegangen.
Es sei ein Prozess gewesen, der in kleinen Schritten begonnen und zu einer an-
dern Optik geführt habe (Urk. 77/3/4 S. 3). Unabhängig von allen Strukturen habe
ein Wandel stattgefunden: Während dem man früher Sozialhilfebezüger eher als
hilfsbedürftige Menschen wahrgenommen habe und man finanzielle Fehlleistun-
gen ausgeglichen habe, habe sich da doch im Bereich 2005/2006, wahrscheinlich
sogar früher, ein Wandel ergeben, indem man diese Personen auch als eigenver-
antwortliche Menschen wahrgenommen und in solchen Fällen auch Abzüge ge-
macht habe. Dies sei ein Prozess gewesen, der bereits Ende der 90er-Jahre be-
gonnen habe. Es habe Teamsitzungen gegeben, in welchen man sich artikulieren
und Meldungen zu einzelnen Fällen erstatten konnte, es habe auch im Zusam-
menhang mit Handlungsanweisungen Vernehmlassungen gegeben, in denen
man sich einbringen konnte (a.a.O. S. 4/5). Nach den Berichterstattungen in den
Medien habe er, der Zeuge, die Wahrnehmung gehabt, dass Sozialhilfe nur noch
- 24 -
mit Missbrauch in Verbindung gesetzt und das Kerngeschäft der Existenzsiche-
rung ausgeblendet werde, was ihm als gefährliche Tendenz erschienen sei. Ab
einem gewissen Zeitpunkt, als man annehmen musste, dass gewisse Sachen
hinausgehen, sei nur noch selektiv informiert worden. Auf die hierarchische Orga-
nisation angesprochen, erklärte der Zeuge, dass das Sozialdepartement wie jede
Verwaltungsabteilung hierarchisch organisiert sei und man es sich sicher immer
gut überlegen müsse, wenn man Hierarchiestufen überspringe, was zwar nicht
ausgeschlossen sei. Wenn ihm, dem Zeugen, etwas gemeldet worden sie, habe
er es weitergeleitet. Was er nicht gewollt habe, war, dass man seitens des Kom-
petenzzentrums direkt die Umsetzung der Korrekturen durch die Fallbearbeiten-
den überprüfe. Es sei so gewesen, dass man die Verantwortung für den Vollzug
der Anregungen aus der Fallkontrolle in die Führung hineingegeben habe, was
dann tatsächlich zu einer Verlängerung des Weges geführt habe. Bei einem Di-
rektkontakt durch die Fallkontrolle wäre auf der andern Seite der Führung die
Kenntnis u.U. verborgen geblieben (a.a.O., S. 6 und 8/9). Sicher habe er, der
Zeuge, zu gewissen Anliegen eine andere Meinung gehabt als die Angeklagten
(a.a.O. S. 6). Nach seinem Dafürhalten gebe es immer eine bestimmte Quote von
Fällen, in denen Missbrauch vorkomme. Man könne versuchen, diese Quote zu
reduzieren, es werde aber nicht gelingen, sie gänzlich zum Verschwinden zu
bringen. Bei der grossen Anzahl Fälle in der Stadt Zürich sei auch ein kleiner Pro-
zentsatz an Missbrauchsfällen in absoluten Zahlen allenfalls eine grosse Zahl.
Auch unter den Mitarbeitenden gebe es hinsichtlich der Kontrollen überdies Un-
terschiede. Auf die Bemerkung, dass auch er, der Zeuge, die Haltung gehabt ha-
be, dass das Controlling sich nicht in die Fälle einzumischen habe, sagte er, dass
es sich beim Kompetenzzentrum um eine Stabsorganisation handle und nicht um
ein Führungsgremium. Es sei Aufgabe gewesen, die Sachen aufzuzeigen und
weiterzuleiten; es habe auch keine Entscheid-, sondern nur Vorschlagskompetenz
bestanden. Er selbst sei in seiner Zeit auch kritisch gewesen. Inhaltlich sei er auf
die Anliegen von Frau A._ eingegangen, wenn er sie vielleicht auch nicht
eins zu eins weitergegeben habe; Kritik sei möglich gewesen, doch habe auch
akzeptiert werden müssen, dass die Führung allenfalls eine andere Auffassung
habe und zum Ausdruck bringe (Urk. 77/3/4 S. 7 und 8). Die Bereiche Taxifahrer,
- 25 -
Prostituierte, Drogenhändler, Automobilhändler seien nicht einfach gewesen, be-
züglich der Taxifahrer sei ein fundierter Bericht ausgearbeitet worden, den man
weitergeleitet habe. Schwierigkeiten hätten insbesondere die Klärung der Ein-
kommenssituation geboten. Der Zeuge hielt dafür, dass mindestens bis zur Stufe
F._ die Missbrauchsproblematik durchaus erkannt worden sei (a.a.O. S. 9).
Auf Ergänzungsfrage bestätigte schliesslich der Zeuge, dass ihm sowie auch den
Mitarbeiterinnen A._ und B._ jedenfalls mittels Newsletter vom 14. Sep-
tember 2006 (Urk. 68/6) bekannt gewesen sie, dass die Missbrauchsbekämpfung
verstärkt werde (Urk. 77/3/4 S. 9).
2.5.2.2. G._, die im Juni 2006 Leiterin des Kompetenzzentrums der Sozialen
Dienste wurde, schilderte als Zeugin, dass der Hotel- und der Spanien-Fall zu
Verunsicherungen geführt habe, was die korrekte Fallführung oder das Ausrei-
chen der Instrumente der Sicherstellung von Angaben von Personen bezüglich
deren Mittellosigkeit angegangen sei. Es sei - wenn auch zaghaft - erkannt wor-
den, dass es im Bereich der wirtschaftlichen Hilfe Missbrauch gebe, wobei auf
Mitarbeiterebene sicher eine kritischere Haltung bestanden habe als bei der politi-
schen Vorgesetzten. Es habe, wenn auch nicht eine Doktrin, so doch eine Hal-
tung von Frau E._ gegeben, dass es bei Sozialhilfebezügern um Menschen
gehe, welche unterstützungsbedürftig sind und denen man durchaus auf Augen-
höhe begegnen sollte. Das Thema Missbrauch sei damals eigentlich ein neues
Phänomen gewesen und es habe in der Verantwortung der Sozialzentren und der
Fallführenden gelegen, sicherzustellen, dass es im Einzelfall mit rechten Dingen
zugehe. Sie selbst habe als Leiterin in den Fällen, in welchen sie von Mitarbeiten-
den auf Strafanzeige "ja oder nein" angesprochen worden sei, jeweils zur Anzeige
empfohlen, was damals relativ neu gewesen sei (Urk. 77/3/1 S. 3/4). Nachdem
auch die Politik aktiv geworden sei mittels verschiedener Vorstösse habe man
thematisiert, wie sichergestellt werden könne, dass nur tatsächlich berechtigten
Personen Sozialhilfe ausgerichtet würde und aufgefordert, genauer hinzuschau-
en. Sie habe dies als ganz, ganz schwierige Zeit empfunden. Die Regelungsdich-
te sei damals sehr hoch gewesen und es habe Handlungsanweisungen in einer
Anzahl wie kaum zuvor gegeben. Es habe Teamsitzungen in den Sozialzentren
und im Kompetenzzentrum und auch Liniengespräche gegeben im Team Sozial-
- 26 -
hilfe und den Mitarbeitern sei es möglich gewesen, sich jederzeit an die nächst
höhere oder an die übernächste Instanz zu wenden (Urk. 77/3/1 S. 5). Das Prob-
lem sei derart ernst gewesen und die Auswirkungen derart gross, dass man nicht
sagen könne, es habe keine Bereitschaft bestanden zuzuhören. Missstände in
Abrede zu stellen sei gar nicht mehr möglich gewesen (a.a.O.). Die von den An-
geklagten empfundene "Bunkermentalität" in der Art, dass es Missbrauch, abge-
sehen von ein paar wenigen Einzelfällen, eigentlich gar nicht gäbe, habe sie so
nicht empfunden. Man müsse sagen, dass das Vertrauen von B._ und
A._ gegenüber ihren Vorgesetzten nicht intakt gewesen sei und zwar gegen-
über allen Vorgesetzten. Missbrauchsthemen hätten ihren Platz gehabt, im Kom-
petenzzentrum sei bereits im Juni 2006 geprüft worden, mit welchen Instrumenten
man unrechtmässigem Bezug vorbeugen könne, man habe angedacht, wie man
die Fallkontrolle neu aufgleisen könne, man habe nach Risikothemen Ausschau
gehalten; weiter sei das Team "vertiefte Abklärungen" geschaffen worden für spe-
ziell schwierige Fälle (Urk. 77/3/1 S. 6). Sie, die Zeugin, habe es nicht so erlebt,
dass man intern nicht habe reden dürfen. Es sei ihr bekannt, dass B._ und
A._ Kritik geübt hätten, A._ habe sich auch einmal bei ihr beschwert und
sie, die Zeugin, habe mit H._ darüber gesprochen, der aber die vorgebrachte
Kritik der beiden Frauen als eher kleinlich betrachtet habe. In einer Sache, in wel-
cher sich A._ direkt an sie gewandt habe, sei sie der Sache nachgegangen,
wobei die Kritik so wie vorgebracht gar nicht gestimmt habe und die beanstande-
ten Mängel so nicht stattgefunden hatten (a.a.O. S. 7). Noch bevor die Damen an
die Öffentlichkeit gelangt seien, seien bereits verschiedene Massnahmen einge-
leitet worden und es hätten andere Möglichkeit bestanden für die beiden Ange-
klagten. So hätten sie sich an F._ wenden können, was nicht aussergewöhn-
lich gewesen wäre, weil sie durchaus direkte Kontakte zu Mitarbeitenden hatte,
oder an Frau E._, die zumindest B._ aus früherer Zusammenarbeit sehr
gut kannte oder an T._ vom Rechtsdienst (a.a.O.). Als die Angeklagten an
die Öffentlichkeit gelangt seien, seien die nötigen Massnahmen bereits eingeleitet
worden, weshalb das Vorgehen unnötig gewesen sei (a.a.O. S. 9). Die Zeugin
bestätigte schliesslich, dass sie im Fall, in welchem sich A._ direkt an sie
gewandt habe, sofort reagiert - ev. aus Sicht von Frau A._ - überreagiert ha-
- 27 -
be, was ihrem Naturell und Arbeitsstil entspreche, berechtigte Anliegen anzu-
packen und nicht liegen zu lassen (a.a.O. S. 8/9).
2.5.2.3. F._ war im fraglichen Zeitraum Leiterin der Sozialen Dienste im So-
zialdepartement der Stadt Zürich sowie Geschäftsführerin der Sozialbehörde. Sie
hatte insbesondere mit der Angeklagten B._ in einer Anfangsphase
1999/2000 eng zusammengearbeitet. Zur Problematik bemerkte sie vorab von
sich aus, dass sie beim vorliegenden Verfahren den zeitlichen Ablauf nie verstan-
den habe: Im Zusammenhang mit dem Spanien-Fall im April/Mai 2006 hätten um-
fangreiche Diskussionen und Analysen eingesetzt, man habe Instrumente geprüft,
mit Herrn U._ einen Experten eingesetzt und damit sehr rasch auf die Forde-
rungen der Politik reagiert. Man habe ein Team "vertiefte Abklärungen" geschaf-
fen sowie das Instrument der Sozialinspektoren, was dann im Gemeindrat im Ja-
nuar 2007 beschlossen worden sei. Erst nachher sei die ganze Berichterstattung
in der C._ erfolgt (Urk. 77/3/2 S. 3). Aufgrund des Hotel-Falles sei ein Melde-
verfahren installiert worden, beim Spanien-Fall habe man das ganze Evaluations-
verfahren für Time-out-Anbieter überprüft und im Weiteren Instrumente installiert,
welche künftig Konstellationen wie beim Spanien-Fall verhindern sollten. Frau
E._ habe die Ansicht vertreten, dass es unzulässig sei, gegenüber generell
allen Bezügern von Sozialhilfe von einem Generalverdacht auszugehen, was
auch ihre Meinung sei. Es sei aber einfach nicht richtig, zu behaupten, man habe
Missbrauch nicht erkannt bzw. nicht darauf reagiert (Urk. 77/3/2 S. 4). Was die
"Augenhöhe" betreffe, so sei es darum gegangen, die Betroffenen ernst zu neh-
men und ihnen nicht quasi von oben herab zu begegnen. Es wäre sodann auch
nicht finanzierbar gewesen, alle Sozialhilfebezüger umfassend zu kontrollieren; es
sei darum gegangen, die hohen Risiken abzudecken und die Fälle herauszufi-
schen, welche nicht ins System gehören. Dies habe man auch umzusetzen ver-
sucht (a.a.O. S. 5). In aller Regel hätten die Sozialarbeiter Unstimmigkeiten selber
erkannt, doch seien sie oft an Grenzen gestossen, dies auch beweisbar abzuklä-
ren. Die Sozialinspektoren hätten hier etwas Abhilfe geschaffen, doch sei man
auch hier an Grenzen gestossen. Man sei seit der Installation der Sozialen Diens-
te im Jahre 2001 in einem Entwicklungsprozess gestanden und viele Entwicklun-
gen seien sicher auch von Mitarbeitern angestossen worden; so habe es bei-
- 28 -
spielsweise Qualitätszirkel gegeben. Die Zeugin hielt dafür, dass in keiner Art und
Weise von einer Bunkermentalität gesprochen werden könne, es sei nach ihrer
Auffassung intern wie teilweise extern eine sehr differenzierte Diskussion geführt
worden (Urk. 77/3/2 S. 6). Zum Thema Dienstweg sagte die Zeugin, dass sie
selbst sich bisweilen unbeliebt gemacht habe, indem sie ausserhalb des Dienst-
weges Abklärungen getroffen, Aufträge erteilt oder Ergebnisse diskutiert habe; es
gebe einfach Situationen, in denen der Originalton wichtig sei und zum besseren
Verständnis beitrage; sie selbst habe sich der Sache angenommen und habe zu-
gehört, wenn jemand bei ihr vorgesprochen habe; was sie nicht akzeptiert habe
sei, wenn sich ganze Teams unter Umgehung des Teamleiters an sie oder an
Frau E._ wenden wollten, ohne mit dem Teamleiter das Gespräch zu suchen
(a.a.O. S. 7 und S. 8). Von den Angeklagten sei sie selbst nie tangiert worden
(a.a.O.). Die Zeugin bekräftigte ihre Auffassung, dass im Zeitraum 2006/2007
aufgrund der erwähnten Vorfälle eine sehr hohe Sensibilität für die Fragen des
Missbrauchs bestanden habe und dies sei auch öffentlich diskutiert worden, so
dass man sich an verschiedene Stellen hätte wenden können (a.a.O. S. 8). Sie
bestätigte auf Vorhalt des Verteidigers, dass sie sich im März 2006 noch öffentlich
gegen die Sozialinspektoren geäussert habe, weil damals sich auch ihre Vorge-
setzte Frau E._ in diesem Sinne ausgesprochen hatte (a.a.O. S. 9).
2.5.2.4. Die zuständige Stadträtin, E._, gleichzeitig auch Präsidentin der So-
zialbehörde sagte als Zeugin, dass sie A._ nicht so gut kenne, B._ aus
einer Projektarbeit hingegen seit 1999. Sie äusserte in der Befragung ihr Erstau-
nen darüber, dass in der Berichterstattung gesagt worden sei, dass die Miss-
brauchsproblematik nie ein Thema gewesen sei und man gar nicht darüber habe
sprechen dürfen. Sie könne sich das nicht vorstellen, doch es müsse wohl Gründe
gegeben habe, dass dies so dargestellt worden sei; ebenso habe sie sich gewun-
dert, dass sie als gänzlich unzugängliche Person dargestellt worden sei (Urk.
77/3/5 S. 2). Wenn sie den Sozialarbeiterinnen habe klar machen wollen, dass
man den Sozialhilfeempfängern auf Augenhöhe begegnen solle und wenn sie das
Recht auf Existenzsicherung gemäss Bundesverfassung hochhalte, dann heisse
dies nicht, dass alles wunderbar sei. Man müsse hier auch etwas zwischen Amt
und Behörde unterscheiden: Die Behörde entscheide, regle, sanktioniere etc., das
- 29 -
Amt hingegen mache Sozialpolitik und dies sei nicht immer deckungsgleich
(a.a.O. S. 3). Man habe schon vor dem Hotel- und dem Spanien-Fall gemerkt,
dass sich auch "andere Leute" an das Sozialamt wenden, dass diese mitunter ar-
rogant auftreten und teilweise unverschämte Forderungen stellten. Man habe sich
überlegt, wie man diesem Phänomen begegnen wolle und es sei bereits für die
Legislatur 06/10 an neuen Instrumenten herumgedacht worden (a.a.O. S. 4). Eine
offizielle Sprachregelung, wonach Missbrauch grundsätzlich negiert werde, habe
es nicht gegeben und auf die Frage, ob man auf die Forderung der Politik hin-
sichtlich Veränderung der Sozialen Dienste mit Unmut reagiert habe, erklärte die
Zeugin, dass man zu Beginn der Legislatur 06 seitens der Behörde eine Arbeits-
gruppe eingesetzt habe, welche sich damit beschäftigte, die vorhandenen Kon-
trollmechanismen zu überprüfen. Die Einführung der Sozialinspektoren und die
Ablehnung bzw. Skepsis ihnen gegenüber stellte die Zeugin in den Zusammen-
hang mit dem früheren Instrument des Erkundungsdienstes, welcher 1994 mit der
Fichen Affäre abgeschafft worden sei. Die von der SVP geforderten Sozialdetekti-
ve habe man abgelehnt. Entgegen der Tagespresse habe in ihrem Departement
keine Abneigung gegen Kontrolle und ein fehlendes Sensorium für Missbräuche
geherrscht, selbstverständlich sei es aber ihre Haltung gewesen, dass man jeden
korrekt behandle; dies bedeute nicht, dass man ihn einfach bediene, sondern
dass man das Anliegen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben, entsprechend
den SKOS-Richtlinien, entsprechend den Verordnungen des Regierungsrates und
den internen Weisungen korrekt behandle. Den Sozialhilfebezügern auf Augen-
höhe zu begegnen entspreche keiner Doktrin, sondern sei für sie, die Zeugin,
Ausdruck eines professionellen Verhaltens (a.a.O. S. 5). Sie verwies auch auf die
Weisung des Stadtrates vom September 2006, mit welcher die Sozialinspektoren
eingeführt worden seien, wobei diese auf Begehren der Fachleute abgerufen
werden konnten. Im Januar 2007 habe die Vorlage beim Gemeinderat Zustim-
mung gefunden. Diese klare Strategie, welche nach Aussen in Erscheinung trat,
sei auch nach Innen kommuniziert worden (a.a.O. S. 6). Die Hauptproblematik
habe darin bestanden, dass ausreichendes Personal für die nötigen Abklärungen
fehlte. Die Personalaufstockung sei ein politischer Prozess gewesen, der mitunter
über die Budgetdebatte geführt worden sei. Ein weiteres Problemfeld seien die
- 30 -
sog. Amtshilfebegehren gewesen; man sei oft zu spät an Informationen range-
kommen. So habe man eine Art Amtshilfeübereinkommen in Form einer Weisung
für den Stadtrat beschlossen, im Kanton sei dies über das Sozialhilfegesetz nach-
vollzogen worden (Urk. 77/3/5 S. 7). Die Zeugin erachtete es gerade bei den bei-
den Angeklagten, die in der Fallkontrolle tätig gewesen waren, als Pflicht, sich an
die nächst höhere Ebene zu wenden, wenn sie sich bei den direkten vorgesetzten
Stellen kein Gehör schaffen konnten. Im Übrigen hätten zahlreiche andere Mög-
lichkeiten bestanden (Urk. 77/3/5 S. 8, 10 und 13). Auch zu ihr seien Leute ge-
kommen, sei es allein, sei es in Begleitung von Personalvertretern etc. (a.a.O.).
Die Auswahl der Personen, welche der GPK Auskunft erteilt hätten, sei von der
Direktion erfolgt, ihr, der Zeugin, sei es wichtig gewesen, dass verschiedene Per-
sonen verschiedener Stufen angehört würden. Zu den Problemfeldern Leistungs-
entscheide, Leasing, Besitz von Autos, Schwarzarbeit etc. seien in hoher Kadenz
Weisungen erteilt worden, wie damit umzugehen sei (a.a.O. S. 11/12).
2.5.2.5. Q._, der nach seinen Angaben B._ 1999 im Projektteam als de-
signierte Zentrumsleiterin kennengelernt und im Rahmen des sog. Chancenmo-
dells weiter schätzen gelernt hatte, die Angeklagte A._ hingegen nicht kennt,
war seit 2004 und auch im fraglichen Zeitraum 2006 - 2008 Departementssekretär
im Sozialdepartement. Als solchem war ihm im Sommer 2006 der Aufbau des In-
spektorats zur Missbrauchsbekämpfung anvertraut, beim Hotel-Fall war er bei der
Kommunikation mitbeteiligt und im Spanien-Fall hat er die Administrativuntersu-
chung koordiniert und den Bericht an den Gemeinderat geschrieben (Urk. 77/3/9
S. 1-3). Angesprochen auf allfällig vorhandene Vorgaben bezüglich der Sprachre-
gelungen erklärte der Zeuge, dass es seitens der politischen Führung sicherlich
den Versuch gegeben habe, das Thema Missbrauch klein zu halten in der öffent-
lichen Diskussion, weil befürchtet worden sei, dass diese sich sonst nur noch um
die Missbrauchsfälle und nicht mehr um die effektiven Probleme der Sozialhilfe
drehten (Urk. 77/3/9 S. 3). Nach einer "E._-Doktrin" gefragt, wonach den Kli-
enten auf Augenhöhe zu begegnen sei, erklärte er, dass das New-Public-
Management unter der Affiche Wirkungsorientierte Verwaltungsführung (WOV)
den Begriff des Kunden bzw. Klienten stark propagiert habe; gleichzeitig habe
Frau E._ die Meinung vertreten, dass Klienten nicht nur über Probleme, son-
- 31 -
dern auch über Fähigkeiten verfügten, insofern sei die Frage zu bejahen. Nach
seinem Wissen habe es mehrere Vorstösse der Direktion der Sozialen Dienste
gegeben, die Risiken bei der Ausrichtung der wirtschaftlichen Sozialhilfe kritischer
und präziser zu fassen. Es sei ein Risikomanagement eingerichtet und im Nach-
gang zur sog. Spanienaffäre die Departementsvorsteherin auch überzeugt wor-
den, dass das Inspektorat notwendig wurde, was sie auch intern kommuniziert
hätten (a.a.O. S. 4). Seine direkte Ansprechperson sei Frau F._ gewesen,
mit der er mehrfach über zusätzliche notwendige Veränderungen von Abläufen,
Kontrollen oder neuen Instrumenten diskutiert habe. Bis im Frühjahr 2007 seien
dies weitgehend interne Diskussionen gewesen, wie die zusätzlichen Mittel zur
Missbrauchsbekämpfung ausgestaltet werden. Ab dem Frühjahr 2007 und dem
Beginn der C._-Serie seien es vermehrt äussere Einflüsse von Medien und
Politik gewesen (a.a.O. S. 4/5). Die Wahrnehmung einer "Bunkermentalität" und
der intern streng hierarchischen Strukturen, die es unmöglich gemacht hätten,
sich mit Kritik und Anliegen Gehör zu verschaffen, konnte der Zeuge nicht teilen
(a.a.O. S. 5 und 6). Der Zeuge äusserte sein Unverständnis, dass die beiden An-
geklagten vor dem Gang zu den Medien nicht die zahlreich bestehenden Möglich-
keiten nutzten, wie Ombudsfrau, Kontaktnahme zu Parlamentariern, auch zur
GPK oder dass B._, die ihn gekannt hatte, nicht auch ihn angesprochen ha-
be. Der Zeuge zeigte sich überzeugt, dass bezüglich der Missbrauchsbekämp-
fung die Medien und die anschliessende politische Debatte keinen Nutzen ge-
bracht hatten. Er bestätigte alsdann, dass der Datenaustausch zwischen den
städtischen Ämtern und der Ablauf bei Drittmeldungen im Sommer 2007 neu ge-
regelt worden sei (Urk. 77/3/9 S. 8/9).
2.5.2.6. Befragt wurde des weiteren R._, Mitglied der Geschäftsprüfungs-
kommission des Gemeinderates und dort Referent für das Sozialdepartement und
Leiter der Spezialuntersuchung der Sozialhilfe, bei der es einerseits darum ging,
Schwachstellen der Abläufe herauszufinden und andererseits um die konkreten
Fälle, welche in den Medien publiziert worden waren (Urk. 77/3/14). Man habe
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen befragt und hingenommen, dass T._ vom
Rechtsdienst dabei gewesen sei. Als GPK müsse man über die Departementslei-
tung gehen, man habe bei den Befragungen aber am Anfang jeweils klar ge-
- 32 -
macht, dass man sich auch mit anderen Anliegen an sie wenden könne und dass
auch die Möglichkeit bestünde, andere Mitarbeitende einzubeziehen (Urk. 77/3/14
S. 5). Seiner Ansicht nach habe für alle Mitarbeitenden die Möglichkeit bestanden,
sich an die GPK zu wenden (a.a.O.). Es sei ihm auch nicht bekannt, dass Befrag-
te, welche die schlechte Stimmung in den Sozialzentren und Probleme angespro-
chen hatten, negative Folgen zu gewärtigen hatten (Urk. 77/3/14 S. 6).
2.5.2.7. S._ war von Mai 2006 bis zur Freistellung der beiden Angeklagten im
Oktober 2007 Arbeitskollegin der Angeklagten auf gleicher hierarchischer Stufe,
aber in einem andern Team. Sie hatte sich am 6. April 2007 bei der Staatsanwalt-
schaft gemeldet und sich über A._ geäussert, die ihr bei einem Gespräch im
Dezember 2006 mitgeteilt habe, dass sie Vieles im Sozialdepartement nicht in
Ordnung finde und sie mit Vielem nicht einverstanden sei. Sie, A._, sei da-
ran, alles zu dokumentieren und eines Tages werde die "Bombe" an die Öffent-
lichkeit gelangen oder ähnliches. Der erste der C._-Artikel habe eigentlich
genau dem entsprochen, was A._ ihr gegenüber angekündigt habe (Urk.
77/5/1 S. 1 und 2). Die Zeugin bestätigte den Inhalt eines Gespräches mit dem
C._-Journalisten D._ Anfang Juni 2010, das in Urk. 77/5/2 dokumentiert
ist und in welchem sich die Zeugin zu den damaligen Verhältnissen im Sozialde-
partement geäussert hatte. Während sie beim Hotel-Fall noch nicht bei der Stadt
Zürich gearbeitet habe, habe der Spanien-Fall intern ausgelöst, dass Abläufe ge-
ändert worden und ziemlich viel Papier beschrieben worden sei. Es sei ein Tabu
gewesen, zu sagen, man brauche Inspektoren, man sei beim Auftauchen von Un-
gereimtheiten schnell überfordert gewesen und man habe nicht gewusst, wie man
sich verhalten solle. Seitens der Vorgesetzten sei gesagt worden, man solle die
Betroffenen mit den Ungereimtheiten konfrontieren, wenn sie abgestritten hätten.
Damit sei die Sache erledigt gewesen (a.a.O. S. 4). Sie sei, als sie in Zürich ange-
fangen habe, erschrocken: sie habe festgestellt, dass viele Mitarbeitende die in-
ternen Richtlinien nicht kannten oder teilweise nicht fanden und dass eine Art
passiver Widerstand und Unmut festzustellen war, sich daran zu halten. Nach ih-
rer Feststellung habe man in Zürich einfach einmal bezahlt, was sie, die Zeugin,
in anderen Gemeinden nicht so habe feststellen können. Die Zeugin bestätigte ein
Treffen unter den Fachmitarbeitern, das stattgefunden habe, weil es Probleme mit
- 33 -
der schwer zu akzeptierenden Führungs- und Betriebskultur im Zeitraum zwi-
schen Herbst 2006 und Frühling 2007 gegeben habe. Damals sei zur Diskussion
gestellt worden, dass G._ und F._ einen offenen und fairen Meinungs-
austausch und jede Kritik "von unten" unterdrückt hätten. Man habe damals aber
nichts unternommen, letztlich weil es nichts bringen würde und man allenfalls Re-
pressalien befürchtet habe. Es sei einfach eine sehr unberechenbare, respektlose
und autoritäre Führung gewesen, so dass man ziemlich genau gewusst habe,
was man sagen durfte und was eben nicht. Sie hätten entschieden, sich einander
mitzuteilen wenn etwas nicht gut laufe und halt in Einzelfällen das auch den
Teamleitern vorzutragen, welche dann weitersehen müssten; es sei richtig, dass
man Angst gehabt habe, das Befinden schlecht gewesen sei und die Motivation
gefehlt habe. Der Führungsstil von G._ und F._ sei als unberechenbar
wahrgenommen worden, das Vertrauen habe gefehlt (Urk. 77/5/1 S. 5). Die Zeu-
gin nannte zahlreiche Gründe für die schlechte Qualität, so beispielsweise ver-
schiedene Haltungen und eigentlicher Streit zwischen Rechtsdienst und Kompe-
tenzzentrum, nicht korrekte Umsetzung der Richtlinien, ungenügende bezw. nicht
richtige Reihenfolge bei der Abarbeitung der Pendenzen, fehlende Kritikfähigkeit
des Managements. Die Linienautorität sei sehr stark gewesen. (a.a.O. S. 6). Das
Vertrauen, dass sich etwas ändere, sei nicht da gewesen, sie, die Zeugin, habe
sich nach dem Gespräch mit A._, lange überlegt, was es für andere Möglich-
keiten gebe. H._ habe immer wieder mitgeteilt, dass es Probleme gebe und
die Fehlerquote hoch sei, er habe dies immer wieder weitergeleitet, man habe ihm
aber gesagt, das sei nicht seine, sondern Sache der Linie (a.a.O. S. 7). Es sei
Wunschdenken der Vorgesetzten, wenn diese sagten, man hätte sich auch an
höhere vorgesetzte Stellen wenden können oder anderswohin. Bei diesen mob-
bingartigen Strukturen hätte man sich doch ziemliche Probleme aufgeladen
(a.a.O. S. 7).
2.6. Weitere Beurteilungsgrundlagen
2.6.1. Die Geschäftsprüfungskommission des Gemeinderates der Stadt Zürich
(GPK) erhielt am 11. April 2007 den Auftrag zu einer Spezialuntersuchung der
Sozialhilfe der Stadt Zürich. Unter dem Vorsitz von Dr. R._ wurden die Pro-
- 34 -
zesse und das Qualitätssicherungssystem innerhalb der Sozialen Dienste detail-
liert geprüft, Erfahrungen anderer Städte zum Vergleich herangezogen und die in
den Medien präsentierten Fälle geprüft. Dabei standen der Kommission - was von
den Angeklagten wiederholt kritisiert wurde - grundsätzlich die von den Leitungen
der Sozialzentren ausgewählten Mitarbeiter zur Befragung zur Verfügung; die Ge-
spräche wurden sodann durch den Leiter des Rechtsdienstes des Sozialdeparte-
mentes unter Schweigepflicht begleitet (Urk. 12/3 S. 5). Der Bericht der GPK zu-
handen des Gemeinderates erging am 13. Dezember 2007 (Urk. 12/3). Er stellt
aufgrund der dort eingeholten Meinungsäusserungen der Mitarbeiter fest, dass es
gewisse Tabus gegeben habe, dass sich dies aber in letzter Zeit geändert habe
und die Unterstützung seitens der Direktion als besser wahrgenommen werde.
Von einigen Mitarbeitern werde erwartet, dass der Bericht der GPK dazu beitrage,
dass die eigene Führung die Probleme an der Basis besser wahrnehme (Urk.
12/3 S. 7 und 8): Hinsichtlich der Kontrollsysteme stellte die GPK Verbesserungs-
bedarf in verschiedener Hinsicht fest (mangelnde Ressourcen in der internen
Kontrolle, Sozialbehörde im Milizsystem, fehlende Instrumente, fehlende Informa-
tionen anderer Behörden, Datenschutz), welcher mit der Schaffung von Spezial-
teams aufgrund der Weisung 37 des Stadtrates sowie der Einführung der Sozial-
inspektoren reduziert werden könne (Urk. 12/3 S. 9-12). Sie kam auch zum
Schluss, dass der Zugang zu Informationen anderer Departemente erleichtert
werden müsse. Im Zusammenhang mit den sogenannten Medienfällen stellte die
GPK fest, dass seitens der Sozialen Dienste eher reaktiv und eher zurückhaltend
agiert worden und in Zukunft eine antizipierende Haltung zu empfehlen sei. Es
seien jedoch mit Ausnahme des BMW-Falles keine gravierenden Verfehlungen in
den Abklärungen festgestellt worden (Urk. 12/3 S. 32). Der Bericht schliesst mit
einer Reihe von Empfehlungen, u.a. klarerer Regelungen, Verstärkung des Con-
trolling, auch einer Förderung einer Betriebskultur in den Sozialen Diensten, wel-
che Fehler anerkenne, eine Praxisänderung des Informationsaustausches, der
Reform der Sozialbehörde u.a.m. (Urk. 12/3 S. 33 ff.).
2.6.2. Im Expertenbericht M._ vom 20. März 2008 (Urk. 12/9) wurden die von
den Angeklagten in einzelnen Medien Mitte Januar 2008 erhobenen Vorwürfe ge-
prüft. Der Bericht war von der stadträtlichen Delegation für Sozialhilfe in Auftrag
- 35 -
gegeben worden. Die Experten kamen zum Schluss, dass unter den 473 Fällen,
welche die Angeklagten bearbeiteten und von welchen sie 313 beanstandet hat-
ten, lediglich 12 Fälle seien, bei denen finanzrelevante Mängel festgestellt werden
konnten, wobei der unwiederbringliche finanzielle Schaden Fr. 24'627.-- betrage,
was rund 0,1% der total ausbezahlten Sozialhilfe entspreche. Es wurden auch in
diesem Bericht Empfehlungen abgegeben, u.a. die Verstärkung der personellen
Ressourcen bei der Fallführung und der Fallkontrolle, die Fortsetzung der Pro-
zessoptimierungen, die Etablierung und Entwicklung einer Kultur der Transparenz
und des gegenseitigen Lernens (Urk. 12/9 S. 5).
2.6.3. Aufgrund des im GPK-Bericht festgestellten Reformbedarfs wurde schliess-
lich vom Stadtrat bei der Universität St. Gallen eine Analyse des Organisations-
und Führungskonzeptes im Sozialdepartement und in der Sozialbehörde in Auf-
trag gegeben. Der Bericht datiert vom 30. August 2008 (Urk. 12/11) und hält zu-
sammenfassend fest, dass die damalige Organisation der Sozialbehörde, des So-
zialdepartementes, der Sozialen Dienste im Zusammenspiel mit Gemeinderat,
Stadtrat und Bezirksrat gesetzes- und verordnungskonform ablaufe, jedoch ineffi-
zient sei und grosse Risiken berge. Die Organisation und die Abläufe der Refe-
rentenkontrolle, der Entscheide für Nichtnormfälle und der Rekurse sei intranspa-
rent und es kennten in der Regel weder die Mitglieder der Sozialbehörde noch die
Kader der Sozialen Dienste die genauen Abläufe und Aufgaben sowie die Ver-
antwortungen im ganzen Zusammenspiel der Akteure; dies als Folge historischer
Entwicklungen. Deshalb sei eine grundlegende Änderung des Kontrollsystems,
nicht aber des operativen Prozesses der wirtschaftlichen Hilfe, notwendig (Urk.
12/11 S. 4 und S. 26) .
2.6.4. Im Berufungsverfahren neu ins Recht gelegt wurden seitens der Geschä-
digten u.a. die Weisung des Stadtrates GR Nr. 2006/216 vom 7. Juni 2006, zu-
handen des Gemeinderates, welcher sich mit dem Spanien-Fall befasst. Dieser
war am 5. April 2006 in der Presse erschienen und hatte interne Abklärungsauf-
träge durch die Vorsteherin des Sozialdepartementes ausgelöst, welche sich pri-
mär mit den betroffenen Jugendlichen befassten sowie mit andern Platzierungen,
aber auch das Vorliegen allfälliger Sorgfaltspflichtverletzungen prüfen sollten. In
- 36 -
diesem Zusammenhang wurde ein interner Bericht in Auftrag gegeben, der von
Rechtsanwalt V._erstellt wurde und zum Schluss gekommen war, dass die
bisherigen Vermittlungen von "Time Outs" mangelhaft verliefen und in welchem
festgehalten wurde, dass bezüglich des Kompetenzzentrums nicht sorgfältig und
konsequent genug gearbeitet worden sei. Im Bericht sind auch konkrete Verbes-
serungsmassnahmen enthalten (Urk. 68/2).
2.6.5. Ebenfalls bei den Akten liegt die bereits mehrfach erwähnte Weisung 37
des Stadtrates an den Gemeinderat (GR Nr. 2006/357) vom 6. September 2006
betreffend die Verstärkung der Missbrauchsbekämpfung in der Sozialhilfe, welche
gestützt auf den im Auftrag des Sozialdepartementes ergangenen Bericht
U._ insbesondere folgende Massnahmen vorsah (Urk. 68/3):
- Einwilligungserklärungen und verdichtete Informationen bei der Fallaufnahme;
- Verstärkung der internen Kontrolle durch Spezialteams in komplexen Fällen;
- Einsatz von Ermittler/innen in Verdachtsfällen;
- Arbeitsintegrationsangebote.
Die Massnahmen wurden am 14. September 2006 intern mittels Newsletter SD
kommuniziert und an einer Medienkonferenz präsentiert (Urk. 68/4 und Urk. 68/6).
Am 24. Januar 2007 stimmte der Gemeinderat der Weisung zu (Urk. 68/8).
2.6.6. Im Newsletter SD vom 19. April 2007 wurden die Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeiter schliesslich von der Amtsvorsteherin auf die Einsetzung der GPK für die
Untersuchung im Bereich Sozialhilfe des Sozialdepartementes hingewiesen.
Gleichzeitig nahm die Departementsvorsteherin intern Stellung zu den in der
C._ publizierten Vorwürfen (Urk. 68/13).
2.6.7. Die Verteidigung reichte als weitere Beweismittel einen Bundesordner voll
von weiteren Dokumentationen ein, die teilweise bereits in den Untersuchungsak-
ten lagen und die Verhältnisse im Sozialdepartement wiedergeben sollen. Es
handelt sich dabei vor allem um Pressemitteilungen und Presseartikel, Dokumen-
tationen von politischen Vorstössen und ihre Stellungnahmen dazu, Interviews,
aber auch Kommentare, Leserbriefe, beginnend mit der Medienmitteilung der
Stadt Zürich über den Hotel-Fall, d.h. die Notfallplatzierung einer Familie in einem
Hotel vom 17. November 2004 (Urk. 70/1), über die Dokumentierung und Kom-
- 37 -
mentierung des Spanien-Falls im Frühling 2006, die im Anschluss in die Wege ge-
leiteten Massnahmen, die Reaktionen auf die weiteren Publikationen in der
C._, die Einsetzung der GPK und die Diskussionen über eine PUK, der Be-
richt der GPK selber und die Reaktionen in der Presse darauf, die Berichterstat-
tung über die politische Debatte darüber, die Berichterstattung über die Arbeit der
eingesetzten Sozialinspektoren, die Kommentierung des Berichtes M._ vom
20. März 2008, welche die in den C._-Artikeln erhobenen Vorwürfe unter-
suchte (Urk. 70/87), die internen Newsletter dazu und auch die Pressekommenta-
re. Weiter beigelegt sind schliesslich auch Kommentare zur Expertenanalyse an
der Universität St. Gallen und die darin vorgeschlagene Reorganisation, welche
von Oktober 2008 datieren, alsdann schliesslich auch die Reorganisation der So-
zialbehörde, welche unter der neuen Leitung des Sozialdepartementes Anfang
2009 entworfen und schliesslich Ende 2009 verabschiedet wurde.
Unter den Beilagen findet sich auch der Auszug aus dem Protokoll des Stadtrates
von Zürich vom 6. September 2006 mit Bericht und Massnahmen zur Verstärkung
der Missbrauchsbekämpfung (Urk. 70/18), welcher als Weisung des Stadtrates an
den Gemeinderat ging. Sodann liegt das Grundsatzpapier des Stadtrates vom 6.
Juli 2007 zur Sozialhilfe in der Stadt Zürich vor, das sich mit den Grundsätzen,
Zielen und Massnahmen in der Sozialhilfe befasst (Urk. 68/56).
2.7. Grundlagen der Würdigung
2.7.1. Bei der Prüfung der Frage, ob sich die Angeklagten auf den Rechtferti-
gungsgrund der berechtigten Interessen berufen können, gilt es in Anwendung
der erwähnten Lehre und Rechtsprechung gestützt auf die dargelegten Beurtei-
lungsgrundlagen zu prüfen:
- ob die Angeklagten mit ihrem Handeln ein berechtigtes Ziel und Interesse ver-
folgten und dieses mindestens höher zu gewichten ist als die Interessen, die mit
dem Tatbestand der Amtsgeheimnisverletzung geschützt werden;
- ob es einen legalen Weg gegeben hätte, auf dem sich das Ziel hätte wahren
lassen, das gewählte Vorgehen notwendig und angemessen war und
- ob die Beschreitung des ebenfalls möglichen, legalen Weges den Angeklagten
zumutbar gewesen wäre.
- 38 -
2.7.2. Bei der Würdigung der Beweismittel gilt dabei der Grundsatz der freien rich-
terlichen Würdigung, das heisst: das Gericht fällt das Urteil nach seiner freien, aus
der Hauptverhandlung und den Untersuchungsakten geschöpften Überzeugung
(§ 284 StPO/ZH). Dabei geht es nicht um eine rein subjektive richterliche Über-
zeugung, sondern um die Überzeugung, die aus der eingehenden Auseinander-
setzung mit Sachverhalt und Beweislage rational begründet wird und objektivier-
und nachvollziehbar ist. Die Überzeugung des Gerichts muss auf einem verstan-
desgemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen Be-
obachter objektiv und subjektiv nachvollziehbar sein (Schmid, Strafprozessrecht,
4. Aufl., Zürich 2004, N 286 ff.; Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. Aufl., Basel 2005, S. 247 Rz 1).
2.7.3. Der freien Beweiswürdigung unterliegen die im Recht liegenden Urkunden,
d.h. sämtliche Zeitungsberichte, aber auch der GPK-Bericht vom 13. Dezember
2007 (Urk. 12/3), der Expertenbericht M._ vom 20. März 2008 (Urk. 12/9)
sowie auch der Schlussbericht der Universität St. Gallen mit dem Titel "Analyse
Sozialdepartement/Sozialbehörde, Organisations- und Führungskonzept" vom 30.
August 2008 (Urk. 12/11). Die genannten Berichte wurden im Rahmen des vorlie-
genden Strafverfahrens nicht unter Einhaltung der Teilnahmerechte der Parteien
als Gutachten eingeholt, wie die Titel teilweise glauben machen könnten, sondern
sie entstammen aus andern Verfahren. Sie sind damit keine Gutachten im Sinne
der Zürcher Strafprozessordnung, entgegen der Auffassung der Vorinstanz (Urk.
60 S. 20) aber nicht unverwertbar, soweit sie der Darstellung der Angeklagten wi-
dersprechen; vielmehr sind sie als einfache Urkunden frei zu würdigen (Schmid,
a.a.O., N 683).
2.7.4. Was die Aussagen der befragten Personen betrifft, sind die formellen Vo-
raussetzungen für deren Verwertung ohne weiteres erfüllt. Auch sie sind frei zu
würdigen, d.h. es ist anhand der gesamten Umstände zu prüfen, ob ihre Sachdar-
stellung jeweils überzeugend ist. Der Stellung der befragten Person im Prozess
kann im Rahmen der Glaubwürdigkeitsprüfung eine gewisse Bedeutung zukom-
men, doch kommt es in erster Linie auf den Gehalt der Aussagen an (zu den
Grundsätzen der Beweiswürdigung im Allgemeinen: vgl. Bender/Nack/Treuer,
- 39 -
Tatsachenfeststellungen vor Gericht, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, Ver-
nehmungslehre, 3. Aufl., München 2007, S. 52 ff. und S. 68 ff.; Schmid, a.a.O., N
294 ff.; Hauser, Der Zeugenbeweis im Strafprozess, Zürich 1974, S. 312 ff.).
Der Glaubhaftigkeit der Aussagen kommt vorliegend insoweit eine etwas spezielle
Bedeutung zu, als es nicht darum geht, einen Anklagesachverhalt zu erstellen.
Beweisthema ist der Bestand des Rechtfertigungsgrundes, zu beurteilen sind die
behaupteten Missstände im Sozialdepartement, die Art und Weise der Miss-
brauchsbekämpfung sowie die im fraglichen Zeitraum herrschende Betriebs-,
Führungs- und Organisationskultur in den Sozialen Diensten.
Die beiden Angeklagten als vom vorliegenden Strafverfahren direkt Betroffene
haben ein legitimes Interesse an einer für sie günstigen Sachdarstellung in Bezug
auf den zu beurteilenden Rechtfertigungsgrund. Ist - wie die Angeklagten es be-
haupten - von einer gravierenden Missstandsituation und einer ungünstigen Be-
triebs- und Führungskultur im Sozialdepartement auszugehen, sind davon wiede-
rum vor allem die als Zeugen befragten Vorgesetzten der Angeklagten direkt be-
troffen - sowohl in ihrer beruflichen Tätigkeit als auch persönlich. Diese Interes-
sen- und Betroffenheitslage gilt es bei der Würdigung zu berücksichtigen. Mit der
Abklärung der Betriebs- und Führungskultur im Sozialdepartement sowie der Art
und Weise der Missbrauchsbekämpfung ging es bei der Befragung im Weiteren
zu einem wesentlichen Teil um Einschätzungen, Wertungen und auch Befindlich-
keiten, welche naturgemäss subjektiv geprägt und auch von der hierarchischen
Stellung in der verantwortlichen Organisation abhängig sind. Entsprechend kön-
nen sie sehr verschieden ausfallen, wie sich dies vorliegend auch deutlich gezeigt
hat.
Trotz ihrer zum Teil erheblichen Unterschiede im materiellen Gehalt erscheinen
aber alle Aussagen glaubhaft und überzeugend. Sie geben - in verschieden stark
ausgeprägter Emotionalität - authentisch und glaubhaft die jeweiligen Überzeu-
gungen wieder. Zusammen mit den zahlreichen Berichten und auch den beglei-
tenden Presseartikeln trägt dies dazu bei, sich die damalige Situation aus den
verschiedenen Sichtweisen realitätsnah vorzustellen, was wiederum das Ver-
ständnis der verschiedenen Befindlichkeiten der befragten Personen stärkt. Zu
- 40 -
berücksichtigen ist aber auch, dass die Aussagen vor der Untersuchungsbehörde
bzw. vor Vorinstanz und auch in der heutigen Verhandlung mindestens teilweise
in erheblicher zeitlicher Distanz zum inkriminierten Zeitraum ergingen und unter
dem Eindruck des vorliegenden Verfahrens und des starken Medienechos stan-
den. Teilweise erfolgten die Aussagen auch nachdem sich die befragten Perso-
nen in den Medien geäussert hatten. Tonalität und Wertungen erscheinen in spä-
teren Aussagen dezidierter und härter, so insbesondere die Stellungnahmen der
Angeklagten zu den nachträglichen Zeugenaussagen.
2.8. Angestrebtes Ziel und Interessenabwägung
2.8.1. Gestützt auf die glaubhaften Darstellungen der Angeklagten, aber auch die
Aussagen der weiteren Personen, die in den C._-Artikeln dokumentierten
Fälle, welche dem Verfahren zugrunde liegen, gestützt auch auf die im Nachgang
eingeholten Berichte - insbesondere auch die Erkenntnisse im GPK-Bericht - steht
fest, dass es im Zeitraum vor den inkriminierten Handlungen im Bereich der Sozi-
alhilfe Missstände, oder - wie der GPK-Bericht es formuliert - "Unregelmässigkei-
ten" gab (Urk. 12/3 S. 32). Gemäss GPK-Bericht wurde die Situation in mindes-
tens einem Fall als gravierend bezeichnet und die von den Angeklagten erhobe-
nen Vorwürfe als teilweise zutreffend. Auch der Bericht M._ stellte Mängel
fest (Urk. 12/9) und die Analyse der Universität St. Gallen erachtete eine grundle-
gende Änderung des Kontrollsystems als notwendig (Urk. 12/11 S. 4 und S. 26).
Die im Recht liegenden Berichte bestätigen die Angaben der Angeklagten damit
mindestens insoweit, als auch sie von Mängeln in Organisation und Führung,
Kommunikation und Betriebskultur wie auch in den Fallkontrollen sprechen, wobei
sie graduell teilweise erheblich voneinander abweichen. Von den 473 Fällen, wel-
che die Angeklagten in den Jahren 2006 und 2007 kontrollierten, beanstandeten
sie 313, der Bericht M._ kommt zum Schluss, dass davon in 238 Fällen die
Beanstandungen entweder formaler Natur oder aber gegen-standslos seien und
nur in insgesamt 12 Fällen finanzrelevante Mängel bestünden. Die Anzahl von
Beanstandungen bzw. Missbräuchen mag von einer gewissen Relevanz sein bei
der Interessenabwägung, kann doch die Häufung von Fehlern und Missbräuchen
ein an sich rechtswidriges Vorgehen unter Umständen eher rechtfertigen, als
- 41 -
wenn sie wenig zahlreich sind oder gar nur Einzelfälle. Neben der Anzahl spielt
aber auch deren Gewichtung eine Rolle, die - wie gesehen - sehr unterschiedlich
beurteilt werden kann. Aus der Anzahl allein lassen sich damit keine abschlies-
senden Schlüsse ziehen. Immerhin ist festzuhalten, dass die Darstellung der An-
geklagten über die Anzahl der Fälle mit dem Bericht M._ jedenfalls nicht
rechtsgenügend widerlegt ist, weshalb davon auszugehen ist.
Bei den Zeugenaussagen springt in diesem Zusammenhang ins Auge, dass die
Vorgesetzten der Angeklagten die Situation wesentlich anders beurteilen als die
Angeklagten selbst. Immerhin erklärte aber z.B. G._ in ihrer Befragung, es
sei erkannt worden, wenn auch zaghaft, dass es Missbrauch im Bereich der wirt-
schaftlichen Hilfe gebe, wobei auf Mitarbeiterebene in diesem Bereich sicher eine
kritischere Haltung bestanden habe als bei der politischen Führung (Urk. 77/3/1 S.
4). Alle befragten Personen räumten sodann klar einen Handlungsbedarf ein. Die
seit dem Spanien-Fall ergriffenen Massnahmen, die schliesslich in der Weisung
des Stadtrates vom 6. September 2006 "Verstärkung der Missbrauchsbekämp-
fung in der Sozialhilfe" mündeten (Urk. 68/3), unterstreichen, dass der Hand-
lungsbedarf bis zur höchsten Hierarchiestufe erkannt worden war, wenn auch an-
fänglich - was eingeräumt ist - Ablehnung und Skepsis vorhanden gewesen war.
2.8.2. Ziel der Angeklagten war es, die Missbrauchsbekämpfung im Bereich der
Sozialhilfe durchzusetzen und zu stärken, ihrer Aufgabe in der Fallkontrolle nach-
zukommen und der Rechtsordnung insoweit zum Durchbruch zu verhelfen. Ihr In-
teresse, das sie mit der Amtspflichtverletzung anstrebten, war damit zweifellos be-
rechtigt.
2.8.3. Bei der Gewichtung der sich gegenüberstehenden Interessen verlangen
wie gesehen Lehre und Rechtsprechung eine Beschränkung des Rechtferti-
gungsgrundes der Wahrung berechtigter Interessen auf Ausnahmefälle. Vorlie-
gend standen den Interessen, welche die Angeklagten verfolgten, primär die Be-
hördeninteressen gegenüber. Das störungsfreie Funktionieren der Verwaltung,
welches frei von unzulässigen Einmischungsversuchen erfolgen können sollte,
wurde durch das Verhalten der Angeklagten jedenfalls beeinträchtigt. Die Vo-
rinstanz wies zwar zu Recht darauf hin, dass Verwaltung (und Justiz) öffentliche
- 42 -
Kritik und die dadurch allenfalls bewirkte Unruhe und Störung zu tragen hätten. Zu
beachten ist indes auch, dass vorliegend im Zeitpunkt, als sich die Angeklagten
zum Gang an die Öffentlichkeit entschieden, die politische und öffentliche Diskus-
sion über das emotionale Thema des Sozialhilfemissbrauchs mindestens durch
den Hotel- und den Spanien-Fall bereits eingesetzt hatte und angesichts der -
insbesondere auch politischen - Brisanz des Themas Behörden und ihre Expo-
nenten mit dem Öffentlichmachen der Informationen durch die Angeklagten einer
Dynamik in dieser Kritik ausgesetzt wurden, die Gefahr lief, unbeherrschbar zu
werden und Ausmasse und Formen anzunehmen, die mit dem konkreten Anlie-
gen nichts mehr zu tun hatten. So erklärte die Angeklagte B._ denn auch in
der Untersuchung einmal, dass ihr die persönliche Ausrichtung der Berichterstat-
tung auf die Person von E._ tatsächlich Mühe bereitet habe (Urk. 8/3 S. 10).
Zuzustimmen ist der Vorinstanz darin, dass das - mit dem Straftatbestand der
Amtsgeheimnisverletzung ebenfalls geschützte - Interesse, Daten der betroffenen
Sozialhilfebezüger vertraulich zu behandeln, jedenfalls soweit kein gewichtiges In-
teresse sein konnte, als die Bezüge nicht regelkonform waren und dies den Be-
troffenen anzulasten war. Immerhin wäre indes auch hier - als Folge der Un-
schuldsvermutung - Zurückhaltung geboten. Ohne abschliessende Gewichtung
kann insgesamt jedenfalls davon ausgegangen werden, dass die von den Ange-
klagten verfolgten Ziele und Interessen berechtigt und gewichtig waren. Ob diese
Interessen im Sinne der Rechtsprechung als deutlich höher zu werten sind als
diejenigen, die mit der Wahrung des Amtsgeheimnis hätten gewahrt werden sol-
len, kann dabei letztlich offen bleiben.
2.9. Legale Handlungsalternativen
2.9.1. Nach dem Gesagten und gestützt auf die klaren Aussagen beider Ange-
klagten in der Untersuchung und die weiteren Akten steht fest, dass es objektiv
zahlreiche Stellen gab, an die sie sich hätten wenden können, bevor sie an die
Öffentlichkeit gelangten. Neben der Amts- bzw. Departementsleiterin waren dies
insbesondere der Rechtsdienst, die Ombudsfrau, die Sozialbehörde bzw. deren
Mitglieder sowie die Mitglieder der GPK. Die beiden Angeklagten hätten aber
auch an den Bezirksrat als Aufsichtsbehörde der Stadt Zürich gelangen können
- 43 -
oder an das kantonale Sozialamt, das die Oberaufsicht über das ganze Sozialwe-
sen hat.
An den Rechtsdienst hatten sich die Angeklagten nach ihren eigenen, unwiderleg-
ten Aussagen beide bereits einmal gewandt gehabt, wobei B._ wie gesehen
erklärte, dass sie zwar in jenem Fall wegen Befangenheit abgezogen worden, der
Beschluss dann aber in ihrem Sinn ergangen sei (Urk. 8/3 S. 5). Die Intervention
erwies sich damit gemäss eigenen Aussagen der Angeklagten als in der Sache
wirksam. In früheren Phasen will B._ sodann mit dem Rechtsdienst und auch
mit Q._ eng zusammengearbeitet haben.
Die Angeklagten wandten sich an die Presse und damit die Öffentlichkeit, ohne
dass sie diese alternativen Möglichkeiten wahrnahmen. Dabei stehen sie wie ge-
sehen auf dem Standpunkt, dass ein solches Vorgehen nicht zielführend gewesen
und ihnen angesichts der herrschenden Betriebskultur auch nicht zumutbar ge-
wesen wäre.
2.9.2. Ob sie den von ihnen gewählten Weg in guten Treuen als den - wie sie be-
haupten - einzig möglichen und wie heute betont einzig sinnvollen und damit wirk-
samen ansehen durften, hängt zunächst wesentlich davon ab, ob konkrete und für
sie erkennbare Zeichen und Schritte vorlagen, die sie als Schritte auf dem Weg
zu dem von ihnen angestrebten Ziel - einer nachhaltig effizienten Missbrauchsbe-
kämpfung - erkannten, erkennen konnten und erkennen mussten. In diesem Zu-
sammenhang ist festzustellen, dass die Angeklagten selbst punktuell ein Reagie-
ren auf die Anliegen einräumten. Es sei hier neben der vorerwähnten Intervention
beim Rechtsdienst auch auf die heute wieder gemachte Aussage der Angeklagten
A._ verwiesen, in welcher sie sagte, dass G._ - als die Angeklagte sich
während der Abwesenheit von H._ direkt an sie gewandt hatte - "alarmmäs-
sig" auf den von der Angeklagten gerügten Mangel reagiert habe. G._ bestä-
tigte das sofortige Eingreifen (Urk. 77/3/1 S. 7). Auch die Angeklagte B._
räumte wie erwähnt punktuelle Verbesserungen ein.
Neben punktuellen Verbesserungen fällt aber insbesondere in Betracht, dass -
ausgelöst durch den Spanien-Fall und angestossen durch politische Vorstösse -
die Missbrauchsbekämpfung konkret angegangen wurde und in der Weisung 37
- 44 -
des Stadtrates zur Verstärkung der Missbrauchsbekämpfung in der Sozialhilfe,
Bericht und Massnahmen (Urk. 68/3) vom 6. September 2006 ihren Niederschlag
fand, welche am 14. September 2006 departementsintern kommuniziert wurden
(Urk. 68/6). Es wurden damit - getragen von der höchsten Exekutivbehörde - kon-
krete Verbesserungen deklariert und der politische Prozess zu deren Umsetzung
eingeleitet. Aus den Zeugenaussagen ergibt sich sodann, dass die Zeit nach dem
Hotel- und vor allem nach dem Spanien-Fall als eine Zeit des Umbruchs erlebt
wurde, wobei vor allem F._ und E._ auf die getroffenen Massnahmen
hinwiesen und dabei auch ihre ursprüngliche Ablehnung bzw. Zurückhaltung ge-
genüber den Sozialinspektoren einräumten. Aus den Befragungen der Vorgesetz-
ten der Angeklagten und auch des Departementssekretärs Q._ ergibt sich
deutlich, dass insbesondere mit dem Hotel- und dem Spanien-Fall ein mitunter of-
fenbar schwieriger Prozess mindestens in Gang gekommen war, während wel-
chem innerhalb der Sozialen Dienste die Missbrauchsbekämpfung stärkeres Ge-
wicht gewann. Die Verstärkung der Missbrauchsbekämpfung und insbesondere
die Einführung der Sozialinspektoren wurden zwar erst auf den 1. Juli 2007 in
Kraft gesetzt, die Massnahmen waren indes eingeleitet, noch bevor sich A._
an die Presse wandte. Am 24. Januar 2007 genehmigte der Gemeinderat die be-
schlossenen Massnahmen (Urk. 68/8). Noch bevor am 15. Februar 2007 der erste
inkriminierte C._-Artikel erschienen war (Urk. 1/2) und erst recht bevor
B._ mit dem Journalisten D._ in Kontakt getreten war, waren damit für
die Angeklagten erkennbare und konkrete Schritte zur Verstärkung der Miss-
brauchsbekämpfung eingeleitet - wenn auch noch nicht in Kraft oder umgesetzt.
Diese gingen jedenfalls in die Richtung der von den Angeklagten angestrebten
Ziele. Ebenso waren den Angeklagten die noch vorher - durch den Hotel- und
Spanienfall ausgelösten - Reaktionen in der Öffentlichkeit und bei den politischen
Instanzen bekannt. Im Zeitpunkt, als die Angeklagte A._ an die Presse ge-
langte, waren damit erste Schritte in die von ihr angestrebte Richtung getan und
den Angeklagten bekannt. Es erscheint deshalb fraglich, ob die angeklagten
Amtsgeheimnisverletzungen für das Erreichen des angestrebten berechtigten
Ziels überhaupt als notwendig und angemessen betrachtet werden durften.
- 45 -
Dies ist jedenfalls dann nicht der Fall, wenn es den Angeklagten in ihrer damali-
gen Situation und Stellung zumutbar gewesen wäre, anders vorzugehen. Die sub-
jektive Einschätzung der Angeklagten kann dabei nur so lange mitentscheidend
sein, als diese objektiv nachvollziehbar ist.
2.9.3. Über das Mass, wie stark sich die Angeklagten - im fraglichen Zeitpunkt -
persönlich unter Druck fühlten, ergeben sich aus der Befragung unterschiedliche
Signale: A._ erklärte in der ersten Befragung (als Auskunftsperson) noch,
dass es bei ihr um eine 20%-Tätigkeit gegangen sei und sie noch andere Le-
bensbereiche habe, die sie mehr bewegten als ihre Arbeit im Sozialdepartement
(Urk. 9/1 S. 2). Nachdem sie als Angeschuldigte ins Verfahren einbezogen war,
änderte sie ihre Aussage und sie beteuerte fortan immer die persönliche Not, in
der sie sich sah und fühlte. Sie sprach davon, dass sie einen Psychologen aufge-
sucht habe, damit sie ihren Sohn und ihren Freund mit diesen Problemen nicht
ständig belaste (Urk. 9/3 S. 6). Aus ihrer Äusserung gegenüber der Zeugin
S._, dass eines Tages "die Bombe" an die Öffentlichkeit gelange, zeigt sich
aber neben der Not auch eine gewisse Wut, die sich offenbar entwickelte. Auch
aus den Aussagen der Angeklagten B._ zeigt sich die von ihr empfundene
Resignation, Macht- und Ausweglosigkeit.
Demgegenüber will man nach den Aussagen der Vorgesetzten der Angeklagten
bis hin zur Departementsvorsteherin sowie auch denjenigen des Departe-
mentssekretärs die Probleme - wenn auch ev. zögerlich - erkannt, sich offen ge-
gen innen und aussen der Kritik gestellt und sich den Problemen in angemesse-
ner Weise angenommen haben. Die Diskrepanz in der Beurteilung und Wahr-
nehmung von Fehlern und Mängeln in der Fallführung, der Wirksamkeit der einge-
leiteten Massnahmen und auch der Betriebs- und Verarbeitungskultur in den So-
zialen Diensten war offensichtlich erheblich. Gestützt auf das Beweisergebnis
muss im vorliegend relevanten Zeitraum aus Sicht der Mitarbeitenden und damit
auch der Angeklagten von einem grossen Misstrauen und einem Klima der Ver-
unsicherung ausgegangen werden und ebenso von einer sehr starken Linienauto-
rität, auch wenn die vorgesetzten Stellen dies - mit graduellen Unterschieden -
zum Teil diametral entgegengesetzt wahrgenommen zu haben scheinen. Deutli-
- 46 -
ches Zeichen dafür, dass nicht nur die Angeklagten das Betriebsklima so emp-
fanden, wie sie es schilderten, ist die von der Zeugin S._ glaubhaft geschil-
derte "geheime Versammlung", welche zwischen Herbst 2006 und Frühjahr 2007
- ohne die Angeklagten - stattgefunden hatte. Auch wenn die Vorgesetzten
G._, F._ und E._ in ihren Aussagen betonten, dass sich die Mitar-
beitenden hätten an sie wenden können, wurde dies von den untergeordneten
Stellen nicht so empfunden, wie dies im Wesentlichen übereinstimmend ausge-
sagt wurde. Die Linienautorität wurde offensichtlich als sehr einengend empfun-
den. Die Aussage von F._ in der Zeugenbefragung, dass sie zugehört habe,
wenn jemand bei ihr vorgesprochen, aber nicht akzeptiert habe, dass ganze
Teams unter Umgehung des Teamleiters sich an sie oder Frau E._ wende-
ten, lässt aus Sicht der Untergebenen diese Autorität etwas aufscheinen.
All dies lässt es als nachvollziehbar erscheinen, dass sich die Angeklagten mit ih-
ren Anliegen allein gelassen fühlten und sie dies zunehmend belastete. Der Ent-
scheid, dass es ihnen in dieser Situation nicht zumutbar war, sich dennoch an die
vorgesetzten Stellen zu wenden, erscheint vertretbar.
Nicht einzusehen ist hingegen, dass sich die Angeklagten - vor dem Schritt an die
Öffentlichkeit - nicht an den Rechtsdienst, die Ombudsfrau, die Sozialbehörde o-
der auch die GPK wandten, wie dies die Angeklagte A._ ja ursprünglich auch
vorgehabt hatte. Wenn die Angeklagte A._ ausführen liess, sie habe dies
verworfen, weil das Denken dort auch so gewesen sei, dass im Sozialdeparte-
ment alles in Ordnung sei (Urk. 9/3 S. 5) bzw. man habe sehen können, dass es
auch der GPK nicht gelungen sei, die "Mauer zu durchbrechen" (Urk. 9/3 S. 6), so
erscheint dies als eine objektiv nicht nachvollziehbare Vorwegnahme der Ergeb-
nisse: Alle diese Stellen standen ausserhalb der die Angeklagten belastenden
Hierarchie: Dies gilt für den als Stabsstelle organisierten Rechtsdienst, an den
sich die Angeklagten bereits einmal gewendet hatten und bei dem die Angeklagte
B._ wie gesehen auch das für jenen Einzelfall angestrebte Ziel erreicht hatte.
In besonderem Masse gilt dies auch für die Ombudsstelle in ihrer Funktion als An-
laufstelle für alle Fragen, die ein stadtzürcherisches Amt bzw. die städtische Ver-
waltung betreffen und die insbesondere auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
- 47 -
tern der Stadtverwaltung für ihre Anliegen zur Verfügung steht (www.stadt-
zuerich.ch/portal/de/index/ politik_u_recht/ombudsstelle). Bei der Sozialbehörde,
so wie sie im fraglichen Zeitraum organisiert war, handelte es sich sodann um ei-
ne autonome, aus der Zentralverwaltung ausgegliederte Behörde, eine Milizbe-
hörde, die nach dem freiwilligen Parteienproporz zusammengesetzt und vom
Gemeinderat gewählt war (vgl. zu Funktion und Aufgaben: GPK-Bericht Urk. 12/3
S. 9 f.; Analyse Sozialdepartement / Sozialbehörde der Universität St. Gallen: Urk.
12/11, S. 11, S. 17-19, Organigramm S. 103). Wenn auch deren Mehrfachrolle zu
Kritik Anlass gab und im Zuge der Gesamtdiskussion eine Reorganisation statt-
fand, so ändert dies nichts daran, dass die Sozialbehörde und deren Mitglieder
klar ausserhalb der Hierarchie standen, durch ihre Tätigkeit indes den Bezug zur
Fallkontrolle hatten, was sich für das Verständnis der Anliegen förderlich hätte
auswirken können. Die Sozialbehörde war aufgrund ihrer Aufsichtsfunktionen
auch gehalten, auf Anliegen der geschilderten Art einzugehen und angemessen
zu reagieren; dies, um ihrer eigenen Aufgabe gerecht zu werden. Es ergeben sich
keine Anhaltspunkte dafür, dass sie ihre Aufgabe nicht wahrgenommen hätte.
Wenn die Angeklagten sodann argumentieren, dass sie bezüglich der GPK resig-
niert hätten, weil diese in ihren Recherchen seitens der Amtsleitung eingeschränkt
worden sei, ist vorab festzuhalten, dass dieses Argument jedenfalls für den Zeit-
raum bis zu deren Einsetzung nach April 2007 (Urk. 12/3 S. 3) zum vornherein
entfällt, weil die Geschäftsprüfungskommission bis zu jenem Zeitpunkt noch gar
keinen Spezialauftrag hatte. Wie deren Präsident R._ sodann als Zeuge sag-
te, wurde bei den Befragungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Anfang
jeweils klar gemacht, dass sich diese auch mit anderen Anliegen an die Kommis-
sion hätten wenden können, insbesondere auch dann, wenn der Eindruck ent-
stünde, es habe etwas nicht auf den Tisch gelegt werden können. Es habe auch
für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit bestanden, sich an die
GPK zu wenden (Urk. 77/3/14 S. 4 und 5). Gemäss Art. 37 Abs. 2 der Gemeinde-
ordnung der Stadt Zürich (GO, Fassung mit Änderungen bis 11. März 2007) ob-
liegt der GPK generell die Prüfung des Geschäftsberichts und der Geschäftsfüh-
rung des Stadtrates. Sie kann für die Überprüfung der Geschäftsführung wesentli-
che Akten herausverlangen und sie ist befugt, zur Überprüfung der Geschäftsfüh-
- 48 -
rung im Einvernehmen mit dem Stadtrat mit diesem die zweckdienlichen mündli-
chen oder schriftlichen Auskünfte einholen. Alle städtischen Behördenmitglieder,
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben dabei ohne Rücksicht auf das
Dienstgeheimnis Auskunft zu geben, wenn dieses nicht zur Wahrung wichtiger In-
teressen der Stadt oder Dritter eingeschränkt wird (Art. 37bis Abs. 1 und 2 GO).
Auch der GPK kam also die generelle Aufsicht zu und sie wäre damit - um ihrer
Aufgabe gerecht zu werden - gehalten gewesen, von den Angeklagten vorge-
brachte Anliegen mindestens zu prüfen.
Für das offenbar massive Misstrauen der Angeklagten auch gegenüber all diesen
weiteren möglichen Anlaufstellen ausserhalb der Verwaltungshierarchie lassen
sich keine objektiven Anhaltspunkte ausmachen und es erscheint damit objektiv
nicht nachvollziehbar, wenn all diese Möglichkeiten zum Vorneherein als sinnlos
qualifiziert wurden. Da sich die erwähnten Stellen ausserhalb der belastenden
Strukturen befanden, wäre es den Angeklagten zumutbar gewesen, sich an diese
zu wenden, bevor sie an die Presse gelangten. Selbst wenn die Angeklagten bei
einem Gang an die eingesetzte Spezialkommission der GPK gegen die Weisung
der Direktion verstossen hätten und sie sich damit ebenfalls dem Vorwurf der
Amtsgeheimnisverletzung ausgesetzt hätten, wäre dieses Verhalten jedenfalls
verhältnismässiger gewesen, zumal die GPK-Mitglieder ihrerseits dem Amtsge-
heimnis unterworfen waren (vgl. entsprechende Richtlinien gemäss Beschluss
des Gemeinderates vom 24. Februar 2003, erwähnt in: Urk. 12/3 S. 4; Urk.
77/3/14 S. 4).
2.9.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass den Angeklagten legale Alternativen
zur Verfügung gestanden hätten und sie ihre berechtigten Anliegen und Kritik-
punkte bei diversen Stellen ausserhalb der Verwaltungshierarchie hätten anbrin-
gen können. Die Angeklagten kannten diese Möglichkeiten und einzelne dieser
Stellen wären aufgrund ihrer Aufsichtsfunktionen auch verpflichtet gewesen, die
Anliegen ernsthaft zu prüfen und gegebenenfalls die geeigneten Massnahmen
einzuleiten. Es haben sich aufgrund der Untersuchung keinerlei Anhaltspunkte
dafür ergeben, dass dies nicht auch geschehen wäre. Den Angeklagten wäre es
zumutbar gewesen, diese legalen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der direkte
- 49 -
Gang an die Öffentlichkeit erscheint daher insbesondere auch unter Berücksichti-
gung der im Zeitraum der angeklagten Handlungen bereits eingeleiteten Mass-
nahmen zur Verbesserung der Missbrauchsbekämpfung weder nötig noch ange-
messen. Die Angeklagten konnten bei dieser ihnen bekannten Sachlage nicht in
guten Treuen davon ausgehen, dass der von ihnen gewählte Weg der einzig
mögliche und sinnvolle war. Sie können sich daher nicht auf den Rechtfertigungs-
grund der Wahrung berechtigter Interessen berufen können und sind je der Amts-
geheimnisverletzung im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu spre-
chen.
IV. Sanktion
1. Grundlagen
Die Amtsgeheimnisverletzung im Sinne von Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB wird mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe (1 bis 360 Tagessätze) bestraft.
Im Bereich von unterjährigen Strafen hat im Sanktionensystem die Geldstrafe
grundsätzlich Vorrang, mit einer bedingten Strafe kann eine unbedingte Geldstra-
fe oder eine Busse verbunden werden (Art. 42 Abs. 4 StGB).
Innerhalb dieses Strafrahmens bemisst sich die Strafe nach dem Verschulden des
Täters, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung
der Strafe auf das Leben des Täters zu berücksichtigen sind. Das Verschulden
wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechts-
gutes, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des
Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren
Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art.
47 Abs. 1 und 2 StGB).
Bei der Bemessung der Strafe gilt es einerseits die Tatkomponente und anderer-
seits die Täterkomponenten zu berücksichtigen. Zur ersteren gehört etwa das
Ausmass des verschuldeten Erfolges, die Art und Weise von dessen Herbeifüh-
rung sowie die Willensrichtung und die Beweggründe, sodann auch das Mass an
- 50 -
Entscheidungsfreiheit beim Täter sowie die sogenannte Intensität des deliktischen
Willens (Hans Wiprächtiger, in: BSK I, 2. Aufl., 2007, N 69-91 zu Art. 47 StGB). Zu
den Täterkomponenten gehören unter anderem das Vorleben und die persönli-
chen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren, etwa
ein Geständnis, Einsicht oder Reue (Wiprächtiger, a.a.O., N 92 ff. zu Art. 47
StGB; BGE 129 IV 6 E. 6.1 mit zahlreichen Hinweisen).
Die Verschuldenswürdigung ist nachstehend für die Angeklagten je separat vor-
zunehmen.
2. A._
Bei der Beurteilung der objektiven Tatschwere fällt in Betracht, dass von der
Amtsgeheimnisverletzung mehrere Personen betroffen waren, wobei die Ange-
klagte A._ die Informationen, welche sie dem Journalisten D._ weiter-
gab, zunächst anonymisierte. Es ist ihr auch nicht zu widerlegen, dass sie die In-
formationen nur soweit weitergab, als sie ihr für die Zweckerfüllung, die Miss-
brauchsaufdeckung, notwendig erschienen. Die Publikation der von der Angeklag-
ten weitergegebenen und journalistisch aufbereiteten Informationen erhielten ein
ausserordentlich grosses Medienecho. Dieses wiederum störte das mit dem Straf-
tatbestand geschützte Interesse an einem unbeeinflussten und störungsfreien
Funktionieren der Verwaltung erheblich und verursachte im Amt zusätzliche Ver-
unsicherung und zusätzliches Misstrauen. Die Angeklagte ging gezielt, überlegt
und mit direktem Vorsatz vor. Sie war es auch, die anlässlich eines Vortrages im
November 2006 die Initiative ergriff und auf den Journalisten zuging. In objektiver
Hinsicht hatte sie volle Entscheidungsfreiheit, sich für oder gegen dieses Vorge-
hen zu entscheiden. Motiv für ihr Vorgehen war indes nicht ein deliktischer Wille -
im Gegenteil rang die Angeklagte A._ mit sich mitunter auch deshalb, weil
sie wusste, mit ihrem Vorgehen sowohl ihre Arbeitsstelle zu verlieren als sich
auch der Amtsgeheimnisverletzung schuldig zu machen. Sie schilderte in der Un-
tersuchung überdies glaubhaft, wie sie sich einer "undurchsichtigen Phalanx" ge-
genüber sah, die partout nicht bereit gewesen sei, irgendwelche Kritik am Sozial-
departement entgegenzunehmen (Urk. 9/3 S. 6). Immer wieder habe sie die von
ihr festgestellten Mängel ihrem Vorgesetzten H._ unterbreitet und sehen
- 51 -
müssen, dass die Sache von dort aus nicht weiterging, sondern versandete. Sie
wandte sich wie gesehen einmal auch an G._. Die Angeklagte wusste auf-
grund ihrer Ausbildung und Erfahrung zwar über die Möglichkeit, sich an ver-
schiedene Stellen ausserhalb des Sozialdepartements zu wenden, Bescheid,
verwarf diese Optionen aber, da ihr der Gang an die Presse am meisten Erfolg zu
versprechen schien.
Ihr Bestreben war die Pflichterfüllung in der Fallkontrolle. Sie wollte, dass die von
ihr festgestellten Mängel, Fehler und Missbräuche in der Ausrichtung von wirt-
schaftlicher Sozialhilfe korrigiert werden und darauf hingearbeitet werde, dass
sich die Strukturen so veränderten, damit solche in Zukunft möglichst vermieden
werden konnten. Dass ihr langdauerndes Bemühen in diese Richtung keinen Er-
folg gezeigt hatte, belastete sie zunehmend. Um die Berechtigung ihrer Anliegen
zu dokumentieren, sammelte sie wie gesehen Belege für ihre Feststellungen, um
sie dann irgendwann dem Rechtsdienst oder Herrn K._ von der Sozialbehör-
de zu unterbreiten (Urk. 9/3 S. 7), wozu es dann nicht kam und was auch im Wi-
derspruch steht zur Zeugenaussage von S._, nach welcher die Angeklagte
A._ gesagt haben soll, dass sie daran sei, alles zu dokumentieren und eines
Tages die "Bombe" an die Öffentlichkeit gelange (Urk. 77/5/1 S. 2 und 77/5/2). Es
ist der Angeklagten indes zuzubilligen, dass sie sich im Zeitpunkt ihrer Tat subjek-
tiv in einer hilf- und ausweglosen Situation sah. Insgesamt erscheint ihr Verschul-
den daher als noch leicht. Die Angeklagte ist nicht vorbestraft, was indes nach der
neuesten bundesgerichtlichen Rechtsprechung neutral zu behandeln und nicht
zwingend strafmindernd zu berücksichtigen ist, wenn nicht aufgrund einer Ge-
samtbeurteilung der Täterpersönlichkeit und besonderer Umstände auf eine aus-
sergewöhnliche Gesetzestreue zu schliessen ist (Entscheid 6B_584/2009 vom 28.
Januar 2010 E. 2.2.2.). Solches liegt in casu nicht vor. Demgegenüber hat sich
das Geständnis der Angeklagten in einem frühen Verfahrensstadium und die Ko-
operation im Strafverfahren in erheblichem Masse strafmindernd auszuwirken
(BGE 121 IV 202; Wiprächtiger, a.a.O., N 130 f. zu Art. 47 StGB). Die weit über-
durchschnittliche Publizität des vorliegenden Verfahrens ist bei der Strafzumes-
sung ebenfalls zu berücksichtigen. Auch wenn diese für die Angeklagte in gros-
sen Teilen auch positiv war, hat die Angeklagte zunächst ihre Arbeitsstelle verlo-
- 52 -
ren und nur mit Mühe wieder eine Anstellung finden können. Diese durch das Ver-
fahren ausgelöste ausserstrafrechtliche Sanktion des Arbeitsplatzverlustes gilt es
zu berücksichtigen (Wiprächtiger, a.a.O., N 120 ff. zu Art. 47 StGB). Die Ange-
klagte war in einem Ausmass der Öffentlichkeit ausgesetzt, welche zur objektiven
und subjektiven Schwere der Taten in keinem zu rechtfertigenden Verhältnis mehr
stand.
Aus dem Vorleben der Angeklagten ergeben sich keine weiteren für die Strafzu-
messung relevanten Umstände. Es ist bekannt, dass die Angeklagte in W._
geboren und die Schulzeit in AA._ verbracht hat, bis sie ihm Rahmen ihrer
Ausbildung an der Dolmetscherschule in AB._ ansässig wurde. Nach Ar-
beitsstellen in verschiedenen Bereichen war sie 9 Jahre im J._ und ab 1997
im Sozialdepartement der Stadt Zürich, zunächst in der Quartierberatungsstelle
I._, dann im Rechtsdienst und in der Schulungsarbeit und ab 2001 neben
dem Rechtsdienst zusammen mit B._ in der Fallkontrolle. Am 7. März 2008
wurde sie dort im Zusammenhang mit dem vorliegenden Verfahren wie erwähnt
fristlos entlassen (Urk. 9/2 S. 2-4; Urk. 20/5). Gemäss ihren Angaben in der Beru-
fungsverhandlung arbeitet die Angeklagte heute bei der AC._ AG mit einem
Beschäftigungsgrad von 80% und erzielt dort ein monatliches Nettoeinkommen
von Fr. 4'850.--, unter Berücksichtigung des 13. Monatslohn rund Fr. 5'255.--. Für
ihre Krankenversicherung zahlt sie Prämien von Fr. 400.– pro Monat. Sie verfügt
über kein Vermögen, indes über Schulden von rund Fr. 15'000.-- und sie unter-
stützt ihren erwachsenen Sohn, indem sie seine Krankenkassenprämien zahlt und
ihm Kost und Logis gewährt (Prot. II S. 17 f.).
Insgesamt erweist sich eine Strafe von 20 Tagessätzen und damit im untersten
Bereich des massgeblichen Strafrahmens als gerechtfertigt. Ausgangspunkt für
die Bemessung der Höhe der Geldstrafe bildet das Einkommen, das dem Täter
durchschnittlich an einem Tag zufliesst, ganz gleich, aus welcher Quelle die Ein-
künfte stammen. Denn massgebend ist die tatsächliche wirtschaftliche Leistungs-
fähigkeit (BGE 134 IV 60 E. 6.1. unter Hinweis auf BGE 116 IV 4 E. 3a). Was ge-
setzlich geschuldet ist oder dem Täter wirtschaftlich nicht zufliesst, ist abzuziehen,
so die laufenden Steuern, die Beiträge an die obligatorische Kranken- und Unfall-
- 53 -
versicherung, sowie die notwendigen Berufsauslagen bzw. bei Selbständigerwer-
benden die branchenüblichen Geschäftsunkosten (Botschaft 1998 S. 2019).
Die Höhe des Tagessatzes ist aufgrund der dargelegten finanziellen Verhältnisse
der Angeklagten auf Fr. 80.– festzusetzen.
Ist - wie noch zu zeigen sein wird - die Geldstrafe bedingt auszusprechen, so stellt
sich die Frage, ob zusätzlich eine Busse auszusprechen ist, wie dies die Ankla-
gebehörde beantragt (Urk. 34 S. 13). Durch diese sog. Verbindungsstrafe soll
insbesondere im Bereich der Massendelinquenz die Möglichkeit geschaffen wer-
den, eine spürbare Sanktion zu verhängen. Die Bestimmung dient in erster Linie
dazu, die Schnittstellenproblematik zwischen der Busse (für Übertretungen) und
der bedingten Geldstrafe (für Vergehen) zu entschärfen (Botschaft 2005 S. 4695,
4699 ff. und 4705 ff.). Insoweit, also im Bereich der leichteren Kriminalität verhilft
sie zu einer rechtsgleichen Sanktionierung und übernimmt auch Aufgaben der
Generalprävention. Ferner trägt sie dazu bei, das unter spezial- und generalprä-
ventiven Gesichtspunkten eher geringe Drohpotential der bedingten Geldstrafe zu
erhöhen. Es kommt ihr so auch eine gewisse Denkzettelfunktion zu. Dabei ist die
Strafe so zu bemessen, dass sie zusammen mit der bedingten Strafe schuldan-
gemessen ist (vgl. dazu insbes. BGE 134 IV 60 ff. E. 7 S. 73 ff.; BGE 134 IV 82 ff.
E. 8.2). Vorliegend steht kein Fall zur Beurteilung an, der mit der Verbindungsstra-
fe erfasst werden soll. Eine solche erscheint nicht angezeigt, weshalb davon ab-
zusehen ist.
- 54 -
3. B._
Auch von der Amtsgeheimnisverletzung durch B._ waren mehrere Personen
betroffen, wobei sie auf eine Anonymisierung verzichtete im Vertrauen darauf,
dass - wie bisher - Namen nicht veröffentlicht würden. Immerhin gab sie damit
aber nicht nur die Informationen, sondern eben auch die Identität der Betroffenen
aus ihrem Herrschaftsbereich und mindestens D._ bekannt. Wie A._
beschränkte sich aber auch B._ auf die Weitergabe von Daten, die der von
ihr angestrebten Missbrauchsaufdeckung dienten und auch die Angeklagte
B._ hatte in objektiver Hinsicht volle Entscheidungsfreiheit bei ihrem Han-
deln. Sie entschied sich in Kenntnis ihrer Geheimnispflicht zum Gang an die Öf-
fentlichkeit; dies, nachdem sie - wie sie glaubhaft dargelegt hat - im Lauf ihrer Tä-
tigkeit im Kompetenzzentrum zunehmend eine Missstimmung feststellte, sich die
hierarchischen Strukturen festigten und seitens der Departements- und Dienstfüh-
rung der Bereich der Kontrolle und damit auch der Fallkontrolle kaum Beachtung
geschenkt wurde und immer wieder erfolgte Beanstandungen keine Folgen hatten
und ins Leere verpufften. Den Ausschlag dafür, dass auch die Angeklagte
B._ Informationen und Unterlagen an D._ weitergab, - nachdem sie die
ersten Berichte der C._ zur Kenntnis nehmen konnte und erst im März 2007
erfuhr, dass diese auf Informationen der Angeklagten A._ beruhten -, gaben
nach ihrer Darstellung die Reaktionen seitens der Departementsführung auf die
Publikationen und auch die Reaktionen auf den Hotel- und den Spanienfall. Die
Angeklagte B._ räumte punktuelle Verbesserungen ein, kritisierte aber vor al-
lem, dass man die Kritikpunkte mindestens in ihrer Tragweite und Bedeutung
nicht habe erkennen wollen. Gerade die Tatsache, dass sie sowohl F._ wie
auch E._ von ihrer früheren Tätigkeit her sehr gut kannte, hielt sie davon ab,
sich an sie zu wenden, weil sie überzeugt war, dass dies nichts gefruchtet hätte.
Durch ihre Handlungen kam es nach der Amtsgeheimnisverletzung von A._
von Mai bis August 2007 zu weiteren Publikationen zum Thema Sozialhilfemiss-
brauch, womit der öffentliche Druck auf die Verwaltungsbehörden und den Stadt-
rat anhielt. Dabei zeigte sich die Angeklagte B._ im vorliegenden Verfahren
überzeugt, dass es diesen öffentlichen Druck gebraucht habe, um eine Verände-
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rung zu bewirken. Es ging ihr, wie sie immer wieder beteuerte, um die Sache,
nicht um Personen; nicht um Missbräuche in Einzelfällen, sondern um die Behe-
bung gravierender Missstände im System. B._ verneinte in der Stellungnah-
me zu den Zeugenaussagen alternative Vorgehensmöglichkeiten und betonte, je
besser sie die Systemträger gekannt habe - und sie habe sie gut gekannt -, desto
überzeugter sei sie gewesen, dass sie genau zu diesen Personen nicht gehen
könne und wolle. Es habe keine Alternative gegeben zu irgendeiner anderen
Amtsperson zu gehen, die einzige Alternative wäre gewesen, ihr Pflichtbewusst-
sein und das öffentliche Interesse beiseite zu schieben, sich ein gutes Abschluss-
zeugnis zu holen und sich zu sagen, was soll ich mich hier opfern; dies sei mit ih-
rem Pflichtbewusstsein nicht vereinbar gewesen (Urk. 77/6/1 S. 4 und S. 5). Die-
ser Auffassung kann - wie eingehend dargelegt - nicht gefolgt werden. Es ergibt
sich aber daraus, dass es nicht deliktischer Wille war, der die Angeklagte B._
antrieb. Sie verwarf jedoch bewusst die ihr auch aufgrund ihrer Ausbildung als Ju-
ristin bestens bekannten legalen Alternativen zum Gang an die Öffentlichkeit via
Presse nur deshalb, weil ihr der schliesslich gewählte Weg erfolgversprechender
schien.
Insgesamt ist auch ihr Verschulden als noch leicht zu qualifizieren. Auch die An-
geklagte B._ ist nicht vorbestraft, was sich indes auf die Strafzumessung
nicht auswirkt. Wie bei A._ ist aber das Geständnis und die Kooperation im
Strafverfahren strafmindernd zu berücksichtigen, ebenso die Folgen des vorlie-
genden Verfahrens auf das Leben der Angeklagten.
Das Vorleben bringt keine zusätzlichen verschuldensrelevanten Elemente, die es
zu berücksichtigen gälte. Die Angeklagte ist in W._ und AD._ aufge-
wachsen, hat nach dem Erwerb der Matura gearbeitet und von 1982 - 1987 das
Jusstudium in AB._ absolviert und ist nach anderen Tätigkeiten 1991 ins So-
zialdepartement eingetreten. Sie arbeitete in der Fallführung und dann als Fürsor-
gesekretärin in der Beratungsstelle I._ und war in der Folge in verschiedene
Reorganisationsprojekte eingebunden, wurde von Stadträtin E._ dann auf-
grund ihrer Projektarbeit in das Projektteam des Projekts Sozialzentren berufen,
in welchem sie mit E._ eng zusammen gearbeitet hatte. Aufgrund gesund-
heitlicher Probleme, die die Angeklagte mitunter auf verschiedene Haltungen in-
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nerhalb des Projektteams zurückführte, kam sie im Jahre 2001 ins Kompetenz-
zentrum (Urk. 8/2 S. 2). Am 7. März 2008 wurde sie im Zusammenhang mit dem
vorliegenden Verfahren fristlos entlassen (Urk. 21/5). Die Angeklagte hat bei der
Gemeinde AE._ eine bis 31. Mai 2011 befristete Anstellung als Fachange-
stellte in der Abteilung Soziales (Urk. 65/3; Prot. II S. 25). Deren Verlängerung ist
offen. Sie erzielt dort ein monatliches Nettoeinkommen von Fr. 6'300.–, unter Be-
rücksichtigung des 13. Monatslohnes rund Fr. 6'825.–, bei einem Pensum zu 90%
(Prot. II S. 25). Sie lebt alleine in AD._, der Mietzins beträgt Fr. 1'190.--. Die
Angeklagte hat weder Vermögen noch Schulden.
Aufgrund sämtlicher relevanter Strafzumessungsgründe erweist sich auch für die
Angeklagte B._ eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen als schuld- und tatan-
gemessen. Von der Aussprechung einer Verbindungsbusse ist aus den genann-
ten Gründen ebenfalls abzusehen.
Die Höhe des Tagessatzes ist aufgrund der finanziellen Verhältnisse der Ange-
klagten ebenfalls auf Fr. 80.– festzusetzen.
4. Vollzug
Da beide Angeklagten sich erstmals vor dem Strafrichter zu verantworten haben
und keinerlei Anhaltspunkte für eine ungünstige Prognose bestehen, sind die ge-
setzlichen Voraussetzungen für den bedingten Aufschub der Strafe bei beiden
Angeklagten ohne weiteres erfüllt (Art. 42 und 44 StGB). Der Vollzug der ausge-
sprochenen Geldstrafen ist daher aufzuschieben und es den Angeklagten je eine
minimale Probezeit von zwei Jahren anzusetzen.
V. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Untersuchung und der
beiden Gerichtsverfahren inklusive diejenigen der amtlichen Verteidigung den An-
geklagten aufzuerlegen (§ 188 StPO/ZH und § 396a StPO/ZH) und sie sind zu
verpflichten, der Geschädigten für das Berufungsverfahren, in dem diese sich ver-
treten liess, eine Prozessentschädigung von Fr. 5'000.– zu bezahlen. Aufgrund
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der geschilderten finanziellen Verhältnisse und der hohen Kosten, die auf die An-
geklagten zukommen, sind die Kosten der amtlichen Verteidigung indes definitiv
abzuschreiben. Die erstinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 1'800.– festzuset-
zen, die Gebühr für das Berufungsverfahren unter Berücksichtigung des Aufwan-
des auf Fr. 4'000.–.