# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** c446498b-bdf8-50e2-a375-6f390543419d
**Court:** SO_OG
**Chamber:** SO_OG_006
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** SO / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Substantive Criminal

## Facts

In Sachen
Staatsanwaltschaft,
Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157,
4502
Solothurn,
Anklägerin
gegen
A._
,
amtlich verteidigt durch
Rechtsanwalt
Alexander
Kunz,
Gressly Rechtsanwälte,
Beschuldigter und Berufungskläger
betreffend
einfache Körperverletzung, Anordnung einer stationären
Massnahme
Es erscheinen zur Verhandlung vor Obergericht:
–
für die Staatsanwaltschaft: Staatsanwältin C._ in Begleitung einer Rechtspraktikantin
–
der Beschuldigte A._
–
sein amtlicher Verteidiger Alexander Kunz
–
zwei Polizisten.
Der Vorsitzende eröffnet die Berufungsverhandlung und gibt die Zusammensetzung des Gerichts bekannt. Es wird festgestellt, dass folgende Teile des erstinstanzlichen Urteils rechtskräftig geworden sind: Vorfrageweise Beschluss-Ziffern 1–2 (Einstellung des Strafverfahrens wegen einfacher Körperverletzung sowie wegen Fahrens ohne gültigen Fahrausweis), Urteils-Ziffern 1–2 (Schuldspruch wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung und Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten), Urteils-Ziffer 3 (Widerruf Geldstrafe), Urteils-Ziffer 7 (Absehen von der Landesverweisung), Urteils-Ziffern 8–9 (Genugtuung und Entschädigung des amtlichen Verteidigers).
Die Gutachterin Dr. med. B._ wird vom Vorsitzenden bereits jetzt auf die Pflicht zur wahrheitsgemässen Aussage hingewiesen.
Der Vorsitzende gibt bekannt, dass das Gericht die Frage der Sicherheitshaft prüfen wird. Die Parteien werden darauf hingewiesen, dass sie sich im Rahmen der Parteivorträge zu diesem Punkt äussern können. Seitens der Parteien werden keine Vorfragen aufgeworfen.
Anschliessend werden der Beschuldigte zur Person und die Gutachterin Dr. med. B._ als Sachverständige befragt. Für die Aussagen wird auf die separaten Einvernahmeprotokolle und die Tonaufnahme verwiesen.
Es werden keine weiteren Beweisanträge gestellt, weshalb das Beweisverfahren geschlossen werden kann. Die Parteien stellen und begründen folgende Anträge:
Staatsanwältin C._:
1.
Es sei festzustellen, dass das Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Oktober 2019 betreffend die Urteilsziffern 1 bis 3 und 7 bis 11 in Rechtskraft erwachsen ist.
2.
Für A._ sei eine stationäre therapeutische Behandlung nach Art. 59 StGB anzuordnen (evtl. Sicherheitshaft).
3.
A._ sei die erstandene Untersuchungshaft in der Zeit vom 15. November 2016 bis 21. August 2017 bzw. die Freiheitsstrafe aus dem Massnahmenvollzug seit dem 22. August 2017 bis heute an die Freiheitsstrafe bzw. an die stationäre Massnahme anzurechnen.
4.
Es sei festzustellen, dass sich A._ seit dem 22. August 2017 im vorzeitigen Massnahmenvollzug befindet und zur Sicherung des Massnahmenvollzugs darin belassen wird.
5.
Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten A._, Rechtsanwalt Alexander Kunz, sei durch das erkennende Gericht festzusetzen und zufolge des amtlichen Mandats vom Staat Solothurn zu bezahlen. Es sei weiter zu verfügen, dass der Beschuldigte die entsprechenden Kosten dem Kanton zurückzuerstatten habe, sobald es seine finanziellen Verhältnisse zulassen.
6.
Die gemäss Ziff. 11 des Urteils des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 14. Oktober 2019 vom Beschuldigten für das erstinstanzliche Verfahren zu bezahlenden (anteilsmässigen) Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 13'010.00 sowie die gesamten Kosten für das zweitinstanzliche Verfahren seien dem Beschuldigten A._ zur Bezahlung aufzuerlegen.
Rechtsanwalt Alexander Kunz:
1.
Das Urteil des Amtsgerichts Solothurn-Lebern vom 14. Oktober 2019 (Urteil SLSAG.2019-2-ASLSTE) sei hinsichtlich der Dispositiv-Ziffern 4, 5 und 6 aufzuheben.
2.
Für den Berufungskläger sei anstelle einer stationären therapeutischen Behandlung nach Art. 59 StGB eine ambulante Massnahme nach Art. 63 StGB anzuordnen.
3.
Die ausgestandene Untersuchungshaft bzw. der Freiheitsentzug aus dem Massnahmenvollzug sei an die ausgefällte Freiheitsstrafe anzurechnen.
4.
Für die Überhaft bzw. den Freiheitsentzug aus dem Massnahmenvollzug sei dem Berufungskläger eine angemessene Entschädigung auszurichten.
5.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Staates Solothurn.
Der Beschuldigte macht vom Recht zum letzten Wort Gebrauch und erklärt, die Delikte, die er begangen habe, täten ihm leid. Er hoffe, dass es früher oder später zu einer ambulanten Massnahme nach Art. 63 StGB komme.
Damit endet die öffentliche Hauptverhandlung und das Gericht zieht sich zur geheimen Beratung zurück. Die Parteien verzichten auf eine mündliche Urteilseröffnung. Das Urteil wird den Parteien durch den Gerichtsschreiber telefonisch mitgeteilt. Das Urteilsdispositiv wird den Parteien schriftlich zugestellt.
Die Strafkammer des Obergerichts zieht in
Erwägung
:
I. Prozessgeschichte
1. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn eröffnete am 30. Mai 2016 gegen den Beschuldigten eine Strafuntersuchung wegen Gefährdung des Lebens (Art. 129 StGB), nachdem am 1. März 2016 die Polizei nach Olten an die Industriestrasse hatte ausrücken müssen, wo der Beschuldigte eine Prostituierte während oder nach dem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gewürgt habe (AS 1 ff.; 205 f.).
2. Am 16. November 2016 und 31. Januar 2017 erfolgten zwei weitere Strafanzeigen wegen diverser Vorhalte vom 16. Juli/6. September 2016 (AS 139 ff.) sowie vom 14. November 2016 (AS 168 ff.).
3. Mit Verfügung vom 18. November 2016 ordnete das Haftgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft für die Dauer von drei Monaten Untersuchungshaft an (AS 331 f.).
Am 27. Dezember 2016 wurde der Beschuldigte in die Bewachungsstation des Inselspitals Bern verlegt (AS 347).
4. Am 20. Februar 2017/ 26. April 2017 und 22. Mai 2017 verlängerte das Haftgericht die Untersuchungshaft jeweils um drei Monate bzw. um einen Monat (AS 359 f.; 385 f.; 402 f.).
Der Beschuldigte hielt sich vom 16. März 2017 bis am 6. November 2017 auf der Forensisch-Psychiatrischen Station [...] der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) auf (AS 473 ff.).
5. Am 6. Juli 2017 erliess die Staatsanwaltschaft eine konkretisierte und am 5. September 2017 eine bereinigte Eröffnungsverfügung (AS 315 ff.; 317.45 ff.).
6. Am 17. August 2017 stellte der Beschuldigte den Antrag auf Antritt des vorzeitigen Massnahmenvollzugs, den die Staatsanwaltschaft mit Verfügung vom 22. August 2017 bewilligte (AS 413.13 und 413.25).
Der Beschuldigte wurde in der Folge am 6. November 2017 im Rahmen einer Zwischenplatzierung in die Justizvollzugsanstalt [Ort] versetzt (AS 413.58 f.; 413.61).
7. Am 5. Januar 2018 erstellte die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift und überwies die Akten an das Strafgericht Solothurn-Lebern (AS 317.90 ff.). Mit Beschluss vom 20. April 2018 wies das Amtsgericht Solothurn-Lebern die ihm von der Staatsanwaltschaft zur Beurteilung überwiesenen Akten zur Ergänzung der Untersuchung an diese zurück (AS 317.83 ff.).
8. Am 25. September 2018 wurde der Beschuldigte in die Klinik für Forensische Psychiatrie [...] versetzt (AS 413.64.1 ff.).
9. Mit Verfügung vom 14. November 2018 stellte die Staatsanwaltschaft die Strafuntersuchung betreffend der Vorhalte vom 16. Juli/6. September 2016 (Strafanzeige vom 16. November 2016) ein (AS317.202 ff.).
10. Die Anklageschrift datiert vom 20. Dezember 2018 (AS 1 ff.).
11. Am 14. Oktober 2019 fällte das Amtsgericht Solothurn-Lebern das folgende Urteil (S-L 126 ff.):
beschlossen:
1.
Das Strafverfahren gegen A._ wegen einfacher Körperverletzung, angeblich begangen am 1. März 2016, ist zufolge Rückzugs des Strafantrags eingestellt.
2.
Das Strafverfahren gegen A._ wegen Fahrens ohne gültigen Fahrausweis, angeblich begangen am 7. April 2016, ist zufolge Eintritts der Verfolgungsverjährung eingestellt.
und in Anwendung der Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, Art. 19 Abs. 2, Art. 40, Art. 46 Abs. 1, Art. 47, Art. 51, Art. 59, Art. 66a
bis
StGB, Art. 82 Abs. 1 und 2, Art. 122 ff., Art. 135, Art. 335 ff., Art. 416 ff. StPO, § 146, § 158 GT

## Considerations