# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3fa6e2ca-f6b2-5eef-a016-7830f9a838a2
**Court:** AR_OG
**Chamber:** AR_OG_003
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** AR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt
A. Die am XX.XX.1997 geborene A_ war seit 1. August 2013 bei der B_ als Lehrling
angestellt und dadurch bei der AXA Versicherungen AG (nachfolgend: AXA) obligatorisch
gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. In der Nacht von Freitag,
29. Januar 2016, auf Samstag, 30. Januar 2016, kam es zwischen A_ und C_,
geboren XX.XX.1998, in der öffentlichen Toilette bei der Gallusstrasse 29, St. Gallen, zu
sexuellen Handlungen, darunter Geschlechtsverkehr.
B. Am Samstag, 30. Januar 2016, suchte A_ das Kantonsspital St. Gallen auf, wo eine
forensisch-gynäkologische Untersuchung durchgeführt wurde (act. 6/M1). Gleichentags
reichte sie bei der Kantonspolizei St. Gallen einen Strafantrag wegen Vergewaltigung ein
und es fand eine polizeiliche Einvernahme als Opfer statt (act. 16/Dossier S2/2 und
act. 2.3). Ebenfalls am gleichen Tag führte die Polizei Einvernahmen der
Auskunftspersonen F_ und E_ durch (act. 2.4 und act. 2.5). Am 10. Februar 2016 fand
die polizeiliche Einvernahme der Auskunftsperson D_ statt (act. 16/Dossier D1/4). C_
wurde am 12. Februar 2016 durch die Polizei als Beschuldigter einvernommen (act.
16/Dossier E1/1).
C. Die Arbeitgeberin von A_ reichte am 2. Februar 2016 bei der AXA eine Schadenmeldung
UVG ein (act. 6/A1). Das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin, Kantonsspital St.
Gallen, datiert vom 15. Februar 2016 (act. 6/M1). Am 29. April 2016 wurde A_ wegen
einer Alkoholintoxikation in die Notfallaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen eingeliefert
(act. 10.10).
D. Die Jugendanwaltschaft St. Gallen verfügte am 25. Mai 2016 in der Jugendstrafsache
gegen C_ wegen des Straftatbestandes Vergewaltigung die Einstellung des
Strafverfahrens (act. 2.6). Sie begründete ihren Entscheid damit, dass in Bezug auf den
C_ vorgeworfenen Tatbestand der Vergewaltigung weder Anhaltspunkte für Drohungen
oder die Herbeiführung einer Widerstandsunfähigkeit noch Gewaltanwendung zur
Überwindung eines Widerstandes oder eine Tatbegehung durch Ausübung von
psychischem Druck im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB vorlägen.
E. Mit Verfügung vom 13. September 2016 entschied die AXA, dass A_ keinen Anspruch
auf Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung habe. Die bisher erbrachten
Heilungskosten wurden nicht zurückgefordert (act. 2.7). Dagegen liess A_ am 26.
September 2016 beziehungsweise am 4. November 2016 Einsprache erheben (act. 6/A16
und act. 6/A18).
Seite 4
F. Mit Einspracheentscheid vom 20. Juni 2017 wies die AXA die Einsprache ab (act. 2.2).
G. Am 22. August 2017 liess A_ beim Obergericht Appenzell Ausserrhoden Beschwerde mit
den eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben (act. 1). In der Vernehmlassung vom
19. Oktober 2017 beantragte die AXA die Abweisung der Beschwerde (act. 5). Mit der
Replik vom 13. November 2017 liess A_ einen Beratungsbericht der Opferhilfe SG-AR-AI
vom 19. September 2017 einreichen (act. 9 und act. 10.9). Die Duplik der AXA datiert vom
10. Januar 2018 (act. 13).
H. Mit Schreiben vom 20. Februar 2018 ersuchte das Gericht die Jugendanwaltschaft
St. Gallen um Einsicht in die Akten des bei ihr geführten Jugendstrafverfahrens gegen
C_ (act. 14). Den Parteien wurde anschliessend Einsicht in die erhaltenen
Jugendstrafakten gewährt (act. 17 und act 19). Die Rechtsvertreterin von A_ verzichtete
mit Schreiben vom 13. April 2018 auf eine Vernehmlassung (act. 18). Die AXA nahm mit
Schreiben vom 26. April 2018 Stellung (act. 20).
I. Auf die Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften sowie die Ausführungen in den
Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Erwägungen
1. 1.1
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales
Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die
örtliche Zuständigkeit des Obergerichts ist trotz Änderung des Wohnsitzes durch die
Beschwerdeführerin im Verlauf des Verfahrens gegeben, da massgebend der Wohnsitz der
versicherten Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ist (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese hinsichtlich der Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 des
Bundesgesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20] i.V.m.
Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 55 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Seite 5
1.2
Gemäss der AXA ist fraglich, ob ein aktuelles und praktisches Interesse an der Aufhebung
beziehungsweise Änderung des Einspracheentscheids bestehe, da die Beschwerdeführerin
aktuell keine Leistungen beantrage und es folglich nur um die theoretische Anerkennung
des Geschehens als Unfall gehe (act. 13/2).
Nach Art. 59 ATSG ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch den Einspracheentscheid
berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Für
die Anerkennung einer Beschwerdebefugnis werden kumulativ grundsätzlich ein
Berührtsein und das Vorliegen eines schutzwürdigen Interesses verlangt. Letzteres liegt
grundsätzlich nur vor, wenn es im Zeitpunkt des Urteils aktuell und praktisch ist (UELI
KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N. 7 zu Art. 59 ATSG; BERNHARD WALDMANN,
Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, N. 7 und N. 17 zu Art. 89 BGG).
Diese Voraussetzungen werden im sozialversicherungsrechtlichen Verfahren in derselben
Weise verstanden wie allgemein im verwaltungsgerichtlichen Verfahren. Nach konstanter
Praxis ist die Beschwerdebefugnis zu bejahen, wenn ein praktisches oder rechtliches
Interesse an der Aufhebung oder Änderung der Verfügung geltend gemacht wird. Dies wird
dahingehend verstanden, dass die (allfällige) Gutheissung der Beschwerde einen Nachteil
wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger Natur vermeidet (UELI KIESER,
a.a.O., N. 9 zu Art. 59 ATSG; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_143/2012 vom
22. März 2012 E. 4.2; SEILER/VON WERDT/GÜNGERICH/OBERHOLZER, Bundesgerichtsgesetz,
2. Aufl. 2015, N. 62 zu Art. 89 BGG).
Im Einspracheentscheid vom 20. Juni 2017 erwog die AXA, dass es sich beim Ereignis vom
29. Januar 2016 nicht um einen Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG gehandelt habe und
dieses auch nicht als Schreckereignis anzuerkennen wäre. Die Einsprache wurde daher
abgewiesen (act. 2.2). Im Hinblick auf künftige Gesuche um Leistungen der
Unfallversicherung hat die Beschwerdeführerin ein rechtliches Interesse daran, dass der für
sie negative Einspracheentscheid der AXA aufgehoben wird. Die AXA hätte allenfalls im
September 2016 vom Erlass einer Verfügung absehen können, weil die
Beschwerdeführerin (auch) damals keine über die bereits übernommenen Heilungskosten
hinausgehenden Ansprüche geltend gemacht und deshalb ein aktuelles Interesse an einer
blossen Feststellungsverfügung gefehlt hatte (vgl. BEATRICE WEBER-DÜRLER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, 2008, N. 10 zu Art. 25 VwVG, wonach der Begriff des
schutzwürdigen Interesses im selben Sinne auszulegen ist wie bei der
Beschwerdelegitimation). Die AXA sah damals jedoch von einer Nichteintretensverfügung
Seite 6
ab und entschied materiell, dass kein Anspruch auf Leistungen aus der Unfallversicherung
bestehe (act. 2.7). Damit besteht ein Interesse der Beschwerdeführerin an der Korrektur
dieses materiellen Entscheids (dem Sinne nach gleich: St. Gallische Gerichts- und
Verwaltungspraxis, SG GVP, 1972, Nr. 34). Die Legitimation der Beschwerdeführerin ist
demnach zu bejahen und auf die Beschwerde ist insoweit einzutreten.
1.3
Nicht einzutreten ist auf das Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin insofern, als sie
verlangt, es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Dies, weil sie weder im
Beschwerdeverfahren noch im Verfahren vor der AXA Ansprüche auf Leistungen geltend
machte. Dieses Begehren, auf welches nicht einzutreten ist, hat irrtümlich keinen Eingang
in das Dispositiv gefunden, weshalb gestützt auf Art. 28 Abs. 1 VRPG eine Berichtigung
vorzunehmen ist. Entsprechend muss Dispositiv Ziff. 1 neu lauten: „Die Beschwerde von
A_ wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.“
Eingetreten werden kann hingegen auf das erst in der Replik gestellte Begehren, wonach
das Ereignis vom 29. Januar 2016 als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG anzuerkennen sei
(act. 9). Da im sozialversicherungsrechtlichen Gerichtsverfahren keine Bindung an die
Parteibegehren besteht, kann sich die Frage der Zulässigkeit der Änderung eines
Rechtsbegehrens nur stellen, wenn der Streitgegenstand erweitert oder über den
Anfechtungsgegenstand hinaus etwas verlangt werden würde (UELI KIESER, a.a.O, N. 146
zu Art. 61 ATSG). Beides ist vorliegend nicht der Fall, weshalb die vorgebrachte Änderung
zulässig ist. Allerdings ist zu präzisieren, dass dem erwähnten Begehren – nachdem keine
noch offenen Unfallfolgen dokumentiert sind – nicht vollständig entsprochen werden könnte
beziehungsweise es könnte höchstens dann eine Anerkennung als Unfallereignis erfolgen,
falls der Argumentation der Beschwerdeführerin gefolgt würde.
1.4
Sodann rügt die Beschwerdeführerin, dass der Untersuchungsgrundsatz verletzt worden
sei, indem die AXA sich auf den in der Einstellungsverfügung der Jugendanwaltschaft
geschilderten Sachverhalt verlassen und ihre glaubhaften Aussagen in Bezug auf die
Unfreiwilligkeit nicht gehört und zudem keine weiteren Abklärungen bezüglich ihres
Gesundheitszustands gemacht habe.
Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG nimmt der Versicherungsträger die notwendigen Abklärungen
von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Was notwendig ist, ergibt
sich zum einen daraus, in welchem Umfang Abklärungen vorzunehmen sind, und zum
anderen daraus, in welcher Tiefe dies der Fall ist. Zunächst hat der Versicherungsträger
Seite 7
abzugrenzen, welche Bereiche für die zu entscheidende Frage massgebend sind. In der
Folge hat der Versicherungsträger im Rahmen des so begrenzten Bereichs den
Sachverhalt bis zur zweifelsfreien Eruierung abzuklären. Wann dies der Fall ist, bestimmt
sich im Blick auf den je massgebenden Beweisgrad (UELI KIESER, a.a.O., N. 18ff. zu Art. 43
ATSG). Die Untersuchungen sind einzustellen, wenn die Akten vollständig sind, d.h. wenn
die inhaltlichen und beweismässigen Anforderungen, welche an die einzelnen Beweismittel
gestellt werden, erfüllt sind und eine Würdigung dieser Beweismittel mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Sachverhalt ergibt (UELI KIESER,
a.a.O., N. 27 zu Art. 43 ATSG).
Die Beschwerdeführerin macht vorliegend keine konkreten Verletzungshandlungen geltend
und gemäss den Akten auch keine Veränderung des Gesundheitszustands. Gestützt auf
die vorliegenden Akten liegt keine Verletzungshandlung vor und weitere Abklärungen zum
Gesundheitszustand drängten sich gemäss den Akten nicht auf. Insofern liegt keine
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes vor.
1.5
Beide Parteien beantragten den Beizug der Akten der Jugendanwaltschaft. Diesem
Anliegen wurde stattgegeben, da zur Klärung der hier massgeblichen Frage der
Sachverhalt relevant ist. Nicht gefolgt wurde dem Antrag der Beschwerdeführerin auf eine
erneute Parteibefragung und Zeugeneinvernahme, da nach Überzeugung des Gerichts von
erneuten Abklärungen keine entscheiderheblichen neuen Aussagen zu erwarten waren
(BGE 134 I 140 E. 5.3).
1.6
Auch wenn das Jugendstrafverfahren eingestellt worden ist, schliesst dies die
unfallversicherungsrechtliche Relevanz des Ereignisses vom 29. Januar 2016 noch nicht
aus.
Der Versicherungsträger als verfügende Instanz oder – im Beschwerdefall – das Gericht
hat im Sozialversicherungsrecht seinen Entscheid darüber, ob eine strittige Tatsache als
bewiesen anzunehmen ist, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den
Beweisanforderungen nicht. Erforderlich ist, dass der fragliche Sachverhalt aufgrund der
Würdigung aller relevanten Sachumstände, mithin nach objektiven Gesichtspunkten als der
wahrscheinlichste aller in Betracht fallenden Geschehensabläufe erscheint (BGE 126 V 360
E. 5b; BGE 119 V 9 E. 3c/aa; BGE 114 V 305 E. 5b). Der im Sozialversicherungsprozess
vorherrschende Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der
Seite 8
Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin
die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der
Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen
Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es
sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer
Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für
sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 138 V 218 E. 6 mit Hinweisen). Bei
strafrechtlich relevanten Unfallereignissen ist das Sozialversicherungsgericht weder
hinsichtlich der Angabe der verletzten Vorschriften noch hinsichtlich der Beurteilung des
Verschuldens an die Feststellung und Würdigung des Strafgerichts gebunden. Es weicht
aber von den tatbestandlichen Feststellungen des Strafgerichts nur ab, wenn der im
Strafverfahren ermittelte Tatbestand und dessen rechtliche Subsumtion nicht zu
überzeugen vermögen oder auf Grundsätzen beruhen, die zwar im Strafrecht gelten, im
Sozialversicherungsrecht jedoch unerheblich sind (BGE 125 V 242 E. 6a; BGE 111 V 177
E. 5a).
1.7
Zusammenfassend ist somit – unter dem erwähnten Vorbehalt – auf die Beschwerde
einzutreten.
2. 2.1
Die Zusprechung von Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung setzt grundsätzlich
das Vorliegen eines Berufsunfalls, eines Nichtberufsunfalls oder einer Berufskrankheit
voraus (Art. 6 Abs. 1 UVG). Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod
zur Folge hat (Art. 4 ATSG).
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6
ATSG), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 UVG). Sie hat zudem Anspruch
auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG).
2.2
Art. 4 ATSG umschreibt zum einen unter Heranziehung von vier Kriterien (Plötzlichkeit,
Unfreiwilligkeit, Ungewöhnlichkeit, äusserer Faktor) das Unfallereignis und hält zum
anderen fest, dass das so definierte Unfallereignis eine bestimmte Folge (Beeinträchtigung
der Gesundheit oder Tod) haben müsse, damit ein Unfall im Sinne des Gesetzes
anzunehmen ist (UELI KIESER, a.a.O., N. 7 und N. 61 zu Art. 4 ATSG).
Seite 9
Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts kann auch eine psychische
Einwirkung ein Unfallereignis darstellen (UELI KIESER, a.a.O., N. 52 zu Art. 4 ATSG).
3. Strittig und zu prüfen ist, ob das Ereignis vom 29. Januar 2016 einen Unfall im Sinne von
Art. 4 ATSG (E. 3.5) beziehungsweise ein Schreckereignis darstellt (E. 3.6)
3.1
Im vorliegenden Fall wird von der Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht, es liege
aktuell eine Unfallfolge vor. Eine solche wurde denn auch nicht geprüft. Vielmehr stellt sie
sich auf den Standpunkt, dass das Ereignis vom 29. Januar 2016 den Unfallbegriff nach
Art. 4 ATSG erfülle, da es zu einer nicht beabsichtigten schädigenden Einwirkung eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors gekommen sei. Sie habe C_ mehrfach mitgeteilt, dass
sie die sexuellen Handlungen nicht wolle. Sie habe Angst gehabt, sei versteinert gewesen
und habe die Handlungen über sich ergehen lassen, um es nicht noch zu verschlimmern.
Die AXA habe selbst ausgeführt, sie habe sich dem Geschehen nicht mehr entziehen
können und sei überrumpelt gewesen, was die Unfreiwilligkeit bestätige (act. 1/7f). Der
Gang zur Toilette sei freiwillig erfolgt, jedoch nicht in der Absicht, Geschlechtsverkehr zu
haben, weshalb daraus nicht auf ihr Einverständnis geschlossen werden könne. Sie habe
C_ begleitet, da dieser mit ihr habe reden wollen (act. 9/4). Einzig aus der mangelnden
Gegenwehr wegen ihrer Angst und Lähmung könne nicht auf ein freiwilliges Mitmachen
geschlossen werden, weder zu Beginn noch im Verlauf der Handlungen (act. 9/5). Keine
Schlüsse auf die Freiwilligkeit liessen eine allfällige Angst vor einer ungewollten
Schwangerschaft und ihre Aussage, es sei ihr grösster Fehler gewesen, zu (act. 9/5). Es
sei sehr unwahrscheinlich, dass bei einem ersten sexuellen Kontakt freiwillig grobe
vaginale, anale und orale sexuelle Handlungen vorgenommen werden. Die Unfreiwilligkeit
sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu bejahen (act. 9/5f). Ob sie im Unfallzeitpunkt
alkoholisiert gewesen sei, spiele keine Rolle, da dies an der Unfreiwilligkeit nichts ändere
(act. 9/6). Es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass sie Opfer eines
sexuellen Übergriffs geworden sei. Die sexuellen Handlungen und die daraus entstandenen
physischen und psychischen Schäden seien gegen ihren Willen erfolgt und erfüllten die
Voraussetzungen der Unfreiwilligkeit, der Plötzlichkeit und der Ungewöhnlichkeit (act. 9/6).
Darüber hinaus ist der Unfallbegriff gemäss der Beschwerdeführerin auch aufgrund des
Schreckereignisses zu bejahen. Sie lässt hierzu vorbringen, das Ereignis vom 29. Januar
2016 habe einen Schock ausgelöst, belaste sie psychisch sehr und habe eine Störung des
seelischen Gleichgewichts verursacht. Nicht entscheidend für einen Unfall sei, ob die
entstandenen psychischen Schäden eine Behandlung nach sich zögen. Das Durchführen
von ungewollten sexuellen Handlungen sei ein sehr starker Eingriff in die Persönlichkeit.
Seite 10
Das Ereignis mit groben oralen, analen und vaginalen sexuellen Handlungen ohne Schutz
und unter bedenklichen hygienischen Bedingungen gegen ihren Willen sei als
aussergewöhnliches Schreckereignis zu betrachten. Bei der Beurteilung sei entscheidend,
ob die Handlungen freiwillig erfolgt seien oder nicht. Sie habe nicht freiwillig mitgemacht
(act. 9/6). Zwar verweigere sie eine psychologische Behandlung, jedoch dauere die
Beratung bei der Opferhilfe an. Es seien psychische Unfallfolgen entstanden, auch wenn
diese bisher nicht zu einer längeren Arbeitsunfähigkeit geführt hätten (act. 9/7). Die
Unfreiwilligkeit der Handlungen sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gegeben, womit
– was bei Vorliegen der Unfreiwilligkeit auch die AXA anerkenne – das Geschehene als
Schreckereignis zu qualifizieren sei (act. 9/7).
3.2
Die AXA hingegen hat die Unabsichtlichkeit bezüglich der körperlichen Einwirkung und das
Vorliegen einer psychischen Einwirkung verneint. Weil damit nach Ansicht der AXA kein
Unfallereignis angenommen werden konnte, konnte sie einen Unfall im Sinne des Gesetzes
verneinen, ohne dass sie die Unfallfolgen hätte prüfen müssen. Sie wendet im
Wesentlichen ein, es mangle an der Unfreiwilligkeit, da sich die Beschwerdeführerin
freiwillig ausgezogen und freiwillig die sexuellen Handlungen ausgeführt und toleriert habe.
Zwar sei unklar, wie sich die Freiwilligkeit im weiteren Verlauf dargestellt habe, als C_
grob an und mit der Beschwerdeführerin verschiedene sexuelle Handlungen vorgenommen
habe (act. 5/4). Jedoch hätte sie den Austausch beenden können, was eine Unfreiwilligkeit
im Sinne des Gesetzes als sehr unwahrscheinlich erscheinen und nicht mit dem
notwendigen Beweisgrad belegen lasse. Dies müsse genauso in Bezug auf die Schädigung
an sich gelten; sie habe diese in Kauf genommen (act. 5/5). Es sei durchaus möglich, dass
sie während der ganzen Handlungen paralysiert gewesen sei, was aber nichts an der
fehlenden Unfreiwilligkeit ändere und sich in beweisrechtlicher Hinsicht nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit belegen lasse (act. 5/5). Selbst wenn die
Beschwerdeführerin paralysiert gewesen wäre, handle es sich hierbei um einen rein
inneren Faktor, der zur Bejahung des Unfallbegriffs nicht genügen könne (act. 13/3). Allein
aus dem Umstand, dass es zu Verletzungen gekommen sei, lasse sich keine
Ungewöhnlichkeit ableiten (act. 5/6). Der Ablauf sei nicht durch einen äusseren Faktor
gestört worden (act. 5/6). Zudem sei die Beschwerdeführerin alkoholisiert gewesen, was
leicht zu besonderen Situationen führe (act. 5/6). Es sei nicht nachvollziehbar und
illusorisch, dass die Beschwerdeführerin C_ auf die öffentliche Toilette folgte, nur um mit
ihm zu sprechen und damit er Ruhe gebe (act. 13/3). Das sich Anvertrauen gegenüber den
Eltern spreche nicht gegen eine Freiwilligkeit (act. 13/3). Eine Unfreiwilligkeit liege
bestenfalls im Bereich des Möglichen, lasse sich aber nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit belegen (13/3). Wer den Abbruch des Kontakts unterlasse, obwohl er
Seite 11
jederzeit die Möglichkeit dazu gehabt hätte – innere Hemmungen könnten nicht zur
Bejahung des Unfallbegriffs führen – und den anderen weiter gewähren lasse, ohne dass
dieser Druck ausübe, dann sei das Geschehen, auch wenn es für den Betroffenen
unangenehm sei, nicht als Unfall zu qualifizieren (act. 13/4). In Bezug auf die psychischen
Einwirkungen brachte die AXA vor, dass keine über die anfänglich festgestellte
Arbeitsunfähigkeit von fünf Tagen hinausgehenden psychischen Unfallfolgen dokumentiert
seien. Bei fehlenden psychischen Unfallfolgen sei die Adäquanz sehr schnell zu verneinen
(act. 5/7). Es liege kein Schreckereignis vor, da die Unfreiwilligkeit mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden müsse (act. 13/4). Im Übrigen wäre auch ein
adäquater Kausalzusammenhang zu verneinen (act. 13/5).
3.3
3.3.1
Aus den Aussagen der Auskunftspersonen ergibt sich, dass sich in jener Nacht auf den
Bänken auf dem Gallusplatz in St. Gallen zuerst die Beschwerdeführerin und E_
aufhielten. Dann kam F_ dazu. Gemäss Aussage von F_ fragte ihn die
Beschwerdeführerin, ob sie rummachen können. Er sei auch etwas schockiert gewesen, als
sie gefragt habe, ob sie sich küssen können (act. 2.4/Seite 3). E_ sagte hierzu aus,
plötzlich habe die Beschwerdeführerin angefangen, mit F_ rumzumachen; dies sei
wirklich sehr schnell gegangen (act. 2.5/Seite 2). Später stiessen D_, C_ und ein oder
zwei weitere Jungs zu den Dreien auf den Bänken hinzu. Gemäss F_ hatte die
Beschwerdeführerin angefangen, mit einem rum zu machen (act. 2.4/Seite 2). Auch E_
sagte aus, dass nach zirka 10 Minuten die Beschwerdeführerin angefangen habe, mit
einem aus dieser Gruppe rumzumachen (act. 2.5/Seite 2). D_ erklärte, dass nach kurzer
Zeit C_ etwas mit einem dieser Mädchen gehabt habe. Sie hätten unter dem Baum
miteinander geknutscht (act. 16/Dossier D1/4/Seite 2). Beide hätten knutschen wollen (act.
16/Dossier D1/4/Seite 3).
In Bezug auf den Gang zur öffentlichen Toilette führte F_ aus, er habe nicht gesehen,
dass die Beschwerdeführerin und C_ ins WC gegangen seien. Sie seien auf einmal nicht
mehr bei ihnen gewesen und D_ habe auf seine Frage nach deren Verbleiben
geantwortet, sie seien auf dem WC. Er könne nicht sagen, ob die Beschwerdeführerin
freiwillig mitgegangen oder dazu gedrängt worden sei (act. 2.4/Seite 2). E_ sagte aus,
sie habe plötzlich bemerkt, dass die Beschwerdeführerin und C_ nicht mehr da seien.
Sie habe den Gang zur Toilette gar nicht mitbekommen und es erst realisiert, als die
Beschwerdeführer nicht mehr neben ihr gewesen sei (act. 2.5/Seite 2 und Seite 3). Nach
der Aussage von D_ hat er gesehen, wie C_ mit der Beschwerdeführerin auf die
Toilette gegangen war. Er denke schon und bestätigte dies auf Nachfrage, dass die
Seite 12
Beschwerdeführerin freiwillig mit C_ auf die Toilette gegangen sei. Sie seien gemeinsam
miteinander auf die Toilette gelaufen (act. 16/Dossier D1/4/Seite 3).
E_ führte auf die Frage, ob sie je von der Beschwerdeführerin Widerstand
wahrgenommen habe aus, sie habe nichts wahrgenommen. Sie hätten sich auch nicht in
der Nähe der Toilette aufgehalten. Sie könne darum nicht sagen, ob die
Beschwerdeführerin an die Tür geklopft oder um Hilfe geschrien habe (act. 2.5/Seite 3).
Auch F_ sagte hierzu aus, es sei ihm nichts aufgefallen. Sie hätten auch nicht
hingeschaut (act. 2.4/Seite 3). Demgegenüber führte D_ aus, sie – damit meinte er sich
selber, E_ und F_ – seien der Beschwerdeführerin und C_ Richtung Toilette gefolgt.
Sie hätten vor der Toilette gewartet und geredet. Nach ca. 10 Minuten habe er an die
Toilettentür geklopft und gefragt, ob er bald fertig sei. Es sei keine Rückantwort gekommen
und er sei dann zum Marktplatz gegangen (act. 16/Dossier D1/4/Seite 3). Das Warten der
drei anderen vor der Toilette wird weder von E_ noch vom F_ erwähnt, jedoch von
C_ bestätigt (act. 16/Dossier E1/1/Seite 2, Seite 9 und Seite 12).
In Bezug auf das Geschehen nach dem Aufenthalt in der Toilette sagte F_ aus, die
Beschwerdeführerin habe geweint und immer wieder gesagt, es wäre ihr grösster Fehler
gewesen. Er könne, da er es nicht gesehen habe, nicht sagen, ob die Beschwerdeführerin
freiwillig mit C_ zusammen war. An ihrer Reaktion glaube er, dass sie nicht freiwillig
Geschlechtsverkehr gehabt habe. Sie habe nachher immer gesagt: Scheisse...
Vergewaltigung...(act. 2.4/Seite 3) Sie hätten die Polizei in der Nacht nicht verständigt, weil
sie gedacht hätten, die Beschwerdeführerin wolle es auch (act. 2.4/Seite 4). Gemäss E_
sei die Beschwerdeführerin nach der Toilette aufgelöst und schockiert zu ihnen gekommen.
Sie habe gesagt, dass sie „gefickt“ haben und er sie nicht rausgelassen habe; sie sei
einfach mega aufgelöst gewesen (act. 2.5/Seite 3). Sie sei erst als sie es realisiert habe
aufgelöst gewesen; es seien ca. 10 Minuten vergangen, seit sie aus der Toilette gekommen
sei (act. 2.5/Seite 4).
3.3.2
Die Beschwerdeführerin sagte zum Ablauf auf den Bänken aus, einer der
hinzugekommenen Jungs sei ihr dann sehr nahe gekommen. Er habe versucht sie zu
küssen und habe sie begrabscht. Sie habe das nicht gewollt und versucht, ihn
wegzustossen (act. 2.3/Seite 2, Seite 3 und Seite 7). C_ gab an, er sei mit den
Anwesenden auf den Bänken ins Gespräch gekommen und er und das Mädchen hätten
sich geküsst (act. 16/Dossier E1/1/Seite 2 und Seite 3). Das Mädchen habe sich nicht
gegen den Kuss gewehrt (act. 16/Dossier E1/1/Seite 4).
Seite 13
Zum Gang zur öffentlichen Toilette gab die Beschwerdeführerin an, C_ habe ihr gesagt,
er wolle mit ihr sprechen. Für sie sei das in Ordnung gewesen und sie sei mit ihm dahin
gegangen. Sie habe ihm bis dahin mehrfach gesagt, dass sie nicht mit ihm rummachen
möchte (act. 2.3/Seite 2). Sie sei seiner Aufforderung, mit ihm zu sprechen,
nachgekommen und ihm zur Toilette gefolgt (act. 2.3/Seite 3). Sie sei ihm gefolgt, weil sie
dachte, sie werde ihn dann vielleicht los (act. 2.3/Seite 9). C_ führte aus, er habe das
Mädchen gefragt, ob sie mit ihm auf das WC gehe und sie habe dies bejaht
(act. 16/Dossier E1/1/Seite 2, Seite 4, Seite 12 und Seite 13). Er habe sie draussen gefragt,
ob sie Geschlechtsverkehr haben wolle (act. 16/Dossier E1/1/Seite 4).
In Bezug auf das Geschehen in der Toilette gab die Beschwerdeführerin unter anderem an,
sie habe mehrfach gesagt, dass sie das nicht wolle, er habe aber nicht aufgehört.
Irgendwann habe sie sich nicht mehr getraut, sich zu wehren. Sie habe ihm auch gesagt,
dass er ihr Schmerzen zufüge. Sie habe einfach die Augen zugemacht und gewartet, bis es
vorbei gewesen sei (act. 2.3/Seite 2). Sie habe auch den Oralverkehr und das Küssen nicht
gewollt (act. 2.3/Seite 4). Auf die Frage, wieso sie nicht einfach nein gesagt habe,
antwortete sie, sie habe sich nicht getraut (act. 2.3/Seite 4). Sie habe ihm die ganze Zeit
immer wieder gesagt, dass sie das nicht wolle. Er habe dies ignoriert (act. 2.3/Seite 4). Sie
habe ihm mehrfach mitgeteilt, dass die sexuelle Handlungen sie geschmerzt haben. Sie sei
der Meinung, dies sei ihm egal gewesen (act. 2.3/Seite 6). Sie habe ihn zu Beginn weg
gestossen und ihm wiederholt verbal mitgeteilt, dass sie das nicht wolle. Sie sei wie
versteinert gewesen, habe gezittert und sei nicht in der Lage gewesen zu reagieren
(act. 2.3/Seite 7). Sie habe geäussert, dass sie das nicht wolle und das auch mehrfach
(act. 2.3/Seite 9). C_ berichtete über einvernehmlichen Geschlechtsverkehr
(act. 16/Dossier E1/1/Seite 2, Seite 4, Seite 7, Seite 9 und Seite 11). Sie habe nicht gesagt,
nein ich will nicht, sie habe selber gewollt (act. 16/Dossier E1/1/Seite 6, Seite 13 und Seite
14). Sie habe ihm nicht einmal gesagt, dass sie Schmerzen habe (act. 16/Dossier
E1/1/Seite 8). Er habe immer gefragt, bevor er etwas gemacht habe (act. 16/Dossier
E1/1/Seite 8 und Seite 13).
Seite 14
3.4
Sachverhaltsmässig ist unbestritten, dass die damals 18 jährige Beschwerdeführerin mit
ihrer Kollegin E_ am Freitagabend, 29. Januar 2016, ausging. Gegen Mitternacht hielten
sie sich auf dem Gallusplatz in St. Gallen auf. Sie sassen auf den Bänken, unterhielten sich
und tranken Alkohol (act. 2.3/Seite 5 und Seite 8; act. 2.4/Seite 2; act. 2.5/Seite 3). In der
Folge gesellte sich F_ zur Beschwerdeführerin und E_. Die Beschwerdeführerin
machte freiwillig mit F_ auf der Bank rum. Später kamen D_, C_ und ein oder zwei
weitere junge Männer dazu. Die Beschwerdeführerin machte mit C_ auf der Bank rum.
Dann gingen die Beschwerdeführerin und C_ in die öffentliche Toilette bei der
Gallusstrasse 29, St. Gallen. Dort zog jeder selber die Hosen bis zu den Fussknöcheln
hinunter und es kam zwischen der Beschwerdeführerin und C_ zu Vaginal-, Anal- und
Oralverkehr. Irgendwann im Verlauf des Geschehens öffnete C_ die WC-Tür und fragte
die anderen nach einem Kondom. Keiner hatte eines dabei. Die Beschwerdeführerin erlitt
als Folge des Geschehens Verletzungen im Vaginal- und Analbereich (act. 2.8). C_
verliess die öffentliche Toilette zuerst. Die Beschwerdeführerin stiess nach dem Verlassen
der öffentlichen Toilette wieder zu den auf sie wartenden E_ und F_.
3.5
Kein Unfallereignis liegt vor, wenn eine bestimmte Einwirkung am eigenen Körper
absichtlich vorgenommen beziehungsweise herbeigeführt wird. Die Absicht muss sich auf
die Folge des Unfallereignisses, nicht jedoch auf dieses selbst beziehen (UELI KIESER,
a.a.O., N. 21 und N. 22 zu Art. 4 ATSG).
Umstritten ist in Bezug auf das Ereignis vom 29. Januar 2016 zum einen, ob das
Rummachen der Beschwerdeführerin und von C_ auf den Bänken freiwillig geschah. Die
Beschwerdeführerin verneint die Freiwilligkeit und macht geltend, sie habe weder das
Küssen noch das Begrapschen gewollt und versucht, C_ wegzustossen. C_ sagt
hingegen aus, das Küssen sei einvernehmlich erfolgt. Die Auskunftspersonen äussern sich
nicht explizit über die Freiwilligkeit beziehungsweise sie wurden von der
Jugendstaatsanwältin in der Einvernahme auch nicht danach gefragt. Lediglich D_
machte in seiner Einvernahme in Bezug auf das Küssen geltend, dass beide knutschen
wollten. Dem von ihm erstellten Bild, welches die Beschwerdeführerin und C_ küssend
zeigen soll, kann zur Frage der Freiwilligkeit nichts entnommen werden (act. 16/Dossier
D1/4/Seite 4 und act. 16/Dossier S2/5).
Auch in Bezug auf den Weg zur öffentlichen Toilette stellt sich die Frage, ob dies freiwillig
geschah. Hierzu liegt nur die Aussage von D_ vor, der als einziger die beiden dabei
gesehen hatte. Seiner Ansicht nach ging die Beschwerdeführerin freiwillig mit C_ auf die
Seite 15
Toilette. Die Beschwerdeführerin gibt an, sie sei C_ zur Toilette gefolgt, behauptet aber,
sie habe ihm bis dahin mehrfach gesagt, dass sie nicht mit ihm rummachen möchte.
Gemäss C_ hat die Beschwerdeführerin eingewilligt, mit ihm auf das öffentliche WC zu
gehen.
Über das Geschehen in der Toilette liegen sich widersprechende Aussagen der unmittelbar
Beteiligten vor. Während die Beschwerdeführerin immer wieder darauf hingewiesen haben
will, dass sie das nicht wolle, behauptet C_, dass die sexuellen Handlungen, darunter
Geschlechtsverkehr, einvernehmlich erfolgt seien.
Mangels anderweitiger Aussagen beziehungsweise Indizien liegt allein gestützt auf die
Aussagen der Beteiligten eine Unfreiwilligkeit – bestenfalls – im Bereich des Möglichen.
Gestützt auf die gesamten Akten lässt sie sich aber nicht mit der erforderlichen
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegen. Auch die unbestrittenermassen erlittenen
Verletzungen der Beschwerdeführerin bleiben, da die somatischen Verletzungen eher
untergeordnet waren, ohne Einfluss auf zukünftige Ansprüche (Urteil des
Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich UV.2014.00095 vom 21. August 2015
E. 5.1). Von einem Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG kann demnach nicht ausgegangen
werden.
3.6
Eine Vergewaltigung kann auch ohne körperliche Verletzungen als Unfall im Rechtssinne
gelten. Dabei handelt es sich praxisgemäss um ein aussergewöhnliches Schreckereignis
(Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen UV 2010/48 vom 28. Oktober
2010 E. 2). Rechtsprechung und Lehre haben schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die
Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden
Unfallbegriffes) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere
Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Unfalles voraus, dass es sich um ein
aussergewöhnliches Schreckereignis, verbunden mit einem entsprechenden psychischen
Schock, handelt; die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, in der
unmittelbaren Gegenwart der versicherten Person sich abspielenden Vorfall ausgelöst
werden und in ihrer überraschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden
Menschen durch Störung des seelischen Gleich-gewichts typische Angst- und
Schreckwirkungen hervorzurufen. In jüngerer Zeit wurde diese Rechtsprechung bestätigt
und dahingehend präzisiert, dass auch bei Schreckereignissen nicht nur die Reaktion eines
(psychisch) gesunden Menschen als Vergleichsgrösse dienen kann, sondern in diesem
Zusammenhang ebenfalls auf eine "weite Bandbreite" von Versicherten abzustellen ist.
Zugleich hat das Gericht dabei relativierend, unter Bezugnahme auf den massgeblichen
Seite 16
Unfallbegriff, betont, dass sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit
definitionsgemäss nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen
selber bezieht, weshalb nicht von Belang sein könne, wenn der äussere Faktor allenfalls
schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog (Urteil des Kantonsgerichts Basel-
Landschaft 725 16 34/187 vom 20. Juli 2017 E. 2.3 mit Hinweisen u.a. auf BGE 129 V 177;
UELI KIESER, a.a.O., N. 53 zu Art. 4 ATSG). An den Beweis der Tatsachen, die das
Schreckereignis ausgelöst haben, an die Aussergewöhnlichkeit dieses Ereignisses sowie
den entsprechenden psychischen Schock sind strenge Anforderungen zu stellen (Urteil des
Bundesgerichts 8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 2.1).
Beide Parteien gehen davon aus, dass es von massgebender Bedeutung ist, ob die
sexuellen Handlungen freiwillig oder unfreiwillig vollzogen worden waren. In Bezug auf die
Frage der Freiwilligkeit ist auf die vorhergehenden Erwägungen zu verweisen (vgl. E. 3.5).
Gesamthaft betrachtet muss unter Berücksichtigung der vorhandenen Akten festgestellt
werden, dass eine Unfreiwilligkeit der Handlungen nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann. Ein Schreckereignis liegt demnach nicht vor.
3.7
Zusammenfassend ist festzustellen, dass es sich beim Ereignis vom 29. Januar 2016 nicht
um einen Unfall handelte. Somit ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten
ist.
4. 4.1
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 UVG).
4.2
Der obsiegenden AXA ist keine Parteientschädigung auszurichten (BGE 126 V 143 E. 4).
Seite 17