# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** fdff96e3-9a5a-472c-8f9a-a68199fc80c5
**Court:** GR_KG
**Chamber:** GR_KG_007
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt
A. A1./A2._ führten ab März 2016 gestützt auf einen mit der B._ geschlossenen Arbeitsvertrag das gleichnamige Hotel in C._. Im Juli 2018 kündigte die Arbeitgeberin den Vertrag. Es besteht Uneinigkeit über die den Arbeitnehmern zustehenden Vergütungen für Mehrleistungen gegenüber den vertraglichen Abmachungen und für nicht bezogene Ferien-, Ruhe- und Feiertage.
B. Am 13. Februar 2020 gelangten A1./A2._ an die zuständige Schlichtungsbehörde der Region Engiadina Bassa/Val Müstair. Sie verlangten eine Zahlung von CHF 255'969.80 zuzüglich Zins, die Verpflichtung der B._ zur Edition von Unterlagen für die Berechnung der vertraglichen Gewinnbeteiligung und das Ausstellen eines korrekten und wohlwollenden sowie vollständigen Arbeitszeugnisses. Die B._ widersetzte sich den ersten beiden Begehren und legte den Text für zwei Arbeitszeugnisse vor, in welcher Form sie erklärte, das entsprechende Begehren anzuerkennen.
Offenbar akzeptierten A1./A2._ die Arbeitszeugnisse in der von der B._ formulierten Form nicht. Der Vermittler nahm sie zwar in sein Dokument "Klagebewilligung/Protokoll der Schlichtungsverhandlung" auf, hielt aber dann ohne Einschränkung fest, die Parteien hätten sich nicht einigen können (RG-act. II/25). Darauf kommt es heute freilich nicht an, sodass diesbezüglich Weiterungen unterbleiben können.
C. Am 22. Oktober 2020 leiteten A1./A2._ (im Folgenden: Kläger) beim Regionalgericht Engiadina Bassa/Val Müstair Klage ein (RG-act. I/1), mit dem Rechtsbegehren:
1. Die Beklagte sei unter dem Vorbehalt der Nachklage im Mehrbetrag zu verpflichten, den Klägern CHF 30'000.00 zuzüglich Zins zu 5% seit dem 10. Mai 2019 zu bezahlen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zulasten der Beklagten.
Der Präsident des Regionalgerichts setzte der B._ (im Folgenden: Beklagte) Frist zu einer "schriftlichen Klageantwort/Stellungnahme" an. Diese wurde am 15. Dezember 2020 erstattet (RG-act. I/2), mit den Anträgen:
1. Die Klage sei abzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zzgl. MwSt. zu Lasten der Kläger.
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Replik und Duplik wurden am 14. April 2021 resp. am 15. Juli 2021 erstattet. Bis hierher äusserte sich keine der Parteien zum Verfahren und zur Zuständigkeit, mit Ausnahme der Frage, ob die im "Arbeitshandbuch" der Arbeitgeberin (RG-act. II/5 Abschnitt 6 - nicht paginierte S. 13) enthaltene Schiedsklausel für den Gewinnbeteiligungsanspruch Geltung habe oder nicht.
D. Am 30. August 2021 teilte der Gerichtspräsident den Parteien mit, das Regionalgericht beabsichtige, ohne weiteres Verfahren und ohne Durchführung einer mündlichen Verhandlung einen "Zwischenentscheid betreffend anwendbarer Verfahrensart (ordentliches oder vereinfachtes Verfahren)" zu erlassen (RG-act. V/19). Die Kläger antworteten unter Hinweis auf die Anforderungen des Bundesgerichts an die Bestimmtheit einer Teilklage, ihre Forderung von CHF 30'000.00 beziehe sich nur auf Überstunden/Überzeit. Das weitere Begehren zum Gewinnanteil sei noch nicht beziffert, und auch die Herausgabe von Belegen sei nicht Teil des Rechtsbegehrens (RG-act. I/7). Mit einer Eingabe vom 4. Oktober 2021 wies die Beklagte darauf hin, dass es um die Frage des vereinfachten oder ordentlichen Verfahrens gehe, und nicht um Fragen der Teilklage (RG-act. I/8).
E. Am 6. Oktober 2021 entschied das Regionalgericht ohne weiteres Verfahren was folgt:
1. Auf die vorliegend reduzierte Klage in Höhe von CHF 30'000.00 findet das ordentliche Verfahren Anwendung.
2. Die Kosten dieser Verfügung von CHF 800.00 bleiben bei der Prozedur.
3. Gegen diesen Entscheid kann zivilrechtliche Berufung geführt werden (Art. 308 ff. ZPO). Diese ist beim Kantonsgericht von Graubünden, Poststrasse 14, 7000 Chur, innert 30 Tagen seit Zustellung des Entscheids schriftlich und begründet einzureichen. Der angefochtene Entscheid ist beizulegen (Art. 311 ZPO i.V.m. Art. 7 EGzZPO).
4. (Mitteilungen)
F. Die Kläger erhoben am 15. Dezember 2021 Berufung (act. A.1), mit dem Rechtsbegehren:
1. Ziff. 1 und 2 des Zwischenentscheids des Regionalgerichts Engiadina Bassa/Val Müstair Proz. Nr. 115-2020-13 vom 6. Oktober 2021 seien aufzuheben, an die Vorinstanz zurückzuweisen und das Verfahren Proz. Nr. 115-2020-13 vor dem Regionalgericht Engiadina Bassa/Val Müstair sei im vereinfachten Verfahren zu führen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zulasten der Beklagten.
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G. Mit Verfügung vom 27. Januar 2022 teilte der Vorsitzende der II. Zivilkammer den Klägern mit, dass sich die Frage stelle, ob überhaupt ein mit Berufung anfechtbarer Zwischenentscheid im Sinne von Art. 237 ZPO vorliege. Subsidiär käme allenfalls eine Beschwerde in Frage, soweit von einem prozessleitenden Entscheid auszugehen wäre. Den Klägern wurde die Gelegenheit gegeben, sich hierzu zu äussern (act. D.3). Sie reichten dazu am 14. Februar 2022 eine Stellungnahme ein (act. A.2).
Erwägungen
1.1. Die Kläger erhoben Berufung und beriefen sich für ihr Rechtsmittel zunächst auf Art. 308 Abs. 1 lit. a ZPO (act. A.1), entsprechend der Belehrung im angefochtenen Entscheid. Dieser wird in seinem Rubrum als "Entscheid" und in seiner Erwägung X unter Verweis auf Art. 237 ZPO als "Zwischenentscheid" bezeichnet.
1.2. Berufungsfähig sind End- und Zwischenentscheide (Art. 308 Abs. 1 lit. a ZPO). Das Gericht kann einen Zwischenentscheid treffen, wenn durch eine abweichende oberinstanzliche Beurteilung sofort ein Endentscheid herbeigeführt werden und so ein bedeutender Aufwand gespart werden kann (Art. 237 Abs. 1 ZPO). Der Zwischenentscheid kommt danach (nur) dann in Frage, wenn ein dagegen geführtes Rechtsmittel zur Beendigung des Prozesses führen kann. Der häufigste Fall ist die streitige Zuständigkeit der angerufenen Instanz: wenn diese sich als nicht zuständig erachtet, tritt sie auf die Sache nicht ein – was einen Endentscheid bedeutet, der berufungsfähig ist. Anders als in gewissen früheren kantonalen Rechten (etwa § 111 Abs. 1 ZPO/ZH) muss die Einrede der Unzuständigkeit nach der schweizerischen ZPO aber nicht zwingend sofort behandelt werden. Hier bietet sich der Zwischenentscheid zur Vermeidung eines vielleicht am Ende nutzlosen Verfahrens zur Sache an. Als Anwendungsfall wird auch die Einrede der Verjährung genannt, wenn die erste Instanz sie verneint (Botschaft zur Schweizerischen Zivilprozessordnung vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7221 ff., S. 7343). Weitere mögliche Anwendungsfälle sind die streitige Aktiv- /Passivlegitimation, die Frage der Verwirkung einer Klage, oder die Haftung einer Partei nur im Grundsatz (Laurent Killias, in: Güngerich et al. [Hrsg.], Berner Kommentar zur schweizerischen Zivilprozessordnung, Bern 2012, N 32 zu Art. 237 ZPO). Die Voraussetzung für den Erlass eines Zwischenentscheids in diesem Sinn ist hingegen nicht gegeben, wenn ein Rechtsmittel nicht zur Erledigung des Verfahrens führen kann, etwa, wenn nur das Vertragsverhältnis qualifiziert oder das anwendbare Recht bestimmt wird: auch wenn die obere Instanz das anders
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beurteilen sollte, müsste der Prozess in der ersten Instanz weiter gehen (Killias, a.a.O., N 33 zu Art. 237 ZPO).
1.3. Im vorliegenden Fall besteht Einigkeit darüber, dass das Schlichtungsverfahren zu einem Streitwert von mehr als CHF 30'000.00 durchgeführt wurde, und dass die Berufungskläger bei der Einleitung der Klage am Regionalgericht das Rechtsbegehren auf CHF 30'000.00 bezifferten. Damit stellt sich die Frage, ob das Einreichen der Klagebewilligung ein gerichtliches Verfahren mit einem Streitwert von mehr als CHF 30'000.00 in Gang setzte, welches im ordentlichen Verfahren zu führen wäre, und (erst) in der nächsten logischen Sekunde eine Reduktion auf CHF 30'000.00 erfolgte. Beurteilt man es anders, und stellt man auf das Rechtsbegehren der Klageschrift ab, wäre der Streitwert vor Gericht von Anfang an (nur) CHF 30'000.00 und es käme das vereinfachte Verfahren zur Anwendung. In Kantonen, welche in Anwendung von Art. 4 Abs. 1 ZPO eine Zuständigkeit des Einzelgerichts bis zum Streitwert von CHF 30'000.00 festgelegt haben (entsprechend der Grenze für das vereinfachte Verfahren und für die Kostenlosigkeit des arbeitsrechtlichen Prozesses), ist die Frage entscheidend nicht nur dafür, welches Verfahren anzuwenden ist, sondern auch, welcher Gerichtskörper die Sache zu beurteilen hat. Je nachdem wer sie anhand genommen hat, ein Einzel- oder ein Kollegialgericht, kann die Frage der sachlichen Zuständigkeit kritisch sein und von der ersten resp. der oberen Instanz unterschiedlich beantwortet werden. Hätte in einem solchen Kanton ein Einzelgericht den heute vorliegenden Streit anhand genommen, weil es annahm, die Sache habe bei ihm von Anfang an nur den Streitwert von CHF 30'000.00 gehabt und würde die beklagte Partei das bestreiten, könnte das erstinstanzliche Gericht einen Zwischenentscheid nach Art. 237 ZPO fällen. Diesfalls würde nämlich eine abweichende oberinstanzliche Beurteilung einen Endentscheid herbeiführen. Sollte die obere Instanz annehmen, der massgebliche Streitwert sei der (höhere) des Schlichtungsverfahrens, wäre das Einzelgericht nicht zuständig, und die obere Instanz träte auf die Klage nicht ein: damit wäre das Verfahren durch Prozess-Urteil erledigt.
Im vorliegenden Fall konnte und kann diese Situation aber nicht eintreten, da das Einzelgericht im Kanton Graubünden nur bis zum Streitwert von CHF 5'000.00 zuständig ist (Art. 4 Abs. 1 lit. b EGzZPO; BR 320.100). Gleich wie die beschriebene Streitfrage beurteilt wird, war und ist das Regionalgericht als Kollegium zuständig. Streitig ist denn auch nicht die Zuständigkeit des Regionalgerichts als Kollegialgericht, sondern das anzuwendende Verfahren. Das Regionalgericht folgt in der beschriebenen Streitfrage der Auffassung, es sei
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(jedenfalls in der ersten logischen Sekunde) ein Verfahren mit einem Streitwert von mehr als CHF 30'000.00 anhängig gemacht worden und betrachtet darum das ordentliche Verfahren (Art. 219 ff. ZPO) als anwendbar. Die Berufungskläger verlangen dagegen, die Sache sei im vereinfachten Verfahren (Art. 243 ff. ZPO) zu behandeln. Auch wenn das Kantonsgericht diese Auffassung teilen würde, wäre der Prozess aber nicht erledigt. Ein Zwischenentscheid im Sinne von Art. 237 ZPO, der mittels Berufung anfechtbar wäre, liegt demnach nicht vor. Vielmehr hat das Regionalgericht einen prozessleitenden Entscheid im Sinne von Art. 124 Abs. 1 ZPO getroffen. Prozessleitende Entscheide sind nicht berufungsfähig. Sie unterliegen der Beschwerde im Sinne von Art. 319 ff. ZPO.

## Considerations