# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** b4c86e7d-1e2a-4929-988d-d79a3d93180d
**Court:** SG_KG
**Chamber:** SG_KG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Aus dem Sachverhalt:
I.
1. A. (Jg. 1942, Erblasser) verstarb im Jahr 2018. Er hinterliess als gesetzliche
Erben seine Ehefrau (Beklagte 1), die drei gemeinsamen Kinder (Beklagte 2, 3 und 4)
sowie sein Kind F (Klägerin).
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Mit Schreiben vom 21. August 2018 eröffnete das Amtsnotariat X. gegenüber
sämtlichen gesetzlichen Erben den vom Erblasser am [...] 2011 mit seiner Ehefrau
abgeschlossenen Erbvertrag. Die Klägerin wird im Erbvertrag nicht erwähnt. Dieser hält
insbesondere und soweit vorliegend von Interesse das Folgende fest:
[...]
2. [...] Zur Regelung ihres Güterrechts verweisen die Ehegatten auf den am [...]
2010 geschlossenen Ehevertrag.
3. Aus der Ehe der Vertragsparteien gingen folgende Kinder hervor:
[Aufzählung der Beklagten 2, 3 und 4, je volljährig]
4. Im Falle des Vorversterbens einer der Ehegatten gelten folgende Regelungen:
a. Die Kinder [Beklagte 2, 3 und 4] sowie allfällige Nachkommen werden im Nachlass
des erstversterbenden Ehegatten zugunsten des überlebenden Ehegatten auf den
Pflichtteil gesetzt.
b. Dem überlebenden Ehegatten wird nebst seinem Pflichtteil erbrechtlich die
gesamte verfügbare Quote zu Eigentum zuerkannt.
c. Der gesamte eheliche Hausrat soll an den überlebenden Ehegatten gehen
(Teilungsvorschrift).
Im Übrigen steht dem überlebenden Ehegatten das Wahlrecht zu, welche Vermögens
gegenstände er in Anrechnung an seinen Erbteil zu Eigentum erhalten will.
[...]
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6. Erben, welche diese öffentliche letztwillige Verfügung anfechten, werden auf den
Pflichtteil gesetzt. Die aus der Pflichtteilssetzung frei werdende verfügbare Quote geht
zu gleichen Teilen an alle übrigen Erben.
[...]
Am 22. November 2018 stellte das Amtsnotariat X. den Beklagten sowie der Klägerin
die Erbbescheinigung aus.
2. Mit "Klage betreffend Nachlass von A." vom 15. Juli 2019 erhob die Klägerin
beim Kreisgericht Y. Klage (Art. 199 Abs. 2 lit. a ZPO). Nach Aufforderung der
Verfahrensleiterin zur Verbesserung der mangelhaften Eingabe reichte die Klägerin
nach mehrfach erstreckter Frist und inzwischen anwaltlich vertreten am 25. September
2019 eine vollständige Klageschrift "betreffend Erbteilung" ein. Am 10. Januar 2020
stellten die Beklagten den Antrag, den Prozessgegenstand vorderhand auf die Frage
der Aktivlegitimation der Klägerin zu beschränken. Die Klägerin erhielt Gelegenheit
hierzu Stellung zu nehmen, wovon sie mit Eingabe vom 10. Februar 2020 Gebrauch
machte und zudem überarbeitete Rechtsbegehren einreichte. Mit prozessleitender
Verfügung vom 11. März 2020 wies die Verfahrensleiterin den Prozessantrag der
Beklagten vorläufig ab und forderte diese (erneut) zur Einreichung der Klageantwort
auf. Mit Klageantwort vom 23. Juni 2020 verlangten die Beklagten schliesslich im
Hauptantrag, die Klage sei mangels Aktivlegitimation abzuweisen. Am 26. Januar 2021
fand die Hauptverhandlung statt, wobei die Klägerin ihre Rechtsbegehren (erneut)
abänderte. Das Kreisgericht fällte gleichentags den Zwischenentscheid betreffend
Aktivlegitimation (direkt in begründeter Form versandt am 29. Januar 2021).
3. Gegen diesen Entscheid erhoben die Beklagten mit Eingabe vom 9. März 2021
Berufung beim Kantonsgericht und beantragten dessen Aufhebung sowie die
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Abweisung der Klage mangels Aktivlegitimation. In ihrer Berufungsantwort vom 3. Mai
2021 verlangt die Klägerin die kostenfällige Abweisung der Berufung.

## Considerations

Aus den Erwägungen:
III.
[...]
2.a) Vom Erblasser vollständig übergangene Pflichtteilserben sind als sogenannte
virtuelle Erben so lange nicht aktivlegitimiert zur Erbteilungsklage, als sie ihrer
Erbenstellung nicht durch gerichtliches Gestaltungsurteil im Ungültigkeits- oder
Herabsetzungsverfahren Anerkennung verschafft haben (BGE 143 III 369 E. 2; BGE 138
III 354 E. 5; Bollag, Der virtuelle Erbe, 2021, N 125 und 322; Weibel/Mata, Die
Erbteilung, 2020, N 15; Ammann, Die Erbteilungsklage im schweizerischen Erbrecht,
2020, N 129; PraxKomm Erbrecht-Weibel, 4. Aufl., Art. 602 ZGB N 11 und Art. 604
ZGB N 10; BSK ZGB II-Schaufelberger/Keller Lüscher, 6. Aufl., Art. 602 N 5; Brückner/
Weibel, Die erbrechtlichen Klagen, 3. Aufl., N 206). Ein solches Übergehen des
pflichtteilsgeschützten Erben ist dann anzunehmen, wenn der Erblasser in seiner
Verfügung von Todes wegen über seinen gesamten Nachlass verfügt, ohne den
Pflichtteilserben zu erwähnen. Wendet der Erblasser dagegen nicht den gesamten
Nachlass einem oder mehreren anderen Erben zu, tritt keine virtuelle Erbenstellung ein
und der Pflichtteilserbe wird – auch wenn er unerwähnt bleibt – aufgrund der subsidiär
anwendbaren gesetzlichen Erbfolge dennoch Erbe (Art. 481 Abs. 2 ZGB; Bollag, a.a.O.,
N 209; Weibel/Mata, a.a.O., N 14; Jakob/Dardel, Der Schutz des virtuellen Erben, AJP
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2014, S. 462 ff., 467; Sutter-Somm/Ammann, Die Revision des Erbrechts, 2016, N 28;
Raemy, Das Pflichtteilsrecht und die Erbenqualität, 1982, S. 43 f.). Ehevertragliche
Vereinbarungen über die Vorschlagsbeteiligung (s. Art. 216 Abs. 1 ZGB) vermögen
hingegen von vornherein nichts an der Erbenstellung (auch) der nicht gemeinsamen
Nachkommen zu ändern (Bollag, a.a.O., N 262).
Die obligationenrechtlichen Regeln der Vertragsauslegung gelten – jedenfalls soweit es
sich nicht um einseitige letztwillige Anordnungen handelt – grundsätzlich auch für
Erbverträge. Massgebend ist der übereinstimmende wirkliche Wille der Parteien. Bleibt
eine tatsächliche Willensübereinstimmung unbewiesen, sind zur Ermittlung des
mutmasslichen Willens der Parteien deren Erklärungen aufgrund des
Vertrauensprinzips so auszulegen, wie sie nach ihrem Wortlaut und Zusammenhang
sowie nach den gesamten Umständen verstanden werden durften und mussten. Dabei
hat der Wortlaut Vorrang vor weiteren Auslegungsmitteln, es sei denn, er erweise sich
aufgrund anderer Vertragsbedingungen, des von den Parteien verfolgten Zwecks oder
weiterer Umstände als nur scheinbar klar. Den wahren Sinn einer Vertragsklausel
erschliesst zudem erst der Gesamtzusammenhang, in dem sie steht. Die
Begleitumstände des Vertragsabschlusses oder die Interessenlage der Parteien in
jenem Zeitpunkt dürfen ergänzend berücksichtigt werden (BGE 133 III 406 E. 2.2; BGer
5A_121/2019 E. 5.2.2; BGer 5A_84/2017 E. 3.1; BGer 5A_473/ 2011 E. 6, nicht publ. in
BGE 138 III 489; Hrubesch-Millauer, Der Erbvertrag im schweizerischen
Zivilgesetzbuch, in: Wolf/Hrubesch-Millauer/Eggel/Cicero/Barba, Der Erbvertrag aus
rechtsvergleichender Sicht, 2018, S. 140; PraxKomm Erbrecht-Zeiter, 4. Aufl., Vorbem.
zu Art. 467 ZGB N 9 ff.).
b) Der Erbvertrag vom [...] 2011 hält fest, welche Kinder aus der Ehe der
Vertragsparteien (Erblasser und Beklagte 1) hervorgegangen seien. Darüber, ob es
auch vor- oder aussereheliche Kinder gibt, ist dem Erbvertrag keine explizite Aussage
zu entnehmen. Die Klägerin wird nicht erwähnt. Für den eingetretenen Fall des
Vorversterbens einer der Ehegatten werden die genannten ehelichen Kinder auf den
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Pflichtteil gesetzt und "die gesamte verfügbare Quote" dem überlebenden Ehegatten
zugewiesen (und nicht wie von der Klägerin vorgebracht, die "dadurch frei verfügbare
Quote"). Die verfügbare Quote ist derjenige Teil der Erbschaft, der nach dem Abzug
aller Pflichtteile vom gesamten Nachlass verbleibt (vgl. anstelle Vieler: Wolf/Hrubesch-
Millauer, Schweizerisches Erbrecht, 2. Aufl., N 1021 und 1038). Nachdem die
Errichtung des Erbvertrages hier in öffentlicher Urkunde durch einen Notar erfolgte (Art.
512 Abs. 1 i.V.m. Art. 499 ff. ZGB), ist davon auszugehen, dass dieser die eingesetzten
Fachausdrücke in ihrem juristisch technischen Sinn verwendet, die Rechtslage gekannt
und die Vertragsparteien pflichtgemäss darüber aufgeklärt hat. Offen ist allerdings, ob
der Notar von der Existenz der Klägerin wusste. Mit dem Erbvertrag verfügten die
Vertragsparteien insofern über den gesamten Nachlass des Erblassers, als sie die
Pflichtteile den Berechtigten beliessen und den Rest dem überlebenden Ehegatten
zusprachen. In die Pflichtteile gesetzlicher Erben wird durch die Bestimmungen des
Erbvertrages aber nicht eingegriffen und damit auch nicht – jedenfalls dem Wortlaut
nach – der Pflichtteil der Klägerin einem anderen Erben zugewiesen. Es stellt sich
jedoch die Frage, weshalb der Erbvertrag die ehelichen Nachkommen, nicht aber die
Klägerin erwähnt, wenn sämtliche Nachkommen des Erblassers gleichbehandelt
werden, also den Pflichtteil erhalten sollten. Klar ist, dass die Vertragsparteien mit dem
fünf Monate zuvor erstellten Ehevertrag eine gesetzeswidrige (Art. 216 Abs. 2 ZGB)
Verletzung des Pflichtteilsanspruchs der Klägerin zumindest in Kauf nahmen, indem sie
eine vollständige Vorschlagszuweisung gemäss Art. 216 Abs. 1 ZGB vereinbarten und
gleichzeitig festhielten, ihr gesamtes Vermögen stelle – bis auf die Gegenstände zum
persönlichen Gebrauch – Errungenschaft dar. Insgesamt entsteht dadurch der
Eindruck, es sei durchaus der Wille der Vertragsparteien gewesen, die Klägerin als
Erbin auszuschliessen. Vor dem Hintergrund, dass der Erblasser offenbar seit
Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu ihr hatte (unbestritten geblieben) und die Beklagte
1 nicht in einem Verwandtschaftsverhältnis zu ihr stand, wäre ein solches Interesse der
Vertragsparteien nachvollziehbar. Unter den gegebenen Verhältnissen wäre ausserdem
zu erwarten gewesen, dass der Erblasser, wenn es sein Wille gewesen wäre, seiner
vorehelichen Tochter einen Teil seines Nachlasses zukommen zu lassen, dies explizit
im Erbvertrag erwähnt hätte. Eher nicht anzunehmen dagegen ist, dass die
Vertragsparteien die Klägerin als Erbin vorsehen und damit in Kauf nehmen wollten,
dass beim Vorversterben der Beklagten 1 ein Teil ihres Nachlassvermögens (später)
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über den Nachlass ihres Ehemannes (indirekt) an dessen voreheliche Tochter geht.
Vielmehr ist zu vermuten, dass die Vertragsparteien für diesen Fall eine differenzierte
Regelung getroffen hätten, wenn sie die Erbenstellung der Klägerin angestrebt hätten.
Aufgrund der gesamten Umstände muss davon ausgegangen werden, dass die
Vertragsparteien die Klägerin – im Gegensatz zu den gemeinsamen Nachkommen – im
Erbvertrag gerade deshalb nicht anführten, weil sie dieser die Erbenqualität nicht
zukommen lassen wollten. Dass der Wortlaut ihrer Erklärungen dies nicht zweifelsfrei
zum Ausdruck bringt bzw. bei einer rein wörtlichen Auslegung etwas anderes aussagt,
ändert daran nichts, zumal nicht klar ist, ob dem Notar, welcher den Erbvertrag
aufsetzte, die Problematik einer zusätzlichen pflichtteilsgeschützten Erbin bekannt war.
Zusammenfassend ergibt die Auslegung des Erbvertrages aufgrund des
Vertrauensprinzips, dass damit über den gesamten Nachlass des Erblassers verfügt
wurde, ohne die Klägerin einzubeziehen, und der Klägerin daher mit dem Tod des
Erblassers lediglich die Stellung einer virtuellen Erbin zukam.
Ein davon abweichender tatsächlicher übereinstimmender Wille der Vertragsparteien
wird von keiner (Prozess-)Partei (rechtzeitig) behauptet. Vielmehr geht auch die
Klägerin, jedenfalls noch im erstinstanzlichen Verfahren, davon aus, dass der Erblasser
und seine Ehefrau, sie, die Klägerin, im Erbvertrag bewusst unerwähnt liessen, in der
Hoffnung, sie damit faktisch enterben zu können, sowie dass der Erbvertrag ihren
Pflichtteilsanspruch verletze, sie gänzlich von der Erbschaft ausgeschlossen worden
sei und daher die Erbenstellung verloren habe.
Nichts für sich ableiten kann die Klägerin aus der Tatsache, dass die Beklagten die
Erbbescheinigung, welche auch die Klägerin als Erbin anführt, nicht angefochten
haben. Die Erbbescheinigung ist lediglich ein provisorischer, deklaratorischer Ausweis,
der materielles Recht weder schafft noch verändert, nicht in Rechtskraft erwächst und
stets unter dem Vorbehalt der Ungültigkeits-, Herabsetzungs-, Erbschafts- und
Feststellungsklagen steht (PraxKomm Erbrecht-Emmel, 4. Aufl., Art. 559 ZGB N 2 f.; im
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Übrigen kann auf die Ausführungen der Vorinstanz dazu verwiesen werden, die zur
Recht von keiner Partei beanstandet werden, vi-Entscheid, S. 14 f. und 20).
3. Nachdem feststeht, dass der Klägerin als vollständig übergangener
Pflichtteilserbin (vorerst) die Aktivlegitimation zur Erbteilungsklage fehlt, ist zu prüfen,
ob sie – wie von ihr vorgebracht – rechtzeitig (auch) eine Herabsetzungsklage
angehoben hat.
a) Hat der Erblasser seine Verfügungsbefugnis überschritten, so können die
Erben, die nicht dem Werte nach ihren Pflichtteil erhalten, die Herabsetzung der Verfü
gung auf das erlaubte Mass verlangen (Art. 522 Abs. 1 ZGB). Der Herabsetzung
unterliegen in erster Linie die Verfügungen von Todes wegen und sodann die
Zuwendungen unter Lebenden (Art. 532 ZGB). Herabsetzbar sind auch in einem
Ehevertrag vereinbarte überhälftige Vorschlagszuweisungen, soweit der Pflichtteil der
nichtgemeinsamen Nachkommen verletzt ist (Wolf/ Hrubesch-Millauer, a.a.O., N 1075;
BSK ZGB I-Hausheer/Aebi-Müller, 6. Aufl., Art. 216 N 32; BSK ZGB II-Forni/ Piatti, 6.
Aufl., Vor Art. 522-533 N 3; vgl. zur bislang strittigen Herabsetzungsreihenfolge: Bollag,
a.a.O., N 263; Amacker, Die Verhältnismässigkeit der Herabsetzung unter
Berücksichtigung von Art. 532 ZGB, 2021, N 13 f.; Lutz Sciamanna, Nachlassplanung
im Vorfeld der Erbrechtsrevision(en), AJP 2021, S. 325 ff., 330). Zu beachten ist die
einjährige relative bzw. zehnjährige absolute Verwirkungsfrist (Art. 533 Abs. 1 ZGB;
BGE 138 III 354 E. 5.2; BSK ZGB II-Forni/ Piatti, Art. 533 N 2 f.; Wolf/Hrubesch-Millauer,
a.a.O., N 1133 ff.). Das die Herabsetzungsklage gutheissende Urteil gestaltet die
erbrechtliche Rechtslage um, indem es die pflichtteilsverletzende Verfügung insoweit
beseitigt, bis der Pflichtteil hergestellt ist (BSK ZGB II-Forni/ Piatti, Vor Art. 522-533 N 1
und 15; Wolf/ Hrubesch-Millauer, a.a.O., N 1141). Mit der Herabsetzungsklage alleine
entsteht noch kein Rückleistungsanspruch. Das Herabsetzungsurteil ist ein reines
Gestaltungsurteil und verschafft dem vollständig übergangenen Pflichtteilsberechtigten
die Erbenstellung ab dem Zeitpunkt der Eröffnung des Erbgangs. Wird die
Herabsetzungsklage als Gestaltungsklage nicht mit einer zusätzlichen Leistungsklage
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verbunden, so verpflichtet das Herabsetzungsurteil den Beklagten nicht zu einer
Leistung, sondern gibt dem Kläger die Grundlage, um mit einer weiteren Klage seinen
Leistungsanspruch durchzusetzen. Die Herabsetzungsklage kann jedoch in Form der
objektiven Klagenhäufung mit einer Leistungsklage verbunden werden (Ammann,
a.a.O., N 239; Hrubesch-Millauer/ Bosshardt/Kocher, Rechtsbegehren im Erbrecht,
Successio 2018, S. 4 ff., 15).
Eine Klage hat unter anderem Rechtsbegehren zu enthalten (Art. 221 Abs. 1 lit. b ZPO).
Im Rechtsbegehren hat die klagende Partei den Anspruch zu bezeichnen, den sie
gegen die beklagte Partei erhebt. Das Rechtsbegehren muss dabei so bestimmt
formuliert sein, dass es bei Gutheissung der Klage zum Urteil erhoben werden kann.
Nicht nur für das angerufene Gericht muss klar sein, was eine Partei verlangt, weil ihr
nach dem Dispositionsgrundsatz (Art. 58 Abs. 1 ZPO) nicht mehr und nichts anderes
zugesprochen werden darf, als sie verlangt. Auch die Gegenpartei muss zur Wahrung
ihres rechtlichen Gehörs wissen, gegen was sie sich verteidigen muss. Darin findet die
Formstrenge ihre sachliche Rechtfertigung (BGE 142 III 102 E. 5.3.1; BGer
4A_428/2018 E 4.2.1; BGer 5A_618/2015 E. 6.5; Leuenberger/ Uffer-Tobler, a.a.O.,
N 6.5; Pahud, DIKE-Komm-ZPO, 2. Aufl., Art. 221 N 7). Sind die Rechtsbegehren in
einer Klage ungenügend, handelt es sich nicht um einen verbesserlichen Mangel i.S.v.
Art. 132 Abs. 1 ZPO (BGer 4A_112/2018 E. 2.1; BGer 4A_375/2015 E. 7.2, nicht publ.
in BGE 142 III 102). Unklare Rechtsbegehren sind jedoch nach Treu und Glauben und
unter Berücksichtigung der Klagebegründung auszulegen (Leuenberger, in: Sutter-
Somm/ Hasenböhler/ Leuenberger, ZPO Komm., 3. Aufl., Art. 221 N 38; Pahud, DIKE-
Komm-ZPO, Art. 221 N 8; BK-Killias, 2012, Art. 221 ZPO N 15). Auf die
Klagebegründung ist in der Regel aber nur dann zurückzugreifen, wenn das Begehren
unklar ist und einer Auslegung bedarf (BGer 4A_397/2016 E. 2.1; BGer 4A_440/2014
E. 3.3; vgl. aber auch BGer 4A_66/2016 E. 4.1.2 und BGer 5A_564/2016 E. 4.2).
b) Die Klage vom 15. Juli 2019 enthält keine Rechtsbegehren. Die Klageschrift
vom 25. September 2019 führt folgende Rechtsbegehren an:
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=4A_112%2F2018&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-III-102%3Ade&number_of_ranks=0#page102
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1. Es sei der Nachlass des [...] verstorbenen A. [...], festzustellen und unter den
Parteien entsprechend ihrer Erbquoten zu teilen.
2. [Kosten- und Entschädigungsfolgen]
Das Rechtsbegehren ist unmissverständlich. Verlangt wird die Feststellung des
Nachlasses sowie dessen Teilung unter den Parteien entsprechend den Erbquoten. Die
Herabsetzung oder Ungültigerklärung des Erbvertrages vom [...] 2011, des
Ehevertrages vom [...] 2010 oder sonst einer Verfügung von Todes wegen oder unter
Lebenden wird eindeutig nicht beantragt (dies im Unterschied zu BGer 5A_753/2018,
wo bereits im Klagebegehren die Feststellung der Erbenstellung und der Ungültigkeit
der "Enterbung" verlangt worden war). Grundsätzlich erübrigt sich somit die Auslegung
des Rechtsbegehrens und das Heranziehen der Begründung. Folglich hat die Klägerin
weder mit Klage vom 15. Juli 2019 noch mit Klageschrift vom 25. September 2019 eine
Herabsetzungsklage erhoben.
Zu einem anderen Ergebnis käme man allerdings auch unter Berücksichtigung der
Klagebegründung nicht. Die Eingabe vom 15. Juli 2019 enthält von vornherein keine
hinreichende Begründung zur Sache. Die Klageschrift vom 25. September 2019
"betreffend Erbteilung" hält unter "II. Formelles" fest, die Klägerin sei direkte
Nachkommin des Erblassers und somit "(pflichtteilsgeschützte) Erbin" und folglich "zur
Anhebung der vorliegenden Teilungsklage" legitimiert. Die Klägerin bringt also auch in
ihrer Klagebegründung vor, es handle sich um eine Teilungsklage und sie sei dazu
bereits aufgrund ihrer Abstammung (aktiv-) legitimiert (auch dies im Unterschied zur mit
BGer 5A_753/2018 beurteilten Klageschrift). Ferner könnte mit einer
Herabsetzungsklage nur der Pflichtteil eingefordert werden (vgl. Art. 522 Abs. 1 ZGB).
Die Klägerin argumentiert in ihrer von einem Rechtsanwalt verfassten Klageschrift
jedoch, ihr stehe der gesetzliche Erbteil zu (Klageschrift, S. 6). Eine Herabsetzung (oder
Ungültigkeit) dagegen wird in der Klageschrift weder im Zusammenhang mit dem Ehe-
oder Erbvertrag noch in anderem Zusammenhang – auch nicht sinngemäss – erwähnt.
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Ein entsprechender Antrag kann damit auch nicht als implizit gestellt gelten. Lediglich
ergänzend ist anzumerken, dass die Klägerin mit Eingabe vom 10. Februar 2020 sogar
bestätigte, mit Klageschrift vom 25. September 2019 die Teilung des Nachlasses
verlangt zu haben und argumentierte, aufgrund der vorliegenden Erbbescheinigung, die
sie als Erbin aufführe und von den Beklagten nicht angefochten worden sei, stehe ihre
Erbenstellung fest, weshalb die Rechtsauffassung der Beklagten, es fehle ihr an der
Aktivlegitimation, falsch sei.
Unter diesen Umständen kann letztlich offen bleiben, ob die einjährige (relative)
Verwirkungsfrist nach Art. 533 Abs. 1 ZGB nicht ohnehin bereits abgelaufen war, als
die Klageschrift am 25. September 2019 eingereicht wurde. Das Schreiben des
Amtsnotariats mit dem Erbvertrag wurde nämlich am 21. August 2018 für die Klägerin
(gemäss entsprechender Vollmacht) an Rechtsanwalt G. (Willensvollstrecker) versandt.
Das Schreiben dürfte diesem daher am 22. August 2018, spätestens aber am 29.
August 2018 zugestellt worden sein. Die Klägerin hätte wohl (spätestens) aufgrund der
ihr zugestellten letztwilligen Verfügung erkennen können, dass ihr Pflichtteilsanspruch
verletzt ist. Mit Klage vom 15. Juli 2019, der keine Rechtsbegehren zu entnehmen sind,
wobei es sich nicht um einen verbesserlichen Mangel i.S.v. Art. 132 Abs. 1 ZPO
handelt, vermochte die Klägerin die Frist gemäss Art. 533 Abs. 1 ZGB nicht zu wahren.
Am 25. September 2019 aber war die Frist wohl bereits abgelaufen. Im Übrigen wäre
von einem Rechtsanwalt, der unter diesen Umständen eine Herabsetzungsklage
einreicht, zu erwarten, dass er sich dazu äussert, weshalb die Frist gemäss Art. 533
Abs. 1 ZGB seiner Ansicht nach noch nicht abgelaufen ist. Folglich spricht die
Tatsache, dass die Klageschrift keine Ausführungen dazu enthält, ebenfalls gegen eine
Herabsetzungsklage.
4. Mit Eingabe vom 10. Februar 2020 stellte die Klägerin (neu) ein Ungültigkeits-
und eventualiter (zumindest implizit) ein Herabsetzungsbegehren. Nicht (mehr)
umstritten ist, dass zu diesem Zeitpunkt die einjährige Verwirkungsfrist nach Art. 533
Abs. 1 ZGB bereits abgelaufen war. Zu klären bleibt, ob das Ungültigkeits- und/oder
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Herabsetzungsbegehren zeitlich auf die Klageeinleitung zurückzubeziehen ist (so die
Vorinstanz und die Klägerin) oder nicht (so die Beklagten).
a) Unterlässt es ein virtueller Erbe, innerhalb der Frist von Art. 521 bzw. Art. 533
ZGB eine entsprechende Klage einzureichen, ist sein Anspruch verwirkt und er verliert
endgültig seine Eigenschaft als Erbe (BGE 138 III 354 E. 5; Bollag, a.a.O., N 322; BSK
ZGB II-Forni/Piatti, Vor Art. 522–533 N 2; PraxKomm Erbrecht-Hrubesch-Millauer,
4. Aufl., Art. 533 ZGB N 4b).
Die Klageänderung ist eine Änderung des Streitgegenstands. Sie kann in einer
Änderung des Rechtsbegehrens und/oder des ihm zugrundeliegenden
Lebenssachverhaltes bestehen. Auch neue (zusätzliche) Rechtsbegehren sind eine
Klageänderung im Sinne der ZPO. Keine Klageänderung ist hingegen die blosse
Verdeutlichung eines Begehrens oder die Änderung der rechtlichen Argumentation
(BGE 139 III 126 E. 3.2.3; BGer 4A_439/ 2014 E. 5.4.3.1; Gasser/Rickli, DIKE-Komm-
ZPO, 2. Aufl., Art. 227 N 1; Leuenberger, ZPO Komm., Art. 227 N 1).
Bei einer Klageänderung findet kein zeitlicher Rückbezug der Rechtshängigkeit statt. In
Bezug auf die neue bzw. geänderte Streitsache wird die Rechtshängigkeit demnach
erst im Zeitpunkt der Klageänderung begründet. Eine allfällige materiellrechtliche
Verwirkungsfrist hinsichtlich des neuen Anspruchs darf im Zeitpunkt der
Klageänderung also noch nicht abgelaufen sein (BGer 4A_459/ 2020 E. 3.3-3.4; BGer
5D_171/2017 E. 2.3.2; Seiler, Ungültigkeitsklage – prozessuale Aspekte, successio
2020, S. 329 ff., 335; Sutter-Somm/Hedinger, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuen
berger, ZPO Komm., 3. Aufl., Art. 62 N 14; BSK ZPO-Infanger, 3. Aufl., Art. 62 N 26).
https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pxuz3cl5yf6ylsorptkmzt https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=m5pxuz3cl5yf6ylsorptkmzt https://www.swisslex.ch/doc/lawdoc/d14b19c8-5e79-4de6-89de-e2501acd79f5/source/document-link https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/fr/php/aza/http/index.php?lang=fr&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=5D_171%2F2017&rank=1&azaclir=aza&highlight_docid=aza%3A%2F%2F24-04-2018-5D_171-2017&number_of_ranks=3
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Nicht vom Streitgegenstand und der Rechtshängigkeit erfasst werden ausserdem
Vorfragen. Rechtshängig wird eine Klage nämlich nur im Umfang der gestellten
Rechtsbegehren (Ammann, a.a.O., N 217; Rüetschi, Vorfragen im schweizerischen
Zivilprozess, 2011, N 73; vgl. auch BGer 4A_525/2021 E. 5.3.2).
b) Wie die vorangehenden Erwägungen zeigen, stellte die Klägerin erstmals mit
Eingabe vom 10. Februar 2020 ein Ungültigkeits- und eventualiter ein
Herabsetzungsbegehren. Die Klage vom 15. Juli 2019 und die Klageschrift vom 25.
September 2019 enthielten noch keine solchen Anträge. Die Klägerin hat also neue,
zusätzliche Rechtsbegehren geltend gemacht, was ohne Zweifel keine blosse
Verdeutlichung bereits vorgebrachter Rechtsbegehren, sondern eine Klageänderung
darstellt. Dass gewisse Fragen sich möglicherweise auch als Vorfragen in der bereits
zuvor anhängig gemachten Teilungsklage gestellt hätten, ändert daran nichts.
Nachdem sich die Klageänderung – entgegen der Ansicht der Klägerin – im Hinblick auf
die Wahrung einer Verwirkungsfrist gerade nicht zeitlich zurück auf die Klageeinleitung
bezieht, sondern vielmehr das Datum der Klageänderung, hier also der 10. Februar
2020, relevant ist, und die Verwirkungsfrist für die Ungültigkeits-
oder Herabsetzungsklage zu diesem Zeitpunkt bereits abgelaufen war, die Klägerin ihr
Klagerecht folglich bereits verloren hatte, konnte und kann sie ihre Erbenstellung nicht
(mehr) durch gerichtliches Gestaltungsurteil erwirken und war und ist sie folglich nicht
aktivlegitimiert zur Erbteilunsklage, womit die Klage abzuweisen gewesen wäre bzw.
ist.
5. Zusammenfassend ist die Berufung gutzuheissen, der angefochtene Entscheid
aufzuheben und die Klage mangels Aktivlegitimation abzuweisen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 01.09.2022 Art. 468, Art. 604 ZGB (SR 210): Der vom Erblasser vollständig übergangene Pflichtteilserbe ist als sog. virtueller Erbe so lange nicht aktivlegitimiert zur Erbteilungsklage, als er seiner Erbenstellung nicht durch gerichtliches Gestaltungsurteil im Ungültigkeits- oder Herabsetzungsverfahren Anerkennung verschafft hat. Die Auslegung eines Erbvertrages erfolgt nach den obligationenrechtlichen Regeln der Vertragsauslegung (E. III.2). Art. 522 Abs. 1 ZGB; Art. 221 Abs. 1 lit. b ZPO (SR 272): Sind die Rechtsbegehren in einer Klage ungenügend, ist grundsätzlich nur dann auf die Klagebegründung zurückzugreifen, wenn das Begehren unklar ist und einer Auslegung bedarf (E. III.3). Art. 521 Abs. 1, Art. 533 Abs. 1 ZGB; Art. 227 Abs. 1 ZPO: Bei einer Klageänderung findet kein zeitlicher Rückbezug der Rechtshängigkeit statt. Unterlässt es ein virtueller Erbe, fristgerecht eine Ungültigkeits- oder Herabsetzungsklage einzureichen, ist sein Anspruch verwirkt und er verliert seine Eigenschaft als Erbe endgültig (E. III.4). (Kantonsgericht, I. Zivilkammer, 1. September 2022, BO.2021.10; Weiterzug ans Bundesgericht).
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