# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0cd7897a-cc98-5741-82c9-3843d5bad62f
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2013
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ a) X.Y. ist am 13. September 1982 in P. geboren und Staatsangehöriger der Türkei.
Angemeldet ist er bei Verwandten in Gossau, er hält sich aber in Weinfelden auf
(act. 13). Mit fünf Jahren reiste er am 3. November 1987 in die Schweiz ein. Seit 6. Mai
1999 verfügt er über die Niederlassungsbewilligung. Diese wurde letztmals bis
30. November 2012 verlängert. Die Primar- und Realschule besuchte er im Kanton
Thurgau, eine Berufslehre hat er keine gemacht. Stattdessen arbeitete er als
Maschinenführer und war als Verkäufer von Haushaltsgeräten tätig. Von 2004 bis 2006
arbeitete er temporär, anschliessend war er immer wieder arbeitslos bzw. versuchte
unter anderem ohne Erfolg, zusammen mit seinem Vater eine Bar zu betreiben.
Derzeitig bezeichnet er sich als selbstständiger Kleinhändler und Berater. Seine Waren
verkauft er auf Flohmärkten oder als "fliegender Händler" (act. 15).
b) Am 19. Mai 2003 heiratete er eine Landsfrau. Der gemeinsame Sohn kam am 8. Juli
2003 zur Welt. Wenig später trennten sich die Eheleute ein erstes Mal, vier Jahre später
endgültig. Am 24. April 2009 stellte der Präsident des Bezirksgerichts Weinfelden fest,
dass die Eheleute seit 31. März 2007 zum Getrenntleben berechtigt seien. Das
gemeinsame Kind stellte er unter die Obhut der Mutter und gewährte dem Vater ein
eingeschränktes Besuchsrecht unter Auflagen. Zur Durchführung des Besuchsrechts
ordnete er eine Erziehungsbeistandschaft an. Den Kindsvater verpflichtete er zur
monatlichen Zahlung von Kinderalimenten.
c) X.Y. wurde als 17-Jähriger erstmals strafrechtlich verurteilt. Es folgten 19 weitere
Verurteilungen, worunter drei Freiheitsstrafen. Die jüngste datiert vom 16. Februar
2012. Die gravierendste Freiheitsstrafe fällte das Kreisgericht Rorschach am
17. November 2010 aus. Das Gericht bestrafte ihn dabei wegen gewerbsmässigem
Betrug, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Fälschung von Ausweisen mit
einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten und einer Busse von Fr. 2'000.--. Gleichzeitig
schützte es die Zivilforderungen der Geschädigten im Betrag von knapp Fr. 400'000.-
und erklärte die am 25. August 2005 von der Bezirksgerichtskommission Bischofszell
bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe von acht Wochen als vollziehbar. X.Y. nahm in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Folge keine Post mehr an und wurde deshalb am 27. Juli 2011 im RIPOL zur
Verhaftung ausgeschrieben. Als er sich zwei Tage später in Kreuzlingen wegen seines
verlorenen Portemonnaies bei der Polizei meldete, konnte er bei Entgegennahme des
Fundgegenstandes festgenommen und ins Kantonalgefängnis Frauenfeld überführt
werden (Vorakten Migrationsamt act. 224). Gemäss Vollzugsauftrag für Strafen vom
6. Oktober 2011, dauerte der Strafvollzug vom 29. September 2011 bis 26. November
2011 und zwar für 8 Wochen Gefängnis gemäss Gerichtsurteil vom 17. November 2010
abzüglich einem Tag Untersuchungshaft und abzüglich vier bereits verbüssten Tagen,
sechs Tage Ersatzfreiheitsstrafe gemäss Umwandlungsverfügung des Bezirksamts
Weinfelden vom 26. Februar 2009 und einen Tag Ersatzfreiheitsstrafe für eine
Restbusse gemäss Umwandlungsverfügung des Bezirksamts Weinfelden vom
26. Februar 2009 (Vorakten Migrationsamt act. 245).
d) Mit Schreiben vom 6. Oktober 2005 verwarnte das Ausländeramt (heute
Migrationsamt) des Kantons Thurgau ihn erstmals und drohte ihm seine Wegweisung
an. Am 19. Oktober 2006 folgte die nächste fremdenpolizeiliche Ermahnung, sich fortan
wohl zu verhalten und insbesondere künftig keine weiteren Schulden mehr zu machen.
B./ a) Nach seiner erneuten Verurteilung vom 17. November 2010, diesmal zu einer fast
zweijährigen Gefängnisstrafe, überprüfte das Migrationsamt des Kantons St. Gallen
seine Niederlassungsbewilligung und stellte dem mehrfach Verurteilten in Aussicht,
dass es auf Grund seines wiederholt fehlbaren Verhaltens seine fremdenpolizeiliche
Bewilligung zu widerrufen gedenke. Weil das Schreiben zur Einräumung des
rechtlichen Gehörs vom 18. Mai 2011 nicht zugestellt werden konnte, erfolgte eine
entsprechende Publikation im Amtsblatt des Kantons St. Gallen. Am 11. Juli 2011
widerrief das Amt die Bewilligung und forderte den Ausländer auf, die Schweiz bis
spätestens 26. September 2011 zu verlassen. Diese Verfügung wurde wiederum im
Amtsblatt publiziert, weil dem Migrationsamt der Aufenthaltsort des Ausländers nicht
bekannt war. Am 3. Oktober 2011 konnte ihm die Wegweisungsverfügung im
Gefängnis ausgehändigt werden (Vorakten Migrationsamt act. 235). Das Bundesamt für
Migration verfügte darauf am 13. Oktober 2011 eine fünfjährige Einreisesperre. Gegen
die Wegweisung rekurrierte X.Y. am 16. Oktober 2011 beim Justiz- und
Polizeidepartment des Kantons St. Gallen bzw. erhob gegen das Einreiseverbot
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dieses schrieb die Beschwerde am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20. Dezember 2011 als gegenstandslos ab, nachdem das Bundesamt am 8. Dezember
2011 wiedererwägungsweise auf seine Verfügung zurückgekommen war und diese
ersatzlos aufgehoben hat.
b) Die Rekursinstanz kam am 13. Juni 2012 zum Schluss, dass der nachträgliche
Rekurs als rechtzeitig erfolgt gelten müsse. Zwar habe das Migrationsamt gewisse
Nachforschungen betreffend den unbekannten Aufenthalt des Rekurrenten getroffen,
indem es beim Einwohneramt des letzten offiziellen Wohnsitzes eine erfolglose
Nachfrage gestellt habe, bevor es den Widerruf im Amtsblatt publiziert habe. Die
Rekursinstanz jedoch war der Meinung, dass es im konkreten Fall darüber hinaus nötig
gewesen wäre, den tatsächlichen Aufenthalt des Ausländers über dessen Vater
ausfindig zu machen, zumal dem Amt bekannt gewesen sei, dass dieser zusammen mit
dem Sohn versucht habe, eine Bar zu betreiben. Damit seien die Voraussetzungen für
die Publikation der angefochtenen Verfügung im kantonalen Amtsblatt vom 18. Juli
2011 nicht gegeben gewesen, weshalb die Rekursfrist von 14 Tagen als eingehalten
gelten müsse, nachdem der Adressat der Wegweisungsverfügung nach deren
persönlicher Aushändigung im Gefängnis umgehend Rekurs erhoben habe. In der
Sache selbst bestätigte das Sicherheits- und Justizdepartement jedoch, dass der
angerufene Widerrufsgrund gegeben und die Wegweisung zumutbar sei, weshalb es
den Rekurs abwies.
C./ Gegen diesen Entscheid erhob der Rekurrent am 27. Juni 2012 beim
Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen Beschwerde. Er verlangt, dass vom
Widerruf der Niederlassungsbewilligung abgesehen werde. Ihm sei zudem die
kostenlose Prozessführung zu gewähren. Der Gerichtspräsident wies das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung am 10. Juli 2012 ab. Das Bundesgericht hob diese
Zwischenverfügung am 15. Januar 2013 auf und wies die Sache zur neuen Beurteilung
zurück. Nachdem der Beschwerdeführer erklärt hatte, dass aus der in Aussicht
gestandenen Anstellung nichts geworden sei, stellte ihm der Verfahrensleiter am
6. März 2013 in Aussicht, dass er keine Gerichtskosten zu bezahlen habe. Das
Verfahren wurde alsdann ohne Erhebung eines Kostenvorschusses fortgesetzt.
D./ Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 12. März 2013, die Beschwerde
kostenpflichtig abzuweisen und verzichtete ansonsten auf eine Stellungnahme.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E./ Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird,
soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtes ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Unterschrift der Beschwerde entspricht zwar nicht seiner
eigenen (z.B. Vorakten Migrationsamt act. 67 und 288 oder Akten der Vorinstanz
act. 1). Das Verfahren wurde aber ungeachtet dessen durchgeführt und ist jetzt auch
schon länger hängig. Ansonsten entspricht die Beschwerdeeingabe vom 27. Juni 2012
zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
vorliegend ausnahmsweise gleichwohl einzutreten, obwohl nicht klar ist, wer die
Beschwerdeschrift unterzeichnet hat und ob eine Bevollmächtigung vorliegt.
2. Der Beschwerdeführer macht wesentliche Form- und Verfahrensfehler geltend. Dazu
führt er zwar unzählige Grundsätze, Gesetzesbestimmungen und Literaturstellen an,
konkret macht er aber nicht geltend, worin die Form- und Verfahrensfehler bestehen
sollen.
2.1. Im Verwaltungsverfahren gilt prinzipiell der Untersuchungsgrundsatz. Das heisst,
dass die Verwaltungs- und Justizbehörden den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes
wegen abklären (Art. 12 Abs. 1 VRP). An der Verteilung der materiellen Beweislast bzw.
an der Regelung der Folgen der Beweislosigkeit ändert der Untersuchungsgrundsatz
aber nichts. Das Untersuchungsprinzip findet seine Grenzen vielmehr an der
Mitwirkungspflicht der Parteien. Im streitigen Verwaltungsverfahren wird der
Untersuchungsgrundsatz noch weiter relativiert, indem die Behörden den Sachverhalt
nicht weiter abklären, sondern sich damit begnügen können, die Stichhaltigkeit der
Parteivorbringen zu überprüfen (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich 2006, Rz. 1623 ff.). Der Beschwerdeführer trägt
somit das tatsächliche Fundament seiner Begehren und seiner Behauptungen selber
vor und bietet dafür die Beweise an. Insofern besteht bereits im erstinstanzlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfahren eine Substantiierungslast bzw. eine gewisse Begründungspflicht des
Gesuchstellers (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen,
St. Gallen 2003, Rz. 604 f.).
2.2. Da der Beschwerdeführer vorliegend nicht aufzeigt, worin konkret die behaupteten
Form- und Verfahrensfehler bestehen sollen und es nicht am Gericht ist, nach
allfälligen, nicht offenkundigen Form- und Verfahrensfehlern zu forschen, ist auf den
pauschal erhobenen Einwand des Beschwerdeführers nicht weiter einzugehen.
3. Der Beschwerdeführer ist der Meinung, der geltend gemachte Widerrufsgrund der
längerfristigen Freiheitsstrafe sei bei ihm nicht gegeben. Nötig sei eine zweijährige
Freiheitsstrafe.
3.1. Nach Art. 63 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer (SR 142.20; abgekürzt AuG) in Verbindung mit Art. 62 lit. b AuG kann die
Niederlassungsbewilligung eines Ausländers widerrufen werden, wenn er zu einer
längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Eine längerfristige Freiheitsstrafe liegt
vor, wenn die Freiheitsstrafe mehr als ein Jahr beträgt (BGE 135 II 377 E. 4.2; BGer
2C_226/2013 vom 8. September 2013 E. 3.1). Die ein Jahr überschreitende Dauer einer
längerfristigen Freiheitsstrafe im Sinn von Art. 62 lit. b AuG muss sich auf ein einziges
Strafurteil stützen. Es dürfen also nicht mehrere kürzere Strafen, die in ihrer Gesamtheit
mehr als ein Jahr ausmachen, zusammengezählt werden (BGE 137 II 297 Regeste).
Demgegenüber muss nicht geprüft werden, wie es sich bei der ausgefällten
Freiheitsstrafe von über einem Jahr bezüglich des Strafrahmens verhält. Das
strafrechtliche Verschulden spielt erst im Rahmen der nachfolgenden
Verhältnismässigkeitsprüfung des Wegweisungsentscheids eine Rolle. Das Gleiche gilt
für die Prüfung der Rückfallgefahr. Ob die Strafe bedingt, teilbedingt oder unbedingt
ausgesprochen wurde, ist für die Frage, ob es sich bei der Freiheitsstrafe um eine
längerfristige handelt, ohne Bedeutung (BGer 2C_28/2012 vom 18. Juli 2012 E. 3.1 mit
Hinweis).
3.2. Mit der Freiheitsstrafe von 20 Monaten bzw. einem Jahr und zehn Monaten hat der
Beschwerdeführer den genannten Widerrufsgrund erfüllt. Mit dem Einwand, seine
Niederlassungsbewilligung dürfe erst bei einer zweijährigen Freiheitsstrafe widerrufen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden, spielt er auf die sogenannte "Reneja-Praxis" an, die erst bei der
nachfolgenden Verhältnismässigkeitsprüfung zum Zug kommt. Sie besagt, dass einem
Ausländer nach bloss kurzer Aufenthaltsdauer im Fall einer Verurteilung zu einer
Freiheitsstrafe von zwei Jahren oder mehr in der Regel selbst dann kein Aufenthaltstitel
mehr zu erteilen ist, wenn der schweizerischen Ehepartnerin die Ausreise nicht oder nur
schwer zuzumuten ist (BGE 135 II 377 Regeste). Davon abgesehen, dass der
vorliegende Sachverhalt verschieden von der genannten Praxis ist, kommt diese
grundsätzlich nicht im Zusammenhang mit dem Widerrufsgrund von Art. 62 lit. b AuG
zur Anwendung, sondern erst bei der nachfolgenden Prüfung, ob sich der Widerruf für
den grundsätzlich wegzuweisenden Ausländer als zumutbar erweist.
4. Art. 63 AuG gewährt der zuständigen Behörde beim Entscheid über den Widerruf der
Niederlassungsbewilligung einen Ermessensspielraum. Der Widerruf einer
Niederlassungsbewilligung ist anzuordnen, wenn er bei sorgfältiger Abwägung der
Interessen verhältnismässig erscheint (Art. 5 Abs. 2 der Bundesverfassung, SR 101,
abgekürzt BV). Dabei berücksichtigen die Behörden nach Art. 96 Abs. 1 AuG die
öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse sowie den Grad der
Integration, wobei namentlich die Schwere des Verschuldens, die Dauer der
Anwesenheit in der Schweiz sowie die dem Ausländer und seiner Familie drohenden
Nachteile ins Gewicht fallen (BGE 2C_295/2009 vom 25. September 2009 E. 4.3). Je
länger ein Ausländer in der Schweiz lebt, desto strengere Anforderungen sind an die
Voraussetzungen einer Wegweisung nach Art. 66 AuG zu stellen. Eine solche ist
indessen selbst bei einem Ausländer, der bereits in der Schweiz geboren ist und hier
sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat (sogenannte Ausländer der zweiten
Generation), insbesondere bei Gewaltdelikten bzw. wiederholter schwerer
Straffälligkeit, nicht ausgeschlossen. Ausschlaggebend ist die Verhältnismässigkeit der
Massnahme im Einzelfall, die praxisgemäss gestützt auf die gesamten wesentlichen
Umstände geprüft werden muss (BGE 2C_160/2009 vom 1. Juli 2009 E. 3.1; BGE 2A.
71/2007 vom 7. Mai 2007 E. 3.2, mit Hinweisen).
4.1. Ausgangspunkt und Massstab der fremdenpolizeilichen Güterabwägung ist die
Schwere des strafrechtlichen Verschuldens, das sich nach dem Wortlaut des Gesetzes
in einer längeren Freiheitsstrafe niederschlagen soll. Die Administrativbehörde hat sich
dabei mit den Erwägungen des Strafrichters auseinanderzusetzen, um zu einer eigenen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gefahrenprognose zu gelangen (Nägeli/Schoch in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser,
Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz. 22.188). Neben dem strafrechtlichen
Verschulden sind insbesondere die Art und Schwere der Straftaten, die durch die
Straftat verletzten Rechtsgüter, die Art und Umstände der Tatbegehung (einfache oder
mehrfache Delinquenz) sowie das Verhalten nach der Tat zu berücksichtigen. Während
das Strafrecht vom Resozialisierungsgedanken geprägt ist und bei strafrechtlichen
Vollzugsmassnahmen die Wiedereingliederung der Verurteilten in die Gesellschaft im
Vordergrund steht, ist aus der Sicht der Ausländerbehörden das Interesse der
öffentlichen Ordnung und Sicherheit entscheidend. So wird etwa die Unsicherheit bei
einem vorzeitig Entlassenen bewusst in Kauf genommen, dass er rückfällig werden
könnte, weshalb eine Probezeit angeordnet wird. Aus ausländerrechtlicher Sicht jedoch
ist das Risiko eines Rückfalls umso weniger hinzunehmen, je schwerer die Tat wiegt,
welche die ausländische Person begangen hat (vgl. S. Hunziker, in: Caroni/Gächter/
Thurnherr [Hrsg.], Stämpflis Handkommentar, Bern 2010, N 12 zu Art. 63 AuG mit
Hinweisen). Unter Berücksichtigung aller entscheidenden Umstände kann schon eine
einzige Verurteilung wegen einer besonders schwer wiegenden Straftat zum
Bewilligungswiderruf führen. Dem Gesichtspunkt der Rückfallgefahr kommt, wie
vorliegend, ausserhalb des Geltungsbereichs des Freizügigkeitsabkommens keine
vorrangige Bedeutung zu, und es muss insbesondere im Zusammenhang mit
Gewaltdelikten selbst ein relativ geringes Restrisiko nicht hingenommen werden
(2C_477/2008 vom 24. Februar 2009 E. 2.3).
4.2. Damit ist auch im Administrativverfahren von einem schweren Verschulden des
Beschwerdeführers auszugehen, wie bereits die Vorinstanz zu Recht ausgeführt hat.
Dies zeigt sich insbesondere hinsichtlich der begangenen Delikte als auch der
Tatumstände und der ausgefällten Freiheitstrafe von 20 Monaten, zumal die
Mindeststrafe für gewerbsmässigen Betrug lediglich eine Geldstrafe nicht unter 90
Tagessätzen beträgt.
4.2.1. Der Beschwerdeführer hat zusammen mit einem Mittäter eigens zum Vermitteln
fiktiver Kunden an Lebensversicherungen eine Maklerfirma gegründet, um so hohe
Abschluss- und Superprovisionen kassieren zu können. Tatsächlich vermittelten sie
neun Versicherungen über 700 fingierte bzw. gefälschte Versicherungsanträge und
kassierten dafür gut Fr. 488'000.--. Damit ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass dieses
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grob täuschende und in erheblichem Mass schädigende Verhalten des
Beschwerdeführers von einer beträchtlichen Rücksichtslosigkeit gegenüber finanziellen
Verlusten Dritter und von einem äusserst eigennützigen Streben nach unrechtmässiger
Verbesserung der eigenen Vermögensverhältnisse zeugt. Ebenfalls zu Recht hat die
Vorinstanz berücksichtigt, dass der Beschwerdeführer gegenüber strafrechtlichen
Verurteilungen unbelehrbar und unbeeindruckbar ist. So wurde er bereits im Jahr 2005
wegen eines Delikts gegen das Vermögen (mehrfacher Hehlerei) verurteilt. Ferner
verstiess er mehrfach und wiederholt gegen Bestimmungen des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt SVG; etwa Überschreiten von
Höchstgeschwindigkeiten, Nichtabgabe entzogener Schilder, Nichtbeherrschen des
Fahrzeugs). Er musste aber auch mehrmals wegen Nichtbefolgens einer
betreibungsrechtlichen Vorladung und Verweigerung der Auskunft über Einkommens-
und Vermögensverhältnisse durch Nichterscheinen sowie wegen Widerhandlung gegen
das Waffengesetz verurteilt werden. Zudem liess er sich trotz fremdenpolizeilicher
Verwarnungen, ausgefällten Probezeiten bzw. bedingten Strafen, vollzogenen
Ersatzfreiheitsstrafen für unerhältliche Bussen, laufenden Strafverfahren oder
Untersuchungshaften nicht davon abhalten, weiterhin zu delinquieren. Schliesslich
mussten selbst während des Verfahrens beim Kreisgericht Rorschach im Jahr 2010
und bloss gerade fünf Tage nach Zustellung des begründeten Entscheids am
11. Februar 2011 weitere Strafbefehle gegen ihn erlassen werden (Vorakten act. 10 und
14).
4.2.2. Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, die zahlreichen SVG-Delikte habe er
nicht selbst begangen. Ohne weitere Ausführungen behauptet er, die Bestrafungen
seien einzig deshalb erfolgt, weil er Halter der betroffenen Fahrzeuge gewesen sei.
Dieser Einwand ist ohne jegliche weitere Begründung jedoch unbeachtlich. Tatsächlich
musste der Beschwerdeführer für die vorgehaltenen SVG-Delikte jeweils als Täter, d.h.
als fehlbarer Lenker verurteilt werden. Hätte bei den ihn betreffenden Verurteilungen die
Vermutung nicht zugetroffen, dass er als Halter seine Fahrzeuge auch selber gelenkt
habe, hätte er dies ausdrücklich gegenüber dem Strafrichter geltend machen und
begründen müssen (BGer 6B_439/2010 vom 29. Juni 2010 E. 5.7). Nachdem der
Beschwerdeführer die entsprechenden Verurteilungen akzeptiert hat, ist die
Administrativbehörde und das Verwaltungsgericht daran gebunden, zumal der
Beschwerdeführer die gegenteilige Behauptung durch nichts belegt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.3. Der Beschwerdeführer wehrt sich weiter dagegen, dass die im Strafregister
gelöschten Vorstrafen ausländerrechtlich berücksichtigt worden sind. Zutreffend ist
zwar, dass im Register entfernte Urteile bzw. als gelöscht markierte dem Betroffenen
nicht mehr entgegengehalten werden dürfen und an diese Urteile generell keine
Rechtsfolgen mehr geknüpft werden dürfen. Dieses Verwertungsverbot von gelöschten
Strafen gilt nicht nur für die Strafverfolgungsbehörden, sondern für sämtliche
Behörden, die Strafregisterdaten beziehen, somit auch für das Bundesamt für
Migration und für die kantonalen Migrationsbehörden. Im Bereich des Ausländerrechts
hat dies zur Folge, dass die Bewilligungsverweigerung, der Widerruf einer
ausländerrechtlichen Bewilligung und deren Nichtverlängerung nicht gestützt auf eine
gelöschte Straftat verfügt werden können. Es muss vielmehr ein genügend gewichtiger
aktueller Anlass vorliegen, um eine entsprechende fremdenpolizeiliche Massnahme zu
rechtfertigen. Bei der im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung vorzunehmenden
ausländerrechtlichen Interessenabwägung darf indessen nicht ausgeblendet werden,
wie sich der betroffene Ausländer während seiner gesamten Anwesenheit in der
Schweiz verhalten hat. Eine lange Aufenthaltsdauer fällt grundsätzlich zu Gunsten eines
weiteren Verbleibs ins Gewicht, sofern sich der Ausländer während dieser Zeit klaglos
verhalten hat. Müssten für die ausländerrechtliche Würdigung der Anwesenheitsdauer
inzwischen gelöschte Strafen, die den Fremdenpolizeibehörden bekannt sind, sowie
allenfalls eine gestützt darauf schon früher verfügte fremdenpolizeiliche Verwarnung
oder eine Einreisesperre ausser Acht gelassen werden, käme es zu einer verzerrten
Beurteilung. Es wäre widersprüchlich, gestützt auf das absolute Verwertungsverbot
davon auszugehen, dass sich ein Ausländer während Jahren hier wohl verhalten hat
und dies gar noch zu seinen Gunsten zu berücksichtigen, nur weil die während dieser
Zeitspanne erwirkten Sanktionen im Strafregister gelöscht worden sind und obwohl der
Betroffene in Wirklichkeit damals Anlass zu Klagen gegeben hat. Für die
ausländerrechtliche Interessenabwägung ist demnach das Verwertungsverbot gemäss
Art. 369 Abs. 7 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0) insofern zu
relativieren, als es den Fremdenpolizeibehörden nicht verwehrt ist, strafrechtlich
relevante Daten, die sich in ihren Akten befinden oder ihnen anderweitig bekannt sind
bzw. werden, namentlich solche, die Anlass zu einer fremdenpolizeilichen Verwarnung
gaben, nach deren Löschung im Strafregister in die Beurteilung des Verhaltens des
Ausländers während seiner gesamten Anwesenheit in der Schweiz einzubeziehen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wobei selbstverständlich weit zurückliegenden Straftaten in der Regel keine grosse
Bedeutung mehr zukommen kann, insbesondere wenn es sich um relativ geringfügige
Verfehlungen handelt (BGer 2C_477/2008 vom 24. Februar 2009 E. 3.2). Die Vorinstanz
hat somit bei ihrer Ermessensprüfung zu Recht sämtliche Straftaten berücksichtigt,
zumal sie den Wegweisungsentscheid nicht auf eine weit zurückliegende Vorstrafe
abgestützt, sondern die im Strafregister gelöschten lediglich für das Gesamtbild des
Verhaltens des Beschwerdeführers in der Schweiz herangezogen hat. Demnach war
die entsprechende Gesamtwürdigung nicht nur zulässig, sondern im Gegenteil
geradezu geboten.
4.2.4. Das eben Gesagte gilt gleichermassen für strafbare Handlungen, die der
Beschwerdeführer tatsächlich begangen, für die er aber nicht rechtskräftig verurteilt
worden ist. Anders als im Strafverfahren, wo vor einer rechtskräftigen Verurteilung die
Unschuldsvermutung gilt, muss im administrativen Verfahren mangels Verurteilung
nicht davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer habe sich nichts zuschulden
kommen lassen (BGE 2C_318/2010 vom 16. September 2010 E. 2.1 und 3.2). Der
Grund liegt darin, dass die mit dem Widerruf der Niederlassungsbewilligung
verbundene Wegweisung keine Strafe, sondern eine ordnungsrechtliche Massnahme
darstellt, die ihrerseits auf einen polizeirechtlichen Gefahrentatbestand ausgerichtet ist.
Somit darf im Rahmen der vorliegenden Verhältnismässigkeitsprüfung nicht
unberücksichtigt bleiben, dass der Beschwerdeführer seine Ehefrau immer wieder
malträtiert hat, wenn ihm Vorwürfe wegen seinen ausserehelichen Beziehungen
gemacht wurden. Dabei zog er sie am 30. Januar 2005 ins Badezimmer, wo er die Türe
schloss und sie - ihren Aussagen zufolge - mit der Faust mehrmals ins Gesicht, auf
den Oberkörper und die Beine schlug. Er dagegen will seiner Frau "lediglich" mit der
flachen Hand "eine geschmiert" haben. Der Arzt musste jedoch noch drei Tage später
Kontaktmarken am rechten Oberlid, am rechten Oberarm und Schmerzen im Bereich
der 11. und 12. Rippe rechts feststellen (Vorakten Migrationsamt act. 32). Der
einfachen Körperverletzung wurde er schliesslich bloss deshalb nicht schuldig
gesprochen, weil die Frau nach der staatsanwaltschaftlichen Anklage den Strafantrag
beim Gericht zurückgezogen hatte (Vorakten Migrationsamt act. 36). Am 18. Juni 2010
musste die Polizei sodann wegen häuslicher Gewalt, konkret wegen Widerhandlung
gegen das Waffengesetz, versuchter Drohung, Hausfriedensbruch und Tätlichkeit)
ausrücken. Seine Ex-Freundin beschuldigte ihn dabei, er stalke sie, sei in ihre Wohnung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingedrungen und habe sie und ihren anwesenden Freund be- und gedroht. Obwohl er
vor Eintreffen der Polizei seinen Schlagstock verschwinden lassen wollte, konnte diese
die Waffe sicherstellen. Gegen den Beschwerdeführer musste in der Folge eine
Wegweisung ausgesprochen werden (Vorakten Migrationsamt act. 137). Die erwähnten
Vorfälle gegen seine mittlerweile getrennt von ihm lebende Ehefrau und gegen seine
Ex-Freundin sind polizeilich dokumentiert und von Dritten bestätigt. Somit spricht
nichts dagegen, diese strafbaren Handlungen im vorliegenden Verfahren ebenfalls zu
berücksichtigen. Wie bei den im Strafregister gelöschten Delikten wäre das Bild
betreffend das aktuelle Verhalten des Beschwerdeführers und hinsichtlich seiner
Prognose ohne deren Berücksichtigung unvollständig und einseitig verzerrt (VerwGE B
2010/197 vom 22. Februar 2011 E. 3.1.2., abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch).
4.3. Bei der Strafzumessung der für den Widerruf der Niederlassungsbewilligung
massgeblichen Verurteilung vom 17. November 2010 zu 20 Monaten Freiheitsentzug
und einer Busse von Fr. 2'000.-- berücksichtigte das Kreisgericht Rorschach zu
Gunsten des Verurteilten, dass er in finanziell angespannten Verhältnissen lebte,
arbeitslos war und ein Geständnis ablegt hatte. Allerdings musste es auch einbeziehen,
dass selbst eine bereits bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe ihn nicht davon
abhalten konnte, erneut und selbst während der Probezeit wieder massiv zu
delinquieren. Der Verurteilte konnte dem Strafgericht denn auch nicht erklären, warum
er nach der erneuten Verurteilung nicht mehr anfällig für weiteres deliktisches Handeln
sein sollte, zumal ihm durchaus bewusst gewesen war, dass er bereits zahlreiche
Chancen zur Bewährung bekommen hatte, die er allesamt ungenutzt verstreichen liess.
So musste er innert der letzten sechs Jahre sechs Mal verurteilt werden. Schliesslich
stellte das Strafgericht auch zu Recht fest, dass seine kriminelle Energie bei den
begangenen Delikten ständig angestiegen war (Vorakten Migrationsamt act. 144).
4.4. Für den Beschwerdeführer spricht, dass er seit über 25 Jahren ununterbrochen in
der Schweiz lebt. Weiter ist er der hiesigen Sprache mächtig. Dem steht aber sein
permanentes und sich stetig verschlimmerndes Fehlverhalten als Erwachsener
gegenüber. Seine berufliche Integration korrespondiert ebenfalls nicht mit der Dauer
seines Aufenthalts in der Schweiz. Trotz hiesiger Schulbildung und guter
Deutschkenntnisse hat er keine Berufsausbildung gemacht und ist seit langem
arbeitslos. Daran änder auch nichts, dass er sich heute, nachdem auch das Projekt
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer eigenen Bar, die er zusammen mit seinem Vater führen wollte, zerschlagen hat,
als selbstständiger Kleinhändler und Berater bezeichnet. Ein existenzerhaltendes
Einkommen jedenfalls erzielt er mit den damit erzielten Einnahmen von
schätzungsweise rund Fr. 1'000.-- pro Monat nicht annähernd (act. 13), zumal er sich
im Eheschutzverfahren verpflichtet hat, für seinen Sohn monatlich Fr. 700.-- zu
bezahlen. Nebst seinen zahlreichen Einträgen im Strafregister ist er denn auch
betreibungsrechtlich mehrfach erfasst, weil er seit längerem weder seinen öffentlich-
rechtlichen noch privatrechtlichen Verpflichtungen nachkommt, was zu einer stetig
ansteigenden Verschuldung geführt hat. So bestanden bei seinem Wegzug von
Rorschach offene Verlustscheine von über Fr. 25'000.--. Bis anfangs des Jahres 2011
kamen gemäss Betreibungsamt Rorschach-Rorschacherberg weitere Verlustscheine
von über Fr. 60'000.-- und offene Betreibungen von über Fr. 137'000.-- dazu (Vorakten
Migrationsamt act. 2 f. und 165 ff.). Zahlungen ans Betreibungsamt leistet er keine
(Vorakten Migrationsamt act. 172). Demgegenüber war die öffentliche Hand auf Grund
des Krankenkassenobligatoriums verpflichtet, seine ausstehenden Verlustscheine zu
übernehmen, soweit diese aus ausstehenden Krankenkassenprämien resultierten
(Vorakten Migrationsamt act. 166).
4.5. Es mag zutreffen, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatland nicht die
gleichen beruflichen Perspektiven finden wird wie in der Schweiz. Der
Beschwerdeführer übersieht dabei aber, dass die Wegweisung einzig seinem fehlbaren
und kriminellen Verhalten zuzuschreiben und insofern hinzunehmen ist. Das fast immer
gegebene Interesse, die besseren wirtschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz bzw. die
hiesigen Sozialleistungen nutzen zu können, ist für die Abwägung der Interessen nicht
entscheidend (BGE 2C_364/2010 vom 23. September 2010 E. 2.2.8). Dazu kommt,
dass der Beschwerdeführer zwar mehrheitlich in der Schweiz, jedoch bei seinen
türkischen Eltern aufgewachsen ist, mit denen er noch heute ein enges Verhältnis
pflegt, weshalb er mit seiner Muttersprache vertraut ist, selbst wenn er nunmehr seit
über 20 Jahren in der Schweiz lebt. Selbst hat er in seinen zahlreichen Strafverfahren
verschiedentlich Türkisch als seine Muttersprache angegeben (unter anderem Vorakten
Migrationsamt act. 89, 94). Er heiratete sodann eine Landsfrau, die ihrerseits erst mit
12 Jahren als Asylsuchende in die Schweiz eingereist war (Vorakten Migrationsamt
act. 78). Es darf somit davon ausgegangen werden, dass er sich bei seiner Rückkehr in
sein Heimatland sprachlich ohne Weiteres zu Recht finden wird und nicht bloss einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kaffee bestellen kann, wie er behauptet. Dank seiner Zweisprachigkeit wird er, mit
31 Jahren in seinen besten Jahren, auf Grund seiner zahlreichen und
verschiedenartigen beruflichen Erfahrungen insbesondere im Tourismusbereich bei
entsprechendem Engagement zweifelsohne eine Anstellung finden.
4.6. Unter den gegebenen Umständen ist der Widerruf der Niederlassungsbewilligung
auch mit dem Anspruch auf Achtung des Familienlebens gemäss Art. 8 Ziff. 1 der
Europäischen Menschenrechtskonvention (SR 0.101, abgekürzt EMRK) vereinbar,
zumal die Wegweisung eines straffälligen Ausländers eine Massnahme darstellt, die für
die nationale Sicherheit und öffentliche Ordnung bzw. zur Verhinderung von strafbaren
Handlungen, zum Schutz der Gesundheit und Moral sowie der Rechte und Freiheiten
anderer notwendig erscheint, weshalb das grundsätzlich geschützte Recht auf Familie
eingeschränkt werden kann (Art. 8 Ziff. 2 EMRK). Als zulässiges öffentliches Interesse
kommt sodann das Durchsetzen einer restriktiven Einwanderungspolitik in Betracht.
Eine solche ist im Hinblick auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen schweizerischer
und ausländischer Wohnbevölkerung, die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen
für die Eingliederung der in der Schweiz fest ansässigen Ausländer und die
Verbesserung der Arbeitsmarktstruktur sowie eine möglichst ausgeglichene
Beschäftigung im Licht von Art. 8 Ziff. 2 EMRK zulässig (BGE 2C_364/2010 vom
23. September 2010 E. 2.2.1).
4.6.1. Der Schutzbereich des Familienlebens ist in erster Linie auf die Kernfamilie im
engeren Sinn, das heisst auf die Eheleute und die minderjährigen Kinder beschränkt,
sofern eine gelebte und intakte Beziehung besteht (Raselli/Hausammann/Möckli/
Urwyler in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, a.a.O., Rz. 16.65). Dass die Eltern des
längst erwachsenen Beschwerdeführers und dessen getrennt lebende Ehefrau
ebenfalls in der Schweiz leben, ist daher nicht wesentlich von Bedeutung. Der
Beschwerdeführer macht denn auch einzig geltend, sein von ihm getrennt lebender
Sohn halte sich ebenfalls in der Schweiz auf.
4.6.2. Da Art. 8 EMRK ein intaktes und tatsächlich gelebtes Familienleben schützt,
setzt der Anspruch voraus, dass die Beziehung zum Kind intakt und bereits bisher
sachgerecht gelebt worden ist. Der nicht sorge- bzw. obhutsberechtigte Elternteil kann
die familiäre Beziehung mit seinen Kindern schon aus zivilrechtlichen Gründen von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vornherein nur in einem beschränkten Rahmen pflegen, nämlich durch Ausübung des
ihm eingeräumten Besuchsrechts. Um dieses wahrnehmen zu können, ist es in der
Regel nicht erforderlich, dass der ausländische Elternteil dauerhaft im selben Land wie
das Kind lebt und dort über ein Anwesenheitsrecht verfügt. Unter dem Gesichtspunkt
des Anspruchs auf Familienleben (Art. 8 Ziff. 1 EMRK sowie Art. 13 Abs. 1 BV) ist es
grundsätzlich ausreichend, wenn das Besuchsrecht im Rahmen von Kurzaufenthalten
vom Ausland her oder aber im Ausland selbst ausgeübt werden kann, wobei allenfalls
die Modalitäten des Besuchsrechts entsprechend auszugestalten sind. Gemäss der
ständigen bisherigen Rechtsprechung des Bundesgerichts kann ein weitergehender
Anspruch nur dann in Betracht fallen, wenn in wirtschaftlicher und affektiver Hinsicht
eine besonders enge Beziehung zum Kind besteht, diese Beziehung wegen der Distanz
zum Heimatland des Ausländers praktisch nicht aufrecht erhalten werden könnte und
das bisherige Verhalten des Ausländers in der Schweiz zu keinerlei Klagen Anlass
gegeben hat (sog. tadelloses Verhalten; BGE 120 Ib 1 E. 3c; 120 Ib 22 E. 4; BGer
2C_1231/2012 vom 20. Dezember 2012 E. 3.3; 2C_858/2012 vom 8. November 2012
E. 2.2; 2C_751/2012 vom 16. August 2012 E. 2.3).
4.6.3. Bei nicht sorgeberechtigten ausländischen Elternteilen eines hier
aufenthaltsberechtigten Kindes, die in der Schweiz bereits anwesenheitsberechtigt
waren, ist das Erfordernis der besonderen Intensität der affektiven Beziehung dann
erfüllt, wenn der persönliche Kontakt im Rahmen eines nach heutigem Massstab
üblichen Besuchsrechts kontinuierlich und reibungslos ausgeübt wird. Das formelle
Ausmass des Besuchsrechts ist mit anderen Worten nur insoweit massgeblich, als
dieses auch tatsächlich wahrgenommen wird. Die faktische Ausübung des
persönlichen Kontakts muss daher von der zuständigen Behörde notwendigerweise mit
geeigneten Massnahmen abgeklärt werden. Nötig ist aber, dass auch in
wirtschaftlicher Hinsicht eine besonders intensive Beziehung zwischen dem Kind und
dem nicht sorgeberechtigten Elternteil besteht und dass letzterer sich tadellos
verhalten hat (vgl. BGer 2C_1112/2012 vom 14. Juni 2013 E. 2.5).
4.6.4. Der Beschwerdeführer lebt seit 31. März 2007 offiziell getrennt von seiner
Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn, nachdem er schon früher einmal aus der
ehelichen Wohnung ausgezogen war. Der Eheschutzrichter stellte alsdann in seinem
Entscheid vom 24. April 2009 fest, dass der Beschwerdeführer seinen Sohn vor
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monaten zum letzten Mal gesehen habe, nachdem sich dieser bei der letzten
Begegnung auf den Boden geworfen, geweint und sich geweigert habe, den Vater
wieder zu sehen. Auf Grund dieser starken Ablehnung des Vaters erliess der Richter ein
bloss sehr reduziertes Besuchsrecht von drei Stunden an einem Samstagnachmittag
pro Monat, das allmählich auf neun Stunden pro Monat ausgedehnt werden sollte.
Während des ersten Jahres wurde dem Vater bei der Wahrnehmung des
Besuchsrechts zudem die Anwesenheit einer allfälligen neuen Freundin untersagt. Auf
eine weitere Ausdehnung der Besuchszeiten wurde ausdrücklich verzichtet. Überdies
wurde eine Erziehungsbeistandschaft errichtet, die damit beauftragt wurde, die
Modalitäten des festgelegten Besuchsrechts zu regeln. Schliesslich wurde der
Beschwerdeführer verpflichtet, seinem Sohn rückwirkend pro Monat Fr. 700.-- nebst
allfällig erhältlicher Kinderzulagen zu bezahlen (Vorakten act. 12). Der Richter des
Zivilgerichts Basel-Stadt teilte dem Migrationsamt mit Schreiben vom 15. Dezember
2011 jedoch mit, dass der Beschwerdeführer lediglich vom Februar 2009 bis Oktober
2009 für den Unterhalt seines Sohnes aufgekommen sei. Seither habe er nichts mehr
bezahlt. Anlässlich der Einigungsverhandlung vom 2. Dezember 2011 musste der
Beschwerdeführer zudem einräumen, dass er seinen Sohn seit Oktober 2009 nicht
mehr gesehen habe. Der Zivilrichter hielt darüber hinaus fest, dass die vom Ehemann
vorgebrachten Entgegnungen, wonach der Kontaktabbruch zwischen ihm und seinem
Sohn von der Ehefrau zu verantworten sei, jeglicher Grundlage entbehrten. Die von der
Ehefrau anlässlich der Einigungsverhandlung wiederholt eindringlich vorgebrachten
Bitten um Wiederaufnahme des persönlichen Kontakts seien im Gegenteil vom
Beschwerdeführer ungehört geblieben (Vorakten act. 10).
4.6.5. Aus dem Gesagten ergibt sich somit, dass der Beschwerdeführer kaum bzw.
keinen Kontakt zu seinem Sohn hat und weder in der Lage noch willens ist, zum
Unterhalt seines Kindes etwas beizutragen. Von einem üblichen Besuchsrecht oder
einer in wirtschaftlicher Hinsicht besonders intensiven Beziehung kann daher keine
Rede sein. Ebenso wenig kann von einem tadellosen Verhalten des Beschwerdeführers
in der Schweiz ausgegangen werden. Nachdem er bereits heute nichts für sein Kind
bezahlt, obgleich er gesund ist und arbeiten könnte, kann es auch keine Rolle spielen,
dass das Lohnniveau in der Türkei tiefer ist als das hiesige, er dort für die gleiche
Tätigkeit vermutlich weniger verdienen wird und er somit den gerichtlich festgelegten
monatlichen Unterhaltsbeitrag von Fr. 700.-- (auch weiterhin) nicht bezahlen (können)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wird. Nachdem er das ohnehin sehr beschränkte Besuchsrecht schon heute nicht
wahrnimmt, wird sich übrigens auch hinsichtlich des persönlichen Kontakts zwischen
ihm und seinem Sohn wenig ändern, wenn der Beschwerdeführer in sein Heimatland
zurückkehren muss. Die familiären Beziehungen in der Schweiz hielten den
Beschwerdeführer alsdann nicht von seiner Straffälligkeit ab. Es ist also auch unter
diesen Aspekt nicht erforderlich, dass er sich im gleichen Land wie sein Sohn aufhält.
Die Beziehung kann er telefonisch, über elektronische Kommunikationsmittel oder
besuchsweise aufrechterhalten bzw. neu aufnehmen (vgl. beispielsweise BGer
2C_205/2013 vom 7. März 2013 E. 3.2.2).
4.6.6. Dass die Betroffenen bei der Rückkehr des Vaters in die Türkei in affektiver
Hinsicht beeinträchtigt werden können bzw. dadurch die Aufnahme der Vater-Sohn-
Beziehung erschwert wird, versteht sich von selbst. Dieser Umstand lässt jedoch ein
Absehen von der verfügten fremdenpolizeilichen Massnahme angesichts der Schwere
des fehlbaren Verhaltens des Beschwerdeführers gleichwohl nicht als zwingend
geboten erscheinen und ist einzig dem Beschwerdeführer zuzuschreiben. Persönliche
Besuche werden aber künftig selbst in der Schweiz möglich sein, weil mit Inkrafttreten
des neuen Ausländergesetzes per 1. Januar 2008 das Instrument der Ausweisung mit
Ausnahme der sogenannten politischen Ausweisung gemäss Art. 68 AuG abgeschafft
wurde. Anders als die altrechtliche Ausweisung stellt ein Bewilligungswiderruf keine
Fernhaltemassnahme mehr dar. Ein allfälliges Einreiseverbot müsste vielmehr
zusätzlich vom zuständigen Bundesamt verfügt werden (Art. 67 AuG) und wäre
überdies befristet. Allein durch die hier streitige Massnahme werden Reisen in die
Schweiz zu Besuchszwecken bei Erfüllung der gesetzlichen Einreisevoraussetzungen
nicht auf längere Zeit verunmöglicht (BGE 2C_650/2010 vom 10. Februar 2011 E. 4.2).
5. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Ausreise des Beschwerdeführers auf Grund
der erwähnten Umstände im öffentlichen Interesse liegt und verhältnismässig ist.
Insbesondere bedeutet sie für ihn keine unzumutbare Härte, weshalb die Vorinstanz
den Widerruf der Niederlassungsbewilligung zu Recht bestätigt hat. Dem
Beschwerdeführer ist es zumutbar, seinen Sohn lediglich im Rahmen von Besuchen
persönlich zu treffen. Die Beschwerde erweist sich sowohl im Rahmen des
Bundesrechts wie auch des Art. 8 EMRK als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom
Beschwerdeführer zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
Fr. 2'000.-- ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Der Beschwerdeführer hat um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
nachgesucht, die ihm - wie bereits in Aussicht gestellt - auf Grund seiner offenkundigen
Mittellosigkeit zu gewähren ist, nachdem sich seine Beschwerde nach Meinung des
Bundesgerichts nicht als offenkundig aussichtslos erwiesen hat (Art. 99 Abs. 2 VRP in
Verbindung mit Art. 117 ZPO [SR 272]). Auf die Erhebung der Gerichtskosten ist daher
vorläufig zu verzichten bzw. der Staat hat diese zu tragen.
Ausgangsgemäss sind keine ausseramtliche Kosten zu entschädigen (Art. 98bis VRP),
zumal der Vorinstanz grundsätzlich keine Parteikosten zuzusprechen sind (R. Hirt, Die
Regelung der Kosten nach st. gallischem Verwaltungspflegegesetz, Diss., St. Gallen
2004, S. 176).
Demnach hat das Verwaltungsgericht