# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** cf55e033-3f6b-43a5-b541-583b98103985
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend einfache Körperverletzung im Zustand der Schuldunfähigkeit
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, I. Abteilung, vom 11. Mai 2021 (DG200019)
- 2 -
Antrag:
Der Antrag der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 10. November 2020
(Urk. 27) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte den Tatbestand der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB erfüllt hat.
2. Aufgrund der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit wird von einer
Strafe abgesehen.
3. Es wird eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB (Be-
handlung von psychischen Störungen) angeordnet. An die stationäre thera-
peutische Massnahme werden 280 Tage erstandene Untersuchungshaft an-
gerechnet. Es wird vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte seit
31. August 2020 im vorzeitigen Massnahmenvollzug befindet.
4. Die amtliche Verteidigung wird für ihre Bemühungen und Auslagen mit
Fr. 13'007.25 (inkl. Fr. 929.95 Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse ent-
schädigt.
5. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 3'000.00 die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'100.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 14'307.00 Auslagen für das PUK Gutachten
Fr. 13'007.25 Entschädigung amtliche Verteidigung Rechtsanwalt X._ Verlangt keine der Parteien eine schriftliche Begründung des Urteils, ermäs-
sigt sich die Entscheidgebühr auf zwei Drittel.
6. Die Kosten der Untersuchung und die übrigen gerichtlichen Verfahrenskos-
ten, inklusive diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschul-
- 3 -
digten im Umfang von Fr. 5'000.– auferlegt. Die Mehrkosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung:
(Urk. 61 S. 2, sinngemäss)
1. Die Kosten der Untersuchung sowie die übrigen gerichtlichen Verfah-
renskosten vor erster Instanz, inkl. diejenigen der amtlichen Verteidi-
gung, seien vollumfänglich und definitiv auf die Gerichtskasse zu neh-
men.
2. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr falle ausser Ansatz.
3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren (zu-
züglich MwSt.) seien auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 51)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_
- 4 -

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Prozessuales
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene, mündlich eröffnete Ur-
teil des Bezirksgerichtes Horgen, I. Abteilung, vom 11. Mai 2021 liess der Be-
schuldigte mit Eingabe vom 21. Mai 2021 Berufung anmelden (Prot. I S. 19;
Urk. 42; Art. 399 Abs. 1 StPO). Nach Erhalt des begründeten Urteils am
5. November 2021 reichte die Verteidigung ihre Berufungserklärung im Sinne von
Art. 399 Abs. 3 StPO am 25. November 2021 ein (Urk. 45/2; Urk. 48). Mit Präsidi-
alverfügung vom 29. November 2021 wurde die Berufungserklärung der Staats-
anwaltschaft zugestellt und Frist für Anschlussberufung oder einen Nichteintre-
tensantrag angesetzt und der Beschuldigte aufgefordert, das Datenerfassungs-
blatt einzureichen (Urk. 49; Urk. 50/1-2). Mit Eingabe vom 6. Dezember 2021 ver-
zichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Anschlussberufung, beantragte die Be-
stätigung des vorinstanzlichen Urteils und erklärte, sich am weiteren Verfahren
nicht zu beteiligen (Urk. 51). Mit Beschluss vom 13. Dezember 2021 wurde das
schriftliche Verfahren angeordnet und dem Beschuldigten Frist angesetzt, um die
Berufungsanträge zu stellen und zu begründen (Urk. 53; Urk. 54/1-2). Am 21. De-
zember 2021 reichte die Verteidigung das Datenerfassungsblatt sowie weitere
Unterlagen zu den finanziellen Verhältnissen des Beschuldigten ein (Urk. 55;
Urk. 56/1-7). Mit Eingabe vom 23. Februar 2022 stellte die Verteidigung die Beru-
fungsanträge und begründete diese (Urk. 61). Am 1. März 2022 wurde der
Staatsanwaltschaft und der Vorinstanz Frist zur Einreichung der Berufungsantwort
bzw. zur freigestellten Stellungnahme angesetzt (Urk. 62), auf welche sowohl die
Staatsanwaltschaft als auch die Vorinstanz verzichteten (Urk. 64; Urk. 65). Damit
erweist sich das Verfahren als spruchreif.
2. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechtskraft
des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Nachdem die Ur-
teilsdispositivziffern 1 (Feststellung des in Schuldunfähigkeit erfüllten Tatbestan-
des), 2 (Absehen von Strafe), 3 (stationäre Massnahme), 4 (Entschädigung amtli-
che Verteidigung) und 5 (Kostenfestsetzung) unangefochten blieben (Urk. 61
- 5 -
S. 2), ist mittels Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in diesem
Umfang in Rechtskraft erwachsen ist.
II. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Dem Beschuldigten wird im Wesentlichen vorgeworfen, sich einem Pflege-
fachmann im Sanatorium B._ von hinten genähert und ihm dann ohne Vor-
warnung mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben, wodurch der Pflege-
fachmann einen Nasenbeinbruch, eine Prellung des rechten Auges und Zahnab-
splitterungen erlitten habe (Urk. 27).
2. Die Vorinstanz sah den Sachverhalt aufgrund des Geständnisses des Be-
schuldigten als erstellt an und würdigte sein Verhalten als einfache Körperverlet-
zung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB (Urk. 46 S. 4). Aufgrund der im Gutachten
vom 23. Juni 2020 diagnostizierten paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie
(Urk. 18/3), stellte sie fest, dass der Beschuldigte die Tat im Zustand der nicht
selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit beging, sah von einer Bestrafung ab und
ordnete eine stationäre Massnahme an (Urk. 46 S. 5 f.). Zur Kostenauflage erwog
sie, dass sich der Beschuldigte nach seinem Aufenthalt auf der Massnahmestati-
on in C._ zum diplomierten Pflegefachmann weiterbilden wolle und sowohl
als Pflegefachmann als auch im Bereich seiner bereits abgeschlossenen Erstaus-
bildung als Detailhandelskaufmann nach seiner Genesung von der Schizophrenie
ein Einkommen erzielen könne. Er habe keine familiären Unterhaltsverpflichtun-
gen und körperliche Erkrankungen des noch jungen Beschuldigten seien nicht
bekannt, weshalb es angemessen erscheine, ihm einen Bruchteil der Verfahrens-
kosten (inkl. Verteidigerkosten), nämlich Fr. 5'000.–, aufzuerlegen, und die Mehr-
kosten auf die Gerichtskasse zu nehmen (Urk. 46 S. 7).
3. Die Verteidigung wendet sich gegen die teilweise Kostenauflage und bringt
mit Verweis auf die eingereichten Unterlagen (Urk. 56/1-7) vor, dass der Beschul-
digte in bescheidenen finanziellen Verhältnissen lebe und auf staatliche Unter-
stützung angewiesen sei. Die Vorinstanz habe bei der Interessenabwägung nicht
berücksichtigt, dass der Beschuldigte lediglich eine kleine IV-Rente beziehe und
- 6 -
diverse Schulden habe. Es sei ungewiss, ob und wann er von seiner Schizophre-
nie genesen sein werde und ob eine Weiterbildung zum diplomierten Pflegefach-
mann umsetzbar sei (Urk. 61 S. 4 f.).
4. Gemäss Art. 419 StPO können dem schuldunfähigen Beschuldigten die
Kosten auferlegt werden, wenn dies nach den gesamten Umständen billig er-
scheint. Ob die Kostenpflicht billig erscheint, ist in Analogie zu Art. 54 Abs. 1 OR
zu beurteilen. Die Strafbehörde hat von Amtes wegen die finanziellen Verhältnis-
se abzuklären und eine Interessenabwägung vorzunehmen. Die Einschränkung,
welche durch die Bezahlung der auferlegten Summe bei der betroffenen Person
oder ihrer Familie bewirkt würde, ist zu berücksichtigen. Ihr Alter und ihre Zu-
kunftsaussichten können als weitere Kriterien hinzutreten. Es genügt nicht, dass
die schuldunfähige Person in der Lage wäre, für die Kosten aufzukommen. Vo-
rausgesetzt wird nach einhelliger Rechtsprechung und Lehre, dass die betreffen-
de Person in guten wirtschaftlichen Verhältnissen lebt und die Kostenübernahme
durch den Staat als stossend erschiene (DOMEISEN, in: Niggli/Heer/Wip-rächtiger,
Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, N 7 zu Art. 419 StPO; GRIESSER, in: Do-
natsch/Lieber/Summers/Wohlers, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozess-
ordnung, 3. Aufl. 2020, N 2 f. zu Art. 419 StPO). Art. 419 StPO gilt entgegen sei-
nem Wortlaut auch, wenn kein Freispruch ergeht, sondern eine Massnahme an-
geordnet wird (BOMMER, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger, a.a.O., N 24 zu Art. 375
StPO).
5. Der Beschuldigte lebt in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Ihm
wurde eine IV-Rente von Fr. 1'580.– zugesprochen (Urk. 56/4), welche jedoch
aufgrund des Massnahmenvollzuges momentan sistiert ist (Urk. 56/5). Zudem
weist er Schulden von über Fr. 5'000.– auf (Urk. 56/7) und hat offenbar gemäss
Auskunft seines Beistandes weitere Schulden in der Höhe von über Fr. 11'000.–
(Urk. 61 S. 4). Angesichts seiner Erkrankung an Schizophrenie erscheint die be-
rufliche Perspektive sehr ungewiss. Zwar hat der Beschuldigte eine Ausbildung
als Detailhandelskaufmann abgeschlossen. Es ist jedoch unsicher, ob er dereinst
wieder in diesem Beruf tätig sein kann, oder gar, wie von ihm angestrebt, eine
Ausbildung zum Pflegefachmann absolvieren kann. Die Auferlegung des Kosten-
- 7 -
teils von Fr. 5'000.– wäre für den Beschuldigten daher eine hohe Bürde und die
wirtschaftlichen Verhältnisse sind bei weitem nicht so gut, als dass die vollum-
fängliche Kostenübernahme durch den Staat als stossend erscheinen würde.
Angesichts dessen sind die Kosten des Vorverfahrens und des erstinstanzlichen
Verfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung, definitiv auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens fallen die Kosten für das Berufungsver-
fahren ausser Ansatz. Die amtliche Verteidigung macht für das Berufungsverfah-
ren Aufwendungen in der Höhe von Fr. 2'534.50 geltend (Urk. 67). Diese sind
ausgewiesen und angemessen, weshalb sie mit dem entsprechenden Betrag zu
entschädigen ist. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind auf die Gerichtskas-
se zu nehmen.