# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3c53480e-3502-4953-a5af-5a9aed6ec0fc
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1968, war in den Jahren 2003 und 2004 als Anlagenope
rateur im Kernkraftwerk
Z._
(Urk. 2/7/13) und in den Jahren 2009 bis 2013 als Ingenieur beim Verein
A._
(Urk. 2/7/14)
tätig. Am 3. und 27. Juni 2016 mel
dete er der Suva eine Berufskrankheit (Urk. 2/7/2-3).
Die Suva verneinte mit Verfügung vom 30. September 2016 das Vorliegen einer Berufskrankheit (Urk. 2/7/21). Die dagegen am 23. Oktober 2016 erhobene Ein
spra
che (Urk. 2/7/26) wies sie mit
Einspracheentscheid
vom 12. Januar 2017 ab (Urk. 2/7/31 = Urk. 2/2).
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 30.
August 2018 im Verfahren Nr. UV.2017.00052 ab (
Urk.
2/
53
).
2.
Das Bundesgericht hiess die gegen das kantonale Urteil erhobene Beschwerde mit Urteil vom 1
8.
März 2019 (
Urk.
2/54 =
Urk.
1) teilweise gut und wies die Sache zur Einholung eines Gerichtsgutachtens an das hiesige Gericht zurück (S. 10 E.
8.2).
Der Beschwerdeführer beantragte - n
achdem er Vorschläge des Gerichts (
Urk.
8
) und der Beschwerd
egegnerin (Urk. 12
) abgelehnt hatte
-
mi
t Eingabe vom 9.
August 2019, mit dem Gutachten sei das
Zentrum B._
in
C._
(D) zu beauftragen
(
Urk.
12 S
. 4). Die entsprechende Anfrage des Gericht
s
(
Urk.
15) wurde
vom
B._
an Prof.
Dr.
D._
,
emeritierter Strahlenbiologe am Institut für Medizi
nische St
rahlenbiologie des Universitätsk
linikums
E._
,
weitergeleitet (vgl.
Urk.
16-17).
Beide Parteien erhoben keine Einwände gegen die Person des Gutachters, worauf ihnen m
it Beschluss vom
8.
November 2019 die Fragestellung an den Gutachter unterbreitet
wurde
(
Urk.
20)
.
Prof.
D._
erstattete sein Gutachten am 2
0.
März 2020 (
Urk.
28).
Der Beschwerdeführer teilte am 2
4.
April 2020 mit, aus näher genannten Gründen erachte er das Gutachten als gegenstandslos, weshalb es keiner weiteren Kommentierung bedürfe (
Urk.
37). Die Beschwerdegegnerin teilte am 2
8.
April 2020 mit, auf das Gutachten könne ihres Erachtens abgestellt werden (
Urk.
38). Der Beschwerdeführer erstattete am 2
8.
April 2020 eine ergänzende Stellungnahme (
Urk.
39), in welcher er sich auch zum eingeholten Gutachten äusserte (S. 4 ff.).
Am 2
9.
April 2020 beantragte der Beschwerdeführer die Sistierung des Verfah
rens bis zum Vorliegen eines näher bezeichneten Urteils des Bundesgerichts (
Urk.
40). Dieses erging am
6.
Mai 2020 (
Urk.
42), worauf am 2
5.
Mai 2020 das Sistierungsgesuch als gegenstandslos geworden abgeschrieben wurde (
Urk.
43).
Am
5.
Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer eine weitere Eingabe ein (
Urk.
44), dies unter Beilage seines Revisionsgesuchs vom 1
0.
Februar 2020 (
Urk.
45/2), auf welches das Bundesgericht am
6.
Mai 2020 nicht eingetreten ist (
Urk.
42).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versiche
rung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
entsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der
hier
im Hinblick auf eine allfällige
Berufskrankheit zu beurteilende
Sachver
halt betrifft die Jahre 2003 und 2004,
weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden
.
1.2
Nach Art. 9 Abs. 1 UVG gelten als Berufskrankheiten Krankheiten, die bei der beruflichen Tätigkeit ausschliesslich oder vorwiegend durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten verursacht worden sind. Der Bundesrat erstellt die Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen. Gestützt auf diese Delegationsnorm und Art. 14 UVV hat er in Anhang I zur UVV eine Liste der schädigenden Stoffe und der arbeitsbedingten Erkrankungen erstellt. Nach der Rechtsprechung ist eine «vorwiegende» Ver
ursachung von Krankheiten durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten nur dann gegeben, wenn diese mehr wiegen als alle andern mitbeteiligten Ursachen, mithin im gesamten Ursachen
spektrum mehr als 50 % ausmachen. «Ausschliessliche» Verursachung hingegen meint praktisch 100 % des ursächlichen Anteils
der schädigenden Stoffe oder be
stimm
ten Arbeiten an der Berufskrankheit (BGE 119 V 200 E. 2a mit Hinweis).
1.3
Als arbeitsbedingte Erkrankungen im Sinne von
Art.
9
Abs.
1 UVG gelten gemäss Anhang 1 zur UVV unter anderem
Erkrankungen durch ionisierende Strahlen (
Ziff.
2a am Ende).
2.
Strittig und zu prüfen ist, ob
das beim Beschwerdeführer diagnostizierte Harn
blasen- sowie das Prostatakarzinom vorwie
gend, das heisst zu mehr als 50
%, dadurch ve
r
ursacht worden
ist
, dass
er
während seiner Tätigkeiten als Anlagen
operateur im Kernkraftwerk
Z._
in den Jahren 2003 und 2004 und als Sach
verständiger für den Verein
A._
im Kernkraftwerk
F._
im Jahr 2010 ionisierenden Strahlen ausgesetzt war
.
Diese Frage wurde dem Gerichtsgutachter unterbreitet.
3.
3.1
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Arbeitsmedizin, Abteilung Arbeitsmedizin der Beschwerdegegnerin, erstattete am 1
6.
August 2016 eine ärztliche Beurteilung (
Urk.
2/7/8). Darin führte er aus, der Beschwerdeführer sei an einem Harnblasen- und einem Prostatakarzinom erkrankt und vermute einen ursächlichen Zusammenhang mit einer beruflichen Strahlenbelastung. Von 2003 bis 2009 sei bei ihm eine Strahlenbelastung von kumuliert 2.64
mSv
(
milli
Sievert) registriert, von 2009 bis 2015 sei keine Strah
lenbelastung dokumentiert (S. 1).
Der Jahresgrenzwert für beruflich strahlenexponierte Personen betrage 20
mSv
. Beim Beschwerdeführer habe die durchschnittliche Jahresdosis von 2003 bis 2009 0.38
mSv
, also 1.9
%
des Jahresgrenzwertes betragen. Die jährliche mittlere Belastung der zivilen Bevölkerung durch zivilisatorisch und natürlich bedingte ionisierende Strahlung betrage total ungefähr 5
mSv
. Im Zeitraum von 2003 bis 2015 sei beim Beschwerdeführer die Hintergrundbelastung durch ionisierende Strahlen mit schätzungsweise 90
mSv
viel höher gewesen als die berufliche Strah
lenbelastung von kumuliert 2.64
mSv
. (S. 1 Mitte).
Rein theoretisch seien stochastische Strahlenwirkungen auf Blase und Prostata möglich, die zu Veränderungen der genetischen Information der Zellen (DNS) und unter Umständen zur Karzinomentstehung führten. Im vorliegenden Fall sei eine berufliche Verursachung der Karzinome aber sehr unwahrscheinlich. Eine Berufs
krankheit liege nur dann vor, wenn die beruflichen Faktoren die ausserberufli
chen überträfen, also eine ätiologische Fraktion von über 50
%
angenommen werden könne (relatives Risiko > 2). Dies treffe beim Beschwerdeführer aufgrund der viel höheren Hintergrundbelastung nicht zu (S. 1 unten).
3.2
Am
18. April 2017
erstattete
Dr.
med.
H._
, Oberärztin, Klinik für Strah
lentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum
I._
,
einen fachärztlichen Orientierungsbericht (Urk. 2/19/2), dies unter
anderem gestützt auf ihr vom Be
schwerdeführer am 25. Januar 2017 unterbreitete zusätzliche Unterlagen (S. 1 unten). Zusammenfassend hielt sie unter anderem fest, von 2009 bis 2013 sei durchge
hend im Blutbild des Beschwerdeführers eine anhaltende Verminderung der Lym
phozyten
-A
nzahl im Blut festgestellt worden. Bei diesem Befund sei ein Zusam
menhang zu vorheriger Strahlenexposition möglich, da es sich bei den Lympho
zyten um die nahezu strahlenempfindlichste Zellpopulation des Körpers handle (S. 22 Mitte). Es sei dahingestellt, ob die
Lymphopenie
tatsächlich Folge der Strah
lenexposition gewesen sei, diese Frage sei ungeklärt geblieben (S. 23 oben). Eine rechtzeitige und ordnungsgemässe medizinische Abklärung der seit 2009 beim Beschwerdeführer bestehenden Leukopenie hätte weitreichende beruf
liche und gesundheitliche Konsequenzen haben können, so bezüglich weiterem Verbleib am strahlenexponierten Arbeitsplatz und bezüglich Früherkennung strahlenbeding
ter Erkrankungen (S. 24).
Der Zusammenhang zwischen der beruflich bedingten Strahlenexposition des Beschwerdeführers und der 12 Jahre nach Beginn der strahlenexponierten Tätig
keit bei ihm festgestellten beiden Tumorerkrankungen sei als überwiegend wahr
scheinlich anzusehen. Beim vernünftigen Abwägen aller Umstände überwögen die auf die berufliche Verursachung deutenden Faktoren so stark, dass darauf eine Entscheidung gestützt werden könne. Die blosse Möglichkeit einer strahlen
bedingten Ursache der Krebserkrankungen verdichte sich in diesem Fall zur über
wiegenden Wahrscheinlichkeit, dies aufgrund folgender Argumente (S. 24 Mitte):
Nach der geltenden ärztlich-wissenschaftlichen Lehrmeinung liege die rechneri
sche Wahrscheinlichkeit einer strahlenbedingten Tumorinduktion höher als die Wahrscheinlichkeit, im Lebensalter von 47 Jahren simultan an einem Harnbla
sen- und an einem Prostatakarzinom zu erkranken: Bei Männern (ohne Risiko
faktoren) liege im Lebensalter von 47 Jahren in
Mitteleuropa das Risiko der Er
krankung an Harnblasenkarzinom bei 0.0046 % und an Prostatakarzinom bei 0.0179 %. Das Risiko, mit 47 Jahren beide Tumorerkrankungen simultan diagnostiziert zu bekommen, liege bei 0.000082 %. In einem Kollektiv von einer Mil
lion Männern wäre demnach kaum bei einem einzigen Mann diese Konstella
tion zu erwarten (S. 24 unten).
Eine hypothetische Abschätzung der Gutachterin anhand Daten aus einer wissen
schaftlichen Publikation habe für die beim Beschwerdeführer vorhandene beruf
liche Strahlenexposition ein zwar geringes Ri
siko von 0.000252 % pro Jahr er
geben.
Für das Auftreten eines strahleninduzierten Tumors liege dieses Risiko je
doch um eine deutliche Grössenordnung höher als das Risiko für das spontane Auftreten der beiden Tumorerkrankungen mit 47 Jahren (S. 25 oben).
3.3
Am 2
1.
April 2018 erstattete
Dr.
H._
(vorstehend E. 3.2)
ein Gutachten (Urk.
2/36). Darin führte sie unter anderem zusätzlich aus, der Beschwerdeführer sei während insgesamt 111 Einsatztagen einer Exposition von 2.6
mSv
nach der einen beziehungsweise von 3.027
mSv
nach der anderen
Messart
ausgesetzt gewesen (S. 3 oben). Im gleichen Zeitraum sei von einer natürlichen Exposition von 0.91
mSv
auszugehen (S. 3 unten). Mithin seien von der gesamten Exposition von 3.51
mSv
25.9
%
(0.91
mSv
) nicht beruflich bedingt und 74.1
%
(2.6
mSv
) beruflich bedingt (S. 3 f.).
Am 5./
6.
August 2003 habe die akkumulierte Strahlendosis 0.505
mSv
betragen, mithin das 62
-
fache der natürlichen Strahlenbelastung von 0.00822
mSv
pro Tag (S. 4 unten). Eventuell sei eine weitere, nicht dokumentierte Strahlenbelastung durch Inkorporation von Isotopen und/oder schweren Teilchen vorhanden, dies infolge akzidentiellen Einatmens oder Verschluckens solcher Materialien (S. 5 unten).
Eine etwaige Schätzung des Risikos einer strahlenbedingten Tumorerkrankung erbringe jedenfalls hierfür ein höheres Risiko als für das spontane Auftreten der beiden Tumorerkrankungen, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die beruflich erhaltene Strahlendosis beim Beschwerdeführer mit kumulativ 2.6
mSv
gering gewesen sei (S. 26 unten).
Im Sinne eines stochastischen Vorkommnisses könne die Einwirkung minimalster Dosen, d.h. vereinzelter ionisierender Teilchen, eine Tumorinduktion bewirken. Für diese Art der zufälligen Strahlenwirkung bestehe keine Schwellendosis (S. 27 ganz oben).
Bezugnehmend auf die natürlicherweise vorhandene Hintergrundstrahlung zeige sich bei korrekter, auf den strahlenexponierten Zeitraum von 111 Tagen zuge
schnittener Berechnung, dass der berufliche Beitrag an Strahlendosis beim Beschwerdeführer 74.1
%
der Strahlendosis ausmache. Somit bestünden hier rechnerische Hinweise auf eine über 50-prozentige berufliche Genese der Tumor
erkrankungen
, wenngleich derartige Gesetzmäss
igkeiten im Falle ionisierender Strahleneinwirkung nur sehr eingeschränkt seien (S. 27 oben).
Anhand der
dosimetrischen
Aufzeichnungen seien ohne weiteres Mechanismen vorstellbar, die durch ungleichmässige berufliche Exposition mit
Emissionsspit-zen
und womöglich zusätzliche, nicht erkannte Kontaminationsformen (Inkorpo
ration) die Entstehung einer
radiogenen
Mutation hätten begünstigen können. Der
menschliche Organismus sei an solche irregulär anfallenden Strahlenexposi
tionen wesentlich schlechter angepasst als an die gleichförmig vorhandene Hintergrundstrahlung (S. 27).
Eine Beweisbarkeit im Einzelfall einer Tumorerkrankung über deren Auslösung sei nicht gegeben und werde niemals gegeben sein. Ebenso sei es auch nicht möglich, eine strahlenbedingte Ursache für eine Tumorerkrankung auszuschlies
sen (S. 27 Mitte). Aufgrund des kaum existenten natürlichen Erkrankungsrisikos sei beim Beschwerdeführer vom Vorliegen eines zusätzlichen unnatürlichen Erkrankungsrisikos im Sinne einer Tumorinduktion auszugeben. Hier müsse die berufliche Strahlenexposition mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als ursäch
lich angesehen werden (S. 26 unten).
4.
4.1
Am 2
0.
März 2020 erstattete Prof.
D._
sein Gutachten (
Urk.
28).
Er führte in allgemeiner Hinsicht aus, grundsätzlich sei ionisierende Strahlung in der Lage, Tumoren auszulösen. Allerdings reagierten nicht alle menschlichen Gewebe darauf gleich empfindlich. Die Blase gehöre eher zu den strahlen
empfindlicheren Geweben, wobei allerdings die Unsicherheiten gross seien. Die Prostata hingegen gehöre zu den strahlenunempfindlichsten Geweben überhaupt, das zusätzliche relative Risiko liege nur minimal über Null und sei statistisch nicht signifikant verschieden von Null (S. 7
Ziff.
1.4).
Er
nannte
dies bestätigende Daten bezüglich der Todesfälle unter den Überleben
den der Atombombenabwürfe von 1945 (S. 7 unten)
, wies aber sodann darauf hin, dass
kurzzeitige Strahlenexpositionen zu stärkeren Effekten
führten
als über längere Zeit verteilte (fraktionierte oder protrahierte) Expositionen, was jedoch
wiederum
so pauschal nicht für Tumoren gelte. Es scheine Tumor-Arten zu geben, für welche diese ebenfalls zutreffe (beispielsweise Lungentumore), während es bei anderen Tumor-Arten (beispielsweise Brustkrebs) lediglich um die Gesamtdosis gehe, unabhängig davon, ob es sich um eine kurzzeitige oder länger andauernde Exposition handle (S. 8).
4.2
Da der Versicherte die Strahlenexpositionen im Verlauf von mehreren Jahren erhalten habe, seien hier die Daten der International
Nuclear
Workers Study (INWORKS) hinsichtlich der Todesfälle unter insgesamt über 300'000 Arbeitern in der Nuklearindustrie in Frankreich, Grossbritannien und den USA besonders
interessant (S. 8 unten): In der strahlenexponierten Gruppe seien
weniger
Todes
fälle durch Blasen- und Prostata-Krebs gefunden worden als in der nicht strah
lenexponierten Vergleichsgruppe (S. 9 Mitte).
Bei Leukämien und Tumoren handle es sich um sogenannte «stochastische Prozesse»
, womit gemeint sei, dass im Strahlenschutz davon ausgegangen werde, dass keine Schwellendosen vorlägen und dass eine lineare Abhängigkeit zwischen der Höhe der Dosis und Häufigkeit des Auftretens dieser Erkrankungen bis zu Strahlendosen von einigen Sievert bestünden. Es nehme also die Wahrscheinlich
keit, einen Tumor zu entwickeln, mit steigender Strahlendosis zu (S. 9). Das Fehlen einer Schwellendosis sei eine im Strahlenschutz getroffene Annahme, für die es bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe. Bei Erwachsenen wisse man unterhalb von etwa 100
mSv
nicht, ob eine Schwellendosis existiere oder nicht (S. 9 unten). Man wisse aber, dass in diesem Dosisbereich das Risiko klein sein müsse, da es sonst epidemiologisch nachweisbar wäre (S. 9 f.).
Bisher gebe es keine Möglichkeit, eine streng kausale Beziehung zwischen ioni
sierender Strahlung und Tumoren herzustellen, man könne lediglich die Wahr
scheinlichkeit dafür ermitteln, dass ein Tumor durch Strahlung ausgelöst worden sei (S. 10 oben).
Als Berechnungsverfahren stünden dasjenige des National Insti
tute
for
Occupational Safety and Health
(NIOSH) und das für Deutschland ent
wickelte «Programm zur Berechnung der Zusammenhangswahrscheinlichkeit einer Erkrankung und einer Strahlenexposition» (
ProZES
) zur Verfügung (S. 10 Mitte).
Beim Harnblasenkarzinom liege die Verursachungswahrscheinlichkeit bei 0.05
%
(NIOSH) beziehungsweise 0.0018
%
(
ProZES
), mithin deutlich unter 0.1
%
und damit weit unterhalb von 50
%
(S. 11 oben). Um eine Verursachungswahrschein
lichkeit von 50
%
zu erreichen, hätten die erhaltenen Dosen etwa 2'000 (NIOSH) oder 550 (
ProZES
) Mal höher sein müssen (S. 11 Mitte).
Beim Prostatakarzinom liege die Verursachungswahrscheinlichkeit bei 0.07
%
(NIOSH) beziehungsweise 0.00016
%
(
ProZES
), und um eine Verursachungswahr
scheinlichkeit von 50
%
zu erreichen, hätten die erhaltenen Dosen etwa 1’500 (NIOSH) oder 6'000 (
ProZES
) Mal höher sein müssen (S. 12 oben).
Für das Auftreten beider Karzinome
liege die Verursachungswahrscheinlichkeit bei 0.117
%
(NIOSH) beziehungsweise 0.002
%
(
ProZES
), wobei vorausgesetzt werde, dass beide Karzinome unabhängig voneinander entstanden seien (S. 12 unten).
4.3
Sodann äusserte sich der Gutachter zu bestimmten Ausführung
en
von
Dr.
H._
(vorstehend E. 3.2). Ihre Annahme, das gemeinsame Auftreten der beiden Karzi
nome sei extrem selten (S. 13 unten), sei überraschend. Bei Personen, die sich wie
der Versicherte einer radikalen Zystektomie hätten unterziehen müssen, sei laut einzeln angeführten Studien nebst dem Harnblasenkarzinom auch ein Prosta
takarzinom gefunden worden in 27
%
, in bis zu 70
%
, in 32
%
, in 52
%
, in 39
%
und in 18
%
der Fälle (S. 14 f.).
Ihre Annahme, über das angeblich seltene Auftreten beider Tumor-Arten sei eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für die Verursachung durch die berufliche Strahlenexposition herzuleiten (S. 15 Mitte), lasse verschiedene - einzeln genannte - möglich andere auslösende Faktoren unerwähnt (S. 16 oben). Nach ihrem Ansatz müsste man selbst dann, wenn durch die berufliche Tätigkeit überhaupt keine zusätzliche Dosis aufgetreten wäre,
eine überwiegende Wahrschein
lichkeit annehmen, denn ihr einziges Kriterium sei die Tätigkeit in einem strah
lenexponierten Beruf in Kombination mit dem angeblich so gut wie nie gleich
zeitigen
Auftreten von Harnblasen- und Prostata-Karzinom (S. 16 unten).
Für ihre Vermutung, es könnte noch eine weitere, nicht dokumentierte Strahlen
belastung vorhanden gewesen sei, fehlten konkrete Hinweise. Erhöhte Konzen
trationen an Radionukliden wären über die in Kernkraftwerken übliche Raum
luftüberwachung festgestellt worden (S. 17 unten).
Bei ihrem Hinweis, der Organismus könnte möglicherweise mit höheren kurzfris
tigen Strahlenexpositionen weniger gut umgehen als mit ständiger Einwirkung, stelle sich die Frage, ob 0.5
mSv
eine «höhere» Dosis sei. In der Fachwelt gälten Dosen von 0 bis 10
mSv
als sehr niedrig, solche über 1'000
mSv
als hoch (S. 18).
Die von
Dr.
H._
postulierte «zeitkongruente» Dosiserfassung sei nicht sinnvoll. Ionisierende Strahlung wirke lebenslang auf den Menschen ein und damit spiele für den Vergleich von Hintergrundstrahlung und beruflicher Strahlenexposition die jeweilige Gesamtdosis die entscheidende Rolle (S. 19 unten).
4.4
Zusammenfass
end hielt der Gutachter fest, f
olgende Argumente sprächen dafür, dass die Karzinome der Harnblase und der Prostata beim Versicherten nicht zu mehr als 50
%
durch die berufliche Strahlenexposition ausgelöst worden seien
(S. 20 f.)
:
-
Die Strahlendosen seien sehr zuverlässig über zwei unabhängige Mess
systeme dokumentiert.
-
Sowohl das NIOSH Berechnungsverfahren als auch
ProZES
lieferten Werte für die Verursachungs- beziehungsweise Zusammenhangswahrscheinlich
keit von weit unter 50
%
.
-
Selbst wenn man davon ausgehe, dass die Strahlendosen nicht komplett erfasst worden seien, so sei es ausgeschlossen, dass so hohe Strahlendo
sen, wie sie für die Überschreitung der 50%igen Verursachungswahr
scheinlichkeit notwendig gewesen wären, nicht auf anderem Weg
(beispielsweise über die Ortsdosismessungen und Raumluftüberwachun
gen innerhalb der Kernkraftwerke) aufgefallen wären.
-
Die weltweit grösste Studie an Arbeitern in der Nuklearindustrie (INWORKS) liefere für das Harnblasen- und das Prostata-Karzinom nega
tive Risiken, d.h. eher einen Schutz durch die Strahlung, aber sicher keine Erhöhung. Die medianen Strahlendosen lägen in derselben Grössenord
nung, wie sie auch beim Versicherten dokumentiert seien.
-
Der Ansatz von
Dr.
H._
sei insofern fehlerhaft, als sie davon ausgehe, dass beide Karzinome extrem selten gemeinsam aufträten (0,000082
%
). Dies treffe jedoch für Personen, bei denen eine radikale Zystektomie wie beim Versicherten erfolgt sei, nicht zu. Vielmehr werde bei diesem Perso
nenkreis bei mehreren 10
%
neben dem Harnblasenkarzinom auch ein Prostatakarzinom entdeckt.
5.
5.1
Im Hinblick auf die Würdigung des Gutachtens von Prof.
D._
ist vorab in Erinnerung zu rufen, dass dieser den Wünschen des Beschwerdeführers folgend bestellt worden ist
. Der Beschwerdeführer hat denn auch keine Einwände gegen die Person des Gutachters erhoben und auch nicht beanstandet, dass dieser als Strahlenbiologe mit einem monodisziplinären Gutachten betraut wurde.
5.2
Der Beschwerdeführer nahm am 2
8.
April 2020 zum Gutachten Stellung (
Urk.
39).
Soweit er bemängelte, es sei entgegen den Vorgaben des Bundesgerichts - zwar, aber - lediglich von einem Strahlenbiologen erstellt worden (S. 5 oben), erweist sich die Rüge als verspätet (vorstehend E. 5.1).
Der Beschwerdeführer bemängelte, der Gutachter unterscheide nicht hinlänglich zwischen dem linear non
threshold
model
(LNT) und den sogenannten Life Span Studies (LSS) bei Überlebenden der Atombombenabwürfe von 1945, deren Expo
sitionsmechanismus demjenigen in der Berufstätig
keit wenig vergleichbar sei (S.
5 Mitte).
Das trifft nicht
zu
. Im Gutachten wurde
gerade
auf diesen Unterschied explizit hingewiesen (Gutachten S. 8) und in der Folge auf Langzeitstudien Bezug genommen (S. 8 f.).
Darauf, dass sich das NIOSH-Berechnungsverfahren
auf die USA
beziehe (S. 5 unten), hat der Gutachter selber schon hingewiesen (Gutachten S. 10 Mitte), und inwiefern der Umstand, dass sich
ProZES
noch in einer Testphase befinde (S. 5 unten), seine Aussagekraft entscheidend beeinträchtigen sollte, ist nicht ersicht
lich.
Zu den vom Gutachter gemäss NIOSH und
ProZES
ermittelten Wahrscheinlich
keiten (Gutachten S. 11 f.) verwies der Beschwerdeführer darauf, dass im Strah
lenschutzkonzept der Schweiz von einer linearen oder direkt proportionalen
Beziehung zwischen Dosiserhöhung und Erkrankungswahrscheinlichkeit ausge
gangen werde (S. 7). Inwiefern dies
die
eben dieser Logik folgenden Ausführun
gen im Gutachten in Frage zu stellen vermöchte, erschliesst sich nicht.
Die Ausführungen des Beschwerdeführers
zu
unterschiedlich erhobenen Mess
werten (S. 8 ff.) und
zum Blutbild (S. 10 ff.) zielen am Streitgegenstand (
Wahr
scheinlichkeit des
strahlenexpositionsbedingte
n
Auftreten
s
der beiden Tumore) vorbei, weshalb sich Weiterungen erübrigen.
Der Gutachter hat dargelegt, dass bei Personen, die sich - wie der Beschwerde
führer - einer radikalen Zystektomie unterziehen mussten, in (je nach Studie) 27 bis zu 70
%
der Fälle nebst einem Harnblasenkarzinom auch ein Prostatakarzi
nom gefunden wurde (Gutachten S. 14 f.). Daran bemängelte der Beschwerdefüh
rer, dass es sich nicht um europäische Studien handle (S. 12
unten
)
, die es seines Erachtens wohl geben müsste (S. 13 oben). Ob das zuträfe, hätte er wohl
bei
der von ihm schon mehrfach konsultierten
Dr.
H._
(vorstehend E. 3.2) in Erfahrung bringen können. Dass mit den entsprechenden Ausführungen im Gutachten die zentrale These
von
Dr.
H._
,
es träten
beide Tumor-Arten äusserst selten gemeinsam auf, erschüttert wird, blieb unkommentiert.
Der Gutachter ging nicht näher auf die Thematik allfällig nicht erfasster Strah
lendosen (Inkorporation) ein, dies in Ermangelung konkreter diesbezüglicher Hin
weise (Gutachten S. 17
Ziff.
2.3). Die Ausführungen des Beschwerdeführers dazu (S. 13 ff.) vermögen diesen Mangel an konkreten Hinweisen nicht zu ersetzen.
Bei seiner zustimmenden Bezugnahme auf die INWORKS-Studie (S. 18 f.) führte der Beschwerdeführer auf, diese h
ätt
en ein viermal höheres Risiko für Mitarbeiter der Nuklearindustrie, an Leukämie zu erkranken, ergeben (S. 18 Mitte). Was im Gutachten dazu bezüglich Blasen- und Prostata-Krebs wiedergegeben wurde, nämlich ein niedrigeres Risiko als in der nicht strahlenexponierten Vergleichs
gruppe (Gutachten S. 9 Mitte), liess er unerwähnt.
Zur Frage der Expositionsspitzen (S. 19 ff.) wurde im Gutachten Stellung genom
men (Gutachten S. 18 f.
Ziff.
2.5).
Abschliessend vertrat der Beschwerdeführer den Standpunkt, die Forderung der Beschwerdegegnerin (50
%
ätiologische Fraktion zur Anerkennung als Berufs
krankheit) sei
«
abzulehnen
»
, der Grundsatz einer stochastischen Strahlenwirkung sei damit nicht vereinbar (S. 21 unten).
5.3
Die Kritik des Beschwerdeführers am Gutachten von Prof.
D._
erweist sich als nicht stichhaltig. Dieser hat in überzeugender Weise dargelegt, dass die beiden Karzinome der Harnblase und der Prostata bei Beschwerdeführer
nicht
zu mehr als
50
%
(sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich weniger) durch die berufliche Strahlenexposition verursacht wurde.
Dass für die Anerkennung als Berufskrankheit eine über 50
%
liegende Verursa
chung durch die berufliche Tätigkeit nachgewiesen sein muss, ist im Übrigen nicht eine «Forderung» der Beschwerdegegnerin, sondern des Gesetzes und der dazu ergangenen Rechtsprechung (vorstehend E. 1.2). Beide sind auch massge
bend, wenn sie - wie im vorliegenden Fall - der Anerkennung als Berufskrankheit entgegenstehen.
5.4
Zusammengefasst erweist sich der
Einspracheentscheid
, mit dem das Vorliegen einer Berufskrankheit verneint wurde, als zutreffend. Die dagegen erhobene Beschwerde ist demnach abzuweisen.
6.
6.1
Das Verfahren ist kostenlos.
6.2
Die Beschwerdegegnerin hat dem Gericht die Kosten des Gutachtens von
€ 5'450.
(
Urk.
33), entsprechend
Fr.
5'801.35, zu erstatten.