# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** f58a8882-9b2f-418a-a384-db3386c905db
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend
sexuelle Handlungen mit Kindern
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung - Einzelgericht, vom 30. März 2017 (GG170017)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich ist diesem Urteil
beigeheftet (Urk. 13/5).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 31A)
1. Der Beschuldigte ist schuldig der sexuellen Handlung mit Kindern gemäss Art. 187
Ziff. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu
Fr. 30.– wovon bis und mit heute 2 Tagessätze als durch Haft geleistet gelten.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre fest-
gesetzt.
4. Von der Anordnung eines Tätigkeitsverbotes wird abgesehen.
5. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'100.– Gebühr Untersuchung
Fr. 1'445.25 Auslagen Untersuchung
Fr. 50.– Entschädigung Zeugen
Fr. 770.– diverse Kosten
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten. Wird auf eine schriftliche Begründung
des Urteils verzichtet, so reduziert sich die Gerichtsgebühr um einen Drittel.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Be-
schuldigten auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 89):
1. Ziffer 4 des Entscheids des Bezirksgerichts Zürich vom 30. März 2017
(GG170017) wird nicht angefochten.
2. Ziffer 1 des Entscheids des Bezirksgerichts Zürich vom 30. März 2017
(GG170017) sei dahingehend abzuändern, dass der Beschuldigte vom Vor-
wurf der sexuellen Handlung mit Kindern von Schuld und Strafe freizu-
sprechen sei.
3. Ziffer 2 und 3 des Entscheids des Bezirksgerichts Zürich vom 30. März 2017
(GG170017) seien aufzuheben.
4. Über die Verfahrenskosten der Vorinstanz, Ziffer 5 und 6 des Urteils der Vor-
instanz vom 30. März 2017 (GG170017), sei entsprechend dem abgeänder-
ten Entscheid neu zu befinden.
5. Dem Beschuldigten sei eine Genugtuung/Entschädigung in der Höhe von
mindestens CHF 5'400.00 für Zeitaufwand, Reputationsschaden, erduldete
Haft, Hausdurchsuchung und Entzug persönlicher elektronischer Geräte so-
wie Reisekosten von CHF 200.00 und Dolmetscherkosten von CHF 440.00
zuzusprechen. Zudem sind ihm CHF 22'401.00 für den Einkommensausfall
sowie die Anwaltskosten im erstinstanzlichen Verfahren in der Höhe von
CHF 17'706.00 zuzusprechen.
6. Eventualiter, wäre der Beschuldigte im Falle einer Bestätigung des Schuld-
spruches, mindestens für das Zwangsmassnahmenverfahren (GH161636)
vor dem Zwangsmassnahmengericht Zürich in Höhe von mindestens
CHF 2'600.00 (8 Stunden zu CHF 280.00 zuzüglich Barauslagen, Fahr-
kosten und Mehrwertsteuer) für Anwaltskosten und mit einer Parteientschä-
digung von pauschal CHF 500.00 zu entschädigen.
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7. Die Anträge der Staatsanwaltschaft in der Anschlussberufung sind abzuwei-
sen.
8. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zuzüglich MwSt.) zulasten
des Staates.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 92):
1. Die Berufung des Beschuldigten gegen das Urteil des Einzelgerichts Zürich
vom 30. März 2017 sei abzuweisen.
2. Das Urteil der Vorinstanz sei mit Ausnahme von Ziff. 3 und 4 des Urteils-
dispositivs zu bestätigen.
3. Ziff. 4 des Urteilsdispositivs sei aufzuheben und der Beschuldigte sei mit ei-
nem Tätigkeitsverbot im Sinne von Art. 67 Abs. 2 StGB für die Dauer von
3 Jahren zu bestrafen.
4. Sollte das Gericht auf ein Tätigkeitsverbot verzichten, und Ziff. 4 des Urteils-
dispositivs der Vorinstanz bestätigen, so sei Ziff. 3 des Urteilsdispositivs auf-
zuheben und der Beschuldigte mit einer unbedingten Strafe zu belegen.
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldigten aufzuer-
legen.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Vermei-
dung unnötiger Wiederholungen auf die Erwägungen der Vorinstanz im angefoch-
tenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 31A S. 3 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
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1.2. Mit Urteil der 7. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich, Einzelgericht, vom
30. März 2017 wurde der Beschuldigte der sexuellen Handlung mit Kindern ge-
mäss Art. 187 Ziff. 1 StGB schuldig gesprochen und mit einer bedingten Geld-
strafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 30.– verurteilt (Urk. 31A). Gegen dieses Urteil
liess der Beschuldigte durch seinen Verteidiger mit Eingabe vom 5. April 2017
fristgerecht Berufung anmelden (Urk. 28). Das begründete Urteil wurde dem Ver-
teidiger des Beschuldigten in der Folge am 27. Juli 2017 zugestellt (Urk. 29 und
31/2), woraufhin dieser mit Eingabe vom 11. August 2017 fristgerecht die Beru-
fungserklärung beim hiesigen Gericht einreichte (Urk. 33). Mit der Berufungserklä-
rung stellte der Verteidiger die Beweisanträge auf Einholung eines Gutachtens zur
Bestimmung des wirklichen Alters des Geschädigten sowie auf Erstellung eines
Sprachgutachtens. Dies zur Klärung der Frage, ob die Ausführungen des Ge-
schädigten im schriftlich verfassten Protokoll (der Videobefragung) richtig wieder-
gegeben worden sind (Urk. 33).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 16. August 2017 wurde der Anklagebehörde
Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erklären, oder begründet ein Nichtein-
treten auf die Berufung zu beantragen. Weiter wurde ihr Frist angesetzt, um zu
den Beweisanträgen des Beschuldigten Stellung zu nehmen (Urk. 36). Mit Ein-
gabe vom 1. September 2017 erhob die Anklagebehörde fristgerecht Anschluss-
berufung (Urk. 38). Sie beantragt sodann die Abweisung des Beweisantrages auf
Einholung eines Sprachgutachtens sowie den Beizug der Akten des Asylver-
fahrens des Geschädigten und die erneute Prüfung der Einholung eines Alters-
gutachtens nach Vorliegen dieser Akten (Urk. 38).
1.4. Mit Präsidialverfügung vom 21. September 2017 wurde der Beweisantrag
auf Einholung eines Sprachgutachtens abgewiesen und die Akten des Asylverfah-
rens des Geschädigten beigezogen (Urk. 44). Nach Einsicht in die Akten des
Asylverfahrens (Urk. 50/1-23) wurde am 2. November 2017 die Einholung eines
Altersgutachtens beschlossen und B._ als Gutachter vorgeschlagen (Urk.
53). Mit Beschluss vom 24. November 2017 wurde dieser als Gutachter bestellt
und beauftragt, die Frage zu beantworten, ob der Geschädigte C._ am 31.
Januar 2016 das 16. Altersjahr bereits zurückgelegt hatte bzw. ob er am
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31. Januar 2016 16 Jahre alt gewesen war (Urk. 57). Das Altersgutachten ging
am 1. Februar 2018 beim Obergericht ein (Urk. 60/1-2). Mit Präsidialverfügung
vom 6. Februar 2018 wurde es den Parteien sowie dem Beistand des Geschädig-
ten zugestellt (Urk. 64). Mit Eingabe vom 9. Mai 2018 stellte der Verteidiger er-
neut den Beweisantrag, es sei ein Sprachgutachten (wortprotokollarisch durch ei-
nen unabhängigen Dolmetscher) zu erstellen, zur Klärung der Frage, ob die Aus-
führungen des Geschädigten (Videoaufnahmen) im schriftlich erfassten Protokoll
richtig wieder gegeben worden seien (Urk. 72).
1.5. Am 4. Juni 2018 fand die Berufungsverhandlung statt (Prot. II S. 11 ff.).
2. Umfang der Berufung
2.1. In seiner Berufungserklärung vom 11. August 2017 liess der Beschuldigte
bis auf die Dispositivziffer 4 (Absehen von der Anordnung eines Tätigkeitsver-
botes) ausdrücklich die Ziffern 1 bis 3 (Schuldspruch und Strafe) und damit sinn-
gemäss sämtliche Dispositivziffern (Kostenfolgen etc.) anfechten (Urk. 33). Der
Beschuldigte beantragt zudem die Zusprechung einer Genugtuung und einer Um-
triebsentschädigung sowie eine Entschädigung für Einkommensausfall (Urk. 33,
Urk. 89). Die Staatsanwaltschaft beantragt in ihrer Anschlussberufung, dass das
Urteil der Vorinstanz mit Ausnahme der Ziffern 3 und 4 des Urteilsdispositivs zu
bestätigen sei. In Aufhebung von Ziffer 4 des Urteilsdispositivs sei der Beschuldig-
te mit einem Tätigkeitsverbot im Sinne von Art. 67 Abs. 2 StGB für die Dauer von
3 Jahren zu bestrafen. Für den Fall des Verzichts eines Tätigkeitsverbots durch
das Gericht sei Ziffer 3 des Urteilsdispositives aufzuheben und der Beschuldigte
sei mit einer unbedingten Strafe zu belegen (Urk. 38, Urk. 92).
2.2. Das vorinstanzliche Urteil ist demnach in sämtlichen Punkten angefochten
und steht im Rahmen des Berufungsverfahrens vollumfänglich zur Disposition.
3. Vorfrage / Beweisantrag Sprachgutachten
3.1. Die Verteidigung hat nach Abweisung des Beweisantrags auf Erstellung ei-
nes Sprachgutachtens ein privates Gutachten durch D._ erstellen lassen
(Urk. 74/1). Weiter hat die Verteidigung eine exemplarische Gegenüberstellung
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der divergierenden Übersetzungen der Videoaufnahme vom 8. März 2016 durch
D._ und der durch die Polizei beigezogenen Dolmetscherin E._ einge-
reicht (Urk. 74/1). Der Verteidiger macht insbesondere geltend, der Geschädigte
habe in der Befragung nicht von einem Reiben des Gliedes an seinem Hintern
durch den Beschuldigten gesprochen, sondern davon, dass der Beschuldigte "mit
dem Körper seinen Po berührt habe, einmal habe er dagegen geschlagen". Die
Verteidigung weist daraufhin, dass der Geschädigte in der Einvernahme vom
24. April 2016 zwar tatsächlich gesagt habe, dass "der Penis des Beschuldigten
an seinem Po geklebt habe", was aber darauf zurückgeführt werden müsse, dass
in der ersten Einvernahme quasi darauf hingearbeitet worden sei, dass dies der
Geschädigte zur Aussage bringen solle (Urk. 72 S. 3). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung stellte der Verteidiger vorfrageweise die Korrektheit der Übersetzun-
gen der Einvernahmen des Geschädigten in Frage und verlangte in diesem Zu-
sammenhang erneut die Einholung eines Sprachgutachtens. Die Vorfrage wurde
durch das Gericht abgewiesen, zumal die Einvernahmen des Geschädigten for-
mell korrekt durchgeführt worden sind (Prot. II S. 13.f., Urk. 84).
3.2. Es ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass bereits in der von F._ ver-
fassten sog. Erstmeldung bezüglich des Vorfalls in der MNA-Aussenstelle
G._ (Urk. 1/3) – also noch vor den Befragungen durch die
Polizei und den entsprechenden Übersetzungen durch die amtlich beigezogene
Dolmetscherin E._ – die Aussage des Geschädigten wiedergegeben wurde,
wonach der Beschuldigte ihn von hinten umfasst habe und er gleichzeitig seine
Lende an die Hüfte/ den Po des Geschädigten gepresst habe, wobei der Be-
schuldigte sexuell erregt gewesen sei. Der Geschädigte habe durch die Kleider
gespürt, wie der Penis erigiert gewesen sei (Urk. 1/3). Auch der Zeuge H._
sagte aus, der Geschädigte habe ihm – ebenfalls vor den polizeilichen Befragun-
gen – gesagt, der Beschuldigte habe ihn mit dem Rücken zu ihm nach hinten ge-
zogen und dass der Beschuldigte einen erigierten Penis gehabt habe und sich an
ihm (dem Geschädigten) gerieben habe (Urk. 4/4 Antwort 16). Er, H._, habe
sich das Vorgefallene vom Geschädigten in einem Rollenspiel mit vertauschten
Rollen zeigen lassen (Urk. 4/4 Antwort 19). Die Zeugin I._ erklärte auf Vor-
halt der Erstmeldung, dass diese aufgrund ihrer Schilderung und derjenigen von
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H._ erstellt worden sei (Urk. 4/5 Antwort 32). Damit erscheint das Vorbringen
der Verteidigung, die Dolmetscherin habe das zentrale Element der Aussage des
Geschädigten "Genital an Po-Reiben" von sich aus als Aussage des Geschädig-
ten eingeführt, als wenig überzeugend. Es kann daher grundsätzlich davon aus-
gegangen werden, dass die Übersetzungen im Gesamtzusammenhang zutreffend
sind. Wie weiter unten noch aufzuzeigen sein wird, handelte es sich allerdings wie
von der Verteidigung zutreffend vorgebracht, um schwierige Befragungen mit teil-
weise unklaren und ungenauen Angaben des Geschädigten. Von daher kann
nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Passagen wenig wortgetreu, son-
dern sinngemäss übersetzt wurden. Im Weiteren wird, soweit nötig, auf den Be-
weisantrag im Rahmen der Prüfung des Sachverhalts einzugehen sein.
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten, der zum damaligen Zeitpunkt als Asylbetreuer bzw. Nacht-
wache im Asylunterkunftsheim an der G._-strasse in Zürich arbeitete, wird
vorgeworfen, den dort wohnhaften, damals 15-jährigen Geschädigten C._
am 31. Januar 2016 zwischen ca. 20.00 bis 22.00 Uhr von hinten gehalten, an
sich gezogen und seinen Unterleib mit erigiertem Glied von hinten am Ge-
säss/Rücken des Geschädigten gerieben zu haben. Dabei habe der Beschuldigte
gewusst, eventualiter in Kauf genommen, dass der Geschädigte noch keine 16
Jahre alt gewesen sei (Urk. 13/5).
2. Standpunkt Beschuldigter
Der Beschuldigte bestritt diesen Vorwurf von Beginn weg der Untersuchung voll-
umfänglich. Er schilderte, der Geschädigte sei zum fraglichen Zeitpunkt zwar
für einige Minuten alleine mit ihm in seinem Büro gewesen, es sei aber zu keinen
sexuellen Handlungen gekommen (Urk. 2/1-4, Prot. I S. 11 ff.).
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3. Grundsätze der Beweiswürdigung
3.1. Das Gericht legt seinem Urteil denjenigen Sachverhalt zugrunde, den es aus
seiner freien, aus der Hauptverhandlung und aus den Untersuchungsakten ge-
schöpften Überzeugung als verwirklicht erachtet (Art. 10 Abs. 2 StPO). Gemäss
diesem Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung entscheidet das Ge-
richt, ob es die eingeklagten Tatsachen für erwiesen hält oder nicht. Der Richter
hat demzufolge die Aufgabe, seinem Gewissen verpflichtet in objektiver Würdi-
gung des gesamten Beweisergebnisses zu prüfen, ob er von einem bestimmten
Sachverhalt überzeugt ist und an sich mögliche Zweifel an dessen Richtigkeit zu
überwinden vermag (BGE 127 I 38 E. 2.a.; BGE 124 IV 86 E. 2.a.; BGE 120 Ia 31
E. 2.c.).
3.2. Gemäss der in Art. 9 und Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK sowie
Art. 10 Abs. 3 StPO verankerten Maxime "in dubio pro reo", ist bis zum letztend-
lichen Nachweis der Schuld des Beschuldigten von dessen Unschuld auszuge-
hen. Daraus folgt, dass in einem Strafprozess an den Beweis von Täterschaft und
Schuld besonders hohe Anforderungen zu stellen sind. Ein Schuldspruch darf nur
dann erfolgen, wenn die Schuld des Beschuldigten mit hinreichender Sicherheit
erstellt ist, mit anderen Worten, wenn Beweise dafür vorliegen, dass der Be-
schuldigte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den ihm zu Last gelegten
Straftatbestand verwirklicht hat. Die Überzeugung des Richters muss auf einem
verstandsgemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen
Beobachter nachvollziehbar sein (HAUSER/SCHWERI/HARTMANN, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. Aufl., Basel 2005, § 54 N 11 ff.). Bestehen nach abge-
schlossener Beweiswürdigung erhebliche und unüberwindbare Zweifel, so sind
diese zugunsten des Beschuldigten zu werten. Erheblich sind Zweifel, die sich
nach der objektiven Sachlage aufdrängen und sich jedem kritischen Menschen
stellen. Blosse abstrakte oder theoretische Zweifel sind nicht massgebend, da
solche immer möglich sind (SCHMID, Handbuch des schweizerischen Straf-
prozessrechts, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, N 233 ff.; HAUSER/SCHWERI/
HARTMANN, a.a.O., § 54 N 12).
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3.3. Stützt sich die Beweisführung im Wesentlichen auf die Aussagen von Betei-
ligten, so sind diese frei zu würdigen. Beim Abwägen von Aussagen ist im Beson-
deren zwischen der Glaubwürdigkeit einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer
Aussagen zu unterscheiden. Während erstere Grundlage dafür liefert, ob einer
Person getraut werden kann, ist letztere für die im Prozess massgebende Ent-
scheidung bedeutungsvoll, ob sich der Sachverhalt zur Hauptsache so zugetra-
gen hat oder nicht. Die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person ergibt sich nebst
ihrer prozessualen Stellung vor allem aus den persönlichen Beziehungen und
Bindungen zu den übrigen Prozessbeteiligten.
3.4. Der Glaubwürdigkeit einer Person kommt nach Lehre und stetiger Recht-
sprechung eine untergeordnete Rolle zu. Für die Sachverhaltserstellung ist viel-
mehr der materielle Gehalt, sprich die Glaubhaftigkeit der Aussagen massgebend
(BGer 6B_692/2011 vom 9. Februar 2012 E. 1.4.; BGE 133 I 33 E. 4.3.; je
m.w.H.). Selbsterlebte Geschehnisse können für gewöhnlich spontan aus dem
Gedächtnis abgerufen werden, ohne dass es dafür einer vertieften Reflexion res-
pektive eines weitergehenden Denkprozesses bedarf. Demgegenüber ist die
Schilderung einer unwahren beziehungsweise bewusst inkorrekten Sachdar-
stellung weitaus schwieriger, weil der Erzähler sich entscheidende Details laufend
selbst ausdenken und den Faden weiterspinnen muss, indem er unter Berück-
sichtigung logischer und empirischer Zusammenhänge erfundene Behauptungen
mit unbestrittenen Fakten verwebt. Zudem ist das Erinnerungsvermögen an er-
fundene Einzelheiten weitaus geringer als bei tatsächlich Erlebtem, weshalb sich
der Erzählende seine unwahre Geschichte gleichzeitig tief ins Gedächtnis einprä-
gen muss, um sich später nicht in Widersprüche zu verwickeln. Diese unter-
schiedlichen Denkprozesse – die blosse Wiedergabe von Erinnerungen einerseits
und das Kreieren einer wenn auch nur teilweisen unwahren, abgeänderten Versi-
on andererseits – hinterlassen Spuren in den Aussagen und dem Aussage-
verhalten. Unwahre Schilderungen enthalten fast immer Ungereimtheiten oder
Wendungen und Details, die unnatürlich erscheinen. Die Lehre spricht dabei von
fehlenden Realitätskriterien einerseits und vorhandenen Lügensignalen anderer-
seits (vgl. zum Ganzen: BENDER/NACK/TREUER, Tatsachenfeststellung vor Gericht,
4. Aufl., München 2014, N 313 ff.).
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4. Beweismittel
Zur Erstellung des strittigen Sachverhalts dienen vorliegend im Wesentlichen die
Aussagen des Geschädigten (Urk. 3/1-6) sowie die Aussagen des Beschuldigten
(Urk. 2/1-4). Als weitere Beweismittel liegen Aussagen der Zeugen J._ (Mit-
bewohner Geschädigter), K._ (Mitbewohner Geschädigter), H._ (Sozial-
pädagoge/Betreuer Unterkunft G._) und
I._ (Sozialpädagogin/Betreuerin Unterkunft G._) vor (Urk. 4/2-5). Diese
Zeuginnen und Zeugen berichten gestützt auf Hörensagen, weshalb für die Sach-
verhaltserstellung lediglich ergänzend auf deren Aussagen abgestellt werden
kann. Die polizeiliche Befragung des Beistands des Geschädigten, L._ (Urk.
4/1) kann (lediglich) zugunsten des Beschuldigten beigezogen werden. Sodann
wurde wie oben ausgeführt ein medizinisches Gutachten zum Alter des Geschä-
digten eingeholt (Urk. 68).
5. Alter des Geschädigten
B._, Facharzt für Rechtsmedizin, kommt in seinem Gutachten vom 30. Janu-
ar 2018 zum Schluss, dass die getätigten Befunde darauf schliessen lassen, dass
der Geschädigte im Zeitpunkt der Untersuchung am 25. Januar 2018 ein durch-
schnittliches Alter von 15 - 17 Jahre gehabt habe und für den Zeitpunkt vom 31.
Januar 2016 zwingend von einem Alter von unter 16 Jahren auszugehen sei (Urk.
60/1 S. 5). Das auch vom Institutsleiter und Chefarzt des Instituts für Rechtsmedi-
zin Aarau, M._, unterzeichnete Gutachten erscheint sorgfältig, umfassend
und schlüssig. Es wurden Geschlechtsreife und anthropometrische Daten, Ske-
lettalter und Zahnalter untersucht und ausgewertet. Auch wurde der Einfluss der
ethnischen Zugehörigkeit – der Geschädigte ist Eritreer – miteinbezogen. Es be-
steht daher kein Anlass, das Gutachten mit den verständlich dargelegten Schluss-
folgerungen in Zweifel zu ziehen. Die Erkenntnisse des Gutachters decken sich
sodann mit denjenigen aus dem Asylverfahren, in welchem beim Geschädigten
eine Handwurzelknochenanalyse durchgeführt wurde und von einem Geburtsda-
tum am tt.mm.2001 ausgegangen wurde (Urk. 50/2 S. 9). Es ist demnach erstellt,
dass der Geschädigte – wie in der Anklage aufgeführt – am 31. Januar 2016 noch
nicht 16 Jahre alt gewesen war.
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6. Glaubwürdigkeit der Beteiligten
6.1. Zur Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist festzuhalten, dass er als be-
schuldigte Person einvernommen und somit nicht unter der Strafandrohung von
Art. 307 StGB zu wahrheitsgemässen Aussagen verpflichtet wurde. Er hat als di-
rekt vom Ausgang des vorliegenden Strafverfahrens Betroffener ein durchaus
nachvollziehbares Interesse daran, sich selber nicht oder bloss zurückhaltend zu
belasten beziehungsweise die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht dar-
zustellen. Seine Aussagen sind unter diesem Gesichtspunkt mit Vorsicht zu wür-
digen.
6.2. Was die Glaubwürdigkeit des Geschädigten betrifft, so ist zu berücksich-
tigen, dass er bei der zweiten Befragung durch die Polizei (in Vertretung der
Staatsanwaltschaft) als Zeuge einvernommen wurde und er unter der Androhung
von Strafen – Aufräumarbeiten, Putzen oder allenfalls Gefängnis – aussagte, was
in der Regel eine erhöhte Glaubwürdigkeit der befragten Person mit sich bringt.
Sodann hat er auf seine Stellung als Privatkläger und auf die Stellung von Genug-
tuungs- und Schadenersatzforderung verzichtet, so dass keine finanziellen Inte-
ressen am Ausgang des Verfahrens bestehen. Dennoch ist hinsichtlich der
Glaubwürdigkeit des Geschädigten einschränkend festzuhalten, dass er etwa von
der Sozialpädagogin I._ zwar als freundlich, sehr dynamisch, gleichzeitig
aber auch als etwas hyperaktiv beschrieben wurde. Er versuche manchmal, die
Sozialpädagogen gegenseitig auszuspielen. Dies vor allem dann, wenn er etwas
von ihnen wolle (z.B. ein Trambillet, Geld oder einen Vorschuss). Der Geschädig-
te mache dann einfach etwas Druck und "erzähle und erzähle", so dass er sein
Ziel erreichen könne. Es sei schon ein Thema, dass der Geschädigte sich
manchmal unehrlich verhalte. Er sage nicht unbedingt immer die Wahrheit, wenn
er etwas von ihnen (also den Betreuern) wolle. Sie beschrieb ihn, als eine sehr
energische Person die sehr viel rede und als einer der Jugendlichen, der immer
wieder andere Jugendlichen provoziere und daher in Konflikte und Schlägereien
involviert sei und andere Jugendliche nicht gerne mit ihm im Zimmer seien
(Urk. 4/5 S. 8). Auch gab I._ auf Befragen hin an, dass der Geschädigte am
Montagmorgen nach dem Vorfall gemäss Anklage bei der (reduzierten) Aus-
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zahlung von Taschengeld wütend gewesen sei und zu dem Beschuldigten – als
dieser versucht habe ihn zu beruhigen – gesagt habe, er solle die Klappe halten
oder dies zumindest mit Gestik sinngemäss ausdrückte. Sie habe den Geschädig-
ten schon bei anderen Gelegenheiten "hässig" erlebt und dass er wütend auf die
Sozialpädagogen gewesen sei, wenn er sanktioniert worden sei (Urk. 4/5 S. 5 und
7). Auch der Sozialpädagoge H._, Bezugsperson des Geschädigten, führte
aus, dass er den Geschädigten am fraglichen Montagmorgen aber auch sonst
mehrfach aufgebracht, empört und echauffiert erlebt habe. Der Geschädigte, den
H._ grundsätzlich als sympathisch, aufgestellt und humorvoll bezeichnete,
sei manchmal verbal etwas laut gewesen und habe bezüglich seiner Rolle unter
den Jugendlichen eher im Abseits gestanden. Er (H._) habe manchmal ver-
bale Auseinandersetzungen mit dem Geschädigten gehabt, wenn dieser so laut
gewesen sei (Urk. 4/4 S. 4 und 6 f.). Wie oben ausgeführt, ist sodann davon aus-
zugehen, dass der Geschädigte am 21. Januar 2016 noch nicht 16 Jahre alt ge-
wesen war. Damit erweist sich aber seine Altersangabe im Rahmen des Asylver-
fahrens als falsch bzw. als Lüge. Er hat somit im Rahmen jenes Verfahrens ge-
genüber den Behörden in der Befragung vom 18. Juni 2015 unehrlich angegeben,
am tt.mm.1998 geboren und 17 Jahre alt zu sein. Auf mehrmaliges Nachfragen
hat er damals zwar eingeräumt, das sei vielleicht verkehrt, aber nachgeschoben,
mit seiner Schwester gesprochen zu haben, welche nach Eritrea telefoniert habe
und dort habe es ein Papier, in welchem dies genau so stehe (Urk. 50/2 S. 3). Als
dem Geschädigten eröffnet wurde, man halte ihn aus diversen Gründen (u.a.
Handwurzelknochenanalyse) für jünger, erklärte er, er wolle einfach nicht, dass es
im zweiten Interview heisse, er haben gelogen. Weiter blieb er dabei, dass in den
Unterlagen seiner Heimat das Datum von 1998 drin sei (Urk. 50/2 S. 9). Es be-
steht kein Grund anzunehmen, dass in den amtlichen Papieren seines Heimat-
landes ein falsches Geburtsdatum verzeichnet ist oder dass die Schwester des
Geschädigten ihm diesbezüglich falsche Angaben gemacht und der Geschädigte
tatsächlich nicht wusste, in welchem Jahr er geboren wurde. Es ist mithin davon
auszugehen, dass er gegenüber der befragenden Beamtin bewusst falsche An-
gaben über sein Alter machte, um sich Vorteile zu verschaffen. Es lässt sich somit
festhalten, dass der Geschädigte zu seinem Vorteil auch gegenüber Behörden ei-
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ne Lüge vorgebracht hat und er sich gegenüber Erwachsenen auch respektlos
und verbal laut und auch unehrlich verhalten kann. Seine Aussagen sind von da-
her jedenfalls mit entsprechender Vorsicht zu würdigen. Weiter ist zu berücksich-
tigen, dass der Geschädigte sich doch sehr pauschal dahingehend äusserte – der
Beschuldigte ist Sudanese, der Geschädigte Eritreer – zu wissen, was die Suda-
nesen damals mit den Eritreern gemacht hätten; nämlich dass die Sudanesen Ju-
gendliche vergewaltigt hätten (act. 3/2, 00:27 ff.). Der Geschädigte hat hier offen-
sichtlich ein vorurteilsbelastetes Bild von Sudanesen, was ebenfalls Anlass ist,
seine Aussagen in diesem Verfahren zurückhaltend zu würdigen.
6.3. Die Zeugen I._ und H._ haben unter der strengen Strafandrohung
von Art. 307 StGB ausgesagt und es ist bei ihnen kein Interesse am Ausgang des
Verfahrens ersichtlich. Dies bringt in der Regel eine erhöhte Glaubwürdigkeit der
befragten Person mit sich. Es ist aber zu beachten, dass beide Zeugen sowohl
den Beschuldigten als Mitarbeiter und den Geschädigten als von ihnen zu betreu-
ende Person kennen. Auch ihre Aussagen sind daher mit einer gewissen Vorsicht
zu würdigen. Ähnliches gilt für die Zeugen J._ und K._. Auch sie wurden
als Zeugen unter der strengen Strafandrohung von Art. 307 StGB einvernommen
und haben kein ersichtliches Interesse am Ausgang des Verfahrens, kennen aber
sowohl den Geschädigten als auch den Beschuldigten. Bezüglich aller vier Zeu-
gen ist festzuhalten, dass sie beim angeklagten Geschehen nicht zugegen waren
und sich dementsprechend nur über die äusseren Umstände der Situation äus-
sern konnten. Es sind daher vorab die Aussagen des Geschädigten und des Be-
schuldigten von massgeblicher Bedeutung und hinsichtlich ihrer Glaubhaftigkeit
zu prüfen.
7. Glaubhaftigkeit der Aussagen
7.1.1. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass die Aussagen des Geschädigten
grundsätzlich glaubhaft seien (Urk. 31A S. 6-11). Er habe den Vorfall in beiden
Einvernahmen grundsätzlich identisch geschildert insbesondere auch betreffend
Details. So habe der Geschädigte beispielsweise wiederholt ausgeführt, der Be-
schuldigte habe ihm Komplimente für seine Kleider gemacht und gesagt, er habe
schöne grosse Hände (Urk. 3/1, 3/2 00:12:51 ff., 00:15:13 ff., 01:30:20 ff., Urk. 3/5
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00:37:30 ff., 00:47:58 ff., Urk. 3/6), dass sie zuerst oben (Büro im oberen Stock)
gewesen seien, der Beschuldigte ihn in den unteren Raum zum Tee und Video
eingeladen habe (Urk. 3/1, 3/2 00:13:30 ff., 00:48:40 ff., Urk. 3/5 00:14:30 ff.,
00:25:02 ff., 00:51:15 ff., Urk. 3/6), dass der Beschuldigte ihm gesagt habe, er sol-
le zuerst reingehen (Urk. 3/1, 3/2 00:17:26 ff., Urk. 3/5 00:33:50 ff., Urk. 3/6), dass
der Beschuldigte ihm gesagt habe, er solle aufstehen, er wolle messen wie gross
er sei (Urk. 3/1, 3/2 00:17:55 ff., Urk. 3/5 00:33:40 ff., Urk. 3/6) und dass der Be-
schuldigte ihn überall angefasst habe, an Armen, Händen und Kopf und ihn ge-
fragt habe, ob es ihm am Rücken, den Armen, am Kopf oder am Hals wehtue und
ihn an den jeweiligen Körperstellen berührt habe (Urk. 3/1, 3/2 00:15:00 ff.,
00:22:50 ff., 01:40:20 ff., Urk. 3/5 00:37:20 ff., Urk. 3/6). Es sei, so die Vorinstanz,
nicht plausibel, dass der Geschädigte solche Details erfunden hätte. Sie erachtete
die Schilderungen des Geschädigten im Weiteren als plausibel, authentisch und
realitätsgetreu. Dies insbesondere hinsichtlich der Schilderungen des Geschädig-
ten, dass der Beschuldigte ihm gesagt habe, er solle aufstehen, damit dieser sei-
ne Grösse messen könne und er bereits da geahnt habe, was der Beschuldigte
vorhaben könnte und Angst bekommen habe (vgl. Urk. 31A S. 7). Des Weiteren
hinsichtlich der Schilderung, dass der Beschuldigte beim Reiben seines steifen
Genitals an seinem Gesässbereich gelächelt habe und ihn überall mit den Hän-
den berührt sowie ihn festgehalten habe, als er Sexbewegungen gemacht habe.
Die Vorinstanz zitiert weiter die Umschreibung des Geschädigten, wonach der
Beschuldigte in einer sehr komischen Stimmung gewesen und ein tiefes sexuelles
Gefühl gehabt habe. Das habe er, der Geschädigte, fühlen können. Nachdem der
Geschädigte bemerkt habe, dass der ihn von hinten umarmende Beschuldigte ihn
nicht loslasse, habe er ihn weggestossen und gesagt, er müsse jetzt weg, auf die
Toilette. Der Beschuldigte habe ihn Gott sei dank gehen lassen. Die Türe sei ab-
geschlossen gewesen, er habe sie aufgeschlossen (vgl. Urk. 31A S. 7, Urk. 3/1,
Urk. 3/2 00:22:34 ff., 00:24:40, 00:39:20 ff., 00:42:29 ff., 00:46:20 ff., Urk. 3/5
00:17:27 ff., 00:33:45 ff., 00:36:32 ff., 00:38:50 ff., 00:46:20 ff., 00:53:55 ff.,
01:18:30 ff., Urk. 3/6). Weiter erscheine es lebensnah, dass der Geschädigte den
Vorfall seinem Freund N._ erzählt habe und wie dieser reagiert habe (Urk.
31A S. 8, Urk. 3/1, Urk. 3/2 00:44:50 ff., Urk. 3/5 00:41:00 ff., Urk. 3/6). Für die
- 16 -
Glaubhaftigkeit des Geschädigten spreche ferner, dass er auf übermässige Belas-
tungen und Übertreibungen verzichtet habe. Er habe den Beschuldigten vielmehr
grundsätzlich positiv geschildert (Urk. 31A S. 8 f.). Schliesslich habe der Geschä-
digte seine eigenen Gefühle, dass er sich schlecht gefühlt habe, sich geschämt
habe darüber zu sprechen, einerseits Angst gehabt habe, anderseits nicht ge-
wusst habe, ob er den Beschuldigten schlagen solle, lebensnah geschildert (vgl.
Urk. 31A S. 6-10). In der Tat hat der Geschädigte insoweit ein durchaus stimmi-
ges und plausibles Geschehen mit einigen Details geschildert, welches den Ein-
druck erweckt, dass er tatsächlich Erlebtes schildert. Entscheidend sind indessen
die nachfolgenden Widersprüche, welche ein anderes Bild ergeben.
7.1.2. Bereits die Vorinstanz hat darauf hingewiesen, dass doch einige wider-
sprüchliche Angaben gemacht wurden. So hat der Geschädigte etwa in der ersten
Befragung vom 8. März 2016 angegeben, der Vorfall mit dem Reiben des Gliedes
habe drei Minuten gedauert (Urk. 3/1 S. 3, 3/2 00:47:41 ff.). In der zweiten Befra-
gung vom 25. April 2016 gab er an, dies sei fünf bis zehn Minuten so gegangen
(Urk. 3/5 00:38:09 ff., Urk. 3/6 S. 2). Die Vorinstanz bringt zwar zutreffend vor,
dass es schwierig sei eine Zeitdauer rückblickend einzuschätzen. Dennoch er-
scheint diese grosse Differenz von drei bis allenfalls gar zehn Minuten doch be-
trächtlich. Vor allem fällt auf, dass der Geschädigte im Verlaufe des Verfahrens
diesen Zeitraum verdreifacht mithin massiv verlängert. Insbesondere ist sodann
die Schilderung des strafbaren Geschehens mit den sexuellen Handlungen in die-
sen drei, fünf oder gar zehn Minuten sehr dürftig, knapp, detailarm und eigenartig
blass. Der Geschädigte schildert im Wesentlichen lediglich, dass ihn der Beschul-
digte an Händen etc. berührt habe und sein Glied am Gesäss/Rücken gerieben
habe. Es wäre zu erwarten, dass bei einem solch länger andauernden Gesche-
hen von einigen Minuten mehr Eindrücke hängen bleiben z.B. hinsichtlich Ge-
räuschen, Stille, was alles besprochen wurde etc. Es fällt weiter auf, dass der Ge-
schädigte nicht konkret oder annährend anschaulich angab, wie (wo, wie fest etc.)
ihn der Beschuldigte denn in diesen Minuten so festgehalten habe, dass er ihn
daran gehindert habe, wegzugehen. Er gab vor allem an, der Beschuldigte habe
ihn "berührt", so wie wenn er ihn "verführen" wolle (Urk. 3/2 00:29:15 ff., Urk. 3/1
S. 2). Der Beschuldigte haben ihn überall berührt, "umarmt". Er vermute, der Be-
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schuldigte habe vorgehabt, ihn zu "verführen" (Urk. 3/2 00:23:56 - 00:25:28 ff,
Urk. 3/1 S. 2). Der Geschädigte beschreibt jedenfalls kein Packen oder Festhalten
durch den Geschädigten, so dass er sich nicht hätte wegbegeben können. Es fin-
det sich vielmehr die etwas sonderliche Aussage, er habe, nachdem er bemerkt
habe, dass ihn der Beschuldigte nicht loslasse, diesen weggestossen (act. 3/2
00:42:29 ff., act. 3/5 00:38:56 ff. und 00:53:57 ff.). Diese Aussage ist schwer ver-
ständlich vor dem Hintergrund, dass dieses Geschehen drei, fünf oder zehn Minu-
ten gedauert habe. Im Weiteren war das Wegstossen offenbar keineswegs
schwierig. Der Geschädigte hat auch nicht vorgebracht, dass er während dieser
langen Zeitdauer tatsächlich je erfolgslos versucht habe, sich wegzubewegen. Er
hat im Übrigen an anderer Stelle ausgeführt, dem Beschuldigten lediglich gesagt
zu haben, er müsse auf die Toilette, woraufhin er (ohne irgendwelchen Wider-
stand durch den Beschuldigten) weggegangen sei und hat dabei nichts von einem
"wegstossen" des Beschuldigten erwähnt. Nicht verständlich ist sodann, wie der
Geschädigte festgestellt haben will, dass der hinter ihm stehende Beschuldigt bei
diesem Geschehen gelächelt haben will, nachdem er nicht nach hinten geschaut
habe. Letzteres hat schon die Vorinstanz hervorgehoben. Es ist somit festzuhal-
ten, dass der Geschädigte den eigentlichen sexuellen Übergriff jedenfalls nicht
wirklich konkret und detailliert schildert und seine Angaben hinsichtlich "Festhal-
ten" und "Wegstossen" wenig anschaulich und teilweise inkonstant sind.
Der Geschädigte hat sodann angegeben, der Beschuldigte habe ihn zuerst
auf seinen Schoss gesetzt, auf sein Bein gezogen und er habe dabei seinen Pe-
nis gespürt. Er habe bereits geahnt, was der Beschuldigte (der einen fremden
Gesichtsausdruck angenommen habe) vorhabe (vgl. Urk. 3/1 S. 2 und S. 4,
Urk. 3/2 00:15:03 ff., 01:05:00 ff., 01:08:10 ff.). Wann und wo genau (im Büro im
oberem Stock oder im Büro im unteren Stock) sich dies abgespielt habe, hat der
Geschädigten in der Einvernahme vom 8. März 2016 widersprüchlich bzw. zu-
mindest unklar ausgeführt. Aus seiner Aussage zu Beginn der Befragung ergibt
sich aus dem Zusammenhang, dass dies noch vor dem Vorfall im Büro im oberen
Stock gewesen sei. Nämlich nach der Begrüssung, wo viele Leute rein und raus
gegangen seien und wo sich offensichtlich auch sein Kollege N._ aufge-
halten habe (Urk. 3/2 01:08:10 ff., 00:15:03 ff.). Zwischenzeitlich meinte der Ge-
- 18 -
schädigte hingegen, er sei rein gegangen, um einen Film anzuschauen und habe
dann auf dessen rechten Bein sitzen müssen (Urk. 3/2 01:05:00 ff.), was sinn-
gemäss auf das Büro im unteren Stock hinweist, wo der Vorfall stattgefunden ha-
ben soll. Dies wird vom Geschädigten in der Folge denn auch korrigiert. In der
Erstmeldung (die sich offenbar auf die Angaben des Geschädigten gegenüber
seinem Beistand O._ und weiteren Personen stützt; vgl. Urk. 1/2, Urk. 4/5 S.
4, Urk. 4/4 S. 3) ist diese Episode mit dem auf den Schoss nehmen nicht erwähnt
(Urk. 1/3), was doch etwas erstaunt. In der zweiten Befragung vom April 2016 hat
der Geschädigte dies zwar erneut bestätigt, allerdings erst auf Nachfrage hin, wo-
bei er nicht erwähnt, dass er dabei den Penis des Beschuldigten gespürt und ge-
wusst habe, was der Beschuldigte vorhabe (Urk. 3/5 00:52 ff.). Dies ist schwer
verständlich, sind dies doch wichtige Umstände. So oder so – und das ist das
entscheidende – erstaunt es aber, dass der Geschädigte trotz dieser Vorge-
schichte (auf den Schoss nehmen im Büro im oberen Stock mit Spüren Penis und
Ahnen was kommt) im unmittelbaren Anschluss daran freiwillig mit dem Beschul-
digten nach unten gegangen sein will, um einen Video zu schauen. Dies erscheint
wenig plausibel und nachvollziehbar, was bereits die Vorinstanz zutreffend fest-
gestellt hat (Urk. 31A S. 11). Hervorzuheben ist, dass der Geschädigte an anderer
Stelle selber dazu im Widerspruch angibt, wenn er geahnt hätte, was der Be-
schuldigte vorhabe, hätte er sich distanziert (Urk. 3/2 53:00 ff.). Anzufügen ist,
dass es ohnehin schwer vorstellbar erscheint, dass der Beschuldigte als Nacht-
wächter/Betreuer einen rund 15-jährigen Heimbewohner in einem Raum in dem –
nach eigenen Angaben des Geschädigten – viele Leute rein und raus gegangen
seien und offenbar noch weitere Personen (zweite Nachtwache P._ [oder
...], sein Freund N._) anwesend gewesen seien (in erregtem Zustand) auf
seinen Schoss setzt. Ein solches Benehmen wäre zweifellos ungewöhnlich und
aufsehenerregend sowie wohl ein Verstoss gegen die Hausordnung gewesen.
Dass der Beschuldigte dies in Anwesenheit Dritter und bei einem Kommen und
Gehen von vielen Leuten in diesem Büro tun sollte, erscheint jedenfalls wenig
nachvollziehbar. Die Vorinstanz hat in diesem Zusammenhang (also wie es dazu
gekommen sei, dass der Geschädigte vom Büro im oberen Stock ins Büro in den
unteren Stock gegangen sei) auf einen weiteren Widerspruch in den Aussagen
- 19 -
des Geschädigten hingewiesen (Urk. 31A S. 10 unten). In der ersten Einvernah-
me vom 8. März 2016 schilderte der Geschädigte noch, dass N._ (hier ist of-
fenbar sein Kollege N._ und nicht die zweite Nachtwache gemeint) ihn zu
sich gerufen habe und der Beschuldigte während seines Gesprächs mit N._
ihn dreimal gerufen habe, worauf er nicht reagiert habe. Erst auf Aufforderung von
N._ hin sei er zusammen mit diesem zum Beschuldigten gegangen. Der Be-
schuldigte und er seien dann in das untere Büro gegangen und N._ sei weg-
gegangen (Urk. 3/1 S. 4, Urk. 3/2 00:15:28 ff., 01:09:23 ff.). In der zweiten Befra-
gung vom April 2016 erwähnt der Geschädigte im Gegensatz zur ersten Einver-
nahme so etwas nicht. Es lässt sich somit jedenfalls festhalten, dass der Geschä-
digte in zentralen Punkten (Penis gespürt, gewusst haben, was der Beschuldigte
vorhabe und dem weiteren Ablauf bis zum unteren Büro) nicht konstant und wenig
plausibel und stimmig ausgesagt hat.
Ebenfalls inkonstant hat der Geschädigte dazu ausgesagt, ob die Türe im
unteren Büro abgeschlossen (gemeint mit einem Schlüssel) gewesen sei oder
nicht. Jedenfalls hat er in der ersten Befragung zuerst ausgeführt, er sei sich nicht
sicher (Urk. 3/1 S. 3, Urk. 3/2 00:46:26 ff.) und später auf Nachfrage hin angege-
ben, dass das Büro mit dem Schlüssel abgeschlossen gewesen sei (Urk. 3/1 S. 4,
Urk. 3/2 00:58:00 ff.) bzw. sinngemäss, dass der Beschuldigte das Büro abge-
schlossen habe, nachdem sie hineingegangen seien. Letztlich sagt er aber dann
doch in der zweiten Befragung, er wisse es nicht mehr (Urk. 3/5 01:19 ff.). Die von
der Verteidigung zitierte Aussage des Geschädigten, die zweite Nachtwache
P._ sei bei einem Kontrollgang ins Büro gekommen sei und habe Tee ge-
bracht (vgl. Urk. 24 Rz 14 i.V.m. Urk. 3/1 S. 3, Urk. 3/2 00:53:10 ff.), woraus man
klar schliessen müsste, dass das Büro nicht abgeschlossen gewesen sei, wurde
vom Geschädigten so nicht gemacht. Seine Aussage (P._ sei hineingekom-
men) bezog sich wohl auf das obere Büro. Es ist aber festzuhalten, dass er diese
Antwort nach der Schilderung des Übergriffs auf die Frage gab, ob jemand ihn
und den Beschuldigten im Büro gesehen habe (vgl. Urk. 3/1 S. 3 und Urk. 3/2
00:53:10 ff.), womit klar das untere Büro gemeint gewesen war. Auch hier zeigt
sich wie schwierig die Befragung verlief und wie unklar bzw. je nachdem auswei-
chend der Geschädigte aussagte. Es lässt sich jedenfalls festhalten, dass die
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Aussagen des Geschädigten auch zu diesem bedeutenden Punkt zumindest in-
konstant und teilweise unklar sind. Es erstaunt jedenfalls, dass er diesen doch
wichtigen Umstand, ob das Zimmer vom Beschuldigten von innen mit dem
Schlüssel abgeschlossen worden sei, nicht mehr in Erinnerung haben will. Hätte
ihm dies doch bei seinem Weggehen nach diesen langen Minuten auffallen müs-
sen. Bedeutsam ist dieser Umstand auch, weil aufgrund der Lebenserfahrung an-
zunehmen ist, dass ein Erwachsener eher einen sexuellen Übergriff auf ein Kind
wagt, wenn er nicht zu befürchten hat, dass ein Dritter plötzlich ins Zimmer
kommt.
7.1.3. Bereits an dieser Stelle ist sodann darauf hinzuweisen, dass es nicht wirk-
lich zum von Dritten geschilderten Charakter des Geschädigten passt, dass er
das von ihm geschilderte Verhalten des Beschuldigten – Berührungen und Reiben
des steifen Penis am Gesäss/Rücken – während drei bis fünf oder gar zehn Minu-
ten schweigend und ohne sich zu bewegen über sich ergehen lässt. Wie oben
ausgeführt, beschreiben ihn die Sozialpädagogen I._ und H._ als sehr
energischen, dynamischen, etwas hyperaktiven Jungen, der manchmal versuche,
die Sozialpädagogen gegeneinander auszuspielen und dabei dann Druck mache
und "erzähle und erzähle", um seinen Willen durchzusetzen. Er sei eine sehr
energische Person, die verbal laut werde und die sehr viel rede und andere pro-
voziere und auch gegenüber Erwachsenen – so auch gegenüber dem Beschul-
digten – respektlos sein könne. Es kann mit der Verteidigung festgehalten wer-
den, dass es sich beim Geschädigten jedenfalls nicht um einen schüchternen,
eher hilflosen Jungen handelt. Natürlich schliessen die erwähnten Charakter-
eigenschaften in keiner Weise aus, dass der jugendliche Geschädigte durch ein
überraschendes, übergriffiges Verhalten eines Erwachsenen völlig geschockt
oder überhaupt von der Situation emotional überfordert, zu keiner Reaktion fähig
gewesen war. Hält man sich aber vor Augen, dass das Geschehen mehrere Minu-
ten gedauert haben soll und der Geschädigte nicht wirklich festgehalten
bzw. fixiert worden war, überrascht, dass er sich – von seinen Betreuern be-
schrieben als energisch, dynamisch, verbal laut, provozierend und ständig am
"Reden/Erzählen" um seinen Willen durchzusetzen – während Minuten nicht ein-
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mal verbal gewehrt und nicht versucht haben will, sich zumindest etwas wegzu-
bewegen oder sich umzudrehen.
7.1.4. Divergierende Angaben liegen auch vor bezüglich des Umstands, ob im Bü-
ro im unteren Stock, wo der Übergriff stattgefunden haben soll, überhaupt ein Film
geschaut wurde bzw. welchen Film man habe schauen wollen. In der Erst-
meldung (Urk. 1/2) ist festgehalten, dass der Geschädigte zusammen mit dem
Beschuldigten im unteren Büro der Unterkunft gemeinsam auf dem Laptop einen
Film geschaut habe. Im Gespräch habe der Beschuldigte dann Fragen nach der
Körpergrösse des Geschädigten gestellt (Urk. 1/2). In der ersten Befragung vom
8. März 2016 betonte der Geschädigte, dies sei nur ein Vorwand gewesen, man
habe tatsächlich keinen Film geschaut (Urk. 3/2 00:48:40 ff.). In der Befragung
vom 25. April 2016 erläuterte der Geschädigte, dass er am fraglichen Abend mit
dem Beschuldigten nicht über Zigaretten (bzw. über die schädliche Wirkung von
Rauchen für die Jugendlichen) gesprochen habe und dass er nicht gewusst habe,
welchen Film (über Youtube) ihm der Beschuldigte habe zeigen wollen (Urk. 3/5
00:21 ff, 00:25:00 ff.). Wenn in der aufgrund von Angaben des Geschädigten ver-
fassten Erstmeldung ausgeführt wird, sie hätten zusammen einen Film geschaut
und der Geschädigte später angibt, man habe keinen Film geschaut, kann darin
kein widersprüchliches Aussageverhalten des Geschädigten selber gesehen wer-
den. Eine diesbezügliche allfällige Ungenauigkeit in der Erstmeldung darf dem
Geschädigten nicht nachteilig ausgelegt werden. Auch der Beschuldigte hat im
Übrigen angegeben, man habe dann tatsächlich kein Video angeschaut. Es fällt
aber auf, dass der Zeuge H._ ausdrücklich zu Protokoll gab, dass ihm der
Geschädigte (in den Gesprächen vor der Erstmeldung) erzählt habe, er habe in
jener Nacht im unteren Büro zusammen mit dem Beschuldigten ein Video auf Y-
outube geschaut, er (H._) glaube – er wisse es nicht mehr – es sei ums
Rauchen gegangen (Urk. 4/4 S. 3). Aufgrund dieser grundsätzlich glaubhaften
Angaben des Zeugen H._, die mit der Erstmeldung übereinstimmen, ist da-
von auszugehen, dass der Geschädigte gegenüber den Betreuern und der Polizei
in diesem Punkt – insbesondere dazu, dass der Beschuldigte ihm ein Video zum
Thema Rauchen (bzw. der Schädlichkeit des Rauchens) habe zeigen wollen – je-
denfalls nicht deckungsgleiche Aussagen gemacht hat, was eben gewisse Zweifel
- 22 -
am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen weckt. Zu betonen ist, dass es sich bei der
Frage, worum es bei dem zu schauenden Video denn gegangen wäre, nicht um
eine völlig belanglose Nebensächlichkeit handelt, hat doch der Beschuldigte stets
betont, er habe dem Geschädigten mit einem Videoclip die Schädlichkeit des
Rauchens für Jugendliche vor Augen führen wollen, was als nachvollziehbarer
Anlass angesehen werden kann, den jugendlichen Geschädigten zu sich ins Büro
zu holen.
7.1.5. In der zweiten polizeilichen Befragung führte der Geschädigte aus, er sei
nach dem Übergriff nach oben gerannt, wo er seine Freunde "Q._"
("Q._") und "N._" (N._) getroffen habe. Er habe ihnen sofort alles
erzählt. N._ sei wütend geworden und habe gewollt, dass er (der Geschädig-
te) sofort zurückgehe und sie beide zuhören würden. Er habe das nicht gewollt
und gesagt, er solle gehen. N._ habe zuerst noch eine Zigarette haben wol-
len und er habe ihm eine gegeben. Er (der Geschädigte) sei dann gerannt und
ins Zimmer gegangen. Er habe es dann seinen Zimmerkollegen "J._" und
"K._" erzählt. Er sei ins Zimmer gerannt und habe es geschlossen. Sie hät-
ten ihn gefragt, was los sei und er habe ihnen alles erzählt. Er haben die ganze
Nacht nicht schlafen können (Urk. 3/5 00:45:50, Urk. 3/6 S. 2). Gegenüber
L._ und seinen Betreuern hat der Geschädigte dies offenbar nicht erwähnt
(Urk. 1/2). Jedenfalls fand dieser Umstand keinen Eingang in die Erstmeldung. In
der ersten polizeilichen Befragung erwähnte der Geschädigte vor allem, es im
Zimmer seinem Zimmergenossen erzählt zu haben und zwar in seiner Mutter-
sprache (Urk. 3/2 01:15.00 ff., 01:18:21, Urk. 3/1 S. 4). Die beiden von ihm er-
wähnten J._ (J._) und K._ (K._) wurden als Zeugen befragt.
J._ erklärte auf den Vorhalt, es gehe darum, dass der Beschuldigte dem Ge-
schädigten etwas getan habe, von nichts zu wissen. Der Geschädigte rede nicht
so viel mit ihm. Dieser rede mit ihm nicht über solche Probleme. Auf die Frage, ob
ihm an jenem 31. Januar 2016 etwas am Geschädigten aufgefallen sei, meinte er,
dieser habe nie was erzählt. Im Zimmer habe er nichts mitbekommen und er
meinte weiter, warum der Geschädigte sie denn damals nicht informiert habe, er
hätte sie ja wecken können, damit sie es für ihn bezeugen (Urk. 4/4 S. 2-4). Die
Aussagen von J._ hinterlassen zwar den Eindruck, als ob er die Befragung
- 23 -
als lästig empfinde und er hebt auch mehrfach hervor, den Geschädigten erst vor
kurzem kennengelernt zu haben. Dennoch gibt J._ an, keine Probleme mit
ihm zu haben, er komme super gut mit ihm klar (vgl. Urk. 4/2 S. 2-3). Es ist jeden-
falls kein Grund ersichtlich, weshalb J._ zu Unrecht deponieren sollte, der
Geschädigte habe ihm nichts erzählt. Es ist somit zu konstatieren, dass der Zeu-
ge J._ die Aussage des Geschädigten mit ihm nach dem Vorfall im Zimmer
darüber gesprochen zu haben, nicht bestätigt. Der zweite Zimmermitbewohner
K._ bestätigte als Zeuge sodann zwar, dass der Geschädigte mit ihm dar-
über gesprochen habe. Seine Aussage muss aber dahingehend verstanden wer-
den, dass der Geschädigte es (vom Chef von hinten angefasst worden zu sein)
ihm – und überhaupt jedem – erzählt habe, nachdem der Beschuldigte entlassen
worden sei (Urk. 4/3 S. 3 Frage 19). Letzteres schliesst aus, dass der Geschädig-
te es ihm unmittelbar nach dem Vorfall im Zimmer erzählt hatte. K._ gab
auch an, der Geschädigte sei in einem ganz normalen Zustand gewesen, als er
ihm das erzählt habe. Er könne da nicht sagen, ob an dessen Stimmung, Verhal-
ten etwas auffällig gewesen sei. Der Geschädigte sei ein sehr komplizierter, ko-
mischer Typ. Der Geschädigte komme immer spät ins Zimmer, er gehe abends
auch ins Büro. K._ gab weiter an, er habe nicht mit dem Geschädigten im
Zimmer sein wollen. Er verstehe sich nicht so gut mit ihm. Dieser rauche und ge-
he nicht mal Lebensmittel einkaufen. Der Geschädigte habe geraucht und sei oft
ins Büro gegangen. Der Zeuge gab auch von sich aus an, sie seien alle traurig
gewesen, dass der Beschuldigte entlassen worden sei (Urk. 4/3 S. 4 f.). Der Zeu-
ge K._ mag den Geschädigten offensichtlich nicht besonders. Er hat dies of-
fengelegt und begründet. Auch steht er offenbar dem Beschuldigten eher positiv
entgegen. Auch wenn bei dieser Ausgangslage nicht einfach vorbehaltslos auf
seine Aussagen abgestellt werden kann, so ist doch festzuhalten, dass seine
Aussagen zur Sache keine offensichtlichen Lügensignale enthalten und er im-
merhin unter der strengen Strafandrohung von Art. 307 StGB ausgesagt hat. Des
Weiteren hat er immerhin bestätigt, dass der Geschädigte ihn über den Vorfall in-
formiert hatte. Es muss aber auch hier festgestellt werden, dass er die Darstellung
des Geschädigten, dass dieser am Abend ins Zimmer gerannt sei und den Zim-
mergenossen J._ und K._ den Vorfall in aufgewühltem Zustand noch
- 24 -
am gleichen Abend geschildert habe, ebenfalls nicht bestätigt. Dass die beiden
Zimmergenossen dies nicht so bestätigt haben, lässt wiederum Zweifel an der
Darstellung des Geschädigten aufkommen, wäre dies doch einer der Abläufe ge-
wesen, die eben von Dritten hätten bestätigt werden können. Vor diesem Hinter-
grund kann auch nicht ohne weitere Überprüfung davon ausgegangen werden,
dass der Geschädigte dies unmittelbar nach dem Vorfall seinem Freund N._
(= N._) geschildert hat und es kann damit entgegen den Erwägungen der
Vorinstanz auch nicht gesagt werden, es spreche für die Glaubhaftigkeit des Ge-
schädigten, wenn er von sich aus zwei Zeugen (N._ und "Q._") ange-
geben habe (Urk. 31A S. 8). Die Vorinstanz hat im Übrigen zutreffend erwogen,
dass die Aussagen des Geschädigten hinsichtlich dieser beiden Zeugen wider-
sprüchlich sind (Urk. 31A S. 8). Wie oben bereits erwähnt, habe der Geschädigte
in der ersten Einvernahme angegeben, seinem Freund N._ alles erzählt zu
haben, bevor er ins Zimmer gegangen sei (Urk. 3/2 00:44:51 ff.; Urk. 3/5 00:41:01
ff.). In der zweiten Einvernahme hat er hingegen ausgeführt, er habe N._
sowie einen weiteren Somalier, "Q._", getroffen und es ihnen erzählt. Auch
wenn er diesen Widerspruch teilweise damit erklärt, dass der zweite vermutlich
weggegangen sei, während er erzählt habe (Urk. 3/5 00:46:32ff.), so wäre doch
zu erwarten gewesen, dass er dieses Treffen mit beiden kongruent schildert. Es
erscheint auch wenig lebensnah, dass sich dieser Q._ entfernt haben soll,
um eine Zigarette zu reichen (Urk. 3/5 01:17:13 ff.), während der Geschädigte
aufgebracht von einem sexuellen Übergriff erzählt haben will.
7.1.6. Zu erwähnen ist weiter, dass der Geschädigte aussagte, er habe nach dem
Vorfall die ganze Nacht Angst gehabt habe, dass der Beschuldigte zu ihm kom-
me. Der Beschuldigte sei am Morgen nicht zu ihm gekommen. Er müsse es ge-
spürt haben (Urk. 3/5 00:43:00 ff.). In der ersten Einvernahme hat der Geschädig-
te hingegen angegeben, der Beschuldigte sei am nächsten Tag gekommen, um
ihn abzuholen. Er habe zum Beschuldigten gesagt, es gehe ihm nicht gut und er
solle ihn nicht abholen (Urk. 3/1 S. 4, Urk. 3/2 01:16:30 ff.). Es ist aber auch in
diesem Punkt schwierig zu sagen, ob der Geschädigte hier widersprüchlich aus-
sagt, oder ob er von was anderem redet. Des weiteren antwortete der Beschuldig-
te auf die Frage, wann er dies erstmals einer erwachsenen Person erzählt habe,
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unmissverständlich, dies sei am Abend gewesen. Einige Sätze später dann aber
angibt, dies sei um etwa 12.30 Uhr am Nachmittag gewesen. Generell ist fest-
zuhalten, dass die Aussagen des Geschädigten nicht immer klar und einfach zu
verfolgen sind. Die bei den Befragungen jeweils anwesende Spezialistin,
Dipl. Psychologin FH R._, hat hinsichtlich beider Video-Befragungen des
Geschädigten einen Bericht verfasst (Urk. 3/3 und Urk. 3/4). Sie hält zutreffend
fest, dass die Befragerin häufig habe nachhaken müssen, da der Geschädigte oft
unklar, umständlich und ungenau geantwortet habe. Er scheine nicht immer alles
zu verstehen, weshalb ihm die Befragerin habe Beispiele zur Auswahl geben
müssen (Urk. 3/3). Letzteres hemmt den Aussagefluss und erschwert die Würdi-
gung der Aussagen. Die Spezialistin kommt nachvollziehbar zur Feststellung,
dass es eine sehr schwierige Befragung gewesen sei, da der Geschädigte auf ei-
ne einfache, konkrete Frage meistens eine ganze Geschichte erzählt habe, farbig
und bilderreich (a.a.O.). Es fällt auch auf, dass der Geschädigte in der ersten Be-
fragung auf die Frage zum Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit ein eher
schwierig zu verstehendes Beispiel aus seinem Kulturkreis mache und bei der
zweiten Befragung dies nicht zu erklären vermochte (Urk. 3/3 und Urk. 3/4). Die
langen und wie gesagt teilweise unklaren Aussagen erschweren eine Würdigung
entsprechend. Die Spezialistin R._ hat auf einen weiteren, auffälligen Punkt
hingewiesen. Der Geschädigte hat in der Befragung mehrmals erklärt, dass "die
Sudanesen dies eben machen würden" (gemeint sexuelle Übergriffe, Vergewalti-
gungen), dabei werde nicht klar, ob er dies aus eigener Erfahrung wisse oder es
einfach annehme oder irgendwo gehörte habe (Urk. 3/3). Auch wenn es sich beim
Geschädigten um einen rund 15-jährigen Jugendlichen handelt, hinterlässt es
doch ein ungutes Gefühl, dass er die Glaubhaftigkeit seiner Anschuldigung eines
sexuellen Übergriffs mit einem – allenfalls in seiner Kultur herrschenden – Vorur-
teil "die Sudanesen würden das eben machen" stützen will (vgl. etwa urk. 3/1
00:27:35 ff.). Auch erscheint es etwas seltsam, wenn er ausführt, er sei im Zeit-
punkt des sexuellen Übergriffs in Gedanken bei den Sudanesen gewesen, die das
("sie genommen und vergewaltigt") damals mit den anderen machten (Urk. 3/1
S. 2, Urk. 3/2 00:26:37 ff.) Dieses mehrmals vorgebrachte Argument lässt seine
Anschuldigung vielmehr grundsätzlich als weniger vertrauenswürdig und eher
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zweifelhaft erscheinen, kann doch mit einem pauschalen Vorurteil nicht die Rich-
tigkeit eines Geschehens gestützt werden. Ebenfalls stutzig macht die vom Ge-
schädigten einige Male gemachte Bemerkung, dass er nicht lüge. Die Psycholo-
gin R._ hält dazu fest, dass es dem Geschädigten offenbar sehr wichtig sei,
dies zu übermitteln (Urk. 3/3 Ziff. 4). Dies erinnert doch stark an seine oben zitier-
te Aussage im Asylverfahren, wo er ebenfalls betonte, er wolle einfach nicht, dass
es im zweiten Interview heisse, er habe gelogen (Urk. 50/2/13). Wie oben erwo-
gen ist aber gerade davon auszugehen, dass seine Angaben über sein Alter eben
doch nicht der Wahrheit entsprachen.
7.1.7. Wenig vertrauensvoll erscheinen auch die Angaben des Geschädigten, er
habe zum damaligen Zeitpunkt entgegen den Angaben des Beschuldigten noch
gar keine E-Zigaretten gehabt. Er habe diese erst nach dem Vorfall gekauft. Er
wolle nicht sagen, wo er sie gekauft habe und räumte dann ein, ein Freund habe
sie ihm besorgt, da er diese E-Zigarette vom Alter her nicht habe kaufen dürfen.
Wer diese für ihn gekauft habe, wolle er nicht sagen, um diesen nicht in Schwie-
rigkeiten zu bringen. Er gab aber auch an, zuvor eine E-Zigarette ausgeliehen zu
haben (vgl. Urk. 3/6 S. 3, Urk. 3/5 01:11:40 ff.). Widersprüchlich gibt er an, er ha-
be die E-Zigarette ausgeliehen, um diese zu probieren bevor er sie kaufe. Dann
führte er aber aus, er habe die E-Zigarette an dem Tag vom Vermittler/Verkäufer
ausgeliehen, als er diesem das Geld für den Kauf gegeben habe. Dies schliesst
aber aus, dass er die E-Zigarette ausgeliehen hatte, um diese zu probieren, bevor
er sie kaufte. Diese ungenauen zeitlichen und unvollständigen Angaben lassen
die Ausführungen des Beschuldigten, er habe an diesem Abend wegen der
Schädlichkeit von E-Zigaretten mit dem Geschädigten gesprochen, jedenfalls
nicht als unglaubhaft erscheinen.
7.1.8. Die Vorinstanz hat es als wenig plausibel eingeschätzt, dass der Geschä-
digte aufgrund eines Strafabzugs beim Taschengeld wütend auf den Beschuldig-
ten gewesen war und diesen deshalb fälschlicherweise belastet hatte. Der Ge-
schädigte habe zwar bestätigt, an diesem Tag bzw. am nächsten Morgen eine
Strafe von Fr. 10.– erhalten zu haben, weil er im Zimmer der Mädchen gewesen
sei. Die Strafe habe er indessen von den "Chefs" erhalten. Dies sei nicht die Auf-
- 27 -
gabe des Beschuldigten gewesen und dieser habe auch nichts mit dem Abzug zu
tun gehabt und es nicht gesehen. Es sei sein Chef H._ gewesen, der gese-
hen habe, dass er im Zimmer der Mädchen gewesen sei (Urk. 31A S. 9, act. 3/5
00:56:30 ff.).
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass die anderen Jugendlichen bzw. Klienten
offensichtlich nicht nur die Sozialpädagogen, sondern auch die Nachtwächter als
ihre "Chefs" bezeichneten. So spricht etwa der Zeuge K._ hinsichtlich der
Nachtwachen von den "Chefs" (Urk. 4/3 S. 4). Sodann ist in diesem Zusammen-
hang etwas näher auf die Aussagen der Sozialpädagogen I._ und H._
einzugehen. Wie oben erwogen besteht grundsätzlich kein Anlass an den Aussa-
gen der Zeugin I._ zu zweifeln. Anzuführen ist immerhin, dass sie offen an-
gibt, davon ausgegangen zu sein, dass der Geschädigte hinsichtlich des sexuel-
len Übergriffs die Wahrheit gesagt habe (Urk. 4/4 S. 9). Es ist im Weiteren zu be-
rücksichtigen, dass sie ihre Aussage mehrere Monate nach jenem Tag machte
und daher erfahrungsgemäss vieles vergessen geht oder sich vermeintliche Erin-
nerungen einschleichen. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass I._, welche an
jenem Morgen nach dem Vorfall Frühdienst gehabt habe, als Zeugin aussagte,
der Geschädigte sei an jenem Morgen zusammen mit dem Beschuldigten zu ihr
ins Büro gekommen, weil der Geschädigte – wie jeden Montag – sein Geld ge-
wollt habe (Urk. 4/5 S. 3). Diese Darstellung passt nicht wirklich mit der Aussage
des Geschädigten zusammen, er habe dem Beschuldigten – als dieser ihn am
nächsten Tag habe abholen wollen – gesagt, er solle ihn nicht abholen (vgl. Urk.
3/1 S. 44, Urk. 3/2 01:16:30 ff.). Entgegen dem Vorbringen der Verteidigung kann
darin indessen nicht ein Widerspruch zwischen den Aussagen von I._ und
denjenigen des Geschädigten gesehen werden. I._ relativiert ihre Aussage
nämlich wenig später dahingehend, die beiden hätten sich bei ihr im Büro gese-
hen (Urk. 4/5 Antwort 29). Die Zeugin I._ schilderte sodann, sie habe damals
dem Geschädigten eröffnet, er werde weniger Geld erhalten, weil er sein Tramti-
cket zu spät abgeholt habe. Dies habe den Geschädigten nervös gemacht. Er sei
wegen dieses Konflikts wütend gewesen. Der Beschuldigte habe da versucht den
Geschädigten zu beruhigen. Dieser habe das – so glaube sie – nicht ernst ge-
nommen und dem Beschuldigten (sinngemäss) gesagt, er solle die Klappe halten.
- 28 -
Die Zeugin bestätigte dies komisch gefunden zu haben (vgl. Erstmeldung Urk. 1/3
3. Absatz), da es so sei, dass die Sozialpädagogen eher Konflikte mit den Ju-
gendlichen hätten und der Beschuldigte jeweils versuche, sie zu beruhigen und
ein gutes Verhältnis zu den Klienten habe. Der Beschuldigte habe nicht gross re-
agiert und der Geschädigte sei zur Schule gegangen. Die Zeugin bestätigte
nochmals, dass der Geschädigte kurz bevor er über den Vorfall erzählte, erfahren
habe, dass ihm ein Taschengeld-Abzug gemacht werde und bejahte auch, dass
der Geschädigte noch wütend gewesen sei, als er noch am gleichen Tag vom
Übergriff des Beschuldigten erzählt habe (Urk. 4/5 S. 3-6). Sie gab aber auch an,
dass der Geschädigte beim zweiten Gespräche über den Vorfall sehr emotional
und sehr wütend gewesen sei. Sie habe das nicht richtig einordnen können. Der
Geschädigte sei schon bei anderen Gelegenheiten so "hässig" gewesen, wenn er
habe sanktioniert werden müssen. Sie habe aber das erste Mal erlebt, dass er
derart wütend auf den Beschuldigten gewesen sei (Urk. 4/5 S. 6 f.). I._ führte
weiter aus, dass es auch schon weitere Vorfälle von Beschuldigungen gegeben
habe (Urk. 4/5 S. 7). Sie gab sodann zu Protokoll, dass sie bei der zweiten Schil-
derung des Übergriffs durch den Geschädigten gedacht habe, das müsse die
Wahrheit sein, weil er so detailliert und so emotional gewesen sei und er ja auch
ein 15-jähriger Jugendlicher sei (Urk. 4/5 S. 9). Schliesslich erläuterte die Zeugin
I._, dass nur die Sozialpädagogen Meldungen machen könnten, die zu Sank-
tionen führten. Die Nachtwachen könnten den Sozialpädagogen allerdings Mel-
dungen über Vorkommnisse machen, was dann über sie zu Sanktionen führen
könne. Der Taschengeld-Abzug des Geschädigten stehe in keiner Verbindung zu
einer Meldung des Beschuldigten. Die Zeugin war sich in der Folge aber sehr un-
sicher, was überhaupt zum Taschengeld-Abzug beim Geschädigten geführt hatte,
ob dieser wegen der Schule, dem Tramticket oder wegen eines Besuches im
Mädchenzimmer angeordnet worden sei. Daraufhin meinte sie, im Kopf zu haben,
dass die Meldung nicht vom Beschuldigten gekommen sei, bestätigte aber, dass
es eine Vielzahl von Möglichkeiten gebe, dass Meldungen der Nachtwache an die
Sozialpädagogen zu Sanktionen führen könnten. Auf Vorhalt der Auszahlungsliste
an Klienten, KW6, Auszahlungsdatum 01.02.2016 betreffend C._, gab die
Zeugin an, leider nicht mehr zu wissen, von wem die Meldung gekommen sei und
- 29 -
erklärte nochmals, dass diese auch von der Nachtwache gekommen sein könnte.
Auf Frage des Beschuldigten bestätigte die
Zeugin ferner, dass es auch schon zu Situationen gekommen sei, in denen die
Jugendlichen auf den Beschuldigten losgegangen seien und aufgebracht und wü-
tend auf ihn gewesen, so z.B. als der Beschuldigte versucht habe einen Jugend-
lichen zu beruhigen, der auf sie losgegangen sei (Urk. 4/5 S. 10 ff.).
Hinsichtlich der Zeugenaussagen von H._, der damals ebenfalls als
Sozialpädagoge tätig gewesen war, ist vorab darauf hinzuweisen, dass unklar ist,
wann er an diesem Montagmorgen seinen Dienst antrat. Er ging zunächst davon
aus, es sei um 07:00 Uhr gewesen. Die Zeugin I._ (und der Beschuldigte)
geht davon aus, es sei erst um 11.00 Uhr gewesen. Dies ist von Bedeutung für
die Frage, ob es zuerst zur Taschengeld-Kürzung und dann zur Schilderung des
Übergriffs kam. Nachdem H._ aussagt, er habe nachdem ihm der Übergriff
geschildert worden sei, die Kollegin I._ zugezogen und da diese für die Ta-
schengeld-Auszahlung und Kürzung zuständig gewesen und sich sicher war, erst
später durch den Geschädigten vom Übergriff erfahren zu haben, ist davon aus-
zugehen, dass H._ seinen Dienst erst um 11.00 Uhr begonnen bzw. dass er
jedenfalls erst nach der Taschengeld-Geschichte vom Übergriff erfahren hatte.
Letzteres hat H._ selber jedenfalls für gut möglich gehalten (Urk. 4/4 S. 7
Antwort 45). Auch räumte er ein, es könne sein, dass er erst um 11.00 Uhr ange-
fangen habe. Es sei schon lange her, er habe keine Ahnung (Urk. 4/4 S. 8).
H._ gab als Zeuge weiter an, dass der Geschädigte an diesem Morgen em-
pört, und sehr aufgebracht gewesen sei, sich echauffiert habe. In einer solchen
Verfassung sei der Geschädigte schon öfters gewesen, etwa wenn er seinen Wil-
len (z.B. wegen eines Arzttermins) nicht habe durchsetzen können (Urk. 4/4 S. 4).
Es sei gut möglich, dass der Geschädigte Ende Januar im Mädchenzimmer ge-
wesen sei (Urk. 4/4 Antworten 29 und 46). H._ gab sodann zu Protokoll,
dass Betreuer oft zu Unrecht solchen Verdächtigungen ausgesetzt seien. Auch er
selbst sei schon beschuldigt worden (Urk. 4/4 S. 3). H._ schilderte auf Frage
hin, das Prozedere der Taschengeldabzüge und führte aus, er habe die Abzüge
den Jugendlichen oft gerade dann kommuniziert, wenn der jeweilige Vorfall pas-
siert sei. Er könne nicht sagen, wann dem Geschädigten das kommuniziert wor-
- 30 -
den sei (Urk. 4/4 S. 6). Auf die konkrete Frage, ob es sein könne, dass der Ge-
schädigte mit seinen Anschuldigungen auf seine Sanktion reagiert habe, meinte
H._, dies sei eine Interpretation. Dies könne so sein oder nicht so sein (Urk.
4/4 S. 7).
Diesen Aussagen lässt sich entnehmen, dass der Geschädigte an jenem
Morgen noch bevor er den Übergriff meldete, erfuhr, dass er einen Taschengeld-
Abzug erhält und deswegen sehr wütend, "hässig", echauffiert und aufgebracht
gewesen war. Weiter kann davon ausgegangen werden, dass die Abzüge auf-
grund von Meldungen der Sozialpädagogen gemacht wurden, indessen auch die
Nachtwachen den Sozialpädagogen Vorkommnisse melden und somit ebenfalls
eine Sanktion auslösen konnten. Weiter ist davon auszugehen, dass den be-
troffenen Jugendlichen durchaus klar und bekannt war, dass die Nachtwachen
Vorkommnisse konnten. Sodann ist hervorzuheben, dass H._ mit keinem
Wort andeutete, dass eine Meldung seinerseits die Ursache für den Taschengeld-
Abzug beim Geschädigten gewesen war. Nachdem H._ erläuterte, den Klien-
ten grundsätzlich jeweils im Zeitpunkt des zu sanktionierenden Vorfalls den Abzug
zu kommunizieren, er aber nicht wisse, zu welchem Zeitpunkt der Geschädigte
vom Abzug erfahren habe, kann ausgeschlossen werden, dass H._ die Mel-
dung für diesen Abzug gemacht hatte. H._ hat jedenfalls als Zeuge nicht
ausgesagt, damals eine Meldung gemacht zu haben, welche beim Geschädigten
zu einem Taschengeld-Abzug führte. Dabei darf vermutet werden, dass ihm eine
solche Episode wohl auch noch nach einigen Monaten in Erinnerung geblieben
wäre. Diese Erkenntnisse decken sich somit nicht mit den Angaben des Geschä-
digten, an jenem Montag einen Abzug von Fr. 10.- wegen einer Meldung
H._s bezüglich eines Aufenthalts im Mädchenzimmer erhalten zu haben.
Wenn der Geschädigte (verkürzt) angibt, dass Meldungen nicht die Aufgabe der
Nachtwache und somit des Beschuldigten gewesen seien, so übergeht er, dass –
wie von der Zeugin bestätigt (selbstverständlich) – auch die Nachtwache Vor-
kommnisse melden können, welche dann via Sozialpädagogen zu Sanktionen
führen können. Es kann daher nicht völlig ausgeschlossen werden, dass der Ge-
schädigte im Zeitpunkt der erstmaligen Anschuldigung in wütendem Zustand an-
genommen hatte, der Beschuldigte habe zur Kürzung des Taschengelds beige-
- 31 -
tragen. Sodann machte er ausdrücklich geltend, H._ hätte ihn bereits einige
Tage zuvor im Mädchenzimmer gesehen und (so sinngemäss) Meldung gemacht
und am Montag sei ihm dann das Geld abgezogen worden. H._ hat dies –
wie erwogen – in seiner Aussage zumindest nicht bestätigt, jedenfalls von sich
aus nichts Derartiges geschildert. Sodann würde es seiner geschilderten Praxis
widersprechen, den betroffenen Klienten jeweils im Zeitpunkt des Geschehens
den Abzug zu kommunizieren, da der Geschädigte nach eigenen Angaben erst
am Montagmorgen vom Abzug erfahren hatte. Hätte der Geschädigte bereits vor-
her vom Abzug gewusst, so wäre er im Übrigen am Montagmorgen kaum so wü-
tend und aufgebracht gewesen. Es kann hier zwar nicht von einem eigentlichen
Widerspruch gesprochen werden. Es fällt aber auf, dass einmal mehr die Darstel-
lung des Geschädigten vom betroffenen Dritten (H._) nicht bestätigt wurde.
Weiter ist festzuhalten, dass sowohl I._, aber insbesondere H._ festhiel-
ten, dass solche zu Unrecht erhobenen Beschuldigungen gegenüber Betreuern
doch oft vorkommen würden. Anzufügen ist, dass der Beschuldigte bereits in der
ersten Befragung detaillierte Angaben gemacht hatte, wonach der Geschädigte –
wie auch andere Jungs – im Mädchenzimmer gewesen war, er (der Beschuldigte)
das aufgeschrieben und es am Montag zum entsprechenden Abzug gekommen
sei. Der Geschädigte sei wütend gewesen und habe die Türe "geschletzt". Dabei
erläuterte er auch, dass eines der Mädchen Schreianfälle gehabt habe und man
sie im Bett festgehalten habe, damit es sich nicht verletzte (Urk. 2/1 Antwort 74
ff.). Diese Ausführungen wiederholte der Beschuldigte anlässlich der Berufungs-
verhandlung (Urk. 87). Sie erscheinen damit nicht grundsätzlich unglaubhaft.
Zusammenfassend ist mit der Vorinstanz zwar festzuhalten, dass – ginge
man davon aus, es habe kein sexueller Übergriff stattgefunden – die These der
Verteidigung, der Geschädigte habe sich für den vermeintlich vom Beschuldigten
verursachten Taschengeld-Abzug von elf Franken rächen wollen, eher wenig
plausibel erscheint. Aufgrund der internen Abläufe im Unterkunftsheim hinsichtlich
der Meldungen für Sanktionen und aufgrund des Ablaufs an jenem Tag (Sanktion
und spätere Anschuldigung) kann dies aber auch nicht als abwegig bzw. mit ge-
nügender Sicherheit ausgeschlossen werden.
- 32 -
7.1.9. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Geschädigte ein grundsätzlich
durchaus stimmiges und plausibles Geschehen mit einigen Details geschildert
hat, welches den Eindruck hinterlässt, dass er tatsächlich Erlebtes schildert. Sei-
ne Aussagen enthalten indessen auch einige, massgebliche Widersprüche und
Ungereimtheiten sowie teilweise ein wenig nachvollziehbares Verhalten. Ins-
besondere fällt auf, dass sich seine Darstellung, soweit diese durch Aussagen
unbeteiligter Dritter hat bestätigt werden können, nicht mit den Aussagen der
Zeugen K._, J._ sowie H._ deckt.
7.2.1. Hinsichtlich der Aussagen des Beschuldigten ist die Vorinstanz zum
Schluss gekommen, dieser habe im Wesentlichen grundsätzlich ebenfalls kon-
stant ausgesagt. Seine Aussagen seien jedoch weniger detailreich als diejenigen
des Geschädigten und würden dadurch farblos wirken. Er habe teilweise einsilbig
und ausweichend geantwortet (Urk. 31A S. 11).
7.2.2. Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten betreffend den Aufent-
halt im unteren Büro zutreffend zusammengefasst, worauf verwiesen werden
kann (Urk. 31A S. 11 ff., Art. 82 Abs. 4 StPO). Im Wesentlichen hat der Beschul-
digte kurz zusammengefasst ausgeführt, er und der Geschädigte hätten sich von
oben Tee geholt, seien in das Büro gegangen und hätten sich an den Tisch ge-
setzt um ein Video betreffend die Schädlichkeit von E-Zigaretten zu schauen. Er
habe dies dem Geschädigten angeboten. Bevor sie aber das Video hätten an-
schauen können, sei der Geschädigte wieder gegangen. Es sei nur ein paar Mi-
nuten gegangen. Er habe noch zwei bis drei Minuten in den Unterrichtsunterlagen
nachgeschaut, bevor er den Videoclip betreffend E-Zigaretten mit Google gesucht
habe. Der Geschädigte sei aufgestanden und habe gesagt, er sei "gerade wieder
da". Er sei dann nach draussen gegangen und nicht wiedergekommen. Als der
Geschädigte dann gegangen sei, habe er auf dem Korridor Leute sprechen hören
und den Geruch der Küche wahrgenommen. Dann habe er gesehen wie der Ge-
schädigte mit einer anderen Person – vermutlich dessen Zimmerkollege
"S._" – wegen einer Zigarette gestritten habe.
Die Vorinstanz erachtete die Angaben des Beschuldigten in den Einvernah-
men als nicht ganz nachvollziehbar und teilweise widersprüchlich. Sie erwog, vor-
- 33 -
ab erscheine es als wenig nachvollziehbar und lebensnah, dass der Beschuldigte
dem Geschädigten ein Video über die Schädlichkeit von E-Zigaretten habe zeigen
wollen, dann aber zuerst zwei bis drei Minuten Unterlagen angeschaut habe
(Urk. 31A S. 12). Dem kann so nicht gefolgt werden. Das vorgängig kurze An-
schauen von Schulunterlagen durch den Beschuldigten für zwei Minuten mag ein
nicht wirklich naheliegendes Vorgehen sein. Wenn man sich aber vor Augen hält,
dass die beiden soweit ersichtlich nicht in Zeitnot waren, erscheint dieses Verhal-
ten indessen keineswegs derart ungewöhnlich, dass man es als abwegig aus-
schliessen und klar als Schutzbehauptung abtun müsste. Der Beschuldigte hat im
Übrigen anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung erläuternd ergänzt,
dass er seine Schulunterlagen auf einem Stick am Computer angeschlossen ge-
habt habe und diese nur habe schliessen und eine Sicherung machen wollen.
Dass er diese Sicherungen getätigt haben wollte, bevor er über Google einen
Videoclip suchte, ist ein begreifliches Vorgehen und lässt es als nachvollziehbar
erscheinen, dass er den Geschädigten deswegen noch warten liess. Anzufügen
ist, dass der Beschuldigte damit einverstanden war, dass seine elektronischen
Geräte ausgewertet werden und auch dieser Laptop hätte ausgewertet werden
können (Urk. 2/1 S. 9 ff.). Die Vorinstanz hat weiter zutreffend darauf hingewie-
sen, dass der Beschuldigte einmal davon sprach, diese Unterlagen nur gesichert
zu haben, ein anderes Mal diese Unterlagen angeschaut, aber nicht gelesen zu
haben und schliesslich, dass er die Unterlagen angeschaut und gelesen habe
(vgl. Urk. 31A. S. 12/13). Diese Widersprüche wecken zwar gewisse Zweifel an
dem vorgebrachten Geschehen. Es ist aber zu sehen, dass man bei der Siche-
rung eines Dokuments, dieses möglicherweise noch kurz anschaut und damit die
Grenze zwischen Anschauen und Lesen fliessend ist. Zudem erscheint die stets
angegebene Zeitdauer für das Anschauen und Sichern von Dokumenten – es
wurde nicht abgeklärt, wie viele es waren – von rund zwei bis drei Minuten realis-
tisch und nicht übermässig. Dass der Beschuldigte sodann nicht in allen Ein-
vernahmen völlig deckungsgleich geschildert hat, wer in dieser Zeit wie viel Tee
getrunken hatte (Urk 31A S. 13), erscheint ebenfalls nicht geeignet, bedenkens-
werte Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen zu wecken. Gleiches gilt für
den Umstand, dass der Beschuldigte in der Untersuchung zunächst angegeben
- 34 -
hatte, nicht zu wissen, weshalb der Geschädigte das Büro verlassen hatte und
sich vor Gericht erinnern wollte, dieser habe gesagt, er ginge auf die Toilette. Die
Vorinstanz sieht darin ein widersprüchliches Aussageverhalten, welches zeige,
dass der Beschuldigte seine Aussagen denjenigen des Geschädigten angepasst
habe (Urk. 31A S. 13, Urk. 2/1 S. 6, Urk. 2/3 S. 3, Prot. I S. 14). Ginge man davon
aus, dass kein sexueller Übergriff stattgefunden hatte, so ist es wenig auffällig,
dass der Beschuldigte nicht mehr wusste, weshalb der Geschädigte das Büro ver-
liess. Sodann hat der Beschuldigte zunächst immerhin angegeben, der Geschä-
digte habe ihm gesagt, er komme gleich wieder (Urk. 2/1 S. 6). Weiter ist festzu-
halten, dass dem Beschuldigten bereits in dieser ersten Einvernahme mehrfach
vorgetragen wurde, der Geschädigte hätte zu ihm gesagt, er müsse schnell zur
Toilette, so dass seine (vermeintliche) Erinnerung daran anlässlich der erstin-
stanzlichen Hauptverhandlung erklärbar ist. Es kann auch so verstanden werden,
als dass der Beschuldigte nichts zu verbergen hat und er keine konstruierte, aus-
wendig gelernte Schilderung vorträgt. Anzufügen ist mit der Vorinstanz (Urk. 31A
S. 13), dass diese von ihr angeführten Widersprüche nur Details betreffen und sie
sich grundsätzlich mit dem Zeitablauf erklären lassen.
7.2.3. Weiter ist anzuführen, dass sich das vom Beschuldigten geschilderte Ge-
schehen auf dem Korridor, nach dem Verlassen des Büros durch den Geschädig-
ten, zumindest teilweise mit den Angaben des Geschädigten decken, wonach
dieser dort auf Freunde gestossen sei, es auch um eine Zigarette gegangen sei
und einer der beiden (Q._) weggegangen sei.
7.2.4. Wie oben erwogen erscheint das vom Beschuldigten angegebene, mög-
liche Motiv des Geschädigten für eine zu Unrecht erhobene Anschuldigung zwar
als wenig plausibel, aber auch nicht als völlig abwegig. Es ist jedenfalls hervorzu-
heben, dass der Beschuldigte dieses mögliche Motiv von Anfang an vorgebracht
hat (Urk. 2/1 Antwort 74 ff.). Dabei ist zu betonen, dass es nicht Aufgabe des Be-
schuldigten ist, ein mögliches Motiv zu beweisen und dieses letztlich offenge-
lassen werden kann.
7.2.5. Zusammenfassend ist zu den Aussagen des Beschuldigten festzuhalten,
dass er im Wesentlichen grundsätzlich ebenfalls konstant ausgesagt hat, wobei er
- 35 -
sich nicht darauf beschränkte, die Vorwürfe zu bestreiten, sondern seinerseits
schilderte, was an diesem Abend aus seiner Sicht passiert war. Ins Gewicht fal-
lende Widersprüche sind nicht ersichtlich und das von ihm geschilderte Gesche-
hen erscheint ebenfalls möglich. Zu der von der Vorinstanz erwähnten Einsilbig-
keit der Aussagen des Beschuldigten ist schliesslich noch darauf hinzuweisen,
dass seine Befragungen in Deutsch durchgeführt wurden, also nicht in seiner Mut-
tersprache, was nachvollziehbar zu eher knappen Antworten führen kann. Anläss-
lich der Berufungsverhandlung hat sich der Beschuldigte schliesslich nochmals
ausführlich zum Ablauf des fraglichen Abends geäussert (Urk. 87).
8. Fazit
8.1. Wie eingangs erwogen sind in einem Strafprozess an den Beweis von
Täterschaft und Schuld besonders hohe Anforderungen zu stellen. Vorliegend
stehen sich die grundsätzlich glaubhaften Aussagen des Beschuldigten und des
Geschädigten gegenüber. Wie erwähnt sind dabei auch die Angaben des Ge-
schädigten zurückhaltend und kritisch zu würdigen, hat er doch auch schon im
Asylverfahren offensichtlich unwahre Angaben gemacht. In einer Gesamtbe-
trachtung summieren sich doch einige Ungereimtheiten und Widersprüche in den
Aussagen des Geschädigten. Insbesondere ist der Umstand hervorzuheben, dass
seine – nicht das Kerngeschehen betreffende – Aussagen durch Dritte nicht be-
stätigt wurden und zwar in einer Weise, bei welcher vernünftige Zweifel an der
Schuld des Beschuldigten nicht mehr ausgeschlossen werden können. Der Be-
schuldigte ist daher in Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo freizu-
sprechen.
8.2. Bei diesem Ergebnis erweist sich der Beweisantrag des Beschuldigten auf
Einholung eines Sprachgutachtens als gegenstandslos.
- 36 -
III. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten
1.1. Nachdem der Beschuldigte heute freizusprechen ist, sind die Kosten der Un-
tersuchung und des gerichtlichen Verfahrens vor beiden Instanzen, einschliesslich
der Kosten für die amtliche Verteidigung im Berufungsverfahren, vollumfänglich
auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 423 und 426 Abs. 1 StPO, Art. 428 Abs. 1
StPO). Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (Ziff. 5) ist zu bestätigen. Die zweit-
instanzliche Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz.
1.2. Der Verteidiger des Beschuldigten RA X._ wurde von der Verfahrenslei-
tung per 27. Oktober 2017 als amtlicher Verteidiger bestellt (Urk. 48). An der Be-
rufungsverhandlung reichte RA X._ die Kostennote für seine gesamten Be-
mühungen im Berufungsverfahren ein (Urk. 91). Auf die Zeit ab dem 27. Oktober
2017 entfallen Aufwendungen mit einem Honorarbetrag von total CHF 9'207.95.
Die aufgeführten Bemühungen sind ausgewiesen und erscheinen angemessen.
Für die Berufungsverhandlung veranschlagte der Verteidiger einen Aufwand von
5 Stunden. Effektiv dauerte die Berufungsverhandlung 3.5 Stunden, indessen ist
dem Verteidiger noch der Zeitaufwand für den Weg zu entschädigen, weshalb der
Aufwand für die Berufungsverhandlung mit 5 Stunden anzuerkennen ist. Der amt-
liche Verteidiger beantragte für den Fall eines Freispruchs die Festsetzung des
Stundenansatzes auf Fr. 250.-- (Urk. 89 N 69). Diesem Antrag ist nicht nachzu-
kommen und der Stundenansatz ist auf den im Kanton Zürich üblichen Betrag von
CHF 220.-- festzusetzen. Der amtliche Verteidiger ist somit für die Zeit ab dem 27.
Oktober 2017 mit CHF 9'207.95 (inkl. MwSt. von 8% bis 31.12.2017 und 7.7% ab
01.01.2018) aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Im Urteilsdispositiv vom 4.
Juni 2018 wurde der dem amtlichen Verteidiger zuzusprechende Betrag ab dem
27. Oktober 2017 mit CHF 6'800.-- beziffert (vgl. Urk. 93). Dieser Betrag beruht
auf einem Rechnungsfehler und ist in Anwendung von Art. 79 Abs. 1 StPO mit
dem schriftlich begründeten Urteil zu korrigieren.
- 37 -
2. Entschädigung
2.1. Gemäss Art. 429 Abs. 1 StPO hat der Beschuldigten bei einem Freispruch
Anspruch auf Entschädigung seiner Aufwendungen für die angemessene Aus-
übung seiner Verfahrensrechte (lit. a) und auf Entschädigung der wirtschaftlichen
Einbussen, die ihm aus seiner notwendigen Beteiligung am Strafverfahren ent-
standen sind (lit. b).
2.2. Der Beschuldigte verlangte unter Einreichung der Honorarnote vom
30. März 2017 für die Kosten seiner Wahlverteidigung vor Vorinstanz insgesamt
CHF 17'706.20 (Urk. 25/4). Diese Kosten für das erstinstanzliche Verfahren
machte der Beschuldigte im Berufungsverfahren unverändert geltend (Urk. 89 N
67). Nachdem der Beschuldigte im Berufungsverfahren freizusprechen ist, sind
ihm die Kosten für seine Wahlverteidigung vor Vorinstanz, welche ausgewiesen
sind und angemessen erscheinen, im Umfang von CHF 17'706.20 (inkl. MwSt.)
als Prozessentschädigung aus der Gerichtskasse zuzusprechen.
2.3. Der Beschuldigte war im Berufungsverfahren bis zum 27. Oktober 2017 er-
beten verteidigt. Für diese Zeit hat er ebenfalls Anspruch auf Ersatz der ihm ent-
standenen Verteidigerkosten für die angemessene Ausübung seiner Verfahrens-
rechte. Nachdem die in der Honorarnote des Verteidigers vom 4. Juni 2018 aus-
gewiesenen Leistungen angemessen erscheinen (vgl. Urk. 91), ist dem Beschul-
digten für seine anwaltliche Verteidigung im Berufungsverfahren eine Prozessent-
schädigung von CHF 2'708.65 (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse zuzusprechen.
Im Urteilsdispositiv vom 4. Juni 2018 wurde die Prozessentschädigung für den
Beschuldigten im Berufungsverfahren auf CHF 5'140.80 festgelegt (vgl. Urk. 93).
Dieser Betrag beruht auf einem Rechnungsfehler und ist in Anwendung von
Art. 79 Abs. 1 StPO mit dem schriftlich begründeten Urteil zu korrigieren.
2.4. Unter dem Titel der Entschädigung für wirtschaftliche Einbussen machte der
Beschuldigte vorab eine Entschädigung für Lohnausfall geltend (Urk. 89 N 54, 59-
62). Dazu liess der Beschuldigte ausführen, er sei von der einen Arbeitgeberin per
Februar 2016 freigestellt worden und die andere Arbeitgeberin habe ihm per Mitte
Juni 2016 wegen des laufenden Verfahrens gekündigt. Sein Einkommen habe
- 38 -
sich ab diesem Zeitpunkt massiv reduziert, wobei die Einkommenseinbusse in di-
rektem Zusammenhang mit dem Strafverfahren stünde. Ab dem 28. Juli 2016 sei
er von seiner Arbeitgeberin T._ im Rahmen einer Ersatzbeschäftigung mit
einem variablen Pensum von 40% bis 100% als Empfangsmitarbeiter und Betreu-
er im Asylzentrum U._ wieder angestellt worden. Die aus dem geringeren
Pensum resultierende Lohneinbusse müsse ihm ersetzt werden. Weiter verlangte
der Beschuldigte Ersatz für den Zeitaufwand für die Teilnahme an verschiedenen
Einvernahmen sowie an der Haupt- und der Berufungsverhandlung sowie für
die damit verbundenen Reisekosten. Schliesslich brachte der Verteidiger vor, der
Beschuldigte sei für den Zeitaufwand für die diversen Besprechungen und Tele-
fonate mit ihm sowie für das Aktenstudium zu entschädigen. Der Beschuldigte
habe weit mehr als 40 Stunden seiner Freizeit für den Prozess investieren müs-
sen. Mit einer Pauschalentschädigung von CHF 50.-- pro Stunde, sei der Be-
schuldigte mit CHF 2'000.-- für die ungerechtfertigte Zeiteinbusse zu entschädi-
gen. Des weiteren sei der Beschuldigten pauschal mit CHF 200.-- für die entstan-
denen Reisekosten zu entschädigen. Schliesslich habe der Beschuldigte aufgrund
des abgewiesenen Beweisantrags die Dolmetscherin privat beauftragen müssen.
Die Dolmetscherin mache einen Zeitaufwand von 5.5 Stunden geltend, was einem
Kostenaufwand von CHF 440.-- entspreche.
2.5. Der Staat hat dem Beschuldigten im Rahmen von Art. 429 Abs. 1 lit. b. StPO
nur dann für Lohnausfall Ersatz zu leisten, wenn der Lohnausfall adäquat kausal
durch das Strafverfahren verursacht worden ist (vgl. BGE 142 IV 237 E. 1.3.4.).
Allein die Tatsache, dass gegen eine Person ein Strafverfahren pendent ist, lässt
somit nicht automatisch einen Entschädigungsanspruch entstehen. Der Beschul-
digte war am 31. Januar 2016 (Tatzeitpunkt) an zwei Arbeitsstellen tätig. Zum ei-
nen arbeitete er für die Firma V._ ag zum anderen für die T._ (...). Für
die V._ ag führte der Beschuldigte gemäss den vom Verteidiger im vo-
rinstanzlichen Verfahren eingereichten Unterlagen noch bis im April 2016 Einsät-
ze aus und wurde schliesslich in den folgenden drei Monaten freigestellt. Per 31.
Juli 2016 wurde das Arbeitsverhältnis beendet (Urk. 25/1). Dabei bestätigte die
V._ ag im Schreiben vom 8. August 2016, dass das Arbeitsverhältnis mit
dem Beschuldigten aufgrund der Informationen der Staatsanwaltschaft aufgelöst
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worden war (Urk. 25/1). Ein Kündigungsschreiben wurde vom Beschuldigten al-
lerdings nicht eingereicht. Im Zeugnis, das die V._ AG dem Beschuldigten
mit Datum vom 31. Juli 2016 ausstellte wird festgehalten, dass der Beschuldigte
das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen habe (Urk. 25/1 2. Beilage).
Dabei stellt die V._ ag dem Beschuldigten ein sehr gutes Zeugnis aus. Bei
dieser Aktenlage ist unklar, ob dem Beschuldigten durch die V._ gekündigt
wurde oder ob ihm diese die Kündigung nahegelegte bzw. ob das Arbeitsverhält-
nis in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst wurde. Jedenfalls erscheint es mit
der Fürsorgepflicht der V._ ag als Arbeitgeberin nicht vereinbar, dass sie ei-
nem Arbeitnehmer, welchem sie ein sehr gutes Zeugnis ausstellte, einzig auf-
grund der Eröffnung eines Strafverfahrens nahelegte, das Arbeitsverhältnis aufzu-
lösen bzw., was indessen nicht belegt ist, selber die Kündigung aussprach. Bei
dieser Ausgangslage ist festzuhalten, dass der Umstand der Eröffnung der Straf-
untersuchung nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Le-
benserfahrung nicht geeignet war, die Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit der
V._ ag zu bewirken. Was die Anstellung bei der T._ betrifft, so wurde
der Beschuldigte gemäss Angaben des Verteidigers per Februar 2016 freigestellt
(Urk. 89 N 54). Am 28. Juli 2016 wurde der Beschuldigte von der gleichen Arbeit-
geberin (T._ ...), vorerst in einem tieferen Pensum, welches zwischenzeitlich
auf 100% erhöhte wurde, mit einem veränderten Vertrag neu angestellt (Urk.
90/4, Prot. I S. 8, Urk. 87 S. 1) Gemäss den vom Verteidiger eingereichten Unter-
lagen musste der Beschuldigte allerdings bis im Februar 2017 keine Lohneinbus-
se hinnehmen (Urk. 25/2 u. Urk. 25/3). Daraus geht hervor, dass der vom Be-
schuldigten geltend gemachte Schaden allein durch den Entscheid der Arbeitge-
berin (Änderungskündigung) verursacht worden ist. Damit erscheint der Schaden
nicht adäquat kausal zum Strafverfahren, zumal der Beschuldigte nicht darlegte,
dass er infolge des Strafverfahrens an der Erfüllung seiner Arbeitstätigkeit gehin-
dert gewesen war und auch nicht ersichtlich ist, weshalb ihn die Arbeitgeberin
nicht hätte in einem anderen Bereich einsetzen können. Unklar ist auch, weshalb
es erst ab Februar 2017 zum Lohnausfall gekommen ist (vgl. Urk. 25/3). Jeden-
falls lässt sich kein adäquater Zusammenhang zwischen dem Lohnausfall und
dem Strafverfahren erkennen. Hingegen zeigt die Tatsache der Neuanstellung,
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dass der Arbeitgeberin ein umsichtiges und ihren Fürsorgepflichten gerecht wer-
dendes Verhalten während der Dauer des ganzen Verfahrens zuzumuten gewe-
sen wäre. Für ein allfälliges Fehlverhalten der beiden Arbeitgeberinnen tragen die
Strafbehörden keine Verantwortung. Entsprechend ist dem Beschuldigten in die-
sem Verfahren keine Entschädigung für die geltend gemachten Lohneinbussen
zuzusprechen.
2.6. Der Beschuldigte fordert weiter eine Entschädigung im Betrag von
CHF 200.-- für den von ihm in seiner Freizeit geleisteten Zeitaufwand für das Ver-
fahren. Die Höhe der wirtschaftlichen Einbusse im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. b
StPO wird nach den zivilrechtlichen Regeln berechnet. Demnach entspricht der
Schaden der Differenz zwischen dem gegenwärtigen Vermögen und dem Stand
des Vermögens ohne das schädigende Ereignis. Er kann in einer Vermehrung der
Passiven, einer Verminderung der Aktiven oder in entgangenem Gewinn beste-
hen. Eine reine Zeiteinbusse ist hingegen nicht zu entschädigen. Nachdem der
Beschuldigte nicht geltend machte, inwiefern durch den geleisteten Zeitaufwand
in der Freizeit sein Vermögensstand negativ verändert wurde, ist ihm unter die-
sem Titel keine Entschädigung zuzusprechen.
2.7. Der Beschuldigte verlangt eine Entschädigung für Reisekosten und die Aus-
lagen für die Arbeit der Dolmetscherin. Weder für die Reisekosten, noch für die
Kosten der Dolmetscherin reichte der Beschuldigte Belege ein, weshalb ihm dafür
keine Entschädigung zuzusprechen ist.
3. Genugtuung
3.1. Der freigesprochene Beschuldigte hat Anspruch auf Genugtuung für beson-
ders schwere Verletzung seiner persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei
Freiheitsentzug (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). Art. 430 Abs. 1 lit. c StPO lässt eine
Verweigerung der Genugtuung zu, wenn die Aufwendungen des Beschuldigten
geringfügig sind.
3.2. Der Beschuldigte verlangt eine Genugtuung von CHF 3'400.-- für ungerecht-
fertigte Untersuchungshaft, für erduldeten Reputationsschaden, für die Haus-
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durchsuchung, die psychische Belastung durch das lange Verfahren sowie den
Entzug der elektronischen Geräte (Urk. 89 N. 64-65).
3.3. Dem freigesprochenen Beschuldigten ist für die zu Unrecht erlittene Unter-
suchungshaft von rund 2 Tagen (6. April 2016, 06:30 Uhr bis 7. April 2016,
13:50 Uhr) eine Genugtuung zuzusprechen (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO in Verbin-
dung mit Art. 431 Abs. 2 StPO). Die Festlegung der Höhe der Genugtuung beruht
auf richterlichem Ermessen, wobei sich die Höhe der Genugtuungssumme für die
im Zusammenhang mit der Haft erlittene Unbill naturgemäss nicht errechnen,
sondern lediglich abschätzen lässt. Das Bundesgericht erachtet bei kürzeren
Freiheitsentzügen Fr. 200.– pro Tag als angemessene Genugtuung, sofern nicht
aussergewöhnliche Umstände vorliegen, die eine höhere oder eine geringere
Entschädigung zu rechtfertigen vermögen (vgl. BGE 113 Ib 155 E. 3b S. 156; Ur-
teil des Bundesgerichts vom 31. Januar 2011, 6B_574/2010 mit Hinweisen). Vor-
liegend ist dem Beschuldigten für die erlittene Haft eine Genugtuung von
Fr. 400.– zuzusprechen. Bei den übrigen vom Beschuldigten geltend gemachten
Posten unter diesem Titel kann zwar ein leichter Eingriff in die Persönlichkeits-
rechte bzw. die Grundrechte des Beschuldigten erkannt werden, jedoch erweisen
sich die vom Beschuldigten vorgebrachten Nachteile im Rechtssinne als geringfü-
gig. So ist nicht nachvollziehbar, weshalb das Ansehen des Beschuldigten durch
den Tatvorwurf in der Öffentlichkeit derart ramponiert sein soll, dass dieses durch
einen Freispruch nicht wieder hergestellt werden könnte. Der Beschuldigte steht
zum einen nicht in besonderem Masse in der Öffentlichkeit und zum anderen
handelt es sich beim konkreten Tatvorwurf inhaltlich – verglichen mit anderen
möglichen Delikten in diesem Bereich – nicht um ein sehr gravierendes Gesche-
hen. Des weiteren ist nicht davon auszugehen und wurde vom Beschuldigten
auch nicht vorgebracht, dass persönliche Beziehungen durch das Strafverfahren
fortdauernde Probleme erfuhren. Der Beschuldigte machte zwar geltend, dass er
geplant gehabt habe, im Jahr 2017 seine Ehefrau im Rahmen des Familiennach-
zugs in die Schweiz zu holen. Allerdings hatte der Beschuldigte dieses Vorhaben
im Zeitpunkt des Beginns des Strafverfahrens noch nicht eingeleitet (Prot. II S. 3).
Aufgrund des zu erfolgenden Freispruchs ist auch nicht davon auszugehen, dass
sich das Strafverfahren nachteilig auf den Familiennachzug auswirken wird. Auch
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die psychische Belastung, die das Strafverfahren beim Beschuldigten mit sich
brachte, löst keinen Entschädigungsanspruch aus, zumal er keine Gründe vor-
brachte, welche eine besonders schwere Verletzung der Persönlichkeit erkennen
liessen. Ebenfalls liegen hinsichtlich der Hausdurchsuchung und der Beschlag-
nahme der elektronischen Geräte keine Umstände vor, welche einen Genugtu-
ungsanspruch zu begründen vermöchten. Das Genugtuungsbegehren des Be-
schuldigten ist somit im Fr. 400.-- übersteigenden Betrag abzuweisen.