# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 82e06e10-bf4c-4201-a59c-d56e036d6e2c
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1967, war vom
5.
Juni 1987 bis
9.
Mär
z 1990
und
erneut
vom 2
5.
J
uni 1992 bis 1
2.
M
ärz 2002
mit
Y._
verheiratet.
D
ie gemeinsame Tochter
Z._
kam während der zweiten Ehe am 2
2.
März 1993
zur Welt (
Urk.
10/9
). Am 2
6.
März
2002 ging
X._
die Ehe mit
A._
ein. Am
9.
August 2007 wurd
e diese Ehe geschieden (
Urk.
10/55
).
Nachdem
Y._
am 1
0.
Januar 2013 verstorben war, beantragte
X._
mit Anmeldung vom
1
9.
Mai 2013 bei der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse,
die Ausrichtung von
Hinterlassenenrenten
für sich
und die Tochter
Z._
(
Urk.
10/3-5,
Urk.
10/12). Mit Verfügungen vom
2
2.
Juli 2013 sprach die Ausgleichskasse
X._
mit Wirkung ab
1.
Februar 2013 eine Witwenrente und der Tochter eine Waisenrente zu (
Urk.
10
/17,
Urk.
10
/18).
1.2
Am
4.
September 2014 meldete sich
X._
bei der Sozialversiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hinweis auf Fussbeschwerden
und Asthma
zum Leistungsbezug an
(
Urk.
10
/27)
.
Mit Vorbescheid vom
1.
J
uni 2018
kündigte die IV-Stelle die
Zusprache
eine
r
auf die Zeit vom
1.
März 2015 bis
3
0.
Juni 2016 und sodann vom
1.
September 2016 bis 3
0.
Juni 2017
b
efriste
te
n
ganze
n
Invalidenrente an (
Urk.
10
/50). Gleichentags informierte die IV-Stelle die Ausgleichskasse über den Erlass des Vorbescheids und ersuchte sie um Vor
bereitung der Leistungsberechnung (
Urk.
10
/51). Daraufhin nahm die Ausgleichs
kasse ergänzende Abklärungen zum Zivilstand von
X._
vor. Sie erkundigte
sich
am
2.
Juli 2018 telefonisch
bei
X._
nach den genauen Daten der Ehe mit
A._
(
Urk.
10
/56). Zudem ersuchte sie mit S
chrei
ben vom
2.
Juli 2018 d
as Zivilstandsamt B._
um Bestätigung der Personalien von
X._
unter Zusendung eines hierfür vorgeseh
enen Formulars. Im Formular hatte
die Ausgleichskasse die ihr bekannten Daten bereits
ein
getragen
(
Urk.
10
/55).
Das Zivilstands
amt
bestätigte am
6.
Juli 2018 die bereits eingetragenen Daten respektive
korrigierte und
ergänzte diese (
Urk.
10
/58).
1.3
Auf Einwand gegen den Vorbescheid vom
1.
Juni 2018 hin veranlasste die IV-Stelle ein medizinisches Gutachten (
Urk.
10
/67
/3-4
). Am 2
7.
Mai 2020 erliess sie einen neuen Vorbescheid. Darin stellte sie die
Zusprache
eine
r
ganzen Invaliden
rente befristet
vom
1.
März 2
015 bis 3
0.
Juni 2016 sowie
vom
1.
September 2016 bis 3
0.
Juni 2017
und die
Zusprache
einer halben Invalidenrente befristet vom
1.
Juli 2017 bis 3
0.
September 2017 in Aussicht (
Urk.
10
/69).
A
m
2.
November 202
0
wies sie die Ausgleichskasse an
, die Gel
dleistungen zu berechnen
(
Urk.
10
/71).
Mit Verfügung vom 2
5.
Januar 2021 entschied die IV-Stelle wie vorbeschieden (
Urk.
10
/90).
1.4
Mit
Verfügung
(ebenfalls datierend)
vom 2
5.
Januar 2021
verpflichtete die Aus
gleichskasse
X._
zur Rückzahlung
der
in den letzten fünf Jahren (also
vom
1.
Februar 2016 bis 3
1.
Januar 2021)
ausbezahlten Witwenrenten im Gesamtbetrag von
Fr.
104'165.--. Ein Anspruch auf eine Wit
wenrente habe nie bestanden.
Y._
sei
erst nach der Scheidung mit der Ehe mit
A._
verstorben
, was einen Anspruch auf eine Witwenrente ausschliesse (
Urk.
10/87). Die dagegen erhobene Einsprache (
Urk.
10/127)
wies die Ausgleichs
kasse mit
Einsprachee
ntscheid
vom 2
2.
April 2021 ab
(
Urk.
2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 2
2.
April 2021 erhob
X._
mit Eingabe vom 2
6.
Mai 2021 Beschwerde und beantragte, der angefochtene Ent
scheid sei aufzuheben. Es sei festzustellen, dass eine
Rückforderung von
Renten
betreffnissen
, jedenfalls soweit sie nicht innerhalb eines Jahres vor Erlass der Rückforderungsverfügung ausbezahlt worden seien, verwirkt sei (
Urk.
1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin schloss in der Beschwerdeantwort vom 1
2.
Juli 2021 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9), was der Beschwerdeführerin
am 1
5.
Juli 2021
zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
11).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Laut
Art.
23
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversi
cherung
(AHVG) haben Witwen oder Witwer Anspruch auf eine Witwen- oder Witwerrente, sofern sie im Zeitpunkt der Verwitwung Kinder haben. Der Anspruch auf die Witwen- oder Witwerrente entsteht am ersten Tag des dem Tod des Ehemannes oder der Ehefrau folgenden Monats (
Art.
23
Abs.
3 AHVG).
Der Anspruch auf eine Witwen- oder Witwerrente, der mit der Wiederverheiratung der Witwe oder des Witwers erloschen ist, lebt am ersten Tag des der Auflösung der Ehe folgenden Monats wieder auf, wenn die Ehe nach weniger als zehnjäh
riger Dauer geschieden oder als ungültig erklärt wird (
Art.
46
Abs.
3 der Verord
nung
über die Alters- und Hi
nterlassenen-versicherung, AHVV).
1.2
Art.
23
Abs.
3 AHVG und
Art.
46
Abs.
3 AHVV
räumen der geschiedenen und wiederverheirateten Frau keinen Anspruch auf eine Witwenrente ein, wenn nach Scheidung der zweiten Ehe
der erste Ex-Mann stirbt. D
ie Anerkennung eines Witwenrentenanspruchs nach Scheidung der zweiten Ehe aufgrund des Todes des
früheren Ehemannes setzt voraus, dass ein solcher Anspruch vor der zweiten Ehe
schliessung entstanden ist (BGE 116 V 67).
2.
2
.1
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (
Art.
25
Abs.
1 erster Satz
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs
rechts,
ATSG).
Wer Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (
Art.
25
Abs.
1 Satz 2 ATSG).
2.2
Gemäss
Art.
25
Abs.
2 erster Satz ATSG
(in der b
is Ende 2020 geltenden Fassung) erlischt der Rückforderungsanspruch mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat
(relative Verjährungs
frist)
, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung
(absolute Verjährungsfrist)
. Bei den genannten Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen (
BGE 142 V 20 E. 3.2.2, BGE 140 V 521 E. 2.1
mit Hinweisen).
Am
1.
Januar 2021 traten die geänderten Bestimmungen
des
ATSG und der
Ver
ordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(
ATSV
)
in Kraft. Dabei wurde die relative Verwirkungsfrist von
Art.
25
Abs.
2 erster Satz ATSG von einem auf drei Jahre verlängert.
2
.3
Unter der Wendung "nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat", ist der Zeitpunkt zu verstehen, in dem die Verwaltung bei Beach
tung der gebotenen und zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen, oder mit andern Worten, in welchem sich der Versicherungsträger hätte Rechenscha
ft geben müssen über Grundsatz,
Ausmass und Adressat des Rückforderungsanspruchs. Ist für die Leistungsfestsetzung (oder die Rückforderung) das Zusammenwirken mehrerer mit der Durchführung der Versicherung betrauter Behörden notwendig, genügt es für den Beginn des Fristenlaufs, dass die nach der Rechtsprechung erforderliche Kenntnis bei einer der zuständigen Ver
waltungsstellen vorhanden ist (BGE 140 V 521 E. 2.1, BGE 139 V 6 E. 4.1, BGE 139 V 106 E. 7.2.1,
je mit Hinweisen).
Beruht die unrechtmässige Leistungsausrichtung auf einem Fehler de
r Verwal
tung, wird die einjährige (respektive ab dem
1.
Januar 2021 dreijährige) relative Verwirkungsfrist gemäss
Art.
25
Abs.
2 erster
Satz ATSG nicht durch das erst
ma
lige unrichtige Handeln der Amtsstelle ausgelöst. Vielmehr ist auf jenen Tag abzustellen, an dem das Durchführungsorgan später
–
beispielsweise anlässlich
einer Rechnungskontrolle oder aufgrund eines
zusätzlichen Indizes
–
unter An
wen
dung der ihm zumutbaren Aufmerksamkeit seinen Fehler hätte erkennen müssen (BGE 139 V 570 E. 3.1, 124 V 380 E. 1, 122 V 270 E. 5b/
aa
; zum Ganzen: BGE 146 V 217 E. 2.1-2.2).
2
.4
Auf welchem Wege die Versicherungseinrichtung vom Rückforderungsanspruch Kenntnis erhält, spielt grundsätzlich keine Rolle. So hat sich eine Ausgleichskasse das Wissen um einen zur Rentenrückforderung Anlass gebenden Sachverhalt rechtsprechungsgemäss auch dann anrechnen zu lassen, wenn ihr dieser im Zusammenhang mit der beitragsrechtlichen Erfassung des Rentenbezügers als Nichterwerbstätiger oder als Arbeitgeber zur Kenntnis gelangte (BGE
139 V 6 E.
5.2, Urteil des Bundesgerichts 9C_241/2018 vom
2.
April 2019 E. 2.3).
3
.
3.1
Im angefochtenen
Einspracheentscheid
wurde im Wesentlichen ausgeführt, gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung werde für den Beginn der Verwir
kungsfrist nicht auf d
en Anfangsfehler abgestellt. Massgebend
sei
der Zeitpunkt, in welchem die Administration das Dossier erneut bearbeite und sich ihrem Fehler unter Aufwendung der zumutbaren Sorgfalt
bewusst werden
müsse. Der erste Fehler sei vorliegend bei der
Rentenzusprache
im Juli 2013 passiert und daher noch nicht fristauslösend.
Fristauslösend sei erst die definitive
Zusprache
der Invalidenrente mit Verfügung vom 2
7.
Mai 202
0.
Denn erst zu diesem Zeitpunkt habe die Ausgleichskasse die Invalidenrente berechnen und mit der Witwenrente koordinieren müssen. Ein früherer, die Verwirkungsfrist auslösender Z
eitpunkt liege nicht vor:
Weder die Anmeldung bei der I
nvalidenversicherung vom
4.
September 2014
noch der Erlass des V
orbescheids vom
1.
Juni 2018 seien frist
auslösend gewesen. Aufgrund der Angaben im Anmeldeformular habe für die IV
Stelle kein Anlass bestanden, die Ausgleichskasse zu informieren. Es sei nicht Aufgabe der IV-Stelle zu überprüfen, ob eine Witwenrente zu Recht ausbezahlt werde. Nach Erlasses des Vorbescheids vom
1.
Juni 2018 habe die
Beschwerde
gegnerin
im Juli 20
1
8 Abklärungen zum Zivilstand getätigt. Doch auch zu jenem Zeitpunkt habe kein Anlass bestanden, die bisherigen Berechnungen zu üb
erprü
fen. Da sie
die Rückforderung mit Verfügung
vom
2
5.
Januar 2021 geltend gemacht habe, habe sie die am 2
7.
Mai 20
20
ausgelöste einjährige Ver
jährungs
frist gewahrt (
Urk.
2).
3.2
Demgegenüber machte die Beschwerdeführerin in der Beschwerde geltend, der Beschwerdegegnerin sei bei der
Zusprache
der Witwenrente am 2
2.
Juli 2013 ein Fehler unterlaufen, indem sie nicht realisiert habe,
dass eine Konstellation vor
gelegen habe, die dem Anspruch auf eine Witwenrente von vor
nherein entgegen
gestanden habe. B
ei der gebotenen Aufmerksamkeit hätte
die
Beschwerdegeg
nerin
ihren Fehler
erkennen könne
n, als sich die Beschwerdeführerin am
4.
September 2014 bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug angemeldet habe. Im Anmeldeformular habe sie korrekte Angaben zu ihren Ehen und dem Todestag von
Y._
gemacht. Das Wissen der IV-Stelle müsse sich die Au
sgleichs
kasse anrechnen lassen. Jedenfalls
aber
spätestens im Juli 2018 hätte die Beschwerde
gegnerin erkennen müssen, dass die Witwenrente zu Unrecht ausge
richtet werde. Im Zuge des Erlasses des Vorbescheids vom
1.
Juni 2018 sei sie von der IV-Stelle zur Vorbereitung der Leistungsabrechnung aufgefordert worden und habe daraufhin ergänzende Abklärungen zum Zivilstand getätigt. Damit seien ihr die
zivilstandsrechtliche
Konstellation, die dem Anspruch auf eine Wit
wenrente entgegenstehe, bekannt gewesen. Die relative Verwirkungsfrist von
Art.
25
Abs.
2 ATSG habe demnach bereits im September 2014, allerspätestens jedoch mit Erhalt
des vom Zivilstandsamt C._ (richtig: B._
) aus
gefüllten Fragebogens im
Juli 2018 zu laufen begonnen. Innert Jahresfrist sei keine Rückforderung verfügt worden.
Eine Rückforderung der ausgerichteten Witwenrente ab
1.
Februar 2016 sei damit verwirkt. Etwas
anderes
gelte höchs
tens für die innerhalb eines Jahres vor Erlass der Rückerstattungsverfügung vom 2
5.
Januar 2021 ausgerichteten
Rentenbetreffnisse
(
Urk.
1).
4.
4.1
Es steht fest und ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin die von der Beschwerdegegnerin zurückverlangte Witwenrente zu Unrecht
bezogen hat. Ein Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Witwenrente bestand zu keinem Zeit
punkt, da
Y._
erst nach der Scheidung der Ehe der Beschwerdeführerin mit
A._
verstarb.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Rückerstattungsforderung verwirkt ist,
soweit die ausgerichtete Witwenrente über ein Jahr hinaus seit Erlass der Rückforde
rungsverfügung vom 2
5.
Januar 2021 zurückgefordert wird.
4.2
Hinsichtlich der Frage der Verwirkung der Rückforderung ist zunächst zu prüfen, ob die in
Art.
25
Abs.
2 ATSG vorgesehene Verwirkungsfrist in der bis Ende 2020 gültig gewesenen Fassung von einem Jahr oder in der ab dem
1.
Januar 2021 geltenden Fassung von drei Jahren anwendbar ist.
Weder das AHVG
noch das ATSG enthalten eine spezielle Übergangsbestimmung betreffend die Anwendbarkeit der Änderung der Verwirkungsfrist nach
Art.
25
Abs.
2 ATSG. Die Übergangsbestimmung
Art.
83 ATSG zur ATSG-Änderung vom 2
1.
Juni 2019 sieht lediglich in allgemeiner Weise vor, dass für im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Änderung vom 2
1.
Juni 2019 beim erstinstanzlichen Gericht hängige Beschwerde
n das bisherige Recht gilt. Vorliegend
war bei Inkrafttreten der ATSG-Revision respektive der neuen Fassung von
Art.
25
Abs.
2 ATSG per
1.
Januar 20
21 die Beschwerde vom 2
6.
Mai 2021 mit Eingang am 2
7.
Mai
2021 (
Urk.
1) noch nicht hängig, so dass jedenfalls nicht ohne Weiteres auf die Anwend
barkeit der alten und auch nicht
–
etwa
e
contrario
–
der neuen, verlän
gerten Verwirkungsfrist geschlossen werden kann.
Als massgeblich erweist sich
die von der bundesgerichtlichen Rechtsprechung für den Bereich der Verjährung/Verwirkung entwicke
lten übergangsrechtlichen Grund
sätze, wonach die Verjährungs- oder Verwirkungsbestimmungen des neuen Rechts auf altrechtliche Ansprüche anwendbar sind, sofern diese vor dem In-Kraft-Treten des neuen Rechts entstanden und fällig, aber vor diesem Zeitpunkt noch nicht verjährt oder verwirkt sind (BGE 131 V 425 E. 5.2 mit Hinweis auf BGE 102 V 206 E. 2, 111 II 186, 107
Ib
203 f. E. 7b/
aa
; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts H 98/05 vom
6.
Dezember 2005 E. 5). In diesem Sinne wurde in Ziffer 2 des IV-Rundschreibens des BSV Nr. 406 vom 2
2.
Deze
mber 2020 («Revi
sion des Bundes
gesetzes über den Allg
emeinen Teil des Sozialversiche
rungs
rechts») dazu das Folgende ausgeführt: Die Anwendung der neuen Verwirkungs
fristen auf bereits unter «altem Recht» entstandene und fällige Ford
erungen ist zulässig, soweit be
reits unter dem alten Recht eine Verwirkung vorgesehen wurde und soweit diese Verwirkung noch nicht eingetreten ist im Zeitpunkt des Inkraft
tretens der neuen Bestimmungen (vgl. BGE 131 V 425 E. 5.2, 1
34 V 353 E. 3.2, Urteil des Bun
desgerichts 1C_540/2014 vom
5.
Januar 2015 E. 3.1). Wenn aber im Zeitpunkt des Inkrafttretens des neuen Rechts eine relative oder absolute Ver
wirkungsfrist gemäss dem «alten»
Art.
25
Abs.
2 ATSG bereits verstrichen ist und die Forderung bereits verwirkt ist, so bleibt diese verwirkt, und es ändert sich durch das neue Recht nichts daran.
Davon ist auszugehen. Es gilt somit zu klären, wann die Verwirkungsfrist zu laufen begonnen hat und ob die bisher geltende einjährige Frist vor dem
1.
Januar 2021 verstrichen ist und die Rückforderung
–
wie von der Beschwerdeführerin geltend gemacht
–
dann bereits
(
teilweise
)
verwirkt war.
5.
5.1
Es ist belegt, dass die Beschwerdegegnerin im Z
eitpunkt der Verfügung vom 2
2.
Juli 2013
darüber informiert war, dass
Y._
erst nach der Scheidung der weiteren Ehe der Beschwerdefüh
rerin
mit
A._
verstorben war
. Dennoch
sprach sie der Beschwerdeführerin irrtümliche
rweise eine Witwenrente zu
.
Diesem ursprünglichen Irrtu
m kommt nach dem Gesagten (E. 2.3
) jedoch keine fristauslösende Wirkung zu.
5.2
Soweit sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt stellt, das der IV-Stelle mit Anmeldung vom
4.
September 2014 erlangte Wissen sei auch der Ausgleichs
kasse zuzurechnen, kann ihr nicht gefolgt werden. Nach
Art.
63
Abs.
1
lit
. b und c AHVG obliegt die Festsetzung und die Auszahlung der AHV-Renten (
inkl. der
Witwenrente
n
) und somit auch die Rückforderung unrechtmässig bezogener Renten allein den Ausgleichskasse
n. Offenkundig kann die IV-Stelle nicht als mit der Durchführung der Alters- und
Hinterlassenenversicherung
betraute Behörden im Sinne der angeführten Rechtsprechung gelten (E. 2.3
hievor
in
fine
). Die Kenntnis einer in diesem Lichte unzuständigen Verwaltungsstelle vermag die ein
jährige Verwirkungsfrist des
Art.
25
Abs.
2 erster Satz ATSG nicht auszulösen.
5.3
Hingegen ist der Beschwerdeführerin beizupflichten, dass die Beschwerde
gegnerin im Juli 2018 bei Beachtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Witwenrente zu Unrecht ausgerichtet wurde und die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen.
Im Zusammenhang mit der Zusprechung von Invalidenrenten sind die Aufgaben nach dem Gesetz zwischen IV-Stellen und Ausgleichskassen aufgeteilt: Die IV
Stellen klären die versicherungsmässigen Voraussetzungen ab, bemessen die Invalidität und verfügen über die Leistungen der Invalidenversicherung (
Art.
57
Abs.
1
lit
. c, f und g
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG). Die Ausgleichskassen wirken bei der Abklärung der versicherungsmässigen Voraus
setzungen mit, berechnen die Renten und zahlen diese aus (
Art.
60
Abs.
1
lit
. a, b und c IVG; vgl.
ferner
BGE
139 V 106 E. 7.2.1
).
Nach Erlass des Vorbe
scheids
vom
1.
Juni 2018 forderte die IV-Stelle die Beschwerdegegnerin zur Vor
bereitung der Leistungsberechnung auf (
Urk.
10/51), woraufhin diese im Juli 2018 Abklärungen zum Zivilstand der Beschwerdeführerin tätigte. S
pätestens zu
diesem Zeitpunkt hätte sie sich um den zur Rentenrückforderung Anlass geben
den Sachverhalt gewahr werden müssen. Sie hätte erkennen müssen, dass sie
der Beschwerdeführerin zu Unrecht eine Witwenrente ausrichtete, da von Anfang an eine anspruchsverhinderte Konstellation vorgelegen hatte
(vgl. auch E. 2.4)
. Der Einwand der Beschwerdegegnerin, es sei damals lediglich um die Berechnung der
Invalidenrente
gegangen (
Urk.
9)
,
ist
unbehelflich
und trifft nicht zu.
Erfüllt eine Person gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Witwen- oder Witwerrente und für eine Altersrente oder für eine Rente gemäss dem IVG, so wird nur die höhere Rente ausbezahlt (
Art.
24b AHVG
,
Art.
43
Abs.
1 IVG). Da die Beschwerdeführe
rin zum Zeitpunkt der Berechnung der Invalidenrente bereits Bezügerin einer Witwenrente war, hätte die Beschwerdegegnerin somit
auch diese überprüfen müssen.
Dies unterliess sie
im Juli 2018 offensichtlich
respektive nahm die Über
prüfung erst im Januar 2021 vor (
Urk.
10/77-79).
Dass die Beschwerdeführerin gegen den Vorbescheid vom
1.
Juni 2018 Einwand erhoben hatte (vgl. dazu
Urk.
2 S. 2), ändert nichts daran, dass es der Beschwerdegegnerin im Juli 2018 ohne Weiteres zumutbar gewesen wäre, den Witwen
renten
anspruch zumindest im Grundsatz summarisch zu überp
r
üfen.
5.4
Nach dem Gesagten hätte die Beschwerdegegnerin
unter Anwendung der gebo
tenen Sorgfalt ihre
n Fehler spätestens im Juli 2018
erkennen können und müssen.
Folglich war die Rückforderung zum Zeitpunkt der Verlängerung der relativen Verwirkungsfrist von einem auf drei Jahre per Ende 2020 (E. 2.2) bereits verwirkt, soweit sie Rentenleistungen betrifft, die mehr als ein Jahr vor diesem Zeitpunkt, das heisst vor dem Jahre 2020 erbracht worden waren. Die Rückforderungsver
fügung vom 2
5.
Januar 2021 bzw. der angefochtene
Einspracheentscheid
erweist sich somit im Umfang von
Fr.
22'687.-- (12 x
Fr.
1'744.-- + 1 x Fr 1'759.--) als rechtens. Der diesbezügliche Rückforderungsanspruch konnte solange nicht ver
wirken, als die einzelnen monatlichen Renten noch gar nicht ausbezahlt waren (BGE 146 V 217 E. 3.4 mit Hinweisen). Im übrigen Umfang, also im Betrag von
Fr.
81'487.-- (
Fr.
104'165.-- -
Fr.
22'687.--), ist der Rückforderungsanspruch ver
wirkt.
Die Beschwerdegegnerin nahm bereits eine Verrechnung der Rückforde
rung mit der nachzuzahlenden Invalidenrente vor (
Urk.
2). Dazu ist festzuhalten,
dass
die Erfüll
ung des Rückforderungsanspruchs
auch nicht durch Verrechnung mit Rentennachzahlungen erzwungen werden
kann
, soweit er infolge Verwirkung endgültig untergangen ist (BGE 111 V 1 E. 3b, Urteil des Bundesgerichts 9C_34/2018 vom
4.
Dezember 2018 E. 2.2). Die von der Beschwerdegegnerin vor
genomme
ne Verrechnung erweist sich somit
als unzulässig, soweit sie den Betrag von
Fr.
20'
687
.-- übersteigt.
6.
Nach
§
34
Abs.
1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierig
keit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
). Unter Berücksichtigung der massgeblichen Kriterien erscheint die
Zusprache
ei
ner
Prozessentschädigung für die anwaltlich vertretene
, weit überwiegend obsiegende
Beschwerdeführerin
von
Fr.
2’1
00
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) als angemes
sen.