# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** a85bcd64-5968-430d-85a5-a6ca235aacc8
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend schwere Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 24. April 2018 (DG170316)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
27. November 2017 (Urk. 39) sowie das Privatklägerverzeichnis vom 24. Oktober
2017 (D1 Urk. 37) sind diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 94 S. 80 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Das Verfahren betreffend den Vorwurf der mehrfachen Drohung (Dossier 1) wird eingestellt.
2. Der Beschuldigte ist schuldig
− des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB;
− der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB.
3. Von den Vorwürfen der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, des Raubes im Sinne von Art. 140
Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB wird der Beschuldigte
freigesprochen.
4. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
30. September 2015 ausgefällten Freiheitsstrafe von 6 Monaten wird widerrufen.
5. Der Beschuldigte wird unter Einbezug der widerrufenen Strafe bestraft mit 40 Monaten Frei-
heitsstrafe als Gesamtstrafe, wovon 550 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden sind.
6. Es wird eine Massnahme für junge Erwachsene im Sinne von Art. 61 StGB angeordnet. Der
Vollzug der Freiheitsstrafe wird zu diesem Zweck aufgeschoben.
7. Die Privatkläger B._ und C._ werden mit ihren Zivilansprüchen (Schadenersatz,
Genugtuung und Parteientschädigung) auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Das Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren des Privatklägers D._ wird abgewie-
sen.
9. Die folgenden, polizeilich sichergestellten Gegenstände werden durch die Lagerbehörde
vernichtet:
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Tatort-Fotografie (A009'752'958), Flasche (A009'753'019), DNA-Spur - Wattetupfer
(A009'753'020), Flasche (A009'753'031), Uhren/Schmuck (A009'753'042), DNA-Spur -
Wattetupfer (A009'756'596), Mikrospuren - Klebbandasservat (A009'757'373), Flasche
(A009'753'053), Messer (A009'753'064), DNA-Spur - Wattetupfer (A009'756'541), DNA-
Spur - Wattetupfer (A009'756'552), Mikrospuren - Klebbandasservat (A009'757'408), Ande-
re
Fotografie (A009'755'059), DNA-Spur - Wattetupfer (A009'755'093), DNA-Spur - Wattetup-
fer (A009'755'106), Vergleichs-WSA (A009'755'117).
10. Die folgenden, polizeilich sichergestellten Gegenstände werden den Berechtigten auf erstes
Verlangen herausgeben:
Kleider (A009'752'787), Kleider (A009'752'878), Kleider (A009'752'903), Kleider
(A009'752'925), Kleider (A009'752'936), Kleider (A009'752'947), Kleider (A009'752'969),
Kleider (A009'754'136).
Stellen die Berechtigten nicht innert drei Monaten ab Rechtskraft des Urteils ein entspre-
chendes Herausgabebegehren bei der Lagerbehörde, werden die Gegenstände vernichtet.
11. Rechtsanwalt lic. iur. X1._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Verteidiger aus
der Gerichtskasse mit Fr. 31'000.– (inkl. Barauslagen und MwSt) entschädigt, wovon
Fr. 8'800.– bereits bezahlt wurden.
12. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 4'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 11'255.00 Gutachten Dr. med. E._
Fr. 814.45 Gutachten IRM betr. B._
Fr. 48.00 Entschädigung Zeugen
Fr. 2'257.20 amtliche Verteidigung RA X2._
Fr. 31'000.00 amtliche Verteidigung RA X1._
13. Die Kosten des Gutachtens von Dr. med. E._ werden dem Beschuldigten auferlegt. Die
übrigen Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejeni-
gen der amtlichen Verteidigung, werden zu vier Fünfteln dem Beschuldigten auferlegt und
zu einem Fünftel auf die Gerichtskasse genommen.
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14. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden einstweilen auf die Gerichtskasse genom-
men. Vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO im Umfang von
Fr. 26'605.60.
15. (Mitteilung)
16. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 128 S. 2 f.)
1. Es sei festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts
Zürich vom 24. April 2018 hinsichtlich Dispositivziffer 1 (Einstellung des
Verfahrens wegen Drohung), Dispositivziffer 2 (soweit es um die Ver-
urteilung wegen Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB geht),
Dispositivziffer 4 (Widerruf), Dispositivziffer 6 (Anordnung einer Mass-
nahme), Dispositivziffer 7 (Verweisung des Privatklägers B._ mit
seinen Zivilforderungen auf den Zivilweg), Dispositivziffer 8 (Abweisung
der Zivilansprüche des Privatklägers D._), Ziff. 9 und 10 (Rege-
lung der Herausgabe bzw. Vernichtung von Sachgegenständen) sowie
Ziff. 11 und 12 (Festsetzung des Honorars der amtlichen Verteidigung)
in Rechtskraft erwachsen ist.
2. Von den Vorwürfen der mehrfach versuchten schweren Körperverlet-
zung (Anklageziffer 1), der schweren Körperverletzung (Anklagezif-
fer 2) sowie des Angriffs und Raubs (Anklageziffer 3) sei der Beschul-
digte freizusprechen.
Eventualiter seien die Strafverfahren gemäss Anklageziffer 1 und 2
einzustellen.
3. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
30. September 2015 für eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten gewährte
bedingte Strafvollzug sei zu widerrufen. Unter Einbezug dieser Vorstra-
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fe sei der Beschuldigte unter Anrechnung der bisher erstandenen Haft
mit einer vollziehbaren Gesamtstrafe von 12 Monaten zu belegen. Es
sei festzustellen, dass der Beschuldigte diese Strafe bereits abgeses-
sen hat.
4. Auf Schadenersatzbegehren sei nicht einzutreten bzw. seien diese ab-
zuweisen.
5. Für die erstandene Überhaft sei der Beschuldigte angemessen zu ent-
schädigen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 101 S. 1 f. und Urk. 129 S. 1 sinngemäss)
1. Der vorinstanzliche Schuldspruch betreffend die schwere Körperver-
letzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB und Raufhandel im Sinne
von Art. 133 Abs. 1 StGB sei zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte sei der mehrfachen versuchten schweren Körperver-
letzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB, des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie.
des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB schuldig zu sprechen.
3. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 56 Monaten als Ge-
samtstrafe zu bestrafen.

## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von unnötigen Wiederholungen auf die Erwägung der Vorinstanz im an-
gefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 94 S. 6).
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1.2. Gegen das vorstehend wiedergegebene mündlich eröffnete Urteil des Be-
zirksgerichts Zürich, 7. Abteilung, vom 24. April 2018 (Prot. I S. 32 ff.) liess der
Beschuldigte durch seine amtliche Verteidigung am 4. Mai 2018 (Datum Post-
stempel) fristgerecht Berufung anmelden (Urk. 77). Nach Zustellung des begrün-
deten Urteils (Urk. 90) am 27. Juli 2018 (Urk. 93/2) reichte die Verteidigung mit
Eingabe vom 30. Juli 2018 – ebenfalls fristgerecht – dem Obergericht die Beru-
fungserklärung ein (Urk. 95). Mit Präsidialverfügung vom 6. September 2018 wur-
de die Berufungserklärung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO der
Staatsanwaltschaft sowie den Privatklägern zugestellt, um gegebenenfalls An-
schlussberufung zu erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantra-
gen (Urk. 99). Mit Eingabe vom 17. September 2018 erhob die Staatsanwaltschaft
Anschlussberufung (Urk. 101). Mit Präsidialverfügung vom 8. Oktober 2018 wurde
die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft den Privatklägern sowie dem Be-
schuldigten zugestellt (Urk. 103).
1.3. Am 16. Mai 2019 fand die Berufungsverhandlung statt, anlässlich welcher
der Beschuldigte zur Person und zur Sache einvernommen wurde (Urk. 127). So-
dann wurden die Parteivorträge entgegengenommen. Ein Entscheid in der Sache
wurde nicht gefällt, da sich die Sache noch nicht als spruchreif erwies (Prot. II S. 5
ff.). Mit Beschluss vom 16. Mai 2019 wurden die Akten sodann zur Ergänzung der
Untersuchung, namentlich der Einvernahme von F._ und G._ als Zeu-
gen, an die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich zurückgewiesen (Urk. 130).
1.4. Die Zeugeneinvernahmen wurden von der Staatsanwaltschaft am
3. Oktober 2019 durchgeführt und die Protokolle der betreffenden Einvernahmen
gingen am 7. Oktober 2019 am hiesigen Gericht ein (Urk. 138; Urk. 139;
Urk. 140). Sie wurden dem Beschuldigten sowie dem Privatkläger C._ zur
freigestellten Vernehmlassung zugestellt (Urk. 147). Die Stellungnahme des Ver-
teidigers des Beschuldigten ging am 12. Mai 2020 (Poststempel 11. Mai 2020)
fristgerecht am hiesigen Gericht ein (Urk. 153). Die Sache erweist sich nunmehr
als spruchreif.
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2. Umfang der Berufung
2.1. Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen den Schuldspruch we-
gen schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB, den Straf-
punkt, den Entscheid über die Zivilforderungen von C._ sowie die Kostenauf-
lage (Urk. 95). Zwar wurde die Dispositiv-Ziffer 14 des vorinstanzlichen Urteils
nicht explizit angefochten. Die Verteidigung ficht aber – wie soeben erwähnt – die
Kostenauflage gemäss Dispositiv-Ziffer 13 des vorinstanzlichen Urteils an, wes-
halb auch die Dispositiv-Ziffer 14 als mitangefochten gilt. Die Anschlussberufung
der Staatsanwaltschaft richtet sich gegen den Freispruch betreffend mehrfache
versuchte schwere Körperverletzung, Raub und Angriff. Sodann verlangt sie eine
schärfere Bestrafung des Beschuldigten (Urk. 101).
2.2. Dementsprechend ist das vorinstanzliche Urteil in den Dispositiv-Ziffern 1,
2 (soweit den Schuldspruch wegen Raufhandel betreffend), 4, 6, 7 (soweit die Zi-
vilforderungen von B._ betreffend) sowie die Dispositiv-Ziffern 8-12 nicht  und damit in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschlusses
festzustellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO; Prot. II S. 7). Im übrigen Umfang steht der
angefochtene Entscheid im Rahmen des Berufungsverfahrens zur Disposition.
3. Formelles
3.1. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des eingeklagten
Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies
in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies jeweils explizit Er-
wähnung findet.
3.2. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und je-
des einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1
mit Hinweisen). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken.
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II. Schuldpunkt
1. Grundsätze der Sachverhaltserstellung
Was die Vorinstanz zu den massgebenden Grundsätzen der Sachverhalts-
erstellung sowie den Beweiswürdigungsregeln (dabei insbesondere zur Aussa-
gewürdigung) ausführt, ist nicht zu beanstanden (Urk. 94 S. 10 f.). Zur Vermei-
dung von Wiederholungen kann darauf verwiesen werden.
2. Tatvorwurf der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung
Gemäss Anklageschrift habe sich – soweit im vorliegenden Verfahren noch rele-
vant – am 21. Oktober 2016, ca. 22:00 Uhr, an der H._-strasse ... in ... Zü-
rich Folgendes zugetragen: Zwischen mehreren Personen, darunter auch der
Beschuldigte, sei es zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Der
Beschuldigte habe I._ zunächst mit der Faust gegen dessen Hinterkopf ge-
schlagen, wodurch dieser aber nicht verletzt worden sei. Als I._ den Be-
schuldigten von sich weggestossen habe, habe der Beschuldigte ein Klappmes-
ser hervorgenommen, die Klinge geöffnet und diese gegen I._ gerichtet. Als
der Beschuldigte das Messer gegen I._ gerichtet habe, habe er mit dem
Messer eine Stichbewegung in die Richtung von I._ ausgeführt, der ca. 1
Meter vom Beschuldigten entfernt gestanden sei. Da I._ dem Messer habe
ausweichen können, sei dieser nicht getroffen und nicht verletzt worden. Wäre
I._ dem Stich nicht ausgewichen, so hätte ihn gemäss Anklageschrift das
Messer mit grosser Wahrscheinlichkeit am Körper getroffen und verletzt. Der Be-
schuldigte habe gewusst, dass Messerstiche gegen einen Menschen schwere bis
lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen könnten und er habe dies in Kauf ge-
nommen.
Weiter sei der Beschuldigte mit dem Klappmesser in der Hand auf J._ zuge-
gangen und habe mit dem geöffneten Klappmesser ca. 2-3 Mal Stichbewegungen
gegen den Oberkörper von J._ ausgeführt, als dieser ca. 1 Meter von ihm
entfernt gestanden sei. Da J._ dem Messer habe ausweichen können, sei
dieser nicht getroffen und nicht verletzt worden. Wäre J._ dem Stich nicht
ausgewichen – so die Anklageschrift –, hätte ihn das Messer mit grosser Wahr-
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scheinlichkeit am Körper getroffen und verletzt. Der Beschuldigte habe gewusst,
dass Messerstiche gegen einen Menschen schwere bis lebensgefährliche Verlet-
zungen hervorrufen könnten und er habe dies in Kauf genommen.
Als sodann B._ den Beschuldigten von J._ habe trennen wollen, habe
der Beschuldigte den Geschädigten B._ mit einer Glasflasche gegen den
Kopf im Bereich des linken Ohrs geschlagen, wobei die Flasche zersplittert sei.
B._ habe dadurch eine Schnittwunde an der linken Ohrmuschel sowie eine
Schnittwunde hinter dem Ohr erlitten. Der Geschädigte sei dadurch zwar nicht le-
bensgefährlich oder bleibend verletzt worden, jedoch habe aufgrund der Lokalisa-
tion der Verletzung die konkrete Gefahr der Eröffnung der linken Halsschlagader
bzw. Halsvene bestanden, was zu einem lebensbedrohlichen Blutverlust oder ir-
reversiblen Schädigungen habe führen können. Ebenfalls habe ein Gesichtsnerv
beeinträchtigt werden können, was ebenfalls zu bleibenden Schäden hätte führen
können. Der Beschuldigte habe gewusst, dass Schläge mit Flaschen gegen den
Kopf eines Menschen schwere bis lebensgefährliche Verletzungen hätten hervor-
rufen können und er habe dies in Kauf genommen (Urk. 39 S. 2 ff.).
2.1. Vorinstanzliches Urteil
Die Vorinstanz erwog zusammengefasst, es sei vom Beschuldigten sowie den üb-
rigen Beteiligten unbestritten und als erstellt zu erachten, dass es am 21. Oktober
2016 an der H._-strasse ... zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwi-
schen mehreren Personen gekommen sei. Dabei seien dem Beschuldigten,
K._ und L._ die Kontrahenten I._, J._, B._, M._ und
N._ gegenüber gestanden. Weiter unbestritten und erstellt sei, dass es im
Zuge dieser Auseinandersetzung zu gegenseitigen Schlägen und Tritten gekom-
men sei, wobei auch Glasflaschen und Steine eingesetzt worden seien. Auch sei
der Beschuldigte geständig, im Verlauf der Auseinandersetzung ein Messer ge-
zogen zu haben und dieses sichtbar in der Hand gehalten zu haben. Schliesslich
sei erstellt, dass sich im Zuge dieser Auseinandersetzung mindestens zwei Per-
sonen verletzt hätten. Mit Bezug auf den Schlag gegen B._ seien anlässlich
der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember 2016 sämtliche Beteiligten ge-
fragt worden, von wem B._ mit der Flasche verletzt worden sei. Dabei hätten
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alle angegeben, dazu keine Angaben machen zu können. Auch die beiden Zeu-
gen hätten bezüglich des Entstehens der Verletzungen von B._ keine nähe-
ren Angaben machen können. Entscheidend sei die Aussage von B._ selbst,
der zwar angegeben habe, er wisse nicht, wer ihm die Flasche über den Kopf ge-
schlagen habe. Er könne aber I._ und den Beschuldigten ausschliessen, da
diese beiden Personen etwas abseits gestanden seien. Diese Äusserung würde
unter anderem durch die Ausführungen von I._ und dem Beschuldigten ge-
stützt, die übereinstimmend ausgesagt hätten, am Anfang der Auseinanderset-
zung etwas abseits miteinander diskutiert zu haben.
Die Vorinstanz schloss, es könne als erstellt betrachtet werden, dass dem Be-
schuldigten die Rolle des Initiators für die Auseinandersetzung zukomme, habe er
sich doch von den Zurufen provozieren lassen, sei daraufhin auf die gegnerische
Gruppe zugetreten und habe bewusst die Konfrontation gesucht. Sodann sei er-
stellt, dass der Beschuldigte sein Messer aktiv in der Auseinandersetzung einge-
setzt habe. Er habe sich mit dem Messer im dynamischen Tatgeschehen bewegt
und mit dem Messer rumgefuchtelt. Weitergehende Tathandlungen des Beschul-
digten liessen sich hingegen nicht erstellen. Dies gelte zunächst für den Faust-
schlag gegen den Hinterkopf von I._. Sodann würden auch die Stichbewe-
gungen gegen I._ und J._ nicht erstellt werden können, zu widersprüch-
lich und vage gehalten seien die einzelnen Aussagen diesbezüglich. Namentlich
bleibe unklar, wie und wohin der Beschuldigte gestochen haben soll. Zu vermuten
sei, dass die Bewegungen des Beschuldigten mit dem Messer im dynamischen
Tatgeschehen fälschlicherweise als Stichbewegungen gedeutet worden seien.
Schliesslich könne auch nicht erstellt werden, dass der Beschuldigte den Schlag
mit der Glasflasche auf den Kopf von B._ ausgeführt habe. Zwar sei gestützt
auf das rechtmedizinische Gutachten vom 16. November 2016 erstellt, dass die
Verletzungen von B._ von einer Glasflasche stammen würden. Da aber so-
gar der Geschädigte selbst, der keinerlei Interesse daran habe, den Schuldigen
zu entlasten, den Beschuldigten als Täter ausschliesse, und zudem keiner der
Beteiligten den Beschuldigten als Täter nenne, sei dieser Anklagepunkt in klarer
Weise nicht erstellt (Urk. 94 S. 32 ff.).
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2.2. Standpunkt der Staatsanwaltschaft
2.2.1. Die Staatsanwaltschaft brachte vor Vorinstanz zusammengefasst vor,
I._ habe anlässlich der Konfrontationseinvernahme zu Protokoll gegeben,
dass der Beschuldigte mit dem Messer gegen ihn gestochen habe, als dieser nur
ca. 1 Meter von ihm entfernt gewesen sei. Wenn er nicht ausgewichen wäre, hätte
ihn der Beschuldigte mit dem Messer getroffen. Es sei kein Grund ersichtlich,
weshalb I._ eine absichtliche Falschaussage hätte machen sollen. Der Be-
schuldigte hingegen habe allen Grund, diesen Vorwurf zu bestreiten, sei es ja nur
dem Zufall zu verdanken, dass I._ durch die Stichbewegungen mit dem Mes-
ser nicht schwer verletzt worden sei. Ebenfalls gesehen worden seien die Stich-
bewegungen durch J._. Dieser habe sogar gemeint, dass I._ vom Mes-
ser gestochen worden sei, so nahe sei der Beschuldigte offenbar an I._ ge-
standen. Auch J._ habe angegeben, dass der Beschuldigte mit dem Messer
Stichbewegungen gegen ihn ausgeführt habe. Es sei nur dem Zufall zu verdanken
gewesen, dass er nicht verletzt worden sei. Bei J._ sei ebenfalls nicht er-
sichtlich, weshalb er diesbezüglich eine absichtliche Falschaussage hätte machen
sollen. Auch M._ habe gesehen, wie der Beschuldigte gegen J._ gesto-
chen habe und J._ zurückgewichen sei. Die Aussagen von I._, J._
und M._ würden zudem durch O._ bestätigt, der angegeben habe, dass
der Beschuldigte Stichbewegungen mit dem Messer gegen eine andere Person
ausgeführt habe. Bei ihm handle es sich um einen unabhängigen Tatzeugen, der
absolut keinen Grund habe, diesbezüglich falsche Angaben zu machen. Gemäss
der Aussage von O._ habe das Opfer auch sofort nach dem Stich seine
Hand an den Bauch gehalten. Er sei davon ausgegangen, dass das Opfer verletzt
worden sein könnte. Dies zeige, dass auch gemäss einer unabhängigen und ob-
jektiven Einschätzung von aussen klar davon ausgegangen werden müsse, dass
das Verletzungsrisiko sehr hoch gewesen sei, als der Beschuldigte Stichbewe-
gungen mit dem Messer gegen Personen ausgeführt habe.
Der weitere Vorwurf, dass der Beschuldigte B._ mit einer Glasflasche am
Hals verletzt habe, basiere auf den belastenden Aussagen von M._. Dieser
habe anlässlich der Konfrontationseinvernahme ausgeführt, dass derjenige, wel-
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cher das Messer gegen J._ eingesetzt habe, eine beige Jacke getragen ha-
be. Es sei ein grosser Mann gewesen. Der Beschuldigte sei der einzige gewesen,
der gemäss eigener Angabe eine braun-beige Jacke getragen habe. M._ sei
sich sicher, dass derjenige, welcher mit dem Messer gegen J._ gestochen
habe, auch gegenüber von B._ gestanden habe, als dieser mit der Glasfla-
sche verletzt worden sei. Bei M._ sei kein Grund erkennbar, weshalb dieser
den Beschuldigten zu Unrecht belasten sollte. Die Angabe von M._ mache
auch Sinn, wenn man sich vor Augen führe, dass das eigentliche Problem ur-
sprünglich zwischen dem Beschuldigten und B._ bestanden habe. Der Be-
schuldigte weise deshalb klar ein Motiv auf, in dieser Art und Weise gegen
B._ vorzugehen.
B._ selbst habe angeblich nicht gesehen, wer ihm die Flasche an den Kopf
geschlagen habe. Den Beschuldigten habe er aber dann trotzdem ausgeschlos-
sen, weil dieser angeblich etwas entfernt gestanden sei. Anlässlich der Befragung
sei bei ihr – der Staatsanwältin – und auch bei der zuständigen Jugendanwältin
der Eindruck entstanden, dass B._ sehr wohl wisse, wer ihn mit der Flasche
geschlagen habe. Aus welchem Grund er dies nicht preisgeben wolle, sei unklar.
Fakt sei aber, dass mehrere Personen in der Konfrontationseinvernahme sehr da-
rum bemüht gewesen seien, den Beschuldigten möglichst zu schützen. Es habe
sich im Verlauf der Untersuchung gezeigt, dass sich diverse Zeugen und Aus-
kunftspersonen vor Repressalien seitens des Beschuldigten oder dessen Umfeld
fürchten würden. Diese Angst werde sicherlich berechtigt sein, wenn man sich vor
Augen führe, dass in der tamilischen Subkultur häufig unter Anwendung von
schwerster Gewalt Rache geübt werde. Allenfalls erkläre dies das Aussageverhal-
ten von B._. Verlässlich sei die Angabe von B._, dass er den Beschul-
digten in Bezug auf den Einsatz der Flasche ausschliessen könne, jedenfalls si-
cher nicht (Urk. 69 S. 2 ff.).
2.2.2. Anlässlich der Berufungsverhandlung wiederholte die Staatsanwaltschaft,
dass sich die Beteiligten an der Konfrontationseinvernahme schwer getan hätten,
gegen den Beschuldigten auszusagen. Allerdings habe sich deutlich ergeben,
dass die Auseinandersetzung vom Beschuldigten ausgegangen sei. Dies habe
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sich sogar den Angaben des sonst wenig gesprächigen Mitbeschuldigten K._
entnehmen lassen, welcher angegeben habe, dass eine Person aus der anderen
Gruppe der Gruppe mit dem Beschuldigten etwas zugerufen habe, was den Be-
schuldigten erzürnt und worauf dieser sich angegriffen gefühlt habe. Der Beschul-
digte habe sich mit dem Beteiligten mit der dunkelroten Jacke (dabei handle es
sich um B._) aus der anderen Gruppe unterhalten und schon hätten die bei-
den angefangen, sich herumzustossen und aufeinander einzuschlagen.
I._ habe bei der Konfrontationseinvernahme ausgesagt, der Beschuldigte
habe mit dem Messer gegen ihn gestochen, als dieser nur ca. 1 Meter von ihm
entfernt gewesen sei, und falls es ihm nicht gelungen wäre, noch auszuweichen,
hätte der Beschuldigte ihn mit dem Messer getroffen. Von dieser Angabe dürfe
und müsse ausgegangen werden. So fehlten Gründe für eine absichtliche Falsch-
aussage. Anders beim Beschuldigten; bei diesem gebe es unzählige Gründe zur
Bestreitung dieses Vorwurfs. Schliesslich sei es ausschliesslich eine glückliche
Fügung gewesen, dass I._ durch die Stichbewegung mit dem Messer nicht
schwere Verletzungen erlitten habe. Gestützt würden diese Angaben vom Mitbe-
schuldigten J._, der die Stichbewegungen genau gleich gesehen habe und
sogar damals davon ausgegangen sei, dass I._ vom Messer gestochen wor-
den sei. Auch J._ habe angegeben, dass der Beschuldigte mit dem Messer
Stichbewegungen gegen ihn ausgeführt habe. Auch bei ihm sei es nur dem Zufall
zu verdanken, dass er nicht verletzt worden sei (Urk. 129 S. 3). J._ fehle
ebenfalls jedes Motiv für eine absichtliche Falschaussage. Zudem habe auch der
weitere Mitbeschuldigte M._ gesehen, wie der Beschuldigte gegen J._
gestochen habe und dieser zurückgewichen sei. Die Aussagen von I._,
J._ und M._ würde schliesslich auch von einem Türsteher des
"P._", von O._, bestätigt. Dieser habe ausgeführt, dass der Beschuldig-
te mit einem Messer Stichbewegungen gegen eine andere Person ausgeführt ha-
be. O._ sei ein unabhängiger Tatzeuge, dem jeder Grund für eine falsche
Aussage fehle. Auch O._ sei der Ansicht gewesen, dass das Opfer verletzt
worden sei. Somit müsse auch entsprechend einer unabhängigen und objektiven
Einschätzung davon ausgegangen werden, dass das Verletzungsrisiko sehr hoch
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gewesen sei, als der Beschuldigte Stichbewegungen mit dem Messer gegen Per-
sonen ausgeführt habe.
Der Vorwurf, wonach der Beschuldigte B._ mit einer Glasflasche am Hals
verletzt habe, ergebe sich aus den Aussagen von M._. Dieser habe anläss-
lich der Konfrontationseinvernahme ausgeführt, dass derjenige, welcher das Mes-
ser gegen J._ geführt habe, eine beige Jacke getragen habe. Es habe sich
um einen grossen Mann gehandelt. Eine braun-beige Jacke sei dabei aus-
schliesslich vom Beschuldigten getragen worden. M._ sei sich zudem auch
sicher gewesen, dass derjenige, der mit dem Messer gegen J._ gestochen
habe, auch gegenüber von B._ gestanden sei, als dieser verletzt geworden
sei. Auch bei M._ fehle es an einem erkennbaren Grund für eine Falschbe-
lastung. Die Angabe von M._ ergäben auch Sinn, wenn man bedenke, dass
das eigentliche Problem ursprünglich zwischen dem Beschuldigten und B._
bestanden habe. Der Beschuldigte habe deshalb klar ein Motiv gehabt, in dieser
Art und Weise gegen B._ vorzugehen. B._ wolle selber zwar nicht ge-
sehen haben, wer ihm die Flasche auf den Kopf geschlagen habe, den Beschul-
digten habe er dann aber trotzdem ausgeschlossen, weil dieser angeblich etwas
entfernt gestanden sei. Es scheine allerdings so, dass B._ sehr wohl ge-
wusst habe, wer ihn mit der Flasche geschlagen habe und er dies einfach nicht
habe sagen wollen – weshalb wisse man nicht. Sicher sei aber, dass mehrere
Personen in der Konfrontationseinvernahme sehr darum bemüht gewesen seien,
den Beschuldigten möglichst zu schützen – möglicherweise aus Angst vor Re-
pressalien seitens des Beschuldigten oder dessen Umfeld. Die Angst sei ange-
sichts des Umstands, dass in der tamilischen Subkultur häufig mit der Anwendung
von schwerster Gewalt Rache ausgeübt werde, sehr gut nachvollziehbar (Urk.
129 S. 4 f.).
Gemäss dem Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin hätte es beim vorlie-
genden Vorfall zu schwerwiegenden oder gar tödlichen Verletzungen kommen
können. Dass dies nicht geschehen sei, sei auch hier nur dem Zufall zu verdan-
ken. Der Beschuldigte habe diese bei seinem Handeln aber in Kauf genommen
(Urk. 129 S. 5).
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2.3. Standpunkt der Verteidigung
Die Verteidigung machte in Bezug auf den Anklagesachverhalt bezüglich des
Schlags mit einer Glasflasche gegen B._ anlässlich der Berufungsverhand-
lung geltend, dass anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember
2016 sämtliche Beteiligten gefragt worden seien, von wem B._ mit der
Flasche verletzt worden sei, wobei alle angegeben hätten, dazu keine Angaben
machen zu können. Auch die beiden Zeugen hätten dazu keine Angaben machen
können (Urk. 128 S. 4). Da sogar der Geschädigte selbst den Beschuldigten als
Täter ausschliesse und zudem keiner der Beteiligten den Beschuldigten als Täter
nenne, sei dieser Anklagepunkt in klarer Weise nicht erstellt. Zudem sei im Sach-
verhalt nicht umschrieben, wie der Beschuldigte, der ein Messer in der Hand ge-
halten habe, plötzlich in den Besitz einer Glasflasche hätte gelangen sollen. Zu-
dem habe für den Beschuldigten, welcher bereits mit einem Messer bewaffnet
gewesen sei, keine Veranlassung bestanden, dieses Messer zugunsten einer
Flasche wegzulegen (Urk. 128 S. 5).
In Bezug auf die dem Beschuldigten zur Last gelegten Stichbewegungen in
Richtung von I._ und J._ stelle die Anklage die Hypothese einer Verlet-
zung auf und behaupte, dass die beiden mit dem "Messer mit grosser Wahr-
scheinlichkeit am Körper getroffen und verletzt" worden wären, wenn sie den
Stichbewegungen nicht hätten ausweichen können. Diese Formulierung lasse ei-
ne Verurteilung des Beschuldigten schon selbst dann nicht zu, wenn ihm die ein-
geklagten gezielten Stichbewegungen nachzuweisen wären. Einerseits lasse der
Anklagetext die Möglichkeit offen, dass der Messereinsatz auch ohne Ausweich-
bewegungen von I._ und J._ folgenlos geblieben wäre, andererseits wä-
re zu fordern, dass die Anklage Art und Ziel der vom Beschuldigten vorgenomme-
nen Stichbewegungen genau umschreibe, da nicht jede Stichbewegung zu einer
schweren Körperverletzung führe. Die Anklageschrift müsste hier einen konkreten
Lebenssachverhalt umschreiben, was aber nicht der Fall sei (Urk. 128 S. 6). In
- 16 -
dieser Hinsicht sei das Verfahren wegen Verletzung des Anklagegrundsatzes ein-
zustellen. Ohnehin scheitere die Anklage aber auch daran, dass das vom Be-
schuldigten verwendete Messer nicht sichergestellt worden sei. Vom Messer exis-
tiere lediglich eine Übersichtsaufnahme, welche ein Messer mit einer ganz kurzen
Klingenlänge von wenigen Zentimetern zeige, so wie es für Rüstzwecke beim
Camping oder Grillieren benutzt werde. Ob es sich um ein Klappmesser handle,
könne nicht nachgeprüft werden (Urk. 128 S. 7). Man könne sich fragen, ob mit
einem derartig kurzen und sicher stumpfen Messer die Beibringung schwerer Ver-
letzungen überhaupt möglich sei, dies zumal alle Beteiligten Lederjacken oder
ähnlich dicke Oberkleider getragen hätten. Lebensgefährliche Verletzungen seien
mit einem solchen Messer wohl nur möglich, wenn es gezielt gegen den Hals ei-
ner Person eingesetzt werde, was sich aber nicht aus der Anklageschrift ergebe
(Urk. 128 S. 8). In den Aussagen von J._ und I._ würden zudem Über-
treibungstendenzen auffallen. Sei ursprünglich von einem Abstand von 1.5 Metern
zum Beschuldigten die Rede gewesen, sei der Beschuldigte in späteren Einver-
nahmen der beiden immer näher gerückt. Zudem sei in früheren Einvernahmen
von einem Umherfuchteln die Rede gewesen, in späteren Befragungen dann von
"abstechen" und "sterben können". Diese Übertreibungstendenzen würden gegen
die Qualität und Glaubhaftigkeit der von I._ und J._ gemachten Aussa-
gen sprechen (Urk. 128 S. 10). Letztlich würden beide einen Abstand zwischen
sich und dem Beschuldigten beschreiben, der vom Beschuldigten offenbar stets
eingehalten worden sei. Hätte der Beschuldigte zustechen wollen, hätte er das mit
seiner sportlichen Statur auch geschafft. Somit sei allerhöchstens von einem
Drohgehabe des Beschuldigten auszugehen (Urk. 128 S. 11).
Der Beschuldigte werde zudem durch die Aussagen von Q._ wesentlich ent-
lastet, welcher ausgesagt habe, dass er das Gefühl gehabt habe, der Beschuldig-
te habe sich mit dem Messer in der Hand nicht sehr wohl gefühlt und dass es so
ausgesehen habe, als er sich damit verteidigen und nicht jemanden habe stechen
wollen. Der Beschuldigte habe auf ihn defensiv gewirkt. Er habe nicht den Ein-
druck gehabt, dass der Mann mit dem Messer dieses aktiv gegen jemanden habe
einsetzen wollen, sondern mehr zur Abwehr der Gruppe. Der Mann mit dem Mes-
- 17 -
ser habe sich im Hintergrund aufgehalten. Er sei nicht vorne gestanden und habe
das Messer gezeigt, um zu provozieren (Urk. 128 S. 12).
Es könne – so die Verteidigung abschliessend – dem Beschuldigten somit nicht
oder zumindest nicht rechtsgenügend nachgewiesen werden, dass er versucht
habe, I._ und J._ im Sinne des Gesetzes schwer zu verletzen, bzw.
dass er solche Verletzungen in Kauf genommen habe.
2.4. Würdigung
Es kann vorweggenommen werden, dass den Erwägungen der Vorinstanz mit
Bezug auf die mehrfache versuchte schwere Körperverletzung vollumfänglich ge-
folgt werden kann. Die nachfolgenden Erwägungen sollen dies nur noch verdeut-
lichen und ergänzen.
2.4.1. Unstrittig ist, dass der Beschuldigte im Laufe der Auseinandersetzung am
21. Oktober 2016 vor dem Club "P._" ein Messer hervorgenommen und die-
ses auch für die anderen sichtbar vor seinem Körper gehalten hat. Was nun aber
den Vorwurf angeht, der Beschuldigte habe mit dem Messer Stichbewegungen in
Richtung von I._ und J._ gemacht, so erweisen sich die diesbezüglichen
Aussagen der befragten Personen mit der Vorinstanz als zu vage und wider-
sprüchlich (Urk. 94 S. 35).
2.4.2. Der Beschuldigte sagte bei der Polizei am 22. Oktober 2016 aus, er habe
das Messer aufgeklappt und senkrecht in die Höhe gehalten, so dass die Anderen
es hätten sehen können (D1 Urk. 3/1 S. 4 F/A 32 f.). Er habe keine Stossbewe-
gungen mit dem Messer gemacht (D1 Urk. 3/1 S. 6 F/A 55). Er sei mit dem Mes-
ser auch nie in der Nähe von anderen Personen gestanden (D1 Urk. 3/1 S. 8 F/A
64). Anlässlich seiner Hafteinvernahme am 22. Oktober 2016 erklärte er erneut,
er sei nicht in der Nähe einer Person gestanden, so dass er diese auch nicht hätte
verletzen können (D1 Urk. 3/3 S. 2 F/A 4). Er habe das Messer nur hervorge-
nommen, um es zu zeigen und die anderen abzuschrecken (D1 Urk. 3/3 S. 3 und
S. 5 F/A 6 und 2). Er habe das Messer in der Faust seines ausgestreckten rech-
ten Arms gehalten. Die Messerklinge habe nach oben gezeigt (D1 Urk. 3/3 S. 3
- 18 -
F/A 13). Die anderen (gemeint Personen der anderen Gruppe) seien in der Mitte
der Strasse stehen geblieben und nicht weiter auf sie zugekommen. Er sei mit
dem Messer auf niemanden zugerannt oder habe mit dem Messer in der Hand
jemanden verfolgt (D1 Urk. 3/3 S. 3 f. F/A 14 ff.). Anlässlich der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahmen vom 13. Dezember 2016 respektive vom 20. April
2017 sagte der Beschuldigte, er habe die Strassenseite gewechselt und das Mes-
ser hervorgenommen. Die anderen seien auf der anderen Strassenseite geblie-
ben. Er habe wegen des Blutes (aufgrund seiner Verletzung an der Stirn) nicht
genau sehen können. Er habe nur gewollt, dass sie sehen, dass er ein Messer
habe (D1 Urk. 12/1 S. 4 und S. 6). Er habe keine Stichbewegungen mit Absicht
gemacht (D1 Urk. 12/1 S. 7). Er habe die Personen nur auf Distanz halten wollen
(D1 Urk. 11/8 S. 2 F/A 6). Er habe das Messer mit ausgestrecktem Arm vor sich
gehalten. Er habe das Messer gezeigt, aber keine Bewegungen damit gemacht
(D1 Urk. 11/8 S. 2 F/A 7). Bei der Vorinstanz sagte der Beschuldigte aus, er habe
mit dem Messer nur in Richtung von I._ gezeigt und habe ihn so auf Distanz
halten wollen. Er habe keine Stichbewegungen gemacht. Er sei ganz still auf der
anderen Strassenseite gestanden, weit weg von der anderen Gruppe (Prot. I
S. 14 ff.). In der Einvernahme anlässlich der Berufungsverhandlung bliebt der Be-
schuldigte dabei, das Messer lediglich zur Abschreckung gezeigt zu haben (Urk.
127 S. 10/11).
2.4.3. Sowohl L._ als auch B._ gaben an, sie hätten bis zu deren Aus-
scheiden aus der Auseinandersetzung kein Messer wahrgenommen (D1 Urk. 4/1;
D1 Urk. 11/5 S. 6). R._ sagte aus, er sei erst dazugestossen, als die Ausei-
nandersetzung schon zu Ende gewesen sei. Er habe kein Messer gesehen (D1
Urk. 5/1 S. 2 f. F/A 8 f., 13, 16 und 18). Auch N._, der zwar gemäss eigenen
Angaben die Auseinandersetzung habe schlichten wollen (D1 Urk. 6/1 S. 2 F/A 9)
und damit die Schlägerei beobachten konnte, gab zu Protokoll, er habe keine
Waffe gesehen (D1 Urk. 6/1 S. 2 F/A 13; D1 Urk. 6/3 S. 4 F/A 15). Der direkt in-
volvierte K._ führte aus, er habe gewusst, dass der Beschuldigte eine Waffe
gehabt habe. Ob dieser sie benutzt habe, wisse er nicht. Ein Messer habe er nicht
gesehen (D1 Urk. 7/1 S. 4 und S. 6 F/A 30, 35 und 52; D1 Urk. 7/3 S. 5 F/A 27
- 19 -
und 28). Die Aussagen dieser Personen können damit nichts zur Erhellung des
Sachverhaltes beitragen.
2.4.4. Belastet wird der Beschuldigte hingegen von I._: Bei der Polizei führte
dieser am 22. Oktober 2016 aus, er habe gesehen, wie einer aus der anderen
Gruppe (gemeint Gruppe des Beschuldigten) einen Schlag erhalten habe. Er ha-
be sich umgedreht und der Beschuldigte habe ihm dann einen Schlag und einen
Kick verpasst. Er habe dem Beschuldigten dann seinerseits einen Kick gegeben.
Die Situation sei eskaliert. Alle hätten wild um sich getreten und geschlagen. Der
Beschuldigte habe ein Messer gezogen und sei ihm nachgerannt, er habe ihn
aber nicht eingeholt (D1 Urk. 8/1 S. 2 F/A 14 f.). Der Beschuldigte habe ihn abste-
chen wollen (D1 Urk. 8/1 S. 3 F/A 16). Dieser habe mit dem Messer rumgefuchtelt
(D1 Urk. 8/1 S. 3 F/A 22). Anlässlich seiner Hafteinvernahme führte I._ am
23. Oktober 2016 aus, einer (aus ihrer Gruppe) habe einen aus der anderen
Gruppe geschlagen (D1 Urk. 8/3 S. 3 F/A 7). Er – I._ – habe sich umgedreht
und der Beschuldigte habe ihm einen Faustschlag und einen Kick gegeben. Er
habe dem Beschuldigten daraufhin auch einen Kick gegeben, dann sei er in die
Massenschlägerei gegangen. Dort sei dann ein Messer gezogen worden
(D1 Urk. 8/3 S. 3 F/A 8). Der Beschuldigte habe ihn stechen wollen. Auf die Frage
des Staatsanwaltes, woran er das festmache, erklärte I._: "Erstens rannte er
uns nach. Wenn jemand das Messer zieht und ausholt, dann will er jemanden
stechen" (D1 Urk. 8/3 S. 3 F/A 10). Bei der Konfrontationseinvernahme vom
13. Dezember 2016 sagte I._ aus, er und der Beschuldigte seien abseits ge-
standen. In der Gruppe sei etwas los gewesen. Er habe reingehen wollen. In die-
sem Moment habe ihm der Beschuldigte mit der Faust an den Hinterkopf ge-
schlagen. Er habe sich dann umgedreht und dem Beschuldigten einen Kick gege-
ben, um ihn wegzuschubsen. In diesem Moment habe der Beschuldigte das Mes-
ser hervorgezogen. Er selber sei zurückgewichen. Der Beschuldigte sei mit dem
Messer in der Hand die Klinge voraus auf ihn zugegangen. Der Beschuldigte ha-
be eine Stichbewegung gegen ihn gemacht. Der Beschuldigte sei mit dem Messer
vielleicht auf eine Distanz von einem Meter auf ihn zugekommen. Er sei der Mei-
nung, dass der Beschuldigte ihn habe stechen wollen. Dies weil der Beschuldigte
das Messer gezogen und eine Stichbewegung gemacht habe. Wenn der Be-
- 20 -
schuldigte den Arm herausgestreckt hätte, wäre es nicht mehr weit zu seinem
Körper gewesen. Er sei nach hinten gegangen. Wenn er stehen geblieben wäre,
so hätte ihn der Stich – so I._ weiter – wahrscheinlich getroffen (D1 Urk. 12/1
S. 10 f.).
2.4.5. J._ gab bei der Polizei am 22. Oktober 2016 zu Protokoll, während sie
mit der anderen Gruppe am Diskutieren gewesen seien, habe plötzlich einer ein
Messer gezogen. Einer habe gerufen "Messer, Messer". Sie seien ein paar Schrit-
te zurückgegangen und jene Person mit dem Messer habe sie stechen wollen. Er
habe gedacht, dass I._ mit dem Messer getroffen worden sei (D1 Urk. 9/1
S. 6 F/A 58). Anlässlich seiner Hafteinvernahme am 22. Oktober 2016 führte
J._ aus, jene Person, welche sie die ganze Zeit angegriffen habe, habe ein
Messer gehabt (D1 Urk. 9/3 S. 4). Plötzlich habe jemand geschrien: "Messer,
Messer". Jener mit dem Messer habe so getan, als ob er I._ niederstechen
möchte (D1 Urk. 9/3 S. 6). Jener mit dem Messer sei ihm zwei-, dreimal gegen-
über gestanden. Manchmal habe er das Messer in der Hand gehabt, manchmal
habe er dieses in der Jacke versteckt. Er habe jedenfalls mit dem Messer herum-
gefuchtelt (D1 Urk. 9/3 S. 7). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernah-
me vom 15. November 2016 gab J._ zu Protokoll, als sie sich gegenüber ge-
standen seien, hätten alle angefangen zu diskutieren und zu schreien. Er habe
gesehen, wie einer der anderen Gruppe ein Messer hervorgenommen habe. Es
seien dann alle am Boxen gewesen, er sei nach hinten ausgewichen. Er habe in
diesem Moment gedacht, I._ sei mit dem Messer getroffen worden. Er habe
dann einfach links und rechts geschlagen, er habe "richtig Paranoia" gehabt (D1
Urk. 9/4 S. 3). Der mit dem Messer sei auf ihn zugekommen und habe ihn die
ganze Zeit stechen wollen (D1 Urk. 9/4 S. 4). Er sei mit dem Messer angegriffen
worden und er glaube, auch I._ sei mit dem Messer angegriffen worden (D1
Urk. 9/4 S. 7). Der Beschuldigte habe zustechen wollen und er sei zurückgewi-
chen. Sie seien nah gewesen, ca. 1 oder 1.5 Meter (D1 Urk. 9/4 S. 8). Anlässlich
der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember 2016 führte J._ aus, er
habe gesehen, dass der Beschuldigte ein Messer in der Hand gehabt habe. Er
habe sodann gesehen, wie der Beschuldigte I._ habe stechen wollen. Er ha-
be auch gemeint, dass dieser I._ getroffen habe. Der Beschuldigte habe
- 21 -
I._ in die rechte Seite stechen wollen. Sie seien vielleicht einen halben Meter
voneinander entfernt gewesen (D1 Urk. 12/1 S. 12). Der Beschuldigte habe das
Messer auch gegen ihn eingesetzt und versucht, ihn damit zwei-, dreimal zu ste-
chen. Sie seien dabei in einem Abstand von etwa einem Meter gestanden. Der
Beschuldigte habe ihn in den Oberkörper stechen wollen. Dieser habe ausgeholt
und gestochen, er sei zurückgewichen. Er wäre vielleicht verletzt worden, wenn er
nicht ausgewichen wäre (D1 Urk. 12/1 S. 13).
2.4.6. M._ gab bei der Polizei am 22. Oktober 2016 zu Protokoll, ihre beiden
Gruppen seien immer lauter geworden. Sie hätten begonnen sich zu schubsen,
es sei gekickt und geschlagen worden. Es seien Flaschen geflogen. Der Beschul-
digte habe dann ein Messer gezogen (D1 Urk. 10/1 S. 3 F/A 17). Er sei mit dem
Messer rumgelaufen und habe damit Stichbewegungen in die Luft gemacht
(D1 Urk. 10/1 S. 3 F/A 21). Bei der Hafteinvernahme vom 22. Oktober 2016 führte
M._ aus, sie seien draussen (gemeint vor dem Club "P._") gewesen,
dann seien die Tamilen gekommen. Beiden Gruppen seien laut geworden und
hätten sich geschubst. Dann habe es angefangen mit Kicks und Schlägen. Der
Beschuldigte habe das Messer hervorgenommen und damit gegen die Leute
rumgefuchtelt, die vor ihm gewesen seien. Er sei auf die Personen zugegangen.
Er habe aber nicht gesehen, wie der Beschuldigte den Leuten hinterher gegangen
sei (D1 Urk. 10/3 S. 5 f.). Anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom
13. Dezember 2016 führte M._ aus, er habe gesehen, wie der Beschuldigte
gegen J._ gestochen habe (D1 Urk. 12/1 S. 14).
2.4.7. Q._ sagte aus, jemand habe gerufen, dass einer ein Messer habe und
auf jemanden einstechen würde (D1 Urk. 11/1 S. 2 F/A 7). Er habe gesehen, wie
Fäuste und zwei Flaschen geflogen seien (D1 Urk. 11/1 S. 1, S. 2 F/A 12). So-
dann habe er gesehen, wie der Beschuldigte ein Messer in der Hand gehalten
habe (D1 Urk. 11/1 S. 3 F/A 20). Der Beschuldigte sei mit dem Messer in der
rechten Hand auf der anderen Strassenseite gestanden. Die Klinge habe waag-
recht nach vorne geschaut. Er habe den Eindruck gehabt, dass der Beschuldigte
sich mit dem Messer in der Hand nicht besonders wohl gefühlt habe (D1 Urk. 11/1
S. 3 F/A 23). Anlässlich seiner Zeugeneinvernahme vom 20. April 2017 gab
- 22 -
Q._ zu Protokoll, er habe gehört, wie die Gäste "Messer" geschrien hätten
(D1 Urk. 11/6 S. 3 F/A 10). Er habe gesehen, wie der Beschuldigte mit dem Mes-
ser in der Hand auf der Insel des Fussgängerstreifens der Hauptstrasse gestan-
den sei. Es habe nicht ausgesehen, als ob der Beschuldigte aggressiv gewesen
sei. Es habe so ausgesehen, als ob er sich damit verteidigen wolle und nicht je-
manden aktiv habe stechen wollen. Er habe defensiv gewirkt (D1 Urk. 11/6 S. 3
F/A 12). Der Arm des Beschuldigten sei nach unten gehangen, die Klinge des
Messers habe nach vorne geschaut. Er wisse nicht mehr, ob der Beschuldigte
Bewegungen gemacht habe. Die Gegner seien auf dem Trottoir in einem Abstand
von fünf bis sechs Metern gestanden (D1 Urk. 11/6 S. 5 F/A 15 ff.). Der Beschul-
digte sei nicht nach vorne gestanden und habe das Messer gezeigt und provoziert
(D1 Urk. 11/6 S. 4 F/A 24). Der Beschuldigte habe eingeschüchtert, aber nicht
panisch gewirkt (D1 Urk. 11/6 S. 6 F/A 39). Er habe nicht gesehen, dass Flaschen
geflogen seien (D1 Urk. 11/6 S. 5 F/A 28).
2.4.8. O._ sagte bei der Polizei aus, der Beschuldigte habe ein Messer ge-
zogen und er habe dann auch eine Stichbewegung gegen eine andere Person
gemacht. Er habe nicht gesehen, gegen welche Person gestochen worden sei
(D1 Urk. 11/2 S. 2 F/A 4). Bei der Staatsanwaltschaft sagte O._ als Zeuge
befragt aus, er habe gesehen, wie der Beschuldigte ein Messer gezogen habe. Er
habe auf einen anderen zugestochen (D1 Urk. 11/7 S. 4 F/A 18). Als er das Mes-
ser hervorgenommen habe, habe jeder geschrien "Messer". Einer aus der ande-
ren Gruppe habe seine Hand an seinen Bauch gehalten (D1 Urk. 11/7 S. 4 F/A
20). Er sei sich nicht sicher, wie der Beschuldigte das Messer gehalten habe (D1
Urk. 11/7 S. 4 F/A 22). Er sei in Reichweite anderer Personen in einem Abstand
von einem bis eineinhalb Metern gestanden. Die Stichbewegung sei in den Ober-
körperbereich gegangen (D1 Urk. 11/7 S. 5 F/A 25 f.). Er wisse nicht mehr, ob die
betroffene Person dem Messerstich ausgewichen sei (D1 Urk. 11/7 S. 5 F/A 29).
Sofort nach dem Stich habe die betroffene Person die Hand an den Bauch gehal-
ten (D1 Urk. 11/7 S. 6 F/A 31). Im Moment des Messereinsatzes sei der Beschul-
digte schon verletzt gewesen und habe am Kopf geblutet (D1 Urk. 11/7 S. 6 F/A
37 f.).
- 23 -
2.4.9. Zu den Aussagen von I._ ist zu erwähnen, dass dieser zwar bei der
Polizei ausführte, der Beschuldigte habe ihn abstechen wollen. Allerdings be-
schrieb er bei der Polizei nicht, dass der Beschuldigte direkte Stichbewegungen
gegen ihn ausgeführt habe, sondern nur, dass dieser mit dem Messer rumgefuch-
telt habe. Auf die Frage des Polizisten, weshalb I._ davon ausgehe, dass der
Beschuldigte ihn habe abstechen wollen, antwortete I._: "Wenn einer schon
ein Messer zieht und dann Anlauf holt und mir dann nachrennt. Der will zuste-
chen." I._ erklärte somit nur, dass er davon ausgehe, dass der Beschuldigte
mit dem Messer habe zustechen wollen. Auch anlässlich der Hafteinvernahme
beschrieb I._ keine Stichbewegungen in seine Richtung. Vielmehr ergibt sich
aus den Aussagen von I._, dass er aufgrund des beschriebenen Verhaltens
des Beschuldigten in subjektiver Hinsicht davon ausgeht, dass dieser ihn habe
stechen wollen. Zu Protokoll gab I._ anlässlich seiner Hafteinvernahme ledig-
lich, dass der Beschuldigte ausgeholt habe, nicht aber, dass der Beschuldigte
dieser Ausholbewegung auch einen Stich in seine Richtung hätte folgen lassen.
Erst bei der Konfrontationseinvernahme sagte er dann, der Beschuldigte habe ei-
ne Stichbewegung ausgeführt. Damit sind überdies klare Dramatisierungstenden-
zen in den Aussagen von I._ auszumachen. Aber auch sonst weisen seine
Angaben – insbesondere auch im Kerngehalt – Widersprüche auf. Während er bei
der Polizei und anlässlich seiner Hafteinvernahme noch aussagte, der Beschul-
digte sei ihm respektive ihnen mit dem Messer nachgerannt, sagte er bei der Kon-
frontationseinvernahme, der Beschuldigte sei auf ihn zugegangen. Von einem
Rennen mit dem Messer war keine Rede mehr. Schliesslich divergieren seine
Aussagen betreffend den Zeitpunkt, in welchem der Beschuldigte das Messer
hervorgenommen haben soll. Einmal schilderte I._, dies sei geschehen,
nachdem er dem Beschuldigten einen Kick verpasst habe. Die anderen Male er-
klärte er, dies sei während der Massenschlägerei geschehen. Ungenauigkeiten
ergeben sich sodann im Hinblick darauf, wie ihn der Beschuldigte attackiert habe
(einmal Schlag auf Hinterkopf, ein andermal Schlag und Kick). Die Aussagen von
I._ erweisen sich als zu widersprüchlich, als dass hinsichtlich des dem Be-
schuldigten vorgeworfenen Stichs mit dem Messer darauf abgestellt werden könn-
te.
- 24 -
Nur der Vollständigkeit halber ist das Folgende festzuhalten: Selbst wenn man in
diesem Zusammenhang auf die Aussagen von I._ abstellen würde, so liesse
sich der Sachverhalt aufgrund dieser Aussagen nicht erstellen. Wie oben gese-
hen, führte I._ anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember
2016 aus, wenn der Beschuldigte den Arm herausgestreckt hätte, wäre es nicht
mehr weit zu seinem Körper gewesen (D1 Urk. 12/1 S. 10 f.). Daraus lässt sich
zweierlei ableiten: Einerseits streckte der Beschuldigte gemäss den Angaben von
I._ seinen Arm gerade nicht vollständig aus, so dass er nicht die ganze
Reichweite seines Armes ausnutzte. Andererseits wäre der Beschuldigte auch
"nur" in die Nähe des Körpers von I._ gekommen, selbst wenn er seinen Arm
komplett ausgestreckt hätte. Dass er I._ dann getroffen hätte, konnte auch
dieser selber nicht mit Sicherheit sagen, sondern führte lediglich aus, er hätte ihn
wahrscheinlich getroffen. Auch so liesse sich folglich nicht erstellen, dass der Be-
schuldigte I._ nur deswegen nicht getroffen hat, weil dieser ihm ausweichen
konnte. Sodann liesse sich auch nicht erstellen, wo der Beschuldigte I._ ge-
troffen hätte. Dies ist für den Tatbestand der schweren Körperverletzung aber
mitunter entscheidend. Dies hat umso mehr zu gelten, wenn man sich die konkre-
te Beschaffenheit des Messers des Beschuldigten vor Augen führt. Es handelt
sich dabei um ein Messer mit einer relativ kurzen Klinge (vgl. D1 Urk. 1/5 S. 1),
mit welcher grundsätzlich nur Stiche mit geringer Stichtiefe verursacht werden
könnten. Gefährlich wären somit vor allem Stich- und Schnittverletzungen im Be-
reich von nahe an der Hautoberfläche verlaufenden Blutgefässen gewesen, was
in erster Linie auf die Blutgefässe im Halsbereich zutrifft. Dass der Beschuldigte in
Richtung Hals gestochen hätte, wurde aber – wie von der Verteidigung zu Recht
geltend gemacht (Urk. 128 S. 6) – so von niemandem behauptet. Vielmehr ist von
einem Stich in Richtung Oberkörper die Rede (D1 Urk. 11/7 S. 5 F/A 26), ohne
dass die genaue Region näher bezeichnet worden wäre.
2.4.10. Die Aussagen von J._ erscheinen hinsichtlich der dem Beschuldigten
vorgeworfenen Messerstiche ebenfalls nicht glaubhaft. So fällt auf, dass
J._ erst anlässlich seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
15. November 2016 ausführte, der Beschuldigte habe auch ihn stechen wollen,
während er dies in seinen tatnächsten Einvernahmen bei der Polizei und der
- 25 -
Staatsanwaltschaft am 22. Oktober 2016 noch nicht so sagte. Sodann sprach er
am 15. November 2016 noch pauschal davon, der Beschuldigte habe aus einem
Abstand von einem bis eineinhalb Metern zustechen wollen. Wie viele Stichbewe-
gungen der Beschuldigte gemacht habe, sagte J._ damals nicht. Bei der
Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember 2016 führte J._ dann aus,
der Beschuldigte solle zwei- bis dreimal zugestochen haben. Dies aus einer Dis-
tanz von nur einem Meter. Damit weisen auch seine Aussagen – wie von der Ver-
teidigung ebenfalls vorgebracht (Urk. 128 S. 10 f.) – deutliche Widersprüche res-
pektive Dramatisierungstendenzen auf. Markant ist dabei, dass er oftmals just in
den Passagen die Dinge betont dramatisch darstellte, bevor er eingestand, wie er
selber Schläge austeilte oder sich selber eines Steins als potentielle Waffe be-
diente. Der Schluss liegt nahe, dass J._ so sein eigenes Fehlverhalten zu
rechtfertigen versuchte. Dramatisierungstendenzen sind auch mit Bezug auf die
angebliche Stichbewegung des Beschuldigten gegen I._ auszumachen.
Während J._ bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
15. November 2016 noch ausführte, er glaube, dass der Beschuldigte auch
I._ habe stechen wollen, stellte er dies anlässlich der Konfrontationseinver-
nahme vom 13. Dezember 2016 als Tatsache dar und erklärte gar, der Beschul-
digte habe I._ in die rechte Seite stechen wollen. Weiter sind seine Angaben
teilweise nicht nachvollziehbar und nur schwer verständlich, so beispielsweise
seine Erklärung, weshalb er gedacht habe, dass I._ vom Messer getroffen
worden sei ("Wenn ich unter Adrenalin bin und jemanden sehe, der ein Messer in
der Hand hält, dann gehe ich davon aus, dass er den anderen getroffen haben
könnte" D1 Urk. 12/1 S. 12). Lebensfremd mutet die Aussage von J._ an, der
Beschuldigte habe das Messer während der Auseinandersetzung abwechselnd
offen getragen und dann wieder in der Jacke versteckt. Nicht unerwähnt zu lassen
ist schliesslich, dass J._ einräumen musste, dass er sich mit I._ im
Nachgang zum Vorfall über diesen austauschte. Er habe I._ per Zufall getrof-
fen und gesagt, dieser solle ihm helfen, da er sich nicht mehr an alles erinnern
könne. Ihre Erinnerungen hätten sich dabei nicht gedeckt (D1 Urk. 9/4 S. 7). Dies
lässt an der Zuverlässigkeit seiner Angaben doch zweifeln und es kann mit Fug
angenommen werden, dass sich dieser Austausch über den Vorfall auf die späte-
- 26 -
ren Aussagen sowohl von J._ als auch von I._ auswirkte, selbst wenn
sie nicht die Absicht gehabt haben sollten, sich abzusprechen. Auf die Aussagen
von J._ kann nicht abgestellt werden.
2.4.11. Zu den Aussagen von M._ ist zunächst zu sagen, dass er offensicht-
lich unrichtige Angaben über die Anwesenheit von B._ beim inkriminierten
Vorfall machte. So führte er bei der Polizei aus, B._ sei gegangen bevor die
Auseinandersetzung losgegangen sei (D1 Urk. 10/1 S. 5 F/A 46). Später hinge-
gen führte er aus, er habe gar gesehen, wie dieser mit einer Flasche auf den Kopf
geschlagen worden sei (D1 Urk. 12/1 S. 13). Sodann fällt auf, dass M._ zu-
nächst aussagte, er habe nur gesehen, wie der Beschuldigte Stichbewegungen in
die Luft gemacht habe bzw. wie er mit dem Messer gegen Leute rumgefuchtelt
habe, die vor dem Beschuldigten gewesen seien. Von konkreten Stichbewegun-
gen gegen eine einzelne Person spricht er dann erst anlässlich der Konfrontati-
onseinvernahme vom 13. Dezember 2016. Dies vermag nicht zu überzeugen.
Auch bei ihm sind damit Dramatisierungstendenzen erkennbar, indem der Be-
schuldigte zunächst nur in die Luft, dann in Richtung Personen und schliesslich
konkret gegen eine Person Stichbewegungen gemacht haben soll. Seine Aussa-
gen erscheinen nicht glaubhaft. Darauf kann nicht abgestellt werden.
2.4.12. Entlastend wirken die – durch die Verteidigung ebenfalls zitierten (Urk.
128 S. 11 f.) – Aussagen von Q._. Dessen Angaben weisen nur kleine Un-
genauigkeiten auf, so zum Beispiel den Umstand, dass er seine bei der Polizei
gemachte Aussage, es seien zwei Flaschen geflogen, bei der Staatsanwaltschaft
nicht bestätigte (D1 Urk. 11/6 S. 5 F/A 28). Im Übrigen sagte er bei seinen Ein-
vernahmen aber gleichlautend aus, der Beschuldigte sei – wie der Beschuldigte
dies auch selber geltend macht – in defensiver Haltung in einiger Entfernung der
anderen Gruppe gestanden und habe das Messer lediglich für alle sichtbar in sei-
ner Hand gehalten. Allerdings muss man hierzu relativierend bemerken, dass
Q._ offenbar zunächst damit beschäftigt war, den Eingangsbereich des
Clubs "P._" zu sichern, sobald er gehört hatte, wie jemand "Messer" rief (D1
Urk. 11/1 S. 2 F/A 7 ff.). In dieser Zeit war seine Aufmerksamkeit damit nicht auf
die Auseinandersetzung gerichtet und er kann deshalb auch keine Aussagen da-
- 27 -
zu machen, was in jenem Zeitraum passierte. Mit der Staatsanwaltschaft ist somit
davon auszugehen, dass der Zeuge Q._ nur einen Teil der Auseinanderset-
zung mitverfolgte. Es liegt damit durchaus im Rahmen des Möglichen, dass der
Beschuldigte Stichbewegungen gegen konkrete Personen hätte ausführen kön-
nen, welche dem Zeugen entgangen wären. Dass solche aber effektiv stattgefun-
den hätten, kann aus den Aussagen des Zeugen nicht abgeleitet werden.
2.4.13. Die Angaben von O._ weisen gesamthaft betrachtet keine grösseren
Widersprüche auf und fallen zurückhaltend aus. Dies spricht für deren Glaubhaf-
tigkeit. Er sagte sowohl bei der Polizei als auch anlässlich seiner Zeugeneinver-
nahme aus, er habe gesehen, dass der Beschuldigte mit dem Messer eine Stich-
bewegung gemacht habe. Der Stich sei in Richtung Oberkörper der betroffenen
Person gegangen. Als einziger berichtet er allerdings davon, dass sich die Person
im Anschluss an die Stichbewegung die Hand an den Bauch gehalten habe. Ins-
besondere sagen aber weder J._ noch I._, welche vorliegend vom Be-
schuldigten mit einem Messer angegriffen worden sein sollen, dass sie sich nach
dem Angriff an den Bauch gegriffen hätten. Was der Grund für den von O._
beobachteten Griff der betroffenen Person an den Bauch war, bleibt im Übrigen
unklar. Nicht mit genügender Sicherheit gesagt werden kann, dass die betreffen-
de Person sich an den Bauch gegriffen hat, weil sie gemeint hat, sie sei vom
Messer getroffen worden. Immerhin war eine Schlägerei im Gange, weshalb
sich die Person auch an den Bauch gegriffen haben könnte, weil sie im Laufe des
dynamischen Geschehens – von O._ unbemerkt – einen Schlag oder Kick an
den Bauch erhalten hatte. Sodann ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die
Schilderung von O._ betreffend die Stichbewegung nur wenig konkret aus-
fällt (Urk. 94 S. 34). So beschreibt O._ den Abstand zwischen Angreifer und
betroffener Person zwar mit einem bis eineinhalb Metern. Keine Angaben machte
er jedoch dazu, wie nahe die Messerklinge dem Körper der betreffenden Person
gekommen ist. Ebenfalls nicht sagen konnte O._, ob die Person dem Mess-
erstich habe ausweichen müssen oder nur schon, wer die angegriffene Person
war. Gemäss Angaben von O._ habe sich diese Person auch nicht unter
Festgenommenen befunden, sondern sei nach dem Vorfall weg gewesen
(D1 Urk. 11/7 S. 4 F/A 18). Dies spricht aber dagegen, dass der Messereinsatz
- 28 -
gegenüber I._ oder J._ erfolgt wäre, wurden diese doch durch die
Stadtpolizei Zürich im Anschluss an den Vorfall verhaftet. Als erstellt betrachtet
werden kann damit nur, dass der Beschuldigte das Messer nicht nur passiv getra-
gen, sondern dieses auch aktiv vorgezeigt respektive damit herumgefuchtelt hat,
was von O._ im dynamischen Tatgeschehen wohl als Stichbewegung wahr-
genommen wurde.
2.4.14. Sodann kann mit der Vorinstanz auch nicht rechtsgenügend erstellt wer-
den, dass B._ durch einen Schlag des Beschuldigten mit einer Glasflasche
verletzt wurde. K._, L._, N._, J._ und I._ gaben alle zu
Protokoll, sie hätten nicht gesehen, wie B._ mit einer Glasflasche verletzt
worden sei. M._ gab zunächst zu Protokoll, er habe B._ bei der Schlä-
gerei nicht mehr gesehen (D1 Urk. 10/3 S. 4). Davon abweichend gab er anläss-
lich der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember 2016 zu Protokoll, er ha-
be gesehen, wie jemand B._ eine Glasflasche über den Kopf geschlagen
habe (D1 Urk. 12/1 S. 13). Er wisse nicht, wer es gewesen sei. Er wisse nur, dass
jemand mit einer braunen Jacke vor B._ gestanden sei (D1 Urk. 12/1 S. 14).
Er habe noch gehört, wie B._ "Stopp" gerufen habe. Dann habe dieser den
Flaschenschlag an den Kopf erhalten. Er habe dann gesehen, wie B._ weg-
gelaufen sei (D1 Urk. 12/1 S. 18 und S. 34). Der Zeuge O._ sagte aus, er
habe gesehen, dass eine Person eine andere Person mit einer Flasche an den
Kopf geschlagen habe. Welche Personen dies gewesen seien, könne er jedoch
nicht sagen (D1 Urk. 11/2 S. 1 f. F/A 4 und 9 f.). Der Beschuldigte selber stellte
konstant in Abrede, B._ mit einer Glasflasche verletzt zu haben (D1 Urk. 3/5
S. 3 F/A 4; Prot. I S. 16 f.). Die Bestreitungen des Beschuldigten werden auch
durch die Angaben von K._ und I._ gestützt. K._ gab zu Protokoll,
der Beschuldigte sei etwas entfernt von ihm selber mit einem der anderen Seite
am Sprechen gewesen. Diese hätten dann ein Wortgefecht miteinander gehabt,
dann sei um ihn herum zu viel passiert und er habe nichts mehr mitbekommen
(D1 Urk. 7/1 S. 4 F/A 29; D1 Urk. 12/1 S. 7 und S. 9). Als es losgegangen sei, sei
der Beschuldigte auf der anderen Strassenseite gestanden und habe sich mit je-
mand anderem geschlagen (D1 Urk. 7/1 S. 4 F/A 29). I._ sagte aus, jemand
(gemeint: der Beschuldigte) habe ihn gepackt, nach hinten respektive zur Seite
- 29 -
gezogen und gesagt, sie sollten reden. Sie seien dann alleine gestanden. Der Be-
schuldigte habe ihn an den Hinterkopf geschlagen, er selber habe dem Beschul-
digten daraufhin einen Kick gegeben (D1 Urk. 8/1 S. 2 F/A 8; D1 Urk. 8/3 S. 3 F/A
7; D1 Urk. 12/1 S. 10). Der durch den Flaschenschlag direkt betroffene B._
führte in der Untersuchung aus, es sei "losgegangen" und er habe sich daraufhin
in Richtung J._ bewegt. Dann sei schon die Flasche gegen seine linke Kopf-
seite geschlagen worden. Es habe "mega geklöpft" und er sei zu Boden gegan-
gen (D1 Urk. 11/4 S. 2 F/A 14; D1 Urk. 11/5 S. 3 f.). Er könne sich nicht erinnern,
dass bei der Auseinandersetzung jemand neben ihm gestanden sei (D1 Urk. 11/5
S. 6). An den Beschuldigten könne er sich nicht erinnern (D1 Urk. 11/4 S. 4 F/A
33). Auch anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 13. Dezember 2016
führte B._ aus, er sei reingegangen (gemeint in den Tumult), als die anderen
noch am Schubsen gewesen seien. Dann habe er die Flasche an den Kopf be-
kommen (D1 Urk. 12/1 S. 26 und S. 30). Er habe nicht gesehen, wer ihn geschla-
gen habe. Den Beschuldigten könne er jedoch ausschliessen, als jenen welcher
ihn geschlagen habe. Diese (I._ und der Beschuldigte) seien von der Gruppe
entfernt gestanden (D1 Urk. 12/1 S. 31 f.).
2.4.15. Aus diesen Aussagen erhellt, dass die involvierten Personen überwiegend
davon berichteten, dass der Beschuldigte im Moment des Flaschenschlages zu-
sammen mit I._ etwas abseits der Gruppen stand. Explizit belastet, den Fla-
schenschlag gegen B._ ausgeführt zu haben, wurde der Beschuldigte von
keiner der involvierten Personen. Nur M._ berichtete, dass eine Person in ei-
ner beigen Jacke B._ im Moment des Flaschenschlages gegenüber gestan-
den sei. Es handle sich um dieselbe Person, welche später das Messer behändigt
habe. Allerdings erweisen sich die Aussagen von M._ – wie bereits erwähnt
– als wenig verlässlich, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann. Und auch
wenn man auf diese Angaben abstellen würde, liesse sich der Sachverhalt nicht
mit rechtsgenügender Sicherheit erstellen. Denn selbst wenn der Beschuldigte im
Moment des Flaschenschlages B._ gegenüber gestanden hätte, so wäre
damit für den anklagemassgeblichen Sachverhalt noch nichts gewonnen. Alleine
dieser Umstand sagt offenkundig nichts darüber aus, ob der Beschuldigte auch
mit einer Flasche zugeschlagen hat. Kommt noch hinzu, dass B._ berichtete,
- 30 -
er könne sich nicht erinnern, dass bei der Auseinandersetzung jemand neben ihm
gestanden sei respektive er den Angreifer gesehen habe. Dass B._ aber sei-
nen Angreifer nicht wahrgenommen hat, spricht bei lebensnaher Betrachtung ge-
rade dafür, dass der Angriff von der Seite oder hinten, jedenfalls aber nicht von
einer sich in seinem Blickfeld befindlichen Person erfolgte. Aufgrund des Gesag-
ten ist nicht erstellt, dass der Beschuldigte B._ mit einer Flasche über den
Kopf geschlagen hat.
2.4.16. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich mit der Vorinstanz nur er-
stellen lässt, dass der Beschuldigte sich an einer körperlichen Auseinanderset-
zung beteiligt hat, in deren Verlauf er ein Messer hervorgeholt und dieses auch
aktiv den anderen Person vorgezeigt respektive damit herumgefuchtelt hat. Nicht
erstellen lässt sich hingegen, dass der Beschuldigte mit dem Messer Stichbewe-
gungen gegen J._ und I._ ausführte, welche diese nur deshalb nicht tra-
fen, weil diese den Stichen ausweichen konnten. Nicht erstellen lässt sich so-
dann, dass der Beschuldigte B._ eine Glasflasche über den Kopf geschlagen
hat, so dass dieser die – durch das Gutachten vom 16. November 2016 (D1
Urk. 3/6/2) belegten – Verletzungen erlitt.
3. Tatvorwurf der schweren Körperverletzung
Dem Beschuldigten wird weiter vorgeworfen, er habe am 3. Juli 2016 am
S._-platz in ... Zürich dem Geschädigten C._ mit der Faust, an welcher
er einen Schlagring getragen habe, ins Gesicht unterhalb des rechten Auges ge-
schlagen. Der Geschädigte sei daraufhin bewusstlos zu Boden gestürzt, wo er
liegen geblieben sei. Aufgrund des Schlages des Beschuldigten habe der Ge-
schädigte eine Orbitaboden-Fraktur auf der rechten Gesichtshälfte, ein Retrobul-
bärhämatom sowie eine Nasenbeinfraktur erlitten. Der Geschädigte habe sich
deshalb einer Operation unterziehen müssen, wobei ihm ein Titanimplantat zur
Wiederherstellung des Orbitabodens eingesetzt worden sei. Der Geschädigte ha-
be eine Zeit lang nach der Operation Doppelbilder gesehen und sei vom 3. Juli
2016 bis zum 31. Juli 2016 zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Weiter schiele der
Geschädigte seit der erlittenen Verletzung auf seinem rechten Auge, wobei dieses
Schielen auch ca. 1 Jahr nach dem Vorfall noch gut sichtbar gewesen sei. Der
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Beschuldigte habe gewusst, dass Faustschläge gegen den Kopf eines Menschen
schwere bis lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen können, und er habe
dies in Kauf genommen (Urk. 39 S. 4 f.).
3.1. Vorinstanzliches Urteil
Die Vorinstanz erwog zusammengefasst, dass sich der Beschuldigte unbe-
strittenermassen zusammen mit T._ zum Tatzeitpunkt am S._ aufgehal-
ten habe. Es stelle sich aber die Frage, ob der Beschuldigte oder T._ den
Schlag gegen den Geschädigten ausgeführt habe, und – wenn man zum Schluss
käme, beim Täter handle es sich um den Beschuldigten – ob er beim Schlag ei-
nen Schlagring verwendet habe. Die Vorinstanz würdigte die Aussagen des Be-
schuldigten sowie die Aussagen von T._ und qualifizierte diese als unglaub-
haft. Demgegenüber würden sich die den Beschuldigten belastenden Aussagen
des Geschädigten als konstant und schlüssig erweisen. Dieser habe ausgesagt,
der Beschuldigte habe ihm einen Schlag auf die rechte Seite seines Gesichts ver-
passt, wonach er bewusstlos zu Boden gegangen sei. Es seien keinerlei Gründe
ersichtlich, wieso der Geschädigte den Beschuldigten falsch belasten bzw.
T._ schützen sollte. Es sei auf die Aussage des Geschädigten, der Beschul-
digte habe ihn geschlagen, abzustellen. Bezüglich der Verwendung eines Schlag-
ringes seien die Aussagen des Geschädigten vage. So bleibe unklar, ob dieser
den Schlagring auch wirklich gesehen habe oder lediglich aufgrund des Verlet-
zungsbildes auf die Verwendung eines solchen schliesse. Weder auf die Aussa-
gen von K._, U._, V._, W._, AA._ noch auf die Aussagen
von AB._ und AC._ könne – unabhängig davon, ob diese den Beschul-
digten belasten oder entlasten – abgestellt werden. Diese seien allesamt un-
glaubhaft. Die Vorinstanz schloss, es könne als erstellt erachtet werden, dass der
Beschuldigte dem Geschädigten mit der Faust ins Gesicht unterhalb des rechten
Auges geschlagen habe und dieser sodann bewusstlos zu Boden gestürzt sei.
Durch den Schlag habe der Geschädigte die in der Anklageschrift aufgeführten
Verletzungen erlitten. Demgegenüber könne der Einsatz eines Schlagrings nicht
erstellt werden (Urk. 94 S. 51 ff.).
- 32 -
3.2. Wie bereits erwähnt, erwies sich diese Sache nach durchgeführter Beru-
fungsverhandlung noch nicht als spruchreif. Dies lag primär daran, dass der amt-
liche Verteidiger mit Beweisantrag vom 13. April 2019 geltend machte, er habe
nach der Hauptverhandlung am Bezirksgericht erfahren, dass zwei bisher nicht
einvernommene Personen die Aussagen des Beschuldigten stützen würden. Da-
bei handle es sich um F._ (genannt "F'._"), einen Augenzeugen der
Auseinandersetzung, und um G._, einen Gefängnisseelsorger, welchem
F._ von der Unschuld der Beschuldigten berichtet habe (Urk. 117 S. 1 ff.).
Beide wurden im Nachgang der Berufungsverhandlung als Zeugen einvernom-
men (vgl. Urk. 130; Urk. 139; Urk. 140).
3.3. Der Zeuge F._ gab anlässlich seiner Einvernahme vom 3. Oktober
2019 zu Protokoll, dass er den Beschuldigten vom Sehen her kenne. Er sei ihm
zwei bis drei Mal begegnet. Er sei mit diesem nicht befreundet und sie würden
keinen telefonischen Kontakt zueinander pflegen. Den Privatkläger C._ ken-
ne er nicht (Urk. 139 S. 2). Das letzte Mal habe er vor drei oder vier Jahren Kon-
takt zum Beschuldigten gehabt. Wer dessen Kollegen seien, wisse er nicht. Auf
entsprechende Nachfrage bestätigte er zudem, dass es zutreffe, dass er, als er im
Gefängnis gewesen sei, zweimal mit einem Priester gesprochen habe (Urk. 139
S. 3). Damals habe er sehr schnell seine Zelle wechseln müssen, da Kollusions-
gefahr mit einem anderen Gefangenen bestanden habe. Der Pfarrer habe eine
Liste mit Gefangenen mitgebracht und ihm erzählt, dass ein Gefangener namens
A._ im Gefängnis sei. Sie hätten oberflächlich über Probleme gesprochen
und er habe dem Priester gesagt, dass er diesen Herrn (den Beschuldigten) ken-
ne (Urk. 139 S. 4). Er habe dem Priester erzählt, dass er an einem Tag mit einem
Kollegen ans S._ gegangen sei und dort den Beschuldigte mit einem weite-
ren Kollegen gesehen habe. Sein Kollege AE._ (der Kollege des Zeugen
F._) habe ihn gekannt, er habe ihn damals nicht so richtig gekannt. Der Be-
schuldigte sei mit vier oder fünf Personen unterwegs gewesen. Sein Kollege
AE._ habe jemanden geschlagen. Als AE._ ihn geschlagen habe, sei
dessen Kontrahent auf den Boden gestürzt, er glaube, auf einen Abfallkübel oder
etwas Ähnliches. Er habe dies mit dem Pastor besprochen. Auf entsprechende
Nachfrage präzisierte der Zeuge F._, dass er an der Tramhaltestelle gestan-
- 33 -
den sei, als er das beobachtet habe. Er sei zum Kiosk gegangen und habe dort
Zigaretten gekauft. Dann plötzlich seien zwei Personen gekommen. AE._
habe diese beiden Personen geschlagen, quasi attackiert. Einer der beiden sei zu
Boden gestürzt. Für ihn (den Zeugen F._) sei das nicht eine interessante Sa-
che gewesen. Er sei so schnell wie möglich von dort verschwunden. Er kenne
diese beiden Personen auch, aber weshalb sie sich geschlagen hätten, wisse er
nicht. Er brauche keine Probleme und sei deshalb so schnell wie möglich von dort
verschwunden (Urk. 139 S. 5). Der Beschuldigte sei während dem einige Meter
entfernt vom Tatort gestanden (Urk. 139 S. 5 f.).
3.4. Am 3. Oktober 2019 wurde der Gefängnisseelsorger G._ ebenfalls als
Zeuge befragt. Er gab zu Protokoll, dass er den Beschuldigten ungefähr zwei Jah-
re lang als Gefängnisseelsorger während der Untersuchungshaft betreut habe.
Den Privatkläger C._ kenne er nicht. Auf die Frage hin, ob er den Zeugen
F._ kenne, entgegnete er, dass er einen Insassen getroffen habe, der vehe-
ment bestritten habe, dass der Beschuldigte in diese versuchte Tötung (sic.) in-
volviert gewesen sei (Urk. 140 S. 2). Auf entsprechende Frage bestätigte der
Zeuge, dass es sich dabei um den Zeugen F._ gehandelt habe. Der Zeuge
habe ihm erzählt, dass er beim versuchten Tötungsdelikt als Zeuge gegenwärtig
gewesen sei und habe gesagt, der Beschuldigte sei nicht der Täter gewesen. Er
habe gesagt, dass er als Augenzeuge bei der Schlägerei anwesend gewesen sei
und habe ihm bestätigt, dass der Beschuldigte nicht der Täter gewesen sei. Der
Täter sei ein anderer Tamile gewesen. Er (der Zeuge G._) sei so empört ge-
wesen, dass er den Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt X1._, an-
gerufen habe. Der Beschuldigte habe ihm nämlich geschildert, dass er in diesem
Fall unschuldig sei. Deshalb habe er dessen Verteidiger informiert. Er mache das
sonst nie, er müsse sich da ganz sicher sein, und dies sei er in diesem Fall gewe-
sen. Er sei schon lange tätig und verfüge über Menschenkenntnis. Der Beschul-
digte habe ihm schon immer gesagt, dass er in diesem Fall unschuldig sei
(Urk. 140 S. 3 f.).
- 34 -
3.5. Standpunkt der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft machte vor Vorinstanz geltend, bei den jeweiligen Aus-
sagen des Beschuldigten und T._ handle es sich um einen offensichtlichen
Versuch, die Behörden für dumm zu verkaufen. Sie – die Staatsanwältin – sei da-
von überzeugt, dass abgesprochen worden sei, dass T._ den Schlag auf sich
nehme und man dafür übereinstimmend behaupten werde, dass man nicht ein-
schätzen könne, wer nun für die schweren Verletzungen verantwortlich sei. Der
Grund hierfür sei, dass T._ einiges weniger zu befürchten habe als der mehr-
fach vorbestrafte Beschuldigte. Alle hätten gewusst, dass dem Beschuldigten die-
ses Mal sehr ernsthafte Konsequenzen drohen würden, nachdem er bereits einige
Zeit in Untersuchungshaft verbracht habe und keine Entlassung in Sicht gewesen
sei. In der tamilischen Subkultur sei es erfahrungsgemäss leider sehr weit verbrei-
tet, dass Angehörige und Freunde beschuldigten Personen helfen und sie vor
Strafen schützen, indem sie behaupten würden, nichts gesehen oder gehört zu
haben, oder im schlimmsten Fall eben sogar falsche Aussagen bis hin zu falschen
Geständnissen machen würden. So habe beispielsweise K._ versucht, die
Staatsanwaltschaft anzulügen, um dem Beschuldigten und T._ zu helfen,
was für ihn in einem Strafbefehl wegen falschen Zeugnisses geendet habe.
Fakt sei, dass der Geschädigte klar angegeben habe, dass er vom Beschuldigten
und nicht von T._ geschlagen worden sei. Der Zeuge AB._ habe bestä-
tigt, dass T._ im Streit mit dem Geschädigten den Beschuldigten dazu geholt
habe, so wie es der Geschädigte selbst auch ausgeführt habe. Er habe dann ge-
sehen, wie der Beschuldigte einen Schlagring in der Hand gehalten und einen
Schlag angedeutet habe. Den Schlag selbst habe er nicht gesehen. Diesbezüg-
lich sei sie – die Staatsanwältin – überzeugt, dass der Zeuge den Schlag sehr
wohl gesehen habe, er aber aufgrund seiner Furcht vor Repressalien diesbezüg-
lich keine Aussagen machen wolle. Er habe nach der Einvernahme Hilfe bei ihr
gesucht. Auch dies zeige, dass in der vorliegenden Strafuntersuchung davon
ausgegangen werden müsse, dass diverse Personen zu Gunsten des Beschuldig-
ten gelogen oder gewisse Tatsachen verschwiegen hätten. Der Zeuge AC._
äussere sich ihr gegenüber ebenfalls, dass er sich vor Repressalien fürchte. We-
- 35 -
nigstens habe er bestätigt, dass der Geschädigte von einem grossen, schlanken
Mann geschlagen worden sei. Diese Beschreibung passe auf den Beschuldigten,
aber sicher nicht auf T._. Die weiteren befragten Personen hätten zu Proto-
koll gegeben, dass sie nichts gesehen hätten. Aufgrund der belastenden Aussa-
gen des Geschädigten sowie der Zeugen AC._ und AB._ sei der Sach-
verhalt aber erstellt (Urk. 69 S. 5 ff.).
Anlässlich der Berufungsverhandlung machte die Staatsanwaltschaft geltend,
dass auch bezüglich Dossier 2 ein Geständnis fehle. Dies lasse Rückschlüsse zu,
wonach der Beschuldigte offenbar weder willens noch in der Lage sei, ein Fehl-
verhalten einzugestehen. Zu dieser Tat könne weitgehend auf die Ausführungen
der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 129 S. 5).
Zu den im Nachgang der Berufungsverhandlung erhobenen Einvernahmen der
Zeugen G._ und F._ liess sich die Staatsanwaltschaft nicht mehr ver-
nehmen.
3.6. Standpunkt der Verteidigung
Die Verteidigung brachte an der Berufungsverhandlung zunächst vor, dass der
Beschuldigte das Tatgeschehen zwar nicht von Anfang an einheitlich geschildert
habe, sein Kollege T._ seine Tatbeteiligung jedoch eingestanden und ein
Geständnis abgelegt habe (Urk. 128 S. 13 f.). Sie rügte zudem, dass die Vo-
rinstanz im Rahmen ihrer Beweiswürdigung sowohl die Aussagen des Beschul-
digten, wie auch diejenigen von T._ als konstruiert, nicht nachvollziehbar und
unglaubhaft taxiere, und letztlich in völlig einseitiger Weise auf die – ebenso zwei-
felhaften – Aussagen des Geschädigten abstelle und diese dort, wo sie geradezu
absurd wirken würden, nämlich im Zusammenhang mit einem behaupteten
Schlagringeinsatz, einfach übergehe mit dem lapidaren Schlusssatz, wonach der
Einsatz eines Schlagringes nicht erstellt werden könne.
Auch unabhängig von den Aussagen des Beschuldigten bzw. von T._ erwie-
sen sich die Depositionen der übrigen befragten Personen, einschliesslich des
- 36 -
Geschädigten, als höchst widersprüchlich und würden sich teilweise diametral
gegenüberstehen. Diese Pattsituation müsse im Resultat dazu führen, dass der
Beschuldigte nach dem "in dubio pro reo"-Grundsatz freizusprechen sei (Urk. 128
S. 16).
Zudem seien viele Gründe denkbar, weshalb der Geschädigte den Beschuldigten
falsch belasten könnte. Dies insbesondere, wenn man bedenke, dass sich die ta-
milische Gemeinschaft in der Schweiz in einer Parallelwelt bewege, welche nach
eigenen Gesetzen funktioniere und für die hiesigen Behörden nur schwer zu
durchdringen sei.
Zudem habe die Vorinstanz die Aussagen von K._, U._ und V._
pauschal als Gefälligkeiten zugunsten des Beschuldigten taxiert, während die
teilweise ebenso absurden wie widersprüchlichen Aussagen der Entourage des
Geschädigten damit erklärt worden seien, dass diese sich vor Repressalien des
Beschuldigten fürchten würden. Die Anklage und die Vorinstanz würden diesbe-
züglich völlig einseitig auf die reichlich tendenziösen und konstruierten Aussagen
des Privatklägers abstellen. Dabei würden die Depositionen des Privatklägers
nicht nur der Darstellung des Beschuldigten widersprechen, sondern auch weite-
ren Zeugenaussagen teilweise diametral gegenüberstehen (Urk. 128 S. 17 f.).
Zu den nachträglichen Einvernahmen der Zeugen G._ und F._ erklärte
die amtliche Verteidigung, dass der Zeuge F._ mit seinen Aussagen, welche
vom Zeugen G._ gestützt würden, die Version des Beschuldigten stützen
würde, wonach nicht er, sondern "AF._" das Opfer traktiert habe. Ziehe man
in Betracht, dass es einer zufälligen Begegnung zwischen F._ und dem Ge-
fängnispfarrer, dem Zeugen G._, zuzuschreiben sei, dass es überhaupt zu
dieser Entlastung des Beschuldigten gekommen sei, scheide eine Gefälligkeits-
aussage des Zeugen F._ zugunsten des Beschuldigten vollends aus. An ei-
nem Freispruch des Beschuldigten im massgeblichen Anklagepunkt führe nichts
mehr vorbei (Urk. 153 S. 2).
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3.7. Würdigung
3.7.1. Unstrittig ist, dass der Geschädigte die im Anklagesachverhalt beschriebe-
nen Verletzungen erlitten hat. Dies ergibt sich ohne Weiteres aus dem Austritts-
bericht des Universitätsspitals Zürich vom 19. Juli 2016 (D2/11) sowie aus dem
Bericht des Zentrums für Zahnmedizin zum ärztlichen Befund betreffend den Ge-
schädigten (D2/21). Strittig und demzufolge zu erstellen ist, ob es der Beschuldig-
te war, der dem Geschädigten die betreffenden Verletzungen zugefügt hat, und
wenn ja, ob sich der Beschuldigte hierfür eines Schlagringes bedient hat. Hierfür
ist auf die einzelnen Aussagen der befragten Personen näher einzugehen.
3.7.2. Vorab festzuhalten ist, dass W._, AA._ und AG._ (D2
Urk. 26/11, D2 Urk. 26/12 und D2 Urk. 26/13) nur
polizeilich einvernommen und nie mit dem Beschuldigten konfrontiert wurden,
weshalb deren Aussagen nicht zu Lasten des Beschuldigten verwertet werden
können (vgl. Art. 147 Abs. 4 StPO). Auf eine Würdigung dieser Aussagen kann
verzichtet werden. Ebenfalls nicht weiter einzugehen ist auf die Aussagen von
C._ (D2 Urk. 26/7). Sie war beim betreffenden Vorfall nicht anwesend und
kann deshalb nicht aus eigener Wahrnehmung vom Vorfall berichten. Nichts zur
Erhellung des Sachverhaltes beitragen kann auch AH._. Er gab bei der Poli-
zei zu Protokoll, er sei zwar in der Gruppe unterwegs gewesen, habe den Schlag
aber nicht beobachten können (D2 Urk. 9 S. 2 F/A 7; D2 Urk. 26/6 S. 3 F/A 11 f.).
Auch bei seiner Zeugeneinvernahme vom 18. Juli 2017 sagte er aus, er könne
nicht sagen, wer der Täter gewesen sei (D2 Urk. 26/6 S. 3 F/A 11). Er habe den
Geschädigten erst auf dem Boden liegen sehen (D2 Urk. 26/6 S. 4 F/A 13). Er
kenne den Beschuldigten nicht und habe diesen noch nie gesehen (D2 Urk. 26/6
S. 6 F/A 26).
3.7.3. Der Beschuldigte sagte anlässlich seiner polizeilichen Einvernahme vom
8. August 2016 aus, er sei (in dieser Nacht) nicht am S._ gewesen (D2
Urk. 2 S. 3 F/A 19). Anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 14. Septem-
ber 2016 erklärte er abweichend davon, er sei zwar am S._ gewesen. Er ha-
be den Geschädigten aber nicht geschlagen (D2 Urk. 5 S. 2). Er habe T._
auf der anderen Strassenseite gesehen. Es sei eine grosse Person dazu gekom-
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men mit einem Sack in der Hand. Diese Person habe T._ mit der Faust ge-
schlagen. T._ habe zurückgestossen und der andere sei hingefallen. Danach
sei T._ weggerannt (D2 Urk. 5 S. 3). T._ sei alleine mit den Personen
am Sprechen gewesen (D2 Urk. 5 S. 5). Bei der Konfrontationseinvernahme vom
14. März 2017 machte der Beschuldigte geltend, der Geschädigte lüge, wenn er
sage, von ihm – dem Beschuldigten – geschlagen worden zu sein (D2 Urk. 25/1
S. 2 f.). Er sei vor Ort, aber nicht involviert gewesen. Der Geschädigte und
T._ hätten zusammen gesprochen. Der Geschädigte habe eine Tasche in
der Hand gehabt. Diese habe er auf den Boden gestellt und begonnen, T._
zu schlagen. T._ habe zurückgeschlagen und der Geschädigte sei zu Boden
gegangen. T._ habe mit der linken Hand geschlagen. Der andere sei betrun-
ken gewesen. Er – der Beschuldigte – sei zwei Meter entfernt gestanden. Er kön-
ne nicht sagen, wie fest T._ geschlagen habe oder wohin der Schlag gegan-
gen sei. Ein Schlagring sei aber nicht zum Einsatz gekommen (D2 Urk. 25/1 S. 3
f.). Anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz bestritt der Beschuldigte den
Vorwurf erneut. Er räumte zwar ein, den Geschädigten C._ gesehen zu ha-
ben. Er sei jedoch auf der anderen Strassenseite gestanden und habe gesehen,
wie dieser eine Auseinandersetzung mit T._ gehabt habe. Nach dem Motiv
für eine falsche Belastung durch den Geschädigten befragt, antwortete der Be-
schuldigte, er wisse es nicht. Entweder habe der Geschädigte Angst vor T._
oder aber der Geschädigte irre sich (Prot. I S. 18 f.). Anlässlich der Berufungsver-
handlung blieb der Beschuldigte sodann dabei, dass er den Geschädigten
C._ nicht geschlagen habe. Dieser habe eine Auseinandersetzung mit einer
anderen Person gehabt und er (der Beschuldigte) habe sich nicht eingemischt.
Der Geschädigte sei von T._, genannt AF._, geschlagen worden. An
der Auseinandersetzung sei nur AF._ und der Geschädigte beteiligt gewesen
(Prot. II S. 12).
Es trifft – wie von der Vorinstanz in Ziffer II.B.5.2.2. ausgeführt – zwar zu, dass
der Beschuldigte offensichtlich log, als er bei der Polizei noch behauptete, er sei
in dieser Nacht nicht am S._ gewesen. Ebenso fallen seine Aussagen zum
Vorfall nicht besonders lebensnah aus. So behauptete der Beschuldigte einer-
seits, er sei zwei Meter neben T._ gestanden und habe gesehen, dass dieser
- 39 -
mit der linken Hand geschlagen und dabei keinen Schlagring getragen habe.
Gleichzeitig konnte er aber nicht sagen, wohin der Schlag gegangen sei und wie
fest T._ zugeschlagen habe. Sodann fällt auf, dass der Beschuldigte zu-
nächst davon sprach, dass T._ den Geschädigten nur weggestossen habe.
Später dann spricht er von einem Schlag mit der linken Hand. Etwas gar streng
fällt die Würdigung der Vorinstanz trotzdem aus, wonach die Aussagen des Be-
schuldigten konstruiert und nicht nachvollziehbar seien. So blieben seine Aussa-
gen mit Bezug auf das Kerngeschehen doch insoweit konstant, als er – mit Aus-
nahme der ersten Einvernahme – stets dabei blieb, dass T._ der Täter sei
und er selbst mit der Auseinandersetzung nichts zu tun gehabt habe. Alles in al-
lem sind die Aussagen des Beschuldigten zwar nicht besonders glaubhaft, jedoch
auch nicht dermassen widersprüchlich, dass sie – auch in Bezug auf deren Kern-
gehalt – zwingend als unwahr zu qualifizieren wären.
3.7.4. T._ sagte am 15. August 2016 bei der Polizei aus, er sei um
23.00/23.30 Uhr mit vielen anderen Personen in den AI._-park gekommen
(D2 Urk. 2 S. 2 ff. und S. 8 F/A 7, 20 ff. und 85). Der Beschuldigte sei vom
S._ aus zu ihnen gekommen (D2 Urk. 3 S. 2 F/A 11 und 15). Er selber sei
nicht am S._ gewesen (D2 Urk. 3 S. 2 F/A 14). Er kenne den Geschädigten
nicht (D2 Urk. 3 S. 4 F/A 33). Bei der Staatsanwaltschaft am 14. September 2016
präsentierte T._ dann eine neue Version und räumte ein, am S._ gewe-
sen zu sein. Der Geschädigte habe ihn mehrmals geschlagen, wobei ihn ein
Schlag getroffen habe. Den Rest der Schläge habe er mit den Armen abwehren
können. Er sei zu Boden gegangen. Danach habe er einmal zurückgeschlagen
und der Geschädigte sei umgefallen. Er habe sich anschliessend entfernt (D2
Urk. 4 S. 4 F/A 10). Abweichend zu seiner polizeilichen Einvernahme vom
15. August 2016 erklärte er auch, den Geschädigten zu kennen (D2 Urk. 4 S. 4
F/A 11). Der Beschuldigte sei auch am S._ gewesen. Dieser habe nichts
gemacht (D2 Urk. 4 S. 4 F/A 13 f.). Anlässlich der Konfrontationseinvernahme
vom 14. September 2016 sagte T._ erneut, der Geschädigte habe ihn ge-
schlagen, er habe zurückgeschlagen (D2 Urk. 5 S. 4). Bei der Konfrontationsein-
vernahme vom 14. März 2017 sagte T._ aus, er sei mit Personen am Disku-
tieren gewesen. Der Geschädigte sei dazu gekommen und habe ihn schlagen
- 40 -
wollen. Er sei ausgewichen und habe sich geduckt. Ein Schlag habe ihn getroffen.
Er habe zurückgeschlagen (D2 Urk. 25/1 S. 6).
Auch T._ machte bei der Polizei zunächst offensichtlich falsche Angaben, in-
dem er in Abrede stellte, sich am S._ aufgehalten zu haben. In Bezug auf die
Auseinandersetzung mit C._ sind seine Aussagen zudem auch nicht wider-
spruchsfrei. So führte er zunächst aus, dieser habe ihn geschlagen. Er sei einmal
getroffen worden, den Rest der Schläge habe er mit seinen Armen abgewehrt. Er
sei zu Boden gegangen. Später hingegen erklärte er, er sei von einem Schlag ge-
troffen worden. Den übrigen Schlägen sei er ausgewichen und er habe sich ge-
duckt. Dass er zu Boden gegangen sei, beschreibt er nicht mehr. Festzuhalten ist
aber auch hier, dass er – nach anfänglicher Falschaussage – im Laufe des Ver-
fahrens nie mehr bestritt, dass er es sei, der den Geschädigten geschlagen und
dass der Beschuldigte damit nichts zu tun habe. Dass er seine Präsenz am Tatort
zunächst abstritt, ändert dabei nichts daran, dass sein grundsätzliches Schuldein-
geständnis nicht von vornherein unglaubhaft ist. Immerhin hat ja – wie gesehen –
auch der Beschuldigte zunächst seine Anwesenheit am S._ abgestritten.
3.7.5. K._ sagte bei der Polizei am 12. August 2016 aus, er habe den Be-
schuldigten beim AJ._-platz getroffen (D2 Urk. 10 S. 1 F/A 6). Sie seien dann
vor Mitternacht auf das AI._-areal gegangen (D2 Urk. 10 S. 2 F/A 11). Sie
seien die ganze Nacht dort gewesen und am Morgen sei er zusammen mit dem
Beschuldigten auf den Zug gegangen (D2 Urk. 10 S. 2 F/A 17). Er habe den Ge-
schädigten an jenem Abend nicht gesehen (D2 Urk. 10 S. 4 F/A 34). T._ und
der Beschuldigte seien nicht beim S._ gewesen (D2 Urk. 10 S. 4 und S. 6
F/A 35 f. und 56). Sie hätten keine Auseinandersetzung gehabt beim S._ (D2
Urk. 10 S. 5 F/A 39 ff.). Seine Angaben bestätigte er auf entsprechende Zusam-
menfassung des befragenden Polizisten gegen Ende der Einvernahme (D2 Urk.
10 S. 6 F/A 51). Bei der Einvernahme als Zeuge am 18. Juli 2017 sagte K._
aus, ihre Gruppe hätte sich ca. 23.00 Uhr zwischen dem AJ._-platz und dem
S._ aufgehalten. Dann seien sie in Richtung AI._ gegangen, wo sie kurz
vor Mitternacht angekommen seien (D2 Urk. 26/8 S. 3 F/A 11 und 13). T._
habe er den ganzen Abend nicht gesehen (D2 Urk. 26/8 S. 3 F/A 16). Der Be-
- 41 -
schuldigte sei immer bei ihm gewesen und habe niemanden geschlagen (D2 Urk.
26/8 S. 6 F/A 40 ff.). Nachdem er auf den Widerspruch hingewiesen worden war,
dass er anlässlich der polizeilichen Einvernahme behauptet habe, dass er nicht
mit dem Beschuldigten am S._ gewesen sei, antwortete K._, dann habe
er da sicher gelogen (D2 Urk. 26/8 S. 7 F/A 47 f.). Abweichend von seinen bishe-
rigen Aussagen erklärte er dann, T._ sei ebenfalls dort (am S._) gewe-
sen (D2 Urk. 26/8 S. 9 F/A 63 ff.). Anschliessend beteuerte K._, dass der
Beschuldigte immer neben ihm gewesen sei und nicht geschlagen habe
(D2 Urk. 26/8 S. 8 f. F/A 58, 62 und 71).
Die Angaben von K._ weisen massive Widersprüche auf. So behauptete er
beispielsweise – auch entgegen den späteren Zugeständnissen des Beschuldig-
ten selber (vgl. D2 Urk. 25/1 S. 2) –, dass er den Beschuldigten um ca. 22:00 Uhr
am AJ._-platz getroffen und sich dann mit diesem sowie weiteren Personen
zusammen zum AI._-areal aufgemacht habe, wo sie vor Mitternacht T._
getroffen hätten. Sodann bestritt er bei der Polizei zunächst, dass T._ am
S._ gewesen sei, obwohl dieser selber ausführte, er sei dort gewesen. Auch
über seine eigene Anwesenheit am S._ machte K._ widersprüchliche
Angaben. So musste er schliesslich auch einräumen, dass er bei seiner Einver-
nahme bei der Polizei gelogen hatte (D2 Urk. 26/8 S. 7 F/A 47 f.). Augenschein-
lich ist K._ darum bemüht, den Verdacht sowohl von T._ als auch vom
Beschuldigten abzulenken. Auf die Aussagen von K._ kann nicht abgestellt
werden.
3.7.6. Der Geschädigte C._ sagte am 20. Juli 2016 bei der Polizei, drei Män-
ner seien auf der anderen Strassenseite beim Coop City gewesen. Diese hätten
ihn angepöbelt. Sie seien zunächst weiter gelaufen, dann aber stehen geblieben,
weil einer der anderen Gruppe nach Alkohol gefragt habe. Er habe sich umge-
dreht und schon Faustschläge erhalten. Er sei zu Boden gegangen (D2 Urk. 6 S.
1 F/A 4). Es seien drei Männer gewesen: T._, der Beschuldigte und eine
Person namens "F'._" (D2 Urk. 6 S. 3 F/A 25). Der Beschuldigte habe mit
dem Schlagring zugeschlagen, das wisse er genau (D2 Urk. 6 S. 3 f. F/A 26). Der
Beschuldigte habe ausgeholt, mehr wisse er nicht. Er habe sich nach rechts ge-
- 42 -
dreht, dann sei der Schlag auf seine rechte Gesichtshälfte erfolgt. Er sei bewusst-
los geworden (D2 Urk. 6 S. 4 F/A 28). Bei seiner Einvernahme vom 14. März
2017 sagte der Geschädigte C._ aus, er sei zum S._-platz gegangen.
Der Beschuldigte und T._ seien dort gewesen und hätten seine Gruppe an-
gepöbelt. Er habe dann einen Schlag mit einem Schlagring auf die rechte Seite
unterhalb des Auges bekommen. Diesen Schlag habe er vom Beschuldigten er-
halten (D2 Urk. 26/1 S. 4 f. F/A 12). Auf
entsprechende Nachfrage führte der Geschädigte aus, es sei eine Person
gekommen und habe ihnen die Whiskey-Flaschen wegnehmen wollen. T._
habe ihn gefragt, weshalb er so "schief" schaue. Dann sei der Beschuldigte ge-
kommen und habe ihn von der Seite geschlagen (D2 Urk. 26/1 S. 6 F/A 21). Er
habe einen Schlagring gesehen (D2 Urk. 26/1 S. 6 F/A 26). Er sei sich diesbezüg-
lich sicher (D2 Urk. 26/1 S. 7 F/A 28 ff.).
Die Aussagen des Geschädigten erweisen sich (wie diejenigen der restlichen Be-
teiligten) nicht als vollends kohärent. Wie auch die Verteidigung dies vorbringt,
sprach C._ bei der Polizei zunächst von "Fäusten", also einer Mehrzahl von
Schlägen, während er später nur noch von einem Schlag sprach. Dabei mag es
sich aber auch lediglich um eine ungenaue Formulierung handeln, die der Ge-
schädigte in seiner spontanen Schilderung des Ereignisses wählte. Entscheidend
ist vielmehr, dass der Geschädigte von Beginn weg gleichbleibend konkret nur
davon gesprochen hat, dass der Beschuldigte ihm einen Schlag ins Gesicht ge-
geben habe. Weitere Schläge wurden von ihm nicht beschrieben. Zu vage erwei-
sen sich aber in diesem Zusammenhang seine Angaben darüber, ob der Be-
schuldigte sich dabei eines Schlagringes bedient hat. Der Geschädigte erklärte
zwar, dass er sich sicher sei, dass der Beschuldigte einen Schlagring benutzt ha-
be. Allerdings fällt auf, dass er diesen Umstand zunächst damit begründete, dass
er nicht so schnell "runter gehe" (D2 Urk. 26/1 S. 6 F/A 26). Auch auf Nachfrage
der Staatsanwältin begründete er dies nicht einfach damit, dass er einen Schlag-
ring gesehen habe, sondern zog vielmehr den Schluss, dass es aufgrund seines
Verletzungsbildes und seiner Bewusstlosigkeit so gewesen sein müsse
(vgl. D2 Urk. 26/1 S. 7 F/A 34). Ebenfalls nicht lebensnah ist es, dass der Ge-
schädigte einen Schlagring gesehen haben will, dann aber nicht sagen konnte,
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mit welcher Hand der Beschuldigte geschlagen habe und ob dies mit der offenen
Hand oder mit der Faust passiert sei (D2 Urk. 26/1 S. 7 F/A 29 ff.). Die Aussagen
des Geschädigten in Bezug auf die Auseinandersetzung als solche erweisen sich
alles in allem als konsistent und glaubhaft. Der Umstand, dass er geschlagen
wurde (und die entsprechenden Verletzungen davontrug), ist dabei aber auch
nicht strittig. Fraglich ist vielmehr, ob es sich beim Angreifer um den Beschuldig-
ten oder um T._ gehandelt hat. Diesbezüglich lässt sich aus den Angaben
des Geschädigten mit rechtsgenügender Sicherheit nur wenig ableiten, würde es
für eine – bewusste oder unbewusste – Falschbelastung doch genügen, einfach
den Namen des Angreifers auszutauschen. Seine explizite Belastung des Be-
schuldigten lässt sich denn auch nicht näher überprüfen; namentlich liegen keine
weiteren Beschreibungen des Täters oder sonstiger Umstände vor, welche als
Realkennzeichen erlauben würden, die Täterschaft des Beschuldigten zu plausibi-
lisieren. Schliesslich wurde der Geschädigte zu keinem Zeitpunkt mit dem Ge-
ständnis von T._ konfrontiert, womit auch nicht bekannt ist, ob er seine Aus-
sagen vor diesem Hintergrund relativiert hätte.
3.7.7. AB._ gab bei der Polizei am 25. Juli 2016 zu Protokoll, sie seien beim
Coop City am S._ über den Fussgängerstreifen gelaufen. Dort seien sie auf
T._ getroffen. Er – AB._ – habe Alkohol in einer Tasche getragen. Eine
Person namens F'._ habe nach dem Alkohol gefragt. T._ habe mit dem
Geschädigten gesprochen. T._ habe dann den Beschuldigten gerufen, dieser
sei gekommen und habe den Geschädigten mit der rechten Faust geschlagen.
Einen Schlagring habe er nicht gesehen. Auf entsprechende Frage gab AB._
dann zu Protokoll, er selber habe den Schlag nicht gesehen. Dies habe ihm nur
der Geschädigte so gesagt (D2 Urk. 7 S. 2 F/A 6 ff.). Der Beschuldigte habe nur
einmal geschlagen (D2 Urk. 7 S. 2 f. F/A 10 und 17). Der Vorfall habe sich zwi-
schen 0.00 Uhr und 1.00 Uhr zugetragen (D2 Urk. 7 S. 3 F/A 22). Anlässlich sei-
ner Zeugeneinvernahme vom 14. März 2017 sagte AB._ aus, sie seien beim
Zebrastreifen auf T._ und eine Person namens F'._ getroffen. F'._
habe nach dem Whiskey gefragt. Der Geschädigte und T._ hätten sich un-
terhalten. Das Gespräch zwischen diesen beiden habe gerade neben ihm stattge-
funden. T._ habe den Geschädigten gefragt, weshalb dieser ihn so komisch
- 44 -
anschaue. T._ sei gegangen und habe einen Kollegen geholt. Er selber habe
dann wieder mit F'._ diskutiert. Als er sich umgedreht habe, habe er den Ge-
schädigten am Boden liegen sehen. Die anderen seien weggerannt (D2 Urk. 26/3
S. 3 f. F/A 12). Er habe nicht gesehen, wie der Geschädigte auf den Boden gefal-
len sei (D2 Urk. 26/3 S. 6 F/A 25). Der Beschuldigte habe eine Geste mit einem
Metall in der linken Hand gemacht (D2 Urk. 26/3 S. 6 F/A 26 ff.). Der Beschuldigte
sei dem Geschädigten gegenüber gestanden (D2 Urk. 26/3 S. 6 F/A 34). Er sei in
dem Moment, als der Beschuldigte die Geste gemacht habe, weggerannt (D2 Urk.
26/3 S. 7 F/A 41).
Auch die Aussagen von AB._ erweisen sich teilweise als nicht kohärent und
vage. Insbesondere schilderte er den Schlag zunächst so, als hätte er diesen sel-
ber wahrgenommen. Erst auf die Frage der Polizei präzisierte er, er habe den
Schlag nicht selber gesehen, sondern der Geschädigte habe ihm das so gesagt.
Widersprüchlich sagte er auch dahingehend aus, ob er einen Schlagring
gesehen habe oder nicht. Nicht besonders lebensnah ist es weiter, wenn
AB._ sodann behauptete, dass er zwar eine Geste des Beschuldigten und
gar einen Schlagring an der Hand des Beschuldigten gesehen habe, den Schlag
selber aber nicht mitbekommen habe. Mit Fug kann davon ausgegangen werden,
dass der Schlag unangekündigt und in einer schnellen Bewegung ausgeführt
wurde. Ansonsten hätte der Geschädigte auf diesen wohl in irgendeiner Art rea-
gieren können, was gerade nicht geschah. Es hätte deshalb schon einer beson-
deren Auffassungsgabe von AB._ bedurft, die Situation derart schnell zu er-
fassen, dass er einerseits einen Schlagring erkennen, sich dann aber dennoch
blitzartig abwenden konnte, sodass er den eigentlichen Schlag nicht gesehen hät-
te. Schliesslich zeigt die allgemeine Lebenserfahrung weiter, dass in solchen Si-
tuationen viel eher die Tendenz besteht, das Geschehen zu beobachten als sich
bereits vor einem drohenden Schlag, welcher sein Ziel noch nicht getroffen hat,
abzuwenden. Schliesslich ergibt sich auch ein Widerspruch in Bezug auf die
Hand, mit welcher der Beschuldigte zugeschlagen haben soll. Bei der Polizei
schilderte AB._, der Beschuldigte habe mit der rechten Faust zugeschlagen.
Anlässlich seiner Zeugeneinvernahme führte AB._ hingegen aus, der Be-
schuldigte habe mit der linken Hand eine Geste gemacht und dort auch den
- 45 -
Schlagring getragen. Vom Verteidiger von T._ darauf angesprochen, gab
AB._ wenig plausibel zu Protokoll, damals habe er keinen Dolmetscher ge-
habt, vielleicht habe er das verwechselt (D2 Urk. 26/3 S. 11 F/A 72 f.). Dass es zu
einer Verwechslung gekommen ist, überzeugt insbesondere mit dem Hinweis auf
sprachliche Schwierigkeiten nicht. AB._ bestätigte damals zu Beginn seiner
polizeilichen Einvernahme, dass er keine Übersetzung benötige und die Einver-
nahme auf Hochdeutsch stattfinden könne. Anschliessend schilderte er relativ de-
tailliert die Ereignisse des betreffenden Abends, welche Schilderungen er auch
als gelesen unterschriftlich bestätigte. Er müsste damit bei seiner polizeilichen
Einvernahme schon zweimal links mit rechts verwechselt haben, was lebensfremd
ist. Insgesamt erweisen sich seine Angaben als zu ungenau und widersprüchlich,
als dass darauf abgestellt werden könnte, zumal die Ungenauigkeiten gerade den
Kerngehalt des Geschehens betreffen. Daran vermag auch nichts zu ändern,
dass AB._ der fallführenden Staatsanwältin nach der Zeugeneinvernahme
offenbar mitteilte, dass er sich vor dem Beschuldigten fürchte (D2 Urk. 26/4).
Zwar liessen sich dadurch gewisse Abschwächungen in den Belastungen gegen-
über dem Beschuldigten erklären. Bei der Zeugeneinvernahme belastete
AB._ den Beschuldigten im Vergleich zu seiner polizeilichen Einvernahme
aber gerade schwerer, indem er erklärte, er habe gesehen, wie der Beschuldigte
einen Schlagring in der Hand gehalten habe. Nicht erklären lässt sich damit
schliesslich auch nicht die Ungenauigkeit, mit welcher Hand der Beschuldigte ge-
schlagen haben soll.
3.7.8. AC._ sagte bei der Polizei am 28. Juli 2016 aus, sie seien über den
Fussgängerstreifen gelaufen. AB._ habe Flaschen getragen. Männer hätten
AB._ diese Flaschen abnehmen wollen (D2 Urk. 8 S. 1 f. F/A 6 ff.). Ein gros-
ser, dünner Tamile sei auf den Geschädigten zugegangen und habe ihn geschla-
gen. Der Geschädigte sei sofort zu Boden gegangen. Der Vorfall sei zwischen
0.00 Uhr und 0.30 Uhr passiert. Es sei ein Schlag mit einem Metall gewesen, er
habe es aber nicht gesehen. Der Geschädigte sei nur einmal geschlagen worden
(D2 Urk. 8 S. 2 F/A 12 ff.). Bei der Zeugeneinvernahme vom 14. März 2017 gab
AC._ zu Protokoll, AB._ habe Whiskey dabeigehabt. Andere Personen
hätten diesen Whiskey von ihm herausverlangt. Jemand sei dann gekommen und
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habe den Geschädigten geschlagen. Es sei ein schlanker Mann gewesen. Als
dieser geschlagen habe, sei der Geschädigte sofort zu Boden gegangen (D2 Urk.
26/5 S. 4 F/A 18). Es sei zwischen 0.00 Uhr und 1.00 Uhr passiert (D2 Urk. 26/5
S. 5 F/A 28). Der Geschädigte sei mit der Faust geschlagen worden (D2 Urk. 26/5
S. 7 F/A 41).
Die Aussagen von AC._ sind ebenfalls zu vage, als dass man darauf abstel-
len könnte. Zwar beschreibt er den Täter als grossen, dünnen Tamilen, was sich
durchaus mit der Statur des Beschuldigten vereinbaren lässt. Allerdings unterliess
es die Staatsanwaltschaft, die Statur von T._ – der ja behauptet, er sei es
gewesen, welcher den Geschädigten geschlagen habe – aktenkundig zu machen.
Dass T._ die Behauptung der fallführenden Staatsanwältin, sie sei der An-
sicht, er sei nicht besonders gross und schlank, nicht explizit kommentierte, kann
hierfür jedenfalls nicht als genügende Grundlage ausreichen (vgl. D2 Urk. 25/1 S.
7). Entscheidend ist aber, dass AC._ den Beschuldigten in einer direkten
Gegenüberstellung nicht als den Täter identifizieren konnte, sondern zu Protokoll
gab, er sehe den Beschuldigten zum ersten Mal (D2 Urk. 26/5 S. 9 F/A 57). Eben-
falls zu vage und teilweise nur schwer verständlich sind seine Angaben bezüglich
der Verwendung eines Schlagringes durch den Täter. So sprach AC._ gar
davon, der Täter habe allenfalls eine Eisenstange benutzt. Auch bei ihm fällt auf,
dass er dies aus dem Umstand herleitet, dass der Geschädigte aufgrund nur ei-
nes Schlages auf den Boden gegangen sei (vgl. D2 Urk. 26/5 S. 7 F/A 39 ff.).
Weiter ist es nicht besonders lebensnah, wenn AC._ beschreibt, er habe den
Schlag gesehen, er dann aber nicht genau sagen kann, ob dabei ein Gegenstand
eingesetzt wurde, stand er doch gemäss seinen Schilderungen neben dem Ge-
schädigten (D2 Urk. 8 S. 2 F/A 9).
3.7.9. U._ gab als Zeugin am 18. Juli 2017 zu Protokoll, sie sei zusammen
mit dem Beschuldigten und weiteren Personen im fraglichen Zeitraum am
S._ gewesen (D2 Urk. 26/9 S. 4 F/A 16). Sie habe nichts von einer Schläge-
rei mitbekommen (D2 Urk. 26/9 S. 4 f. F/A 22, 29 ff.). Der Beschuldigte sei immer
mit ihr gewesen (D2 Urk. 26/9 S. 5 ff. F/A 26, 28, 37, 41 f., 45 ff.). Diese Angaben
von U._ vermögen nicht zu überzeugen. Es ist lebensfremd, dass sie nichts
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von einer Auseinandersetzung mitbekommen haben will, obwohl sie fast schon im
Sinne eines Mantras behauptete, der Beschuldigte sei immer bei ihr gewesen.
Dieser selber gab ja zu Protokoll, er habe die Auseinandersetzung beobachten
können. Dies lässt im Wesentlichen nur zwei Schlüsse zu: Entweder war es eben
– entgegen den wiederholten Angaben von U._ – gerade nicht so, dass der
Beschuldigte immer bei ihr war. Dann entlasten ihre Angaben den Beschuldigten
aber auch nicht in entscheidender Weise. Oder aber sie hat die Auseinanderset-
zung sehr wohl mitbekommen, stellt dies jedoch in Abrede. Kommt noch hinzu,
dass U._ sich gemäss eigenen Angaben offenbar mit dem Beschuldigten
über den Vorfall unterhalten hat (D2 Urk. 26/9 S. 7 F/A 47). Ihre Aussagen erwei-
sen sich als unglaubhaft und es kann nicht darauf abgestellt werden.
3.7.10. V._ führte an ihrer Zeugeneinvernahme vom 18. Juli 2017 aus, sie
sei mit dem Beschuldigten und weiteren Personen im tatrelevanten Zeitraum am
S._ gewesen. T._ habe sie nicht gesehen (D2 Urk. 26/10 S. 4 und 8 F/A
15 ff., 22 f. und 48). Sie habe den Beschuldigten nie aus den Augen verloren (D2
Urk. 26/10 S. 5 F/A 24). Sie habe nichts vom Vorfall mitbekommen. Der Beschul-
digte könne es aber nicht gewesen sein, denn dieser sei die ganze Zeit bei ihnen
gewesen (D2 Urk. 26/10 S. 5 F/A 25 f.). Es kann vorab auf das zu U._ Ge-
sagte verwiesen werden. Ergänzend ist festzuhalten, dass V._ zudem be-
hauptete, T._ nicht gesehen zu haben, obwohl dieser aussagte, am S._
gewesen zu sein, und der Beschuldigte zu Protokoll gab, er habe gesehen, wie
T._ zugeschlagen habe. Darauf angesprochen machte sie geltend, sie habe
Leute am S._ getroffen und mit diesen gesprochen, weshalb sie nicht immer
alles mitbekommen habe (D2 Urk. 26/10 S. 6 F/A 32). Sie sei sich aber dennoch
sicher, dass der Beschuldigte immer bei ihr gewesen sei (D2 Urk. 26/10 S. 7 F/A
45). Es ist augenscheinlich, dass V._ bei ihrer Einvernahme darauf bedacht
war, den Beschuldigten zu schützen. Auf die Aussagen von V._ kann nicht
abgestellt werden.
3.7.11. Der Zeuge F._ bestätigte anlässlich seiner Einvernahme vom 3. Ok-
tober 2019 die Version des Beschuldigten, wonach nicht dieser, sondern T._
("AE._") den Geschädigten geschlagen habe. Der Beschuldigte sei während
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dem einige Meter entfernt vom Tatort gestanden (Urk. 139 S. 4 f.). Die Aussagen
des Zeugen F._ sind dabei – wie von der Verteidigung zu Recht vorgebracht
– umso glaubhafter, als es sich bei
seiner Begegnung mit dem Gefängnisseelsorger, dem Zeugen G._, um ei-
nen absoluten Zufall handelte und er erst durch diesen überhaupt erfuhr, dass der
Beschuldigte sich zeitgleich im selben Gefängnis aufhielt. Er konnte sich mit dem
Beschuldigten auch vorgängig nicht abgesprochen haben, sass dieser doch seit
rund zwei Jahren in Haft. Eine Gefälligkeitsaussage des Zeugen F._ zu
Gunsten des Beschuldigten ist daher ausgeschlossen. Dies umso mehr, als er
diese auch schon viel früher gegenüber der Untersuchungsbehörde hätte tätigen
können, deren Vorladungen er keine Folge leistete. Die Aussagen des Zeugen
F._ werden überdies durch jene des Zeugen G._ plausibilisiert, welcher
bestätigte, dass F._ ihm unaufgefordert vom Vorfall erzählt und T._ als
Täter bezeichnet habe.
3.7.12. Aufgrund der mangelnden Plausibilisierung der Aussagen des Geschädig-
ten in Bezug auf die Person des Täters, des Geständnisses von T._, der ent-
lastenden Zeugenaussage des Zeugen
F._ in Verbindung mit derjenigen des Zeugen G._ sowie der im Übrigen
wenig verlässlichen Aussagen der weiteren befragten Personen kann vorliegend
nicht erstellt werden, dass der Beschuldigte dem Geschädigten einen Schlag ins
Gesicht versetzt hat, in dessen Folge der Geschädigte die in der Anklageschrift
umschriebenen Verletzungen erlitt. Der Beschuldigte ist in Bezug auf den Vorwurf
der schweren Körperverletzung in Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo
freizusprechen.
4. Tatvorwurf des Angriffs/Raubs
Dem Beschuldigten wird schliesslich vorgeworfen, er habe sich am 21. Mai 2016
an der AK._-gasse ... in ... Zürich zusammen mit AL._, R._ und
AM._ an einem körperlichen Angriff zum Nachteil des Geschädigten D._
beteiligt. Der Beschuldigte, AL._, R._ und AM._ hätten dem Ge-
schädigten Faustschläge ins Gesicht gegeben und als der Geschädigte am Bo-
den gelegen habe, Fusstritte gegen dessen Körper versetzt, wobei der Beschul-
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digte mit dem Fuss in Richtung des Kopfes des Geschädigten getreten habe. Der
Geschädigte habe durch die erteilten Schläge und Tritte eine Platzwunde am
rechten Auge und an der Lippe erlitten. Der Beschuldigte habe diese Verletzun-
gen durch seine Teilnahme am Angriff zumindest in Kauf genommen. Sodann
hätten der Beschuldigte, AL._, R._ und AM._ vom Geschädigten
die Herausgabe seines Geldes in der Höhe von Fr. 100.–, seines Mobiltelefons im
Wert von Fr. 100.– und seiner Jacke im Wert von Fr. 90.– verlangt, welcher Auf-
forderung der Geschädigte aufgrund des vorgängigen tätlichen Einwirkens nach-
gekommen sei. Der Beschuldigte habe dabei in der Absicht gehandelt, sich durch
das Entwenden der Wertgegenstände einen Vermögensvorteil zukommen zu las-
sen, auf welchen er – wie er gewusst habe – keinen Anspruch gehabt habe (Urk.
39 S. 5 f.).
4.1. Vorinstanzliches Urteil
Die Vorinstanz stellte fest, dass sich der Sachverhalt gemäss Dossier 3 der An-
klageschrift nicht rechtsgenügend erstellen lasse. Der Beschuldigte habe konstant
bestritten, an jenem Abend anwesend gewesen zu sein. In der Untersuchung sei
eine Anwesenheit und Tatbeteiligung des Beschuldigten einzig von AM._
behauptet worden, der seine Aussage anlässlich seiner letzten staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme weitgehend relativiert habe, indem er ausgesagt habe,
der Beschuldigte sei zwar tatsächlich anwesend gewesen, sei aber an der Tat
gänzlich unbeteiligt gewesen. Alle anderen Aussagenden würden eine Anwesen-
heit des Beschuldigten mit keinem Wort erwähnen. Der Geschädigte habe sich
erst anlässlich der letzten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme – knapp ein Jahr
nach dem Vorfall – dahingehend geäussert, dass ihn der Beschuldigte geschla-
gen habe. Es habe sich aber im Verlauf der Einvernahme herausgestellt, dass
diese Aussage auf einem Missverständnis bzw. einer Verwechslung des Beschul-
digten mit R._ gründe. Gegen Ende der Einvernahme habe der Geschädigte
sodann ausgesagt, er habe den an dieser Einvernahme anwesenden Beschuldig-
ten seiner Meinung nach das erste Mal gesehen (Urk. 94 S. 60).
- 50 -
4.2. Standpunkt der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft führte vor Vorinstanz aus, der Beschuldigte bestreite den
Vorwurf. Der Geschädigte könne diesbezüglich nicht viel zur Klärung beitragen,
da er nicht mit Sicherheit angeben könne, ob sich der Beschuldigte an der Ausei-
nandersetzung beteiligt habe oder nicht. Der Tatverdacht gegen den Beschuldig-
ten gründe auf den belastenden Aussagen des Mitbeschuldigten AM._. Die-
ser habe anlässlich seiner Hafteinvernahme zu Protokoll gegeben, dass er gese-
hen habe, wie der Beschuldigte den Geschädigten geschlagen habe. Der Be-
schuldigte habe den Geschädigten mit seinen Füssen gegen dessen Kopf ge-
schlagen, als der Geschädigte am Boden gelegen habe. AM._ sei sich dabei
ganz sicher gewesen, dass er das so gesehen habe und gemeint, er würde dies
auch anlässlich einer Konfrontationseinvernahme
wiederholen. Im Rahmen der Konfrontationseinvernahme habe AM._ plötz-
lich behauptet, dass er sich nicht mehr sicher sei, ob der Beschuldigte auch ge-
schlagen habe, da Freunde von ihm und auch der Beschuldigte gesagt hätten,
dass der Beschuldigte nicht geschlagen habe. Es gehe wieder um das gleiche
Thema: Auskunftspersonen, die versuchen würden, den Beschuldigten zu schüt-
zen. Es sei klar, dass die Aussagen von AM._ anlässlich seiner Hafteinver-
nahme der Wahrheit entsprechen würden. Aufgrund der belastenden Aussagen
von AM._ anlässlich der Hafteinvernahme sei der Sachverhalt erstellt (Urk.
69 S. 7 f.).
In der Berufungsverhandlung brachte die Staatsanwaltschaft vor, dass es wohl
der Natur des Beschuldigten entspreche, dass er auch diesen Vorwurf bestreite.
Es würden belastende Aussagen des Mitbeschuldigten AM._ vorliegen. Die-
ser habe ausgesagt, er habe gesehen, wie der Beschuldigte den Geschädigten
geschlagen habe, indem er diesen mit seinen Füssen gegen dessen Kopf ge-
schlagen habe, als der Geschädigte am Boden gelegen sei. Rückblickend und in
Kenntnis des Aussageverhaltens verschiedener weiterer Beteiligten, vermöge es
nicht zu überraschen, wenn dem gleichen AM._ dann später plötzlich die Er-
kenntnis gekommen sei, dass er sich nicht mehr sicher sei, ob der Beschuldigte
auch geschlagen habe. Es stelle sich nun die Frage, ob diese Aktion, Gericht und
- 51 -
Anklagebehörden offensichtlich für blöd zu verkaufen, weiter mitgemacht werden
solle. Die Staatsanwaltschaft sei überzeugt, dass die Aussagen von AM._
anlässlich seiner Hafteinvernahme der Wahrheit entsprechen würden (Urk. 129 S.
6).
4.3. Standpunkt der Verteidigung
Die Verteidigung hielt vor Berufungsgericht dafür, dass nebst dem Geschädigten
zunächst einzig AM._ behauptet habe, dass der Beschuldigte vor Ort anwe-
send gewesen sei. Alle anderen Aussagenden hätten den Beschuldigten mit kei-
nem Wort erwähnt. Um sich selbst zu entlasten oder die Verantwortung auf meh-
rere Schultern zu verteilen, hätten sie den Beschuldigten sicher belastet, wäre er
tatsächlich beteiligt gewesen. Die Anklage stelle somit einzig auf anfängliche
Mutmassungen des Mitbeschuldigten AM._ ab, welche dieser aber in der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 13. April 2017 richtig gestellt und kor-
rigiert habe. Der Geschädigte habe den Beschuldigten klarerweise entlastet und
sich auf einen Irrtum berufen. Die vorliegende Anklage stehe ohne Fundament da.
Es gebe überhaupt keine Beweise für die Täterschaft des Beschuldigten. Die an-
klageseitig beschriebene Täterkonstellation widerspreche in grober Weise der Ak-
tenklage. Beispielsweise werde AM._ als Mitbeschuldigter aufgeführt, obwohl
eine Einstellungsverfügung vom 4. Januar 2017 bei den Akten liege (Urk. 128 S.
27).
Der Geschädigte habe nach Vorlage eines Fotobogens ausser R._ noch
AL._ und AM._ als Täter identifiziert. Aufgrund einer Aussage von
AL._ sei der Beschuldigte als weiterer Täter identifiziert worden. Dies, ob-
wohl der Geschädigte stets nur von drei Tätern gesprochen habe. Obwohl
AL._ den Beschuldigten entgegen dem polizeilichen Sachrapport zu keiner
Zeit belastet habe, sei dieser ohne jeden handfesten Verdacht als weiterer Be-
schuldigter im Verfahren geführt worden.
Belastet worden sei der Beschuldigte einzig von AM._ in dessen polizeilicher
Befragung resp. Hafteinvernahme. In seiner staatsanwaltlichen Einvernahme ha-
be AM._ seine bei der Polizei gemachte Aussage richtiggestellt und gesagt,
- 52 -
dass er sich bei zwei Personen sicher und bei einer Person nicht ganz sicher sei.
Er sei selbst ja auch betrunken gewesen. Er habe gesehen, wie "..." und R._
das Opfer geschlagen hätten und habe noch eine dritte Person gesehen und ge-
dacht, es sei der Beschuldigte. Bei R._ sei er sich zu 100% sicher gewesen.
Die zweite Person sei "..." gewesen. Die dritte Person sei schlank und gross ge-
wesen. Deshalb habe er gedacht, dass es der Beschuldigte sei. Er sei sich nun
sicher, dass die dritte Person beim Opfer nicht der Beschuldigte gewesen sei
(Urk. 128 S. 28 f.). Damit habe – so die Verteidigung – die Auskunftsperson letzt-
lich offengelegt, dass es sich bei der Annahme, der Beschuldigte sei Mittäter ge-
wesen, um eine Mutmassung gehandelt habe.
Wie man auch immer das Aussageverhalten der Auskunftsperson werten möge,
wesentlich sei vorliegend, dass der Geschädigte den Beschuldigten klarerweise
entlaste. Nicht nur dessen Aussagen bei der Polizei, sondern insbesondere die
Befragung durch die Staatsanwaltschaft erlaube den klaren Rückschluss, dass
der Beschuldigte als Täter ausscheide (Urk. 128 S. 29).
4.4. Würdigung
4.4.1. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass weder R._, AL._, AN._,
AO._ noch AP._ bezüglich des Vorwurfs gemäss Dossier 3 mit dem Be-
schuldigten konfrontiert wurden. Deren Aussagen sind demzufolge nicht zu Un-
gunsten des Beschuldigten verwertbar (vgl. Art. 147 Abs. 4 StPO), weshalb auf
deren eingehende Würdigung verzichtet werden kann.
4.4.2. Der Beschuldigte selber machte geltend, er sei an besagtem Vorfall nicht
beteiligt gewesen und bestritt die Tat konsequent (D3 Urk. 5 S. 2 f. F/A 22 ff.;
D3 Urk. 25/1 S. 2 F/A 4).
4.4.3. Seine Täterschaft eingeräumt hat R._. Er bestätigte anlässlich der po-
lizeilichen Einvernahme vom 21. Mai 2016 zunächst zwar nur, den Geschädigten
(zeitlich vor dem zur Anklage gebrachten Sachverhalt) geschlagen zu haben (D3
Urk. 9 S. 2 F/A 11). Er habe diesem einen Faustschlag und einen Kick verpasst
(D3 Urk. 9 S. 2 F/A 12 f.). Im Übrigen machte er aber geltend, er könne sich nicht
- 53 -
an den Vorfall erinnern, so insbesondere auch, ob der Beschuldigte dabei gewe-
sen sei (D3 Urk. 9 S. 3 F/A 28). Bei der Hafteinvernahme vom 22. Mai 2016 zeig-
te sich R._ dann allerdings geständig, den Geschädigten geschlagen und
ihm Fr. 100.– abgenommen zu haben (D3 Urk. 9 S2 F/A 6). Sie seien zu dritt ge-
wesen, wobei er die eine Person nicht nennen wollte, und von der anderen be-
hauptete, diese nicht zu kennen (D3 Urk. 9 S. 2 F/A 9).
4.4.4. AM._ gab am 21. Mai 2016 bei der Polizei zu Protokoll, er habe von
weitem gesehen, wie R._, der Beschuldigte und noch eine weitere Person,
welche er nicht kenne, den dunkelhäutigen Mann (gemeint der Geschädigte) ge-
schlagen hätten. Es sei geschrien worden. Plötzlich hätten sie gesagt, dass alle
abhauen sollen und sie hätten begonnen zu rennen (D3 Urk. 6 S. 1 F/A 3). Er ha-
be nicht mitbekommen, weshalb sie auf den Mann eingeschlagen hätten. Er sei
weiter weg gestanden, in einer Entfernung von 15 bis 20 Metern (D3 Urk. 6 S. 2
F/A 7 f.). Alle drei hätten Fusstritte ausgeteilt, als das Opfer auf dem Boden gele-
gen habe (D3 Urk. 8 S. 2 F/A 10 f.). Dass dem Opfer Geld abgenommen worden
sei, habe er nicht mitbekommen (D3 Urk. 6 S. 2 F/A 16). Anlässlich der Haftein-
vernahme vom 22. Mai 2016 bezeichnete AM._ R._, den Beschuldigten
und eine Person, welche "..." gerufen werde, als die drei Täter (D3 Urk. 7 S. 2 F/A
4). Er habe die drei Personen aus einer Entfernung von ca. 10 bis 15 Metern auf
den Geschädigten einschlagen gesehen, aber erst, als das Opfer auf dem Boden
liegend mit den Füssen getreten worden sei (D3 Urk. 7 S. 2 F/A 7). Der Beschul-
digte habe in Richtung Kopf getreten. Die anderen hätten in Richtung Körper ge-
kickt (D3 Urk. 7 S. 3 F/A 8). Die drei seien schon die ganze Nacht auf Geld aus
gewesen (D3 Urk. 7 S. 3 F/A 11). Er erklärte, er würde diese Aussagen auch an-
lässlich einer Konfrontationseinvernahme wiederholen. Er habe das diesen drei
auch gesagt, denn er habe ja gesehen, wie sie den Geschädigten geschlagen
hätten (D3 Urk. 7 S. 3 F/A 13). Bei der Staatsanwaltschaft sagte AM._ dann
aber einleitend, er könne sich nicht mehr an alles erinnern. Bei zwei Personen sei
er sich sicher, bei der Dritten sei er sich aber nicht ganz sicher (D3 Urk. 26/2 S. 2
F/A 7 f.). Er habe gesehen, wie der Geschädigte am Boden gelegen habe und
"..." und R._ auf ihn geschlagen hätten. Er habe noch eine dritte Person ge-
sehen und gemeint, es sei der Beschuldigte. Darum habe er dies bei der Polizei
- 54 -
und der Staatsanwaltschaft so gesagt (D3 Urk. 26/2 S. 4 F/A 23). Die dritte Per-
son sei gross und schlank gewesen, darum habe er gemeint, es sei der Beschul-
digte (D3 Urk. 26/2 S. 6 f. F/A 49 f.). Er sei sich nun aber sicher, dass der Be-
schuldigte nicht die dritte Person beim Geschädigten gewesen sei. Dies, weil der
Beschuldigte und alle anderen gesagt hätten, dass es der Beschuldigte nicht ge-
wesen sei (D3 Urk. 26/2 S. 7 F/A 55 f.).
Zwar mutet es schon seltsam an, dass AM._ den Beschuldigten zunächst als
einen der Täter bezeichnete und dessen Verhalten anlässlich des Vorfalls gar
noch konkretisierte, diese Belastung dann aber bei der Staatsanwaltschaft am 13.
April 2017 wieder zurücknahm. Ebenfalls auffällig ist, dass AM._ immer wie-
der darauf hinweist, dass er sehr betrunken gewesen sei und sich deshalb nicht
an alles erinnern könne. Dass AM._ sehr betrunken gewesen wäre, ist aber
unwahrscheinlich, da er bei einem Atemlufttest lediglich 0.62‰ aufgewiesen hat.
Wie AM._ sodann selber ohne Umschweife einräumte, habe er in den Wo-
chen nach dem Vorfall diverse in den Fall involvierte Personen getroffen und sich
mit diesen ausgetauscht (D3 Urk. 26/2 S. 3 F/A 10 ff.). Ob es dabei aber tatsäch-
lich – wie von der Staatsanwaltschaft behauptet – zu Beeinflussungen oder gar
Drohungen von Seiten des Beschuldigten oder dessen Umfeld gekommen ist,
welche ihn zu einer falschen Aussage gedrängt haben, kann – wie sich nachfol-
gend zeigen wird – offen gelassen werden.
4.4.5. Der Geschädigte gab am 21. Mai 2016 bei der Polizei zu Protokoll, er habe
sich mit einer Gruppe auf dem AI._-areal unterhalten. Plötzlich sei einer aus
der Gruppe "hässig" geworden und habe ihn mit Fäusten ca. 2 Mal geschlagen.
Danach habe man sich entschuldigt (D3 Urk. 14 S. 2 F/A 10 und 13). Später seien
drei Personen bei ihm gestanden. Ein grosser mit einem schwarzen Pullover, ein
grosser Typ mit einem grauen Pullover und einer grauen oder schwarzen Kapuze
und noch ein dritter Typ. Sie hätten eine Hunderternote in seinem Portemonnaie
bemerkt und diese herausverlangt. Als er sich geweigert habe, hätten sie zu dritt
auf ihn eingeschlagen (D3 Urk. 14 S. 3 F/A 16). Der grösste sei ca. 190 cm gross
und 20-25 Jahre alt gewesen. Er habe eine schlanke Statur gehabt, eine Brille ge-
tragen, habe eine dunklere Haut gehabt und sei vermutlich Inder oder Tamile. Er
- 55 -
habe ein schwarzes Oberteil getragen und Zürichdeutsch gesprochen (D3 Urk. 14
S. 3 F/A 19). Der zweite sei ca. 185 cm gross und 20-25 Jahre alt gewesen. Er
habe eine schlanke Statur und dunklere Haut gehabt und sei vermutlich Inder o-
der Tamile. Er habe einen grauen Pullover mit einer grauen oder schwarzen Ka-
puze getragen und Zürichdeutsch gesprochen (D3 Urk. 14 S. 3 F/A 20). Der Dritte
sei ca. 180 cm gross und ca. 20-25 Jahre alt gewesen. Er habe eine schlanke
Statur und dunklere Haut gehabt. Er sei vermutlich Inder oder Tamile. Der Dritte
habe dunkle Kleidung getragen (D3 Urk. 14 S. 3 F/A 21). Anschliessend identifi-
zierte er auf einem Fotobogen AL._, R._ und AM._ als die drei Tä-
ter (D3 Urk. 14 S. 4 F/A 26).
Anlässlich seiner Einvernahme als Privatkläger wiederholte der Geschädigte im
Kerngehalt seine bei der Polizei gemachten Aussagen. Sodann erklärte er spon-
tan und in Abweichung zu seiner bei der Polizei gemachten Identifikation der Tä-
ter, der an der Befragung anwesende Beschuldigte sei ebenfalls dabei gewesen
(D3 Urk. 26/1 S. 5 F/A 29). Er habe ihn aber anders in Erinnerung. Er habe eine
andere Mimik im Kopf und die Haare seien auch anders gewesen. Später in der
Einvernahme sagte der Geschädigte relativierend, wenn er den Beschuldigten
anschaue, dann sei es möglich, dass es nicht der Beschuldigte gewesen sei, von
welchem er geschlagen worden sei (D3 Urk. 14 S. 5 F/A 29 und 31 ff.). Auf expli-
zite Nachfrage erklärte der Geschädigte, die Statur des Beschuldigten passe nicht
auf den Angreifer im weissen Pullover. Derjenige habe andere Haare gehabt und
die Grösse passe nicht (D3 Urk. 26/1 S. 7 F/A 48). Auf Vorhalt von Fotografien
identifizierte er schliesslich R._ als die Person im weissen Pullover.
AL._ identifizierte er als weiteren Täter. Als dritten Täter nannte er
AN._, wobei er sich aber nicht sicher sei und nur aufgrund der Farbe des
T-Shirts darauf komme. AO._ sei dabei gewesen, dieser habe aber nichts
gemacht. An AM._ – diesen identifizierte er wie gesehen zunächst als einen
der drei Täter – konnte sich der Geschädigte nicht erinnern. Er wisse nicht einmal,
ob dieser anwesend gewesen sei (D3 Urk. 26/1 S. 10 f. F/A 79).
Es fällt auf, dass der Geschädigte die Ereignisse bei der Staatsanwaltschaft nicht
mehr genau rekonstruieren konnte, was er auch selber einräumte (D3 Urk. 26/1
- 56 -
S. 3 F/A 16). So schilderte er beispielsweise, eine Person in weissem Pullover
habe ihn zuerst geschlagen (D3 Urk. 26/1 S. 6 F/A 40), während er bei der Polizei
noch aussagte, er sei zuerst von einer Person mit grauem Pullover geschlagen
worden (vgl. D3 Urk. 14 S. 3 F/A 23). Im Gegensatz zur polizeilichen Einvernah-
me war es ihm auch nicht mehr möglich zu sagen, wer ihm welche Schläge aus-
geteilt hat (D3 Urk. 14 S. 3 F/A 22 ff.; D3 Urk. 26/1 S. 8 F/A 54). Relativ deutlich
fällt wiederum seine Antwort aus, als die Staatsanwaltschaft explizit nach der Tä-
terschaft des Beschuldigten fragte. So gab er zu Protokoll, er sei der Meinung, er
sehe den Beschuldigten anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
zum ersten Mal (D3 Urk. 26/1 S. 11 F/A 81). Allerdings konnte er auch AM._,
welchen er bei der Polizei noch als Täter bezeichnete, in einer direkten Gegen-
überstellung nicht mehr erkennen. Dieser komme ihm nicht bekannt vor und sage
ihm gar nichts (D3 Urk. 26/1 S 11 F/A 83 ff.). Entscheidend ist dennoch, dass der
Geschädigte, welcher mit seinen Angreifern bei beginnendem Tageslicht doch ei-
ne gewisse Zeit im Gespräch war, den Beschuldigten nie als einen der Täter iden-
tifizierte. Im Gegenteil schloss er den Beschuldigten vielmehr als Täter aus. So
war der Geschädigte bei einer direkten Gegenüberstellung mit dem Beschuldigten
der Meinung, er sehe diesen zum ersten Mal. Er begründete dies damit, dass der
Täter eine andere Mimik, Grösse und Haare als der Beschuldigte hatte, was den
Ausschluss des Beschuldigten als Täter schlüssig erscheinen lässt. Dies über-
zeugt umso mehr, als der Geschädigte keinerlei erkennbares Interesse daran hat,
den schuldigen Täter zu entlasten. Der Sachverhalt ist damit nicht erstellt und der
Beschuldigte ist vom Vorwurf des Angriffs und des Raubs freizusprechen.
III. Rechtliche Würdigung
Mit den heute erfolgten Freisprüchen verbleibt einzig der nicht angefochtene und
somit rechtskräftige Schuldspruch wegen Raufhandels bestehen. Hierzu kann auf
das vorinstanzliche Urteil verwiesen werden (Urk. 94 S. 60 ff.).
- 57 -
IV. Strafzumessung
1. Ausgangslage
Im Lichte obiger Ausführungen bildet einzig der Schuldspruch wegen Raufhandels
Gegenstand der Strafzumessung.
2. Grundsätze der Strafzumessung
2.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Strafzumessung ausführlich und
richtig dargelegt, weshalb zur Vermeidung von Wiederholungen auf diese Erwä-
gungen verwiesen werden kann (Urk. 94 S. 66 f.).
2.2. Raufhandel sieht eine Bestrafung mit Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren
oder Geldstrafe vor (Art. 133 Abs. 2 StGB). Es liegen keine Strafschärfungsgrün-
de, insbesondere keine Deliktsmehrheit, vor.
3. Standpunkt der Parteien
3.1. Die Verteidigung erachtet eine Bestrafung des Beschuldigten mit einer
vollziehbaren Freiheitsstrafe von 12 Monaten als angemessen. Diese habe der
Beschuldigte längst abgesessen (Urk. 128 S. 31).
3.2. Die Staatsanwaltschaft verlangt als Folge der zusätzlich beantragten
Schuldsprüche berufungsweise eine Bestrafung des Beschuldigten mit einer Frei-
heitsstrafe von 56 Monaten als Gesamtstrafe (Urk. 129 S. 8).
4. Tatkomponente
4.1. Die Vorinstanz erwog, es sei zu beachten, dass vorliegend ein nichtiger
Anlass zu massiver Gewalt und der Verletzung von mindestens zwei Personen
geführt habe. Dabei komme dem Beschuldigten die Rolle des eigentlichen Initia-
tors der Auseinandersetzung zu, habe er sich doch von der anderen Gruppe pro-
voziert gefühlt und bewusst die Konfrontation gesucht, anstatt einfach weiter und
dem Konflikt so mühelos aus dem Weg zu gehen. Sodann habe der Beschuldigte
im Verlaufe der Auseinandersetzung ein Messer eingesetzt, wodurch er panische
Handlungen und weitere Gewalttätigkeiten der Beteiligten geschürt habe. Der Be-
- 58 -
schuldigte habe demnach alles andere als zur Deeskalation des Konfliktes beige-
tragen und sei insgesamt mit einer hohen Gewaltbereitschaft aufgetreten. In sub-
jektiver Hinsicht führte die Vorinstanz aus, dass wohl nichtige Motive zur Tat des
Beschuldigten geführt hätten. So liege nahe, dass sich die Tat eher zufällig erge-
ben habe, wobei die Alkoholisierung bzw. allgemeine Gemütslage des Beschul-
digten zur Eskalation der Situation entscheidend beigetragen hätten. Letztlich
blieben die Beweggründe des Beschuldigten aber unklar. Entsprechend qualifi-
zierte die Vorinstanz das Tatverschulden als keineswegs leicht (Urk. 94 S. 68).
4.2. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass beim Raufhandel als abstraktes
Gefährdungsdelikt die Schwere der tatsächlich eingetretenen Verletzungen im
Rahmen der Strafzumessung nicht berücksichtigt werden darf (BSK StGB II-
MAEDER, a.a.O., Art. 133 N 4). Bezüglich des objektiven Tatverschuldens ist mit
der Vorinstanz festzuhalten, dass der Beschuldigte als Initiator der Auseinander-
setzung angesehen werden muss, indem er die Rufe der anderen Gruppe auf
sich bezog und aktiv die Konfrontation suchte. So sagte K._ bei der Polizei
aus, die andere Gruppe habe irgendetwas gerufen und dies habe dem Beschul-
digten nicht gepasst. Er denke aber, es sei nicht einmal an sie gerichtet gewesen
(D1 Urk. 7/1 S. 3 F/A 28). Der Beschuldigte fühlte sich dadurch aber offenbar an-
gesprochen und gekränkt, weshalb er sofort in eine zunächst verbale Auseinan-
dersetzung mit der betreffenden Gruppe geraten ist. Damit setzte er den Grund-
stein für die nachfolgende tätliche Auseinandersetzung mit der anderen Gruppe.
Anstatt den offenbar nicht einmal an ihn gerichteten Ruf zu ignorieren, was ohne
Weiteres möglich gewesen wäre, suchte er die Auseinandersetzung. Den ersten
Schlag führte der Beschuldigte allerdings entsprechend seiner konstanten Be-
streitungen nicht aus. Der erste Schlag sei vielmehr von J._ ausgeteilt wor-
den (D1 Urk. 12/1 S. 5). Dieser habe den Bruder des Beschuldigten geschlagen
(D1 Urk. 3/1 S. 3 und S. 6 F/A 22 und 48). Auch I._ gab zu Prototoll, einer
aus ihrer Gruppe habe eine Person aus der anderen Gruppe geschlagen (D1 Urk.
8/3 S. 3 F/A 7 f.). J._ gab zu Protokoll, dass es auch sein könne, dass er den
ersten Schlag ausgeführt habe (D1 Urk. 9/4 S. 5). Wieder eine andere Version lie-
ferte der Zeuge O._, wonach der erste Schlag von einer Person in einer
bordeaux-roten Jacke ausgeteilt worden sei (D1 Urk. 11/2 S. 2 F/A 7). Nach der
- 59 -
Wahrnehmung von O._ wäre es also B._ – jedenfalls aber auch nicht
der Beschuldigte gewesen –, welcher den ersten Schlag ausgeteilt hätte, da
B._ als einziger der involvierten Personen an diesem Abend eine bordeaux-
rote Jacke trug. Erschwerend wirkt sich aber aus, dass der Beschuldigte im Laufe
der Auseinandersetzung ein Messer behändigte und damit zur weiteren Eskalati-
on der Situation beitrug. So bewaffneten sich in der Folge offenbar auch J._
und I._ mit einem Stein respektive mit einer Flasche (D1 Urk. 9/1 S. 6 F/A
58; D1 Urk. 8/1 S. 3 F/A 21 f.). Zudem ereignete sich der Vorfall unmittelbar vor
dem Club "P._" während einer Party, an welcher eine Vielzahl von Personen
zu Gast waren. Dies wiegt zwar beispielsweise nicht derart schwer, wie wenn sich
die Auseinandersetzung innerhalb des Clubs zugetragen hätte. Dennoch hätte die
Auseinandersetzung ohne Weiteres auch weitere Kreise ziehen können. Es ist mit
der Vorinstanz von keineswegs leichtem Verschulden auszugehen.
4.3. Mit Bezug auf das subjektive Tatverschulden hat der Beschuldigte mit di-
rektem Vorsatz gehandelt. Zugutezuhalten ist dem Beschuldigten immerhin, dass
er die Tat nicht plante, sondern in einem spontanen Tatentschluss handelte,
nachdem er sich durch die Rufe provoziert gefühlt hatte.
Die Alkoholisierung des Beschuldigten ist mit Verweis auf das Gutachten nicht
verschuldensmindernd zu berücksichtigen (D1 Urk. 28/19 S. 44 und S. 52). So
wisse der Beschuldigte laut dem Gutachter, dass er ein Alkoholproblem habe und
bei allen Gewaltdelikten sei er mit "fraglicher Alkoholbeteiligung" aufgefallen
(D1 Urk. 28/19 S. 31). Trotz Alkoholkonsums sei die hohe Gewaltbereitschaft
persönlichkeitsnah und entspreche dem Wertesystem des Beschuldigten
(D1 Urk. 28/19 S. 32, S. 44). Sein Verhalten sei aus mehreren früheren Situatio-
nen bekannt, in denen keine relevante Alkoholisierung vorgelegen sei. Die
scheinbare Diskrepanz zwischen relativ hohem Blutalkoholspiegel und fehlender
Beeinträchtigung erkläre sich aus einer aus dem regelmässigen Konsum resultie-
renden Gewöhnung und Toleranzentwicklung für grössere Alkoholmengen (D1
Urk. 28/19 S. 32).
Das Verschulden wiegt insgesamt nicht leicht und die Einsatzstrafe ist auf 6 Mo-
nate festzusetzen.
- 60 -
5. Täterkomponente
5.1. Was die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten angeht, so kann
vorab auf die diesbezüglichen vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden
(Urk. 95 S. 68 ff.). An der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte ergän-
zend aus, dass er am 9. Juli 2018 ins Massnahmezentrum AQ._ zum vorzei-
tigen Massnahmeantritt eingetreten sei (Urk. 127 S. 1). Er habe am 1. August
2018 eine 4-jährige Grundbildung zum Metallbauer beginnen können, welche ihm
sehr gut gefalle. Er gebe sich Mühe und habe gute Noten. Zurzeit sei er in der in-
ternen Berufsschule. Ab August 2019 dürfe er in die Berufsschule in Zürich (Urk.
127 S. 2). Er habe nach wie vor Kontakt zu seinen Familienangehörigen und tele-
foniere fast jeden Tag mit seiner Familie. Durch die Vollzugsöffnungen dürfe er
jedes zweite Wochenende unbegleitet 10 Stunden hinaus. Da besuche er jeweils
seine Familie (Urk. 127 S. 3 f.). Er habe nunmehr eine neue Freundin, die alte
Beziehung sei zerbrochen. Die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten sind
mit der Vorinstanz strafzumessungsneutral zu werten.
5.2. Merklich straferhöhend haben sich die diversen, teilweise einschlägigen
Vorstrafen des Beschuldigten auszuwirken. Aus dem Strafregisterauszug vom
14. Mai 2019 (Urk. 123/A) ergibt sich, dass der Beschuldigte erstmals während
seines Aufenthaltes im Vereinigten Königreich Grossbritannien deliktisch aufgefal-
len ist. Wie sich aus den weiteren Akten ergibt (D1 Urk. 28/11; D1 Urk. 3/5 S. 7
F/A 19 ff.; Prot. I S. 11 f.; Urk. 127 S. 7) ging es dabei unter anderem um eine tät-
liche Auseinandersetzung, bei welcher der Beschuldigte einen "scharfen Gegen-
stand" behändigt hat. Wegen diesem und weiteren Vorfällen wurde der Beschul-
digte zu neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, wobei der Vollzug in einer Institu-
tion für Jugendliche durchgeführt wurde. Sodann wurde der Beschuldigte am 20.
März 2014 von der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland wegen Vergehen und
Übertretungen des Waffengesetzes mit einer bedingten Geldstrafe von acht Ta-
gessätzen zu Fr. 30.– sowie einer Busse von Fr. 100.– belegt. Weiter wurde der
Beschuldigte vom Ministère public de l'arrondissement Lausanne am 31. Oktober
2014 wegen einfacher Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfrie-
densbruch und Anstiftung zur Irreführung der Rechtspflege mit einer bedingten
- 61 -
Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie einer Busse von Fr. 1'080.–
verurteilt. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 30. September
2015 wurde der Beschuldigte wegen Angriffs zu einer bedingt vollziehbaren Frei-
heitsstrafe von sechs Monaten sowie einer Busse von Fr. 1'000.– verurteilt.
Schliesslich wurde der Beschuldigte vom Gerichtspräsidium Aarau am 29. März
2017 wegen versuchter Drohung schuldig gesprochen und zu einer – unbedingten
– Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 10.– verurteilt. Das Vorstrafenregister
teilweise einschlägiger Verurteilungen demonstriert, dass der Beschuldigte nichts
aus seinen bisherigen Strafen gelernt hat. Selbst die Androhung oder gar der
Vollzug von Freiheitsstrafen hielten ihn nicht davon ab, neue Delikte zu begehen.
Straferhöhend fällt zudem seine Delinquenz während einer laufenden Strafunter-
suchung ins Gewicht. Der Beschuldigte beteiligte sich im Oktober 2016 an einem
Raufhandel, obwohl im Juli 2016 eine Strafuntersuchung wegen schwerer Kör-
perverletzung gegen ihn angehoben worden war. Weiter delinquierte der Be-
schuldigte auch während der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl
angeordneten und mit Urteil des Gerichtspräsidiums Aarau verlängerten Probe-
zeit, was sich ebenfalls spürbar straferhöhend auszuwirken hat.
5.3. Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters mit zu
berücksichtigen. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren
(wie zum Beispiel Reue, Einsicht und Strafempfindlichkeit, Art. 47 N 22; BSK
StGB I-WIPRÄCHTIGER/KELLER, Art. 47 N 109). Ein Geständnis, das kooperative
Verhalten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und
Reue wirken strafmindernd (BSK StGB I-WIPRÄCHTIGER/KELLER, Art. 47 N 130 f.).
Das Bundesgericht hielt in seinen Entscheiden BGE 118 IV 349 und 121 IV 202
dafür, ein
positives Nachtatverhalten könne zu einer Strafreduktion im Bereich von einem
Fünftel bis zu einem Drittel führen (vgl. auch BSK StGB I-WIPRÄCHTIGER/KELLER,
Art. 47 N 131).
Zwar zeigte sich der Beschuldigte bezüglich der ihm vorgeworfenen Beteiligung
an einem Raufhandel geständig. Allerdings muss die Beweislage als erdrückend
bezeichnet werden. Das Geständnis des Beschuldigten hat die Strafuntersuchung
- 62 -
auch nicht wesentlich vereinfacht. Wie sich aus den Aussagen des Beschuldigten
weiter ergibt, sieht er sich bei dieser Auseinandersetzung als Opfer, welches sich
nur gewehrt habe. Wie bereits erwähnt, war es aber der Beschuldigte, welcher in
massgeblicher Weise zur Eskalation der Situation beigetragen hat. Eine tatsächli-
che Reue oder Einsicht ins Unrecht seiner Tat ist jedenfalls nicht erkennbar. Das
Nachtatverhalten des Beschuldigten wirkt sich nur ganz leicht strafmindernd aus.
5.4. Unter Würdigung aller strafzumessungsrelevanten Faktoren erscheint eine
Strafe in Höhe von 10 Monaten angemessen. Unabhängig von der Frage des an-
wendbaren Rechts (der Vorfall ereignete sich am 21. Oktober 2016, wobei
das Strafgesetzbuch damals Geldstrafen von bis zu 360 Tagessätzen vorsah,
vgl. aArt. 34 Abs. 1 StGB) kommt eine Geldstrafe angesichts der zahlreichen Vor-
strafen, insbesondere der bereits vollzogenen Freiheitsstrafen, welchen den Be-
schuldigten offenkundig nicht von weiterer Delinquenz abgehalten haben, keines-
falls in Betracht. Der Beschuldigte ist somit mit einer Freiheitsstrafe von 10 Mona-
ten zu bestrafen.
V. Vollzug/Gesamtstrafe
1. Das Bundesgericht hat bereits wiederholt entschieden, dass die Anordnung
einer stationären oder ambulanten Massnahme zugleich eine ungünstige Progno-
se bedeutet und den bedingten oder teilbedingten Aufschub einer Strafe aus-
schliesst (BGE 135 IV 180 E. 2.3 S. 186 f.; Urteile des Bundesgerichtes
6B_212/2017 vom 4. August 2017 E. 5.4.1; 6B_652/2016 und 6B_669/2016 vom
28. März 2017 E. 3.3.1 mit Hinweisen). Nachdem gegenüber dem Beschuldigten
eine Massnahme angeordnet wurde (Disp.-Ziff. 6 des vorinstanzlichen Urteils),
bleibt kein Raum für einen bedingten oder teilbedingten Aufschub der Strafe. Die
Freiheitsstrafe ist demnach zu vollziehen.
2. Unangefochten geblieben und damit in Rechtskraft erwachsen ist allerdings
die Dispositiv-Ziffer 6 des vorinstanzlichen Urteils. Der Vollzug der Freiheitsstrafe
ist demnach zugunsten der Massnahme im Sinne von Art. 61 StGB aufzuschie-
ben.
- 63 -
3. Gemäss Art. 46 Abs. 1 Satz 2 StGB bildet das Gericht in sinngemässer An-
wendung von Art. 49 StGB eine Gesamtstrafe, wenn die widerrufene und die
neue Strafe gleicher Art sind. Dabei kann es aber nicht Sinn der revidierten Be-
stimmung sein, eine neue Strafzumessung für die rechtskräftig beurteilten Delikte
vorzunehmen. Vielmehr ist für die aktuell zu beurteilenden Taten die angemesse-
ne Strafe festzusetzen und anschliessend unter Anwendung des Asperationsprin-
zips eine angemessene Erhöhung für die widerrufene Strafe vorzunehmen und
derart eine Gesamtstrafe zu bilden (Urteil des Bundesgerichts 6B_932/2018 vom
24. Januar 2019 E. 2.4.2.).
4. Vorliegend hat der Beschuldigte durch die neue Straftat eine unbedingte
Freiheitsstrafe von 10 Monaten erwirkt. Sodann widerrief die Vorinstanz – bereits
rechtskräftig – den bedingten Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsan-
waltschaft Zürich-Sihl vom 30. September 2015 ausgefällten Freiheitsstrafe von
6 Monaten (Disp.-Ziff. 4 des vorinstanzlichen Urteils). In Anwendung des Aspera-
tionsprinzips ist es angemessen, die für die neue Tat auszusprechende Freiheits-
strafe um vier Monate zu erhöhen, dem Beschuldigten also einen Abzug von zwei
Monaten zu gewähren. Es resultiert somit eine Freiheitsstrafe in Höhe von
14 Monaten als Gesamtstrafe.
5. Gemäss Art. 51 StGB rechnet das Gericht die Untersuchungshaft, die der
Täter während dieses oder eines anderen Verfahrens ausgestanden hat, auf die
Strafe an. Der Beschuldigte befand sich vom 21. Oktober 2016 bis und mit 8. Juli
2018 in Untersuchungs- und Sicherheitshaft (D1 Urk. 24/1; D1 Urk. 24/9; D1
Urk. 24/19; D1 Urk. 24/22; D1 Urk. 24/26; D1 Urk. 24/35; Urk. 40; Urk. 55;
Urk. 72). Die 625 Tage Untersuchungs- und Sicherheitshaft sind ihm ohne Weite-
res an die Strafe anzurechnen. Sodann befindet sich der Beschuldigte seit dem
9. Juli 2018 im vorzeitigen Massnahmevollzug auf der geschlossenen Abteilung
des Massnahmezentrums AQ._ (Urk. 89). Da die damit einhergehende Be-
schränkung der persönlichen Freiheit mit dem Strafvollzug identisch ist (vgl. ZR
110 [2011] S. 315 f.), sind ihm die bis und mit heute (3. Juli 2020) erstandenen
725 Tage im vorzeitigen Massnahmeantritt ebenfalls auf die Strafe anzurechnen.
Der Beschuldigte hat die Strafe somit vollumfänglich durch Haft geleistet.
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6. Anrechnung Haft an Massnahme / Entschädigung des Beschuldigten
6.1 Der Beschuldigte hat wie erwähnt 625 Tage in Haft Untersuchungs- und Si-
cherheitshaft verbracht. Die mit heutigem Urteil ausgesprochene Freiheitsstrafe
beläuft sich auf 14 Monate, sprich 420 Tage. In Anbetracht dessen beantragte die
Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung, dass der Beschuldigte für die
erlittene Überhaft zu entschädigen sei, wobei sie die Bemessung der Entschädi-
gung dem Gericht überliess (Urk. 128 S. 31).
6.2 Sind gegenüber der beschuldigten Person rechtswidrig Zwangsmassnah-
men angewandt worden, so spricht ihr die Strafbehörde eine angemessene Ent-
schädigung und Genugtuung zu (Art. 431 Abs. 1 StPO). Im Fall von Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft besteht der Anspruch, wenn die zulässige Haftdauer
überschritten ist und der übermässige Freiheitsentzug nicht an die wegen anderer
Straftaten ausgesprochenen Sanktionen angerechnet werden kann (Art. 431 Abs.
2 StPO). Der Anspruch nach Abs. 2 entfällt, wenn die beschuldigte Person zu ei-
ner Geldstrafe, zu gemeinnütziger Arbeit oder zu einer Busse verurteilt wird, die
umgewandelt eine Freiheitsstrafe ergäbe, die nicht wesentlich kürzer wäre als die
ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft (Art. 431 Abs. 3 lit. a StPO),
oder wenn sie zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt wird, deren Dauer die
ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft überschreitet (Art. 431 Abs. 3
lit. b StPO). Nicht geregelt ist im Gesetz die Frage der Anrechnung von Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft an freiheitsentziehende Massnahmen im Sinne
von Art. 56 ff. StGB.
Das Bundesgericht erwog dazu in seinem Entscheid BGE 141 IV 236 E. 3 ff.,
dass bei stationären therapeutischen Massnahmen nach Art. 59 StGB – im Hin-
blick auf die Gefahr weiterer Straftaten – stets an die Gefährlichkeit des Täters
angeknüpft werde und es bei der Anordnung der Massnahme immer auch um Si-
cherung gehe. Dieser Zweck – die Verhinderung von weiteren Straftaten zum
Schutz der Allgemeinheit – könne auch der strafprozessualen Untersuchungs-
bzw. Sicherheitshaft zugrunde liegen. Gestützt auf Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO sei
Haft bei dringendem Tatverdacht und Wiederholungsgefahr zulässig. Die be-
schuldigte Person solle von der Begehung von Verbrechen und schweren Verge-
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hen abgehalten werden. Im Sinne der Gefahrenabwehr wolle dieser Haftgrund die
Öffentlichkeit ebenfalls vor weiterer erheblicher Delinquenz schützen. Wenn und
soweit ein Täter in diesem Sinne gefährlich sei, von ihm also die Gefahr weiterer
gravierender Straftaten ausgehe, handle es sich sowohl bei Untersuchungs- bzw.
Sicherheitshaft als auch bei der Unterbringung im Rahmen einer stationären the-
rapeutischen Massnahme letztlich um Freiheitsentzug zum Schutze der Allge-
meinheit. Ausgehend hievon erscheine die Anrechnung von Untersuchungs- und
Sicherheitshaft an eine stationäre therapeutische Massnahme gemäss Art. 59
StGB im Sinne der Botschaft folgerichtig und gerechtfertigt. Gleiches muss dabei
auch für eine Massnahme nach Art. 61 StGB geltend, welche der Verhinderung
der Gefahr weiterer im Zusammenhang mit der Störung einer Persönlichkeitsent-
wicklung des Täters im Zusammenhang stehenden Taten – und damit ebenfalls
dem Schutz der Allgemeinheit – dient.
6.3 Das Bezirksgerichts Zürich hat mit Urteil vom 24. April 2018 für den Be-
schuldigten – rechtskräftig – eine Massnahme nach Art. 61 StGB angeordnet. Der
Beschuldigte befindet sich nunmehr seit dem 9. Juli 2018 im vorzeitigen Mass-
nahmevollzug auf der geschlossenen Abteilung des Massnahmezentrums
AQ._ (Urk. 89; Urk. 127 S. 1). Die durch den Beschuldigten erstandenen
625 Hafttage sind daher an die Massnahme anzurechnen. Entsprechend entfällt
ein Entschädigungsanspruch des Beschuldigten.
VI. Zivilansprüche von C._
1. Der Beschuldigte lässt berufungsweise eine Abweisung der Zivilansprüche
von C._ beantragen (Urk. 95 S. 1).
2. Der vorinstanzliche Schuldspruch betreffend schwere Körperverletzung
zum Nachteil von C._ wird durch das Berufungsgericht aufgehoben und der
Beschuldigte wird in Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo freigespro-
chen. Infolge dessen ist die Zivilklage gemäss Art. 126 Abs. 2 lit. d StPO auf den
Zivilweg zu verweisen.
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VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die erstinstanzliche Kostenaufstellung (Disp.-Ziff. 12) wurde nicht an-
gefochten und ist in Rechtskraft erwachsen. Das erstinstanzliche Urteil wird im
Schuldpunkt insofern abgeändert, als ein zusätzlicher Freispruch vom Vorwurf der
schweren Körperverletzung erfolgt und nunmehr noch eine Verurteilung wegen
Raufhandels verbleibt. Entsprechend erscheint es angemessen, die Kosten der
Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens zu 1/3 dem Beschuldigten
aufzuerlegen und zu 2/3 auf die Gerichtskasse zu nehmen. Mit der Begründung
der Vorinstanz (Urk. 94 S. 79) sind die Kosten des forensisch-psychiatrischen
Gutachtens über den Beschuldigten jedoch vollumfänglich dem Beschuldigten
aufzuerlegen. Dass das Gutachten erstellt werden musste, bleibt von den vorlie-
gend ergehenden Freisprüchen unberührt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung
sind zu 2/3 definitiv und zu 1/3 einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Eine
Rückforderung des einstweilen auf die Gerichtskasse genommenen Betrags beim
Beschuldigten bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehalten.
2. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 Satz 1 StPO). Ob eine Partei im Rechtsmittelverfahren
als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon ab, in welchem Ausmass ihre
vor Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht gestellten Anträge gutgeheissen
wurden (BSK StPO-DOMEISEN, Art. 428 N 6).
3. Die Berufung des Beschuldigten richtete sich gegen den Schuldspruch we-
gen schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB, den Straf-
punkt, den Entscheid über die Zivilforderungen von C._ sowie die Kostenauf-
lage, zudem wollte er eine Entschädigung wegen Überhaft zugesprochen erhalten
(Urk. 95 und Urk. 128 S. 2/3). Die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft rich-
tete sich gegen die Freisprüche betreffend mehrfache versuchte schwere Körper-
verletzung, Raub und Angriff. Sodann verlangte die Staatsanwaltschaft eine
schärfere Bestrafung des Beschuldigten (Urk. 101). Der Beschuldigte obsiegt mit
seiner Berufung praktisch vollumfänglich und unterliegt lediglich marginal, was die
Strafhöhe und die Verweigerung einer Entschädigung für Überhaft bezieht. Die
Staatsanwaltschaft unterliegt dagegen vollständig. Es rechtfertigt sich, für das Be-
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rufungsverfahren keine Gerichtsgebühr zu erheben. Die weiteren Kosten des Be-
rufungsverfahrens, inklusive derjenigen der amtlichen Verteidigung, sind auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
4. Der amtliche Verteidiger reichte eine Honorarnote über 2'190 Minuten (was
36.5 Stunden entspricht) und Barauslagen von Fr. 360.90 ein (Urk. 157). Hierbei
ist allerdings die Berufungsverhandlung vom 16. Mai 2019 noch nicht berücksich-
tigt; zudem ist dem Verteidiger auch noch eine gewisse Zeit für das Studium des
vorliegenden Urteils zuzubilligen. Er ist demgemäss für seine Aufwendungen und
Auslagen im Berufungsverfahren mit pauschal Fr. 10'000.– (inkl. MwSt. und Bar-
auslagen) zu entschädigen. Diese Kosten sind definitiv auf die Gerichtskasse zu
nehmen.