# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 6a1a5a7d-d5a3-510c-aaf7-7ca9ed7aea26
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2007
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Am 16. März 2006 stellte die Beschwerdegegnerin ein Baugesuch für das
„Verschieben von vier Bojen aus der geplanten Hafenanlage Herzogenacker zur Parzelle
Sigriswil Gbbl. Nr. D._ (Lido Gunten)“. Das Bauvorhaben erfordert eine
Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG1 für das Bauen ausserhalb der Bauzone.
Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden Einsprache.
Der Regierungsstatthalter von Thun holte beim Amt für Gemeinden und Raumordnung
(AGR), beim Amt für Grundstücke und Gebäude (AGG), beim Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt (SVSA), beim Fischereiinspektorat und beim Uferschutzverband Thuner-
und Brienzersee je einen Fachbericht ein. Die Fachstellen stimmten dem Vorhaben unter
Auflagen und Bedingungen zu.
Mit Gesamtbauentscheid vom 3. Mai 2007 bewilligte der Regierungsstatthalter von Thun
das Bauvorhaben.
2. Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden bei der kantonalen
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) am 20. Mai 2007 Beschwerde. Sie beantragen
sinngemäss, der Entscheid sei aufzuheben und das geplante Bauvorhaben sei nicht zu
bewilligen.
Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Bauvorhaben rechtfertige keine
Ausnahmebewilligung für das Bauen ausserhalb der Bauzone. Die Inbetriebnahme der
vorgesehenen vier Bojen führe zu Mehrverkehr und zusätzlichen Lärmimmissionen. Die
Nutzung der vorgesehenen Bojen beeinträchtige zudem die Zugänglichkeit zur Parzelle
Sigriswil Gbbl. Nr. D._ und erhöhe die Gefahr für badende Personen. Die
Verkehrssituation im Umkreis der Bauparzelle sei bereits heute prekär. Ausserdem seien
zu wenig Parkplätze vorhanden.
3. Die Beschwerdegegnerin macht geltend, die Stationierung von zusätzlichen
Segelbooten an den geplanten Bojen verursache keine zusätzlichen Lärmimmissionen, da
1 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (RPG, SR 700)
3
die Nutzung der Parzelle Sigriswil Gbbl. Nr. D._ gleich bleibe. Im Übrigen werde
die Parzelle auch nach Realisierung des Vorhabens öffentlich zugänglich sein. Eine
Gefährdung von badenden Personen sei nicht zu erwarten. In unmittelbarer Nähe
befänden sich bereits 16 öffentliche Parkplätze und ein Behindertenparkplatz. Diese
Parkplatzzahl sei genügend. Die Verkehrs- und Parkierungssituation bei schönem Wetter
entlang der Staatsstrasse sei zwar nicht befriedigend; sie könne jedoch mit Massnahmen
bzw. Kontrollen entschärft werden.
Das AGR beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen. Es hält fest, dass im fraglichen
Gebiet 7 absenkbare Bojen aufgehoben würden. Das Vorhaben der Beschwerdegegnerin
widerspreche dem Ziel des Bootsstationierungsrichtplanes nicht.
Der Regierungsstatthalter von Thun verzichtete darauf, zur Beschwerde Stellung zu
nehmen.
4. Das Rechtsamt der BVE, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte
den Schriftenwechsel durch und edierte die Vorakten. Es holte beim Amt für Grundstücke
und Gebäude (AGG) und beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt (SVSA) je einen
Fachbericht ein. Danach führte es mit sämtlichen Verfahrensbeteiligten eine
Augenscheins- und Instruktionsverhandlung durch.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 können Bauentscheide innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
Beschwerde zuständig. Die Beschwerdeführenden sind als abgewiesene Einsprechende
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG, BSG 721)
4
durch die angefochtene Baubewilligung beschwert und somit unbestritten zur Beschwerde
befugt. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG für das Bauen ausserhalb der Bauzone
a) Die Beschwerdeführenden beanstanden, das Bauvorhaben rechtfertige keine
Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG für das Bauen ausserhalb der Bauzone. Sie
bringen diese Rüge erstmals in der Beschwerde vor.
Nach Art. 40 Abs. 2 BauG sind die Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe zur
Beschwerde befugt. Diese Vorschrift widerspricht insoweit übergeordnetem Recht, als
Art. 33 Abs. 2 und 3 RPG verlangen, dass gegen baurechtliche Verfügungen, welche sich
auf das RPG oder auf kantonale oder eidgenössische Ausführungsbestimmungen dazu
stützen, ein Rechtsmittel offen steht, mit dem die volle Überprüfung durch wenigstens eine
kantonale Beschwerdebehörde gewährleistet ist. Auf die Rüge ist somit, obschon sie
erstmals in der Beschwerde vorgebracht wird, einzutreten.
b) Gemäss Art. 11 Abs. 1 BauG sind in Gewässern und im geschützten Uferbereich von
Seen und der vom Regierungsrat bezeichneten Flüsse Bauvorhaben nur zulässig, wenn
sie standortgebunden sind und im öffentlichen Interesse liegen. Sofern keine
überwiegenden Interessen entgegenstehen, können ausserdem auch ganz bestimmte
private Bauvorhaben wie zum Beispiel Schiffsbojen bewilligt werden. Dies ist jedoch nur
auf den hiefür freigegebenen Gewässerflächen oder auf dem festen Ufer möglich (Art. 11
Abs. 2 BauG). Die Gewässerflächen, welche für private Bauvorhaben freigegeben sind,
gelten als „weitere Nutzungszonen“ im Sinne von Art. 18 RPG. Sie werden im Zonenplan
oder in Überbauungsplänen der Gemeinde, in Gewässern ohne Gemeindehoheit vom
kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung bezeichnet (Art. 16 Abs. 2 BauV4).
Der Thunersee steht als öffentliches Gewässer unter der Hoheit des Kantons (Art. 1 Bst. b
i.V.m. Art. 4 Abs. 1 SBSG5). Dieser hat am 17. April 1996 den Richtplan
„Bootsstationierung der Seeverkehrsplanung Thuner- und Brienzersee“ (im Folgenden
Richtplan Bootsstationierung) erlassen. Gegenstand dieser Planung bilden die in oder über
4 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 5 Gesetz vom 19. Februar 1990 über die Schifffahrt und die Besteuerung der Schiffe (SBSG; BSG 767.1)
5
dem Wasser liegenden Anbindeplätze6. Eine Umsetzung des Richtplans
Bootsstationierung in den vom Gesetz geforderten Nutzungsplan, worin alle für private und
öffentliche Bauvorhaben freigegebenen Wasserflächen zu bezeichnen sind, hat (noch)
nicht stattgefunden.
c) Für die kantonalen und kommunalen Behörden bildet der Richtplan Bootsstationierung
eine verbindliche Grundlage, von der bei der Behandlung von Baugesuchen auszugehen
ist. Richtpläne sind lediglich behördenverbindlich und entfalten daher keine
grundeigentümerverbindliche Wirkung (Art. 9 Abs. 1 RPG und Art. 57 Abs. 1 BauG). Sie
vermögen die Interessenabwägung nach Art. 24 RPG und Art. 11 Abs. 1 BauG nicht zu
ersetzen. Richtpläne legen fest, auf welche Weise die Behörden tätig werden müssen und
enthalten insbesondere auch Anweisungen über den Erlass und den Inhalt von
Nutzungsplänen7. Erst die Nutzungspläne, die im vorliegenden Falle noch nicht erlassen
wurden, legen eine für alle verbindliche bauliche Nutzungsordnung fest. Es ist deshalb
nicht möglich, eine Baubewilligung lediglich gestützt auf die Vorgaben des Richtplans zu
verweigern. Die Errichtung der geplanten vier Bojen erfordert aufgrund der fehlenden
Zonenkonformität eine Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG.
d) Die Bestimmung von Art. 11 Abs. 1 BauG weicht insofern von Art. 24 Abs. 1 RPG ab
und ist insoweit strenger, als verlangt wird, dass das Bauvorhaben nicht nur
standortgebunden sein muss, sondern auch im öffentlichen Interesse zu liegen hat.
Bauvorhaben im öffentlichen Interesse sind nach der Umschreibung der Bauverordnung
solche, die der Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben dienen (Art. 16 Abs. 1 BauV). Die
Bauverordnung rechnet dazu Strandbäder, Schiffsstationen, Uferwege und -anlagen,
Gewässerverbauungen sowie Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft. Für die Beurteilung
der Frage, ob Bauvorhaben öffentlichen Interessen dienen, ist nach dem Sinn der
gesetzlichen Ordnung ein strenger Massstab anzuwenden. In der Regel fallen dafür nur
Bauvorhaben in Betracht, die den Zwecken entsprechen, wie sie nach der kommunalen
Uferplanung im betreffenden Uferbereich erfüllt werden sollen oder die im öffentlichen
Interesse notwendig sind. Das Erfordernis der Notwendigkeit erstreckt sich auch auf den
Standort und die Grösse des Vorhabens8. Im Übrigen ist zu beachten, dass Gewässer und
ihre Ufer eine grosse Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht haben. Dem Richtplan
6 vgl. Erläuterungsbericht zum Richtplan Bootsstationierung vom Juli 1995, S. 7 7 BVR 1992, S. 301 ff. 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, Band I, 3. Aufl., 2007, Art. 11 N. 7
6
Bootsstationierung kommt deshalb auch eine Lenkungsfunktion zu. Er bezweckt, die
schädlichen Einwirkungen durch eine Begrenzung der Anzahl von Bootsanbindestellen und
ähnlichen Anlagen einzuschränken oder ganz zu verhindern. Aus diesen Gründen
rechtfertigt es sich, Bootsanbindestellen nicht schon dann zu bewilligen, wenn keine
öffentlichen Interessen entgegenstehen, sondern erst dann, wenn schützenswerte
(öffentliche oder private) Interessen geltend gemacht werden, welche die
entgegenstehenden öffentlichen Interessen überwiegen.
e) Die vier Bojen können nur auf dem See verwirklicht werden. Das Projekt ist somit
notwendigerweise an einen Standort gebunden, der nicht in einer Bauzone liegt, weil auf
dem Thunersee die Gewässerflächen, auf denen eine private Nutzung zulässig sein soll,
noch nicht ausgeschieden worden sind. Das Bauvorhaben ist unbestritten
standortgebunden.
f) Zu prüfen ist weiter, ob ein genügendes öffentliches Interesse im Sinn von Art. 11
Abs. 1 BauG besteht, welches das Erstellen der vier geplanten Bojen rechtfertigt. Die
Vorakten und das Beweisverfahren der BVE ergeben folgendes Bild:
Nach dem Richtplan Bootsstationierung (Planausschnitt T 4 – A +B) sind auf der
Wasserfläche vor der Bauparzelle Sigriswil Gbbl. Nr. D._ keine zusätzlichen Bojen
vorgesehen. Aus dem Richtplan geht weiter hervor, dass westlich der Bauparzelle Sigriswil
Gbbl. Nr. D._ im Gebiet Gunten/Herzogenacker ein neuer Hafen mit 30-40
Bootsanbindeplätzen erstellt werden soll. Das Baugesuch der Beschwerdegegnerin sieht
vor, diesem Kontingent zu Gunsten der vier geplanten Bojen vier Bootsanbindeplätze zu
entnehmen. Diese Entnahme – im Baugesuch als „Verschiebung“ der Bojen bezeichnet –
ist dabei zeitlich befristet, das heisst die Bojen sollen wieder entfernt werden, sobald der
neue Hafen Herzogenacker realisiert ist. Wann der neue Hafen gebaut wird, ist im heutigen
Zeitpunkt noch offen. Aus dem SFG9-Uferschutzplan vom 3. Dezember 1994 für das
Gebiet Gunten geht zudem hervor, dass auf der Bauparzelle Sigriswil Gbbl. Nr.
D._ eine Freifläche ausgeschieden ist. Gemäss Art. 13 Abs. 1 der Vorschriften
zum Uferschutzplan soll diese Freifläche der Erholung, dem Spiel und dem Sport dienen.
Das AGR hat im Baubewilligungsverfahren einer Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG
9 Gesetz vom 6. Juni 1982 über See- und Flussufer (SFG; BSG 704.1)
7
für das Erstellen der vier Bojen zugestimmt10. Es hat darauf hingewiesen, dass die beiden
Planungsinstrumente (Richtplan, Uferschutzplan) im Zeitpunkt ihrer Genehmigung
mangelhaft koordiniert worden seien. Diesem Versehen sei im Jahr 2001 Rechnung
getragen worden, indem der Regierungsstatthalter 7 absenkbare Bojen für die Surfschule
bewilligt habe. Die geplanten Bojen seien der Freifläche auf der Parzelle Sigriswil Gbbl. Nr.
D._ zuzuordnen und dienten daher einem öffentlichen Interesse. Der zeitlich
befristeten „Verschiebung“ der Bojen könne unter der Bedingung zugestimmt werden, dass
die Bojen einzig der benachbarten Segelschule vermietet würden.
Es wurde bereits oben ausgeführt, dass bei der Prüfung der Frage, ob ein genügendes
öffentliches Interesse im Sinne von Art. 11 Abs. 1 BauG vorliegt, ein strenger Massstab
anzuwenden ist. Das Beweisverfahren hat ergeben, dass die vier geplanten Bojen einer
privaten Segelschule zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Bojen dienen somit einer
privaten Nutzung. Es mag zwar zutreffen, dass die Bojen gleichzeitig auch einen
touristischen Zweck erfüllen und somit ein gewisses öffentliches Interesse an den Bojen
besteht. Es lässt sich jedoch nicht sagen, die geplanten Bojen dienten der Erfüllung
wichtiger öffentlicher Aufgaben oder seien im öffentlichen Interesse notwendig. Die Bojen
lassen sich mit den in Art. 16 Abs. 1 BauV aufgeführten Bauten und Anlagen, welche direkt
einem öffentlichen Zweck dienen, nicht vergleichen. Allein die Tatsache, dass die Bojen
der Freifläche auf der Bauparzelle Sigriswil Gbbl. Nr. D._ zuzuordnen sind,
vermag – entgegen der Auffassung des AGR – ebenfalls kein genügendes öffentliches
Interesse zu begründen.
g) Zusammenfassend folgt, dass die Beschwerdegegnerin kein genügendes
öffentliches Interesse im Sinne von Art. 11 Abs. 1 BauG geltend machen kann, welches die
Errichtung der Bojen rechtfertigen würde. Damit fehlen die Voraussetzungen, die
Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG zu erteilen.
3. Zusammenfassung
Aus diesen Erwägungen folgt zusammenfassend, dass die Ausnahmebewilligung nach
Art. 24 RPG für das Errichten der vier geplanten Bojen auf Parzelle Sigriswil Gbbl. Nr.
10 vgl. die beiden Fachberichte des AGR vom 4. April 2006 und 12. April 2007 (S. 111 und 112 sowie 92 und 93 der Vorakten)
8
D._ nicht erteilt werden kann. Bei diesem Ergebnis brauchen die übrigen Rügen
der Beschwerdeführenden nicht näher geprüft zu werden. Die vorinstanzliche
Baubewilligung ist mit Ausnahme des Kostenpunkts (Ziffer 3.4 des vorinstanzlichen
Entscheids) aufzuheben. Der Beschwerdegegnerin wird für ihr Bauvorhaben der
Bauabschlag erteilt.
4. Kosten
a) Nach Art. 108 Abs. 1 VRPG11 hat die unterliegende Partei die Verfahrenskosten zu
tragen. Einer Gemeinde werden Verfahrenskosten nur dann auferlegt, wenn sie in ihren
Vermögensinteressen betroffen ist (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Dies trifft unter anderem dann
zu, wenn sie als Bauherrin auftritt. Dies ist hier der Fall. Die Beschwerdegegnerin hat somit
die Verfahrenskosten zu tragen. Diese werden bestimmt auf insgesamt Fr. 1'300.00
(Pauschalgebühr: Fr. 700.00, Augenschein: Fr. 200.00, Fachberichte des AGG und des
SVSA: je Fr. 200.00).
b) Parteikosten sind keine zu sprechen.