# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9917952e-3940-5450-afcb-fb2c65229be5
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 8. Juli 2014 bei der Stadt Bern ein Baugesuch
ein für den Abbruch der Gebäude Allmendstrasse 2, Moserstrasse 31, 33, 33a, 33b, 33c
und Breitenrainplatz 37 auf der Parzelle Bern Grundbuchblatt Nr. 162. Gegen das
Abbruchvorhaben erhob unter anderen die Beschwerdeführerin 6 Einsprache.
Am 28. November 2014 reichte die Beschwerdegegnerin bei der Stadt Bern ein Baugesuch
ein für den Neubau einer Überbauung mit Supermarkt, Restaurant, Kiosk,
Dienstleistungsbetrieben, Ärztepraxen, Kindertagesstätte und Wohnungen auf derselben
Parzelle. Gegen dieses Bauvorhaben erhoben unter anderen die Beschwerdeführenden
Einsprache.
Die Parzelle Bern Grundbuchblatt Nr. 162 liegt in der gemischten Wohnzone WG und in
der Kernzone K; sie befindet sich zudem in der Bauklasse 5 mit geschlossener Bauweise
und im Anwendungsbereich des Zonen- und Baulinienplans Breitenrainplatz 37 (Migros),
welcher mit Beschluss des Gemeinderats vom 22. Oktober 2014 (genehmigt durch das
AGR am 9. Juli 2015) geringfügig geändert wurde (Anpassung der Baulinie, Landabtausch
zwischen Beschwerdegegnerin und Stadt Bern).1
2. Mit Entscheid vom 3. Juni 2015 erteilte die Stadt Bern die Baubewilligung für das
Abbruchvorhaben.
Dagegen reichte die Beschwerdeführerin 6 am 6. Juli 2015 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt, die
Abbruchbewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2015 sei aufzuheben. Das
1 Vorakten Regierungsstatthalteramt, pag. 559-573.
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Abbruchbewilligungsverfahren und das Baubewilligungsverfahren der Beschwerdegegnerin
seien beim Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland zu vereinigen und es sei vom
Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland ein einheitlicher/koordinierter Abbruch- und
Bewilligungsentscheid zu fällen. Eventuell sei die angefochtene Abbruchbewilligung vom 3.
Juni 2015 teilweise aufzuheben und mit der Auflage zu ergänzen, dass mit den
Abbrucharbeiten erst begonnen werden darf, wenn die Baubewilligung im Hauptverfahren
erteilt und in Rechtskraft erwachsen ist.
Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Auf Antrag der Beschwerdegegnerin in
der Beschwerdeantwort vom 7. August 2015 und mit Zustimmung der Beschwerdeführerin
sistierte das Rechtsamt der BVE das hängige Beschwerdeverfahren RA Nr. 110/2015/85 in
Sachen Abbruchbewilligung mit Verfügung vom 25. August 2015 bis entweder der
erstinstanzliche Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland im
Verfahren betreffend das Neubauvorhaben Migros Breitenrain (bbew 22/2015) in
Rechtskraft erwachsen ist oder bis jener Entscheid mittels Beschwerde bei der BVE
angefochten worden ist.
3. Mit Gesamtentscheid vom 14. Oktober 2015 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Bern-Mittelland die Baubewilligung für das Neubauvorhaben.
Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 16. November 2015 Beschwerde bei der
BVE ein. Sie beantragen die Aufhebung des Gesamtentscheides vom 14. Oktober 2015
und die Erteilung des Bauabschlags. Im Falle einer Baubewilligung seien die von ihnen
bereits im Einspracheverfahren angemeldeten Rechtsverwahrungen und
Lastenausgleichsbegehren vorzumerken.
4. Mit Verfügung vom 18. November 2015 nahm das Rechtsamt der BVE das sistierte
Beschwerdeverfahren RA Nr. 110/2015/85 in Sachen Abbruchbewilligung wieder auf und
vereinigte die beiden Verfahren unter der RA Nr. 110/2015/155.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
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Gleichzeitig führte das Rechtsamt den Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein.
Das Regierungsstatthalteramt reichte mit Schreiben vom 30. November 2015 die Vorakten
ein und verzichtete dabei unter Verweis auf die Akten auf das Einreichen einer förmlichen
Vernehmlassungseingabe. Mit Beschwerdeantwort vom 16. Dezember 2015 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten ist. Die
Stadt Bern stellt mit Stellungnahme vom 17. Dezember 2015 den Antrag, die Beschwerde
sei abzuweisen und der Gesamtbauentscheid des Regierungsstatthalteramts vom 14.
Oktober 2015 sei zu bestätigen.
5. Mit Verfügung vom 14. Januar 2016 führte das Rechtsamt der BVE aus, aufgrund
einer ersten summarischen Einschätzung müsse nicht nur die Anzahl Parkplätze
insgesamt innerhalb der Bandbreite liegen, sondern es müssten auch für die jeweiligen
Nutzungen genügend Parkplätze vorhanden sein. Nach den Angaben der
Beschwerdegegnerin bestünden nur 57 Parkplätze für die öffentlichen Nutzungen. Es sei
daher fraglich, ob die Beschwerdegegnerin bei ihrer Aufteilung genügend Parkplätze für die
öffentlichen Nutzungen vorgesehen habe. Die Beschwerdegegnerin erhielt Gelegenheit,
hierzu Stellung zu nehmen und allenfalls eine neue "Aufteilung der geforderten Parkfelder
auf die zwei Geschosse" im Dokument "Baueingabe: Berechnung Anzahl Parkplätze"
vorzunehmen und einzureichen. Weiter stellte das Rechtsamt der BVE der
Beschwerdegegnerin eine Frage zu den geplanten Lärmschutzmassnahmen bei zwei
technischen Aussenanlagen. Schliesslich wurde das Tiefbauamt, Oberingenieurkreis II
(TBA OIK II) beauftragt, einen Fachbericht zur verkehrlichen Machbarkeit der geplanten
Zu- und Wegfahrt der Warenanlieferung sowie der Verkehrssicherheit zu erstellen.
Mit Stellungnahme vom 5. Februar 2016 nahm die Beschwerdegegnerin zu den
aufgeworfenen Punkten Stellung und reichte diverse neue Unterlagen ein. Auf
Aufforderung des Rechtsamts der BVE nahm das Amt für Umweltschutz der Stadt Bern
(AfU) mit Schreiben vom 19. Februar 2016 Stellung zu verschiedenen Fragen im
Zusammenhang mit den geplanten Lärmschutzmassnahmen bei zwei technischen
Aussenanlagen. Am 29. Februar 2016 ging schliesslich der Fachbericht des TBA OIK II
ein.
Die Parteien erhielten danach Gelegenheit, Schlussbemerkungen einzureichen.
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6. Auf die Rechtsschriften und Fachberichte des TBA OIK II und des AfU wird, soweit
für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist einerseits die Baubewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2015 für
das Abbruchvorhaben, andererseits der Gesamtentscheid vom 14. Oktober 2015 des
Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland für das Neubauvorhaben. Ein Gesamtentscheid
kann laut Art. 11 Abs. 1 KoG3 – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur
mit dem Rechtsmittel angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das
Leitverfahren ist im vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG).
Bauentscheide können nach Art. 40 Abs. 1 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
form- und fristgerecht eingereichten Beschwerden gegen die Baubewilligung vom 3. Juni
2015 und gegen den Gesamtentscheid vom 14. Oktober 2015 zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin 6 hat sich bereits als Einsprecherin am vor-
instanzlichen Verfahren in Sachen Abbruchvorhaben beteiligt. Ihre Einsprache wurde
abgewiesen. Auch im Baubewilligungsverfahren betreffend den Neubau sind die
Beschwerdeführenden als Einsprechende aufgetreten und mit ihren Einsprachen nicht
durchgedrungen. Sämtliche Beschwerdeführenden sind formell zur Beschwerdeführung
legitimiert.
c) Neben der formellen Beschwer bedarf es auch der materiellen Beschwer:
Einspracheberechtigt sind gemäss Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG Personen, die durch ein
Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Nach Lehre
und Rechtsprechung ist eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt, wenn sie durch
ein Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und zum
3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
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Streitgegenstand eine besondere Beziehungsnähe hat. Die Betroffenheit kann rechtlicher
oder auch nur tatsächlicher Natur sein. Sie muss aber hinreichend sein, d.h. eine
bestimmte Intensität erreichen, so dass von der Abwendung eines materiellen oder ideellen
Nachteils gesprochen werden kann.5
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe zum
Streitgegenstand bei Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein. In
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des
Baugrundstücks. Unter Nachbarn versteht die Verwaltungs- und Gerichtspraxis vorab die
Eigentümer von Nachbargrundstücken sowie Personen, die an solchen Grundstücken
dinglich berechtigt sind. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann nicht allgemein
festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den konkreten Verhältnissen bestimmt
werden. Die Einsprache- und Beschwerdebefugnis der Nachbarn ist in der Regel zu
bejahen, wenn deren Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück angrenzt oder
allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt wird. Es wird darauf verzichtet,
auf bestimmte feste Werte abzustellen. Nach der bundesgerichtlichen Praxis sind aber
Nachbarn bis im Abstand von etwa 100 Metern in der Regel zu Beschwerden gegen
Bauvorhaben legitimiert.6
d) Die Einsprache- bzw. Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführenden 1 bis 5 im
Verfahren betreffend das Neubauvorhaben ist unbestritten. Sie wohnen in unmittelbarer
Nachbarschaft zur Bauparzelle; ihre Liegenschaften sind nur durch die L._strasse
vom Bauvorhaben getrennt. Sie sind zur Einsprache bzw. zur Beschwerde legitimiert.
Die Beschwerdegegnerin bestreitet jedoch die Einsprache- bzw. Beschwerdelegitimation
der Beschwerdeführerin 6, und zwar sowohl im Verfahren gegen das Abbruchvorhaben als
auch im Verfahren gegen den Neubau. Deren Liegenschaft befinde sich rund 90 m vom
Bauvorhaben entfernt in einer Seitenstrasse. Weder werde der Baustellenverkehr über die
M._strasse geleitet, noch sei die Beschwerdeführerin 6 aus anderen Gründen
mehr betroffen als die Allgemeinheit.
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 16. 6 Zaugg/ Ludwig, Band I, a.a.O., Art. 35-35c N. 17 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung; BGE 121 II 171 E. 2b und c, BGE 121 II 171 E. 2b und c, BGE 1C_346/2011 vom 1. Februar 2012 E. 2.3, BGE 1A.54/2005 vom 15. August 2005 E. 2.7.1 mit weiteren Hinweisen.
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Die Beschwerdeführerin 6 ist Alleineigentümerin der Liegenschaft an der
H._strasse und wohnt selber in diesem Gebäude. Die südöstliche Ecke des
umstrittenen Abbruch- und Bauvorhabens liegt rund 85 Meter vom Eingang der
Liegenschaft der Beschwerdeführerin 5 entfernt. Von der H._strasse besteht
direkter Sichtkontakt zur Bauparzelle und zu der gegen den Breitenrainplatz ausgerichteten
Nordostfassade des Bauvorhabens. Damit ist auch die Beschwerdeführerin 6 unmittelbar in
ihren eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen und einsprache- bzw.
beschwerdelegitimiert.
e) Damit ist sowohl auf die Beschwerde der Beschwerdeführerin 6 gegen die
Abbruchbewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2015 als auch auf die Beschwerde der
Beschwerdeführenden 1 bis 6 gegen den Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramts
vom 14. Oktober 2015 einzutreten.
2. Koordination Abbruch- und Neubauvorhaben
a) Die Beschwerdeführerin 6 hat in ihrer Beschwerde vom 6. Juli 2015 die Aufhebung
der Abbruchbewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2016 und die Vereinigung des
Abbruchbewilligungs- und des Baubewilligungsverfahrens sowie die Fällung eines
einheitlichen/koordinierten Abbruch- und Bewilligungsentscheids beantragt. Eventuell sei
die Abbruchbewilligung teilweise aufzuheben und mit der Auflage zu ergänzen, dass mit
den Abbrucharbeiten erst begonnen werden dürfe, wenn die Baubewilligung im
Hauptverfahren (Neubau) erteilt und in Rechtskraft erwachsen sei.
Die Beschwerdeführerin 6 bringt vor, ein vorgezogener Abbruch einer für das Quartierbild
prägenden Gebäudegruppe könne dazu führen, dass die grosse Fläche jahrelang leer und
ungenutzt besteht, was für die Bewohner unzumutbar und auch aus Stadtsicht nicht
erstrebenswert wäre. Ein vorgezogener Abbruch habe einen für das Hauptverfahren
präjudizierenden Charakter, denn es würden Verhältnisse geschaffen, welche eine
sofortige Überbauung zwingend machen. Der Abbruch dürfe daher erst dann
vorgenommen werden, wenn das Neubauprojekt rechtskräftig bewilligt worden sei. Bei der
Baubewilligung des Abbruchs seien zudem auch die ästhetischen Vorgaben einzuhalten.
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Gemäss Art. 6 BO7 dürften Bauvorhaben das Stadt-, Quartier- und Ortsbild nicht, oder wie
hier nicht ohne zwingenden Grund langfristig beeinträchtigen. Geboten sei daher eine
Koordination des Verfahrens bei einer Leitbehörde, welche die sonst selbstständigen
Entscheide zu einem Gesamtentscheid zusammenfasst. Die Stadt Bern sei als
Bewilligungsbehörde für den Abbruch schliesslich befangen, weshalb eine Koordination
des Verfahrens auch unter diesem Gesichtspunkt zweckmässig sei.
b) Mit der auf Antrag der Beschwerdegegnerin und im Einverständnis der
Verfahrensbeteiligten erfolgten Sistierung des Beschwerdeverfahrens gegen die
Abbruchbewilligung wurde zwar erreicht, dass die beiden Beschwerdeverfahren vor der
BVE vereinigt und damit zeitlich koordiniert werden konnten. Zu prüfen ist jedoch weiterhin,
ob über das Abbruch- und das Neubauvorhaben in einem Gesamtentscheid vor derselben
Behörde (Regierungsstatthalteramt) hätte befunden werden müssen.
c) Nach Art. 1 Abs. 1 KoG sind verschiedene Verfahren zu koordinieren, wenn Bauten,
Anlagen und Vorkehren (Vorhaben) von mehreren Behörden Bewilligungen, Konzessionen,
Zustimmungen oder Genehmigungen erfordern. Gemeint sind damit Bauvorhaben, die
mehrere Bewilligungen benötigen, die also nur verwirklicht werden können, wenn ausser
der eigentlichen Baubewilligung noch weitere Bewilligungen, Konzessionen,
Zustimmungen oder Genehmigungen vorliegen, wie z.B. Bewilligungen nach See- und
Flussufergesetz, Naturschutzgesetz, Waldgesetz, Gewässerschutzgesetz oder
Gastgewerbegesetz.8 Ist die Bewilligung des Vorhabens nicht untrennbar von einer
anderen Bewilligung oder Verfügung abhängig, so besteht kein Koordinationsbedarf. Es
kommt nicht darauf an, ob verschiedene Verfahren koordinierbar sind, sondern nur darauf,
ob auf das gleiche Bauprojekt verschiedene materiell-rechtliche Vorschriften anzuwenden
sind, zwischen denen ein derart enger Sachzusammenhang besteht, dass sie nicht
getrennt und unabhängig voneinander angewendet werden dürfen.9
Bei einem Abbruch- und Neubaugesuch handelt es sich weder um dasselbe Bauprojekt,
noch besteht ein derart enger Sachzusammenhang, dass keine getrennte Beurteilung
möglich wäre. Die Baubewilligung für einen Abbruch ist – wie dies die Vorinstanz zu Recht
7 Bauordnung der Stadt Bern vom 24. September 2006, genehmigt durch das AGR am 28. Dezember 2006. 8 BVR 2002 S. 433, E. 2a. 9 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 2a N. 3a.
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festhält – nicht abhängig von einer Bewilligung für Neubauten an derselben Stelle.10 Es gibt
keine gesetzliche Grundlage, die einen Abbruch nur in Verbindung mit einem
Neubauprojekt zulassen würde. Es handelt sich damit um voneinander unabhängige
Verfahren, welche keiner Koordinationspflicht im Sinne von Art. 1 Abs. 1 KoG unterliegen.
d) Eine Koordinationspflicht lässt sich auch nicht daraus ableiten, dass – wie dies von
der Beschwerdeführerin 6 geltend gemacht wird – bei einem Abbruch dieser Gebäude
ohne koordinierten Neubau eine langjährige Baulandbrache drohe, welche negative
Auswirkungen auf das Orts- und Quartierbild habe und zu einer Verletzung von Art. 6 BO
führe.
Art. 9 Abs. 1 BauG verlangt im Sinne einer "ästhetischen Generalklausel", dass Bauten und
Anlagen die Landschaften sowie Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen dürfen.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können (Art. 9 Abs. 3 BauG).
Mit der Ermächtigung der Gemeinden zum Erlass von Vorschriften zum allgemeinen
Ortsbildschutz räumt das kantonale Recht den Gemeinden entsprechende Autonomie
ein.11 Die Stadt Bern legt in Art. 6 Abs. 1 BO fest, dass Bauten, Gebäudeteile und
Gestaltungen des öffentlichen sowie privaten Aussenraums, die sich in ihrer Erscheinung
nicht in das Stadt-, Quartier- und Strassenbild sowie die Stadtsilhouette einfügen oder die
Einheitlichkeit der wesentlichen Merkmale der betreffenden Bebauung nicht wahren,
unzulässig sind, auch wenn sie den übrigen Bauvorschriften entsprechen.
Mit solchen Vorschriften können die Gemeinden zum Zweck des Ortsbildschutzes
(zusätzliche) Anforderungen an Neu- und Umbauten stellen. Es ist jedoch nicht möglich,
die Errichtung eines Neubaus an sich zu verlangen, denn dafür besteht keine gesetzliche
Grundlage. Der Ortsbildschutz greift erst und nur dann, wenn ein Gesuch für einen Neubau
(oder Umbau) eingereicht wird. Mangels gesetzlicher Grundlage dürfte die Stadt auch auf
indirektem Weg keine Baupflicht herbeiführen, indem sie eine Abbruchbewilligung von
einem Neubauprojekt abhängig macht.12 Damit kann auch dem Eventualbegehren der
Beschwerdeführerin 6 nicht entsprochen werden.
10 so auch VGE 2015/248 vom 1. April 2016, E. 3. 11 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4. 12 vgl. BDE 110/2014/150 vom 1. April 2015, E. 3.
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e) Dass andere Gründe im Sinne von Art. 2 Abs. 1 BauG bestehen sollten, welche zur
Verweigerung der Baubewilligung für das Abbruchvorhaben führen müssen, ist weder
ersichtlich noch wird dies von der Beschwerdeführerin 6 geltend gemacht. Insbesondere
handelt es sich bei den vorliegend abzubrechenden Gebäuden nicht um schützens- oder
erhaltenswerte Baudenkmäler, so dass weder das absolute Abbruchverbot nach Art. 10b
Abs. 2 BauG (für schützenswerte Baudenkmäler) noch das relative Abbruchverbot nach
Art. 10b Abs. 3 BauG (für erhaltenswerte Baudenkmäler) zur Anwendung gelangt.13
f) Die Beschwerdeführerin 6 erachtet die Stadt Bern für die Beurteilung des
Abbruchvorhabens als befangen, da die Stadt ein erhebliches Interesse an der
Realisierung des Neubauprojekts habe und dieses Projekt in enger Zusammenarbeit mit
der Stadt entwickelt worden sei.
In Art. 9 Abs. 1 VRPG wird geregelt, wann eine Person, die eine Verfügung oder einen
Entscheid zu treffen oder vorzubereiten oder als Mitglied einer Behörde zu amten hat, in
den Ausstand tritt. Die Rüge der Befangenheit bzw. die Rüge der Ausstands- und
Ablehnungspflicht kann nur gegen einzelne Personen, nicht gegen ganze Behörden
geltend gemacht werden.14 Bereits aus diesem Grund erweist sich die vorliegende Rüge
der Befangenheit, welche sich gegen die Baubewilligungsbehörde der Stadt Bern richtet,
als unbegründet. Selbst wenn sich die Rüge gegen einzelne Personen richten sollte, so
könnte nicht von einer Befangenheit gesprochen werden. Die Befürchtungen mangelnder
Unvoreingenommenheit müssen aufgrund der konkreten Umstände als ernsthaft und
begründet erscheinen, damit sich ein Ausstand als rechtmässig erweist.15 Solche konkreten
Umstände vermag die Beschwerdeführerin 6 nicht geltend zu machen; Anhaltspunkte für
eine Befangenheit sind auch nicht ersichtlich.
g) Insgesamt besteht für ein Abbruch- und Neubaubewilligungsverfahren keine
Koordinationspflicht. Das Abbruch- und das Neubauvorhaben durften in separaten
Verfahren beurteilt und einzelnen Entscheiden zugeführt werden. Es besteht keine
gesetzliche Grundlage, um die Abbruchbewilligung von einer rechtskräftigen Bewilligung
des Neubauvorhabens abhängig zu machen. Damit ist die Beschwerde der
13 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 10a-10f N. 11. 14 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 9 N. 7. 15 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 9 N. 8.
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Beschwerdeführerin 6 vom 6. Juli 2016 abzuweisen und die Baubewilligung der Stadt Bern
vom 3. Juni 2015 für den Abbruch zu bestätigen.
3. Abstellplätze für Fahrräder
a) Die Beschwerdeführenden bringen vor, von den insgesamt 216 geplanten
Veloparkplätzen seien nur 44 Abstellplätze im Freien vorgesehen. Alle weiteren Fahrräder
müssten mit Liften in die verschiedenen untergeschossigen Velokeller verfrachtet und dort
wieder abgeholt werden. Es liege auf der Hand, dass die Kunden des Migrosmarkts wie
auch die Besucher der Dienstleistungsbetriebe ihre Fahrräder vielmehr wild vor dem
Gebäude parkieren würden. Da die Abstellplätze gemäss Art. 54c Abs. 2 BauV16 so
anzulegen seien, dass sie auf kurzem und sicherem Weg erreicht werden können, würden
die 44 oberirdisch vorgesehenen Abstellplätze nicht ausreichen. Es müssten mindestens
die 140 für die "übrigen Nutzungen" (ohne Wohnnutzung) veranschlagten Plätze ebenerdig
im Freien verfügbar sein. Aufgrund der von der Stadt Bern ständig proklamierten
Veloförderung und der trendigen Bewohnerschaft im Breitenrainquartier sei sogar von
besonderen Verhältnissen gemäss Art. 54c Abs. 3 BauV mit einem deutlich
überdurchschnittlichen Fahrradverkehr auszugehen, was einen höheren Grundbedarf
rechtfertigen würde.
b) Für ein Bauvorhaben muss eine ausreichende Anzahl an Abstellplätzen für Fahrräder
und Motorfahrräder erstellt werden (Art. 16 Abs. 1 BauG). Gemäss Art. 54c Abs. 1 BauV
sind für Fahrräder und Motorfahrräder pro Wohnung mindestens 2 Abstellplätze (Bst. a),
bei Arbeits-, Gewerbe- und Dienstleistungsflächen je 100 m2 mindestens 2 Abstellplätze
und bei Flächen der Kategorien Einkaufen, Freizeit, Kultur und Restaurant je 100 m2
mindestens 3 Abstellplätze vorzusehen. Die Abstellplätze sind so anzulegen, dass sie auf
kurzem und sicherem Weg erreicht werden können; wenigstens die Hälfte ist zu
überdachen (Art. 54c Abs. 2 BauV). Nach Art. 54c Abs. 3 BauV können besondere
Verhältnisse zum Abweichen von der Anzahl nach Absatz 1 führen; solche besonderen
Verhältnisse sind nach dieser Bestimmung insbesondere gegeben, wenn der Anteil des
16 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1).
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Fahrradverkehrs deutlich über- oder unterdurchschnittlich ist, beispielsweise aufgrund der
vorgesehenen Nutzungen oder der Topografie.
c) Nach den unbestrittenen Berechnungen der Beschwerdegegnerin gestützt auf
Art. 54c Abs. 1 BauV besteht beim Bauvorhaben ein Soll-Bedarf von mindestens 214
Abstellplätzen für Fahrräder und Motorfahrräder.17 Die Beschwerdegegnerin weist in den
bewilligten Plänen und im "Konzept Parkierung Fahrrad"18 insgesamt 216 Abstellplätze
aus: Auf Höhe des Erdgeschosses sind beim Eingangsbereich zum Migros 44 Abstellplätze
für Kunden vorgesehen. Im Eckbereich Moserstrasse/Allmendstrasse ist auf Höhe eines
Zwischengeschosses (zwischen dem Erdgeschoss und dem 1. Untergeschoss) ein
Veloraum geplant, welcher von der Allmendstrasse via Rampe erreichbar ist und über 49
Abstellplätze für Kunden sowie 27 Abstellplätze für Bewohnerinnen/Bewohner und
Mitarbeitende verfügt. Weitere Velokeller für die Bewohnerinnen/Bewohner und die
Mitarbeitenden sind in den Erschliessungstrakten zu den Wohnungen vorgesehen und nur
mittels Lift bzw. Treppe erreichbar, so auf Seite Moserstrasse auf Höhe des
Zwischengeschosses (58 Plätze) sowie auf Seite Allmendstrasse (22 Plätze) und Seite
Breitenrainstrasse (16 Plätze) auf Höhe des 3. Untergeschosses. Die Mindestanzahl an
Abstellplätzen für Fahrräder und Motorfahrräder wird damit eingehalten.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden sind keine besonderen Verhältnisse im
Sinne von Art. 54c Abs. 3 BauV erkennbar, welche zu einem erhöhten Grundbedarf führen
würden. Der blosse Umstand, dass die Stadt Bern – wie die Beschwerdeführenden
vorbringen – das Velofahren fördert, vermag jedenfalls keinen erhöhten Grundbedarf an
Veloabstellplätzen für ein einzelnes Bauvorhaben auszulösen. Ebenso wenig hat die
Beschwerdegegnerin einen allfälligen erhöhten Bedarf an Veloabstellplätzen in der
Umgebung aufgrund der "trendigen Bewohnerschaft im Breitenrainquartier" abzudecken.
Selbst wenn diese These der Beschwerdeführenden zutreffen und im Breitenrainquartier
ein höherer Fahrradverkehr als in anderen Quartieren bestehen sollte, stünde dies in
keinem Zusammenhang mit dem umstrittenen Bauvorhaben. Besondere Verhältnisse im
Sinne von Art. 54c Abs. 3 BauV wären vorliegend höchstens dann zu bejahen, wenn der
Neubau selber bzw. die darin vorgesehenen Nutzungen zu einem deutlich
17 Dokument "Berechnung Anzahl Parkplätze", Pl.-Nr. 3.2_A, von der Beschwerdegegnerin in aktualisierter (jedoch betreffend Fahrradparkplätzen unveränderter) Form eingereicht mit Stellungnahme vom 5. Februar 2016 (Stempel Rechtsamt BVE vom 9. Februar 2016). 18 Pl.-Nr. 1.2.3_C, Vorakten Ordner II.
RA Nr. 110/2015/155 13
überdurchschnittlichen Anteil des Fahrradverkehrs führen würden. Dies ist weder
ersichtlich, noch wird es von den Beschwerdeführenden vorgebracht.
d) Nach Ansicht der Beschwerdeführenden erfüllen die Abstellplätze für Fahrräder die
qualitativen Voraussetzungen von Art. 54c Abs. 2 BauV nicht.
Die insgesamt 123 für die Bewohnerinnen/Bewohner und Mitarbeitenden vorgesehenen
Abstellplätze befinden sich vorab in drei Veloräumen im Zwischengeschoss (58 Plätze) und
im 3. Untergeschoss (38 Plätze) in unmittelbarer Nähe der drei Erschliessungsbereiche
und sind via Treppenhaus und mit Lift erreichbar. Ein kleinerer Anteil der Abstellplätze für
Bewohnerinnen/Bewohner und Mitarbeitende ist zudem im südwestlichen Fahrradkeller auf
Höhe des Zwischengeschosses vorgesehen (27 Plätze) und auch via Rampe erreichbar.
Diese Abstellplätze sind im Neubauvorhaben gut verteilt, womit diese sowohl für die
Bewohnerinnen/Bewohner als auch für die Mitarbeitenden der verschiedenen
Dienstleistungsbetriebe auf kurzem Weg erreichbar sind. Der Zugang ist direkt via Lift oder
Zufahrtsrampe möglich; es müssen keine Autoeinstellhallenbereiche oder Autozufahrten
überquert werden. Der Zugang kann damit auch als sicher gelten. Es wäre zwar
wünschenswert, wenn für die Bewohnerinnen und Bewohner auch Abstellplätze im Freien
in der Nähe der Eingangsbereiche zur Verfügung stehen würden, vorgeschrieben ist dies
jedoch nicht. Die gesetzlichen Vorgaben werden eingehalten.
Die Abstellplätze für die Kunden (Dienstleistung, Verkauf und Restaurant) sind einerseits
oberirdisch beim Eingangsbereich zur Migros (44 Plätze) und andererseits im
südwestlichen, mittels Rampe von der Allmendstrasse erreichbaren Fahrradkeller (49
Plätze) vorgesehen. Besuchende des Migrosmarktes oder -restaurants werden primär die
44 Abstellplätze in der Nähe des Eingangsbereichs der Migros nutzen; von diesen
Abstellplätzen sind die Dienstleistungsangebote der Migros auf kurzem Weg erreichbar.
Nach Einschätzung der Stadt Bern werden diese Abstellplätze für Kunden des
Migrosmarktes oder -restaurants als ausreichend erachtet.19 Ein Grossteil der weiteren
Dienstleistungsbetriebe ist entlang der Moserstrasse geplant, mit jeweils separatem
Zugang. Für Kunden, welche diese Dienstleistungsbetriebe in Anspruch nehmen – sei es
ausschliesslich oder im Sinne einer kombinierten Nutzung (Migros und weitere
Dienstleistung) – sind die 49 Abstellplätze im Fahrradkeller gut situiert und auf kurzem und
sicherem Weg erreichbar.
19 Stadt Bern, Bericht zum Bauentscheid vom 15. Juni 2015, S. 5 (Vorakten pag. 733).
RA Nr. 110/2015/155 14
Art. 54c Abs. 2 BauV beschränkt sich darauf, Abstellplätze zu verlangen, die auf kurzem
und sicherem Weg erreicht werden können. Zudem ist wenigstens die Hälfte zu
überdachen. Diese Voraussetzungen werden sowohl von den Abstellplätzen für
Bewohnerinnen/Bewohner und Mitarbeitende als auch von den Abstellplätzen für Kunden
der Dienstleistungsbetriebe erfüllt. Weitere qualitative Anforderungen ergeben sich aus den
gesetzlichen Vorgaben nicht. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden kann daher
nicht verlangt werden, dass mindestens 140 Abstellplätze ebenerdig im Freien verfügbar
sein müssen. Insgesamt halten die geplanten Abstellplätze für Fahrräder und
Motorfahrräder die rechtlichen Vorgaben ein.
4. Abstellplätze für Motorfahrzeuge, Parkplatzbewirtschaftung
a) Die Beschwerdeführenden rügen, gemäss der Studie zur verkehrlichen Machbarkeit
würden die Abmessungen der Parkplätze im untersten Normbereich liegen, der Standard
GMA (Standard Genossenschaft Migros Aare ) werde teilweise unterschritten und es sei
empfohlen worden, die eigentlich immer noch zu kleinen Parkplätze den Mitarbeitern
zuzuordnen. Mit 105 kleinstmöglichen Parkplätzen werde zudem nur das Minimum der
Bandbreite erfüllt. Dies reiche für die Mieter von 50 Wohnungen, die Mitarbeiter der Migros
und der anderen Betriebe und vor allem auch für die Kunden der Migros und der übrigen
Betriebe nicht aus. Es würden neben den reservierten Mieterparkplätzen nicht hinreichend
öffentliche Kundenparkplätze zur Verfügung stehen, so dass die Quartierbewohner mit
Wildparkierern rechnen müssten. Es sei von besonderen Verhältnissen gemäss Art. 54
BauV auszugehen, weshalb mehr Parkplätze als das Minimum der Bandbreite zu erstellen
seien. Eine hinreichende Erschliessung mit Abstellplätzen für Motorfahrzeuge sei nicht
gewährleistet.
b) Wird durch die Erstellung einer Baute ein Parkplatzbedarf verursacht, so ist dafür auf
dem Grundstück oder in seiner Nähe eine ausreichende Anzahl von Abstellplätzen für
Motorfahrzeuge zu errichten (Art. 16 Abs. 1 BauG). Die Anzahl der Abstellplätze ist in der
Bauverordnung näher umschrieben und wird durch eine Bandbreite begrenzt. Innerhalb
dieser Bandbreite kann die Gesuchstellerin die erforderliche Anzahl Parkplätze festlegen
(vgl. Art. 50 Abs. 1 BauV). Bei der Wohnnutzung beträgt die Bandbreite ab 4 Wohnungen
0.5 bis 2 Abstellplätze pro Wohnung (Art. 51 Abs. 2 BauV). Für die weiteren Nutzungsarten
RA Nr. 110/2015/155 15
berechnet sich die Bandbreite nach dem Kriterium, ob das Bauvorhaben in einer Stadt
bzw. deren Agglomeration oder im übrigen Kantonsgebiet errichtet werden soll (Art. 52
BauV). Nach Art. 54 BauV ist eine Abweichung von der Bandbreite oder vom Grundbedarf
möglich, wenn besondere Verhältnisse vorliegen. Besondere Verhältnisse sind gegeben,
wenn das Bauvorhaben deutlich unter- oder überdurchschnittlich ist, etwa im Anteil des
motorisierten Individualverkehrs bei Schichtbetrieb, in der Anzahl Arbeitsplätze im
Verhältnis zur Geschossfläche bei industriellen Produktionsbetrieben und Lagerhallen oder
in der Eignung des öffentlichen Verkehrs für seine Erschliessung.
c) Die nachvollziehbaren Berechnungen der Beschwerdegegnerin20 gestützt auf Art. 51
und 52 BauV ergeben für die Autoabstellplätze eine Bandbreite zwischen 103 und 213
(Wohnnutzung zwischen 25 und 100, übrige Nutzungen zwischen 78 und 113). Dass diese
Berechnungen falsch wären, ist weder erkennbar, noch wird dies von den
Beschwerdeführenden geltend gemacht. Ebenso unbestritten ist, dass im umstrittenen
Bauvorhaben insgesamt 105 Abstellplätze für normale Autos und 3 Abstellplätze für
Kleinwagen geplant sind (Zweites UG: 57 + 1; Drittes UG 48 + 2). Der Mindestbedarf von
103 Parkplätzen wird damit eingehalten.
Ein Abweichen von der Bandbreite wäre nur angezeigt, wenn besondere Verhältnisse im
Sinne von Art. 54 BauV vorliegen würden. Die Beschwerdeführenden sind zwar der
Ansicht, die Anzahl der geplanten Parkplätze reiche vorliegend nicht aus. Sie begründen
jedoch nicht näher, wieso vorliegend besondere Verhältnisse vorliegen sollten, welche
mehr Parkplätze erforderlich machen sollten. Solche Gründe liegen hier auch nicht vor.
Wie die Stadt Bern richtig ausführt, ist vielmehr davon auszugehen, dass das
Verkaufsgeschäft der Migros und die weiteren Dienstleistungsbetriebe vorwiegend von der
Quartierbevölkerung genutzt werden, welche für den täglichen Einkauf selten das Auto
benutzen wird. Zudem ist das Areal mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen. Damit
steht fest, dass ein Abweichen vom Mindestbedarf von 103 Parkplätzen gegen oben nicht
verlangt werden kann.
d) In ihrer Berechnungsgrundlage für die Anzahl Parkplätze21 nahm die
Beschwerdegegnerin zusätzlich eine Aufteilung der geforderten Parkfelder auf die zwei
20 vgl. Dokument "Berechnung Anzahl Parkplätze", Pl.-Nr. 3.2_A, von der Beschwerdegegnerin in aktualisierter Form eingereicht mit Stellungnahme vom 5. Februar 2016 (Stempel Rechtsamt BVE vom 9. Februar 2016). 21 Dokument "Berechnung Anzahl Parkplätze", Pl.-Nr. 3.2_A vom 10 April 2015, Vorakten Ordner II.
RA Nr. 110/2015/155 16
Parkgeschosse vor. Die 57 Parkplätze des zweiten Untergeschosses wurden der
öffentliche Nutzung zugewiesen (Migros Supermarkt 44 Stück, Migros Restaurant 6 Stück,
DL Moserstrasse 5 Stück, Kiosk Moserstrasse 2 Stück), die 48 Parkplätze des dritten
Untergeschosses der privaten Nutzung (Wohnungen 25 Stück, Kita 5 Stück, Arztpraxen 5
Stück, Personal Migros 7 Stück, DL Moserstrasse 4 Stück, Reserve 2 Stück).
Bei dieser Aufteilung hat die Beschwerdegegnerin nicht berücksichtigt, dass nicht nur die
Anzahl Parkplätze insgesamt innerhalb der Bandbreite liegen muss, sondern auch für die
jeweiligen Nutzungen genügend Parkplätze vorhanden sein müssen. Für die Aufteilung der
öffentlich und privat genutzten Parkplätze muss daher das Verhältnis der jeweiligen GF/n22
massgebend sein. Daraus ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin in dieser ersten
Aufteilung für die Nutzungen, welche sie als öffentlich einstufte und im zweiten
Untergeschoss ansiedelte, zu wenige Parkplätze vorgesehen hat (57 Stück statt 64 Stück).
Nachdem das Rechtsamt der BVE die Beschwerdegegnerin im Rahmen einer
summarischen Beurteilung darauf hinwies (Verfügung vom 16. Januar 2016), reichte die
Beschwerdegegnerin mit Eingabe vom 5. Februar 2016 ein neues Berechnungsblatt23 ein.
Darin hat sie die auf die verschiedenen "übrigen Nutzungen" entfallenden Abstellplätze im
Sinne von Art. 52 BauV nach Massgabe der jeweiligen GF/n ausgewiesen ("Prozentuale
Aufteilung nach GF/n auf die Nutzungen") und neu auf die beiden Parkgeschosse aufgeteilt
("Aufteilung der geforderten Parkfelder auf die zwei Geschosse"). So sind gemäss dieser
Aufteilung der Beschwerdegegnerin die Parkplätze im zweiten Untergeschoss (insgesamt
57) ausschliesslich für die "übrigen Nutzungen" (Migros Supermarkt 51 Stück, Migros
Restaurant 6 Stück) vorgesehen. Die Parkplätze im dritten Untergeschoss (insgesamt 48)
dienen den weiteren "übrigen Nutzungen" (Migros Restaurant 3 Stück, DL Moserstrasse 4
Stück, Kiosk Moserstrasse 2 Stück, Kita 2 Stück, Arztpraxen 2 Stück, Personal Migros 8
Stück, insgesamt 21 Stück) und der Wohnnutzung (25 Stück); zwei Parkplätze dienen der
Reserve. Mit dieser Aufteilung wird erreicht, dass für sämtliche Nutzungskategorien eine
dem Mindestmass entsprechende Anzahl Parkplätze vorhanden ist und damit auch den in
der ersten Berechnung als öffentlich eingestuften Nutzungskategorien (vorab die Migros)
genügend Parkplätze zugewiesen werden. Um dies sicherzustellen, wird der Entscheid mit
einer Auflage ergänzt, wonach die Aufteilung der für die einzelnen Nutzungskategorien
22 Geschossfläche durch n-Wert nach Art. 52 Abs. 1 Bst c BauV. 23 Dokument "Berechnung Anzahl Parkplätze", Pl.-Nr. 3.2_A, vom 3. Februar 2016, mit Stempel Rechtsamt BVE vom 9. Februar 2016.
RA Nr. 110/2015/155 17
ausgewiesenen Personenwagenparkplätze entsprechend dem neuen Dokument
"Berechnung Anzahl Parkplätze" zu erfolgen hat.
e) Die Beschwerdeführenden erachten weiter die Abmessungen der Parkplätze als
teilweise ungenügend. Zur Begründung verweisen sie auf die Studie zur verkehrlichen
Machbarkeit der J_ AG vom 26. November 2014, Ziff. 5.324. Darin wird Folgendes
ausgeführt: "Die Normeinhaltung und die Befahrbarkeit in der Einstellhalle wurde anhand der Norm SN 640 291 a und mit
dem Simulationsprogramm Autotrack überprüft. In der Norm sind Mindestabmessungen für Parkierungsanlagen
mit öffentlicher Nutzung festgelegt (Stufe B). Zusätzlich definiert die Migros eigene Mindeststandards (Standard
GMA, Stufe B+). Für Parkplätze ohne öffentliche Nutzung reicht Stufe A gemäss Norm aus
(Minimalanforderungen).
Rampen und Fahrwege halten die Norm Stufe B ein. Der Standard GMA ist teilweise unterschritten. Ein
Grossteil der Parkfelder hält die Norm Stufe B ein, ca. 30% erfüllen auch den Standard GMA. Rund 15% der
Parkfelder unterschreiten die Norm Stufe B. Die Minimalanforderungen (Stufe A) sind jedoch eingehalten. Es
wird empfohlen, diese Parkplätze Mitarbeitern zuzuordnen. Die betriebliche Abwicklung in der Einstellhalle ist
gewährleistet."
Bauten und Anlagen sind so zu erstellen, dass weder Personen noch Sachen gefährdet
werden (Art. 21 Abs. 1 BauG). Unter diesem Aspekt sind die anerkannten Regeln der
Baukunde einzuhalten sowie Normen und Empfehlungen der Fachverbände zu beachten
(Art. 57 BauV). Im Zusammenhang mit den Mindestmassen der Parkplätze relevant sind
die Vorgaben der VSS25-Norm SN 640 291 a (Parkieren, Anordnung und Geometrie der
Parkierungsanlagen). Beim Standard GMA (Standard Genossenschaft Migros Aare)
dagegen handelt es sich um einen rein internen Standard der Beschwerdegegnerin,
dessen Einhaltung im Baubewilligungsverfahren nicht zu überprüfen ist.
Die VSS-Norm SN 640 291 a legt bei Parkierungsanlagen für Personenwagen
unterschiedliche Mindestmasse fest, je nach dem ob es sich um nicht öffentlich
zugängliche Anlagen (Komfortstufe A) oder um öffentlich zugängliche Anlagen
(Komfortstufe B) handelt.26 Vorliegend ist die gesamte Parkierungsanlage öffentlich
24 in den Vorakten Ordner III. 25 Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute. 26 SN 640 291, Ziff. 5 und Tab. 1.
RA Nr. 110/2015/155 18
zugänglich; die Parkfelder im zweiten Untergeschoss dienen ganz den Migroskunden und
auch die Parkfelder des dritten Untergeschosses sind teilweise öffentlichen
Nutzungskategorien zugeordnet (vgl. E. 4d). Damit ist grundsätzlich die Komfortstufe B
relevant. Beim umstrittenen Vorhaben sind sowohl Längs- als auch Senkrechtparkfelder
vorgesehen. Die geplanten Längsparkfelder halten allesamt die Normvorgaben der
Komfortstufe B ein (Mindestlänge 6 m, sofern Randparkfeld 5 m; Mindestbreite 1.90 m +
0.30 m [Überhangstreifen], Breite der Fahrgasse 3.50 m27). Bei Senkrechtparkfeldern ist
eine Mindestlänge von 5 m gefordert; die Mindestbreite der Komfortstufe B dagegen
variiert je nach Breite der Fahrgasse (bei einer Fahrgassbreite von 6.50 m beträgt die
Mindestbreite 2.50 m, bei einer Fahrgassbreite von 5.75 m beträgt die Mindestbreite 2.65
m)28. Die vorliegend geplanten Senkrechtparkfelder erreichen alle die Mindestlänge von 5
m. Die für die Komfortstufe B geforderte Mindestbreite ist dort eingehalten, wo die
Fahrgassbreite 6.50 m beträgt; in den Bereichen mit Fahrgassbreite 5 m dagegen weisen
die Parkfelder 36 bis 42 im zweiten Untergeschoss und die Parkfelder 30 und 32 bis 34 im
dritten Untergeschoss nur eine Breite von 2.50 m auf. Damit halten diese Parkplätze die in
der VSS-Norm SN 640 291 a geforderte Mindestbreite von 2.65 m für die Komfortstufe B
knapp nicht ein. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass gemäss der von der
Beschwerdegegnerin vorgeschlagenen, nicht verbindlichen Zuordnung29 die betreffenden
Parkplätze im dritten Untergeschoss der Wohnnutzung zugeteilt werden sollen und die
dafür verlangte Komfortstufe A einhalten. Die VSS-Norm stellt zudem eine nicht bindende
Richtlinie dar, wobei die örtlichen Gegebenheiten ausschlaggebend sind.30 Im vorliegenden
Fall ist zu beachten, dass der grosse Teil der Parkplätze die Mindestmasse der
Komfortstufe B einhalten. Bei den erwähnten Parkplätzen wird die Mindestbreite um nur 15
cm unterschritten; die Vorgaben der Komfortstufe A werden dagegen eingehalten. Damit
sind auch diese Parkplätze problemlos nutzbar. Auch aus Sicht der Verkehrssicherheit ist
die knappe Unterschreitung der verlangten Mindestbreite unproblematisch, zumal es sich
bei den Fahrgassen im Bereich dieser Parkplätze um Einbahnstrassen handelt und die
Parkfelder auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite die verlangte Mindestbreite
einhalten. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass sich das Bauvorhaben im städtischen
Gebiet befindet, wo mit etwas engeren Platzverhältnissen in Parkhäusern zu rechnen ist.
27 SN 640 291, Ziff. 11, Abb. 5 und Tab. 2. 28 SN 640 291, Ziff. 12, Abb. 6 und Tab. 3. 29 Parkplatznachweis 2. Und 3. UG, eingereicht mit Stellungnahme vom 5. Februar 2016 30 VGE 2013/431 vom 1. Oktober 2014, E. 5.4; Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 7/8 N. 17.
RA Nr. 110/2015/155 19
Die geringe Abweichung einzelner Parkfelder von der Mindestbreite der Komfortstufe B
lässt sich damit rechtfertigen und kann toleriert werden.
f) Die Beschwerdeführenden bringen schliesslich vor, die Behauptung der
Beschwerdegegnerin, es fehle die rechtliche Grundlage für eine gebührenpflichtige
Parkplatzbewirtschaftung, vermöge nicht zu überzeugen. Es sei darzulegen, weshalb die
Auflage einer Parkplatzbewirtschaftung für die nicht reservierten Privatparkplätze
unzulässig sein soll. Andernfalls sei der Migros eine entsprechende Auflage zu machen.
Die Bewirtschaftung der Kundenparkplätze eines Einkaufszentrums oder einer anderen
publikumsintensiven Anlage kann eine Emissionsbegrenzungsmassnahme darstellen, die
sich grundsätzlich auf Art. 12 Abs. 1 Bst. c USG31 abstützen lässt.32 Gemäss den
Einschätzungen von J._AG33 ist beim umstrittenen Neubau jedoch mit deutlich
weniger als 2'000 Fahrten pro Tag zu rechnen. Es handle sich demnach nicht um ein
verkehrsintensives Bauvorhaben. Diese Einschätzung wird vom beco in seinem
Amtsbericht vom 13. März 201534 bestätigt. Das beco gelangt in diesem Fachbericht
hinsichtlich der Luftreinhaltung zudem zur Einschätzung, dass der durch das Vorhaben
generierte Mehrverkehr unter Anwendung der Arbeitshilfe zur Bestimmung der lokalen
Belastbarkeit innerhalb des zulässigen Handlungsspielraumes zu liegen komme. Die
Bestimmungen zur lokalen Belastbarkeit würden eingehalten. Aufgrund dieser
Einschätzung der Fachbehörde ist daher auch nicht davon auszugehen, dass beim
vorliegenden Bauvorhaben Emissionsbegrenzungsmassnahmen angezeigt wären. Eine
Parkplatzbewirtschaftung kann der Beschwerdegegnerin damit nicht aufgezwungen
werden.
5. Grössere Spielfläche
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, für die Herabsetzung der gesetzlich
vorgegebenen Mindestfläche der grösseren Spielfläche gemäss Art. 46 Abs. 2 BauV sei
31 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01). 32 vgl. BGE 125 II 129 E. 8 b. 33 Studie zur verkehrlichen Machbarkeit der J._AG vom 26. November 2014, Ziff. 3.2, Vorakten Ordner III. 34 Vorakten, Ordner I, pag. 665.
RA Nr. 110/2015/155 20
nie ein Ausnahmegesuch publiziert worden. Die Reduktion betrage bezogen auf die
gesetzliche Mindestfläche 66.7% (200 m2 statt 600 m2). Die Voraussetzungen für eine
angemessene Herabsetzung der Spielfläche nach Art. 45 Abs. 3 BauV im Ausnahmefall
seien nicht erfüllt. Es lägen weder schwierige Grundstücksverhältnisse vor, noch könne
das Streben nach Verdichtung und modernem Städtebau ohne Anpassung der
gesetzlichen Vorgaben als "besondere Umstände" angerufen werden. Wirtschaftliche
Überlegungen dürften keine Rolle spielen. Vielmehr sei bei stark verdichteter Bauweise
gemäss Praxis auf eine Herabsetzung eher zu verzichten. Die ausgeschiedene Fläche von
200 m2 sei auch aus qualitativer Sicht ungenügend.
b) Nach Art. 15 Abs. 2 BauG ist in Wohnsiedlungen, die aufgrund eines einheitlichen
Projektes oder einer Überbauungsordnung erstellt werden, eine angemessene grössere
Spielfläche vorzusehen. Als Wohnsiedlungen gelten Überbauungen, die mehr als 20
Familienwohnungen, also Wohnungen mit wenigstens 3 Zimmern, enthalten (Art. 43 Abs. 3
und 4 BauV). Die grössere Spielfläche soll Jugendlichen und Erwachsenen für Ball- und
Rasenspiele zur Verfügung stehen (Art. 46 Abs. 1 BauV). Sie soll möglichst eben sein und
eine gut proportionierte, zusammenhängende Mindestfläche von 400 m2 bei 20 und mehr
Familienwohnungen, von 500 m2 bei 30 und mehr Familienwohnungen und von 600 m2 bei
40 und mehr Familienwohnungen aufweisen (Art. 46 Abs. 2 BauV). Vorliegend sind 42
Familienwohnungen geplant, so dass grundsätzlich eine Mindest-Spielfläche von 600 m2
verlangt ist. Die Baubewilligungsbehörde kann – sofern die zweckmässige Gestaltung
gewährleistet bleibt – die erforderliche Mindestfläche angemessen herabsetzen, wenn
schwierige Grundstücksverhältnisse vorliegen oder die ermittelte Fläche aufgrund
besonderer Umstände unverhältnismässig wäre (Art. 46 Abs. 2 Satz. 2 i.V.m. Art. 45 Abs. 3
BauV).
c) Das umstrittene Vorhaben sieht im Innenhof eine grössere Spielfläche von 200 m2
vor. Daher stellte die Beschwerdegegnerin ein Gesuch um Reduktion der Spielfläche35 und
begründete dies u.a. mit der exponierten städtebaulichen Lage des Breitenrainplatzes und
den raumplanerischen Vorgaben der Verdichtung und Siedlungsentwicklung nach Innen.
35 Vorakten pag. 15 ff.
RA Nr. 110/2015/155 21
Das Regierungsstatthalteramt kam im Entscheid vom 14. Oktober 2015 zum Schluss, dass
die Voraussetzungen von Art. 46 Abs. 2 Satz. 2 i.V.m. Art. 45 Abs. 3 BauV zur
Herabsetzung der grösseren Spielfläche auf 200 m2 erfüllt sind.
d) Bei der Reduktionsmöglichkeit der grösseren Spielfläche nach Art. 46 Abs. 2 Satz. 2
i.V.m. Art. 45 Abs. 3 BauV handelt es sich nicht um eine Ausnahmebestimmung im Sinne
von Art. 26 BauG, sondern um eine sog. Ermächtigungsklausel oder eine unechte
Ausnahme. Solche Vorschriften ermächtigen die zuständige Behörde, unter näher
umschriebenen Voraussetzungen von einer bestimmten Vorschrift abzuweichen. Der
Baubewilligungsbehörde wird damit eine Befugnis eingeräumt, ohne dass formell eine
Ausnahmebewilligung erteilt werden müsste.36 Entsprechend musste das Gesuch der
Beschwerdegegnerin – entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden – nicht publiziert
werden. Trotzdem wurde in der Baupublikation unter den Hinweisen der Antrag um
Herabsetzung der Mindestfläche der grösseren Spielfläche aufgeführt.37
e) Damit eine Herabsetzung der Mindestfläche in Frage kommt, muss nach Art. 46
Abs. 2 Satz. 2 i.V.m. Art. 45 Abs. 3 BauV einerseits die zweckmässige Gestaltung der
grösseren Spielfläche gewährleistet bleiben. Auch wenn bei der von der
Beschwerdegegnerin projektierten Spielfläche im Innenhof der Blockrandbebauung aus
qualitativer Sicht gewisse Abstriche zu machen sind (keine rechteckige Form,
Kleinpflastersteine), so kann trotzdem noch von einer zweckmässigen Gestaltung
gesprochen werden. So handelt es sich um eine zusammenhängende Fläche auf ebenem
Terrain, welche aufgrund der gegenüber den Strassen abgeschlossenen
Blockrandbebauung für Kinder und Jugendliche gefahrlos nutzbar ist. Mit den um die
Spielfläche situierten Pflanzeninseln wird eine gewisse Abgrenzung zu den restlichen
Aufenthalts- und Spielbereichen des Innenhofs erreicht, womit vermieden werden kann,
dass bei Ballspielen andere Nutzer und Nutzerinnen des Innenhofs übermässig gestört
werden; gleichzeitig wird auf eine klare Trennung verzichtet, um auch andere Nutzungen
dieser Fläche – je nach Bedürfnis und Tageszeit – zu ermöglichen.
f) Eine angemessene Herabsetzung der erforderlichen Mindestfläche ist andererseits
nur zulässig, wenn schwierige Grundstücksverhältnisse vorliegen oder die ermittelte Fläche
aufgrund besonderer Umstände unverhältnismässig wäre. Es ist klar und auch
36 Zaugg/ Ludwig, Band I, a.a.O., Art. 15 N. 3b und Vorbemerkungen zu den Art. 26-31 N. 1. 37 Vorakten Ordner I, pag. 181.
RA Nr. 110/2015/155 22
unbestritten, dass hier keine schwierigen Grundstücksverhältnisse vorliegen, welche eine
Herabsetzung der grösseren Spielfläche rechtfertigen könnten. Weder die Lage und Form
der Parzelle, noch die Beschaffenheit des Baugrundes schliessen eine Spielfläche im
vorgeschriebenen Mass von 600 m2 aus. Näher zu prüfen ist jedoch, ob die ermittelte
Fläche aufgrund besonderer Umstände unverhältnismässig wäre.
Das umstrittene Neubauprojekt befindet sich an zentraler Lage in städtischem Gebiet. Es
ist zudem zu beachten, dass das Vorhaben als Blockrandbebauung geplant ist. Diese
Bebauungsart entspricht der historisch gewachsenen städtebaulichen Situation im Umfeld
des Breitenrainplatzes, weshalb sich das Vorhaben optimal in das bestehende städtische
Quartierbild einfügt. Müsste die Mindestvorgabe an die grössere Spielfläche eingehalten
werden, so wäre eine Blockrandbebauung auf der Bauparzelle nicht realisierbar, weshalb
das Festhalten an dieser Vorgabe vorliegend unverhältnismässig wäre. Auf der anderen
Seite wäre eine Reihenhausbebauung oder eine auf einzelnen Seiten offene
Blockrandbebauung quartierfremd. Es sprechen damit aus städtebaulicher Sicht gewichtige
Gründe für eine Blockrandbebauung. Wie die Vorinstanz zu Recht festhält, stellt diese
städtebauliche Anpassung der Bebauung an das bestehende Quartierbild vorliegend eine
objektive Besonderheit dar, welche im vorliegenden Kontext zu berücksichtigen ist.38
Ebenso ist ihr beizupflichten, wenn sie die Ermöglichung einer Blockrandbebauung an
dieser exponierten Lage unter Inkaufnahme einer Reduktion der Mindestfläche der
grösseren Spielfläche höher gewichtet als das Festhalten an der berechneten
Mindestfläche mit der entsprechenden negativen Beeinflussung des städtischen
Quartierbilds.
Im Rahmen der anstehenden Revision des Baugesetzes beabsichtigt der Kanton Bern, die
Vorschriften zu den Kinderspielplätzen und grösseren Spielflächen zu lockern. So soll nach
der Fassung, wie sie vom Grossen Rat in der ersten Lesung beraten wurde, die
Bauherrschaft von der Erstellung von Kinderspielplätzen und grösseren Spielflächen befreit
werden können, wenn in der Nähe des Baugrundstücks genügende und gut erreichbare
Kinderspielplätze und grössere Spielflächen gesichert sind (Art. 15 Abs. 5 E-BauG). Diese
Bestimmung gelangt zwar vorliegend noch nicht zur Anwendung. Sie zeigt jedoch auf, dass
grössere Spielflächen voraussichtlich nicht zwingend auf dem Baugrundstück selber
38 so auch Rolf Mühlemann, die grössere Spielfläche, KPG-Bulletin 2/2011 S. 88.
RA Nr. 110/2015/155 23
ausgewiesen werden müssen, sofern in der unmittelbaren Umgebung genügend
Spielflächen vorhanden sind.
Insgesamt stellen die aufgeführten städtebaulichen Aspekte "besondere Verhältnisse" im
Sinne von Art. 46 Abs. 2 Satz. 2 i.V.m. Art. 45 Abs. 3 BauV dar, welche die verlangte
Mindestfläche von 600 m2 als unverhältnismässig erscheinen lassen. Zu berücksichtigen ist
auch, dass in der unmittelbaren Umgebung verschiedene Grün- und Rasenflächen der
Allgemeinheit zur Verfügung stehen, wie dies die Beschwerdegegnerin in ihrer
Beschwerdeantwort vom 16. Dezember 2015 ausführlich aufzeigt. So befindet sich vorab
die Kasernenwiese in unmittelbarer Nähe der geplanten Überbauung (Luftlinie rund 200
m); diese grosse Grünfläche ist frei zugänglich, eignet sich ideal für Ball- und Rasenspiele
und wird nur selten durch das Militär oder den Betrieb des Kasernen- und Zeughausareals
beansprucht. Auch diverse Schulrasenfelder befinden sich in Gehdistanz und stehen in der
unterrichtsfreien Zeit der Öffentlichkeit zur Verfügung. Damit bleibt trotz der Reduktion der
Spielfläche auf der Bauparzelle eine angemessene Wohnqualität gewährleistet.
Schliesslich ist zu beachten, dass – im Unterschied zum ersten Projekt – nicht ganz auf die
grössere Spielfläche verzichtet wird, sondern eine zweckmässige Fläche von 200 m2
geplant ist (vgl. E. 5e). Zudem wird gemäss den unbestritten gebliebenen Berechnungen
der Beschwerdegegnerin die erforderliche Mindestfläche der Kinderspielplätze und
Aufenthaltsbereiche nicht nur eingehalten, sondern sogar übertroffen (um 79 m2 bei den
Kinderspielplätzen und um 30 m2 bei den Aufenthaltsbereichen).
Zusammenfassend ist den überzeugenden Ausführungen der Vorinstanz, der Stadt sowie
der Beschwerdegegnerin zu folgen, wonach die ermittelte Mindestfläche für die grössere
Spielfläche von 600 m2 aufgrund besonderer Umstände unverhältnismässig wäre. In
Anbetracht der aufgeführten Faktoren kann die Reduktion dieser Fläche auf 200 m2 auch
als angemessen bezeichnet werden, zumal die zweckmässige Gestaltung dieser
Spielfläche, aber auch der geplanten Flächen für Kinderspielplätze und
Aufenthaltsbereiche gewährleistet bleibt.
g) Die Beschwerdeführenden erachten es schliesslich als fragwürdig, ob es sinnvoll und
zulässig sei, Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche auf Dachterrassen zu realisieren.
Wieso die beim Projekt vorgesehenen Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche auf einer
Dachterrasse im 2. Obergeschoss sowie einer Dachterrasse im 3. Obergeschoss nicht
zulässig sein sollten, begründen die Beschwerdeführenden jedoch nicht näher. Ebenso
RA Nr. 110/2015/155 24
wenig begründen sie, wieso diese Flächen als Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche
ungeeignet sein sollten. Auf diese Rüge ist daher mangels genügender Begründung (Art.
32 Abs. 2 VRPG) nicht einzutreten. Abgesehen davon ist nicht einzusehen, wieso solche
Flächen bei genügender Absturzsicherung und einer qualitativ ausreichenden Gestaltung –
genügend Schattenplätze, für Kleinkinder gut und gefahrlos erreichbar, dem Zweck
entsprechend eingerichtet – nicht auf Dachterrassen möglich sein sollten. Diese
Voraussetzungen sind beim vorliegenden Projekt erfüllt.39
6. Anlieferungskonzept, Verkehr
a) Für die Anlieferung der Migros sind in der westlichen Ecke des Bauvorhabens (Ecke
Allmendstrasse/Breitenrainstrasse) zwei Anlieferplätze für Lastwagen innerhalb des
Gebäudes mit abschliessbaren Toren geplant. Die Einfahrt zu diesen Anlieferplätzen soll
von der Allmendstrasse aus erfolgen. Für die Wegfahrt bestehen zwei Varianten: Solange
eine Wegfahrt via Breitenrainstrasse über den Breitenrainplatz möglich bleibt (derzeit
bestehendes Verkehrsregime), so erfolgt sie auf diesem Weg (im Folgenden:
Wegfahrtvariante 1). Dies wird von der Beschwerdegegnerin im Rahmen der
Stellungnahme vom 22. März 2016 ausdrücklich bestätigt. Aufgrund der Planungsarbeiten
für den neuen Breitenrainplatz40 erarbeitete die Beschwerdegegnerin ein weiteres
Wegfahrtkonzept für die Warenanlieferung (im Folgenden: Wegfahrtvariante 2). Dieses ist
auf das geplante Verkehrsregime des neuen Breitenrainplatzes abgestimmt, nach welchem
eine Unterbrechung der Verbindung Breitenrainplatz-Breitenrainstrasse für den
motorisierten Individualverkehr in beide Richtungen vorgesehen ist. Nach diesem zweiten
Konzept, welches erst im Falle der Schliessung der Verbindung Breitenrainplatz-
Breitenrainstrasse zur Anwendung kommt, ist die Wegfahrt via Breitenrainstrasse zurück
über die Allmendstrasse vorgesehen; die Lastwagen haben so bei der Ausfahrt aus dem
Anlieferbereich nahezu eine 180°-Kurve vorzunehmen, um in die Breitenrainstrasse zu
gelangen, von wo sie eine 90°-Kurve zurück in die Allmendstrasse führt. Die
Beschwerdeführenden kritisieren die Wegfahrtvariante 2.
39 vgl. Fassadenplan sowie Plan "Situation Umgebung - Dachterrassen und Grundrisspläne der entsprechenden Stockwerke. 40 www.drnoeibreitsch.ch.
http://www.drnoeibreitsch.ch
RA Nr. 110/2015/155 25
b) Bauvorhaben dürfen nur bewilligt werden, wenn sichergestellt ist, dass das
Baugrundstück auf den Zeitpunkt der Fertigstellung des Baus oder der Anlage, wenn nötig
bereits bei Baubeginn, genügend erschlossen sein wird (Art. 7 Abs. 1 BauG). Die
Erschliessungsanlagen müssen dabei den Beanspruchungen gewachsen sein, die sich aus
der Nutzung des Baugrundstücks und der weiteren Grundstücke ergeben können, denen
sie nach der Planung zu dienen bestimmt sind (Art. 7 Abs. 3 BauG). Bestehende
Erschliessungsanlagen genügen für Bauvorhaben in einem weitgehend überbauten Gebiet
oder ausserhalb der Bauzone dann, wenn die insgesamt zu erwartende Mehrbelastung
verhältnismässig gering ist und die Verkehrssicherheit und Brandbekämpfung
gewährleistet sind (Art. 5 Bst. a BauV)
c) Unbestritten ist, dass die Einfahrt der Lastwagen zu den Anlieferplätzen von der
Allmendstrasse her (welche für beide Varianten gilt) ohne Schwierigkeiten machbar und
auch aus Sicht der Verkehrssicherheit unproblematisch ist.41 Gleiches gilt für die
Wegfahrtvariante 1. Diesbezüglich hält das TBA OIK II in seinem Fachbericht vom 29.
Februar 2016 fest, solange von der Breitenrainstrasse auf den Breitenrainplatz gefahren
werden dürfe, sei die Anlieferung unproblematisch. Die Wegfahrtvariante 1 erfüllt die
gesetzlichen Vorgaben an eine genügende Erschliessung.
Die Beschwerdegegnerin bestätigt in der Stellungnahme vom 22. März 2016 zwar
ausdrücklich, dass die Wegfahrtvariante 1 zur Anwendung gelange, solange eine Wegfahrt
über den Breitenrainplatz möglich sei. Der vorinstanzliche Entscheid befasste sich jedoch
einzig mit der umstrittenen Wegfahrtvariante 2. Zudem kam das TBA OIK II im Fachbericht
vom 29. Februar 2016 zum Ergebnis, dass die Wegfahrtvariante 2 aus Gründen der
Verkehrssicherheit nicht funktioniere, solange der Zugang von der Breitenrainstrasse auf
den Breitenrainplatz offen sei. Aus diesen Gründen ist im vorliegenden Entscheid mittels
Auflage sicherzustellen, dass die Wegfahrtvariante 1 zur Anwendung zu gelangen hat,
solange diese möglich ist.
d) Die Beschwerdeführenden bestreiten die Machbarkeit der Wegfahrtvariante 2 und
bringen vor, die Verkehrssicherheit auf der Breitenrainstrasse sei nicht gewährleistet. Bei
dieser Variante mit schwierigen Manövern bereits im Entladebereich im Gebäudeinnern
und einer Wegfahrt der Sattelschlepper und Anhängerzüge mittels U-Turn auf einer engen
41 vgl. auch Studie zur verkehrlichen Machbarkeit der J._AG vom 26. November 2014, Ziffer 6 und Beilage 1, Vorakten Ordner III.
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Quartierstrasse zurück in die Allmendstrasse seien die Probleme absehbar. Die von der
Bauherrschaft mittels Studie belegte Machbarkeit werde bestritten. Die
Modellberechnungen und durchgeführten Fahrversuche hätten ergeben, dass die Platz-
und Strassenverhältnisse im Entladebereich und für die anschliessende Wegfahrt zu knapp
bemessen seien. Ihnen sei von fachkundigen Personen versichert worden, dass die
erforderlichen Manöver unter normalen Verhältnissen unmöglich oder nur unter Beizug von
Hilfspersonen und mit zeitraubendem Manövrieren durchführbar sein würden. Das
Befahren des Trottoirs an der Breitenrainstrasse beim Wegfahren werde an der
Tagesordnung sein. Es könne nicht ernsthaft behauptet werden, dass solche Verhältnisse
den gesetzlichen Voraussetzungen einer hinreichenden und sicheren Erschliessung
entsprechen würden.
e) Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist zu beurteilen, ob die Wegfahrtvariante 2,
welche im Falle der Schliessung der Verbindung Breitenrainstrasse - Breitenrainplatz zur
Anwendung gelangt, die Anforderungen an eine hinreichende Erschliessung erfüllt. Soweit
die Beschwerdeführenden mit ihren Rügen das geplante, noch nicht rechtskräftig
beschlossene Verkehrsregime des neuen Breitenrainplatzes kritisieren bzw. eine
Anpassung dieses Projekts verlangen, liegt dies ausserhalb des Streitgegenstands; auf
ihre diesbezüglichen Vorbringen ist daher nicht einzutreten.
f) Die verkehrliche Machbarkeit der Anlieferung mit Wegfahrtvariante 2 wurde von der
J._AG im Auftrag der Beschwerdegegnerin geprüft. Zur Beurteilung der
Befahrbarkeit wurden Fahrversuche mit Fahrzeugen der Beschwerdegegnerin (zwei
Sattelschlepper mit einer Länge von 17 m Länge und ein Anhängerzug mit einer Länge von
18.90 m) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in der Studie zur verkehrlichen Machbarkeit
der J._AG vom 26. November 201442 zusammengefasst (Ziffer 6 und Beilage 1):
Der Fahrversuch habe ergeben, dass die Befahrbarkeit der projektierten Anlieferung zwar
knapp, aber gegeben sei. Dies sowohl mit dem Sattelschlepper als auch mit dem
Anhängerzug an beiden Anlieferplätzen und auch während dem bereits ein Anliefervorgang
stattfinde. Die Einfahrt ab Allmendstrasse in die Anlieferung und das Abbiegen in die
Allmendstrasse bei der Wegfahrt funktioniere in allen Fällen ohne Überschwenken der
Trottoirränder und ohne den Betrieb der jeweils benachbarten Rampe einzuschränken. Die
Ausfahrt ab Rampe 2 (rechter Anlieferplatz) funktioniere sowohl mit dem Anhängerzug als
42 Vorakten Ordner III.
RA Nr. 110/2015/155 27
auch mit dem Sattelschlepper ohne das gegenüberliegende Trottoir zu überfahren. Der
Sattelschlepper überschwenke das Trottoir ganz gering, der Anhängerzug bleibe sogar 60
cm vom Trottoirrand entfernt. Die Ausfahrt ab Rampe 1 (linker Anlieferplatz) funktioniere
sowohl mit dem Anhängerzug als auch mit dem Sattelschlepper knapp ohne Überfahren
des gegenüberliegenden Trottoirs. Das Vorderrad schramme entlang des Bordsteins, die
Kabinenecke der Fahrzeuge und die Karrosserieecke des Aufliegers überstreiche das
Trottoir um ca. 60 cm. Voraussetzung bei der Ausfahrt ab Rampe 1 sei jedoch, dass der
Sattelauflieger an der Rampe 2 sehr nahe an der Wand stehe und der Anhängerzug an der
Rampe 1 bereits mit abgeknicktem Zugfahrzeug abgestellt werde (Beilage 1, Abbildung
16). Bei einer Ausfahrt des nahe an der Wand stehenden Aufliegers werde das
gegenüberliegende Trottoir nicht überfahren; nötig sei jedoch ein Zurückstossen des
Fahrzeugs innerhalb des Anlieferbereichs, damit das Heck des Aufliegers nicht zu stark
gegen die Wand ausschwenke und diese nicht touchiere.
Es ist kein Grund ersichtlich, die Fahrversuche und das Ergebnis der Experten
anzuzweifeln. Auch das TBA OIK II kam zum Schluss, dass die in den Fahrversuchen
verwendeten Fahrzeuge sämtliche in Frage kommenden Anlieferfahrzeuge abdecken
würden und die Versuche korrekt abgelaufen seien. Damit erachtet die kantonale
Fachbehörde die Ergebnisse der Fahrversuche als richtig, womit die grundsätzliche
Machbarkeit dieser Wegfahrt bestätigt wird. Die Fachstelle weist jedoch daraufhin, dass
zwischen den Versuchen und der Praxis immer Differenzen bestünden, wie beispielsweise
die 2% Gefälle der geplanten Rampe oder Stresssituationen. Sie stellt jedoch nicht die
grundsätzliche Tauglichkeit von Fahrversuchen zur Überprüfung der Machbarkeit oder die
Resultate der vorgenommenen Tests in Frage. Diesbezüglich ist zu beachten, dass diese
Wegfahrtvariante 2 nur zur Anwendung gelangt, wenn die Verbindung Breitenrainstrasse -
Breitenrainplatz geschlossen ist und sich damit deutlich weniger Verkehr im Bereich der
umstrittenen Wegfahrt befinden wird, womit die Ausfahrt für die Lastwagenchauffeure mit
weniger Stress verbunden ist. Zudem kann – den Ausführungen der Beschwerdegegnerin
folgend – davon ausgegangen werden, dass ihre Chauffeure im Umgang mit engen Zu-
und Wegfahrten erprobt sind und diese Wegfahrt auch unter normalen Verhältnissen
umsetzen können. Damit die Wegfahrt in der Praxis so funktioniert wie in den
Fahrversuchen (insb. ohne Rückwärtsmanöver und ohne Befahren des
gegenüberliegenden Trottoirs) ist es zudem wichtig, dass die Positionierung der Fahrzeuge
im Anlieferbereich richtig ist. Wie auch das TBA OIK II festhält, sind daher
Bodenmarkierungen im Gebäudeinnern zur Positionierung der Fahrzeuge und als Fahrhilfe
RA Nr. 110/2015/155 28
unumgänglich. Dies ist mit der Auflage des Tiefbauamts im Bericht vom 5. März 201543
sichergestellt. Danach sind innerhalb des Anlieferbereichs sämtliche Hilfestellungen
vorzusehen, die den Fahrzeuglenkenden dienen, bei der Ausfahrt das nordseitige Trottoir
der Breitenrainstrasse nicht zu überfahren (Hinweis auf Zurückstossen vor der Ausfahrt,
Hilfsmarkierungen am Boden, Spiegel, etc.). Wie sämtliche Auflagen der städtischen
Fachstellen wurde auch diese Auflage im Bericht zum Bauentscheid der Stadt Bern vom
15. Juni 201544 übernommen. Dieser Bericht jedoch wird im Dispositiv des vorinstanzlichen
Entscheids nicht aufgeführt, was im vorliegenden Entscheid mit einer Ergänzung von
Amtes wegen nachzuholen ist. Markierungen auf der Strasse dagegen – wie dies vom TBA
OIK II als weitere Option aufgeführt wird – sind nicht nötig, da die Wegfahrt der Fahrzeuge
im Bereich der öffentlichen Strasse ohnehin mit dem engst möglichen Kurvenradius erfolgt
und bei richtiger Positionierung im Gebäudeinnern ohne Rückwärtsmanöver stattfinden
kann. Schliesslich ist festzuhalten, dass entgegen den Ausführungen des TBA OIK II bei
den Fahrversuchen sämtliche möglichen Fahrzeugkombinationen getestet und deren
Ausfahrt positiv beurteilt wurden. Dies deshalb, weil immer ein Sattelauflieger an einer der
beiden Rampen steht (Nutzung als rollendes Lager).45
Insgesamt sind damit die Platz- und Strassenverhältnisse für Wendemanöver der
Wegfahrtvariante 2 zwar knapp, aber entgegen den Ausführungen der
Beschwerdeführenden nicht zu knapp bemessen. Die Machbarkeit ist zu bejahen. Die
Beschwerdeführenden begründen nicht näher, wieso dies nicht der Fall sein sollte. Dass
ihnen von fachkundigen Personen versichert worden sei, dass die erforderlichen Manöver
unter normalen Verhältnissen unmöglich oder nur unter Beizug von Hilfspersonen und mit
zeitraubendem Manövrieren durchführbar sein würden, stellt eine reine Behauptung dar
und wird nicht näher belegt.
g) Betreffend Verkehrssicherheit der Wegfahrtvariante 2 führt das TBA OIK II in seinem
Fachbericht vom 29. Februar 2016 Folgendes aus: Bei der Ausfahrt seien die Sichtweiten
von 15 m auf den Gehweg eingehalten. Der Gehweg sei mit 4 m breit. Damit Fussgänger
nicht an der Fassade entlang auf das Tor zulaufen könnten, seien links und rechts vom Tor
Pfosten aufzustellen. Die Geschwindigkeit sei im vorliegenden Fall vernachlässigbar. Die
Ausfahrt erfolge ausschliesslich vorwärts. Rückwärtsmanöver im öffentlichen Bereich seien
43 Vorakten pag. 678. 44 Vorakten pag. 705. 45 Studie zur verkehrlichen Machbarkeit vom 26. November 2014, Beilage 1, S. 3, Vorakten Ordner III.
RA Nr. 110/2015/155 29
nicht erforderlich. Aus diesem Grund sei die Ausfahrt nicht bedenklich. Die
Wegfahrtvariante 2 bedinge, dass die Zufahrt von der Breitenrainstrasse auf den
Breitenrainplatz geschlossen sei. Wenn dies nicht der Fall sei, befinde sich zu viel Verkehr
auf diesem Abschnitt, was zu gefährlichen Situationen führen könne. Durch
Bodenmarkierungen könne ausgeschlossen werden, dass gefährliche Manöver vollzogen
werden müssten. Dies bedeute auch, dass die Wegfahrt in einem Zug gefahren werden
könne. Die Wegfahrt wäre nicht zulässig, wenn Rückwärts-Fahr-Manöver gemacht werden
müssten. Das Überstreifen des Gehwegs erfolge schliesslich während eines kurzen
Zeitabschnitts. Insgesamt kommt die Fachstelle aus Sicht der Verkehrssicherheit zum
Ergebnis, dass die Wegfahrtvariante 2 bei Schliessung der Zufahrt von der
Breitenrainstrasse auf den Breitenrainplatz eine im städtischen Gebiet tolerierbare Lösung
darstelle.
Dieser Einschätzung der Fachbehörde kann gefolgt werden. Da sichergestellt ist, dass die
Wegfahrtvariante 2 erst zur Anwendung gelangt, wenn die Verbindung Breitenrainstrasse -
Breitenrainplatz geschlossen ist (vgl. E. 6f), wird dieser Abschnitt kaum mehr vom
motorisierten Individualverkehr befahren sein. Der Langsamverkehr wird dagegen weiterhin
bestehen. Bei Ausfahrt aus dem Anlieferbereich sind die Sichtweiten nach Angaben der
Fachbehörde jedoch eingehalten und die Sichtverhältnisse damit ausreichend. Mit den
vorzunehmenden Bodenmarkierungen innerhalb des Anlieferbereichs wird erreicht, dass
die Fahrzeuge für die Wegfahrt richtig positioniert sind und so den Fahrversuchen
entsprechend ohne Rückwärtsmanöver auf der Strasse in einem Zug und höchstens mit
einem Überstreifen des gegenüberliegenden Trottoirs wegfahren können. Auch wenn diese
Wegfahrtvariante und vorab das Überstreifen des Trottoirs nicht ideal ist, so bleibt die
Verkehrssicherheit nach Einschätzung der kantonalen Fachstelle dennoch gewährleistet.
Weder das Überfahren der Trottoirs bei der Ein- und Ausfahrt noch das Überstreifen des
Trottoirs auf der Nordseite der Breitenrainstrasse sind grundsätzlich verboten; das
Verhalten der Fahrzeuglenker bei Benutzung eines Trottoirs ist im VRV46 geregelt;
gleichsam gelten die generellen Sorgfaltspflichten im Strassenverkehr.
Im Zusammenhang mit der Verkehrssicherheit sind dennoch zwei Auflagen in den
Entscheid aufzunehmen, welche bei beiden Wegfahrtvarianten umzusetzen bzw.
einzuhalten sind. So hat die Beschwerdegegnerin – der Forderung des TBA OIK II folgend
– links und rechts des Ausfahrttors je einen Pfosten aufzustellen, damit Fussgänger nicht
46 Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 (VRV, SR 741.11), vgl. Art. 15 Abs. 3 und Art. 41 Abs. 2.
RA Nr. 110/2015/155 30
der Fassade entlang auf das Tor zulaufen können. Da sich die Fassadenlinie des
geplanten Neubaus nicht direkt auf der Parzellengrenze befindet, können diese Pfosten
noch auf der Parzelle der Beschwerdegegnerin positioniert werden. Weiter steht gemäss
dem in der Studie zur verkehrlichen Machbarkeit umschriebenen Anlieferungskonzept
immer ein Sattelauflieger an einer der beiden Rampen. Dies könne dazu führen, dass ein
Sattelschlepper einen Wechsel des Aufliegers vornehme.47 Da Rückwärtsfahrten oder -
manöver ausserhalb des Gebäudes aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht erlaubt sind,
gilt es zu verhindern, dass für diese Wechselmanöver aus dem Anlieferbereich
herausgefahren wird. Auch sonst dürfen allfällige Manöver nur innerhalb des
Anlieferbereichs stattfinden. Es ist daher mittels Auflage vorzuschreiben, dass allfällige
Manöver der Lastwagen gänzlich innerhalb des Anlieferungsbereichs stattzufinden haben.
Diese Auflagen sind zum Erreichen des damit angestrebten Ziels – Wahrung der
Verkehrssicherheit – erforderlich, geeignet und für die Beschwerdegegnerin ohne weiteres
zumutbar.48
7. Lärm
a) Die Beschwerdeführenden befürchten übermässige Immissionen, einerseits im
Zusammenhang mit den Anlieferungs- und Warenumschlagsverhältnissen im
Entladebereich an den Rampen und beim Manövrieren beim An- und Wegfahren der
Lastwagen, andererseits im Zusammenhang mit den erforderlichen haustechnischen
Anlagen. Die Lärmquellen beim Be- und Entladen der Lieferfahrzeuge seien bestmöglich
abzuschirmen (schallabsorbierende Verkleidungen, Schliessungen der Tore, usw.).
b) Luftverunreinigungen, Lärm, Erschütterungen und Strahlen sind durch Massnahmen
an der Quelle zu begrenzen. Unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung sind
Emissionen im Rahmen der Vorsorge so weit zu begrenzen, als dies technisch und
betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 1 und 2 USG). In einem
zweiten Schritt sind die Emissionsbeschränkungen zu verschärfen, wenn feststeht oder zu
erwarten ist, dass die Einwirkungen unter Berücksichtigung der bestehenden
Umweltbelastung schädlich oder lästig werden (Art. 11 Abs. 3 USG). Ob die
47 Studie zur verkehrlichen Machbarkeit vom 26. November 2014, Beilage 1, S. 3, Vorakten Ordner III. 48 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 38-39 N. 15a.
RA Nr. 110/2015/155 31
Voraussetzungen einer verschärften Emissionsbegrenzung gegeben sind, hat die Behörde
anhand der Belastungsgrenzwerte zu beurteilen.
Das umstrittene Bauvorhaben stellt eine neue ortsfeste Anlage dar, welches die
Planungswerte einzuhalten hat (Art. 7 Abs. 1 Bst. b LSV49). Ein Streifen der Bauparzelle
entlang der Moserstrasse liegt in der Lärmempfindlichkeitsstufe ES III gemäss Art. 43 Abs.
1 Bst. c LSV, der Rest der Parzelle und damit auch der Bereich der geplanten
Warenanlieferung sowie das umliegende Wohngebiet entlang der Breitenrain- und der
Allmendstrasse sind der Lärmempfindlichkeitsstufe ES II zugeordnet (Art. 43 Abs. 1 Bst. b
LSV). Sämtliche Wohnhäuser der Beschwerdeführenden liegen in der ES II.
Die Beschwerdeführenden befürchten übermässige Lärmbeeinträchtigungen durch den
Warenumschlag der Migros im Bereich der Anlieferplätze für Lastwagen sowie im
Zusammenhang mit den erforderlichen haustechnischen Anlagen. Der Gewerbebetrieb der
Beschwerdegegnerin hat in seiner Gesamtheit die Belastungsgrenzwerte für Industrie- und
Gewerbelärm einzuhalten. Die relevanten Planungswerte betragen in der ES III 60 dBA
tagsüber und 50 dBA nachts, in der ES II 55 dBA tagsüber und 45 dBA nachts (Anhang 6
LSV), wobei bei Betriebsräumen zusätzlich Art. 42 LSV zu beachten ist.
Haustechnische Anlagen gelten zudem als Einzelanlagen, bei welchen die Stadt Bern die
Forderung nach zusätzlichen emissionsbegrenzenden Massnahmen mit einem
Vorsorgewert konkretisiert, der strenger ist als die Planungswerte. Der Vorsorgewert in der
ES II und III beträgt während der akustischen Tageszeit (07.00 - 19.00 Uhr) 45 dB(A) und
während der Nachtzeit (19.00 - 07.00 Uhr) 35 dB(A).50
c) Die Beschwerdegegnerin liess ein Lärmgutachten erstellen.51 Darin wurde im
Zusammenhang mit dem Betriebslärm zuerst einzig die Warenanlieferung und die
Parkierungsanlage als massgebliche Lärmquellen identifiziert und wie folgt beurteilt (Ziffer
3.4.2 und 4.3): Die Beurteilung des Betriebslärms habe ergeben, dass die
Warenanlieferung und die Parkierungsanlage die Planungswerte nach Anhang 6 LSV
einhalten. Auch unter Annahme, dass im Nachtzeitraum jeweils zwei Lieferungen per LKW
pro Stunde kommen (d.h. zum Beispiel zwei LKW zwischen 6 und 7 Uhr morgens) würden
49 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41). 50 Zu finden unter http://www.bern.ch/themen/umwelt-natur-und-energie/larm, Downloads und Links. 51 K._AG, Lärmgutachten vom 27. Mai 2014 / revidiert am 24. November 2014, Vorakten Ordner III.
http://www.bern.ch/themen/umwelt-natur-und-energie/larm
RA Nr. 110/2015/155 32
die Grenzwerte eingehalten. Für die Warenanlieferung sei ein geschlossener Bereich
vorgesehen und die Auf-und Abladevorgänge könnten entsprechend hinter geschlossenen
Türen stattfinden, weshalb diesbezüglich mit keinen massgeblichen
Aussenlärmemissionen zu rechnen sei. In einem späteren Stadium zogen die Gutachter
bei der Beurteilung auch noch die zwei technischen Aussenanlagen (Rückkühler auf Dach
und Gas-Kühler im Einfahrtsbereich der Einstellhalle) mit ein und überprüften diese sowohl
auf die Einhaltung der Vorsorgewerte für Einzelanlagen als auch zusammen mit der
Warenanlieferung und der Parkierungsanlage auf die Einhaltung der Planungswerte für
Industrie- und Gewerbeanlagen. Dies führte zu folgender Einschätzung hinsichtlich der
Einzelanlagen: "Damit die Beurteilungspegel der technischen Aussenanlagen bei den exponiertesten
Empfängerpunkten die Vorsorgewerte von 35 dB(A) nachts einhalten können, sind mittels
Massnahmen an der Quelle oder auf dem Ausbreitungsweg Pegelreduktionen von mindestens 2 dB
beim Rückkühler auf dem Dach und mindestens 5 dB beim Kühler in der Einstellhallenzufahrt
erforderlich." (Ziffer 5.2.3)
Im Zusammenhang mit dem Rückkühler auf dem Dach sei "eine akustisch wirksame
Lärmschutzmassnahme erforderlich (z.B. schallabsorbierende Einhausung des Rückkühlers auf
allen Seiten), um die Vorsorgewerte auch nachts einhalten zu können." (Ziffer 5.2.1)
Betreffend Gas-Kühler im Einfahrtsbereich der Einstellhalle wird Folgendes festgehalten: "Um eine
entsprechende Lärmreduktion erreichen zu können, sind folgende Massnahmen an der Lärmquelle
und auf dem Ausbreitungsweg vorgesehen: Wahl eines Gerätes auf dem neuesten Stand der
Technik (geringere Lärmemissionen), Schalldämpfende räumliche Abtrennung bzw. Einhausung des
Gas-Kühlers, Kanal mit eingebautem Schalldämpfer (Ausblasbereich), Schalldämmkulissen im
Ausbreitungsbereich zwischen Gas-Kühler und Wetterschutzgitter, Schallabsorbierende Verkleidung
von Wänden und Decke in Quellennähe und auf dem Ausbreitungsweg." (Ziffer 5.2.2)
Im Zusammenhang mit den einzuhaltenden Planungswerten für Industrie- und
Gewerbelärm wurde folgendes Fazit gezogen: "Als massgebliche Lärmquellen des Industrie-/Gewerbelärms wurden neben den oben erwähnten
technischen Aussenanlagen auch die Warenanlieferung und Parkierungsanlage identifiziert. Die
maximalen Summenpegel aller Industrie-/Gewerbelärmquellen werden im Bereich der
Einstellhallenzufahrt erwartet (ca. 2. OG bestehende Liegenschaft Allmendstrasse sowie Neubau).
Um die Anforderungen nach LSV Anhang 6 einzuhalten:
- Ist der Belastungspegel beim Wetterschutzgitter Seite Allmendstrasse mittels Lärm- und
Schallschutzmassnahmen an der Quelle und auf dem Ausbreitungsweg des Schalls auf einen
Pegel von maximal 45 dB(A) zu reduzieren.
- Ist der Belastungspegel beim Wetterschutzgitter Seite Innenhof mittels Lärm- und
Schallschutzmassnahmen an der Quelle und auf dem Ausbreitungsweg des Schalls auf einen
Pegel von maximal 40 dB(A) zu reduzieren.
RA Nr. 110/2015/155 33
Dadurch kann sichergestellt werden, dass der Planungswert von 45 db(A) nachts auch bei den
exponiertesten Empfängerpunkten nicht überschritten wird." (Ziffer 5.2.3)
d) Das Amt für Umweltschutz der Stadt Bern (AfU) hat das Baugesuch geprüft und mit
Amtsbericht/Fachbericht vom 17. April 2015 unter Bedingungen und Auflagen als
bewilligungsfähig eingestuft.52 Im Rahmen der Auflagen wurde insbesondere verlangt, dass
die im Lärm-Gutachten der K._AG definierten Massnahmen umzusetzen sind,
dass die Lärmemissionen der haustechnischen Anlagen so weit zu beschränken sind, als
dies technisch und betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist, mindestens aber so
weit, dass ihre Lärmeinwirkungen (Summe aller Anlagen) bei den betroffenen Wohn- und
Arbeitsräumen den Wert von tags 45 dB(A) und nachts 35 dB(A) nicht überschreiten und
schliesslich dass beim Warenumschlag die Tore der Anlieferung geschlossen zu halten
sind. Diese Auflagen wurden im Bericht des Bauinspektorats vom 15. Juni 2015
übernommen.
Auf Aufforderung des Rechtsamts der BVE zeigte die Beschwerdegegnerin mit
Stellungnahme vom 5. Februar 2016 anhand zusätzlicher Detailpläne53 auf, welche
Schallschutzmassnahmen bei den haustechnischen Anlagen vorgesehen sind. Zudem
reichte sie einen ergänzenden Nachweis der K._AG ein.54 Darin wurden die
bereits im ersten Lärmgutachten geforderten und vorgesehenen Lärm- und
Schallschutzmassnahmen nochmals umschrieben und bestätigt, dass bei Umsetzung
dieser Massnahmen die massgebenden Grenz- und Vorsorgewerte eingehalten werden
können, sofern für die haustechnischen Anlagen ein Gerätetyp gewählt wird, dessen
Schallemissionen gemäss Herstellerangaben diejenigen der gemäss aktuellem Stand
vorgesehenen Gerätemodelle nicht überschreitet (Gaskühler Einstellhalle:
Schallleistungspegel von maximal 86 dB(A) und Schalldruckpegel von 54 dB in 10 m
Abstand; Rückkühler auf Dach: Schallleistungspegel von maximal 72 dB(A) und
Schalldruckpegel von 54.6 dB in 3 m Abstand). Mit Bericht vom 19. Februar 2016 beurteilte
das AfU die vorgesehenen Lärmschutzmassnahmen in der Wirkung als sinnvoll und
zweckmässig. Es könne davon ausgegangen werden, dass damit die haustechnischen
52 Vorakten Ordner I, pag. 699 f. 53 Detailpläne "Gas Rückkühler über Einfahrt Einstellhalle" und "Rückkühler auf Dach", beide vom 4. Februar 2016, mit Stempel Rechtsamt BVE vom 9. Februar 2016. 54 K._AG, Theoretischer Nachweis für Lärmschutzmassnahmen am Rückkühler auf dem Dach und Gas-Rückkühler in der ESH-Einfahrt, 3. Februar 2016, mit Stempel Rechtsamt BVE vom 9. Februar 2016.
RA Nr. 110/2015/155 34
Anlagen bei allen umliegenden lärmempfindlichen Beurteilungspunkten die Vorsorgewerte
sicher einhalten werden. Um dies sicherzustellen, sei ihre Auflage wie folgt zu ergänzen: "Die im «theoretischen Nachweis für Lärmschutzmassnahmen am Rückkühler auf dem Dach und
Gas-Kühler in der ESH-Einfahrt» der K._AG vom 3.2.2016 definierten Massnahmen sind
umzusetzen.
Nach Abschluss der Bauarbeiten sind die Lärmimmissionen der haustechnischen Anlagen in
Absprache mit dem Amt für Umweltschutz der Stadt Bern zu überprüfen."
e) Die BVE sieht keinen Grund, von der Einschätzung der städtischen Fachbehörde
abzuweichen. Die Beschwerdegegnerin belegt mit dem eingereichten Lärmgutachten und
den zusätzlichen, im Beschwerdeverfahren eingereichten Unterlagen die Einhaltung der für
Industrie- und Gewerbelärm massgebenden Planungswerte sowie der Vorsorgewerte für
Einzelanlagen. Dies unter der Voraussetzung, dass die im Lärmgutachten vom 24.
November 2014 inkl. ergänzendem Bericht vom 3. Februar 2016 verlangten Lärm- und
Schallschutzmassnahmen bei den beiden Kühlergeräten vorgenommen werden. Die
bereits im Bericht des Bauinspektorats vom 15. Juni 2015 vorgesehene Auflage wird mit
dem vorliegenden Entscheid – entsprechend der Empfehlung des AfU – ergänzt (vgl. E.
7d), womit sich die Beschwerdegegnerin ausdrücklich einverstanden erklärte. Damit ist
sichergestellt, dass die vorgesehenen Lärmschutzmassnahmen auch umgesetzt werden.
Eine weitere, bereits bestehende Auflage des AfU verlangt zudem, dass beim
Warenumschlag die Tore der Anlieferung geschlossen zu halten sind. Insgesamt können
so die für Industrie- und Gewerbelärm massgebenden Planungswerte sowie die
Vorsorgewerte für Einzelanlagen eingehalten werden.
f) Die Beschwerdeführenden bringen weiter vor, auf den Dachflächen der neuen
Siedlung seien Kinderspielplätze und allen Bewohnern zugängliche Aufenthaltsbereiche
vorgesehen, weshalb besonders in der warmen Jahreszeit mit intensivem Nachtlärm zu
rechnen sei. Es sei mittels Auflagen oder Vereinbarungen mit der Bauherrschaft
sicherzustellen, dass die für die Bewohner allgemein zugänglichen Aufenthaltsbereiche
und Terrassen nicht ohne zeitliche Beschränkungen für Feiern, lautstarke Unterhaltungen
und dergleichen benutzt werden dürften.
Auf diese Rüge ist vorliegend nicht einzutreten. Die vorgesehene Nutzung dieser allen
Bewohnern zugänglichen Aufenthaltsbereiche und Terrassen entspricht der gewöhnlichen
Nutzung beliebiger Aussenbereiche von Wohnhäusern. Es bestehen daher keine
besonderen Indizien, dass mit übermässigem Lärm zu rechnen wäre. Damit sind im
RA Nr. 110/2015/155 35
Rahmen des Baubewilligungsverfahrens keine Auflagen hierzu angezeigt. Die Einhaltung
der Nacht- und Sonntagsruhe ist in den polizeilichen Erlassen geregelt. Sollte die
Anwohnerschaft des umstrittenen Bauvorhabens dereinst dagegen verstossen, wird dies
im Rahmen eines polizeilichen Verfahrens zu klären sein.
8. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführenden rügen, das Vorhaben stelle eine Beeinträchtigung des
Quartiers- und Strassenbildes dar. Insbesondere die langgezogene, entlang der
Moserstrasse ununterbrochene Fassade sei nicht ortsüblich, schaffe ein zu grosses
Volumen und störe das Quartierbild erheblich. Es handle sich um eine ortsfremde,
überdimensionierte Bauform mit einer aussergewöhnlichen Fassadenstruktur und zu
grossen Fenstern, welche auf die für das Breitenrainquartier charakteristischen und
quartierüblichen Merkmale keine Rücksicht nehme. Eine objektive Würdigung müsste
durch unabhängige, nicht "stadtnahe" Experten vorgenommen werden.
b) Laut Art. 9 Abs. 1 BauG dürfen Bauten und Anlagen die Landschaften, Orts- und
Strassenbilder nicht beeinträchtigen. Art. 6 Abs. 1 BO legt zudem fest, dass Bauten,
Gebäudeteile und Gestaltungen des öffentlichen sowie privaten Aussenraums, die sich in
ihrer Erscheinung nicht in das Stadt-, Quartier- und Strassenbild sowie die Stadtsilhouette
einfügen oder die Einheitlichkeit der wesentlichen Merkmale der betreffenden Bebauung
nicht wahren, unzulässig sind, auch wenn sie den übrigen Bauvorschriften entsprechen.
Für die Einordnung sind nach Abs. 2 von Art. 6 BO insbesondere die Gestaltung und
Anordnung folgender Elemente massgebend: "a. Standort, Stellung und Form (Baukubus und Dach) des Gebäudes;
b. Gliederung der Aussenflächen (Fassaden und Dach), insbesondere von Sockelgeschoss,
Dachrand, Balkone, Erker und Attika;
c. Material und Farbe;
d. Eingänge, Ein- und Ausfahrten;
e. Aussenraum, insbesondere die Begrenzung gegenüber dem Strassenraum, die
Lärmschutzmassnahmen, die Abstellplätze und die Bepflanzung."
Diese Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihr kommt daher selbständige
Bedeutung zu. Bei ihrer Auslegung und Anwendung kann sich die Stadt Bern auf die
Gemeindeautonomie berufen. Es ist somit vorab Sache der Stadt Bern, zu bestimmen, wie
RA Nr. 110/2015/155 36
sie ihre Ästhetikvorschrift verstanden haben will. Die BVE als Rechtsmittelinstanz hat nur
zu prüfen, ob die Auslegung durch die Stadt Bern rechtlich haltbar ist.55
c) Das Bauinspektorat der Stadt Bern äusserte sich in seinem Bericht vom 15. Juni
2015 ausführlich zur Einordnung des umstrittenen Vorhabens56. Dabei verwies es auf den
durchgeführten Architekturwettbewerb nach SIA-Norm 142, in welchem die Fachjury
folgende Einschätzung abgab (Auszug aus dem Bericht des Preisgerichts57): "Den Verfassern gelingt ein Entwurf der auf die zahlreichen und teilweise widersprüchlichen
Anforderungen eine kohärente und überzeugende Gesamtlösung liefert. Ein volumetrisch stark
gegliederter Blockrand umfasst das grosse dreieckige Areal und fasst einen öffentlich zugänglichen
Hof.
Über den rundum durch grosse Öffnungen geprägten Sockel sind auf den drei Strassenseiten
jeweils fünfgeschossige Trakte aufgebaut, welche den Massstab des Gründerzeit-Quartiers
aufnehmen und durch die Gebäudezwischenräume an den drei Ecksituationen Licht in den Hof
führen und die üblichen, geschlossenen Hofecken geschickt auflösen.
Über dem ersten und zweiten Obergeschoss entstehen dadurch attraktive urbane Terrassen sowie
wohltuende Quer- und Sichtbezüge von den Hoffassaden bis zu den gegenüberliegenden
Strassenseiten.
Die Gliederung der Fassade mit mehreren Hofzugängen, dem Terrain folgenden, leichten
Staffelungen, Loggien und einer Varianz aus gut aufeinander abgestimmten Fenster- und
Öffnungstypen verspricht eine ruhige und dem jeweiligen Vis-à-Vis angemessene Erscheinung.
Die Materialisierung aus schlanken Betonelementen sowie geschlossenen und lichtdurchlässigen
Füllflächen aus Klinker ist angemessen und hochwertig.
"Rainer" generiert einen überzeugenden neuen Baustein im Breitenrain. Nicht nur als attraktive
Adresse für die Migros, sondern als komplexe urbane Gesamtanlage werden die funktionalen
Anforderungen gut erfüllt und die Integration in eine anspruchsvolle bestehende Quartierstruktur auf
hohem Niveau gelöst."
Die Stadt kam zum Schluss, dass sich der Beizug der Fachkommission erübrige, wenn ein
Projekt durch eine ausgewiesene Wettbewerbsjury beurteilt werde. Das Bauvorhaben
werde gestalterisch überhaupt nicht beanstandet."
Gestützt auf diese Einschätzung der Stadt Bern hielt die Vorinstanz im Entscheid fest, es
sei nicht ersichtlich, inwiefern das zu beurteilende Bauvorhaben das Ortsbild verletzen
55 VGE 100.2014.129 vom 23.04.2015, E. 5.3 und 5.4, mit Hinweisen. 56 Vorakten Ordner I, pag. 721 f. 57 Vorakten, Ordner III.
RA Nr. 110/2015/155 37
solle. Einerseits sei das Vorhaben als Sieger aus dem durchgeführten Projektwettbewerb
hervorgegangen und andererseits habe das Bauinspektorat der Stadt Bern keinerlei
Bedenken betreffend eine allfällige Gefährdung des Ortsbildes geäussert. Die
Einsprechenden blieben in ihren Aussagen hingegen vage und würden das Projekt als
Ganzes als nicht ortsbildtauglich beurteilen. Überzeugende Gründe jedoch, weshalb die
Richtigkeit der Auswahl der Wettbewerbsjury, insbesondere der Fachexperten, bzw. die
Einschätzung des Bauinspektorats der Stadt Bern in Zweifel gezogen werden müsste,
würden sie nicht vorbringen.
d) Parteieingaben müssen gemäss Art. 32 Abs. 2 VRPG bestimmten
Mindestanforderungen an die Form genügen. Was die Begründung betrifft, so genügt es,
wenn aus der Beschwerdeschrift ersichtlich ist, in welchen Punkten und weshalb der
angefochtene Entscheid beanstandet wird. Die Rechtsmitteleingabe muss sich aber in
minimaler Form mit dem angefochtenen Entscheid auseinandersetzen und es muss
sinngemäss erkennbar sein, welche Rechtsnorm oder Grundsätze der
Ermessungsausübung nach Auffassung der beschwerdeführenden Partei verletzt oder
inwiefern Sachverhaltselemente unrichtig oder unvollständig festgestellt worden sind.58
In ihrer Beschwerde setzen sich die Beschwerdeführenden in keiner Weise mit den
ausführlichen Standpunkten der Stadt Bern und der Vorinstanz sowie mit der Einschätzung
der Fachjury im Rahmen des Projektwettbewerbs auseinander. Vielmehr wiederholen sie
mehr oder weniger das bereits in der Einsprache Vorgebrachte. Auf ihre diesbezüglichen
Rügen ist daher mangels genügender Begründung nicht einzutreten.
e) Selbst wenn auf die ästhetischen Vorbringen der Beschwerdeführenden einzutreten
wäre, erwiesen sich diese als unbegründet: Die Bauparzelle befindet sich nicht in einem
Ortsbildschutzperimeter. Sie grenzt zwar südwestlich an das Ensemble 4 "Moserstrasse",
welches im Bereich der Abzweigung Moserstrasse - Allmendstrasse endet. Im Nordosten
befindet sich zudem das Ensemble 7 "Breitenrainplatz"; der nordöstlichste Teil der
Bauparzelle befindet sich gemäss städtischem Bauinventar sogar noch innerhalb dieses
Ensembles. Dessen Fokus jedoch liegt nicht im Bereich der Bauparzelle, sondern vielmehr
im Bereich des angrenzenden Breitenrainplatzes. Trotz dieser Nähe zu diesen Ensembles
liegt das Bauvorhaben nicht in einer besonders sensiblen Umgebung. Es kann unter
58 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 32 N. 15.
RA Nr. 110/2015/155 38
diesen Umständen nicht gesagt werden, dass sich das Bauvorhaben nicht gut in die
bauliche Umgebung einfügt. Vielmehr entspricht die geplante Blockrandbebauung – wie
schon dargelegt (E. 5f) – der historisch gewachsenen städtebaulichen Situation im Umfeld
des Breitenrainplatzes. Auch die Grösse dieser Blockrandbebauung ist in der unmittelbaren
Umgebung durchaus üblich, wie ein Blick auf das Luftbild59 zeigt. Dieses Luftbild lässt auch
erkennen, dass sich die geplante Blockrandbebauung auch bezüglich seiner Form
(abnehmende Breite gegen den Breitenrainplatz hin) gut in das bestehende Quartierbild
einfügt. Wieso die entlang der Moserstrasse ununterbrochene Fassade nicht ortsüblich
sein sollte – wie dies die Beschwerdeführenden geltend machen – ist nicht
nachvollziehbar; in der unmittelbaren Umgebung befinden sich verschiedentlich
Blockrandbauten mit noch längeren, ununterbrochenen Fassaden. Das Vorhaben hält
zudem die baupolizeilichen Masse ein. Insgesamt fügt sich das Vorhaben hinsichtlich
seiner Stellung, Form und Grösse gut in die Umgebung ein. Architektonisch unterscheidet
sich der Neubau natürlich vom älteren Gebäudebestand in der Umgebung, was jedoch
nicht unzulässig ist. Von einer "aussergewöhnlichen Fassadenstruktur mit zu grossen
Fenstern, welche auf die für das Breitenrainquartier charakteristischen und quartierüblichen
Merkmale nicht Rücksicht nimmt", kann jedoch nicht gesprochen werden. Sowohl die
Farbwahl (sand/terracotta hell) als auch die Materialisierung der Fassaden
(Betonelemente, Klinker) sind unauffällig. Die unmittelbare Umgebung ist bezüglich der
Fassadenfarben und -materialien äusserst heterogen; es lässt sich kein vorherrschendes
Muster erkennen; umliegend finden sich zudem sowohl ältere als auch neuere Gebäude.
Damit hebt sich das Bauvorhaben auch architektonisch nicht in unzulässiger Weise vom
Umgebungsbild ab; vielmehr fügt es sich gut in das heterogene Bild der Umgebung ein.
Insgesamt sieht die BVE keinen Anlass, von der Einschätzung der Fachjury im
Projektwettbewerb und der Ansicht der Vorinstanz und der Stadt abzuweichen. Das
Vorhaben fügt sich gut in das Stadt-, Quartier- und Strassenbild ein. Es wurde im Rahmen
eines Projektwettbewerbs erarbeitet und von einer fachkundigen Jury beurteilt; zudem
befindet es sich trotz prominenter Lage in einer ästhetisch nicht besonders geschützten
Umgebung. Unter diesen Umständen konnte auf den Beizug einer Fachbehörde zur
Beurteilung der Ästhetik verzichtet werden. Der entsprechende Beweisantrag der
Beschwerdeführenden ist abzuweisen.
59 Vgl. Luftbild der näheren Umgebung, im Bericht des Preisgerichts zum Projektwettbewerb Migros Breitenrain, S. 7, Vorakten Ordner III.
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9. Baupolizeiliche Masse
a) Unter dem Titel "Gebäudehöhe, Attika, baupolizeiliche Masse" führen die
Beschwerdeführenden aus, die Einhaltung der Bau- und Zonenvorschriften inkl.
baupolizeilichen Masse sei von Amtes wegen zu überprüfen.
b) Die Beschwerdeführenden lassen mit diesem Einwand nicht erkennen, welche
baupolizeilichen Vorgaben nicht eingehalten sein sollten. Eine Beschwerdeschrift genügt
den Anforderungen an die Begründung im Sinne von Art. 32 Abs. 2 VRPG nur, wenn
daraus ersichtlich ist, in welchen Punkten und weshalb der angefochtene Entscheid
beanstandet wird. Die Rechtsmitteleingabe muss sich in minimaler Form mit dem
angefochtenen Entscheid auseinandersetzen.60 Diese Voraussetzungen sind nicht erfüllt,
weshalb auf den Einwand der Beschwerdeführenden nicht eingetreten werden kann.
c) Die BVE besitzt als Beschwerdeinstanz zwar volle Überprüfungsbefugnis und kann
den Bauentscheid von Amtes wegen abändern oder aufheben (Art. 40 Abs. 3 BauG,
Art. 40 Abs. 1 VRPG). Eine Überprüfung von Amtes wegen setzt jedoch einen erheblichen
Mangel voraus. Das Bauinspektorat hat in seinem Bericht vom 15. Juni 2015 die
Einhaltung der baupolizeilichen Masse überprüft und bejaht.61 Diese Ausführungen lassen
keinen Mangel/Fehler erkennen. Für das Aufgreifen gewisser Punkte von Amtes wegen
besteht daher kein Anlass.
10. Baugrund, Gefährdung von Nachbarbauten
a) Gemäss den Beschwerdeführenden befindet sich im fraglichen Gebiet im Untergrund
eine Molasse-Erhebung (Berner Sandstein). Das Bauvorhaben werde Eingriffe in die
Molasseschicht erfordern; es seien zudem Tiefenbohrungen durch die Molasse
vorgesehen. Dies könne zu Erschütterungen und damit Schäden bei den umliegenden
Häusern führen. Den Gefahren sei bei ihren Grundstücken durch Baugrundabklärungen
und Beweissicherungsmassnahmen (Fotodokumentation, Rissaufnahme und
Erschütterungsmessungen) Rechnung zu tragen. Die Beweissicherungsmassnahmen
seien in Aussicht gestellt; die Bauherrschaft werde auf den abgegebenen Zusicherungen
60 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 32 N. 15. 61 Vorakten Ordner I, pag. 728 f.
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behaftet. Im Falle einer Baubewilligung hätten sie mittels Rechtsverwahrung vorsorglich
Schadenersatz-, Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche angemeldet. Von den
vorzumerkenden Rechtsverwahrungen sei Kenntnis zu nehmen.
b) Was die erwähnten Baugrundabklärungen und Beweissicherungsmassnahmen bei
den Gebäuden der Beschwerdeführenden betreffen, so handelt es sich einzig um
Massnahmen zur vorzeitigen Beweissicherung für einen allfälligen späteren
Zivilrechtsstreit. Die Beschwerdeführenden befürchten Schäden an ihren Grundstücken
und sprechen damit zivilrechtliche Haftungsfragen an. Solche Einwände sind in einem
Bauentscheid nur als Rechtsverwahrung vorzumerken, was die Vorinstanz getan hat; im
vorliegenden Entscheid muss dies nicht nochmals erfolgen. Ein öffentliches Interesse an
der Vornahme dieser Beweissicherungsmassnahmen ist nicht ersichtlich. Sie können
daher nicht Gegenstand des öffentlich-rechtlichen Baubewilligungsverfahrens bilden.
c) Abgesehen davon ist festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin die Baugrund- und
Grundwasserverhältnisse mittels geologischen Gutachtens abklären liess.62 Zudem hat sie
gemäss den Ausführungen in der Beschwerdeantwort vom 16. Dezember 2015 im
Baubewilligungsverfahren ein Beweissicherungskonzept erarbeitet und dabei mit
umfassenden Zustandsaufnahmen der Liegenschaften in der Umgebung bereits die
Umsetzung begonnen. Es ist nicht erkennbar, inwiefern der Beschwerdegegnerin bei
diesem Vorgehen ein Vorwurf gemacht werden könnte.
11. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend ist die Baubewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2015 für den
Abbruch in Abweisung der Beschwerde der Beschwerdeführerin 6 vom 6. Juli 2016 zu
bestätigen. Der Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland vom 14.
Oktober 2015 wird in teilweiser Gutheissung der Beschwerde der Beschwerdeführenden 1
bis 6 vom 16. November 2015 mit verschiedenen Auflagen ergänzt. Im Übrigen wird der
Gesamtentscheid bestätigt und die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf eingetreten
werden kann.
62 N._, Bericht über die Baugrund- und Grundwasserverhältnisse vom 11. November 2014, in den Vorakten Ordner III.
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b) Die massgeblichen Sachverhaltselemente konnten anhand der zur Verfügung
stehenden Akten und den vorgenommenen Instruktionsmassnahmen genügend überprüft
bzw. festgestellt werden. Auf die weiteren, von den Beschwerdeführenden beantragten
Beweismittel (Augenschein, Gutachten zur Ästhetik, weitere Fachberichte zu
verkehrstechnischen und strassenverkehrsrechtlichen Fragen), kann daher verzichtet
werden, da von diesen Beweismitteln keine neuen relevanten Erkenntnisse zu erwarten
sind.
c) Mit ihrer Beschwerde gegen die Abbruchbewilligung der Stadt Bern vom 3. Juni 2015
unterliegt die Beschwerdeführerin 6 vollumfänglich. Sie hat die diesbezüglichen
Verfahrenskosten zu tragen. Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr.
1'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV63).
Die Beschwerdeführerin 6 hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten für ihre
Aufwendungen im Zusammenhang mit dieser Beschwerde zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3
VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung
anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der
Beschwerdegegnerin für das Verfahren betreffend der Beschwerde gegen die
Abbruchbewilligung beläuft sich auf Fr. 7'116.35 (Honorar Fr. 6'460.00, Auslagen
Fr. 129.20, Mehrwertsteuer Fr. 527.15).
Nach Art. 11 Abs. 1 PKV64 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.00 bis Fr. 11'800.00 pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs
bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie
der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3
KAG65). Was das Beschwerdeverfahren gegen die Abbruchbewilligung der Stadt Bern
betrifft, so ist der gebotene Zeitaufwand als unterdurchschnittlich zu werten. Die
Beschwerdegegnerin hatte einzig eine Beschwerdeantwort einzureichen. Angesichts des
Streitgegenstands und den umstrittenen Rechtsfragen ist die Bedeutung der Streitsache
und die Schwierigkeit des Prozesses insgesamt als höchstens durchschnittlich einzustufen.
63 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21). 64 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811). 65 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11).
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Nach dem Gesagten erscheint für diesen Teil des Beschwerdeverfahrens ein Honorar von
Fr. 3'500.00 als angemessen. Zu berücksichtigen ist zudem, dass die Beschwerdegegnerin
mehrwertsteuerpflichtig ist66 und somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte
Mehrwertsteuer in ihrer eigenen Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen kann.
Ihr fällt daher betreffend Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der
Mehrwertsteuer käme einer mit Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren
Überentschädigung gleich. Nach neuer Praxis des Verwaltungsgerichts ist deshalb die in
der Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin aufgeführte Mehrwertsteuer
bei der Bestimmung des Parteikostenersatzes nicht zu berücksichtigen.67 Die Parteikosten
der Beschwerdegegnerin werden daher auf Fr. 3'629.20 (Honorar Fr. 3'500.00, Auslagen
Fr. 129.20) festgesetzt.
d) Die Beschwerde der Beschwerdeführenden 1 bis 6 gegen den Gesamtentscheid des
Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland vom 14. Oktober 2015 wird teilweise
gutgeheissen. Zwar sind ihre Rechtsbegehren abzuweisen, aber aufgrund ihrer Vorbringen
wird der vorinstanzliche Entscheid mit verschiedenen Auflagen ergänzt (Aufteilung
Personenwagenparkplätze, Auflagen im Zusammenhang mit der Warenanlieferung und der
Lärmproblematik). Dies führt dazu, dass die BVE die Beschwerdeführenden 1 bis 6
hinsichtlich ihrer Beschwerde vom 16. November 2015 zu drei Vierteln und entsprechend
die Beschwerdegegnerin zu einem Viertel als unterliegend erachtet.
Die diesbezüglichen Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von
Fr. 3'200.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV68). Nach
Massgabe des Unterliegens haben damit die Beschwerdeführenden 1 bis 6
Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 2'400.00 und die Beschwerdegegnerin
Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.00 zu tragen.
Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht
deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung oder
die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Hinsichtlich der Beschwerde gegen den
66 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch> 67 BVR 2014 S. 484 E. 6 68 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland vom 14. Oktober 2015
gelten sowohl die Beschwerdeführenden 1 bis 6 als auch die Beschwerdegegnerin als
teilweise obsiegend. Analog zur Verteilung der Verfahrenskosten erscheint es
gerechtfertigt, dass die Beschwerdeführenden 1 bis 6 drei Viertel der Parteikosten der
Beschwerdegegnerin zu tragen haben, die Beschwerdegegnerin auf der anderen Seite
einen Viertel der Parteikosten der Beschwerdeführenden 1 bis 6 übernehmen muss.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdeführenden
1 bis 6 für das Verfahren betreffend der Beschwerde gegen den Gesamtentscheid des
Regierungsstatthalteramts beläuft sich auf Fr. 6'189.50 (Honorar Fr. 5'000.00, Auslagen
Fr. 335.50, Mehrwertsteuer Fr. 854.00). Diejenige des Anwalts der Beschwerdegegnerin
beträgt Fr. 11'302.40 (Honorar Fr. 10'260.00, Auslagen Fr. 205.20, Mehrwertsteuer
Fr. 837.20).
Was dieses Verfahren betrifft, so ist der gebotene Zeitaufwand als knapp durchschnittlich
zu werten. Angesichts der Baukosten gemäss Baugesuch von rund 65 Millionen Franken
und den umstrittenen Rechtsfragen sind die Bedeutung der Streitsache und die
Schwierigkeit des Prozesses insgesamt als knapp überdurchschnittlich einzustufen.
Nach dem Gesagten erscheint für diesen Teil des Beschwerdeverfahrens ein Honorar von
Fr. 7'500.00 als angemessen. Auch hier ist die in der Kostennote des Rechtsvertreters der
Beschwerdegegnerin aufgeführte Mehrwertsteuer nicht zu berücksichtigen. Die
Parteikosten der Beschwerdegegnerin werden daher auf Fr. 7'705.20 (Honorar
Fr. 7'500.00, Auslagen Fr. 205.20) festgesetzt. Die Kostennote des Anwalts der
Beschwerdeführenden 1 bis 6 gibt zu keinen Bemerkungen Anlass.
Insgesamt führt dies zum Ergebnis, dass die Beschwerdeführenden 1 bis 6 der
Beschwerdegegnerin für diesen Verfahrensteil Parteikosten in der Höhe von Fr. 5'778.90
und die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführenden 1 bis 6 Parteikosten in der Höhe
von Fr. 1'547.40 zu ersetzen haben.