# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3f39cd5a-cd2b-4894-b2f7-f0171651e0eb
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1
Der im Jahre 2001 geborene
X._
leidet seit Geburt an einer
septo
ptischen
Dysplasie mit hochgradiger Sehbehind
erung sowie einer
visusbedingt
verzögerten motorischen Entwicklung (
Urk.
7/12 S. 3).
Aufgrund des einge
schrän
kten Sehvermögens
wurde
der Versicherte erstmals am 7.
August 2002 zum
Bezug
von IV-Leistungen an
gemeldet
(
Urk.
7/1). In der Folge sprach
ihm
die IV-Stelle mehrfach Leistungen in den Bereichen Sonderschulmassnahmen, medi
zinische Massnahmen und Hilfsmittel zu (vgl. etwa
Urk.
7/4,
Urk.
7/5,
Urk.
7/
9
,
Urk.
7/52,
Urk.
7/55
,
Urk.
7/113
).
Mit Verfügung vom 2
7.
September 2007 erfolgte
die
Zusprache
einer
Hilflosenentschädigung
für Minderjährige (leichte Hilflosig
keit
im Sonderfall
,
Urk.
7/62).
1.2
Im Hinblick auf die erstmalige berufliche Ausbildung erteilte die IV-Stelle mit Mitteilung vom
4.
Januar 2018 Kostengutsprache für ein sehbehin
d
erten
techni
sches Assessment (
Urk.
7/140). Mit Verfügung vom 3
0.
Januar 2019 erteilte
sie weiter
Gutsprache für die Mehrkosten der
erstmalige
n
berufliche
n
Ausbildung ab
1.
August 2018 (
Urk.
7/174),
wobei bereits
mit Mitteilung vom 3
1.
Januar 2019 über den Abbruch der entsprechenden Massnahme
informiert wurde
(Urk. 7/175). Das Gesuch um Wiederaufnahme der beruflichen Massnahme datiert vom
9.
Juli 2019 (
Urk.
7/185
; vgl. auch Urk. 7/177
).
Mit Mitteilung vom 2
5.
März 2020 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für die sehbehindertentechnische Vorbe
rei
tung auf eine berufliche Erstausbildung (
Urk.
7/221,
Urk.
7/234).
Mit Schreiben vom 10. September 2020 wurde der Versicherte auf die ihm obliegende Schaden
minderungspflicht hingewiesen (Urk. 7/245).
Mit Verfügung vom
2.
Dezember 2020 erfolgte der erneute Abbruch der beruflichen Massnahme (Urk. 7/254).
Am 1
6.
Juni 2021 meldete sich der Versicherte zum Rentenbezug an (
Urk.
7/261). Mit Vorbescheid vom
6.
September 2021 stellte die IV-Stelle das Nichteintreten auf das neue Leistungsbegehren in Aussicht (
Urk.
7/270) und hielt an diesem Entscheid mit Verfügung vom 2
5.
Oktober 2021 fest (
Urk.
7/274
= Urk. 2
).
2.
Dagegen erhob der Vertreter des Versicherten am 1
6.
November 2021 Beschwerde und beantragte, es sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, die Leistungsan
sprüche des Beschwerdeführers – insbesondere Rente – materiell zu prüfen. Weiter
sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (
Urk.
1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom
6.
Januar 2022 beantragte die IV-Stelle unter Hin
weis auf die Verfahrensakten die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 1
1.
Januar 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts; ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser
Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den An
spruch erheblichen Weise geändert hat. Tritt die Verwaltung auf die Neuan
mel
dung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu verge
wissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Verände
rung des Invali
di
täts
grades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbe
grün
den
de Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerde
fall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
Mit Art. 87 Abs. 3 in Verbindung mit Abs. 2 IVV soll verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach vorangegangener rechtskräftiger Leistungsverweige
rung immer wieder mit gleichlautenden und nicht näher begründeten, das heisst keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen befassen muss (BGE
109 V 108 E. 2a, 264 E. 3). Hingegen kann diese
Eintretensvorschrift
nicht dahin
gehend ausgelegt werden, dass die glaubhaft zu machende Änderung gerade jenes Anspruchselement betreffen muss, welches die Verwaltung der früheren rechts
kräftigen Leistungsabweisung zugrunde legte. Vielmehr muss es genügen, wenn die versicherte Person zumindest die Änderung eines Sachverhalts aus dem ge
sam
ten für die Rentenberechtigung erheblichen Tatsachenspektrum glaubwür
dig dartut. Trifft dies zu, ist die Verwaltung verpflichtet, auf das neue Leistungs
begehren einzutreten und es in tatsächlicher (wie selbstverständlich auch in rechtlicher) Hinsicht allseitig zu prüfen (BGE 117 V 198 E. 3a und E. 4b; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 72 E. 2.2 mit Hinweisen).
Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens sind herabgesetzte Anforderungen an den Beweis verbunden; die Tatsachenänderung muss also nicht nach dem im Sozialversicherungsrecht sonst üblichen Grad der überwiegenden Wahrschein
lichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b) erstellt sein. Es genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstandes wenigstens gewisse An
halts
punkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstel
len lassen. Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn ange
nommen werden kann, der Anspruch auf eine Invalidenrente (oder deren Erhö
hung) sei begründet, falls sich die geltend gemachten Umstände als richtig erwei
sen sollten (Urteil des
Bundesgerichts 9C_523/2014 vom 19. November 2014 E. 2 mit weiteren Hinwei
sen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die ange
fochtene Verfügung damit, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der Neuanmeldung eine Veränderung der Verhält
nisse glaubhaft machen müsse, wobei die Aktenlage keine Veränderung zeige. Es gelte der Grundsatz «Eingliederung vor Rente», sodass
solange
kein Renten
an
spruch bestehe, als von Eingliederungsmassnahmen eine rentenbeeinflussende Änderung der Erwerbsfähigkeit erwartet werden könne (
Urk.
2).
2.2
Demgegenüber machte der Vertreter des Beschwerdeführers im Wesentlichen gel
tend, dass mit Verfügung vom
2.
Dezember 2020 allein über die beruflichen Mass
nahmen entschieden worden sei, sodass das Verfahren betreffend Rentenan
spru
ch noch immer anhängig und von der Beschwerdeführerin materiell zu prüfen sei (
Urk.
1 S. 6). Selbst wenn man von einem Neuanmeldeverfahren ausgehen würde, wäre gestützt auf den Bericht von
Dr.
med.
Y._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 3
0.
August 2021 eine Veränderung des Gesundheits
zustandes glaubhaft dargetan (S. 7).
3.
3.1
In seinem Bericht vom 3
0.
August 2021 führte
Dr.
Y._
aus, dass sich der Be
schwerdeführer seit dem 1
1.
November 2020 in seiner ambulanten B
eha
ndlung befinde.
Der Beschwerdeführer leide an depressiven Symptomen, die teilweise
chronifiziert
seien und aufgrund seiner widrigen Lebensumstände und seiner belasteten Lebensgeschichte zu einer tiefen Verbitterung und Enttäuschung geführt hätten. In diesem Zusammenhang habe er ein äusserst negatives Weltbild und auch ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Menschen und Institutionen ent
wickelt.
Aus psychiatrischer Sicht liege oberflächlich betrachtet eine zumindest mittel
gra
dige depressive Symptomatik vor, vielmehr sei aber das Vorliegen einer kom
bi
nier
ten Persönlichkeitsstörung mit
negativistischen
, passiv-aggressiv-vermei
den
den und selbstunsicheren Zügen aufgrund der behinderungsbedingten Ein
schrän
kungen, die auch das soziale Umfeld fast vollständig geprägt hätten, zu vermuten. Das Störungsmuster bestehe seit der Jugend und führe zu einer erheblichen Einschränkung der sozialen und beruflichen Möglichkeiten. Aktuell und auch für die nähere Zukunft bestehe keine verwertbare Arbeitsfähigkeit (Urk. 7/268).
3.2
Wie der Vertreter des Beschwerdeführers zutreffend festgestellt hat, beschlägt die Verfügung vom
2.
Dezember 2020 allein den Abbruch der beruflichen Massnah
men. Eine einlässliche Prüfung eines möglichen Rentenanspruchs fand dabei nicht statt, insbesondere erfolgte keine Würdigung der medizinischen Akten und keine Festsetzung der verbleibenden Arbeitsfähigkeit. Hingewiesen wurde ledig
lich auf den Grundsatz «Eingliederung vor Rente».
D
ieser Grundsatz
gilt aber
nicht uneingeschränkt, beschränkt sich die Pflicht eines Versicherten doch auf die Mitwirkung an zumutbaren Massnahmen. Als zumutbar gelten dabei
jene Mass
nahmen
,
die der Eingliederung der versicherten Person dienen; ausge
nom
men sind Massnahmen, die ihrem Gesundheitszustand nicht angemessen sind (
Art.
7a IVG).
Aufgrund des Berichts von
Dr.
Y._
vom 3
0.
August 2021 ist die Belastbarkeit des Beschwerdeführers im Hinblick auf eine erstmalige berufliche Ausbildung in Frage gestellt, sodass das Rentenbegehren nicht mehr ohne umfassende Prüfung des medizinischen Sachverhalts abgewiesen werden kann. Selbst wenn man dabei von einer
Neuanmeldung ausginge – wobei die Verfügung vom
2.
Dezember 2020 klar gegen eine solche Annahme spricht – wäre aufgrund des neusten Berichts von
Dr.
Y._
von einer glaubhaft dargetanen massgebenden Veränderung des medizinischen Sachverhalts auszugehen.
In Gutheissung der Beschwerde ist
die Beschwerdegegnerin demzufolge zu ver
pflichten, auf das Rentenbegehren einzutreten und den massgebenden Sachver
halt umfassend abzuklären.
4.
4.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV
Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind
nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69
Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 500.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerde
führer eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwi
erigkeit des Prozesses auf
Fr.
2'0
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.
Bei diesem Ausgang wird das Gesuch betreffend Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gegenstandslos.