# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** ea938db2-8970-5399-b256-b07f4b5a6c57
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführenden reichten am 23. Januar 2017 bei der Gemeinde Evilard
ein Baugesuch ein für eine Gebäudeerweiterung und eine Gebäudeaufstockung des
bestehenden Einfamilienhauses auf Parzelle Evilard Grundbuchblatt Nr. E._. Die
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Parzelle liegt in der Wohnzone W2. Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderem die
Beschwerdegegnerin Einsprache. Die Beschwerdegegnerin ist Eigentümerin der
Nachbarparzelle Evilard Grundbuchblatt Nr. F._, welche sich ebenfalls in der
Wohnzone W2 befindet. Mit Bauentscheid vom 12. Juli 2017 erteilte die Gemeinde Evilard
den Bauabschlag.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 22. Juli 2017 (Postaufgabe: 24. Juli
2017) Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE)
ein. Sie beantragen, der Bauentscheid vom 12. Juli 2017 sei aufzuheben und dem
Baugesuch sei die Baubewilligung zu erteilen.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Dabei gab es auch den
Einsprechenden die Gelegenheit, sich als Partei am Beschwerdeverfahren zu beteiligen.
Die Beschwerdegegnerin machte von dieser Gelegenheit Gebrauch und beantragt in ihrer
Beschwerdeantwort vom 28. August 2017 die Abweisung der Beschwerde. Die Gemeinde
Evilard beantragt in ihrer Stellungnahme vom 28. August 2017 ebenfalls die Abweisung der
Beschwerde. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintreten
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden, deren Baugesuch
nicht bewilligt wurde, sind durch den vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher
zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten.
2. Vorhandene Ausnahmebewilligung
a) In der Gemeinde Evilard gilt die offene Bauweise, wo nichts anderes bestimmt ist.
Die Bauten müssen gegenüber nachbarlichem Grund allseitig die vorgeschriebenen Grenz-
und Gebäudeabstände einhalten (Art. 12a Abs. 1 GBR3). Bei der Erstellung von
Hauptgebäuden sind gegenüber dem nachbarlichen Grund die in Art. 47 festgesetzten
grossen und kleinen Grenzabstände einzuhalten (Art. 18 Abs. 1 GBR). Der kleine
Grenzabstand beträgt in der Wohnzone W2 6 m, der grosse Grenzabstand 12 m (Art. 47
GBR). Grenzabstände dürfen nur mit Ausnahmebewilligung nach kantonalem Baugesetz
oder mit schriftlicher nachbarlicher Zustimmung unterschritten werden. Mittels
Ausnahmebewilligung darf in der Regel der privatrechtliche Minimalabstand nicht
unterschritten werden (Art. 23 Abs. 1 GBR). Für Bauten, welche den gewachsenen Boden
in irgendeinem Punkt um mehr als 1.2 m überragen, beträgt der privatrechtliche
Minimalabstand 3 m (Art. 79 Abs. 1 EG ZGB). Näherbaubewilligungen dürfen nicht zur
Unterschreitung des vorgeschriebenen Gebäudeabstands führen (Art. 23 Abs. 2 GBR). Der
Abstand zweier Gebäude muss wenigstens der Summe der dazwischenliegenden, für sie
vorgeschriebenen Grenzabstände entsprechen (Art. 25 Abs. 1 GBR). Gegenüber Bauten,
die aufgrund früherer baurechtlicher Bestimmungen den nach diesem Reglement
vorgeschriebenen Grenzabstand nicht einhalten, reduziert sich der Gebäudeabstand um
das Mass des fehlenden Grenzabstandes. Die Baupolizeibehörde kann jedoch den
Gebäudeabstand angemessen vergrössern, wenn sonst für das altrechtliche oder für das
neue Gebäude die Beschattungstoleranz gemäss Art. 22 Abs. 3 der Bauverordnung
überschritten würde (Art. 25 Abs. 2 GBR).
Demzufolge müsste das aktuell bestehende Gebäude auf der Bauparzelle Nr. E._
an der Nordfassade zur Nachbarparzelle Nr. F._ einen kleinen Grenzabstand von
6 m einhalten. Tatsächlich beträgt dieser Grenzabstand rund 2 m. Umgekehrt müsste das
3 Baureglement der Einwohnergemeinde Evilard vom 29. September 1998 (Datum der Genehmigung)
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Gebäude auf der Nachbarparzelle Nr. F._ an der Südfassade zur Bauparzelle Nr
E._ einen grossen Grenzabstand von 12 m einhalten, tatsächlich beträgt dieser
Grenzabstand rund 9 m. Der vorgeschriebene Gebäudeabstand würde somit 18 m
betragen, tatsächlich beträgt der Gebäudeabstand rund 11 m. Diese Ausgangslage scheint
unbestritten zu sein.
b) Die Baubewilligung für das bestehende Gebäude auf der Bauparzelle Nr.
E._ wurde am 3. September 1981 erteilt.4 Damals gültiges Recht war das
Baureglement der Gemeinde Leubringen vom 22. Juni 1977 (aGBR). Hinsichtlich der
Grenz- und Gebäudeabstände galten damals bereits die gleichen Vorschriften wie heute.
Der kleine Grenzabstand betrug 6 m, der grosse Grenzabstand 12 m (Art. 8 Abs. 1 i.V.m.
Art. 46 Abs. 1 aGBR). Der Abstand zweier Gebäude musste wenigstens der Summe der
dazwischenliegenden, für sie vorgeschriebenen Grenzabstände entsprechen, wobei sich
gegenüber altrechtlichen Bauten der Gebäudeabstand um das Mass des fehlenden
Grenzabstands reduzierte (Art. 17 Abs. 1 und 3 aGBR). Zwar durften Bauten mit
schriftlicher Zustimmung des Nachbars näher an die Grenze gestellt werden, der
Gebäudeabstand musste dabei aber gewahrt bleiben (Art. 16 Abs. 1 aGBR). Bei fehlender
nachbarlicher Zustimmung war ein Näherbau nur mit Ausnahmebewilligung gestattet,
wobei der privatrechtliche Minimalabstand von 3 m nicht unterschritten werden durfte
(Art. 16 Abs. 2 aGBR i.V.m. Art. 118 Abs. 2 aBauG5). Das Gebäude auf der Bauparzelle
Nr. E._, welches lediglich einen Abstand von 2 m zur Nachbarparzelle Nr.
F._ und einen Abstand von 11 m zum bereits damals bestehenden Gebäude auf
der Nachbarparzelle Nr. F._ aufweist, hielt somit bereits zum Zeitpunkt seiner
Bewilligung weder den Grenz- noch den Gebäudeabstand ein.
Damit das Bauvorhaben dennoch bewilligt werden konnte, bedurfte es sowohl eines
Näherbaurechts als auch einer Ausnahmebewilligung. Die Unterschreitung des
privatrechtlichen Minimalgrenzabstands von 3 m war nur mit einem Näherbaurecht, nicht
aber mit einer Ausnahmebewilligung möglich. Umgekehrt war die Unterschreitung des
Gebäudeabstands nur mit einer Ausnahmebewilligung, nicht aber mit einem
Näherbaurecht möglich.
4 Siehe Baugesuchakten Nr. 988 zur Baubewilligung vom 3. September 1981, unpaginiert 5 Baugesetz vom 7. Juni 1970
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Dementsprechend räumten die damaligen Miteigentümer der Nachbarparzelle Nr.
F._ der damaligen Eigentümerin der Bauparzelle Nr. E._ mit
Dienstbarkeitsvertrag vom 13. August 1981 ein dingliches und unentgeltliches
Näherbaurecht ein, welches ihr erlaubte, das geplante Wohnhaus bis 2 m an die Grenze zu
bauen.6 Zudem stellte die damalige Bauherrschaft am 26. März 1981 ein Ausnahmegesuch
von Art. 17 Abs. 1 und Art. 46 aGBR. Diese Ausnahmebewilligung wird zwar in der
Baubewilligung vom 3. September 1981 nicht explizit erteilt, in der Publikation des
Baugesuchs wurde sie aber noch ausdrücklich erwähnt. Zudem ist auch einem
Protokollauszug No. 9/81 vom 23. April 1981 der Baukommission Leubringen zu
entnehmen, dass der Gebäudeabstand nicht eingehalten werde, dafür aber ein
begründetes Ausnahmegesuch vorliege. Die Baukommission befürworte das
Ausnahmegesuch, "da die topographischen Verhältnisse keine anderen Interessen
zulassen".7 Es ist somit davon auszugehen, dass mit der Baubewilligung eine Ausnahme
für die Unterschreitung des Gebäudeabstands erteilt wurde.
c) Das aktuelle Bauvorhaben sieht unter anderem eine Aufstockung über dem
gesamten Grundriss des bestehenden Gebäudes vor. Dabei soll das Dach an der Nord-
und Südfassade um gut 1 m angehoben werden. Zudem soll die Dachneigung von 29° auf
35° erhöht werden, womit der neue Dachfirst rund 1.8 m höher zu liegen käme als der alte
First. Ein Teil dieser geplanten Aufstockung liegt innerhalb des Grenz- und
Gebäudeabstands zur Nachbarparzelle Nr. F._, was unbestritten ist.
Wie erläutert, wurde die bestehende Verletzung des Gebäudeabstands mit einer
Ausnahme bewilligt, mit einem Näherbaurecht ist bzw. war dies gemäss Art. 23 Abs. 2
GBR bzw. Art. 16 Abs. 1 aGBR nicht möglich. Die Beschwerdeführenden berufen sich in
ihrer Beschwerde darauf, dass die 1981 erteilte Ausnahmebewilligung direkte
Auswirkungen auf den heute anzuwendenden Gebäudeabstand habe. Die
Verkürzungsregel von Art. 25 Abs. 2 GBR gelte auch bei erteilten Ausnahmebewilligungen.
Zudem habe die Gemeinde mit der seinerzeitigen Erteilung der Ausnahmebewilligung zum
Gebäudeabstand eine Entscheidung mit präjudizieller Wirkung getroffen. Sie habe damit
festgestellt, dass die Einhaltung des Gebäudeabstands zur Wahrung des damit verfolgten
öffentlichen Interesses nicht erforderlich sei. Dieser bewilligte Gebäudeabstand werde
durch das vorliegende Projekt nicht geändert.
6 Siehe Beschwerdebeilage Nr. 2 7 Siehe Baugesuchakten Nr. 988 zur Baubewilligung vom 3. September 1981, unpaginiert
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d) Selbst wenn die Verkürzungsregel von Art. 25 Abs. 2 GBR auch bei erteilten
Ausnahmen zur Anwendung kommt,8 hat dies keine Auswirkungen auf das Bauen auf der
Bauparzelle Nr. E._. Da die Ausnahme für eine Baute auf der Bauparzelle Nr.
E._ erteilt wurde, profitiert davon vielmehr gegebenenfalls eine Baute auf der
Nachbarparzelle Nr. F._: Sollte auf der Nachbarparzelle eine Neubaute erstellt
werden, dann könnte sich der vorgeschriebene Gebäudeabstand aufgrund der Verletzung
des Grenzabstands des Gebäudes auf der Bauparzelle um 4 m (2 statt 6 m) allenfalls um
eben diese 4 m verkürzen.
Eine Reduktion des vorgeschriebenen Gebäudeabstands für das Bauen auf der
Bauparzelle Nr. E._ könnte sich allenfalls daraus ergeben, dass auch das
bestehende Gebäude auf der Nachbarparzelle Nr. F._ an der Südfassade mit
einem Abstand von rund 9 m den vorgeschriebenen grossen Grenzabstand von 12 m nicht
einhält. Selbst wenn sich dadurch gemäss Art. 25 Abs. 2 GBR der vorgeschriebene
Gebäudeabstand von 18 auf rund 15 m reduzieren sollte, würde dieser durch das
bestehenden Gebäude auf der Bauparzelle mit einem Abstand von lediglich 11 m aber
immer noch deutlich verletzt.
e) Der 1981 mit einer Ausnahme bewilligte Gebäudeabstand von 11 m würde zwar
durch die geplante Aufstockung nicht zusätzlich verringert. Die Erhöhung eines Gebäudes
hat jedoch in Bezug auf die betroffenen Interessen (Schutz der Nachbarschaft vor
mannigfaltigen Beeinträchtigungen und öffentliche Interessen wie Ästhetik und
Gesundheits- und Feuerpolizei) gleiche oder ähnliche Auswirkungen wie die Verkürzung
des Gebäude- oder Grenzabstands. Daher würde durch die Aufstockung innerhalb des
vorgeschriebenen Gebäudeabstands die Abweichung vom reglementarisch Erlaubten
vergrössert – im Zusammenhang mit der Besitzstandsgarantie spricht man von einer
Verstärkung der Rechtswidrigkeit.9
Aus diesem Grund ist die geplante Aufstockung von der 1981 erteilten
Ausnahmebewilligung nicht gedeckt. Soweit die Beschwerdeführenden der
Ausnahmebewilligung von 1981 eine präjudizielle Wirkung für das heutige Bauvorhaben
8 Vgl. Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 12 N. 9 9 Siehe dazu Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 3 N. 4 f. mit Hinweis auf BVR 1988 S. 60 E. 2
RA Nr. 110/2017/75 7
zuschreiben, kann ihnen daher nicht gefolgt werden. Da der Ausnahmegrund keine
absolute Grösse ist und vom Interesse der Bauherrschaft an der Ausnahme, von der
Bedeutung der Vorschrift, von der abgewichen werden soll, und von Art und Mass der
verlangten Abweichung abhängt,10 kann eine Ausnahmebewilligung immer nur für ein
konkretes Bauvorhaben erteilt werden. Zukünftige Ausbauten sind nicht erfasst. Das
aktuelle Bauvorhaben mit der vorgesehenen Aufstockung kann daher nur dann bewilligt
werden, wenn dafür erneut eine Ausnahmebewilligung für das Unterschreiten des
vorgeschriebenen Gebäudeabstands um bestenfalls 4 m (11 statt 15 m) und
schlechtestenfalls 7 m (11 statt 18 m) erteilt werden kann.
3. Neue Ausnahmebewilligung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, der Erteilung einer (erneuten)
Ausnahmebewilligung stünden keine überwiegenden öffentlichen Interessen entgegen,
betroffene private Interessen seien keine ersichtlich. Ihr Wohnhaus befinde sich an einer
ausgesprochenen Hanglage. Beim beantragten Projekt liege die Firsthöhe deshalb nur
rund 80 cm über dem fertigen Terrain an der Fassade bzw. der Terrassenhöhe des
bestehenden Gebäudes auf der Nachbarparzelle Nr. F._. Entgegen der
Darstellung der Beschwerdegegnerin werde deren Aussicht somit nicht beeinträchtigt. Für
den Ausnahmegrund berufen sich die Beschwerdeführenden auf den bereits verkürzten
Gebäudeabstand, die topographischen Verhältnisse und eine ästhetisch bessere Lösung.
Das von ihnen ausgearbeitete alternative Projekt zeige unverkennbar, dass die Gestaltung
bei Einhaltung des Gebäudeabstands leiden würde.
b) Die Gemeinde Evilard hat den angefochtenen Bauabschlag damit begründet, dass
keine Ausnahmebewilligung für das Unterschreiten des vorgeschriebenen
Gebäudeabstands erteilt werden könne. Wie eine erste Projektvariante vom 14. Juni 2016
gezeigt habe, sei eine Erweiterung der Wohnfläche um 30 m2 auch ohne Aufstockung und
ohne Ausnahme möglich. Der blosse Wunsch nach optimaler, gewinnbringender Nutzung
des Grundstücks stelle keinen Ausnahmegrund dar. In ihrer Stellungnahme vom
28. August 2017 spricht die Gemeinde sogar von einer Erweiterung um 53 m2, die ohne
Ausnahmebewilligung möglich wäre.
10 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26–27 N. 4
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c) Laut Art. 26 BauG können Ausnahmen von einzelnen Bauvorschriften bewilligt
werden, wenn besondere Verhältnisse es rechtfertigen und wenn keine öffentlichen
Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen
nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne durch
Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ
erfüllt sein.
Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im Interesse der
Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse generalisierend
erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Ausnahmegründe beziehen sich deshalb auf den
Zweck, den Umfang oder die Gestaltung eines Bauvorhabens, wenn diese in den
geltenden Vorschriften nicht genügend berücksichtigt sind. Sie müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Unter
Umständen können aber auch Besonderheiten, die sich aus den subjektiven Verhältnissen
der bauwilligen Personen ergeben, eine Ausnahme begründen. Rein finanzielle Interessen,
der Wunsch nach einer Ideallösung oder intensives Ausnützungsstreben rechtfertigen aber
keine Ausnahmebewilligung. Es geht vielmehr darum, ausgesprochene Unbilligkeiten und
Unzweckmässigkeiten zu vermeiden, die die strikte Anwendung der Vorschrift für die
Bauwilligen zur Folge hätte.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Ausnahmegrund keine absolute Grösse ist.
Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei Komponenten ab:
Vom Interesse des Bauherrn an der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der
abgewichen werden soll, und von Art und Mass der verlangten Abweichung.11
d) Zunächst ist hier somit zu prüfen, ob besondere Verhältnisse eine Ausnahme für die
vorgesehene Aufstockung des bestehenden Gebäudes zu rechtfertigen vermögen. Dass
bereits für das bestehende Gebäude eine solche erteilt wurde, vermag dabei keine solchen
Verhältnisse zu begründen. Vielmehr ist besonders gründlich zu prüfen, ob noch eine
weitere Ausnahme erteilt werden kann, da sich bereits das Bestehende ausserhalb des
reglementarisch Erlaubten bewegt.
11 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26–27 N. 4 f.
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Was die topographischen Verhältnisse mit der ausgesprochenen Hanglage betrifft, so war
dies bereits der Grund für die Erteilung der Ausnahme für das bestehende Gebäude. Ob
die Ausnahme damals zu Recht erteilt wurde, ist heute nicht mehr zu prüfen. Immerhin
lässt sich feststellen, dass es damals um die Frage ging, ob das Grundstück überhaupt
bebaut werden kann. Heute ist das Baugrundstück trotz den topographischen
Verhältnissen mit dem bestehenden Gebäude bereits sinnvoll überbaut. Die geplante
Aufstockung des Gebäudes entspricht daher dem Wunsch der Bauherrschaft nach einer
intensiveren Ausnützung ihrer Parzelle, was kein Ausnahmegrund darstellt. Dies gilt umso
mehr, als der geplante Anbau auf der Südseite zeigt, dass eine Erweiterung des
bestehenden Gebäudes um rund 50 m2 auch ohne Ausnahme möglich ist. Eine erste
Projektvariante vom 14. Juni 2016 sah denn auch eine Erweiterung ohne Aufstockung
vor.12
Eine ästhetisch bessere Lösung kann dann ein Ausnahmegrund sein, wenn ohne die
Ausnahme keine befriedigende Gestaltung erreicht werden kann. Besondere
Zurückhaltung ist geboten, wenn die Ausnahme eine grössere Ausnützung zur Folge hat.13
Das Argument der Beschwerdeführenden einer ästhetisch besseren Lösung wäre
demzufolge dann näher zu prüfen, wenn sich das Bauvorhaben am Mass einer
reglementskonformen Aufstockung orientieren und innerhalb dieses Masses eine
ästhetisch möglichst gute Lösung darstellen würde. Dem ist hier aber nicht so. Eine
Aufstockung, welche keine Ausnahme benötigen würde, wäre nicht über dem gesamten
Grundriss, sondern nur über einem Teil davon möglich, und daher mit einer kleineren
Ausnützung verbunden. Da die Ausnahme somit eine grössere Ausnützung zur Folge
hätte, vermag das Argument einer ästhetisch besseren Lösung hier nicht zu überzeugen.
Insofern muss nicht näher auf die von den Beschwerdeführenden ihrer Beschwerde
beigelegte Projektvariante vom 4. Juli 2017 eingegangen werden, mit welcher belegt
werden soll, dass eine Aufstockung ohne Ausnahmebewilligung ästhetisch weniger
befriedigend wäre. Unter diesen Umständen muss auch nicht geprüft werden, ob diese
Projektvariante tatsächlich den vorgeschriebenen Gebäudeabstand einhält und somit ohne
Ausnahme bewilligt werden könnte. Vorliegend ist davon auszugehen, dass auch ohne die
Ausnahme eine Erweiterung des bestehenden Gebäudes mit einer befriedigenden
12 Siehe dazu die ungültigen Pläne in der Beilage zu den Baugesuchsakten 2105/372 13 Vgl. dazu Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26–27 N. 5
RA Nr. 110/2017/75 10
Gestaltung erreicht werden kann. Beleg dafür ist nicht zuletzt die erst Projektvariante vom
14. Juni 2016.
Somit liegen hier keine besonderen Verhältnisse vor, die eine Ausnahme für die
Aufstockung des Gebäudes im vorgeschriebenen Gebäudeabstand erlauben würden. Dies
unabhängig davon, ob das Bauvorhaben den vorgeschriebenen Gebäudeabstand um 4
oder 7 m verletzen würde. Diese Frage kann somit offen bleiben.
e) Die weiteren Voraussetzungen für eine Ausnahme müssen unter diesen Umständen
nicht geprüft werden. Immerhin sei im Zusammenhang mit allenfalls verletzten
wesentlichen nachbarlichen Interessen Folgendes erwähnt: Gemäss Darstellung der
Beschwerdeführenden läge der First des aufgestockten Gebäudes 80 cm über dem
fertigen Terrain an der Fassade bzw. der Terrassenhöhe des Nachbargebäudes. Demnach
ist davon auszugehen, dass der First des aktuell bestehenden Gebäudes rund 1 m
unterhalb des fertigen Terrains an der Fassade bzw. der Terrassenhöhe des
Nachbargebäudes liegt. Somit würde das aufgestockte Gebäude deutlich stärker ins
Blickfeld der Nachbarschaft rücken und teilweise deren Aussicht einschränken. Auch wenn
die Aussicht als solche nicht geschützt ist, kann diese im Zusammenhang mit einer
Ausnahmebewilligung ein wesentliches nachbarliches Interesse darstellen.
f) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Bauvorhaben der
Beschwerdeführenden nur mit einer Ausnahme bewilligt werden könnte. Da keine
besonderen Verhältnisse vorliegen, kann keine solche erteilt werden. Demzufolge ist die
Beschwerde abzuweisen und der angefochtene Bauabschlag wird bestätig.
Die Gemeinde hat sich weder widersprüchlich noch treuwidrig verhalten. Insbesondere der
Umstand, dass das bestehende Gebäude anscheinend vollständig unterhalb des
Erdgeschossniveaus des Nachbargebäudes liegt und dieses Niveau mit dem
Erweiterungsprojekt nun neu überragt würde, ist ein sachliches und nachvollziehbares
Argument, weshalb zwar 1981 für das bestehende Gebäude eine Ausnahmebewilligung
erteilt werden konnte, eine solche Bewilligung für die geplante Erweiterung heute aber
nicht erteilt werden kann.
Hinsichtlich der von den Beschwerdeführenden gerügten Sachverhaltsdarstellungen in den
Ziff. 1.4 und 1.8 des angefochtenen Entscheids räumt die Gemeinde Evilard in ihrer
RA Nr. 110/2017/75 11
Stellungnahme vom 28. August 2017 ein, dass die Datumsangaben in Ziff. 1.4 falsch seien
und dass die Formulierung in Ziff. 1.8 zu Unrecht eine Rechtswidrigkeit des bestehenden
Gebäudes impliziere. Beides ist jedoch nicht entscheidrelevant. Insbesondere ist die
Formulierung in Ziff. 1.8 zwar missverständlich, in der Sache aber richtig: Durch eine
Aufstockung des Gebäudes innerhalb des vorgeschriebenen Gebäudeabstands würde die
bestehende Abweichung vom reglementarisch Erlaubten noch verstärkt (siehe oben
Erwägung 2.e).
Ob es sich beim mit Dienstbarkeitsvertrag vom 13. August 1981 eingeräumten
Näherbaurecht um ein generelles oder projektbezogenes Näherbaurecht handelt, kann
offen bleiben. Diese Frage ist vorliegend nicht relevant.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben daher die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG14). Diese werden
bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'800.-- (Art. 103 Abs. 1 VRPG i. V. m. Art. 19
Abs. 1 GebV15).
b) Die Beschwerdeführenden haben zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten
zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der
Beschwerdegegnerin beläuft sich auf Fr. 1'855.80 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) und
gibt zu keinen Bemerkungen Anlass.