# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 13be7e7c-e41e-5e75-b39e-f80a57a6dafd
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Gesuchsgegnerin ist Eigentümerin der im Ortsteil Feutersoey gelegenen Parzelle
Gsteig Gbbl. Nr. H._. Am 21. Februar 2012 reichte sie ein Baugesuch für den
Neubau eines Mehrfamilienhauses mit fünf Wohnungen und Einstellhalle auf der
genannten Parzelle ein. Dafür erteilte das Regierungsstatthalteramt Obersimmental-
Saanen mit Gesamtentscheid vom 21. August 2012 die Baubewilligung. Dagegen erhoben
die Gesuchstellenden erfolglos Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion
(BVE).1 Das Verwaltungsgericht hiess das dagegen erhobene Rechtsmittel teilweise gut
und ergänzte den Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramts Obersimmental-
Saanen mit der Auflage, dass die Wohnungen als Erstwohnungen genutzt werden
müssen.2 Das Bun-desgericht bestätigte dieses Urteil am 10. Juli 2015.3
2. Am 4./18. November 2014 stellte die Gesuchsgegnerin ein neues Baugesuch be-
treffend dieselbe Parzelle (Gsteig Gbbl. Nr. H._). Das zweite Projekt umfasst den
Neubau eines Wohn- und Gewerbehauses mit einem Unterhalts- und Verkaufsbetrieb für
Motorfahrzeuge im Erdgeschoss, drei Erstwohnungen sowie einer Einstellhalle. Mit
Gesamtentscheid vom 25. Juli 2016 bewilligte das Regierungsstatthalteramt
Obersimmental-Saanen das Bauvorhaben mit der Auflage, die Wohnungen als
Erstwohnungen zu nutzen. Dagegen erhoben die Gesuchstellenden erfolglos Beschwerde
bei der BVE und dem Verwaltungsgericht.4 Die gegen den Entscheid des
Verwaltungsgerichts erhobene Beschwerde hiess das Bundesgericht mit Urteil vom
15. Juni 2018 teilweise gut und wies die Sache zur Ergänzung des Sachverhalts und zur
Neubeurteilung ans Verwaltungsgericht zurück.5
3. Mit Instruktionsverfügung vom 16. Juli 2018 nahm das Verwaltungsgericht das
Verfahren unter der Verfahrensnummer 100.2018.21 wieder auf. In diesem Verfahren
1 Vgl. Beschwerdeentscheid der BVE vom 20. Dezember 2012 (RA Nr. 110/2012/145) 2 Vgl. VGE 2013/30 vom 22. Januar 2015 3 Vgl. BGer 1C_114/2015 vom 10. Juli 2015 4 Vgl. Beschwerdeentscheid der BVE vom 6. Februar 2017 (RA Nr. 110/2016/117); VGE 2017/71 vom 21. September 2017 5 Vgl. BGer 1C_592/2017 vom 15. Juni 2018
RA Nr. 195/2019/4 3
beantragten die Gesuchstellenden mit Eingabe vom 19. November 2018, der
Gesuchsgegnerin sei zu befehlen, innert einem Monat die auf ihrem Grundstück (Parzelle
Nr. H._) ausgehobene Baugrube zu beseitigen. Sie machten geltend, die
rechtskräftige Baubewilligung für das erste Projekt gemäss dem Gesamtentscheid des
Regierungsstatthalteramts Obersimmental-Saanen vom 21. August 2012 bzw. dem Urteil
des Bundesgerichts vom 10. Juli 20156 sei erloschen bzw. die Bauarbeiten hätten nicht
unterbrochen werden dürfen. Mit Instruktionsverfügung vom 21. November 2018 erwog das
Verwaltungsgericht, bei der Eingabe der Gesuchstellenden vom 19. November 2018
handle es sich um eine baupolizeiliche Anzeige, für deren Behandlung die Gemeinde
zuständig sei. Es leitete diese der Gemeinde Gsteig zur Weiterbehandlung weiter.
4. In der Folge eröffnete die Gemeinde Gsteig mit Verfügung 4. Dezember 2018 –
parallel zum verwaltungsgerichtlichen Verfahren – ein Baupolizeiverfahren. Mit gleicher
Verfügung erhielt die Gesuchsgegnerin Gelegenheit, bis 14. Januar 2019 eine
Stellungnahme zur Baupolizeianzeige einzureichen. Zudem forderte die Gemeinde die
Gesuchstellenden auf, innert derselben Frist die Anwaltsvollmachten vorzulegen. Dieser
Aufforderung kamen die Gesuchstellenden mit Eingaben vom 14. und 15. Januar 2019
nach.
5. Mit Eingabe vom 5. Dezember 2018 beantragten die Gesuchstellenden beim
Verwaltungsgericht die Sistierung des hängigen verwaltungsgerichtlichen Verfahrens
(Verfahrensnummer 100.2018.21) bis zur Erledigung der baupolizeilichen Anzeige. Das
Verwaltungsgericht räumte der Gesuchsgegnerin und der Gemeinde die Möglichkeit ein,
sich zum Sistierungsantrag der Gesuchstellenden zu äussern. In der Stellungnahme vom
14. De-zember 2018 an das Verwaltungsgericht lehnte die Gemeinde namens des
Gemeinderats den Sistierungsantrag der Gesuchstellenden ab. Mit Verfügung vom
21. Dezember 2018 wies das Verwaltungsgericht den Sistierungsantrag und mit Urteil vom
7. Mai 2019 die Beschwerde der Gesuchstellenden ab.
6 Vgl. BGer 1C_114/2015
RA Nr. 195/2019/4 4
6. Mit Eingabe vom 25. Februar 2019 reichten die Gesuchstellenden bei der Gemeinde
Gsteig ein Ablehnungsbegehren gegen den gesamten Gemeinderat ein. Sie bringen
zusammengefasst vor, in der Stellungnahme des Gemeinderats vom 14. Dezember 2018
an das Verwaltungsgericht komme zum Ausdruck, dass sich der Gemeinderat noch vor
Kenntnisnahme aller entscheidrelevanten Umstände seine Meinung zur baupolizeilichen
Anzeige fest gebildet habe, weshalb er nicht mehr als unbefangen erscheine. Dieses
Ablehnungsbegehren leitete die Gemeinde Gsteig mit Verfügung vom 13. März 2019 der
BVE zur Behandlung weiter. Mit gleicher Verfügung sistierte sie das hängige
baupolizeiliche Verfahren bis zum Entscheid über das Ablehnungsbegehren. In der
Verfügung vom 13. März 2019 vertritt sie ausserdem den Standpunkt, das
Ablehnungsbegehren sei unbegründet, soweit es gegen eine Gesamtbehörde überhaupt
zulässig sein sollte.
7. Das Rechtsamt, das das Instruktionsverfahren für die BVE leitet7, holte die
Stellungnahme der Gemeinde sowie die Vorakten ein. Zudem räumte es der
Gesuchsgegnerin die Möglichkeit ein, sich am Verfahren zu beteiligen. Mit Eingabe vom
11. April 2019 beantragt diese die Abweisung des Ablehnungsbegehrens. Die Gemeinde
teilte mit Eingabe vom 12. April 2019 mit, sie verzichte zurzeit auf die Einreichung einer
Stellungnahme zum Ablehnungsbegehren. Auf die Rechtsschriften und die vorhandenen
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Mit Eingabe vom 25. Februar 2019 beantragen die Gesuchstellenden, der
Gemeinderat habe in den Ausstand zu treten. Aufgrund dieses Antrags nahm die BVE die
Eingabe als Ablehnungsbegehren gegen den Gesamtgemeinderat entgegen.
7 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 195/2019/4 5
b) Nach Art. 9 Abs. 2 VRPG8 entscheidet über Ablehnungsbegehren gegen sämtliche
Mitglieder einer Behörde die in der Sache zuständige Rechtsmittelbehörde. Im
vorliegenden Fall stellen die Gesuchstellenden das Ablehnungsbegehren im
Zusammenhang mit einem Baupolizeiverfahren gemäss Art. 45 ff. BauG9. Als in der Sache
zuständige Rechtsmittelbehörde gegen Verfügungen der Baupolizeibehörden (Art. 49 Abs.
1 BauG) ist die BVE somit auch zuständig zur Beurteilung des Ablehnungsbegehrens. Die
Gesuchstellenden sind Anzeigende im Baupolizeiverfahren. Sie haben grundsätzlich ein
schutzwürdiges Interesse an der Beurteilung des Ablehnungsbegehrens (Art. 50 Abs. 2
VRPG).
c) Ausstandsgründe müssen nach Lehre und Rechtsprechung so früh wie möglich
geltend gemacht werden, ansonsten der Anspruch auf Ablehnung verwirkt.10 Nach den
Akten eröffnete die Gemeinde das Baupolizeiverfahren am 4. Dezember 2018.11 Die
Gesuchstellenden haben vom angeblichen Ausstandsgrund, d.h. der Stellungnahme des
Gemeinderats vom 14. Dezember 2018 zum Gesuch um Sistierung des
verwaltungsgerichtlichen Verfahrens, mit Verfügung des Verwaltungsgerichts vom
21. Dezember 2018 Kenntnis erhalten. Das Ablehnungsbegehren gegen den Gemeinderat
als Gesamtbehörde haben sie aber erst am 25. Februar 2019 gestellt, nachdem die
Gemeinde den Schriftenwechsel durchführte und am 5. Februar 2019 mit einer weiteren
Verfügung bis am 11. März 2019 Gelegenheit zur Einreichung von Schlussbemerkungen
zum Verfahren gewährte. Die BVE bejahte in einem Fall die Rechtzeitigkeit der Rüge der
Befangenheit, die nach einem Tag nach Kenntnis des Ausstandsgrunds vorgebracht
wurde.12 Demgegenüber liess sie die Frage der Rechtzeitigkeit in einem Fall offen,
nachdem ein Gesuch um Ablehnung erst 52 Tage nach Kenntnisnahme des
Ausstandsgrunds gestellt worden ist.13 Vorliegend stellte der Rechtsvertreter der
Gesuchstellenden das Ablehnungsbegehren erst rund 60 Tage nach Kenntnisnahme des
angeblichen Ausstandsgrunds. Die Reaktionszeit zwischen Kenntnisnahme des
Ausstandsgrunds und Einreichung des Ablehnungsgesuchs erscheint hier auffällig lang,
zumal die Gesuchstellenden am 15. und 16. Januar 2019 im Baupolizeiverfahren ohne zu
8 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 9 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 10 BVR 2005 S. 561 E. 4.1; BGE 141 III 210 E. 5.2, 136 I 207 E. 3.4; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 9 N. 5 11 Vgl. hinten im Dossier "Akten" vom 13. März 2019 der Gemeinde Gsteig 12 Beschwerdeentscheid der BVE vom 13. Februar 2017 E. 3b im Verfahren RA Nr. 110/2016/183 13 Beschwerdeentscheid der BVE vom 4. Februar 2003 E. 1b im Verfahren RA Nr. 500/2002/52001
RA Nr. 195/2019/4 6
protestieren Anwaltsvollmachten nachreichten. Unter den gegebenen Umständen dürfte
hier der Ablehnungsanspruch der anwaltlich vertretenen Gesuchstellenden unter dem
Blickwinkel des Grundsatzes von Treu und Glauben und dem Rechtsmissbrauchsverbot
wohl verwirkt sein. Letztlich kann hier aber die Frage, ob das Ablehnungsbegehren
rechtzeitig eingereicht worden ist, offen bleiben, da es ohnehin unbegründet ist, wie die
nachfolgenden Ausführungen zeigen.
2. Ausstandsgründe
a) Die Gesuchstellenden bringen vor, die Ausstandspflicht ergebe sich aus dem
Umstand, dass sich die Gemeindebehörde noch vor Kenntnisnahme aller
entscheidrelevanten Umstände ihre Meinung fest gebildet habe und daher nicht mehr als
unbefangen erscheine. Im Baupolizeiverfahren sei zu beurteilen, ob der Aushub der
Baugrube widerrechtlich erfolgt sei. Der Gemeinderat habe diese Frage in der Eingabe
vom 14. Dezember 2018 an das Verwaltungsgericht dahingehend beantwortet, dass die
Bauherrschaft rechtmässig gehandelt habe und die Baubewilligung nicht erloschen sei.
Wer, wie die Gemeinde Gsteig, schon vor der Aufnahme einer gründlichen Untersuchung
das Urteil über die Rechtmässigkeit vorwegnehme und dies sogar gegenüber der obersten
Gerichtsbehörde des Kantons kundtue, sei in der Sache befangen. Es könne nicht erwartet
werden, dass diese Behörde die Bauanzeige mit der in Art. 6 Ziffer 1 EMRK14 garantierten
Unabhängigkeit beurteilen werde. In rechtlicher Hinsicht verweisen die Gesuchstellenden
auf das Urteil des Bundesgerichts 1C_45/2010 vom 7. Januar 2011 (richtig: BGer
1C_445/2010 vom 7. Januar 2011).
b) Die Gesuchsgegnerin entgegnet in der Stellungnahme vom 11. April 2019, der
Schluss der Gesuchstellenden, wonach alle Mitglieder des Gemeinderats befangen sein
sollen, sei nicht nachvollziehbar und werde auch nicht näher begründet. Auch sei die
Behauptung, die Gemeinde habe mit der Erwägung, wonach mit dem Baugrubenaushub
rechtzeitig begonnen worden sei, in unrechtmässiger Art und Weise über die
baupolizeiliche Anzeige entschieden, nicht haltbar. Im Rahmen des baupolizeilichen
Verfahrens seien mehr Fragen als nur diese eine zu beantworten.
14 Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101)
RA Nr. 195/2019/4 7
c) In der Verfügung vom 13. März 2019 führt die Gemeinde aus, die gerügte
Mehrfachbefassung des Gemeinderates in Form der Stellungnahme vom 14. Dezember
2018 an das Verwaltungsgericht beruhe auf der Wahrnehmung amtlicher Pflichten als
Baupolizeibehörde. Der Gemeinderat müsse sich von Amtes wegen mit sämtlichen
Bauvorhaben in der Gemeinde befassen.
d) Ausstands- und Ablehnungsbegehren können nur gegen einzelne Mitglieder einer
Behörde und gegen Personen, die eine Verfügung oder einen Entscheid zu treffen haben,
gerichtet werden (Art. 9 Abs. 2 VRPG). Behörden als solche können nicht abgelehnt
werden.15 Vorliegend richtet sich das Ablehnungsbegehren nach dem Rechtsbegehren der
anwaltlich vertretenen Gesuchstellenden ausdrücklich gegen den Gemeinderat Gsteig als
Behörde. Ein Ablehnungsbegehren gegen den Gemeinderat als Gesamtbehörde ist nach
dem Gesagten unzulässig. Es ist daher schon aus diesem Grund abzuweisen.
e) Selbst wenn das Gesuch als Ablehnung aller Mitglieder des Gemeinderats
umgedeutet würde, wäre es unbegründet: Art. 9 Abs. 1 VRPG regelt, wann eine Person
grundsätzlich in den Ausstand tritt. Allerdings bleiben die Vorschriften über den Ausstand
nach dem Gemeindegesetz vorbehalten (Art. 9 Abs. 3 VRPG). Daher gelten in den
gemeindeinternen Verwaltungsverfahren die gemeinderechtlichen Ausstandsregeln.16
Ausstandpflichtig ist demnach insbesondere, wer an einem Geschäft unmittelbar ein
persönliches Interesse hat, wer mit einer Person, deren persönliche Interessen von einem
Geschäft unmittelbar berührt werden, verwandt oder verschwägert ist oder diese Person
gesetzlich, statutarisch oder vertraglich vertritt (vgl. Art. 47 Abs. 1 und 2 GG17). Im
Vergleich zu den allgemeinen Ausstandsregeln gemäss Art. 9 VRPG sind diejenigen auf
kommunaler Ebene deutlich eingeschränkt. Damit wird insbesondere den engräumigen
Verhältnissen Rechnung getragen.18 Unabhängig davon ist aber die bundesgerichtliche
Rechtsprechung bezüglich den Anforderungen an eine unabhängige Entscheidbehörde zu
berücksichtigen, die den verfassungs- und konventionsrechtlichen Garantien genügt.
Danach haben – gleich wie nach den gemeinderechtlichen Ausstandsregeln –
nichtrichterliche Amtspersonen im Wesentlichen nur dann in den Ausstand zu treten, wenn
15 BVR 2002 S. 426 E. 1b/bb; VGE 2012/283 vom 15.5.2013, E. 1.2; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 9 N. 7 16 Daniel Arn, Kommentar zum bernischen Gemeindegesetz, Bern 1999, Vorbem. zu Art. 47 und Art. 48 N. 7; BVR 2011 S. 15 E. 3.2 17 Gemeindegesetz vom 16. März 1998 (GG, BSG 170.1) 18 Markus Müller, Bernische Verwaltungsrechtspflege, Bern 2011, S. 28
RA Nr. 195/2019/4 8
sie an der zu behandelnden Sache ein persönliches Interesse haben. Das Bundesgericht
hat eine Ausstandspflicht dann angenommen, wenn das betreffende Behördenmitglied
gegenüber einem Verfahrensbeteiligten seine persönliche Geringschätzung oder
Abneigung zum Ausdruck gebracht hatte oder wenn ihm Verfahrens- oder
Ermessensfehler unterlaufen sind, die nach ihrer Natur oder wegen ihrer
aussergewöhnlichen Häufung besonders schwer wiegen und auf eine gravierende
Verletzung ihrer Amtspflichten gegenüber dem Betroffenen hinauslaufen.19 Ein
Ausstandsgrund kann ausnahmsweise auch dann vorliegen, wenn sich die Amtsperson
schon vorher über die konkrete Sache geäussert hat, dagegen nicht, wenn sie schon früher
Entscheide zum Nachteil der betroffenen Partei gefällt hat. Die einer Behörde von
Gesetzes wegen obliegenden Aufgaben sind insbesondere auch dann zu berücksichtigen,
wenn es um die Beurteilung von Stellungnahmen und anderen Äusserungen vor der
Entscheidfällung geht. Solche Aussagen, die sich im üblichen Rahmen der Ausübung von
Verwaltungsfunktionen bewegen, schaffen im Allgemeinen keinen Ausstandsgrund. Bei der
Beurteilung, ob eine Äusserung den Anschein der Befangenheit erweckt, ist stets auf die
Umstände des Einzelfalls abzustellen.20
f) Die vorhandenen Unterlagen enthalten keine Hinweise, dass ein Mitglied des
Gemeinderats in der Sache persönlich involviert wäre oder eine ihnen nahestehende
Person daraus einen Nutzen ziehen könnte. Ebenso wenig scheinen sie in einem
speziellen persönlichen Verhältnis zur Gesuchsgegnerin zu stehen. Zudem ist weder
ersichtlich noch bringen die Gesuchstellenden vor, dass hier aufgrund von Verfehlungen
der Mitglieder des Gemeinderats auf eine persönliche Abneigung des Gemeinderats
gegenüber den Gesuchstellenden geschlossen werden könnte. Ein persönliches Interesse
an der zu behandelnden Sache haben die Mitglieder des Gemeinderats somit nicht.
g) In der Stellungnahme vom 14. Dezember 2018 an das Verwaltungsgericht lehnte der
Gemeinderat den Antrag der Gesuchstellenden auf Sistierung des
verwaltungsgerichtlichen Verfahrens ab. Zur Begründung hielt die Gemeinde namens des
Gemeinderats in Ziffer 2 der Stellungnahme Folgendes fest: "2.1 Es ist im Interesse aller Parteien notabene vor allem in jenem der Beschwerdeführenden,
dass das Verfahren raschmöglichst abgeschlossen werden kann und der Entscheid in
19 BGer 2C_1007/2013 vom 23. Mai 2014 E. 2.2, 1C_413/2012 vom 14. Juni 2013 E. 4.2, 2D_29/2009 vom 12. April 2011 E. 3.3, 2C_36/2010 vom 14. Juni 2010 E. 3.3; BGE 125 I 119 E. 3e S. 124 20 BGE 125 I 119 E. 3f; BGer 1P.96/2007 vom 26. März 2008, E. 5.4; BVR 2011 S. 128 E. 3.1
RA Nr. 195/2019/4 9
Rechtskraft erwächst. Dies ermöglicht der Beschwerdegegnerin die Wahl, welches
Bauvorhaben sie nun ausführen will. Es ist davon auszugehen, dass damit auch der weitere
Baufortschritt ohne grössere Unterbrüche entstehen wird.
2.2. Ohne einem Entscheid betr. der baupolizeilichen Anzeige der Beschwerdeführenden
vorgreifen zu wollen, ist nach unserem Kenntnisstand mit dem fristgerechten Aushub der
Baugrube der Baubeginn des rechtskräftigen Projekts erfolgt. Dass die Gesetzgebung
Unterbrüche der Bauarbeiten bis zu einem Jahr erlaubt, ist unter Umständen für die
betroffenen Nachbarn störend, aber wie erwähnt gesetzesmässig."
h) Von Bedeutung ist hier, dass die Initiative der Meinungsäusserung zum
baupolizeilichen Verfahren nicht von den Mitgliedern des Gemeinderats aus kam. Die
Äusserung erfolgte vielmehr im Rahmen des Äusserungsrechts der Gemeinde und richtete
sich an das Verwaltungsgericht. Die Mitglieder des Gemeinderats handelten somit im
Rahmen der ordentlichen Tätigkeit. Sie waren gehalten, in ihrer Stellungnahme an das
Verwaltungsgericht zu begründen, weshalb sie den Sistierungsantrag ablehnen. Auch
äusserten sich die Mitglieder des Gemeinderats in der Stellungnahme vom 14. Dezember
2018 nur zu einem Teilaspekt der baupolizeilichen Anzeige. Zur Frage, ob der
Baugrubenaushub schikanös ist, nahmen sie nicht Stellung. Entscheidend kommt hier
hinzu, dass die Gemeinderätinnen und die Gemeinderäte mit der Formulierung in der
Stellungnahme "ohne einem Entscheid betr. der baupolizeilichen Anzeige vorzugreifen"
klar zum Ausdruck brachten, dass die geäusserte Ansicht bloss vorläufiger Natur ist. Sie
können ihre Meinung somit je nach Verfahrensstand überprüfen und anpassen. Entgegen
der Ansicht der Gesuchstellenden kann hier nicht von einer unüberwindbaren Befangenheit
gesprochen werden. Vielmehr haben die Mitglieder des Gemeinderats mit ihrer vorläufigen
Äusserung in der Stellungnahme vom 14. Dezember 2018 die gebotene Sachlichkeit und
Distanz zur baupolizeilichen Anzeige gewahrt. Unter diesen Umständen kann nicht davon
gesprochen werden, dass Gründe vorliegen, die den Anschein der Voreingenommenheit
der Gemeinderätinnen und Gemeinderäte erwecken könnten. Die Gesuchstellenden
vermögen aus Art. 6 Ziffer 1 EMRK und dem zitierten Bundesgerichtsentscheid
1C_445/2010 vom 7. Januar 2011 nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Die Äusserung in
der Stellungnahme vom 14. Dezember 2018 verpflichtet die Mitglieder des Gemeinderats
nicht, in den Ausstand zu treten. Das Ablehnungsbegehren ist somit abzuweisen, soweit
darauf eingetreten werden kann.
3. Kosten
RA Nr. 195/2019/4 10
a) Bei diesem Verfahrensausgang gelten die Gesuchstellenden als unterliegend. Ihnen
werden in Anwendung des Verursacher- und Unterliegerprinzips die Verfahrenskosten
auferlegt (Art. 107 Abs. 1 VRPG).21
b) Die Verfahrenskosten im Verwaltungsverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die Pauschalgebühr wird festgesetzt auf Fr. 600.00 (Art. 103
Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV22).
c) Im Verwaltungsverfahren werden keine Parteikosten gesprochen. Es besteht kein
Anspruch auf Parteikostenersatz (Art. 107 Abs. 3 VRPG).