# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 464c1b4d-e8f6-4259-80ab-8a65c14fea42
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend sexuelle Handlungen mit Kindern und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, II. Abteilung, vom 12. November 2019 (DG190017)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 27. Mai 2019
(Urk. 14/5) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 50 S. 47 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit 20 Monaten Freiheitsstrafe, wovon bis und mit heute 301 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen. 4. Der bedingte Vollzug der mit Urteil des Bezirksgerichts Uster vom
22. Januar 2014 (Geschäfts-Nr. GG130042-I) ausgefällten Geldstrafe von 240 Tagessätzen zu Fr. 25.- unter Ansetzung einer Probezeit von 3 Jahren wird widerrufen.
5. Folgende beschlagnahmte Gegenstände: − Minigrip mit Haschisch, 0.2 g (A012'223'185); − Hanfmühlen, 2.5 g (A012'226'196); werden nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils definitiv eingezogen und der Kantonspolizei Zürich, TEU AssTri, ... [Adresse], zur Vernichtung überlassen.
6. Dem Beschuldigten wird für die Dauer von fünf Jahren verboten, mit dem  in irgendeiner Form in Kontakt zu treten, sei es persönlich oder über , telefonisch, schriftlich oder elektronisch (z.B. Anrufe, EMail, SMS) und sich ihm oder seiner Wohnung mehr als 500 Meter zu nähern. Bei einem Verstoss dagegen muss er mit Bestrafung wegen Missachtung eines Kontakt- oder  im Sinne von Art. 294 Abs. 2 StGB (Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe) rechnen.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 5'000.- zuzüglich 5% Zins ab dem tt. Dezember 2016 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
8. Der Privatkläger wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Zivilweg .
9. Die Entschädigung von Rechtsanwalt lic. iur. X._ für die amtliche  wird auf Fr. 25'526.50 festgesetzt (inkl. Aufwand, Auslagen und ).
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10. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf: Fr. 2'800.00 ; die weiteren Kosten betragen: Fr. 2'000.00 Gebühr für das Vorverfahren Fr. 1'680.00 Auslagen Polizei Fr. 25'526.50 amtlicher Verteidiger Fr. 32'006.50 Total Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
11. Die Kosten und Gebühren des Vorverfahrens (inkl. Auslagen Polizei) und des  Verfahrens werden dem Beschuldigten auferlegt.
12. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden dem Beschuldigten auferlegt,  einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Vorbehalten bleibt die  des Beschuldigten, dem Kanton diese Entschädigungen , sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO und Art. 426 Abs. 4 StPO)."
Berufungsanträge:
(Prot. II S. 16 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 63 S. 2 i.V.m. Urk. 113 S. 3)
1. Es seien die Disp.-Ziff. 1-4, 6, 7, 11 des Urteils des Bezirksgerichts
Dielsdorf vom 12. November 2019 aufzuheben.
2. Der Berufungsführer sei in Bezug auf sämtliche Anschuldigungen
gemäss Anklageschrift von Schuld und Strafe freizusprechen.
3. Die darauf entfallenden Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens (Ziffer
10 des Urteils des Bezirksgerichts Dielsdorf vom 12. November 2019)
seien auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Es sei festzustellen, dass die Disp.-Ziff. 5, 8, 9 des Urteils des Bezirks-
gerichts Dielsdorf vom 12. November 2019 in Rechtskraft erwachsen
sind.
5. Die Verfahrenskosten des oberinstanzlichen Verfahrens seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
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6. Der Berufungsführer sei für das oberinstanzliche Verfahren angemes-
sen zu entschädigen.
7. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zzgl. Mehrwertsteuer.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 114 S. 1)
1. Dispositiv Ziff. 2 des Urteils des Bezirksgerichts Dielsdorf vom
12. November 2019 sei aufzuheben und der Beschuldigte sei mit einer
Freiheitsstrafe von 28 Monaten zu bestrafen.
2. Die erstandene Haft sei auf die ausgefällte Freiheitsstrafe anzurech-
nen.
3. Im Übrigen sei das Urteil der Vorinstanz zu bestätigen.
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldigten aufzu-
erlegen.

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Mit Eingabe vom 27. Mai 2019 (eingegangen am 4. Juni 2019) erhob die
Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich Anklage beim Bezirksgericht Dielsdorf
(Urk. 14/5). Der Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil ergibt sich aus
dem Entscheid vom 12. November 2020 (Urk. 50 S. 4 f.).
1.2. Mit besagtem Urteil der Vorinstanz wurde der Beschuldigte A._ der
mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1
Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit 20 Monaten Freiheitsstrafe (unbedingt)
bestraft. Ausserdem wurde der bedingte Vollzug einer als Geldstrafe ausgefällten
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Vorstrafe widerrufen. Betreffend den Privatkläger B._ wurde dem
Beschuldigten ein Kontakt- und Rayonverbot für fünf Jahre auferlegt. Dem Privat-
kläger wurden Fr. 5'000.– (zuzüglich Zins) als Genugtuung zugesprochen, sein
Schadenersatzbegehren hingegen auf den Zivilweg verwiesen. Ferner wurden
beschlagnahmte Gegenstände eingezogen (Urk. 50 S. 47 ff.).
1.3. Gegen dieses zunächst mündlich und schriftlich im Dispositiv eröffnete Ur-
teil (Prot. I S. 19, Urk. 44) liess der Beschuldigte anderntags, durch seine amtliche
Verteidigung mit Eingabe vom 13. November 2019 (Urk. 46), rechtzeitig Berufung
anmelden (Art. 399 Abs. 1 StPO). Auch der Privatkläger liess durch seine Rechts-
vertretung mit Eingabe vom 22. November 2019 (Urk. 47) fristgerecht Berufung
anmelden.
Am 14. Februar 2020 wurde das begründete Urteil (Urk. 50 = Urk. 62) an die
Parteien versandt und ihnen am 17. Februar 2020 zugestellt (Urk. 55/1–3).
1.4. Die Berufungserklärung des Beschuldigten erfolgte am 9. März 2020 (Da-
tum des Poststempels) und damit innert der zwanzigtägigen Frist von Art. 399
Abs. 3 StPO (Urk. 63). Demgegenüber hatte der Privatkläger die Frist zur Einrei-
chung der Berufungserklärung ungenutzt verstreichen lassen, weshalb hinsicht-
lich seiner Berufung mit Beschluss vom 5. Mai 2020 ein Nichteintretensentscheid
erging (Urk. 73; bezüglich der Kostenauflage berichtigt am 8. Mai 2020 [Urk. 77]).
Mit Präsidialverfügung vom 4. Mai 2020 wurde die Berufungserklärung des Be-
schuldigten der Staatsanwaltschaft sowie dem Privatkläger zugestellt und Frist
angesetzt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder ein Nichtein-
treten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 71). Fristgerecht, mit Eingabe vom
25. Mai 2020, erhob die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung (Urk. 81). Vom
Privatläger ging innert besagter Frist (vgl. Urk. 72) keine Anschlussberufung ein.
Nachdem der Beschuldigte die Behandlung seiner Berufung im schriftlichen Ver-
fahren beantragt hatte (Urk. 65), sich der Privatkläger aber dagegen aussprach
(Urk. 83, vgl. auch Urk. 81 S. 2 und Urk. 85; Art. 406 Abs. 2 StPO), wurde am
16. September 2020 zur heutigen Berufungsverhandlung vorgeladen (Urk. 103).
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Wiederum, wie schon im vorinstanzlichen Verfahren, wurde die Publikums-
öffentlichkeit von der mündlichen Verhandlung ausgeschlossen, jedoch wurden
die akkreditierten Gerichtsberichterstatter/-innen unter Auflagen zur Hauptver-
handlung zugelassen (Urk. 101). Dies geschah mit der Begründung, dass einer-
seits notwendigerweise Tatumstände thematisiert werden müssten, welche den
Privat- und Intimbereich des Privatklägers berührten, und andererseits dem Inte-
resse der Öffentlichkeit an der Transparenz staatlicher Tätigkeit und deren Kon-
trolle durch die Zulassung von akkreditierten Gerichtsberichterstatter/-innen Ge-
nüge getan werden könne. Die Auflage lautete dahingehend, dass die Identität
des Privatklägers nicht veröffentlicht werden darf und dass in der Berichterstat-
tung jegliche Angaben zu unterlassen sind, die Rückschlüsse auf die Identität des
Privatklägers erlauben würden (unter Aufzählung konkreter Beispiele).
Es erschienen heute zur Berufungsverhandlung der Beschuldigte und sein amt-
licher Verteidiger, sodann der im Rubrum genannte Vertreter der Anklägerin so-
wie für den Privatkläger dessen Rechtsvertreter (Prot. II S. 16). Vorfragen waren
keine zu entscheiden und – abgesehen von der Einvernahme des Beschuldigten
– auch keine Beweise abzunehmen (Prot. II S. 18). Das Urteil erging im An-
schluss an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 26 ff.).
2. Umfang der Berufung
2.1. Gemäss der Berufungserklärung vom 9. März 2020 richtet sich die Beru-
fung des Beschuldigten gegen den vorinstanzlich ergangenen Schuldspruch (Dis-
positiv-Ziffer 1) sowie gegen alle damit zusammenhängenden Sanktionsfolgen
(Strafe und deren Vollzug [Dispositiv-Ziffern 2 und 3], Kontakt- und Rayonverbot
[Dispositiv-Ziffer 6]), gegen den Widerruf des bedingten Vollzugs der Vorstrafe
(Dispositiv-Ziffer 4), gegen die dem Privatkläger zugesprochene Genugtuung
(Dispositiv-Ziffer 7) sowie gegen die erstinstanzliche Kostenauflage (Dispositiv-
Ziffern 11 und 12) (Urk. 63, vgl. auch Prot. II S. 16 f.).
Die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft beschränkt sich auf die Bemes-
sung der Strafe (Dispositiv-Ziffer 2; Urk. 81).
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2.2. In der vorliegenden Konstellation hindert das Verschlechterungsverbot
(Art. 391 Abs. 2 Satz 1 StPO) das Berufungsgericht nicht, den dem Beschuldigten
vorgeworfenen Sachverhalt weitergehend als erstellt anzusehen, als es die Vor-
instanz tat. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Anschlussberufung zwar wie erwähnt
auf das Strafmass beschränkt und der Vertreter der Anklägerin führte anlässlich
der heutigen Berufungsverhandlung aus, dass er gegen die von der Vorinstanz
vorgenommene Einschränkung des Tatzeitraums nicht opponiere (Urk. 112
S. 1 f.); für die verlangte Prüfung einer härteren Sanktion muss sich das Beru-
fungsgericht aber mit sämtlichen strafzumessungsrelevanten Tatumständen aus-
einandersetzen. Dazu gehören namentlich alle Umstände, die sich straferhö-
hend/-schärfend oder strafmindernd/-mildernd auswirken können. Insoweit ist die
Kognition des Berufungsgerichts uneingeschränkt (Urteil des Bundesgerichts
6B_853/2016 vom 18. Oktober 2017 E. 3.1.1).
2.3. In Rechtskraft erwachsen ist die Einziehung der beschlagnahmten Gegen-
stände (Dispositiv-Ziffer 5), der Verweis des Schadenersatzbegehrens des Privat-
klägers auf den Zivilweg (Dispositiv-Ziffer 8), die Zusprechung des Honorars der
amtlichen Verteidigung für das erstinstanzliche Verfahren (Dispositiv-Ziffer 9) und
die Kostenfestsetzung bis und mit erstinstanzlichem Urteil (Dispositiv-Ziffer 10).
Der Eintritt der Rechtskraft dieser Anordnungen ist daher vorab mittels Beschluss
festzustellen (Art. 399 Abs. 3 StPO in Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO so-
wie Art. 404 StPO).
3. Formelles
3.1. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des eingeklagten
Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, erfolgt dies in
Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies stets explizit Erwäh-
nung findet.
3.2. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende Instanz nicht
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1; BGE 139 IV
179 E. 2.2; BGE 138 IV 81 E. 2.2, je mit Hinweisen). Die Berufungsinstanz kann
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sich auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken. Es müssen
aber wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich das Ge-
richt hat leiten lassen und auf die sich sein Entscheid stützt (BGE 141 IV 249
E. 1.3.1 mit Hinweisen).
II. Schuldpunkt
1. Ausgangslage
1.1. Im zur Anklage gebrachten Kernsachverhalt (Urk. 14/5 S. 2 f.) wird dem
Beschuldigten vorgeworfen, er habe ungefähr im Herbst oder gegen Ende des
Jahres 2015 damit begonnen, mit dem ihm bekannten Privatkläger sexuelle
Handlungen vorzunehmen, und zwar im Wissen darum, dass der Privatkläger
damals noch keine 16 Jahre alt war.
Begonnen habe es damit, dass der Beschuldigte in seiner Wohnung im Rahmen
einer Massage von Verspannungen beim Privatkläger die Massage erweitert und
das Glied des Privatklägers berührt habe. Auf Vorschlag des Beschuldigten hät-
ten die beiden daraufhin ins Schlafzimmer gewechselt. Dort habe der Beschuldig-
te den steifen Penis des Privatklägers in den Mund genommen, dessen Anus ge-
leckt und schliesslich versucht, mit seinem erigierten Penis in den Anus des Pri-
vatklägers einzudringen, was ihm indes nicht vollständig gelungen sei. In der Fol-
ge hätten sich die beiden gegenseitig die Penisse gerieben.
In den folgenden Monaten und bis zum tt. Dezember 2016 sei es dann wiederholt,
ca. ein Mal pro Woche, zu sexuellen Handlungen zwischen den beiden gekom-
men, als der Privatkläger jeweils, vorwiegend an den Wochenenden, beim Be-
schuldigten in dessen Bett übernachtet habe. Es sei dabei zu folgenden Arten se-
xueller Handlungen gekommen (wobei nicht jedes Mal zu allen davon): Reiben
des Penis, orale Befriedigung, Analpenetration mit dem Penis – jeweils gegensei-
tig.
1.2. In rechtlicher Hinsicht würdigt die Staatsanwaltschaft das Verhalten des
Beschuldigten als mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind im Sinne von
Art. 187 Ziff. 1 StGB (Urk. 38).
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1.3. Der Beschuldigte bestreitet nicht, dass es zu wiederholten sexuellen
Kontakten zwischen ihm und dem Privatkläger kam, namentlich zu gegenseitigem
Oral- und Analverkehr. Indes macht er geltend, dass alle sexuellen Handlungen
nach dem 16. Geburtstag des Privatklägers erfolgt seien (Urk. 3/4 Ziff. 7 ff.;
Urk. 3/5 Ziff. 5; Urk. 44A S. 16; Urk. 108 S. 7).
2. Grundsätze der Sachverhaltserstellung und massgebliche Beweismittel
Was die Vorinstanz zu den Anforderungen an einen rechtsgenügenden Schuld-
beweis, den allgemeinen Grundsätzen der Sachverhaltserstellung und den Be-
weiswürdigungsregeln (dabei insbesondere zur Aussagewürdigung) ausführt, ist
nicht zu beanstanden (Urk. 62 S. 5 ff.). Zur Würdigung von einzelnen Indizien
kann den vorinstanzlichen Ausführungen ergänzend bzw. verdeutlichend noch
angefügt werden, dass einzelne belastende Momente isoliert betrachtet die
Schuld eines Beschuldigten oftmals nicht rechtsgenügend zu belegen vermögen.
Die einzelnen Elemente sind jedoch stets gesamthaft zu würdigen. Erst wenn sich
in einer Gesamtbetrachtung unter Berücksichtigung aller Beweismittel ein Bild
ergibt, das nicht mehr als Summe von blossen Zufälligkeiten erklärt werden kann,
darf sich das Gericht von einem Sachverhalt als überzeugt erklären. Das Bundes-
gericht hat verschiedentlich zutreffend festgehalten, dass die Gesamtheit einzel-
ner Indizien als "Mosaik" zu würdigen ist (vgl. dazu BGE 133 I 33 E. 4.4.1 bis
4.4.3; Pra 2004 Nr. 51 S. 256, Ziff. 1.4; Pra 2002 Nr. 180 S. 962 f., Ziff. 3.4).
Die Vorinstanz hat die vorhandenen Beweismittel genannt und deren Inhalt um-
fassend und richtig wiedergegeben, worauf zur Vermeidung von Wiederholungen
ebenfalls verwiesen werden kann (Urk. 62 S. 8, 10 bis 15 und 17 bis 21).
Nicht zu beanstanden ist, dass die Vorinstanz davon absah, den Privatkläger
persönlich einzuvernehmen (vgl. Urk. 29, Dispositiv-Ziffer 5), nachdem seine
Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft auf Video aufgezeichnet worden war
(Urk. 4/4). Auch eine Einvernahme vor Berufungsinstanz kann unterbleiben.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung können je nach Konstellation
auf Video aufgezeichnete Einvernahmen genügen, um sich ein hinreichendes Bild
von der Glaubwürdigkeit der Auskunftsperson respektive der Glaubhaftigkeit de-
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ren Aussagen zu verschaffen. Vorliegend, wo es auf den Inhalt der Aussagen
(was gesagt wird) ankommt und nicht in besonderem Masse auf den unmittelba-
ren Eindruck, der bei der Präsentation der Aussage entsteht, erscheint eine er-
gänzende Beweisabnahme nicht notwendig (vgl. Art. 343 Abs. 3 StPO; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1265/2019 vom 9. April 2020 E. 1.2; BGE 144 I 234 E. 5.6.2).
Dies insbesondere auch, da eine neuerliche Einvernahme auch von Seiten der
amtlichen Verteidigung und der Staatsanwaltschaft nicht beantragt wurde.
3. Würdigung der Beweismittel
3.1. Die Vorinstanz erachtete den zur Anklage gebrachten Sachverhalt gestützt
auf die massgeblichen Beweismittel im Kern als erstellt. Davon abweichend kam
sie allerdings zum Schluss, dass dem Beschuldigten nicht der ganze eingeklagte
Tatzeitraum zur Last gelegt werden könne. Dessen Beginn situierte die Vo-
rinstanz auf September 2016. Bezüglich der Anzahl sexueller Kontakte bis zum
Ablauf des Schutzalters des Privatklägers kam sie auf "ungefähr acht" solcher
Vorfälle (Urk. 62 S. 30).
3.2. Was den unstrittigen Teil des Sachverhalts angeht, nämlich dass die bei-
den Direktbeteiligten, der Beschuldigte und der Privatkläger, über mehrere Mona-
te hinweg wiederholt miteinander sexuell verkehrten, bis hin zu Analverkehr, kann
angesichts ihrer insoweit übereinstimmenden Aussagen (Urk. 3/4 Ziff. 17 ff.,
Urk. 44A S. 15 f.; Urk. 4/3 Ziff. 68), welche mit dem weiteren Untersuchungser-
gebnis im Einklang stehen, kein Zweifel bestehen. Insoweit ist der eingeklagte
Sachverhalt rechtsgenügend erstellt.
3.3. Sowohl im vorinstanzlichen Verfahren als auch im Berufungsverfahren ist
insbesondere strittig, wann die sexuellen Handlungen zwischen dem Beschuldig-
ten und dem Privatkläger begannen und namentlich, ob dies war, als der Privat-
kläger noch im Schutzalter stand oder ob es erst nach seinem 16. Geburtstag, al-
so nach dem tt. Dezember 2016, damit begann. Darauf ist nachfolgend nochmals,
vertiefend, einzugehen:
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3.3.1. Angesichts der Unsicherheit über die Zeitspanne der mutmasslichen Über-
griffe untersuchte die Vorinstanz vorwiegend anhand von objektivierbaren Zeit-
marken, inwieweit sich der Sachverhalt erstellen lässt (Urk. 62 S. 22 f.). Diese
Vorgehensweise überzeugt; allerdings zeigt sich im Einzelnen Bedarf an Präzisie-
rungen.
3.3.2. Mit der Vorinstanz ist zunächst als erstellt anzusehen, dass der Privatkläger
in zwei aufeinanderfolgenden Jahren im Sommer bei "C._" teilnahm (Urk. 62
S. 23). Dies wird einerseits durch ein Gruppenfoto, das den Privatkläger zeigt und
das die Jahresangabe "2016" trägt, belegt (Urk. 5/5). Des Weitern schilderte der
Vater des Privatklägers (D._) überzeugend, dass die Familie 2015 und 2016
jeweils das Lager in E._/USA besucht habe (Urk. 5/4 Ziff. 20 f.). Auch die
Mutter (F._) erwähnte diese beiden Camps (Urk. 5/1 Ziff. 26).
Der Privatkläger führte anlässlich seiner Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft
vom 22. März 2019 aus, er wisse noch ganz genau, wie er sich im Sommer, als er
zum zweiten Mal im Camp in den USA gewesen sei, anlässlich einer Gesprächs-
runde über bisher nicht Preisgegebenes, Peinliches etc. überlegt habe, sexual
harassment (deutsch: sexuelle Belästigung) auf den Zettel zu schreiben, um
darüber zu berichten – er habe es dann aber nicht getan (Urk. 4/3 Ziff. 44; vgl.
auch die seitens des Vaters des Privatklägers darüber gemachte Zeugenaussage
in Urk. 5/4 Ziff. 20). Dass eine so ausgefallene Erinnerung erfunden wird, ist un-
wahrscheinlich; und hier liegen keinerlei dahingehende Anhaltspunkte vor. Die
Schilderung spricht deutlich dafür, dass in jener Zeit dem Privatkläger seine sexu-
ellen Erfahrungen bereits zu schaffen machten, er sich aber nicht überwinden
konnte, darüber zu berichten – möglicherweise aus Scham oder weil er sich sei-
ner Gefühle darüber noch zu unsicher war.
Wenn in diesem Zusammenhang die Vorinstanz sinngemäss erwägt, dass ange-
sichts besonders guter Englischkenntnisse des Privatklägers in dessen Wortwahl
– sexual harassment und nicht sexual abuse (deutsch: sexueller Missbrauch) –
ein möglicher Hinweis darauf gesehen werden könne, dass es im Vorfeld des
Sommercamps 2016 noch nicht zu den inkriminierten sexuellen Handlungen ge-
kommen sei, sondern erst zu (körperlichen) Annäherungen (Urk. 62 S. 23), so
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kann dem nicht gefolgt werden. Schliessen lässt sich daraus, dass den Privatklä-
ger in jenem Zeitpunkt bereits etwas bedrückte, worüber er eigentlich gern offen
gesprochen hätte und das mit sexuellen Grenzüberschreitungen zu tun hatte.
Dass er aber die feinen Unterschiede der beiden Begriffe (sexual harassment, se-
xual abuse) kannte und aktiv in seine Wortwahl einbezog, ist eher nicht anzu-
nehmen. Und sollte er sich der begrifflichen Abgrenzung tatsächlich doch bewusst
gewesen sein, so wäre noch immer denkbar, dass er sich damals selber noch
nicht als Missbrauchsopfer, sondern als Belästigten hätte bezeichnen wollen,
selbst wenn es objektiv gesehen Missbrauch war.
Hinzu kommt, dass es eher unwahrscheinlich erscheint, dass ein 15-jähriger jun-
ger Mann in einer solchen organisierten Gesprächsrunde mit Jugendlichen auf die
Idee kommt, er könnte – in einer Fremdsprache für ihn – von vielleicht erotisch
konnotierten, aber noch harmlosen körperlichen Annäherungsversuchen eines
deutlich älteren Bekannten berichten, welche ihn irritieren. Seine Schilderung
spricht für eine erwogene Offenbarung eines dunklen Geheimnisses, womit die
erlebten Grenzüberschreitungen schon eine erhebliche Intensität erreicht haben
mussten. Wäre es anders, hätte das nicht ausgeführte Vorhaben ihn wohl nicht
derart aufgewühlt, dass die Situation ihm noch Jahre später in Erinnerung war.
Ausserdem erwähnte der Privatkläger seine Erinnerung (dass er sich schon im
C._ des Sommers 2016 mit dem Gedanken trug, über sexuelle Grenzverlet-
zungen zu berichten) explizit als Beleg dafür, dass es schon davor zu sexuellen
Handlungen im Sinne von Übergriffen gekommen sei (Urk. 4/3 Ziff. 46; Urk. 4/4
00:27:50, 00:28:17, 00:28:47).
Nach dem Gesagten besteht kein Anlass, den betreffenden Aussagen des Privat-
klägers zu misstrauen. Seine Schilderung ist stimmig und stellt daher ein Indiz da-
für dar, dass der sexuelle Verkehr mit dem Beschuldigten schon vor den Sommer-
ferien 2016 begonnen haben muss.
3.3.3. Die Vorinstanz würdigte sodann auch die Schulzeugnisse des Privatklägers
(Urk. 62 S. 23 f.).
Aus diesen (Urk. 8/3-5) ergibt sich zunächst was folgt: Im Schuljahr 2013/14
besuchte der Privatkläger die erste Sekundarklasse (Abteilung ...) in G._.
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Danach wechselte er an die Private Sekundarschule der H._ in I._, wo
er in den Schuljahren 2014/15 und 2015/16, bis im Sommer 2016, die 2. und die
3. Sekundarklasse ... absolvierte (Urk. 8/3). Darauf folgten im Herbstsemes-
ter 2016/17 die nicht bestandene Probezeit an der Kantonsschule J._ (fortan
"J._"; Urk. 8/4) und ab Februar 2017 die Zeit am English College der
K._ (Urk. 8/5).
Die Vorinstanz erwägt in diesem Zusammenhang, dass die Schulleistungen des
Privatklägers nach dem Übertritt in die J._ geradezu eingebrochen seien,
was auf den Beginn der sexuellen Handlungen hindeuten könne, da diese den
Privatkläger abgelenkt und psychisch belastet haben könnten, wobei auch der
damit einher gegangene zugenommene Marihuanakonsum die Schulleistungen
habe negativ beeinflusst haben können (Urk. 62 S. 23 f.; ähnlich auch der Staats-
anwalt in Prot. I S. 12 oben).
Diesen Ausführungen kann nicht vorbehaltlos beigepflichtet werden. Aus dem
Verlauf der Schulleistungen des Privatklägers lassen sich zum Erstellen des An-
klagesachverhalts keine Schlüsse ziehen – weder zu Gunsten noch zu Ungunsten
des Beschuldigten. Es kann mit der Verteidigung als notorisch gelten, dass die
Notengebung an Kantonsschulen deutlich strenger ist als jene von privaten Se-
kundarschulen (Urk. 111 S. 6 f.). Die Probezeit eines Gymnasiums setzt manche
gute Schülerin und manchen guten Schüler unter Druck, was bis hin zu Blocka-
den führen kann. Dass das Nichtbestehen der Probezeit mit den sexuellen Hand-
lungen im Zusammenhang steht (wie es der Meinung des Privatklägers entspricht
[Urk. 4/3 Ziff. 86]), ist deshalb zwar nicht ausgeschlossen, eine dahingehende
Vermutung lässt sich aber nicht objektivieren.
Hingegen scheint sich der Privatkläger bei der Staatsanwaltschaft sicher gewesen
zu sein, dass es mit den sexuellen Handlungen begann, als er noch in die
H._ ging (Urk. 4/3 Ziff. 38 ff.; vgl. auch Urk. 4/4, 00:21:27). Eine solche An-
gabe ist deutlich zuverlässiger als Erinnerungsangaben über Jahreszahlen oder
Schuljahrangaben. Die aktenkundigen Schuldaten sprechen zusammen mit den
Aussagen des Privatklägers dafür, dass die sexuellen Handlungen noch vor Ende
des Schuljahres 2015/2016, also vor Mitte Juli 2016, begannen.
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3.3.4. Auch bezüglich der vorinstanzlichen Würdigung der Aussagen L._
(Urk. 62 E. 3.9.1c S. 24 f.) drängen sich Präzisierungen auf:
Zunächst zur Ausgangslage: L._ berichtete, dass es im Frühjahr/Frühling
2016 während ca. zwei bis drei Monaten, anlässlich von Übernachtungen beim
Beschuldigten, in dessen Bett, im gegenseitigen Einvernehmen, mehrmals dazu
gekommen sei, dass er und der Beschuldigte sich gegenseitig masturbiert hätten;
er (L._) sei da seit Kurzem 16-jährig gewesen (Urk. 5/12 Ziff. 14, 20, 27 ff.).
Diese sexuellen Handlungen stritt der Beschuldigte zunächst ab (Urk. 3/5 Ziff. 3
f.); nach und nach räumte er sie aber ein (Urk. 3/6 Ziff. 8; Urk. 44A S. 24).
Die Vorinstanz schätzt gestützt auf L._ Angaben, dass die sexuellen Hand-
lungen zwischen ihm und dem Beschuldigten bis ungefähr April/Mai 2016 statt-
fanden. Dies sei insofern von Bedeutung (so die Vorinstanz), als der Privatkläger
zunächst gemeinsam mit L._ in der Wohnung des Beschuldigten übernachtet
habe und erst später allein bzw. mit seinem Bruder M._ (gemäss Urk. 3/4
Ziff. 30 ff. und Urk. 4/1 Ziff. 12). Die Vorinstanz argumentiert, dass dies dafür
spreche, dass die ersten sexuellen Handlungen zwischen dem Beschuldigten und
dem Privatkläger erst später als im Mai 2016 stattgefunden hätten. Denn L._
habe (in Urk. 5/12 Ziff. 18) ausgesagt, dass der Privatkläger nie bzw. nur wenige
Male gemeinsam mit ihm beim Beschuldigten übernachtet habe (Urk. 62 S. 24).
Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. Der Umstand, dass L._ und
der Privatkläger in jener Zeit nicht mehr gleichzeitig beim Beschuldigten zu über-
nachten pflegten, legt nicht die Vermutung nahe, dass die sexuellen Handlungen
mit dem Privatkläger erst nach Mai 2016 begannen. Es ist vielmehr denkbar, dass
sich die Zeiten sexuellen Verkehrs überschnitten – dass der Beschuldigte in jener
Zeit hie und da mit L._ und hie und da mit dem Privatkläger sexuelle Hand-
lungen vornahm. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Beschuldigte es
jeweils sogar aktiv so lenkte, dass die beiden jungen Männer nicht gleichzeitig bei
ihm übernachteten. L._ gab denn auch an, bis ca. im März 2018 beim Be-
schuldigten übernachtet zu haben (Urk. 5/12 Ziff. 15).
Eine heimliche Parallelität sexuellen Verkehrs wäre eine mögliche Erklärung da-
für, dass der Beschuldigte nicht sogleich zu den an sich legalen Handlungen mit
- 15 -
L._ stand. Andererseits ist auch plausibel, dass der Beschuldigte – wie er
selber an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung mutmasste (Urk. 44A S. 24) –
aus Scham, namentlich gegenüber L._s Mutter, mit der er befreundet war,
anfänglich nicht zu den sexuellen Handlungen mit L._ stand.
Der Abgleich mit den Aussagen L._s hilft also bloss (aber immerhin) zur zeit-
lichen Einordnung, wann die gemeinsamen Besuche von ihm und dem
Privatkläger seltener wurden und vermehrt der Bruder des Privatklägers,
M._, dazu stiess. Dass es zu diesem Wechsel kam, steht übrigens im
Einklang mit den Aussagen der Direktbetroffenen und wird auch vom Beschuldig-
ten beschrieben (Beschuldigter: Urk. 3/1 Ziff. 30, Urk. 3/4 Ziff. 37 f.; Privatkläger:
Urk. 4/1 Ziff. 12, Urk. 4/3 Ziff. 53 f.; M._: Urk. 5/11 Ziff. 11 f.; L._:
Urk. 5/12 Ziff. 34 f.).
3.3.5. Als weiteren chronologischen Anknüpfungspunkt für den soeben
beschriebenen Wechsel bietet sich an, das Vorhaben des Beschuldigten, sein
50ccm-Motorrad zu verkaufen, näher zu erörtern:
An der erstinstanzlichen Hauptverhandlung kam der Beschuldigte, als es um die
Umstände des Kennenlernens des Privatklägers ging, auf die Angelegenheit mit
dem Motorrad zu sprechen: Er führte aus, dass ihm gekündigt worden sei, er Geld
gebraucht und daher die Absicht gehegt habe, sein 50ccm-Motorrad zu verkau-
fen. Deshalb habe er L._ gebeten, bei seinen Kollegen nachzufragen, ob je-
mand Interesse hätte. So habe er zuerst den Privatkläger und daraufhin dessen
Bruder M._ kennen gelernt, von welchem ihm ein Kaufinteresse gemeldet
worden sei. M._ und sein Vater, D._, seien dann zur Probefahrt er-
schienen (Urk. 44A S. 22 f. sowie 36, sinngemäss).
D._ berichtete ebenfalls über diese Begebenheit: Sein Sohn M._ habe
ein Motorrad erwerben wollen. Nach seiner Erinnerung sei dies im frühen Herbst
2015 gewesen; da habe er (D._) vermutlich den ersten Kontakt von Ange-
sicht zu Angesicht mit dem Beschuldigten gehabt (Urk. 5/4 Ziff. 10). Auch
M._ gab an, im Frühherbst 2015 den Beschuldigten erstmals getroffen zu
haben, als er dessen Motorrad zusammen mit seinem Vater anschauen gegan-
gen sei (Urk. 5/11 Ziff. 10). Vom Alter von M._ (geboren am tt. November
- 16 -
1998 [Urk. 5/11 S. 1]) her macht das Sinn, stand er da doch in seinem
17. Altersjahr. Ein Jahr später wäre er, schon dem 18. Geburtstag nahe, eher in-
teressiert gewesen am Erwerb eines Motorrads mit grösserem Hubraum.
Dass der Beschuldigte den Privatkläger erst in den Sommerferien 2016 kennen-
lernte, wie er angibt, widerspricht den Angaben aller anderen Befragten.
Hinzu kommt, dass der Beschuldigte, als er an der Hauptverhandlung über seine
beruflichen Tätigkeiten sprach, ausführte, er habe Anfang 2014 bei N._ ge-
arbeitet, wo er über ein Jahr habe bleiben können, wo ihm dann aber gekündigt
worden sei (Urk. 44A S. 8). Diese Kündigung dürfte somit ca. Anfang/Mitte 2015
ergangen sein, was dafür spricht, dass die berichteten Geldsorgen und der ge-
plante Verkauf des Motorrades in die darauffolgenden Wochen oder Monate zu
liegen kam. Es erscheint also auch von daher plausibel, dass die Besichtigung
des Motorrads durch D._ und M._ wie von ihnen geschildert im frühen
Herbst des Jahres 2015 stattfand.
3.3.6. Sodann beleuchtet die Vorinstanz die vom Privatkläger geschilderte
Begebenheit eines abendlichen "Raclette-Essens" der Familie O._ [Nach-
name von B._] beim Beschuldigten zu Hause zum Zwecke des gegenseiti-
gen Kennenlernens (Urk. 62 S. 25). Der Privatkläger erwähnte dieses an der poli-
zeilichen Erst-Einvernahme (Urk. 4/1 Ziff. 12 S. 4 unten), wobei er sich auf zuvor
erstellte Notizen stützte, in welchen das Essen ebenfalls figuriert. In besagter Ein-
vernahme und auch gemäss den Notizen wurden die ersten eindeutigen sexuel-
len Handlungen auf der Zeitachse klar nach diesem Termin eingeordnet (Urk. 4/1
Ziff. 12 S. 5 oben, Urk. 4/2 Ziff. 20 f., vgl. auch Urk. 4/3 Ziff. 14).
Die Vorinstanz sucht die Erwähnung dieses gemeinsamen Raclette-Essens mit
der vom Vater des Privatklägers, D._, geschilderten Erinnerung zu
verflechten, wonach sich die ganze Familie O._ 2016 einmal zum
Beschuldigten begeben haben soll, um dort gemeinsam ein Spiel der Fussball-
Europameisterschaft anzusehen. Da seien sie "zu fünft anwesend" gewesen
(Urk. 5/4 Ziff. 11). Dazu erwägt die Vorinstanz, es liege nahe, dass es sich bei
diesem von D._ genannten Anlass um das vom Privatkläger erwähnte Rac-
lette-Essen handle. Denn den Akten sei einzig dieses eine Treffen der ganzen
- 17 -
(fünfköpfigen) Familie O._ mit dem Beschuldigten zu entnehmen. Aus den
Prämissen, dass die Endrunde der Fussball-Europameisterschaft 2016 im Juni/
Juli 2016 stattfand und dass das Raclette-Essen den ersten sexuellen Handlun-
gen zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger zeitlich voranging, zieht
die Vorinstanz sodann den Schluss, die ersten sexuellen Handlungen müssten
erst nach dem Sommer 2016 stattgefunden haben (Urk. 62 S. 25).
Auch diese These hält einer genaueren Betrachtung nicht stand:
Wäre es so gewesen, dass die Eltern des Privatklägers auf ein kurzfristiges
Kennenlern-Treffen gedrängt hätten, anlässlich dessen sich F._ und der Be-
schuldigte nicht nur zum ersten Mal persönlich gegenüber standen, sondern man
auch noch – im Sommer – Raclette ass und sich gemeinsam einen EM-
Fussballmatch anschaute, so müsste dieses spezielle Ereignis unweigerlich in
F._s Erinnerung haften geblieben sein – was es offenbar nicht tat (Urk. 5/3
S. 2). Die Erinnerung an ein "Frühstück" im Sommer, anlässlich dessen man, frü-
hestens ab 15 Uhr (dem frühesten Spielbeginn an der Europameisterschaft 2016)
gemeinsam einen Fussballmatch geschaut haben soll, ist wenig wahrscheinlich,
zumal D._ aussagte, sie seien "zu fünft anwesend" gewesen (vgl. Urk. 5/4
Ziff. 11). Er hätte bei dieser Version also bloss seine fünfköpfige Familie gemeint
und den Gastgeber, den Beschuldigten, mitzuzählen vergessen. All dies scheint
sonderbar und logisch nicht konsistent.
D._ sagte aus, dass es nebst dem gemeinsam angeschauten EM-
Fussballspiel zu weiteren Begegnungen in der Wohnung des Beschuldigten ge-
kommen sei; er schätze "ca. 3–5 Mal" (Urk. 5/4 Ziff. 11). Dem Merkmal, ob die
ganze Familie O._ vereint anwesend war oder nicht, muss nun nicht derart
hohe Bedeutung zugemessen werden, als dass zu erwarten wäre, solche Anläs-
se, hätten sie stattgefunden, müssten zwingend Eingang in die Prozessakten fin-
den.
F._ (die Mutter des Privatklägers) gab an, dass sie, als ihre Söhne einmal
beim Beschuldigten übernachteten, am Abend dort angerufen und ihm gesagt ha-
be, sie wolle einmal bei ihm das Frühstück einnehmen, um ihn persönlich kennen
zu lernen und um sich ein Bild zu machen. Das Frühstück habe daraufhin (an-
- 18 -
derntags) stattgefunden; sie denke, das sei anfangs 2016 gewesen (Urk. 5/1
Ziff. 10–12; vgl. auch Urk. 5/2 S. 2, wo noch die Rede von mitgebrachten Gipfeli
ist). Auch D._ erinnerte sich (auf gezielte Frage nach einem Frühstück beim
Beschuldigten) an das von seiner Ehefrau geschilderte sonntägliche "Frühstück"
(wobei er den Zeitpunkt nicht mehr genau sagen könne). Auch er erwähnte in die-
sem Zusammenhang, dass seine Ehefrau und er sich selber eingeladen hätten,
weil ihnen die Besuche ihrer Söhne Sorgen bereitet hätten (Urk. 5/4 Ziff. 12).
Die vorstehend zusammengefassten Aussagen lassen es als naheliegend er-
scheinen, dass das besagte "Frühstück" nahe am Beginn der Phase stattfand, als
der Privatkläger zusammen mit seinem Bruder M._ und nicht mehr mit
L._ beim Beschuldigten ein- und auszugehen pflegte. Denn diese Entwick-
lung dürfte vor allem bei der Mutter, F._, das vorbestehende ungute Gefühl
verstärkt haben. Davor hatte sie sich noch halbwegs damit beruhigen können,
dass ihr Sohn B._ zusammen mit L._ dort sei, dessen Mutter gleich ne-
benan wohnte und die ein Auge auf die Situation haben würde (vgl. Urk. 5/1
Ziff. 13–15). Jetzt aber übernachteten nur mehr ihre beiden älteren Söhne dort.
Von daher scheint plausibel, dass sie sich persönlich vergewissern wollte, dass
alles in Ordnung sei. So lässt sich dieses verlangte "Frühstück" stimmig erklären.
Jugendliche, die gerne Computerspiele spielen, tun dies (frei von erzieherischen
Schranken) gewöhnlich lange, vor allem an Wochenenden oft nächtelang. Infolge-
dessen schlafen gerade solche Jugendliche nicht selten weit in den Sonntag hin-
ein. Es ist allgemein bekannt, dass der Tag- und Nachtrhythmus in dieser Le-
bensphase durcheinander gerät. Auch der Beschuldigte soll teils lange geschlafen
haben (so geschildert vom Privatkläger in Urk. 4/1 Ziff. 12 S. 4 unten und auch
von M._ in Urk. 5/11 Ziff. 19).
Offenbar bestand die Gewohnheit, beim Beschuldigten ausgiebig zu frühstücken.
Jedenfalls betonte der Privatkläger wiederholt das gute Frühstück, das er dort ge-
noss (Urk. 4/1 Ziff. 12 S. 4 unten; vgl. auch Urk. 4/2 Ziff. 14 und 19). Eine Verab-
redung zum Frühstück, die an einem trüben Sonntag im Frühjahr wegen des lan-
gen Ausschlafens von M._ in den Nachmittag hinein gelegt (oder verlegt)
wird und wobei nicht nur die von den Gästen besorgten Gipfeli, sondern auch
- 19 -
Raclette verzehrt wird, könnte so bei den Eltern noch als "Frühstück", beim Pri-
vatkläger (der laut seinem Bruder M._ früh aufzustehen pflegte [Urk. 5/11
Ziff. 29]) aber bereits als abendliches "Raclette-Essen" eingeprägt worden sein.
So liesse sich der vermeintliche Widerspruch auflösen. Letztlich bleiben in den
unterschiedlichen Schilderungen einerseits des Privatklägers (Urk. 4/1 Ziff. 12
i.V.m. Urk. 4/2 Ziff. 19 bis 21), andererseits seiner Eltern (Urk. 5/1 Ziff. 10 bis 12
i.V.m. Urk. 5/2 S. 2; Urk. 5/4 Ziff. 12), aber Widersprüche zurück, auch bezüglich
der Vorgeschichte des Treffens. Die genauen Umstände dieses Kennenlern-
Treffens lassen sich nicht restlos klären. Besondere Bedeutung braucht dieser
Unklarheit aber nicht beigemessen zu werden.
Dass das Kennenlern-Treffen im Frühjahr 2016 stattfand (ganz gleich ob als
Frühstück oder als abendliches Raclette-Essen), liesse sich zwanglos in die Zeit
des schon erwähnten allmählichen Wechsels von den Besuchen des Privatklä-
gers beim Beschuldigten zunächst mit L._ hin zu den Besuchen in
Begleitung seines Bruders, M._, einfügen, als sich die Sorgen der Eltern er-
höhten.
Für die Einordnung des Kennenlern-Treffens im Frühjahr 2016 würde schliesslich
auch sprechen, dass sowohl der Privatkläger als auch der Beschuldigte ihren
ersten sexuellen Verkehr so beschreiben, dass am fraglichen Tag schlechtes,
kaltes, ja sogar winterliches Wetter geherrscht habe (Urk. 4/1 Ziff. 12 S. 5,
Urk. 4/2 Ziff. 23; Urk. 44A S. 26). Wenn also den Angaben des Privatklägers ent-
sprechend kurze Zeit davor das Kennenlern-Treffen mit den Eltern stattfand, so
wäre auch dieses im Winterhalbjahr anzusiedeln.
3.3.7. Im Sommer/Herbst 2015 stand der Beschuldigte eine Zeitlang unter polizei-
licher Ermittlung, nachdem sich die Mutter eines 12-jährigen Knaben besorgt bei
der Polizei gemeldet hatte, da ihr Sohn ohne ihr Wissen zusammen mit weiteren
Kindern/Jugendlichen beim Beschuldigten zu Hause gewesen sei, um Computer-
spiele zu spielen. Es wurden daraufhin fünf Jugendliche, darunter L._, und
der heutige Beschuldigte von der Polizei befragt. Der Privatkläger figuriert nicht
auf dieser Liste Jugendlicher (Urk. 2/4). Weil sich der Verdacht auf sexuelle
Handlungen nicht erhärten liess, wurde nach einer erneuten Befragung derselben
- 20 -
Jugendlichen resp. deren Mütter Ende Februar 2016 auf weitere Massnahmen
verzichtet (Urk. 2/5).
Die Vorinstanz sieht im Umstand, dass der Name O._ (im Gegensatz zu
L._) nicht in den beiden Rapporten auftaucht, ein Indiz dafür, dass die ver-
dichtete Zusammenkunft des Beschuldigten mit dem Privatkläger (und dessen
Bruder) erst später, d.h. ab Anfang des Jahres 2016, stattfand (Urk. 62 S. 26).
Genau besehen wurde der Kreis der von der Polizei registrierten Jugendlichen
aber schon Mitte Juli 2015, bei der Meldeerstattung, gezogen. Später, im Frühjahr
2016, wurde seitens der Polizei bloss nochmals bei den zuvor gemeldeten Perso-
nen und deren Müttern nachgefasst. Hierbei stellte sich L._s Mutter äusserst
vertrauensvoll vor den Beschuldigten. Ihr wäre kaum in den Sinn gekommen, den
Polizisten auf noch weiter hinzugestossene Jugendliche hinzuweisen, sofern sie
von diesen überhaupt Kenntnis gehabt hätte (Urk. 2/5 S. 5).
Nach dem Gesagten können diese Polizeirapporte einzig als (schwaches) Indiz
dafür gewertet werden, dass im Sommer 2015 die Besuche des Privatklägers
beim Beschuldigten noch nicht allzu häufig gewesen sein dürften.
3.3.8. Im Zusammenhang mit der zeitlichen Verortung der ersten klar sexuellen
Handlungen finden sich auffällig uneinheitliche Angaben in den Prozessakten.
Grundsätzlich ist dazu zu bemerken, dass Ungenauigkeiten und Erinnerungsfeh-
ler im Sinne von Begleiterscheinungen des Zeitverlaufs bis zu einem gewissen
Grad zu erwarten sind, vor allem wenn, wie hier, zwischen den relevanten Zeit-
marken und der Befragung Jahre liegen. Ganz besonders trifft dies zu für einen
Pubertierenden, der in der bewegten Zeit, über die er berichten soll, exzessiv Ma-
rihuana zu konsumieren pflegte. Dies vorangestellt, lässt sich aber dennoch kon-
statieren, dass es dem Privatkläger auffallend schwer fiel, die von ihm berichteten
Erlebnisse in einen nachvollziehbaren zeitlichen Gesamtkontext zu bringen.
Zutreffend weist die Vorinstanz darauf hin (Urk. 62 S. 26 ff.): An der polizeilichen
Erst-Einvernahme vom 12. Dezember 2018 (Urk. 4/1) habe der Privatkläger aus-
gesagt, zu ersten sexuellen Handlungen sei es "Anfang 2016 / im Sommer 2016"
gekommen (Ziff. 1); respektive im Herbst 2016 sei es zum ersten Oralverkehr ge-
kommen (Ziff. 16). Demgegenüber – so die Vorinstanz – habe der Privatkläger bei
- 21 -
der Staatsanwaltschaft am 22. März 2019 die ersten sexuellen Handlungen auf
den "Winter oder Anfang Frühling 2015" datiert (Urk. 4/3 Ziff. 38 ["Etwa im Win-
ter 2015 oder Anfangs Frühling 2015"] und Ziff. 42 ["Im Winter 2015, nach einem
halben Jahr H._"]).
Bei genauerer Prüfung relativiert sich die zunächst ins Auge springende Inkons-
tanz bei den Zeitangaben des Privatklägers. Ein eigentliches "Vorverschieben"
(womöglich im Zuge von innerfamiliären Begradigungsversuchen), als das es die
Vorinstanz bezeichnet (Urk. 62 S. 27), kann so nicht bestätigt werden. Vielmehr
muss es an der Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft am 22. März 2019 zu
Missverständnissen bzw. Wiedergabefehlern gekommen sein: Mit Bezug auf die
Angabe "Etwa im Winter 2015 oder Anfangs Frühling 2015" (Urk. 4/3 F/A 38) zeigt
ein Vergleich des Protokolls mit der Videoaufnahme (Urk. 4/4) zunächst, dass die
gesprochenen Worte zwar korrekt protokolliert wurden. Der nur in der Videoauf-
nahme ersichtliche Sprechfluss (Zögern) und die Mimik des Privatklägers an die-
ser Stelle (Urk. 4/4: 00:30:09-00:30.20) weisen jedoch deutlich darauf hin, dass
er, leicht fahrig antwortend, in Gedanken noch der Frage nachhing, ob es noch
Winter oder bereits Frühling war, als er Frühling 2015 sagte. Nur schon aufgrund
der Abfolge des Satzes und dem Verlauf der Jahreszeiten hätte nahe gelegen:
Frühling 2016 (die auf den Winter 2015 folgende Jahreszeit).
Zu diesem Wiedergabefehler bezüglich Jahreszahlen mag beigetragen haben,
dass im Kontext der Aussage wiederholt nach dem korrespondierenden Alter des
Privatklägers gefragt wurde und er nahe der von ihm vermutlich gemeinten Zeit-
marke (im Winter 2015/Frühling 2016) 15-jährig geworden war.
Auch bei Urk. 4/4 Ziff. 64 dürfte ein Zahlenfehler passiert sein. Dort wurden Frage
und Antwort wie folgt ins Protokoll aufgenommen: "64. Können Sie sagen, über welchen Zeitraum, vor Ihrem
16. Geburtstag es zu Sex zwischen Ihnen und A._ kam?
Es fing Ende Frühling 2015 bis Ende Winter 2015 an, bis zum 16. Geburtstag und darüber hinaus."
Wie aus der Videoaufnahme ersichtlich ist, lautete die Antwort wortgetreu wie
folgt (Urk. 4/4 00:41:19):
- 22 -
"Also angefangen hat es eben, ... [kurze Pause im Sprechfluss] Frühling ... [kurzes Absetzen] oder Ende Winter 2015 und dann durchgehend bis zum 16. Geburtstag und darüber hinaus auch noch..., ja. – Also von Frühling 2015 bis Herbst 2017 oder so."
Aus dem Kontext heraus betrachtet zeigt sich in diesem letzten Satz ("Also von
Frühling 2015 bis Herbst 2017 oder so"), dass der Privatkläger seine Angabe
nochmals zusammenzufassen suchte. Dabei scheint er sich, leicht unkonzentriert,
schlicht in der Jahreszahl zu irren. Ebenso wie oben ausgeführt, muss der Privat-
kläger Frühling 2016 anstatt Frühling 2015 gemeint haben.
Nach dem Gesagten müssen die vorstehenden, bei der Staatsanwaltschaft ge-
tätigten Aussagen des Privatklägers korrigierend dahingehend interpretiert wer-
den, dass er sich bei der Befragung unsicher war, ob es bereits im Winter 2015
oder erst im Frühling 2016 mit den sexuellen Handlungen begann, und er im frag-
lichen Zeitpunkt nicht davon ausging, dass es bereits im Frühling 2015 zu solchen
kam. So machen seine Aussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft sehr viel
mehr Sinn und lassen sich zwanglos ins Gesamtbild einfügen.
3.3.9. Schliesslich untersucht die Vorinstanz das mutmassliche Ende des sexuel-
len Verkehrs zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger und rechnet an-
hand der berichteten Gesamtdauer der sexuellen Beziehung zurück, um so deren
Beginn soweit möglich auf der Zeitachse festlegen zu können (Urk. 62 S. 26).
Die Angaben der beiden Direktbeteiligten divergieren diesbezüglich nicht grund-
legend, bleiben aber im Vagen: Während der Privatkläger angab, "Ende Dezem-
ber 2017" habe der letzte sexuelle Kontakt stattgefunden (Urk. 4/1 Ziff. 8), meinte
der Beschuldigte an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung: "Bis Ende 2017.
Nach dem Sommer." (Urk. 44A S. 30). Die Gesamtdauer der sexuellen Beziehung
wurde vom Privatkläger mit "ca. 1,5 Jahren" angegeben (Urk. 4/1 Ziff. 6). Der Be-
schuldigte sagte dazu bei der Staatsanwaltschaft: "Ca. 1 Jahr. Ganz genau kann
ich das nicht sagen." (Urk. 3/4 Ziff. 11). Eine Rückrechnung dieser Angaben ergibt
ungefähr das, was zu erwarten war, nämlich was den Standpunkten des Privat-
klägers resp. des Beschuldigten entspricht.
Es liegt auf der Hand, dass beide Direktbeteiligten im Rahmen des Verarbeitungs-
prozesses und auch zur Vorbereitung der Einvernahmen selber Rechnungen
- 23 -
anstellten. Auf solche Angaben abzustellen, auch nur im Sinne von Indizien, ohne
dass die Angaben verflochten wären mit Nebenumständen etc., ist heikel. Letzt-
lich handelt es sich dabei um Parteibehauptungen, deren Erkenntniswert für den
Nachweis bzw. die Entlastung von der vorgeworfenen Tat höchstens dienlich wä-
re, wenn sich eine befragte Person dadurch in Widersprüche verstricken würde.
3.3.10. An dieser Stelle gilt es auch noch auf den heute vorgebrachten Vorwurf
der Verteidigung, die Familie des Privatklägers, und insbesondere sein Vater, hät-
ten den Privatkläger bezüglich seiner Aussagen zu beeinflussen versucht oder
sogar beeinflusst, was sich aus einer Aussage des L._ anlässlich einer zwei-
ten Einvernahme ergebe (Urk. 111 S. 12). Aufgrund der Befragungsprotokolle des
Privatklägers ergeben sich diesbezüglich keinerlei Anhaltspunkte: Der Privatklä-
ger sagte auf die offen gestellten Fragen frei aus und seine Aussagen blieben –
wie vorstehend gezeigt – auch innerhalb der verschiedenen Einvernahmen im
Kern gleich, wenn sie auch in zeitlicher Hinsicht ein wenig ungenau waren. Dass
L._ sodann nach eigenen Angaben anlässlich einer zweiten Einvernahme
vom Vater des Privatklägers kontaktiert worden sein soll, ergibt sich nicht aus den
Akten. Und auch wenn dem so wäre, könnte die Verteidigung hieraus nichts zu
Gunsten des Beschuldigten ableiten, zumal sämtliche sich in den Akten befindli-
chen Aussagen des L._ nicht zu Lasten des Beschuldigten ausfallen.
3.3.11. Als Zwischenfazit lässt sich somit festhalten, dass die Indizienlage für
folgenden zeitlichen Ablauf spricht:
Im Frühherbst 2015 vermittelten L._ und der Privatkläger dem Beschuldigten
den Kontakt zu M._, der sich am Kauf des Motorrads des Beschuldigten inte-
ressiert gezeigt hatte. Nach diesem Erstkontakt kam es vermehrt dazu, dass
M._ seinen Bruder bei dessen Besuchen beim Beschuldigten begleitete und
ebenfalls dort übernachtete. L._s Übernachtungen gemeinsam mit dem Pri-
vatkläger beim Beschuldigten nahmen in der gleichen Zeit ab respektive fielen
ganz weg, und der Privatkläger nächtigte nunmehr auch allein dort. Angesichts
der in dieser Zeit aufkommenden und zunehmenden Übernachtungsbesuche der
beiden Brüder M._ und B._ fand im Frühjahr 2016 ein Treffen mit deren
Eltern beim Beschuldigten zum gegenseitigen Kennenlernen statt. Kurze Zeit da-
- 24 -
nach – noch in der kälteren Jahreszeit, jedenfalls deutlich vor den Sommerferien
2016 – kam es nach längerer Anbahnung über körperliche Annäherungen zu den
ersten eigentlichen sexuellen Handlungen.
3.3.12. Dieser Indizienlage gilt es, die Aussagen des Beschuldigten gegenüber zu
stellen. Die Vorinstanz hat sie umfassend und zutreffend wiedergegeben (Urk. 62
S. 10 ff.).
In Bezug auf den Beginn der sexuellen Beziehung liegt auf der Hand, dass die
Aussagen des Beschuldigten darauf hinzielen, dass der Beginn nach dem
16. Geburtstag des Privatklägers (tt. Dezember 2016) gewesen sei ("Ende De-
zember 2016"; Urk. 3/4 Ziff. 10; "tt. Dezember 2016"; Urk. 108 S. 7). Auffällig oft
betont, ja beteuert er dies. An sich ist das in seiner Lage nachvollziehbar und legi-
tim. Merkwürdig ist hingegen, wie karg die entsprechenden Aussagen darüber
ausfallen. Sie sind weitgehend frei von spontanen Erweiterungen. Diese Kargheit
in den rechtlich relevanten Aussagen fällt namentlich auf im Vergleich zu den
weitschweifigen Ausführungen über Nebensächliches an der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung brachte der
Beschuldigte sodann vor, er sei sich sicher, dass der Privatkläger beim ersten
Mal, als sie sexuelle Handlungen gehabt hätten, bereits 16 Jahre alt gewesen sei.
Er erneuerte seine Aussage, dass sich der Vorfall am tt. Dezember 2016, also ...
Tage nach dem 16. Geburtstag des Privatklägers zugetragen habe. Er erinnere
sich so genau daran, weil es seine Regel gewesen sei, dass der Privatkläger nicht
alleine habe zu ihm kommen dürfen und dies das erste Mal gewesen sei, als die-
se gebrochen worden sei. So seien am selben Nachmittag noch beide Brüder
O._ bei ihm gewesen, hätten sich dann aber verabschiedet, da sie mit den
Eltern den Geburtstag des Privatklägers im P._ hätten feiern wollen. Erst
spätabends sei der Privatkläger dann erneut zu ihm gekommen, diesmal ohne
seinen Bruder, und als er Ersteren Einlass gegeben habe, sei diese von ihm auf-
gestellte Regel sodann gebrochen worden. Überdies sei ihm auch im Gedächtnis
geblieben, dass er dem Privatkläger, nachdem dieser gesagt habe, er sei jetzt 16
Jahre alt und könne selber entscheiden, als Witz ein Bier angeboten habe, da er
(der Privatkläger) nun ja legal Bier konsumieren könne (Urk. 108 S. 7 ff.). Diese
- 25 -
Aussage deckt sich zwar teilweise mit seinen früheren (Datum der ersten sexuel-
len Handlungen); in der dortigen Variante sei es jedoch so gewesen, dass beide
Brüder O._ zuerst in Zürich gefeiert hätten, dann beide bei ihm erschienen
seien die beiden danach bei ihm in seinem Büro übernachtet hätten, woran er
sich noch genau zu erinnern schien (Urk. 3/4 Ziff. 49 ff.). Dass eine Geburtstags-
feier mit den Eltern im P._ geplant gewesen sei, dass es zu diesem Zeitpunkt
das erste Mal zu einem gewichtigen Regelbruch gekommen sei, oder dass er
dem Privatkläger aus Witz ein Bier offeriert habe, erwähnte er dort und auch in
den weiteren Einvernahmen jedoch mit keinem Wort. Somit blieben alle Merkma-
le, die der Beschuldigte heute als klare Stützen für seine Erinnerung vorgebracht
hat, bis zum heutigen Zeitpunkt unerwähnt. Insbesondere steht auch die Aussa-
ge, die ersten sexuellen Handlungen hätten beim ersten alleinigen Übernachten
des Privatklägers beim Beschuldigten stattgefunden, im teilweisen Widerspruch
zu den Aussagen der weiteren Beteiligten: Der Privatkläger gab an, dass die
Übernachtungen alleine beim Beschuldigten bereits vor den ersten sexuellen
Handlungen stattgefunden hätten, dann allerdings in getrennten Zimmern
(Urk. 4/1 Ziff. 12 i.V.m. Urk. 4/2 Ziff. 8; Urk. 4/3 Ziff. 10, 14 bis 17). Auch M._
sagte aus, dass der Privatkläger bereits oft zum Beschuldigten gegangen sei, be-
vor er ihn begleitet habe, wobei dies nicht per se ausschliesst, dass die früheren
Besuche des Privatklägers beim Beschuldigten nicht auch zusammen mit L._
erfolgt sein könnten (Urk. 5/11 Ziff. 19 und 22). L._ bestätigte sodann, dass
der Privatkläger ihm gesagt habe, dass er auch mehrmals beim Beschuldigten
übernachtet hätte, als L._ nicht anwesend gewesen sei, da er (der Privatklä-
ger) keine Zeit mehr gehabt habe, um nach Hause zu gehen (Urk. 5/12 Ziff. 18).
Aufgrund dieser Widersprüche und der Neuheit dieser gewonnen Erinnerungen
muss vorliegend davon ausgegangen werden, dass auch diese Aussagen
Schutzbehauptungen darstellen.
Insbesondere erstaunt hier auch, dass sich der Beschuldigte, wäre er sich so si-
cher gewesen, dass die ersten sexuellen Handlungen klar nach dem
16. Geburtstag des Privatklägers stattgefunden hätten, nicht vehement gegen
seine Inhaftierung zur Wehr gesetzt hatte, sondern bei den ersten Einvernahmen
die Aussagen verweigerte. So wäre doch genau Ersteres die Reaktion gewesen,
- 26 -
die von einem völlig zu Unrecht inhaftierten, der sich seiner Unschuld vollständig
bewusst ist, erwartet worden wäre. Seine Erklärungsversuche anlässlich der heu-
tigen Befragung, er habe sich aus Entsetzen und aus Überforderung über seine
Inhaftierung nicht verbal dagegen gewehrt, auch da er in einem Land aufgewach-
sen sei, das Homosexuelle verachte und da er Mitglied einer christlichen Ge-
meinde sei, erweisen sich als unbehilflich (Urk. 108 S. 8 f.). So erscheint es
schlicht nicht glaubhaft, dass ein zu Unrecht Inhaftierter, der die Haftbedingungen
überdies als explizit unmenschlich und demütigend empfindet (Urk. 108 S. 2 f.),
sich nicht über seine eigene Scham hinwegsetzen würde, um dieser Situation zu
entkommen.
Was das genaue Alter des Privatklägers angeht, gab der Beschuldigte an, sich
dessen stets bewusst gewesen zu sein. Dieses sei "immer ein Thema" gewesen.
Er (der Beschuldigte) habe denn auch mehrmals gesagt, dass er ihm (dem Pri-
vatkläger) eine Party organisieren könne (Urk. 3/4 Ziff. 21; Urk. 108 S. 7). Er (der
Beschuldigte) habe gewusst, dass das Schutzalter 16 ist, und er habe sich daran
gehalten (Urk. 3/4 Ziff. 20; Urk. 108 S. 7 f. und 10). Es kann somit davon aus-
gegangen werden, dass der Beschuldigte stets um das genaue Alter des Privat-
klägers wusste.
Geradezu entlarvend ist schliesslich die nachfolgend aus dem Protokoll besagter
Einvernahme zitierte Aussage (Urk. 3/4 Ziff. 42, Unterstreichung hinzugefügt):
"42. Wer war verantwortlich dafür, dass Sie und B._ miteinander sexuell verkehrten?
Wenn ich ehrlich bin, beide. Er hat provoziert. Er wollte das. Ich habe mich zwei Mal entschuldigt. Er sagte, dass gehe nicht. Ich sagte auch, dass es nicht gehe. Wir hatten beide ein schlechtes Gefühl. Ich hatte den Eltern gegenüber ein schlechtes Gefühl. Ich sagte ihm dann, wenn es vor Gericht kommt, dann werde ich aber die Wahrheit sagen und dazu stehen. Ich wusste, dass ich älter bin und obwohl er provoziert hat, ich hätte anders reagieren sollen. Das sagte ich ihm. Ich wollte auch mal zur Polizei gehen, aber die war damals zu. Ich hatte ein schlechtes Gewissen."
Hier wird klar, dass sich der Beschuldigte bewusst darüber war, dass die sexuel-
len Handlungen mit dem Privatkläger die Gerichte beschäftigen könnten, weil sie
illegal waren. Er, der einschlägig vorbestraft war und der erklärtermassen um das
Schutzalter 16 wusste, kann nur darüber mit dem Privatkläger diskutiert haben.
- 27 -
Seine Erklärungsversuche, wonach es um seine Besorgnis über den Drogenkon-
sum gegangen sei (Urk. 44A S. 32 und 39 f.), überzeugen nicht. Auch vom Kon-
text der Aussage innerhalb der Einvernahme (Urk. 3/4 Ziff. 42) her betrachtet
kann es nicht um Drogenkonsum gegangen sein.
Zur vorinstanzlichen Feststellung, der Beschuldigte habe im Rahmen der Befra-
gung teilweise ausweichend geantwortet und nie konkrete Antworten gegeben
(Urk. 62 S. 28), führt die Verteidigung aus, dass unberücksichtigt geblieben sei,
dass der Beschuldigte lediglich aufgrund seines inneren Kampfes mit seiner eige-
nen sexuellen Ausrichtung und auch aufgrund des Umstandes, dass es sich bei
der Verhandlungssprache nicht um dessen Muttersprache handle, nicht immer
klar und kurz geantwortet habe (Urk. 111 S. 13 f.). Sowohl dass der Beschuldigte
mit seiner sexuellen Ausrichtung zu kämpfen hat, als auch dass Deutsch nicht
seine Muttersprache ist, ist vorliegend klar. Dies räumt jedoch nicht die von der
Vorinstanz und auch im vorliegenden Entscheid festgestellten Inkonsistenzen in
den Aussagen des Beschuldigten weg. Dies, zumal viele der Aussagen bereits
variieren, nachdem der Beschuldigte gegenüber den Strafverfolgungsbehörden
erstmals zugegeben hatte, mit anderen männlichen Personen sexuelle Kontakte
gehabt zu haben und auch da die Aussagen nicht ihrem Sprachgehalt, sondern in
den wesentlichen Geschehnissen teilweise erheblich voneinander abweichen.
Die Aussagen des Beschuldigten machen in einer Gesamtbetrachtung den
Anschein, dass er das Geschehen um rund ein Jahr auf der Zeitachse nach hin-
ten schiebt.
3.3.13. Der Grundsatz "in dubio pro reo" (dazu eingehend schon die Vorinstanz in
Urk. 62 S. 5 f.) zwingt nicht dazu, jede entlastende Angabe des Beschuldigten, für
deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit kein spezifischer Beweis vorhanden ist, als
unwiderlegt zu betrachten. Nicht jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung
braucht durch einen hieb- und stichfesten Beweis widerlegt zu werden (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_562/2010 vom 28. Oktober 2010 E. 2.1). Ein "Gegenbe-
weis" der Strafbehörden ist nur dann zu verlangen, wenn gewisse Anhaltspunkte
wie konkrete Indizien oder eine natürliche Vermutung für die Richtigkeit der Be-
hauptung sprechen bzw. diese zumindest als zweifelhaft erscheinen lassen, oder
- 28 -
wenn der Beschuldigte sie sonst wie glaubhaft macht (vgl. Urteil des Obergerichts
des Kantons Zürich, I. Strafkammer, SB170406 vom 8. Februar 2018, E. III/2.3;
STEFAN TRECHSEL, SJZ 77 [191] S. 320). Andernfalls könnte jede Anklage mit ei-
ner abstrusen Schutzbehauptung zu Fall gebracht werden.
3.3.14. Die Summe der den Beschuldigten belastenden Indizien und das Fehlen
einer glaubhaften Erklärung dafür lassen keine vernünftigen Zweifel aufkommen,
dass die ersten der eingeklagten sexuellen Handlungen spätestens im Frühling
des Jahres 2016 stattfanden.
3.4. Auch was dem ersten eindeutig sexuellen Kontakt unmittelbar voranging
und wie dieser ablief, wird von den Direktbeteiligten wesentlich divergierend ge-
schildert. In die Anklage übernommen wurde die Version des Privatklägers, wel-
che es anhand der Aussagen der Direktbeteiligten zu erstellen gilt:
3.4.1. Der Privatkläger gab seine Version an der Erst-Einvernahme bei der Polizei
am 12. Dezember 2018 (Urk. 4/1) unter Zuhilfenahme von zuvor erstellten Noti-
zen (Urk. 4/2 Ziff. 23 ff.) zu Protokoll. An der staatsanwaltlichen Einvernahme vom
22. März 2019 bestätigte er die zuvor gemachten Angaben und erläuterte, wes-
halb er während eines Klinikaufenthaltes die Notizen zur Vorbereitung der
Anzeigeerstattung aufgesetzt habe. Bei der Staatsanwaltschaft bestätigte er
nochmals, dass es bei seinen Übernachtungsbesuchen regelmässig zu "Herum-
gespiele", zu Masturbieren, Oral- und Analverkehr mit dem Beschuldigten ge-
kommen sei (Urk. 4/3 Ziff. 16 f. und 68 f.).
Die detaillierte Schilderung des Vorfalls durch den Privatkläger geschah aus ei-
nem stark subjektiven Blickwinkel heraus. Gerade dadurch wirkt sie authentisch.
Vor allem aber ist sie schonungslos offen und zeigt nachvollziehbar – durchaus
auch selbstkritisch – die Ambivalenz auf, in welcher er sich als Heranwachsender
den Avancen und späteren sexuellen Handlungen eines deutlich erfahreneren
Mannes gegenüber befand. Auch die Schilderung von eigentlich Nebensächli-
chem, das nicht so ablief, wie man es gemeinhin erwarten würde – so zum Bei-
spiel die beim ersten geplanten Analverkehr geführte Diskussion über die Ver-
- 29 -
wendung eines Kondoms (Urk. 4/1 Ziff. 12) –, und von eigenen Gedanken und
Gefühlen machen die Aussagen des Privatklägers valid.
Der Beschuldigte verweigerte anfänglich Aussagen zum Vorwurf, so an der poli-
zeilichen Erst-Einvernahme am 15. Januar 2019 (Urk. 3/1 Ziff. 7 ff.) und auch an
der staatsanwaltlichen Hafteinvernahme vom 17. Januar 2019 (Urk. 3/2 Ziff. 8 ff.).
Erste Aussagen zur Sache machte er am 21. Februar 2019 bei der Staatsanwalt-
schaft (Urk. 3/4 Ziff. 7 ff.): Er beschrieb den ersten Vorfall sinngemäss so, dass
der Privatkläger bei ihm geduscht habe, weil seine Kleider bei der Ankunft nass
gewesen seien. Da habe er ihm einen Bademantel ausgeliehen. Es sei dann un-
gefähr so gelaufen, wie es der Privatkläger beschrieben habe. Der Privatkläger
sei erregt gewesen und habe mit dem Anfassen begonnen. Der Privatkläger habe
eine Massage gewollt und habe sich ins Bett gelegt, wo er "den Arsch spitz" zu
ihm (dem Beschuldigten) gemacht habe. Die Situation sei dann "einfach weiter-
gegangen" – sie hätten sich gegenseitig masturbiert (Urk. 3/4 Ziff. 16 und 58 bis
60).
Einen deutlich anderen Verlauf nimmt die Schilderung des Beschuldigten gemäss
den Aussagen in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung: Der Privatkläger sei bei
nassem Wetter im Winter angekommen. Nach einer Dusche habe er sich einen
Bademantel vom Beschuldigten reichen lassen. Danach sei er im Bademantel im
Wohnzimmer herumgehängt. Sie seien ab und zu kiffen gegangen, wobei der Be-
schuldigte im Verlauf des vorangegangenen Abends schon einige Biere getrun-
ken habe. Nach dem Kiffen sei er (der Beschuldigte) "völlig weg" gewesen, wes-
halb er zu Bett gegangen sei. Der Privatkläger sei dann später nackt zu ihm ins
Bett gestiegen, wodurch er (der Beschuldigte) aufgeweckt worden sei (Urk. 44A
S. 26 f.).
3.4.2. Mit der Vorinstanz (Urk. 62 S. 28 f.) sind diese Erzählungen des Beschul-
digten als in wesentlichen Teilen inkonstant und daher als wenig glaubhaft zu ta-
xieren.
Festgehalten werden kann immerhin, dass der Beschuldigte bei der Staatsan-
waltschaft einräumte, dass es wiederholt zu gegenseitiger Analpenetration und zu
- 30 -
gegenseitigem Oralverkehr kam, und dass gemäss seiner Darstellung eine ei-
gentliche sexuelle Beziehung gelebt wurde (Urk. 3/4 Ziff. 18 bis 20).
3.4.3. In Bezug auf den Ablauf des ersten sexuellen Kontakts ist damit auf die
Version des Privatklägers abzustellen. Insoweit ist der zur Anklage gebrachte
Sachverhalt erstellt.
3.5. Was die Häufigkeit der sexuellen Handlungen angeht, kommt die Vo-
rinstanz ausgehend einerseits von den Aussagen des Privatklägers in der polizei-
lichen Einvernahme vom 12. Dezember 2018 und andererseits einem Zeitraum
deliktischen Handelns von September 2016 bis zum tt. Dezember 2016 auf "un-
gefähr acht Mal" (Urk. 62 S. 30).
Unbestritten vom Beschuldigten ist, dass eine eigentliche sexuelle Beziehung ge-
lebt wurde (Urk. 3/4 Ziff. 18 bis 20). Bei der Staatsanwaltschaft gab der Privatklä-
ger zur Häufigkeit an, es sei meistens einmal pro Woche zu sexuellen Handlun-
gen gekommen, dies anlässlich von Übernachtungen am späten Abend oder in
der Nacht. Bei sonstigen Treffen sei es dagegen meistens nicht dazu gekommen
(Urk. 4/3 Ziff. 69). Davor, bei der Polizei, hatte der Privatkläger noch ausgesagt,
er sei um die 50 Mal "missbraucht" worden (Urk. 4/1 Ziff. 12 S. 5 unten); es sei
fast jedes Wochenende geschehen und jedes zweite Wochenende sei es zu
Analsex gekommen (Urk. 4/1 Ziff. 13 f.). Es sei unterschiedlich gewesen: Manch-
mal sei es zu Oralsex, manchmal zu Oral- als Vorspiel und dann zu Anal- oder
auch nur zu Analsex gekommen (Urk. 4/1 Ziff. 15).
Wenn man diese grundsätzlich glaubhaften Angaben in dubio pro reo zurückhal-
tend würdigt, kommt man für die Zeitspanne von April 2016 bis zum tt. Dezember
2016, unter Abzug von Ferienabwesenheiten, auf mindestens 20 Übergriffe er-
heblicher Intensität, regelmässig mit praktiziertem Oral- und Analsex. Dies deckt
sich auch mit den Ausführungen des Beschuldigten anlässlich der heutigen Beru-
fungsverhandlung, dass es nicht wie vom Privatkläger ausgesagt jedes Wochen-
ende zu sexuellen Handlungen gekommen sei (Urk. 108 S. 7).
- 31 -
4. Rechtliche Würdigung
Zur rechtlichen Würdigung kann grundsätzlich auf die zutreffenden Ausführungen
der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 62 S. 30 f.).
Art. 187 StGB will die Gefährdung der sexuellen Entwicklung der Unmündigen
verhindern. Es geht darum, deren ungestörte Entwicklung zu gewährleisten, bis
sie die notwendige Reife erlangt haben, damit sie zur verantwortlichen Einwilli-
gungen zu sexuellen Handlungen in der Lage sind (BOTSCHAFT vom 26. Juni 1985
über die Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstraf-
gesetzes, BBl 1985 1009, S. 1065). Es geht also um einen generellen Schutz der
Kinder unter 16 Jahren vor verfrühter, d.h. anderer als ihrem Alter gemässer, und
deshalb ihre Entwicklung (möglicherweise) schädigender Sexualität (SUTER-
ZÜRCHER, Die Strafbarkeit der sexuellen Handlungen mit Kindern nach Art. 187
StGB, Diss. Zürich 2003, S. 32). Das Rechtsgut ist beeinträchtigt, wenn Kinder
und Jugendliche zu anderen als altersspezifischen Formen sexueller Betätigung
veranlasst oder in sie einbezogen werden. Nach der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung handelt es sich beim Rechtsgut der ungestörten sexuellen Entwicklung
von Kindern um ein hochwertiges Gut, da verfrühte bzw. nicht altersgemässe Se-
xualkontakte für jedes Kind bzw. Jugendlichen das Risiko bergen, in seiner Per-
sönlichkeitsbildung und Sexualentwicklung durch das Erlebte in irgendeiner Form
beeinträchtigt zu werden. Solche negativen Folgen werden bei den Opfern oft erst
nach Jahren offenbar und können gravierende und lang anhaltende Wirkungen
entfalten (Urteil des Bundesgerichts 6B_215/2013 vom 27. Januar 2014 E. 2.5.1
bis 2.5.3). Eine Einwilligung in die sexuelle Handlung durch das Opfer oder die
konkrete Gefahr bzw. der Eintritt einer Schädigung bleiben für die Strafbarkeit oh-
ne Auswirkungen (BSK StGB-MAIER, Art. 187 StGB N 6).
Der damals im 41. Altersjahr stehende Beschuldigte wusste, dass der Privatkläger
erst 15 Jahre alt war, und er nahm direktvorsätzlich im Sinne von Art. 12 Abs. 2
Satz 1 StGB wiederholt eindeutige sexuelle Handlungen bis hin zu Oral- und
Analsex mit ihm vor. Deshalb ist der Beschuldigte der mehrfachen sexuellen
Handlungen mit einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
- 32 -
III. Strafzumessung, Strafvollzug
1. Allgemeines, anwendbares Sanktionenrecht, Strafrahmen
1.1. Die Anklagebehörde beantragte im Hauptverfahren eine Bestrafung des
Beschuldigten mit 42 Monaten Freiheitsstrafe (Urk. 38). Die Vorinstanz hat eine
(unbedingte) Freiheitsstrafe von 20 Monaten ausgefällt (Urk. 62 S. 47, Ziff. 2).
Im vorliegenden Berufungsverfahren beantragt die Anklagebehörde nunmehr
– ausgehend von dem im erstinstanzlichen Verfahren erstellten Zeitraum delikti-
schen Handelns – die Ausfällung einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten (Urk. 81
S. 2, Prot. II S. 17; Urk. 112 S. 1 f.). Die Verteidigung äusserte sich aufgrund des
beantragten Freispruchs nicht zu einer allfälligen Strafe für den Fall eines
Schuldspruchs (Urk. 111 S. 14).
1.2. Die Vorinstanz ist mit zutreffender Begründung zur Anwendbarkeit des
tatzeitaktuellen, alten Sanktionenrechts gelangt (Urk. 62 S. 31 f.). Auch gemäss
diesem Berufungsentscheid ist für die hier zu beurteilenden Taten eine Strafe
auszufällen, die sowohl den altrechtlichen als auch den neurechtlichen Geld-
strafenbereich eindeutig übersteigt. Aufgrund der Übergangsbestimmung zur Än-
derung vom 19. Juni 2015 sind sodann auch altrechtliche (Geld-)Vorstrafen von
mehr als 180 Tagessätzen, zu welchen der Täter innerhalb der letzten fünf Jahre
vor der (neuen) Tat verurteilt wurde, bei der Beurteilung des bedingten Vollzugs
zu berücksichtigen. Insgesamt würde sich das neue Sanktionenrecht somit nicht
milder auswirken für den Beschuldigten.
Die Vorinstanz hat auch den Strafrahmen – Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren
oder Geldstrafe – korrekt abgesteckt (Urk. 62 S. 32 f.) und die allgemeinen
Grundsätze, nach welchen eine Strafe zuzumessen ist, richtig zusammengefasst
(Urk. 62 S. 32 ff.).
2. Konkrete Strafzumessung (mehrfache Tatbegehung)
2.1. Die Methode der vorinstanzlichen Strafzumessung (Urk. 62 S. 33 ff.) ist
nicht zu beanstanden. Ebenfalls liegen mit der Vorinstanz keine Umstände vor,
die ein Über- oder Unterschreiten des Strafrahmens indizieren (Art. 49 Abs. 1
- 33 -
StGB; Urk. 62 S. 32 f.). Es drängen sich jedoch zur konkreten Strafzumessung
der Vorinstanz gewisse Ergänzungen auf:
Zur Tatkomponente und dort zur objektiven Tatschwere ist entscheidend zunächst
die Art und Weise der Tatausführung. Von spontanen Taten kann keine Rede
sein. Vielmehr schuf der Beschuldigte bei sich zu Hause eine Umgebung, die für
Jugendliche attraktiv war (Leinwand, Spielkonsole, Möglichkeit des Marihuana-
konsums, allg. Regellosigkeit etc.). Er baute ein Vertrauensverhältnis zum Privat-
kläger und dessen Familie auf und legte so die Basis, um mit diesem sexuelle
Handlungen vornehmen zu können. Beim Privatkläger handelte es sich um einen
pubertierenden Heranwachsenden, der im Ablösungsprozess von seinen Eltern
stand und dessen sexuelle Orientierung noch nicht klar identifiziert war. Diese
Vulnerabilität nutzte der 24 Jahre ältere Beschuldigte geschickt aus. In Bezug auf
die konkreten sexuellen Handlungen blieb es nicht bei noch eher harmlosen
Handlungen wie spielerischem Erfahrungsaustausch oder gemeinsamem Mastur-
bieren, sondern es kam bereits bei den ersten Handlungen zu sexuellen Prakti-
ken, welche den Jugendlichen eindeutig überforderten. Dies gilt für den Oralsex
(in den Mund nehmen des steifen Glieds des Privatklägers, Lecken dessen Anus),
noch viel mehr aber für die (unvollständig gelungene) Analpenetration des Privat-
klägers. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Art und Weise des Han-
delns bei den Einzeltaten nicht völlig unterschiedlich war. Der Beschuldigte ver-
letzte jedes Mal dasselbe Rechtsgut, die ungestörte sexuelle Entwicklung des Pri-
vatklägers; und dieses Rechtsgut stand stets derselben Person, dem Privatkläger,
zu. Festzuhalten ist immerhin, dass bezüglich Tatintensität anfänglich insofern
noch eine Steigerung erfolgt sein muss, als die beiden bald einmal dazu übergin-
gen, gegenseitig Oral- und Analsex zu vollziehen. Die Taten erfolgten innerhalb
von knapp neun Monaten (April bis Dezember 2016) jeweils an den Wochenen-
den, was sie zeitlich und situativ in einen Kontext bringt. Eine gewisse "Gewöh-
nung" resp. Normalisierung stattfindender Sexualkontakte ist einer sexuellen Be-
ziehung inhärent. Dennoch lässt sich nicht sagen, dass die Taten voneinander
abhängig waren, was verschuldensmindernd zu berücksichtigen wäre: Der Be-
schuldigte musste den Tatentschluss jedes Mal neu fassen, die Taten bedingten
sich gegenseitig nicht unbedingt. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es wie-
- 34 -
derholt zu Gesprächen zwischen dem Privatkläger und dem Beschuldigten über
das Erlebte und die dadurch ausgelösten unguten Gefühle kam (vgl. etwa
Urk. 44A S. 29), wo man hätte zur Räson kommen können.
Nicht ausser Acht gelassen werden darf andererseits, dass der Beschuldigte kei-
nen besonderen Druck ausübte oder eine völlig rücksichtslose Dominanz an den
Tag legte. Der Verkehr erfolgte quasi einvernehmlich; der Privatkläger war kein
willenloses Geschöpf, sondern neugierig und empfänglich für sexuelle Erfahrun-
gen. Er war im Zeitpunkt der ersten sexuellen Handlungen rund 15 1⁄4 Jahre alt
und somit bereits nahe am Zeitpunkt des Verlassens des gesetzlichen Schutzal-
ters. Überdies führte er die Beziehung zum Beschuldigten unbestrittenermassen
auch nach Verlassen des Schutzalters noch eine gewisse Zeit fort. Dennoch kann
nicht ausgeschlossen werden, dass ihm die sexuellen Handlungen noch während
des Schutzalters zusetzten, wie sich mitunter aus dem Bedarf an psychothera-
peutischer Behandlung zeigt, wobei hier nicht abschliessend zu beurteilen ist, ob
diese Therapie nicht teilweise auch in anderen Ursachen ihren Grund haben
könnte.
Die objektive Tatschwere bei den Übergriffen wiegt – mit Blick auf das ganze
Spektrum denkbarer sexueller Handlungen mit Kindern, insbesondere auch
solchen, die mit deutlich jüngeren Kindern erfolgen können – als gerade noch
leicht. Entsprechend müssen diese zu einer Einsatzstrafe im obersten Bereich
des untersten Drittels des Strafrahmens (bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe) führen
(vgl. BSK StGB-WIPRÄCHTIGER/KELLER, Art. 47 N 19 m.w.H.).
2.2. Der Beschuldigte handelte direktvorsätzlich. Es ging ihm um die Befriedi-
gung seiner sexuellen Lust, ein rein egoistisches Motiv. Die subjektive Tatschwe-
re vermag damit die objektive in keiner Weise in einem milderen Licht erscheinen
zu lassen.
2.3. Das Tatverschulden erscheint somit insgesamt als gerade noch leicht,
weshalb sich aufgrund der Tatkomponente eine Strafe von 20 Monaten rechtfer-
tigt.
- 35 -
2.4. Sodann ist auf die Täterkomponente einzugehen:
2.4.1. Was die persönlichen Verhältnisse anbelangt, kann grundsätzlich auf die
Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 62 S. 35 ff.) verwiesen werden. Anlässlich der
heutigen Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte an, dass es ihm aufgrund
der langedauernden Sicherheitshaft gesundheitlich nicht gut gehe. So sei es in
den letzten Monaten zunehmend öfters vorgekommen, dass sich die Zelle wäh-
rend zwei bis drei Sekunden plötzlich gedreht habe. Er leide sehr unter den Haft-
bedingungen und empfinde die Behandlung als unmenschlich und demütigend. Er
beschäftige sich hauptsächlich damit, sich mit dem vorliegenden Strafverfahren
auseinanderzusetzen und habe hierfür auch an seinen Deutschkenntnissen
gearbeitet. Zu seiner Familie habe er lediglich über eine Bekannte aus ..., welche
ihn einmal im Monat oder alle 15 Tage besuche und ihm von seiner Mutter berich-
te. Er verfüge derzeit über Schulden in der Höhe von Fr. 28'000.–, werde aber
von einer Beiständin der zuständigen KESB bei deren Bewältigung unterstützt
(Urk. 108 S. 2 ff.).
Eine gesteigerte Strafempfindlichkeit weist der Beschuldigte nicht auf. Die persön-
lichen Verhältnisse zeitigen keine Auswirkungen auf die Strafzumessung.
2.4.2. Der Beschuldigte weist eine einschlägige Vorstrafe aus. Am
22. Januar 2014 wurde er mit Urteil des Einzelgerichts am Bezirksgericht Uster
wegen einer sexuellen Handlung mit einem Kind zu einer bedingten Geldstrafe
von 240 Tagessätzen zu Fr. 25.– verurteilt, wobei deren Vollzug bedingt aufge-
schoben wurde mit einer Probezeit von drei Jahren (GG130042-I: Urk. 50 S. 72).
Diese Vorstrafe ist zwar nicht allzu schwer, aber einschlägig. Sie hat zu einer mo-
deraten Straferhöhung von zwei Monaten zu führen. Die weitere Vorstrafe wegen
Vergehen gegen das Waffengesetz hingegen erweist sich vorliegend nicht als
einschlägig und wirkt sich daher nicht straferhöhend aus.
2.4.3. Ausserdem delinquierte der Beschuldigte während der vorstehend er-
wähnten, laufenden Probezeit und erst noch im Wissen darum, dass er noch kurz
davor, im Sommer 2015, unter polizeilicher Beobachtung stand (vgl. Urk. 2/4 und
- 36 -
Urk. 2/5). Beides lässt auf eine ausgeprägte Einsichtslosigkeit schliessen, und es
erscheint angemessen, die Strafe um weitere zwei Monate zu erhöhen.
2.4.4. Die Beurteilung der Täterkomponente wirkt sich auf die nach der Beurtei-
lung der Tatkomponente bemessene hypothetische Einsatzstrafe somit als spür-
bar erhöhend aus.
2.5. Unter Berücksichtigung aller strafzumessungsrelevanten Faktoren er-
scheint im Ergebnis eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten als gerechtfertigt.
2.6. Der Anrechnung der erstandenen Haft von insgesamt 680 Tagen steht
nichts entgegen (Art. 51 StGB).
3. Vollzug
3.1. Die Vorinstanz hat die gesetzlichen Grundlagen für die Prüfung eines
bedingten oder teilbedingten Strafvollzugs genannt. Unter Verweis auf die ein-
schlägige Vorstrafe und die Delinquenz während laufender Probezeit kam sie zum
Schluss, dass dem Beschuldigten keine günstige Legalprognose gestellt werden
könne, weshalb die Freiheitsstrafe zu vollziehen sei (Urk. 62 S. 38).
3.2. Das Gericht kann den Vollzug einer Freiheitsstrafe zwischen einem Jahr
und höchstens drei Jahren teilweise aufschieben, wenn dies notwendig ist, um
dem Verschulden des Täters genügend Rechnung zu tragen (Art. 43 Abs. 1
StGB). Materiell wird auch bei der Gewährung des teilbedingten Vollzugs (wie
beim voll bedingten) das Fehlen einer ungünstigen Prognose vorausgesetzt, mit-
hin die Abwesenheit der Befürchtung, dass der Täter sich nicht bewähren werde.
Wenn und soweit die Legalprognose nicht schlecht ausfällt, muss der Vollzug
(zumindest eines Teils der Strafe) bedingt aufgeschoben werden. Andererseits ist
bei einer (klar) schlechten Prognose auch ein bloss teilweiser Aufschub der Strafe
ausgeschlossen (Urteil des Bundesgerichts 6B_538/2007 vom 2. Juni 2008
E. 3.1.2 f.; BGE 134 IV 1 E. 5.3.1 mit Hinweisen).
3.3. Wie schon erwähnt, wurde der Beschuldigte innerhalb der letzten fünf Jah-
re vor den heute zu beurteilenden Taten bereits zu einer Geldstrafe von über
- 37 -
180 Tagessätzen verurteilt, welche vorliegend sowohl unter altem Recht (Art. 42
Abs. 2 aStGB) als auch unter neuem Recht (Art. 42 Abs. 2 StGB i.V.m. Über-
gangsbestimmung zur Änderung vom 19. Juni 2015) zu berücksichtigen ist. Von
besonders günstigen Umständen kann vorliegend keine Rede sein; vielmehr
drängt sich eine Schlechtprognose auf, umso mehr, als der Beschuldigte bis zu-
letzt nicht zu seinen Taten stand und in Bezug auf die Beeinträchtigung der sexu-
ellen Integrität eines jungen Menschen im Schutzalter auch keine Reue zu Emp-
finden schien (Urk. 108 S. 7 ff.).
3.4. Damit ist ein teilbedingter Aufschub der Freiheitsstrafe nicht zu gewähren,
und diese ist zu vollziehen.
IV. Widerruf
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung beginnt eine ausgesprochene
Probezeit mit der Eröffnung des Urteils und nicht mit der Zustellung der vollstän-
digen Ausfertigung zu laufen (BGE 90 IV 241 E. 1.b.; bestätigt in BGE 104 IV 58
und im Urteil des Bundesgerichts 6B_522/2010 vom 23. September 2010). Die
dreijährige Probezeit betreffend die mit Urteil des Einzelgerichts des Bezirksge-
richts Uster ausgesprochene bedingte Geldstrafe begann somit mit der mündli-
chen Eröffnung direkt im Anschluss an die Hauptverhandlung am 22. Januar 2014
zu laufen (vgl. GG130042-I: Urk. 50 S. 73) und endete am 22. Januar 2017. Vor-
liegend ist unbestritten, dass der Beschuldigte innert dieser Probezeit erneut straf-
fällig wurde; gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB darf der bedingte Vollzug von Strafen
jedoch nicht mehr widerrufen werden, wenn seit Ablauf der Probezeit mehr als
drei Jahre vergangen sind. Diese Frist verstrich vorliegend am 22. Januar 2020.
Entgegen dem vorinstanzlichen Urteil ist daher der mit Urteil des Einzelgerichts
des Bezirksgerichts Uster vom 22. Januar 2014 angeordnete bedingte Vollzug der
dort ausgefällten Geldstrafe von 240 Tagessätzen zu Fr. 25.– nicht zu widerrufen.
- 38 -
V. Kontakt- und Rayonverbot
Mit überzeugender Begründung sah die Vorinstanz die Voraussetzungen für das
vom Privatkläger beantragte fünfjährige Kontakt- und Rayonverbot als gegeben
an. Darauf kann verwiesen werden (Urk. 62 S. 39 f.). Überdies brachte auch die
amtliche Verteidigung keine Gründe vor, die gegen die Ausfällung eines solchen
oder deren Umfang sprechen würde (vgl. Urk. 111 S. 14). Entsprechend ist dieses
unverändert zu bestätigen.
VI. Genugtuung
Wie gesehen kommt es auch zweitinstanzlich zu einem Schuldspruch. Entspre-
chend ist der Vorinstanz zu folgen in Bezug auf ihren Entscheid über die Genug-
tuung (vgl. Urk. 62 S. 42 ff.), welche dem Privatkläger für die widerrechtlich erfolg-
te Verletzung seiner Persönlichkeit zugesprochen wurde. Trotz der deutlich höhe-
ren Anzahl der Delikte, herrührend vom abweichenden und erweiterten Tatzeit-
raum, erscheint die Genugtuungssumme in der Höhe von Fr. 5'000.– weiterhin
der Schwere des Eingriffs angemessen. Entsprechend ist der Beschuldigte auch
zweitinstanzlich zu verpflichten, dem Privatkläger B._ eine Genugtuung in
Höhe von Fr. 5'000.– zuzüglich Zins ab dem tt. Dezember 2016 zu bezahlen.
VII. Kosten und Entschädigungsfolgen
1. Erstinstanzliche Kostenfolgen
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenauflage ge-
mäss deren Dispositiv-Ziffern 11 und 12 zu bestätigen (Art. 426 Abs. 1 StPO).
2. Kosten des Berufungsverfahrens
Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzusetzen.
Die Kostenauflage erfolgt im Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen (Art. 428
Abs. 1 StPO), sodass die zweitinstanzlichen Kosten –mit Ausnahme der Entschä-
digung der amtlichen Verteidigung – dem vollständig unterliegenden Beschuldig-
ten aufzuerlegen sind. Zwar stellte auch die Staatsanwaltschaft eigene Anträge
- 39 -
(höheres Strafmass); sie unterlag in diesem Punkt aber nur sehr geringfügig,
weshalb dies eine reduzierte Kostentragung durch den Beschuldigten nicht zu
rechtfertigen vermag. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind angesichts der
schlechten finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten einstweilen auf die Ge-
richtskasse zu nehmen. Sie können beim Beschuldigten in einem späteren Zeit-
punkt eingefordert werden, falls sich seine wirtschaftliche Situation entsprechend
verbessern sollte, weshalb seine Rückerstattungspflicht vorzubehalten ist
(Art. 135 Abs. 4 StPO).
3. Entschädigungsfolgen
3.1. Der amtliche Verteidiger reichte im Vorfeld der Berufungsverhandlung einer
Honorarnote ein, in welcher er für seine Aufwendungen in der Höhe von
47.1 Stunden, sowie seine Barauslagen ein Honorar von Fr. 10'838.05 (inkl.
MwSt.) geltend machte (Urk. 107). Aufgrund der Komplexität des Falles und dem
Aktenumfang erscheint es angemessen, den amtlichen Verteidiger für seine Auf-
wendungen und Barauslagen mit pauschal Fr. 10'000.– zu entschädigen.
3.2. Aufgrund des Ausgangs des Verfahrens besteht sodann kein Raum für die
von der amtlichen Verteidigung für den Beschuldigten gestellten Entschädigungs-
und Genugtuungsforderungen (Urk. 111 S. 14 f.).