# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 2fbdea4e-45a0-4252-8bef-21e8dfc1dab4
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Rechtsanwalt A._ vertrat die Beklagte C._ in einem vor Kreisgericht B._ hängigen
Erbteilungsverfahren. Auf der Klägerseite standen deren Halbgeschwister E._, D._,
F._ und G._, allesamt vertreten durch Rechtsanwalt Hans Hofstetter. Während des
laufenden Erbteilungsverfahrens schrieb E._ am 14. Dezember 2021 einen Brief an
C._. Darin bat sie ihre Halbschwester darum, sich direkt – und nicht über ihren "sehr
fragwürdigen Anwalt", der offenbar nicht ihre Interessen vertrete, indem er eine
einvernehmliche Einigung zu verhindern versuche und sowohl Kläger und Beklagte
unbedingt in ein sehr kostspieliges Gerichtsverfahren drängen wolle, von dem
letztendlich nur er profitiere – mit ihnen in Verbindung zu setzen, mit dem Ziel,
zusammen eine aussergerichtliche, einvernehmliche Lösung zu finden (act. 3/3). Den
Brief leitete C._ an ihren Anwalt A._ weiter. Dieser richtete sich anschliessend mit
Schreiben vom 15. Dezember 2021 direkt an die von Rechtsanwalt Hofstetter
vertretene E._ (act. 8/2/2). Darin enthalten waren Äusserungen wie "so ein sackfreches
und heimtückisches Schreiben wie von Ihnen" und "sollten Sie nochmals Ihr Maul im
gleichen Sinne aufreissen". Gleichentags informierte er Rechtsanwalt Hofstetter in
einem separaten Schreiben über sein Vorgehen (act. 8/2/4). Am 21. März 2022
erstattete Rechtsanwalt Hofstetter diesbezüglich Anzeige bei der Anwaltskammer
gegen Rechtsanwalt A._. Mit Entscheid vom 4. Juli 2022 stellte die Anwaltskammer
einen mehrfachen Verstoss gegen die Berufsregeln (sorgfältige und gewissenhafte
Berufsausübung) fest (Ziffer 1, erster Satz), leistete der Anzeige im Übrigen – soweit sie
das Schreiben vom 15. Dezember 2021 an Rechtsanwalt Hofstetter betraf – keine
Folge (Ziffer 1, zweiter Satz) und büsste Rechtsanwalt A._ mit CHF 800 (Ziffer 2).
Ausserdem auferlegte sie ihm die Entscheidgebühr von CHF 800 (Ziffer 3), sprach keine
Parteientschädigung zu (Ziffer 4) und bestimmte, dass Rechtsanwalt Hofstetter über
den Verfahrensausgang informiert werde (Ziffer 5).
B.
Dagegen erhob Rechtsanwalt A._ (Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 18. Juli 2022
Beschwerde an das Verwaltungsgericht. Er beantragte, der angefochtene Entscheid sei
hinsichtlich Ziffer 1, erster Satz, sowie Ziffer 2 bis 5 aufzuheben. Es sei festzustellen,
dass er nicht gegen Art. 12 lit. a BGFA verstossen habe und der vorliegenden
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Beschwerde sei gegebenenfalls aufschiebende Wirkung zu erteilen, alles unter Kosten-
und Entschädigungsfolge.
C.
Bezüglich seines Antrags auf aufschiebende Wirkung teilte ihm die
Abteilungspräsidentin mit Schreiben vom 19. Juli 2022 mit, der Beschwerde käme von
Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu und da die Vorinstanz keinen Entzug
derselben angeordnet habe, erübrige sich der diesbezügliche Antrag. Am
14. September 2022 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde unter
Verweis auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid. Der Beschwerdeführer nahm
dazu am 16. November 2022 Stellung.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 34 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte [Anwaltsgesetz];
SR 935.61, BGFA, in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 des st. gallischen Anwaltsgesetzes;
sGS 963.70, AnwG). Der Beschwerdeführer ist Adressat des angefochtenen Entscheids
und hat ein eigenes schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, zumal er von der
Feststellung, Berufsregeln verletzt zu haben, und von der ihm auferlegten
Disziplinarmassnahme besonders berührt ist. Er ist daher zur Beschwerdeerhebung
befugt (Art. 34 Abs. 1 BGFA und Art. 41 AnwG in Verbindung mit Art. 64 und Art. 45
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerde gegen den am 7. Juli 2022 versandten Entscheid der Vorinstanz wurde mit
Eingabe vom 18. Juli 2022 rechtzeitig erhoben und erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 34 Abs. 1 BGFA und Art. 41 AnwG in
Verbindung mit Art. 64 und Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Streitig und zu prüfen ist zunächst, ob die Vorinstanz zurecht feststellte, dass der
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Beschwerdeführer gegen Art. 12 lit. a BGFA verstossen hat, indem er direkt mit der
Gegenpartei Kontakt aufnahm, obwohl diese anwaltlich vertreten war.
Eine direkte Kontaktaufnahme mit der Gegenpartei, die durch einen Anwalt vertreten
ist, stellt grundsätzlich einen Verstoss gegen die Pflicht zur sorgfältigen und
gewissenhaften Ausübung des Anwaltsberufs im Sinn von Art. 12 lit. a BGFA dar (vgl.
W. Fellmann, Anwaltsrecht, Bern 2017, N 300 mit Hinweisen). Das Verbot der direkten
Kontaktaufnahme dient dem geordneten Gang der Rechtspflege und soll das
Kräftegleichgewicht zwischen den Konfliktparteien insoweit wahren, als ein
ungebührliches Beeindrucken bzw. eine Beeinflussung der (anwaltlich vertretenen)
Partei durch den unmittelbaren Kontakt mit dem gegnerischen Anwalt ausgeschlossen
wird (vgl. W. Fellmann, in: Fellmann/Zindel [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsgesetz,
Zürich 2011, Art. 12 N 51a). Von diesem Verbot gibt es Ausnahmen. Zu denken ist etwa
an Fälle besonderer Dringlichkeit, in denen es nicht möglich ist, den Rechtsvertreter
der Gegenpartei rechtzeitig zu erreichen, oder wenn die Gegenpartei selbst den
direkten Kontakt sucht (vgl. BGer 2P.156/2006 vom 8. November 2006 E. 4.2).
2.1.
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, sich mit seinem Schreiben vom 15. Dezember
2021 ohne Einverständnis der anwaltlichen Vertretung direkt an E._ gewendet zu
haben. Vielmehr sieht er sein Verhalten als zulässige Reaktion auf deren Brief an seine
Mandantin. Im fraglichen Schreiben sei es nicht um den Erbteilungsprozess gegangen,
sondern lediglich um die Schlechtmachung des Beschwerdeführers bei seiner
Mandantin. Es sei nicht so, dass er auf solche Provokationen mit Samthandschuhen
reagieren müsse, und schon gar nicht müsse er den Weg über den gegnerischen
Anwalt einschlagen. Wenn es sich um einen unerlaubten Direktkontakt gehandelt
gehabt hätte, so hätte der gegnerische Anwalt hinter der Sache, als Redaktor oder
Befürworter des Briefes von E._, stehen müssen. Die Sache gehöre nicht in den
Kontext, welcher ihm als Anwalt Direktkontakte untersage. Werde er kriminell
angegangen, so könne er den Täter anschreiben und müsse nicht über einen Anwalt,
welcher diesen Täter in einem bestimmten Prozess vertrete, vorstellig werden.
2.2.
Entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers ging es im Brief der Gegenpartei
an seine Mandantin durchaus um den hängigen Erbteilungsprozess. Dies verdeutlicht
bereits der Betreff "Erbteilung" sowie der erste Satz "Ich schreibe dir in Sachen
Erbteilung" des Briefes. Eine vom hängigen Erbteilungsverfahren losgelöste
Betrachtung ist bereits deshalb nicht möglich. Es ist nicht erforderlich, dass der Brief
2.3.
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3.
Weiter ist streitig und zu prüfen, ob sich der Beschwerdeführer gegenüber der
Gegenpartei in unnötig verletzender Weise äusserte.
vom gegnerischen Anwalt befürwortet oder gar redigiert wurde, um im Zusammenhang
mit dem hängigen Verfahren zu stehen. Die Angelegenheit fällt nicht aus dem Kontext
des laufenden Erbteilungsverfahrens, weshalb es sich bei der Antwort des
Beschwerdeführers auf diesen Brief nicht um eine Ausnahme vom Verbot der direkten
Kontaktaufnahme handelt. Ebenso wenig fallen andere Ausnahmegründe (vgl. E. 2.1) in
Betracht. Vor diesem Hintergrund kam die Vorinstanz zu Recht zum Schluss, dass die
direkte Kontaktaufnahme des Beschwerdeführers mit der Gegenpartei unzulässig war.
Art. 12 lit. a BGFA, wonach Anwältinnen und Anwälte ihren Beruf sorgfältig und
gewissenhaft auszuüben haben, bezieht sich nicht nur auf das Verhältnis zwischen
Anwältin bzw. Anwalt und Mandantschaft, sondern auch auf das Verhalten der Anwältin
oder des Anwalts gegenüber Behörden, der Gegenpartei und der Öffentlichkeit (vgl.
BGer 2A.545/2003 vom 4. Mai 2004 E. 3 sowie BGE 130 II 270 E. 3.2.1). Die
Anwältinnen und Anwälte sollen im direkten Kontakt mit der Gegenpartei sachlich
bleiben und auf persönliche Beleidigungen, Verunglimpfungen oder beschimpfende
Äusserungen verzichten (vgl. Fellmann, Anwaltsrecht, a.a.O., N 288). Sie sind nicht
verpflichtet, stets das für die Gegenpartei mildeste Vorgehen zu wählen. Als Verfechter
von Parteiinteressen dürfen sie im Sinne ihrer Klientschaft durchaus energisch
auftreten und sich den Umständen entsprechend scharf ausdrücken (vgl. BGer
2C_103/2016 vom 30. August 2016 E. 3.2.1 mit Hinweisen). Sie haben sich allerdings
stets so zu verhalten, dass das Vertrauen in ihre Person und in die Anwaltschaft
insgesamt gewährleistet bleibt (vgl. BGE 106 Ia 100 E. 6b). Bei der Beurteilung der
Äusserungen darf das Verhalten der Gegenpartei in Rechnung gestellt werden
(Fellmann, Kommentar, a.a.O., Art. 12 N 50b). Auch wenn inkriminierte Äusserungen
strafrechtlich nicht relevanter Natur sind, können sie berufsrechtlich unzulässig sein
(vgl. BGer 2A.168/2005 vom 6. September 2005 E. 2.4.1). Aufgrund ihrer besonderen
Stellung haben sich Anwältinnen und Anwälte einer gewissen Zurückhaltung zu
befleissigen, um einer Eskalation der Streitigkeit entgegenzuwirken, und nicht sie zu
fördern. Die Gegenpartei ohne Not zu verärgern und dadurch die Fronten (zusätzlich)
zu verhärten, kann nicht im Interesse der Klientschaft liegen (vgl. BGE 130 II 270
E. 3.2.2; Fellmann, Kommentar, a.a.O., Art. 12 N 50a).
3.1.
Die Äusserungen im Schreiben des Beschwerdeführers an die Gegenpartei wurden von
3.2.
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4.
Der Beschwerdeführer wirft der Vorinstanz eine einseitige Betrachtungsweise des
Sachverhalts vor. Sie lasse die Seite, die "krasse Provokation" geübt habe,
"davonspazieren", während er sanktioniert werde. Der Vorwurf ist unbegründet.
Vorliegend handelte es sich um ein Disziplinarverfahren der Anwaltskammer. Diese
der Vorinstanz als berufsrechtlich unzulässig beurteilt. Seine zum Ausdruck gebrachte
Verärgerung und Betroffenheit seien zwar unter Berücksichtigung der
prozessrechtlichen Situation in der Erbsache (vor Abschluss des zweiten
Schriftenwechsels) und des vorangegangenen Briefs von E._ an seine Mandantin in
einem gewissen Mass nachvollziehbar. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers
rechtfertige dies seine Äusserungen "sackfreches und heimtückisches Schreiben"
sowie "sollten Sie nochmals Ihr Maul im gleichen Sinne aufreissen" aber nicht. Es gehe
aus berufsrechtlicher Sicht nicht an, dass eine anwaltlich vertretene Partei in einem
direkt an sie gerichteten Brief unsachlich und derb angegangen werde, nur um das ihm
nicht genehme und als provokant empfundene Verhalten zu unterbinden. Der
Beschwerdeführer ist dagegen weiterhin der Auffassung, seine Äusserungen seien
begründet gewesen und er habe sie zurecht wie erfolgt formuliert. Eine andere
Qualifikation der Begriffswahl zu verlangen, erschiene offensichtlich willkürlich und
gleichzeitig diskriminierend. Auch dem Anwalt müsse es erlaubt sein, einen Sachverhalt
so zu bezeichnen, wie er eben sei, bei Gefahr der Verletzung der Rechtsgleichheit, was
im fraglichen Sinne entsprechend gerügt sei. Bezüglich der inkriminierten Wortwahl
seien keine Vorschriften verletzt worden, wenn man den Sachverhalt richtig würdige.
Die besondere Stellung als Anwalt bringt bestimmte Pflichten mit sich. Wann immer der
Beschwerdeführer in seiner Funktion als Anwalt auftritt, so hat er dies sorgfältig und
gewissenhaft zu tun (Art. 12 lit. a BGFA). Auf E._ trifft dies nicht zu. Sie ist ohne
Weiteres dazu berechtigt, ihrer Halbschwester einen Brief zu schreiben, in welchem sie
den Wunsch einer aussergerichtlichen Einigung äussert und ihre Zweifel an deren
Anwalt zum Ausdruck bringt. Als Rechtsanwalt auf diesen Brief – der nicht an ihn
adressiert war – mit einem (gemäss seinen eigenen Worten) "geharnischten
Schreiben", das ausfällige, nicht sachbezogene Äusserungen enthält, direkt an die
Gegenpartei zu reagieren, dient weder der Sache noch einer gehörigen
Interessenwahrung seiner Mandantin. Mit der von ihm gewählten Ausdrucksweise
riskierte der Beschwerdeführer zusätzlich eine Eskalation des Streits. Mit der
Vorinstanz ist seine Reaktion als unverhältnismässig und zur Verfolgung der Interessen
seiner Mandantin nicht nötig einzustufen. Die diesbezüglichen Rügen des
Beschwerdeführers sind unbegründet.
3.3.
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wacht darüber, dass die öffentlich-rechtlichen Vorschriften über die Ausübung des
Anwaltsberufs eingehalten werden. Die Verfasserin des Briefes an die Mandantin des
Beschwerdeführers ist keine Anwältin, ihr obliegen keine Berufspflichten, bei deren
Verstoss die Anwaltskammer eine Disziplinarmassnahme verfügen könnte. Im Übrigen
wurde das Schreiben von E._ durch die Vorinstanz immerhin als indirekte Provokation
gewertet, was bei der Festsetzung der Sanktion des Beschwerdeführers berücksichtigt
wurde.
5.
Zusammengefasst ist die rechtliche Würdigung der Vorinstanz, wonach der
Beschwerdeführer mit seinem Schreiben vom 15. Dezember 2021 an E._ die Pflicht
der sorgfältigen und gewissenhaften Ausübung des Berufs im Sinne von Art. 12 lit. a
BGFA mehrfach verletzt hat, nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.
Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des Verfahrens dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS
941.12). Der vom Beschwerdeführer in der gleichen Höhe geleistete Kostenvorschuss
ist anzurechnen. Ausseramtliche Kosten sind ausgangsgemäss nicht zu entschädigen
(Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP).