# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** c2be9216-c75c-4809-b2b8-e73465e3c1b3
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 28. September 2016 (DG160161)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 17. Mai
2016 (Urk. 31) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 2 StGB (Anklageziffer 1.2).
2. Von den Vorwürfen der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 StGB und des Verabreichens gesundheitsgefährdender Stoffe
an Kinder im Sinne von Art. 136 StGB (Anklageziffer 1.1) wird der Beschul-
digte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 4 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und
mit heute 356 Tage durch Haft erstanden sind.
4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 2'135.– zuzüglich 5% Zins ab 2. März 2016 (mittlerer Verfall)
zu bezahlen.
Im Übrigen wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privat-
kläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist und es wird vorgemerkt, dass sich der Privatkläger die Gel-
tendmachung weiterer Schadenersatzforderungen vorbehält.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 25'000.– zuzüglich
5 % Zins ab 2. August 2015 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag
wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
6. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 10. Mai 2016 beschlagnahmten und derzeit beim Forensischen Institut
Zürich lagernden Gegenstände:
- 3 -
– 2 Holzstäbe (Asservat-Nr. A008'623'447 und A008'623'469),
– 1 Hosengurt Marke "Appenzeller Chüeligurt" (. A008'629'729),
– 1 Rucksack (Asservat-Nr. A008'740'645)
werden dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf
erstes Verlangen herausgegeben und nach unbenutztem Ablauf einer drei-
monatigen Frist von der Lagerbehörde vernichtet.
7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 7. Dezember 2015 beschlagnahmten und bei der Bezirksgerichtskasse
lagernden Gegenstände:
– 1 Mobiltelefon der Marke Samsung GT-E1050 inkl. Netzteil (. A008'623'356),
– 1 Mobiltelefon der Marke Samsung GT-E2200 (Asservat-Nr. A008'623'390),
– 1 Mobiltelefon der Marke Apple iPhone 4S inkl. Schutzhülle, Netzteil sowie USB-Kabel (Asservat-Nr. A008'623'425)
werden dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf
erstes Verlangen herausgegeben und nach unbenutztem Ablauf einer drei-
monatigen Frist von der Lagerbehörde vernichtet.
8. Der mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
7. Januar 2016 beschlagnahmte und bei der Bezirksgerichtskasse lagernde
Pfefferspray der Marke "TW 1000" inkl. Gehäuse schwarz wird dem Privat-
kläger nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Verlangen her-
ausgegeben und nach unbenutztem Ablauf einer dreimonatigen Frist von
der Lagerbehörde vernichtet.
9. Die beiden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
10. Mai 2016 beschlagnahmten und derzeit beim Forensischen Institut Zü-
rich lagernden Bambusstöcke (Asservat-Nr. A008'468'551) werden der La-
gerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
- 4 -
10. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 8'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 316.60 Auslagen (Gutachten)
Fr. 1'350.– Auslagen Polizei
Fr. 42.– Zeugenentschädigung
Fr. 11'813.70 Vertreter Privatkläger (RA X._)
Fr. 16'870.70 amtliche Verteidigung RA Y._
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
11. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung und des unentgeltlichen Rechts-
beistandes des Privatklägers, werden dem Beschuldigten zu 3/4 auferlegt.
Die übrigen Kosten werden auf die Gerichtskasse genommen.
Die dem Beschuldigten auferlegten Kosten der amtlichen Verteidigung und
des unentgeltlichen Rechtsbeistandes des Privatklägers werden einstweilen
auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung
gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bzw. Art. 138 StPO.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 85 S. 1 f.)
" 1. Dispositiv Ziffern 1, 3, 4, 5, und 11 des Urteils des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung, vom 28. September 2016 (Geschäfts-Nr. DG160161) seien aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der schweren Körperverletzung (Art. 122 Abs. 2 StGB) freizusprechen.
3. Für die erlittene Haftzeit sei dem Beschuldigten eine  Entschädigung und Genugtuung zuzusprechen.
4. Die Untersuchungskosten, die erst- und zweitinstanzlichen  sowie die Kosten der amtlichen Verteidigung und der
- 5 -
unentgeltlichen Geschädigtenvertretung seien auf die  zu nehmen.
5.1. Eventualiter sei der Beschuldigte der schweren Körperverletzung i.S. von Art. 122 Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 16 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen und mit einer Freiheitsstrafe von maximal 20  zu bestrafen.
5.2. Es sei dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug zu gewähren unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
5.3. Die dem Geschädigten zu leistende Genugtuung sei auf maximal Fr. 10'000.--, nebst Zins zu 5 % ab 2.8.2015, festzusetzen.
5.4. Die Untersuchungskosten, die erst- und zweitinstanzlichen  sowie die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Geschädigtenvertretung seien dem Beschuldigten teilweise aufzuerlegen, doch seien diese Kosten angesichts der finanziellen Situation des Beschuldigten unter dem  von Art. 135 Abs. 4 StPO und Art. 138 StPO einstweilen auf die Staatskasse zu nehmen."
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 82 S. 1)
" 1. Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils betreffen den  der vollendeten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB gemäss Urteils-Dispositiv Ziffer 1.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren zu .
3. Es seien dem Beschuldigten sämtliche Kosten dieses Verfahrens, inklusive Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen. Die  der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen  seien auf die Staatskasse zu nehmen."
c) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 83 S. 1)
" 1. In Abänderung von Ziffer 5 des Urteils vom 28. September 2016, sei der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger den Betrag von CHF 60'000 nebst 5% Zins seit 2. August 2015 als  zu bezahlen.
2. Eventualiter sei die Anklage an die StA zur Ergänzung des  zurückzuweisen.
3. Kostenauflage Beschuldigter."
- 6 -

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Gegenstand der Berufung
1. Die Verfahrensgeschichte und der Prozessverlauf vor erster Instanz ergeben
sich aus dem angefochtenen Urteil (Urk. 71 S. 4-6).
Die eingeklagten Handlungen ereigneten sich am 2. August 2015. Am 9. Oktober
2015, 06.00 Uhr, kam es zur Verhaftung des Beschuldigten. Mit Verfügung des
Bezirksgerichtes Zürich, Zwangsmassnahmengericht, vom 10. Oktober 2015 wur-
de der Beschuldigte in Untersuchungshaft versetzt, welche zweimal verlängert
wurde (Urk. 25/10 und 25/11; Urk. 25/14 und 25/16). Am 30. Mai 2016 ordnete
das Bezirksgericht Zürich, Zwangsmassnahmengericht, die Sicherheitshaft an
(Urk. 33). Aktuell befindet sich der Beschuldigte in der Justizvollzugsanstalt
Pöschwies (Urk. 88).
2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung, vom 28. September 2016
wurde der Beschuldigte der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122
Abs. 2 StGB schuldig gesprochen und mit einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren unter
Anrechnung der bis dahin erstandenen Haft bestraft. Von den Vorwürfen der ein-
fachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und des Ver-
abreichens gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder im Sinne von Art. 136
StGB sprach das Gericht den Beschuldigten frei. Der Beschuldigte wurde ver-
pflichtet, dem Privatkläger Schadenersatz in der Höhe von Fr. 2'135.– und eine
Genugtuung von Fr. 25'000.– zu bezahlen, je zuzüglich Zins ab dem schädigen-
den Ereignis. Weiter entschied die Vorinstanz über das Schicksal zahlreicher be-
schlagnahmter Gegenstände (Urk. 71 S. 54 ff.).
3.1 Gegen dieses Urteil meldeten alle Parteien rechtzeitig Berufung an: der Pri-
vatkläger mit Eingabe vom 29. September 2016 (Urk. 61), die Staatsanwalt-
schaft IV mit Eingabe vom 30. September 2016 (Poststempel 3. Oktober 2016;
Urk. 62) und der Verteidiger mit Eingabe vom 5. Oktober 2016 (Urk. 64). Das
schriftliche Urteil in begründeter Fassung wurde den Parteien am 12. Dezember
- 7 -
2016 zugestellt (Urk. 70/1-3). Daraufhin erstatteten wiederum alle Parteien fristge-
recht ihre vom 15., 16. resp. 22. Dezember 2016 datierten Berufungserklärungen
(Urk. 72, 73 und 74). Auf entsprechende Fristansetzung verzichtete die Staatsan-
waltschaft auf Anschlussberufung und hielt an ihren Anträgen in der eigenständi-
gen Berufung vom 15. Dezember 2016 fest (Urk. 78). Der Privatkläger und der
Beschuldigte liessen sich nicht vernehmen.
Beweisanträge wurden keine gestellt.
3.2 Am 24. März 2017 wurde zur Berufungsverhandlung auf den 6. Juni 2017
vorgeladen (Urk. 80).
4.1 Von der Verteidigung angefochten sind die Dispositivziffern 1 (Schuld-
spruch), 3 (Sanktion), 4 (Schadenersatz), 5 (Genugtuung) und 11 (Kostenaufla-
ge). Verlangt wird ein Freispruch sowie eine angemessene Entschädigung und
Genugtuung für die erlittene Haftzeit. Für den Eventualfall eines Schuldspruchs
wegen schwerer Körperverletzung wird eine Bestrafung mit maximal 20 Monaten
bedingter Freiheitsstrafe beantragt (Urk. 74; Urk. 85). Der Privatkläger ficht die
Dispositivziffer 5 des vorinstanzlichen Urteils an und macht eine Genugtuung von
Fr. 60'000.– zuzüglich Zins geltend (Urk. 73; Urk. 83). Die Staatsanwaltschaft be-
antragt eine Freiheitsstrafe von 6 Jahren (Urk. 72; Urk. 82).
4.2 Damit ist das vorinstanzliche Urteil in den folgenden Dispositivziffern in
Rechtskraft erwachsen: 2 (Freisprüche), 6 - 9 (Beschlagnahmungen) und 10
(Kostenfestsetzung). Das ist vorab mit Beschluss festzustellen.
5. Auf die Argumente des Beschuldigten bzw. der Verteidigung ist im Rahmen
der nachstehenden Erwägungen einzugehen. Das rechtliche Gehör nach Art. 29
Abs. 2 BV verlangt, dass die Behörde die Vorbringen des von einem Entscheid in
seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, prüft und in seiner Ent-
scheidfindung berücksichtigt. Nicht erforderlich ist, dass sie sich mit allen Partei-
standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich widerlegt. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen
Punkte beschränken. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt
- 8 -
werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Ent-
scheid stützt (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1.; BGE 141 III 28 E. 3.2.4; BGE 139 IV 179
E. 2.2; BGE 138 IV 81 E. 2.2; Urteile des Bundesgerichts 6B_957/2016 bzw.
6B_1022/2016 vom 22. März 2017 und 6B_401/2015 vom 16. Juli 2015 E. 1.1; je
mit Hinweisen).
II. Schuldpunkt – eingeklagter Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Der eingeklagte Sachverhalt der im Berufungsverfahren noch strittigen Anklage-
ziffer 1.2 findet sich in der Anklageschrift (Urk. 31 S. 3 f.) und zusammengefasst
im angefochtenen Urteil (Urk. 71 S. 23 f.).
2. Standpunkt des Beschuldigten
Betreffend den objektiven Sachverhalt anerkennt der Beschuldigte, dem Privat-
kläger unbemerkt nachgefolgt zu sein, als dieser zwischen 20 Uhr und 21 Uhr die
Wiese vor der ...anlage C._ verliess und sich via die D._-Strasse auf
den Heimweg begab; ferner, dass er diesem einmal mit einem Gürtel von oben
herab auf die Hände geschlagen hat sowie mit einem ca. 1 Meter langen Bam-
busstock, den er mit beiden Händen hielt, einmal von vorne horizontal gegen den
Privatkläger gestochen und ihn am linken Auge verletzt hat. Weiter anerkennt der
Beschuldigte die in der Anklageschrift aufgelisteten Verletzungen des Privatklä-
gers als vollständig richtig (Urk. 11/2 S. 8 f. und 14; Urk. 11/3 S. 3, 9, 12 und 16;
Prot. I S. 16 ff.; Prot. II S. 11 ff.). Weitere Attacken mit einem nicht näher bekann-
ten Holzstock von hinten oder von vorne gegen Oberkörper und Kopf des Privat-
klägers und erneutes mehrmaliges Einstechen mit dem Bambusstab in Richtung
Kopf des Privatklägers bestreitet der Beschuldigte jedoch.
In subjektiver Hinsicht macht er geltend, sich infolge Lebensgefahr lediglich ver-
teidigt bzw. auf einen unmittelbar drohenden Angriff des Geschädigten den Bam-
busstock zum Einsatz gebracht und deshalb damit zugestochen zu haben. Es sei
- 9 -
alles aus Instinkt passiert; er habe den Privatkläger nicht derart am Auge verlet-
zen wollen (Urk. 11/3 S. 12; Prot. I S. 22 f.; Prot. II S. 11-13).
3. Allgemeine Beweisregeln
3.1 Mit den Grundsätzen der Beweiswürdigung, insbesondere mit den Grund-
sätzen "in dubio pro reo" und der freien Beweiswürdigung sowie mit der (generel-
len) Glaubwürdigkeit von Personen und der Glaubhaftigkeit von Aussagen hat
sich die Vorinstanz ausführlich und korrekt befasst, so dass vorab darauf verwie-
sen werden kann (Urk. 71 S. 7 f., 10 f.).
3.2 Bezüglich der Glaubwürdigkeit des Privatklägers erwog die Vorinstanz unter
anderem, dass er eigene, auch finanzielle Interessen am Ausgang des Verfah-
rens habe, denn er mache Schadenersatz- und (hohe) Genugtuungsansprüche
geltend. Aufgrund der gestellten Zivilansprüche könne ihm ein finanzielles Inte-
resse am Verfahrensausgang nicht abgesprochen werden (Urk. 71 S. 10 f.). Das
trifft zwar grundsätzlich zu, ist aber zu relativieren.
Zum einen handelt es sich bei den erhobenen Zivilforderungen um eine der übli-
chen Konsequenzen eines unheilvollen Ereignisses wie des vorliegenden. Die
medizinischen Folgen des Vorfalls werden vom Beschuldigten allesamt aner-
kannt. Im Übrigen war es nicht der Privatkläger selber, der Anzeige (zunächst ge-
gen Unbekannt) erstattete, sondern dies geschah durch eine Fachperson von der
Augenklinik des Universitätsspitals Zürich (vgl. Urk. 71 S. 4), was zeigt, dass es
dem Privatkläger jedenfalls nicht darum geht, den Beschuldigten finanziell auszu-
nehmen. Auch ist keine nähere persönliche Beziehung des Privatklägers zum Be-
schuldigten ersichtlich; die Beiden kennen sich nur vom Sehen. Wenn der Privat-
kläger im Nachhinein schlecht auf den Beschuldigten zu sprechen ist und sich
negativ über dessen Person äussert (vgl. Urk. 12/2 S. 6 und 12/3 S. 10 ff.), kann
ihm dies nicht verübelt werden. Ohnehin weitaus bedeutender für die Wahrheits-
findung als die allgemeine Glaubwürdigkeit der einvernommenen Person ist die
Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage (BGE 133 I 33 E. 4.3, Urteil des Bundes-
gerichts 6B_692/2011 vom 9. Februar 2012 E. 1.4, je mit Hinweisen). Insgesamt
- 10 -
ist daher festzuhalten, dass die Glaubwürdigkeit des Privatklägers, des Beschul-
digten und des Zeugen E._ auf der gleichen Stufe anzusiedeln ist.
3.3 Zur Glaubhaftigkeit von Aussagen ist anzufügen, dass als Kennzeichen
wahrheitsgetreuer Aussagen sind namentlich die innere Geschlossenheit und
Folgerichtigkeit in der Darstellung des Geschehensablaufes, spontane, detailrei-
che Schilderungen, individuell geprägte, originelle oder aussergewöhnliche Ge-
schehnisse enthaltende Äusserungen und die Verflechtung der Aussage mit be-
wiesenen Umständen und inhaltliche Konstanz des für den Befragten subjektiv
Wichtigen zu werten. Demgegenüber führen innere Hemmungen und die Gefahr,
entdeckt zu werden, insbesondere beim nicht die Wahrheit Aussagenden zu einer
unklaren, zweideutigen, blassen und strukturbrüchigen Aussage sowie zu einer im
Tatsachenkern mageren Kurzaussage. Auf eine nicht glaubhafte Aussage weist
vor allem das Fehlen von Realitätskriterien, aber auch das Vorhandensein soge-
nannter Fantasie- oder Lügensignale hin (BENDER, Die häufigsten Fehler bei der
Beurteilung von Zeugenaussagen, in SJZ 81 [1985] S. 53 ff.; BENDER/NACK/TREU-
ER, Tatsachenfeststellungen vor Gericht, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre,
Vernehmungslehre, 3. Aufl., München 2007, N 310 ff. und N 350 ff.). Als Indizien
für bewusst oder unbewusst falsche Aussagen gelten ferner Unstimmigkeiten
oder grobe Widersprüche in den eigenen Aussagen, unklare oder ausweichende
Antworten, gleichförmige oder eingeübt wirkende Aussagen (HAUSER, Der Zeu-
genbeweis im Strafprozess mit Berücksichtigung des Zivilprozesses, Zürich 1974,
S. 316).
4. Beweismittel
Zur Erstellung des strittigen Sachverhalts dienen insbesondere die Aussagen des
Beschuldigten (Urk. 11/1-3 und Prot. I S. 16 ff.; Prot. II S. 11 ff.) und des Privat-
klägers (Urk. 12/1-3) sowie teilweise jene des Zeugen E._ (Urk. 13/1-2). Als
weitere Beweismittel zu nennen sind die Kurz- und Spurenberichte des Forensi-
schen Instituts Zürich (Urk. 9/1-5) sowie der ärztliche Bericht der Augenklinik des
Universitätsspitals Zürich vom 15. Oktober 2015 (Urk. 10/7). Die von beiden Be-
teiligten beantragte Auswertung der Videoaufnahme der Tatortumgebung lieferte
keine sachdienlichen Resultate (Urk. 11/2 S. 10; Urk. 12/1 S. 2: Urk. 16/1).
- 11 -
5. Aussagen des Privatklägers und Würdigung
Die Aussagen des Privatklägers wurden von der Vorinstanz einlässlich und kor-
rekt dargestellt (Urk. 71 S. 29-31; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zusammenfassend und
teilweise ergänzend hat der Privatkläger das Geschehen wie folgt geschildert:
5.1 Bei seiner ersten Befragung als Auskunftsperson durch die Stadtpolizei im
...spital ... vom 17. August 2015 (Urk. 12/1) berichtete er, auf dem Heimweg von
einem Treffen mit Kollegen am Zürichsee habe er in der D._-Strasse plötz-
lich von hinten ein Geschrei vernommen und sei von einer Person von hinten mit
einer Holzstange oder so etwas Ähnlichem attackiert worden. Der erste Schlag
habe seinen Rucksack getroffen, danach habe er sich mit diesem geschützt. Von
diesen Schlägen habe er keine Verletzungen davongetragen (Urk. 12/1 S. 2 f.).
Auf einmal sei der Mann (dessen Rufname er kannte, den er beschreiben konnte
und welcher sich als der Beschuldigte entpuppte; vgl. auch Urk. 12/2 S. 5, 7 und
Urk. 12/2/1) weg gewesen und nach rund zwei bis drei Sekunden wieder aufge-
taucht und habe ihm mit etwas ins Auge gestochen. Er glaube, dass der Beschul-
digte den Bambusstecken geholt habe, um ihn zu verletzen, weil er gemerkt habe,
dass dieser ihn anders nicht verletzen könne. Der Privatkläger sprach von nur ei-
nem Stich direkt ins Auge und dass ab diesem Moment alles sehr konfus gewe-
sen sei und er sich nicht mehr genau erinnern könne. Am nächsten Tag sei er
aufgewacht und habe sich verletzt gefühlt, weshalb er zum Augenarzt gegangen
sei, der ihn ins Spital geschickt habe. Danach gefragt, weshalb er nicht direkt die
Polizei kontaktiert habe, erklärte er, in den ersten Tagen unter Schock gestanden
und nicht realisiert zu haben, was eigentlich passiert sei (Urk. 12/1 S. 3 f.). Der
Privatkläger erwähnte schon ab dieser ersten Einvernahme auch, dass es mit
dem Beschuldigten zuvor eine Diskussion gegeben habe (vgl. Urk. 31 S. 2 f., An-
klagesachverhalt 1.1; Urk. 12/1 S. 3 und Urk. 12/3 S. 5).
5.2 Anlässlich der zweiten polizeilichen Einvernahme vom 15. September 2015
(Urk. 12/2) bestätigte der Privatkläger seine Ausführungen vom ersten Mal. Auf
entsprechende Frage beschrieb er das Tatgeschehen so, dass der Beschuldigte
zunächst von hinten fünf bis sechs Mal mit einem unbekannten Gegenstand, wie
ein Holz, auf ihn eingeschlagen habe, zuerst auf seinen Rucksack. Diesen habe
- 12 -
er dann genommen und sich einigermassen schützen und so verteidigen können.
Nach einer Weile habe der Beschuldigte diesen Bambusspeer geholt. Wegen sei-
ner Kurzsichtigkeit und weil es schon Nacht gewesen sei, habe er nicht identifizie-
ren können, womit der Beschuldigte auf ihn zugekommen sei. Aus einer Entfer-
nung von ca. 1 - 1 1⁄2 Meter habe er einen Stich im Auge verspürt und einen gros-
sen Schmerz und er habe geblutet. Auf Frage bejahte er, dass der Beschuldigte
sein linkes Auge habe treffen wollen, weil er direkt ins Auge gestochen habe. Er
hätte ihn ja auf den Kopf schlagen können, aber er habe eine Stich- und keine
Schlagbewegung gemacht. Ab dann seien seine Erinnerungen sehr vage. Das
Ganze habe drei, fünf Minuten gedauert, nicht lange (Urk. 12/2 S. 3, 7-10).
Zudem führte der Privatkläger aus, dass er aufgrund eines psychischen Leidens –
wenn ihm etwas geschehe, verdränge sein Bewusstsein dies – erst nach drei Ta-
gen gemerkt habe, was mit ihm geschehen sei. Das Problem bestehe fort, und er
habe dies heute noch nicht 100-prozentig begriffen. Darüber habe er mit der Psy-
chiaterin gesprochen und deswegen im Spital bleiben wollen (Urk. 12/2 S. 8).
5.3 Gegenüber der Staatsanwaltschaft bestätigte der Privatkläger am 6. Januar
2016 (Urk. 12/3), dass er bisher die Wahrheit gesagt habe und alle Aussagen
stimmen würden. Auf allfällige Ergänzungen angesprochen vermerkte er, er habe
zwei Angriffe erwähnt und möchte noch hinzufügen, dass der Beschuldigte ihn
noch ein drittes Mal angegriffen habe. Bei diesem dritten Angriffsversuch habe er
sich dann mit dem Pfefferspray, den er aus dem Rucksack genommen habe, ge-
wehrt. Zu diesem Zeitpunkt sei sein linkes Auge bereits verletzt gewesen. Der
Beschuldigte habe auch sein rechtes Auge zu verletzen versucht, aber er (Privat-
kläger) habe sich mit seinem Rucksack und dem Pfefferspray schützen können.
Auf entsprechende Frage erklärte der Privatkläger, dass er diesen dritten Angriff
und den Pfefferspray bei der Polizei nicht erwähnt habe, weil er sich nicht daran
habe erinnern können und ein Durcheinander gehabt habe. Als er im September
oder Oktober den Brief von der Staatsanwaltschaft erhalten habe, dass der Be-
schuldigte im Gefängnis sei, habe er sich erinnern können, und er habe sich Ge-
danken über den Vorfall gemacht (Urk. 12/3 S. 4 f.).
- 13 -
Zum ersten Angriff erläuterte der Privatkläger wie bis anhin, von hinten mit einem
Stock geschlagen worden zu sein, wobei er nicht gemerkt habe, dass der Be-
schuldigte ihn verfolgte. Es habe sich um eine Art "Gartenhag-Stock" von einer
Länge von ca. 50 cm und einem Durchmesser von ca. 12 cm gehandelt (er zeigte
diese Masse auf einem Massstab). Aufgrund der Dunkelheit konnte er nicht ge-
nau sagen, ob der Stock aus Holz war. Er ging von einem Holzstock aus, da in
dieser Gegend keine anderen Gegenstände zu finden seien, ausser solche aus
Holz (Urk. 12/3 S. 5 f.). Erneut schilderte er, dass er sich umdrehte, sodass man
frontal zueinander stand, dass er sich mit dem Rucksack schützen konnte und
kaum verletzt wurde. Von hinten und von vorne seien es vielleicht je fünf bis
sechs Schläge gewesen, er habe sie nicht gezählt. Da der Beschuldigte bei die-
sem Angriff nicht wirklich auf seinen Körper habe treffen können, habe er dann
von ihm abgelassen, sei zurückgegangen, aber nach ein paar wenigen Sekunden
wieder auf ihn losgekommen, und dann habe er (Privatkläger) umgehend einen
Stich im linken Auge gespürt, wodurch er verletzt worden sei. Der Beschuldigte
habe nur einmal auf ihn eingestochen und sein linkes Auge getroffen. Bei diesem
zweiten Angriff habe es sich um einen Bambusstock von ca. einem Meter Länge
und zwei Zeigefinger Dicke gehandelt; dies vermute er zumindest, da es in dieser
Gegend sehr viele frisch renovierte und bepflanzte Gärten mit vielen Bambus-
pflanzen und jeder Menge Bambusstecken gebe (Urk. 12/3 S. 5 f., 12-15).
Nur ein paar Sekunden später habe der Beschuldigte mit dem dritten Angriff noch
versucht, mit diesem Stock sein rechtes Auge zu verletzen. Er könne dies sagen,
weil der Beschuldigte es mehrmals versucht habe, er habe mehrere Stichbewe-
gungen gegen sein rechtes Auge gemacht, dabei seinen Kopf aber nicht getrof-
fen. Er selber habe sich weiterhin mit dem Rucksack geschützt und aus der vor-
deren Tasche des Rucksacks den Pfefferspray nehmen können, den er seit über
zehn Jahren aus Sicherheitsgründen immer mitführe, aber nur bei diesem Vorfall
benützt habe. Er habe einmal den Spray-Knopf betätigt, aber den Beschuldigten
leider nicht wirklich im Gesicht getroffen, dies wegen Orientierungsverlusts infolge
seiner Augenverletzung. Der Beschuldigte habe dann Angst gekriegt und sei da-
von gegangen, während er verletzt zurückgeblieben sei. Ab diesem Moment habe
er ziemlich wenige Erinnerungen, was danach passiert sei. Er habe am linken
- 14 -
Auge sein Augenlicht verloren, sei ca. sechs bis sieben Wochen in der Augenkli-
nik des Universitätsspitals und danach noch in der psychiatrischen Universitäts-
klinik gewesen, weil er psychische Probleme, eine gravierende und schwere De-
pression, als Folge dieses Vorfalls gehabt habe und alleine lebe. Zuvor bestehen-
de psychische Probleme hätten sich durch diesen Vorfall noch verstärkt, weshalb
er – im Gegensatz zu früher – nun auch Medikamente gegen Depressionen ein-
nehme (Urk. 12/3 S. 6, 13 f., 16 f.). Im Ergebnis hielt sich der Privatkläger zwi-
schen Anfang August 2015 und Anfang Oktober 2015 mehrere Wochen in statio-
närer Behandlung auf, nämlich im Universitätsspital Zürich, Augenklinik, im
...spital ... und in der Psychiatrischen Universitätsklinik PUK (vgl. Urk. 10/2 ff. und
10/8 S. 2; Urk. 48/1-3).
5.4 Vorläufige Würdigung
Zum ersten und zum zweiten Angriff – nur letzterer als das zentrale Geschehen
bewirkte laut dem Privatkläger überhaupt, dafür aber eine gravierende Verletzung
– sind die Ausführungen des Privatklägers von Anfang an sehr detailreich, inhalt-
lich und in der zeitlichen Dimension durchwegs konstant, in sich stimmig und in
der geschilderten Abfolge einleuchtend. Die beschriebenen eigenen Empfindun-
gen stehen mit der Sachdarstellung im Einklang, seine Angaben zur Umgebung
des Tatortes entsprechen der Realität und die erlittenen Verletzungen sind medi-
zinisch belegt und unbestritten. Zudem sagte der Privatkläger vorsichtig aus, ohne
offensichtliche Übertreibungen, und er deklarierte stets, wenn er etwas nicht
(mehr) wusste. Bei Mutmassungen – so etwa zu den Tatwaffen, zu welchen er
auch eine klare Differenzierung vornahm – untermauerte er diese regelmässig mit
nachvollziehbaren Überlegungen. Er kommunizierte auch ein vorbestehendes
psychisches Leiden und führte die vorgängige Auseinandersetzung mit dem Be-
schuldigten an (vgl. Anklageziffer 1.1, Urk. 31 S. 2 f.), ohne seine dortige Rolle zu
beschönigen, indem er insbesondere darlegte, wie er den Beschuldigten (auch)
habe schlagen wollen, was aber durch das Dazwischentreten einer Drittperson
verhindert wurde. Damit stellte er auch sein eigenes Verhalten in ein unvorteilhaf-
tes Licht. Bei diesem im Berufungsverfahren nicht weiter zu erörternden Sachver-
halt belastete der Privatkläger den Beschuldigten ebenfalls nur zurückhaltend
- 15 -
(vgl. Urk. 71 S. 18 f. und dortige Hinweise; Art. 82 Abs. 4 StPO). Allerdings er-
staunt, dass der Privatkläger erst in der dritten Einvernahme, aber immerhin von
sich aus, einen dritten Angriff seitens des Beschuldigten sowie seine Pfeffer-
sprayabwehr erwähnte. Darauf ist im Rahmen der Gesamtwürdigung zurückzu-
kommen (hinten Erw. II. 10.5). Insgesamt erweist sich seine Sachdarstellung als
folgerichtig, wirklichkeitsnah und plausibel, dies auch bezüglich der dritten, um die
Pfefferspraysequenz erweiterten Aussage bei der Staatsanwaltschaft. Die im
Raume stehenden Zivilansprüche vermögen die Glaubhaftigkeit seiner Darlegun-
gen nicht zu schmälern.
6. Aussagen des Beschuldigten und Würdigung
Die Sachdarstellung des Beschuldigten findet sich ausführlich im angefochtenen
Urteil (Urk. 71 S. 25-29; Art. 82 Abs. 4 StPO). Nachfolgend ein Überblick mit we-
nigen Ergänzungen:
6.1 In der Hafteinvernahme vom 9. Oktober 2015 (Urk. 11/2) führte der Be-
schuldigte aus, der Privatkläger habe sich gegen 20.00 Uhr verabschiedet, und –
den Zeigefinger auf ihn gerichtet – gesagt: "Du schuldest mir noch was". Darauf-
hin sei er dem Privatkläger ca. 100 Meter in die D._-Strasse hinein gefolgt
und habe zu ihm gesagt, dass er mit ihm reden wolle. Dieser habe sich zu ihm
umgedreht und gleichzeitig seine Hand in seine Hosentasche gesteckt. Er habe
gedacht, dass der Privatkläger nun ein Klappmesser hervorziehe, weshalb er so-
fort seinen Gürtel aus seiner Hose gezogen und dem Privatkläger einmal damit
auf die Hände geschlagen habe. Dann sei er wieder zurückgewichen. Als er be-
reits zehn Meter entfernt gewesen sei, habe der Privatkläger zu ihm gesagt:
"Komm, hab keine Angst du Schwuchtel". Deshalb habe er gedacht, er gehe ein-
mal zum Privatkläger und frage ihn, was er habe. Als er ca. drei bis vier Meter von
ihm entfernt gestanden sei und sich entsprechend erkundigt habe, habe der Pri-
vatkläger ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Danach sei er komplett blind ge-
wesen, habe Schmerzen gehabt und alles im Gesicht habe gebrannt. Er habe ge-
dacht, der Privatkläger wolle ihn umbringen und habe dann blind irgendwo im
Beet neben dem Trottoir zwischen den Pflanzen nach irgendwelchen Gegenstän-
den gesucht, beispielsweise einem Stein. Beim blinden Herumtasten mit der Hand
- 16 -
in diesen Pflanzen habe er dort einen alten Bambusspeer gefunden, wobei er auf
Nachfrage dessen Länge mit ca. einem Meter und den Durchmesser mit ca. 2 cm
angab.
Damit habe er nicht schlagen können, weil dieser so alt gewesen sei, dass er zer-
brochen wäre. So habe er gedacht, dass er mit der Spitze gegen den Privatkläger
einsteche. Er sei blind gewesen und habe nur dessen Lachen gehört, sich danach
orientiert und mit dem Bambusspeer einmal in diese Richtung eingestochen. Da
er blind gewesen sei, habe er nicht gesehen, wo er den Privatkläger getroffen ha-
be. Dies sei ihm bis heute nicht bekannt. Dann sei er zurückgekehrt. Er habe
noch ein paar kalte Biere in seinem Rucksack gehabt, womit er sich die Augen
gewaschen habe (Urk. 11/2 S. 8 ff.).
Weiter beschrieb der Beschuldigte, wo er den Bambusstab gefunden habe und
dass er diesen während des Einstechens mit beiden Händen gehalten habe, mit
der einen Hand gleichzeitig auch noch seinen Gürtel. Auf Nachfrage erklärte er,
da der Bambusstab ein bisschen alt gewesen sei, habe er auf einer Skala von 1
bis 10 mit einer Stärke von etwa 4 auf den Privatkläger eingestochen. Wäre der
Stab neu gewesen, hätte er mit einer Stärke von 9 zugestochen. Der Bambusstab
sei im Nachhinein dann auch zerbrochen, nicht, als er auf den Privatkläger einge-
stochen habe, sondern erst, als er (Beschuldigter) sein Gesicht gewaschen habe
und ein Junge aus der Gruppe (F._ aus Peru, Urk. 11/2 S. 11 f.) zu ihm ge-
kommen und die Spitze dieses Stabes angefasst habe. Er habe den Stab an-
schliessend weggeworfen und nicht mehr gefunden (Urk. 11/2 S. 9 ff.).
Auf die Frage, was passieren könne, wenn man mit einem Holzstock gegen den
Kopf eines Menschen steche, erklärte der Beschuldigte, man könne die Person
überall im Gesicht verletzen, wobei man den Ort nicht genau kontrollieren könne.
Wenn man mit der Stockspitze auf ein Auge treffe, könne das Auge dermassen
verletzt werden, dass es blute oder auch dass diese Person das Auge verliere. Es
könne aber auch sein, dass nichts passiere. Eine Brille habe der Privatkläger
nicht getragen. Er (Beschuldigter) habe nicht die Absicht gehabt, jemanden anzu-
greifen und noch weniger, jemanden zu verletzen. Es sei nur Selbstverteidigung
gewesen (auch Prot. I S. 22 f.). Beim Zustechen habe er schon gespürt, dass er
- 17 -
etwas getroffen habe, aber was, habe er nicht gewusst. Der Privatkläger sei nach
dem Einstechen weggegangen, dies nehme er an, weil dieser nicht mehr hinter
ihm her gekommen sei (Urk. 11/2 S. 13 f.).
6.2 Anlässlich der Schlusseinvernahme vom 11. Mai 2016 (Urk. 11/3) bestätigte
der Beschuldigte gegenüber der Staatsanwaltschaft im Wesentlichen seine bishe-
rigen Ausführungen, gab jedoch abweichend an, er sei dem Privatkläger nicht in
der Absicht gefolgt, mit ihm zu sprechen. Er habe mit ihm die Sache klären wol-
len, weil der Privatkläger vorgängig, also nach dem Zwischenfall mit dem Bier,
Morddrohungen ihm gegenüber ausgesprochen habe (Urk. 11/3 S. 3). Auf Vorhalt
der Verletzungen des Privatklägers verneinte er die Absicht, diesen derart zu ver-
letzen (Urk. 11/3 S. 12), er habe aber auf den Angriff des Geschädigten mit dem
Pfefferspray reagiert. Er sprach von einem Tierinstinkt, er habe sich verteidigen
müssen (Urk. 11/3 S. 7) bzw. von einem Impuls, einer "panischen" Reaktion aus
Angst. Es sei Selbstverteidigung gewesen (Urk. 11/3 S. 12; auch Prot. I S. 22 f.).
Aufgefordert, den Bambusstab zu beschreiben, erklärte der Beschuldigte, dies
nicht zu wissen, da er selber blind gewesen sei. Hinsichtlich der Ausmasse blieb
er bei ca. einem Meter Länge und einem Durchmesser von, leicht modifiziert,
höchstens 3 cm. Er wisse noch, dass E._ (F._) beim Anblick des Sto-
ckes gelacht und ihn gefragt habe, ob er mit diesem kleinen Stock geschlagen
habe. Auf die Frage, woher dieser Bambusstab stamme, umschrieb er erneut, wie
er nach dem Pfeffersprayeinsatz Angst bekommen habe, dass der Privatkläger
ihm noch etwas Schlimmeres antun könnte und in den Büschen gewesen sei,
weshalb der Privatkläger ihn in diesem Moment nicht habe angreifen können. Er
sei dann mit diesem Stab aus den Büschen hervorgetreten und habe eine Hand-
bewegung gemacht, d.h. den Bambusstock mit beiden Händen gehalten und ein-
mal horizontal gegen den Privatkläger gestochen. Auf keinen Fall habe er dem
Privatkläger ins Auge stechen wollen (Urk. 11/3 S. 7 f.). Wie der Privatkläger da-
rauf reagiert habe, könne er nicht sagen, denn seine Augen seien ja voll Pfeffer
gewesen. Er sei direkt gegangen und habe den Stab mitgenommen, denn er habe
gedacht, der Privatkläger könnte ihm nachlaufen (Urk. 11/3 S. 9).
- 18 -
6.3 In der Befragung vor Vorinstanz am 28. September 2016 (Prot. I S. 16 ff.)
wiederholte der Beschuldigte einerseits seinen Standpunkt in der Schlusseinver-
nahme, dass er dem Privatkläger nachgegangen sei in der Meinung, mit diesem
allein ausserhalb seiner Gruppe besser sprechen zu können. Er sei ihm trotz der
Morddrohungen hinterhergelaufen, weil er nicht gedacht habe, der Privatkläger
sei in der Lage und fähig, ihn dort alleine umzubringen. Er habe insbesondere die
Sache klären wollen, damit er in Frieden nach Hause gehen könne (Prot. I S. 17).
In Abweichung zu seinen Aussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft – wonach
nicht der Privatkläger ihm nachfolgte, sondern er selber wieder zum Privatkläger
hinging – führte der Beschuldigte nun aus, der Privatkläger sei ihm nach dem
Gürtelschlag hinterhergelaufen und, ebenfalls neu, habe seine Mutter beleidigt,
ihn als Faulenzer bezeichnet und gesagt, er (Beschuldigter) solle nicht weggehen.
Darauf habe er (Beschuldigter) sich umgedreht und sei etwas auf den Privatkläger
zugegangen, lediglich um zu fragen, was los sei. Diese abgewandelte Version er-
fuhr überdies in den weiteren Ausführungen des Beschuldigten noch zusätzliche
Varianten. Dann habe der Privatkläger ihn mit dem Pfefferspray angespritzt
(Prot. I S. 18 f.).
Zum Stich mit dem Bambusspeer führte er aus, als er horizontal gegen das La-
chen des Privatklägers geschlagen bzw. gestochen habe, habe er nicht gewusst,
wo er ihn treffen würde, ob am Bein, am Bauch, an der Brust, am Kopf oder am
Gesicht. Er habe an nichts gedacht (Prot. I S. 21 f.).
Als er sich nach der Rückkehr zum See mit zwei Dosen Bier die Augen ausgewa-
schen habe, habe ein Herr aus der zu ihm gekommenen Personengruppe wissen
wollen, ob er "mit diesem alten Stück" (gemeint: dem Bambusstab) ihn (den Pri-
vatkläger) geschlagen habe, habe dann gelacht, die Spitze dieses Stücks in die
Hand genommen und zerdrückt, es einfach zermahlen und gesagt: "Es ist viel zu
alt" (Prot. I S. 22).
6.4 Anlässlich der Berufungsverhandlung anerkannte der Beschuldigte wieder-
um, dass er den Privatkläger durch Einstechen mit einem Bambusstab am linken
Auge verletzt habe. Er stellte aber im Wesentlichen nach wie vor in Abrede, den
- 19 -
Privatkläger überhaupt mit einem Holzstock geschlagen, mehrmals mit dem Bam-
busstab gegen dessen Gesicht gestochen und den einen (anerkannten) Stich in
der Absicht ausgeführt zu haben, den Privatkläger anzugreifen und zu verletzen.
Vielmehr habe er das getan, um sein eigenes Leben zu retten. Konkret schilderte
er den Vorfall wie folgt: Nach der verbalen Auseinandersetzung vor der ...anlage
C._ sei er dem Privatkläger in der guten Absicht nachgelaufen, alles zu klä-
ren und Frieden zu schliessen. Der Privatkläger habe aber nicht so friedlich auf
ihn reagiert und sei drei Schritte Richtung Strasse gesprungen. Er habe seine
Hand in seine Hosentasche gesteckt, so dass er (Beschuldigter) gedacht habe,
der Privatkläger nehme ein Messer hervor. Aus Notwehr habe er seinerseits sei-
nen Gürtel herausgezogen und den Privatkläger einmal damit geschlagen. Dieser
habe sich ihm daraufhin genähert, sei ihm gefolgt und habe ihn provoziert. Er ha-
be sich umgedreht und sei mit dem Pfefferspray angesprüht worden, woraufhin er
nichts mehr gesehen und sich verloren gefühlt habe. Er habe sich dort in einem
Gebüsch versteckt und habe am Boden blind nach irgendeinem Gegenstand
("Flasche", "Stein") herumgetastet. Unglücklicherweise habe er dann den Bam-
busstock gefunden. Der Privatkläger habe gelacht. Er (Beschuldigter) habe ein-
mal mit dem Bambusstock in Richtung des Lachens gestochen. Dass er den Pri-
vatkläger dadurch am Auge verletzt habe, habe er erst später erfahren (Prot. II
S. 11 f., 14-16).
6.5 Zum einen hat der Beschuldigte den für die rechtliche Würdigung massgeb-
lichen objektiven Sachverhalt weitgehend anerkannt und sich auch in seinen ab-
weichenden Darlegungen überwiegend konstant geäussert. Es bestehen ander-
seits aber nicht unwesentliche Widersprüche, insbesondere zur Frage, ob der Pri-
vatkläger ihm nach dem behaupteten Gürtelschlag nachgefolgt ist bzw. ihn (den
Beschuldigten) aufforderte, sich nicht zu entfernen (was der Logik widerspricht,
befand sich der durch den angeblichen Gürtelschlag traktierte Privatkläger doch
bereits auf dem Heimweg in die entgegengesetzte Richtung), oder aber ob es nur
der Beschuldigte war, der erneut auf den Privatkläger zuging, wie in den ersten
zwei Einvernahmen geltend gemacht. Weiter finden sich Abwandlungen innerhalb
dieser unterschiedlichen Versionen (vgl. Prot. I S. 18 ff. und Erw. II. 6.3 hiervor).
Vor allem aber erweist sich die vom Beschuldigten behauptete Reihenfolge der
- 20 -
Geschehnisse als nicht folgerichtig. Ferner leuchtet nicht ein, weshalb der Be-
schuldigte dem Privatkläger alleine nachgegangen ist, nachdem letzterer bei der
ca. drei Stunden vorher stattgefundenen Auseinandersetzung konkrete Morddro-
hungen gegenüber dem Beschuldigten ausgestossen haben soll: Nachdem die
Leute den Privatkläger zurückgehalten hätten, habe dieser nicht locker gelassen,
sein Hemd/T-Shirt ausgezogen und ihn, den Beschuldigten, aufgefordert hinter
einen Baum zu gehen mit den Worten "Dort werde ich dich umbringen" (vgl.
Urk. 11/2 S. 8); der Privatkläger habe ihn im Anschluss an die Auseinanderset-
zung zu einem Kampf in einem nahegelegenen Garten mit Bäumen aufgefordert,
habe zu diesem Zweck sein T-Shirt ausgezogen, sei in diese Richtung gegangen,
nach Ignorieren durch ihn (Beschuldigten) zurückgekommen habe und vor der
Gruppe zweimal zu ihm gesagt "Ich bringe dich um, ich bringe dich um", Urk. 11/3
S. 3; auch hinten Erwägung II. 10.). Schon an dieser Stelle ist festzuhalten, dass
die Aussagen des Beschuldigten insgesamt nicht sehr glaubhaft sind.
7. Aussagen des Zeugen E._ und Würdigung
Diese Aussagen (Urk. 13/1 und 13/2) sind ebenfalls im Wesentlichen im vor-
instanzlichen Urteil enthalten (Urk. 71 S. 31; Art. 82 Abs. 4 StPO). Es kann auf
einen Nenner gebracht festgestellt werden, dass E._ (F._) ein langjähri-
ger Bekannter beider Beteiligter ist, als neutral erscheint, durchgängig um Objek-
tivität bemüht war, Nichtwissen stets offenlegte und nicht einfach Spekulationen
anstellte. Seine Darlegungen sind glaubhaft.
Aus seinen Schilderungen ergibt sich, dass der Beschuldigte sogleich dem Privat-
kläger nachgefolgt ist, als sich dieser verabschiedet hatte, dass er nach rund drei
Minuten mit einem Holzstock in der Hand wieder zurückkehrte, dann auf einer
Sitzbank sass, wo er auch den Stock hinlegte, sich die Augen rieb und auf Frage,
was passiert sei, mitteilte, der Privatkläger habe ihn mit einem Pfefferspray ge-
pfeffert und er habe den Privatkläger mit einem Stock geschlagen. Weiter habe er
nichts erzählt. Er (Zeuge) sei wieder zur Gruppe gegangen und der Beschuldigte
sitzen geblieben (Urk. 13/1 S. 1 f.; Urk. 13/2 S. 4 und 11). Der Zeuge konnte nicht
sagen, wer wen zuerst angegriffen habe (Urk. 13/2 S. 10, 12). Davon, dass er
selber diesen Holzstock – der aus Bambus gewesen sein könnte und nach seiner
- 21 -
Beschreibung mindestens 1.80 m lang war, nämlich etwas mehr als die eigene
Körpergrösse – angefasst habe und dass der Stock bzw. die Spitze daraufhin
zerbrochen sei, findet sich in den Aussagen des Zeugen nichts. Auch von
Morddrohungen des Privatklägers gegenüber dem Beschuldigten ist seitens des
Zeugen, der mehrmals nach Korrekturen oder Ergänzungen gefragt wurde
(Urk. 13/1 S. 4; Urk. Urk. 13/2 S. 15), nirgends die Rede. Vielmehr bekundete
E._, er habe alles gesagt, was er gesehen habe oder wisse (Urk. 13/1 S. 4).
8. Berichte Forensisches Institut Zürich (FOR)
Zum Inhalt und den Resultaten der Kurz- und Spurenberichte des Forensischen
Instituts (Urk. 9/1-5), wonach keine relevanten Spuren auf den untersuchten Holz-
stäben und dem Gürtel des Beschuldigen sichergestellt werden konnten, ist voll-
umfänglich auf das angefochtene Urteil zu verweisen (Urk. 71 S. 32 und 34). Die-
se Negativbefunde tangieren das übrige Beweisergebnis indessen nicht, denn der
Sachverhalt lässt sich auch ohne solche Spuren erstellen.
9. Arztbericht Augenklinik Universitätsspital Zürich (USZ)
Vollständig und richtig durch die Vorinstanz wiedergegeben sind auch die Verlet-
zungen des Privatklägers und die möglichen Ursachen dafür. Darauf kann ohne
Ergänzung verwiesen werden (Urk. 71 S. 32 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO; vgl. ferner die
nachfolgende Erw. 10.4.1).
10. Gesamtwürdigung und Fazit
10.1 Aufgrund der vorne zitierten Aussagen steht fest, dass der Beschuldigte
dem Privatkläger mit einem beidhändig gehaltenen (nicht mehr gefundenen)
Bambusstock ins linke Auge stach, worauf der Privatkläger gravierende Augen-
verletzungen erlitt, im Ergebnis das Augenlicht verlor und dass der in der Anklage
beschriebene Tathergang mit der Stichverletzung ohne Weiteres vereinbar ist
(Urk. 10/7 S. 2; für Einzelheiten siehe das angefochtene Urteil, Urk. 71 S. 33). Mit
welcher Tatwaffe der erste Angriff des Beschuldigten erfolgte, liess sich nicht eru-
ieren, was indessen unerheblich ist, da daraus keine Verletzung resultierte. Wei-
- 22 -
ter erstellt gemäss den Angaben der beiden Beteiligten und des Zeugen E._
ist der Pfeffersprayeinsatz des Privatklägers gegen den Beschuldigten.
10.2 Zunächst ist der Vorinstanz darin beizupflichten, dass es der Beschuldigte
war, der wegen der einige Stunden zuvor stattgefundenen Auseinandersetzung
die Konfrontation mit dem Privatkläger suchte und diesem nachging. Ein anderer
Grund ihn zu verfolgen ist in der Tat nicht ersichtlich. Die Aggression lag klarer-
weise beim Beschuldigten. Seine uneinheitlichen und schwammigen Erklärungs-
versuche – insbesondere die geltend gemachte verbale Provokation durch den
Privatkläger beim Verabschieden, der Beschuldigte schulde ihm noch etwas so-
wie seine Bekundung, mit dem Privatkläger wegen der (behaupteten) vorgängi-
gen Morddrohungen sprechen bzw. die Sache klären zu wollen, damit er (Be-
schuldigter) in Frieden nach Hause gehen könne oder aber gegenteilig, dass er
dem Privatkläger nicht gefolgt sei, um mit ihm zu sprechen – sind mit der Vor-
instanz als unglaubhaft und damit Schutzbehauptungen zu taxieren. Die über-
mässig betonten Morddrohungen sind dem Beschuldigten auch deshalb nicht ab-
zunehmen, weil sie vom Zeugen E._, der ebenfalls vor Ort war und dies hät-
te mitbekommen müssen, nicht wahrgenommen wurden, obwohl der Privatkläger
sie deutlich und wiederholt vor der Gruppe geäussert haben soll (Urk. 11/3 S. 3).
Der Beschuldigte verneinte vor Vorinstanz denn auch explizit, sich vor dem Pri-
vatkläger gefürchtet zu haben (Prot. I S. 17). Dass die Drohungen ihn nicht beein-
druckten, ergibt sich im Übrigen schon aus der Hafteinvernahme: "Ich bin auf die-
se Herausforderung nicht eingegangen. Wir spielten weiter Musik" (Urk. 11/2
S. 8). Vielmehr ging es ihm offensichtlich darum, sich den Privatkläger vorzuknöp-
fen, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und zwar unter vier Augen, "in aller Ruhe",
ohne den Schutz von dessen Gruppe (Prot. I S. 17). Zu diesem Zweck pirschte er
diesem – der den Heimweg angetreten hatte – nach und überfiel ihn hinterrücks.
Die "Ankündigung" mittels eines Geschreis (vgl. Urk. 12/1 S. 2) ändert nichts an
der Perfidität dieses Vorgehens. Der Privatkläger war entsprechend gänzlich un-
vorbereitet und wurde (als erstes mit einem Schlag von hinten) überrascht. Eben-
so als reiner Vorwand zum Losschlagen – sei es mit einem Gürtel oder einem an-
dern Schlaginstrument wie in der Anklage aufgeführt – erscheint der Standpunkt
des Beschuldigten, dass der sich auf dem Heimweg befindliche und bei Gewahr
- 23 -
werden des ihn verfolgenden Beschuldigten sich umdrehende Privatkläger für den
Beschuldigten den Anschein erweckt haben soll, aus seiner Hosentasche ein
Messer zu holen. In Übereinstimmung mit der vorinstanzlichen Ansicht fehlt es an
einem nachvollziehbaren Grund, weshalb der Beschuldigte sich berechtigt gese-
hen haben soll, den Privatkläger bei diesem ersten Angriff zu schlagen. Von einer
Notwehrhandlung kann nicht die Rede sein (vgl. Urk. 71 S. 35). Hingegen ist der
Anklage folgend von mehreren unvermittelten Schlägen gegen den Privatkläger
von hinten und von vorne auszugehen. Auch wenn mangels Verletzung in diesem
Stadium wie erwähnt offen bleiben kann, womit diese erste Attacke erfolgte, ist
doch anzufügen, dass weder der Privatkläger als direkt Beteiligter noch der Zeuge
E._ gestützt auf den Bericht des Beschuldigten einen Gürtel erwähnten. Der
Zeuge erklärte stattdessen wiederholt, wie der Beschuldigte unmittelbar nach
Rückkehr zum See gesagt hatte, den Privatkläger "mit dem Stock geschlagen" zu
haben (Urk. 13/1 S. 1; Urk. 13/2 S. 4 und 11), was die These des Beschuldigten
vom Gürteleinsatz zusätzlich entkräftet.
10.3 Zur strittigen Frage, wann der Pfefferspray zum Einsatz gekommen ist, ob,
wie vom Beschuldigten geltend gemacht, nach dem ersten Angriff oder, wie durch
den Privatkläger geschildert, nach der zweiten Attacke, jener mit dem Bambus-
stab, hat die Vorinstanz auf die Aussagen des Beschuldigten abgestellt und ist
nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" von dem für ihn günstigeren Sachverhalt
ausgegangen.
Einerseits zeigte sich die Vorinstanz nicht überzeugt von den Aussagen des Pri-
vatklägers, der erst in der dritten Einvernahme die Pfeffersprayabwehr und einen
dritten Angriff erwähnte sowie von seiner Erklärung für diese Verzögerung und
weil seine Schilderungen Aggravationstendenzen aufweisen würden. Überdies
zweifelte sie an der Glaubhaftigkeit seiner Angaben, weil er selbst keine Anzeige
erstattet und gegenüber den behandelnden Ärzten zunächst einen Feuerwerks-
körper als Verletzungsursache genannt hatte (Urk. 71 S. 34 f.; Urk. 10/3 S. 1 und
10/7 S. 2). Auf diese Argumente der Vorinstanz zum Aussageverhalten des Pri-
vatklägers ist zurückzukommen (hinten Erw. II. 10.5). Mit Ausnahme der Schilde-
rung bezüglich des ersten Angriffs mit dem Gürtel (wie eben dargelegt, vgl. Erw.
- 24 -
II. 10.2) betrachtete die Vorinstanz die Beschuldigtenaussagen als konstanter und
realitätsnaher (Urk. 71 S. 34 f.).
10.4 Entgegen der Vorinstanz und der Verteidigung (Urk. 85 S. 3), aber der
Staatsanwaltschaft folgend erscheint die Darstellung des Privatklägers, welche in
die Anklageschrift geflossen ist (Urk. 31 S. 3; Urk. 54), aus mehreren Gründen als viel plausibler. Danach hat der Privatkläger den Pfefferspray nach dem zweiten
Angriff, jenem des Beschuldigten mit dem Bambusstab und dem fatalen Stich in
sein linkes Auge zum Einsatz gebracht, indem er damit in die Richtung des Be-
schuldigten sprühte, der zu einem (von der Vorinstanz als nicht erstellt erachte-
ten) dritten Angriff ansetzte bzw. zwei bis drei Stichbewegungen in Richtung Kopf
des Privatklägers machte.
10.4.1 Beim hier verwendeten Pfefferspray – den der Privatkläger wie in Aussicht
gestellt gleich am Tag nach der dritten Einvernahme der Staatsanwaltschaft über-
gab – handelt es sich um die Marke "TW 1000" mit dem Wirkstoff "OC" (vgl. die
Beschlagnahmeverfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 7. Januar 2016,
Urk. 22/10; Urk. 12/3 S. 4 ff.). Der Wirkstoff Capsaicin wird aus dem Harzöl (Oleo-
resin) der Tabasco-Pflanze (Capsicum frutescens) gewonnen, weswegen als
Wirkstoff auch die Bezeichnung Oleoresin Capsicum (OC) angegeben wird. Die
Freisetzung von Capsaicin löst sofort oder innerhalb weniger Sekunden sehr
schmerzhafte Reaktionen der Augen, der Atmung und der besprühten Haut auf.
Unter anderem erfolgt eine Schwellung der Augenschleimhäute, was das soforti-
ge Schliessen der Augenlider für ungefähr fünf bis zehn Minuten bewirkt, worauf-
hin der Betroffene für die Dauer von mehreren Minuten nahezu blind ist und damit
handlungsunfähig wird. Die tangierten Hautstellen brennen und zeigen Rötung
sowie Juckreiz. Ein Einatmen des freigesetzten Gases führt zu Husten und Atem-
not (https://de.wikipedia.org/wiki/Pfefferspray [04.04.2017]; http://www.pepper-
spray.ch/ist-pfefferspray-erlaubt-in-der-schweiz-nach-waffengesetz/ [04.04.2017];
http://www.obramo-security.de/Infos-rund-ums-Reizgas [04.04.2017]). Wenn die
Vorinstanz demgegenüber ausführt, der Pfefferspray habe aufgrund der Latenz-
zeit nicht sofort gewirkt, weshalb der Beschuldigte weiterhin uneingeschränkt
handlungsfähig gewesen sei und im Gebüsch einen der zahlreichen herumliegen-
- 25 -
den Bambusstöcke habe finden und behändigen können (Urk. 71 S. 36), so kann
dem mit der Verteidigung nicht beigepflichtet werden (Urk. 85 S. 7). Da das Gas
über das Schmerzzentrum des Körpers wirkt, reagieren Personen mit reduziertem
Schmerzempfinden, was beispielsweise bei unter Alkohol- oder Drogeneinfluss
stehenden Personen der Fall sein kann, jedoch kaum darauf (http://www.obramo-
security.de/Infos-rund-ums-Reizgas [04.04.2017]).
Diese Fakten stimmen mit den geschilderten Empfindungen des Beschuldigten
überein. Nachdem der Privatkläger ihm aus ca. drei bis vier Metern Distanz mit
Pfefferspray ins Gesicht gesprüht habe, sei er komplett blind geworden, habe
Schmerzen gehabt, und es habe alles im Gesicht gebrannt. Diese Blindheit dau-
erte laut seiner Darstellung auch bei den anschliessenden Handlungen – der Su-
che nach einem Verteidigungsgegenstand am Boden zwischen Pflanzen bzw. im
Gebüsch, dem Zustechen mit dem Bambusspeer und der Rückkehr zu seinem
Rucksack bzw. zu seiner Gruppe am See beim "...platz" – fort (Urk. 11/2 S. 8 .,
13 f.; Urk. 11/3 S. 8; Prot. I S. 20 f., 23, 25). Hinzu kommen die berichteten
Schmerzen und das Brennen im ganzen Gesicht. Die Schmerzgefühle deuten da-
rauf, dass der Beschuldigte nicht oder nur wenig alkoholisiert war. Auch das kor-
respondiert mit seinen Aussagen, wonach er am Nachmittag vor dem Vorfall, der
sich gemäss seiner Angabe bei Dunkelheit ca. um 21 Uhr ereignete (Urk. 11/2
S. 12 und 14), lediglich zwei Halbliter Dosenbier konsumiert, auch noch gegessen
und sich gut, ganz normal gefühlt habe (Urk. 11/2 S. 13 f., 17, 24; Urk. 11/3 S. 4).
Gestützt darauf scheint es naheliegend, dass der Beschuldigte schon im Besitz
des Stabes war und zugestochen hatte, bevor der Pfefferspray ihn traf.
10.4.2 Es mutet denn auch schleierhaft an, wie der Beschuldigte bei plötzlicher
absoluter Blindheit und entsprechendem Orientierungsverlust, schmerzenden Au-
gen und brennendem Gesicht infolge des Pfeffersprayeinsatzes imstande gewe-
sen sein soll, neben dem Trottoir in einem Beet zwischen Pflanzen kniend bzw.
kriechend durch Herumtasten mit der Hand einen Verteidigungsgegenstand zu
suchen, einen Bambusspeer zu finden und mit diesem zum Privatkläger zurück-
zukehren, wozu er wieder aufstehen und – gemäss seiner Skizze im Google-
Maps Ausschnitt (Urk. 11/2 Anhang) – etliche Meter in die korrekte Richtung ge-
- 26 -
hen musste, was alles auch eine gewisse Zeit beanspruchte (Urk. 11/2 S. 8 und
24). Daran ändert nichts, dass am Vortag der 1. August gefeiert worden war und
da und dort noch besonders viele Holz- oder Bambusstecken herumgelegen sein
mögen. Das behauptete Vorgehen mutet umso erstaunlicher an, als der nach ei-
genem Bekunden völlig hilflose und schmerzgeplagte Beschuldigte angab, Angst
gehabt zu haben, der Privatkläger würde ihm noch Schlimmeres antun, ihn (z.B.
mit einem Klappmesser aus dem Hosensack) umbringen (Urk. 11/2 S. 8-10 und
20; Urk. 11/3 S. 8). Bereits durch das Abwenden und Weggehen vom Privatklä-
ger, dies pfefferspraybedingt wohl eher mit Vorsicht – rennen konnte er nicht
(Prot. I S. 21) bzw. widersprüchlich dazu: dass er nach dem Ansprayen (gar) nicht
mehr weggehen konnte (Prot. I S. 18) –, setzte sich der erheblich angeschlagene
Beschuldigte dem behaupteten Angreifer schutzlos aus. Wer aber um sein Leben
fürchtet, praktisch hilflos und damit in einer überaus inferioren Situation ist, ent-
schliesst sich nach der allgemeinen Lebenserfahrung zum schnellstmöglichen de-
finitiven Rückzug oder er versteckt sich und sucht nicht nochmals die Konfrontati-
on mit dem (pfefferspray)bewaffneten Peiniger, indem er trotz anhaltender Furcht
(Prot. I S. 21; Prot. II S. 16) erneut auf diesen zugeht. Auch diese Gegebenheiten
sprechen klar dagegen, dass der Beschuldigte erst nach dem Pfeffersprayeinsatz
den Bambusspeer aufspürte, behändigte, zum Privatkläger zurückkehrte und da-
mit zustach. Vielmehr drängt sich die umgekehrte Reihenfolge auf. Jedenfalls
ergibt sich aus der Darstellung des Beschuldigten kein unmittelbar bevorstehen-
der Angriff des Privatklägers, weshalb die darauf aufbauenden Ausführungen der
Verteidigung zur Notwehr ins Leere laufen (Urk. 85 S. 3 ff.).
Andernorts liess der Beschuldigte denn auch durchblicken, es sei schon proble-
matisch gewesen, und er habe selbstverständlich im Sinn gehabt, zu fliehen bzw.
ins Gebüsch zu gehen, damit er nicht von hinten angegriffen werden könne, um
aber sogleich – inkonsistent – zu relativieren, dass der Privatkläger dann hinter
ihm hergekommen wäre und er eben wenigstens dieses Stück, den gefundenen
Bambusstock, zur Verteidigung gehabt hätte (Prot. I S. 20 f.). Wie er sich im Zu-
stand der (vorübergehenden) Blindheit – mit oder ohne Bewaffnung – effizient
hätte wehren können, steht auf einem andern Blatt. Wie vorstehend dargelegt
- 27 -
wurde, finden sich solch windiges Aussageverhalten und blosse Spekulationen
beim Beschuldigten wiederholt.
Mit dem Staatsanwalt ist sodann festzuhalten, dass von Pfefferspray tangierte
Personen üblicherweise sofort mit intensivem Augenreiben reagieren, verbunden
mit dem Versuch, die Augen mit Wasser auszuwaschen (vgl. Urk. 54 S. 4), was
der Beschuldigte laut seiner Schilderung nach Rückkehr zum Rucksack zunächst
mit Bier und dann mit Wasser aus dem das Gebäude von der D._-Strasse ...
umgebenden Wasserkanal auch gemacht hat (Prot. I S. 21). Auch so betrachtet
ist nicht einsichtig, dass der besprühte Beschuldigte stattdessen vorab eine Viel-
zahl von Handlungen vorgenommen haben will (vgl. Urk. 54 S. 4). Es liegt auch
unter diesem Aspekt der Schluss nahe, dass der Beschuldigte vor dem verhäng-
nisvollen Zustechen, d.h. spätestens, als er dem Privatkläger in die D._-
Strasse hinein nachlief, in der näheren Umgebung und im Schein der normalen
Strassenbeleuchtung (Urk. 11/2 S. 14) gezielt nach einem brauchbaren Schlag-
oder Stechinstrument Ausschau gehalten haben muss und rasch fündig wurde
(ebenso Urk. 54 S. 5).
10.4.3 Verwunderlich ist darüber hinaus, dass sich der Beschuldigte nur nach
dem wahrgenommenen Lachen des Privatklägers orientiert und beidhändig, ohne
etwas zu sehen, mit dem Bambusstab in die Richtung dieses Lachens eingesto-
chen haben will, um sich zu verteidigen (Urk. 11/3 S. 7; Prot. I S. 21; Prot. II
S. 14).
Zum einen konnte er bei der behaupteten Blindheit gar nicht erkennen, ob über-
haupt Gefahr drohte. Hinzu kommt, dass er auf einer Skala von 1-10 mit einer
Stärke von 4 horizontal auf den Widersacher eingestochen habe, dies mit der Be-
gründung, der Bambusstab sei ein bisschen alt bzw. "so alt" gewesen und wäre
bei der wünschbaren Stärke von 9 gebrochen, weshalb er den Privatkläger damit
auch nicht habe schlagen können (dazu auch die nachfolgende Erw. II. 10.4.4). Er
habe eben gestochen, weil er mit Schlagen nicht so viel erreicht hätte, ohne zu
wissen, wo er ihn treffen würde (Urk. 11/2 S. 8 und 10; Urk. 11/3 S. 8; Prot. I
S. 22). Abgesehen davon, dass äusserst zweifelhaft ist, ob auf solche Weise in
lebensbedrohlicher Lage wirksame Abwehr geleistet werden kann, steht seine
- 28 -
Darstellung, die auf totaler Blindheit basiert und den Zufall impliziert, in frappan-
tem Gegensatz zur Tatsache, dass er genau das linke Auge traf, dies – wie er
selber ausführte – mit einer bewusst horizontalen Bewegung "weil der Privatklä-
ger so gross ist wie ich". Er wollte den Privatkläger treffen (nicht in den Himmel
stechen) und dabei auch etwas erreichen. Dass er beim Zustechen an nichts ge-
dacht habe bzw. auch die Beine oder den Bauch hätte treffen können, sind un-
taugliche Ausreden (Prot. I S. 21 f.) Der Umstand, dass der Beschuldigte dem
Privatkläger ins Gesicht, d.h. präzis ins linke Auge stach, kann nicht einer Zufäl-
ligkeit zugeschrieben werden, sondern ist ein weiteres gewichtiges Indiz dafür,
dass er beim Zustechen über die volle Sehkraft verfügte und diese Attacke vor
dem Pfeffersprayeinsatz stattfand.
10.4.4 Fragwürdig ist weiter, wie der angeblich gänzlich seiner Sehfähigkeit be-
raubte und darüber hinaus bei Dunkelheit und in Todesangst agierende Beschul-
digte in der Lage gewesen sein soll, Alter und Beschaffenheit des Bambusstabes
zu bestimmen und entsprechend überlegt und dosiert vorzugehen, abgesehen
davon, dass er vor Vorinstanz selber einräumte, wegen der Blindheit beim Auffin-
den des Bambusstockes diesen selbstverständlich nicht gesehen, sondern des-
sen Zustand erst später festgestellt zu haben (Prot. I S. 21). Folglich kann er bei
der Tathandlung auch nicht in der Lage gewesen sein, den Bambusspeer ent-
sprechend dessen Beschaffenheit nur schonend einzusetzen, zumal die behaup-
tete altersbedingte Brüchigkeit mitnichten belegt, sondern entkräftet ist (vgl. Erw.
II. 10.4.5 hiernach). Mit seiner auffallend oft hervorgehobenen Charakterisierung
des Bambusspeers als alt und brüchig bezweckt der Beschuldigte unübersehbar
eine Verharmlosung der Tat.
10.4.5 Die ärztlichen Berichte des Unispitals Zürich, Augenklinik, vom 15. Okto-
ber 2015 zu den Verletzungen des Privatklägers (vgl. Urk. 10/7 S. 2 und
Urk. 10/8) widerlegen ein relativ sanftes Vorgehen mit einem brüchigen Gegen-
stand. Die Verletzungen müssen durch äussere Gewalteinwirkung entstanden
und mit einem schmalen, jedoch länglichen und stabilen Gegenstand zugefügt
worden sein. Für Gewalteinwirkung und damit erhebliche Intensität des  spricht, dass es sich um eine tiefe [Hervorhebung nicht im Original] penet-
- 29 -
rierende Orbitaverletzung des linken Auges handelt bei tiefer [Hervorhebung nicht
im Original] Lidwunde, mit Fraktur der medialen Orbitawand und resultierenden
kleinen intraorbitalen knöchernen Fragmenten. Als Orbita bezeichnet man die
knöcherne Augenhöhle, eine beim Menschen ca. 4-5 cm tiefe Grube am Schädel,
in der das Auge und seine Anhangsorgane liegen
(https://de.wikipedia.org/wiki/Orbita [06.04.2017]). Hinzu kommt eine partielle
Ruptur des Musculus rectus medialis, des inneren geraden Augenmuskels
(https://de.wikipedia.org/wiki/Augenmuskeln#Musculus_rectus_medialis
[06.04.2017]) und eine Verletzung des etwa 4 mm dicken, teilweise in der Augen-
bzw. Schädelhöhle verlaufenden Sehnervs (https://de.wikipedia.org/wiki/Sehnerv
[06.04.2017]), wobei insbesondere letztere die Erblindung des linken Auges zur
Folge hatte. Der verwendete Gegenstand war gemäss den Experten einerseits
schmal genug – der Beschuldigte erwähnte einen Durchmesser von 2, höchstens
3 cm (vgl. Urk. 11/2 S. 10 und Urk. 11/3 S. 7) –, um zwischen dem Auge und der
nasenseitigen Augenhöhlenwand die Oberlidhaut zu penetrieren, zudem stabil
genug, um keine Fremdkörper in der Augenhöhle zu hinterlassen. Als Beispiel
wird unter anderem ein hölzerner Gegenstand genannt (Urk. 10/7 S. 2).
Mit diesen Befunden kontrastiert die unglaubhafte und offensichtlich hinterher zu-
rechtgelegte Darstellung des Beschuldigten, ein Junge aus seiner Gruppe habe
im Nachhinein die Spitze des Bambusstabes angefasst, worauf sie zerbrochen sei
(Urk 11/2 S. 11 und 25; Urk. 11/3 S. 8 f.). Der offenkundig damit angesprochene
Zeuge E._ (F._), ein Peruaner mit dem Geburtsjahr 1965 und somit im
Tatzeitpunkt 50-jährig, hat allerdings nichts solches geschildert, obwohl ihm wie-
derholt die Gelegenheit zu Ergänzungen offeriert worden war. Nach dessen
schlüssiger Aussage hat der Beschuldigte den Bambusstab lediglich auf die Sitz-
bank gelegt, auf welcher er bereits selber sass und sich die Augen rieb. Der Zeu-
ge entfernte sich wieder und begab sich zurück zur Gruppe.
10.4.6 Ferner verblüfft, dass der Beschuldigte trotz gänzlicher Blindheit den
Fundort des Bambusstabes präzis beschreiben konnte: "Gleich beim ersten Ge-
bäude am See auf der rechten Seite gibt es einen Eingang. Gleich zwei Meter da-
von entfernt habe ich diesen Bambusspeer im Gebüsch gefunden" und auf dem
- 30 -
vorgehaltenen Google-Maps Ausschnitt mit einem Punkt auch einzeichnete
(Urk. 11/2 S. 9 f.; Urk. 11/2 Anhang). Die Örtlichkeit entspricht dem Grundstück
mit dem durch einen untiefen Wasserkanal umsäumten Gebäude der G._
AG, D._-Strasse .... Auch diese genaue Bezeichnung des Fundortes weist
darauf hin, dass der Beschuldigte den Bambusstab bereits initial behändigte, als
er dem Privatkläger in die D._-Strasse hinein folgte, zumal sein Weg an die-
sem Grundstück vorbeiführte.
10.4.7 Zur Glaubhaftigkeit der Darstellung des Beschuldigten bleibt anzufügen,
dass seine Schilderungen nicht nur gespickt sind von etlichen Ungereimtheiten,
Widersprüchen, Ausflüchten und Annahmen, sondern auch offensichtliche Über-
treibungen enthalten, so etwa, dass 99,9 % der Aussagen des Privatklägers
falsch seien (Urk. 11/3 S. 4), dass – auf die Frage nach allfälligen Auseinander-
setzungen mit dem Privatkläger in der Vergangenheit – dieser ihn immer provo-
ziert habe, unzählige Male, die ganze Zeit, aber er nie darauf eingegangen sei,
dieses Mal sei das erste Mal gewesen (Urk. 11/2 S. 15) sowie betreffend dessen
in Anwesenheit Dritter ausgesprochener Aufforderung zum Zweikampf bzw. der
geäusserten Morddrohungen, wovon der Zeuge E._ freilich nichts mitbekam.
Das Aussageverhalten ist daher auch von Lügensignalen geprägt. Das gilt eben-
so hinsichtlich der vehementen Verneinung des Beschuldigten, den Privatkläger
am fraglichen Sonntag einmal beschimpft zu haben (Urk. 11/2 S. 20), ist doch ei-
ne verbale Auseinandersetzung mit gegenseitigen Beschimpfungen und Beleidi-
gungen anlässlich des Vorfalles mit dem 4-jährigen Jungen und dem Bier (Ankla-
geziffer 1.1, Urk. 31. S. 2 f.) aufgrund diverser Zeugenaussagen als erwiesen an-
zusehen (Urk. 71 S. 20-22). Diesen Sachverhalt anerkannte der Beschuldigte
immerhin in der Schlusseinvernahme als richtig (Urk. 11/3 S. 10). Der Beschuldig-
te sparte im Zuge seiner Einvernahmen auch nicht mit allerlei generellen oder
wohl überspannten Gegenanschuldigungen, die keinen Zusammenhang zur vor-
liegenden Sache aufweisen (u.a. Urk. 11/2 S. 7 und 9; Prot. I S. 14 f.; Prot. II
S. 13).
10.4.8 Bei gesamthafter Würdigung verbleiben keine vernünftigen Zweifel, dass
sich der Privatkläger mit seinem legal erworbenen Pfefferspray zur Wehr setzte,
- 31 -
nachdem er infolge des zweiten Angriffs durch das Zustechen mit dem Bam-
busspeer am linken Auge verletzt worden war und wohl befürchtete, dass der Be-
schuldigte nicht von ihm ablasse und ihm womöglich weitere Verletzungen zufü-
ge. Zweifellos setzte der Privatkläger den Pfefferspray somit zur Abwehr einer be-
fürchteten oder eingeleiteten neuerlichen Attacke ein, was sich denn auch be-
wahrheitete durch zwei bis drei weitere, folgenlos gebliebene, Stichbewegungen
des Beschuldigten gegen den Kopf des Privatklägers. Jedenfalls gelang es dem
Privatkläger gemäss seinen plausiblen Schilderungen, diese weiteren Stichbewe-
gungen mit seinem Rucksack abzufangen und dann durch einen Sprühstoss in
Richtung des Beschuldigten mit dem Pfefferspray, den er aus der Aussentasche
des Rucksacks hervorgenommen hatte, gänzlich zu unterbinden. Demzufolge
sprach er nur von einem Angriffsversuch (Urk. 12/3 S. 4). Ob diese zusätzlichen
Stichbewegungen vor, während oder unmittelbar nach dem Sprühstoss erfolgten
– von letzterem scheint die Anklage auszugehen (vgl. Urk. 31 S. 3 f.) – ist sowohl
für die Sachverhaltserstellung und die rechtliche Würdigung als auch für die wei-
teren Folgen in diesem Verfahren ohne Belang, zumal daraus für den Privatkläger
keine weiteren Nachteile resultierten.
Dass der Privatkläger zur Verteidigung gegen befürchtetes oder schon begonne-
nes weiteres Zustechen zu einem wirkungsvolleren Mittel als bloss dem Rucksack
als Schutzschild griff, indem er konkret den für Notsituationen wie die vorliegende
mitgeführten Pfefferspray behändigte und auslöste, erscheint bei der gegebenen
Situation jedenfalls verständlich. Hätte sich der Beschuldigte nach dem Zustechen
und der dadurch verursachten Augenverletzung vom Privatkläger abgewendet
und davon gemacht, hätte für den Privatkläger keinerlei Anlass bestanden, den
Pfefferspray hervorzunehmen. Fadenscheinig ist daher auch das Argument des
Beschuldigten, der Privatkläger habe ihn vor dem Sprühstoss verbal am Wegge-
hen hindern wollen, weshalb er nochmals in dessen Richtung gegangen und da-
raufhin eingesprüht worden sei.
Umgekehrt handelte der Beschuldigte zu keinem Zeitpunkt in einer Notwehrsitua-
tion. Vielmehr ging die Aggression beim zu beurteilenden Anklagesachverhalt
einzig vom Beschuldigten aus (auch hinten Erw. II. 10.7).
- 32 -
10.5 In Anbetracht aller aufgelisteten Erkenntnisse tritt das durchaus kritisch zu
beleuchtende Verhalten des Privatklägers, der sich als Tatopfer nicht selber an
die Polizei wandte (vgl. auch vorne Erw. II. 3.2), gegenüber den ihn behandelnden
Ärzten zunächst einen Feuerwerkskörper als Verletzungsursache bezeichnete
und erst in der dritten Einvernahme einen dritten Angriff(sversuch) des Beschul-
digten und seinen Pfeffersprayeinsatz erwähnte, völlig in den Hintergrund. Jeden-
falls wird das gewonnene Beweisergebnis dadurch nicht wesentlich tangiert.
Im Übrigen finden sich für dieses Gebaren mehrere plausible Erklärungen:
10.5.1 Der aus Chile stammende, alleinlebende und psychisch eher labile Privat-
kläger (vgl. vorne Erw. II. 5.) erlitt durch den Vorfall eine schwere Körperverlet-
zung (vgl. hinten Erw. III.), um welche in den Tagen und auch Wochen danach all
seine Gedanken und Sorgen kreisten und ihn in Zukunftsängste stürzten, weshalb
er nach der zweimaligen Hospitalisierung infolge der Augenverletzung auch noch
stationär psychiatrisch behandelt werden musste. Es ist nachvollziehbar, dass für
den aus dem Nichts in gravierender Weise gesundheitlich beeinträchtigten und
kurz darauf hospitalisierten Privatkläger eine Strafanzeige in den Tagen nach dem
Geschehen nicht prioritär gewesen sein dürfte, zumal er auch angesichts seines
Migrationshintergrundes und der konkreten Lebenssituation mit dem Schweizeri-
schen Rechtssystem kaum vertraut scheint. Zudem kann nicht ausgeschlossen
werden, dass sich in dieser Phase das von ihm offen deklarierte psychische Lei-
den manifestierte, mithin Verdrängungsmechanismen mitspielten, indem er die
Realität erst verzögert wahrzunehmen vermochte und darüber hinaus längere Zeit
das Geschehene nicht richtig begreifen konnte. So hat der Privatkläger in sämtli-
chen Einvernahmen erwähnt, ab dem Moment der Stichverletzung sei alles sehr
konfus gewesen; er habe Erinnerungsprobleme aufgewiesen, die Erinnerungen
seien sehr vage gewesen. Vor allem aber ist einfühlbar, dass die Diagnose, das
Augenlicht links definitiv verloren zu haben, den Privatkläger stark getroffen ha-
ben muss. Das löste offensichtlich eine Überforderung aus, weshalb der Privat-
kläger kaum, da er ca. Mitte August 2015 aus dem Universitätsspital nach Hause
entlassen worden war, ein zweites Mal, nun im ...spital ..., hospitalisiert werden
musste. Daran schloss sich der ebenfalls medizinisch indizierte Aufenthalt in der
- 33 -
Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) an, weil sich beim Privatkläger Anzei-
chen einer Depression zeigten (auch vorne Erw. II. 5.3 und dortige Hinweise). Im
Ergebnis befand sich der Privatkläger mehrere Wochen in stationärer Betreuung.
Unter diesen Umständen kann ihm nicht nachteilig ausgelegt werden, dass ihn of-
fenbar erst ein Informationsschreiben der Anklagebehörde von ca. Anfang Okto-
ber 2015 betreffend die Verhaftung des Beschuldigten aufrüttelte und zum Nach-
denken über das Tatgeschehen bewegte.
Da wie eingangs erwähnt elf Tage nach der Tat die Strafanzeige von Spitalseite,
d.h. der Augenklinik des Unispitals, erfolgte, bestand insoweit auch kein Hand-
lungsbedarf mehr.
10.5.2 Sein anfänglicher Hinweis auf einen Feuerwerkskörper kann über das Ge-
sagte hinaus darauf zurückzuführen sein, dass der Privatkläger praktisch unmit-
telbar vor dem unheilvollen Ereignis einen Zwist mit dem Beschuldigten hatte,
wobei er den Beschuldigten zurechtgewiesen hatte und was ohne Dazwischentre-
ten Dritter wohl in eine tätliche Auseinandersetzung der beiden gemündet hätte
(vgl. Anklageziffer 1.1, Urk. 31 S. 2 f.). Hier mögen anders ausgedrückt Schamge-
fühle oder zumindest das Bewusstsein eines allfälligen eigenen Fehlverhaltens
den Privatkläger zusätzlich davon abgehalten haben, auf Anhieb die wirkliche Ur-
sache seiner Verletzung zu offenbaren. Dass sich der Privatkläger hier allenfalls
zur Wahrheit durchringen musste, beeinträchtigt die Glaubhaftigkeit seiner Aus-
sagen zum Tatgeschehen jedoch nicht.
10.5.3 Für das erst späte Berichten seines Pfeffersprayeinsatzes und eines drit-
ten Angriffes durch den Beschuldigten kann auf die vorstehenden Erwägungen
II. 10.5.1 und 10.5.2 verwiesen werden. Ferner ist zu beachten, dass es in den
ersten beiden Einvernahmen (Urk. 12/1 und 12/2) noch schwergewichtig um die
Eruierung der Täterschaft ging. Zudem standen für den Privatkläger zweifellos die
Geschehnisse im Vorfeld der erlittenen Verletzung und vor allem die eigentliche
Tathandlung im Zentrum, während die dritte Attacke wie gesehen keine Verwun-
dung mehr zeitigte. Zu bemerken bleibt, dass der Privatkläger wie gezeigt ohne
äusseren Anstoss gleich zu Beginn der dritten Einvernahme die Pfeffersprayab-
wehr und den weiteren Angriff(sversuch) des Beschuldigten vorbrachte (Urk. 12/3
- 34 -
S. 4). Diese staatsanwaltschaftliche Einvernahme von Januar 2016 war in der
Folge denn auch die ausführlichste.
10.6 In Bezug auf den subjektiven Sachverhalt hat die Vorinstanz dem Beschul-
digten zutreffend das Wissen um die Gefahr einer schweren Verletzung ange-
rechnet (Urk. 71 S. 36).
Einerseits gilt als allgemein bekannt, dass Stiche mit einem spitzen Gegenstand
in den Gesichtsbereich eines Menschen geeignet sind, schwerwiegende Augen-
verletzungen in der Art der eingetretenen hervorzurufen. Auch aufgrund der Aus-
sagen des Beschuldigten, dass durch das Auftreffen einer Stockspitze am Auge
schwere blutende Verletzungen und sogar der Verlust eines Auges verursacht
werden könnten, ist zu schliessen, dass der Beschuldigte um die Gefahr des Ver-
ursachens solch irreversibler Schäden wusste (Urk. 11/2 S. 9 ff.).
10.7 Völlig zu Recht hat die Vorinstanz selbst auf Basis des für den Beschuldig-
ten günstigeren Sachverhalts eine Notwehrsituation klarerweise verneint (Urk. 71
S. 37). Weder hat der Beschuldigte die behaupteten Morddrohungen ernst ge-
nommen noch stand ein Angriff des Privatklägers bevor oder gab dieser Anlass
zu einer solchen Annahme. Eine Notwehrsituation lag zu keinem Zeitpunkt vor,
und der Beschuldigte hatte keinerlei Grund zur Selbstverteidigung oder instinkti-
vem Handeln. Nachdem durchgängig er als Aggressor fungierte, hat – so oder
anders – der Privatkläger sich mit dem Pfefferspray gegen den Beschuldigten
gewehrt und nicht umgekehrt. Gegen eine "Instinkt-" bzw. Panikreaktion spricht
ein weiteres Mal auch das gezielte und überlegte Vorgehen des Beschuldigten.
10.8 Was das Handlungsmotiv und -ziel angeht, kann schon den eigenen Schil-
derungen des Beschuldigten zum Tatvorgehen entnommen werden, dass er den
Privatkläger treffen wollte, weshalb er sich entsprechend überlegte, dass er zu-
stechen müsse, um etwas zu erreichen, und er wollte den Privatkläger verletzen,
wenn auch – so seine Einschränkung – nicht derart schwer. Wie bereits die Vor-
instanz richtig konstatierte, führte der Beschuldigte zu diesem Zweck den Stich
gezielt horizontal mit beiden Händen aus (Urk. 71 S. 36 f.). Aufgrund des erstell-
ten Sachverhalts steht darüber hinaus und abweichend zum angefochtenen Urteil
- 35 -
fest, dass der Beschuldigte den Speerstich vor dem Pfeffersprayeinsatz und da-
her bei intakter Sehschärfe und nicht eingetrübtem Augenlicht sowie mit Gewalt
(vorne Erw. II. 10.4.5) vornahm. Das deckt sich mit der durchgängig offenbarten
Aggression des Beschuldigten sowie seiner Bemerkung, dass er auf einer Skala
von 1 bis 10 mit der Stärke 9 und nicht bloss mit 4 zugestochen hätte, wenn der
Zustand des Bambusstabes das erlaubt hätte (Urk. 11/2 S. 10). Diese Relativie-
rung wurde indes als Beschönigung entlarvt. Daher ist erwiesen, dass der Stich
jedenfalls mit ganz erheblicher Intensität erfolgte, ohne dass die exakte Stärke
eruiert bzw. festgelegt zu werden braucht. Damit in klarem Widerspruch steht die
Beteuerung des Beschuldigten, er habe dem Privatkläger auf keinen Fall ins Auge
stechen wollen (Urk. 11/3 S. 7 f.). Wer wie der Beschuldigte derart vorgeht, zeigt
mit aller Deutlichkeit seinen Willen, das fraglos anvisierte Auge des Opfers nicht
nur zu treffen, sondern es auch zu zerstören, unbrauchbar zu machen, was vor-
liegend auch geschah. Der Beschuldigte hat diese Folge bewusst und gewollt
herbeigeführt. Es ist dem Hauptstandpunkt der Staatsanwaltschaft (Urk. 54 S. 8
und Prot. I S. 27) folgend und abweichend von der Vorinstanz von direktvorsätzli-
chem Tathandeln auszugehen. Eine allfällige gewisse Verwunderung über den
bewirkten Handlungserfolg im Nachhinein kann den Tatvorsatz nicht beseitigen.
10.9 Der Anklagesachverhalt von Ziffer 1.2 ist demnach wie aufgezeigt erstellt.
11. Rechtliche Würdigung
Übereinstimmend mit der Staatsanwaltschaft hat die Vorinstanz den Sachverhalt
zutreffend als schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB (Un-
brauchbarmachung eines wichtigen Organs) qualifiziert (Urk. 71 S. 38). Wie dar-
gelegt, ist direkter Vorsatz zu bejahen und eine Notwehrsituation des Beschuldig-
ten zu verwerfen. Liegt keine Notwehrsituation vor, ist grundsätzlich auch ein
Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 StGB zu verneinen (so die Verteidigung in
Urk. 85 S. 11 f.). Da Rechtsfertigungs- oder Schuldausschlussgründe fehlen, ist
der Beschuldigte in Bestätigung des angefochtenen Urteils der schweren Körper-
verletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen.
- 36 -
III. Sanktion
1. Allgemeine Strafzumessungskriterien und Strafrahmen
Die allgemeinen Regeln und Kriterien der Strafzumessung einschliesslich der Un-
terscheidung zwischen Tat- und Täterkomponenten wurden von der Vorinstanz
unter Hinweis auf die Lehre und Rechtsprechung korrekt und umfassend wieder-
gegeben (Urk. 71 S. 39-42). Die zu beurteilende schwere Körperverletzung ist mit
Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen
zu bestrafen (Art. 122 Abs. 4 StGB). Es besteht kein Grund, den ordentlichen
Strafrahmen zu erweitern (BGE 136 IV 55 E. 5.8).
2. Tatkomponente
2.1 Objektive Tatschwere
2.1.1 Ohne weiteres kann zur objektiven Tatschwere zunächst den vorinstanzli-
chen Überlegungen gefolgt werden (vgl. Urk. 71 S. 42 f.), wonach der Beschuldig-
te erheblich und in rücksichtsloser Weise in die körperliche Unversehrtheit des
Privatklägers eingriff und diesem sinnlos mehrere gravierende Verletzungen am
Augenmuskel, an der Augenhöhlenwand und am linken Sehnerv zufügte, welche
letztlich im vollständigen und dauernden Verlust des Augenlichtes linksseitig und
einem längeren Spitalaufenthalt resultierten.
Aufgrund dieser klaren und irreversiblen körperlichen Folgen gesellten sich ver-
ständlicherweise erhebliche psychische Probleme hinzu (vgl. vorne Erw. II. 10.5;
Urk. 55 S. 3 f.). Da beim getroffenen Auge auch der Tränensack verletzt wurde,
tränt es häufig und errötet schnell, was sich auch in den Einvernahmen zeigte,
weshalb der Privatkläger zum Schutz eine getönte Brille trägt und monatlich zur
Augenkontrolle geht (u.a. Urk. 12/3 S. 6; Urk. 55 S. 2). Seinen angestammten Be-
ruf als Elektriker, auf welchem er früher zu 100% gearbeitet hatte, kann er kaum
mehr ausüben, da die Tätigkeit räumliches Sehen bedingt. Namentlich darf er
keine Maschinen mehr bedienen und keine heiklen Arbeiten verrichten. Vor dem
Vorfall übte er allerdings nicht mehr seinen Beruf aus, sondern ging einer 50% -
Tätigkeit im Sozialprogramm der ... nach (Urk. 12/3 S. 17 f.).
- 37 -
2.1.2 Auch bezüglich des Tatvorgehens sind vorab die vorinstanzlichen Erwä-
gungen zu übernehmen: Der Beschuldigte hat einige kriminelle Energie offenbart,
indem er dem Privatkläger grundlos gefolgt ist, ihn zuerst schlug und dann in ei-
ner zweiten Attacke gezielt, beidhändig und kraftvoll den Stich mit dem Bambus-
stab von vorne ins linke Auge ausführte. Seine Vorgehensweise zeugt von einer
besonderen Grausamkeit, Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit, indem er das Op-
fer einerseits überraschend und von hinten sowie bei Dunkelheit anging und weil
er sich Gedanken machte zur Effizienz seines Tuns, es ihm darum ging, dadurch
auch etwas zu erreichen (Urk. 71 S. 43). Darin widerspiegelt sich eine Hartnä-
ckigkeit im Handeln und eine Steigerung der Aggressivität sowie der Gefährlich-
keit betreffend des Verletzungsrisikos und dessen Schwere. Eine relativierende
Berücksichtigung wie im angefochtenen Urteil, weil der Beschuldigte den Bam-
busstab zufällig vor Ort gefunden habe, entfällt angesichts der im Berufungsver-
fahren abweichenden Sachverhaltserstellung. Das objektive Tatverschulden ist
ohne weiteres als mittelschwer bis sehr erheblich zu bezeichnen. Bei dieser Be-
wertung resultiert eine hypothetische Einsatzstrafe in der oberen Hälfte des mittle-
ren Drittels des anwendbaren Strafrahmens, mindestens bei sechs Jahren Frei-
heitsstrafe.
2.2 Subjektive Tatschwere
In einem nächsten Schritt ist eine Bewertung des subjektiven Verschuldens vor-
zunehmen. Es stellt sich somit die Frage, wie dem Täter die objektive Tatschwere
tatsächlich anzurechnen ist. Dazu gehören etwa die Frage der Schuldfähigkeit
gemäss Art. 19 StGB – wer in seiner Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit be-
einträchtigt ist, den trifft letztlich ein geringerer subjektiver Tatvorwurf; sein Ver-
schulden ist minder, was zu einer tieferen Strafe führen muss – sowie die Willens-
richtung und das Motiv. Ferner sind allfällige weitere subjektive Verschuldens-
komponenten (zum Beispiel Art. 48 StGB) zu berücksichtigen.
2.2.1 Wie im angefochtenen Urteil zutreffend erwogen, hat der Beschuldigte bei
voll erhaltener Schuldfähigkeit gehandelt (Urk. 71 S. 43 f.), so dass unter diesem
Titel keine Strafreduktion in Frage kommt. Auch wenn mit der Vorinstanz anzu-
nehmen ist, dass sowohl der Privatkläger als auch der Beschuldigte im Tatzeit-
- 38 -
punkt einen gewissen Alkoholpegel aufgewiesen haben, ist dennoch gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung erst bei einer Blutalkoholkonzentration ab
ca. 2 Promille eine Vermutung für eine verminderte Schuldfähigkeit gegeben. In
casu bestehen keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Beschuldigte im Tatzeit-
punkt auch nur einen annähernd hohen Promillewert aufgewiesen hat. Im Übrigen
macht dies nicht einmal er selber geltend.
2.2.2 Was die Willensrichtung betrifft, verübte der Beschuldigte die Tat wie darge-
legt mit direktem Vorsatz. Diesbezüglich fällt einzig zu Gunsten des Beschuldigten
in Betracht, dass er die Tat nicht lange im Voraus plante, sondern dass sich sein
Verhalten wohl mehr aus der Situation am späten Nachmittag und Abend heraus
entwickelte. Das rechtfertigt aber nur eine ganz minime Strafminderung.
2.2.3 Das Motiv des Beschuldigten erscheint mit der Vorinstanz als nicht vollends
klar. Im Vordergrund dürften Racheüberlegungen oder Kränkungsgefühle stehen,
nachdem der Privatkläger den Beschuldigten am späten Nachmittag zur Rede
gestellt hatte, weil er – unbestrittenermassen (Prot. I S. 13) – einem vierjährigen
Knaben eine Bierdose unter die Achsel gedrückt und diesem eine Rassel wegge-
nommen hatte, was zu einem verbalen Disput zwischen dem Privatkläger und
dem Beschuldigten führte. Ob es sich dabei um ein Missverständnis gehandelt
haben mag (vgl. Prot. I S. 14), kann offen bleiben. Gewiss aber lag wie gezeigt
keine Provokation oder Bedrohung durch den Privatkläger vor, auch nicht im Zuge
des Tatgeschehens auf der D._-Strasse. Strafreduktionsgründe nach Art. 48
StGB wie achtenswerte Beweggründe, schwere Bedrängnis oder schwere Dro-
hung fallen ausser Betracht. Die Aggression ging klarerweise von ihm aus und
entsprechend beharrlich suchte er die Konfrontation mit dem Privatkläger. Die Tat
fusst jedenfalls auf einem nichtigen Anlass. Das Motiv kann den Beschuldigten
daher in keiner Weise entlasten.
2.2.4 Dem Beschuldigten stand stets die volle Entscheidungsfreiheit zur Verfü-
gung. Zunächst hätte er die Besorgnis des Privatklägers betreffend die Gabe von
Bier an den kleinen Jungen ernst nehmen und sich überhaupt ruhig verhalten
können, so dass es gar nicht zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen
wäre. Sodann hätte er davon absehen können, dem nach Hause gehenden Pri-
- 39 -
vatkläger nachzufolgen und diesen unvermittelt zu attackieren. Auch im Tatge-
schehen anerbot sich ihm mehrere Male die Gelegenheit, die Ereigniskette abzu-
brechen und sich wieder definitiv zurückzuziehen, statt seine Offensive gegen den
Privatkläger mit weiteren Handlungen fortzusetzen.
2.3 Fazit Tatkomponente
Die subjektive Tatschwere vermag die objektive Tatschwere nur marginal zu rela-
tivieren. Es bleibt insgesamt bei einem mittelschweren bis sehr erheblichen Tat-
verschulden. Die Einsatzstrafe liegt bei 5 3⁄4 Jahren.
3. Täterkomponente
3.1 Vorleben und persönliche Verhältnisse
Die Biografie des heute 62-jährigen Beschuldigten, die sich weitestgehend auf
seine Angaben abstützt (Urk. 11/1; Urk. 11/2 S. 2-6; Urk. 11/3 S. 16; Prot. I
S. 8-2), ist im angefochtenen Urteil detailliert aufgeführt. Es kann vollumfänglich
auf die entsprechenden Erwägungen verwiesen werden (Urk. 71 S. 44 f.; Art. 82
Abs. 4 StPO), zumal der Beschuldigte diese anlässlich der Berufungsverhandlung
bestätigte (Prot. II S. 7 ff.). Anzufügen ist, dass der Beschuldigte keine Kinder hat
und alleine lebt.
Aus dieser Biografie ergeben sich keine Aspekte, die für die Strafzumessung re-
levant wären.
3.2 Vorstrafen
Gemäss dem aktuellen Strafregisterauszug weist der Beschuldigte keine Vorstra-
fen auf (Urk. 51). Die Vorstrafenlosigkeit wirkt sich gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung neutral aus (BGE 136 IV E. 2.6.4.).
3.3 Nachtatverhalten
3.3.1 Zum Nachtatverhalten zählen namentlich Geständnis, Einsicht und Reue,
ferner das Verhalten im Strafverfahren. Bei einem umfassenden Geständnis von
- 40 -
allem Anfang an, einschliesslich echter Einsicht in das Unrecht der Tat(en) und
aufrichtiger Reue betreffend die bewirkte Schädigung oder Verletzung kann sich
eine Strafreduktion von bis zu einem Drittel rechtfertigen (BGE 121 IV 202
E. 2d/cc). Der Grad der Strafminderung hängt aber insbesondere davon ab, in
welchem Stadium des Verfahrens das Geständnis erfolgte. Ein Verzicht auf
Strafminderung ist zulässig, wenn das Geständnis die Strafverfolgung nicht er-
leichtert hat, namentlich weil der Täter nur aufgrund einer erdrückenden Beweis-
lage oder gar erst nach Ausfällung des erstinstanzlichen Urteils geständig gewor-
den ist (Urteil des Bundesgerichts vom 21. November 2011 6B_558/2011 E. 2.3).
Die bundesgerichtliche Praxis zeigt, dass nur ein ausgesprochen positives Nach-
tatverhalten zu einer maximalen Strafreduktion von einem Drittel führen kann. Zu
einem solchen gehört ein umfassendes Geständnis von allem Anfang an und aus
eigenem Antrieb, also nicht erst auf konkrete Vorwürfe hin oder nach Vorlage ent-
sprechender Beweise. Ferner gehört kooperatives Verhalten in der Untersuchung
dazu, wozu zählt, dass beispielsweise aufgrund des Verhaltens eines Beschuldig-
ten weitere Delikte aufgeklärt oder Mittäter zur Rechenschaft gezogen werden
können, was ohne sein kooperatives Mitwirken nicht möglich gewesen wäre.
Schliesslich gehört Einsicht ins Unrecht der Tat und Reue dazu. Nur wenn all die-
se Faktoren erfüllt sind, kann eine Strafreduktion von einem Drittel erfolgen. Feh-
len einzelne Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger stark zu mindern
(BSK StGB I - Wiprächtiger/Keller, 3. Aufl. Basel 2013, N 169 ff. zu Art. 47 StGB;
Trechsel/Affolter-Eijsten, in: Trechsel/Pieth, Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskommentar, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2013, N 22 und N 24 zu
Art. 47 StGB).
3.3.2 Die Vorinstanz hat dem Beschuldigten eine Strafminderung von rund 30%
zugestanden (Urk. 71 S. 45 f.). Diesem Rabatt kann aus den folgenden Gründen
nicht zugestimmt werden:
Zum einen hat sie selber zu Recht erwogen, dass vorliegend von Einsicht und
echter Reue nicht gesprochen werden kann und dass lediglich ein Teilgeständnis
vorliegt, indem der Beschuldigte einräumte, die Augenverletzung des Privatklä-
gers verursacht zu haben. Ansonsten präsentierte er einen andern Tatablauf,
- 41 -
stellte grundsätzlich den Privatkläger als Provokateur und teilweise als Angreifer
hin, berief sich auf eine Notwehrsituation und schlüpfte entsprechend auch selber
in die Opferrolle. Seine Standpunkte haben sich aber nicht bewahrheitet. Daher
resultierte aus dem Teilgeständnis auch keine wesentliche Verfahrensvereinfa-
chung. Ein Bestreiten hätte dem Beschuldigten auch nicht viel genützt, nachdem
sich an jenem Sonntag eine grössere Zahl von (gemeinsamen) Bekannten, die
sich laut dem Beschuldigten seit vielen Jahren alle vom Sehen kennen und ge-
genseitig jedenfalls den Rufnamen wissen, auf dem "...-Platz" beim Hafen
C._ versammelt, musiziert und gefeiert hatten (vgl. Urk. 11/2 S. 12). Einige
hatten die nachmittägliche verbale Auseinandersetzung zwischen dem Privatklä-
ger und dem Beschuldigten mitbekommen (vgl. Urk. 71 S. 19 ff.) und namentlich
der Zeuge E._ hatte darüber hinaus selbst beobachtet, wie der Beschuldigte
dem Privatkläger sogleich nachgefolgt war, und er war vom Beschuldigten unmit-
telbar nach dessen Rückkehr persönlich über die noch stattgehabte, tätliche Aus-
einandersetzung orientiert worden. Das Teilgeständnis erfolgte im Übrigen auch
nicht besonders spontan, sondern der Beschuldigte stellte zunächst in Abrede,
dass es seine Absicht gewesen sei, jemanden anzugreifen und zu verletzen
(Urk. 11/2 S. 7).
Der Beschuldigte stellte sich nach dem Vorfall auch nicht etwa von sich aus, ob-
wohl er offensichtlich mit einem Verfahren rechnete: So suchte er zwei Tage nach
dem Geschehen vor Ort (vergeblich) nach dem Bambusstab, den er unbedingt
haben wollte, damit er diesen dann dem Richter zeigen könne (Urk. 11/2 S. 11).
Schliesslich kann auch seiner halbherzigen Entschuldigung vor Vorinstanz, die
allgemeingehalten ist und nicht an den Privatkläger gerichtet, begleitet vom
Kommentar, es sei ausserhalb von seinem Willen passiert und worin er um ge-
rechte Beurteilung für sich ersucht (Prot. I S. 38), keine aufrichtige Reue entnom-
men werden. Anlässlich der Berufungsverhandlung sprach der Beschuldigte fer-
ner ebenfalls nur davon, dass er "unglücklicherweise einen Bambusstock gefun-
den" habe (Prot. II S. 13 und 15).
3.3.3 Unter all diesen Umständen ist für das Nachtatverhalten lediglich eine leich-
te Strafminderung angebracht.
- 42 -
3.4 Strafempfindlichkeit
3.4.1 Zur Täterkomponente zählt auch die Strafempfindlichkeit, welche von der
Vorinstanz zwar einleitend erwähnt (Urk. 71 S. 40, "Wirkung der Strafe auf das
Leben des Täters"), in der Folge aber nicht weiter thematisiert wurde. So sind bei
der Festsetzung der Strafe deren Folgen für den Verurteilten und dessen soziales
Umfeld zu beachten. Zu berücksichtigen ist die „Wirkung der Strafe auf das Leben
des Täters“ (Art. 47 Abs. 1 a.E. StGB). Da jede Strafe Folgen für den Täter hat,
sind von vornherein nur solche zu berücksichtigen, welche den Täter überdurch-
schnittlich treffen. Gemeint ist eine erhöhte Strafempfindlichkeit, welche sehr zu-
rückhaltend und nur bei Vorliegen aussergewöhnlicher Umstände zu bejahen ist
(Urteile des Bundesgerichts 6B_1065/2010 vom 31. März 2011 E. 1.10;
6B_415/2010 vom 1. September 2010 E. 5.8; 6B_470/2009 vom 23. November
2009 E. 2.5). So kann eine erhöhte Strafempfindlichkeit etwa bei fortgeschritte-
nem Alter oder Krankheit gegeben sein. Beides trifft auf den Beschuldigten nicht
zu und es sind auch sonst keine aussergewöhnlichen Umstände dargetan oder
ersichtlich.
Gemäss konstanter höchstrichterlicher Praxis stellt die Verbüssung einer langjäh-
rigen Freiheitsstrafe für jeden sogar in ein familiäres oder soziales Umfeld einge-
betteten Verurteilten eine gewisse Härte dar (vgl. etwa Urteile des Bundesgerichts
6B_312/2016 vom 23. Juni 2016 E. 1.5.3; 6B_1032/2014 vom 8. Januar 2015
E. 1.3.1; 6B_375/2014 vom 28. August 2014 E. 2.6; 6B_605/2013 vom 13. Januar
2014 E. 2.4.3; 6B_499/2013 vom 22. Oktober 2013 E. 1.4; je mit Hinweisen; auch
BSK StGB I - Wiprächtiger/Keller, 3. Aufl. Basel 2013, Art. 47 N 150 ff.). Ebenso
unbestritten ist, dass ein Strafvollzug für die Angehörigen eine grosse Belastung
darstellt. Einschränkungen im sozialen und beruflichen Umfeld sind aber eine ge-
setzmässige und damit unvermeidliche Konsequenz jeder freiheitsentziehenden
Sanktion. Daran würde sogar der Verlust einer selbständigen Arbeitstätigkeit
nichts ändern. Jedes Strafverfahren bringt neben dem Schuldspruch und der
Sanktion zusätzliche Belastungen mit sich (Urteil des Bundesgerichts
6B_107/2011 vom 23. Mai 2011 E. 3.3.2). Wenn der Gesetzgeber für schwere
Delikte langjährige Freiheitsstrafen vorsieht, gibt er damit zu erkennen, dass es
- 43 -
Strafen immanent ist, dass sie tief ins Leben von Bestraften eingreifen können.
Diese Folge ist gewollt und kann nicht als Begründung für eine besondere Straf-
empfindlichkeit dienen (BSK StGB I – Wiprächtiger/Keller, a.a.O. Art. 47
N 150 ff.); Urteil des Bundesgerichts 6P.39/2004 vom 23. Juli 2004 E. 7.4).
3.4.2 Der Beschuldigte ist weder besonders alt noch krank. Als alleine Lebender
ohne feste Partnerin und ohne Kinder ist er nicht in ein familiäres Umfeld einge-
bettet. Die Kündigung des Arbeitsvertrages (Urk. 11/1 S. 3 f.; Urk. 26/9) ist eine
unvermeidliche Konsequenz des Freiheitsentzugs.
Somit lässt sich eine besondere Strafempfindlichkeit weder aus persönlichen
noch beruflichen Gründen ableiten, die strafmindernd zu berücksichtigen wäre.
4. Fazit Freiheitsstrafe
Ausgehend von der Einsatzstrafe für das Tatverschulden von 5 3⁄4 Jahren führt die
Täterkomponente angesichts des zu berücksichtigenden Teilgeständnisses zu
einer Reduktion der Strafe auf 5 Jahre. Die durch Haft bis und mit heute erstan-
denen 607 Tage sind gemäss Art. 51 StGB an diese Strafe anzurechnen.
IV. Zivilansprüche
1. Grundlagen
Hinsichtlich der theoretischen Grundlagen für die Geltendmachung von zivilen
Ansprüchen im Strafverfahren sowie der Voraussetzungen zur Zusprechung von
Schadenersatz und Genugtuung kann vorab auf die entsprechenden Ausführun-
gen im angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 71 S. 47-49).
2. Schadenersatz
Mit sorgfältiger und zutreffender Begründung hat die Vorinstanz den Beschuldig-
ten antragsgemäss verpflichtet, dem Privatkläger Schadenersatz in der Höhe von
Fr. 2'135.– – insbesondere aus Verdienstausfall und für Therapiekosten – zuzüg-
lich 5% Zins ab 2. März 2016 (mittlerer Verfall) zu bezahlen. Darüber hinaus hat
- 44 -
sie die grundsätzliche Schadenersatzpflicht des Beschuldigten aus dem einge-
klagten Ereignis festgestellt und vorgemerkt, dass sich der Privatkläger die Gel-
tendmachung weiterer Schadenersatzforderungen vorbehält. Dieser Entscheid ist
zu bestätigen und die diesbezüglichen Erwägungen im angefochtenen Urteil sind
ohne Ergänzung zu übernehmen (Urk. 71 S. 48 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3. Genugtuung
3.1 Die Ausrichtung einer Geldleistung als Genugtuung bezweckt einen (scha-
denersatzunabhängigen) Ausgleich für einen erlittenen physischen und/oder see-
lischen Schmerz. Diese Geldleistung soll beim Geschädigten ein materielles Ge-
gengewicht für den erlittenen immateriellen Schaden darstellen. Da eine Genug-
tuungssumme unter Würdigung der besonderen Umstände zuzusprechen ist, hat
das Gericht gemäss Art. 4 ZGB die Frage, ob eine Genugtuung auszusprechen ist
und wie hoch sie sein soll, nach Recht und Billigkeit zu entscheiden. Bei der Be-
messung der Genugtuungssumme kommt es auf die Art und Weise der Verlet-
zung, die Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Be-
troffenen sowie auf den Grad des Verschuldens am Schadenereignis an, das den
Schädiger trifft. Je schwerwiegender die Umstände sind und je intensiver die Un-
bill auf den Anspruchsteller eingewirkt hat, umso höher ist grundsätzlich die Ge-
nugtuungssumme. Dem Gericht kommt bei der Bemessung und Festsetzung der
Genugtuungsleistung ein erheblicher Ermessensspielraum zu (BSK OR I - Kess-
ler, 6. Auflage Basel 2015, Art. 47 N 20 f.). Bei der Festsetzung der Höhe der Ge-
nugtuung spielen die finanziellen Verhältnisse des Pflichtigen wie auch des Ge-
schädigten keine Rolle.
3.2 Mit Recht hat die Vorinstanz einen Genugtuungsanspruch des Privatklägers
aufgrund der Schwere der Persönlichkeitsverletzung bejaht und sodann konsta-
tiert, dass die sozialversicherungsrechtliche Integritätsentschädigung – auf welche
sich der Privatkläger bei der auch im Berufungsverfahren geltend gemachten
Summe von Fr. 60'000.– beruft (Urk. 55; Urk. 83) – ein für das Gericht unverbind-
licher Richtwert darstellt, die zuzusprechende Genugtuungssumme indessen
nach richterlichem Ermessen festzulegen ist (Urk. 71 S. 50).
- 45 -
Die Vorinstanz erachtete gestützt auf das Verschulden des Täters, die Tatfolgen
für das Opfer und die Intensität der erlittenen Unbill eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 25'000.– als angemessen. Konkret berücksichtigte sie, dass der Beschul-
digte dem Privatkläger durch die Gewalttat eine traumatisierende Verletzung zu-
gefügt hat und dass den Privatkläger keinerlei Verschulden an der Verletzung
trifft. Das Verschulden des Beschuldigten wiegt nach Ansicht der Vorinstanz be-
trächtlich. Selbst ausgehend von eventualvorsätzlichem Handeln gelangte die
Vorinstanz haftpflichtrechtlich zu einem hohen Verschuldensgrad. Weiter führte
sie an, dass die Verletzung, obwohl gravierend, keine sichtbare kosmetische Be-
einträchtigung zur Folge hatte, da von aussen betrachtet die Erblindung auf dem
linken Auge nicht sichtbar ist und der Privatkläger dieses auch nach wie vor be-
wegen kann. Ausserdem sei aktenkundig, dass der Privatkläger bereits vor dem
Ereignis an Augenproblemen sowie an psychischen Störungen gelitten habe und
die letzteren teilweise nicht durch die Gewalttat des Beschuldigten entstanden
seien (Urk. 48/2 S. 2). Schliesslich erwog die Vorinstanz, der Privatkläger sei im
Tatzeitpunkt bereits vom Sozialamt unterstützt worden und habe seit längerem
nicht mehr auf seinem Beruf als Elektriker gearbeitet, weshalb er durch die Tat
nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Leben und seinem bekannten Ar-
beitsumfeld gerissen worden sei (Urk. 71 S. 51).
3.3 Diesen Erwägungen ist mit den nachstehenden Abweichungen zuzustim-
men:
3.3.1 Wie aufgezeigt, ist im Unterschied zur vorinstanzlichen Auffassung von di-
rektem Vorsatz auszugehen, d.h. aggressivem, sehr gezieltem und niederträchti-
gem Vorgehen aus nichtigem Anlass, ohne dass etwa ein langjähriger schwelen-
der Konflikt der beiden Beteiligten sich hier entladen hätte oder der Privatkläger
sonst wie mit einer Attacke hätte rechnen müssen. Was den Grad des Verschul-
dens betrifft, kann auf die vorstehende Ziffer III. 2.3 verwiesen werden.
3.3.2 Zwar liegt keine Beeinträchtigung des äusseren Erscheinungsbildes vor,
aber infolge Verletzung auch des Tränensackes – neben dem irreversiblen Ver-
lust des Augenlichts links – leidet der Beschuldigte bis anhin immer wieder unter
einem tränenden und schnell errötenden Auge, weshalb er eine Sonnenbrille tra-
- 46 -
gen muss und was regelmässige Augenkontrollen erfordert (vorne Erw. III. 2.1).
Der fehlende "kosmetische Schaden" wird durch diese wiederkehrenden Unan-
nehmlichkeiten, die sich ebenfalls optisch bemerkbar machen und Massnahmen
erfordern, durchaus wieder aufgewogen.
3.3.3 Als unmittelbare Folge der schädigenden Handlung musste der Privatkläger
ferner eine (erfolglose) Operation über sich ergehen lassen, worauf sich ein
mehrwöchiger Aufenthalt in zwei Spitälern und der Psychiatrischen Universitäts-
klinik anschlossen. Das Tatgeschehen ist als ursächlich für diese stationären Auf-
enthalte anzusehen, auch wenn der geschiedene und alleinstehende Privatkläger
schon vorher psychische Probleme aufwies und gewisse Augenprobleme hatte,
z.B. altersentsprechend beginnender grauer Star. Zweifellos ist das angeschlage-
ne Selbstwertgefühl durch die Tat zusätzlich beeinträchtigt und sind die psychi-
schen Probleme verstärkt worden, was erstmals eine Art Depression auslöste
sowie entsprechende Medikation und eine stationäre Behandlung erforderlich
werden liess. Jedenfalls ist den Akten nirgends zu entnehmen, dass der Privat-
kläger zuvor je Psychopharmaka einnehmen oder psychiatrisch behandelt werden
musste (vgl. Urk. 48/2 S. 3). Somit ist von einer kausalen Verstärkung der vorbe-
standenen psychischen Beeinträchtigung auszugehen. Fraglos hat der Privatklä-
ger durch den Verlust des linken Auges allgemein an Lebensfreude eingebüsst.
3.3.4 Hinsichtlich der Verletzungen und der übrigen Folgen (vgl. vorne Erw. II.
10.5 und III. 2.) ist schliesslich anzufügen, dass die erlittene Schädigung am Auge
und die dadurch verursachte Sehbehinderung – seine Sicht bleibt nun auf das
rechte Auge beschränkt – dem Privatkläger nicht nur die bereits reduziert ausge-
übte berufliche Tätigkeit, sondern vor allem auch den Alltag erschwert, was sich
bei einem Einpersonenhaushalt umso negativer auswirkt.
3.4 In gesamthafter Würdigung aller massgebenden Aspekte des vorliegenden
Falles, namentlich gestützt auf die Art und Schwere der Verletzung, die Intensität
und Dauer der Folgen für den Privatkläger und das umschriebene Tatverschulden
des Beschuldigten erscheint eine Genugtuung von Fr. 45'000.– angemessen. Im
Mehrbetrag ist das Genugtuungsbegehren des Privatklägers abzuweisen. Der
- 47 -
beantragte Zins von 5% seit dem 2. August 2015 und damit seit der Tat (Urk. 55
S. 1; Urk. 83 S. 1) ist ebenfalls geschuldet (BGE 129 IV 149).
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kostenregelung (Dis-
positivziffer 11) zu bestätigen.
2. Ausgangsgemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme
derjenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Pri-
vatklägerschaft, zu neun Zehnteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu einem
Zehntel auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung
sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft sind auf die Gerichts-
kasse zu nehmen, unter Vorbehalt der Rückzahlungspflicht des Beschuldigten im
Umfang von neun Zehnteln.
3. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers ist gestützt auf dessen Hono-
rarnote vom 6. Juni 2017 (Urk. 86) auf (gerundet) Fr. 5'700.– (inkl. Barauslagen
und MwSt.) festzusetzen.
4. Die Entschädigung des Vertreters des Privatklägers ist gestützt auf dessen
Honorarnote vom 6. Juni 2017 (Urk. 84) auf (gerundet) Fr. 3'500.– (inkl. Baraus-
lagen und MwSt.) festzusetzen.