# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 17fa1ead-5254-5e15-9c04-69fe1c3709e6
**Court:** SO_OG
**Chamber:** SO_OG_006
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** SO / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Substantive Criminal

## Facts

In Sachen
Staatsanwaltschaft,
Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157,
4502
Solothurn,
Anklägerin
gegen
A._
,
amtlich verteidigt durch
Rechtsanwalt
Andreas
Spieler,
Beschuldigter und Berufungskläger
betreffend
versuchte schwere Körperverletzung, Beschimpfung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Drohung, Ungehorsam des Schuldners im Betreibungs- und Konkursverfahren, Fahren ohne gültigen Fahrausweis
Es erscheinen zur Hauptverhandlung vor Obergericht vom 24. Juni 2020 um 8:30 Uhr:
1.
Staatsanwalt C._, für die Staatsanwaltschaft als Anklägerin;
2.
Rechtsanwalt Andreas Spieler, amtlicher Verteidiger des Beschuldigten und Berufungsklägers;
Der Vorsitzende eröffnet die Verhandlung, stellt die anwesenden Personen fest und gibt die Zusammensetzung des Berufungsgerichts bekannt. Er hält fest, dass der Beschuldigte und Berufungskläger A._ und der als Auskunftsperson vorgeladene Privatkläger B._ nicht anwesend sind, und erklärt, dass die Berufungsverhandlung durchgeführt werden könne, sofern der Verteidiger in der Lage sei, für den Beschuldigten zu plädieren.
In der Folge fasst der Vorsitzende das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 6. Mai 2019 zusammen, gegen welches der Beschuldigte die Berufung anmelden liess. Er nennt die vom Beschuldigten mit Berufungserklärung vom 12. September 2019 angefochtenen Urteilspunkte sowie die von ihm beantragten Änderungen (vgl. nachfolgende Ziff. I.4.) und verliest die in Rechtskraft erwachsenen Ziffern des erstinstanzlichen Urteils (vgl. nachfolgende Ziff. I.5.). Zudem teilt er mit, dass die Staatsanwaltschaft und der Privatkläger auf eine Anschlussberufung verzichtet haben.
Auf die entsprechende Frage des Vorsitzenden gibt der amtliche Verteidiger bekannt, dass er vom Beschuldigten den Auftrag erhalten habe, dessen Interessen im vorliegenden Strafverfahren zu wahren. Er habe – wenn auch spärlich – mit seinem Klienten Kontakt gehabt. In den letzten Wochen habe er schliesslich keinen Kontakt mehr mit ihm herstellen können. Er halte fest, dass der ihm vom Beschuldigten erteilte Auftrag weiterhin Bestand habe und er in der Lage sei, für diesen heute zu plädieren.
Der Vorsitzende gibt bekannt, dass in Anbetracht dieser Erklärung des Verteidigers die Berufungsverhandlung fortgesetzt werden könne.
Staatsanwalt C._ und Rechtsanwalt Spieler werfen keine Vorfragen auf und haben auch keine Vorbemerkungen.
Rechtsanwalt Spieler händigt Staatsanwalt C._ und dem Gericht ein Exemplar seiner Honorarnote für das Berufungsverfahren aus.
Die Verhandlung wird kurz unterbrochen, um zu prüfen, ob der Beschuldigte und der Privatkläger zwischenzeitlich am Obergericht eingetroffen sind. Es wird festgestellt, dass beide unentschuldigt nicht erschienen sind.
In der Folge stellt und begründet Staatsanwalt C._ für die Anklägerin folgende
Anträge
(obergerichtliches Dossier, nachfolgend zitiert «OGer», AS 64):
« 1. Der Beschuldigte sei wegen vorsätzlich versuchter schwerer Körperverletzung zu verurteilen.
2. Er sei zu bestrafen mit einer
a. Freiheitsstrafe von 36 Monaten, unter Gewährung des bedingten Vollzuges für 27 Monate bei einer Probezeit von 2 Jahren.
b. Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 30.00, unter Gewährung des bedingten Strafvollzuges bei einer Probezeit von 2 Jahren.
c. Busse von CHF 500.00, bei Nichtbezahlung ersatzweise zu einer Freiheitsstrafe von 5 Tagen.
3. Die Kosten des Verfahrens (inkl. Verfahren der Vorinstanz) seien vom Beschuldigten zu bezahlen.
4. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Andreas Spieler, sei für das Berufungsverfahren vom Gericht festzusetzen und zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu bezahlen. Vorbehalten bleibe der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten erlauben.»
Rechtsanwalt Andreas Spieler stellt und begründet für den Beschuldigten und Berufungskläger folgende
Anträge
(OGer AS 65 f. sowie Plädoyernotizen unter OGer AS 67 ff.):
« 1. Es sei festzustellen, dass die Freisprüche in Ziff. 1 des Urteils des Amtsgerichts Solothurn-Lebern vom 6. Mai 2019, vom Vorhalt der geringfügigen Sachbeschädigung in Ziff. 1 Abs. 1 und vom Vorhalt der Drohung in Ziff. 1 Abs. 2 in Rechtskraft erwachsen sind.
2. Es sei festzustellen, dass die Schuldsprüche im Urteil des Amtsgerichts Solothurn-Lebern vom 6. Mai 2019 in Ziff. 2 Abs. 2 wegen Beschimpfung, in Ziff. 2 Abs. 3 wegen Hausfriedensbruch, in Ziff. 2 Abs. 4 wegen Ungehorsam des Schuldners in Betreibungs- und Konkursverfahren und in Ziff. 2 Abs. 5 wegen mehrfachen Fahrens ohne gültigen Fahrausweis in Rechtskraft erwachsen sind.
3. Der Beschuldigte sei freizusprechen vom Vorhalt der versuchten schweren Körperverletzung, angeblich begangen am 29. September 2016.
4. Der Beschuldigte sei schuldig zu sprechen der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung mit gefährlichem Gegenstand, begangen am 29. September 2016.
5. Der Beschuldigte sei zu verurteilen
- zu einer bedingten Geldstrafe von 190 Tagessätzen zu je CHF 10.00,
- evtl. zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 6 Monaten und einer bedingten
Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 10.00,
-
sowie zu einer Busse nach richterlichem Ermessen.
6. Es sei festzustellen, dass die Zusprechung einer Genugtuung von CHF 1'000.00 zzgl. 5 % Zins ab 29. September 2016 zu Gunsten des Privatklägers B._ in Rechtskraft erwachsen ist.
7. Der Rückforderungsanspruch des Staates für die Entschädigung der amtlichen Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren sei auf maximal 1⁄2 festzusetzen.
8. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens seien maximal zu 1⁄2 dem Beschuldigten und im Übrigen der Staatskasse aufzuerlegen.
9. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.»
Staatsanwalt C._ verzichtet auf eine Replik, womit auch ein zweiter Parteivortrag des amtlichen Verteidigers entfällt.
Die Parteivertreter verzichten auf eine mündliche Urteilseröffnung. Es wird vereinbart, dass sie von der Gerichtsschreiberin nach Abschluss der Urteilsberatung kurz telefonisch über den Ausgang des Berufungsverfahrens orientiert werden.
Der Vorsitzende erklärt um 9:45 Uhr die Verhandlung für geschlossen und das Gericht zieht sich zur geheimen Urteilsberatung zurück.
Die Strafkammer des Obergerichts zieht in
Erwägung
:
I.
Prozessgeschichte
1.
Am Donnerstag, 29. September 2016, 21:26 Uhr, meldete sich der Geschädigte B._ (nachfolgend: Privatkläger) bei der Alarmzentrale und gab an, er sei von A._ (nachfolgend: Beschuldigter) mit einem Messer an seiner linken Hand verletzt worden (vgl. Strafanzeige der Polizei Kanton Solothurn vom 2.12.2016, Akten Seiten 005 ff., nachfolgend: AS). Beim Privatkläger wurden zwei Schnittwunden von je ca. 4 cm Länge am Handrücken ulnarseitig festgestellt (vgl. Foto AS 015 und Arztbericht AS 021).
2.
Am 22. Januar 2018 überwies die Staatsanwaltschaft die Akten dem Amtsgericht von Solothurn-Lebern zur Beurteilung der Vorhalte der versuchten schweren Körperverletzung, der Sachbeschädigung, der Drohung, der Beschimpfung, des Hausfriedensbruchs, des Ungehorsams des Schuldners im Betreibungs- und Konkursverfahren und des Fahrens ohne gültigen Fahrausweis (AS 001 ff.).
3.
Das Amtsgericht von Solothurn-Lebern fällte am 6. Mai 2019 folgendes Strafurteil:
«1. A._ wird von folgenden Vorwürfen freigesprochen:
-
der geringfügigen Sachbeschädigung, angeblich begangen am 29. September 2016 (Anklageschrift Ziffer 2);
-
der Drohung, angeblich begangen am 29. September 2016 (Anklageschrift Ziffer 3).
2. A._ hat sich schuldig gemacht:
-
der versuchten schweren Körperverletzung, begangen am 29. September 2016;
-
der Beschimpfung, begangen am 29. September 2016;
-
des Hausfriedensbruchs, begangen am 29. September 2016;
-
des Ungehorsams des Schuldners im Betreibungs- und Konkursverfahren, begangen in der Zeit vom 29. Mai 2017 (Ablauf Frist) bis am 13. Juli 2017, 14:35 Uhr (Vorführung Polizei);
-
des mehrfachen Fahrens ohne gültigen Fahrausweis, begangen am:
·
21. September 2016, um 13:00 Uhr;
·
4. Januar 2017, um 17:55 Uhr;
·
6. Januar 2017, um 19:53 Uhr.
3. A._ wird verurteilt zu:
-
einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten (3 Jahren), unter Gewährung des bedingten Vollzugs für 27 Monate (2.25 Jahre) bei einer Probezeit von 2 Jahren;
-
einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 30.00, unter Gewährung des bedingten Vollzugs bei einer Probezeit von 2 Jahren;
-
zu einer Busse von CHF 500.00, bei Nichtbezahlung ersatzweise zu einer Freiheitsstrafe von 5 Tagen.
4. Folgende bei A._ beschlagnahmten Gegenstände (alle Aufbewahrungsort Verfahrensakten) sind dem Beschuldigten auf entsprechendes Verlangen hin zurückzugeben:
-
2 Küchenmesser (Klingenlänge 13 cm / 15 cm).
Ohne ein solches Begehren werden die Gegenstände drei Monate nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils vernichtet.
5. A._ wird verurteilt, dem Privatkläger B._, vertreten durch Rechtsanwältin Martina Heilinger, CHF 1'000.00 als Genugtuung zu bezahlen, zuzüglich 5 % Zins ab dem 29. September 2016. Das weitergehende Begehren ist abgewiesen.
6. Die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin des Privatklägers B._, Rechtsanwältin Martina Heilinger, wird auf CHF 4'281.45 (gekürztes Honorar inkl. 5 Stunden Hauptverhandlung CHF 3'630.00, Auslagen CHF 340.20, 8 % Mehrwertsteuer auf CHF 1'850.70 entsprechend CHF 148.05, 7.7 % Mehrwertsteuer auf CHF 2'119.50 entsprechend CHF 163.20) festgesetzt und ist zufolge ungünstiger wirtschaftlicher Verhältnisse des Beschuldigten vom Staat zu bezahlen. Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren sowie der Nachzahlungsanspruch des unentgeltlichen Rechtsbeistands im Umfang von CHF 1'008.30 (Differenz zum vollen Honorar à CHF 230.00 pro Stunde), sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten erlauben.
7. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers von A._, Rechtsanwalt Andreas Spieler, wird auf CHF 7'168.55 (Honorar 35.5 Stunden à CHF 180.00, ausmachend CHF 6'390.00, Auslagen CHF 259.30, 8 % Mehrwertsteuer auf CHF 2'409.70 entsprechend 192.80, 7.7 % Mehrwertsteuer auf CHF 4'239.60 entsprechend CHF 326.45) festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen. Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A._ erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).
8. A._ hat die Kosten des Verfahrens mit einer Staatsgebühr von CHF 6'000.00, total CHF 7'000.00, zu bezahlen.»
4.
Gegen das Urteil liess der Beschuldigte die Berufung anmelden. Mit Berufungserklärung vom 12. September 2019 liess er das Rechtsmittel wie folgt beschränken: Angefochten würden der Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung sowie das Strafmass, daneben der in Ziffer 7 des Urteils festgelegte Umfang des Rückforderungsanspruchs des Staates, soweit 1⁄2 übersteigend, und die volle Auferlegung der Gerichtskosten auf den Beschuldigten. Beantragt würden ein Schuldspruch wegen vorsätzlicher einfacher Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand und eine Verurteilung zu einer bedingten Geldstrafe von 190 Tagessätzen zu je CHF 10.00, ev. zu einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten und einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 10.00. Dazu komme eine Busse nach richterlichem Ermessen. Der Rückforderungsanspruch des Staates für die Entschädigung der amtlichen Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren sei auf maximal 1⁄2 festzusetzen und dem Beschuldigten seien die erstinstanzlichen Verfahrenskosten zu maximal 1⁄2 aufzuerlegen.
Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Eingabe vom 20. September 2019 auf eine Anschlussberufung, der Privatkläger am 7. Oktober 2019.
5.
Damit sind folgende Teile des erstinstanzlichen Urteils in Rechtskraft getreten:
-
Ziffer 1: Freisprüche;
-
Ziffer 2 (teilweise): Schuldsprüche wegen Beschimpfung, Hausfriedensbruchs, Ungehorsams des Schuldners im Betreibungs- und Konkursverfahren und mehrfachen Fahrens ohne gültigen Fahrausweis;
-
Ziffer 4: Entscheid über sichergestellte Küchenmesser;
-
Ziffer 5: Genugtuungsanspruch des Privatklägers;
-
Ziffer 6: Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin des Privatklägers sowie Rückforderungsvorbehalt des Staates und Nachzahlungsvorbehalt der unentgeltlichen Rechtsbeiständin gegenüber dem Beschuldigten;
-
Ziffer 7 (teilweise): Höhe der Entschädigung des amtlichen Verteidigers.
6.
Die Hauptverhandlung vor Obergericht fand am 24. Juni 2020 statt. Sowohl der Beschuldigte als auch der als Auskunftsperson vorgeladene Privatkläger blieben dieser unentschuldigt fern (vgl. vorstehendes Verhandlungsprotokoll). Als Disziplinarmassnahme wurden sie vom Berufungsgericht mit einer Ordnungsbusse von CHF 200.00 (Beschuldigter) bzw. CHF 100.00 (Privatkläger) bestraft. Zur Begründung wird auf den separaten Beschluss der Strafkammer vom 24. Juni 2020 verwiesen.
II. Sachverhalt
1.
Dem Beschuldigten wird unter Ziffer 1 der Anklageschrift versuchte schwere Körperverletzung vorgehalten, begangen am 29. September 2016, um ca. 21:10 Uhr, in [Ort 1], [Adresse], Korridor im 1. Obergeschoss, zum Nachteil des Privatklägers, indem der Beschuldigte mit einem Küchenmesser (Steakmesser), Klingenlänge 13 - 15 cm, in einem dynamischen Geschehen eine Stichbewegung von oben gegen unten gegen den Oberkörper des Privatklägers ausgeführt und diesen dabei – infolge der Abwehrbewegung – am Handrücken links verletzt habe. Der Privatkläger habe zwei Verletzungen der Unterhaut von je ca. 4 cm Länge erlitten, was eine Arbeitsunfähigkeit vom 29. September 2016 bis am 11. Oktober 2016 nach sich gezogen habe. Der Beschuldigte habe aufgrund des ihm bekannten Risikos seines Messereinsatzes mindestens in Kauf genommen, den Geschädigten schwer zu verletzen, sei es, dass er lebenswichtige Organe oder Blutgefässe des Geschädigten oder diesen auf eine andere Weise lebensgefährlich verletzt, Organe oder Glieder unbrauchbar gemacht oder arg und bleibend entstellt hätte.
2.
Die Vorinstanz hat die allgemeinen Regeln der Beweiswürdigung, insbesondere die Unschuldsvermutung, unter Ziffer II.2. auf US 7 ff. korrekt und vollständig dargelegt, darauf kann verwiesen werden.
In der Folge hat sie auf US 9 bis 31 eine ausführliche Beweiswürdigung vorgenommen und gelangte aus US 31 f. zu folgendem rechtserheblichem Sachverhalt:
«Am Abend des 29. Septembers 2016, um ca. 21:15 Uhr, ging der Privatkläger an der Türe des Beschuldigten klopfen. Er fragte diesen, ob die auf dem Gang herumliegenden Taschen ihm gehören. Der Beschuldigte machte den Privatkläger daraufhin auf die vor dessen Wohnungstüre gelagerten Autoreifen aufmerksam. Diese anfänglich normale Konversation ist anschliessend in dem Sinne eskaliert, dass der Beschuldigte und der Privatkläger sich gegenseitig beschimpft haben. Sowohl der Privatkläger als auch der Beschuldigte wurden zunehmend aufgebrachter. Der Beschuldigte schubste den Privatkläger, sodass sich die Auseinandersetzung in den Eingangsbereich der Wohnung des Privatklägers verschob. Dort ist dieser mit den Fäusten gegen den Oberkörper und Kopf des Beschuldigten losgegangen. Der Privatkläger wollte dann in seine Wohnung zurückkehren und schletzte dort seine Wohnungstüre fest hinter sich zu. Aufgrund des hervorstehenden Schliessriegels verbog sich das Schliessblech, welches ein korrektes Schliessen der Wohnungstüre verhinderte. Der Beschuldigte folgte dem Privatklägerin dessen Eingangsbereich, respektive dessen Küche, verliess diesen aber, sobald der Privatkläger dies bemerkte und ihm ohne Worte zu verstehen gab, dass er nicht erwünscht war. Der Beschuldigte ging dann in seine Wohnung, nahm das Steakmesser aus der Küchenschublade und ging wieder vor die Wohnungstüre des Privatklägers, wo er in seiner Wut mit dem Messer in den Reifen stach und sich in der Folge die Messerklinge verbog. Er schlug dann mit dem Reifen gegen die Wohnungstüre des Privatklägers und rief, dass er noch da sei. In der Zwischenzeit hatte der Privatkläger im Innern seiner Wohnung eine Stromerzange geholt und ist mit dieser in der Hand auf den Gang getreten, um das Schliessblech wieder gerade zu biegen. Als er die angelehnte Türe öffnete, war der Beschuldigte in der Hocke und hielt den Autoreifen und das nicht sichtbare Messer in den Händen. Der Privatkläger fragte ihn, was er mit diesem Reifen machen wolle. In diesem Zeitpunkt hat der Privatkläger keine Angriffshandlungen ausgeführt. Der Beschuldigte ist aufgestanden, sodass er den Privatkläger mit einem Abstand von ungefähr einem halben Meter gegenübergestand. Ohne Vorwarnung und blitzschnell vollzog der Beschuldigte mit dem Messer in der Hand eine Ausholbewegung und führte anschliessend eine Armbewegung von oben rechts nach unten gegen den Kopf- und Halsbereich des Privatklägers aus. Dabei hat er das Messer mit seiner Hand verdeckt gehalten. Der Privatkläger ging davon aus, dass er ihm einen Faustschlag versetzen wollte. Der Privatkläger wich instinktiv einen Schritt zurück und hob dabei seinen linken Arm schützend vor die linke Seite des Kopf- und Halsbereichs. Seine rechte Hand hielt noch immer die Zange in der Hand und in der Folge wurde er an seinem linken Handrücken vom Messer geschnitten. In diesem Moment realisierte er auch, dass der Beschuldigte ein Messer in der Hand gehalten hatte. Beide sind sehr erschrocken. Der Privatkläger hat ihn angeschrien und der Beschuldigte ist zurück zu seiner Wohnung gerannt. Auf dem Weg dorthin wurde er am Rücken von der Zange getroffen, welche ihm der Privatkläger hinterher warf. Der Privatkläger ging in seine Wohnung hinein und versuchte, die mittlerweile stark blutende Wunde zu verarzten. Er wickelte sich in der Küche (zugleich der Eingangsbereich) ein Küchentuch um die Hand und verständigte um 21:26 Uhr die Polizei. Zusammen mit E._ verliess der Beschuldigte unverzüglich die Wohnung. Im unteren Stock klopfte der Beschuldigte bei D._ und fragte ihn nach einer Nummer von einem Taxiunternehmen. Zudem wurde dieser vom Beschuldigten gebeten, bei ihm ein Brotmesser und das Steakmesser mit schwarzem Griff und verbogener Klinge zu deponieren. D._ hat die beiden Messer entgegengenommen und für ein bis maximal drei Tage bei sich aufbewahrt. Der Beschuldigte ist anschliessend zusammen mit E._ zu Fuss zu ihrer Wohnung in [Ort 2] gelaufen, wo sie sich ein paar Tage aufhielten. Als D._ vom Vorfall erfuhr, bat er den Beschuldigten, die Messer wieder zu holen, da er damit nichts zu tun haben wollte. Infolgedessen nahm der Beschuldigte die Messer wieder zu sich. Bis heute ist das Tatmesser unauffindbar geblieben.»
Dieser Sachverhalt ist in Bezug auf die erste Phase – also bis der Beschuldigte in seine Wohnung zurückging und das Messer holte – unbestritten und durch die rechtskräftigen Schuldsprüche erstellt. Näher zu beleuchten sind im Folgenden die Umstände und der konkrete Ablauf des Messereinsatzes in der zweiten Phase des Geschehens, bei dem es zur Verletzung des Privatklägers kam. Dies ist entscheidend für die rechtliche Beurteilung.
3.
3.1 Der Privatkläger gab dazu Folgendes an:
-
Polizeiliche Erstbefragung als Auskunftsperson vom 29. September 2016, 23:05 Uhr (AS 062 f.): Er habe nochmals die Wohnung verlassen und habe geschaut, weshalb er die Türe nicht abschliessen könne. In diesem Moment sei der Beschuldigte mit einem Schnitzer mit Zacken (ca. 20 cm, Victorinox ähnlich) mit dunklem Griff auf ihn zugekommen. Dann sei dieser mit einer Schwungbewegung, das Messer in der rechten Hand haltend, auf ihn zugekommen und habe ihn abstechen wollen. Er habe sein Gesicht/seinen Oberkörper dann schützen können. Die Klinge habe ihn dann am linken Handrücken/Handgelenk getroffen. Er habe dem Beschuldigten dann eine Zange entgegen geworfen und habe versucht, wieder in die Wohnung zu gehen. Plötzlich sei der Beschuldigte dann auch in die Wohnung gegangen.
-
Polizeiliche Befragung als beschuldigte Person vom 2. Oktober 2016 (AS 064 ff.): Als er an der Türe das verbogene Schliessblech habe geradebiegen wollen, sei der Beschuldigte zurück gekommen, das Messer habe dieser dabei wohl in der Hand gehalten. (Auf Frage) Er habe das Messer in dieser Situation visuell nicht wahrgenommen. Wie er dann später habe feststellen können, habe der Beschuldigte das Messer gehalten wie im Gefängnis, wenn man jemanden absteche. Also dieser habe den Handgriff des Messers so in der Hand versteckt gehalten, dass nur die Klinge hervorstehe und nicht gut sichtbar sei. Dieser sei dann aktiv auf ihn zugekommen. Er selbst habe in diesem Moment noch die Zange in den Händen gehalten. Der Beschuldigte sei dann ohne weitere Vorwarnung auf ihn zugekommen und habe ihn dann mit einer schwungartigen Bewegung mit dem Messer angegriffen. Das Messer habe er dabei in der rechten Hand gehalten. Alles sei sehr schnell gegangen. Er selbst sei aus Reflex zurückgewichen und habe sein Gesicht/Oberkörper mittels Heben des Armes/der Hand zu schützen versucht. Der Beschuldigte habe ihn dann mit dem Messer am Handrücken/Handgelenk der linken Hand getroffen. Als der Beschuldigte wahrgenommen habe, dass er ihn getroffen habe, habe er den Kokainblick aufgesetzt. (Auf Frage) Er kenne dies von Technoparties, einfach so ein starrer Blick gefüllt mit Adrenalin. Er sei dann in seine Wohnung. Der Beschuldigte sei vor der Wohnung gestanden und habe gesagt, er sei noch da. Dieser sei aber nicht in die Wohnung gekommen. Kurz später habe er sich von der Wohnung entfernt. (Auf Frage) Es sei ein Messer mit Zacken gewesen. Den Griff könne er nicht wirklich beurteilen, da der Beschuldigte den Griff verdeckt gehabt habe. Von der Länge her seien es wohl rund 20 cm Klingenlänge gewesen. Es sei wohl ein Küchen- oder Steakmesser gewesen. (Auf Frage) Er sei nur einmal mit dem Messer angegriffen worden. (Auf Frage) Er habe dem Beschuldigten die Zange nach dem Angriff gegen den Oberkörper geworfen. (Auf Frage) Er habe vom Messer eine rund 10 bis 15 cm lange Schnittwunde, die mit acht Stichen habe genäht werden müssen.
-
Polizeiliche Befragung als beschuldigte Person vom 21. Oktober 2016 (AS 070 ff.): Der Beschuldigte habe nach der ersten Phase gesagt, er hole nun ein Messer und er selbst sei in seine Wohnung geflüchtet. Weil er dabei seine Türe habe zuschletzen wollen und der Türriegel draussen gewesen sei, habe sich das Schliessblech verbogen. Er habe dann eine Stromerzange geholt, um das zu reparieren. Als er die Türe geöffnet habe, um das Schliessblech wieder gerade zu biegen, sei der Beschuldigte mit einem Autopneu in der Hand vor der Türe gestanden. Den Pneu habe er dann zu Boden geworfen und habe ihn angeschrien, der Beschuldigte sei dann sogar in seine Wohnung gekommen, sogar bis in die Küche. Dann habe er die Wohnung wieder verlassen. Dann hätten sie draussen weiter gesprochen. Dann habe ihn der Beschuldigte umzubringen versucht, auf Deutsch gesagt. Er habe in dessen Hand kein Messer gesehen. Dieser sei rund einen Meter von ihm entfernt gestanden und habe probiert, mit dem Messer aufzuziehen und ihn zu verletzen. Eventuell sei es auch nur ein halber Meter gewesen. Er sei dann einen Schritt zurück und habe sich mit der Hand verteidigt. Als dem Beschuldigten bewusst geworden sei, dass es einen Kontakt des Messers mit seinem Körper gegeben habe, habe sich dieser in seine Wohnung entfernt. (Auf Frage) Der Beschuldigte habe mit dem Messer eine Schwungbewegung gemacht. Er habe das Messer von oben herab in Richtung seines Kopfes geschwungen. Er habe den Angriff mit seiner linken Hand abgewehrt, dies auf Gesichtshöhe links. (Auf die Frage, wo das Messer ihn sonst getroffen hätte) «Kopf und Hals». (Auf Frage) Der Beschuldigte habe einmal zugestochen. (Auf die Frage nach den zwei Schnittwunden) Dies sei, weil der Knochen der Oberhand den Schnitt unterbrochen habe, somit sei eine zweischnittige Wunde entstanden. (Auf Frage) Der Beschuldigte habe ihm vor dem Messerangriff gedroht, ihn aufzuschlitzen, dies vor und während dem Messerholen. (Auf Frage) Nach dem Treffen der Hand mit dem Messer sei der Beschuldigte erstarrt. Er habe diesen dann angeschrien und sie hätten noch rund 30 Sekunden vor der Wohnung zusammen diskutiert. Der Beschuldigte sei rund 2,5 Meter von ihm entfernt gestanden. Er habe ein Rad griffbereit gehabt, das er dem Beschuldigten hätte nachwerfen können. Ja, er habe ihm dann die Zange hinterher geworfen. (Auf Frage) Nach dem Messerangriff habe der Beschuldigte zu ihm gesagt: «Ich bringe Dich um, ich mache Dich fertig.» (Auf Frage) Er könne das Messer nicht beschreiben, er habe dieses nicht gesehen. (Auf Vorhalt der früheren Beschreibung des Messers) Ja, er habe die Klinge gesehen, diese sei erkennbar gewesen nach dem Angriff. (Auf Vorhalt des Fotoblattes mit den Küchenmessern) Es sei keines dieser Messer gewesen, es sei ein Küchenschnitzer gewesen. Das Tatmesser sei kleiner gewesen. (Auf Frage) Beim Messerangriff habe er die Zange im Hosensack gehabt. Er habe diese dem Beschuldigten dann im Affekt nachgeworfen. (In der Folge wurde die Situation mit dem Messerangriff nachgestellt und fotografiert: AS 082 f.). Dies sei die korrekte Situation, nur der Abstand zwischen ihnen sei nur etwa halb so gross gewesen. (Auf Frage) Ja, der Beschuldigte habe mehrmals mit dem Messer auf den Pneu eingestochen. Ob dieser ein Loch habe, könne er nicht sagen.
-
Vor Amtsgericht schilderte der Privatkläger die Situation mit dem Messer wie folgt (SL AS 0086 ff.): Als er das Schliessblech wieder habe zurückbiegen wollen, sei der Beschuldigte vor ihm gestanden mit einem Reifen in der Hand. Er habe diesen gefragt, was er mit dem Zeugs wolle. Da habe dieser vom Reifen abgelassen. Sie hätten dann ein paar Nettigkeiten ausgetauscht. Danach habe der Beschuldigte eine schnelle Bewegung mit der rechten Hand gemacht und er habe nur noch abwehren können und dann habe der Beschuldigte mit dem Messer in der rechten Hand seine Hand aufgeschlitzt. Danach habe er – immer noch mit der Zange in der Hand – diesen angeschrien und habe so eine Geste gemacht. Da sei der Beschuldigte davongerannt. Er habe ihm noch die Zange nachgeworfen. (Auf Frage) Nach der ersten Phase habe der Beschuldigte das Messer geholt, das habe er nicht gewusst und nicht mitbekommen. Als er die Türe zum Reparieren aufgemacht habe, sei der Beschuldigte dort gestanden mit einem Reifen in der Hand. (Auf Frage) So wie das Messer ausgesehen habe, habe dieser auf den Reifen einstechen wollen. Die Klinge sei «mega» verbogen gewesen, als der Beschuldigte durchgezogen habe. (Auf Frage) Ja, er habe den Beschuldigten gefragt, was er mit dem Reifen wolle. Er habe das Messer bemerkt, als er geschnitten worden sei. (Auf Frage) Nein, vorher habe er dieses nicht bemerkt, weil der Beschuldigte es mit der Hand versteckt habe. Dieser habe dann aufgezogen und er habe gedacht, dieser wolle ihn schlagen und habe die Hand hinaufgestreckt. Deshalb habe es dann weniger geschnitten. Der Kontakt mit dem Messer sei etwa auf Kopfhöhe gewesen. Darauf habe ihn der Beschuldigte mit grossen Augen angeschaut. Er habe dann gesagt «verschwinde, Du Arschloch» und habe mit der Zange aufgezogen. Da sei der Beschuldigte davon gerannt und er habe diesem die Zange nachgeworfen. (Auf Frage) Der Beschuldigte habe nie gesagt, er werde ihn umbringen und abstechen. Da sei er sich ganz sicher. (Auf Frage) Er habe nicht gesehen, wie der Beschuldigte mit dem Messer auf den Reifen eingestochen habe, er vermute das nur, weil das Messer, mit dem dieser auf ihn eingestochen habe, krumm gewesen sei. (Auf Frage) Als er die Türe aufgemacht habe, sei der Beschuldigte in der Hocke gewesen und habe den Reifen gehalten. Dann habe dieser den Reifen abgelegt und sei aufgestanden. (Auf Frage) Dann hätten sie normal geredet, bis der Beschuldigte aufgezogen habe. Da habe er nicht gesehen, dass dieser ein Messer habe. Das habe er dann erst gespürt. Er habe nur einen Schlag des Beschuldigten abwehren wollen. Aber dieser habe ein Messer gehabt. (Auf Frage) Er habe es an seiner Hand gemerkt, dass die Klinge verbogen gewesen sei: Der Schnitt sei ganz krumm. (Auf Frage) Nein, das Messer habe er nicht gesehen, er habe nicht darauf geschaut. (Auf Frage) Ja, die Klinge habe er gesehen, aber erst nach dem Schnitt. Dass diese gebogen gewesen sei, habe er aber nur gespürt. Gesehen habe er das nicht.
3.2 Der Beschuldigte machte zur Situation mit dem Messer folgende Aussagen:
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Am 5. Oktober 2016 bei der ersten polizeilichen Befragung (AS 039 ff.): Der Privatkläger sei mit einem Haushaltmesser auf ihn zugekommen. Da sei er in seine Wohnung gerannt und habe auch ein Messer geholt. Dies sei auch ein Haushaltmesser gewesen mit schwarzem Griff mit einer Klinge von rund 15 cm Länge. Er habe das Messer in der rechten Hand gehalten und sei auf den Privatkläger zugegangen. Dieser sei ausser Kontrolle gewesen und habe mit dem Messer gegen ihn herumgefuchtelt. Er sei zum Glück nicht getroffen worden. Er habe dann mit dem Messer gegen den Privatkläger ausgeholt und habe diesen am Handgelenk getroffen. Er habe diesen nicht tödlich treffen wollen, sonst hätte es anders ausgesehen. Er habe sich nur wehren wollen, resp. ihm zeigen wollen, dass er auch ein Messer habe und dieser ev. damit aufhöre. Er habe das Messer nur einmal gegen den Privatkläger eingesetzt und dabei nicht einmal bemerkt, dass er diesen getroffen habe. Er bezweifle, dass er diesem eine ernsthafte Verletzung zugefügt habe. (Auf Vorlage des Bildes der Verletzung) Das könne fast nicht sein. Er könne sich durchaus vorstellen, dass sich der Privatkläger in seinem psychischen Ausnahmezustand die Verletzung selbst verschlimmert bzw. zugefügt habe. Der Privatkläger sei dann umgehend in die Wohnung gegangen, er selbst sei noch kurz im Treppenhaus stehen geblieben. Der Privatkläger habe dann geschrien, er hole eine Waffe. Da habe er sich zurück in seine Wohnung begeben und auf dem Weg am Rücken einen Schlag erlitten. Der Privatkläger habe eine Zange gegen seinen Rücken geworfen. (Auf Frage) Er habe eine stichartige Bewegung gegen den Privatkläger gemacht und diesen nur einmal leicht am Handgelenk getroffen. Er könne sich diese grosse Verletzung nicht erklären. (Auf Frage) Er habe sich nur wehren wollen und dem Privatkläger zeigen wollen, dass dieser aufhören solle. Er habe ihn nicht treffen und verletzen wollen, das sei einfach so passiert.
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Am 21. Oktober 2016 führte er gegenüber der Polizei als Beschuldigter aus (AS 045 ff.), der Privatkläger sei nach der ersten Phase zuerst mit einem Holzstock und dann mit einem Messer aus der Wohnung gekommen. Er selbst sei dann in seine Wohnung gerannt, habe in der Küche ein Messer behändigt und sei wieder raus gegangen. Er habe diesen zeigen wollen, was eigentlich los sei. Sie seien sich dann zwischen den Wohnungen gegenüber gestanden. Er habe den Privatkläger dann mit dem Messer leicht in die Hand gestochen. Aber nur leicht. Dann sei dieser in seine Wohnung gerannt und habe gesagt, er hole jetzt seine Schusswaffe und werde diese auch anwenden. Der Privatkläger sei dann mit der Elektrozange wieder heraus gekommen. Er habe sich zurück in seine Wohnung begeben und der Privatkläger habe dann die Zange an seinen Rücken geworfen. (Auf Frage) Wenn das Messer verbogen gewesen sei, dann sei dies wohl beim Stich passiert. Er habe nicht gesehen, dass es verbogen gewesen sei. (Auf Frage) Der Privatkläger habe mit der rechten Hand mit dem Messer herumgefuchtelt. Er habe das Messer auch in der rechten Hand gehalten und habe geradeaus in die linke Hand des Privatklägers gestochen, dies etwa auf Hüfthöhe. Dies sei dann wie ein Nadelstich gewesen. (Auf Frage) Nein, er habe keine Schwungbewegung gemacht. Er würde sogar sagen, es sei ein Zusammenstoss gewesen. Er sei selbst erschrocken, es sei nur ein leichter Stich gewesen. Der Privatkläger sei daraufhin in seine Wohnung zurückgerannt. Dieser habe einen Schreck gehabt und die Zange nach ihm geworfen. (Auf Frage) Ob der Privatkläger den Messerstich irgendwie abgewehrt habe, könne er nicht mehr genau sagen. (Auf Frage) Der Kontakt sei etwa auf Hüfthöhe passiert. (Auf Frage) Er habe den Privatkläger gar nicht treffen wollen und nirgends hingezielt. Es sei praktisch ein Zusammenstoss gewesen. (Auf Vorlage der Fotos der Tatrekonstruktion) So sei es nicht gewesen. Ganz sicher hätte er den Privatkläger nicht am Hals oder Kopf treffen können. (Auf Frage) Ja, er habe bemerkt, dass er den Privatkläger getroffen habe, aber nur ganz leicht. (Auf Frage) Nein, beim Messerstich habe er seine Brille nicht getragen. (Auf Frage) Er habe in Notwehr gehandelt. Der Privatkläger habe dabei ein Küchenmesser in der rechten Hand gehalten, keine Zange. (Auf Frage) Blut habe er keines gesehen an der Hand des Privatklägers. Am Messer habe es auch kein Blut gehabt.
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Vor Amtsgericht (SL AS 0103 ff.): Der Privatkläger habe gesagt, er hole jetzt eine Waffe und erschiesse ihn. Dann seien beide in ihre Wohnung zurück. Dort habe er in der Küche das Messer genommen und sei wieder rausgegangen. (Auf die Frage nach dem Grund) Er habe sich ja verteidigen wollen. Der Andere sei auch rausgekommen und habe etwas in der Hand gehabt. Auf dem Gang zwischen den Wohnungen hätten sie sich dann getroffen. Er habe keine Waffe gesehen beim Privatkläger, es sei ja dunkel gewesen. Er selbst habe diesem nur Angst machen wollen und das Ganze beenden wollen. Dann sei der Privatkläger mit der Hand am Messer angekommen. Von dem sei er selbst dann geschockt gewesen. (Auf Frage) Er habe mit dem Messer etwas herumgefuchtelt. Der Andere habe in der rechten Hand etwas gehabt. Dann habe er selbst so gemacht und sei etwas im Zeug gewesen. Dann sei der Andere so nahe bei ihm gewesen und er habe diesen ganz leicht berührt. Davon sei er selbst erschrocken und in seine Wohnung gerannt. Dabei habe der Andere ihm etwas angeworfen. (Auf Frage) Ja, nur er habe ein Messer gehabt bei der Auseinandersetzung. Es sei aber dunkel gewesen. Früher habe er dazu wohl falsch ausgesagt. Der Andere habe kein Messer gehabt, er habe irgendetwas in der rechten Hand gehabt. (Auf Frage) Ja, dass der Andere ihn mit einem Messer bedroht habe, sei eine Schutzbehauptung gewesen. Er habe ja niemanden verletzen wollen. Er habe auch nie das Messer erhoben, wie der Privatkläger es schildere. Er habe dem Anderen nur Angst machen wollen. Es sei einfach eskaliert. (Auf Frage) Nein, er habe nie gesehen, was der Andere in der Hand gehalten habe, er sehe nicht mehr gut. Es sei alles so schnell gegangen. Der Andere habe vor dem Kontakt mit dem Messer herumgefuchtelt. Dann sei es sehr schnell gegangen. (Auf Frage) Ja, er habe dabei die Brille getragen. (Auf Frage) Er habe den Anderen piksen wollen, ihm Angst einjagen wollen. Er habe gesehen, dass der Andere etwas in der Hand halte, habe aber nicht gesehen, was es sei. Er wisse, dass er einen Fehler gemacht habe, er habe sich auch entschuldigt. Er habe den Privatkläger nie verletzen wollen, er habe diesem nur Angst einjagen wollen. (Auf Frage) An einen Holzstock könne er sich auch nicht erinnern. (Auf Frage) Die Verletzung des Privatklägers könne er sich nicht erklären. An den Autoreifen könne er sich nicht erinnern, es könne aber schon sein, dass er diesen habe abstechen wollen in der Wut.
3.3 Die Verletzung des Privatklägers ist auf AS 015 abgebildet. Es handelt sich gemäss Arztbericht vom 4. Oktober 2016 um «zwei ca. 4 cm lange Schnittwunden am Handrücken ulnarseitig. Mediale Schnittwunde bis Subkutis reichend ohne Verletzung tiefer gehender Strukturen. Laterale Schnittwunde bis zur Freilegung der Extensorensehne Dig V reichend, diese in ihrem Verlauf intakt bei Flexion und Extension Dig V. Explorativ kein Hinweis auf Verletzung einer tieferliegenden Struktur.» Die Wunden seien mit acht Stichnähten versorgt worden (AS 021 f.).
4.
Die Vorinstanz hat ausführlich dargelegt, dass die Aussagen des Beschuldigten in vielen Punkten widersprüchlich sind, selbst der Verteidiger hat dieses Aussageverhalten vor dem Berufungsgericht als «wirr und verwirrlich» bezeichnet. Bei der Feststellung des rechtlich relevanten Sachverhalts in Bezug auf das Kerngeschehen – die Verletzung des Privatklägers mit dem Messer – ist vorweg festzuhalten, dass diesbezüglich beide Beteiligten im Laufe des Verfahrens nicht konstante Aussagen gemacht haben. Beide haben anlässlich der Hauptverhandlung vor Amtsgericht auch frühere belastende Angaben zurückgenommen: Der Privatkläger widerrief seine Aussage, der Beschuldigte habe ihm vor dem Messerschnitt mit Abstechen und Töten gedroht, der Beschuldigte seinerseits erklärte, die von ihm anfänglich vorgebrachten Schilderungen, der Privatkläger habe ihn mit einem Holzstock und einem Messer bedroht, seien Schutzbehauptungen gewesen. Ganz entscheidend für die rechtliche Würdigung ist, wie es konkret zu den beiden Schnittwunden (wobei es sich durchaus um einen einzelnen Schnitt handeln kann, der von einem Knochen am Handrücken des Privatklägers geteilt wurde) gekommen ist. Die Anklage stellt dabei auf die Aussagen des Privatklägers ab, wonach der Beschuldigte in einem dynamischen Geschehen eine Stichbewegung von oben gegen unten gegen den «Oberkörper» des Privatklägers ausgeführt habe. Die Vorinstanz ging von einer Bewegung von oben nach unten gegen den «Kopf- und Halsbereich» des Privatklägers aus. Dass es sich beim vorliegend zu beurteilenden Vorgang nicht um ein dynamisches, sondern um ein eher statisches Geschehen handelte, hat bereits das Amtsgericht aufgrund der beidseitigen Aussagen zu Recht festgestellt (US 31 oben). Der Beschuldigte behauptet hingegen, der Kontakt zwischen Messer und Hand sei auf Hüfthöhe erfolgt. Ausschlaggebend ist, ob man dem Beschuldigten rechtsgenüglich nachweisen kann, dass er wuchtig von oben her gegen den Oberkörper des Privatklägers zugestochen hat. Das einzige objektive Beweismittel ist das Verletzungsbild: Wenn man von einer Stichbewegung von oben gegen unten ausgeht, wäre dieses – Schnittwunden ohne Verletzung tiefergehender Strukturen am Handrücken – kaum erklärbar: Zu erwarten wäre eine Stichverletzung oder zumindest Ansätze davon und nicht ein glatter Schnitt wie vorliegend ohne jegliche Verletzung tieferliegender Strukturen. Auf den Fotos des Tatablaufes nach den Angaben des Privatklägers (und vom Privatkläger als richtig bezeichnet) auf AS 082 f. erkennt man denn auch eine Hau- oder Schnittbewegung (was sich auch in Einklang bringen lässt mit der tatnächsten Aussage des Beschuldigten, er habe mit dem Messer ausgeholt), und nicht eine Stichbewegung des Beschuldigten (Klinge voran, nicht Messerspitze voran) gegen den Oberkörper des Privatklägers. Die Messerklinge hätte beim dargestellten Ablauf den Kopf bzw. Hals des Privatklägers nicht erreichen können (wobei anzumerken ist, dass der Privatkläger angab, sie seien näher beieinander gestanden als auf den Bildern; allerdings stimmt die Distanz auf den Fotos mit seinen vorgängigen Aussagen dazu überein). Wenn der Beschuldigte die auf dem Foto dargestellte Hau- bzw. Schnittbewegung gemacht hätte, könnte es angesichts der erlittenen, bloss oberflächlichen Verletzung jedenfalls keine sehr wuchtige Bewegung gewesen sein. Gut vereinbar wäre die Verletzung hingegen bei Fuchtelbewegungen des Beschuldigten in Richtung des Privatklägers, welche dieser – der zumeist aussagte, er habe das Messer vor dem Kontakt mit seiner Hand nicht gesehen und sei von einem Faustschlag ausgegangen – instinktiv abwehren wollte. Gegen das von der Vorinstanz angenommene Einstechen von oben rechts nach unten gegen den Kopf/Halsbereich des Privatklägers spricht letztlich auch das von beiden Parteien geschilderte Erschrecken des Beschuldigten, als er mit seinem Messer die Hand des Privatklägers traf: Hätte er – wie von der Anklage angenommen – von oben her zugestochen, hätte ihn ein Treffer auf den Körper des Privatklägers nicht erstaunen können. Keine belastbaren Beweise bestehen zur Frage, in welcher Höhe das Messer des Beschuldigten die Hand des Privatklägers getroffen hat. Während der Beschuldigte vom «Hüftbereich» sprach, gab der Privatkläger an, dies sei auf «Gesichtshöhe» geschehen. Zu Gunsten des Beschuldigten muss in dieser unklaren Beweissituation von einem Zusammentreffen im unteren Bereich des Oberkörpers, also Hüfthöhe, ausgegangen werden.
III. Rechtliche Würdigung
1.
Gemäss Art. 122 StGB begeht eine schwere Körperverletzung, wer vorsätzlich einen Menschen lebensgefährlich verletzt, wer vorsätzlich den Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen bleibend arbeitsunfähig, gebrechlich oder geisteskrank macht, das Gesicht eines Menschen arg und bleibend entstellt oder vorsätzlich eine andere schwere Schädigung des Körpers oder der körperlichen oder geistigen Gesundheit eines Menschen verursacht.
Wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder Gesundheit schädigt, macht sich der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 StGB schuldig.
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt. Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Nach ständiger Rechtsprechung ist Eventualvorsatz gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs beziehungsweise die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 S. 4 mit Hinweis; vgl. zum Rückschluss von den äusseren Umständen auf die innere Einstellung des Täters BGE 135 IV 12 E. 2.3.2 S. 17; 134 IV 26 E. 3.2.2 S. 28 f.; je mit Hinweisen).
2.
Im vorliegenden Fall wird dem Beschuldigten in der Anklage vorgehalten, er habe aufgrund des ihm bekannten Risikos eines Messereinsatzes zumindest in Kauf genommen, den Geschädigten schwer zu verletzen, sei es, dass er lebenswichtige Organe oder Blutgefässe des Geschädigten oder diesen auf eine andere Weise lebensgefährlich verletzt, Organe oder Glieder unbrauchbar gemacht oder arg und bleibend entstellt hätte. Die Anklage zitiert damit einzig den Straftatbestand, ohne hinsichtlich der Art einer schweren Körperverletzung eine konkrete Angabe zu machen. Ob dieser Vorhalt den Anforderungen des Anklagegrundsatzes genügen würde, kann aber dahingestellt bleiben, da der Sachverhalt wie gezeigt nicht so nachgewiesen werden kann, wie er in der Anklage vorgehalten wird: Diese geht von einem Stichversuch von oben gegen den Oberkörper des Privatklägers aus. Zu beurteilen ist nun aber gemäss Beweiswürdigung ein Fuchteln mit einem Küchenmesser auf Hüfthöhe, bei dem sich der Privatkläger Schnittwunden am Handrücken zugezogen hat. Inwiefern der Beschuldigte dem Privatkläger bei diesem Vorgang eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB hätte zufügen können, ist nicht ersichtlich und – da von einem anderen Sachverhaltsablauf ausgehend – in der Anklage nicht dargestellt. Der vorliegende Sachverhalt lässt sich auch nicht mit demjenigen im Urteil des Bundesgerichts 6B_1394/2017 vergleichen: Dort wurde bei einem anlässlich eines dynamischen Geschehens heftig ausgeführten Messerstich gegen den Oberkörper (konkret getroffen wurde dabei der Oberarm) das Risiko einer lebensgefährlichen Verletzung als offensichtlich hoch beurteilt. Selbst wenn man exakt vom Vorgang ausgehen müsste, wie er auf den Fotos nach den Angaben des Privatklägers dargestellt wurde, könnte man keine offensichtliche Gefahr einer schweren Körperverletzung feststellen: Eine nicht sehr wuchtige Hau- bzw. Schnittbewegung mit dem Messer gegen den Oberkörper des Privatklägers hätte bei diesem dort wohl ebenfalls Schnittverletzungen verursacht. Dies erst recht, da das Messer verbogen war, was auch der Staatsanwalt annimmt (vgl. das Deckblatt seines Parteivortrages vor dem Amtsgericht: SL AS 124 und S. 4 unten des Parteivortrags, SL AS 127), wobei ausgeschlossen werden kann, dass sich das Küchenmesser bei der Zubringung der Verletzung des Privatklägers verbogen hat.
Hingegen ist unbestritten, dass die Schnittverletzungen an der Hand des Privatklägers in objektiver Hinsicht eine einfache Körperverletzung darstellen. Zudem hat der Beschuldigte zumindest mit Eventualvorsatz gehandelt, wenn er in einer Auseinandersetzung, die vorher schon tätlich verlaufen war, mit einem Küchenmesser in Richtung des Privatklägers fuchtelt. Dass er den Straftatbestand der einfachen Körperverletzung, begangen mit einem gefährlichen Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Alinea 1 StGB, vollendet hat, anerkennt denn auch der Beschuldigte. Er ist entsprechend schuldig zu befinden.
IV. Strafzumessung
1. Allgemeines zur Strafzumessung
1.1 Die Vorinstanz hat die allgemeinen Grundsätze der Strafzumessung auf US 27 korrekt dargelegt. Darauf kann verwiesen werden. Zu ergänzen sind noch Anmerkungen zur Wahl der Strafart und zur Gesamtstrafenbildung bei der Beurteilung mehrerer Straftaten.
1.2 Strafen von bis zu 180 Strafeinheiten sind grundsätzlich in Form einer Geldstrafe auszusprechen (Art. 34 StGB). Das Gericht kann stattdessen auf eine Freiheitsstrafe erkennen, wenn a. eine solche geboten erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten, oder b. eine Geldstrafe voraussichtlich nicht vollzogen werden kann (41 Abs. 1 StGB). Es hat die Wahl der Freiheitsstrafe näher zu begründen (Art. 41 Abs. 2 StGB). In der zu den vorliegend zu beurteilenden Tatzeiten geltenden Fassung von Art. 34 Abs. 1 StGB waren Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen möglich. Die Freiheitsstrafe als eingriffsintensivste Sanktion ist nach der gesetzlichen Konzeption somit nach wie vor (auch nach der auf den 1. Januar 2018 in Kraft gesetzten Revision) ultima ratio und kann nur verhängt werden, wenn keine andere, mildere Strafe in Betracht kommt (Botschaft vom 21.9.1998 zur Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes sowie zu einem Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht, BBl 1999 2043 f. Ziff. 213.132; BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 122 f.; 144 IV 217 E. 3.3. 3 mit Hinweisen). Bei der Wahl der Sanktionsart waren auch unter dem früheren Recht als wichtige Kriterien die Zweckmässigkeit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 97 E. 4.2 S. 100 f. mit Hinweisen). Das Bundesgericht hat entschieden, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters und dessen voraussichtliche Zahlungsunfähigkeit keine Kriterien für die Wahl der Strafart sind. Es ist vielmehr, wenn die Voraussetzungen für den bedingten Strafvollzug erfüllt sind, eine bedingte Geldstrafe oder eine bedingte gemeinnützige Arbeit auszusprechen. Sinn und Zweck der Geldstrafe erschöpfen sich nicht primär im Entzug von finanziellen Mittel, sondern liegen in der daraus folgenden Beschränkung des Lebensstandards sowie
im Konsumverzicht. Nach der Meinung des Gesetzgebers soll die Geldstrafe auch für einkommensschwache Täter, d.h. für solche mit sehr geringem, gar unter dem Existenzminimum liegenden Einkommen ausgefällt werden können. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Geldstrafe als unzweckmässige Sanktion angesehen und deshalb vielfach auf eine Freiheitsstrafe erkannt werden müsste. Dies würde dem zentralen Grundanliegen der Revision diametral zuwiderlaufen. Gerade mittellosen Straftätern geht die Geldstrafe ans Lebensnotwendige, so dass sie für jene deutlich spürbar wird. Eine nicht bezahlbare Geldstrafe soll es nach der Botschaft – ausser durch Verschulden des Täters oder durch unvorhergesehene Ereignisse – denn auch nicht geben Dementsprechend hat der Gesetzgeber explizit auf die Festsetzung einer Untergrenze für die Geldstrafe verzichtet. Bei einkommensschwachen oder mittellosen Tätern, etwa Sozialhilfebezügern, nicht berufstätigen, den Haushalt führenden Personen oder Studenten ist somit die Ausfällung einer tiefen Geldstrafe möglich (BGE 134 IV 97 E. 5.2.3 mit Hinweisen). Nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit sollte bei alternativ zur Verfügung stehenden und hinsichtlich des Schuldausgleichs äquivalenten Sanktionen im Regelfall diejenige gewählt werden, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Betroffenen eingreift (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 122 f. mit Hinweis).
1.3 Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen und ist an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Bildung einer Gesamtstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips nach Art. 49 Abs. 1 StGB nur möglich, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss gleichartige Strafen ausfällt (sog. «konkrete Methode»). Dass die anzuwendenden Strafbestimmungen
abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt nicht. Geldstrafe und Freiheitsstrafe sind keine gleichartigen Strafen im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB (BGE 142 IV 265 E. 2.3.2; BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 122).
2. Konkrete Strafzumessung
2.1 Die schwerste Tat ist im vorliegenden Fall die einfache Körperverletzung, wofür eine Freiheitstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe auszufällen ist. Die vom Privatkläger erlittene Verletzung ist im unteren Bereich der möglichen einfachen Körperverletzungen einzuordnen. Die Schnittverletzung auf dem Handrücken ist folgenlos bis auf die zurückgebliebene und bleibend sichtbare Narbe rasch verheilt, führte aber doch zu einer mehrtägigen Arbeitsunfähigkeit des Privatklägers. Der Beschuldigte hat dabei ein Küchenmesser verwendet, mit dem leicht auch deutlich erheblichere Verletzungen zugefügt werden können. Auch im vorliegenden Fall hätte der Privatkläger auch schwerwiegendere Verletzungen an der Hand wie die Durchtrennung einer Sehne oder eines Nervs erleiden können. Zu Gunsten des Beschuldigten ist zu berücksichtigen, dass es sich um eine spontane Tat gehandelt hat, nachdem ihn der Privatkläger wegen Taschen im Treppenhaus zur Rede gestellt hatte und das Gespräch eskaliert war. Zudem hat er nach dem einen Schlag unverzüglich vom Geschädigten abgelassen. Allerdings musste der Beschuldigte doch das Messer zuerst in seiner Wohnung holen und hatte somit etwas Zeit, um sich eines Besseren zu besinnen. Der Beschuldige hatte also die volle Freiheit, sich rechtskonform zu verhalten. Das Motiv entlastet den Beschuldigten nicht: Wie der Verteidiger im Parteivortrag vor Amtsgericht zu Recht ausführte (SL AS 144), wurde das Messer vom Beschuldigten als Imponier-Instrument verwendet, um dem aus der Sicht des Beschuldigten unverschämten Nachbarn Eindruck zu machen und ihn zu vertreiben. Verschuldensmindernd wirkt sich aus, dass der Privatkläger mit Eventualvorsatz, also der mildesten Form von vorsätzlicher Tatbegehung, gehandelt hat. Insgesamt liegt noch ein leichtes Verschulden vor, dem eine Strafe von 240 Strafeinheiten angemessen erscheint.
Grundsätzlich könnte beim nicht vorbestraften Beschuldigten wohl eine Geldstrafe ausgefällt werden, allerdings wäre eine solche aus spezialpräventiver Betrachtung nicht erfolgversprechend: Der Privatkläger geht seit 2011 (nach einer Anstellung bei der Swisscom im [...]-Bereich) keiner geregelten Arbeit mehr nach, er war früher von der Sozialhilfe abhängig und lebt aktuell nach seinen Angaben vor erster Instanz von seiner Partnerin und den Eltern (SL AS 104). Damit ist absehbar, dass eine Geldstrafe erstens mit einem ganz geringen Tagessatz auszusprechen wäre und diese wegen des Verhaltens des Beschuldigten nie vollzogen werden könnte. Der Beschuldigte zeigt sich auch in keiner Weise einsichtig, das zeigt auch sein unentschuldigtes Fernbleiben vor Obergericht. Es ist demzufolge eine Freiheitsstrafe auszusprechen, wie dies der Beschuldigte vor erster Instanz selbst beantragen liess (vor dem Berufungsgericht noch als Eventualantrag).
Diese Strafe ist nun unter Beachtung des Asperationsprinzips zur Abgeltung des Hausfriedensbruchs angemessen zu erhöhen (bezüglich der Beschimpfung hat die Vorinstanz den Beschuldigten gestützt auf Art. 177 Abs. 3 StGB bereits von der Strafe befreit, vgl. SL AS 196). Beim Hausfriedensbruch ist von einem sehr leichten Verschulden auszugehen, da sich der Beschuldigte ohne ausdrückliche Aufforderung durch den Privatkläger sofort wieder aus dessen Wohnung zurückgezogen hat. Zu berücksichtigen ist auch, dass sich der Beschuldigte verständlicherweise über die Intervention des Privatklägers geärgert hat, hatte dieser doch selbst Autoreifen im Treppenhaus gelagert. Eine Straferhöhung um fünf Tage Freiheitsstrafe ist angemessen.
2.3 Bei den Täterkomponenten des am [...] in [...] geborenen Beschuldigten sind keine Umstände ersichtlich, die sich merklich straferhöhend oder strafmindernd auswirken könnten. Zum Vorleben kann vollumfänglich auf die Ausführungen der Vorinstanz auf US 56 f. verwiesen werden. Seit 2011 ist der Beschuldigte nicht mehr erwerbstätig, er lebt seit langer Zeit von seinen Eltern und seiner Lebenspartnerin, in früheren Jahren unterstützte ihn zudem das Sozialamt (SL AS 104). Er hat entsprechend viele Schulden. Er ist Vater eines Sohnes , geb. [...], aus einer früheren Beziehung; mit diesem hat er keinen Kontakt. Weiter hat er mit seiner derzeitigen Lebenspartnerin E._ zwei Töchter, die fremdplatziert wurden. Unterhaltsbeiträge bezahlt er keine, irgendwelche Anstrengungen, wieder im Erwerbsleben Fuss zu fassen, sind keine ersichtlich.
Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft. Laufende Verfahren können bei der Strafzumessung nicht berücksichtigt werden (Urteile des Bundesgerichts 6B_488/2011 vom 27.11.2011 und 6B_459/2009 vom 10.12.2009).
Aus dem Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren ergibt sich nichts zu Gunsten des Beschuldigten, im Gegenteil: Er stand zwar ab Beginn dazu, den Privatkläger mit einem Küchenmesser verletzt zu haben, wollte sein Verhalten aber mit Schutzbehauptungen beschönigen (der Privatkläger habe ihn mit einem Holzstock und danach mit einem Messer bedroht, der Privatkläger habe sich die erheblichen Schnittverletzungen ev. selbst zugefügt, vgl. seine E-Mail vom 10.10.2016, AS 017, in der er sich zum Opfer erklärt). Zudem hat er mit seinem Nachbarn D._, bei dem er seine Messer verschwinden lassen wollte, einen Dritten in die Sache involviert. An der Hauptverhandlung vor Obergericht ist er unentschuldigt ausgeblieben, was seine bisher gezeigte fehlende Einsicht ein weiteres Mal unter Beweis stellte. Die Strafempfindlichkeit des Beschuldigten ist nicht erhöht.
Die Täterkomponenten wirken sich leicht straferhöhend aus, womit sich die Gesamtfreiheitsstrafe auf 270 Tage erhöht.
2.4 Festzustellen ist allerdings eine überlange Verfahrensdauer für diesen nicht sehr komplexen Fall: Insbesondere vor der Vorinstanz dauerte es über 15 Monate vom Eingang der Akten bis zur Hauptverhandlung, wobei das Verfahren sogar ein Jahr ganz stillstand (vgl. SL AS 001 und AS 006). Diese Verletzung des Beschleunigungsgebots ist im Urteilsdispositiv festzuhalten und leicht strafmindernd (Abzug von 30 Tagen) zu berücksichtigen.
Insgesamt ist somit letztlich eine Gesamtfreiheitsstrafe von 8 Monaten (= 240 Tage) auszusprechen.
2.5 Bezüglich der Gewährung des bedingten Strafvollzugs ist zunächst festzustellen, dass der Beschuldigte nicht vorbestraft ist und sich die Tat in einer besonderen Situation (eskalierter Streit) ereignet hat. Hingegen sind seine persönlichen Verhältnisse wie erwähnt doch sehr unstabil, indem er seit Jahren keiner geregelten Erwerbstätigkeit mehr nachgeht und auf Kosten Dritter lebt. Im Strafverfahren hat er sich bis zuletzt kaum einsichtig gezeigt. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass der Beschuldigte eine für seine finanziellen Verhältnisse nicht unerhebliche Busse zu bezahlen hat (vgl. nachfolgende Ziff. IV.2.6) und bei ihm auch das Strafverfahren eine gewisse Warnwirkung gezeitigt haben dürfte. In die Prognosebeurteilung einfliessen dürfen die in einem hängigen Strafverfahren zugegebenen Tatsachen. Da der Beschuldigte im hängigen Verfahren nur einen Online-Verkauf ohne Möglichkeit und Willen zur Erbringungen der Gegenleistung zugestanden hat, können aus dem hängigen Strafverfahren keine relevanten Schlüsse für die Legalprognose gezogen werden (Urteile des Bundesgerichts 6B_488/2011 vom 27.11.2011 und 6B_459/2009 vom 10.12.2009). Aufgrund dieser Umstände ist dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug mit einer leicht erhöhten Probezeit von drei Jahren zu gewähren.
Der Beschuldigte wird darauf hingewiesen (Art. 44 Abs. 3 StGB), dass die Freiheitsstrafe vollstreckt werden kann (Widerruf des gewährten bedingten Vollzuges), wenn er sich nicht bewährt, d.h. wenn er während der dreijährigen Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen begeht und deshalb zu erwarten ist, dass er weitere Straftaten verüben wird (Art. 46 Abs. 1 StGB).
2.6 Weiter ist zur Abgeltung der Übertretungen (Ungehorsam im Betreibungsverfahren und Fahren ohne gültigen Fahrausweis in drei Fällen) eine Gesamtbusse auszusprechen. Es ist dabei jeweils nicht von einem ganz leichten Verschulden auszugehen, handelte der Beschuldigte doch in allen Fällen mit direktem Vorsatz und bei den Widerhandlungen gegen das Personenbeförderungsgesetz gleich mehrfach. Die von der Vorinstanz ausgesprochene Busse von CHF 500.00 ist zu bestätigen. Die Ersatzfreiheitsstrafe im Falle der Nichtbezahlung ist auf 10 Tage festzusetzen, dies auf der Grundlage einer Tagessatzhöhe von CHF 50.00, die praxisgemäss als Umrechnungsschlüssel herangezogen wird.
V. Kosten und Entschädigungen
1.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens – der Beschuldigte wird in fast allen Anklagepunkten verurteilt – ist der Kosten- und Entschädigungsentscheid der Vorinstanz zu bestätigen. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Schuldspruch im Körperverletzungsdelikt nur wegen (qualifizierter) einfacher anstatt versuchter schwerer Körperverletzung erfolgt (Art. 426 Abs. 1 StPO). Eine Kostenausscheidung wegen der Freisprüche in den beiden untergeordneten Nebendelikten ist nicht angezeigt.
2.
Im Berufungsverfahren obsiegt der Beschuldigte weitgehend, sodass es gerechtfertigt ist, auf eine Kostenausscheidung zu verzichten und die Kosten des Berufungsverfahrens vollumfänglich dem Staat aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
Die von Rechtsanwalt Spieler eingereichte Honorarnote für das Berufungsverfahren (OGer AS 61 - 64) setzt sich (inkl. einer Abschlusspauschale von 30 Minuten, jedoch exkl. Hauptverhandlung) aus einem Aufwand von 22 Stunden zuzüglich Auslagen von CHF 96.10 und 7,7 % MWST zusammen, was angemessen ist. Die Teilnahme an der obergerichtlichen Hauptverhandlung nahm 1,25 Stunden in Anspruch, so dass der Aufwand zum massgeblichen Stundenansatz von CHF 180.00 gemäss § 158 Abs. 3 des kantonalen Gebührentarifs (GT, BGS 615.11) CHF 4'185.00 ausmacht. Entgegen den Ausführungen der Verteidigung vor Obergericht (vgl. OGer AS 082) hat der amtliche Verteidiger keinen Anspruch auf ein volles Honorar, wenn der Beschuldigte obsiegt und die Kosten zu Lasten des Staats gehen. Art. 135 Abs. 1 StPO regelt die Entschädigung der amtlichen Verteidigung mit Hinweis auf die anwendbaren Anwaltstarife des Bundes oder der Kantone. Sieht der kantonale Tarif – wie vorliegend mit § 158 Abs. 3 GT – ein reduziertes Honorar für den amtlichen Verteidiger vor, gelangt es unabhängig vom Prozessausgang zur Anwendung (BGE 139 IV 261, Regeste). Inkl. Auslagen und 7,7 % MWST ist die Entschädigung des amtlichen Verteidigers für das Berufungsverfahren auf CHF 4'610.10 festzusetzen und zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen.
Diese Kosten gehen definitiv zu Lasten des Staates (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO, e contrario). Auf einen Nachforderungsvorbehalt hat der Verteidiger explizit verzichtet (OGer AS 82) und ein solcher käme bei der vollständigen Kostenauflage zu Lasten des Staates ohnehin nicht in Betracht (Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO, e contrario).
Demnach wird in Anwendung von Art. 42, Art. 44 Abs. 1 und 3, Art. 47, Art. 49 Abs. 1, Art. 106 StGB; Art. 123 Ziff. 2 Alinea 1, Art. 177 Abs. 1 und 3, Art. 186, Art. 323 StGB; Art. 57 Abs. 3 PBG; Art. 47 OR; Art. 122 ff., Art. 135 Abs. 1, 4 lit. a und b, Abs. 5, Art. 138, Art. 205 Abs. 4 i.V.m. Art. 64 Abs. 1, Art. 267 Abs. 3, Art. 379 ff., Art. 398 ff., Art. 426 sowie Art. 428 Abs. 1 und 3 StPO

## Considerations