# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 16365218-d12c-5e19-bc7d-a91bf1d0097a
**Court:** SO_OG
**Chamber:** SO_OG_006
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** SO / Espace_Mittelland
**Law Area:** Criminal
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

In Sachen
Staatsanwaltschaft,
Franziskanerhof, Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502 Solothurn,
Anklägerin
gegen
A._
,
amtlich verteidigt durch Rechtsanwältin Sabrina Weisskopf
Beschuldigter und Berufungskläger
betreffend
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, Widerhandlung gegen das Waffengesetz
Es erscheinen zur Verhandlung vor Obergericht:
-
für die Staatsanwaltschaft: Staatsanwalt B._;
-
die amtliche Verteidigerin des Beschuldigten, RA Sabrina Weisskopf.
Der Vorsitzende eröffnet die Berufungsverhandlung. RA Weisskopf gibt auf entsprechende Nachfrage des Vorsitzenden bekannt, dass sie keine Informationen über den Verbleib des Beschuldigten habe. Der Vorsitzende stellt in der Folge die unentschuldigte Abwesenheit des Beschuldigten fest. Anschliessend gibt er die Zusammensetzung des Gerichts bekannt. Er fasst das angefochtene Urteil des a.o. Amtsgerichtsstatthalters von Solothurn-Lebern vom 12. März 2020 zusammen und erläutert, dass sich die Berufung grundsätzlich gegen das erstinstanzliche Urteil in seiner Gesamtheit richte. Rechtskräftig seien einzig die Verfahrenseinstellung betreffend die Übertretungen nach Art. 19a BetmG (vorfrageweiser Beschluss), die Höhe des Honorars der amtlichen Verteidigerin (Ziff. 6, teilweise) sowie die Einziehungen, mit Ausnahme des Revolvers [...] (Ziffer 4, teilweise). Die Staatsanwaltschaft hat auf ein eigenständiges Rechtsmittel verzichtet.
Die Parteien werden vom Vorsitzenden darauf hingewiesen, dass sie auf die mündliche Urteilseröffnung verzichten können. Sie werden aufgefordert, ihre Erklärung hierüber am Schluss der Verhandlung abzugeben.
Seitens der Staatsanwaltschaft werden keine Vorfragen aufgeworfen.
Im Rahmen der Behandlung der Vorfragen wiederholt Rechtsanwältin Weisskopf den bereits mit Eingabe vom 17. August 2021 gestellten Antrag, die Berufungsverhandlung aufgrund fehlender Verhandlungsfähigkeit des Beschuldigten zu verschieben. Zur Begründung führt sie aus, sie habe keinen Kontakt zu ihrem Klienten und sei entsprechend auch für die heutige Verhandlung nicht instruiert. Sie kenne den Beschuldigten eigentlich gut, auch sei der Kontakt bisher gut gewesen. So habe er sich bisher auf ihre Anrufe, aber auch von sich aus immer gemeldet. Dass er sich überhaupt nicht melde, sei sehr untypisch. Deshalb habe sie sich Sorgen gemacht. Inoffiziell habe sie der Kapo angerufen, woraufhin diese ihr mitgeteilt habe, dass sich der Beschuldigte in einem schlechten Zustand befinde. Aufgrund dessen sei es notwendig, vor dem Entscheid über die Durchführung der Verhandlung den Gesundheitszustand des Beschuldigten abzuklären. Hinzu komme, dass die Vertretung ohne Instruktionen schwierig sei.
Die Staatsanwaltschaft beantragt die Abweisung des Verschiebungsantrags und verweist hierzu auf die Begründung der Verfügung vom 18. August 2021.
Nach kurzer Beratung in Abwesenheit der Parteien teilt Referent Daniel Kiefer den Parteien den Beschluss des Gerichts mit, wonach der Antrag abgewiesen werde. Die Verhandlungsunfähigkeit des Beschuldigten sei eine reine Mutmassung. Selbst wenn es ihm nicht gut gehe, bedeute das nicht, dass er verhandlungsunfähig sei. Vorbehalten bleibe die Aufhebung der Säumnisfolgen über die Wiederherstellung nach Art. 94 Abs. 5 StPO.
Es werden keine weiteren Beweisanträge gestellt, weshalb das Beweisverfahren geschlossen werden kann.
Es stellen und begründen folgende
Anträge
:
Staatsanwalt B._:
1.
Der Beschuldigte sei gemäss Anklageschrift wegen Verbrechens und mehrfacher Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie wegen Vergehens gegen das Waffengesetz schuldig zu sprechen.
2.
Er sei zu bestrafen mit
a.
einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten;
b.
einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 30.00, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von 2 Jahren, als Zusatzstrafe zum Urteil der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 11. August 2020.
3.
Die sichergestellten CHF 300.00 seien zur Deckung der Verfahrenskosten zu verwenden.
4.
Es sei festzustellen, dass der Revolver vernichtet worden sei.
5.
Dem Beschuldigten seien die Verfahrenskosten vollumfänglich aufzuerlegen.
6.
Die Entschädigung der amtlichen Verteidigerin für das Berufungsverfahren von A._, Rechtsanwältin S. Weisskopf, sei nach Ermessen des Gerichts festzulegen und vom Staat zu bezahlen. Vorbehalten bleibe der Rückforderungsanspruch des Staates bei wirtschaftlich günstigen Verhältnissen während 10 Jahren.
Rechtsanwältin Sabrina Weisskopf:
1.
Es seien Ziff. 1 und 2 des angefochtenen Urteils aufzuheben und A._ von den Vorwürfen des Verbrechens gegen das BetmG (Anklageschrift Ziff. 1), der Vergehen gegen das BetmG (Anklageschrift Ziff. 2.1 und 2.2) und des Vergehens gegen das Waffengesetz (Anklageschrift Ziff. 4) freizusprechen. Eventualiter sei das Strafverfahren gegen A._ in diesen Punkten einzustellen.
2.
A._ sei für die unberechtigterweise ausgestandene Untersuchungshaft von 29 Tagen eine angemessene Genugtuung zuzusprechen.
3.
Es sei Ziff. 4 des angefochtenen Urteils teilweise aufzuheben und die Kantonspolizei Solothurn habe gestützt auf Art. 31 WG über die Beschlagnahme des Revolvers (Sicherstellung Nr. 17) zu entscheiden, sofern dieser noch vorhanden ist.
4.
Es sei Ziff. 3 des angefochtenen Urteils aufzuheben und A._ seien die sichergestellten CHF 300.00 herauszugeben.
5.
Es sei der Rückforderungsanspruch des Staates nach Ziff. 6 des angefochtenen Urteils aufzuheben.
6.
Es sei Ziff. 8 des angefochtenen Urteils aufzuheben und es seien die Verfahrenskosten dem Kanton Solothurn aufzuerlegen.
7.
A._ sei eine Parteientschädigung in Höhe der einzureichenden Kostennote der amtlichen Verteidigerin zuzusprechen.
8.
Die Verfahrenskosten des Berufungsverfahrens seien vom Kanton Solothurn zu tragen.
9.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Die Parteien machen Gebrauch von ihrem Recht zu Replik und Duplik.
Sodann erklären die Parteien den Verzicht auf die mündliche Urteilseröffnung.
Damit endet die öffentliche Hauptverhandlung und das Gericht zieht sich zur geheimen Beratung zurück. Das Urteil wird den Parteien durch den Gerichtsschreiber telefonisch mitgeteilt. Das Urteilsdispositiv wird den Parteien schriftlich zugestellt.
Die Strafkammer des Obergerichts zieht in
Erwägung
:
I. Prozessgeschichte
1. In einem von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn geführten Strafverfahren gegen C._ machte dieser belastende Aussagen gegen A._ (Beschuldigter); dieser solle Drogen verkauft haben (AS 7).
2. Der Beschuldigte wurde in der Folge auf den 6. März 2017 zu einer polizeilichen Einvernahme vorgeladen. Er bestritt die Aussagen von C._, gestand aber ein, Heroin zu konsumieren (AS 7). Der Beschuldigte wurde vorläufig festgenommen (AS 268).
3. Die Staatsanwaltschaft eröffnete ebenfalls am 6. März 2017 gegen den Beschuldigten eine Strafuntersuchung wegen Vergehen und Verbrechen gegen das BetmG (AS 260 f.).
4. Am 6. März 2017 führte die Polizei auf entsprechende Verfügung der Staatsanwaltschaft am Domizil des Beschuldigten eine Hausdurchsuchung durch, bei welcher diverse Waffen und Munition, Betäubungsmittel, Utensilien dazu und Handys sichergestellt wurden (AS 8). Am 7. März 2017 wurde dem Beschuldigten eine amtliche Verteidigerin bestellt (AS 414).
5. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft ordnete das Haftgericht mit Verfügung vom 9. März 2017 gegen den Beschuldigten für die Dauer von einem Monat Untersuchungshaft an (AS 277 ff.).
Am 3. April 2017 wurde der Beschuldigte aus der Untersuchungshaft entlassen (AS 288).
6. Die Anklageschrift datiert vom 9. April 2019 (AS 1 ff.).
7. Am 12. März 2020 fällte der a.o. Gerichtstatthalter von Solothurn-Lebern folgendes Urteil (S-L 61 ff.):
Das Strafverfahren gegen A._ betreffend mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes, angeblich begangen seit Mitte 2016 bis am 6. März 2017, ist zufolge Eintritts der Verfolgungsverjährung eingestellt (AS Ziff. 3).
und sodann in Anwendung der Art. 34, Art. 40, Art. 42 Abs. 1, Art. 44 Abs. 1,
Art. 47, Art. 49 Abs. 1, Art. 51, Art. 69 StGB; Art. 19 Abs. 1 lit. d i.V.m. Abs. 2 lit. a, Art. 19 Abs. 1 lit. c und d, Art. 19 Abs. 3 lit. b BetmG; Art. 33 Abs. 1 lit. a WG; Art. 82 Abs. 1 und 2, Art. 135, Art. 267 Abs. 3, Art. 335 ff., Art. 416 ff. StPO sowie § 146
Abs. 1 lit. a Ziff. 2 und § 158 Gebührentarif

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