# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3ad4041d-490a-4173-8cd5-48c030030e7b
**Court:** BE_NAB
**Chamber:** BE_NAB_001
**Year:** 2014
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
A.
Die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) hat am 20. Dezember
2012 das Kreisschreiben an die im Notariatsregister des Kantons Bern ein-
getragenen Notarinnen und Notare über den Liegenschaftshandel, die
Liegenschaftsvermittlung und die Liegenschaftsverwaltung erlassen (nach-
folgend: KS LH; einsehbar unter <www.jgk.be.ch>, Rubriken «Aufsicht/No-
tariatNVeisungen»). Als Zeitpunkt des Inkrafttretens wurde der 1. Januar
2013 bestimmt (Ziff. 5 KS LH), wobei die JGK aufsichtsrechtliche Konse-
quenzen für Verstösse (erst) ab 1. Juli 2013 in Aussicht stellte (Ziff. 6
KS LH). Vor diesem Hintergrund ersuchte Notar die JGK
um Feststellung, dass seine Tätigkeit als Verwaltungsratspräsident der
AG mit seinem Beruf als Notar vereinbar sei (Schreiben vom
25.3.2013). Mit Verfügung vom 11. Juni 2013 stellte die JGK fest, die fragli-
che Tätigkeit sei nicht mit dem Notariatsberuf vereinbar.
B.
Hiergegen hat am 12. Juli 2013 Verwaltungsgerichts-
beschwerde erhoben mit dem Rechtsbegehren, die Verfügung der JGK
vom 11. Juni 2013 aufzuheben und festzustellen, dass das Mandat als Ver-
waltungsratspräsident der AG mit dem Notariatsberuf vereinbar
sei.
Die JGK schliesst mit Vernehmlassung vom 2. August 2013 auf Abweisung
der Beschwerde. Es haben sich am 15. August und
14. Oktober 2013 und die JGK am 6. September 2013 erneut vernehmen
lassen.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 3

## Considerations

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerde als
letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des
Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG;
BSG 155.21) zuständig (vgl. auch Art. 40 Abs. 1 des Notariatsgesetzes
vom 22. November 2005 [NG; BSG 169.11]). Der Beschwerdeführer hat
am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen, ist durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de-
ren Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG). Obschon der Be-
schwerdeführer dies nicht eigens begründet, verfügt er unbestrittenermas-
sen auch über ein Feststellungsinteresse: Zum einen ist nicht ersichtlich,
inwiefern hier ein Leistungs- oder Gestaltungsbegehren zum Ziel führen
könnte, und zum andern ist es dem Beschwerdeführer nicht zuzumuten, die
Anordnung einer Disziplinarmassnahme abzuwarten, um die Zulässigkeit
seiner Nebenbeschäftigung klären zu lassen. Der Feststellungsantrag ist
mithin zulässig (vgl. BVR 2014 S. 267 E. 1.1, S. 33 E. 1.4). Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
1.2 Das Verwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung auf
Rechtsverletzungen hin (Art. 80 VRPG).
1.3 Ihrer Beschwerdevernehmlassung hat die JGK unter anderem Be-
merkungen zur Personenfreizügigkeit von Notarinnen und Notaren beige-
legt, die Prof. Stephan Wolf und Riccardo Brazerol am 6. Mai 2013 zuhan-
den des Verbands bernische Notare (VbN) verfasst haben (Beilage 1;
act. 3A). Weiter hat sie eine Aufstellung «Prüfungsbereiche im Rahmen von
Art. 3, 4, 15 und 16 NG sowie Art. 13 NV» eingereicht, für die offenbar eine
kantonale Arbeitsgruppe der JGK und des VbN verantwortlich zeichnet
(Beilage 4; act. 3A). Der Beschwerdeführer beantragt, diese beiden Doku-
mente aus den Akten zu weisen, weil es sich um interne Unterlagen des
VbN handle, die nicht für die JGK bestimmt seien und die deshalb «nicht
als Beweismittel verwendet werden» dürften (Eingabe vom 15.8.2013). Der
Verfahrensantrag wird abgewiesen: Zunächst handelt es sich bei den be-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 4
treffenden Dokumenten nicht um Beweismittel im Sinn von Art. 19 VRPG,
da sie Rechts- und nicht Tatfragen zum Inhalt haben. Weiter ist nicht nach-
vollziehbar, weshalb der Umstand, dass es sich um einen dem VbN er-
statteten Bericht bzw. um ein Dokument einer kantonalen Arbeitsgruppe
handelt, einer Berücksichtigung im Beschwerdeverfahren entgegenstehen
sollte. Insbesondere ist weder ersichtlich noch geltend gemacht, dass die
betreffenden Unterlagen vertraulicher Natur wären. Im Übrigen handelt es
sich beim VbN nicht um einen beliebigen privaten Verein, ist er doch von
der JGK mit der Revision der Notariatsbüros beauftragt worden und nimmt
insoweit eine öffentliche Aufgabe wahr (vgl. Art. 38 Abs. 4 NG; BVR 2013
S. 264 E. 5.3.2, 2007 S. 145 E. 4.3 und 4.5.2 f.). Schliesslich kommt rechtli-
chen Meinungsäusserungen von Dritten ohnehin keine massgebliche Be-
deutung zu, da das Verwaltungsgericht das Recht von Amtes wegen anzu-
wenden hat (Art. 20a Abs. 1 VRPG).
2.
2.1 • Der Beschwerdeführer ist seit dem 11. Februar 2005 als Verwal-
tungsratspräsident der (vormals: ) im
Handelsregister eingetragen. Die Gesellschaft bezweckt die «Erbringung
einer umfassenden Palette von Immobiliendienstleistungen durch Beratung
beim Erwerb, bei der Überbauung, bei der Veräusserung, Vermietung oder
Verpachtung sowie der Bewirtschaftung von Grundstücken aller Art mit
Einschluss von Stockwerkeigentum; [sie] kann Grundeigentum erwerben,
erstellen, verkaufen, vermieten und verwalten oder Beteiligungen an Unter-
nehmen erwerben oder veräussern».
2.2 Gemäss Art. 3 NG haben Notarinnen und Notare ihren Beruf unab-
hängig und auf eigene Verantwortung auszuüben. Art. 4 NG sieht zudem
verschiedene Unvereinbarkeitsgründe vor: Notarinnen und Notare sind
grundsätzlich von anderen beruflichen Tätigkeiten ausgeschlossen, deren
Erfüllung ihre Arbeitszeit überwiegend beansprucht (Abs. 1). Unvereinbar
mit der Ausübung des Notariatsberufs ist sodann die gleichzeitige Tätigkeit
in der Grundbuch- oder Handelsregisterführung (Abs. 2). Weiter dürfen
Notarinnen und Notare keine Tätigkeiten ausüben, die mit einer unabhängi-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 5
gen und einwandfreien Berufsausübung oder mit dem Ansehen des Notari-
ats nicht vereinbar sind. Unvereinbar sind namentlich Spekulations-
geschäfte jeglicher Art sowie die Übernahme von Bürgschaften oder Ga-
rantien im Zusammenhang mit der Berufsausübung. Die Notarin oder der
Notar darf eine solche Tätigkeit auch nicht durch Dritte ausüben lassen
(Abs. 3). Ausdrücklich zulässig sind aber die gleichzeitige Ausübung des
Notariats- und des Rechtsanwaltsberufs (Abs. 4) sowie die Ausübung des
Notariatsberufs im Anstellungsverhältnis zu einer anderen im Notariats-
register eingetragen Urkundsperson (Abs. 5). Unter Vorbehalt dieser Un-
vereinbarkeitbestimmungen sind Notarinnen und Notare gemäss Art. 29
NG berechtigt, neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit Aufträge für Rechts-
beratung, Vermögensverwaltung, Treuhandfunktionen und ähnliche Ver-
richtungen zu übernehmen (Abs. 1); diese nebenberufliche Tätigkeit unter-
steht dem Privatrecht (Abs. 2).
2.3 Die JGK ist Aufsichtsbehörde über das Notariat. In dieser Funktion
erteilt sie das Notariatspatent, überwacht die Einhaltung der für die Berufs-
ausübung geltenden Vorschriften und führt das Notariatsregister (Art. 38
Abs. 1 NG). Sie kann zur Beseitigung drohender oder festgestellter gesetz-
widriger Zustände sowie zum Schutz erheblicher öffentlicher oder privater
Interessen Weisungen erteilen und vorsorgliche Massnahmen anordnen
(Art. 38 Abs. 3 NG). In der angefochtenen Verfügung hat die JGK festge-
stellt, die Organstellung des Beschwerdeführers bei der
verstosse gegen die gesetzliche Unvereinbarkeitsregelung. Sie führt aus,
nach Lehre und langjähriger Praxis seien weder der gewerbsmässige Im-
mobilienhandel noch die Liegenschaftsvermittlung gegen Provision mit dem
Ansehen des Notariats im Sinn von Art. 4 Abs. 3 NG vereinbar, wobei
Ziff. 3 Bst. e KS LH der Präzisierung dieses Grundsatzes diene. Aus der
darin enthaltenen Umschreibung der Unvereinbarkeit ergebe sich, dass
jede rechtliche oder faktische Organstellung in einer Immobiliengesellschaft
mit dem Notarberuf unvereinbar sei. Deshalb sei unerheblich, wenn der
Beschwerdeführer bei der lediglich «führungstechnische
Aufgaben» wahrnehme. Ferner hat es die JGK als verfassungskonform
erachtet, dass das KS LH zwar eine Beteiligung an einer Immobiliengesell-
schaft im Umfang bis zu einem Drittel zulasse, die Mitwirkung aber generell
ausschliesse. — Demgegenüber hält der Beschwerdeführer seine Organ-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 6
stellung bei der für mit dem Notariatsberuf vereinbar. Er
macht zunächst geltend, das KS LH sei als solches rechtswidrig. Weiter
dürften Einschränkungen von beruflichen Nebentätigkeiten mit Blick auf die
«starke privatwirtschaftliche Stellung» der Notarinnen und Notare nur zu-
rückhaltend angeordnet werden, wobei das Verbot jeglicher Mitwirkung in
Immobiliengesellschaften einen unzulässigen schweren Eingriff in die Wirt-
schaftsfreiheit darstelle. Die JGK habe das KS LH überdies unrichtig ange-
wendet und gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstossen, weil
sie seit dem Jahre 2008 von seiner Tätigkeit für die Kenntnis
habe, ohne dies aufsichtsrechtlich beanstandet zu haben.
3.
Für die vorliegende Streitigkeit massgebend ist Art. 4 Abs. 3 NG, wonach
Notarinnen und Notare keine Tätigkeiten ausüben dürfen, die mit einer «un-
abhängigen und einwandfreien Berufsausübung» oder mit dem «Ansehen
des Notariats» unvereinbar sind. Es steht insoweit die Handhabung von
unbestimmten Rechtsbegriffen in Frage, die der JGK als Aufsichtsbehörde
gewisse Beurteilungsspielräume überlassen. Zwecks Konkretisierung die-
ser Spielräume hat die JGK das KS LH erlassen, in dem sie sowohl die mit
dem Notariatsberuf unvereinbaren (Ziff. 3) als auch die damit vereinbaren
Tätigkeiten und Geschäfte (Ziff. 4) näher umschreibt.
3.1 Der Beschwerdeführer beanstandet den Erlass eines Kreisschrei-
bens und macht geltend, es fehle dem KS LH an einer gesetzlichen Grund-
lage.
3.1.1 Er rügt, die darin enthaltene Konkretisierung der Unvereinbar-
keitsregelung lasse sich nicht auf Art. 4 Abs. 3 NG stützen, sondern gehe
über den gesetzlichen Rahmen hinaus. Weiter stelle die Aufzählung der
unvereinbaren Tätigkeiten keine interne Richtlinie für die «Bewilligungs-
behörde» dar, sondern richte sich unmittelbar an Dritte, indem sie den ber-
nischen Notarinnen und Notaren ganz bestimmte Nebentätigkeiten im
Immobilienbereich untersage. Es handle sich beim KS LH deshalb um eine
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 7
Regelung, wie sie richtigerweise im Notariatsgesetz oder in einer (kompe-
tenzgemässen) Rechtsverordnung zu treffen wäre (Beschwerde, S. 4 ff.).
3.1.2 Diese Einwände sind nicht stichhaltig: Die JGK hat im KS LH primär
ihre eigene langjährige Praxis umschrieben, wie sie bereits im zuvor mass-
gebenden Kreisschreiben vom 30. März 1965 an die praktizierenden No-
tare des Kantons Bern über ihre Pflichten beim Liegenschaftshandel und
die Vermittlung von Liegenschaften in BN 1965 S. 1 ff. veröffentlicht wor-
den ist (vgl. Ziff. 1f. KS LH). Mit dieser Konkretisierung der von Art. 4
Abs. 3 NG verwendeten unbestimmten Rechtsbegriffe will die JGK in ihrer
Funktion als Aufsichtsbehörde eine möglichst einheitliche und sachge-
rechte Rechtsanwendung sicherstellen. Zudem bezweckt sie, die betroffe-
nen Notarinnen und Notare, die für ihre hauptberufliche Tätigkeit in einem
öffentlich-rechtlichen Verhältnis zum Staat stehen (vgl. hinten E. 3.2.5) und
diesbezüglich Weisungen der Aufsichtsbehörde zu befolgen haben, über
ihre entsprechende Praxis zu informieren (Ziff. 1 KS LH), weshalb das
Kreisschreiben gleichzeitig der Rechtssicherheit dient. Entgegen der Auf-
fassung des Beschwerdeführers enthält das KS LH keine Rechtssätze im
Sinn von Art. 2 Bst. e des Publikationsgesetzes vom 18. Januar 1993
(PuG; BSG 103.1), sondern formuliert Richtlinien, wie sie typischerweise in
einer Verwaltungsverordnung enthalten sind. Es handelt sich dabei um eine
Meinungsäusserung der zuständigen Aufsichtsbehörde zur Konkretisierung
der Generalklauseln, mit denen Art. 4 Abs. 3 NG die Unvereinbarkeit bzw.
die für Notarinnen und Notare unzulässigen Nebenbeschäftigungen um-
schreibt. Der Erlass einer solchen Verwaltungsverordnung bedarf keiner
spezifischen rechtlichen Grundlage, ergibt sich die entsprechende Rege-
lungsbefugnis doch ohne weiteres aus der Vollzugskompetenz der JGK
bzw. deren Funktion als Aufsichtsbehörde (vgl. etwa Uhlmann/Binder, Ver-
waltungsverordnungen in der Rechtsetzung: Gedanken über Pechmarie, in
LeGes 2009 S. 153 f.). Dass die Notarinnen und Notare das KS LH zu be-
achten haben, ist denn auch nicht etwa dessen Charakter als aus Rechts-
sätzen bestehender Erlass geschuldet, sondern resultiert aus der Über-
tragung einer öffentlichen Aufgabe und der damit verbundenen gesetzli-
chen Unterstellung unter die Aufsicht der JGK.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 8
3.t3 Nach dem Gesagten berücksichtigt das Verwaltungsgericht bei der
Beurteilung, ob eine Tätigkeit im Immobilienbereich mit dem Notariatsberuf
vereinbar ist, das KS LH trotz dessen mangelnder Gesetzeskraft. Die Mit-
berücksichtigung steht allerdings unter dem Vorbehalt, dass der einschlä-
gige Passus der Richtlinie nicht gegen gesetzliche Bestimmungen verstösst
und Art. 4 Abs. 3 NG auf einzelfallgerechte, überzeugende und praktikable
Art und Weise konkretisiert (vgl. BVR 2012 S. 121 E. 4.1.2 mit Hinweisen;
zum Ganzen auch Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungs-
recht, 4. Aufl. 2014, § 41 N. 16; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar
zum bernischen VRPG, 1997, Art. 66 N. 12; Uhlmann/Binder, a.a.O.,
S. 163 f.). Ob und inwieweit diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist nicht
abstrakt, sondern anhand der Beurteilung im konkreten Einzelfall zu be-
urteilen. Es ist deshalb nicht weiter auf jene Vorbringen des Beschwerde-
führers einzugehen, die sich zwar mit dem KS LH auseinandersetzen, aber
keinen Bezug zu der hier zu beurteilenden Streitfrage und dem ihr zu-
grunde liegenden Sachverhalt aufweisen.
3.2 Der Beschwerdeführer beruft sich ausdrücklich auf die Wirtschafts-
freiheit (Art. 27 der Bundesverfassung [BV; SR 101]; Art. 23 der Verfassung
des Kantons Bern [KV; BSG 101.1]) und eine angeblich «starke privatwirt-
schaftliche Stellung» der Notarinnen und Notare, um eine übermässige
Einschränkung durch das KS LH geltend zu machen. Er stützt seine dahin-
gehenden Ausführungen auf die Betrachtungsweise des Europäischen Ge-
richtshofs (EuGH), gemäss der es sich beim Notariatsberuf nicht um eine
hoheitliche Tätigkeit handle. Diese Rechtsprechung sei mit Blick auf das
Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenos-
senschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mit-
gliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (FZA; SR 0.142.112.681)
auch für die Schweiz massgebend. Ein «Berufsverbot» dürfe deshalb nur
soweit reichen, als «die Unabhängigkeit des Notars im Rahmen seiner tat-
sächlichen hoheitlichen Tätigkeit gefährdet» sei. Erforderlich sei eine Inte-
ressenkollision zwischen der Nebentätigkeit und der Beurkundungstätigkeit,
wobei ein «blosser Generalverdacht», wie er dem KS LH zugrunde liege,
nicht ausreiche. Das Kreisschreiben führe zu einem schweren Eingriff in die
Wirtschaftsfreiheit und müsse deshalb den verfassungsrechtlichen Anforde-
rungen von Art. 36 BV bzw. Art. 28 KV genügen; es fehle insoweit jedoch
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 9
nicht nur an einer hinreichenden gesetzlichen Grundlage, sondern die Ein-
schränkungen lägen auch weder im öffentlichen Interesse noch wahrten sie
die Verhältnismässigkeit (Beschwerde, S. 7 ff.).
3.2.1 Der Beschwerdeführer verkennt zunächst, dass er sich als Berner
Notar weder auf das FZA noch auf die Rechtsprechung des EuGH zur
Dienstleistungsfreiheit berufen kann. Das FZA bezweckt, den freien Perso-
nen- und Dienstleistungsverkehr zwischen den Vertragsparteien zu ver-
wirklichen, und ist nicht auf Sachverhalte anwendbar, die einen Mitglied-
staat rein intern betreffen (vgl. etwa BGer 2A.226/2002 vom 17.1.2003,
E. 4.2, 2A.73/2003 vom 25.6.2003, E. 5).
3.2.2 Weiter mag die Rechtsprechung des EuGH zur mangelnden hoheit-
lichen Natur der Tätigkeit als Notar (vgl. Urteil vom 24.5.2011, Kommission
c. Deutschland, C-54/08, Sig. 2011, 1-4355, Rz. 116) dazu geführt haben,
dass der Bund vor dem Hintergrund des FZA rechtliche Grundlagen ge-
schaffen hat, die eine grenzüberschreitende Dienstleistungserbringung
durch europäische Notarinnen und Notare ermöglichen sollen (vgl. Art. 3
Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 2012 über die Meldepflicht
und die Nachprüfung der Berufsqualifikationen von Dienstleistungserbrin-
gerinnen und -erbringern in reglementierten Berufen [BGMD; SR 935.01]
i.V.m. Art. 10 ff. der zugehörigen Verordnung vom 26. Juni 2013 [VMD;
SR 935.011] und Ziff. 11 Anhang I VMD). Weil die «Ausübung hoheitlicher
Befugnisse» an sich vom Geltungsbereich des FZA ausgeschlossen wäre
(vgl. Ad. 22 Abs. 1 Anhang I FZA), spricht diese neue Regelung auf Bun-
desebene implizit für eine Betrachtung des Notariatsberufs als nicht hoheit-
liche Tätigkeit. Soweit sich der Beschwerdeführer auf diese Zusammen-
hänge beruft (vgl. Eingabe vom 14.10.2013), übersieht er jedoch, dass ein
entsprechendes Verständnis des Notariatsberufs von vornherein nur im
internationalen Verhältnis zu den Vertragsstaaten des FZA Geltung be-
anspruchen kann. Auch wenn der materielle Begriff der öffentlichen Beur-
kundung dem Bundesrecht angehört, liegt die Kompetenz zu deren gesetz-
lichen Regelung bei den Kantonen (Art. 55 SchIT des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches [ZGB; SR 210]). Zumindest im Binnenverhältnis haben
allein diese zu bestimmen, wer auf dem Kantonsgebiet zur Errichtung von
öffentlichen Urkunden befugt und wie dabei vorzugehen ist. Neben der
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 10
Zuständigkeit und der Form des Verfahrens sind insbesondere die Auf-
gaben und Berufspflichten der Urkundspersonen zu regeln (BGE 133 1 259
E. 2.1, 131 II 639 E. 6.1; BVR 2013 S. 264 E. 4.2.2). Angesichts dieser
Kompetenzregelung ist der Umstand, dass die Bundesbehörden die Trag-
weite des Begriffs der «Ausübung hoheitlicher Befugnisse» in einem
Staatsvertrag einschränken und deshalb das Notariat in gewissem Masse
für die innereuropäische Dienstleistungsfreizügigkeit öffnen wollen, nicht
massgebend. Er ändert nichts daran, dass es sich bei der öffentlichen Be-
urkundung um eine amtliche und hoheitliche Tätigkeit handelt, bei deren
Ausübung die Urkundsperson als kantonales staatliches Organ wirkt (so
auch BGE 133 1 259 E. 2.2, 131 II 639 E. 6.1, 128 1 280 E. 3). Der Be-
schwerdeführer kann deshalb auch aus der Umsetzung der Recht-
sprechung des EuGH im Bundesrecht nichts zu seinen Gunsten ableiten.
3.2.3 Die Regelung von BGMD und VMD führt ferner nicht dazu, dass das
Notariat neu dem Bundesgesetz vom 6. Oktober 1995 über den Binnen-
markt (Binnenmarktgesetz, BGBM; SR 943.02) unterstellt wäre: Gemäss
Art. 4 Abs. 3bis BGBM erfolgt die Anerkennung von Fähigkeitsausweisen für
Erwerbstätigkeiten zwar grundsätzlich auch im Binnenverhältnis nach
Massgabe des FZA (vgl. BGE 136 II 470 E. 3.2). Allenfalls könnte sich
deshalb über das FZA aus der europäischen Dienstleistungsfreizügigkeit
eine grössere Mobilität der Notarinnen und Notare auch innerhalb der
Schweiz ergeben (in diesem Sinn die Empfehlung der Wettbewerbs-
kommission [VVEKO] vom 23.9.2013 [614-0002], Rz. 54 ff. und 98; act. 9A).
Nach geltendem Recht sind hoheitliche Tätigkeiten jedoch ausdrücklich
vom Anwendungsbereich des BGBM ausgenommen (vgl. Art. 1 Abs. 3
BGBM), wobei die öffentliche Beurkundung nach einhelliger Schwei-
zerischer Rechtsauffassung eine solche darstellt (BGE 1331 259 E. 2.2,
131 II 639 E. 6.1, 128 1 280 E. 3; BGer 20_121/2011 vom 9.8.2011,
E. 3.3.1; vgl. auch die Botschaft des Bundesrats vom 24.11.2004 über die
Änderung des Binnenmarktgesetzes [BBI 2005 S. 503]). Daran ändert
nichts, dass das Notariat im (internationalen) Verhältnis mit der EU neuer-
dings nicht mehr als «Ausübung hoheitlicher Befugnisse» gelten soll. Aus
der damit verbundenen Anerkennung gleichwertiger ausländischer Fähig-
keitsausweise ergibt sich — ungeachtet der Regelung von Art. 4 Abs. 3b's
BGBM — keine automatische Anpassung des Geltungsbereichs des Bin-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 11
nenmarktgesetzes, selbst wenn dieser grundsätzlich mit dem Anwendungs-
bereich des FZA übereinstimmen soll (vgl. Botschaft, BBI 2005 S. 484). Der
Begriff der «nicht hoheitlichen, auf Erwerb gerichteten Tätigkeiten», die
vom BGBM erfasst werden (Art. 1 Abs. 3 BGBM), ist allein nach hiesiger
Rechtsauffassung und nicht nach der Rechtsprechung des EuGH zum
europäischen Gemeinschaftsrecht auszulegen, auch wenn es in gewissen
Fällen angezeigt sein mag, im Rahmen des FZA neue Rechtsprechung des
EuGH zu berücksichtigen, um für den Anwendungsbereich des FZA eine
parallele Rechtslage in der Schweiz zu verwirklichen (vgl. BGE 136 II 5
E. 3.4). Im Übrigen ist — anders als die WEKO meint (vgl. Empfehlung,
Rz. 58 if.; act. 9A) — der Begriff der hoheitlichen Tätigkeiten nicht darum ins
BGBM aufgenommen worden, um eine Übereinstimmung der Geltungs-
bereiche des BGBM und des FZA herzustellen. Dieses Ziel wäre bereits mit
der ursprünglichen Formulierung gemäss dem Entwurf des Bundesrats
verwirklicht gewesen («Tätigkeiten, die den Schutz der Wirtschaftsfreiheit
geniessen»; vgl. BBI 2005 S. 484 und 505); der von den Räten beschlos-
sene Wortlaut des geltenden Art. 1 Abs. 3 BGBM sollte lediglich einfacher
verständlich sein und so Klarheit schaffen (vgl. Amtl. Bull. SR 2005 S. 762).
3.2.4 Schliesslich besteht ohne gesetzliche Konkretisierung kein An-
spruch auf Vermeidung einer Schlechterstellung von schweizerischen
Notarinnen und Notaren im Vergleich zu solchen aus der Europäischen
Union (sog. «Inländerdiskriminierung»; vgl. etwa BGE 136 11 120 E. 3). Zu
bemerken bleibt allerdings, dass sich nach dem Gesagten auch dann
nichts am hoheitlichen Charakter der Beurkundungstätigkeit ändern würde,
wenn die Kantone neben eigenen Notarinnen und Notaren auf ihrem Ge-
biet auch solche mit ausserkantonalem Fähigkeitsausweis zur öffentlichen
Beurkundung zulassen (so der Kanton Bern, vgl. Art. 9 Abs. 2 NG und
Art. 4 der Notariatsverordnung vom 26. April 2006 [NV; BSG 169.112]) oder
in einem anderen Kanton ausgestellte notarielle Dokumente als öffentliche
Urkunden anerkennen sollten. Zusammenfassend lässt sich weder aus
dem FZA noch aus der Rechtsprechung des EuGH zur mangelnden hoheit-
lichen Natur des Notariatsberufs oder den betroffenen Erlassen des Bun-
des (BGMD, VMD und BGBM) etwas für die Rechtsstellung des Beschwer-
deführers ableiten.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 12
3.2.5 Es bleibt mithin dabei, dass Notarinnen und Notare aufgrund der
ihnen verliehenen Beurkundungsbefugnis Träger einer hoheitlichen Funk-
tion sind und sich, weil sie an der Staatsgewalt teilhaben, nicht auf die Wirt-
schaftsfreiheit gemäss Art. 27 BV und Art. 23 KV berufen können. Dies gilt
unabhängig davon, ob mit der Beurkundung nach kantonalem Recht
Staatsangestellte oder freierwerbende Notarinnen und Notare beauftragt
sind (BGE 133 I 259 E. 2.2, 131 II 639 E. 6.1, 128 I 280 E. 3; vgl. auch
VVolf/Pfammatter bzw. Daniel Jacobi, in Stephan Wolf [Hrsg.], Kommentar
zum Notariatsrecht des Kantons Bern, 2009, Art. 2 N. 6 bzw. Art. 6 N. 5;
Michel Mooser, Le droit notarial en Suisse, 2005, Rz. 53; Peter Ruf, Nota-
riatsrecht, 1995, Rz. 250f.; Christian Brückner, Schweizerisches Beurkun-
dungsrecht, 1993, Rz. 481 und 487; Hans Marti, Bernisches Notariatsrecht,
1983, Art. 2 aNG N. 5). Soweit der Beschwerdeführer sich auf die Wirt-
schaftsfreiheit beruft, ist also nicht weiter auf seine Vorbringen einzugehen.
Zwar trifft zu, dass Nebenerwerbstätigkeiten im Sinn von Art. 29 Abs. 2 NG
privatwirtschaftlicher Natur sind und ihrerseits in den Schutzbereich von
Art. 27 BV und Art. 23 KV fallen (VVolf/Pfammatter, a.a.O., Art. 2 NG N. 8).
Die Frage, welche Erwerbstätigkeiten neben der hoheitlichen Funktion als
Urkundsperson zulässigerweise ausgeübt werden dürfen, bildet jedoch Teil
der gesetzlichen Ausgestaltung der Haupttätigkeit als Notarin oder Notar
und wird deshalb nicht vom Schutzbereich der Wirtschaftsfreiheit erfasst
(vgl. BGE 133 I 259 E. 2f.).
3.3 Der Beschwerdeführer erwähnt sodann das Legalitäts- und das Ver-
hältnismässigkeitsprinzip (Art. 5 Abs. 1 und 2 BV), ohne mit diesen Aus-
führungen jedoch irgendwelche Rügen zu verbinden (Beschwerde, S. 10);
darauf braucht nicht weiter eingegangen zu werden. Anschliessend macht
er eine Verletzung von Rechtsgleichheitsgebot (Art. 8 Abs. 1 By; Art. 10
Abs. 1 KV) und Willkürverbot (Art. 9 BV; Art. 11 Abs. 1 KV) geltend: Es sei
kein sachlicher Grund dafür erkennbar, weshalb im KS LH eine Mitwirkung
als Organ einer Immobiliengesellschaft generell verboten werde, während
eine stimm- oder kapitalmässige Beteiligung bis zum Umfang von einem
Drittel zulässig sei (Beschwerde, S. 10 f.). Mit diesem Vorbringen übersieht
der Beschwerdeführer, dass das Verwaltungsgericht das Kreisschreiben
zwar bei der Beurteilung der Rechtsmässigkeit der angefochtenen Ver-
fügung in angemessener Weise mitberücksichtigt (vgl. vorne E. 3.1.3), aber
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 13
nicht abstrakt und losgelöst von einem konkreten Anwendungsfall über-
prüft. Vorliegend ist über das Ausmass der Beteiligung des Beschwerde-
führers an der nichts aktenkundig und allein dessen Mandat
als Verwaltungsratspräsident beanstandet worden. Bei diesen Gegeben-
heiten ist nicht zu erörtern, ob und inwieweit es Notarinnen und Notaren
untersagt werden darf, sich an Immobiliengesellschaften zu beteiligen.
Ebenso wenig ist zu beurteilen, wie sich eine allfällige solche Beschrän-
kung unter Rechtsgleichheits- und Willkürgesichtspunkten zum Verbot ver-
halten würde, in einer Immobiliengesellschaft die Stellung eines Organs zu
bekleiden. Es ist einzig zu prüfen, ob die JGK zu Recht auf die Unver-
einbarkeit der Funktion bei der mit dem Notariatsberuf er-
kannt hat.
3.4 Der Beschwerdeführer schildert ferner die Regelung der Neben-
erwerbstätigkeiten gemäss dem (bis Ende 1981 geltenden) Dekret vom
3. Februar 1937 über die nebenberufliche Tätigkeit der Notare (DNT;
GS 1936-1940 S. 147 f.) sowie gemäss dem gestützt darauf erlassenen
(alten) Kreisschreiben vom 30. März 1965 (vgl. vorne E. 3.1.2). Dabei
kommt er zum Schluss, das Verbot, in einer Immobiliengesellschaft mitzu-
wirken, stelle eine «Verschärfung der bisherigen Rechtslage» dar; früher
seien Organstellungen bei Immobiliengesellschaften zulässig gewesen.
Zudem beanstandet er, dass es diesem Verbot an einer «Delegations-
norm» fehle (Beschwerde, S. 12 ff.). — Es wurde bereits festgehalten, dass
sich das KS LH als Verwaltungsverordnung auf die Aufsichtskompetenz der
JGK stützen kann und keiner ausdrücklichen gesetzlichen Grundlage
bedarf (vgl. vorne E. 3.1.2); darauf kann verwiesen werden. Sodann ist für
den Ausgang des Verfahrens unerheblich, ob das KS LH die im Kreis-
schreiben vom 30. März 1965 publizierte Praxis in jeder Einzelheit weiter-
führt oder allenfalls im einen oder anderen Punkt eine strengere Haltung
einnimmt. Entscheidend ist allein, ob es bzw. ob die darauf gestützte ange-
fochtene Verfügung Art. 4 Abs. 3 NG rechtmässig konkretisiert.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 14
4.
Dies ist in der Folge zu prüfen, macht doch der Beschwerdeführer ebenfalls
geltend, die JGK habe Art. 4 Abs. 3 NG bzw. das Kreisschreiben unrichtig
angewendet. In Frage steht dabei Ziff. 3 Bst. e KS LH, gemäss der fol-
gende Tätigkeiten mit der Ausübung des Notariatsberufs unvereinbar sind:
«Die Beteiligung an und Mitwirkung in Gesellschaften, deren statutarischer oder tatsächlicher Zweck im gewerbsmässigen  oder in der gewerbsmässigen  besteht (Immobiliengesellschaften). Als Mitwirkung gilt  die rechtliche oder faktische Organ- und  sowie das Führen der Unterschrift (). Als Beteiligung gilt die finanzielle oder  Beteiligung, die eine rechtliche oder faktische  auf die Geschäftsführung oder eine beherrschende  bewirkt. Unzulässig sind in jedem Fall: - der Besitz von mehr als 1/3 des Gesellschaftskapitals - die Verfügung über mehr als 1/3 der Stimmen in der General-
oder Gesellschaftsversammlung.»
4.1 Die gesetzliche Regelung der Unvereinbarkeit ist vor dem Hinter-
grund zu sehen, dass Unabhängigkeit und Neutralität der freiberuflich täti-
gen Urkundspersonen für deren Amtsführung von herausragender Bedeu-
tung sind (vgl. BCE 133 I 259 E. 3.3). Art. 4 Abs. 3 NG und dessen Kon-
kretisierung im KS LH sollen mithin vorab die Qualität der notariellen Amts-
führung sichern (vgl. Mooser, a.a.O., Rz. 101). Mit Blick hierauf sind den
Notarinnen und Notaren all jene Nebenerwerbstätigkeiten untersagt, die im
Rahmen der Haupttätigkeit als Urkundsperson zu einem tatsächlichen Inte-
ressenkonflikt führen. Weil freiberuflich tätige Urkundspersonen aber ein
öffentliches Amt bekleiden, kann es damit nicht sein Bewenden haben. Das
Ansehen des Notariats wird nicht nur beeinträchtigt, wenn die Urkunds-
person in einem konkreten Fall von einem offensichtlichen Interessen-
konflikt betroffen ist. Vielmehr reicht aus, dass sie eine Nebenerwerbstätig-
keit ausübt, mit der eine Möglichkeit von Interessenkonflikten verbunden
ist; es verhält sich insoweit ähnlich wie mit den Ausstandspflichten, denen
andere Amtsträgerinnen und Amtsträger unterstehen und die gemeinhin
schon dann greifen, wenn ein objektiver Anschein von Befangenheit be-
steht (vgl. hierzu Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 9 N. 15). Zwar
haben Notarinnen und Notare demnach hohen Anforderungen an Unab-
hängigkeit und Integrität zu genügen; umgekehrt stellt es ein Privileg ihres
Berufsstands dar, für die notarielle Tätigkeit gestützt auf die Verordnung
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 15
vom 26. April 2006 über die Notariatsgebühren (GebVN; BSG 169.81) eine
— zudem im interkantonalen Vergleich grosszügig bemessene (vgl. hierzu
die Berichte des Preisüberwachers vom November 2009 und Juli 2007 zu
den kantonalen Notariatstarifen; abrufbar unter <wwvv.preisueber-
wacher. admin.ch>, Rubriken «Themen/Diverse/Notariat») — öffentlich-
rechtliche Kausalabgabe erheben zu können (vgl. dazu VGE 23321 vom
11.11.2008, E. 3.1; vgl. auch BGE 126 I 180 E. 2b/dd mit Hinweisen). Es ist
deshalb auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ohne weiteres hinzu-
nehmen, dass die Notarinnen und Notare wegen ihrer hoheitlichen Funk-
tion gewissen (lukrativen) Nebenerwerbstätigkeiten nicht nachgehen
können.
4.2 Mit Blick auf Immobiliengeschäfte ergibt sich daraus Folgendes:
Während die Liegenschaftsverwaltung im Sinn einer Administration von
ruhendem Vermögen auch für Urkundspersonen grundsätzlich zulässig
erscheint (so auch Brückner, a.a.O., Rz. 3481), führt eine Beteiligung am
Liegenschaftshandel bei diesen zwangsläufig zum Risiko von Interessen-
konflikten. Angesichts der Gefahr, dass die Urkundsperson Marktinforma-
tionen, die ihr von der Klientschaft anvertraut werden, für eigene Zwecke
verwendet, ist jede Betätigung im Grundstückshandel geeignet, die Neutra-
lität der Notarin bzw. des Notars in Frage zu stellen (Brückner, a.a.O.,
Rz. 3482). Eine Nebenerwerbstätigkeit als Liegenschaftshändler ist des-
halb nicht nur im Kanton Bern, sondern auch nach allgemeiner Schweizeri-
scher Rechtsauffassung mit dem Ansehen des Notariatsberufs nicht verein-
bar (vgl. Mooser, a.a.O., Rz. 104; Ruf, a.a.O., Rz. 448). Dabei unterschei-
det sich eine Beteiligung am Liegenschaftshandel als Organ einer Immobi-
liengesellschaft auch nach höchstrichterlicher Rechtsprechung nicht von
einer selbständigen Betätigung der Urkundsperson als Liegenschaftshänd-
ler (vgl. BGE 133 I 259 E. 3.3). Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstan-
den, dass die JGK in Ziff. 3 Bst. e KS LH das Bekleiden einer Organ-
stellung oder das Wahrnehmen einer Geschäftsführungsfunktion für eine
Immobiliengesellschaft als unzulässige Form der «Mitwirkung» bezeichnet.
Solche Mandate sind ohne weiteres im Sinn von Art. 4 Abs. 3 NG «mit
einer unabhängigen und einwandfreien Berufsausübung» unvereinbar.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 16
4.3 Zu prüfen bleibt demnach, ob die JGK Ziff. 3 Bst. e KS LH zu Recht
auf den Beschwerdeführer angewendet hat.
4.3.1 Dieser wendet ein, sein Mandat als Verwaltungsratspräsident falle
nicht unter Ziff. 3 Bst. e KS LH, weil die nicht gewerbsmässi-
gen Liegenschaftshandel betreibe, sondern eine «umfassende Palette von
Immobiliendienstleistungen» erbringe. Weiter werde «eine tatsächliche
Einmischung in die operationelle Geschäftstätigkeit» vorausgesetzt, wäh-
rend er sich als Führungsorgan auf Strategie, Organisation und Risiko-
management des Unternehmens beschränke und keinen Einfluss auf das
operationelle Geschäft nehme. Zudem sei er zwar zeichnungsberechtigt,
aber bloss mit Kollektivunterschrift zu zweien, könne also den Geschäfts-
gang nicht selbständig beeinflussen. Sodann dürfe das Kreisschreiben nur
Tätigkeiten ausschliessen, welche die Unabhängigkeit der Notarin oder des
Notars oder das Ansehen des Notariats beeinträchtigen könnten, was
vorab bei spekulativen Tätigkeiten oder unverhältnismässigen Gewinn-
chancen der Fall sei. Diese Voraussetzungen seien bei der _
die im Immobilienmarkt primär beratend tätig sei, und bei ihm selber, der
weder im direkten Kundenkontakt stehe noch Rechtsgeschäfte ab-
schliesse, nicht erfüllt. Das Ansehen des Notariats könnte nur beeinträch-
tigt werden, wenn er «systematisch und wiederholt in solche Geschäfte
involviert» und mit diesen «einen namhaften Umsatz» erzielen würde (Be-
schwerde, S. 14 ff.).
4.3i Der Beschwerdeführer leitet als Verwaltungsratspräsident der •
deren geschäftsführendes Organ (vgl. Art. 716 des Schweizeri-
schen Obligationenrechts [OR; SR 220]) und ist grundsätzlich von Ge-
setzes wegen befugt, im Namen der Gesellschaft alle Rechtshandlungen
vorzunehmen, die der Zweck der Gesellschaft mit sich bringen kann (vgl.
Art. 718a OR). Er ist mithin in Organstellung für die tätig,
auch wenn er — im Unterschied zur Delegierten des Verwaltungsrats — nicht
über die Einzelzeichnungsberechtigung verfügt. Der Beschwerdeführer
erfüllt demnach die persönliche Voraussetzung des «Mitwirkens» an einer
Gesellschaft im Sinn von Ziff. 3 Bst. e KS LH. Dabei kommt es nicht darauf
an, ob und inwieweit er die «operationelle Geschäftstätigkeit» selber prägt;
die Unvereinbarkeitsbestimmung von Art. 4 Abs. 3 NG will nicht nur tat-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 17
sächliche lnteressenkonflikte vermeiden, sondern, zum Schutz des An-
sehens des Notariats, auch den Anschein bzw. die Möglichkeit solcher
Konflikte ausschliessen. Die JGK hat es deshalb zu Recht abgelehnt, die
Unvereinbarkeit nach der Art der konkreten Tätigkeit anstatt gestützt auf
die Organstellung zu beurteilen (angefochtene Verfügung, E. 4.3). Eine
solche Differenzierung drängt sich auch unter Verhältnismässigkeits-
gesichtspunkten nicht auf (vgl. Beschwerde, S. 17), handelt es sich doch
bei Unabhängigkeit und Neutralität der Urkundspersonen bzw. dem An-
sehen des Notariats nicht um Rechtsgüter, die je nach den konkreten Um-
ständen des Einzelfalls und der Interessenlage der betroffenen Urkunds-
person mehr oder weniger weitgehend geschützt werden können.
4.3.3 Als Immobiliengesellschaften bezeichnet die JGK in Ziff. 3 Bst. e
KS LH solche «Gesellschaften, deren statutarischer oder tatsächlicher
Zweck im gewerbsmässigen Liegenschaftshandel oder in der gewerbs-
mässigen Liegenschaftsvermittlung besteht». Sie hat hierzu ausgeführt, es
sei nicht massgebend, wenn die i nur selten reine Vermittlun-
gen von Liegenschaftsverkäufen auf Provisionsbasis tätige. Den Notarin-
nen und Notaren sei es sowohl gemäss Ziff. 3 Bst. c KS LH als auch ge-
mäss Art. 3 der Standesregeln des VbN (abrufbar unter <www.berner-
notar.ch>, Rubriken «Notarin/Notar, Aufsicht, Standesregeln») untersagt,
Liegenschaftskäufe gegen Provision zu vermitteln (angefochtene Ver-
fügung, E. 4.4). Der Beschwerdeführer setzt sich mit diesen Erwägungen
der Vorinstanz nicht substantiiert auseinander, sondern wiederholt bloss
seine Behauptung, die tätige Immobiliengeschäfte meist nur
im Zusammenhang mit Beratungsmandaten. Mit Blick auf seine weiteren
Vorbringen, wonach eine Unvereinbarkeit bloss bei systematischer bzw.
wiederholter Vornahme von Spekulationsgeschäften gegeben sein soll (vgl.
vorne E. 4.3.1), scheint er geltend zu machen, dass nur die Mitwirkung in
Unternehmungen untersagt sei, die ausschliesslich oder zumindest vorwie-
gend mit Liegenschaften handeln oder solche vermitteln. Dieser Einwand
ist indes nicht stichhaltig: Wie gesehen wird die Neutralität der Urkundsper-
son nicht erst dann gefährdet, wenn eine Vielzahl von Immobilienge-
schäften getätigt wird; vielmehr steht auch bereits die Vermittlung einzelner
Liegenschaften gegen Provision in einem Spannungsverhältnis zur Neutra-
lität der Urkundsperson (vorne E. 4.2; vgl. Ruf, a.a.0, Rz. 448). Es ver-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 18
stösst deshalb nicht gegen Art. 4 Abs. 3 NG, wenn die JGK den Notarinnen
und Notaren jegliche Betätigung im Liegenschaftshandel und in der Ver-
mittlung von Immobilien gegen Provision untersagt. Insoweit ist unerheb-
lich, ob die entsprechende Betätigung selbständig oder als Organ einer Ge-
sellschaft erfolgt (vorne E. 4.2), weshalb als Immobiliengesellschaft im Sinn
von Ziff. 3 Bst. c KS LH zulässigerweise auch Unternehmungen betrachtet
werden können, die nur gelegentlich Immobilien gegen eine Provisions-
zahlung vermitteln oder mit solchen handeln. Im Übrigen ist unbestritten,
dass sich die auf ihrer Homepage auch aktiv als «seriöse
Maklerin» und nicht nur als Erbringerin von Beratungsdienstleistungen
anpreist (vgl. Beilage 3 zur Vernehmlassung der JGK; act. 3A).
4.4 Zusammenfassend werden die gesetzlichen Vorgaben, die Art. 4
Abs. 3 NG mit einer «unabhängigen und einwandfreien Berufsausübung»
und dem «Ansehen des Notariats» offen umschreibt, durch Ziff. 3 Bst. e
KS LH und die angefochtene Verfügung einzelfallgerecht und praktikabel
konkretisiert. Die Beschwerde erweist sich als unbegründet, soweit eine
Verletzung des Notariatsgesetzes oder von verfassungsmässigen Rechten
geltend gemacht wird. Im Übrigen hat auch die höchstrichterliche Recht-
sprechung wiederholt die herausragende Bedeutung von Unabhängigkeit
und Neutralität der freiberuflich tätigen Notarinnen und Notare betont. Mit
Blick hierauf hat das Bundesgericht etwa eine Regelung des Kantons Genf
für verfassungsmässig erklärt, welche den dortigen Notaren (fast) alle For-
men von Nebenerwerbstätigkeiten verbietet (BGer 2P.62/1989 vom
10.11.1989, in SJ 1990 S. 97). Es hat diesbezüglich erwogen, jegliche Be-
teiligung am Wirtschaftsleben führe zu einer gewissen Gefährdung der Un-
abhängigkeit des Notars. Es sei deshalb Sache des kantonalen Gesetz-
gebers, abzuwägen, in welchem Ausmass er Nebenbeschäftigungen seiner
Urkundspersonen gestatten oder deren Neutralität absichern wolle (vgl.
auch BGer 2P.151/1995 vom 12.12.1996, in RDAT 1997 II N. 10 S. 14,
E. 3c, 2P.226/2006 vom 8.12.2006, E. 4.2). Mit Blick auf den Gegenstand
der vorliegenden Streitigkeit ist weiter zu erwähnen, dass das Bundes-
gericht — weil der (gewerbsmässige) Liegenschaftshandel gemeinhin als
mit dem Ansehen des Notariatsberufs unvereinbar betrachtet werde — eine
Bestimmung des Notariatsgesetzes des Kantons Basel-Stadt geschützt
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 19
hat, die dessen Urkundspersonen die Beteiligung am Liegenschaftshandel
untersagt (BGE 133 I 259 E. 3.3).
5.
Der Beschwerdeführer rügt schliesslich noch eine Verletzung des Grund-
satzes von Treu und .Glauben (Art. 9 BV; Art. 11 Abs. 2 KV). Er habe im
Jahr 2008 für die um «Befreiung [...] von der Unterstellung
unter die Notariatsrevision» ersucht. In diesem Zusammenhang habe die
JGK von seinem Mandat als Verwaltungsratspräsident erfahren, ohne dass
dies zu einer aufsichtsrechtlichen Beanstandung geführt habe. Bei diesen
Gegebenheiten sei er in seinem Vertrauen zu schützen, dass die Tätigkeit
auch unter Geltung des neuen KS LH, dass gemäss dessen Ziff. 1 keine
Verschärfung der Praxis bezwecke, zulässig bleibe. — Nach dem Grundsatz
von Treu und Glauben kann eine (selbst unrichtige) Auskunft, die eine Be-
hörde einer Privatperson erteilt, unter gewissen Umständen Rechtswirkun-
gen entfalten. Voraussetzung dafür bildet, dass sich die Auskunft der Be-
hörde auf eine konkrete, die betreffende Person berührende Angelegenheit
bezieht, dass die Amtsstelle, welche die Auskunft erteilt hat, hiefür zustän-
dig war oder die betroffene Person sie aus zureichenden Gründen als zu-
ständig betrachten durfte, dass Letztere die Unrichtigkeit der Auskunft nicht
ohne weiteres hat erkennen können, dass sie im Vertrauen hierauf nicht
ohne Nachteil rückgängig zu machende Dispositionen getroffen hat, dass
die Rechtslage zur Zeit der Verwirklichung des Tatbestandes noch die glei-
che ist wie im Zeitpunkt der Auskunftserteilung und dass das öffentliche
Interesse an der Anwendung des positiven Rechts die geschützte private
Vertrauensposition nicht überwiegt (vgl. BVR 2013 S. 85 E. 6.1, 2012
S. 294 E. 3.2; BGE 137 I 69 E. 2.5, 130 I 26 E. 8.1). Inwiefern diese
Voraussetzungen für den Vertrauensschutz vorliegend erfüllt sein sollen, ist
weder dargetan noch ersichtlich. Zunächst beruft sich der Beschwer-
deführer nicht auf eine ihn selber betreffende, vertrauensbegründende Aus-
kunft oder Zusicherung, sondern auf ein im Namen der ein-
geleitetes Gesuchsverfahren gemäss Art. 44 Abs. 4 NG. Die JGK hat zu
Recht erwogen, aus dem betreffenden Verfahren lasse sich für die hier
streitige aufsichtsrechtliche Fragestellung nichts ableiten (angefochtene
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 20
Verfügung, E. 4.2), wozu der Beschwerdeführer im Übrigen nicht Stellung
nimmt. Weiter legt der Beschwerdeführer weder dar, welche Dispositionen
er im Vertrauen auf die vermeintliche Rechtmässigkeit seiner Tätigkeit für
die getätigt haben will, noch inwiefern diese nicht ohne
Nachteil rückgängig zu machen wären.
6.
Die Beschwerde erweist sich damit als unbegründet und ist abzuweisen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Beschwerdeführer kosten-
pflichtig (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Parteikosten sind keine zu sprechen
(Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 3 VRPG).
Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Die Kosten des Verfahrens vor dem Verwaltungsgericht, bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 3'000.--, werden dem Beschwerdeführer
auferlegt.
3. Es werden keine Parteikosten gesprochen.
4. Zu eröffnen:
- dem Beschwerdeführer
- der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern
Der Abteilungspräsident: Der tss hreiber:
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 05.11.2014, Nr. 100.2013.232U, Seite 21