# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3f4bbfb3-f204-48f8-8876-4f6f4f23ed2d
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
1.1.
X._
, geboren 1960, war von 2009 bis 2010 bei der Stiftung
Y._
, von 2010 bis 2011 beim
Verein Z._
und von 2011 bis 2015 beim Verein
A._
als Pflege
fachfrau tätig, wobei der letzte Arbeitstag am 14. April 2015 war (Urk. 8/1; Urk. 8/6; Urk. 8/10). Unter Hinweis auf eine psychische Erkrankung meldete sie sich am 21. Oktober 2015 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, zog Akten der Krankentag
geld
versicherung bei (Urk. 8/
9; Urk. 8/38; Urk. 8/100
) und
liess die Versicherte am 12. Dezember 2017 durch die Ärzte des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) in orthopädisch/chirurgischer (Urk. 8/56) sowie in psychiatrischer (Urk. 8/57) Hin
sicht untersuchen.
1.2
Am 17. Februar 2016 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für ein Belastbar
keitstraining vom 8. März bis 7. Juni 2016 (Urk. 8/16) und am 30. Mai 2016 für ein Aufbautraining vom 8. Juni bis 7. Dezember 2016 (Urk. 8/24), wobei
ersteres vollständig absolviert wurde, zweiteres hingegen
per 7. November 2016 abgebro
chen werden musste (Urk. 8/30; vgl. Urk. 8/33).
Am 21. Februar 2018 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für ein Belastbar
keitstraining vom 12. März bis 11. Juni 2018 (Urk. 8/62) und am 28. Mai 2018 für ein Aufbautraining vom
12
. Juni bis
11
. Dezember
2018
(Urk.
8/78
), wobei
ersteres vollständig absolviert, zweiteres hingegen
per
8
.
Oktober 2018
abgebro
chen werden musste
(Urk. 8/98; vgl. Urk. 8/101).
1.3
Nach durchgeführ
tem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/104-131
) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
16. Juni 2020 einen Rentenanspruch (Urk. 8/133
= Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am
10. August 2020
Beschwerde gegen die Verfügung vom
16. Juni 2020
(Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
en
ihr
die gesetzlichen Leistungen, insbesondere Rentenleistungen, zu gewähren
(Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
16. September 2020
(Urk.
7
)
die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am
17. Septem
ber 2020
zur Kenntnis gebracht (Urk.
9
).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
men
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundes
gesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sic
h im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Sowohl bei der erstmaligen Prüfung des Rentenanspruchs als auch bei der Ren
tenrevision und im Neuanmeldungsverfahren ist die Methode der Invaliditätsbe
messung (Art. 28a IVG) zu bestimmen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 117 V 198 E. 3b).
Die für die Methodenwahl (Einkommensvergleich, gemischte Methode, Betäti
gungsvergleich) entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte Person als
ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig einzustufen ist, beurteilt sich danach, was die Person bei im Übrigen unveränderten Umstän
den täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im
Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie
hy
po
thetisch erwerbstätig wäre. Für die hypothetische Annahme einer im Ge
sundheitsfall ausgeübten (Teil-)Erwerbstätig
keit ist der im Sozial
versiche
rungs
recht
übliche Beweisgrad der über
wiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich (BGE 144 I 28 E. 2.3, 141 V 15 E. 3.1, 137 V 334 E. 3.2, 125
V 146 E. 2c, 117 V 194 E. 3b).
1.4
Es braucht in jedem Fall zur Annahme einer Invalidität ein medizinisches Sub
strat, das (
fach
)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesener
massen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fach
ärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare an
dauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleich
baren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungs
situation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits-
und Erwerbsfähigkeit sind un
ab
dingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psycho
so
zia
len und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleich
sam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheits
scha
den gegeben (BGE 127 V 294 E. 5.a).
1.5
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bun
desgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indika
toren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belas
tungs
fak
toren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ande
rerseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE
141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 5.1).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.7
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funk
tionelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
ist mit jenem externer medizinischer Sachverständi
gengutachten vergleichbar, sofern sie den praxisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
1.8
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) gestützt auf die Einschätzungen
des RAD (vgl. nachstehend E. 3.
11,
E. 3.16
und E. 3.19
) davon aus, dass aus orthopädischer und psychiatrischer Sicht keine invaliden
versicherungsrechtlich relevante gesundheitliche Einschränkung ausgewiesen sei. Es sei der Beschwerdeführerin demnach zumutbar, eine Tätigkeit im bisherigen Pensum von 50
%
auszuüben. Daher sei davon auszugehen, dass auch im Haus
haltsbereich keine bleibende Beeinträchtigung vorhanden sei, weswegen auf eine Haushaltsabklärung verzichtet werde (S. 1 unten).
Beim Abbruch der beruflichen Massnahme im Herbst 2018 seien offensichtlich vorwiegend psychosoziale Faktoren vorgelegen, die die Arbeitsfähigkeit beein
trächtigt hätten (S. 2 Mitte).
Anlässlich der RAD-Untersuchung vom 12. Dezem
ber 2017 seien keine erheblichen Beeinträchtigungen festgestellt worden. Ange
geben worden sei, dass wegen der Dekonditionierung ein langsamer Einstieg ge
währt werden
sollte
und eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit erreicht werden
könnte
, wobei im Verlauf eine höhere Arbeitsfähigkeit nicht ausgeschlossen sei (S. 2 unten
).
Betreffend die Diagnose der Bipolar-II-Störung sei
en
in keinem einzigen Arztbericht die entsprechenden ICD-10-Kriterien festgehalten worden. Deshalb bleibe es vorläufig lediglich bei einer Verdachtsdiagnose (S. 2 f.).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
es habe sich im Laufe des Arbeitstrainings klar gezeigt, dass ihre Arbeitsfähigkeit nicht auf die geforderten und durch den RAD prognostizierten 50
%
gesteigert werden könne, sondern maximal bei zirka 35
%
liege (S. 5 Ziff. 4.5). Die RAD-Ärztin äussere sich indes nicht zu den Erkenntnissen aus den Belastbarkeits- und Aufbautrainings, sondern behaupte einzig eine medizinisch-theoretisch 50%ige prognostische Arbeitsfähigkeit. Die Beschwerdegegnerin gehe aber noch weiter, indem sie annehme, diese Prognose sei bereits eingetreten. Es sei nicht ersichtlich, worauf sich diese nicht nachvollziehbare Abweichung von der RAD-Beurteilung stütze. Es bestünden somit ganz erhebliche Zweifel an der Beurteilung des RAD und der Beschwerdegegnerin (S. 6 f. Ziff. 6).
Es werde bestritten, dass vorwiegend psychosoziale Faktoren die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt hätten. Jedenfalls sei nicht ausgewiesen, dass
ausschliesslich psy
chosoziale Faktoren gegeben seien und die psychische Störung mit deren Wegfall unmittelbar entfallen würde. So weise der RAD denn auch selber Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus (S. 7 Ziff. 7.1).
Die Eingliederungsmassnahmen hätten gezeigt, dass kein Eingliederungspotential im ersten Arbeitsmarkt bestehe, was die behandelnden Ärzte aus medizinischer Sicht bestätigt hätten. Somit bestehe ein Anspruch auf eine ganze Invalidenrente (S. 9
Ziff. 9.1).
Die behandelnden Ärzte hätten sowohl innerhalb als auch ausserhalb der statio
nären Aufenthalte alle die Diagnose einer bipolaren Störung gestellt. Durch den RAD werde diese Diagnose in Frage gestellt, jedoch nicht ausgeschlossen (S. 10 Ziff. 10). Die Aussage des RAD, dass diese Diagnosestellung einzig aufgrund der Äusserungen der Versicherten und der Schwester erfolgt sei, sei grotesk (S. 10 Ziff. 10.1). Ohnehin stehe die Diagnose nicht mehr im Zentrum,
da aus ihr keine verlässliche Aussage über das Ausmass der mit dem Gesundheitsschaden korre
lierenden funktionellen Leistungseinbusse resultiere (S. 10 Ziff. 10.3 f
.
).
Der Qualifikation als 50
%
erwerbstätig und 50
%
im Haushalt tätig könne nicht gefolgt werden. Sie stütze sich einzig auf das zuletzt ausgeübte Pensum. Sie habe ihr Pensum per Januar 2015 auf 50
%
reduziert, weil erste Anzeichen einer Arbeitsunfähigkeit aufgetreten seien. Zuvor sei sie seit März 2011 und auch bei den vormaligen Arbeitgebern in einem Pensum von mindestens 60
%
erwerbs
tätig gewesen. Es sei daher von einem durchschnittlichen Erwerbspensum im Ge
sundheitsfall von
mindestens
60
%
auszugehen (S. 13 Ziff. 14). Die Erzielung eines höheren Erwerbseinkommens wäre auch notwendig gewesen, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten (S. 13 f. Ziff. 15).
Der
Invaliditätsgrad sei sodann nicht nach der alten, sondern nach der neuen Berechnungsmethode mit Einkommensvergleich zu berechnen (S. 14 Ziff. 16). Nachdem der behandelnde Psychiater in seinem Bericht vom März 2017 darauf hingewiesen habe, dass auch im Haushaltsbereich deutliche Beeinträchtigungen bestünden, sei eine Haushaltsabklärung durchzuführen (S. 14 Ziff. 17).
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin und dabei insbesondere die Frage, ob die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt genügend abgeklärt hat.
3.
3.1
Dr. med.
B._
, Fachärztin für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie, führte im Bericht vom 18. November 2015 (Urk. 8/9/10-11) aus, die Patientin
befinde sich seit dem 3. Oktober 2014 in ambulanter Behandlung
. Initial sei eine nichtorganische Insomnie (ICD-10 F51.0) diagnostiziert worden
. Es habe sich aber darüber hinaus eine zugrundeliegende psychische Störung ge
zeigt, welche
mitursächlich für die Schlafstörung sei. Es hätten sich starke Hinweise für das Vorliegen einer bipolaren Störung bei zum damaligen Zeitpunkt depressiver Episode (F31.3) gefunden. Im Jahr 2015 sei die Behandlung unregel
mässig gewesen, es bestehe der hochgradige Verdacht, dass in diesem Zeitraum die Situation auf eine bipolare Störung, gegenwärtig manische oder gemischte Episode, geändert habe (S. 1 Ziff. 1). Grundsätzlich müsse man davon ausgehen, dass eine bipolare Störung eine chronische Erkrankung sei, die bestenfalls ge
mildert, aber nie vollständig geheilt werden könne. Es gebe jedoch durchaus Men
schen mit bipolarer Störung und voller Arbeitsfähigkeit (S. 2 Ziff. 4).
3.2
Die
Ärzte der Klinik
C._
berichteten am 2. Oktober 2015 über den statio
nären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 12. August bis 1. September 2015 (Urk. 8/49). Als Diagnose nannten sie eine Anpassungsstörung F43.2 in psycho
sozialer Belastungssituation bei vordiagnostiziertem Verdacht auf Bipolar-II-Störung (S. 1 oben). Die Beschwerdeführerin habe die Vorbehalte und das ambi
valente Verhalten gegenüber den Th
erapien nicht abbauen können und
sich kurz
fristig gegen ärztlichen Rat am 1. September 2015 entschieden, in die ambulante Weiterversorgung auszutreten (S. 2 unten).
3.3
Die Ärzte des Sanatoriums
D._
berichteten am
27. November
2015 über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 8. Oktober bis 13. November 2015 (Urk.
8/14/6-10
= Urk. 8/112
).
Als Diagnose nannten sie eine bipolare affek
tive Störung, gegenwärtig manische Episode ohne psychotische Symptome (S. 1 oben). Bis etwa Februar 2015 habe die Patientin sich depressiv gefühlt
, danach habe das Zustandsbild gewechselt. Gemäss Ehemann sei sie logor
rhoisch und sprunghaft gewesen. D
ies sei sie schon immer
gewesen, jedoch nun verstärkt. E
r sei nicht mehr zu Wort gekommen, zudem sei sie häufig verbal ausfällig ge
worden, habe viel Geld ausgegeben und Schulden gemacht und zum Beispiel Möbel
stücke von der Strasse nach Hause genommen. Sie habe vermehrt Alkohol getru
nken und sei umtriebig gewesen, habe zum Beispiel Ausflüge unternommen und in der Wohnung alles umgeräumt
. Ihre Kinder hätten sich in dieser Zeit von ihr distanziert. Sie habe eine grosse Reise nach Kanada geplant, wo sie eine fünfwöchige Expedition habe unternehmen wollen. Im Mai sei sie zum Onkel nach Kanada gereist, wo es aufgrund ihres Zustandsbilds zu Spannungen ge
kommen sei, so dass sie nach zwe
i Wochen zurückge
kehrt sei (S. 1 f.). Gemäss der Schwester der Patientin seien Schwankungen des Befindens bekannt, wobei die erste maniforme Episode mit etwa
20 Jahren vor der Hochzeit aufgetreten sei. Danach sei sie depressiv und darauf durch Familie und Kinder stabilisiert ge
wesen. Im letzten Jahr seien zunehmend Stressoren aufgetreten, nicht zuletzt die Heimunterbringung der Mutter. Hier habe sich die Patientin sehr engagiert, je
doch im Verlauf in Details verrannt, die psychotisch
angemutet hätten. Der Um
gang mit Geld sei phasenweise immer wieder unkontrolliert verlaufen. So habe der Vater 1997 eine Teilerbschaft hinterlassen, welche sie komplett ausgegeben habe.
Aufgrund des Umfangs an Geld sei
dies nicht mit normalen Ausgaben zu erklären (S. 2 Mitte).
Trotz anfänglicher Skepsis habe sich die Patientin im Verlauf gut auf eine sta
tio
näre Behandlung einlassen
können und habe einer stimmungsstabilisierenden Medikation mit Depakine zugestimmt. Zur Behandlung der Durchschlafstörungen sei nebst der bestehenden Behandlung mit Zolpidem
Seroquel
angesetzt worden. Hierunter sei es zu einer Normalisierung des Schlafs sowie zunehmend ausgegli
chener Stimmungslage und Belastbarkeit gekommen (S. 4 Mitte). Die Patientin habe mehrere Belastungserprobungen im häuslichen Umfeld unternommen, wo
bei diese anfangs zu einer Zustandsverschlechterung geführt hätten, die im stationären Rahmen gut hätten aufgefangen werden können. Im weiteren Verlauf seien die Erprobungen zunehmend
erfolgreich gewesen (S. 4 unten).
Im Bericht zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 8/11) hielten die Ärzte des Sanatoriums
D._
fest,
nach Erheben des psychopathologischen Befunds könne
zusammen
mit den Hinweisen auf frühere Episoden von depressiver und
hypomaner
Stimmungslage aus der Fremdanamnese diagnostisch von einer bipo
laren affektiven Störung ausgegangen
werden
, wobei die manische Phase bei Eintritt bereits abgeklungen gewesen sei
.
Aktuell bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
für
jegliche
Arbeitstätigkeit
(S. 3 Ziff. 1.7). Schichtdienst im Pflege
beruf sei prognostisch bei bipolarer Erkrankung mit erhöhte
m
Rezidivrisiko behaftet, weshalb davon abzuraten sei (S. 3 Ziff. 1.8
).
3.4
Dr. med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sana
torium
D._
, führte in seinem Bericht vom 3. März 2016 (Urk. 8/38/3-4) aus, dem stationären Aufenthalt vom 8. Oktober bis 13. November 2015 sei ein teil
stationärer Aufenthalt in der Tagesklinik vom 30. November 2015 bis 19. Februar 2016 gefolgt. Seit der manischen Exazerbation im Frühjahr 2015 habe sich das Zustandsbild deutlich verbessert. Manische Symptome seien weitgehend remit
tiert, doch stünden im Moment leicht depressive Symptome
im Vordergrund (Ziff. 3). Zurz
eit bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100% sowohl in angestam
mter wie auch angepasster Tätigkeit (Ziff. 6).
3.5
Die Fachleute der
F._
erstatteten am 15. November 2016 ihren Bericht zum Aufbautraining nach Belastbarkeitstraining (Urk. 8/33). Sie führten aus, die Beschwerdeführerin habe das Belastbarkeitstraining mit 2 Stunden an 4 Tagen pro Woche begonnen. Anfangs Aufbautraining seien dann 4 Stunden knapp möglich gewesen und hätten während des Aufbautrainings auf durchschnittlich 5 Stunden
a
n 5 Tagen die Woche ausgeweitet
werden können
(S. 2 oben)
.
Die Leistungsfähigkeit sei noch stark limitiert und tagesformabhängig. Eine Präsenz von 6 Stunden täglich habe nicht erreicht werden können, da die Beschwer
de
führerin keine stabile Anwesenheit habe aufbauen können (S. 2 Mitte). Aufgrund der Erkrankung sei sie noch wenig belastbar und könne nicht mit Druck umgehen. Sie sei auf eine Finanzquelle angewiesen und unterstehe einem grossen familiären Druck, was sie hemme. Zudem bestünden weitere familiäre Probleme, welche sie noch nicht verarbeitet habe. Zurzeit sei keine stabile Arbeitsfähigkeit und somit keine Vermittelbarkeit gegeben. Die gesundheitlichen und sozialen Probleme stün
den im Vordergrund (S. 2 unten). Es werde ein Abbruch des Aufbautrainings empfohlen, da eine Zielerreichung aktuell nicht realistisch erscheine (S. 3
).
Am 7. November 2016 wurde entsprechend das Aufbautraining seitens der Be
schwerdegegnerin per 6. November 2016 abgebrochen (Urk. 8/30).
3.
6
Dr.
E._
(vorstehend E. 3.4) nannte
in
seinem
Bericht vom 21. Dezember 2016 (Urk. 8/37) als Diagnose eine bipolare affektive Störung, gegenwärtig ge
mischte Episode (Ziff. 1.1-2). Aktuell und bis auf Weiteres bestehe eine Arbeits
unfähigkeit von 100
%
auf dem regulären Arbeitsmarkt (S. 1). Im ambulanten Therapieverlauf vom 25. Februar bis 18. November 2016 sei die Patientin stets affektiv ausgeglichen und teils leicht deprimiert gewesen. Oftmals fühle sie sich erschöpft, der formale Gedankengang sei meist gelockert gewesen, oft umständ
lich und teils ideenflüchtig. Zudem habe eine persistierende Schlafstörung be
standen. Zu keinem Zeitpunkt sei eine floride manische oder schwere depressive Symptomatik vorgelegen (Ziff. 1.4). Es sei schwierig gewesen, eine medikamen
töse B
ehandlung zu etablieren, weil di
e
Patientin
wiederholt mit unerwünschten Nebenwirkungen auf Medikamente reagiert habe. Eine weitere Anpassung der Medikation mindestens im Sinne eines Behandlungsversuchs (zum Beispiel mit Lithium) sei zu überprüfen
. Am 22. November 2016 habe sie telefonisch mit
ge
teilt, dass sie keine weitere Behandlung durch die Ärzte des Sanatoriums
D._
wünsche (Ziff. 1.5).
3.7
Dr. med.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nannte in seinem Bericht vom 6. März 2017 (Urk. 8/45) als Diagnose
eine bipolare affektive
Störung, gegenwärtig gemischte Episode (F31.6), bestehend seit mindestens Febru
ar
2015, wahrscheinlich aber seit Jahren (Ziff. 2.2). Die ambulante Behandlung durch ihn finde seit dem 31. Oktober 2016 statt (Ziff. 2.4). Es bestehe seit Be
handlungsbeginn eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
. Im Haushaltsbereich sei die Versicherte subjektiv wenig beeinträchtigt, gemäss ihrem Ehemann wäre sie ohne seine Mithilfe jedoch überfordert, so dass auch hier von einer deutlichen Beein
trächtigung ausgegangen werden müsse (Ziff. 1.2
).
3.8
Dr. med.
H._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD, führte in ihrer Stellungnahme vom 19. Juni 2017 (Urk. 8/103 S. 5 f.) aus, die Diagnose einer bipolaren affektiven Störung, gegenwärtig gemischte Episode (F31.6)
, sei nicht klar nachvollziehbar. Die Diagnose gründe einzig auf den Aussagen der Versicherten, es existierten keine medizinischen Unterlagen, die das Gesagte be
stätigen könnten. Auch der Leidensdruck sei offenbar nicht sehr gross gewesen, habe doch der früh
e
ste beschriebene Kontakt zu einem Psychiater im September 2014 wegen Schlafstörungen stattgefunden, wobei eine psychologische Behand
lung erst seit Juli 2015 stattfinde (S. 5 Mitte). Aufgrund der im Bericht des Sanatoriums
D._
(vgl. vorstehend E. 3.3) zitierten Aussagen des Ehemannes der Beschwerdeführerin könne nicht klar eine manische Symptomatik aus
ge
macht werden, gebe es doch keine Angaben über deren
Auftretenszeitpunkt
, -frequenz oder Schwere. Eine erstmalige manische Episode im Alter von 54 Jahren sei sehr ungewöhnlich, da diese Krankheit vor allem im jungen Erwachsenalter ausbreche, wobei bei Frau nach dem 40. Lebensjahr ein zweiter Häufigkeitsgipfel vorkommen könne (S. 5 unten). Insgesamt erscheine der ganze Fall als sehr inkonsistent, weshalb eine RAD-Untersuchung durchzuführen sei (S. 5 f.).
3.9
Die Ärzte des
Rehaz
entrums
I._
nannten in ihrem Austrittsbericht vom 7.
Juli 2017
(Urk. 8/55) über den stationären Aufenthalt der Beschwerde
füh
rerin vom 31. Mai bis 30. Juni 2017 folgende Diagnosen (S. 1):
-
chronische Insomnie
-
Differentialdiagnose (DD) Kurzschlafphasen während einer hypoma
nischen Episode
-
bipolare affektive Störung, zuletzt depressive Episode (F31.31)
-
Dauergebrauch von Zolpidem
-
zervikovertebrales
Schmerzsyndrom
-
Migränebeschwerden, DD Spannungskopfschmerz
Zu Beginn sei die Patientin von Traurigkeit, Erschöpfung, Gedankenkreisen und starker psychomotorischer Unruhe geprägt gewesen und habe physisch an Diarrhoe gelitten. Während des Rehabilitationsaufenthaltes habe sie vom inter
disziplinären Therapieangebot sowie
von
der medikamentösen Installation von Lithium se
hr erfreulich profitieren, sich psychophysisch deutlich
rekonditionieren
und ihre Ressourcen zunehmend in den Vordergrund stellen können. Weiterhin unterstützungsbedürftige Themen schienen die familiären und beruflichen Per
spek
tiven mit einhergehenden Zukunftsängsten zu sein (S. 3 unten).
3.10
Dr. med.
J._
, Facharzt für Chirurgie, RAD, erstattete am 14. Dez
em
ber 2017 seinen Bericht über die orthopädische/chirurgische Untersuchung vom 12. Dezember 2017
(Urk.
8/56). Er hielt fest, es bestehe
in der bisherigen Tätigkeit als Krankenschwester unverändert eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
in einem Pensum von 60
%
. Allerdings bestünden beginnende degenerative Verände
run
gen der Halswirbelsäule (HWS) mit teilweise klinischer Symptomatik, die auf Dauer die angestammte Tätigkeit in Hinsicht auf schweres Heben und Tragen einschränken würden. Im Moment sei die Tätigkeit in der Spitex mit Wechsel
belastung in einem Pensum von 60
%
als bisherige Tätigkeit als ideal anzusehen. Auf einer reinen Pflegestation im Krankenhaus
bestünde nur eine Arbeits
fähig
keit von 50
%
(S. 8 oben).
Leichte angepasste Tätigkeiten in Wechselbelastung ohne Heben, Tragen und Transportieren von Lasten über 10 kg, ohne Verharren in Zwangshaltungen, ohne dauerhafte Armvorhaltebelastungen und Überkopfarbeiten seien medizinisch-theoretisch weiterhin zumutbar. In angepasster Tätigkeit habe aus somatischer Sicht zu keinem Zeitpunkt eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden (S. 8 unten).
3.11
RAD-Ärz
tin Dr.
H._
(vorstehend E. 3.8
) erstattete ebenfalls am 14. Dezember 2017 ihren Bericht über die psychiatrische Untersuchung vom 12. Dezember 2017 (Urk. 8/57). Sie nannte folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit (S. 9 Ziff. 11):
-
Status nach Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (F43.
21), DD rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (F33.4), eine Bipolar-II-Störung, gegenwärtig remittiert (F3.17) kann nicht vollständig ausgeschlossen werden
Der Tagesablauf der
Versicherten
gestalte sich so, dass sie um 6 Uhr aufwache, jedoch erst um 8 Uhr aufstehe
. Danach nehme sie das Frühstück mit dem Ehe
mann ein, ziehe sich an, räume das Geschirr weg und die Küche auf. Dann laufe sie für 1.5 bis 2 Stunden. Zirka um 11 Uhr sei sie wieder zuhause
und
liege für eine halbe bis eine Dreiviertel-Stunde ab und esse danach etwas Kleines. Am Nachmittag erledige sie den Haushalt, eventuell wasche sie oder kaufe ein und beginne mit der Vorbereitung für das Abendessen (vegan für die Tochter), alles werde gemäss ihren Kräften eingeteilt. Weder Ehemann noch Tochter würden helfen, was die Versicherte auch gar nicht wolle, da
der Ehemann
voll arbeite und die Tochter noch in der Schule sei. Um zirka 19:45 Uhr esse sie mit dem Ehemann zuhause, danach werde etwas Fernsehen geschaut. Nach den Spätnachrichten dusche sie
und gehe zu Bett. Um z
irka 23 Uhr lösche sie das Licht und könne mit Zolpidem gut einschlafen. Meist wache sie um zirka 3 Uhr auf, könne dann aber auch wieder einschlafen. Wenn noch Zeit sei, lese die Versicherte gerne oder be
suche Reisevorträge. Öfters erhalte sie am Nachmittag Besuch von den anderen Töchtern (S. 3 Ziff. 4).
Die von der Versicherten genannten Schlafstörungen könnten nicht als vermin
dertes Schlafbedürfnis interpretiert werden. Auch während der sogenannten
(
hypo
)manischen Phasen sei kein vermindertes Schlafbedürfnis beschrieben worden
. Die gesteigerte Gesprächigkeit, die bei der Versicherten eher als Mittei
lungsbedürftigkeit interpretiert werden könne, sei so kein Zeichen einer (
hypo
)
manischen Symptomatik. Dass
sie
sich trotz eingeschränkten finanziellen Mög
lichkeiten ein
Flugbillet
in die USA (richtig wohl: Kanada) gekauft habe, könne nicht als übertriebene Einkäufe oder andere Arten von leichtsinnigem oder ver
antwortungslosem Verhalten gesehen werden. Aufgrund der Umstände, unter denen es zu einem depressiven Einbruch mit
vor allem
Erschöpfung gekommen sei, müsste von einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (F43.21) ausgegangen werden. Ziehe man den früheren depressiven Einbruch hin
zu (allerdings ebenfalls in belastender Situation während der Ausbildung
), könne möglicherweise von einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig remittiert (F33.4) ausgegangen werden. Eine Bipolar-II-Störung könne jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden (S. 8 oben).
Aufgrund des Aktivitätsniveaus könne angenommen werden, dass weder die Schlafstörungen, die mit Zolpidem und hin und wieder einer halben Tablette
Temesta 1 mg gut gemanagt würden, noch die Erschöpfung oder Durchfälle grosse
Einschränkungen darstellten
(S. 8 Mitte).
In der aktuellen Untersuchung hätten sich keine Hinweise auf eine depressive,
hypomane
oder gemischte Episode gefunden. In keinem d
er vorliegenden Arzt
berichte sei
die Versicherte in einem manischen/hypomanischen Zustand be
schrieben worden
.
Es müsse grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die Diagnose bipolare affektive Störung einzig auf den Aussagen der Versicherten und einer Schwester beruhten und in sich nicht konsistent seien. Die Schwester habe angegeben, dass die Versicherte eine erste maniforme Episode im Alter von 20 Jahren durchgemacht habe, diese selber jedoch, dass ihre erste manische Episode im April 2015 gewesen sei. Gemäss der Versicherten seien bipolare affektive Störungen bei der Grossmutter und einem Cousin mütterlicherseits bekannt, gemäss der Schwester sei die Familienanamnese bis auf ei
ne Depression des Vaters und die
Demenz der Mutter bland. Aufgrund der vorliegenden Unter
lagen und der Anamnese könne nicht klar von einer bipolaren affektiven Störung ausgegangen werden (S. 7 Ziff. 9)
.
In Bezug auf die bisherige Tätigkeit als Pflegefachfrau bei der Spitex ergebe sich eine mittelgradige Einschränkung aufgrund der Dekonditionierung und bei Tätig
keiten im administrativen Bereich, vor allem im Zusammenhang mit Compu
terarbeiten. Bei
Situationen, in denen die Versicherte unter Druck gerate, steige das Risiko für einen depressiven Einbruch. Das Belastungsprofil beinhalte mög
lichst selbständige Tätigkeiten mit flexibler Arbeitseinteilung, keine übermässi
gen Überzeiten und keine Schichtarbeit. Bei notwendigen Computerarbeiten sei eine gute Einführung notwend
ig
.
Solange die Diarrhoe bestehe
, sollten vermehrte Pausen möglich sein. In der bisherigen Tätigkeit bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
seit April 2015 und weiterhin (S. 10 oben).
Die Versicherte erscheine aktuell ausreichend stabil, dass berufliche Massnahmen ab Untersuchungs
zeit
punkt begonnen werden könnten. Wegen der Dekonditionierung sei ein
langsa
-
mer
Einstieg zu gewähren. Eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit sollte erreich
t werden können. Im Verlauf sei eine höhere Arbeitsfähigkeit ni
cht ausgeschlossen (S. 10 Mitte)
.
3.12
Dr. med.
K._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Gastro
enterologie, nannte in seinem Bericht vom 4. Juni 2018 (Urk. 8/121/7-8) folgende Diagnosen (S. 1):
-
lymphozytäre
Kolitis, Neudiagnose
-
ansonsten unauffällige
Ileo
-Koloskopie
-
unauffällige obere Panendoskopie
Die
lymphozytäre
Kolitis sei eine mögliche Ursache der Diarrhoe (S. 2).
3.13
Die Fachleute von
der
Arbeitsintegration L._
führten in ihrem
Schlussbericht zum Belastbarkeitstraining vom 12. März bis 11. Juni
2018 (Urk. 8/
87) aus, der Zustand der Beschwerdeführerin sei stabil gewesen und sie habe keine klaren Symptome gezeigt (S. 3 oben Ziff. 3). Sie wolle wieder als Pflegefachfrau in der Spitex arbeiten, im Spätdienst in einem Pensum von 50 bis 60
%
. Damit dieses Vorhaben gelinge, müsse sie sich gemäss eigenen Aussagen weiter psychisch stabilisieren, belastbarer werden, sich genügend von den fami
liären und privaten Themen abgrenzen und auf sich konzentrieren können (S. 3
Mitte Ziff. 3). Sie habe die Ziele bezüglich Präsenz und Stundensteigerung err
eicht und sei am Schluss 4 Mal 4 Stunden pro Woche anwesend gewesen. Mühe habe sie teilweise damit bekundet, sich auf externe Arbeits- und Zeitvorgaben ein
zulassen und Flexibilität in der Programmgestaltung zu zeigen. Diesbezüglich werde sich im weiteren Verlauf zeigen,
inwiefern es ihr gelinge, unter Druck und mit Vorgaben von aussen einen Umgang zu finden, ohne dass sich deswegen die gesundheitliche Situation verschlechtere (S. 6 Ziff. 6).
3.14
Dr.
G._
(vorstehend E. 3.7) führte in seinem Bericht vom 12. September 2018 (Urk. 8/94) aus, seit dem Bericht vom 6. März 2017 sei die Depressivität etwas zurückgegangen und eine vermehrte psychische Stabilisierung eingetret
e
n. In den letzten Wochen hätten sich jedoch teilweise deutliche submanische Symptome
gebildet (Selbstüberschätzung, Verzettelung durch Mitarbeit in immer mehr Pro
jekten und initiieren derselben), parallel klage die Versicherte über ausgeprägte Erschöpfungszustände und wolle etwa sofort in eine Reha-Klinik, um eine Woche durchschlafen zu können. Sie sei unter grossem, vor allem finanziellem, Druck, die Massnahme unbedingt erfolgreich bestehen zu müssen
,
und wolle sich jetzt schon um eine Stelle im 1. Arbeitsmarkt bewerben (
Ziff. 2.1). Aktuell bestehe eine gemischte Episode einer bipolaren affektiven Störung mit parallel leicht depres
siven und daneben submanischen Symptomen (Ziff. 2.2; vgl. Ziff. 2.5).
Die Medi
kation mit Lithium sei auf Wunsch der Versicherten wegen Nebenwirkungen am 21. Januar 2018 abgesetzt worden (Ziff. 2.3).
Es sei fraglich, ob eine Arbeits
fähigkeit von 50
%
per Dezember 2018 erreicht werden könne (Ziff. 2.7).
3.15
Die
L._
-Fachleute (vorstehend E. 3.13
) erstatteten am 23. Oktober 2018 ihren Schlussbericht zum Aufbautraining. Geplant gewesen sei dieses für den Zeitraum vom 12. Juni bis 11. Dezember 2018, habe aber per 8. Oktober 2018 vorzeitig abgebrochen werden müssen (S. 1). Während des Aufbautrainings habe die
Beschwerdeführerin
am Flughafen
M._
gearbeitet (S. 3 Ziff. 4.1). Neben der Arbeit habe sie viele Termine für verschiedene Therapien wahrgenommen und sich privat in verschiedenen Bereichen engagiert. Es sei des
halb während der ganzen Massnahme schwierig zu eruieren gewesen, inwiefern die anhaltende Erschöpfung direkt mit der Arbeit zu tun
gehabt habe
und inwie
fern das volle Wochenprogramm dafür verantwortlich gewesen sei. Erschwerend seien weiterhin private Probleme zuhause hinzugekommen. Mit ihrem Mann habe sie beschlossen, die Trennung zu leben, vorerst aber weiterhin in derselben Wohnung. Es habe diverse finanzielle und rechtliche Fragen zu klären gegolten, was zusätzliche Energie gefordert habe (S. 4 Mitte Ziff. 4.3).
Die Arbeitsqualität sei gut gewesen, die Quantität habe sich im durchschnittlichen Bereich bewegt, das Tempo habe sie bei Routineaufgaben mit der Zeit etwas steigern können. Aufgrund der zusätzlichen Pausen und der eher umständlichen Arbeitsweise habe die effektive Leistung während der Anwesenheit zirka 70
%
betragen. Bei einem Pensum von 50
%
habe dies einer Arbeitsmarktfähigkeit von ungefähr 35
%
entsprochen. Aufgrund der vielen Krankheitsausfälle könne aktu
ell aber nicht von einer verwertbaren Arbeitsleistung gesprochen werden (S. 6 Ziff. 5.5).
Das Aufbautraining sei geprägt gewesen von gesundheitlichen und privaten Schwierigkeiten. Ein Aufbau der Stunden und Leistung sei nur in sehr geringem Mass möglich gewesen. Die Beschwerdeführerin habe aufgrund von Krankheit an 29 Tagen gefehlt, was ungefähr einem Drittel des Sollpensums entsprochen habe.
Dadurch sei es nicht möglich gewesen, konstant an arbeitsrelevanten Themen dranzubleiben. Aufgrund ihrer gedanklichen Sprunghaftigkeit sei es ihr nicht gelungen, beruflich realistische Perspektive und Ziele im Bereich der Arbeits
inte
gration zu entwickeln. Sie habe ideenflüchtig gewirkt, habe verschiedene Projekte angerissen und sich selbst stark unter Druck gesetzt. Je länger je deutlicher habe sich gezeigt, dass die Beschwerdeführerin mit privaten Themen stark belastet und beschäftigt gewesen sei und unter einer grossen Erschöpfung gelitten habe. Darum seien die Eingliederungsmassnahmen frühzeitig abgebrochen worden mit dem Ziel, dass sich die Beschwerdeführerin auf eine gesundheitliche Stabili
sie
rung und eine Klärung der privaten Situation konzentrieren könne. Von einer verwertbaren Arbeitsmarktfähigkeit könne in ihrem aktuellen Zustand nicht ge
sprochen werden (S. 6 Ziff. 6).
Mitte September sei die Beschwerdeführerin mit einer viralen Bronchitis krank
geschrieben worden, ein paar Tage später sei unerwartet ihre Mutter verstorben. In der Folge sei es ihr nicht mehr gelungen, an der Massnahme teilzunehmen (S. 5 Mitte Ziff. 6
).
3.
16
RAD-Ärztin Dr.
H._
(vorstehend E.
3.
8) führte in ihrer Stellungnahme vom 14. Dezember 2018 (Urk. 8/103 S. 9) aus, im Arztbericht von Dr.
G._
(vorstehend E. 3.
14
) würden Beschwerden und Symptome genannt, die die gestellte Diagnose nicht klar begründeten. Zudem werde lediglich mit
Hyperiplant
, Zolpidem und Melatonin behandelt. Auffällig sei vor allem, dass im Standortgespräch vom 3. September 2018 zusammen mit Dr.
G._
nichts bezüglich einer erneuten ge
mischten Phase einer affektiven bipolaren Störung erwähnt worden sei, das Hauptproblem sei offensichtlich die seit langem bekannte Schlafproblematik gewesen. Die betreffende Diagnose sei insgesamt noch immer nicht klar nach
zuvollziehen, ebenso wenig eine anhaltende höhergradige Arbeitsunfähigkeit. Aktuell könne weiterhin auf die psychiatrische RAD-Untersuchung vom Dezem
ber 2017 (vorstehend E. 3.11) abgestellt werden. In dieser seien geringe Ein
schränkungen und ein recht hohes Aktivitätsniveau beschrieben worden, sodass auch ohne klare Diagnose von keinen gröberen Beeinträchtigungen ausgegangen werden könne.
3.
17
Dr.
G._
(vorstehend E. 3.7) führte im Bericht vom 12. Juli 2019 (Urk. 8/113/3-8) aus,
die Arbeitsunfähigkeit betrage seit 12. September 2018 und bis auf weiteres 100
%
(Ziff. 1.3). D
ie Versicherte habe während einer submanischen Phase mit sprunghaftem und beschleunigtem Denken, gesteigertem Antrieb und Umtriebig
keit im Herbst 2018 den gewünschten und bereits vorbere
iteten stationären Aufenthalt im Sanatorium
D._
in letzter Minute abgesagt. Sie habe viele Ideen und
Projekte entwickelt, habe eine eigene Firma gründen wollen und viele Bekanntschaften geschlossen, sei andererseits aber beständig erschöpft gewesen und habe unter Schlafmangel gelitten. Allmählich habe sie sich etwas beruhigt und habe vermehrt depressive Züge gezeigt, sei affektlabil geworden und habe begonnen, unter diversen Belastungen und Konflikten zu leiden. Sie habe zuneh
men
d
realisiert, was sie in der submanischen Phase alles angestellt habe, und habe mit Erschrecken und Schamgefühlen reagiert.
Aktuell sei sie rasch erschöpft, daneben bestehe eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit (Ziff. 2.1). Die Versicherte sei derzeit und bis auf weiteres für jegliche Tätigkeit zu 100
%
arbeitsunfähig. Inwieweit sich die Arbeitsfähigkeit in nächster Zeit bessere, sei aufgrund des bis
herigen Verlaufs äusserst schwierig abzuschätzen (Ziff. 2.7). Aktuell seien je nach Zustand maximal 2 Stunden leichte Haushaltsarbeit mit reduzierter Leistungs
fähigkeit möglich (Ziff. 4.2
).
3.18
Dr. med.
N._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, führte im Bericht vom 11. Februar
2020 (Urk. 8/122) aus, die Prognose zur Arbeitsfähigkeit hänge von der psychiatrischen Beurteilung ab. Bezüglich der Kolitis bestehe eine gute Prognose, sofern die Patientin bezüglich Medikation kohärent sei (Ziff. 2.7).
3.
19
Am 12. Juni 2020 (Urk. 8/132 S. 6-10) nahm RAD-Ärztin Dr.
H._ Stellung zu den
Vorbringen im Einwand der Beschwerdeführerin vom 8. März
2019 (Urk. 8/109). Sie
führte aus, es seien während des
Aufbautraining
s
vom Herbst 2018 offensichtlich vorwiegend psychosoziale Faktoren vorgelegen, die die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt hätten (S. 6 unten). Keine der von Dr.
G._
im Bericht vom 12. Juli 2019 genannten Symptome, die angeblic
h im Herbst 2018 vorgelegen hätten
, seien in dessen Bericht vom 12. September 2018 erwähnt worden (S. 6 f.).
Kein Gutachten werde die unklare Diagnose der Bipolar-II-Störung klar bestä
tigen können, solange in keinem einzigen Arztbericht die entsprechenden ICD-Kriterien festgehalten seien. D
ie
Beschwerdeführerin
müsste in einem solchen Zustand gesehen und untersucht werden, reine Aussagen der
Beschwerdeführerin
bejahten die Kriterien nicht. Vorläufig bleibe es bei einem Verdacht. So lange keine entsprechenden Symptome aufträten, bestünden auch keine Beeinträchti
gungen der Arbeitsfähigkeit (S. 7 f.). Dass diese Diagnose in allen Arztberichten angegeben werde, gründe auf der Tatsache, dass die Diagnosen im Allgemeinen von Vorberichten übernommen würden. Dies könne hier auf jeden Fall ange
nommen werden, da in keinem der Berichte die Kriterien erfüllt gewesen seien (S. 8 Mitte).
Auf den Vorhalt, sie habe sich in ihren beiden Stellungnahmen nicht zu den Erkenntnissen aus dem Belastbarkeits- und Aufbautraining geäussert, führ
t
e Dr.
H._
aus, da bei der RAD-Stellungnahme vom 14. Dezember 2018 sowohl das
Verlaufsprotokoll
der Beschwerdegegnerin
als auch der Schlussbericht des Aufbautrainings vom 23. Oktober 2018 vorgelegen hätten, sei
e
n diese
Unterlagen
sehr wohl berücksichtigt worden, ohne dies explizit erwähnt zu haben (S. 9 Mitte).
3.20
Dr.
G._
(vorstehend E. 3.7) führte in seiner Stellungnahme vom 20. Juli 2020
(
Urk.
3)
zur angefochtenen Verfügung aus, es gebe diverse eigene und fremd
anamnestisch erhobene Befunde, die klar auf die bipolare affektive Störung hin
wiesen. Hinweise auf
hypomane
Zustände fänden sich im Schlussbericht des
Be
lastbarkeits
- und Aufbautrainings vom Herbst 201
8.
Gleichzeitig hätten auch die Angehörigen von klaren Symptomen von inadäquatem Verhalten berichtet. So habe die Patientin bei der Kremationsfeier am 1. Oktober 2018 allen Schmuck ihrer Mutter getragen, Champagner bestellt, erzählt, sie sei sexsüchtig und die AHV bezahle ihr die Gründung einer Firma, eines Vereins und eine Reise nach Holland. Sie mache
hohe Schulden und gebe riesige
Summen an Geld aus. Nach der Weigerung der Patientin, in das Sanatorium
D._
einzutreten, habe er am 6. November 2018 mit der dort fallführenden Psychologin gesprochen, welche von einem ziemlich auffälligen Verhalten berichtet habe. Demnach habe die Patientin nicht eintreten können, weil sie einen aufgelesenen Hund habe betreuen müssen. Zudem sei sie formalgedanklich sehr auffällig gewesen (S. 1
f.). Im Standortgespräch vom 3. September 2018 habe er zwar tatsächlich nicht explizit auf die Diagnose einer gemischten Episode einer bipolaren Störung aufmerksam gemacht, es sei aber allen Beteiligten klar gewesen, dass die Patientin damals sehr auffällig gewesen sei. Zwischenzeitlich bestünden im Übrigen überhaupt keine psychosozialen Faktoren mehr, trotzdem habe sich ihr Zustand nicht verbessert. (S. 2 unten).
4.
4.1
Die bipolare
af
fektive
Störung (ICD-10 F31)
ist
durch wiederho
lte Episoden charakterisiert
, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau des Betreffenden deut
lich gestört sind. Es treten einmal eine gehobene Stimmung, vermehrter Antrieb und Aktivität (Manie oder Hypomanie) auf, dann wieder eine Stimmungssenkung, verminderte
(r)
Antrieb und Aktivität (Depression). Bei einer Manie ohne psycho
tische Symptome (F30.1) ist die Stimmung situationsinadäquat gehoben und kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden und führt zu Überaktivität, Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis.
Die Aufmerksam
keit kann nicht mehr aufrechterhalten werden, stattdessen kommt es oft zu starker Ablenkbarkeit. Die Selbsteinschätzung ist aufgeblasen, Grössenideen oder massloser Optimismus werden frei geäussert. Die Hypomanie (F30.0) ist eine
leichtere Ausprägung der Manie. Bei einer bipolaren affektiven Störung, gegen
wärtig gemischte Episode (F31.6)
,
hatte der Betreffende wenigstens eine mani
sche, hypomanische oder gemischte affektive Episode in der Anamnese und zeigt
gegenwärtig entweder eine Mischung oder einen raschen Wechsel von mani
schen
, hypomanischen und depressiven Symptomen (
Dilling
/
Mombour
/Schmidt,
Inter
nationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F] Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10., überarbeitete Auflage, Bern 2015, S. 159-169).
4.2
Nachdem die erstbehandelnden Fachärzte noch von starken Hinweisen (vorste
hend E. 3.1) für das Vorliegen einer bipolaren Störung beziehungsweise einem
entsprechenden Verdacht (vorstehend E. 3.2) sprachen,
stellten die Ärzte des Sana
toriums
D._
im November 2015 nach einem gut fünfwöchigen statio
nären Aufenthalt die Diagnose einer bipolaren affektiven Störung, gegenwärtig mani
sche Episode ohne psychotische Symptome (vorstehend E. 3.3). Zu dieser Diag
nose gelangten sie durch den psychopathologischen Befund
,
zusammen mit fremd
anamnestischen Hinweisen. Dabei hielten sie allerdings fest, dass die manische Phase bei Eintritt bereits abgeklungen sei. Tatsächlich ist der RAD-Ärztin (vgl.
vorstehend E. 3.11 und E. 3.19) darin zuzustimmen, dass die Beschwerdeführerin in keinem der im Recht liegenden Arztberichte in einem
(hypo-)
manischen
Zu
stand beschrieben wurde. Allerdings
ist
durchaus vorstellbar, dass die Beschwer
deführerin in einem solchen Zustand sich eben nicht als behandlungsbedürftig ansah und entsprechend auch keinen Arzt aufsuchte. Es ist einem Facharzt
grund
sätzlich
zuzutrauen, dass er – wie zum Beispiel die Ärzte des Sanatoriums
D._
im November 2015 - aus einer Kombination von Psychostatus, Ver
halten
der Patientin anlässlich der Behandlung sowie
Aussagen derselben und ihrer Angehörigen
einen relativ zuverlässigen Schluss auf die Diagnose zu ziehen vermag
.
Vom
Fach ist allerdings auch die RAD-Ärztin Dr.
H._
, welche die Beschwerdeführerin
in Kenntnis der
Vorakten
ebenfalls persönlich eingehend untersuchte
und befragte
(vgl. vorstehend E. 3.11), jedoch
die Diagnose einer bipolaren Störung nicht als genügend gesichert erachtete
.
Für
ihre Annahme
, dass die behandelnden Ärzte die Diagnosen
unreflektiert aus den jeweiligen Vorberichten übernommen
hätten (vgl. vorstehend E. 3.19), be
stehen
indes
keine objektiven Anhaltspunkte. Es erscheint dies als eher unwahr
scheinlich, nachdem sich die Arztberichte über einen längeren Zeitraum, nämlich von November 2015 (E. 3.1)
bis Juli 2020 (E. 3.20) erstrecken, innerhalb welchem
die Beschwerdeführerin
einen teilstationären (E. 3.4) und drei stationäre (E. 3.2, E. 3.
3, E. 3.9) Klinikaufenthalte in
drei verschiedenen Institutionen absolvierte. Zwar trifft es mit der RAD-Ärztin (E. 3.9) zu, dass in keinem Arztbericht die ICD-Kriterien für eine bipolare affektive Störung festgehalten wurden. Dennoch gibt es durchaus
gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass diese erfüllt sein könnten, wozu
hinsichtlich der umstrittenen (hypo-) manischen beziehungsweise gemisch
ten Episoden
etwa die geplante und im Ansatz in Angriff gen
ommene fünf
wöchige Expedition nach
Kanada
(E. 3.3), das Auflesen von Möbelstücken (E. 3.3) oder Hunden (E. 3.20) von der Strasse, das wiederholt geschilderte Ausgeben von
grossen Geldsummen (E. 3.3 und E. 3.17) oder das inadäquate Verhalten anlässlich
der Kremation der Mutter (E. 3.20) zu zählen ist. Bei der Beobachtung durch die
L._
-Fachleute, wonach die Beschwerdeführerin beim Aufbautraining vom Herbst 2018 ideenflüchtig gewirkt und verschiedene Projekte angerissen habe (E. 3.15), handelt es sich sodann nicht um eine Angabe der Beschwerdeführerin oder ihrer Angehörigen, sondern um eine unmittelbare Wahrnehmung
von Dritt
personen
.
Auch
die
Schilderungen
von Letzteren
erscheinen im Übrigen als authen
tisch und es bestehen keine Hinweise dafür, dass diese das Erzählte erfunden hätten.
Gleiches gilt für die von Dr.
G._
wiedergegebene Beobachtung der fall
führenden Psychologin des Sanatoriums
D._
betreffend das
auf
fällige
Ver
halten der Beschwerdeführerin anlässlich des kurzfristig abgesagten Klinikauf
ent
halts im Herbst 2018 (vorstehend E. 3.20).
Es bestehen daher Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Diagnose
stellung
durch RAD-Fachärztin Dr.
H._
, weshalb auf diese nicht abgestellt werden kann
(vorstehend E. 1.7
).
Dennoch sind
ihre Vorbehalte gegenüber
der Diagnose
der bipolaren affektiven Störung
mindestens
in dem Sinne
ernst zu nehmen,
dass
diese ohne Einholung eines neutralen Gutachtens nicht als erstellt gelten kann.
4.3
Nicht erstellt werden kann der Sachverhalt
sodann
im Hinblick auf die Arbeits
fähigkeit
in psychiatrischer Hinsicht. Der behandelnde
Psychiater
attestierte
zuletzt - im Juli 2019 -
eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
seit 12. September 2018 und bis auf weiteres
(vorstehend E. 3.17)
. Hier hat
das Gericht
der Erfah
rungstatsache Rechnung zu tragen, dass
behandelnde Ärzte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifels
fall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3a/cc S. 353 mit weiteren Hinweisen), sprich deren Gesundheitsbeeinträchtigung tendenziell eher gravierender und deren Arbeitsfähigkeit tendenziell eher tiefer einschätzen als dies objektiv gerechtfertigt wäre.
Die RAD-Ärztin ihrerseits äusserte sich in ihrer Stellungnahme vom 14. Dezemb
er 2018 (vorstehend E. 3.16)
nicht zur aktuellen Arbeitsfähigkeit, sondern hielt lediglich an ihrer Einschätzung vom 14. Dezember 2017 (vorstehend E. 3.11) fest, welche sie sodann auch in ihrer Stellungnahme vom 12. Juni 2020 (vorstehend E. 3.19) erneut zitierte. Damals hatte sie ausgeführt, es seien berufliche Mass
nahmen zu beginnen und ein langsamer Einstieg zu gewähren. Eine mindestens
50%ige Arbeitsfähigkeit sollte erreicht werden können, im Verlauf sei eine höhere Arbeitsfähigkeit nicht ausgeschlossen.
Mit der Beschwerdeführerin (vorstehend E. 2.2) handelte es sich dabei somit lediglich um die Prognose einer medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit von 50
%
nach Absolvieren der beruflichen Mass
nahmen.
Wie sich zeigen sollte, konnte a
nlässlich dieser die Arbeitsfähigkeit von 50
%
jedoch nicht erreicht werden. Immerhin hielten die
L._
-Fachleute zwar fest, die erreichte Leistungsfähigkeit von 70
%
habe bei einem Pensum von 50
%
einer Arbeitsmarktfähigkeit von ungefähr 35
%
entsprochen. Aufgrund ihres Zustands beziehungsweise der vielen Krankheitsausfälle könne aber nicht von einer ver
wert
baren Arbeitsleistung gesprochen werden (vorstehend E. 3.15). Trotz entge
gen
stehender Aussage der RAD-Ärztin (vorstehend E. 3.19) ist nicht ersichtlich, inwiefern in ihre Stellungnahmen die Erkenntnisse aus dem gescheiterten
L._
-Aufbautraining eingeflossen sein sollten.
Der Bericht der
L._
-Fachleute vermag
im Verbund mit den
aktuellen
Berichten des
behandelnden
Psychiater
s
Dr.
G._
(vorstehend E. 3.17 und E. 3.20)
Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
durch die RAD-Ärztin zu wecken
,
weshalb auch auf diese nicht abgestellt werden kann (vorstehend E. 1.6)
.
So oder anders äusserte sie nach wie vor nicht mehr
als eine Prognose betreffend die erreichbare
Arbeitsfähigkeit.
Die Interpretation der Beschwerdegegnerin, dass es sich bei der Angabe von 50
%
um die effektive Arbeitsfähigkeit handle (vorstehend E. 2.1), wird der Wortwahl der RAD-Ärztin hingegen nicht gerecht.
4.4
Hinweise auf psychosoziale Belastungsfaktoren ergeben sich zunächst aus dem Bericht zum Auf
bau- und Belastbarkeitstraining
im Herbst 2016, wo ein
grosser,
hemmender finanzieller beziehungsweise familiärer Druck und unverarbeitete familiäre Probleme erwähnt und nebst den gesundheitlichen die sozialen Prob
leme als im Vordergrund stehend betrachtet wurden (vorstehend E. 3.5).
Auch d
ie Ärzte des Reha
z
entrums
I._
erachteten
im Sommer 2017
die familiä
ren und beruflichen Perspektiven mit einhergehenden Zukunftsängsten als unter
stützungsbedürftige Themen (vorstehend E. 3.9). Eine bessere Abgrenzung von den familiären und privaten Themen wurde von der Beschwerdeführerin sodann
im Herbst 2018
mit Hilfe der
L._
-Fachleute angestrebt (vorstehend E. 3.13). Anlässlich des Aufbautrainings konnten diese nicht eruieren, ob die anhaltende Erschöpfung der Beschwerdeführerin mit der Arbeit oder eher mit dem vollen Wochenprogramm zu tun hatte, wobei auch die Trennung von ihrem
Ehem
ann diverse kräfteraubende Fragen aufgeworfen habe. Sie sei mit privaten Themen stark belastet und
beschäftigt gewesen. Zu deren Klärung und gesundheitlicher Stabilisierung seien die Eingliederungsmassnahmen abgebrochen worden (vorste
hend E. 3.15).
Als abwegig erscheint es daher nicht, wenn die RAD-Ärztin Dr.
H._
zum Schluss gelangte, während des Aufbautrainings vom Herbst 2018 hätten vorwiegend psy
chosoziale Faktoren vorgelegen, die die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt hätten (vorstehend E. 3.19).
Selbst wenn ihre Feststellung zutreffen würde, wäre damit für die Erstellung des medizinischen Sachverhalts jedoch noch nichts gewonnen. Entscheidend ist mit der Beschwerdeführerin (vorstehend E. 2.2) nicht, ob vor
wiegend psychosoziale Faktoren vorliegen, sondern ob die erhobenen Befunde in diesen ihre hinreichende Erklärung finden. Ob dies der Fall ist oder ob ein medi
zinisches Substrat vorliegt, das die Arbeitsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt, wäre vorliegend ärztlicherseits differenziert und schlüssig zu evaluieren gewesen
(vgl. vorstehend E. 1.4)
.
4.
5
Nach dem Gesagten
können
also weder
eine gesicherte Diagnose in klarer Unter
scheidbarkeit von psychosozialen Belastungsfaktoren
noch die bestehenden
Ein
schränkungen und
ihre quantifizierte Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erstellt werden. Nicht zu vergessen ist, dass sämtliche psychische Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit grundsätzlich einem strukturierten Beweisver
fahren zu unterziehen sind (vorstehend E. 1.5). Ein solches lässt die Aktenlage erst recht nicht zu.
Die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens erscheint somit als unum
gän
g
lich. Dieses hat nicht nur die Frage nach der
Diagnose und der
Arbeitsfähigkeit
in bisheriger und angepasster Tätigkeit
zu beantworten, sondern sich
ebenfalls
zu den Einschränkungen im Haushaltsbereich zu äussern, nachdem auch diesbe
züglich gegensätzliche Einschätzungen vorliegen.
4.
6
Schliesslich begründete die Beschwerdegegnerin die Qualifikation der Beschwer
de
führerin als zu 50
%
erwerbstätig und zu 50
%
im Haushalt tätig
(vgl.
Urk. 8/103 S. 10 oben)
nicht.
Letztere brachte zur Begründung eines Erwerbs
pensums von mindestens 60
%
im Gesundheitsfall vor, sie sei seit längerer Zeit in einem Pensum von 60
%
erwerbstätig gewesen, bevor sie ihr Pensum im Januar 2015 aus gesundheitlichen Gründen auf 50
%
reduziert habe (vorstehend E. 2.2). Je nach Ergebnis der vorzunehmenden Begutachtung hat die Beschwerdegegnerin
zur Berechnung des Invaliditätsgrades
auch die Statusfrage noch genauer abzu
klären.
4.7
Nachdem der medizinische Sachverhalt derzeit nicht erstellt werden kann,
fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher an die Beschwer
degegnerin zurückzuweisen, damit diese nach ergänzender Abklärung eine neue Beurteilung vornehme und über den Leistungs
an
spruch de
r
Beschwerdeführer
in
neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise
auf Fr. 8
00.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Ab
klärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57
E. 2.2), weshalb die vertretene Beschwer
deführerin Anspruch auf eine Prozessent
schädigung hat.
Beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschäd
igung ermessensweise auf Fr. 2’8
00.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.