# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 37b011c2-8d85-5ad1-bdbf-ac357a3f40b3
**Court:** SO_OG
**Chamber:** SO_OG_006
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** SO / Espace_Mittelland
**Law Area:** Criminal
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

In Sachen
Staatsanwaltschaft,
Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157,
4502
Solothurn,
Berufungsklägerin
gegen
A.A._
,
amtlich verteidigt durch
Rechtsanwalt
Thomas A.
Müller,
Beschuldigte und Anschlussberufungsklägerin
betreffend
versuchte Tötung etc.
Es erscheinen zur
Hauptverhandlung vor Obergericht
vom 29. Januar 2020:
1.
Staatsanwältin C._, für die Staatsanwaltschaft als Berufungsklägerin, in Begleitung einer Rechtspraktikantin;
2.
A.A._, Beschuldigte und Anschlussberufungsklägerin;
3.
Rechtsanwalt Dr. Thomas A. Müller, amtlicher Verteidiger der Beschuldigten;
4.
D._, Dolmetscherin.
Zudem erscheinen:
-
Ehemann der Beschuldigten als Zuhörer;
-
zwei weitere Zuhörer;
-
zwei Vertreterinnen der Presse.
Der Vorsitzende eröffnet die Verhandlung, stellt die Anwesenden fest und gibt die Besetzung des Berufungsgerichts bekannt. In der Folge weist er die Dolmetscherin auf die Pflicht zur wahrheitsgemässen Übersetzung, auf die Straffolgen bei falscher Übersetzung gemäss Art. 307 StGB und auf die Straffolgen bei Verletzung der Geheimhaltungspflicht gemäss Art. 73 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 320 StGB hin. Die Beschuldigte erklärt auf die entsprechende Frage des Vorsitzenden, dass sie die deutsche Sprache gut verstehe und die Fragen auch auf Deutsch beantworten könne. Der Vorsitzende erklärt der Beschuldigten, dass die Dolmetscherin zu ihrer Verfügung stehe. Sie solle ungeniert und jederzeit intervenieren, wenn sie auf sie zurückgreifen wolle. Die Beschuldigte bestätigt, dies verstanden zu haben, und macht gegen die Dolmetscherin keine Ablehnungsgründe geltend.
In der Folge weist der Vorsitzende auf das angefochtene Urteil des Amtsgerichts von Bucheggberg-Wasseramt vom 17./29. Januar 2019 hin und fasst dieses zusammen. Er nennt die von den Parteien angefochtenen Urteilspunkte und verliest die mit Berufungserklärung vom 2. August 2019 und die mit Anschlussberufungserklärung vom 26. August 2019 gestellten Anträge. In der Folge erwähnt er die bereits in Rechtskraft erwachsenen erstinstanzlichen Dispositivziffern 9 - 11 sowie 12 (teilweise, soweit die Höhe der Entschädigung betreffend) sowie die Verfügung der Strafkammer vom 24. Juli 2019, mit welcher die Ersatzmassnahmen gemäss Ziff. 7 des erstinstanzlichen Urteils bis zur Hauptverhandlung vor dem Berufungsgericht verlängert wurden. Der Vorsitzende gibt bekannt, dass das Berufungsgericht allenfalls auch über die Weiterführung dieser Ersatzmassnahmen zu befinden habe und sich die Parteivertreter hierzu äussern könnten.
Der Vorsitzende skizziert den vorgesehenen weiteren Verhandlungsablauf wie folgt:
1. Vorfragen, Vorbemerkungen und Anträge der Parteivertreter;
2. Befragung der Beschuldigten;
3. weitere Beweisanträge und Abschluss des Beweisverfahrens;
4. Parteivorträge;
5. letztes Wort der Beschuldigten;
6. geheime Urteilsberatung;
7. Urteilseröffnung, vorgesehen am 30. Januar 2020 um 11:00 Uhr.
Hierauf weist der Vorsitzende die Parteivertreter darauf hin, dass das Brotmesser, welches vom Obergericht bei der Polizei (Fachstelle Asservate) eingeholt worden sei, von den Parteivertretern eingesehen werden könne. Er bittet den amtlichen Verteidiger, seine Honorarnote für das Berufungsverfahren bereits jetzt Staatsanwältin C._ zur Einsicht vorzulegen.
Staatsanwältin C._ wirft keine Vorfragen auf und hat keine Vorbemerkungen. Sie stellt den Antrag, es sei das Schreiben von H._ (Bewährungshilfe, Amt für Justizvollzug) betreffend Alkoholkonsum und Rückfall der Beschuldigten, welches vom 8. März 2019 datiere und der Staatsanwaltschaft (Abteilung Solothurn) erst nach dem erstinstanzlichen Verfahren zugegangen sei, zu den Akten zu nehmen.
Rechtsanwalt Dr. Thomas A. Müller hat keine Vorfragen und stellt keine Anträge. Gegen den Beweisantrag der Berufungsklägerin macht er keine Einwände geltend. Er händigt Staatsanwältin C._ sowie dem Berufungsgericht die Honorarnote für das Berufungsverfahren sowie ergänzend eine weitere Honorarnote betreffend das Beschwerdeverfahren BKBES.2018.57 aus.
Das Berufungsgericht beschliesst, das Schreiben von Frau H._ vom 8. März 2019 zu den Akten zu nehmen.
Hierauf erkundigt sich der Vorsitzende bei der Beschuldigten und ihrem Verteidiger, ob die Teilnahme der Dolmetscherin auch für das letzte Wort und die mündliche Urteilseröffnung erforderlich sei, was verneint wird.
Die Beschuldigte wird, nachdem sie vom Vorsitzenden auf ihr Recht, sich nicht selbst belasten zu müssen sowie die Aussagen und die Mitwirkung verweigern zu dürfen, hingewiesen worden ist, zur Sache und Person befragt (vgl. Audiodokument im obergerichtlichen Dossier, AS 94, nachfolgend zit. «Dossier OG», sowie das separate Einvernahmeprotokoll, Dossier OG 95 -110). Darauf verlässt die Dolmetscherin den Gerichtssaal.
Die Parteivertreter verzichten auf die Möglichkeit, das Brotmesser nochmals einzusehen, und stellen keine weiteren Beweisanträge, so dass das Beweisverfahren vom Vorsitzenden geschlossen wird.
Nach einer Pause stellt und begründet Staatsanwältin C._ für die Berufungsklägerin folgende
Anträge
(Dossier OG 111):
« 1. A.A._ sei schuldig zu sprechen wegen:
a) versuchter Tötung;
b) einfacher Körperverletzung mit gefährlichem Gegenstand.
2. A.A._ sei zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren zu verurteilen.
3. An die ausgesprochene Freiheitsstrafe gemäss Ziff. 2 hiervor seien A.A._ die ausgestandene Haft sowie die angeordneten Ersatzmassnahmen wie folgt anzurechnen:
a) 49 Tage Haft;
b) 70 Tage für die stationäre Suchtbehandlung in der Klinik O._ (
2
/
3
des stationären Aufenthaltes vom 8.5.2018 bis zum 21.8.2018).
4. Es sei eine ambulante Behandlung für A.A._ anzuordnen.
5. A.A._ sei 10 Jahre des Landes zu verweisen.
6. A.A._ sei im Schengener Informationssystem (SIS) zur Einreise- und Aufenthaltsverweigerung auszuschreiben.
7. Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers von A.A._, Rechtsanwalt Dr. Thomas A. Müller, für das Berufungsverfahren sei gerichtlich festzusetzen und zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen. Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A.A._ erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).
8. A.A._ seien die Kosten des Verfahrens vor der Vorinstanz und des Berufungsverfahrens aufzuerlegen.»
Nach einer kurzen weiteren Pause stellt und begründet Rechtsanwalt Dr. Thomas A. Müller im Namen und Auftrag der Beschuldigten und Anschlussberufungsklägerin folgende
Anträge
(vgl. auch Plädoyernotizen, Dossier
OG 112 ff.):
« 1. Die Beschuldigte sei vom Tatvorwurf der versuchten eventualvorsätzlichen Tötung, der schweren Körperverletzung und der versuchten schweren Körperverletzung freizusprechen.
2. Das Verfahren wegen einer einfachen und eventualiter wegen einer mehrfachen einfachen Körperverletzung sei im Sinne von Art. 55a StGB zu sistieren.
3. Subeventualiter sei die Beschuldigte wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung schuldig zu sprechen und mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je CHF 20.00 zu bestrafen.
4. Der Beschuldigten sei der bedingte Strafvollzug mit einer Probezeit von zwei Jahren zu gewähren.
5. Die bisher ausgestandene Untersuchungshaft und der Klinikaufenthalt von 154 Tagen seien an das Strafmass anzurechnen.
6. Eventualiter (für den Fall einer Verurteilung wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung, wegen schwerer Körperverletzung oder wegen versuchter schwerer Körperverletzung) sei auf eine Landesverweisung wegen eines Härtefalls zu verzichten.
7. Der Beschuldigten seien die beschlagnahmten Gegenstände wieder herauszugeben.
8. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.»
Hierauf halten die Staatsanwältin und der amtliche Verteidiger einen zweiten Parteivortrag.
Die Beschuldigte macht von ihrem Recht auf das
letzte Wort
sinngemäss wie folgt Gebrauch:
Es tue ihr sehr leid, was passiert sei. Sie habe viel aus dieser Sache gelernt und sei sich zu 200 % sicher, dass ihr so etwas nicht mehr passieren werde.
Damit endet der öffentliche Teil der Hauptverhandlung um 12:50 Uhr und das Gericht zieht sich zur geheimen Urteilsberatung zurück.
Es erscheinen zur mündlichen
Urteilseröffnung
vom 30. Januar 2020 um 11:00 Uhr:
1.
Staatsanwältin C._, für die Staatsanwaltschaft als Berufungsklägerin, in Begleitung einer Rechtspraktikantin;
2.
A.A._, Beschuldigte und Anschlussberufungsklägerin;
3.
Rechtsanwalt Dr. Thomas A. Müller, amtlicher Verteidiger der Beschuldigten.
Zudem erscheinen:
-
ein Zuhörer;
-
zwei Vertreterinnen der Presse.
Der Vorsitzende stellt die Anwesenden fest und weist vorab darauf hin, dass das Urteil des Berufungsgerichts im Rahmen der mündlichen Eröffnung nur summarisch begründet werde. Massgeblich sei die Begründung des schriftlichen Urteils, welches den Parteien später eröffnet werde und ab deren Zustellung dann auch die Rechtsmittelfrist zu laufen beginne.
Anschliessend verliest Oberrichter Kiefer als Referent den Urteilsspruch. Er fasst die Beweiswürdigung zusammen und nimmt die rechtliche Würdigung vor. Er äussert sich zur Strafzumessung (Tat- und Täterkomponenten, ausgefälltes Strafmass, Vollzugsform, Anrechnung nach Art. 51 StGB) und begründet die angeordnete therapeutische Behandlung. In der Folge legt er dar, weshalb das Berufungsgericht von einer Landesverweisung abgesehen hat. Mit den Angaben zur Kostenverteilung beschliesst der Referent die summarische Urteilsbegründung um 11:30 Uhr.
Die Strafkammer des Obergerichts zieht in
Erwägung
:
I. Prozessgeschichte
1. Am 11. März 2018, 04:50 Uhr, meldete sich E._ (Nachbar) auf der Alarmzentrale der Polizei Kanton Solothurn und teilte mit, dass im 3. Stock eine Frau am Schreien und auch ein Mann zu hören sei (AS 6).
2. Die ausgerückte Patrouille der Polizei stellte in der Wohnung der Ehegatten A._ diverse Flaschen und Gläser fest, die zerschlagen am Boden lagen (Fotos AS 94 ff.). Auf dem Küchenboden stellte sie zudem ein Brotmesser in einer Länge von ca. 30 cm fest, an dessen Klinge Blut festgestellt werden konnte. Zudem waren auf dem Küchenboden und dem Wohnzimmerboden diverse Blutspritzer sichtbar (AS 22 ff.; 97 ff.).
3. Gemäss ersten Aussagen von B.A._ (Geschädigter) sei seine stark betrunkene Ehefrau (Beschuldigte) mit einem scharfen Gegenstand (Messer, Schere oder Scherbe) auf ihn losgegangen. Er habe den Angriff abwehren können und sich dabei eine Verletzung an der rechten Hand zugezogen (AS 23).
4. Die Staatsanwaltschaft eröffnete gleichentags eine Strafuntersuchung wegen versuchter schwerer Körperverletzung (Art. 122 i.V. mit Art. 22 Abs. 1 StGB) und einfacher Körperverletzung (Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB; AS 188) und bestellte für die Beschuldigte einen amtlichen Verteidiger (AS 383). Mit Verfügung vom 9. Juli 2018 wurde die Strafuntersuchung auf den Tatbestand der versuchten Tötung (Art. 111 i.V. mit Art. 22 Abs. 1 StGB) ausgedehnt (AS 191).
5. Die Beschuldigte befand sich vom 11. März 2018, 09:50 Uhr, bis am 12. März 2018, 13:30 Uhr, in polizeilichem Gewahrsam (AS 199 ff.). Mit Verfügung vom 25. März 2018 ordnete das Haftgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft für die Dauer von vier Monaten, d.h. bis am 24. Juli 2018, Untersuchungshaft an. Gleichzeitig wurde die Staatsanwaltschaft angewiesen, abzuklären, ob der Wiederholungsgefahr mit geeigneten Ersatzmassnahmen (z.B. Alkoholabstinenz, Antabus-Kur) begegnet werden könnte (AS 230 ff.).
6.1 Die Beschuldigte trat in der Folge im Sinne einer Ersatzmassnahme in die Klinik O._, [...], ein und unterzog sich ab dem 8. Mai 2018 bis am 21. August 2018 einer Alkoholtherapie (AS 289 ff.; 378.11 ff.; 690 ff.).
6.2 Mit Verfügung vom 14. August 2018 ordnete das Haftgericht ab der Entlassung der Beschuldigten aus der Klinik O._ an, dass sie weiterhin alkoholabstinent zu leben und sich Urin- und Haarproben bei ihrer Hausärztin zu unterziehen habe. Im Weiteren wurde sie verpflichtet, sich einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung zu unterziehen und mit der Bewährungshilfe zusammenzuarbeiten (AS 640 ff.).
7. Am 11. März 2018 wurde dem Geschädigten von der Polizei das Strafantragsformular ausgehändigt. Er verlangte Bedenkzeit und bestätigte unterschriftlich, darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, dass das Antragsrecht nach Ablauf von drei Monaten seit Bekanntwerden von Tat und Täterin erlischt (AS 14). Mit Eingabe vom 26. April 2018 (recte 26.3.2018, vgl. den Eingangsstempel der Staatsanwaltschaft auf dem entsprechenden Formular mit Datum vom 29.3.2018) erklärte der Geschädigte, keinen Schadenersatz und keine Genugtuung geltend zu machen und verzichtete damit endgültig auf die Stellung als Zivilkläger am Strafverfahren; im Strafpunkt machte er Parteirechte geltend (AS 393). Mit separatem Schreiben vom 4. April 2018 erklärte der Geschädigte, auf einen Strafantrag gegen seine Ehefrau zu verzichten. Ebenso erklärte er das Desinteresse an deren strafrechtlichen Verfolgung (AS 394). Seinen Verzicht auf einen Strafantrag bekräftigte er am 20. April 2018 (vgl. das unterzeichnete Strafantragsformular gemäss AS 14, auf welchem er die Rubrik «Verzicht auf Strafantrag [gestützt auf Bedenkfrist]» ankreuzte).
8. Dr. med. F._ erstellte im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein psychiatrisches Gutachten, welches am 17. Mai 2018 vorgelegt wurde (AS 594 ff.).
9. Die Anklageschrift datiert vom 3. August 2018 (AS 1 ff.).
10. Am 17./29. Januar 2019 fällte das Strafgericht Bucheggberg-Wasseramt folgendes Urteil (AS 770 ff.):
«Das Amtsgericht hat
beschlossen:
1. Es wird festgestellt, dass B.A._ mit Schreiben vom 4. April 2018 sein Desinteresse an einer strafrechtlichen Verfolgung von A.A._ erklärt hat. Diese Erklärung kommt einem Ersuchen im Sinne von Art. 55a StGB um Sistierung des Verfahrens wegen einfacher Körperverletzung gleich.
2. Das Verfahren gegen A.A._ wegen einfacher Körperverletzung zum Nachteil von B.A._ (Ehegatte; andere rechtliche Würdigung des Vorhalts gemäss Ziff. 1 der Anklageschrift vom 3. August 2018 im Sinne von Art. 344 StPO) wird gestützt auf Art. 55a StGB sistiert. Das Verfahren wird wieder aufgenommen, wenn B.A._ bis spätestens 29. Juli 2019 schriftlich oder mündlich darum ersucht. Ohne ein entsprechendes Ersuchen erfolgt nach Ablauf der genannten Frist die Einstellung des Verfahrens.
Das Amtsgericht hat

## Considerations