# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 5d7f1e9f-d135-4fc8-911b-cc4b151ab97e
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
Die 1962 geborene
X._
(verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern) arbeitete zuletzt
jeweils teilzeitlich
als
Reinigungskraft
in diversen Unternehmungen und privaten Haushalten
. Am 22. März 2019 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte wegen einer Diskushernie bei der Sozial
ver
siche
rungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Urk. 13/2).
In der Folge tätigte die IV-Stelle medizinische und erwerbliche Abklärungen und
teilte der Versicherten mit Schreiben vom 12. Juli 2019 mit, dass zurzeit aufgrund ihrer Tätigkeit als Hausfrau
keine beruflichen Ein
gliederungsmas
snahmen möglich seien (Urk. 13/21). Gestützt auf die Stellung
nahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 29. Juli 2019 (Urk. 13/22 S. 3 f.)
kündigte die IV
Stelle
X._
mit
Vorbescheid vom
12. August 2019 (Urk. 13/23
)
die Abweisung ihres Leistungsbegehrens
an, wogegen sie
Einwand erhob (Urk. 13/24
)
.
Die IV-Stelle aktualisierte
daraufhin die medizinische Aktenlage und bat die Versicherte um Bekanntgabe des Operations
termins sowie des behandeln
den Physiotherapeuten (Urk. 13/32),
welcher Bitte
die Versicherte
Folge leistete
(Urk. 13/34). Auf telefonische Nachfrage der IV-Stelle erklärte
X._
, dass sie sich nicht in psychiatrischer Behandlung befinde (Urk. 13/36).
Nachdem RAD-Arzt Dr.
Y._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie, am 19. Februar 2020 Stellung zur versicherungsmedizinischen Situa
tion genommen hatte (Urk. 13/40 S. 5 f.), erfolgte a
m
3. Juni 2020
eine Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt (Abklä
rungsbericht vom
13. Juli 2020, Urk. 13/38
).
Mit
neuem
Vorbescheid vom 4.
Sep
tember
2019 kündigte die IV-Stelle
erneut
die Abweisung des Rentenbegehrens bei e
inem Invaliditätsgrad von 16
% an,
wobei sie davon ausging, dass die Ver
sicherte ohne Gesundhei
tsschaden zu einem Pensum von 60 % erwerbstätig und zu 4
0 % im Aufgabenbereich Haushalt tätig wäre
(Urk. 13/41
). Dage
gen erhob
X._
am
18. September 2020
Ein
wand (Ur
k. 13/43
). Am
30.
November 2020
verfügte die IV-Stelle die vor
be
schiedene Abweisung des
Leistungs
gesuchs (Urk. 2).
2.
Hiergegen erhob
die noch
unvertretene
X._
am 13. Januar 2021
Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung
vom 30. November 2020
sei aufzuheben,
es sei ihr eine Invalidenrente zuzusprechen und es sei eine Begutachtung durchzuführen
. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und um Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels
(Urk. 1).
Mit Eingabe vom 27. Januar 2021 legitimierte sich Rechtsanwalt lic. iur. Peter Stadler als Vertreter und reichte die Bestätigung der Wohngemeinde
, dass die Beschwerdeführerin Sozialhilfebezügerin ist,
ein (Urk. 7-
9).
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom
22. März 2021
auf
Abweisung der Beschwerde (Urk. 12
, unter Beilage ihrer Akten, Urk.
13/1-55).
Mit Verfügung vom
24. März 2021
ordnete das hiesige Gericht einen zweiten Sch
riftenwechsel an und stellte der
Beschwerdeführer
in
d
ie Beschwerdeantwort zu (Urk. 14
).
Mit
Replik
vom
28. April 2021 (Urk. 16, samt Beilagen, Urk. 17/1-4
)
beantragte die Beschwerdeführer
in nun, es sei ihr unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung eine Invalidenrente zuzusprechen und zunächst ihr Gesundheitszustand durch ein medizinisches Gutachten korrekt und sachgerecht abklären zu lassen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie ergänzend zum Gesuch um unentgeltliche Prozessführung um Bestellung von Rechtsanwalt
Dr.
iur. Stadler als unentgeltlichen Rechtsbeistand.
Nachdem
der Beschwerde
gegnerin am
5. Mai 2021
die Replik zugestellt worden war
,
ver
zichtete
diese am
10. Juni
2021
auf Duplik (Urk. 19
).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird - soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen Einspracheentscheids eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind.
Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen ver
fügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 1
0.
Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
1.5
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sach
ver
ständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gut
achtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuver
lässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2)
gestützt
auf ihre Abklärungen davon aus, dass
der Beschwerdeführer
in
die ange
stammte Tätigkeit als
Reinigungskraft
seit April 2018 nicht mehr zumutbar sei. Eine körperlich leichte und wechselbelastende Tätigkeit sei ihr zu 80 % möglich.
Dabei qualifizierte die Beschwerdegegnerin die Beschwe
rdeführerin als zu 60 % im Erwerbsbereich und zu 40
% im Haushalt tätig und
ermittelte unter Anwen
dung der
gemischten Methode einen
rentenaus
schliessenden
Gesamt
invaliditäts
grad von
17 %.
2.2
Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber geltend (Urk. 1 und Urk. 16), dass sie an einem gravierenden Gesundheitsschaden leide und es ihr daher auch nicht möglich sei, einer angepassten Tätigkeit zu 80 % nachzugehen.
Der medizinische Sachverhalt sei ungenügend abgeklärt worden und müsse nochmals geprüft werden
. Zudem treffe es nicht zu, dass sie im Gesundheitsfall nur zu 60 % erwerbstätig wäre, so habe sie anlässlich der Haushaltsabklärung explizit gesagt, dass sie bei guter Gesundheit zu 80 % arbeiten würde. Im Weiteren seien die Einschränkungen im Haushalt
viel zu tief bemessen und auch das tabellarische Valideneinkommen falsch ermittelt worden.
3.
3.1
Dr.
Z._
,
Chiropraktor
SCG, stellte in seinem Bericht vom 2. April 2019 (Urk. 13/6) zuhanden der Beschwerdegegnerin als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches rezidivierendes lumbospondylogenes Syndrom rechts ohne
neurokompressive
Pathologie. Die Beschwerdeführerin leide seit 10 Jahren an rezidivierenden lumbalen Schmerzen, welche sich seit März 2018 erneut verschlechtert hätten. Seit Behandlungsbeginn im Januar 2019 zeige sich ein intermittierender Verlauf. Die Prognose sei ungewiss, soweit sie beurteil
bar sei. Er habe keine Arbeitsunfähigkeit attestiert.
3.2
Im
Bericht der
A._
vom 3. April 2018 (Urk. 13/12) zuhanden des behandelnden Hausarztes Dipl. med.
B._
, Facharzt für Allgemein
medizin und Chirurgie FMH, wurden folgende Diagnosen
festgehalten
:
-
Chronisch rezidivierende Schwindelbeschwerden bei Status nach Neuritis
vestibularis circa 2005 mit einem guten Ansprechen auf ein Ginkgo
präparat
-
Carpaltunnelsyndrom beidseits
Patienten mit einer Neuritis vestibularis blieben häufig zeitlebens sensibel gegen
über Gleichgewichtsstörungen, da das Hirn zwar an die neue Situation adaptier
e
, der Nerv sich aber häufig nicht erhole. Neurologischer Status und Ultraschall der hirnzuführenden Gefässe zeigten keine anderen erklärenden Befunde für die Schwindelbeschwerden. Glücklicherweise spreche die Beschwerde
führerin gut auf
Symfona
Forte an, weshalb die weitere Einnahme empfohlen werde.
Nebenbe
fundlich
leide die Beschwerdeführerin an einem Carpaltunnelsyndrom beidseits. Der Leidensdruck sei bisher moderat und es zeigten sich leichte neurografische Veränderungen. Hierbei könne bei progredienter Symptomatik unter konservati
ver Therapie mit einer Hand
gelenkschiene eine Verlaufsuntersuchung empfohlen werden.
3.3
Im Austrittsbericht des Spitals
C._
vom
23
. Mai 2018 (Urk.
13/16
) zuhanden des Hausarztes Dipl. med.
B._
wurde
n
im Nachgang zum stationären Auf
enthalt der Beschwerdeführerin vom 25. April bis 4. Mai 2018 folgende Diagno
sen aufgeführt:
-
Schmerzen im rechten Bein mit intermittierender Ausstrahlung bis in den
Fuss seit circa drei Wochen (Erst-Manifestation im April 2018)
-
differentialdiagnostisch: ausgestaltetes Piriformis-Syndrom bei
positiven Triggerpunkten
-
differentialdiagnostisch: Bursitis trochanterica
-
aktuell kein Anhalt für eine radikuläre Genese
-
Verdacht auf
normocalciämische
n
Hyperparathyreodismus
(Labor vom
26. April 2018: Calcium-Kreatinin-Ratio (Urin): 1.56
mol
/
nmol
(Norm: 0.15-0.35)
-
Hypernatriämie (Erstdiagnose am 25. April 2018, Labor bei Eintritt: 150
mmol/l, ätiologisch
offen
, differentialdiagnostisch: im Rahmen leichter
Dehydrierung
)
-
Arterielle Hypertonie (
weitere
cvRF
:
Adipositas)
-
Vitamin-D-Mangel (Erstdiagnose am 26. April 2018, Labor: 57
nmol
/l bei
einer Referenz von 75-250)
-
Carpaltunnelsyndrom beidseits (Erstdiagnose im April 2018): Hoffmann-
Tinel-Zeichen leicht positiv links mehr als rechts
-
Asthma
bronchiale
Die Genese der streng rechtsseitig, vor allem in der Leistengegend sowie über der lateralen Hüfte lokalisierten Schmerzen lasse sich nicht eindeutig
klären
, wobei rein klinisch ein Piriformis-Syndrom am wahrscheinlichsten erscheine. Hinwei
send hierfür sei die mögliche Beschwerdetriggerung durch Kompression und Dehnung der Gesässmuskulatur rechts. Die übrigen Untersuchungsbefunde nebst konventionellem Röntgen der Hüfte ergäben keinen Anhalt für eine ossäre Genese. Das eher diffuse Verteilungsmuster der Schmerzausdehnung sowie das Fehlen jeglicher lumbosakraler Schmerzen erbringe keinen Anhalt für ein radi
kuläres Syndrom wie etwa einen Bandscheibenvorfall. Sensomotorische Ausfälle seien weder seitens der Beschwerdeführerin festgestellt noch in der Untersuchung objektiviert, sodass eine
Plexopathie
eher unwahrscheinlich sei. Eine entzündli
che Genese wie eine
Polyradikulitis
wäre bei blanden Entzündungsparametern eher untypisch, nicht zuletzt aufgrund der
steng
einseitigen Ausprägung. Diffe
rentialdiagnostisch wäre auch eine Bursitis trochanterica nicht ausgeschlossen, wobei hier die Leistenschmerzen nicht ganz passend erschienen. Eine
Trigger
punktbehandlung
habe nebst der Analgesie eine leichte Besserung der Beschwer
den im Verlauf erbracht.
3.4
Im Bericht vom 6. August 2018 führte das Spital
C._
(Urk. 13/14) zum ver
muteten
normocalzämischen
Hyperparathreoidismus
ergänzend aus, dass
sich unter Vitamin-D-Substitution
steigende Parathormon-Werte zeigten,
sono
gra
fisch
ein Verdacht auf Nebenschilddrüsenadenom links am
Unterpol
gegeben sei, sich aber kein Nachweis eines MIBI-positiven oder ektopen Nebenschilddrüsen
adenoms gezeigt habe (MIBI-Szintigraphie vom 12. Juli 2018). Differential
diagnostisch handle es sich um eine sekundäre
Hyperparathyreose
bei Vitamin-D-Mangel. Zudem wurde neu ein Prädiabetes diagnostiziert.
3.5
Dr.
Z._
hielt in seinem Bericht vom 31. Januar 2019 (Urk. 13/17) zuhanden Dipl. med.
B._
bei einem diagnostizierten chronischen
lumbo
spondylogenen
Syndrom rechts fest, dass die
jetzigen
B
eschwerden am ehe
sten auf eine Facettengelenksproblematik rechts zurückzuführen seien. Mit der begonnenen
Behandlung
werde eine
Verbesserung
erhofft.
3.6
RAD-Arzt
Dr.
D._
, Facharzt für Innere Medizin, hielt in seiner versicherungs
medizinischen Beurteilung vom 29. Juli 2019 (Urk. 13/22 S. 3 f.) fest, dass gestützt auf die Aktenlage folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit vorlägen:
-
Neuritis vestibularis (circa 2005)
-
beidseits Carpaltunnelsyndrom, kontrollbedürftig, eventuell bedürfe es
einer Handschiene
-
Schmerzen im rechten Bein mit intermittierender Ausstrahlung, dabei eher
diffuse Schmerzen ohne radikuläre Reizung (BSV, sensomotorische
Ausfälle)
-
Verdacht auf
normocalcämisches
HPT
-
chronisches lumbospondylogenes Syndrom rechts, am ehesten
Facetten
gelenksproblematik
Die Beschwerdeführerin sei in ihrer bisherigen Tätigkeit
und in einer angepassten Tätigkeit (körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeit in rückenadaptierter Wechselbelastung) seit jeher zu 100 % arbeitsfähig. Der Gesundheitszustand werde sich langfristig am ehesten nicht wesentlich ändern. Weiterer medizini
scher Massnahmen bedürfe es nicht, da sich die Beschwerdeführerin in adäquater Behandlung befinde.
3.7
Im Rahmen des
Vorbescheidverfahrens
holte die Beschwerdegegnerin
weitere Berichte ein:
3.7.1
Das
Kantonsspital
E._
reichte den Bericht
vom
9. September 2019 (Urk. 13/30 S. 7 f.) zuhanden
d
ipl.
med.
B._
ein, worin
eine Diskushernie LW4/5 bis nach rechts foraminal reichend (operative Indikation; MRI der LWS vom 5. September 2019) diagnostiziert wurde. Die Beschwerden seien anhand der bildgebenden Diagnostik gut nachvollziehbar. Aufgrund der langen Beschwerdepersistenz mit Progredie
n
z in den letzten Monaten, Ver
schlechterung der Lebensqualität und unzureichendem Erfolg der konservativen Therapie sei die mikrochirurgische Entfernung der Diskushernie
empfohlen
. D
a d
ie Beschwerdeführerin
grosse Furcht vor jeglichem operativen Vorgehen habe, möchte sie zunächst die konservative Therapie fortsetzen. Da sie die Operations
angst als zunehmend lähmend empfinde, werde eine psychologi
sche/psychia
trische Vorstellung empfohlen.
3.7.2
Priv.-
Doz
.
Dr.
med.
F._
, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie
berichtete am
16. September 2019 (Urk. 13/27)
,
b
efundseitig sei das Gangbild rechtssei
ti
g hinkend. Es bestehe
ein
Druckschmerz
über der mittleren und unteren LWS und auch über beiden Iliosakralgelenken, jedoch rechts wesentlich stärker als links. Die Hüftbeweglichkeit rechts sei endgradig etwas schmerzhaft, die
Beweglichkeit
jedoch nur mittelgradig eingeschränkt. Es bestehe ein leichtgradiger Druckschmerz über dem rechten Trochanter. E
i
ne senso
motorische Auffälligkeit der unteren Extremitäten zeige sich nicht.
Die Beschwer
deführerin sei über die Möglichkeiten einer schmerztherapeutischen Interven
tionsbehandlung informiert worden, was sie sich überlegen werde.
3.8
Am 11. November 2019 nahm RAD-Arzt
Dr.
D._
zu diesen neuen Berichten Stellung und kam zum Schluss, dass sich mit der neurochirurgischen Ein
schätzung vom 9. September 2019 der Gesundheitszustand verschlechtert habe, dieser aber noch instabil sei (Urk. 13/40 S. 3 f.). Es bedürfe weitere
r
Abklärungen (Bekanntgabe
des
Operationstermin
s
sowie Angabe des psychiatrischen Behand
lers, Bericht der Physiotherapie).
3.9
Dipl. Physiotherapeutin
G._
führte in ihrem undatierten Bericht (ein
gegangen am 16. Dezember 2019, Urk. 13/35) aus, dass
die Beschwerde
führerin
bei einer diagnostizierten Diskushernie L4/5 foraminal rechts
mit einer starken Parästhesie in das rechte Bein, begleitet von Rückenschmerzen in die
Physio
therapie
gekommen sei. Im Befund habe sich die
Ausstrahlung beim Straight-leg-
raise
-Test aus Rückenlage um ein Vielfaches steigern lassen, sodass eindeutig die Diskushernie der Ursprung hierfür sein müsste. Eine Hyperextension der LWS habe den gleichen Effekt gehabt. Palpatorisch habe lumbal ein Hypertonus des M. Quadratus
lumborum
, der Mm.
Errector
Spinae sow
i
e des M.
Piriformis und Gluteus medius festgestellt werden können.
3.10
Nachdem die Beschwerdeführerin mitgeteilt hatte, dass keine Operation geplant sei und sie sich nicht in psychiatrischer Behandlung befinde (Urk. 13/34 und Urk. 13/36), nahm
RAD-Arzt
Dr. Y._
am 19. Februar 2019 eine
erneute
versi
cherungsmedizinische Beurteilung vor (Urk. 13/40 S. 4 f.).
A
ls Diagnose mit möglicher Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
lägen
chronische
lumboischial
gieforme
Beschwerden rechts (Erst
manifestation April 2018) bei einer Diskus
her
nie L4/5 bis nach rechts foraminal reichend und bei
Osteochondrose
L5/S1 vor. Dieser Gesundheitsschaden sei seit längerem stabil. Hinsichtlich der
Arbeitsunfä
higkeit
s
-Bewertungen gäbe es keinerlei aktenkundige Angaben, aber aus versi
cherungsmedizinisch-orthopädischer Sicht sei medizintheoretisch mit über
wiegender
Wahrscheinlichkeit
davon auszugehen, dass eine körperlich belastende,
das heisse mittelschwere und schwere Arbeit in rückenbelastend
e
r Körperhaltung schon seit der Erstmanifestation im
April
2018 nicht mehr möglich
gewesen
sei
. Die angegebene Tätigkeit «Putzfrau»
sei
demnach nicht mehr mög
lich. Für eine behinderungsangepasste Tätigkeit (körperlich leicht, wechsel
belastend und dabei vorwiegend sitzend, ohne Verharren in Zwangshaltungen des Rumpfes) sei jedoch - wiederum medizintheoretisch überwiegend wahrschein
lich - eine mindestens 80%ige Arbeitsfähigkeit möglich, resultierend aus einer vollzeitigen Präsenz und einer Leistungsminderung von circa 20 % wegen der Notwendigkeit häufigerer Ruhepausen.
3.11
Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens gingen weitere Berichte
(Urk. 4/1-
5
, Urk. 5 und Urk. 17/1-4)
ein,
wobei
zu berücksichtigen ist, dass
für
die richterliche Beur
teilung eines Falles grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse zur Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens
, der vorliegend durch die angefochtene Verfügung vom 3
0.
November 2020 erfolgte,
massgebend
sind
. Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen (BGE 121 V
362 E. 1b; 99 V 98).
3.11.1
Im Bericht der
H._ Klinik
vom 19.
März 2020 (Urk. 4/5) wurde gestützt auf die gleichentags erfolgte Telefonkonsultation als Hauptdiagnose eine
Lumbo
femoralgie
mit Schmerzausstrahlung in das Dermatom der Nervenwurzel L4 rechts bei fortgeschrittener aktivierter
Osteochondrose
L5/S1 ohne höher
gradige Neuro
kompression (MRI der LES vom 5. September 2019) genannt. Die
Beschwerde
führerin
berichte
,
seit 1.5 Jahren eine
Lumboischialgie
mit Aus
strahlung in den rechten ventralen
Oberschenkel
bis in die rechte Ferse zu haben. Ein Sensomotorisches Defizit werde verneint. Eine multimodale Schmerztherapie mit Infiltrationen und
Physiotherapie
sei zuletzt wirkungslos
gewesen. Sie sei
seit 1.5 Jahren arbeitsunfähig geschrieben und die Gehstrecke sei auf circa 1.5 Kilo
meter eingeschränkt. Das MRI zeige eine fortgeschrittene
Osteochondrose
L5/S1, welche die Rückenschmerzen erklären würden. Es bestehe auch ein foraminaler Kontakt zur Nervenwurzel L4 rechts. Dabei hand
le
es si
ch um einen milden Befund. Die B
einschmerzen seien dadurch nicht vollständig zu erklären. Bei aus
geschöpfter konservativer Therapie sei nun prinzipiell ein operatives Vorgehen mit Dekompression der Nervenwurzel L4 rechts erwägenswert. Die Patientin habe aber aufgrund von schlechten Erfahrungen im Bekanntenkreis und selbst erlebten Erfahrungen nach einer Sectio sehr grosse Operationsangst. Sie möchte daher bis auf Weiteres keine Operation und erkundige
sich nach weiteren konservativen Massnahmen.
3.11.2
Im Bericht des
E._
vom 5.
Januar
2021 (Urk. 4/4) wurde eine kleine Facetten
gelenkszyste sowie ein
extraforaminaler
Vorfall L4/5 rechts diagnost
iziert. Trotz Operationsindikat
ion aufgrund der Radikulopathie L4 und L5 rechts könne sich die Beschwerdeführerin wegen ihrer Angst davor nicht für eine Operation ent
scheiden.
3.11.3
Mit E-Mail vom 18. Februar 2021 beantwortete
Dr.
med.
I._
, Fach
arzt Chirurgie, Vertrauensarzt SGV, Zertifizierter medizinischer Gutachter SIM und zertifizierter Arbeitsfähigkeitsassessor ZAFAS, die von der vertretenen Beschwerdeführerin gestellte Frage nach ihrer Arbeitsfähigkeit in einer ange
passten Tätigkeit (Urk. 17/1).
Es bestehe klinisch und radiologisch eine Opera
tionsindikation aufgrund einer Radikulopathie L4 und L5 rechts. Die Beschwer
deführerin beschreibe in ihrer bisherigen Tätigkeit eine mittelschwere körperliche Arbeit mit repetitiven Bewegungen des Rumpfes, weniger Gewichte tragen. Sie solle das Tragen von mittel
-
bis schwerem Gewicht sowie die repetitiven Bewe
gungen des Rumpfes vermeiden, weshalb ihr Beruf nicht mehr durchführbar sei. In einer dem Leiden angepassten Tätigkeit sei eine leichte körperliche Tätigkeit in Wechselbelastung, ohne monotones Stehen oder Sitzen zu 50 % möglich (kürzere Arbeitszeit zu 50 % = halbtags, bei voller Leistung und bei einem leich
ten Belastungsprofil). Die Symptomatik sei chronisch und es sei ein protrahierter Verlauf zu erwarten.
3.11.4
Dr.
med.
J._
, Wirbelsäulenchirurgie, stellte in seinem Bericht vom 5. Februar 2021 (Urk. 17/2
)
zuhanden
von
Dr.
I._
als Diagnose eine schwere Segmentdegeneration L4/5 mit degenerativer
Spondylolistheses
sowie
recessaler
und
Foramenstenose
rechtsbetont. Ausserdem sei eine Adipositas gegeben.
Die Schmerzen der Beschwerdeführerin seien klar durch die degene
rative
Spondylolistheses
mit foraminaler und
reces
saler
Kompression der entspr
e
chenden Nervenwurzel zu erklären. Sinnvoll
wäre eine mikrochirurgische Dekompression kombiniert mit Spondylodes
e
L4/
5.
Die Aussichten auf eine sub
stanzielle Verbesserung sei
en
gut. Die Beschwerdeführerin wolle mit ihrer Familie die Operation besprechen.
Mit E-Mail vom 1. März 2021
nahm
Dr.
J._
Bezug auf seinen Bericht vom 5. Februar 2021 (Urk. 17/3)
und
hielt
zuhanden Rechtsanwalt Stadler fest, dass er die Beschwerdeführerin konsiliarisch als Wirbelsäulenchirurg gesehen habe. Demnach sei seine
Funktion
gewesen,
eine Operationsindikation zu beurteilen. Somit habe er sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsfähigkeit untersucht. In seinem Bericht habe er aber dargelegt, dass die schweren degenerativen Ver
änderungen die angegebenen Schmerzen erklärten. Es sei vorstellbar, dass eine Belastung von maximal stundenweise (1-2) in einer leichten Tätigkeit möglich sei.
4.
4.1
Streitig
ist, ob gestützt auf die vorhandenen medizinischen Unt
erlagen die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
im Zeitpunkt der Rentenverfügung ver
lässlich beurteilt werden kann.
4.2
Die IV-Stelle stützte sich in ihrer ablehnenden Verfügung vom
30. November 2020
(Urk. 2) auf die
zeitlich letzte
Einschä
tzung von
RAD-Arzt
Dr. Y._
vom
19. Februar 2019
(vgl. E. 3.10
).
Darin diagnostizierte er
chronisch
e
lumbo
ischialgie
forme
Beschwerden rechts bei einer Diskushernie L4/5 bis nach rechts foraminal reichend un
d bei
Osteochondrose
L5/S1
und attestierte der Beschwerdeführerin
in einer
behinderungsangepasste
n
Tätigkeit (körperlich leicht, wechselbelastend und dabei vorwiegend sitzend, ohne Verharren in Zwangshaltungen des Rumpfes) eine min
destens 80%ige Arbeitsfähigkeit. Er begründete diese Einschätzung mit einer aus
versicherungsmedizinisch-ortho
pädischer Sicht medizintheoretisch
en
überwiegende
n
Wahrscheinlichkeit
,
ohne diese näher zu begründen
.
Der RAD-Arzt nahm dabei keine eigene Untersuchung vor, sondern zog lediglich die zitierten Berichte bei.
In diesen beigezogenen Arzt
berichten fehlten aber Ausführungen zur Arbeitsfähigkeit gänzlich, worauf auch
Dr. Y._
explizit verwies. Mit der keine Aussagen zur Arbeitsfähigkeit
in ange
passter Tätigkeit
enthaltende medizinische Aktenlage lag kein
in somatischer Hinsicht hinreichend abgeklärter Sachverhalt zugrunde, welcher eine abschliessen
de und rechtskonforme Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erlaubt hätte.
Angesichts dieser dargelegten Zweifel an der
Zu
verlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Abklärungen
(RAD-Bericht von
Dr. Y._
gestützt auf einer reinen Aktenbe
urteilung) kann nicht
darauf abg
estellt wer
den (vgl. E. 1.5
).
Dies gilt umso mehr, als nun sowohl
Dr.
I._
als auch
Dr.
J._
in ihren
nur kurz
nach dem massgebenden Verfügungszeitpunkt
liegenden
und daher
dennoch
zu berücksichtigenden Berichten (vgl. E. 3.11.3-4) der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer somatisch nachgewiesenen Rücken
be
schwerden eine nur 20-50%ige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit attestieren.
4.3
Gestützt auf die vorliegenden Berichte
kann der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
nicht abschliessend beurteilt werden. Vielmehr besteht weiterer Abklärungsbedarf bezüglich
der somatischen
Leistungseinschränkungen und deren Auswi
rkung auf die Arbeitsfähigkeit.
Da in erster Linie die Beschwer
degegnerin für die richtige und vollständige Sachverhaltsabklärung zu sorgen hat
(vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG)
, besteht vorliegend weder Raum noch Anlass, ein Gerichtsgutachten einzuholen. Demnach ist die Sache
in Aufhebung der angefochtenen Verfügung
zur umfassenden Abklärung
an die Beschwerde
gegnerin
zurückzuweisen.
5.
5.1
Sowohl bei der erstmaligen Prüfung des Rentenanspruchs als auch bei der Rentenrevision und im Neuanmeldungsverfahren ist die Methode d
er Invalidi
täts
bemessung (Art. 28a IVG) zu bestimmen (BGE
144
I 28 E. 2.2, 117 V 198 E. 3b).
Die für die Methodenwahl (Einkommensvergleich, gemischte Methode, Betäti
gungs
vergleich) entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig einzustufen ist, beurteilt sich danach, was die Person bei im Übrigen unveränderten Umstän
den täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie hypothetisch erwerbstätig wäre. Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Beson
deren
(vgl. Art. 27 IVV)
sind die persönlichen, familiären, sozialen und erwerbli
chen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen. Massge
bend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass der Verwaltungsverfügung entwickelt haben, wobei für die hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-)Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 144 I 28 E. 2.3, 141 V 15 E. 3.1, 137 V 334 E. 3.2, 125
V 146 E. 2c, 117 V 194 E. 3b).
Die Beantwortung der Statusfrage erfordert zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die auch die hypothetischen Willensentscheidungen der versicherten Person zu berücksichtigen hat. Diese Entscheidungen sind als innere Tatsachen wesensmässig einer direkten Beweisführung nicht zugänglich und müssen in der Regel aus äusseren Indizien erschlossen werden (vgl. BGE 144 I 28 E. 2.4
; Urteil des Bundesgerichts 8C_178/2021 vom 11. Mai 2021 E. 3.2 mit Hinweisen
).
Praxisgemäss stellen die Gerichte im Bereich des Sozialversicherungsrechts in der Regel auf die sogenannten spontanen «Aussagen der ersten Stunde» ab, denen in beweismässiger Hinsicht grösseres Gewicht zukommt als späteren Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungs
rechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 143 V 168 E. 5.2.2, 121 V 45 E. 2a, je mit Hinweisen).
5.3
5.3
.1
Die Beschw
erdeführerin arbeitete bis zur Geburt ihres zweiten Kindes vollzeitlich,
gab
die Berufstätigkeit dann zugunsten der Kinderbetreuung für einige Jahre
auf
. Seit ihrer Rückkehr aus Kroatien im Jahr 2007
hat sie als Reinigungskraft an diversen, jeweils teilzeitlichen Stellen gearbeitet, was gesamthaft etwa
einem Pensum von 60 % entsprach
. Sie ist
verheiratet
,
Mutter von drei erwachsenen Kindern
und lebte
mit ihrem Ehemann und ihrem aus psychischen Gründen eine Invalidenrente beziehenden, 1987 geborenen Sohn
in
einem Einfamilienhaus.
Anlässlich der Haushaltsabklärung am
3. Juni 2020
gab sie auf konkrete Nach
frage unter Erläuterung der Wichtigkeit der Bedeutung der Qualifikation gegen
über der Abklärungsperson an, dass sie b
ei guter Gesundheit
gerne
ein 8
0%-Pen
sum absolvieren würde, sodass ihr daneben noch ausreichend Zeit bleibe für die eigene Haushaltsarbeit. Sie habe keine Betreuungsaufgaben mehr. Ihr psychisch behinderter Sohn (Schizophrenie) sei ausreichend selbständig.
Sie hätte gerne auch vor Beginn der Arbeitsunfähigkeit 80 % und nicht nur 60 % gearbeitet, wenn sich dies ergeben hätte, sie habe jedoch kein passendes Jobangebot gefun
den und sich deshalb mit der Erwerbssituation arrangiert.
Aufgrund dieser persönlichen, familiären und sozialen Verhältnisse wurde die Beschwerdeführer
in mit 60% im Erwerbsbereich und mit 40
% im Haus
halts
bereich qualifiziert (Urk.
13/38
).
5.4
Im Rahme
n der Replik (Urk. 16 S. 5 f. und unter Verweis auf Urk. 17/4
) gab die Beschwerdeführerin
an, dass auf ihre
anlässlich der Haushaltsabklärung
gemachte und glaubhafte Angabe, dass die im Gesundheitsfall zu 80 % erwerbs
tätig wäre, abzustellen sei, da es sich dabei um eine «Aussage der ersten Stunde» handle.
Zu berücksichtigen sei, dass sie seit einem Sturz beim Skifahren im Jahr 2005 Schmerzen gehabt habe. Zudem sei ihr Sohn 2013 an Schizo
phrenie erkrankt, weshalb sie ihn
zuhause betreut habe. Ihrem Sohn gehe es aber besser, sodass sie keine Betreuungsaufgaben mehr habe. Auch wenn sie vor Eintritt der vollumfänglichen Arbeitsunfähigkeit weniger als 80 % gear
beitet habe, habe dies darauf beruht, dass sie trotz zahlreichen Suchbemühungen keinen passenden Zusatzverdienst gefunden habe. Aber auch aus wirtschaftlichen Gründen, so
sei
ihr Ehemann arbeitslos und sie
seien
von Sozialhilfe abhängig, sei mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sie zu 80 % erwerbstätig sein müsste.
5.5
Es ist unbestritten, dass sich di
e Beschwerdeführerin anlässlich der Haushalts
abklärung entsprechend geäussert hat
.
Aufgrund der gelebten Wohn
situation (3
Personenhaushalt ohne Betreuungsaufgaben)
sowie
den durchaus plausibel dargelegten persönlichen und wirtschaftlichen Umständen
und m
it Blick auf die unter E. 5.2 zitierte Rechtsprechung bezüglich der Aussage der ersten
Stunde
, worauf auch die Beschwerdegegnerin
in der Beschwerdeantwort
abstellt (Urk. 12)
- nämlich diejenige Aussage der Beschwerdeführerin am
3. Juni 2020 (Urk. 13/38)
-
stellt sich
bei einem im Gesundheitsfall ausgeübten 80%
Pensum
die Frage nach einem noch zu berücksichtigenden
Aufgaben
bereich.
Im Rahmen der weiteren Abklärungen durch die Beschwerde
gegnerin wird daher neu zu beurteilen sein, ob die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall als
Teilerwerbs
tätige mit Aufgabenbereich
oder als (Nur-)Erwerbs
tätige mit
Teilzeit
pensum zu qualifizieren
ist
.
6
.
Zusammenfassend ist der medizinische Sachverhalt ungenügend erstellt. Es ist
eine umfassende medizinische (somatische) Abklärung angezeigt
. Ebenfalls ist die Statusfrage neu zu prüfen.
Die angefochtene Verfügung vom
30. November 2020
(Urk. 2) ist aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung in medizinischer und erwerblicher Hinsicht an die Bes
chwerdegegnerin zurückzuweisen. I
n diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen und der angefochtene Entscheid aufzuheben.
7
.
7
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2).
7
.2
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streit
wert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entspre
chend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerde
gegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltl
iche Prozess
führung (Urk. 1 S. 1
) als gegenstandslos.
7
.3
Ausgangsgemäss hat die vertretene Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Pro
zessentschädigung
(§ 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer)
und
damit
ist auch sein Gesuch um unentgeltliche Rechtsvertretung vom 28. April 2021 (Urk. 16 S. 1) obsolet geworden
.
Rechtsanwalt
Dr.
iur. Peter Stad
ler ist von der Beschwerdegegnerin
beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer)
ermessensweise mit Fr
. 1’700
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.