# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** bdf1082d-c2a4-45c7-aaa7-5a3d8f164da7
**Court:** BL_ZMG
**Chamber:** BL_ZMG_001
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** BL / Northwestern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Criminal Procedure

## Facts

Sachverhalt
A._ wurde am 27. Januar 2006 durch das Strafgericht Basel-Landschaft wegen
mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern, mehrfacher sexueller Nötigung und
einfacher Körperverletzung zu 33⁄4 Jahren Zuchthaus, als teilweise Zusatzstrafe zu einem
Urteil des Appellationsgerichts Basel-Stadt vom 18. Dezember 1996, verurteilt. Dabei wurde
der Strafvollzug zugunsten einer Einweisung in eine Heil- oder Pflegeanstalt aufgeschoben.
Mit Urteil des Strafgerichts vom 23. Februar 2011 wurde die stationäre Behandlung gemäss
Art. 59 Abs. 1 und 4 StGB bis zum 27. Januar 2016 verlängert. Am 13. Juli 2015 brach der
Straf- und Massnahmenvollzug (Vollzug) die mit Urteil vom 27. Januar 2006 angeordnete
stationäre Massnahme gemäss Art. 62c Abs. 1 StGB per sofort wegen Aussichtslosigkeit ab.
Gleichzeitig hielt der Vollzug fest, dass die damals ausgesprochene Freiheitsstrafe getilgt
sei. Aus der Begründung geht hervor, dass es sich um eine Aufhebung der Massnahme
gemäss Art. 62c Abs. 1 lit. a StGB handelt. Gleichzeitig hat der Vollzug angekündet, dass er
beim Strafgericht einen Antrag gemäss Art. 62c Abs. 4 StGB auf Verwahrung einreichen
wird. Bis zum Vorliegen des Entscheids werde A._ im Gefängnis zwischenplatziert.
Mit Eingabe vom 14. Juli 2015 (Eingang 16. Juli 2015) beantragte der Vollzug beim
Strafgericht gestützt auf Art. 62c Abs. 4 StGB eine Verwahrung gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB.
Mit Schreiben vom 17. Juli 2015 (Eingang gleichentags) hat der Vollzug beim
Zwangsmassnahmengericht Sicherheitshaft beantragt. Der Vollzug macht im Wesentlichen
geltend, dass die stationäre Massnahme i.S.v. Art. 59 Abs. 4 StGB am 13. Juli 2015 gestützt
auf Art. 62c Abs. 1 lit. a StGB aufgehoben worden sei. A._ befinde sich nun im Sinne einer
Zwischenplatzierung im Rahmen der stationären Massnahme im Gefängnis Arlesheim.
Zufolge Wegfalls der ursprünglichen Rechtsgrundlage für den Freiheitsentzug werde nun
Sicherheitshaft bis zum Vorliegen eines Entscheids des Strafgerichts beantragt. Die
Voraussetzungen für die Anordnung einer Verwahrung würden vorliegen und eine solche
werde mit grosser Wahrscheinlichkeit angeordnet. Zudem liege Wiederholungsgefahr vor.
(...)

## Considerations

Erwägungen
1.
Im vorliegenden Fall geht aus der Verfügung des Vollzugs vom 13. Juli 2015 hervor, dass
der Vollzug der Massnahme per sofort abgebrochen wird. Aufgrund der im Dispositiv und der
Begründung erwähnten Gesetzesbestimmung handelt es sich um eine Aufhebung der
Massnahme gemäss Art. 62c Abs. 1 lit. a StGB. Am 17. Juli 2015 ist A._ von der UPK in
das Gefängnis X._ überführt worden. Es hat sich dabei um eine „Zwischenplatzierung
nach Abbruch des Vollzugs der stationären Massnahme gemäss Art. 62c Abs. 1 StGB“
gehandelt. Den Parteien ist zuzustimmen, dass nach Aufhebung der Massnahme,
spätestens aber im Zeitpunkt der Verlegung, sich der Freiheitsentzug nicht mehr auf die
Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme gemäss Art. 59 StGB durch das
Strafgericht hat abstützen können. Es stellt sich deshalb die Frage, auf welcher
Rechtsgrundlage der Freiheitsentzug beruht.
2.
Die vollzugsrechtliche (ev. administrative) Sicherheitshaft ermächtigt die Vollzugsbehörde,
eine Person vor oder gleichzeitig mit der Einleitung eines nachträglichen richterlichen
Verfahrens vorsorglich in Sicherheitshaft zu nehmen, um den nachträglichen richterlichen
Entscheid sicherzustellen. Dies gilt insbesondere bei Rückversetzungen in den
Massnahmen-, Verwahrungs- oder Strafvollzug nach bedingter Entlassung sowie Aufhebung
einer stationären Massnahme wegen Aussichtslosigkeit, wenn keine aufgeschobene
Freiheitsstrafe mehr zu vollziehen ist. Die Sicherheitshaft kann dabei nur in dringenden
Fällen angeordnet werden, z.B. wenn Fluchtgefahr vorliegt oder die öffentliche Sicherheit
dies gebietet. Das Verfahren richtet sich sinngemäss nach den Bestimmungen über die
Sicherheitshaft (Art. 221 und 229 StPO) oder Art. 440 StPO (Urteil des Bundesgerichts
1B_185/2015 vom 15. Juli 2015 E. 3.4.3).
3.
Am 17. Juli 2015 hat der Vollzug beim Strafgericht gestützt auf Art. 62c Abs. 4 StGB die
Anordnung einer Verwahrung gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB beantragt. Die Zuständigkeit des
Strafgerichts für die Anordnung der Verwahrung ergibt sich aus Art. 62c Abs. 4 StGB, Art.
363 ff. StPO, § 14 EG StPO, diejenige des Vollzugs für die Aufhebung der ursprünglich
angeordneten stationären Massnahme aus § 9 Abs. 3 Strafvollzugsgesetz (StVG). Weder im
Bundesrecht noch im kantonalen Recht ist das Verfahren geregelt, welches in denjenigen
Fällen gilt, in welchen eine Massnahme gemäss Art. 62c Abs. 1 StGB durch eine
Vollzugsbehörde aufgehoben und eine andere Massnahme gemäss Art. 62c Abs. 3 StGB
bzw. Verwahrung gemäss Art. 62c Abs. 4 StGB angeordnet werden soll. Somit liegt keine
ausdrückliche Rechtsgrundlage für den Freiheitsentzug im vorliegenden Fall vor (MARIANNE
HEER, in: Marcel Alexander Niggli / Hans Wiprächtiger [Herausgeber], Basler Kommentar,
Strafrecht I, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 59 N 132). Ebenso ist nicht eindeutig geklärt, welche
Behörde in welchem Verfahren über den Freiheitsentzug nach der Aufhebung der
Massnahme und vor Anordnung einer anderen Massnahme bzw. Verwahrung befinden soll.
4.
Gemäss Art. 440 StPO kann die Vollzugsbehörde in dringenden Fällen die verurteilte Person
zur Sicherung des Vollzugs der Strafe oder Massnahme in Sicherheitshaft setzen. Sie
unterbreitet den Fall innert 5 Tagen seit Inhaftierung dem Gericht, das die zu vollziehende
Strafe oder Massnahme ausgesprochen hat. Diese Bestimmung ist anwendbar, wenn bei
einem rechtskräftig Verurteilten der (nachträgliche) Antritt des Sanktionenvollzugs gefährdet
erscheint (MARC FORSTER, in: Marcel Alexander Niggli / Marianne Heer / Hans Wiprächtiger
[Herausgeber], Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung,
Jugendstrafprozessordnung, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 230 N 8). Nachdem der Vollzug am
13. Juli 2015 die (bisher durchgeführte) Massnahme aufgehoben und festgestellt hat, dass
keine Reststrafe zu vollziehen ist, ist es nicht möglich, den weiteren Freiheitsentzug von
A._ auf Art. 440 StPO abzustützen.
5.
Im Verfahren vor Strafgericht betreffend Anordnung einer Verwahrung handelt es sich um
einen selbständigen nachträglichen Entscheid des Gerichts gemäss Art. 363 ff. StPO. Es
kann somit festgestellt werden, dass im vorliegenden Fall zu prüfen ist, ob im Verfahren 360
15 22 des Strafgerichts (Antrag auf Anordnung einer Verwahrung) ein Freiheitsentzug
angeordnet werden kann und welches Verfahren diesbezüglich massgebend ist. Art. 363 ff.
StPO enthalten keine Bestimmungen über die Frage der Aufrechterhaltung des
Freiheitsentzugs, falls eine freiheitsentziehende Massnahme aufgehoben worden ist und
durch eine andere freiheitsentziehende Massnahme ersetzt werden soll. Entgegen den
Ausführungen des Rechtsvertreters handelt es sich beim Entscheid BGE 141 IV 49 um
genau die vorliegende Konstellation, wird darin doch ausgeführt: „Erweist sich eine
Massnahme als zweck- und aussichtslos, hebt sie die Vollzugsbehörde nach Art. 62c Abs. 1
lit. a StGB auf. In einem zweiten Schritt entscheidet das Sachgericht über die Konsequenzen
der Aufhebung, d.h. unter anderem darüber, ob der Betroffene gegebenenfalls nachträglich
zu verwahren ist (Art. 62c Abs. 4 i.V.m. Art. 64 Abs. 1 StGB). Bis zum entsprechenden
Entscheid kann der Betroffene, sofern die Voraussetzungen gegeben sind, in analoger
Anwendung von Art. 221 und 229 StPO in Sicherheitshaft genommen werden“ (so auch:
Urteil des Bundesgerichts 1B_6/2012 vom 27. Januar 2012 E. 2; Urteil des Bundesgerichts
6B_491/2014 vom 1. Juli 2014 E. 1.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_696/2014 vom 13.
August 2014 E. 1.3.1). Auch wenn dem durch das Bundesgericht zitierte Entscheid BGE 137
IV 133 eine andere Ausgangslage zugrunde liegt, so handelt es sich doch inhaltlich um eine
vergleichbare Konstellation. In beiden Fällen soll eine „aufgehobene“ freiheitsentziehende
Sanktion unmittelbar durch eine Verwahrung abgelöst werden. Es ist deshalb nicht
nachvollziehbar, weshalb im vorliegenden Fall nicht Sicherheitshaft unter analoger
Anwendung von Art. 221 und 229 StPO angeordnet werden kann. Zusätzlich hat das
Bundesgericht in seinem Urteil vom 1. Juli 2014 (6B_491/2014 E. 1.2) ausdrücklich
festgehalten, dass sich ein Freiheitsentzug nach Ablauf der bewilligten Massnahmedauer auf
die strafprozessuale Sicherheitshaft gemäss Art. 229 ff. i.V.m. Art. 220 Abs. 2 StPO abstützt.
6.
Art. 221 StPO regelt die materiellen Voraussetzungen für die Anordnung von
Untersuchungs- und Sicherheitshaft und Art. 229 StPO das Verfahren betreffend Anordnung
von Sicherheitshaft. Zuständig für die Anordnung von Sicherheitshaft gemäss Art. 229 StPO
ist das Zwangsmassnahmengericht und nicht das Sachgericht. Es muss deshalb noch
geprüft werden, welches der beiden Verfahren von Art. 229 StPO im vorliegenden Fall
anwendbar ist (Abs. 3 lit. a oder b). Von diesem Entscheid hängt auch die Frage ab, wer
antragsberechtigte Behörde ist. Gemäss Art. 229 Abs. 3 lit. a StPO sind für das Verfahren
betreffend Anordnung von Sicherheitshaft ohne vorbestehende Untersuchungshaft Art. 225
und 226 StPO sinngemäss anzuwenden. Diese Bestimmungen regeln insbesondere den
Ablauf einer mündlichen Verhandlung für die Anordnung von Haft. Antragsberechtigt ist in
diesen Fällen das Strafgericht (Art. 229 Abs. 2 StPO). Bei der Anordnung von Sicherheitshaft
bei vorbestehender Untersuchungshaft wird in der Regel ein schriftliches Verfahren
durchgeführt (Art. 229 Abs. 3 lit. b i.V.m. Art. 227 StPO). Der entsprechende Antrag wird
durch die Staatsanwaltschaft eingereicht. Nach Auffassung des
Zwangsmassnahmengerichts handelt es sich im vorliegenden Fall um eine Konstellation, wie
sie bei der Anordnung von Sicherheitshaft bei vorbestehender Untersuchungshaft gegeben
ist. Der Betroffene befindet sich bereits im Freiheitsentzug und es ist erneut derselbe
Tatvorwurf bzw. dessen Folgen zu prüfen. Dies im Gegensatz zu denjenigen Fällen, bei
welchen der Betroffene sich im Strafvollzug (einer Vorstrafe) befindet und wegen neuer
Delikte, die durch das Strafgericht zu beurteilen sind, in Sicherheitshaft genommen werden
soll. Somit ist im vorliegenden Fall der Vollzug antragsberechtigt, tritt er doch an die Stelle
der Staatsanwaltschaft. Dies rechtfertigt sich auch aufgrund des Umstands, dass das
Verfahren überhaupt erst beim Strafgericht hängig ist, wenn gleichzeitig mit den Antrag auf
Anordnung von Sicherheitshaft bei diesem einen Antrag auf Anordnung einer anderen
Massnahme bzw. Verwahrung eingereicht wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hat das Strafgericht
keine Fallkenntnis und wäre nicht in der Lage, innert kürzester Frist einen Antrag beim
Zwangsmassnahmengericht einzureichen. Demgegenüber ist in diesen Konstellationen der
Fall seit längerer Zeit beim Vollzug hängig, welcher eben auch den Antrag auf Anordnung
einer Verwahrung stellt und damit ohne Weiteres in der Lage ist, Sicherheitshaft zu
beantragen. Somit ist das Vorgehen des Vollzugs (Antrag auf Anordnung von Sicherheitshaft
beim Zwangsmassnahmengericht zusammen mit der Einreichung eines Antrags auf
Anordnung einer Verwahrung im Sinne eines selbständigen nachträglichen Entscheids beim
Strafgericht) nicht zu beanstanden. Dies entspricht auch der Regelung in verschiedenen
Kantonen (Art. 6a EG StGB UR; § 44 EG StPO AG, welcher allerdings einen Antrag des
Vollzugs bei der Staatsanwaltschaft, welche dann einen Antrag beim
Zwangsmassnahmengericht einreicht, vorsieht; Art. 38a SMVG BE; § 22 StJVG ZH). Andere
Kantone haben demgegenüber ein Verfahren gemäss Art. 440 StPO vorgesehen (Art. 95 bis
JG SH; Art. 50 Abs. 2 EG StGB SG). In diesen Fällen entscheidet das Sachgericht über
einen entsprechenden Antrag des Vollzugs. Für die Variante mit einer sinngemässen
Anwendung von Art. 229 StPO spricht, dass über die Sicherheitshaft ein unabhängiges
Gericht befindet und nicht das Sachgericht.
7.
Vollzugsrechtliche Sicherheitshaft ist zulässig, wenn die Wahrscheinlichkeit einer stationären
Massnahme, hier Verwahrung, gegeben ist und ein spezieller Haftgrund, v.a. Fluchtgefahr
oder die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, vorliegt. Bezüglich der Gefährdung der
öffentlichen Sicherheit geht die bundesgerichtliche Rechtsprechung davon aus, dass die
Grundsätze für Wiederholungs- bzw. Fortsetzungsgefahr beizuziehen sind (Urteil des
Bundesgerichts 1B_6/2012 vom 27. Januar 2012 E. 3.4; Urteil des Bundesgerichts
1B_136/2013 vom 22. April 2013 E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_491/2014 vom 1. Juli
2014 E. 2.2).
8.-14.
(...)
15.
Gemäss Art. 229 Abs. 3 lit. b StPO i.V.m. Art. 227 Abs. 7 StPO ordnet das
Zwangsmassnahmengericht die Sicherheitshaft jeweils für längstens 3 Monate, in
Ausnahmefällen für längstens 6 Monate an (BGE 137 IV 180 Erw. 3.5). Ein Ausnahmefall
liegt vor, wenn von vorneherein ersichtlich ist, dass die Haftgründe auch nach mehr als 3
Monaten noch gegeben sein werden. Im vorliegenden Fall kann festgestellt werden, dass es
sich um ein Verfahren von grundlegender Bedeutung für A._ handelt. Zudem muss sich
das Gericht eingehend mit psychiatrischen Gutachten auseinandersetzen. Das Verfahren
wird vor der Fünferkammer des Strafgerichts geführt, was einer längeren Vorbereitungszeit
bedarf. Zudem ist offensichtlich, dass die Haftgründe (Vorliegen einer qualifizierten Anlasstat
und einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit) auch nach mehr als 3 Monaten noch
gegeben sein werden. Demnach wird die vollzugsrechtliche Sicherheitshaft für die Dauer von
sechs Monaten angeordnet.
16.
(...)
Entscheid des Zwangsmassnahmengerichts vom 29. Juli 2015 (350 15 461)
Mit Beschluss des Kantonsgerichts vom 15. September 2015 ist eine Beschwerde des
Beschuldigten abgewiesen worden. Die dagegen erhobene Beschwerde des Beschuldigten
hat das Bundesgericht am 12. November 2015 abgewiesen (1B_375/2015) .