# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0a3269ab-8ee0-4ec8-8f89-3f8f4425de6e
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1970, war seit dem 1. Juni 2008 als Mitarbeiterin Zustellung bei der
Y._
AG angestellt (Urk. 7/1 Ziff. 3)
und in dieser
Eigen
schaft
bei der Suva
obligatorisch gegen Berufs- und Nichtberufsunfälle versichert
, als sie am 24. Januar 2020 Opfer eines Sexualdelikts wurde (Urk. 7/1 Ziff. 4, Urk. 7/12 Ziff. 2).
Die Erstbehandlung erfolgte am 25. Januar 2020 durch die Ärzte des
Spitals Z._
, wobei eine akute Belastungsreaktion diagnostiziert wurde (Urk. 7/12 Ziff. 1 und 5).
Mit Schreiben vom 5. Januar 2021 (Urk. 7/97) sowie Verfügung vom
30. August 2021 (Urk. 7/120)
verneinte die Suva eine Leistungspflicht mangels Vorliegen
s
eines Unfalles oder einer unfallähnlichen Körperschädigung.
Die dagegen von der Versicherten am 6. September 2021 erhobene Einsprache (Urk. 7/121) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom
3. Januar 2022 ab (Urk. 7/128 = Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 28. Januar 2022 Beschwerde gegen den Einspracheent
scheid vom 3. Januar 2022 (Urk. 2) und beantragte, dieser sei aufzuheben
,
und es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwer
deantwort vom 9. März 2022 schloss die Suva auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6), was der Beschwerdeführerin am 24. März 2022 mitgeteilt wurde (Urk. 8).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 6 des Bundesgesetzes über die Un
fallversicherung (UVG) werden –
soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch bei den im Einzelnen in Abs. 2 auf
geführten Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind. Ausserdem erbringt die Versicherung ihre Leis
tungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
Nach Art. 10 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmäs
sige Behandlung ihrer Unfallfolgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu mindestens 10 Prozent invalid, so hat sie Anspruch auf
eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall vor Erreichen des ordentlichen Ren
tenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungs
massnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind. Mit dem Rentenbe
ginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG).
1.2
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Kör
per, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit oder den Tod zur Folge hat.
Praxisgemäss werden auch schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die Psyche (sog. Schreckereignisse) als Einwirkungen auf den menschlichen Körper im Sinne des Unfallbegriffs (Art. 4 ATSG) anerkannt.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren Ei
nspracheentscheid vom 3. Januar
2022 (Urk. 2) damit, dass eine Schändung, zumal wenn sie auch noch ohne Ein
willigung gefilmt werde, unzweifelhaft eine massive Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sowie der psychischen und sexuellen Integrität des Opfers dar
stelle. Unbestritten sei auch, dass sie grundsätzlich eine unmittelbare Bedrohung, körperlich und seelisch verletzt zu werden, beinhalte und die Vornahme sexueller Handlungen gegen den Willen der betroffenen Person zu einer psychischen Dekompensation, wie sie vorliegend erfolgt sei, führen könne. Indes fehle es im vorliegenden Fall an der Auslösung einer unmittelbaren Angst- und Schreckre
aktion durch die Straftat des Täters. Gerade der Umstand, dass die Beschwerde
führerin im Zeitpunkt der Schändung tief geschlafen habe und dabei der an ihr vorgenommene Missbrauchshandlungen gar nicht bewusst gewahr worden sei, schliesse eine seelische Einwirkung durch einen gewaltsamen, in der unmittelba
ren Gegenwart der versicherten Person
sich abspielenden Vorfall von überra
schender Heftigkeit, wie dies von der Rechtsprechung gefordert werde, von vorn
herein aus. Erst nachdem die Beschwerdeführerin vom Täter geweckt worden sei, habe sie sich überhaupt in der Lage befunden, sich der Tragweite der Gescheh
nisse der vorangegangenen Zeit bewusst zu werden; in der Folge seien dann auch psychische Beschwerden aufgetreten. Damit fehle es aber an der Voraussetzung
des unmittelbaren Erlebens des durch die Straftat entstandenen ausserordentli
chen psychischen Schocks auf die menschliche Psyche im Sinne eines Schrecke
reignisses. Ohne Belang sei dabei, dass die Tat vorliegend unbestrittenermassen schwerwiegende Folgen für die Beschwerdeführerin nach sich gezogen habe, denn das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit beziehe sich allein auf den äusseren Faktor selbst und nicht auf dessen Wirkung auf den menschlichen Kör
per (S. 5 Ziff. 2.b).
Im Rahmen der Beschwerdeantwort
(Urk. 6) führte die Beschwerdegegnerin ergänzend aus, der vorliegend zu beurteilende Fall sei mit dem Tsunami
vom Dezember 2004 in keiner Weise vergleichbar, habe doch für die Beschwerdefüh
rerin keine konkrete objektive Lebensgefahr bestanden. Vorliegend stelle die voll
zogene Schändung den gewaltsamen Vorgang dar. Der nachvollziehbare Schre
cken sei durch die Vorstellung und das nachträgliche Bewusstsein über den Ver
dacht auf Missbrauchshandlungen ausgelöst worden. Es fehle daher an der für die Anerkennung eines Schreckens als Unfall im Rechtssinne vorausgesetzte Unmittelbarkeit (S. 3 f.
Rz
5.
2
). Für die Erfüllung des Unfallbegriffs müsse sich der gewaltsame Vorfall in unmittelbarer Gegenwart der versicherten Person abgespielt haben. An diesem Erfordernis halte das Bundesgericht auch in der jün
geren Rechtsprechung fest (S. 4
Rz
5.3). Das Vorliegen eines Schreckereignisses sei zu verneinen, da es an der Voraussetzung des unmittelbaren Erlebens des durch die Straftat entstandenen ausserordentlichen psychischen Schocks auf die menschliche Psyche
im Sinne eines Schreckereignisses fehle (S. 4
Rz
5.4).
2.2
Demgegenüber machte die Beschwerdeführerin geltend, es sei notorisch und wis
senschaftlich belegt, dass das Hirn bei Bewusstseinsstörungen dennoch in der Lage sei, je nach quantitativer und qualitativer Einschränkung des Bewusstseins äussere Reize wahrzunehmen. Was sie tatsächlich und unmittelbar während der effektiven Tathandlung wahrgenommen habe, sei unklar (Urk. 1 S. 6
Rz
14). Die Beschwerdegegnerin verkenne, dass der unfallversicherungsrechtliche Begriff «Vorfall» im Zusammenhang mit einem Schreckereignis nicht deckungsgleich mit der strafrechtlichen Tathandlung der Schändung sei. Ein Vorfall im Sinne des Unfallbegriffs gemäss Art. 4 ATSG und eines Schreckereignisses sei demgegen
über weiter zu fassen. Zu verweisen sei beispielsweise auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts,
welches ein Schreckereignis bejaht habe, obwohl die versicherte Person in jenem Fall die eigentliche Flutwelle eines Tsunami nicht selbst gesehen habe (S. 7
Rz
15). Vorliegend umfasse der massgebende Vorfall nicht einzig die strafrechtliche Tathandlung der Schändung im engeren Sinne, sondern auch den Zeitraum, als sie nackt im Bett des Täters erwacht und ihr spätestens in jenem Zeitpunkt der Verdacht auf Missbrauchshandlungen bewusst worden sei, weshalb
sie fluchtartig die Wohnung des Täters verlassen habe.
Beachtlich sei zudem, dass nachdem sie sich in ihre Wohnung begeben habe und nach kurzem Hinlegen wieder zu sich gekommen sei, sich sodann der Missbrauchshandlungen eindeutig gewahr geworden sei und sich in der Folge übergeben sowie eine Panikattacke erlitten habe, weshalb sie sich auf die Notfallstation des
Spitals Z._
begeben habe. Ebenfalls umfasse der relevante Zeitraum für den in Frage stehenden Vor
fall auch die Handlung des
Widerstandsunfähigmachens
an sich. Im Rahmen der rechtlichen Einordnung gelte es, das Geschehnis in seiner Gesamtheit zu würdi
gen. Die schädigende äussere Einwirkung - um noch als plötzlich erfolgt gelten zu können - müsse sich nicht auf einen blossen kurzen Augenblick oder gar Sekundenbruchteile beschränken. Vielmehr genüge es, dass es sich um einen ein
maligen Vorfall handle, der sich in einem relativ kurzen, bestimmt abgegrenzten Zeitraum vollziehe. Dementsprechend seien sämtliche Umstände in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2020 in die Gesamtbetrachtung zur Beurteilung des massgeblichen Vorfalles im unfallversicherungsrechtlichen Sinn miteinzubezie
hen. Spätestens in jenem Zeitpunkt, als die Beschwerdeführerin nackt in der Woh
nung eines fremden Mannes erwacht sei im Bewusstsein, dass sie widerstandun
fähig gemacht worden sei, und der Verdacht von Missbrauchshandlungen im Raum gestanden habe, sei ein Schreckereignis zu bejahen (S. 7 f.
Rz
16). Das «
Wi
derstandsunfähigmachen
» an sich stelle eine ungewollte und gewaltsame und aussergewöhnliche Einwirkung auf den menschlichen Körper und Se
e
le dar (S. 8
Rz
17). Es lasse sich zudem mit dem verfassungsrechtlichen Gleichheitsgebot nicht vereinbaren, dass eine Vergewaltigung und sexuelle Nötigung grundsätz
lich von der Rechtsprechung als Schreckereignis anerkannt
werde, währenddes
sen eine Schändung nach Ansicht der Beschwerdegegnerin kein solches Ereignis darstelle. Die Beschwerdegegnerin verkenne, dass die Rechtsprechung selbst die begründete Angst vor der Möglichkeit eines sexuellen Angriffs bei einem Überfall als ein Schreckereignis qualifiziere (S. 8 f.
Rz
18).
2.3
Strittig und zu prüfen ist demnach
zunächst, ob der Vorfall vom 24. Januar 2020 als aussergewöhnliches Schreckereignis zu qualifizieren ist
,
und es sich dabei dementsprechend um einen Unfall im versicherungsrechtlichen Sinn handelt.
3.
Dem
in Rechtskraft erwachsenen
Urteil des
Bezi
rksgerichts Zürich vom 14. Juli
2021 (Urk. 7/126) lässt sich zum S
achverhalt entnehmen, es sei am 18. Januar 2020 zu einem ersten Treffen zwischen der Beschwerdeführerin und dem
Ange
klagten
gekommen, wobei in der Wohnung des Täters einvernehmlicher Geschlechtsverkehr stattgefunden habe. Am 24. Januar 2020 hätten sich die bei
den erneut beim
Angeklagten
zu Hause verabredet. Man habe sich auf das Sofa
im Wohnzimmer gesetzt und den Fernseher eingeschaltet. Der
Angeklagte
habe in der Küche ein «Spezialgetränk» mit Zucker, Wasser und Tee versetztem
und aufgekochtem Havanna-Rum zubereitet. Er habe dies in zwei Bierkrüge bezie
hungsweise Biergläser gefüllt und der Beschwerdeführerin zum Trinken gegeben (S. 6 Ziff. 2.3). Ab hier könne sich die Beschwerdeführerin an nichts mehr erin
nern. Der
Angeklagte
habe widerspruchsfrei angegeben, dass es zum Geschlechts
verkehr gekommen sei. Wenig später seien weitere sexuelle Handlungen erfolgt, welche der
Angeklagte
mit seiner GoPro-Kamera gefilmt habe. Die Erinnerungen und Schilderungen der Beschwerdeführerin hätten erst
wieder eingesetzt
, als der
Angeklagte
sie um zirka vier Uhr morgens im Schlafzimmer geweckt habe (S. 6 f. Ziff. 2.4). Das Gericht gelangte zum Schluss, dass der ausgiebige und rasche Kon
sum von zirka fünf bis sieben Deziliter des «Spezialgetränks» zu einem filmrissi
gen
Wegtreten der Beschwerdeführerin geführt habe (S. 10 f. Ziff. 5.1.2). Anhand des zeitlichen Ablaufs könne eine (vollständige) Widerstandsunfähigkeit bereits auf den Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs nicht erstellt werden. Viel wahrschein
licher sei, dass die Beschwerdeführerin beim Geschlechtsverkehr noch nicht (gänzlich) widerstandsunfähig gewesen sei, jedoch gleich danach auf dem Sofa sehr rasch eingeschlafen sei (S. 11 Ziff. 5.1.4). Es sei durchaus plausibel, dass sie keine (klaren) Erinnerungen mehr an den Geschlechtsverkehr habe, was aber nicht gleichbedeutend sei, dass sie nicht mitgemacht habe (S. 12 Ziff. 5.1.6).
Bezüglich der anschliessenden Berührungen durch den
Angeklagten
erachtete es das Gericht als erstellt, dass
die Beschwerdeführerin zu nichts mehr willens und fähig gewesen sei. Der Angeklagte habe die Handlungen an einem widerstands
unfähigen Opfer vorgenommen, das nicht in der Lage gewesen sei, einen Wil
lensentschluss zu fällen und zu äussern (S. 13 f. Ziff. 5.2). Dementsprechend wurde der
Angeklagte
bezüglich des Geschlechtsverkehrs vom Tatvorwurf der Schändung freigesprochen, bezüglich der späteren Berührungen
hingegen
der Schändung
für schuldig gesprochen. A
uch
erfolgte ein Schuldspruch wegen
Ver
letzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Au
fnahmegeräte (S. 33 Ziff. 1 und
2).
4.
4.1
Seit jeher haben Rechtsprechung und Lehre auch schreckbedingte plötzliche Ein
flüsse auf die Psyche als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffs) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Unfalles voraus, dass es sich um ein aussergewöhnliches Schreckereignis, ver
bunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seelische
Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, sich in der unmittelbaren Gegenwart der versicherten Person abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer über
raschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch Störung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen (wie Lähmungen, Herzschlag, etc.) hervorzurufen (Urteil des Bundesgerichts 8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 2.1 mit Hinweisen).
Bereits mit Urteil U 365 vom 29. Oktober 1999 betreffend die Erfüllung des Unfallbegriffes im Zusammenhang mit Schreckereignissen hielt das Bundesge
richt ausdrücklich an der Voraussetzung des gewaltsamen, sich in unmittelbarer Gegenwart der versicherten Person abspielenden Vorfalles fest, wobei es auch in jenem Fall um die Frage ging, ob auch ein Schockschaden unter den Unfallbegriff fallen könne (E. 2.b). Diese Rechtsprechung wurde in der Folge in zahlreichen höchstrichterlichen Urteilen bestätigt und der Unfallbegriff verneint, solange die versicherte Person den gewaltsamen Vorfall nicht in unmittelbarer Gegenwart erlebt hatte (vgl. statt vieler BGE 129 V 177 E. 2.1
, Urteile U 273/02 vom 17. Juni
2003
E. 3.2 und U 67/02 vom 2. April 2003 E. 3.1 sowie 8C_609/2018 vom 5. Dezember 2018 E. 2.2). An der Voraussetzung der unmittelbaren Gegen
wart der versicherten Person am gewaltsamen Vorfall ist daher festzuhalten.
Gemäss höchstrichterliche
r
Rechtsprechung ist
damit
im Zusammenhang mit der unmittelbaren Gegenwart das persönliche Erleben des gewaltsamen Vorfalles ent
scheidend. Daran vermag auch das von der Beschwerdeführerin zitierte Urteil des Bundesgerichts U 548/06 vom 20. September 2007 nichts zu ändern. Dabei war der Fall einer Versicherten zu beurteilen, welche während des grossen Seebebens vom 26. Dezember 2004 auf einer kleinen Insel in Thailand in den Ferien weilte. Das Bundesgericht gelangte zum Schluss, dass auch wenn sich die durch die erste Flutwelle verursachte Hauptkatastrophe nicht in unmittelbarer Gegenwart der Versicherten zugetragen habe, die von ihr miterlebten Geschehnisse und damit verbundenen seelischen Eindrücke einen einheitlichen, einmaligen Vorfall dar
stellten, der ein aussergewöhnliches Schreckereignis darstelle (E. 4.4).
4.2
Damit nicht zu vergleichen ist der vorliegend zu beurteilende Vorfall vom 24. Januar 2020. D
as Strafgericht
ging
b
ezüglich de
s
Geschlechtsverkehr
s
davon aus,
dass die Beschwerdeführerin
mitgemacht habe
und
dieser
einvernehmlich erfolgt
sei
. Die Beschwerdeführerin
sei
in diesem Zeitpunkt in der psychischen und körperlichen Verfassung
gewesen
, einen ausreichenden Willen zu bilden und zu äussern, wenn sie den Geschlechtsverkehr nicht gewollt hätte (Urk. 7/126 S. 13 Ziff. 5.1.7). Demzufolge
ist diesbezüglich ein ungewollte
r
, gewaltsame
r
und aus
sergewöhnliche
r
Vorfall ohne Weiteres zu verneinen
.
Die
späteren
sexuellen Handlungen
und Videoaufnahme derselben
ereigneten sich
in einem Zeitpunkt, als die Beschwerdeführerin infolge des Alkoholkonsums vollständig weggetreten war und nichts mehr realisierte (vgl. Strafurteil des Bezirksgerichts Zürich vom 14. Juli 2021, Urk. 7/126 S. 13 f. Ziff. 5.2).
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, es sei notorisch und wissenschaftlich belegt, dass das Hirn bei Bewusstseinsstörungen je nach quantitativer und qualitativer Einschränkung des Bewusstseins dennoch in der Lage sei, äussere Reize wahrzu
nehmen, und es sei unklar, was sie tatsächlich und unmittelbar während der effektiven Tathandlung wahrgenommen habe
(E. 2.2)
,
kann dieser Argumentation nicht gefolgt werden
. Die Beschwerdeführerin
führte im Rahmen des Strafverfah
rens mehrfach
aus,
sie könne sich in der Zeit zwischen zirka 21.30 Uhr und 4 Uhr, als sie geschlafen habe, an gar nichts erinnern (Urk. 7/105/80 Ziff. 124
; Urk. 7/105/100 Ziff. 15
; Urk. 7/106/13 Ziff. 15).
Damit lässt sich aber nur der Schluss ziehen, dass sie die sexuellen Handlungen nicht direkt miterlebt hat, sich diese nicht in ihrer unmittelbaren Gegenwart ereignet haben
und von ihr nicht bewusst wahrgenommen wurden
.
4.3
Daran vermag auch nichts zu ändern, dass in einem Entscheid des Versicherungs
gericht
s des Kantons St. Gallen selbst die begründete Angst vor der Möglichkeit eines sexuellen Angriffs bei einem Überfall als ein Schreckereignis qualifiziert worden war (SG UV 2020/6 vom 9. Dezember 2020, E. 3.2). Dass die Beschwer
deführerin Angst vor einem sexuellen Übergriff empfunden hätte, wurde in keinem Zeitpunkt geltend gemacht
(vgl. Urk. 7/105/82-83 Ziff. 146-149)
. Viel
mehr
stellte sie nach dem Aufwachen fest, dass sexuelle Handlungen stattgefun
den
haben mussten
, und wurde im Rahmen des Strafverfahrens immer wieder mit den Details konfrontiert. Dies ist jedoch nicht mit einer konkreten Angst vor der Möglichkeit eines
bevorstehenden
sexuellen Angriffs gleichzusetzen.
Ebenfalls
unbehelflich
ist der Einwand der Beschwerdeführerin, sie habe sich nicht wehren können, da sie vom Täter widerstandsunfähig gemacht worden sei, und dieses «
Widerstandsunfähigmachen
» an sich stelle eine ungewollte, gewalt
same und aussergewöhnliche Einwirkung auf den menschlichen Körper dar (Urk. 1 S. 8
Rz
17). Das Bezirksgericht Zürich gelangte in seinem Strafurteil
vom 14
. Juli 2021 zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin mit dem Täter zirka 0.5 bis 0.7 Liter eines Mischgetränks aus Havanna-Rum, Wasser, Teebeutel und Zucker sowie zudem noch roten
Wodka
getrunken hat (Urk. 7/126 S. 10 f. Ziff. 5.1.2). Für die Annahme, dass der Täter der Beschwerdeführerin andere Substanzen, insbesondere K.O.-Tropfen oder Liquid Ecstasy, verabreicht hätte, lagen keine genügenden Hinweise vor (Urk. 7/126 S. 9 Ziff. 4.1, S. 10 f. Ziff. 5.1.2). Im gemeinsamen Trinken kann jedoch entgegen den Ausführungen
der Beschwerdeführerin kein «
Widerstandsunfähigmachen
» im Sinne einer unge
wollten, gewaltsamen und aussergewöhnlichen Einwirkung erkannt werden.
Selbst die
blosse - wenn auch wiederholte -
Aufforderung des Täters, sie solle doch trinken (
Urk. 7/105/78 Ziff. 103;
Urk. 7/105/101 Ziff. 27; Urk. 7/106/14 Ziff.
27)
,
ist nicht als gewaltsame und aussergewöhnliche Einwirkung zu qualifi
zieren.
4.4
Insgesamt sind damit die Voraussetzungen zur Annahme eines Schreckereignisses nicht erfüllt
,
und
es liegt kein
Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG
vor
. Die Beschwerdegegnerin hat damit im angefochtenen Einspracheentscheid vom 3. Januar 2022 ihre Leistungspflicht zu Recht
verneint. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.