# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** d311d813-72b5-4af6-9881-f522e7a99089
**Court:** GR_KG
**Chamber:** GR_KG_004
**Year:** 2011
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat sich ergeben:
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I. Sachverhalt
A. Am 26. Mai 2009 um 12:34 Uhr kam es auf der Hauptstrasse zwischen D. und E. im Gebiet F. zu einem Verkehrsunfall zwischen einem Fahrzeug und einem Motorrad. B. fuhr am besagten Tag mit seinem Fahrzeug mit dem Kennzeichen GR X. von D. herkommend Richtung E.. Vor ihm fuhr ein Motorrad mit dem Kennzeichen TG Y., welches von C. gelenkt wurde; mit ihm als Beifahrerin fuhr die Berufungsklägerin A.. C. beabsichtigte auf der linken Strassenseite auf einen Ausstellplatz zu fahren. Gemäss seinen Aussagen fuhr er sehr langsam, setzte den linken Blinker und spurte ein. Nach Darstellung von B. fuhr das vor ihm fahrende Motorrad sehr langsam, hatte aber weder den Blinker gesetzt noch eingespurt. Da die Stelle übersichtlich gewesen und das Motorrad langsam gefahren ist, entschloss sich B., das Motorrad zu überholen. Während des Überholmanövers kam es in der Mitte der linken Fahrspur zwischen dem Fahrzeug von B. und dem Motorrad zu einer Streifkollision. Dabei verletzte sich die Berufungsklägerin schwer (komplexe schwere offene Mittelfussverletzung mit anschliessender Teilamputation).
B. Am 15. Juli 2009 eröffnete die Staatsanwaltschaft Graubünden eine Strafuntersuchung gegen B. wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB sowie wegen Verletzung von Verkehrsregeln gemäss Art. 35 Abs. 5 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG. Mit Mandatsantrag bei Verbrechen und Vergehen gemäss Art. 49 Abs. 1 lit. a und Art. 172 Abs. 1 StPO überwies die Staatsanwaltschaft die Akten am 2. Februar 2010 an das Kreisamt Z. und beantragte, B. sei der fahrlässigen Körperverletzung gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB sowie der Verletzung von Verkehrsregeln gemäss Art. 35 Abs. 5 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG schuldig zu sprechen und mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je Fr. 140.00 bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren sowie mit einer Busse von Fr. 400.00, ersatzweise mit einer Freiheitsstrafe von 3 Tagen, zu bestrafen.
C. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2010, mitgeteilt am 22. Oktober 2010, stellte der Kreispräsident Z. das Verfahren gegen B. wegen fahrlässiger Körperverletzung und Verkehrsregelverletzung ein und überband die Kosten der Untersuchung und des Kreisamtes dem Kreis Z.. Der Kreispräsident Z. führte dabei aus, es stehe klar fest, dass es keinerlei stichhaltige Beweise gegen B. gebe, welche für eine Verurteilung des Angeschuldigten ausreichen würden. Die Angaben und Aussagen der Parteien würden sich diametral widersprechen und kein Zeuge habe
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sachdienliche Aussagen zum Unfallhergang machen können. Das Verschulden von B. könne nicht rechtsgenüglich nachgewiesen werden.
D. Gegen diese Einstellungsverfügung liess A. am 12. November 2010 beim Kantonsgericht Graubünden Berufung mit folgenden Rechtsbegehren einlegen:
„1. Ziff. 1 der angefochtenen Einstellungsverfügung sei aufzuheben, und der Angeschuldigte sei schuldig zu sprechen der fahrlässigen Körperverletzung gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB sowie der Verletzung von Verkehrsregeln gemäss Art. 35 Abs. 3 und 5 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG, und hierfür sei der Angeschuldigte angemessen zu bestrafen.
2. Eventuell sei die Angelegenheit zur Überarbeitung an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen.
3. Unter voller Kosten- und Entschädigungsfolge für das strafrechtliche Rechtsmittelverfahren zu Lasten des Staates.“
In der Begründung wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass die Einstellungsverfügung keine Begründung enthalte. Der Kreispräsident habe nicht ausgeführt, weshalb er es als erwiesen erachte, dass C. nicht angezeigt habe, nach links abbiegen zu wollen. Nur aufgrund fehlender Zeugen für die Frage, ob C. im fraglichen Moment den linken Blinker gesetzt habe, dürfe die Strafuntersuchung gegen den Unfallverursacher nicht eingestellt werden. Wenn der Sachrichter den mandatierten Tatbestand für nicht hinreichend abgeklärt halte, so habe er die Sache gemäss Art. 172 Abs. 2 StPO an die Untersuchungsbehörde zurückzuweisen. Vorliegend sei offensichtlich Art. 35 SVG verletzt. Der Kreispräsident hätte die Sache an die Untersuchungsbehörde zurückweisen müssen, da eher Art. 35 Abs. 3 SVG verletzt sei statt wie im Mandatsantrag aufgeführt Art. 35 Abs. 5 SVG. Weiter wird gerügt, dass kein verkehrstechnischer Bericht über den Unfallhergang erstellt worden sei, obwohl sich eine schwere Körperverletzung ereignet habe. Dies könne wohl nur damit erklärt werden, dass aus Sicht der Untersuchungsbehörde der Berufungsbeklagte sowohl objektiv als auch subjektiv den ihm vorgeworfenen Tatbestand erfüllt habe.
E. In seiner Berufungsantwort vom 16. Dezember 2010 liess B. beantragen:
„1. Die Berufung sei abzuweisen. 2. Unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungs-
folgen.“
In der Begründung wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass der Kreispräsident die Einstellungsverfügung begründet habe, indem er ausführte, dass die Aussagen der Beteiligten sich diametral widersprechen würden und dass
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kein Zeuge anwesend gewesen sei, der sachdienliche Aussagen hätte machen können. C. würde darauf beharren, dass er den Blinker gesetzt habe und dass er eingespurt gewesen sei. B. sei sich des Gegenteils ebenso sicher. Gemäss Zeuge K. sei das Motorrad vom Parkplatz G. wieder in die Kantonsstrasse eingefahren. Es sei für B. deshalb umso weniger ersichtlich gewesen, dass C. auf die andere Strassenseite wollte. Das langsame Tempo könne nicht als Indiz für ein Abbiegemanöver gewertet werden. Es gäbe viele Gründe, weshalb ein Motorrad unmittelbar nach dem Einbiegen von einem Parkplatz relativ langsam unterwegs sei. Für B. sei die geringe Geschwindigkeit des Motorrades, welches gerade in die Kantonsstrasse eingebogen war, nicht verdächtig gewesen, zumal weder ein Blinker gesetzt gewesen sei noch eingespurt worden sei. Zudem habe die Berufungsklägerin in ihrer Zeugenaussage nicht sagen können, ob C. den linken Blinker gesetzt hatte oder ob er links eingespurt war. Somit gäbe es tatsächlich keine Zeugen, welche über diese entscheidende Frage sachdienliche Angaben machen könnten. Da sich C. nicht daran erinnern könne, dass er vom Campingparkplatz in die Kantonsstrasse einbog, habe es für den Sachrichter keinen Grund gegeben, der Aussage von C. mehr Gewicht beizumessen als der gegenteiligen Aussage von B.. Der Kreispräsident habe somit absolut korrekt das Strafverfahren gegen B. eingestellt. Eine Rückweisung an die Staatsanwaltschaft hätte keine neuen Erkenntnisse bringen können, nachdem dort alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden seien.
F. Das Kreisamt Z. verzichtete mit Schreiben vom 21. November 2010 auf eine Vernehmlassung, ebenso die Staatsanwaltschaft Graubünden mit Schreiben vom 2. Dezember 2010, welche die Akten einreichte.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften sowie im angefochtenen Urteil wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
II. Erwägungen
1. Die angefochtene Einstellungsverfügung des Kreispräsidenten Z. wurde am 20. Oktober 2010 und damit vor der per 1. Januar 2011 in Kraft getretenen eidgenössischen Strafprozessordnung ausgefällt, so dass die dagegen erhobene Berufung nach bisherigem Recht, von den bisher zuständigen Instanzen, beurteilt wird (Art. 453 Abs. 1 der eidgenössischen Strafprozessordnung; SR 312.0).
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Demzufolge gelangt im vorliegenden Verfahren weiterhin die bündnerische Strafprozessordnung (nachfolgend StPO) zur Anwendung.
2. a) Vorliegend stellt sich zunächst die Frage, ob gegen eine Einstellungsverfügung des Kreispräsidenten im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen das Rechtsmittel der Berufung oder aber der Beschwerde gegeben ist. Generelles Abgrenzungskriterium zwischen diesen beiden Rechtsmitteln bildet das Stadium, in dem das Anfechtungsobjekt erlassen wurde. Demgemäss ist nach ständiger Rechtsprechung (PKG 2000 Nr. 20 E. 2 S. 103; PKG 1994 Nr. 46 S. 150 mit Hinweisen) im Stadium der Untersuchung und der Anklage die Beschwerde gegeben, währenddem Entscheide und Verfügungen nach Anklageerhebung mittels Berufung anzufechten sind. Im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen erfolgt zwar keine Anklageerhebung im Sinne von Art. 98 StPO. Dennoch ist auch in diesem Verfahren von einer klaren Trennung zwischen dem Untersuchungs- und dem Erkenntnisverfahren auszugehen. Die Funktion der Anklage und damit der Abgrenzung zwischen untersuchender und erkennender Behörde übernimmt dabei der Mandatsantrag der Staatsanwaltschaft gemäss Art. 172 StPO (vgl. Willy Padrutt, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Graubünden [StPO], 2. Aufl., Chur 1996, S. 362, 439/440, 442 sowie PKG 2000 Nr. 20 E. 2 S. 103; GRP 1973/74 S. 56 ff. und 280). Mit diesem überweist die Staatsanwaltschaft, sobald sie den Tatbestand für hinreichend abgeklärt erachtet, den Fall dem Kreispräsidenten, welcher in der Folge über die Sache zu befinden hat (Art. 172, 173 StPO). Dem Kreispräsidenten kommt somit gemäss Lehre und gefestigter Praxis des Kantonsgerichts im Strafmandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen gemäss Art. 49 Abs. 1 lit. a StPO die Funktion eines Sachrichters und nicht diejenige eines Untersuchungsrichters zu (vgl. PKG 2000 Nr. 20; PKG 1980 Nr. 40; PKG 1985 Nr. 54; Padrutt, a.a.O., S. 362, 439/440 und 442/443). Die Funktion des Kreispräsidenten als Sachrichter im Mandatsverfahren bei Vergehen und Verbrechen ergibt sich auch aus den entsprechenden Bestimmungen in der StPO, enthalten doch insbesondere die Art. 172 und 173 StPO im Gegensatz zu Art. 170 StPO, der das Strafmandatsverfahren bei Übertretungen regelt, keinen Auftrag an den Kreispräsidenten, den Sachverhalt festzustellen. Mit dem Mandatsantrag bei Vergehen und Verbrechen ist der Kreispräsident also in seiner alleinigen Funktion als Sachrichter angerufen, wobei er in dieser Eigenschaft ohne Zweifel auch die Befugnis zur Einstellung des Verfahrens besitzt (vgl. Padrutt, a.a.O., S. 439, 442/443; PKG 2000 Nr. 20 E. 1 S. 102). Bei einer vom Kreispräsidenten nach Eingang eines Mandatsantrags gemäss Art. 172 Abs. 1
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StPO verfügten Einstellung handelt es sich folglich um einen Akt im richterlichen Verfahren, so dass dagegen gemäss Art. 141 Abs. 1 StPO die Berufung an das Kantonsgericht (und nicht die Beschwerde nach Art. 176a StPO) zu erheben ist (vgl. Padrutt, a.a.O., S. 443 sowie PKG 2000 Nr. 20; PKG 1980 Nr. 40; PKG 1985 Nr. 54).

## Considerations