# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 1710bf72-ac22-4de0-8109-c7a4dbcc8774
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dietikon vom 8. Mai 2018 (DG170025)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 18. August
2017 (Urk. 33) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne
von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
Einer weiteren strafbaren Handlung ist der Beschuldigte nicht schuldig und
wird freigesprochen.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und
mit heute 518 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden
sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Der Privatkläger B._ wird mit seinen Zivilansprüchen auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
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5. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.00 Gebühr Vorverfahren
Fr. 2'929.80 Auslagen Vorverfahren
Fr. 340.00 Entschädigung Zeugen
Fr. 150.00 Dolmetscher (Übersetzung belgischer Strafregisterauszug)
Fr. 14'658.05 Entschädigung frühere amtliche Verteidigung
Fr. 1'000.00 Gerichtsgebühr OG ZH v. 30. März 2017 (UB170036-O)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Rechtsanwalt MLaw X2._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher
Verteidiger aus der Gerichtskasse mit Fr. 23'491.55 (inkl. Barauslagen und
8 % resp. 7.7 % MwSt.) entschädigt.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten
auferlegt.
8. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden im Umfang von Fr. 22'820.20
auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung
gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO in diesem Umfang.
9. Dem Übersetzer C._ werden die Kosten der amtlichen Verteidigung im
Umfang von Fr. 671.35 auferlegt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 165 S. 3)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung
im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB von
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Schuld und Strafe freizusprechen und auf freien Fuss zu setzen. Dem-
gemäss seien die Dispositiv Ziffern 1 Abs. 1, 2, 3, 7 sowie 8, 2. Teil-
satz, des Urteils des Bezirksgerichts Dietikon vom 8. Mai 2018 aufzu-
heben.
2. Es sei dem Beschuldigten eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 121'050.– sowie eine Entschädigung aufgrund des Verdienstaus-
falls in der Höhe von EUR 59'400.– bzw. Fr. 67'302.– zuzusprechen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 164 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte mit einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren zu be-
strafen.
2. Es sei die Berufung des Beschuldigten abzuweisen.
3. Es seien dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahrens auf-
zuerlegen.
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## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensverlauf
1. Mit Urteil des Bezirksgerichtes Dietikon vom 8. Mai 2018 wurde der Be-
schuldigte der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit einer Freiheits-
strafe von 6 Jahren bestraft. Von den Vorwürfen der Hehlerei im Sinne von
Art. 160 Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie des Verbrechens gegen das Betäubungsmittel-
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gesetz im Sinne von Art. 19 Ziff. 1 al. 3 bzw. 5 in Verbindung mit Ziff. 2 lit. a
aBetmG wurde er freigesprochen. Ferner wurden die Zivilforderungen des Privat-
klägers auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen und die Kosten- und Entschä-
digungsfolgen geregelt.
2. Gegen dieses Urteil haben der Beschuldigte mit Eingabe vom 15. Mai
2018 sowie die Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 18. Mai 2018 innert Frist Be-
rufung angemeldet (Urk. 84; Urk. 88). Nachdem das begründete Urteil der Staats-
anwaltschaft am 5. November 2018 und dem Beschuldigten am 6. November
2018 zugestellt wurde (Urk. 114/1; Urk. 114/2), haben diese mit Eingaben vom
6. November 2018 bzw. vom 14. November 2018 fristgerecht jeweils ihre Beru-
fungserklärungen eingereicht (Urk. 119; Urk. 120). Innert der mit Präsidialverfü-
gung vom 29. November 2018 angesetzten Frist gingen sodann keine Anschluss-
berufungen ein (Urk. 129).
3. Mit seiner Berufungserklärung vom 14. November 2018 liess der Be-
schuldigte gleichzeitig den Beweisantrag stellen, es sei D._ vom Gericht als
Zeugen zu befragen (Urk. 120 S. 2). Dieser Beweisantrag wurde in der Folge mit
Präsidialverfügung vom 31. Januar 2019 einstweilen abgewiesen (Urk. 161).
4. Da die Vorinstanz die Sicherheitshaft des Beschuldigten mit Beschluss
vom 7. September 2018 bis zum 7. Dezember 2018 befristete, wurde der Staats-
anwaltschaft sowie der amtlichen Verteidigung mit Präsidialverfügung vom
29. November 2018 Frist angesetzt, um sich zur Frage der Fortsetzung der Si-
cherheitshaft zu äussern (Urk. 129). Nachdem auf eine Stellungnahme allseits
verzichtet worden ist (Urk. 132; Urk. 134), wurde am 5. Dezember 2018 verfügt,
dass der Beschuldigte in Sicherheitshaft verbleibt (Urk. 135). In der Folge stellte
der Beschuldigte am 18. Dezember 2018 ein Haftentlassungsgesuch (Urk. 141).
Nach Eingang der Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung
zum Haftentlassungsgesuch (Urk. 142; Urk. 145; Urk. 151) wurde dieses mit Prä-
sidialverfügung vom 24. Dezember 2018 abgewiesen (Urk. 153). Gegen diesen
Entscheid erhob der Beschuldigte Beschwerde an das Bundesgericht (Urk. 156),
auf welche das Bundesgericht in der Folge mit Entscheid vom 16. Januar 2019
jedoch nicht eintrat (Urk. 160).
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5. Zur Berufungsverhandlung vom 22. Februar 2019 ist der Beschuldigte
unentschuldigt nicht erschienen. Er weigerte sich unmittelbar vor der Verhand-
lung, sich zuführen zu lassen. Die Berufungsverhandlung fand in der Folge zwar
in seiner Abwesenheit, jedoch in Anwesenheit seiner amtlichen Verteidigerin,
durch welche er sich vertreten liess, sowie der Staatsanwaltschaft statt (Prot. II
S. 9).
II. Prozessuales
1. Gegenstand des Berufungsverfahrens
Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechtskraft
des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Während sich
die Berufung der Staatsanwaltschaft auf die Erhöhung des Strafmasses auf
8 Jahre Freiheitsstrafe beschränkt (Urk. 119), verlangt der Beschuldigte mit seiner
Berufung einen vollumfänglichen Freispruch von Schuld und Strafe (Urk. 120
S. 1 f.). Nicht angefochten und in Rechtskraft erwachsen ist der vorinstanzliche
Entscheid damit hinsichtlich der Dispositivziffern 1 teilweise (Freispruch von den
Vorwürfen der Hehlerei und des Verbrechens gegen das Betäubungsmittelge-
setz), 4 (Zivilforderungen des Privatklägers), 5 (Kostenfestsetzung), 6 (Festset-
zung der Entschädigung des vormaligen amtlichen Verteidigers) und 9 (Kosten-
auflage zulasten eines Übersetzers), was vorab mittels Beschluss festzustellen
ist.
2. Anwendbares Prozessrecht
Seit dem 1. Januar 2011 steht die Schweizerische Strafprozessordnung vom
5. Oktober 2007 (StPO) in Kraft. Vorliegend ist ein Delikt aus dem Jahre 2005 zu
beurteilen, wobei der vorinstanzliche Entscheid am 8. Mai 2018 erging. Damit
stellt sich die Frage nach dem anwendbaren Prozessrecht. Art. 448 der StPO be-
stimmt, dass Verfahren, die bei Inkrafttreten dieses Gesetzes hängig sind, grund-
sätzlich nach neuem Recht fortgeführt werden, wobei Verfahrenshandlungen, die
vor Inkrafttreten der StPO angeordnet oder durchgeführt worden sind, ihre Gültig-
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keit behalten (vgl. Art. 448 Abs. 1 und 2 StPO). Weiter regelt Art. 454 StPO, dass
für Rechtsmittel gegen erstinstanzliche Entscheide, die nach Inkrafttreten der
StPO gefällt werden, neues Recht gilt. Im vorliegenden Verfahren ist damit das
neue Prozessrecht (StPO) anwendbar, wobei für Fragen nach der Gültigkeit von
Verfahrenshandlungen, die vor Inkrafttreten der StPO vorgenommen wurden, das
alte kantonale Prozessrecht, namentlich die bis Ende 2010 gültige Fassung der
Strafprozessordnung des Kantons Zürich (StPO ZH) massgebend ist.
3. Verwertbarkeit der Aussagen des Privatklägers sowie des Zeugen
E._
3.1 Gemäss Art. 147 Abs. 1 StPO haben die Parteien das Recht, bei Be-
weiserhebungen durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte anwesend zu sein
und einvernommenen Personen Fragen zu stellen. Werden Beweise in Verlet-
zung dieser Bestimmung erhoben, dürfen sie gemäss Art. 147 Abs. 4 StPO nicht
zulasten der Partei verwertet werden, die nicht anwesend war. In Anbetracht des-
sen, dass in diesem Strafverfahren keine Konfrontationseinvernahmen mit dem
Beschuldigten und dem Privatkläger sowie dem Zeugen E._ durchgeführt
wurden und der Beschuldigte diesen somit nie persönlich gegenüberstand, stellt
sich grundsätzlich die Frage der Verwertbarkeit derer Aussagen zulasten des Be-
schuldigten.
3.2 Vorweg ist dabei zu berücksichtigen, dass sich der Beschuldigte unmit-
telbar nach dem in Frage stehenden Vorfall vom 28. Januar 2005 vom Tatort ent-
fernte und anschliessend zur Verhaftung ausgeschrieben wurde (Urk. 1 S. 10 f.;
Urk. 13/1). Erst im Jahre 2016 wurde er am 7. Dezember in Brig bei seiner Einrei-
se aus Italien in die Schweiz festgenommen (Urk. 28/1). Bereits am 16. Februar
2005 und mithin in jener Zeit, als er den Schweizerischen Strafverfolgungsbehör-
den noch nicht zur Verfügung stand, wurde dem Beschuldigten Rechtsanwalt
lic. iur. X3._ als amtlicher Verteidiger bestellt (Urk. 12/2).
3.3 Der Zeuge E._ wurde am 28. Januar 2005 polizeilich und am
14. März 2005 bei der Staatsanwaltschaft einvernommen. Während der Beschul-
digte an keiner dieser Einvernahmen teilgenommen hatte, fand die staatsanwalt-
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schaftliche Einvernahme in Anwesenheit seines damaligen amtlichen Verteidigers
statt (Urk. 3/2; Urk. 3/5). Unmittelbar nach der Verhaftung des Beschuldigten am
7. Dezember 2016 erkundigte sich die Staatsanwaltschaft beim Migrationsamt
des Kantons Zürich nach dem Verbleib des Zeugen E._. Am 12. Dezember
2016 teilte dieses sodann mit, dass dieser die Schweiz freiwillig verlassen habe
und am 3. August 2005 in den Irak zurückgereist sei (Urk. 20/2).
3.3.1 Da die beiden Einvernahmen mit dem Zeugen E._ noch vor In-
krafttreten der heute geltenden Eidgenössischen Strafprozessordnung durchge-
führt wurden, stellt sich hinsichtlich der Beurteilung derer Verwertbarkeit zulasten
des Beschuldigten wiederum die Frage des anwendbaren Prozessrechts. Zwar
gilt die Übergangsbestimmung gemäss Art. 448 Abs. 2 StPO betreffend das an-
wendbare Prozessrecht, wonach Verfahrenshandlungen, die vor Inkrafttreten die-
ses Gesetzes angeordnet oder durchgeführt worden sind, ihre Gültigkeit behalten,
insbesondere auch für Beweisabnahmen, die nunmehr nach Art. 147 StPO, nicht
aber nach früherem kantonalen Recht parteiöffentlich durchgeführt werden müss-
ten. Voraussetzung für die Verwertbarkeit solcher Beweise zulasten einer be-
schuldigten Person ist jedoch, dass sie auch im Einklang mit der EMRK und der
Bundesverfassung erhoben wurden (SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar
StPO, 3. Aufl. 2018, N 4 zu Art. 448). Zwar richtet sich die Beurteilung der Frage,
ob die Einvernahmen von E._ aus dem Jahre 2005 auch ohne Konfrontati-
onsmöglichkeit des Beschuldigten zu seinen Lasten verwertbar sind, somit grund-
sätzlich nach der zum damaligen Zeitpunkt geltenden Zürcherischen Strafpro-
zessordnung. Zusätzlich ist jedoch zu prüfen, ob die in Frage stehenden Aussa-
gen auch in Nachachtung von Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK erhoben wurden, welche
Bestimmung vorsieht, dass der beschuldigten Person die Möglichkeit zu gewäh-
ren ist, im Laufe des gesamten Verfahrens mindestens einmal Belastungszeugen
zu konfrontieren (WOHLERS, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar
StPO, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, N 12 f. zu Art. 147).
3.3.2 Von einer Konfrontation des Beschuldigten mit dem Belastungszeugen
oder von dessen ergänzenden Befragung kann sodann nur unter besonderen
Umständen abgesehen werden. Dies gilt auch, wenn das streitige Zeugnis nicht
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den einzigen oder einen wesentlichen Beweis darstellt. Nach der Rechtsprechung
verletzt die fehlende Befragung des Belastungszeugen diese Verfahrensgarantie
dann nicht, wenn der Zeuge berechtigterweise das Zeugnis verweigert, wenn er
trotz angemessener Nachforschungen unauffindbar bleibt, dauernd oder für lange
Zeit einvernahmeunfähig wird oder wenn er verstorben ist. Die Verwertbarkeit der
Aussage erfordert dann allerdings, dass der Beschuldigte zu den belastenden
Aussagen hinreichend Stellung nehmen konnte, die Aussagen sorgfältig geprüft
wurden und ein Schuldspruch sich nicht allein darauf abstützt. Ausserdem darf
der Umstand, dass der Angeschuldigte seine Rechte nicht (rechtzeitig) wahrneh-
men konnte, nicht in der Verantwortung der Behörde liegen (BGE 131 I 476 E. 2.2
und 2.3.4; Urteil des Bundesgerichtes 6B_961/2016 vom 10. April 2017 E. 3.3).
Ob diese Voraussetzungen, von einer Konfrontation des Beschuldigten mit dem
Zeugen E._ absehen zu können, vorliegend erfüllt sind, ist demnach zu prü-
fen.
3.3.3 Wie bereits die Vorinstanz zutreffend erwog, ist davon auszugehen,
dass weitere Nachforschungen nach dem Zeugen E._ aussichtslos gewesen
wären (Urk. 118 S. 8). Dass die Staatsanwaltschaft keine weiteren Suchbemü-
hungen unternahm, nachdem sie sich beim Migrationsamt nach dem Verbleib des
Zeugen E._ erkundigt und so herausgefunden hatte, dass er im August 2005
in den Irak ausreiste (Urk. 20/2), ist daher nicht zu beanstanden. Der Zeuge
E._ blieb mithin trotz angemessener Nachforschungen der Untersuchungs-
behörde unauffindbar.
3.3.4 Weiter ist zu prüfen, ob der Beschuldigte zu den Aussagen des Zeu-
gen E._ hinreichend Stellung nehmen konnte. Die Staatsanwaltschaft vertritt
in Übereinstimmung mit der vormaligen sowie der derzeitigen Verteidigung des
Beschuldigten die Auffassung, dass die Aussagen von E._ nicht zulasten des
Beschuldigten verwertbar seien (Urk. 76 S. 2; Urk. 79 S. 30; Urk. 165 S. 5). Auf-
grund dieser Auffassung der Staatsanwaltschaft wurden dem Beschuldigten die
Aussagen von E._ in den Einvernahmen im Laufe des Vorverfahrens denn
auch nicht konkret vorgehalten. Anlässlich der Einvernahme im Rahmen der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung wurde der Beschuldigte dann aber zumindest
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auszugsweise mit dessen Aussagen konfrontiert und er konnte zu diesen Stellung
nehmen (Prot. I S. 21 S. 21 ff.). Abgesehen davon, dass der vormalige amtliche
Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. X3._, bereits im Jahre
2005 in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme von E._ zugegen war und
er bereits damals Akteneinsicht hatte, wurden diesem die Akten auch kurz nach
der Verhaftung des Beschuldigten im Dezember 2016 erneut zur Einsicht zur Ver-
fügung gestellt (Urk. 12/3; Urk. 27/4). Demnach konnte auch der Beschuldigte
Einsicht in die Einvernahmeprotokolle von E._ nehmen, womit für ihn auch
die Möglichkeit bestanden hat, jederzeit zu dessen Aussagen Stellung zu neh-
men. Ausserdem bestand sowohl vor Vorinstanz als auch im Rahmen der Beru-
fungsverhandlung für die jeweiligen Verteidiger die Möglichkeit, sich zu den Aus-
sagen von E._ zu äussern. Sowohl vor Vorinstanz als auch in der Beru-
fungsverhandlung wurde denn auch von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht
(Urk. 79 S. 30 ff.; Urk. 165 S. 25 ff.). In Anbetracht dessen, dass die Vorinstanz
zum Schluss gelangte, dass die Aussagen von E._ zumindest als Hilfsbe-
weismittel auch zu Lasten des Beschuldigten verwertbar seien (Urk. 118 S. 8),
war es nun zudem sowohl für den Beschuldigten als auch für die Verteidigung
nicht mehr unvorhersehbar, dass diese Aussagen auch entgegen der Auffassung
der Staatsanwaltschaft als verwertbar erachtet werden könnten. Die Möglichkeit,
zu diesen Aussagen Stellung zu nehmen, bestand für den Beschuldigten somit
ausreichend.
3.3.5 Dass der Beschuldigte an den Einvernahmen des Zeugen E._ im
Jahre 2005 nicht zugegen war, lag daran, dass er sich unmittelbar nach dem Vor-
fall vom 28. Januar 2005 vom Tatort entfernte und untertauchte. Dass er damals
nicht anwesend sein konnte, wurde somit weder durch die Polizei noch die
Staatsanwaltschaft verschuldet. Wie bereits erwogen, unternahm die Staatsan-
waltschaft sodann nach der Verhaftung des Beschuldigten die zumutbaren Schrit-
te, um doch noch eine Konfrontation mit dem Zeugen E._ zu ermöglichen.
Dass der Beschuldigte sein Konfrontationsrecht im Ergebnis doch nicht wahr-
nehmen konnte, liegt somit nicht in der Verantwortung der Behörde. Wie zu zei-
gen sein wird, stützt sich der zu ergehende Urteilsspruch auch nicht alleine auf
die Aussagen des Zeugen E._. Somit sind die gemäss der bundesgerichtli-
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chen Rechtsprechung geforderten Kriterien, die ausnahmsweise trotz fehlender
Konfrontation zur Verwertbarkeit von belastenden Zeugenaussagen führen, erfüllt.
Die Aussagen von E._ sind daher trotz einer fehlenden Konfrontation auch
zulasten des Beschuldigten als verwertbar zu erachten.
3.4 Der Privatkläger wurde noch im Jahre 2005 je einmal durch die Polizei
und durch die Staatsanwaltschaft einvernommen. Während der Beschuldigte we-
der anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 28. Januar 2005 noch im Rah-
men der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. März 2005 zugegen war,
fand letztere in Anwesenheit seines damaligen amtlichen Verteidigers statt
(Urk. 3/3; Urk. 3/4). Nachdem der Beschuldigte verhaftet worden war, wurde der
Staatsanwaltschaft auf deren Nachfrage durch das Migrationsamt am
12. Dezember 2016 mitgeteilt, dass der Privatkläger am 11. Juni 2014 aufgrund
des Dubliner Übereinkommens nach Düsseldorf, Deutschland, zurückgeführt
worden sei (Urk. 20/2). Mit Schreiben vom 5. Januar 2017 ersuchte die Staatsan-
waltschaft die Kantonspolizei Zürich in der Folge, zu veranlassen, den genauen
Aufenthaltsort des Privatklägers über Interpol zu ermitteln (Urk. 20/3). Seitens der
Kantonspolizei Zürich wurde sodann am 9. Januar 2017 zurückgemeldet, dass
der Privatkläger nach wie vor in Düsseldorf gemeldet sei, ihm jedoch eine Einrei-
sesperre in die Schweiz auferlegt worden sei (Urk. 20/4). Anschliessend richtete
die Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen an die Staatsanwaltschaft Düs-
seldorf und der Privatkläger wurde schliesslich am 2. Februar 2017 rechtshilfe-
weise einvernommen (Urk. 22/4; Urk. 22/11). Dabei wurde der damaligen amtli-
chen Verteidigung sowohl vorgängig als auch im Nachgang zu jener Einvernahme
die Möglichkeit eingeräumt, schriftlich Ergänzungsfragen zu stellen (Urk. 22/1;
Urk. 22/12).
3.4.1 Gemäss Art. 148 Abs. 1 StPO sind die Teilnahmerechte der Parteien
bei im Rahmen eines Rechtshilfegesuchs im Ausland erhobenen Beweisen ge-
wahrt, wenn diese zuhanden der ersuchten ausländischen Behörde Fragen for-
mulieren können, nach Eingang des erledigten Rechtshilfegesuches Einsicht in
das Protokoll erhalten und schriftliche Ergänzungsfragen stellen können.
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3.4.2 Was die Einräumung der Möglichkeit, schriftliche Ergänzungsfragen zu
stellen betrifft, machte die derzeitige amtliche Verteidigerin im Rahmen der Beru-
fungsverhandlung Einwände geltend, wonach diese Möglichkeit dem Beschuldig-
ten nur unzureichend gewährt worden sei. Zunächst brachte sie vor, dass darin,
dass der damalige Verteidiger am gleichen Tag, an dem er die Fristansetzung der
Staatsanwaltschaft vom 10. Januar 2017 zur vorgängigen schriftlichen Einrei-
chung von Ergänzungsfragen an den Privatkläger erhalten habe, noch auf das
Stellen von Ergänzungsfragen verzichtet habe, ein eklatanter Verstoss gegen all-
gemein anerkannte Verteidigerpflichten zu sehen sei, zumal dieser Verzicht ohne
Rücksprache mit dem Beschuldigten erfolgt sei (Urk. 165 S. 5 f.). Dem ist zu ent-
gegnen, dass Art. 148 Abs. 1 StPO gerade die Möglichkeit vorsieht, auch nach
der erfolgten rechtshilfeweise Einvernahme erneut schriftliche Ergänzungsfragen
stellen zu können. Der durch den damaligen Verteidiger am 11. Februar 2017 er-
klärte Verzicht (Urk. 22/2) hatte für den Beschuldigten demnach nicht die gänzli-
che Unmöglichkeit, Ergänzungsfragen an den Privatkläger zu stellen, zur Folge.
Entsprechend ist in diesem Handeln auch keine Verletzung von Verteidigerpflich-
ten zu sehen. Weiter brachte die Verteidigerin vor, dass sich in den Akten kein un-
terzeichneter Empfangsschein des damaligen Verteidigers befinde, welcher den
Empfang der Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 20. Februar 2017 – mit wel-
cher dem Beschuldigten im Nachgang zur rechtshilfeweisen Einvernahme eine
Frist von 20 Tagen angesetzt wurde, um schriftliche Ergänzungsfragen an den
Privatkläger einzureichen (Urk. 22/12) – bestätigen würde. Aus diesem Grund
müsse davon ausgegangen werden, dass dieser die Verfügung und mithin die
Fristansetzung gar nie erhalten habe (Urk. 165 S. 6). Wie seitens der Staatsan-
waltschaft in der Folge zurecht vorgebracht wurde (Prot. II S. 13 f.), bestätigte der
Beschuldigte im Rahmen der Einvernahme vom 5. Mai 2017 auf entsprechende
Frage ausdrücklich, dass er von der rechtshilfeweisen Einvernahme des Privat-
klägers Kenntnis erhalten und diese mit seinem Verteidiger besprochen habe
(Urk. 21/4 S. 2). Aus diesem Grund zeigt sich, dass dem Beschuldigten bzw. sei-
nem Verteidiger die in Frage stehende Postsendung – unabhängig davon, dass
sich kein unterzeichneter Empfangsschein bei den Akten befindet – zuging. In je-
ner Einvernahme vom 5. Mai 2017 erklärte der Beschuldigte sodann auf weitere
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Nachfrage auch ausdrücklich, auf das Stellen von Ergänzungsfragen an den Pri-
vatkläger zu verzichten (Urk. 21/4 S. 8).
3.4.3 Wie bereits die Vorinstanz zurecht erwog (Urk. 118 S. 7), ist ange-
sichts des Einreiseverbots des Privatklägers nicht zu beanstanden, dass dieser
nicht zu einer Einvernahme in der Schweiz vorgeladen, sondern rechtshilfeweise
in Deutschland befragt wurde. Zudem erfolgte diese rechtshilfeweise Einvernah-
me – ebenfalls entsprechend den zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen
(Urk. 118 S. 7 f.) sowie insbesondere aufgrund des eben erwähnten ausdrückli-
chen Verzichts des Beschuldigten, Ergänzungsfragen an den Privatkläger stellen
zu wollen (Urk. 21/4 S. 8) – in Einhaltung der obgenannten Voraussetzungen von
Art. 148 Abs. 1 StPO. Daran vermag auch der weitere Einwand der Verteidigung,
wonach dem damaligen Verteidiger gemäss dessen Aufforderung seitens der
Staatsanwaltschaft zusätzlich hätte die Möglichkeit eingeräumt werden müssen,
an der rechtshilfeweise Einvernahme teilnehmen zu können (Urk. 165 S. 6 ff.),
nichts zu ändern. Die in Art. 148 Abs. 1 StPO vorgesehenen Mindestanforderun-
gen an die Teilnahmerechte in rechtshilfeweise geführten Einvernahmen beinhal-
ten weder die persönliche Teilnahme der beschuldigten Person an jener Einver-
nahme noch die persönliche Anwesenheit der Verteidigung. Der Umstand, dass
sich die Staatsanwaltschaft vor diesem Hintergrund nicht darum bemühte, der
Verteidigung eine entsprechende Teilnahme zu ermöglichen, ist daher nicht zu
beanstanden und führt dementsprechend auch nicht zur Unverwertbarkeit der
Aussagen des Privatklägers. Seine Aussagen erweisen sich vor dem Hintergrund
dieser Erwägungen im Gegenteil auch als zulasten des Beschuldigten verwertbar.
III. Sachverhalt
1. Anklagesachverhalt
Gemäss der Anklageschrift vom 18. August 2017 kam es am 28. Januar
2005 um ca. 16.18 Uhr vor der Asylbewerberunterkunft an der ...strasse ... in
F._ zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und
dem Privatkläger. Dabei wird dem Beschuldigten vorgeworfen, im Rahmen dieser
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Auseinandersetzung mit einem zuvor in der Asylbewerberunterkunft behändigten
Fleischerbeil (Klinge 15 x 7 cm, Griff 12 cm) mehrfach gegen den Privatkläger ge-
schlagen zu haben. Konkret soll der Beschuldigte diesen mit dem Fleischerbeil
zweimal gezielt und danach mehrfach unkontrolliert von seitlich rechts oben herab
gegen den Kopf und Hals sowie einmal gegen den linken Oberschenkel des Pri-
vatklägers geschlagen haben. Dabei habe der Privatkläger nach den ersten bei-
den Schlägen mit seinen beiden nach oben gestreckten Händen die weiteren
Schläge gegen den Kopf und den Hals abgewehrt. Durch die ersten beiden
Schläge soll der Privatkläger zwei Schnittverletzungen am Kopf seitlich links,
oberhalb der linken Schläfe sowie oberhalb des linken Ohrs erlitten haben. Die
weiteren Schläge sollen bei diesem sodann zu mehreren Schnittverletzungen an
Daumen, Mittel- und Ringfinger rechts und seitlich am linken Oberschenkel sowie
zu einer tiefen Wunde am Handrand links, seitlich, geführt haben. In subjektiver
Hinsicht wird dem Beschuldigten schliesslich zur Last gelegt, dass er den Privat-
kläger habe töten wollen, indem er diesem tödliche Verletzungen, namentlich
durch Eröffnen des Schädels und Verletzung des Gehirns oder Eröffnen der Hals-
schlagadern, habe zufügen wollen, welche unweigerlich zu einem schweren
Schädelhirntrauma mit Todesfolge bzw. zu einem raschen Verbluten des Ge-
schädigten und zu dessen Tod geführt hätten. Zumindest soll der Beschuldigte
diese Folge aber bewusst und billigend in Kauf genommen haben.
2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Anklagesachverhalt gründet massgeblich auf den Angaben des Privat-
klägers. Der Beschuldigte bestreitet diese Darstellung jedoch. Er macht im We-
sentlichen geltend, es sei vielmehr der Zeuge E._ gewesen, der ihn angegrif-
fen habe. So habe ihn dieser zunächst mit einem Cutter am linken Oberarm ver-
letzt und anschliessend habe er ihn mit dem in der Anklage umschriebenen Flei-
schermesser angreifen wollen. Bei diesem Angriff sei der Privatkläger jedoch da-
zwischen gegangen und habe den Zeugen E._ von einem Messereinsatz
abhalten wollen. Der Beschuldigte stellt sodann in den Raum, dass sich der Pri-
vatkläger die in der Anklage umschriebenen Verletzungen denn auch in diesem
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Rahmen zugezogen haben soll (Urk. 21/2 S. 2 ff.; Urk. 21/4 S. 2 ff.; Urk. 21/11
S. 3; Prot. I S. 13 ff.).
3. Beweismittel
3.1 Neben den Aussagen des Beschuldigten liegen als Beweismittel im We-
sentlichen die Aussagen des Privatklägers, diejenigen der Zeugen E._,
D._ und G._, ein Gutachten des IRM zum Verletzungsbild des Beschul-
digten sowie Fotografien und ärztliche Berichte zu den Verletzungen des Privat-
klägers bei den Akten.
3.2 Zwar wurden durch die Polizei am Tatort unmittelbar nach dem in Frage
stehenden Vorfall vom 28. Januar 2005 zahlreiche Gegenstände, wie beispiels-
weise das mutmassliche Tatmesser, sowie DNA-Spuren sichergesellt (Urk. 6/1).
Wie aus einer Aktennotiz der Staatsanwaltschaft vom 9. Dezember 2016 hervor-
geht, wurden diese sichergestellten Gegenstände jedoch im Jahre 2011 durch die
Lagerbehörde, das Forensische Institut Zürich, versehentlich vernichtet. Weiter ist
der Aktennotiz zu entnehmen, dass die Sistierungsverfügung der Staatsanwalt-
schaft vom 14. Juni 2005, mit welcher eigentlich die Verlängerung der Lagerfrist
bis 2020 angeordnet worden wäre (Urk. 19 S. 2), die Lagerbehörde mutmasslich
nicht erreicht habe (Urk. 20/1).
3.3 Eine Auswertung dieser sichergestellten DNA-Spuren wurde bis zur Sis-
tierung des Verfahrens am 14. Juni 2005 noch nicht vorgenommen. Die Vernich-
tung der Gegenstände sowie der DNA-Spuren hat daher unweigerlich zur Folge,
dass es nicht mehr möglich ist, aufgrund von Erkenntnissen, die eine Spurenaus-
wertung hätte bringen können, Rückschlüsse auf den Ablauf der Tat zu ziehen.
Entgegen der Auffassung der vormaligen Verteidigung ist eine Verurteilung des
Beschuldigten alleine aufgrund des Fehlens dieser Möglichkeit jedoch nicht von
vornherein ausgeschlossen (Urk. 79 S. 5 ff.). Vielmehr ist zu prüfen, ob sich der
Anklagesachverhalt aufgrund der übrigen noch vorhandenen und zulasten des
Beschuldigten verwertbaren Beweismitteln erstellen lässt oder ob nach Würdi-
gung dieser Beweismittel unüberwindliche Zweifel daran bestehen, dass sich der
- 16 -
Sachverhalt anklagegemäss zugetragen hat und der Beschuldigte entsprechend
seinem Vorbringen freizusprechen ist.
4. Objektive Beweismittel
4.1 Verletzungen des Privatklägers
4.1.1 Was die Verletzungen des Privatklägers betrifft, welche er nach dem
Vorfall vom 28. Januar 2005 aufwies, liegen einerseits Fotografien bei den Akten,
welche diese dokumentieren, wobei die Verletzungen darauf nur teilweise sichtbar
sind. So war beispielsweise die linke Hand des Privatklägers, welche ebenfalls
verletzt wurde, zum Zeitpunkt der Erstellung der Fotografie bereits eingebunden
(Urk. 8 S. 12). Andererseits liegen eine von Dr. H._ und Dr. med. I._ des
Spitals Limmattal am 28. Januar 2005 erstattete ambulante Krankengeschichte
sowie ein ärztlicher Bericht von Dr. J._ vom 21. April 2005 vor. Diesen Be-
richten ist zu entnehmen, dass der Privatkläger mehrere Schnittverletzungen
(oberflächlich) am Kopf seitlich links, an Daumen, Mittel- und Ringfinger rechts im
unteren Bereich des Oberschenkels seitlich sowie eine tiefe Schnittverletzung am
ulnaren Handrand links aufgewiesen habe. Ausserdem geht daraus hervor, dass
er am rechten Unterarm eine Prellung erlitten habe (Urk. 4/1; Urk. 4/4).
4.1.2 Was das Verletzungsbild des Privatklägers betrifft, wendet die amtliche
Verteidigung ein, dass dieses nicht den Schädigungen entspreche, welche nach
einem Angriff mit dem Fleischerbeil, welches auf den Fotos in den Akten abgebil-
det sei, eigentlich zu erwarten wären. So wäre anstelle der Verletzungen von ver-
gleichsweise geringer Intensität vielmehr damit zu rechnen gewesen, dass ein
gezieltes Einschlagen auf den Kopf des Privatklägers zu dessen Tod oder zumin-
dest zu schweren Verletzungen hätte führen müssen (Urk. 145 S. 2 f.; Urk. 165
S. 17 ff.). Im Rahmen der Berufungsverhandlung stellte sie diesbezüglich in den
Raum, dass das Verletzungsbild des Privatklägers vielmehr darauf hindeute, dass
dieser mit einem sehr scharfen Messer mit einer dünnen Klinge wie beispielswei-
se einem Cutter bzw. einem Teppichmesser verletzt worden sei (Urk. 165
S. 20 ff.). In dieser Hinsicht ist zunächst darauf hinzuweisen, dass ein Gutachten
zur Frage, ob die Verletzungen des Privatklägers hätten mittels des durch die Po-
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lizei fotografisch festgehaltenen und anschliessend sichergestellten Fleischerbeils
herbeigeführt werden können, nicht vorliegt. Auch gemäss den Schilderungen des
Beschuldigten wurde der Privatkläger jedoch mit jenem Fleischerbeil – und nicht
etwa mit einem Cutter – verletzt (Urk. 21/2 S. 2; Urk. 21/4 S. 6). Die Möglichkeit,
dass die Verletzungen des Privatklägers mit jenem Messer herbeigeführt worden
sein könnten, wurde somit durch den Beschuldigten selbst nicht in Frage gestellt.
Dass kräftig geführte Schläge mit dem fraglichen Hackmesser gegen den Körper
eines Menschen geeignet sind, Schnittverletzungen (auch tiefe) wie die dem Pri-
vatkläger zugefügten zu verursachen, entspricht denn auch der allgemeinen Le-
benserfahrung.
Der Beschuldigte machte hingegen geltend, dass der Privatkläger diese
Schnittverletzungen erlitten habe, als er beim Angriff von E._ gegen ihn (den
Beschuldigten) dazwischen gegangen sei. Bezüglich der Entstehung der Schnitt-
verletzungen am Kopf des Privatklägers ist für jede einzelne Verletzung grund-
sätzlich sowohl die Variante denkbar, dass der Privatkläger dazwischenging wäh-
rend E._ den Beschuldigten angriff als auch diejenige, dass der Privatkläger
den Angriff des Beschuldigten mit dem Hackmesser gegen seinen Kopf mit den
Händen teilweise abwehren konnte. Zu beachten ist aber, dass der Privatkläger
neben zwei Verletzungen am Kopf auch an den Händen und am Oberschenkel
Schnittverletzungen erlitten hat. Es kann ausgeschlossen werden, dass E._
den Privatkläger, zu welchem er in einem guten Verhältnis stand, mit dem Hack-
messer an mehreren Körperstellen verletzt haben soll als dieser dazwischenging.
Dies würde nicht nur einen, sondern mehrere Schläge voraussetzen und es ist
nicht davon auszugehen, dass E._ in dieser Situation mehrere Schläge aus-
führte, bei denen die unmittelbare Gefahr bestand, den Privatkläger zu treffen.
Aus allen diesen Gründen erübrigt sich auch die Einholung eines Gutachtens zur
Frage, welche der beiden Varianten wahrscheinlicher ist.
Unabhängig von der Frage, ob das Hackmesser überhaupt geeignet war, die
Verletzungen des Privatklägers herbeizuführen, stellt sich sodann die auch von
der Verteidigung aufgeworfene Frage, ob sich denn das Verletzungsbild des Pri-
vatklägers auch mit dem in der Anklageschrift umschriebenen Sachverhalt in Ein-
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klang bringen lässt, wonach der Beschuldigte zweimal ohne Gegenwehr mit dem
Fleischerbeil gegen den Kopf des Privatklägers geschlagen habe (vgl. Urk. 165
S. 2). Während sich das Verletzungsbild des Privatklägers ohne Weiteres als da-
mit vereinbar erweist, dass der Privatkläger gegen ihn mit einem Hackbeil ausge-
führte Schläge mit seinen Händen und Armen abzuwehren versuchte, erscheint
es tatsächlich fraglich, ob nicht gravierendere Kopfverletzungen entstanden wä-
ren, wenn sich der Privatkläger dem Anklagesachverhalt entsprechend tatsächlich
erst nach zwei gezielten Schlägen gegen seinen Kopf zu wehren begonnen hätte.
Das Verletzungsbild des Privatklägers alleine vermag daher nicht nachzuweisen,
dass sich der Sachverhalt wie in der Anklageschrift umschrieben verwirklicht hat.
4.2 Verletzungen des Beschuldigten
Nachdem der Beschuldigte im Rahmen seiner Einvernahme vom 5. Januar
2017 geltend gemacht hatte, er selbst sei am 28. Januar 2005 von E._ an-
gegriffen und dabei mit einem Cutter am linken Oberarm verletzt worden
(Urk. 21/2 S. 2 ff.), wurde er noch am Tag jener Einvernahme durch das Institut
für Rechtsmedizin der Universität Zürich untersucht (Urk. 24/3 S. 1). Aus dem an-
schliessend am 7. April 2017 erstatteten Gutachten geht hervor, dass der Be-
schuldigte zahlreiche, zum Teil streifige und zum Teil breite, bereits abgeheilte, äl-
tere Hautnarben aufwies. Solche hätten sich unter anderem an der linken schul-
ternahen Oberarmaussenseite, an der linken Oberarmbeugeseite schulternah,
mittig und der Oberarmaussenseite angrenzend, am Übergang zwischen der lin-
ken Oberarmaussen- und streckseite und an der linken Oberarminnenseite ellen-
beugennah gezeigt (Urk. 24/3 S. 4). Was die mögliche Entstehung der Verletzun-
gen des Beschuldigten anbelangt, gelangten die Gutachter zum Schluss, dass die
Hautnarben aufgrund ihrer Morphologie grundsätzlich als Folge einer stattgehab-
ten scharfen Gewalteinwirkung interpretiert werden könnten. Ausserdem wiesen
sie darauf hin, dass für seine Hautnarben am linken Oberarm eine Entstehung
durch einen Cutter bzw. ein Teppichmesser grundsätzlich in Frage komme. Die
weitere Frage, ob hinsichtlich der Verletzungen eine Selbstbeibringung möglich
sei, beantworteten die Gutachter damit, dass alle Hautnarben, mit Ausnahme ei-
ner Operationsnarbe an der linken Unterarmbeugeseite und eine Narbe am
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Scheitel links, aufgrund ihrer Morphologie und Lokalisation die Kriterien einer
Selbstbeibringung erfüllen würden. So sei das Aussparen empfindlicher Körper-
stellen (beispielsweise der Brustwarzen), die Symmetrie sowie die Gruppierung
der Verletzungen mit parallelen Verläufen, welche sich an gut erreichbaren Kör-
perstellen befinden würden und das vollständige Fehlen gleichartiger Verletzun-
gen an schwer erreichbaren Körperstellen (z.B. Rücken) auf eine Selbstbeibrin-
gung hinweisend. Weiter geht ausdrücklich aus dem Gutachten hervor, dass auch
die Narben des Beschuldigten am linken Oberarm, welche durch Schnitte mit ei-
nem Cutter entstanden sein könnten, die Kriterien einer Selbstbeibringung auf-
weisen würden. So liege eine Gruppierung der Verletzungen mit parallelen Ver-
läufen und eine Lokalisation an gut erreichbaren Körperpartien vor. Sodann wird
darauf hingewiesen, dass der Beschuldigte angegeben habe, Linkshänder zu
sein, und eine Selbstbeibringung auf der Seite der Arbeitshand zwar eher unty-
pisch sei, dieser Umstand jedoch nicht beweisend für eine Fremdbeibringung sei
(Urk. 24/3 S. 5). Schliesslich wurde durch die Gutachter zusammenfassend fest-
gehalten, dass sie bei allen Hautnarben des Beschuldigten von einer Selbstbei-
bringung ausgehen würden (Urk. 24/3 S. 6).
4.3 Auflistung sichergestellter Gegenstände
Der Vorbericht des Wissenschaftlichen Diensts der Stadtpolizei Zürich vom
7. Februar 2005 enthält eine Auflistung der am 28. Januar 2005 ab dem Tatort si-
chergestellten Gegenstände. In jener Auflistung finden sich neben der mutmassli-
chen Tatwaffe, einem Fleischerbeil mit drei Ausbrüchen an der Klinge und diver-
sen Blutanhaftungen, unter anderem auch drei Kleidungsstücke des Beschuldig-
ten (Unterleibchen, Langarmleibchen und Trainerjacke) sowie diverse Kleidungs-
stücke des Privatklägers und von E._, welche mit Ausnahme der Socken des
Privatklägers alle ebenfalls Blutanhaftungen aufwiesen (Urk. 6/1 S. 3 f.). Hinsicht-
lich der ebenfalls sichergestellten Lederjacke des Privatklägers wurde zudem
vermerkt, dass diese sowohl vorne rechts unterhalb des Kragens, am Ärmel links
sowie am Rücken durchgehend je eine Stich-/Schnittverletzung aufgewiesen ha-
be (Urk. 6/1 S. 3). Die mutmassliche Tatwaffe wurde zudem fotografisch doku-
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mentiert. Auf jener Fotografie sind die beschriebenen drei Ausbrüche an der Klin-
ge ohne Weiteres erkennbar (Urk. 8 S. 9).
4.4 Fotodokumentation
Von der Kantonspolizei Zürich wurden am 28. Januar 2005 rund um den
Tatort diverse Fotografien sowohl ausserhalb als auch innerhalb der Asylunter-
kunft erstellt (Urk. 8). In jener Fotodokumentation findet sich unter anderem auch
eine Abbildung der Türe zum Aufenthaltsraum der Asylunterkunft. Auf dieser ist
zu erkennen, dass die in die Türe eingebaute Glasscheibe zu Bruch gegangen
war. In Anbetracht dessen, dass die Glasscherben noch auf dem Boden verteilt
waren, macht es zudem den Anschein, dass die Scheibe erst kurz vor der Erstel-
lung der Fotografie zu Bruch gegangen war. Auf dem Boden sowohl im Flur vor
der Türe als auch im Eingangsbereich des Aufenthaltsraums hinter der Türe sind
zudem dunkelrote Tropfspuren zu erkennen (Urk. 8 S. 3).
5. Subjektive Beweismittel
5.1 Aussagen des Privatklägers
5.1.1 Der Privatkläger wurde, nachdem er im Spital Limmattal ärztlich ver-
sorgt worden war, noch am 28. Januar 2005 erstmals durch die Polizei einver-
nommen (Urk. 1 S. 2; Urk. 3/3). Damals wurde er zunächst in allgemeiner Hinsicht
dazu befragt, woher er den Beschuldigten kenne. Diesbezüglich gab er an, diesen
ca. zwei bis drei Monate zuvor kennen gelernt zu haben, als sie zur selben Zeit
nach F._ gekommen seien. Ihnen sei dasselbe Zimmer zugeteilt worden. Da
der Beschuldigte aber viel getrunken und auch gekifft habe, hätte er nach einer
Weile mit dem Asylantenbetreuer darüber gesprochen, dass er eigentlich nicht mit
dem Beschuldigten habe das Zimmer teilen wollen. Man habe ihm dann aber kein
anderes Zimmer gegeben (Urk. 3/3 S. 1). Auf entsprechende Nachfrage schilderte
der Privatkläger den in Frage stehenden Vorfall dann so, dass er zunächst bei der
Gemeinde gewesen sei, da sie an jenem Tag ihr Geld hätten holen können. Als er
da gewartet habe, sei der Beschuldigte ins Zimmer gekommen und er habe zu
ihm aufgeschaut. Daraufhin habe der Beschuldigte gefragt, weshalb er ihn so an-
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schaue und ihn mit "Arschloch" beschimpft. Anschliessend habe der Beschuldigte
ihn aufgefordert, mit ihm auf die Strasse zu kommen. Er selber habe eingewilligt,
zuvor aber noch sein Geld geholt. Auf der Strasse habe ihn der Beschuldigte
dann mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er habe dabei nichts ge-
sagt, den Beschuldigten dann aber am Pullover gefasst und versucht, ihn von sich
wegzuhalten. Plötzlich sei dann ein Polizist gekommen, der sie voneinander ge-
trennt habe. Er habe mit ihnen gesprochen und ihre Ausweise kopiert. Weiter er-
klärte der Privatkläger, dass er dann mit E._ nach Hause gegangen sei. Dort
sei der Beschuldigte draussen vor der Haustüre gestanden und habe ihn ohne ein
Wort mit einem Fleischermesser geschlagen. Er habe das Messer am Griff gehal-
ten und ihn mit der Klinge, mit der Seite, die schneide, geschlagen. Getroffen ha-
be er ihn auf der linken Seite am Kopf, oberhalb des Ohres. Er habe geblutet und
der Beschuldigte habe trotzdem weiter mit dem Messer auf ihn eingeschlagen.
Der Beschuldigte habe ihn auch fast überall getroffen. Er habe dann versucht,
den Beschuldigten wegzustossen, wobei dieser auch seine Hand getroffen habe.
E._ habe dann versucht, sie zu trennen, was jedoch nicht viel genutzt habe.
Er habe dem Beschuldigten gesagt, dass er die Polizei rufen werde, woraufhin
dieser habe wegrennen wollen. Er habe ihn daher an den Kleidern festhalten wol-
len. Daraufhin habe der Beschuldigte die Kleider ausgezogen. Mit nacktem Ober-
körper sei er dann auf die Strasse gerannt und habe ein Auto angehalten, in wel-
ches er dann auch eingestiegen sei (Urk. 3/3 S. 1 f.). Auf die Frage, weshalb sie
Streit gehabt hätten, gab der Privatkläger an, dass er sich dies auch nicht erklären
könne. Er habe das Zimmer verlassen, da der Beschuldigte immer bis spät in die
Nacht Lärm gemacht habe. Er selbst gehe jeden Tag in die Schule und müsse
daher um 07.00 Uhr aufstehen. Seit ca. zwei Wochen vor dem Vorfall habe er aus
diesem Grund bei E._ auf dem Boden geschlafen. Weshalb der Beschuldigte
an jenem Tag auf ihn losgegangen sei, könne er sich aber nicht erklären. Den
Vorhalt, dass er gemäss E._ an jenem Tag gesagt habe, der Beschuldigte
sei schwul, und sie deshalb Probleme gehabt hätten, bestritt der Privatkläger. Er
gab an, dass im Gegenteil der Beschuldigte an jenem Tag zu ihm gesagt habe, er
sei schwul. Das habe dieser aber einfach gesagt, als Schimpfwort. Auf weiteres
Nachfragen bejahte der Privatkläger sodann noch, dass er einen Stein genom-
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men und diesen nach dem Beschuldigten geworfen habe. Dabei habe sich der
Beschuldigte jedoch bücken können. Ausserdem bejahte er, dass er Angst gehabt
habe, der Beschuldigte könnte ihn töten. Er habe denn auch den Kopf eingezo-
gen, da er sicher tot gewesen wäre, wenn der Beschuldigte ihn getroffen hätte
(Urk. 3/3 S. 2). Schliesslich gab er auf die Frage, ob der Beschuldigte bewusst
oder wahllos geschlagen habe, an, dass er glaube, er habe einfach zugeschla-
gen. Er habe immer von oben nach unten geschlagen (Urk. 3/3 S. 2 f.).
5.1.2 Am 14. März 2005 wurde der Privatkläger in Anwesenheit des damali-
gen amtlichen Verteidigers des Beschuldigten durch die Staatsanwaltschaft be-
fragt. Im Rahmen jener Einvernahme schilderte er die Vorkommnisse vom
28. Januar 2005 zunächst bei der Gemeinde und dann vor dem Asylbewerber-
heim grundsätzlich mit seinen zuvor gemachten Angaben übereinstimmend. Eine
Abweichung zeigt sich darin, dass er nun nicht mehr erklärte, der Beschuldigte
habe ihn dann ohne ein Wort mit dem Fleischermesser geschlagen (Urk. 3/3
S. 1), sondern angab, der Beschuldigte habe vor der Asylbewerberunterkunft,
kurz bevor er das Messer genommen habe, noch gesagt: "Ich bumse deine Mut-
ter und deine Schwester, warum hast du mich angeschaut?" (Urk. 3/4 S. 2). Im
Übrigen waren seine Angaben jedoch deckungsgleich. Insbesondere wiederholte
er, dass der Beschuldigte ihn bei der Gemeinde gefragt habe, weshalb er ihn so
ansehe (Urk. 3/4 S. 2 f.), dass es eigentlich gar keinen Grund für die Auseinan-
dersetzungen gegeben habe und er dem Chef im Asylbewerberheim aber bereits
einmal gesagt habe, dass er aufgrund des Verhaltens des Beschuldigten nicht mit
ihm im selben Zimmer schlafen könne, weil er selbst jeweils am Morgen habe zur
Schule gehen müssen (Urk. 3/4 S. 3). Die Schläge des Beschuldigten beschrieb
er zudem erneut so, dass dieser mehrmals auf seinen Kopf geschlagen und dabei
nicht nur diesen, sondern auch seine Hand getroffen habe, da er diese gehoben
habe (Urk. 3/4 S. 2 ff.).
5.1.3 Mehr als 12 Jahre nach dem Vorfall, nachdem der Beschuldigte ver-
haftet worden war, wurde der Privatkläger am 2. Februar 2017 rechtshilfeweise in
Düsseldorf einvernommen. Dabei gab er zunächst an, dass er sich gut an den
Tag des Vorfalles erinnern könne (Urk. 22/11 S. 2). Anschliessend schilderte er
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zunächst erneut die erste Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Beschul-
digten bei der Gemeinde. Dabei gab er an, dass er nur noch wisse, dass der Be-
schuldigte damals etwas zu ihm gesagt habe, was es gewesen sei, wisse er je-
doch nicht mehr (Urk. 22/11 S. 2 f.). Sodann gab er den Vorfall vor dem Asylbe-
werberheim erneut grundsätzlich deckungsgleich mit seinen bisherigen Angaben
wieder. Wie in seiner ersten Einvernahme gab er jedoch wiederum an, dass der
Beschuldigte bei seinem Eintreffen sofort zugeschlagen habe. Zwar habe er ge-
dacht, der Beschuldigte wolle mit ihm sprechen, er habe dann aber weder etwas
gesagt noch gewartet, sondern sofort geschlagen. Wie bereits bei der Staatsan-
waltschaft erklärte er zudem, dass er zunächst gar nicht gesehen habe, womit der
Beschuldigte geschlagen habe. Erst nach dem ersten Schlag habe er gesehen,
dass er etwas in der Hand gehabt habe (Urk. 3/4 S. 2; Urk. 22/11 S. 3). Die
Schläge sowie die Versuche, diese mit den Händen abzuwehren, gab er wiede-
rum in derselben Weise wie in seinen bisherigen Einvernahmen wieder
(Urk. 22/11 S. 3 f.). Ausserdem gab er ausdrücklich an, dass der Beschuldigte ihn
einmal auch auf den linken Oberschenkel geschlagen habe (Urk. 22/11 S. 4). Auf
den Vorhalt, dass der Beschuldigte nun geltend mache, es sei E._ gewesen,
der den Privatkläger verletzt habe, als dieser E._ davon abzuhalten versucht
habe, ihn (den Beschuldigten) anzugreifen, erklärte der Privatkläger, dass dies
gelogen sei. Er verneinte, dass E._ ihn geschlagen oder angegriffen habe.
Dieser sei mit ihm zunächst bei der Gemeinde das Geld holen gegangen und sei
mit ihm dann zurückgekommen. Als der Beschuldigte ihn dann mit dem Messer
angegriffen habe, sei E._ dazwischen gegangen und habe ihm das Messer
weggenommen. Zudem glaube er, dass dieser das Messer danach weggeworfen
habe. Selbst habe er dies aber nicht gesehen (Urk. 22/11 S. 5).
5.2 Aussagen des Beschuldigten
5.2.1 Als der Beschuldigte am 9. Dezember 2016 im Rahmen einer staats-
anwaltschaftlichen Hafteinvernahme erstmals zum Vorfall vom 28. Januar 2005
befragt wurde, machte er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Er
erklärte, dass er erst dann Angaben machen werde, wenn sein Verteidiger zuge-
gen sei (Urk. 21/1 S. 2 f.).
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5.2.2 Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 5. Januar
2017 dementierte der Beschuldigte sodann zunächst, dass er mit dem Privatklä-
ger Streit gehabt habe. Vielmehr habe es eigentlich Streit zwischen ihm und
E._ gegeben. Der Privatkläger sei dann dazwischen gegangen und habe
schlichten wollen. E._ habe das Messer in der Hand gehabt, was gemäss
dem Beschuldigten auch nachgewiesen werden könnte, wenn man die Fingerab-
drücke darauf untersuchen würde. Auf konkrete Nachfrage bestätigte er denn
auch, dass er damit geltend mache, dass nicht er, sondern E._ den Privat-
kläger verletzt habe. Er präzisierte jedoch, dass dieser den Privatkläger nicht ei-
gentlich habe schlagen wollen, der Privatkläger aber versucht habe, ihm das
Messer wegzunehmen. Deshalb sei er verletzt worden, zumal E._ das Mes-
ser nicht habe loslassen wollen (Urk. 21/2 S. 2). Weiter erklärte der Beschuldigte,
dass E._ zuerst noch einen Cutter in der Hand gehabt habe, mit welchem er
ihn gegen seinen Oberarm geschlagen habe. Zweimal habe er auf ihn einge-
schlagen. Weitere Schläge seien dann nicht mehr möglich gewesen, da es ir-
gendwie gebrochen oder kaputt gegangen sei. Daraufhin sei dann der Privatklä-
ger gekommen und habe gefragt, was los sei. Er selbst habe schliesslich be-
merkt, dass sein Körper kalt geworden sei, weshalb er sich hingesetzt habe. In
dieser Zeit sei der Privatkläger zu E._ gegangen, habe diesem Vorwürfe ge-
macht wegen seiner Schläge gegen ihn und ihn beschimpft. E._ sei sodann
hineingegangen und habe dieses Hackmesser geholt. Der Privatkläger habe ihn
dann aber aufgefordert, wegzugehen und er habe versucht, ihm dieses Ding weg-
zunehmen. Der Beschuldigte gab weiter an, zu glauben, dass der Privatkläger
diesem das Hackmesser schliesslich auch habe wegnehmen und wegwerfen
können. Dann sei er selbst langsam aufgestanden und auf die Strasse gerannt.
Dort habe er ein Auto angehalten, worauf E._ ihm aber nachgerannt sei und
auf ihn eingeschlagen habe. Dieses Mal habe er aber einfach mit der Hand ge-
schlagen. Er sei daraufhin zu Boden gestürzt. Der Privatkläger habe E._ von
hinten gezogen. Er selbst sei dann wiederum aufgestanden und gerannt. Er sei
kraftlos und in der Hoffnung dagestanden, dass ein Auto vorbeifahren würde. Ein
Auto habe angehalten und er sei eingestiegen. Den Autofahrer habe er zunächst
gebeten, ihn ins Spital zu fahren, da er viel Blut verloren habe. Der Fahrer habe
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ihm von hinten dann auch ein paar Taschentücher gegeben, welche er selbst um
die Verletzung gewickelt habe. Nach drei bis vier Minuten im Auto habe ihn
E._ angerufen und gesagt, dass er weder zur Polizei noch ins Spital gehen
solle. Er habe ihn darauf hingewiesen, dass sowohl er (der Beschuldigte) als auch
der Privatkläger verletzt worden seien und eine Behandlung im Spital zu einer Be-
fragung durch die Polizei und weiteren Ermittlungen führen würde. Weiter fügte
der Beschuldigte an, dass E._ viel über ihn und seine Familie gewusst habe,
da er ihm diese Sachen selbst erzählt habe. E._ habe daher dann damit ge-
droht, dass er diese Geheimnisse verraten würde und seine Familie, seine Mutter
und seine Schwester, die in ... [Stadt im Irak] leben, festgenommen würden. Dies
erklärte er damit, dass sein Vater unter dem Regime von Saddam Hussein ein
hohes Mitglied der ...-Partei gewesen sei. Aus diesem Grund habe er es schliess-
lich nicht gewagt, ins Spital zu gehen. Stattdessen habe er einen Kollegen ange-
rufen und sei zu diesem in eine andere Stadt gegangen (Urk. 21/2 S. 2 f.). Auf
weiteres Nachfragen erklärte er diesbezüglich, dass er mit dem Zug zu diesem
nach K._ [Stadt] gegangen sei. Zunächst habe ihn der Autofahrer aber in das
Asylheim in ... [Ortschaft] gefahren, wo er zuvor gewohnt habe. Dort habe er
Kleider bekommen und sich umgezogen. Ausserdem habe er sich das Gesicht
gewaschen, in welchem er auch ein paar leichte Verletzungen gehabt habe, und
es sei sein Arm verbunden worden (Urk. 21/2 S. 3 f.). Auf die weitere Nachfrage,
was für Kleider er noch im Auto getragen habe, gab er an, zu glauben, dass er
nur Hosen getragen habe, weil alle anderen Kleider beim Streit zerrissen worden
seien (Urk. 21/2 S. 4).
Dem Beschuldigten wurde in jener Einvernahme zudem vorgehalten, dass
am 28. Januar 2005 in seinem Ablagekasten Nr. ... in der Asylbewerberunterkunft
110,2 Gramm Heroin sichergestellt worden seien. Dazu gab er an, dass es wegen
dieser Sache zum Streit zwischen ihm und E._ gekommen sei. Er selbst ha-
be das Heroin dort nicht gelagert. Das habe alles E._ gehört. Dieser habe die
Drogen denn auch als Mittel gebraucht, um ihm zu drohen. So habe er ihm ge-
sagt, dass die Drogen auch ihm zur Last gelegt werden könnten, wenn er eine
Anzeige gegen E._ erstatten würde wegen des Streits und den Verletzungen
(Urk. 21/2 S. 5). Weiter erklärte der Beschuldigte, dass er die Schweiz eigentlich
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schon einen Tag vor dem Streit habe verlassen wollen, weil er die Nase voll ge-
habt habe von E._. Dieser habe ihn immer ausgenutzt. In diesem Zusam-
menhang holte er aus, dass er den Irak nach dem Sturz des Regimes von Sad-
dam Hussein im Jahre 2003 verlassen habe und er nach Italien gegangen sei. Er
sei in Rom gewesen und dort am Bahnhof nicht damit zurecht gekommen, ein Bil-
let zu lösen. Bei jener Gelegenheit sei er E._ und zwei weiteren Personen
begegnet, die kurdisch gesprochen hätten und welche er dann gebeten habe, ihm
zu helfen. E._ habe ihm nicht nur dort geholfen, sondern habe ihn auch mit in
die Schweiz gebracht. Aus diesem Grund habe dieser dann aber auch eine Ge-
genleistung erwartet. So habe ihn E._ dann beispielsweise unter Druck set-
zen wollen, für ihn Drogen zu transportieren (Urk. 21/2 S. 5 f.).
5.2.3 In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 5. Mai 2017 hielt der
Beschuldigte daran fest, dass nicht zutreffe, was der Privatkläger gesagt habe.
Ausserdem brachte er zu Beginn jener Einvernahme vor, dass insbesondere nicht
zutreffe, dass der Privatkläger selbst nach der Auseinandersetzung die Polizei
angerufen habe. Vielmehr denke er, dass dieser sowie E._ von der durch
den Nachbarn D._ herbeigerufenen Polizei überrascht worden seien, und sie
ihre Geschichte dann improvisiert hätten (Urk. 21/4 S. 2). Er machte zudem Aus-
führungen dazu, wie es überhaupt zu den Streitigkeiten habe kommen können.
So habe der Privatkläger ihn eines Tages gefragt, weshalb er und E._ keinen
Kontakt mehr hätten. Auf diese Frage hin habe er dem Privatkläger einige Dinge
erzählt, die ihm auf dem Herzen gelegen hätten und die gleichzeitig Grund dafür
gewesen seien, dass er keinen Kontakt zu E._ mehr gehabt habe. Danach
habe er bemerkt, dass der Privatkläger immer wieder zu E._ gegangen und
nicht mehr in das gemeinsame Zimmer gekommen sei. In diesem Zusammen-
hang fügte der Beschuldigte an, dass es eigentlich nichts Schlimmes gewesen
sei, das er gesagt habe, dass es aber so sei, dass E._ Geld gehabt habe.
Jedenfalls habe er dem Privatkläger auch erzählt, dass er am Anfang des Monats
an jenen Ort gehen werde, um das Geld zu holen und dass er die Schweiz dann
verlassen wolle (Urk. 21/4 S. 3). Zu einem späteren Zeitpunkt in jener Einvernah-
me machte er in diesem Zusammenhang auch geltend, dass sich der Privatkläger
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in diesem Strafverfahren nur aus Profit auf die Seite von E._ gestellt habe
(Urk. 21/4 S. 8).
Weiter schilderte er in jener Einvernahme erneut die Ereignisse vom
28. Januar 2005. So seien der Privatkläger und E._ auch dort gewesen, als
er das Geld habe holen wollen. E._ habe ihn zu sich gerufen und ihm vorge-
worfen, dass er hinter seinem Rücken über ihn erzählt habe. Anschliessend sei
der Privatkläger dazu gekommen und habe seine Sicht der Dinge erklärt. Er habe
dem Privatkläger dann aber gesagt, dass er sich nicht einmischen solle, worauf
ihn der Privatkläger deswegen angegriffen habe (Urk. 21/4 S. 3). In der Folge sei-
en dann Leute gekommen, um sie auseinander zu bringen. Sie seien dann auch
in ein Zimmer gebracht und befragt worden. Er sei dann als erstes zurück in die
Asylbewerberunterkunft und die beiden anderen seien nachgekommen. E._
sei dann sofort auf ihn losgegangen (Urk. 21/4 S. 3). Dieser habe ihm vorgewor-
fen, dass er seine Gefälligkeiten nicht anerkennen würde, so habe er ihm Geld
gegeben und ihm geholfen, aber der Beschuldigte habe dies nicht gesehen. Wei-
ter habe er ihm gesagt, dass er sich an ihm rächen werde und er ihn nicht einfach
so gehen lasse, bevor er die Rache bei ihm ausgeübt hätte. Die Auseinanderset-
zung sei dann so abgelaufen, dass ihn E._ von vorne angegriffen habe. Er
habe auch Sachen zu ihm gesagt. Danach habe er gemerkt, dass sein Arm warm
gewesen sei. Noch bevor er ihn mit dem Cutter getroffen habe, sei es aber so
gewesen, dass sie sich immer wieder gestritten hätten, er sich habe wehren wol-
len und E._ ihn immer wieder gepackt habe. Dabei habe er seine Jacke ver-
loren. Er habe auch immer wieder versucht, wegzugehen, E._ sei aber im-
mer wieder auf ihn zugekommen. Gerade, weil er ihm so viele Gefälligkeiten ge-
macht habe, habe er E._ nicht angreifen wollen. Im Nachhinein müsse er
aber sagen, dass dieser ihn ja zum Drogenverkauf gezwungen habe. Nachdem er
die Jacke verloren habe, sei es dann jedenfalls dazu gekommen, dass E._
ihn mit dem Cutter getroffen habe. Was die Wunde betrifft, erklärte er weiter, dass
er damals einen Pullover getragen habe, den er ausgezogen habe, um die Wunde
zu bedecken. Danach sei er oben nicht mehr bekleidet gewesen. Daraufhin sei
der Privatkläger gekommen. Dieser habe versucht, den Streit zu schlichten,
nachdem er gemerkt habe, dass er Teil des Grundes für den Streit gewesen sei.
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Da die Klinge des Cutters abgebrochen sei, habe E._ in dessen Zimmer das
Messer geholt. Als er selbst dieses Ding gesehen habe, sei er aufgestanden und
habe sofort loslaufen wollen. Sein ganzer Körper sei aber kalt gewesen und er
habe nur sehr wenig Kraft gehabt. Als er habe hinausgehen wollen, hätten sie ihn
mit etwas am Hinterkopf getroffen. Er sei dann daher auf der Strasse auf den Bo-
den gefallen. E._ sei dann wieder auf ihn zugekommen, wobei der Privatklä-
ger ebenfalls wieder dazwischengekommen sei. Er selbst sei dann weggelaufen
und der Strasse entlanggelaufen. In jenem Moment sei der Privatkläger mit
E._ beschäftigt gewesen, da er ihm das Messer habe abnehmen wollen. Je-
ne Möglichkeit habe er wahrgenommen, indem er ein Auto angehalten und den
Fahrer gebeten habe, ihn ins Spital zu fahren (Urk. 21/4 S. 4). Ausserdem wie-
derholte er, dass dieser Fahrer ihm dann Taschentücher angeboten habe, welche
er dann so gehalten habe, dass das Blut nicht aus dem Pullover habe tropfen
können (Urk. 21/4 S. 5).
Als der Beschuldigte in der Folge angehalten wurde, gewisse Details seiner
Schilderung des Vorfalles zu wiederholen, gab er neu an, dass es, noch bevor er
das Auto angehalten habe, dazu gekommen sei, dass der Privatkläger E._
festgehalten und ihn wieder zum Heim gezogen habe. Vor dem Eingang habe
E._ dann zu ihm geschaut und Drohungen geschrien, beispielsweise dass er
ihn töten werde und andere solche Dinge. Anschliessend habe der Privatkläger
dann immer wieder versucht, E._ das Messer wegzunehmen. Er sei dann
eben aufgestanden und der Strasse entlanggelaufen (Urk. 21/4 S. 5 f.). Die Fra-
ge, wie es dann zu den Verletzungen des Privatklägers gekommen sei, beantwor-
tete der Beschuldigte damit, dass er denke, dies sei passiert, als der Privatkläger
E._ das Messer habe abnehmen wollen. Sie hätten um das Messer gerun-
gen. Auf die weitere Nachfrage, ob er denn gesehen habe, wie der Privatkläger
verletzt worden sei, wiederholte der Beschuldigte, dass er eben am Boden geses-
sen sei, E._ hinein gegangen sei, um das Messer zu holen und sich dieser
und der Privatkläger dann schon getroffen hätten und der Privatkläger dann schon
das Messer habe abnehmen wollen. Schliesslich wurde der Beschuldigte erneut
gefragt, ob er gesehen habe, wie der Privatkläger verletzt worden sei, was er ver-
neinte. Er fügte an, dass er sehr schwach gewesen sei und er einfach gesehen
- 29 -
habe, wie der Privatkläger E._ das Messer habe abnehmen wollen (Urk. 21/4
S. 6).
5.2.4 Bei den Akten liegt zudem ein übersetztes Schreiben des Beschuldig-
ten, welches dieser seinem damaligen amtlichen Verteidiger übergeben hatte und
welches letzterer wiederum der Staatsanwaltschaft am 27. April 2017 einreichte
(Urk. 21/10). In jenem Schreiben machte er sowohl Angaben zu seiner Lebensge-
schichte, dazu, wie er E._ kennengelernt habe, als auch zu den Vorfällen
vom 28. Januar 2005. Diese Ereignisse schilderte er so, dass er damals Geld
vom Sozialamt habe holen wollen und es dort zu einer Auseinandersetzung mit
E._ gekommen sei. Der Privatkläger habe sich dann eingemischt. Als er die-
sem gesagt habe, dass er sich aus diesem Problem raushalten solle, sei dieser
wütend geworden und habe ihn angegriffen. Die Polizei sei dann gekommen und
habe sie auseinandergebracht (Urk. 21/10 S. 6). Anschliessend schilderte er die
Auseinandersetzung vor der Asylbewerberunterkunft wiederum so, dass E._
ihn zunächst mit einem Cutter angegriffen habe und dieser anschliessend ein
Hackmesser geholt habe, mit welchem er ihn wiederum anzugreifen versucht ha-
be (Urk. 21/10 S. 7).
5.2.5 Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Schlusseinvernahme vom
19. Mai 2017 blieb der Beschuldigte dabei, die Darstellung der Ereignisse durch
den Privatkläger zu bestreiten. Er wiederholte, dass die Verletzungen des Privat-
klägers nicht von ihm, sondern von E._ stammen würden (Urk. 21/11 S. 3).
5.2.6 Anlässlich der Einvernahme vor Vorinstanz wurde der Beschuldigte
erneut aufgefordert, die Ereignisse aus seiner Sicht zu schildern. Er begann da-
mit, die Situation zwischen dem Privatkläger, E._ und ihm zu beschreiben.
So habe ihn der Privatkläger, mit welchem er bis zu jenem Zeitpunkt das Zimmer
geteilt habe, eines Tages gefragt, weshalb er keinen Kontakt mehr zu E._
gehabt habe. Dann wiederholte der Beschuldigte, dass er dem Privatkläger davon
erzählt habe, dass sich E._ mit blöden Sachen beschäftigt habe. Weiter gab
er wie schon zuvor an, dass der Privatkläger all das dann E._ weitererzählt
habe. Anschliessend habe der Privatkläger das gemeinsame Zimmer verlassen.
So sei dieser nachts oft bei E._ gewesen und habe auch bei ihm im Zimmer
- 30 -
übernachtet, nachdem er diesem die Sachen weitererzählt gehabt habe. Ausser-
dem fügte er an, dass E._ dann oft zu ihm gekommen sei und ihn beschul-
digt habe, er (der Beschuldigte) hätte ihn vor dem Privatkläger schlecht gemacht
(Prot. I S. 14).
Auf den Hinweis des Vorsitzenden, dass er sich zum Anklagevorwurf äus-
sern solle, erwähnte er wiederum, dass er am Tag des in Frage stehenden Vor-
falls habe sein Geld holen wollen. Er habe E._ dann gesagt, er wolle die
Schweiz verlassen, damit es keine Probleme mehr gebe. Dann sei er von beiden
angegriffen worden, worauf die Polizei gekommen sei. Als er dann wieder zu
Hause gewesen sei, habe er seinen Koffer und seine Sachen bereit machen wol-
len, um zu gehen. E._ habe sich ihm in den Weg gestellt, ihm Sachen gesagt
und ihn mit einem Cutter angegriffen. Neu erklärte der Beschuldigte sodann, dass
er E._ einen Schubs gegeben habe, woraufhin dieser wegen des rutschigen
Bodens gestürzt sei. Bei diesem Sturz sei die Klinge des Cutters kaputt gegan-
gen. E._ sei in sein Zimmer gegangen und er selbst habe versucht, seine
Wunde zu verbinden. Der Privatkläger sei dann dazu gekommen und habe ge-
fragt, was passiert sei (Prot. I S. 14). E._ sei dann mit einem grossen Messer
in der Hand nach draussen gekommen. Als der Privatkläger dies gesehen habe,
sei er zu E._ gegangen und habe zu verhindern versucht, dass er etwas ma-
che. Er selbst sei beim Anblick des Messers weggegangen. Dann habe er von
hinten etwas gespürt, das auf seinen Kopf geschlagen habe. Er sei dann zur Mitte
der Strasse gelaufen und sei dort fast ihn Ohnmacht gefallen und zu Boden ge-
stürzt. E._ sei dann wieder zu ihm gekommen und habe ihm Fusstritte und
Faustschläge verpasst. Der Privatkläger wiederum habe ihn von hinten gepackt
und ihn so daran gehindert, weiter zu schlagen. Daraufhin habe der Privatkläger
E._ wieder reingebracht. Er selbst habe dann aufstehen und weiterlaufen
können, bis er ein Fahrzeug gesehen habe, mit welchem er habe mitfahren kön-
nen. Wiederum erwähnte er dann die Taschentücher, die ihm der Lenker angebo-
ten habe, und die Drohung von E._, welche ihn während der Fahrt im Auto
per Telefon erreicht habe (Prot. I S. 15).
- 31 -
Nach dieser freien Schilderung der Ereignisse wurde er unter anderem ge-
fragt, wie er sich erklären könne, dass der Privatkläger am Ende unter anderem
am Kopf verletzt gewesen sei. Darauf antwortete der Beschuldigte, dass er dies
nicht wisse. Sodann stellte er in den Raum, dass diese Verletzung vielleicht auch
nicht vor dem Asylzentrum passiert sei. So lange er da gewesen sei, habe er
beim Privatkläger jedenfalls keine Verletzungen festgestellt (Prot. I S. 19). Aus-
serdem wiederholte er in der Folge, dass er eigentlich zunächst mit E._ be-
freundet gewesen sei, bis er diese Sachen in Zusammenhang mit den Drogen
und anderem festgestellt habe. Er erwähnte auch, dass E._ nicht habe ertra-
gen können, dass er seine Freundschaft zu ihm Schritt für Schritt beendet habe.
Schliesslich wiederholte er, dass E._ immer vorgebracht habe, ihm geholfen
zu haben. Dabei sei aber nicht zu vergessen, dass E._ ihn zum Sklaven ge-
macht habe und dieser immer gewollt habe, dass er sich nach seiner Lust und
Laune bewege (Prot. I S. 19 f.).
Auf den Vorhalt, dass er am Schluss seine Jacke, seinen Pullover und sein
T-Shirt ausgezogen habe und mit nacktem Oberkörper auf die Strasse gerannt
sei, gab der Beschuldigte an, dass die Jacke ganz am Anfang während des Ge-
rangels ausgezogen worden sei. Und als er dann verletzt worden sei, habe er den
Pullover ausgezogen, um seinen Arm zu verbinden (Prot. I S. 23).
Weiter wurde der Beschuldigte gefragt, weshalb ihn der Privatkläger, der
ihm zunächst noch zu Hilfe gekommen sei, anschliessend hätte zu Unrecht belas-
ten sollen. Dazu erklärte er, dass die Wahrscheinlichkeit gross sei, dass dieser
von E._ benutzt worden sei. Dieser habe ihm vielleicht Geld oder Drogen
versprochen. Ausserdem stellte er in den Raum, dass sich diese beiden abge-
sprochen haben könnten, bevor sie befragt worden seien. Überdies machte er
geltend, dass die Aussagen der beiden widersprüchlich seien und er sich auch
nicht erklären könne, weshalb in der Asylunterkunft überall Blut gewesen sei und
weshalb die auf den Fotos der Polizei abgebildeten Scheiben kaputt gegangen
seien (Prot. I S. 25 f.).
5.3 Aussagen des Zeugen E._
- 32 -
5.3.1 Nur wenige Stunden nach dem Vorfall und mithin noch am 28. Januar
2005 wurde E._ polizeilich zur Sache befragt. Anlässlich jener Einvernahme
wurde er zunächst aufgefordert, den Vorfall aus seiner Sicht darzulegen. Dabei
erklärte er, dass er an jenem Tag bei der Gemeindeverwaltung in M._ gewe-
sen sei, um sein Geld für den Monat Februar zu holen. Als er die Gemeindever-
waltung verlassen habe, habe er gesehen, wie der Beschuldigte und der Privat-
kläger mit Fäusten aufeinander eingeschlagen hätten. Es sei dann der Gemein-
depolizist, Herr G._, dazu gekommen, welcher die Streitenden habe beruhi-
gen können. Auch er habe mit den beiden Streitenden sprechen können, worauf
sich die Lage entspannt habe. Anschliessend seien der Privatkläger und er ge-
meinsam nach Hause bzw. zur Asylunterkunft gegangen. Als sie dort angekom-
men seien, sei der Beschuldigte vor der Eingangstüre gestanden und habe auf
den Privatkläger gewartet. Der Beschuldigte habe den Privatkläger beschuldigt,
dass dieser ihn zuvor in M._ geschlagen habe. Daraufhin habe der Privatklä-
ger den Beschuldigten gefragt, was dies solle. Ohne etwas weiteres zu sagen,
habe der Beschuldigte dann ein Messer aus der Innenseite seiner Jacke gezogen
und sei auf den Privatkläger losgegangen. Dabei habe er das Messer über den
Kopf des Privatklägers gehoben und dieses schräg nach unten über den Kopf des
Privatklägers gezogen. Der Privatkläger habe zur Abwehr seinen Arm gehoben,
wobei er nicht mehr wisse, welcher Arm es gewesen sei, um das Messer abzu-
wehren. Dabei habe der Privatkläger einen Schnitt an der Hand erlitten. An-
schliessend habe er die Klinge des Messers fassen können. Der Beschuldigte
habe das Messer wieder losreissen wollen, was aber nicht gelungen sei. Beide
hätten um das Messer gekämpft und er sei dann dazwischen gegangen und habe
ebenfalls versucht, das Messer zu entreissen. Nach einem kurzen Kampf sei ihm
dies dann gelungen. Aus Wut habe der Beschuldigte dann seine Jacke und den
Pulli samt T-Shirt ausgezogen und sei mit blossem Oberkörper auf die Strasse
gerannt. Dort habe er dann einen Personenwagen angehalten und sei eingestie-
gen (Urk. 3/2 S. 1). Die vom Beschuldigten weggeworfene Kleidung habe er dann
dem Privatkläger geben wollen wegen der Blutung. Dieser habe die Kleidung aber
nicht nehmen wollen. Er habe die Kleider dann an sich genommen und sei mit
dem Privatkläger in die Küche gegangen. Dort habe er das Messer in den Kü-
- 33 -
chenabfall geworfen. Anschliessend habe er seinen Chef, Herrn N._, ver-
ständigt. Dieser habe ihm geraten, die Polizei via Notruf zu verständigen. Er sei
dann zum Telefonapparat der Asylunterkunft gegangen und habe die Notnummer
der Polizei gerufen (Urk. 3/2 S. 1 f.). Auf die Frage, weshalb er das Messer nicht
sofort der Polizei übergeben habe, erklärte E._, er habe Angst gehabt, dass
die Polizei dann festgestellt hätte, dass seine Fingerabdrücke auf dem Messer
seien, da er dieses dem Beschuldigten habe entreissen können. Daher habe er
sich entschieden, das Messer in den Abfallkübel in der Küche zu werfen. Als er
dann mit seinem Chef, Herrn N._, gesprochen habe, habe ihm dieser erklärt,
dass er der Polizei sagen solle, wo er das Messer hingetan habe. Daraufhin er-
wähnte E._ noch, dass er das Messer mit der Jacke des Beschuldigten ab-
gewischt habe, bevor er dieses in den Abfallkübel geworfen habe. Dies habe er
getan, um seine Fingerabdrücke auf dem Messer zu beseitigen (Urk. 3/2 S. 2).
Weiter wurde E._ gefragt, wie lange er schon in der Asylunterkunft in
F._ gewohnt habe. Dazu erklärte er, dass er seit ungefähr sechs Monaten
dort gewohnt habe. Zum Beschuldigten und dem Privatkläger gab er an, dass
diese am selben Tag zusammen dort eingezogen seien und dies ungefähr drei
Monate her gewesen sei. Sie beide hätten dann auch im selben Zimmer gewohnt.
Sie seien auch befreundet gewesen. Seit ungefähr zehn oder zwölf Tagen vor
dem Vorfall habe der Privatkläger aber nicht mehr beim Beschuldigten, sondern
bei ihm im Zimmer geschlafen, da die anderen beiden seither Streit gehabt hät-
ten. Zu den Gründen, weshalb es zu diesem Streit gekommen sei, erklärte
E._, dass der Privatkläger den Beschuldigten beschuldigt habe, dass dieser
schwul sei. Da er dies öffentlich gesagt habe, sei es zum Streit gekommen und
der Beschuldigte habe daher Rache am Privatkläger nehmen wollen. Aus diesem
Grund sei es in M._ und dann vor dem Asylheim zum Streit gekommen und
aus diesem Grund habe der Beschuldigte dann auch das Messer dabei gehabt.
E._ wurde sodann aufgefordert, erneut zu schildern, wie der Beschuldigte
genau mit dem Messer auf den Privatkläger losgegangen sei. Dazu erklärte
E._, dass der Beschuldigte auf ihn und den Privatkläger zugekommen sei,
als sie zum Asylantenheim gekommen seien. Als er ungefähr fünf Meter vor ihnen
gewesen sei, habe er mit der rechten Hand unter seine Jacke gegriffen und ein
- 34 -
hinter dem Leibgurt eingestecktes Messer hervorgenommen. Dabei habe er das
Messer hoch über seinen Kopf angehoben und dann quer nach unten mit dem
Messer nach dem Privatkläger geschlagen. Dabei habe er den Privatkläger mit
der Klinge am Kopf und an der Hand, welche der Privatkläger zur Abwehr nach
oben gehoben habe, getroffen (Urk. 3/2 S. 3). Auf weitere Nachfrage erklärte er
sodann, den Angriff so gewertet zu haben, dass der Beschuldigte dem Privatklä-
ger einfach eine Lektion habe erteilen wollen. Er habe nicht das Gefühl gehabt,
dass der Beschuldigte den Privatkläger hätte töten wollen. Weiter wies E._
darauf hin, dass er noch etwas ergänzen möchte. So erklärte er, dass der Privat-
kläger noch einen Stein genommen habe, mit welchem er auf den Beschuldigten
losgegangen sei. Das habe sich ereignet, nachdem er (E._) dem Beschuldig-
ten das Messer habe entreissen können. Der Privatkläger habe den Beschuldig-
ten in seiner Wut dann mit dem Stein auf den Rücken geschlagen. Der Beschul-
digte sei dann auf die Strasse gelaufen und habe einen Personenwagen angehal-
ten. Auf die Frage, weshalb er nicht schon zuvor von dem Stein berichtet habe,
gab E._ sodann an, dass er nicht danach gefragt worden sei (Urk. 3/2 S. 4).
5.3.2 Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. März
2005 gab E._ den in Frage stehenden Vorfall grundsätzlich in derselben
Weise wieder wie in der polizeilichen Einvernahme vom 28. Januar 2005 (Urk. 3/5
S. 2 ff.). Neu erwähnte er, den Beschuldigten seit seiner Ankunft in Chiasso zu
kennen. Der Beschuldigte sei damals ebenfalls dort gewesen. In M._ hätten
sie sich dann wiedergesehen (Urk. 3/5 S. 1). Wie die (vormalige) Verteidigung zu-
recht einwendete, gab E._ in dieser Einvernahme wie der Privatkläger in sei-
ner zweiten Einvernahme nun an, dass der Beschuldigte zu diesem gesagt habe
"Jetzt bumse ich deine Mutter und deine Schwester. Warum hast du das ge-
macht?", bevor er ihn mit dem Messer angegriffen habe (Urk. 3 5 S. 3). Ausser-
dem nannte er nun auch denselben Grund für die ursprüngliche Auseinanderset-
zung beim Gemeindehaus wie ihn der Privatkläger geltend gemacht hatte. So gab
er an, dass der Beschuldigte damals den Privatkläger gefragt habe, weshalb er
ihn so anschaue (Urk. 3/5 S. 3). Dass er mit dem Privatkläger über die Einver-
nahme gesprochen habe, räumte er auf entsprechende Nachfrage denn auch ein
(Urk. 3/5 S. 2). In jener Einvernahme fügte er zudem neu an, dass der Privatklä-
- 35 -
ger zu seiner Verteidigung auch noch eine Stange von einer Lampe geholt und
mit dieser herumgefuchtelt habe (Urk. 3/5 S. 3, 6). Im Unterschied zu seiner poli-
zeilichen Einvernahme gab er zudem auch an, dass es der Beschuldigte gewesen
sei, der zum Privatkläger gesagt habe, dieser sei schwul und nicht umgekehrt
(Urk. 3/5 S. 7). Auch erklärte er, dass er beim ersten Schlag des Beschuldigten
erschrocken sei und Angst gehabt habe, weil er so stark geschlagen habe
(Urk. 3/5 S. 4). Er habe sehr viel Angst gehabt, dass der Privatkläger dabei ster-
ben würde (Urk. 3/5 S. 6). Und wie bereits die Verteidigung richtigerweise darauf
hinwies, erklärte er in jener Einvernahme auch, dass er während der Auseinan-
dersetzung mit dem Messer teilweise zwischen dem Beschuldigten und dem Pri-
vatkläger gewesen sei und dabei manchmal den Privatkläger und manchmal den
Beschuldigten gehalten habe, um sie auseinander zu bringen (Urk. 3/5 S. 6).
5.4 Aussagen des Zeugen D._
5.4.1 Der Zeuge D._ rief am 28. Januar 2005 um 16.19 Uhr die Notruf-
zentrale der Polizei an und meldete den in Frage stehenden Vorfall (Urk. 1 S. 6).
Um 17.00 Uhr am selben Tag wurde er sodann durch den rapportierenden Poli-
zeibeamten O._ mündlich zum Vorfall befragt. Dieser hielt die Aussagen des
Zeugen D._ sinngemäss im Polizeirapport fest. Aus jener Zusammenfassung
geht hervor, dass der Zeuge D._, welcher in der Umgebung der Asylbewer-
berunterkunft wohnt, gesehen habe, wie drei Personen vor dieser Unterkunft auf
der Strasse Streit gehabt hätten. Sie hätten sich mit Fäusten und Fusstritten ge-
schlagen. Die vorbeifahrenden Fahrzeuglenker hätten ihre Geschwindigkeit gar
verringern müssen. Einer der Streithähne habe einen entblössten Oberkörper ge-
habt. Dieselbe Person habe dann plötzlich ein Fahrzeug angehalten und sich kurz
mit dem Lenker unterhalten. Bei jenem Fahrzeug habe es sich um ein graufarbe-
nes Mercedes-Benz Cabriolet mit schwarzem Verdeck gehandelt. Die Kontroll-
schilder habe er sich aber nicht merken können. Jedenfalls habe es sich aber um
ein zürcherisches Kontrollschild gehandelt. Die Person sei schliesslich in das
Fahrzeug eingestiegen und sie seien davon gefahren. Ausserdem erwähnte der
Zeuge D._, dass die anderen Beteiligten dann die Kleider jener Person mit-
genommen hätten (Urk. 1 S. 9).
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5.4.2 Zu Beginn der Zeugeneinvernahme vom 8. Februar 2017, welche in
Anwesenheit des Beschuldigten stattfand, gab D._ an, dass er sich nur
schwach an den Vorfall vom 28. Januar 2005 erinnere, da es wirklich schon lange
her sei (Urk. 23/1 S. 2). Anschliessend erklärte er, dass er ca. 120 bis 150 Meter
von der Asylunterkunft entfernt wohne und freie Sicht darauf habe. Sein Büro ha-
be er in der Ecke des Hauses im ersten Stock. Damals habe er sodann riesigen
Lärm gehört, weshalb er zum Fenster gegangen sei, um nachzusehen. Er habe
dann gesehen, wie jemand mit einem Messer oder einem Beil herumgerannt sei.
Was es gewesen sei, habe er nicht genau gesehen, da es aus einer gewissen
Distanz gewesen sei. Was er aber gesehen habe, sei der Schnee, der teilweise
rot gewesen sei. Anschliessend habe er den Notruf gewählt. Danach sei der
mutmassliche Täter über die Strasse gerannt und sei in einen Personenwagen
gestiegen, der zuvor in einer Kolonne herangefahren sei und kurz angehalten ha-
be. Schliesslich fügte er an, dass er nicht wisse, ob das organisiert gewesen sei
oder nicht (Urk. 23/1 S. 3). Später in der Einvernahme präzisierte er zudem, dass
diejenige Person, die in das Auto gestiegen sei, dieselbe gewesen sei, die zuvor
das Messer in der Hand gehalten habe und dass diese Person auch einen nack-
ten Oberkörper gehabt habe (Urk. 23/1 S. 3 f.). Auf die konkrete Nachfrage, ob er
noch wisse, wie diejenige Person, die mit dem Messer herumgerannt sei, geklei-
det gewesen sei, antwortete er zunächst, dass er dies nicht wisse. Anschliessend
ergänzte er, noch zu wissen, dass diese Person vermutlich helle Hosen getragen
habe. Auf weitere Nachfrage bestätigte er, dass damals drei Personen anwesend
gewesen seien, wobei eine davon verletzt gewesen sei. Weiter wurde er gefragt,
was die Person mit dem Messer damit gemacht habe. Diesbezüglich gab er an,
dass das vermutlich schon vorbei gewesen sei, als er den Lärm gehört habe
(Urk. 23/1 S. 3).
5.5 Aussagen des Zeugen G._
5.5.1 G._, der zum Tatzeitpunkt bei der Gemeindepolizei M._ ar-
beitete, verfasste am 2. Februar 2005 einen Wahrnehmungsbericht zu einem Vor-
fall, welcher sich ebenfalls am 28. Januar 2005 ereignete. Er hielt dabei fest, dass
er an jenem Tag um 15.15 Uhr von seinem Büro aus festgestellt habe, dass sich
- 37 -
vor dem Gemeindehaus in M._ zwei jüngere Männer heftig gestritten hätten.
Sie hätten sich in ihrer Muttersprache heftig beschimpft. Als Beteiligte dieses
Streits führte er den Beschuldigten sowie den Privatkläger auf. Ausserdem wurde
E._ als Zeuge aufgeführt (Urk. 3/1 S. 1). G._ beschrieb weiter, dass er
sich dann sofort an den Ort des Geschehens begeben habe, als sie sich auch
noch gegenseitig angegriffen hätten. Durch sein Einschreiten habe er die beiden
Streitenden trennen und vorerst beruhigen können. Anschliessend habe er den
Beschuldigten, den Privatkläger und E._ auf dem Polizeiposten einer Perso-
nenkontrolle unterzogen. Bei einer ebenfalls durchgeführten Befragung hätten sie
gesagt, es habe eine verbale Auseinandersetzung gegeben, in welche sich die
Polizei aber nicht einmischen müsse. Dazu fügte G._ an, dass es sich dabei
eher um eine Schutzbehauptung gehandelt habe, da sich vor allem der Beschul-
digte sehr auffällig benommen habe. Er sei sehr aggressiv, vorerst uneinsichtig
und kaum zu beruhigen gewesen. Ausserdem merkte er an, dass es nicht auszu-
schliessen sei, dass er unter dem Einfluss von Drogen gestanden sei. Gemäss
seinen Angaben habe sich niemand verletzt. Der Privatkläger habe auf der rech-
ten Wange und am Hals aber ganz kleine Kratzer von Fingernägeln aufgewiesen.
Der Beschuldigte habe den Posten der Gemeindepolizei dann jedenfalls um 15.35
Uhr in Richtung F._ verlassen. Der Privatkläger und E._ seien noch zur
Gemeindekasse gegangen, um ihre Auszahlung abzuholen (Urk. 3/1 S. 2).
5.5.2 Am 8. Februar 2017 wurde G._ in Anwesenheit des Beschuldig-
ten staatsanwaltschaftlich einvernommen (Urk 23/2 S. 1 ff.). Dabei gab er zu-
nächst an, dass er sich mit jedem Wort, das er höre, immer mehr daran erinnere.
Er bestätigte dabei seine Angaben aus dem Wahrnehmungsbericht, indem er er-
klärte, vor dem Gemeindehaus einen Streit beobachtet, und bei den drei beteilig-
ten Personen anschliessend eine Personenkontrolle durchgeführt zu haben. Aus-
serdem erklärte er erneut, dass die beiden "Streithähne", der Beschuldigte und
der Privatkläger, bei ihm im Büro gewesen seien. Auch dass der Beschuldigte
damals aggressiv und sehr aufgebracht gewesen sei, sowie dass der Privatkläger
Kratzspuren am Hals aufgewiesen habe, wiederholte er (Urk. 23/2 S. 3 ff.).
6. Beweiswürdigung
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6.1 Glaubwürdigkeit des Privatklägers und Glaubhaftigkeit seiner Aussagen
6.1.1 Bereits die Vorinstanz wies zurecht darauf hin, dass die Aussagen des
Privatklägers mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen seien (Urk. 118 S. 8). So
machte der Privatkläger in diesem Verfahren nicht nur finanzielle Ansprüche ge-
gen den Beschuldigten geltend (Urk. 9; Urk. 22/11 S. 6), sondern gab auch von
sich aus an, dass er schon vor diesem Vorfall darum bemüht gewesen sei, nicht
mehr mit dem Beschuldigten das Zimmer teilen zu müssen (Urk. 3/3 S. 1). Die fi-
nanziellen Interessen und der Umstand, dass er dem Beschuldigten somit zumin-
dest nicht ausnahmslos wohlgesinnt war, begründen nicht per se Zweifel hinsicht-
lich seiner Glaubwürdigkeit, jedoch sind diese Umstände bei der Beweiswürdi-
gung einzubeziehen
6.1.2 Was die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers betrifft, ist zu-
nächst darauf hinzuweisen, dass er den in Frage stehenden Vorfall sowie die die-
sem vorausgehende Auseinandersetzung beim Gemeindehaus im Rahmen seiner
insgesamt drei Einvernahmen grundsätzlich konstant und weitgehend wider-
spruchsfrei schilderte. Seine Aussagen weisen zudem insofern eine gewisse Dif-
ferenziertheit auf, als er beispielsweise darauf hinwies, dass er zunächst gar nicht
gesehen habe, was der Beschuldigte in der Hand gehabt habe und ihm erst nach
dem ersten Schlag bewusst geworden sei, dass es sich dabei um ein Messer ge-
handelt habe (Urk. 3/4 S. 2; Urk. 22/11 S. 3 f.). Auffällig ist, dass der Privatkläger
in der tatzeitnäheren Einvernahme vom 14. März 2005 aussagte, er wisse nicht,
in welcher Hand der Beschuldigte das Hackmesser hielt (Urk.3/4 S.3), dagegen in
der rechtshilfeweisen Einvernahme in Deutschland erklärte, er sei sicher, dass
der Beschuldigte das Messer in der rechten Hand gehalten habe (Urk. 22/11
S. 4). Zu erwarten wäre eigentlich, dass er mit frischer Erinnerung genauere An-
gaben hätte machen können als 12 Jahre nach dem Vorfall. Eine weitere Abwei-
chung in seiner Darstellung der Ereignisse zeigt sich in seinen Angaben dazu,
was sich unmittelbar vor dem Angriff durch den Beschuldigten abgespielt habe.
Während er sowohl in seiner polizeilichen Einvernahme vom 28. Januar 2005 als
auch in der rechtshilfeweise durchgeführten Einvernahme vom 2. Februar 2017
angab, der Beschuldigte habe vor dem Asylbewerberheim ohne ein Wort zu sa-
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gen, auf ihn eingeschlagen (Urk. 3/3 S. 1; Urk. 22/11 S. 3), führte er im Rahmen
seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. März 2005 aus, der Be-
schuldigte habe unmittelbar vor dem Angriff noch geschimpft und etwas zu ihm
gesagt (Urk. 3/4 S. 2). Zwar betrifft dieser Widerspruch den Kern des Tatgesche-
hens. Daran, dass der Privatkläger das Verhalten des Beschuldigten stets als
überraschenden und unvermittelten Angriff beschrieb, ändert die Frage, ob er da-
bei noch etwas gesagt hat oder ob dieser wortlos erfolgte, aber nichts. Seine
Aussagen werden durch den Umstand gestützt, dass sich die Verletzungen am
Kopf, seinen Händen und dem linken Oberschenkel, welche er nach diesem Vor-
fall aufwies, mit dem durch ihn beschriebenen Tathergang und insbesondere mit
seinen Versuchen, die Schläge mit seinen Händen abzuwehren, ohne Weiteres
vereinbaren lassen. Gerade der Umstand, dass er die Schläge abzuwehren ver-
sucht habe, würde auch erklären, weshalb er trotz der Schläge von oben mit ei-
nem Fleischerbeil nicht gravierendere Kopfverletzungen erlitt. Zwar weisen seine
Angaben aus der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. März 2005, wo-
nach er seine Hand erst gehoben habe, nachdem er Blut gesehen habe (Urk. 3/4
S. 4), sowie aus der rechtshilfeweisen Einvernahme, wonach zunächst zwei
Schläge direkt auf den Kopf erfolgt seien und er dann versucht habe, das mit sei-
nen Armen abzuwehren (Urk. 22/11 S. 4), grundsätzlich darauf hin, dass er sich
nicht von Beginn an wehrte und daher grundsätzlich schwerwiegendere Verlet-
zungen zu erwarten gewesen wären. In seiner ersten Einvernahme erklärte er je-
doch, dass er damals den Kopf eingezogen habe und er sonst sicher tot gewesen
wäre, wenn er ihn am Hals getroffen hätte (Urk. 3/3 S. 2). Da er somit auch ande-
re Abwehrmethoden als die Verteidigung mit seinen Händen schilderte, ändert der
Umstand, dass er sich nicht von Beginn an mit seinen Händen gegen die Schläge
wehrte, nichts an der grundsätzlichen Vereinbarkeit des Verletzungsbildes mit
seinen Angaben. Weiter wurden seine Angaben dazu, dass der Beschuldigte und
er bereits beim Gemeindehaus aneinandergeraten seien, durch den Polizeibeam-
ten G._, welcher sie damals einer Personenkontrolle unterzog, bestätigt
(Urk. 3/1; Urk. 23/2 S. 3 f.). Auch dieser erklärte, dass der Beschuldigte bereits zu
jenem Zeitpunkt aggressiv und kaum zu beruhigen gewesen sei (Urk. 3/1 S. 2).
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Festzuhalten ist jedoch auch, dass die Aussagen des Privatklägers insge-
samt sehr knapp und pauschal ausgefallen sind. Sie lassen Realitätskriterien wie
Schilderung erlebter Gefühle oder Detailreichtum vermissen. Seine Angaben be-
schränken sich im Wesentlichen auf die Beschreibung eines an sich einfachen
Handlungsablaufs. Diesen legte er so dar, dass der Beschuldigte vor dem Asyl-
heim auf ihn gewartet habe, um dann auf ihn zuzukommen und mehrmals mit ei-
nem Messer auf ihn einzuschlagen. Angaben dazu, wie er sich im Moment des
Angriffs fühlte oder zu Assoziationen, welche er damals gehabt hätte, oder andere
Details, welche darauf hinweisen würden, dass er das Geschilderte tatsächlich er-
lebte, schilderte er kaum. Zwar gab er im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme vom 14. März 2005 an, dass er es damals nicht habe glauben kön-
nen, dass der Beschuldigte ihn schlage. Und er umschrieb die Schläge des Be-
schuldigten mit der Assoziation, dass diese erfolgt seien, wie wenn er aus einem
Tier Stücke mache (Urk. 3/4 S. 2 f., 4). Auch machte er in jener Einvernahme gel-
tend, dass der Beschuldigte ganz bewusst auf ihn eingeschlagen habe, um ihn
umzubringen (Urk. 3/4 S. 3). Noch in der ersten polizeilichen Einvernahme unmit-
telbar nach der Tat liess er solche Umschreibungen jedoch ganz weg. Auch er-
wähnte er nichts davon, dass er befürchtet hätte, der Beschuldigte habe ihn mit
diesen Schlägen gezielt umbringen wollen. Zudem schilderte er damals nicht nur
den Ablauf der Ereignisse sehr sachlich und ohne Hinweise auf sein eigenes da-
maliges Empfinden, sondern beschrieb auch sein eigenes Verhalten zum Zeit-
punkt der Tat als sehr sachlich. So gab er beispielsweise an, dass er dem Be-
schuldigten, noch während der Angriff im Gange gewesen sei, gesagt habe, dass
er die Polizei rufen werde (Urk. 3/3 S. 2). Angesichts dieses Unterschieds seiner
Angaben aus der polizeilichen Einvernahmen zu jenen aus der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahmen zeigt sich hinsichtlich jener Angaben, welche der Pri-
vatkläger im Laufe des Strafverfahrens zu seinem Empfinden machte, eine ge-
wisse Steigerungstendenz. Zudem ist seinen Aussagen keine plausible Erklärung
für den Angriff durch den Beschuldigten zu entnehmen. Der Privatkläger erklärte,
der Beschuldigte habe vor dem Gemeindehaus zu ihm gesagt, was er ihn so an-
schaue und habe ihn als Arschloch bezeichnet, den angeklagten Angriff vor dem
Heim habe der Beschuldigte unvermittelt ausgeführt, ohne ein Wort zu sagen,
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bzw. nur mit der Bemerkung eingeleitet, weshalb er ihn angeschaut habe, er wer-
de seine Mutter und seine Schwester bumsen (Urk. 3/3 S. 1). In der rechtshilfe-
weisen Einvernahme sagte der Privatkläger dann in Abweichung von den frühe-
ren Aussagen aus, bei der Auseinandersetzung vor dem Gemeindehaus habe der
Beschuldigte in einem bösen Ton zu ihm gesprochen und gefragt, was er da ge-
sagt habe und ob er das zu dem gesagt habe (Urk. 22/11 S. 3). Unklar bleibt in
dieser Einvernahme, wem der Privatkläger etwas gesagt haben soll. Jedoch fällt
auf, dass die Ausführungen des Privatklägers in dieser letzten Einvernahme sich
mit den Ausführungen des Beschuldigten in Übereinstimmung bringen lassen,
wonach E._ ihm vorgeworfen habe, er (Beschuldigter) habe gegenüber dem
Privatkläger schlecht über ihn (E._) gesprochen. Die in bösem Ton formulier-
te Frage des Beschuldigten könnte sich auf diesen Kontext beziehen. Diese
Schilderung des Privatklägers in seiner letzten Einvernahme steht in klarem Wi-
derspruch zu den beiden früheren Einvernahmen, in welchen nur die Rede davon
war, dass der Beschuldigte ihn vor dem Gemeindehaus gefragt habe, weshalb er
ihn so anschaue. Dieser Widerspruch in den kargen Aussagen des Privatklägers
stellt die Glaubhaftigkeit seiner Darstellung in Frage.
Aus der Schilderung des Privatklägers ergibt sich ausserdem kein Motiv für
das angeklagte massive Vorgehen des Beschuldigten. Er sagte denn auch selber
aus, er könne sich nicht erklären, weshalb der Beschuldigte ihn angegriffen habe
(Urk. 3/3 S. 2), es gebe keinen Grund für die Auseinandersetzung (Urk. 3/4 S. 3).
In diesem Zusammenhang ist auf die glaubhafte Aussage des Zeugen G._
zu verweisen, wonach beim Gespräch in seinem Büro nach der von ihm beobach-
teten Auseinandersetzung weder der Beschuldigte noch der Privatkläger etwas
von einem Streit habe wissen wollen. Er habe den Eindruck gehabt, dass die bei-
den nicht zum Grund des Streites stehen wollten (Urk. 23/2 S. 3). Genau dieser
Eindruck entsteht auch bei der Prüfung der Aussagen des Privatklägers. Der wah-
re Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Beschuldigten
bleibt im Dunkeln.
Etwas merkwürdig erscheint auch die Aussage des Privatklägers, er habe
den Beschuldigten am Wegrennen hindern wollen nachdem ihn dieser verletzt
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habe und habe ihn an den Kleidern festgehalten, worauf dieser die Kleider ausge-
zogen habe (Urk. 3/3 S. 2). Nach dem Vorfall wurden die Jacke des Beschuldig-
ten, ein Langarmleibchen und ein Unterleibchen sichergestellt (Urk. 1 S. 5). Es
stellt sich die Frage, wie der Beschuldigte seine ganze Oberbekleidung inklusive
Unterleibchen ausziehen konnte und weshalb es dem Privatkläger mit der Unter-
stützung von E._ nicht gelungen sein soll, den Beschuldigten in dieser Zeit
an der Flucht zu hindern. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass die Erklä-
rung des Beschuldigten dafür, wie es dazu kam, dass er mit nacktem Oberkörper
flüchtete, auch nicht gleichbleibend ist. In der Einvernahme vom 5. Januar 2017
erklärte er, er glaube, seine Kleidung sei beim Streit zerrissen worden (Urk. 21/2
S. 4). In der Einvernahme vom 5. Mai 2017 dagegen führte er aus, die Jacke ha-
be er verloren, als es zur Auseinandersetzung mit E._ vor dem Heim ge-
kommen sei, bei welcher E._ ihn gepackt habe und ihm dabei die Jacke
ausgezogen worden sei (Urk. 21/4 S. 6; Prot. I S. 23). Nachdem er die Jacke ver-
loren habe, habe E._ ihn mit dem Cutter getroffen (Urk. 21/4 S. 4). Er habe
den Pullover ausgezogen, um seine Wunde damit zu bedecken und habe oben
nichts mehr angehabt (Urk. 21/4 S. 4; Prot. I S. 23). Betreffend die Kleider des
Beschuldigten sind weder die Darstellung des Privatklägers noch diejenigen des
Beschuldigten glaubhaft.
Von zentraler Bedeutung ist, dass die Angaben des Privatklägers durch das
Verletzungsbild gestützt werden. Es ist ohne Weiteres nachvollziehbar, dass die
von ihm erlittenen Verletzungen durch unkontrollierte Schläge mit dem sicherge-
stellten Hackmesser entstanden sind, dass insbesondere vom Täter Schläge ge-
gen den Kopf des Opfers ausgeführt wurden und dieses sich mit den Händen ge-
gen die Schläge gewehrt hat. Das Verletzungsbild spricht gegen die Darstellung
des Beschuldigten, wonach der Privatkläger sich die Verletzungen zugezogen
haben soll, als er eingegriffen habe, um den Angriff von E._ gegen den Be-
schuldigten abzuwehren. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass es nicht
glaubhaft erscheint, dass E._, der in einem guten Verhältnis zum Privatklä-
ger stand, mit dem Hackmesser weiter geschlagen haben soll, während der Pri-
vatkläger dazwischen ging. Eine Schnittverletzung am Kopf des Privatklägers und
an seinen Händen kann zwar von einem Schlag und Abwehrbewegungen mit den
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Händen stammen. Der Privatkläger hat aber zwei Schnittverletzungen am Kopf
und auch eine Verletzung am Bein erlitten, weshalb davon auszugehen ist, dass
mehrere Schläge ausgeführt wurden.
6.2 Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und Glaubhaftigkeit seiner Aussagen
6.2.1 Wie bereits die Vorinstanz zutreffend erwog, hat der Beschuldigte als
direkt durch das Verfahren Betroffener ein legitimes Interesse an einem für ihn
günstigen Ausgang des Verfahrens (Urk. 118 S. 10 f.). Insofern sind seine Aussa-
gen mit einer gewissen kritischen Zurückhaltung zu würdigen. Dennoch ist seine
Glaubwürdigkeit aber nicht von vornherein zweifelhaft.
6.2.2 Was die Glaubhaftigkeit seiner Angaben betrifft, ist zunächst zu be-
merken, dass seine Darstellung der Vorfälle meist sehr detailliert ausfiel und nicht
von vornherein undenkbar erscheint. So vermag er gewisse seiner Handlungen
und Vorbringen durchaus schlüssig und nachvollziehbar zu erklären. Vorausge-
setzt, seine Angaben würden alle der Wahrheit entsprechen und er wäre insbe-
sondere von E._ bedroht worden, so wäre beispielsweise durchaus verständ-
lich, dass der Beschuldigte auf eine ärztliche Behandlung verzichtete und die
Flucht ergriff. Ausserdem wäre auch der Groll von E._ auf den Beschuldigten
gewissermassen nachvollziehbar, wenn er dem Beschuldigten tatsächlich viel ge-
holfen hätte und dieser ihm dann den Rücken hätte kehren wollen und gegenüber
dem Privatkläger schlechte Dinge über ihn erzählt hätte. Der Beschuldigte machte
geltend, E._ habe ihm geholfen als er ihm in Rom begegnet sei und habe ihn
in die Schweiz gebracht. Diese Hilfestellung habe E._ ihm vorgehalten und
von ihm eine Gegenleistung in Form von Drogentransporten verlangt (Urk. 21/2
S. 6). Zwei bis drei Tage vor dem angeklagten Ereignis sei E._ mit einer
Plastiktüte mit Drogen zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, ihm zu helfen. Er
habe sich geweigert (Urk. 21/2 S. 6). Die im Ablagefach in der Küche sicherge-
stellten Drogen hätten E._ gehört. Dieser habe ihm gedroht, falls er eine An-
zeige gegen ihn erstatte, habe er etwas gegen ihn in der Hand (Urk. 21/2 S. 5).
Diese Darstellung des Beschuldigten wird insoweit durch die Zeugenaussage von
P._ gestützt als sie bestätigte, bezüglich des fraglichen Ablagefaches nach
dem Vorfall einen Tipp bekommen zu haben. Sie konnte sich nicht mehr erinnern,
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wer dies war, sagte aber aus, der Tippgeber sei nicht der Privatkläger gewesen,
möglicherweise sei es E._ gewesen (Urk. 23/3 S. 5/6).
Widersprüchliche Aussagen machte der Beschuldigte zur Frage, wie es da-
zu kam, dass er mit nacktem Oberkörper die Flucht im Auto antrat. Es kann dies-
bezüglich auf die Gegenüberstellung der Aussagen im Rahmen der Würdigung
der Aussagen des Privatklägers verwiesen werden.
Die Aussagen des Beschuldigten weisen weitere Ungereimtheiten und Wi-
dersprüche auf. Diese sind nachfolgend darzulegen.
6.2.2.1 Bereits seine Darstellung der Auseinandersetzung beim Gemeinde-
haus, welche dem eigentlichen Tatvorfall vorausging, erfolgte nicht gleichblei-
bend. So schilderte er noch in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom
5. Mai 2017 lediglich einen Angriff durch den Privatkläger (Urk. 21/4 S. 3). In sei-
nem Schreiben sowie vor Vorinstanz gab er dann aber an, dass ihn damals so-
wohl der Privatkläger als auch E._ angegriffen hätten (Urk. 21/10 S. 6; Prot. I
S. 14). Abgesehen davon, dass diese späteren Angaben von seiner ersten dies-
bezüglichen Aussagen abweichen, stimmt auch nur seine erste Angabe mit der
Darstellung des Zeugen G._ überein. Dieser beschrieb lediglich eine tätliche
Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger. E._
führte dieser als Zeuge auf (Urk. 3/1 S. 2). Weiter vermögen auch nicht sämtliche
Erklärungen des Beschuldigten für die Feindseligkeiten zwischen ihm, dem Pri-
vatkläger und E._, welche überhaupt zu den in Frage stehenden Auseinan-
dersetzungen geführt haben sollen, einzuleuchten. Zwar sind seine Angaben da-
zu, dass er und E._ ursprünglich befreundet gewesen seien, dieser ihm ge-
holfen und dann aber auch Gegenleistungen verlangt habe, die er nicht mehr be-
reit gewesen sei zu erbringen, grundsätzlich in sich schlüssig und an sich nach-
vollziehbar. Jedoch erhellt nicht, weshalb der Privatkläger zusätzliche Unruhe in
diese Konstellation hätte bringen sollen. Der Beschuldigte machte diesbezüglich
geltend, dass er dem Privatkläger jene Dinge über E._ erzählt habe, die ihn
selbst dazu bewogen hätten, Abstand von diesem zu nehmen, und dass E._
über diese Offenbarungen gegenüber dem Privatkläger nicht erfreut gewesen sei.
Dass E._ vor diesem Hintergrund einen gewissen Unmut gegenüber dem
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Beschuldigten gehegt hätte, wäre wiederum ohne Weiteres nachvollziehbar. Je-
doch führte dieses durch den Beschuldigten geschilderte Anschwärzen gemäss
seinen eigenen Angaben offenbar gerade dazu, dass der Privatkläger aus dem
Zimmer des Beschuldigten auszog und umso mehr den Kontakt zum eigentlich
angeschwärzten E._ suchte (Prot. I S. 14). Auf der anderen Seite erfährt die
Darstellung des Beschuldigten jedoch eine Stütze in der Aussage des Privatklä-
gers in seiner rechtshilfeweisen Einvernahme, in welcher er im Widerspruch zu
seinen früheren Aussagen erklärte, der Beschuldigte habe ihn beim Gemeinde-
haus in bösem Ton gefragt, was er da gesagt habe und ob er das zu dem gesagt
habe (Urk. 22/11 S. 3). Bereits im Rahmen der Würdigung der Aussagen des Pri-
vatklägers wurde darauf hingewiesen, dass diese Äusserung mit der Darstellung
des Beschuldigten vereinbar ist, wonach er dem Privatkläger vorgeworfen hat,
E._ berichtet zu haben, was er dem Privatkläger über E._ erzählt habe.
6.2.2.2 Ungereimtheiten zeigen sich sodann auch in den Angaben des Be-
schuldigten im Zusammenhang damit, dass er von E._ mit einem Cutter an-
gegriffen worden sei. Zwar kann gemäss Gutachten eine Fremdbeibringung nicht
ausgeschlossen werden. Das IRM gelangte bei einer Begutachtung der Verlet-
zungen, welche gemäss dem Beschuldigten auf jenen Angriff mit dem Cutter zu-
rückzuführen seien, nachvollziehbar zum Schluss, dass die Entstehung der Nar-
ben am linken Oberarm durch mehre Schnitte mit einem Cutter/Teppichmesser
möglich sei, die Gruppierung der Verletzungen mit parallelen Verläufen und die
Lokalisation an gut erreichbaren Körperpartien würden die Kriterien einer Selbst-
beibringung erfüllen. Das Gutachten hält aber auch fest, die Verletzungen würden
sich auf der Seite der Arbeitshand des Beschuldigten befinden. Eine Selbstbei-
bringung auf der Seite der Arbeitshand sei eher untypisch aber nicht beweisend
für eine Fremdbeibringung (Urk. 24/3 S. 5). Gemäss Gutachten kann eine Fremd-
beibringung somit nicht bewiesen, aber auch nicht ausgeschlossen werden. Die
Schlussfolgerungen des Gutachters sprechen nicht für die Darstellung des Be-
schuldigten, vermögen sie aber auch nicht mit rechtsgenüglicher Sicherheit zu wi-
derlegen.
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Zweifel daran, dass sich jener Angriff tatsächlich so zugetragen hatte, wie
der Beschuldigte ihn darlegte, zeigen sich sodann auch aufgrund seiner unein-
heitlichen Schilderung desselben. Während er es beispielsweise noch in den Ein-
vernahmen vom 5. Januar 2017 und vom 5. Mai 2017 dabei beliess, dass der
Cutter von E._ dann "irgendwie" gebrochen oder kaputt gegangen sei
(Urk. 21/2 S. 2; Urk. 21/4 S. 4), nannte er vor Vorinstanz erstmals den genauen
Grund, weshalb die Klinge des Cutters abgebrochen sei. So habe er selbst
E._ zur Abwehr geschubst. Daraufhin sei dieser aufgrund des rutschigen
Bodens gestürzt und dabei sei die Klinge des Cutters kaputt gegangen (Prot. I
S. 14). Zwar schliessen seine früheren Angaben nicht aus, dass sich der durch
ihn bereits damals beschriebene Bruch der Klinge bei einem vom Beschuldigten
verursachten Sturz herbeigeführt wurde. Zumal er sich offenbar noch daran erin-
nern konnte, wäre hingegen zu erwarten gewesen, dass der Beschuldigte diesen
Schubs und den darauffolgenden Sturz bereits in seinen früheren Schilderungen
dieses Vorfalles erwähnt hätte, und er es nicht dabei belassen hätte, zu sagen,
dass die Klinge "irgendwie" gebrochen sei. Da er den Sturz nun erst vor Vor-
instanz erwähnte, entsteht der Eindruck, dass er eine seiner früheren Angaben im
Nachhinein zu erklären versuchte, um diese plausibler erscheinen zu lassen. Ei-
nen ähnlichen Eindruck erweckt auch der Umstand, dass der Beschuldigte im
Rahmen seiner zweiten Schilderungen der Ereignisse am 5. Mai 2017 erklärte, er
habe seinen Pullover um seinen Arm gebunden, um die durch den Cutter herbei-
geführten Verletzungen abzudecken (Urk. 21/4 S. 4). Noch in der Einvernahme
vom 5. Januar 2017, als er den Vorfall erstmals ausführlich schilderte, erwähnte
er nichts davon, dass er den Pullover um seine Wunde gebunden hätte. Vielmehr
gab er zu jenem Zeitpunkt nur an, dass er die Wunde dann mit den Taschentü-
chern umwickelt habe, die ihm der Autofahrer gegeben habe (Urk. 21/2 S. 3).
Dass sein Pullover um den Arm gewickelt gewesen sei, erwähnte er damals auch
dann nicht, als er explizit gefragt wurde, welche Kleidung er getragen habe, als er
in das Auto gestiegen sei. Auf diese Frage gab er gar an, ausser einer Hose keine
Kleidung getragen zu haben, da alle seine Kleider beim Streit zerrissen worden
seien (Urk. 21/2 S. 4). Dass er auch bei dieser Gelegenheit noch nichts von sei-
nem Pullover erwähnte, lässt sein diesbezügliches späteres Vorbringen wiederum
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als nachgeschobenen Erklärungsversuch erscheinen, um plausibler wirken zu
lassen, dass ihn E._ tatsächlich verletzt hatte. Darauf, dass der Beschuldigte
seinen Pullover nicht bei sich hatte, als er in das Auto stieg, und er seine Kleidung
mit Ausnahme der Hose vielmehr entsprechend seinen Angaben in der Einver-
nahme vom 5. Januar 2017 zurückliess, weist sodann auch der Umstand hin,
dass am Tatort drei Kleidungsstücke von ihm sichergestellt wurden. Gemäss dem
Vorbericht des wissenschaftlichen Diensts der Stadtpolizei Zürich vom 7. Februar
2005 wurden ein Unterleibchen, ein Langarmleibchen sowie eine Trainerjacke des
Beschuldigten sichergestellt, welche alle Blutanhaftungen aufgewiesen hätten
(Urk. 6/1 S. 4). Zwar ist nicht von vornherein auszuschliessen, dass der Beschul-
digte damals neben diesen drei sichergestellten Kleidungsstücken zusätzlich ei-
nen Pullover trug. Allerdings erwähnte der Beschuldigte auch im Rahmen seiner
Schilderung im Zusammenhang mit der Verwendung des Pullovers als Verband
keine weiteren Kleidungsstücke. Vielmehr erklärte er gar, dass er, nachdem er die
Jacke beim Streit verloren und den Pullover wegen der Wunde ausgezogen hätte,
keine weitere Oberbekleidung mehr getragen habe (Urk. 21/4 S. 4). Im Übrigen
stellt der Umstand, dass seine sichergestellten Kleider Blutanhaftungen aufwie-
sen, entgegen der Auffassung der (vormaligen) Verteidigung keinen Beweis dafür
dar, dass er die geltend gemachten Verletzungen tatsächlich erlitten hat (Urk. 79
S. 11). Mangels Analyse der Blutanhaftungen an den Kleidern des Beschuldigten
besteht sowohl die Möglichkeit, dass es sich um Blut des Beschuldigten handelte,
welches aufgrund seiner erlittenen Verletzung auf die Kleidung gelangte, als
auch, dass es sich um Blut des Privatklägers handelte, dessen Blut bei den Ab-
wehrhandlungen oder bei dessen Festhalten an die Kleidung des Beschuldigten
gelangte oder beim Verbringen der Kleidung in die Asylbewerberunterkunft.
6.2.2.3 Nicht gleichbleibend schilderte der Beschuldigte sodann auch den
Handlungsabschnitt ab dem Zeitpunkt, als E._ mit dem Messer auf ihn habe
loskommen wollen bis zu seiner gelungenen Flucht mit dem Auto. So bildeten
zwar beispielsweise stets die Versuche des Privatklägers, E._ von einem
Angriff abzuhalten, sowie ein Sturz zu Boden von ihm selbst Teil seiner diesbe-
züglichen Beschreibung. Die zeitliche Abfolge der einzelnen Angriffsversuche von
E._ und seinem Sturz bzw. der Phase, in welcher er am Boden gesessen
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sei, variiert in seinen Schilderungen jedoch. Dass der Beschuldigte nicht in der
Lage war, diesen Vorgang immer in genau derselben Weise wiederzugeben, ist
grundsätzlich sowohl angesichts der seit jenem Ereignis verstrichenen sehr lan-
gen Zeit als auch in Anbetracht dessen, dass es sich dabei um ein dynamisches
und schnell ablaufendes Geschehen handelte, ohne Weiteres nachvollziehbar.
Hingegen fällt auf, dass er gewisse Elemente, die sich aus seiner Sicht in jener
Episode hätten abgespielt haben sollen, nur einmal und nicht bereits in seiner ers-
ten ausführlichen Schilderung der Ereignisse erwähnte. So erklärte er aus-
schliesslich in der Einvernahme vom 5. Mai 2017, dass der Privatkläger E._
zu einem Zeitpunkt, als dieser das Messer noch gehabt habe, wieder zum Heim
gezogen habe, worauf E._ dann zu ihm (dem Beschuldigten) geschaut habe
und Drohungen geschrien habe. Unter andrem habe er gesagt, dass er ihn töten
werde (Urk. 21/4 S. 5). Dass er von E._ auf diese Weise bedroht worden sei,
machte er sonst zu keinem Zeitpunkt geltend. Ausserdem brachte er erst vor Vo-
rinstanz vor, dass ihm E._, nachdem er zu Boden gestürzt gewesen sei,
auch noch Fusstritte und Faustschläge verpasst habe (Prot. I S. 15). Nicht nur da
er diese Sachverhaltselemente nicht konstant erwähnte, sondern insbesondere,
da es sich dabei um zusätzliche Belastungen gegenüber E._ handelt, ent-
steht der Eindruck, dass der Beschuldigte auf diese Weise versuchte, E._ in
ein noch schlechteres Licht zu rücken.
6.2.2.4 Schliesslich sind insbesondere die Angaben des Beschuldigten zur
Frage, wer dem Privatkläger die Schnittverletzungen zugefügt haben soll, in sich
nicht schlüssig. So fällt auf, dass seine zeitlich ersten Angaben dazu, dass der
Privatkläger verletzt worden sei, als er E._ das Messer habe wegnehmen
wollen (Urk. 21/2 S. 2), den Anschein machen, als hätte er den entsprechenden
Vorgang selbst beobachtet. Erst in der Einvernahme vom 5. Mai 2017 gab er
dann auf konkrete Nachfrage an, dass er gar nicht gesehen habe, wie der Privat-
kläger verletzt worden sei und er einfach denke, dass dies passiert sei, als er
E._ das Messer habe abnehmen wollen und es dabei zu einem hin und her
gekommen sei (Urk. 21/4 S. 6). Dass er fortan ausdrücklich erklärte, dass er ei-
gentlich nicht gesehen habe, wie der Privatkläger verletzt worden sei, weist zwar
grundsätzlich auf eine gewisse Differenziertheit seiner Angaben hin. Gerade der
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Umstand, dass er E._ als Verursacher der Verletzungen des Privatklägers
bezeichnete, ohne einen entsprechenden Vorgang überhaupt gesehen zu haben,
zeigt aber wiederum, wie bemüht der Beschuldigte ist, E._ in ein möglichst
schlechtes Licht zu rücken. Es entsteht daher der Eindruck, dass der Beschuldig-
te durch diese massive Belastung von E._ versuchte, sich selbst zu entlas-
ten. Überdies ist nicht nachvollziehbar, weshalb der Privatkläger noch hätte mit
E._ um das Messer ringen sollen, um den Beschuldigten zu beschützen,
wenn sich dieser doch gemäss seinen eigenen Angaben zum Zeitpunkt dieses
Ringens gar nicht mehr in dessen unmittelbaren Nähe und mithin auch nicht mehr
in eigentlicher Gefahr befunden hatte. Gerade der Umstand, dass der Beschuldig-
te erklärte, nicht gesehen zu haben, wie der Privatkläger verletzt worden sei,
weist darauf hin, dass er sich nicht inmitten dieses durch ihn beschriebenen Hin
und Her um das Messer befunden hatte. Daher ist nicht ersichtlich, weshalb sich
der Privatkläger auf einen entsprechenden Kampf um das Messer hätte einlassen
und sich so der Gefahr aussetzen sollen, selbst verletzt zu werden, wenn dem
Beschuldigten kein unmittelbarer Angriff mehr drohte. Unabhängig davon, dass
bereits Zweifel daran bestehen, dass das beschriebene Ringen um das Messer
überhaupt stattgefunden hat, wäre – wie bereist erwähnt – zumindest zu erwarten
gewesen, dass E._ bereits nach der ersten Verletzung des Privatklägers zu-
rückgeschreckt wäre und weitere Verletzungen zu vermeiden versucht hätte. So
beschrieb der Beschuldigte zumindest keine Differenzen zwischen dem Privatklä-
ger und E._, welche letzteren dazu hätten bewegen können, den Privatkläger
entsprechend zu verletzen. Seine Angaben dazu, dass sich der Privatkläger beim
Versuch, E._ das Messer wegzunehmen, verletzt haben soll, vermögen da-
her ebenfalls nicht zu überzeugen. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass es
nicht einleuchtet, dass der Privatkläger sich zugunsten des Beschuldigten in die
Auseinandersetzung eingemischt haben soll und diesen dann im Verfahren falsch
habe belasten sollen. Aufgrund dieser zahlreichen Ungereimtheiten in seinen An-
gaben erweisen sich diese insgesamt als unglaubhaft.
6.3 Glaubwürdigkeit des Zeugen E._ und Glaubhaftigkeit seiner Aussa-
gen
- 50 -
6.3.1 Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Zeugen E._ ist zu beachten,
dass dieser sowohl den Beschuldigten als auch den Privatkläger kannte. Wäh-
rend von keiner Seite geltend gemacht wurde, dass Feindseligkeiten zwischen
ihm und dem Privatkläger bestanden hätten, brachte der Beschuldigte vor, dass
E._ ihm gegenüber feindselig gestimmt gewesen sei und er ihn gar angegrif-
fen habe, da er nichts mehr mit diesem habe zu tun haben wollen und er insbe-
sondere seinen Forderungen, sich mit ihm am Drogenhandel zu beteiligen, nicht
nachgekommen sei. Einerseits aufgrund der möglichen Differenzen zwischen ihm
und dem Beschuldigten sowie auch angesichts der Freundschaft zum Privatkläger
ist bei der Würdigung der Aussagen von E._ daher Vorsicht geboten.
6.3.2 Seitens der Verteidigung wurde sowohl vor Vorinstanz als auch im Be-
rufungsverfahren vorgebracht, dass E._ nach der Tat das Verhalten eines
Täters gezeigt habe. So weise insbesondere der Umstand, dass er das Tatmes-
ser zugegebenermassen abgewischt und dann im Abfalleimer versteckt habe, da-
rauf hin, dass er reflexartig etwas habe vertuschen wollen. Ausserdem mache es
den Eindruck, dass es sich dabei, dass er der Polizei anschliessend den Tipp be-
treffend das Versteck des Messers, der Drogen und des Laptops gegeben habe,
um einen Versuch gehandelt habe, den Verdacht weiter von sich abzuwenden
(Urk. 79 S. 14 f.; Urk. 165 S. 26 f.). Ausserdem wurde geltend gemacht, dass der
Umstand, dass sowohl der Privatkläger als auch E._ bei ihrer staatsanwalt-
schaftlichen Zeugeneinvernahme neu vorgebracht hätten, der Beschuldigte habe
noch vor dem Angriff zum Privatkläger etwas gesagt und sie dabei denselben
Satz genannt hätten, auf eine Absprache zwischen ihnen hinweise (Urk. 165
S. 27 f.; Prot. I S. 39). Weiter könne der Anklagesachverhalt auch aufgrund des
Umstands, dass E._ dann bei der Staatsanwaltschaft noch gänzlich neue
Elemente des Ablaufs hinzugefügt habe, wie beispielsweise die Behändigung ei-
ner Stange und eines Steins durch den Privatkläger, nicht als erstellt erachtet
werden (Urk. 79 S. 34; Prot. I S. 39 f.). Schliesslich könne es sich ausgehend von
den Angaben von E._ auch nicht um eine derart einseitige Auseinanderset-
zung gehandelt haben, wie sie vom Privatkläger beschrieben worden sei, zumal
es dem Privatkläger noch möglich gewesen sein soll, sich vom Streit zu entfernen
und eine Stange zu behändigen. Ausserdem hätte E._ dann auch nicht da-
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zwischen gehen und manchmal den Beschuldigten und manchmal den Privatklä-
ger halten können (Urk. 79 S. 35). Darauf, dass der Angriff des Beschuldigten
nicht von einer solchen Intensität gewesen sein könne, wie er in der Anklage-
schrift umschrieben worden sei, weise sodann auch die Aussage von E._
hin, wonach er den Eindruck gehabt habe, der Beschuldigte habe dem Privatklä-
ger einfach eine Lektion erteilen wollen und er nicht das Gefühl gehabt habe, er
hätte diesen töten wollen (Urk. 165 S. 25).
6.3.3 Dass E._ das gemäss seinen Angaben vom Beschuldigten zur
Begehung der Tat verwendete Messer an dessen Jacke abputze und es an-
schliessend in den Küchenabfall warf, anstatt es offen für die spätere Sicherstel-
lung durch die Polizei liegen zu lassen, mutet in der Tat seltsam an, und lässt ihn
auf den ersten Blick verdächtig erscheinen. E._ erklärte sein diesbezügliches
Verhalten damit, dass durch das Entreissen des Messers auch seine Fingerab-
drücke darauf gelangt seien und er diese aus Angst, dass die Polizei diese darauf
finden und ihm die Tat zum Vorwurf machen könnte, habe beseitigen wollen
(Urk. 3/2 S. 2; Urk. 3/5 S. 8). Angesichts des Umstandes, dass er davon ausge-
hen konnte, dass der Privatkläger als Opfer der Tat seine Darstellung der Ereig-
nisse bestätigen würde, erscheint das Verhalten von E._ als verdächtig. Da-
für, dass es sich bei E._ trotz dieses Verhaltens nicht um den eigentlichen
Täter handeln muss, spricht wiederum der Umstand, dass er die Polizei dann
doch auf das Versteck des Messers und darauf, dass er zuvor Spuren wegge-
wischt habe, hinwies. Dass es jenes Messer war, welches beim fraglichen Vorfall
zum Einsatz kam, wurde im Übrigen auch durch den Beschuldigten nicht bestrit-
ten. Um Verdächtigungen zumindest vorerst zu entgehen, hätte er das Messer im
Küchenabfall unerwähnt lassen können. Er musste aber damit rechnen, dass die
Polizei den Tatort untersuchen und Spuren sichern würde. Bei dieser Untersu-
chung wäre das Messer gefunden worden, zumal es nicht gerade gut versteckt
war. Der Umstand, dass E._ das Tatmesser abgewischt und weggeworfen
hat, macht ihn somit zwar verdächtig, ist jedoch nicht geeignet, eindeutige Rück-
schlüsse auf seine Täterschaft zu ziehen.
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Dass er mit dem Privatkläger über die ihnen beiden bevorstehenden staats-
anwaltschaftlichen Einvernahmen gesprochen habe, räumte E._ sodann ein
(Urk. 3/5 S. 2). Auch in Anbetracht dessen, dass sie am selben Ort wohnten, ist
anzunehmen, dass der Vorfall vom 28. Januar 2005 auch in der Zwischenzeit seit
jenem Tag und ihrer nächsten Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft mehrmals
Thema zwischen ihnen war. Dass sowohl ihre übereinstimmende neue Angabe
bei der Staatsanwaltschaft dazu, was der Beschuldigte noch vor dem Messeran-
griff zum Privatkläger gesagt habe, als auch der Umstand, dass E._ bei der
Staatsanwaltschaft neu ebenfalls erklärte, der Beschuldigte habe den Privatkläger
bei der Gemeinde gefragt, weshalb er ihn so anschaue, von ihren gemeinsamen
Gesprächen über den Vorfall herrühren, ist naheliegend. Der Umstand, dass die-
se Angaben durch einen gemeinsamen Gesprächsaustausch entstanden sind,
bedeutet jedoch noch nicht, dass es sich um eine gezielte Absprache handelte.
Es ist durchaus vorstellbar, dass sich nach gemeinsamen Gesprächen Elemente,
die sie im Zeitpunkt, zu welchen sich diese ereigneten, selbst wahrgenommen
hatten, mit Dingen, die der jeweils andere aus seiner Sicht erzählte, vermischten
und es so zu den angeglichenen Angaben kam. Da sich durch diese Angleichun-
gen der durch sie beide in ihren ersten Einvernahmen geschilderte Ablauf des
Geschehens jedoch im Wesentlichen nicht veränderte, beschlägt dieser Umstand
auch nicht die grundsätzliche Glaubhaftigkeit ihrer Angaben. Jedoch kann der
Umstand, dass der Privatkläger und E._ auch nach dem Ereignis stets in
Kontakt waren und sich über diese Vorfälle unterhielten, bei der Würdigung ihrer
Aussagen nicht ausser Acht gelassen werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass
sie gemäss ihren übereinstimmenden Aussagen auch bereits auf derselben Seite
der durch sie geschilderten Auseinandersetzung standen, sind auch ihre späteren
Aussagen gewissermassen als Einheit zu betrachten. Dies führt dazu, dass ihre
Aussagen kaum unabhängig voneinander beurteilt werden können. So kommt
den Aussagen des Privatklägers und von E._ isoliert betrachtet denn auch
weniger Gewicht zu, als denjenigen von zwei unabhängigen Belastungszeugen.
Dazu, dass sie ihre Darstellung der Ereignisse bereits vor ihrer jeweils ersten Ein-
vernahme am 28. Januar 2005 und mithin unmittelbar nach der Tat abgesprochen
hätten, liegen überdies keine Anzeichen vor. Auch die Angaben von E._
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stimmen jedoch nicht nur im Wesentlichen mit denjenigen des Privatklägers über-
ein, sondern auch mit dessen Verletzungsbild sowie beispielsweise mit den an-
schliessend sichergestellten Kleidungsstücken des Beschuldigten (Urk. 6/1 S. 4).
So zählte E._ genau auch ein T-Shirt, einen Pulli und eine Jacke als Klei-
dungsstücke auf, welche der Beschuldigte ausgezogen habe, bevor er sich vom
Tatort wegbegeben habe (Urk. 3/2 S. 1). Allerdings ist seine Erklärung, der Be-
schuldigte habe aus Wut seine Kleidungsstücke ausgezogen, nicht nachvollzieh-
bar. Seine Darstellung ist bezüglich dieser Kleidungsstücke ebenso unglaubhaft
wie diejenige des Privatklägers und des Beschuldigten. Neben dem Umstand,
dass E._ das Tatmesser abgewischt und im Abfalleimer entsorgt hat, sind
auch gewisse Ungereimtheiten in seinen Aussagen geeignet, Zweifel an seiner
Darstellung aufkommen zu lassen und Verdacht zu schöpfen.
So machte E._ beispielsweise noch in seiner polizeilichen Einvernahme
geltend, dass der Privatkläger zum Beschuldigten gesagt habe, er sei schwul
(Urk. 3/2 S. 3). In seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme gab er dann an,
dass es umgekehrt gewesen sei und der Beschuldigte zum Privatkläger gesagt
habe, dieser sei schwul (Urk. 3/5 S. 7). Ausserdem zeigen sich auch in seinen
Angaben dazu, wie er den Angriff des Beschuldigten eingeschätzt habe, gewisse
Abweichungen. Während er in der polizeilichen Einvernahme noch erklärte, nicht
das Gefühl gehabt zu haben, der Beschuldigte hätte den Privatkläger töten wol-
len, sondern dass er ihm einfach eine Lektion habe erteilen wollen (Urk. 3/2 S. 4),
gab er dann in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme an, dass er viel Angst
gehabt habe, der Privatkläger würde beim Angriff des Beschuldigten sterben
(Urk. 3/5 S. 6). Entsprechend der wiedergegebenen Einschätzung in der ersten
Einvernahme, dass es dem Beschuldigten lediglich darum gegangen sei, dem
Privatkläger eine Lektion zu erteilen, gab er damals auch noch ohne Vorbehalt an,
dass er während des Angriffs mit dem Fleischermesser dazwischen gegangen sei
und versucht habe, das Messer zu entreissen (Urk. 3/2 S. 1). In der späteren
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme gab er dann nicht nur an, dass er beim
ersten Schlag erschrocken sei und Angst gehabt habe, weil der Beschuldigte so
stark geschlagen habe (Urk. 3/5 S. 4) und er gedacht habe, wenn er hier treffe,
sterbe der Privatkläger (Urk. 3/5 S. 5), sondern erklärte dann auch neu, dass er
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nicht viel Mut gehabt habe, dazwischen zu gehen, da er viel gehört habe, dass
Leute beim Auseinanderbringen umgebracht worden seien (Urk. 3/5 S. 3). Auch
diese Steigerung in seiner Schilderung der Intensität des Angriffs lässt daher am
Wahrheitsgehalt seiner diesbezüglichen Aussagen Zweifel aufkommen.
Hinzu kommt, dass P._ bestätigte, dass sie einen Tipp betreffend den
Ablagekasten Nr. ... (vom Beschuldigten mindestens mitbenutzt) erhalten habe, in
welchem Drogen und ein gestohlener Laptop sichergestellt werden konnten. Ge-
mäss Polizeirapport vom 24. Februar 2005 (Urk. ND 1/1 S. 4) hat der Privatkläger
anlässlich der Tatbestandsaufnahme der anwesenden Asylbeauftragten, Frau
P._, den Tipp für den Ablagekasten gegeben. In der Zeugeneinvernahme er-
klärte sie dann, der Privatkläger sei nicht der Tippgeber gewesen, dies sei
E._ gewesen (Urk. 23/3 S. 5 f.). Auch dieser Umstand lässt aufhorchen. Er
deutet darauf hin, dass der Privatkläger und E._ von den Drogen im erwähn-
ten Ablagefach wussten und stützt die Darstellung des Beschuldigten, wonach
E._ ein paar Tage vor dem Vorfall von ihm verlangt habe, dass er Drogen
transportiere sowie dass E._ ihm gedroht habe, wenn er ihn anzeige, habe er
etwas gegen ihn in der Hand.
6.4 Glaubwürdigkeit des Zeugen D._ und Glaubhaftigkeit seiner Aussa-
gen
6.4.1 Was die Glaubwürdigkeit des Zeugen D._ anbelangt, ist darauf
hinzuweisen, dass dieser weder den Beschuldigten noch den Privatkläger persön-
lich kannte (Urk. 23/1 S. 2). Gründe, welche von vornherein an seiner Glaubwür-
digkeit Zweifel aufkommen lassen würden, sind daher keine ersichtlich.
6.4.2 Dass der Zeuge D._ gesehen habe, dass derjenige Mann, wel-
cher nach der Auseinandersetzung vor der Asylbewerberunterkunft vom
28. Januar 2005 in ein Auto gestiegen sei, zuvor ein Messer in der Hand gehabt
habe, ist erst im Zusammenhang mit seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernah-
me vom 8. Februar 2017 dokumentiert (Urk. 23/1 S. 3). Dass er gegenüber der
Polizei bereits am Tag des Vorfalls eine entsprechende Angabe gemacht hätte,
geht aus dem Rapport der Kantonspolizei vom 28. Januar 2005, in welchem seine
- 55 -
damals gemachten Beobachtungen zusammengefasst wurden, nicht hervor
(Urk. 1 S. 9). Damals führte er aus, drei Personen hätten vor der Asylunterkunft
auf der Strasse Streit gehabt. Sie hätten sich mit Fäusten und Fusstritten ge-
schlagen (Urk. 1 S. 9). In der Zeugeneinvernahme 12 Jahre später erwähnte er,
er habe gesehen, wie jemand mit einem Messer oder einem Beil herumgerannt
sei, der Schnee sei teilweise rot gewesen. Auf die Frage, ob die Person mit dem
Messer oder Beil etwas gemacht habe, erklärte er, als er den Lärm gehört habe,
sei es vermutlich schon vorbei gewesen. Es sei derjenige gewesen mit dem Mes-
ser oder Beil, der ins Auto gestiegen sei (Urk. 1 S. 3). Diese zu Protokoll gegebe-
nen Beobachtungen des Zeugen D._ wirken sich für den Beschuldigten we-
der belastend noch entlastend aus, zumal sie sowohl auf die durch den Beschul-
digten geschilderte Version des Vorfalls zutreffen als auch auf jene des Privatklä-
gers. Der Zeuge D._ legte in schlüssiger und überzeugender Weise dar,
dass er erst zum Fenster gegangen sei, nachdem er Lärm gehört habe und mithin
erst, als "es" bereits vorbei gewesen sei. In diesem Zeitpunkt als es vorbei war
und angesichts des roten Schnees jemand Verletzungen erlitten haben muss, sah
der Zeuge eine Person mit einem Messer oder Beil. Er bestätigte ausdrücklich,
nicht gesehen zu haben, dass die Person mit dem Messer gestochen oder damit
etwas gemacht habe (Urk.23/1 S. 4). Weiter sagte er aus, er glaube nicht, dass
die Person das Messer noch in der Hand gehalten habe, als sie das Auto bestie-
gen habe. Was mit dem Messer geschah, lässt sich seinen Aussagen nicht ent-
nehmen. Ausserdem konnte der Zeuge nicht mit hinreichender Sicherheit bestäti-
gen, dass der Mann, der ins Auto stieg, einen nackten Oberkörper hatte. Auf ent-
sprechende Frage erklärte er, das könne sein, denn es sei noch kalt gewesen
(Urk. 23/1 S. 4). Abgesehen davon, dass diese Erklärung nicht schlüssig ist, wirft
sie die Frage auf, ob der Zeuge das Messer wirklich in der Hand der Person ge-
sehen hat, die ins Auto einstieg, zumal der Beschuldigte unbestrittenermassen
das Auto mit nacktem Oberkörper bestieg. Der Zeuge hat nicht gesehen, dass die
Person, welche das Messer in der Hand hatte, etwas damit machte, insbesondere
gegen eine Person schlug. Er hat den Vorfall erst beobachtet, als bereits jemand
verletzt wurde und seine Identifikation der Person, welche das Messer in der
Hand hatte, ist nicht eindeutig. Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass nach
- 56 -
Darstellung des Privatklägers in der letzten Phase des Geschehens E._ das
Messer in der Hand hielt, nachdem es ihm gelang, dieses dem Beschuldigten zu
entwinden. Aus all diesen Gründen lässt sich gestützt auf die Aussagen von
D._ nicht mit rechtsgenüglicher Sicherheit erstellen, dass der Beschuldigte
das Messer in der Hand hatte und damit den Privatkläger verletzte. Es ist auch
nicht zu erwarten, dass D._ in einer erneuten Befragung weitere zwei Jahre
nach seiner ersten Zeugeneinvernahme detailliertere Angaben machen kann. Un-
ter diesen Umständen erübrigt sich eine erneute Befragung des Zeugen D._.
Der entsprechende Beweisantrag des Beschuldigten (Urk. 120 S. 2), ist daher ab-
zuweisen.
6.5 Glaubwürdigkeit des Zeugen G._ und Glaubhaftigkeit seiner Aus-
sagen
6.5.1 Was die Glaubwürdigkeit des Zeugen G._ anbelangt, ist darauf
hinzuweisen, dass dieser weder den Beschuldigten noch den Privatkläger vor
dem 28. Januar 2005 persönlich kannte (Urk. 23/2 S. 2). Gründe, welche von
vornherein an seiner Glaubwürdigkeit Zweifel aufkommen lassen würden, sind
daher keine ersichtlich.
6.5.2 Zwar erwähnte G._ in seiner staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahme nur noch ein Wortgefecht und nicht mehr ausdrücklich einen gegenseiti-
gen Angriff wie noch in seinem Wahrnehmungsbericht (Urk. 3/1 S. 2; Urk. 23/2
S. 3), im Übrigen legte er seine Beobachtungen vom 28. Januar 2005 jedoch wi-
derspruchsfrei dar. Er merkte zudem in seiner staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahme rund 12 Jahre nach dem Vorfall auch an, wenn er sich an etwas nicht
mehr genau zu erinnern vermochte. Insbesondere da er aber auch Details wie-
derholte, wie beispielsweise dass der Privatkläger Kratzspuren am Hals aufge-
wiesen habe, erweisen sich seine Angaben als glaubhaft. Gestützt auf seine Aus-
sagen ist erstellt, dass die beiden Streitbeteiligten in seiner Gegenwart nichts von
einem Streit wissen wollten und er die Vermutung hatte, dass sie nicht zum Grund
ihres Streites stehen wollten und nicht wollten, dass sich die Polizei einmischt.
Ferner ist erstellt, dass der Beschuldigte sehr aggressiv und aufgebracht war,
wogegen E._ sich ruhig verhielt und unauffällig war. Auch der Privatkläger
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wurde vom Zeugen als relativ ruhig beschrieben (Urk.23/2 S. 3 f.). Zu beachten
ist, dass die Feststellungen über den Gemütszustand der drei beteiligten Perso-
nen nach der Auseinandersetzung beim Gemeindehaus keine direkten Rück-
schlüsse auf die nachfolgenden Geschehnisse zulassen. Sie sind insbesondere
auch mit der Darstellung des Beschuldigten vereinbar, wonach E._ ihm vor-
geworfen habe, dass er dem Privatkläger Schlechtes über ihn erzählt habe und
der Privatkläger sich dann in den Streit eingemischt habe. Immerhin ist festzuhal-
ten, dass sie ein gewisses Indiz dafür darstellen, dass der Beschuldigte eher der
Aggressor im nachfolgenden Geschehen war.
6.6 Fazit
Von zentraler Bedeutung für die Beweiswürdigung ist das Verletzungsbild
beim Privatkläger. Er wies zwei Schnittverletzungen am Kopf, Schnittverletzungen
an beiden Händen und am Oberschenkel auf. Dieses Verletzungsbild lässt sich
ohne Weiteres mit dem von ihm geschilderten Vorgehen des Beschuldigten ge-
gen ihn mit dem Hackmesser und seiner Gegenwehr mit den Händen in Überein-
stimmung bringen. Die Darstellung des Beschuldigten, wonach die Verletzungen
des Privatklägers entstanden seien, als dieser dazwischen gegangen sei, wäh-
rend E._ ihn mit dem Hackmesser angegriffen habe, lässt sich nicht mit dem
Verletzungsbild vereinbaren, da die Verletzungen an verschiedenen Körperteilen
auf verschiedene Schläge mit dem Hackmesser zurückzuführen sind und ange-
sichts der guten Beziehung zwischen E._ und dem Privatkläger ausge-
schlossen werden kann, dass E._ weitere Schläge ausführte, als die Gefahr
bestand, den Privatkläger zu treffen.
Die Narben am linken Oberarm des Beschuldigten können gemäss Gutach-
ten durch einen Cutter/ein Teppichmesser verursacht worden sein. Eine Fremd-
beibringung kann gemäss Gutachten nicht ausgeschlossen werden, insbesondere
ist eine Selbstbeibringung auf der Seite der Arbeitshand untypisch. Aufgrund der
parallelen Verläufe der Narben und der Lokalisation an gut erreichbaren Körper-
partien bei Fehlen gleichartiger Verletzungen an schwer erreichbaren Körperstel-
len geht das Gutachten jedoch von einer Selbstbeibringung aus.
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Die Aussagen des Privatklägers sind insgesamt karg und pauschal. Ausser-
dem weisen sie in Kernpunkten (insbesondere betreffend die Frage, was der Be-
schuldigte vor dem Angriff gesagt haben soll) Widersprüche auf. Dass der Be-
schuldigte einzig gesagt haben soll, er solle ihn nicht so anschauen, erscheint
nicht als plausibles Motiv für das geltend gemachte massive Vorgehen des Be-
schuldigten. Überhaupt ist kein Motiv für das Vorgehen des Beschuldigten er-
kennbar. Andererseits ist mit der Darstellung des Beschuldigten nicht vereinbar,
dass der Privatkläger dazwischen gegangen sein soll, während der Beschuldigte
von E._ angegriffen worden sei, um diesen anschliessend falsch zu belasten.
Der Zeuge D._ wurde auf das Geschehen erst aufmerksam, als bereits
jemand verletzt war und sah eine Person mit einem Messer/Beil herumrennen.
Der Zeuge hat nicht gesehen, wie jemand mit diesem Messer geschla-
gen/gestochen hat. Er sagte aus, die Person, welche das Messer in der Hand ge-
halten habe, sei ins Auto gestiegen und habe das Messer nicht mehr in der Hand
gehabt. Wo das Messer hingekommen ist, lässt sich seinen Aussagen nicht ent-
nehmen. Feststeht, dass der Beschuldigte mit nacktem Oberkörper ins Auto ein-
gestiegen ist. Der Vorfall ereignete sich im Winter, es lag Schnee und war kalt.
Der Zeuge konnte sich nicht von sich aus erinnern, dass der Mann, der das Mes-
ser vorher in der Hand hatte und nachher ins Auto stieg einen nackten Oberkör-
per aufwies, was bei den geschilderten Witterungsverhältnissen auffällig war. Eine
Verwechslung der Person, welche das Messer in den Händen hielt mit derjenigen,
welche ins Auto stieg, kann nicht ausgeschlossen werden. Insgesamt kann auf-
grund der Zeugenaussage nicht erstellt werden, dass der Beschuldigte das Mes-
ser in der Hand hatte.
E._ beseitigte seine Fingerabdrücke auf dem Tatmesser indem er die-
ses an der Jacke des Beschuldigten abwischte und warf das Messer anschlies-
send in den Abfalleimer in der Küche. Dies begründet einen Verdacht gegen ihn.
Wäre er tatsächlich nur dazwischen gegangen, hätte er sich der entsprechenden
Entlastung durch die Aussagen des Privatklägers sicher sein können, zu dessen
Gunsten er eingegriffen hätte und zu dem er in einem guten Verhältnis stand.
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Hinzu kommt, dass er mit dem Abwischen des Messers auch die Fingerabdrücke
des Beschuldigten entfernte, die zu seiner Entlastung gedient hätten.
Der Zeuge G._ beschrieb den Beschuldigten als sehr aggressiv und
aufgebracht nach dem Vorfall vor dem Gemeindehaus, während der Privatkläger
und E._ ruhig gewesen seien. Daraus lässt sich kein sicherer Rückschluss
auf die spätere Täterschaft ziehen. Insbesondere ist dieser Umstand auch mit der
Darstellung des Beschuldigten vereinbar.
P._ erhielt einen Tipp betreffend das Ablagefach des Beschuldigten
und des Privatklägers in der Küche, in welchem Drogen und ein gestohlener Lap-
top gefunden wurden, wobei unklar blieb, ob sie diesen Tipp vom Privatkläger o-
der von E._ erhalten hatte. Dies stützt die Darstellung des Beschuldigten,
wonach E._ ein bis zwei Tage vor dem Vorfall einen Plastiksack mit Drogen
zu ihm gebracht habe. Aufgrund der Tatsache, dass P._ einen Tipp betref-
fend dieses Ablagefach erhalten hat seitens des Privatklägers bzw. E._, er-
scheint es naheliegend, dass diese von den Drogen im Ablagefach Kenntnis hat-
ten.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass insbesondere die Darstel-
lung des Beschuldigten, wonach die Verletzungen entstanden seien als der Pri-
vatkläger interveniert habe, als E._ den Beschuldigten mit dem Hackbeil ha-
be schlagen wollen, nicht plausibel erscheint. Zwar konnte eine Fremdeinwirkung
hinsichtlich seiner Narben am linken Oberarm nicht ausgeschlossen werden, da
diese gemäss dem Gutachten des IRM jedoch auf eine Selbstbeibringung hinwei-
sen, vermögen aber auch diese die Darstellung des Beschuldigten nicht zu stüt-
zen. Demgegenüber bestehen jedoch auch an der Glaubhaftigkeit der Darstellung
der Ereignisse des Privatklägers Zweifel. So fielen seine Aussagen, auf welche
sich der Anklagesachverhalt stützt, über weite Teile sehr pauschal aus und wei-
sen in wesentlichen Punkten Widersprüche auf. Ausserdem lässt sich seiner Dar-
stellung kein Motiv des Beschuldigten für ein derart massives Vorgehen entneh-
men. Zur Klärung der offenen Fragen hinsichtlich der Umstände, wie es zu den
Verletzungen des Privatklägers kommen konnte, vermögen auch die Aussagen
von E._ nichts beizutragen. Zwar finden diese eine Übereinstimmung in den
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Angaben des Privatklägers. Wie erwogen kommt seinen Angaben jedoch ange-
sichts der Nähe zum Privatkläger nicht das Gewicht der Aussagen eines weiteren
unabhängigen Belastungszeugen zu. Ausserdem wiesen seine Angaben in sich
ebenfalls Unstimmigkeiten auf. Auch die weiteren persönlichen Beweismittel er-
geben kein stimmiges Ganzes. Sie sind auch in ihrem Zusammenspiel nicht ge-
eignet, den rechtsgenüglichen Beweis der Täterschaft des Beschuldigten zu er-
bringen. Zwar beschreibt der Zeuge G._ den Beschuldigten als sehr aufge-
bracht und aggressiv, E._ und den Privatkläger als ruhig. Dies kann aber
auch von einer Provokation des Beschuldigten durch die beiden Kontrahenten
herrühren. P._ konnte nichts zum Vorfall selber aussagen. Ihre Aussage
ergibt eher noch Indizien zugunsten des Beschuldigten. Von zentraler Bedeutung
ist, dass der Zeuge D._ nicht mit der anklagegenügenden Klarheit den Be-
schuldigten als diejenige Person identifiziert hat, die das Messer in der Hand hielt.
Schliesslich erscheint insbesondere in Anbetracht dessen, dass weder der Be-
schuldigte noch der Privatkläger oder E._ Handlungen beschrieben, welche
zum Bruch der Scheibe im Asylheim und zum Schnitt entlang der Rückseite der
Lederjacke des Privatklägers geführt haben könnten, nicht ausgeschlossen, dass
sich die Ereignisse gänzlich von der Darstellung des Beschuldigten und des Pri-
vatklägers abweichend zugetragen haben.
Insgesamt verbleiben rechtserhebliche Zweifel an der Verwirklichung des
Anklagesachverhaltes, welche dem Grundsatz in dubio pro reo folgend zu einem
Freispruch führen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss sind die Kosten der Untersuchung und des erstinstanz-
lichen Verfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung, auf die
Gerichtskasse zu nehmen. In Ergänzung des erstinstanzlichen Entscheids betref-
fend die Kostenauflage sind nicht nur die Kosten des damals aktuellen amtlichen
Verteidigers, Rechtsanwalt MLaw X2._, im Umfang von Fr. 22'820.20, son-
dern auch der diesem nachträglich mit Verfügung der Vorinstanz vom
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2. November 2018 ausbezahlte Betrag von Fr. 533.15 (Urk. 111) sowie die Kos-
ten des vormaligen amtlichen Verteidigers, Rechtsanwalt lic. iur. X3._, auf
die Gerichtskasse zu nehmen.
2. Die Kosten im Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Unterliegt die Untersu-
chungsbehörde, trägt der verfahrensführende Kanton die Kosten (SCHMID/JO-
SITSCH, Praxiskommentar StPO, 3. Aufl., Zürich/St. Gallen 2018, N 3 zu Art. 428
StPO).
2.1 Wie zu zeigen sein wird, ist die Schadenersatzforderung des Beschuldig-
ten zwar abzuweisen. Da er mit seiner Berufung im Übrigen jedoch vollumfänglich
obsiegt und die Staatsanwaltschaft mit ihrer Berufung unterliegt, sind die Kosten
des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung,
auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2.2 Das Obergericht des Kantons Zürich hat mit Beschluss vom 4. Juni 2018
die vom Beschuldigten gegen den Beschluss der Vorinstanz vom 8. Mai 2018 be-
treffend Verlängerung der Sicherheitshaft geführte Beschwerde abgewiesen
(Urk. 93). Die Gerichtsgebühr für das Beschwerdeverfahren wurde auf Fr. 800.–
festgesetzt und die Regelung der Kostenauflage und allfälliger Entschädigungen
dem Endentscheid vorbehalten (Urk. 93 S. 7). Beim vorliegenden Verfahrensaus-
gang sind die Kosten des Beschwerdeverfahrens UH180193 von Fr. 800.– auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
3. Der Beschuldigte liess eine Genugtuung für die zu Unrecht erlittene Haft
von Fr. 121'050.– bzw. von Fr. 150.– pro Tag sowie Schadenersatz für seinen
Verdienstausfall in der Höhe von EUR 59'400.– bzw. von Fr. 67'302.– (bei einem
Umrechnungskurs von 1 Euro = Fr. 1,13) beantragen (Urk. 165 S. 3, 36 f.).
3.1 Wird die beschuldigte Person freigesprochen, hat sie gemäss Art. 429
Abs. 1 lit. c StPO Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen
ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug. Die Festlegung
der Genugtuungssumme beruht sodann auf richterlichem Ermessen, wobei bei
- 62 -
der Ausübung dieses Ermessens den Besonderheiten des Einzelfalles entschei-
dendes Gewicht zukommt. Sofern nicht aussergewöhnliche Umstände vorliegen,
die eine höhere oder eine geringere Entschädigung rechtfertigen, erachtet das
Bundesgericht bei kürzeren Freiheitsentzügen Fr. 200.– pro Tag als angemesse-
ne Genugtuung. Bei längerer Untersuchungshaft (von mehreren Monaten Dauer)
ist der Tagessatz in der Regel zu senken, da die erste Haftzeit besonders er-
schwerend ins Gewicht fällt (Urteil des Bundesgerichtes 6B_111/2012 vom
15. Mai 2012 E. 4.2; Urteil des Bundesgerichtes 6B_196/2014 vom 5. Juni 2014
E. 1.2). Der Beschuldigte befand sich vom 7. Dezember 2016 bis am 22. Februar
2019 und mithin 808 Tage in Untersuchungs- und Sicherheitshaft. Angesichts
dieser längeren Dauer des Freiheitsentzuges, rechtfertigt es sich in Nachachtung
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, von der Basisgenugtuung von Fr. 200.–
pro Hafttag abzuweichen und eine tiefere Entschädigung pro Tag festzusetzen.
Dennoch ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Freiheitsentzug den
Beschuldigten besonders empfindlich traf, da er während der gesamten Haftdauer
seine Familie und insbesondere seinen Sohn nicht sehen konnte. Es erscheint
daher angemessen, die Genugtuung für die zu Unrecht erlittene Haft auf rund
Fr. 120.– pro Tag festzusetzen. Dem Beschuldigten sind daher insgesamt
Fr. 97'000.– als Genugtuung aus der Gerichtskasse zuzusprechen. Im Mehrbe-
trag ist das Genugtuungsbegehren abzuweisen.
3.2 Was das Schadenersatzbegehren betreffend den geltend gemachten
Lohnausfall aufgrund der Inhaftierung betrifft, beliess es der Beschuldigte bei der
unsubstantiierten Behauptung, ihm sei ein Verdienst von jeweils rund EUR 2'200
pro Monat entgangen (Urk. 165 S. 36 f.). Seine Schadenersatzforderung ist daher
abzuweisen.