# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 61fe542b-d039-564e-b934-a7f5b66f4acf
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegner reichten am 27. Juli 2015 bei der Gemeinde Schwarzenburg
ein Baugesuch ein für den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit vier Wohnungen und
einer Einstellhalle auf der Parzelle Schwarzenburg Grundbuchblatt Nr. F._. Die
Parzelle liegt in der Wohnzone W2 und im Ortsbildschutzgebiet. Gegen das Bauvorhaben
erhoben die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 8. Juni 2016
erteilte die Gemeinde Schwarzenburg die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 4. Juli 2016 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 8. Juni 2016. Sie machen insbesondere geltend,
das Bauvorhaben entspreche nicht den Vorgaben des Richtplans und es halte die
Abstandsvorschriften gegenüber dem nachbarlichen Grund und gegenüber der Strasse
nicht ein.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegner beantragen die
Abweisung der Beschwerde. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1)
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vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 10 KoG in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden, deren
Einsprache abgewiesen wurde, sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid
beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Erschliessungsvertrag und Baufelder-/Gestaltungsrichtplan
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Bauvorhaben widerspreche in
verschiedenen Punkten dem Richtplan und dieser sei für die Bebauung ihres Grundstücks
sowie der Nachbargrundstücke in den letzten vier Jahren massgebend gewesen. Sie
bringen vor, dieser Richtplan sei auch vorliegend anwendbar und einzuhalten.
b) Die Bauparzelle wurde mit der letzten Ortsplanungsrevision in die Wohnzone W2 und
das Ortsbildschutzgebiet eingezont. Im Zusammenhang mit der Erschliessung und
Überbauung des gesamten neu eingezonten Areals schlossen die Gemeinde und die
Beschwerdegegner einen Erschliessungsvertrag ab. Grundlage dieses
Erschliessungsvertrags vom 29. August 2012 stellt unter anderem ein "Baufelder-
/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 dar.4 Soweit ersichtlich, beziehen sich die
Beschwerdeführenden auf diesen Plan. Es handelt sich dabei nicht um einen Richtplan im
Sinn von Art. 6 RPG5 und der Baugesetzgebung.
c) Die Erschliessung ist eine Aufgabe der Gemeinde (Art. 64 Abs. 2, Art. 108 Abs. 1
BauG). Sie kann jedoch den interessierten Grundeigentümern unter gewissen
Voraussetzungen die Planung und Erstellung von Erschliessungsanlagen vertraglich
überbinden (Art. 109 Abs. 1 BauG). Vertragsinhalt können aber nur die Planung und
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Vorakten, pag. 99 ff. und 107 5 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700)
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Erstellung der Erschliessungsanlagen sein. Die geltende Zonenordnung oder die
anwendbaren Bauvorschriften können mit Erschliessungsvertrag nicht geändert werden.
d) Nach Art. 1 des Erschliessungsvertrags vom 29. August 2012 haben die Gemeinde
und die Beschwerdegegner die Projektierung, den Bau, die Finanzierung, die Übernahme
sowie die Durchleitungsrechte der öffentlichen Erschliessungsanlagen Strasse,
Wasserversorgung und Entwässerung vertraglich geregelt. Zwar stellt gemäss Art. 3 der
"Baufelder-/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 eine Grundlage des
Erschliessungsvertrags dar. Massgebend sind jedoch weiterhin die geltende
Zonenordnung sowie die anwendbaren Bauvorschriften. Die im "Baufelder-
/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 vorgesehenen Baufelder dürfen daher nur im
Rahmen der geltenden Zonenordnung und des anwendbaren Rechts überbaut werden.
Das Bauvorhaben ist nach den für die Wohnzone W2 und das Ortsbildschutzgebiet
geltenden Vorschriften zu beurteilen.
3. Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Strassenabstandes
a) Das Bauvorhaben wird über die Parzelle Schwarzenburg 2 Grundbuchblatt Nr.
G._ erschlossen, welche Teil der H._gasse darstellt. Es handelt sich bei
dieser Strassenparzelle um eine Stichstrasse mit Wendehammer. Unbestritten ist, dass
gegenüber diesem Teil der H._gasse ein Strassenabstand von 3,60 m gilt (Art. 80
Abs. 1 Bst. b SG6; vgl. auch Art. 16 GBR7). Das Bauvorhaben weist gemäss Situationsplan
auf der Nordostecke einen Strassenabstand von lediglich 1 m auf. Der Strassenabstand ist
damit nicht eingehalten, was ebenfalls unbestritten ist. Umstritten ist hingegen, ob für das
Unterschreiten des Strassenabstandes eine Ausnahmebewilligung erteilt werden kann.
b) Die Beschwerdegegner haben in ihrem Ausnahmegesuch für die Unterschreitung des
Strassenabstandes im Baubewilligungsverfahren ausgeführt, die Strasse sei eine
untergeordnete Detailerschliessungsstrasse und keine Durchfahrts- oder Hauptstrasse.
Weiter brachten sie mit Verweis auf den "Baufelder-/Gestaltungsrichtplan" vor, die
Baufelder seien im Erschliessungsvertrag zwischen der Gemeinde Schwarzenburg und
6 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 7 Baureglement der Einwohnergemeinde Wahlern vom 8. Dezember 2008 (GBR)
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ihnen geregelt worden.8 Die Gemeinde erteilte die Ausnahmebewilligung mit der
Begründung, es handle sich bei der H._gasse um eine Stichstrasse, die nur wenig
und zudem langsam befahren werde. Besondere Verhältnisse liessen sich zudem darin
erkennen, dass das betroffene Teilstück der Strasse als Wendehammer diene. Fahrzeuge
führen dort also grundsätzlich nicht vorbei, sondern sie führen in langsamem Tempo hinein
und wendeten, sofern sie nicht ohnehin die Einstellhalle benützten und dort wendeten. Die
Verkehrssicherheit werde durch die Unterschreitung des Strassenabstandes also nicht
beeinträchtigt; Gefährdungen der Strassenbenützer aus den anstossenden Grundstücken
seien ebenfalls nicht zu erwarten. Öffentliche oder wesentliche private Interessen würden
nicht beeinträchtigt.
c) Nach Art. 81 Abs. 1 SG kann das zuständige Gemeinwesen von den gesetzlichen
Strassenabständen Ausnahmen bewilligen, wenn besondere Verhältnisse, insbesondere
des Ortsbilds, es rechtfertigen und wenn dadurch weder öffentliche Interessen noch
wesentliche nachbarliche Interessen beeinträchtigt werden. Diese Voraussetzungen
müssen kumulativ erfüllt sein. Art. 81 Abs. 1 SG nennt lediglich das Ortsbild als Beispiel für
besondere Verhältnisse, die ein Abweichen vom Strassenabstand erlauben. Weitergehend
hat der Gesetzgeber das Erfordernis der „besonderen Verhältnisse“ nicht konkretisiert. Die
Ausnahmeregelung von Art. 81 Abs. 1 SG ist indes jener von Art. 26 BauG nachgebildet.9
Zur Konkretisierung von Art. 81 Abs. 1 SG kann daher die Rechtsprechung zu Art. 26
BauG herangezogen werden.10 Das Vorliegen besonderer Verhältnisse ist dabei – gleich
wie bei Art. 26 BauG – unverzichtbare Grundlage für die Gewährung einer Ausnahme.
Liegen keine besonderen Verhältnisse vor, müssen die beiden anderen Voraussetzungen
(keine Beeinträchtigung öffentlicher Interessen, keine Beeinträchtigung wesentlicher
nachbarlicher Interessen) nicht mehr geprüft werden.11
Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im Interesse der
Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse generalisierend
erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Es geht darum, ausgesprochene Unbilligkeiten und
8 Vorakten, pag. 92 9 Siehe dazu Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zum Strassengesetz, in Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, Januarsession 2008, Beilage 2, Erläuterungen zu den einzelnen Bestimmungen Artikel 77, S. 24 10 Siehe dazu Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 12 N. 18 11 Siehe dazu Daniel Gallina in: KPG-Bulletin 2002, Die Ausnahme bestätigt die Regel, S. 52
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Unzweckmässigkeiten zu vermeiden, die die strikte Anwendung der Vorschrift für die
Bauwilligen zur Folge hätte. Zu beachten ist ausserdem, dass der Ausnahmegrund keine
absolute Grösse ist. Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei
Komponenten ab: vom Interesse des Bauherrn an der Ausnahme, von der Bedeutung der
Vorschrift, von der abgewichen werden soll, und von Art und Mass der verlangten
Abweichung.12
d) Das Ausnahmegesuch und die Ausnahmebewilligung sind damit begründet, dass die
Strasse eine untergeordnete Detailerschliessungsstrasse mit Wendehammer und keine
Durchfahrts- oder Hauptstrasse sei. Die Strasse werde nur wenig und langsam befahren.
Die Begründung zielt darauf ab aufzuzeigen, weshalb aus Sicht der Beschwerdeführenden
und der Gemeinde keine Verkehrsgefährdung besteht. Dass keine öffentlichen Interessen
wie die Verkehrssicherheit beeinträchtigt werden, ist jedoch eine der in Art. 81 SG
genannten Voraussetzungen für die Erteilung einer Ausnahmebewilligung, aber nicht ein
Ausnahmegrund. Die Beschwerdegegner müssten vielmehr darlegen, welche
Besonderheiten des Bauvorhabens oder des Baugrundstücks die Erteilung einer
Ausnahmebewilligung gebieten oder inwiefern die Einhaltung des Strassenabstandes eine
besondere Härte darstellen würde. Solche Gründe bringen die Beschwerdegegner nicht
vor und es sind auch keine solchen ersichtlich. Es handelt sich um ein gewöhnliches
Mehrfamilienhaus mit Einstellhalle und das Grundstück weist keine Besonderheiten
betreffend Form oder Lage auf.
Das Nichteinhalten des Strassenabstandes dient vorliegend auch nicht dem Ortsbildschutz.
Zwar befindet sich das Bauvorhaben in der Ortsbildschutzzone und es ist in den Akten
ersichtlich, dass die Gemeinde und die KDP bei der Planung der Überbauung und
Erschliessung des neu eingezonten Areals verlangten, dass zwischen dem Bereich
I._ im Süden und dem Ortskern im Norden eine Sichtverbindung erhalten bleibt.
Zur Sicherstellung der Sichtverbindung wurden die vier Einfamilienhäuser, die an die
Strasse I._ angrenzen, von dieser in Richtung Westen zurückversetzt. Die
entsprechende Sichtlinie ist in dem Erschliessungsvertrag vom 29. August 2012
zugehörigen "Baufelder/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 dargestellt.13 Wie die
Beschwerdegegner selbst vorbringen, ist mit der Rückversetzung dieser Einfamilienhäuser
dem Erfordernis der freien Sicht auf den Dorfkern Rechnung getragen worden. Das
12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26–27 N. 4 13 Vorakten, pag. 107
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vorliegend zu beurteilende Projekt liegt hingegen westlich hinter dieser zurückversetzten
Häuserzeile und nördlich zum Dorfkern hin befinden sich bereits zwei weitere
Mehrfamilienhäuser, so dass hier gar keine Sichtverbindung mehr besteht. Die
Unterschreitung des Strassenabstandes trägt entsprechend nichts zur Einhaltung einer
Sichtverbindung bei. Auch daraus, dass die KDP mit Stellungnahme vom 2. März 2011
westlich der Strassenparzelle Schwarzenburg 2 Grundbuchblatt Nr. G._ eine
dichte Überbauung begrüsste, kann kein Ausnahmegrund abgeleitet werden.14 Eine dichte
Überbauung ist auch ohne Ausnahme vom Strassenabstand möglich.
Die Beschwerdegegner können sich sodann nicht auf die im "Baufelder/Gestaltungsricht-
plan" vom 9. Januar 2012 dargestellten Baufelder berufen, welche von der Stichstrasse
lediglich einen Strassenabstand von 1 m vorsehen. Wie bereits in Erwägung 2 ausgeführt
wurde, können die Gemeinde und die Beschwerdegegner mit dem Erschliessungsvertrag
die Zonenordnung und die anwendbaren Bauvorschriften nicht ändern. Ein
Ausnahmegrund vom geltenden Strassenabstand kann daher weder aus dem
Erschliessungsvertrag vom 29. August 2012 noch aus dem
"Baufelder/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 abgeleitet werden.
e) Ausschlaggebend für die gewünschte Unterschreitung des Strassenabstandes ist der
Wunsch nach einer Ideallösung und einer maximalen Ausnützung, was keinen
Ausnahmegrund darstellt. Es ist nicht ersichtlich und wird auch nicht geltend gemacht,
dass das Mehrfamilienhaus nicht derart redimensioniert oder ausgerichtet werden könnte,
dass es den Strassenabstand einhält. Hinzu kommt, dass die Abweichung vom erlaubten
erheblich ist: In der abgeschrägten Nordostecke des Gebäudes beträgt der Abstand
gegenüber dem Wendehammer lediglich 1 m bzw. 1,04 m. Der geltende Strassenabstand
von 3,60 m wird damit um 2,60 m bzw. 2,56 m unterschritten. Zudem ist der
Strassenabstand auch auf der Nordfassade – gemessen im Plan "Erdgeschoss und
Umgebung" – nicht eingehalten; er beträgt maximal 2,20 m und in der südwestlichen Ecke
des Wendehammers lediglich 1,60 m. Die Vorschriften zum Strassenabstand
gewährleisten die Verkehrsübersicht, schützen die Anstösser vor lästigen Auswirkungen
des Strassenverkehrs und die Strassenbenützer vor Gefährdungen aus den anstossenden
Grundstücken.15 Auch wenn hier das Verkehrsaufkommen gering und die
Fahrgeschwindigkeit niedrig ist, können bei einer so erheblichen Unterschreitung des
14 Vorakten, pag. 108 15 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 15
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Strassenabstands die verkehrspolizeilichen und wohnhygienischen Interessen tangiert
sein.
f) Zusammenfassend steht fest, dass kein Ausnahmegrund für das Unterschreiten des
Strassenabstandes vorliegt. Der geltende Strassenabstand von 3,60 m soll an der
Nordostecke bis auf 1 m unterschritten werden. Auch wenn aus Sicht der Gemeinde die
Verkehrssicherheit nicht gefährdet ist, sind die Voraussetzungen für eine
Ausnahmebewilligung nicht erfüllt.
4. Gebäudeabstand
a) Der Gebäudeabstand gegenüber dem Gebäude der Beschwerdeführenden ist im
Situationsplan entgegen der Vorschrift von Art. 13 Bst. f BewD16 nicht vermasst. Gemessen
von der nordöstlichen abgeschrägten Ecke des geplanten Mehrfamilienhauses bis zur
südwestlichen Ecke des Einfamilienhauses der Beschwerdeführenden beträgt der Abstand
etwa 8 m. Die Verbindungslinie zwischen den Gebäudeecken kommt ungefähr auf das
Ende der H._gasse zu liegen. Zwischen den beiden Gebäuden befindet sich damit
der südlichste Teil des Wendehammers der H._gasse.
b) Der Abstand zweier Gebäude muss mindestens der Summe der dazwischen
liegenden für sie vorgeschriebenen Grenzabstände entsprechen (Art. 21 Abs. 1 GBR). Bei
einem kleinen Grenzabstand von je 5 m beträgt der reglementarische Gebäudeabstand
vorliegend 10 m (Art. 16 GBR). Für Bauten, die sich über eine Strasse hinweg
gegenüberliegen, erfüllt der Strassenabstand die Funktion des Gebäudeabstandes. Mit
anderen Worten wird der reglementarische Grenz- und Gebäudeabstand durch den
Strassenabstand ersetzt.17 Aus der Anwendung des Strassenabstandes kann bei schmalen
Strassen, wie insbesondere bei öffentlichen Fusswegen, ein gegenüber dem
reglementarischen Gebäudeabstand geringerer Gebäudeabstand resultieren.18 Vorliegend
ergibt sich der geringere Gebäudeabstand im Bereich des Wendehammers aber nicht aus
der Anwendung des Strassenabstandes an Stelle des Grenz- und Gebäudeabstandes,
sondern aus der Unterschreitung des Strassenabstandes selbst. Mit der Unterschreitung
16 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 17 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 15 18 BVR 2010 S. 507 E. 2.2.2
RA Nr. 110/2016/93 9
des Strassenabstands werden somit auch die Interessen der Beschwerdeführenden
beeinträchtigt.
Im Bereich südlich des Wendehammers ist gegenüber dem Gebäude der
Beschwerdeführenden der reglementarische Gebäudeabstand und nicht der
Strassenabstand anwendbar. Soweit im Situationsplan ersichtlich, ist der Gebäudeabstand
von 10 m nicht eingehalten. Zwar kann die Baubewilligungsbehörde gemäss Baureglement
innerhalb der Kernzone sowie des Ortsbildschutzgebietes im Interesse der Ortsbildpflege
und der Erhaltung des Kernzonencharakters einen geringeren Gebäudeabstand bewilligen
(Art. 21 Abs. 2 GBR) oder es kann ein Näherbaurecht vereinbart werden (Art. 21 Abs. 5
GBR). Wie gezeigt (Erwägung 3c) dient die Unterschreitung des Gebäudeabstandes
vorliegend nicht dem Ortsbildschutz. In den Vorakten und im angefochtenen Entscheid
ergeben sich auch keinerlei Hinweise auf ein Näherbaurecht.
5. Rechtsgleichheit
a) Die Beschwerdegegner bringen vor, es wäre stossend, wenn bei den vorangehenden
acht Neubauten eine Ausnahme vom Strassenabstand erteilt worden sei und nun beim
letzten Bauvorhaben keine solche gewährt werde. Sinngemäss verweisen die
Beschwerdegegner damit auf das Gebot der Rechtsgleichheit.
b) Die Berufung auf Rechtsgleichheit setzt das Vorliegen vergleichbarer Fälle voraus.
Die Beschwerdegegner bringen vor, die anderen acht Gebäude in der Nachbarschaft seien
ebenfalls mit Ausnahmen vom Strassenabstand bewilligt worden. Aus dem Situationsplan
und dem "Baufelder/Gestaltungsrichtplan" vom 9. Januar 2012 ist jedoch zu schliessen,
dass lediglich sechs der Nachbargebäude überhaupt direkt an Strassen angrenzen. Es
handelt sich um die zwei Mehrfamilienhäuser westlich der Strassenparzelle
Schwarzenburg 2 Grundbuchblatt Nr. G._ sowie um die vier Einfamilienhäuser, die
sich zwischen der genannten Strassenparzelle und der Strasse I._ befinden. Bei
drei der vier Einfamilienhäuser ist sodann fraglich, ob sie überhaupt eine
Ausnahmebewilligung vom Strassenabstand benötigt haben. Gemessen im Situationsplan
ist der Strassenabstand einzig beim Einfamilienhaus der Beschwerdeführenden knapp
nicht eingehalten. Darüber hinaus hätte – im Unterschied zum hier zu beurteilenden Projekt
– der Ortsbildschutz als Ausnahmegrund gegriffen, da die Einfamilienhäuser an der
RA Nr. 110/2016/93 10
Strasse I._ zur Sicherung einer direkten Sichtlinie zum Dorfkern nach Westen zur
H._gasse hin verschoben werden mussten. Für die Unterschreitung des
Strassenabstands sind somit lediglich die beiden Mehrfamilienhäuser westlich der
Strassenparzelle Schwarzenburg 2 Grundbuchblatt Nr. G._ vergleichbar.
c) Auf eine "Ungleichbehandlung im Unrecht" besteht grundsätzlich kein Anspruch.19
Sie käme allenfalls dann zum Tragen, wenn die Gemeinde bislang in ständiger Praxis von
den Vorschriften zum Strassenabstand abgewichen wäre und zu erkennen gäbe, auch in
Zukunft nicht gesetzeskonform entscheiden zu wollen.20 Zudem dürfen keine
überwiegenden öffentlichen Interessen oder schutzwürdigen Interessen Dritter
entgegenstehen.21
d) Aus den genannten beiden Fällen kann keine ständige Praxis der Gemeinde
abgeleitet werden. Auch gibt es keine Hinweise darauf, dass die Gemeinde beabsichtigt,
künftig Ausnahmen vom Strassenabstand ohne Ausnahmegrund zu gewähren. Im
Gegenteil hat die Gemeinde nach den Vorbringen der Beschwerdeführenden deren
Bauvoranfrage für den Bau eines Schopfes negativ beantwortet mit der Begründung, es
könne keine Ausnahmebewilligung vom Strassenabstand in Aussicht gestellt werden. Die
Voraussetzungen für eine Gleichbehandlung im Unrecht sind nicht erfüllt. Aus dem Gebot
der Gleichbehandlung können die Beschwerdegegner keine Ausnahmebewilligung
ableiten.
6. Zusammenfassung und Verfahrenskosten
a) Zusammenfassend kann eine Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des
Strassenabstandes nicht erteilt werden. Dem Bauvorhaben ist der Bauabschlag zu erteilen.
Es erübrigt sich daher, die weiteren Rügen der Beschwerdeführenden zu prüfen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdegegner. Sie haben
die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
19 Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 23 N. 18 20 BGE 139 II 49 E. 7.1, 136 I 65 E. 5.6; BVR 2013 S. 85 E. 8.1 21 Tschannen/Zimmerli/Müller, a.a.O., § 23 N. 18 ff.
RA Nr. 110/2016/93 11
Pauschalgebühr von Fr. 2'200.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV22). Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).
c) Die Kosten des erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahrens bleiben den
Beschwerdegegnern auferlegt (Art. 52 Abs. 1 BewD).