# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 2d1363aa-0cfa-4d11-b401-9501ce5ffe0d
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
Die 1974 in der Türkei geborene
X._
meldete sich am 17. März 2008 (Ein
gangs
datum) unter Hinweis auf Hörprobleme auf dem linken Ohr erstmals bei der Sozialversicherungs
an
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Hilfsmittelbezug in Form eines Hörgerätes an (Urk. 7/1). Mit Mitteilung vom 16. Oktober 2008 wurden entsprechende Kosten im Betrag von Fr. 2'318.80 übernommen (Urk. 7/8).
Am 2. September 2020 meldete sich
die Versicherte
unter Angabe von medizini
schen Behandlungen in Bezug auf einen Organverlust und psychische Probleme
erneut zum Leistungsbezug an (Urk. 7/16).
Die IV
Stelle tätigte daraufhin beruf
lich-erwerb
liche sowie medizinische Abklärun
gen.
Nach durchgeführtem
Vorbe
scheid
verfahren
(Vorbescheid vom 12. März 202
1 [Urk. 7/30]; Ein
wand vom 28.
März 2021 [Urk. 7/32] mit ergänzender Begründung vom 10. Juni 2021 [Urk. 7/49])
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 16. Juli 2021 einen Anspruch auf IV-Leistungen
(Urk. 2 =
Urk. 7/53
)
.
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 13. September 2021 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich und beantragte, es sei die Verfügung vom 16. Juli 2021 aufzuheben und die Sache zur Vornahme weiterer Abklärung
en
an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese hernach über die gesetzlichen Leistungen entscheide (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwer
de
antwort vom 20. Oktober 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Ab
weisung der Be
schwerde (Urk. 6), was der Beschwer
de
führerin mit Verfügung vom 26. Oktober 2021 angezeigt wurde (Urk. 8).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind – vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen – grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des
rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
1.4.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer
Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.4.
2
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Fak
to
ren herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psy
cho
sozialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselb
ständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invaliditäts
begründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens beeinflussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3). In einer versi
cherungsmedizinischen Begutachtung, welche sich nach den normativen Vorga
ben der Rechtsprechung orientiert, ist es daher nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, solche invalidenversicherungsrechtlich nicht relevanten Umstände auf
zuzeigen und gegebenenfalls bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszu
klammern (Urteil des Bundesgerichts 9C_740/2018 vom 7. Mai 2019 E. 5.2.1).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.6
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funk
tionelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Vorausse
tzungen des Leistungsanspruchs.
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht
–
gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundes
gerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Soll ein Versicherungsfall ohne Einho
lung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswür
digung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest
stellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweisen).
Reine Aktengutachten sind beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich fest
stehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befas
sung mit der versicherten Person in den Hinte
rgrund rückt (Urteil des Bundes
gerichts 8C_750/2020 vom 23. April 2021 E. 4 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog, dass
einer depressiven Episode der Charakter der Dauerhaftigkeit fehle.
B
isherige Episoden seien remittiert und eine erneute Remission sei durch
eine
entsprechende leitliniengerechte Behandlung zu erwar
ten. Die Diagnose eine
r
posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sei nicht ausgewiesen, da die Kriterien nach ICD-10 nicht erfüllt seien. Zudem würden
diverse psychosoziale Faktoren genannt, welche im Vordergrund
ständen
und nicht bei der Invalid
enversicherung versichert seien
(Urk. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, dass sie an einer manifesten rezidivierenden depressiven Störung mitt
e
lsch
weren Grades mit somatischem Syn
drom (ICD-10 F33.11)
sowie einer reaktivierten posttrauma
tischen Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1)
leide. Der RAD habe sich mit den fach
ärztlichen Berichten, der detaillierten Symptomschilderung und der attestierten Arbeitsunfähigkeit nicht im Detail auseinandergesetzt und keine nachvollzieh
bare medizinische Begründung
geliefert
, weshalb die Dauerhaftigkeit der depres
siven Symptomatik zu verneinen sei. Die dem Entscheid zugrundeliegenden medizinischen Akten seien zudem weder aktualisiert noch vollständig. Aus diesem Grund sei eine Begutachtung erforderlich. Nebst einer psychiatrischen Abklärung seien insbesondere auch die Wechselwirkung
en der
körperlichen und psychischen
Befunde im Sinne der diagnostizierten
psycho-physischen
Dekom
pensation und Somatisierung zu untersuchen. Eine re
in psychiatrische Beurtei
lung wü
rde der komplexen gesundheitlichen Situation wohl nicht gerecht
(Urk. 1)
.
3.
3.1
Dr.
med. Y._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in seinem Bericht vom 5. Oktober 2020 aus, dass die Beschwerdeführerin aktuell wegen ihrer finanziellen Notlage in eine tiefe emotionale Krise geraten und deswegen arbeitsunfähig
geworden
sei. Er kenne die Beschwerdeführerin seit 2009 wegen
einer
damals ähnlichen Krise. Seit bald zwei Jahren sei sie zudem mit seiner delegierten Psyc
hologin
lic
. phil. Z._
in regelmässigem Austausch
betreffend
ihrer Tochter
A._
. Die Beschwerdeführerin sei eine Mutter mit einem extrem hohen Verantwortungsgefühl, die sich wie eine Löwin für das Wohl ihrer Kinder einsetze und sich selber dabei selbstlos hintanstelle und auf alles verzichte. Dabei gerate sie teilweise in einen solchen Stress, dass nicht nur ihre Psyche, sondern auch ihr Körper leide und krank werde. Im Jahr 2018 sei es stressbedingt zu einer Aneurysma-Ruptur gekommen und sie habe gar ihre Milz verloren
,
mit anschliessenden negativen Operationskomplikationen, die mehrere Re-Operationen erfordert hätten. Dies seien für die Beschwerdeführerin trauma
tische Erlebnisse
gewesen
, die sie in Stresssituationen immer noch ängstigen würden (chronische posttraumatische Belastungsstörung). Aktuell sei sie wieder in
eine grosse emotionale Stress
s
ituation geraten, weil ihr durch die Abrech
nungsweise des Sozialamtes nach dem Bezahl
en aller Rechnungen
nurmehr
Fr.
100.
--
pro
Monat für die Ernährung ihres 3-Personen-Haushaltes geblieben sei
e
n. Dass ihre Kinder hungern müssten, sei für die verantwortungsbewusste Mutter ein
No
-Go, das sie Tag und Nacht umtreibe und ihr den Schlaf raube. Seither verzicht
e
si
e
weitgehend aufs Essen, damit wenigstens ihren Kindern etwas bleibe. So sei es schlussendlich zum
psycho-physischen
Zusammenbruch gekommen. Aus psychiatrischer Sicht sei diese depressive Krise eine «depressive Reaktion/Anpassungsstörung» (ICD-10 F43.21) beziehungsweise ein
Relaps
e
ihrer bekannten
«
rezidivierenden depressiven Störung
»
(ICD-10 F33.11). Und diese finanzielle N
otsi
t
u
ation sei eine Re-Traumatisierung und habe zu einer «Reakti
vierung ihrer posttraumatischen Belastungsstörung
»
(ICD-10 F43.1)
geführt, nachdem sie schon im Jahr 2009 in eine analoge Konflik
t
situation mit dem damaligen Sozialamt geraten sei (nach dem
Weggang des ihr wohlgesinnten Sozialamts
-Vorstehers), und ebenso im 2012 nach der Trennung von ihrem Ehemann
(Urk. 7/19
/1-9
).
Am 6. Juni 2021 berichtete Dr.
Y._
weiter, dass sich die im Jahr 2000 akute psychophysische Dekompensation weiter fixiert und
chronifiziert
habe,
so
dass die initiale depressive Reaktion/Anpassungsstörung erneut in ein manifestes Rezidiv der seit vielen Jahren bekannten rezidivierenden depressiven Störung (gemäss ICD-10 F33) übergegangen sei und im weiteren Verlauf bis heute
mit
mittelschwerer Ausprägung mit somatischem Syndrom (im Sinne von ICD-10 F33.11) anhalte. Die Beschwerdeführerin sei in einem andauernden psychophysi
schen Erschöpfungszustand, verbunden mit einer anhaltenden emotionalen Über
erregtheit als Teilsymptom (
Hyperarousal
) der reaktivierten PTBS (ICD-10 F43.1). Sie sei kleinsten Belastungen des Alltags, seien dies Diskussionen mit dem Arbeitgeber, dem Sozialamt oder der psychisch
ebenfalls schwer
kranken Tochter
,
in keiner Weise gewachsen und alles führe ununterbrochen zu grossen Aufregun
gen und emotionalen A
ufwühlungen mit einhergehenden Ü
berforderungs- und Überlastungsgefühlen
.
Infolgedessen
sei sie im Verlauf des letzten halben Jahres auch nicht mehr in der Lage gewesen, ihre administrativen Angelegenheiten eigenverantwortlich wahrzunehmen, wie sie dies früher noch gekonnt habe. Deswegen sei ihr inzwischen von
der KESB des Bezirkes B._
ein Berufsbei
stand zur Seite gestellt worden
(Urk. 7/47
[=
Urk.
3]
).
3.2
Die
RAD-Ärztin
D
r.
med. C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psy
chotherapie
, äusserte sich am
22. Juni 2021 zu den Berichten und stellte fest,
dass einer depressiven Episode der Charakter der Dauerhaftigkeit fehle. Frühere depressive Episoden seien remittiert. Eine erneute Remission sei durch entspre
chende leitliniengerechte Behandlung zu erwarten. Die Diagnose einer posttrau
matischen Belastungsstörung nach ICD-10 F43.1 erfordere diagnostisch ein Trauma mit
aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmass, das bei fast jedem ein
e tiefe Verzweiflung hervorrufen würde
. Die
traumatisch erlebte Operation im Jahr
2018 mit dem komplizierten Verlauf, ebenso
die
Tren
nung und
die
finanzielle Notlage würden nicht darunterfallen. Es bestehe eine Symptomatik mit
Hyperarousal
als Teilsymptom, weitere Symptome würden nicht genannt, so dass die Kriterien für die PTBS nicht erfüllt seien. Die als aufrecht
erhaltend beschriebenen und massiven psychosozialen Belastungen stünden im Vordergrund
. Nach Wegfall der psychosozialen Belastungen sei ein erneuter Rückgang der Symptomatik zu erwarten
(Urk. 7/51/2 ff.).
4.
4.1
Bezüglich der im Vordergrund stehenden psychischen Beschwerden
befindet sich
die Beschwerdeführerin bei Dr.
Y._
in Behandlung. Dieser wies in seinem Bericht vom 5. Oktober 2020 eindrücklich auf die schwierige psychosoziale Belastungssituation der Beschwerdeführerin
mit finanziellen Schwierigkeiten, Konflikte
n
mit dem Sozialamt und
dem Arbeitgeber sowie
Probleme
n
mit/bei den Kindern
hin und führte die von ihm als
depressive Reaktion beziehungsweise Anpassungsstörung
und
Reaktivierung der
PTBS
eingestuften
psychischen Beschwerden
vornehmlich
auf diese belastenden Umstände zurück.
Ebenso
setzte
er die mutmasslichen
früheren Krisen in direkten Zusammenhang mit der dama
ligen psychosozialen Belastungssituation
(analoge Konfliktsituation mit dem damaligen S
oziala
mt, Trennung von Ehemann
, vgl. vorstehend
E. 3.
1
).
Diesbezüglich gilt festzuh
alten,
dass bei der Beschwerdeführerin zweifellos schwierige Lebensumstände vorliegen, psychosoziale Faktoren, welche direkt negative funktionelle Folgen zeitigen, indessen bei der Beurteilung der Gesund
heitsbeeinträchtigung auszuklammern sind (E. 1.4.2).
Zwar
erklärte
Dr.
Y._
in seinem Bericht vom 6.
Juni 2021
,
es liege
eine weiter fixierte und
chronifizierte
psychophysi
s
che Dekompensation
vor
, so dass die initiale depressive Reaktion/Anpassung
s
störung erneut in ein
manifestes Rezidiv der seit vielen Jahren bekannten rezidivierenden depressiven Störung überge
gangen
sei
.
Hinweise dafür aber, dass sich seit seiner im Oktober 2020 abgege
benen Beurteilung, wonach die Beschwerdeführerin wegen ihrer finanziellen Not
lage in ei
ne tiefe emotionale Krise gestür
zt sei, was zur Arbeitsunfähigkeit geführt habe (E. 3.1), nachweislich etwas geändert hätte, lassen sich seinen Ausführungen nicht entnehmen. Gegenteils wies er auf die
anhaltend
hohe psychosoziale Belas
tungssituation mit denselben Faktoren (Diskussionen mit Arbeitgeber, Sozialamt, Probleme mit Ex-Mann,
erhebliche psychische
, körperliche und berufliche
Schwierigkeiten der Kinder
;
vgl. vorstehend E. 3.1
)
hin
.
Mithin leitete er die
rezidivierende
depressive Störung mit daraus folgender Arbeitsunfähigkeit nach wie vor
direkt
anhand der diversen psychosoziale
n Belastungsfaktoren
her
,
was jedoch wie vorstehend dargelegt keine invalidisierende psychische Störung zu begründen vermag. Dass der Behandler in seiner im Rahmen des
Einwandver
fahrens
abgegebenen Stellungnahme zum Vorbescheid vom 1
2.
März 2021 (
Urk.
7/47/1) von einer Arbeitsfähigkeit in leichten körperlich angepassten Tätig
keiten von nunmehr bloss 50
%
ausging (
Urk.
7/47/4), während er im Oktober 2020 noch eine gute Prognose zugrunde legte und eine angepasste Tätigkeit mit einem vermutlich ganztägigen Pensum für zumutbar erachtete (
Urk.
7/19/5), gründet damit nicht in einer veränderten Befundlage sondern vielmehr in der mit Vorbescheid in Aussicht gestellten Abweisung des Leistungsbegehrens der Beschwerdeführerin (vgl.
Urk.
7/47/4, wonach der behandelnde Psychiater deren «Einsprache» unterstütze).
Hinzu k
ommt, dass sich
eine leicht- bis mittelgradige depressive Störung ohne nennenswerte Interferenzen durch psychiatrische Komorbiditäten im Allge
meinen nicht als schwere psychische Krankheit definieren lässt (BGE 148 V 49 E. 6.2.2 mit Hinweis).
Inso
weit
Dr.
Y._
diesbezüglich die Reaktivierung einer bereits bestehenden posttraumatischen Belastungsstörung darzulegen versucht
e
, ist ihm nicht zu folgen. Wie sich nachvollziehbar aus der
Stellungnahme des RAD
ergibt
,
kann
die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
vorliegend
nicht gestellt werden
,
würden
doch
weder die traumatisch erlebte Operation im Jahr 2018
mit kompliziertem Verlauf
noch die Trennung
vom Ehemann
oder die finanzielle Notlage
die diagnostische Voraussetzung eines Ereignisses ausser
ge
wöhnlicher Schwere
erfüllen
.
Ebensowenig
seien
– allenfalls mit Ausnahme des Bestehens einer
Teils
ymptomatik mit
Hyperarousal
–
die weiteren diagnostischen Kriterien erfüllt
(vgl. E. 3.2)
. Diese
Einschätzung überzeugt.
S
oweit die Beschwerdeführerin ihre
Verbeiständung
nach Art. 394 Abs. 1
i.V.m
. Art
.
395 Abs. 1
des Schweizerischen
Zivilgesetzbuch
es
(ZGB)
an
führt
e
, um
zu belegen, dass sie bereits kleinsten Alltagsbelastungen nicht gewachsen sei
(Urk. 1 S
.
8
),
vermag sie dabei nichts zu ihren Gunsten abzuleiten
.
D
enn d
as Bestehen einer Vertretungs- beziehungsweise Verwaltungsbeistandschaft sagt
grundsätz
lich
nichts über die Arbeitsfähigkeit der
betroffenen
Person aus. Vielmehr wird
diese Massnahme
zur
Unterstützung bei der Erledigung bestimmter Angelegen
heiten errichtet, wobei
vorliegend
sogar explizit die Suche nach einer geeigneten Erwerbstätigkeit
als Aufgabe des Beistandes
aufgeführt
wurde
(vgl. Urk.
7/
39)
.
Zusammenfassend
ist
damit
festzuhalten, dass es vorliegend
z
ur Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens an einem medizinischen Substrat
fehlt
, das die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
nachge
wiesenermassen zu beeinträch
tige
n verm
ag
. Eine verselbständigte psychiatrische Störung mit wesentlichem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ist gestützt auf die Berichte von Dr.
Y._
nicht ausgewiesen
.
4.2
I
n Bezug auf die somatischen Beschwerden führte Dr.
C._
in Auseinan
dersetzung mit den verschiedenen Berichten schlüssig aus, dass
für körperlich anforderungsreiche Tätigkeiten keine Arbeitsfähigkeit
gegeben sei. In angepasster Tätigkeit beständen demgegenüber
keine Einschränkung
en
(Urk. 7/51/2 ff.)
.
Diese E
inschätzung steht insbesondere im
Eink
lang mit den Berichten des Spitals D._
. So
verwies
PD
Dr.
med. E._
, Facharzt für Chirurgie, in seinen Bericht
en
auf eine am 3. Januar 2018 durchgeführte mediane Oberbauch
laparotomie,
Splenektomie
und Resektion aufgrund eines
rupturierten
Aneurys
mas der
Arteria
lienalis
im distalen Bereich des Pankreasschwanzes, mit kompli
ziertem, belastendem Verlauf über Monate.
Im Herbst 2018 sei die Beschwerde
führerin dann schliesslich beschwerdefrei gewesen. Im Frühling 2020 sei es jedoch zu zunehmenden Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme gekommen,
wofür sich mittels
zusätzliche
r
Untersuchungen
keine
ausreichende Erklär
ung habe finden lassen.
A
m ehesten
komme daher
eine psychische Ursache
in Betracht. Auch die Beschwerdeführerin selber schreibe ihren schlechten Allge
meinzustand im Wesentlichen der Arbeit und dem familiären Umfeld zu (
Urk.
7/26/7).
PD
Dr.
E._
führte
weiter aus,
dass er die Beschwerdeführerin
am 3. April 2020 zum letzten Mal untersucht habe, wobei aus chirurgischer Sicht keine weiteren Therapien geplant seien.
Er attestierte eine volle Arbeitsfähigkeit, ausser für körperlich anforderungsreiche Tätigkeiten
(Urk. 7/26)
.
Gemäss den
neurologischen Berichte
n
der Klinik F._
von Mai 2021
wurde bei unklarer
(
nächtlicher
)
Schmerzsymptomatik im Unterschenkel- und Fuss
rückenbereich eine diagnostische Infiltration des
Nervus
peronaeus
superficialis
links unter Ultraschall durchgeführt,
wobei
die Behandlung
noch nicht abge
schlossen war. Eine Arbeitsunfähigkeit wurde hierfür nicht attestiert
(Urk. 7/48), wurde von der Beschwerdeführerin nicht
vorgebracht
und ist auch nicht ersicht
lich
(vgl. Stellungnahme RAD, Urk. 7/51/5
)
.
4.3
Vorliegend führte
die
RAD-Ärztin
zwar kein
e eigene Untersuchung durch. Ihr
standen aber sämtliche medizini
schen Akten zur Verfügung und sie
setzte sich mit diesen genügend auseinander. Die gezogenen Schlüsse begründete
sie
in nachvollziehbarer Weise. Zudem verfügt
sie als Fachärztin
für
Psychiatrie und Psychotherapie
über eine für die Beur
teilung des
im Vordergrund stehenden
psy
chischen
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin angezeigte medizinische
Weiterbildung. Die Stellungnahme von
Dr.
C._
vom
15. Juli 2021 (vor
stehend E. 3.2
) erfüllt daher die nach der Rechtsprechung für eine beweiskräftige medizinische Entscheidungsgrundlage vorausgesetzten Kriterien, zumal
weder die aktenkundigen Arztberichte noch die Beschwerdeführerin Aspekte aufzu
zeigen vermögen, die auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit ihrer ärztlichen Feststellungen beziehungsweise an einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit aufkommen lassen würden
(vgl. vorstehend E. 1.6
). Gestützt auf die Beurteilung durch
RAD-Ärztin Dr.
C._
ist daher davon auszu
gehen, dass in einer leidensangepassten Tätigkeit eine Arbeits
fähigkeit von 100 % besteht.
4.4
Von weiteren Abklärungen, insbesondere der beschwerdeweise beantragten Ver
pflichtung der Beschwerdegegnerin zur Einholung eines
psychiatrischen oder polydisziplinären
Gutach
tens
(Urk. 1 S. 9)
, sind keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten, so dass in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. BGE 136 I 229 E. 5.3) davon abzusehen ist. Eine Verlet
zung des Untersuchungsgrundsatzes durch die Beschwerdegegnerin ist nicht aus
zumachen.
5.
5.1
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommens
vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypotheti
schen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invali
ditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2
, 128 V 29 E. 1
).
Sind indessen Validen- und Invalideneinkommen ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen, erübrigt sich deren genaue Ermittlung.
Diesfalls
ent
spricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berück
sichti
gung eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn. Dies stellt keinen «Pro
zent
ver
gleich» dar, sondern eine rein rechnerische Vereinfachung (Urteil des Bundesge
richts 8C_148/2017 vom 19. Juni 2017 E. 4 unter Hinweis auf Urteil 9C_675/2016 vom 18. April 2017 E. 3.2.1).
5.2
Die Beschwerdeführerin verfügt ni
cht über eine Ausbildung (Urk. 7/16/5
)
. Sie
arbeitete in den
letzten
Jahren
bei verschiedenen Arbeitgebern
als
Reinigung
s
kraft
und erzielte dabei schwankende Einkommen
(Urk. 7/46)
.
Es rechtfertigt sich daher, zur Bestimmung des
Validenein
kommens
auf statistische Werte abzustellen. Da das Invalideneinkommen anhand des gleichen Tabellenlohns fest
zu
legen ist
(Hilfsarbeitertätigkeit)
, genügt es für die Ermittlung des In
validitäts
grades, die Prozentzahlen gegenüberzustellen.
I
n einer angepassten Erwerbstätig
keit
ist
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gegeben und ein leidensbeding
ter Abzug
steht
nicht in Frage
. Folglich
besteht im erwerblichen Be
reich
ein Invaliditätsgrad
von 0 %
.
5.3
Da auch im Haushaltsbereich keine Einschränkung ersichtlich ist und die Beschwerdeführerin zudem mit ihren beid
en erwachsenen Kindern zusammen
wohnt, welche sie im Haushalt unterstützen könn
t
en, kann eine exakte Fest
legung der Qualifikation
(Statusfrage)
– die Beschwerdegegnerin
ging
von einer Erwerbstätigkeit von 50 bis 80 % aus
(Urk. 7/29/3)
–
unter
bleiben.
6.
Folglich hat die IV-Stelle einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht verneint. Die Beschwerde erweist sich damit als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
7
.
Gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige
rung von IV-Leistungen kostenpflichtig.
Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert innerhalb des gesetzlichen Rahmens (Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.--) auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.