# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** e6a3851b-1fbb-4db5-b7e4-1c42627a54b6
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Gefährdung des Lebens etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 3. Abteilung, vom 30. Juni 2011 (DG110117)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 3. Mai 2011
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. HD 26).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB,
− des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB,
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB,
− des Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1
lit. a in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. a, Art. 7 Abs. 1, Art. 8 Abs. 1
sowie Art. 15 Abs. 1 WG und Art. 12 Abs.1 lit. d WV,
− des Fahrens in nicht fahrfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2
in Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG und Art. 2 Abs. 2 VRV,
− des Fahrens ohne Führerausweis oder trotz Entzug im Sinne von
Art. 95 Ziff. 2 SVG,
− der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 StGB,
− der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes im Sinne
von Art. 19a Ziff. 1 BetmG sowie
− der Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 in Ver-
bindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 2 Jahren und 9 Monaten Freiheitsstrafe
(wovon 321 Tage durch Haft erstanden sind) sowie mit einer Geldstrafe von
10 Tagessätzen zu Fr. 10.–, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 16. August 2008 (15 Tagess-
ätze Geldstrafe), und einer Busse von Fr. 1'000.– (für die Übertretungen).
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sowie der Geldstrafe wird nicht aufgescho-
ben. Die Busse ist zu bezahlen.
- 3 -
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
5. Es wird eine strafvollzugsbegleitende ambulante Behandlung des Beschul-
digten im Sinne von Art. 63 StGB (Suchtbehandlung) angeordnet.
6. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
4. Februar 2011 beschlagnahmte und unter der Sachkautions-Nr. ... (Asser-
vat-Nr. ...) gelagerte Selbstladepistole (Marke Colt, Modell Government
1911 A1 inkl. 2 Patronen) wird eingezogen und der Stadtpolizei Zürich zur
Vernichtung überlassen.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 500.– zu-
züglich 5 % Zins ab dem 13. August 2010 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'500.00 Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 23'529.95 Auslagen Untersuchung
Fr. 13'662.65 amtliche Verteidigung Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
10. Die Kosten der früheren amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskasse
genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO. Über die Höhe der Kosten der Verteidigung wurde separat entschie-
den.
- 4 -
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. HD 78 S. 2 ff.)
1. A._ sei
− der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB sowie − des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB
für nicht schuldig zu befinden und von diesen Vorwürfen freizuspre-
chen.
2. A._ sei
− des Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. a WG und Art. 7 Abs. 1 WG, Art. 8 Abs. 1 WG, Art. 15 Abs. 1 WG und Art. 12 Abs. 1 lit. d WV,
− der Drohung im Sinne von Art. 180 StGB, − der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 StGB, − des Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2
SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG und Art. 2 Abs. 2 lit. a, c und g VRV,
− des Fahrens ohne Führerausweis oder trotz Entzug im Sinne von Art. 95 Ziff. 2 SVG,
− der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes im  von Art. 19a Ziff. 1 BetmG sowie
− der Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG
für schuldig zu befinden.
3. A._ sei dafür mit einer Geldstrafe von 240 Tagessätzen zu CHF
10.– als Gesamtstrafe zu bestrafen, dies teilweise als Zusatzstrafe zu
der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom
16. Oktober 2008 ausgesprochenen Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu
CHF 110.– sowie mit einer Busse von CHF 300.–.
- 5 -
4. Die Geldstrafe sei zu vollziehen.
Es sei festzustellen, dass die Geldstrafe und die Busse als durch die
bis heute erstandene Haft abgegolten sind.
5. A._ sei zu verpflichten, B._ CHF 500.– zuzüglich Zins ab dem
13. August 2010 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag sei das
Genugtuungsbegehren abzuweisen.
6. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
4. Februar 2011 beschlagnahmte Pistole und die zwei Patronen seien
definitiv einzuziehen und zu vernichten.
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Die übrigen Kosten des vorliegenden Verfahrens seien zu 1/2
auf die Gerichtskasse zu nehmen und im übrigen Umfang A._
aufzuerlegen, jedoch aufgrund derer offensichtlichen Uneinbringlichkeit
definitiv abzuschreiben.
8. A._ sei für die von ihm bis heute über die vorstehende Bestrafung
hinaus erstandene Haft sowie für seine Verteidigung und den dadurch
erlittenen Lohnausfall eine angemessene Entschädigung und Genug-
tuung zu bezahlen.
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. HD 70, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
- 6 -

## Considerations

Erwägungen:
I.
1. Am 3. Mai 2011 erhob die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich die im
Anhang enthaltene Anklage wegen Gefährdung des Lebens, Drohung und An-
griffs sowie weiterer Delikte gegen den Beschuldigten (Urk. HD 26). Im Anschluss
an die Hauptverhandlung vom 30. Juni 2011 sprach die 3. Abteilung des Bezirks-
gerichts Zürich den Beschuldigten im Sinne der Anklage schuldig und verurteilte
ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten, einer Geld-
strafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 10.– und einer Busse von Fr. 1'000.– unter An-
ordnung einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme zur Suchtbehand-
lung (Prot. I S. 5 ff.).
2. Dieses Erkenntnis wurde dem Beschuldigten sogleich mündlich eröffnet und
schriftlich im Dispositiv übergeben (Prot. I S. 20), worauf sowohl sein Verteidiger
mit Eingabe vom 1. Juli 2011 (Urk. HD 48) als auch er selbst mit Schreiben vom
3. Juli 2011 (Urk. HD 49) rechtzeitig die Berufung anmeldeten. Die begründete
Ausfertigung des Urteils wurde dem Vertreter des Beschuldigten am 3. Oktober
2011 zugestellt (Urk. HD 57/1). Nachdem der Beschuldigte persönlich bereits am
11. Juli 2011 eine Berufungserklärung eingereicht hatte, erstattete sein Verteidi-
ger daraufhin am 24. Oktober 2011 innert Frist die Berufungserklärung (Urk. HD
61), in der er - abweichend von der Berufungserklärung seines Mandanten - einen
vollumfänglichen Freispruch verlangte, was er mit Eingabe vom 9. März 2012
(Urk. HD 74) wieder einschränkte.
3. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf die Erhebung einer Berufung und /
oder Anschlussberufung und verlangte die Bestätigung des vorinstanzlichen Ur-
teils. Der zuständige Staatsanwalt liess sich mit dem Einverständnis des Beschul-
digten von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung dispensieren (vgl. Urk.
HD 67, 70, 72 und 73). Der Privatkläger beteiligte sich nicht am Berufungsverfah-
ren. Beweisanträge wurden von keiner Seite gestellt.
- 7 -
4. Der Beschuldigte verlangt einen Freispruch von den Vorwürfen der Gefähr-
dung des Lebens und des Angriffs und beantragt entsprechend eine mildere Be-
strafung (Urk. HD 78 S. 2 ff.). Die weiteren Punkte des vorinstanzlichen Urteils,
namentlich die übrigen Schuldsprüche (Teile von Dispositivziffer 1), die Anord-
nung einer ambulanten Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB (Dispositivziffer
5), die Einziehung und die Vernichtung der beschlagnahmten Waffe (Dispositivzif-
fer 6), der Entscheid über die Zivilansprüche des Privatklägers B._ (Disposi-
tivziffer 7) und die Festsetzung der Kosten (Dispositivziffer 8) sind unangefochten
geblieben und in Rechtskraft erwachsen, was vorab festzustellen ist.
II.
A. Gefährdung des Lebens (HD)
1. Das Hauptdossier der Anklage befasst sich mit den Vorgängen in der Nacht
vom 12. auf den 13. August 2010 vor dem Club C._, als der Beschuldigte
nicht eingelassen wurde, worauf er eine Pistole auf einen der Türsteher richtete.
Im Zentrum stehen die Vorwürfe der Gefährdung des Lebens und der Drohung,
von welchen der Beschuldigte den letzteren anerkannte. Zu überprüfen bleibt
demnach, ob er sich auch der Gefährdung des Lebens schuldig gemacht hat.
2. Die Vorinstanz hat die im Zusammenhang mit den Vorgängen vom 13. Au-
gust 2010 vorhandenen Beweismittel ausführlich wiedergegeben und sorgfältig
gewürdigt (Urk. HD 59 S. 8 ff.). Darauf kann mit den folgenden Ergänzungen ver-
wiesen werden.
a) Die Vorinstanz erachtete die Zeugenaussagen der drei Türsteher B._
(Privatkläger), D._ und E._ als wenig ergiebig für den Anklagestand-
punkt, dass der Beschuldigte seinen rechten Zeigefinger während der Ladebewe-
gung am Abzug gehabt habe. Die Zeugen B._ und E._ seien, als der
Beschuldigte die Pistole gezogen habe, sofort geflüchtet, so dass von vornherein
nur der Zeuge D._ eine solche Wahrnehmung habe machen können. Dieser
habe jedoch erst beim Staatsanwalt über eine solche Beobachtung berichtet,
während er noch bei der polizeilichen Befragung auf Nachfrage hin angab, dass
- 8 -
er nicht gesehen habe, wo sich der Zeigefinger des Beschuldigten befunden ha-
be. Im Übrigen betonte er, dass er Waffen hasse und sich damit nicht auskenne.
Ein solches nachträgliches Hochspielen von Ereignissen, so wieder die Vo-
rinstanz, erscheine als Lügensignal. Auf seine Aussagen könne wegen dieses
und anderer Widersprüche zulasten des Beschuldigten nicht abgestellt werden
(Urk. HD 59 S. 21 m.H. auf Urk. HD 8/1/1 S. 4 und Urk. HD 8/1/2 S. 6; Urk. HD 59
S. 27).
Ergänzend ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass sowohl der Zeuge
B._ (Urk. HD 7/1 S. 2 A. 11 ff.; Urk. HD 7/2 S. 3 und S. 4 ff.) als auch der
Zeuge E._ (Urk. HD 8/2/6 S. 1 A. 5; S. 5 A. 37; S. 7 A. 52; Urk. HD 8/2/7 S. 3
und S. 5) gesehen haben wollen, dass der Beschuldigte den Abzug betätigt habe,
ohne dass ein Schuss losgegangen sei, was durch das Schusswaffengutachten
des Forensischen Instituts Zürich jedoch widerlegt wird (Urk. HD 12/11 S. 14 Ant-
wort 7). Die Beobachtung der Zeugen, dass der Beschuldigte seinen Finger am
Abzug gehalten habe, ist davon zwar nicht unmittelbar betroffen (vgl. Urk. HD 38
S. 2 ff.). Diese nachweisliche Unstimmigkeit beeinträchtigt jedoch die Glaubhaf-
tigkeit auch des Rests der Aussagen, und die Übereinstimmung der Zeugenaus-
sagen der drei Türsteher spricht unter diesen Umständen nicht für ihre Zuverläs-
sigkeit.
Die Vorinstanz erwähnte, dass der Beschuldigte anlässlich der fotografischen Do-
kumentation seiner Manipulationen an der Waffe den Zeigefinger am Abzug hielt
(Urk. HD 59 S. 27 m.H. auf Urk. HD 12/11 S. 11 und Beilage 5/4-5/6). Dabei ging
es jedoch nicht um die Rekonstruktion der Tat, sondern um den Test, den der Be-
schuldigte laut eigenen Angaben nach dem Kauf der Waffe im Wald durchführte
(vgl. Urk. HD 6/4 S. 6). Es ist zu beachten, dass er bei der eigentlichen Tatrekon-
struktion den Zeigefinger nicht am Abzug hielt (vgl. Urk. HD 12/11 Beilage 5/14
und 5/15), woraus sich allerdings ebenfalls nicht allzu viel ableiten lässt, da davon
auszugehen ist, dass er bemüht war, sein Verhalten seiner Aussage anzupassen.
Die Erläuterungen des Beschuldigten geben zu dieser Frage nichts her (vgl. etwa
Urk. HD 6/10 S. 2).
- 9 -
Es erscheint zwar wahrscheinlich, dass der Beschuldigte den Zeigefinger am Ab-
zug hatte, als er die Ladebewegung durchführte und die Waffe in Richtung
B._ hielt. Dies zeigte sich auch anlässlich der Berufungsverhandlung, als der
im Umgang mit Waffen nicht geschulte Beschuldigte demonstrieren sollte, wie er
die Waffe damals in seiner Hand hielt: Beim Hervorziehen der Waffe aus dem
Hosenbund legte er den Finger - anscheinend unwillkürlich - kurz an den Abzug,
um ihn dann sogleich wegzunehmen (Urk. HD 77 S. 6). Es lässt sich dem Be-
schuldigten indessen nicht nachweisen, dass dies auch zum Zeitpunkt des Tatge-
schehens der Fall war. Der Beweiswürdigung der Vorinstanz, die trotz Vorbehal-
ten gegenüber den wenig überzeugenden Aussagen des Beschuldigten mehr als
nur theoretische Zweifel an der Sachverhaltsversion der Anklagebehörde hegt
(Urk. HD 59 S. 27 ff.), ist daher zu folgen, und es ist für die nachfolgende rechtli-
che Würdigung mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass der Beschuldigte sei-
nen Zeigefinger nicht am Abzug hielt, als er die Waffe auf B._ richtete.
b) Was die Richtung der Waffe betrifft, so ist mit der Vorinstanz davon auszu-
gehen, dass der Beschuldigte die Waffe auf die Körpermitte von B._ gerich-
tet hatte (Urk. HD 59 S. 26 ff.). Etwas anderes lässt sich aus den Aussagen des
Beschuldigten nicht ableiten. Abgesehen davon, dass er nicht selbst sagte, dass
er die Waffe gegen den Oberkörper von B._ richtete, sondern nur eine ent-
sprechende Frage bejahte, verwies dieser Vorhalt ausdrücklich auf die Bilder der
Tatrekonstruktion, auf denen zu sehen ist, wie der Beschuldigte seine Waffe
schräg nach unten gegen die Körpermitte des Figuranten richtete, der die Position
von B._ einnahm (vgl. Urk. HD 12/11 Beilage 5/15). Aus der Antwort auf die-
se nicht eindeutige Frage lässt sich nichts ableiten. Es ist demnach entsprechend
seiner ansonsten konstanten Darstellung davon auszugehen, dass die Waffe auf
die Körpermitte von B._ gerichtet war. Das Wenige, was auf den Bildern der
Überwachungskamera zu erkennen ist (vgl. Urk. HD 9/2 Filmsequenz 5), steht
damit nicht im Widerspruch. Für die rechtliche Würdigung ist dieser Punkt jedoch
nur von geringer Bedeutung, da auch bei einem Treffer in der Körpermitte die Ge-
fahr lebensgefährlicher Verletzungen (insbesondere durch Verbluten) besteht.
Entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. HD 78 S. 4 ff.) kann aus der vom
Beschuldigten angegebenen Richtung der Waffe jedenfalls nicht abgeleitet wer-
- 10 -
den, der Beschuldigte habe bloss auf die Beine von B._ gezielt, was lediglich
zu einer Gesundheitsgefährdung, nicht jedoch zu einer unmittelbaren Lebensge-
fährdung geführt habe.
3. Art. 129 StGB setzt in objektiver Hinsicht voraus, dass der Täter eine unmit-
telbare Lebensgefahr für einen anderen Menschen schafft, wobei das Adjektiv
"unmittelbar" zum Ausdruck bringt, dass es sich um eine konkrete, und nicht bloss
abstrakte Gefahr handeln muss. Nach dem Dafürhalten der Vorinstanz erfüllte der
Beschuldigte diese Voraussetzung, als er die geladene und entsicherte Waffe aus
einer Entfernung von ca. drei Meter auf B._ richtete. Dabei verkennt die Vo-
rinstanz die Bedeutung des Umstandes, dass sich der Zeigefinger des Beschul-
digten nicht am Abzug befand.
Die Auffassung der Vorinstanz, trotzdem hätte ein Schuss "bei leichter Irritation
oder Eingreifens einer Drittperson ohne Weiteres losgehen können" überzeugt
nicht. Die Waffe war laut gutachterlichem Befund in einwandfreiem Zustand. Der
festgestellte Abzugswiderstand von 3.23 kg ist zwar tiefer als im zitierten bundes-
gerichtlichen Leitentscheid (vgl. BGE 121 IV 67 E. 2a: 5,5 kg), befindet sich je-
doch im normalen Bereich (Urk. HD 12/11 S. 5 Ziff. 4.3.4 und S. 14 Antwort 4). Es
ist kein Grund ersichtlich, weshalb sich ein Schuss lösen sollte, wenn sich der
Finger des Beschuldigten - dies im Unterschied zum erwähnten Leitentscheid
(BGE 121 IV 67 E. 2.d) - nicht am Abzug befindet. Der von der Vorinstanz ange-
führte Rauschzustand des Beschuldigten ändert nichts daran.
Der Tatbestand der Gefährdung des Lebens i.S. von Art. 129 StGB ist demnach
nicht gegeben, weil die objektive Tatbestandsvoraussetzung der unmittelbaren
Lebensgefahr nicht erfüllt ist. Der Beschuldigte ist somit von diesem Vorwurf frei-
zusprechen, ohne dass die subjektiven Voraussetzungen (Vorsatz und insbeson-
dere Skrupellosigkeit) zu prüfen sind.
B. Angriff (ND 1)
1. Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten vor, er habe am frühen Morgen
des 24. Mai 2008 in der Zürcher Innenstadt zusammen mit zwei Unbekannten vor
- 11 -
einem Club eine junge Frau (F._) bedrängt und einen Mann (G._), der
sich daraufhin schützend neben sie gestellt habe, tätlich angegriffen. Als diesem
ein Dritter (H._) zu Hilfe gekommen sei, sei dieser vom Beschuldigten und
den beiden Unbekannten mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert worden, so
dass er als Folge eine Gehirnerschütterung und verschiedene Prellungen und
Wunden am Kopf davongetragen habe und der Spitalpflege bedurft habe.
Dadurch habe sich der Beschuldigte des Angriffs i.S. von Art. 134 StGB schuldig
gemacht.
2. Der Beschuldigte anerkennt, dass er zum fraglichen Zeitpunkt vor Ort war.
Er beschreibt seine Rolle jedoch als die eines Zuschauers, der die beiden Täter
nur "vom hoi und tschau-sagen" kenne und deshalb keine Angaben machen kön-
ne, die deren Identifikation erlauben würden. Er selber wurde über das Kennzei-
chen seines Autos ermittelt, mit dem er nach der Tat mit den beiden Unbekannten
weggefahren war (vgl. Urk. ND 1/1 S. 6). Er habe deren Verhalten zwar missbil-
ligt, was er sie auch habe wissen lassen, doch sei er von ihnen bedroht worden
(Urk. ND 11/1 S. 1 ff. und 11/2 S. 2; Urk. HD 77 S. 9 ff.). Sein Verteidiger macht
geltend, aufgrund der "dünnen Beweislage" könne "noch nicht von (seiner) Täter-
schaft (...) ausgegangen werden", und beantragt einen Freispruch von diesem
Vorwurf (Urk. HD 39 S. 8 Rz. 32; Urk. HD 78 S. 9 Rz. 32).
3. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass es entgegen der Auffassung der Vertei-
digung (Urk. HD 39 S. 8 Rz. 27; Urk. HD 78 S. 8 Rz. 26) zulässig ist, Zeugen zum
Zwecke der Täteridentifikation Fotos von möglichen Tätern vorzulegen. Es kann
diesbezüglich auf die einschlägige Literatur verwiesen werden (Häring, BSK
StPO, Art. 146 StPO N 8 ff.; Godenzi, Kommentar zur Schweizerischen Strafpro-
zessordnung, Art. 146 StPO N 9 ff.).
Sodann ist festzuhalten, dass sowohl der Zeuge G._ (Urk. ND 1/8/1 S. 2
oben A. 5) als auch die Zeugin F._ (Urk. ND 1/9/1 S. 1 A. 2) als Merkmal ei-
ne auffällige Narbe über dem rechten Auge hervorheben. Optisch entsteht tat-
sächlich der Eindruck, dass der Beschuldigte über der rechten Braue eine Narbe
oder Falte aufweist, wie auf der Fotografie des Beschuldigten zu sehen ist (vgl.
Urk. ND 1/6) und wovon sich das Gericht - wie bereits die Vorinstanz (Prot. I S.
- 12 -
15) - anlässlich der Verhandlung überzeugen konnte. Wenn die Zeugin F._
bei der staatsanwaltschaftlichen Befragung 2 1⁄2 Jahre nach der Tat den Beschul-
digten nicht mehr identifizieren konnte, wie die Verteidigung anführt (Urk. HD 39
S. 8 Rz. 31; Urk. HD 78 S. 8 Rz. 29), war der Grund dafür dieses Merkmal, das
anscheinend durch die Spiegelwand nicht sichtbar war (Urk. ND 1/9/2 S. 3), was
die von der Zeugin geäusserte Unsicherheit stark relativiert.
Die Vorinstanz wies darauf hin, dass der Beschuldigte durch eine entsprechende
Frage auf diese Beobachtung der Zeugen aufmerksam gemacht wurde, und be-
zeichnete seine Behauptung, einer der beiden Unbekannten habe ebenfalls eine
solche Narbe gehabt (Urk. ND 1/11 S. 3 A. 16), als nicht lebensnahen Zufall (Urk.
HD 59 S. 44). Es fällt auf, dass der Beschuldigte, dem dieses Merkmal an sich
selbst ja vertraut sein musste, diese auffallende angebliche Koinzidenz nicht
kommentierte. Wie die Vorinstanz richtig erwähnt (Urk. HD 59 S. 44), nannte kein
Zeuge zwei Personen mit einem solchen Merkmal. Vielmehr sprach der Zeuge
G._ ausdrücklich davon, dass einer der Täter eine auffällige Narbe an der
Augenbraue gehabt habe (Urk. ND 1/8/1 S. 2 A. 5). Der Umstand, dass eine Iden-
tifikation der beiden anderen Täter nicht möglich war, verhindert eine direkte
Überprüfung dieser Aussage. Aufgrund der vorhandenen Indizien durfte die Vo-
rinstanz jedoch von einer Schutzbehauptung ausgehen. Daran ist festzuhalten.
4. Da der Beschuldigte anerkennt, dass er vor Ort war, und ihn die Zeugen
somit zweifellos dort sehen konnten, ist unerfindlich, was er aus seinen Einwen-
dungen gegen seine Identifikation ableiten will, etwa daraus, dass der Zeuge
G._ alle drei Täter als gross und kräftig beschrieb, was nicht zu seiner Statur
passe (Urk. HD 39 S. 8 Rz. 29 und Urk. HD 78 S. 8 Rz. 28 m.H. auf Urk. ND 1/8/1
S. 2 A. 5).
Entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. HD 39 S. 8 Rz. 31; Urk. HD 78
S. 8 Rz. 28) ist sowohl diese Ungenauigkeit als auch der Umstand, dass der Zeu-
ge G._ 2 1⁄2 Jahre nach der Tat nicht bestätigen konnte, dass es der Be-
schuldigte war, der den Streit begann (Urk. ND 1/8/2 S. 4 unten), angesichts des
schnellen und anscheinend völlig überraschenden Angriffs (vgl. Urk. ND 1/9/2
- 13 -
S. 2) gut nachvollziehbar und vermag die entsprechende Darstellung von F._
(Urk. ND 1/9/1 S. 1) nicht zu widerlegen.
5. Wegen der Ausgestaltung des Tatbestandes des Angriffs als Gefährdungs-
delikt (vgl. Trechsel / Fingerhuth, Art. 134 StGB N 1 i.V.m. Art. 133 StGB N 1; Ae-
besold, Basler Kommentar, Art. 134 StGB N 1), sind die genaue Rolle des Be-
schuldigten innerhalb der Gruppe der Täter und sein konkreter Tatbeitrag ohnehin
unerheblich (entgegen Urk. HD 78 S. 9 Rz. 32 a.E.), sondern es geht nur um die
Frage, ob er sich an den Faustschlägen und Fusstritten beteiligte, die zu den Ver-
letzungen von H._ führten.
Dass die Zeugin K._ aussagte, es seien zwei Männer auf H._ losge-
gangen, und dass sie nicht wusste, ob noch weitere Personen daran beteiligt wa-
ren (Urk. ND 1/10 S. 2), entlastet den Beschuldigten nicht wirksam. Zum einen
war sie weiter vom Geschehen entfernt als die Zeugen G._ und F._ und
konnte dieses deshalb weniger gut wahrnehmen. Zum andern berichtete der Zeu-
ge G._ in seiner ersten Aussage bei der Polizei, der dritte Mann habe erst
später eingegriffen (Urk. ND 1/8/1 S. 1 A. 2). Dies spielt jedoch letztlich keine Rol-
le, denn aufgrund der Zeugenaussagen von F._, die den Beschuldigten auf-
grund seiner auffallenden Narbe (dazu oben) und seiner ähnlichen Statur (Urk.
ND 1/9/2 S. 2) als denjenigen identifizierte, der sie "angemacht" und damit den
Streit provoziert hatte, steht fest, dass sich der Beschuldigte aktiv am Angriff ge-
gen H._ beteiligt hatte.
Im Übrigen wirkt die Schilderung des Beschuldigten des Vorfalls aus der Perspek-
tive eines Zuschauers seltsam unbeteiligt und emotional nicht stimmig. So fehlt
eine Erklärung dafür, weshalb er sich erst entfernte, "nachdem sie (die beiden
unbekannten Täter) fertig waren" (Urk. ND 1/11/1 S. 1 A. 4), falls er nichts mit die-
sen zu tun hatte. Zudem wäre zu erwarten gewesen, dass den Zeugen aufgefal-
len wäre, wenn jemand die Täter - wenn auch nur mit Worten - aufzuhalten ver-
sucht hätte, wie der Beschuldigte auf einen entsprechenden Vorhalt geltend
machte (Urk. ND 1/11/1 S. 2 A. 9; Urk. ND 1/11/2 S. 2). Aus dem Umstand, dass
sich kein Zeuge daran erinnern konnte, schloss die Vorinstanz zurecht, dass es
sich dabei um eine Schutzbehauptung handelt (Urk. HD 59 S. 44).
- 14 -
6. Die Vorinstanz wies darauf hin, dass sich die Zeugen G._ und F._
bei der staatsanwaltschaftlichen Befragung 2 1⁄2 Jahre danach erst auf einen ent-
sprechenden Vorhalt daran erinnern konnten, dass ein Fahrrad geworfen wurde
(Urk. HD 59 S. 43 ff.). Solche Details gelten in der sogenannten Aussagenanalyse
als Realkennzeichen. Dass sich die Zeugen 2 1⁄2 Jahre später nicht spontan daran
erinnerten, stellt die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen jedoch nicht grundsätzlich in
Frage. Es ist anzumerken, dass aus Sicht der Zeugen (anders als für die damit
befassten Amtsstellen) der ganze Vorfall aussergewöhnlich war, so dass sich die-
ses Detail für sie weniger vom übrigen Erinnerungsstoff abhob. Wie die Vo-
rinstanz erwähnte, berichtete auch der Beschuldigte davon, dass ein Velo gewor-
fen wurde (Urk. ND 1/11/1 S. 2 A. 15), so dass dieses Element ohnehin unstrittig
ist.
7. Die grösste inhaltliche Abweichung der Aussagen des Beschuldigten von
den Zeugenaussagen betrifft die Frage, woher die Täter kamen: Der Beschuldigte
beschreibt, er sei nach einem erfolglosen Ausflug in den Rotlichtbezirk in den na-
hen Club I._ gegangen, wo er Kollegen getroffen habe. Als er das Lokal ver-
lassen habe, habe er gesehen, wie zwei Kollegen, die vor ihm gegangen seien,
auf jemanden eingeschlagen hätten (Urk. ND 1/11/1 S. 1 A. 4). Die Zeugin
F._ betonte demgegenüber, im Club sei nichts gewesen, die drei Männer
seien von aussen gekommen (Urk. ND 1/9/2 S. 4), ein Unbekannter sei von der
gegenüberliegenden Strasse auf sie zugekommen (Urk. ND 1/9/2 S. 1). Der Zeu-
ge G._ berichtet, die drei Männer seien in einem schwarzen Auto vorgefah-
ren und ausgestiegen, worauf sich einer von ihnen zielgerichtet der Zeugin
F._ genähert habe (Urk. ND 1/8/2 S. 2). Es ist kein Grund ersichtlich, wes-
halb die Zeugen wahrheitswidrig aussagen sollten, dass die Täter von draussen
kamen, wenn diese vorher im Club gewesen wären. Die Szene mit dem heranfah-
renden Auto ist zudem recht einprägsam. Es ist davon auszugehen, dass der Be-
schuldigte mit der Schutzbehauptung, dass er die beiden ihm angeblich nur flüch-
tig bekannten Mittäter zufälligerweise an der Bar getroffen habe (vgl. Urk. HD 40
S. 19), seine Beziehung zu diesen verschleiern und von der gezielten Herbeifüh-
rung der Auseinandersetzung ablenken will.
- 15 -
8. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zurecht die Darstel-
lung des Beschuldigten als Schutzbehauptung betrachtete und den Anklagesach-
verhalt für erstellt hielt. Die rechtliche Qualifikation trifft ebenfalls zu. Der Ange-
klagte ist demnach ferner des Angriffs schuldig zu sprechen.
III.
1. Der Beschuldigte ist demnach schuldig der Drohung, der Hinderung einer
Amtshandlung, der Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes und des Verge-
hens gegen das Waffengesetz (HD), des Angriffs (ND 1), des Fahrens in nicht
fahrfähigem Zustand und der Verletzung von Verkehrsregeln (ND 2) sowie des
Fahrens trotz Ausweisentzug (ND 3). Dafür ist er zu bestrafen.
2. Angriff wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe be-
straft, Drohung mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, ebenso das
Vergehen gegen das Waffengesetz und das Fahren in nicht fahrfähigem Zustand,
während die Hinderung einer Amtshandlung mit einer Geldstrafe von bis zu 30
Tagessätzen zu ahnden ist. Neben einer Freiheitsstrafe ist damit kumulativ eine
Geldstrafe auszufällen, da es insofern an der Gleichartigkeit der Strafen fehlt, die
Voraussetzung für die Anwendung des Asperationsprinzips gemäss Art. 49 StGB
darstellt. Bei den übrigen Delikte handelt es sich um Übertretungen, die mit Busse
bedroht sind.
3. Der gleiche Grund - die fehlende Gleichartigkeit der Strafen - führt auch da-
zu, dass keine Zusatzstrafe zum Strafbefehl vom 16. Oktober 2008 (vgl. beigezo-
gene Akten der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich, 2007 / 764, Urk. HD 15)
zu verhängen ist, obwohl dieser nach der Begehung der Delikte ausgefällt wurde,
die Gegenstand der Nebendossiers bilden, da für diese - wie nachstehend gezeigt
wird - eine Freiheitsstrafe neben einer Busse auszufällen ist, so dass es an der in
Art. 49 Abs. 2 StGB vorausgesetzten Gleichartigkeit mit der im Strafbefehl vom
16. Oktober 2008 ausgefällten Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 110.– fehlt
(vgl. BGE 137 IV 57).
- 16 -
Die Vorinstanz ist bewusst von der zitierten bundesgerichtlichen Praxis abgewi-
chen und hat eine Freiheitsstrafe als (teilweise) Zusatzstrafe zur Geldstrafe ge-
mäss Strafbefehl vom 16. Oktober 2008 ausgefällt, was sie damit begründete,
dass der Beschuldigte ansonsten durch die kumulative Verhängung von alter
Geld- und neuer Freiheitsstrafe schlechter gestellt werde (Urk. HD 59 S. 48). An-
gesichts des Gesetzeswortlauts ist diese Folge jedoch in Kauf zu nehmen. Der
Entscheid der Vorinstanz ist demnach in diesem Punkt zu korrigieren.
4. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen der Strafzumessung korrekt wie-
dergegeben (Urk. HD 59 S. 49 ff.). Darauf kann verwiesen werden. Da der Angriff
das schwerste der mit Freiheitsstrafe bedrohten Delikte darstellt, ist bei der Straf-
zumessung davon auszugehen und eine Einsatzstrafe auszufällen, die anschlies-
send angemessen zu erhöhen ist.
5. Der Beschuldigte wurde im Jahr 1983 in J._ geboren und wuchs dort
mit seiner Mutter und mehreren Geschwistern, aber mehrheitlich ohne seinen Va-
ter auf, der in der Schweiz arbeitete. Im Jahr 1993 holte der Vater die Familie in
die Schweiz. Der Beschuldigte, der bereits in J._ die Schule besucht hatte,
wurde in der zweiten Primarklasse eingeschult, wo er einer der Ältesten war.
Nach dem ordentlichen Abschluss der Realschule bzw. Sek B mit 17 Jahren ab-
solvierte er eine Lehre als Elektromonteur und war danach bis zu seiner Verhaf-
tung im Sommer 2010 bei seiner früheren Lehrfirma angestellt (Urk. HD 23/24).
Mit Strafbefehl vom 9. August 2004 wurde der Beschuldigte im Zusammenhang
mit einem Einbruchdiebstahl am 10. Januar 2004 wegen Diebstahl, Sachbeschä-
digung und Fahren in fahrunfähigem Zustand zu einer bedingten Gefängnisstrafe
von drei Monaten verurteilt (beigezogene Akten der Bezirksanwaltschaft Zürich,
2004 / 638, Urk. 16). Mit Strafbefehl vom 16. Oktober 2008 wurde er wegen Fah-
ren in fahrunfähigem Zustand und einfacher Verletzung von Verkehrsregeln durch
Nichtbeherrschen des Fahrzeugs, begangen am 30. Juli 2005, zu einer unbedingt
ausgesprochenen Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 110.– verurteilt (beige-
zogene Akten der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich, 2007 / 764, Urk.
HD 15).
- 17 -
Das Gutachten der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 24. März 2011
ergab einen Missbrauch von Alkohol und Kokain sowie Merkmale einer dissozia-
len Persönlichkeitsstörung, die jedoch keinen Krankheitswert erreichen (Urk. HD
13/8 S. 51 ff. und S. 64 Antwort 1).
Soweit sich aus den hier auszugsweise wiedergegebenen persönlichen Faktoren
etwas für die Strafzumessung ergibt, wird zu gegebener Zeit darauf eingegangen.
6. Da es sich bei Art. 134 StGB (Angriff) um ein Gefährdungsdelikt handelt und
die Verletzungsfolge blosse Strafbarkeitsbedingung ist, die nicht dem Handeln ei-
nes einzelnen Täters zugerechnet werden kann, ist die Schwere der Verletzung
bei der Strafzumessung nicht zu berücksichtigen (vgl. Aebersold, BSK StGB II,
Art. 133 StGB N 1). Die Beteiligung an Faustschlägen und Fusstritten gegen eine
wehrlos am Boden liegende Person stellt jedoch unabhängig vom genauen Tat-
beitrag und der Verletzungsfolge eine schwerwiegende Tat dar, was aus der
Strafandrohung zum Ausdruck kommt, die namentlich über das bei einer einfa-
chen Körperverletzung im Raum stehende Strafmass hinausgeht.
Der vorliegende Sachverhalt zeichnet sich dadurch aus, dass der Vorfall gezielt
herbeigeführt wurde, woran der Beschuldigte, wie oben erstellt wurde, massge-
blich beteiligt war, indem er im öffentlichen Raum vor einem Nachtlokal eine ihm
unbekannte Frau bedrängte, um deren Begleiter zu einer Reaktion zu provozieren
und so einen Vorwand für eine Schlägerei zu schaffen, wobei von der anderen
Seite keine aktive Gegenwehr erfolgte, so dass ein Angriff i.S. von Art. 134 StGB
und kein Raufhandel i.S. von Art. 133 StGB vorliegt. Hinweise auf eine Ein-
schränkung der Schuldfähigkeit liegen nicht vor (vgl. Urk. HD 13/8 S. 65 Antwort
2).
Das Tatverschulden des Beschuldigten ist im Einklang mit der Vorinstanz (Urk.
HD 59 S. 54) als keineswegs leicht zu bezeichnen, was unter Berücksichtigung
des zur Verfügung stehenden Strafrahmens einer Einsatzstrafe zwischen neun
Monaten und einem Jahr entspricht.
- 18 -
7. Der Beschuldigte bedrohte den Türsteher B._ nicht bloss verbal, son-
dern unmittelbar mit einer durchgeladenen Waffe. Dass die Bedrohungssituation
nicht lange andauerte, wie die Vorinstanz anmerkt (Urk. HD 59 S. 54), trifft zwar
grundsätzlich zu, ist aber auch darauf zurückzuführen, dass sich B._ umge-
hend zurückzog, und wirkt sich daher nur marginal auf das Tatverschulden aus.
Der Umstand, dass der Beschuldigte seinen Finger nicht am Abzug hielt, vermin-
derte zwar die Gefahr einer versehentlichen Schussauslösung, so dass keine
unmittelbare Lebensgefahr vorlag, änderte jedoch nichts an der Realität der Dro-
hung für den Bedrohten und wirkt sich daher nicht auf die objektive Tatschwere
der Drohung aus. Durch den Freispruch vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens
vergrössert sich das mit der Drohung verbundene Tatverschulden im Vergleich
zum Urteil der Vorinstanz, weil keine Konsumation des Unrechtsgehalts zwischen
diesen beiden Delikten stattfindet. Unter Berücksichtigung aller Umstände ist von
einem objektiven Verschulden im mittleren Bereich auszugehen.
Dass sich der Beschuldigte bedroht fühlte und sein Verhalten einen defensiven
Charakter hatte, findet im Beweismaterial keine Grundlage und wurde von der Vo-
rinstanz zurecht als Schutzbehauptung betrachtet (Urk. HD 59 S. 23 und S. 25
ff.). Hingegen ist die aktenkundige Vorgeschichte, nämlich dass es am 11. Januar
2009 bereits einmal zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen dem Be-
schuldigten und dem Privatkläger B._ gekommen war (vgl. Urk. HD 15/1-9),
insofern verschuldensmindernd zu berücksichtigen, als dadurch die Hemm-
schwelle für eine Eskalation herabgesetzt war.
In subjektiver Sicht ist weiter die im chemisch-toxikologischen Gutachten festge-
stellte Blutalkoholkonzentration von 1.29 bis 1.85 Promille zu berücksichtigen
(Urk. HD 11/4). Der Beschuldigte berichtet überdies von regelmässigem Kokain-
konsum und erwähnt die Einnahme von Testosteron zum Muskelaufbau, was sich
mit gelegentlichen Angstzuständen ausgewirkt habe - laut dem psychiatrischen
Gutachten eine mögliche Nebenfolge einer solchen Anwendung (Urk. HD 13/8
S. 57). Das psychiatrische Gutachten hat daraus auf eine mittelgradige Beein-
trächtigung der Schuldfähigkeit zur Tatzeit geschlossen (Urk. HD 13/8 S. 64 ff.
- 19 -
A. 2.2), was nachvollziehbar erscheint und mit der Vorinstanz zu übernehmen ist
(vgl. Urk. HD 59 S. 51).
Das entspricht einem leichten subjektiven Tatverschulden, was das objektive Tat-
verschulden deutlich relativiert und zu einer gesamthaften Bewertung des objekti-
ven und subjektiven Tatverschuldens als noch leicht führt. Das damit verbundene
Vergehen gegen das Waffengesetz fällt daneben verschuldensmässig nicht nen-
nenswert ins Gewicht, ist aber dennoch abzugelten.
Hinsichtlich der Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz wies die
Vorinstanz zurecht darauf hin, dass diese nicht zu bagatellisieren sind (Urk. HD
59 S. 55). Das gilt insbesondere für das Fahren in fahrunfähigem Zustand, was
als einzige dieser Widerhandlungen keine Übertretung ist und damit in die Bildung
der Gesamtstrafe einfliesst. An dieser Wertung vermag der vom Beschuldigten
anlässlich der Berufungsverhandlungen vorgebrachte Rechtfertigungsversuch
(Urk. HD 77 S. 11) nichts zu ändern. In seinem damaligen berauschten Zustand
ging vom Beschuldigten als Fahrzeuglenker eine erhebliche abstrakte Gefahr aus,
die sich nicht in der konkret eingetretenen Unfallfolge erschöpfte. Zugunsten des
Beschuldigten muss jedoch angenommen werden, dass seine Fahrt auch dann
nicht viel länger gedauert hätte, wenn sie nicht an einem Inselschutzpfosten ein
vorzeitiges Ende gefunden hätte. Die Vorinstanz siedelte das damit verbundene
Tatverschulden zurecht noch im unteren Bereich an (Urk. HD 59 S. 55).
8. Der Beschuldigte wurde von seinen Eltern während der Primarschulzeit von
J._ in die Schweiz gebracht, was grundsätzlich ein schwieriger Moment für
einen solchen Wechsel der Sprache und des Kulturkreises ist und eine bessere
schulische Karriere verhindert haben dürfte. Der Abschluss einer Lehre als Elekt-
roinstallateur und die anschliessende längere Beschäftigung beim gleichen Ar-
beitgeber sprechen jedoch grundsätzlich für eine erfolgreich verlaufene Integrati-
on.
Diese erschwerten Startbedingungen spiegeln sich im nicht unbefleckten Vorstra-
fenregister des Beschuldigten (Urk. HD 62) und relativieren dessen straferhöhen-
de Auswirkung. Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Vorstrafen in Bezug auf
- 20 -
die Delikte des Angriffs, der Drohung und des Vergehens gegen das Waffenge-
setz nicht einschlägig sind. Die Vorstrafen führen dennoch zu einer Straferhö-
hung.
Das Nachtatverhalten des Beschuldigten wirkt sich im Ergebnis nicht auf die
Strafzumessung aus. Seinem grundsätzlich korrekten und kooperativen Verhalten
im Strafverfahren steht der Umstand gegenüber, dass er während laufender Stra-
funtersuchung delinquierte (Urk. HD 59 S. 52 ff.). Das Verfahren dauerte entge-
gen der Auffassung der Verteidigung (Urk. HD 78 S. 10 Rz. 41) nicht unangemes-
sen lang, so dass die Strafe deswegen nicht zu reduzieren ist.
9. Die Einsatzstrafe wegen Angriffs ist unter Berücksichtigung des Asperati-
onsprinzips und der Täterpersönlichkeit in der selben Grössenordnung zu erhö-
hen. Der Beschuldigte ist demnach mit einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten zu
bestrafen. Daran ist die erstandene Haft anzurechnen.
10. Das Tatverschulden im Zusammenhang mit der Hinderung einer Amtshand-
lung siedelte die Vorinstanz zurecht im unteren Bereich an. Unter Berücksichti-
gung der persönlichen Faktoren, für deren Wiedergabe und Würdigung auf die
obige Darstellung verwiesen wird, erscheint das von der Vorinstanz verhängte
Strafmass von 10 Tagessätzen angemessen. Die von der Vorinstanz festgesetzte
Tagessatzhöhe von Fr. 10.– trägt den finanziellen Verhältnissen des Beschuldig-
ten in der Haft Rechnung und ist auch wegen des Verschlechterungsverbots ohne
Weiteres zu bestätigen.
11. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten für die Übertretungen des Be-
täubungsmittelgesetzes und des Strassenverkehrsgesetzes, für die er rechtskräf-
tig verurteilt wurde, mit einer Busse von Fr. 1'000.–. Die Vorinstanz hat das damit
verbundene Tatverschulden zutreffend gewürdigt und auch seinen angespannten
finanziellen Verhältnissen Rechnung getragen (Urk. HD 59 S. 58). Die Höhe der
Busse, die im Übrigen nicht beanstandet wurde, ist daher zu bestätigen.
Die für den Fall der Nichtbezahlung angedrohte Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Ta-
gen ist ebenfalls zu bestätigen. Dazu ist allerdings anzumerken, dass die Festset-
- 21 -
zung der Ersatzfreiheitsstrafe ausgehend von einem pauschalen Umwandlungs-
betrag von Fr. 100.00 pro Tag, obwohl bei der Festsetzung des Tagessatzes auf-
grund der schlechten finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten - die bei der
Bemessung der Busse ebenfalls von Bedeutung sind - von einem Betrag von
Fr. 10.– ausgegangen wurde, seinem Tatverschulden nicht gerecht wird. Das
Verschlechterungsverbot steht einer Anpassung nach oben jedoch entgegen.
IV.
1. Aus den beiden Vorstrafen des Beschuldigten - eine bedingte Freiheitsstrafe
von drei Monaten aus dem Jahr 2004 und eine unbedingte Geldstrafe von 15 Ta-
gessätzen zu Fr. 110.– gemäss Strafbefehl vom 16. Oktober 2008 -, die ihn - wie
Figura zeigt - nicht von der Begehung weiterer Delikte abhielten sowie aus der
Einstufung seiner Rückfallgefahr als hoch im psychiatrischen Gutachten der Psy-
chiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 24. März 2011 (Urk. HD 13/8) schloss
die Vorinstanz auf eine ungünstige Legalprognose und verweigerte dem Beschul-
digten den bedingten Strafvollzug (Urk. HD 59 S. 59).
2. Die gewichtigere der beiden Vorstrafen, die auf einen Einbruchdiebstahl zu-
rück geht, stammt aus dem Jahr 2004, so dass sich daraus angesichts des Zeit-
ablaufs und der anders gelagerten Delikte, die heute im Vordergrund stehen (An-
griff und Drohung), in Bezug auf die Legalprognose nicht allzu viel ableiten lässt.
Diese Erfahrung hielt ihn jedoch nicht von der Begehung anderer Delikte ab. Mit
Blick auf das psychiatrische Gutachten, das die Rückfallgefahr des Beschuldigten
als hoch einschätzt (Urk. HD 13/8 S. 65 A. 3.1), ist die negative Prognose der Vo-
rinstanz jedenfalls berechtigt. Die Verweigerung des bedingten Strafvollzugs
durch die Vorinstanz ist demnach zu bestätigen.
3. Die Rückfallgefahr des Beschuldigten führte das Gutachten auf seine disso-
ziale Persönlichkeit und auf seinen missbräuchlichen Konsum von Alkohol und
Kokain zurück, was beides behandelbar sei, wodurch sich das Rückfallrisiko deut-
lich reduzieren lasse (vgl. Urk. HD 13/8 S. 66 ff. A. 4.2). Gestützt auf diesen Be-
fund ordnete die Vorinstanz eine ambulante Massnahme zur Suchtbehandlung
- 22 -
i.S. von Art. 63 StGB an, die während des Strafvollzugs durchzuführen sei (Urk.
HD 59 S. 59 ff.). Diese Anordnung wurde nicht angefochten und ist rechtskräftig
geworden.
Da die erfolgreiche Behandlung seiner Störung die Voraussetzung für eine Ver-
besserung der Legalprognose bildet, stellt weder der Aufschub der Strafe zuguns-
ten der Durchführung der Massnahme noch die Erteilung einer Weisung bei
gleichzeitiger Gewährung des bedingten Strafvollzugs eine taugliche Alternative
dar. Angesichts der (wegen der Anrechnung der erstandenen Haft) bevorstehen-
den Entlassung aus dem Strafvollzug ist festzuhalten, dass die ambulante Mass-
nahme grundsätzlich damit nicht endet, sondern darüber hinaus fortdauert (Art. 63
Abs. 4 StGB).
V.
Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens freigesprochen
und das Strafmass wird gesenkt. Die übrigen Punkte des vorinstanzlichen Urteils
bleiben unverändert. Bei diesem Ausgang sind die Kosten des Berufungsverfah-
rens zu drei Vierteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und im Übrigen auf die Ge-
richtskasse zu nehmen. Die vorinstanzliche Kostenauflage ist zu bestätigen, wo-
bei die Kosten der amtlichen Verteidigung auf die Gerichtskasse zu nehmen sind
(Art. 426 Abs. 1 StPO).
Da der Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird, deren Dauer die er-
standene Haft übersteigt, besteht von vornherein kein Anspruch auf eine Ent-
schädigung oder Genugtuung. Bei dem vorerwähnten Ausgang des Verfahrens ist
dem Beschuldigten jedoch eine reduzierte Prozessentschädigung für das Beru-
fungsverfahren zuzusprechen. Diese ist - ausgehend von den vom Beschuldigten
geltend gemachten Anwaltskosten (Urk. HD 39 S. 10 Rz. 42; Urk. HD 78 S. 12
Rz. 50) - auf Fr. 1'500.– festzusetzen.
- 23 -