# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 546660a1-d561-44a2-8a6e-2eb0ffab512e
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend mehrfache versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 21. August 2013 (DG120415)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom 14. Dezember
2012 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 56/2).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- der mehrfach versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB;
- des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB;
- des Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1
lit. a WG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 WG;
- des Fahrens im fahrunfähigen Zustand gemäss Art. 91 Abs. 1 Satz 2
SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG, Art. 55 Abs. 6 SVG und
Art. 2 Abs. 1 VRV sowie
- der mehrfachen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Ziff. 1 aSVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG sowie in
Verbindung mit Art. 42 Abs. 1 SVG und Art. 33 lit. b VRV.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 3 Jahren und 4 Monaten Freiheitsstrafe
als teilweise Zusatzstrafe zum Urteil des Kreisgerichtes VIII Bern-Laupen
vom 17. März 2010, wovon 79 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Busse von CHF 300.
5. Die Busse ist zu bezahlen.
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6. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
7. Der Privatkläger B._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ CHF 1'000
zuzüglich Zins zu 5% seit dem 29. September 2008 als Genugtuung zu be-
zahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
9. Die nachfolgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis
vom 13. August 2010 beschlagnahmten Gegenstände des Beschuldigten
(HD 9/1) werden eingezogen und der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen:
- 1 Unterhebelrepetiergewehr, Marke "Winchester", Model "9422 XTR".
Nr. ..., Kaliber .22 S-L-L.R., mit montiertem Zielfernrohr (A...)
- 1 Magazinröhre zu Unterhebelrepetiergewehr "Winchester" (A...)
- Munition (11 Patronen) (A...)
10. Die nachfolgenden sichergestellten Kleidungsstücke und Gegenstände des
Beschuldigten werden beschlagnahmt und dem Beschuldigten nach Eintritt
der Rechtskraft dieses Urteils innert Frist von drei Monaten auf erstes Ver-
langen herausgegeben:
- 1 Jeanshose, blau
- 1 Hemd schwarz
- 1 Hemd weiss
- 1 T-Shirt grau
- 1 Paar Turnschuhe weiss
- 1 Jeans weiss
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- 1 Kapuzenjacke grau
- 4 CD
- 1 SIM Karte aus Aktenkoffer
- 11 Karten zu SIM
- 9 SIM Karten aus Nachttisch
- 6 Speicherkarten aus Nachttisch
- 1 Couvert mit Rechnungsunterlagen aus Nachttisch.
Nach ungenutztem Ablauf der Frist werden die Kleidungsstücke und Gegen-
stände der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
11. Der sichergestellte Metallschlagstock des Beschuldigten wird beschlag-
nahmt und der Lagerbehörde nach Eintritt der Rechtskraft zur Vernichtung
überlassen.
12. Die nachfolgenden sichergestellten Gegenstände des Beschuldigten werden
beschlagnahmt und durch die Kasse des Bezirksgerichts Zürich verwertet.
Der Verwertungserlös wird zur Verfahrenskostendeckung verwendet.:
- 1 Natel Nokia
- 1 schwarze Tasche mit Laptop.
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13. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 816.65 Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 8'004.80 Kosten Untersuchung
Fr. 1'500.00 Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 11'500.00 amtliche Verteidigung (bereits bezahlt)
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Fr. unentgeltliche Verbeiständung (ausstehend)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
14. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten
auferlegt.
15. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO. Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird separat
entschieden.
16. Die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft
werden auf die Staatkasse genommen. Über die Höhe der Kosten wird se-
parat entschieden.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 108 S. 1)
1. Es sei Ziffer 1 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Zürich,
9. Abteilung, vom 21. August 2013 teilweise aufzuheben und es sei der
Beschuldigte der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung
freizusprechen. Im Übrigen seien die Schuldsprüche zu bestätigen.
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2. Der Beschuldigte sei in Abänderung von Urteilsdispositiv-Ziffer 2 mit
einer Freiheitsstrafe von maximal 12 Monaten als Zusatzstrafe zu Ih-
rem Urteil vom 20. Dezember 2013 (SB130213) und zum Urteil des
Kreisgerichtes VIII Bern-Laupen vom 17.03.2010 zu bestrafen, wovon
79 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Urteilsdispositiv-Ziffern 7 und 8 seien aufzuheben und es sei stattdes-
sen auf die Schadenersatz- sowie Genugtuungsbegehren des Privat-
klägers B._ nicht einzutreten.
4. Die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens (inklusive Kosten der
amtlichen Verteidigung) seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu
nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis:
(schriftlich, Urk. 93)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Des Vertreters des Privatklägers:
(schriftlich, Urk. 96)
Verweis auf die Anträge vor Vorinstanz.
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## Considerations

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richts Zürich, 9. Abteilung, vom 21. August 2013 meldete der Beschuldigte noch
am selben Tag und damit rechtzeitig Berufung gemäss Art. 399 Abs. 1 StPO an
(Urk. 77). Das begründete Urteil der Vorinstanz wurde dem Verteidiger am
18. September 2013 zugestellt (Urk. 82/2). Innerhalb der gesetzlichen Frist nach
Art. 399 Abs. 3 StPO liess der Beschuldigte seine Berufungserklärung vom
6. Oktober 2013 einreichen (Urk. 87). Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis ver-
zichtete innert der ihr angesetzten Frist gemäss Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO mit
Eingabe vom 13. November 2013 auf Anschlussberufung und beantragte die Be-
stätigung des erstinstanzlichen Urteils (Urk. 93). Der Privatkläger liess sich innert
Frist zur Erklärung der Anschlussberufung nicht.
1.2. Nachdem die Berufungsverhandlung auf den 28. März 2014 angesetzt
worden war, wurde das Berufungsverfahren mit Beschluss vom 4. März 2014 bis
zur rechtskräftigen Erledigung eines anderen gegen den Beschuldigten an der
hiesigen Kammer anhängigen Verfahrens (vgl. SB130213) sistiert und den Par-
teien die Vorladung für die Berufungsverhandlung vom 28. März 2014 abgenom-
men (Urk. 97). Nach Wiederaufnahme des Verfahrens wurden die Parteien zur
Berufungsverhandlung am 20. März 2015 vorgeladen (Urk. 95). Überdies wurde
ein aktueller Strafregisterauszug des Beschuldigten beigezogen (Urk. 100).
1.3. Das vorliegende Urteil erging im Anschluss an die Berufungsverhandlung,
zu welcher der Beschuldigte persönlich sowie sein amtlicher Verteidiger, Rechts-
anwalt lic. iur. X._, erschienen sind (Prot. II S. 5). Die Staatsanwaltschaft
Limmattal/Albis wurde von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung dispen-
siert (Urk. 93).
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2. Umfang der Berufung
2.1. Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen den vorinstanzlichen
Schuldspruch betreffend mehrfache versuchte schwere Körperverletzung (Dispo-
sitivziffer 1 Punkt 1), gegen die Strafe (Dispositivziffer 2) sowie gegen den vor-
instanzlichen Entscheid hinsichtlich der Zivilansprüche des Privatklägers (Disposi-
tivziffern 7 und 8). Im Übrigen hat der Beschuldigte das Urteil des Bezirksgerichts
Zürich anerkannt (Urk. 87 S. 1 f.; Urk. 108 S. 1). Damit wurde die Berufung teil-
weise beschränkt (Art. 399 Abs. 4 StPO).
2.2. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechts-
kraft des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Wird die
Strafe angefochten, so erwächst der Entscheid über den Vollzug der Strafe nicht
selbständig in Rechtskraft (HUG/SCHEIDEGGER in: Donatsch/ Hansjakob/ Lieber
[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. A. 2014, N 20
zu Art. 399; ebenso SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskom-
mentar, 2. A. 2013, N 19 zu Art. 399).
2.3. Nachdem die Schuldsprüche betreffend Raufhandel, Vergehen gegen das
Waffengesetz, Fahren im fahrunfähigen Zustand und mehrfache einfache Verlet-
zung der Verkehrsregeln (Dispositivziffer 1 Punkt 2 - 5) und damit einhergehend
die Bestrafung für die Übertretungen des Strassenverkehrsgesetzes (Dispositivzif-
fern 4-6) sowie die Regelungen betreffend die beschlagnahmten und sicherge-
stellten Gegenstände (Dispositivziffern 9-12) und das Kostendispositiv (Disposi-
tivziffern 13-16) unangefochten blieben, ist mittels Beschluss festzustellen, dass
das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in Rechtskraft erwachsen ist.
3. Sachverhalt
3.1. Der eingeklagte Sachverhalt ergibt sich aus der Anklageschrift vom
14. Dezember 2012 (Urk. HD 56/2 Ziff. 1.2 S. 2 ff.) und aus der Zusammenfas-
sung im vorinstanzlichen Urteil (Urk. 86 S. 11 ff.), worauf gestützt auf Art. 82
Abs. 4 StPO verwiesen werden kann.
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3.2. Der Beschuldigte bestreitet auch im Berufungsverfahren den Anklagesach-
verhalt im Zusammenhang mit dem Vorwurf der mehrfachen versuchten schwe-
ren Körperverletzung. So sei er davon ausgegangen, im Gewehr befinde sich eine
einzige Platzpatrone, weshalb er nie bedacht habe, mit dem Gewehr jemanden
überhaupt ernstlich verletzen oder gar töten zu können. Entsprechend bestreitet
der Beschuldigte, vorsätzlich oder auch nur eventualvorsätzlich gehandelt zu ha-
ben. Überdies bestreitet der Beschuldigte die Beweiswürdigung der Vorinstanz,
insbesondere was die angeblich durch ihn vorgenommene Ladebewegung und
die zweite Schussabgabe angeht (Urk. 87 S. 2; Urk. 108 S. 2 ff.).
3.3. Es ist somit zu prüfen, ob sich der im Berufungsverfahren zu beurteilende
Anklagesachverhalt anhand der vorhandenen Beweismittel erstellen lässt. Die
Vorinstanz hat das Vorgehen und die allgemeinen Beweiswürdigungsregeln aus-
führlich und korrekt dargelegt (Urk. 86 S. 15-18), um Wiederholungen zu vermei-
den, kann darauf verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.4. Mit der Vorinstanz ist der Sachverhalt, soweit es die der tätlichen Ausei-
nandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Tamilengruppen vorange-
henden Umstände angeht (Anklageschrift Ziff. 1.2; Urk. 56/2 S. 3 f.), aufgrund der
verschiedenen Aussagen der Beteiligten und der Zugaben des Beschuldigten (so
unter anderem in den Schlusseinvernahmen, Urk. HD 3/6 und 7) als erstellt anzu-
sehen. Weiter anerkennt der Beschuldigte auch den Sachverhalt gemäss Ankla-
geschrift Ziff. 1.2 Abs. 1 (Urk. 56/2 S. 4): So habe er, nachdem zwei Personen mit
Eisenstangen auf ihn zukamen und ihn mit einer Stange am Arm leicht verletzten,
dann aber sogleich von ihm abliessen und sich entfernten, das zuvor geladene
Gewehr aus dem Fahrzeug behändigt, worauf es zu einem Handgemenge ge-
kommen sei, da die anderen Personen der Gruppe von B._ (genannt
C._) sogleich versucht hätten, ihm das Gewehr zu entreissen, wogegen er
sich heftig gewehrt habe, indem er es mit der einen Hand am Holzgriff und mit der
andern Hand am Lauf festgehalten habe (Urk. HD 3/5 S. 2 f.).
Fraglich bleibt, wer den ersten Schuss auslöste, ob dadurch D._ am Kopf
verletzt wurde (Streifschuss), wer eine Repetierbewegung vornahm, durch welche
das Gewehr erneut schussbereit geladen wurde und wer schliesslich den zweiten
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Schuss auslöste, welcher den Oberarm des Privatklägers B._ traf (Durch-
schuss). Nebst der Erstellung dieses äusseren Sachverhalts ist sodann auch der
innere Sachverhalt zu prüfen, bestritt der Beschuldigte doch bereits während der
Untersuchung, aber auch vor Vorinstanz konstant, um die Verletzungsgefahr, die
von seinem Gewehr ausging, gewusst zu haben.
3.5. Äusserer Sachverhalt
Was die erste Schussabgabe angeht, so gab der Beschuldigte zwar wiederholt zu
Protokoll, keinen Schuss bemerkt zu haben (Urk. HD 3/1 S. 9 f., Urk. HD 3/4
S. 13, Urk. HD 3/5 S. 3 f.), gleichzeitig gab er aber auch an, wesentlich alkoholi-
siert gewesen zu sein (Urk. HD 3/1 S. 11, Urk. HD 3/4 S. 7, Urk. HD 3/7 S. 5) und
schloss entsprechend auf Befragen nicht aus, den Schuss ausgelöst zu haben
(Urk. HD 3/3 S. 4, Urk. HD 3/4 S. 14 f., Urk. HD 3/5 S. 4, Urk. HD 3/7 S. 8). Dem-
gegenüber schilderte der Geschädigte D._ plastisch und nachvollziehbar,
wie er sofort auf die Person, die eine Waffe in den Händen gehalten habe, zuge-
gangen sei, um ihm das Gewehr wegzunehmen. Er habe es mit beiden Händen
gehalten, es sei alles viel zu schnell gegangen. Er (D._) habe verhindern
wollen, dass er auf jemanden schiessen könne. In diesem Moment habe er
(D._) seinen Fuss auf dem Trittbrett des Fahrzeugs gehabt. Als ihm das Bein
vom Trittbrett geschlagen worden sei, habe er ein wenig das Gleichgewicht verlo-
ren und sich ausbalancieren müssen. In diesem Moment habe der Mann ge-
schossen und eine Kugel habe ihn (D._) oberhalb des linken Auges gestreift.
Der Gewehrlauf habe sich dabei auf Augenhöhe, ca. 10 cm neben seinem Auge
befunden. Als er abgedrückt habe, habe es so eine Art kleine Steine aus dem
Lauf geschossen und es habe sich Rauch entfacht. Der Schütze habe dem Mann
im Wagen zugerufen "gib mir, gib mir". Plötzlich sei ein zweiter Schuss, Richtung
Himmel, losgegangen. Ob der Mann zwischen den Schüssen am Gewehr mani-
puliert habe, habe er nicht wahrgenommen (Urk. HD 5/1 S. 7 f. und S. 12, Urk.
HD 6/4). Auch der zur Gruppe des Beschuldigten gehörende E._, welcher
sich während der gesamten Auseinandersetzung im Fahrzeug von F._ auf
dem mittleren Rücksitz und damit in nächster Nähe des Beschuldigten befand, er-
klärte im Rahmen seiner Einvernahmen konstant und widerspruchsfrei, der Be-
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schuldigte habe zwei- oder dreimal geschossen, wobei er aber keine Details
schildern konnte bzw. die Schussabgabe lediglich hörte aber nicht sah, wie genau
der Beschuldigte die Waffe hielt oder wohin er zielte (Urk. HD 4/10 S. 12 und 14,
Urk. HD 4/26 S. 3). Grundsätzlich bestätigt auch G._ den Ereignisablauf
(wiedergegeben im angefochtenen Urteil, Urk. 86 S. 20 f.), wobei jedoch seine
Aussagen generell mit Vorsicht zu würdigen sind, zeigte sich darin doch wieder-
holt ein deutlicher Hang zu Übertreibung und Ausschmückung (so sinngemäss
auch die Staatsanwaltschaft, vgl. Urk. 70 S. 7 f.). Die weiteren Befragten konnten
hierzu keine brauchbaren Angaben machen.
Insgesamt kann aufgrund der oben wiedergegebenen Schilderungen kein Zweifel
daran herrschen, dass der Beschuldigte – allenfalls aufgrund des Gerangels mit
D._ – den ersten Schuss ausgelöst hat. Er hatte die Waffe ununterbrochen in
den Händen und bis zu jenem Zeitpunkt auch als einziger die Hände an den Be-
dienelementen. Für die Schussabgabe durch den Beschuldigten sprechen im Üb-
rigen auch der Vorbericht Schusswaffen des Wissenschaftlichen Dienstes der
Stadtpolizei Zürich vom 30. Oktober 2008, welcher Schmauchspuren an den Klei-
dern des Beschuldigten nachweisen konnte (Urk. HD 7/2 S. 9) sowie der DNA-
Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich vom
26. November 2008 (Nachweis von DNA [einzig] des Beschuldigten an den Be-
dienelementen des Gewehrs, Urk. HD 7/4 S. 3). Ebenso wenig erscheint zweifel-
haft, dass die Verletzung von D._ (Streifschuss oberhalb des linken Auges,
vgl. Urk. HD 10/9) durch diesen Schuss hervorgerufen wurde. Wie die Spurensi-
cherung vor Ort ergeben hat, wurde mit dem ersten Schuss eine Schrotpatrone
verschossen (die leere Schrothülse wurde innerhalb des Fahrzeugs aufgefunden,
wohin sie offenbar aufgrund des Repetiervorgangs befördert worden war, Urk. HD
7/1 und Urk. HD 7/2 S. 8). Die Schilderung von D._ beschreibt dies eindrück-
lich und äusserst glaubhaft (vgl. auch die Vorinstanz, Urk. 86 S. 24).
Was die Abgabe eines zweiten Schusses (nunmehr mit einem Kugelprojektil) an-
geht, so konnte der Beschuldigte auch hier – damit konfrontiert, dass zwei leere
Patronenhülsen die zweifache Schussabgabe quasi belegen – nicht ausschlies-
sen, diesen ausgelöst zu haben, obwohl er sich auch da noch überzeugt zeigte,
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dass sich nur ein Schuss gelöst haben kann, da er nur eine Patrone geladen hatte
(Urk. HD 3/3 S. 4, Urk. HD 3/4 S. 13 f., Urk. HD 3/5 S. 4, Urk. HD 3/6 S. 2 f.; vgl.
hierzu auch die nachfolgenden Erwägungen zum inneren Sachverhalt). Auch
E._ und D._ haben – wie oben bereits dargestellt – erklärt, der Beschul-
digte habe mehrfach geschossen. Auf Nachfrage konnte allerdings niemand be-
stätigen, konkret gesehen zu habe, wie bzw. durch wen der Abzug gedrückt wor-
den war. Wie noch zu zeigen sein wird, kann die Frage, wer im Gerangel (nebst
D._ griffen offenbar auch noch der Privatkläger B._ und H._, ge-
nannt H'._, ins Gewehr, um dieses dem Beschuldigten zu entreissen) den
Schuss auslöste, letztlich offen bleiben, da jedenfalls nicht von einer vorsätzlichen
Handlung auszugehen ist (vgl. die nachfolgenden Ausführungen zum inneren
Sachverhalt und zur rechtlichen Würdigung). Immerhin deutet aufgrund der diver-
sen Schilderungen der an der Auseinandersetzung beteiligten Personen und der
DNA-Auswertung der Spuren ab dem Gewehr alles darauf hin, dass auch der
zweiten Schuss durch den Beschuldigten ausgelöst wurde. Gleichwohl ist der
Verteidigung recht zu geben, wonach der Umstand, dass keine DNA-Spuren wei-
terer Beteiligter am Gewehr und dessen Bedienungselementen festgestellt wer-
den konnten, noch nicht den Umkehrschluss beweist, dass der Beschuldigte den
zweiten Schuss abgegeben hat, zumal nachweislich mindestens drei Personen
neben dem Beschuldigten das Gewehr angefasst haben. Dass die Verletzung des
Privatklägers B._ durch besagten zweiten Schuss verursacht wurde, wird
soweit ersichtlich – zu Recht – von keiner Seite in Frage gestellt. Was das Aus-
mass der Verletzung angeht, kann auf die entsprechenden medizinischen Unter-
lagen (Urk. HD 10/11) verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
Was schliesslich die zwingend zwischen den beiden Schüssen vorzunehmende
Repetierbewegung, aufgrund welcher eine neue Patrone aus der Magazinröhre in
den Lauf geschoben und das Gewehr so wieder scharf gemacht wurde, angeht,
so kann auch hier aufgrund der diesbezüglich ungenauen Aussagen nicht restlich
geklärt werden, wer dafür verantwortlich ist. Nicht nur geschah die Handlung mit-
ten im Kampf um die Herrschaft über das Gewehr. Hinzu kommt, dass – nebst
dem Beschuldigten selbst – die Mehrzahl der Beteiligten ebenfalls beträchtlich al-
koholisiert gewesen sein dürfte (so jedenfalls D._, Urk. HD 10/4 und der Pri-
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vatkläger B._, Urk. HD 5/3 S. 5), weshalb insgesamt nicht ausgeschlossen
werden kann, dass ein Dritter beim Versuch, dem Beschuldigten das Gewehr zu
entreissen, in den Repetierhebel griff und versehentlich daran zog (D._ und
B._ schlossen denn auch lediglich aus, ans Holz des Gewehrschafts gegrif-
fen zu haben, können sich aber daran erinnern, das Gewehr an den Metallteilen
gepackt zu haben, Urk. HD 6/4 S. 4 und Urk. HD 5/3 S. 11). Letztendlich kann
aber auch dieser Umstand offen bleiben, da – wie noch zu zeigen sein wird – da-
von auszugehen ist, dass der Beschuldigte nicht wusste, dass sein Gewehr zur
mehrfachen Schussabgabe (Mehrlader) in der Lage und überdies das Magazin
voll geladen war.
3.6. Innerer Sachverhalt
3.6.1. Was der Täter wusste, wollte, oder in Kauf nahm, gehört zum Inhalt des
subjektiven Tatbestandes. Seine Feststellung ist jedoch Bestandteil der Sachver-
haltsabklärung. Es geht dabei um einen inneren Vorgang, auf den nur anhand ei-
ner eingehenden Würdigung des äusseren Täterverhaltens sowie allenfalls weite-
rer Umstände geschlossen werden kann. Es sind somit die äusseren Tatumstän-
de, welche die Feststellung erlauben, der Täter habe den Erfolg gewollt oder in
Kauf genommen.
3.6.2. Die Staatsanwaltschaft – wie auch die Vorinstanz (Urk. 86 S. 26 ff.) – legt
dem Beschuldigten eventualvorsätzliches Verhalten zur Last: Indem er während
laufender tätlicher Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Gruppierun-
gen das zuvor schussbereit gemachte Gewehr hervor genommen, in der Folge
mit den anderen Personen um das ungesicherte Gewehr gerungen, den Abzug
gedrückt, eine Repetierbewegung vorgenommen oder die Vornahme einer sol-
chen zumindest erkannt und den Abzug erneut gedrückt habe, habe er in Kauf
genommen, die Geschädigten und andere, sich in der Umgebung aufhaltende
Personen zu treffen und ihnen dadurch schwere Verletzungen zuzufügen. Er ha-
be zudem keine sichere Kenntnis über Art und Menge der sich im Gewehr befind-
lichen Munition gehabt und zumindest in Kauf genommen, dass es sich um Pro-
jektile, welche schwere Verletzungen eines Menschen herbeiführen könnten, ge-
handelt habe (Urk. 56/2 S. 5).
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3.6.3. Die Verteidigung macht sinngemäss geltend, der Beschuldigte sei davon
ausgegangen, dass es sich bei dem erst am Vortag von privat gekauften Gewehr
um ein Einzellader-Luftgewehr und bei der Munition um harmlose Platzpatronen
gehandelt habe. Dass das Gewehr unterhalb des Laufs über ein – zumal mit
scharfer Munition voll bestücktes – Magazinrohr verfügt habe, mithin zur mehrfa-
chen Schussabgabe fähig gewesen sei (Mehrlader) und dass es sich bei der von
ihm bestückten Patrone um Schrotmunition gehandelt habe, habe er weder ge-
wusst noch in Kauf genommen. Entsprechend habe er auch nicht damit gerech-
net, einer Person durch Schussverletzungen Schaden zufügen zu können
(Urk. 108 S. 7 f.).
3.6.4. Im Rahmen seiner ersten Einvernahme durch die Polizei am 2. Oktober
2008 verneinte der Beschuldigte zunächst, eine Waffe bzw. einen gefährlichen
Gegenstand zu besitzen/besessen zu haben und erwähnte sodann in seiner
Schilderung des anklagegegenständlichen Vorfalles von sich aus, er habe vor Ort
ein altes Luftgewehr aus dem Wagen genommen. Dieses habe er am Samstag,
dem 27. August 2008 [recte 27. September 2008 = Vortag, vgl. Urk. HD 3/4 S. 4],
für Fr. 80.– in Schlieren von einem Schwarzen gekauft, von welchem er schon
einmal einen Schlagstock abgekauft habe und welcher auch mit Drogen deale. Er
habe das Gewehr nach Hause nehmen wollen, er habe sich spontan zum Kauf
entschlossen. Der Verkäufer habe ihm eine Schachtel Platzpatronen mitgegeben,
das habe er jedenfalls so gesagt. Die Patronen hätten jedenfalls vorne kein Pro-
jektil gehabt. Es habe sich um ein Luftgewehr mit Zielfernrohr gehandelt, welches
nur mit einer Patrone pro Mal geladen werden könne. Er habe das Gewehr nicht
im geladenen Zustand gekauft. Während des Kaufs habe er selbst daran manipu-
liert, danach nicht mehr (Urk. HD 3/1 S. 4 und S. 7 ff.).
Auch im Rahmen der gleichentags stattfindenden Hafteinvernahme stellte sich
der Beschuldigte noch auf den Standpunkt, sein Luftgewehr sei nicht geladen ge-
wesen. Er habe es zum Schlagen aus dem Kofferraum genommen. Es sei ein
Luftgewehr gewesen. Bei der Munition habe es sich um Platzpatronen gehandelt.
Die Munition habe sich in seiner Hosentasche befunden, nicht in einem Magazin.
Man führe einzelne Patronen in die Waffe. Wenn man mit diesem Gewehr und
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dieser Munition auf einen Menschen schiesse, gebe es lediglich einen Knall. Es
komme nichts heraus und entsprechend spüre man auch nichts (Urk. HD 3/2 S. 3
und 5).
In der nachfolgenden delegierten Einvernahme vom 29. Oktober 2008 korrigierte
sich der Beschuldigte insoweit als er erklärte, das Luftgewehr bereits aus dem
Kofferraum behändigt zu haben, bevor er ins Fahrzeug gestiegen sei (Urk. HD 3/4
S. 1 und 3; so bereits in seinem Schreiben an die Staatsanwältin vom 7. Oktober
2008, Urk. HD 16/12). Er habe Angst gehabt, dass dort viele Personen sein wür-
den und dass sie (die eigene Gruppe) verschlagen werden könnten. Er habe die
Möglichkeit in Betracht gezogen, dass er den Leuten mit dem Gewehr Angst ma-
chen könnte. Er habe das Gewehr am Vortag in Schlieren gekauft. Er wisse nicht
viel über Waffen, er habe gedacht, es sei ein Luftgewehr mit Platzpatronen. Der
Verkäufer habe ihm einfach Munition mitgegeben, er (der Verkäufer) habe ihm
gesagt, dass es Platzpatronen seien und es habe für ihn (den Beschuldigten) da-
nach ausgesehen. Die Patronen seien in einer Schachtel gewesen. Er habe die
Schachtel nur ein wenig geöffnet. Die Patronen, die er gesehen habe, hätten alle
gleich ausgesehen. Er habe nur einen kurzen Blick in die Schachtel geworfen.
Erst später, als er die Waffe im Auto auf sich gehabt und geladen habe, habe er
die Patronen herausgenommen. Mit Waffen kenne er sich nicht so aus. Von Muni-
tion wisse er ein bisschen, wie eine echte Patrone aussehe und wie ein Platzpat-
rone. Eine echte Patrone habe vorne ein Eisenteil, eine Kugel, die rauskomme.
Die Platzpatrone sei vorne so zusammengedrückt und gehe dann auf. Auf Nach-
frage war dem Beschuldigten sodann nicht bekannt, was eine Schrotpatrone ist.
Auf Beschreibung durch den Einvernehmenden erklärte der Beschuldigte aber,
sein Anwalt habe ihm davon schon erzählt, diese Patronen kenne er nicht. Auf die
Frage, ob er das Gewehr klar als Luftgewehr identifiziert habe, erklärte der Be-
schuldigte, er habe am Anfang nichts über Gewehre gewusst. Sein Anwalt habe
ihm über Luftgewehre erzählt und jetzt wisse er die Unterschiede. Er habe seit
dem Kauf nicht mit der Waffe geschossen, er habe keine Zeit und keinen Platz
gehabt, das auszuprobieren. Auf der Fahrt zur Kalkbreite habe er probiert, das
Gewehr zu laden. Die ersten paar Male sei das nicht gegangen, die Patronen sei-
en immer wieder herausgefallen. Auf Nachfrage erklärte er, man müsse den He-
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bel hinunterstossen, dadurch öffne sich das Gewehr oben und er habe versucht,
eine Patrone hineinzuschieben. Man könne nur eine Patrone in das Rohr schie-
ben. Nach ein paar Malen habe er es geschafft und eine Patrone ins Gewehr ge-
laden (Urk. HD 3/4 S. 4 ff.). Konfrontiert mit einer Fotographie der sichergestellten
Waffe (vgl. Urk. HD 3/4 Anhang letztes Foto) erklärte der Beschuldigte, nicht zu
wissen, was das kleine untere Rohr sei (B: "Ist das dort, wo die Luft raus geht?",
Urk. HD 3/4 S. 8) und erklärte, daran nichts manipuliert zu haben. Auf Vorhalt des
am Tatort vorgefundenen kupferfarbenen Metallteils (Urk. HD 3/4 Anhang vorletz-
tes Foto) erklärte er ebenfalls, nicht zu wissen, was das sei (Urk. HD 3/4 S. 8).
Auf den Vorhalt, E._ belaste ihn, zwei- bis dreimal mit dem Gewehr ge-
schossen zu haben, erklärte der Beschuldigte, von sich aus nicht geschossen und
auch keinen Schuss gehört zu haben. Er habe ja nicht zwei- bis dreimal schies-
sen können, sondern nur einmal, er habe ja nur eine Patrone geladen gehabt
(Urk. HD 3/4 S. 13 f.).
An der nächsten delegierten Einvernahme vom 20. November 2008 legte der Be-
schuldigte nochmals im Einzelnen dar, wie er das Gewehr auf der Fahrt zur Kalk-
breite mit einer Patrone geladen hatte (Urk. HD 3/5 S. 1 f.).
Anlässlich der untersuchungsrichterlichen Einvernahme vom 17. Dezember 2008
anerkannte der Beschuldigte, dass sein Verhalten sehr gefährlich gewesen sei. Er
habe aber nicht gewusst, dass scharfe Munition im Gewehr gewesen sei, habe
sich aber auch nicht vergewissert. Dies sei sein Fehler (Urk. HD 3/6 S. 3). Und
auch anlässlich der (ersten) Schlusseinvernahme vom 2. Oktober 2009 blieb er
dabei, dass er das Gewehr erst am Vortag gekauft habe, weshalb es sich im Kof-
ferraum von F._ befunden habe. Der Verkäufer habe gesagt, es seien Platz-
patronen. Erst später habe er erfahren, dass es Schrotpatronen gewesen seien.
Er habe das beim Kauf nicht gewusst. Er habe nach dem Kauf kurz in die Schach-
tel geschaut und für ihn hätten die Patronen wie Platzpatronen ausgesehen, wes-
halb er davon ausgegangen sei. Er kenne sich mit Waffen und Munition gar nicht
aus, weshalb es auch möglich sei, dass er sich geirrt habe. Er habe die Patronen
niemandem gezeigt, mit niemandem darüber gesprochen und sich nicht erkun-
digt. Er habe auf der Fahrt an die Kalkbreite Munition aus dieser Schachtel ge-
- 17 -
nommen und das Gewehr damit geladen. Er habe den Hebel nach unten gedrückt
und wie ihm der Verkäufer erklärte habe, die Patrone in das Loch gesteckt. Er ha-
be nur eine Patrone eingeführt, welche er aus dieser Packung genommen habe.
Er habe die Patrone nicht genauer angeschaut, bevor er sie eingeführt habe, ha-
be aber gewusst, wie sie ausgesehen habe, weil er ja nach dem Kauf kurz in die
Schachtel geschaut habe. Im Auto sei es dunkel gewesen. Seit dem Erwerb des
Gewehrs bis zu jenem Zeitpunkt habe er das Gewehr nicht genauer untersucht.
Bis sein Anwalt und die Polizei ihm das Gewehr erklärt hätten, habe er nichts von
der Magazinröhre gewusst, die im Gewehr steckte. Er glaube schon, dass es
möglich gewesen wäre, dass sich in dieser Magazinröhre noch andere Munition
befunden habe, er habe dort nicht nachgeschaut. Nachdem er die Patrone in das
Loch gesteckt habe, habe er das Gewehr zugemacht, indem er den Hebel hoch
gezogen habe. Danach habe er nichts mehr am Gewehr manipuliert. Er habe
beim Kauf nicht gewusst, dass es sich um ein richtiges Gewehr gehandelt habe,
er habe gedacht, es sei ein Luftgewehr. Er habe den Leuten damit Angst einjagen
wollen. Er wisse, wie Kugelpatronen aussähen. Die seien vorne rund. Die, die er
heraus genommen habe, seien aber vorne zusammengedrückt gewesen. Er habe
gefühlt, dass die Patrone vorne etwas eckig gewesen sei (Urk. HD 3/7 S. 3 ff.).
Auf Nachfrage, ob er gewusst habe, was er tun müsse, um einen zweiten Schuss
abgeben zu können, erklärte der Beschuldigte, er hätte wieder laden müssen, das
heisse, er hätte den Hebel wieder runter ziehen, eine Patrone einlegen und den
Hebel wieder hochziehen müssen (Urk. HD 3/7 S. 8).
Im Rahmen der weiteren Schlusseinvernahme vom 7. Dezember 2012 betonte
der Beschuldigte schliesslich wiederum, nicht gewusst zu haben, dass er mit dem
Gewehr jemanden schwer hätte verletzen können. Er habe leider nicht gewusst,
um was für eine Waffe es sich gehandelt habe. Derjenige, der ihm die Waffe ver-
kauft habe, habe ihm gesagt, es handle sich um Platzpatronen und es sei ein
Luftgewehr, er habe sich auf diese Aussagen verlassen. Er habe eine schwere
Verletzung der umstehenden Personen nicht in Kauf genommen. Jetzt wisse er,
dass dies hätte passieren können und verstehe es. Damals habe er es aber nicht
gewusst (Urk. HD 45/3 S. 5 f. und S. 9).
- 18 -
3.6.5. Wie obige Wiedergabe zeigt, ist der Beschuldigte in seiner Darstellung kon-
stant und widerspruchsfrei geblieben. Insbesondere seine Antworten auf die Kon-
frontation mit den Fotos des Gewehrs sowie des Röhrenmagazins wirken authen-
tisch und nicht gekünstelt. Auch dass er eine erste Schussabgabe schnell als
möglich in Betracht ziehen konnte, einen weiteren Schuss aber zunächst weiter-
hin deutlich ausschloss, stützt diese Einschätzung. Insgesamt wirkt der Beschul-
digte als im Umgang mit Feuerwaffen deutlich unbedarft, gar naiv, wobei er dies –
konfrontiert mit den tatsächlichen Verhältnissen – aber auch einsieht und sein
Handeln retrospektiv ohne Weiteres als objektiv gefährlich anerkennen kann.
Dass der Beschuldigte wohl effektiv – wie mehrfach betont – davon ausging, ein
Luftgewehr gekauft zu haben, zeigt sich sodann auch darin, dass er dies offenbar
seinen Freunden so kommunizierte, bezeichneten doch auch F._ und
E._ von Beginn der Untersuchung an die Waffe als "Luftgewehr"
(Urk. HD 4/1 S. 15 und HD 4/10 S. 8). F._ bestätigte im Übrigen auch impli-
zit, dass sich das Gewehr (nur) deshalb in seinem Auto befunden habe, weil er
den Beschuldigten an jenem Abend noch nach Luzern nach Hause habe fahren
wollen (Urk. HD 4/1 D. 15), weshalb nicht davon auszugehen ist, dass der Be-
schuldigte es einzig wegen bzw. für die absehbare Konfrontation dabei hatte. Al-
lerdings ist die Frage, ob er die Waffe als "richtiges" Gewehr oder als Luftgewehr
ansah, von untergeordneter Bedeutung, kann doch auch mit Luftgewehrmunition,
insbesondere auf kurze Distanz und im Bereich des Kopfes, eine schwere Kör-
perverletzung verursacht werden (vgl. hierzu auch den Rekursentscheid der hie-
sigen III. Strafkammer vom 12. April 2011, Urk. HD 36 S. 18).
Insgesamt kann aber insbesondere aufgrund des konkreten Verhaltens des Be-
schuldigten nicht ernstlich daran gezweifelt werden, dass er nicht darum wusste,
dass das Gewehr über ein – zumal mit scharfer Munition gefülltes – Röhrenma-
gazin verfügte, mithin zur mehrfachen Schussabgabe (Mehrlader) fähig war. Denn
andernfalls hätte er weder versucht, das vermeintlich ungeladene Gewehr wäh-
rend der Autofahrt zur Kalkbreite (bloss mit einer einzigen Patrone) zu beladen –
was durch E._ bestätigt wird (Urk. HD 4/10 S. 9) –, noch dem im Wagen ver-
bliebenen E._, nachdem sich der erste Schuss gelöst hatte, zugerufen "gib
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mit, gib mir", wie es D._ berichtet (Urk. HD 5/1 S. 8 und 12 und HD 6/4 S. 4).
Hinzu kommt, dass das besagte, nicht als Ganzes austauschbare, sondern fest
mit dem Gewehr verbundene Röhrenmagazin für waffenunkundige Laien als Sol-
ches schwer erkennbar erscheint, ist es doch äusserst unauffällig unterhalb des
Laufs montiert (vgl. Urk. HD 1/4 letzte Seite).
Demgegenüber ist festzuhalten, dass der Beschuldigte das ihm bekannte Poten-
tial seiner Waffe tatsächlich nutzte, sprich bewusst eine Patrone in den Lauf sei-
nes Gewehrs lud, bevor er dieses inmitten einer tätlichen Auseinandersetzung mit
einer rivalisierenden Tamilengruppe behändigte, womit er jedenfalls in Kauf
nahm, dass es zur (einmaligen) Schussabgabe kommen würde (vgl. auch die Er-
wägungen der III. Strafkammer in Urk. HD 36 S. 18). Dass es sich bei der von ihm
verwendeten Munition um Platzpatronen gehandelt habe, schloss er unzu-
reichendermassen aus der Auskunft seines nicht gewerbsmässigen und offenbar
(auch) im illegalen Bereich tätigen Verkäufers (Verkauf von Schlagstock und Dro-
gen, Urk. HD 3/1 S. 8). Überdies stützte er sich bei seiner Einschätzung darauf,
dass er an der Spitze der Patrone kein Kugelprofil sah bzw. spürte, was allerdings
nicht geeignet ist, die den Platzpatronen ähnelnde Schrotmunition ebenfalls aus-
zuschliessen. Einen Probeschuss gab er nicht ab. Bei dieser Ausgangslage konn-
te der Beschuldigte keinesfalls davon ausgehen, wirklich sogenannt "harmlose"
Munition geladen zu haben. Hinzu kommt, dass auch Platzpatronen durchaus ge-
eignet sind, auf kurze Distanz schwere Körperverletzungen herbeizuführen (vgl.
BGE 118 IV 142). Zumindest Letzteres nahm er durch sein Verhalten jedenfalls in
Kauf.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Mit der Untersuchungsbehörde und der Vorinstanz sind die anklagegegen-
ständlichen Handlungen objektiv als versuchte schwere Körperverletzungen zu
qualifizieren (Urk. 86 S. 25 und 28; Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.2. Subjektiv fordert eine Bestrafung nach Art. 122 StGB ein vorsätzliches oder
zumindest eventualvorsätzliches Handeln (vgl. hierzu die zutreffenden Ausfüh-
rungen der Vorinstanz, Urk. 86 S. 26; Art. 82 Abs. 4 StPO).
- 20 -
Was die Abgabe des ersten Schusses angeht, so wusste der Beschuldigte, dass
er selbst die Waffe kurz zuvor mit einer Patrone geladen hatte – dass sie somit
geladen und schussbereit war –, bevor er sie im Handgemenge behändigte. Der
Vorinstanz ist sodann darin beizupflichten, dass es dem Beschuldigten unter die-
sen Umständen bereits aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung jedenfalls er-
kennbar war, dass sich jederzeit ein Schuss lösen konnte, was er entsprechend in
Kauf nahm (Urk. 86 S. 26). Dass ein Schuss einen Menschen auf naheste Distanz
bzw. auf Kopfhöhe ernsthaft – bzw. in der Terminologie des Strafrechts "schwer"
– verletzen kann, ist offensichtlich zumal der Beschuldigte, wie bereits oben aus-
geführt, darum wusste, dass er die Wirkung der gekauften Munition vor deren
Einsatz in keinerlei Hinsicht verifiziert hatte und selbst im Falle von Platzpatronen
nicht einfach davon ausgegangen werden kann, solche könnten auf kurze Distanz
keine schweren Verletzungen bewirken. Insgesamt ist damit – wie bereits im an-
gefochtenen Urteil erwogen – davon auszugehen, dass der Beschuldigte durch
seine Vorgehensweise insgesamt in Kauf nahm, durch die Abgabe des vorher ge-
ladenen Schusses einen Menschen ernsthaft zu verletzen, wobei es allerdings
beim Versuch blieb, da die resultierenden Verletzungen von D._ und
B._ objektiv im Rahmen von einfachen Körperverletzungen im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 StGB geblieben sind.
Was demgegenüber die zweite Schussabgabe angeht, so hat die Beweiswürdi-
gung unwiderlegbar ergeben, dass der Beschuldigte nicht wusste und es auch
nicht für möglich hielt, dass eine erneute Schussabgabe ohne manuellen Lade-
vorgang möglich war. Bei dieser Sachlage ist in Anwendung von Art. 13 StGB zu
Gunsten des Beschuldigten von dessen Vorstellung auszugehen, mithin davon,
dass er nach dem ersten Schuss höchstens noch eine aufgrund ihres Aussehens
zur Abschreckung oder zum Schlagen geeignete Waffe in den Händen hielt, wes-
halb er, selbst wenn er die durch einen Dritten vorgenommene Repetierbewegung
bemerkt oder im Gezerre um das Gewehr eine solche selbst vorgenommen ha-
ben sollte, nicht damit rechnen musste, dass die Waffe nun wieder scharf ist. Dies
schliesst die Annahme eines Eventualvorsatzes aus. Dass er bei seiner Einschät-
zung pflichtwidrig jede im Umgang mit (Feuer-)Waffen grundsätzlich angebrachte
Sorgfalt missen liess (völlige Unkenntnis, Kauf aus zweifelhafter Quelle, keine
- 21 -
weiteren Abklärungen etc.), steht vorliegend ausser Frage (so auch die Verteidi-
gung, Urk. 73 S. 16 f. und Urk. 108 S. 10). Indes fehlt es für eine Verurteilung we-
gen fahrlässiger (einfacher) Körperverletzung vorliegend an einem fristgerecht
gestellten Strafantrag des Privatklägers B._ (vgl. Art. 125 in Verbindung mit
Art. 31 StGB) und damit an einer Prozessvoraussetzung. Hinzu kommt, dass in
der Anklageschrift auch die für eine Verurteilung notwendige Umschreibung der
Sorgfaltspflichtverletzung nicht enthalten ist (Anklageprinzip, BGE 120 IV 355).
4.3. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte – da weder
Rechtfertigungs- noch Schuldausschlussgründe ersichtlich sind – zusätzlich zu
den bereits in Rechtskraft erwachsenen Schuldsprüchen auch der versuchten
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB zum Nachteil von D._ schuldig zu sprechen ist.
Vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung zum Nachteil von
B._ ist er hingegen freizusprechen.
5. Strafzumessung und Vollzug
5.1. Der Beschuldigte beging die anklagegegenständlichen Straftaten im Sep-
tember 2008 und im April 2011.
Mit Urteil des Kreisgerichts VIII Bern-Laupen vom 17. März 2010 war er für Delik-
te, die er im März 2008 sowie im Januar und März 2009 begangen hatte, zu einer
Freiheitsstrafe von 20 Monaten bedingt und einer Busse von Fr. 400.– verurteilt
worden.
Überdies wurde er vom Bezirksgericht Zürich am 3. April 2013, ebenfalls vor dem
Erlass des angefochtenen Urteils, der versuchten vorsätzlichen Tötung, begangen
am 18. Juni 2011, schuldig gesprochen. Die hiesige Kammer bestätigte mit Urteil
vom 20. Dezember 2013 den Schuldspruch, verhängte eine Freiheitsstrafe von
neun Jahren und ordnete eine ambulante Massnahme nach Art. 63 StGB an,
gleichzeitig wurde der bedingte Vollzug der Berner Strafe widerrufen (vgl. den
Strafregisterauszug vom 4. März 2015, Urk. 100). Dieses Urteil erwuchs mit sei-
ner Ausfällung in Rechtskraft (einer dagegen gerichteten, mittlerweile abgewiese-
- 22 -
nen Beschwerde wurde keine aufschiebende Wirkung gewährt, vgl. die Beizugs-
akten Urk. 105 und Urk. 106).
Da der Beschuldigte die heute zu beurteilenden Taten teilweise (was die Verurtei-
lung durch das Kreisgericht VIII Bern-Laupen angeht) bzw. vollständig (was die
Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich bzw. die Kammer angeht) vor den
oben wieder gegebenen Verurteilungen begangen hat, ist die heute festzusetzen-
de Strafe – da für die Delikte in der Gesamtschau nur eine Freiheitsstrafe in Frage
kommt – als (teilweise) Zusatzstrafe zu obigen Verdikten auszufällen (Art. 49
Abs. 2 StGB; BGE 138 IV 113; vgl. auch die Erwägungen der Vorinstanz, Urk. 86
S. 38 f.).
Bei der Festsetzung dieser Zusatzstrafe hat sich das Gericht vorerst zu fragen,
welche Strafe im Falle einer gleichzeitigen Verurteilung in Anwendung von Art. 49
Abs. 1 StGB ausgesprochen worden wäre. Ausgehend von dieser hypothetischen
Gesamtbewertung bemisst sich anschliessend – unter Beachtung der rechtskräf-
tigen Grundstrafen – die Zusatzstrafe.
Lediglich pro Memoria ist sodann darauf hinzuweisen, dass für die ebenfalls be-
gangenen Verkehrsregelübertretungen zusätzlich eine selbständige Busse auszu-
fällen ist (Art. 103 StGB). Dies wurde von der Vorinstanz so angeordnet (vgl. die
zutreffenden Erwägungen, Urk. 86 S. 47 f.) und vom Beschuldigten (rechtskräftig)
akzeptiert, weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist.
5.2. Was die übrigen Strafzumessungsregeln angeht, kann – um Wiederholun-
gen zu vermeiden – auf die umfassenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen
werden (Urk. 86 S. 32 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.3. Bei der Bestimmung des abstrakten Strafrahmens ist auf das schwerste
Delikt abzustellen. Vorliegend handelt es sich dabei um die (mehrfach) versuchte
Tötung gemäss dem Urteil der Kammer vom 20. Dezember 2013. Weder der
Strafschärfungsgrund der Deliktsmehrheit noch der Strafmilderungsgrund des
Versuchs oder die vorliegende (höchstens leichtgradige) Verminderung der
Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 StGB stellen ausserordentliche Umstände im
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Sinne der Rechtsprechung dar, weshalb ihnen innerhalb des ordentlichen Straf-
rahmens des Art. 111 StGB (Freiheitsstrafe von fünf bis zwanzig Jahren) Rech-
nung zu tragen ist (vgl. hierzu auch die Erwägungen der Kammer im angeführten
Urteil, Urk. 105 S. 58 f.).
5.4. Die Einsatzstrafe für die (mehrfach) versuchte vorsätzliche Tötung im Sin-
ne von Art. 111 StGB wurde von der Kammer mit einlässlicher Begründung, auf
welche verwiesen sei, auf neun Jahre Freiheitsstrafe festgesetzt (Urk. 105
S. 58 ff.).
Was sodann die bei der hypothetischen Gesamtstrafe ebenfalls zu berücksichti-
genden Delikte angeht, die mit Ersturteil des Kreisgerichts VIII Bern-Laupen ge-
ahndet wurden, so kann vorab auf die dortigen Ausführungen zur Strafzumessung
verwiesen werden (Beizugsakten Urk. HD 79, PO 09 3870 Band 16, Urteilsbe-
gründung S. 20 f.). Die damals als Grundstrafe für angemessen erachtete 20-mo-
natige Freiheitsstrafe ist vorliegend allerdings nicht ungekürzt zu übernehmen, da
dies eine Art. 49 Abs. 1 StGB verletzende Kumulation bedeuten würde. Vielmehr
scheint es angebracht, die Einsatzstrafe lediglich um 15 Monate zu erhöhen, was
nebst der Berücksichtigung des Asperationsprinzips auch der neu vorliegenden
psychologischen Einschätzung gemäss dem psychiatrischen Gutachten vom
6. Juli 2012 (Urk. HD 49; vgl. dazu die vorinstanzlichen Ausführungen, Urk. 86
S. 41 ff.) Rechnung trägt.
Eine weitere Asperation ist nunmehr mit Blick auf die aktuelle Anklage vorzuneh-
men, beginnend beim hier objektiv schwersten Delikt, der (versuchten) schweren
Körperverletzung zulasten von D._.
Die objektive Tatschwere ist dabei als nicht mehr leicht bis erheblich einzustufen.
Der Beschuldigte nahm ein ihm nicht vertrautes, geladenes Gewehr zu einer ab-
sehbar tätlichen Auseinandersetzung mit mehreren Personen mit, was eine völlig
fehlende Rücksichtnahme auf die körperliche Integrität anderer Menschen offen-
bart und gleichzeitig im Rahmen der immer wieder aufflackernden tätlichen Aus-
einandersetzungen unter Tamilen eine neue Eskalationsstufe bedeutete. Der
Waffeneinsatz barg das immanente Risiko, mindestens eine Person schwer zu
- 24 -
verletzen. Indem der Beschuldigte auf der Fahrt zur Kalkbreite die Waffe lud, an-
schliessend griffbereit neben der Fahrzeugtüre deponierte und sie alsdann ohne
zu zögern inmitten des Getümmels behändigte, zeigte er eine beträchtliche krimi-
nelle Energie, auch wenn nicht davon auszugehen ist, dass er die Schussabgabe
schliesslich gezielt auslöste. Dass es aufgrund eines blossen Streifschusses bei
einer wenig gravierenden Verletzung sein Bewenden hatte, ist letztlich aber einzig
dem Zufall zu verdanken. Der Schuss hätte – buchstäblich – ebenso gut ins Auge
gehen können. Aufgrund der objektiven Tatschwere wäre die Einsatzstrafe um ca.
drei Jahre Freiheitsstrafe zu erhöhen. Dass der tatbestandsmässige Erfolg effek-
tiv nicht eintrat und der Geschädigte D._ – nebst der schnell verheilenden
Schläfenverletzung – offenbar keine bleibenden Folgen zu tragen hat, das Delikt
somit im Versuchsstadium geblieben ist, ist nun aber deutlich strafmindernd zu
berücksichtigen. Weiter ist dem Beschuldigten strafmindernd seine leicht einge-
schränkte Schuldfähigkeit anzurechnen (gemäss psychiatrischem Gutachten liegt
beim Beschuldigten eine Persönlichkeitsstörung vom unreifen Typus bei gleich-
zeitigem Alkoholmissbrauch vor; Urk. HD 49 S. 66), wozu auf die ausführlichen
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden kann (Urk. 86 S. 41 ff., samt Hin-
weis auf die zum Tatzeitpunkt mutmasslich vorliegende Trunkenheit). Ebenfalls
relativierend ist auf der subjektiven Seite zu berücksichtigen, dass der Beschul-
digte bei seinem Vorgehen lediglich in Kauf nahm, jemanden zu verletzen, es je-
doch nicht (direkt-) vorsätzlich darauf angelegt hatte. So ist dem Beschuldigten
zugute zu halten, dass er eben nicht gezielt auf seine Kontrahenten schoss, son-
dern dass sich der Schuss im Handgemenge bzw. im allgemeinen Gezerre und
Kampf um die Waffe durch eine unkontrollierte Bewegung des Beschuldigten lös-
te. Insgesamt wäre die Einsatzstrafe aufgrund der Tatkomponenten der versuch-
ten Körperverletzung somit um 15 bis 18 Monate Freiheitsstrafe zu erhöhen.
Mit der Vorinstanz ist das Verschulden des Beschuldigten mit Blick auf den Rauf-
handel als erheblich zu bezeichnen. Der Beschuldigte fuhr – zumal bewaffnet –
mit seinen teilweise ebenfalls bewaffneten Kollegen zum verabredeten Treffpunkt
im Wissen darum, dass es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen
könnte, worauf er sich sodann gezielt vorbereitete (Laden der Waffe). Hinzu
kommt, dass er selbst in die zugrunde liegende Auseinandersetzung zwischen
- 25 -
F._ und B._ nicht involviert gewesen war und mithin keinerlei persönli-
ches Motiv – ausser offensichtlicher Streitlust – für seine Teilnahme ersichtlich ist.
Subjektiv vermag nur die bereits festgestellte, leicht verminderte Schuldfähigkeit
(unter Einschluss der Alkoholintoxikation) das Verschulden etwas zu relativieren.
Insgesamt scheint die Erhöhung der Einsatzstrafe um neun bis elf Monate Frei-
heitsstrafe als angemessen.
Die Vergehen gegen das Waffen- bzw. das Strassenverkehrsgesetz sind schliess-
lich verschuldensmässig von deutlich untergeordneter Bedeutung. Der Beschul-
digte hatte das Gewehr erst am Vortag erworben und auch bei seiner Fahrt im
fahrunfähigen Zustand kann noch von einem leichten Verschulden gesprochen
werden (vgl. die Ausführungen der Vorinstanz, Urk. 86 S. 43 f.; Art. 82 Abs. 4
StGB). Insgesamt erscheint eine Erhöhung der Einsatzstrafe um ein bis zwei Mo-
nate als angemessen. Insgesamt resultiert damit aufgrund der Tatkomponenten
der heute zu beurteilenden Delikte eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 25 bis 31
Monate.
Was die Täterkomponenten angeht, wurden der Werdegang und die persönlichen
Verhältnisse des Beschuldigten im angefochtenen Urteil zutreffend dargelegt, wo-
rauf verwiesen werden kann (Urk. 86 S. 44 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Gemäss sei-
nen Ausführungen an der Berufungsverhandlung, wurde ihm seine Aufenthalts-
bewilligung F entzogen, er habe jedoch ein neues Asylgesuch gestellt, welches
derzeit noch bearbeitet werde. Sofern er nach Verbüssung der Strafe in der
Schweiz bleiben könne, wolle er sich zum Polymechaniker weiterbilden lassen, in
der Justizvollzugsanstalt arbeite er in der Korberei (Prot. II S. 8 f.). Für die Straf-
zumessung ergeben sich daraus keine relevanten Faktoren.
Der Beschuldigte beging die heute zu beurteilenden Taten mehrheitlich (Köper-
verletzung, Raufhandel, Waffentragen) zeitnah zu den gleichartigen (u.a. Angriff,
versuchte einfache und schwere Körperverletzung sowie Übertretung des Waf-
fengesetzes, vgl. Urk. 100) in Bern verhandelten Delikten, mithin während dort be-
reits laufender Untersuchung (vgl. auch die entsprechende Zugabe des Beschul-
digten, Urk. HD 3/2 S. 2). Die Verkehrsdelikte beging er überdies in der Probezeit
des Berner Urteils und während die vorliegende Untersuchung ebenfalls bereits
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lief. Dies ist deutlich straferhöhend zu berücksichtigen, zumal er auch später ähn-
lich geartet weiter delinquierte (versuchte Tötung). Was das zumessungsrelevan-
te Nachtatverhalten des Beschuldigten angeht, so ist ihm strafmindernd zugute zu
halten, dass er den ihm vorgeworfenen Sachverhalt grösstenteils von Beginn an
(Kauf des Gewehrs, Beteiligung am Raufhandel inkl. Behändigung des Gewehrs,
Fahren in fahrunfähigem Zustand) eingestand, was indessen auch durch die rela-
tiv eindeutige Beweislage bedingt gewesen sein dürfte. Während eine erhöhte
Strafempfindlichkeit nicht ersichtlich ist, ist die ausserordentlich lange Verfahrens-
dauer spürbar strafmindernd zu berücksichtigen, womit es sich rechtfertigt, die
Einsatzstrafe für die heute zu beurteilenden Delikte insgesamt auf 23 Monate
Freiheitsstrafe zu reduzieren.
Damit ist die hypothetische Gesamtstrafe auf zwölf Jahre und zwei Monate Frei-
heitsstrafe zu veranschlagen. Nach Abzug der in den beiden Ersturteilen festge-
setzten Grundstrafen von neun Jahren und 20 Monaten Freiheitsstrafe resultiert
eine heute auszusprechende Zusatzstrafe von 18 Monaten Freiheitsstrafe. Die
vom Beschuldigten während der Untersuchung erstandene Untersuchungs- und
Sicherheitshaft von 79 Tagen ist an diese Strafe anzurechnen (Art. 51 StGB).
5.5. Bei der vorliegenden Sachlage kommt der bedingte Strafvollzug bereits
aus objektiven Gründen nicht in Frage, ist hierfür doch auf die sich aus Grundstra-
fe und Zusatzstrafe ergebende gesamte Strafdauer abzustellen (BSK StGB-
Roland M. Schneider/Roy Garré, 3. Auflage 2013, Art. 42 N 17 m.w.H.; Art. 43
StGB). Die Freiheitsstrafe ist somit zu vollziehen.
6. Zivilklage
Da der Beschuldigte vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Körperverletzung
zum Nachteil des Privatklägers B._ freizusprechen ist, und da sich der
Sachverhalt auch nicht spruchreif präsentiert, ist der Privatkläger sowohl mit sei-
ner Schadenersatz- wie auch mit seiner Genugtuungsforderung auf den Weg des
Zivilprozesses zu verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. d StPO).
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7. Kostenfolgen
7.1. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind den Parteien nach Massgabe ih-
res Obsiegens und Unterliegens aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
7.2. Nachdem der Beschuldigte mit seiner Berufung teilweise obsiegt (Teilfrei-
spruch, Reduktion des Strafmasses), sind ihm die Kosten des Berufungsverfah-
rens lediglich zur Hälfte aufzuerlegen. Die Kosten für seine amtliche Verteidigung
im Berufungsverfahren sind sodann auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei die
Nachforderung der hälftigen Kosten im Sinne von Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehal-
ten bleibt.