# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 8af5f745-3616-4ccb-9cd9-2f9844fb8231
**Court:** GR_KG
**Chamber:** GR_KG_004
**Year:** 2011
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat sich ergeben:
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I. Sachverhalt
A. X. wurde am _ in _ geboren, wo er zusammen mit seinem Bruder bei der Mutter aufwuchs; sein Vater arbeitete damals bereits in der Schweiz. Im Jahre 1999 kam X. mit seiner Mutter und seinem Bruder in die Schweiz, wo sie vorerst in Spreitenbach beim Vater lebten. Dort besuchte er eine Spezialschule, um Deutsch zu lernen. Danach zog die Familie nach W., wo X. die 1. Schulklasse besuchte. Nach der Trennung der Eltern kam X. zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder nach S1. und S2. in die dortigen Asylantenheime. Am 11. September 2001 zog die Familie nach Z., wo X. die Primar- und anschliessend die Realschule besuchte. Im Sommer 2009 beendete er die Schule, wobei er bis zum heutigen Zeitpunkt noch keine Lehrstelle gefunden hat. X. erwirtschaftet kein eigenes Einkommen, weshalb er derzeit von seiner Mutter unterstützt wird. Er ist im Besitze der Aufenthaltsbewilligung F. Seit dem 1. Oktober 2009 wohnt X. in L..
B. Im Schweizerischen Zentralstrafregister ist X. nicht verzeichnet. Auch dem Leumundsbericht der Kantonspolizei Graubünden kann nichts Nachteiliges gegen ihn entnommen werden.
C. X. wurde am 22. Juni 2009 wegen Verdachts einer strafbaren Handlung gegen Leib und Leben in L. vorläufig festgenommen. Der Haftrichter des Bezirksgerichts Plessur ordnete mit Entscheid vom 24. Juni 2009, mitgeteilt gleichentags, die Untersuchungshaft an. Am 17. September 2009 wurde X. unter Anordnung von Ersatzmassnahmen aus der Untersuchungshaft entlassen.
D. Im Zusammenhang mit dem vorliegenden Strafverfahren wurde im Auftrag des Untersuchungsrichters ein forensisch-psychiatrisches Gutachten über X. betreffend psychische Störung, Schuldfähigkeit, Rückfallgefahr und Anordnung einer Massnahme bei den Psychiatrischen Diensten Graubünden erstellt. In der Expertise vom 4. September 2009 gelangt C. zum Schluss, dass X. zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Tat an keiner psychischen Störung im engeren Sinne gelitten habe. Auch habe aus forensisch-psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Schuldfähigkeit bestanden. Betreffend die Rückfallgefahr hielt der Gutachter fest, dass eher eine geringe Gefahr bestehe, dass X. erneut Straftaten begehen könnte. Auch gelangte der Gutachter zum Schluss, dass von der Anordnung einer Massnahme gemäss Art. 59-61 und Art. 63 StGB abzusehen sei, zumal keine psychische Störung vorliege, die mit der Tat in direktem Zusammenhang stehe.
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E. Mit Eingabe vom 30. November 2009 liess Y. beim Untersuchungsrichteramt Chur Adhäsionsklage gegen X. mit folgendem Rechtsbegehren einreichen:
„1. Es sei gerichtlich festzustellen, dass der Beklagte aus dem Vorfall betreffend schwere Körperverletzung vom 22. Juni 2009 in Z. gegenüber dem Kläger unter Anordnung eines Rektifikationsvorbehaltes vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist.
2. Der Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger einen Schadenersatz von Fr. 408.70 zu leisten.
3. Der Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 40‘000.- zuzüglich 5% Zins seit dem 23. Juni 2009 zu bezahlen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl. 7.6% MWSt.) zu Lasten des
Beklagten.”
F. X. wurde mit Anklageverfügung vom 21. Januar 2010 wegen versuchter
vorsätzlicher Tötung gemäss Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
und schwerer Körperverletzung gemäss Art. 122 Abs. 1 StGB in Anklagezustand
versetzt. Dieser Anklage legte die Staatsanwaltschaft Graubünden in ihrer
Anklageschrift vom 21. Januar 2010 folgenden Sachverhalt zugrunde:
„X. wird angeklagt
der versuchten Tötung gemäss Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB und der schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 Abs. 1 StGB.
Am 22. Juni 2009, nach dem Mittagessen, begab sich X. in den Veloraum an seinem damaligen Wohnort an der _ in Z., um sein Velo zu reparieren. Dazu hatte er ein Küchenmesser mit einer ca. 11 cm langen, vorne spitz zulaufenden Klinge bei sich. Kurz vor 13:00 verliess er den Velokeller, um ein weiteres Werkzeug in der Wohnung zu holen. Draussen vor dem Velokeller sah X., wie Y. mit dem Velo auf der I. von Z. in Richtung L. fuhr. X. rief Y. zu sich. Im Velokeller gab er Y. einen Velosattel und ein Velorad und fragte ihn, ob diese Gegenstände ihm gehören würden. Dabei sprach X. Y. auf seinen am 26. September 2008 verletzten Zahn und eine Begegnung zwischen den beiden vor dem Denner an. Am 26. September 2008 war es zwischen den beiden zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen. Dabei hatte Y. X. derart geschlagen, dass dieser an einem Zahn verletzt wurde. Am nächsten Tag war der Bruder von X. zusammen mit Kollegen zu Y. nach Hause gegangen und hatte sich an ihm gerächt, indem sie ihn zusammenschlugen. Seither hatten X. und Y. - ausser als sie sich bezüglich dieser Vorfälle gütlich einigten und die Strafanträge zurückzogen – keinen Kontakt mehr zueinander gehabt. Als Y. den Sattel in der rechten und das Velorad in der linken Hand hielt, fasste X. ihn mit der linken Hand an der rechten Schulter, zog mit der rechten Hand das Messer aus der Tasche und versetzte Y. mit dem Messer, welches er fest in der Faust hielt, einen
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heftigen Stich in die linke Halsseite. Dabei erlitt Y. eine Verletzung von 1 bis 2 cm Breite und 3 bis 5 cm Tiefe. Durch den Stich wurde die grosse Halsschlagader vollständig durchtrennt und die grosse Halsvene verletzt. Y. befand sich in unmittelbarer Lebensgefahr und überlebte nur dank eines Noteingriffs. Die Verletzung der Blutgefässe und der daraus resultierende Blutverlust hinterliessen aber einen Hirngewebsschaden infolge Mangelversorgung des Gehirns mit Blut und Sauerstoff. Dieser äusserte sich in Lähmungserscheinungen sowie kognitiven Hirnfunktionsdefiziten. Als X. sah, dass Y. am Hals blutete, schickte er ihn weg, ohne sich um ihn zu kümmern. Y. rannte auf die I., wo er auf dem Trottoir wegen der Verletzung zusammenbrach. X. nahm das Velo von Y. und stiess dieses in ein kleines Waldstück an der I.. Danach warf er das Messer in den Garten eines Nachbargrundstücks und begab sich in die Wohnung.”
G. Gegen die Anklageverfügung sowie die Anklageschrift vom 21. Januar 2010 liess X. am 11. Februar 2010 Beschwerde beim Kantonsgericht von Graubünden mit folgenden Anträgen erheben:
„1. Der Anklagepunkt der versuchten Tötung gemäss Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB gemäss Ziffer 1 der Anklageverfügung der Staatsanwaltschaft Graubünden vom 21. Januar 2010 gegen X. sei aufzuheben.
2. Ziffer II. der Anklageschrift vom 21. Januar 2010 der Staatsanwaltschaft  sei dahingehend zu ergänzen, dass auch die Sachverhaltsschilderung von X. wiedergegeben wird.
3. Der vorliegenden Beschwerde sei aufschiebende Wirkung zu erteilen.
4. Unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge.
Begründend wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die Anklage wegen versuchter Tötung sei rechtswidrig, zumal sie den Anspruch von X. auf Gewährung des rechtlichen Gehörs gemäss Art. 29 Abs. 2 BV verletze. Entsprechend sei X. während der gesamten Strafuntersuchung der Tatbestand der versuchten Tötung kein einziges Mal explizit vorgehalten worden, womit er auch keine Möglichkeit gehabt hätte, sich diesbezüglich zu äussern.
H. Unter Gewährung der aufschiebenden Wirkung wies das Kantonsgericht von Graubünden die Sache mit Entscheid vom 17. März 2010, mitgeteilt am 9. Juni 2010, an die Staatsanwaltschaft Graubünden zurück.
I. Nach ergänzter Untersuchung erliess die Staatsanwaltschaft Graubünden am 13. Juli 2010 erneut eine Anklageverfügung samt Anklageschrift, welche in der Folge beide unangefochten blieben. Die Anklageverfügung vom 13. Juli 2010 lautete, wie folgt:
„1. X. wird wegen versuchter Tötung gemäss Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB und schwerer Körperverletzung gemäss Art. 122 Abs. 1 StGB in Anklagezustand versetzt.
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2. Der Fall wird gestützt auf Art. 340 StGB und 47 StPO dem Bezirksgericht L. zur Beurteilung überwiesen.
3. Die Anklage wird mündlich durch Untersuchungsrichterin lic. iur. M. vertreten.
4. Als amtliche Verteidigerin wurde Rechtsanwältin lic. iur. Carmen Vanoni, 7002 Chur, bestimmt.

## Considerations