# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 532120e0-0b4e-5a85-bc33-dfa453a7282e
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer liess die Tore der beiden Garagen, die in seinem
Einfamilienhaus integriert sind, neu streichen. Auf dem dunklen Farbton liess er
anschliessend hellgraue Längsstreifen aufmalen. Das Grundstück Rüdtligen-Alchenflüh
Gbbl. Nr. B._ liegt in der Einfamilienhauszone. Ein Nachbar ersuchte die
Gemeinde, diese Fassadenveränderung zu überprüfen. Die Gemeinde beurteilte den
Neuanstrich als baubewilligungspflichtige Fassadenveränderung und eröffnete ein
Wiederherstellungsverfahren. Mit "Baueinstellungsverfügung, Bauen ohne Baubewilligung"
vom 8. November 2018 forderte die Gemeinde Rüdtligen-Alchenflüh den
Beschwerdeführer auf, alle Arbeiten auf der Parzelle Nr. B._ sofort einzustellen
und verbot ihm, das Garagentor auf der Parzelle Nr. B._ weiter zu streichen.
Weiter forderte die Gemeinde den Beschwerdeführer auf, die Fassadenveränderung am
Garagentor, welches bereits angestrichen wurde, bis am 31. Dezember 2018 in der
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ursprünglichen Farbe wiederherzustellen. Gleichzeitig drohte sie die Ersatzvornahme und
eine Busse bei Nichtbefolgung an.
2. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 13. Dezember 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er
beantragt, die Baueinstellungs- und Wiederherstellungsverfügung sei aufzuheben.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 21. Dezember 2018, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit
überhaupt darauf eingetreten werden könne.
4. Das Rechtsamt gab dem Anzeiger, Herrn C._, Gelegenheit, sich als Partei
am Verfahren zu beteiligen und teilte ihm gleichzeitig mit, dass Stillschweigen als Verzicht
an der Beteiligung am Beschwerdeverfahren gelte. Herr C._ reichte innert der
gesetzten Frist keine Stellungnahme ein und verzichtete damit auf eine
Verfahrensbeteiligung.
5. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG können innert 30 Tagen seit
Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden (Art. 49 Abs. 1 BauG2). Der
Beschwerdeführer ist als Adressat durch die angefochtene Verfügung beschwert und daher
zur Beschwerde legitimiert. Auf seine form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Neuanstrich der Garagentore
a) Die Baueinstellung und die Wiederherstellungsanordnung setzt voraus, dass ein
unrechtmässiger Zustand besteht. Dies ist der Fall, wenn ein baubewilligungspflichtiges
Vorhaben ohne oder in Überschreitung einer Baubewilligung ausgeführt wird oder wenn
Bauvorschriften missachtet werden (Art. 45 Abs. 2 und Art. 46 Abs. 1 BauG). Vorliegend ist
umstritten, ob die farbliche Veränderung der Garagentore baubewilligungspflichtig ist. Der
Beschwerdeführer bestreitet dies und bringt vor, es handle sich nur um eine
Unterhaltsmassnahme, die nicht baubewilligungspflichtig sei. Der Neuanstrich sei aufgrund
der witterungsbedingten Abnutzung der Holzgaragentore erfolgt. Der Farbton sei jedoch
dunkler ausgefallen als gewollt und habe zu schwer gewirkt. Aus optischen Gründen seien
die Tore mit grauen, zur Mauerverkleidung passenden Streifen aufgehellt worden. Der
neue dunkle Anstrich sei von keiner Seite beanstandet worden. Die Gemeinde beurteilt die
erfolgte Veränderung demgegenüber als baubewilligungspflichtig. Sie macht geltend, eine
Veränderung des Garagentores mit weissen, deutlichen Streifen könne nicht als
geringfügig betrachtet werden.
b) Gemäss Art. 22 Abs. 1 RPG3 dürfen Bauten und Anlagen nur mit behördlicher Be-
willigung errichtet oder geändert werden. Baubewilligungspflichtig sind alle künstlich
geschaffenen und auf Dauer angelegten Bauten, Anlagen und Einrichtungen
(Bauvorhaben), die in fester Beziehung zum Erdboden stehen und geeignet sind, die
Nutzungsordnung zu beeinflussen, indem sie zum Beispiel den Raum äusserlich erheblich
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700)
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verändern, die Erschliessung belasten oder die Umwelt beeinträchtigen (Art. 1a Abs. 1
BauG). Massstab dafür, ob eine bauliche Massnahme erheblich genug ist, um sie dem
Baubewilligungsverfahren zu unterwerfen, ist die Frage, ob mit deren Realisierung nach
dem gewöhnlichen Lauf der Dinge so wichtige räumliche Folgen verbunden sind, dass ein
Interesse der Öffentlichkeit oder der Nachbarn an einer vorgängigen Kontrolle besteht. Die
Rechtsprechung geht von einer wirkungsbezogenen Betrachtung aus. Dabei kommt es in
erster Linie auf qualitative und weniger auf quantitative Aspekte an.4 Die
Baubewilligungspflicht hängt auch von der Art und Empfindlichkeit der Umgebung ab, in
der das Vorhaben verwirklicht werden soll.5
Die Baubewilligungspflicht besteht nicht nur bei Neubauten und Erweiterungen, sondern
umfasst auch wesentliche Änderungen und Erneuerungen. Bei Fassaden ist der Einbau
oder die Aufhebung von Türen oder Fenstern oder die Verwendung anderer Materialien
bewilligungspflichtig. Die Baubewilligungspflicht besteht auch, wenn die Fassadenfarbe
wesentlich geändert wird oder wenn wichtige Stilelemente der Fassade verändert werden,
wie beim Ersatz von Sprossenfenstern durch solche ohne Sprossen oder beim Verputzen
einer bisher sichtbaren Riegfassade.6 Das Bewilligungserfordernis bezweckt in diesen
Fällen vor allem den Schutz des Orts- und Landschaftsbilds und sichert die Einhaltung
allfälliger Ästhetikvorschriften.7 Keiner Baubewilligung bedürfen geringfügige Bauvorhaben
wie der Unterhalt und das Ändern (einschliesslich Umnutzen) von Bauten und Anlagen,
wenn keine bau- und umweltrechtlich relevanten Tatbestände betroffen sind (Art. 1b Abs. 1
BauG und Art. 6 Abs. 1 Bst. c BewD8). So sind geringfügige Fassadenänderungen oder
das geringfügige Ändern von bestehenden Türen und Fenstern baubewilligungsfrei.9 Die
Baubewilligungsfreiheit ist in der Bauzone allerdings eingeschränkt, wenn das Vorhaben
ein Baudenkmal oder dessen Umgebung betrifft oder wenn es in einem
Ortsbildschutzgebiet liegt. In solchen Fällen sind auch geringfügige Änderungen
baubewilligungspflichtig, wenn das Schutzinteresse betroffen ist (vgl. Art. 7 BewD).
4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 10 mit Hinweisen und N. 21 5 Bernhard Waldmann, Bauen ohne Baubewilligung? Von klaren und den Zweifelsfällen, in Schweizerische Baurechtstagung 2017, S. 31 ff., S. 32 und 42 6 BSIG-Weisung Nr. 7/725.1/1.1, Baubewilligungsfreie Bauten und Anlagen nach Art. 1b BauG, vom 15. Januar 2013, Ziffer 2 Bst. c; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1a N. 22, Art. 1b N. 8 Bst. c 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1a N. 22 8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 9 BSIG-Weisung Nr. 7/725.1/1.1, a.a.O., Ziffer 2 Bst. c; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 1b N. 8 Bst. c
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c) Vorab ist festzustellen, dass die Gemeinde in der angefochtenen Verfügung nur von
einer Garage spricht, während es sich effektiv um zwei Garagen handelt, deren Tore neu
gestrichen wurden: einerseits um eine Einzelgarage mit Kassettentor,10 andererseits um
eine Doppelgarage.11 Aus der Stellungnahme der Gemeinde geht hervor, dass sie nicht
den Neuanstrich mit dem dunkleren Farbton als baubewilligungspflichtig erachtet, sondern
die Gestaltung mit den hellen Längsstreifen.
Die Garagen sind in das Einfamilienhaus des Beschwerdeführers integriert, so dass die
Garagentore Bestandteil der Gebäudefassade bilden. Das Erneuern des Farbanstrichs im
gleichen oder einer geringfügig anderen Farbe stellt grundsätzlich eine
baubewilligungsfreie Unterhaltsmassnahme dar. Fraglich ist, ob die hellen Längsstreifen
dazu führen, dass das Vorhaben baubewilligungspflichtig wird. Auf den Garagentoren mit
dunklem Grund entstand dadurch ein einfaches, symmetrisches Muster. Der
Beschwerdeführer verwendete diskrete Farben und orientierte sich dabei an bestehenden
Grautönen (vgl. Sockelfarbe neben der Doppelgarage). Im Verhältnis zur gesamten
Gebäudefassade sind die Garagentore von untergeordneter Bedeutung und haben auch
mit der vorliegenden Gestaltung nur eine geringe räumliche Auswirkung. Das Vorhaben
tangiert weder Schutzobjekte noch liegt es in einem ästhetisch empfindlichen Gebiet. Es
handelt sich somit um eine geringfügige Fassadenänderung, die baubewilligungsfrei ist.
d) Die Befreiung von der Baubewilligungspflicht entbindet nicht von der Einhaltung der
anwendbaren Vorschriften (vgl. Art. 1b Abs. 2 BauG), wie beispielsweise der
Ästhetikvorschriften.12 Ein unrechtmässiger Zustand kann daher auch entstehen und
baupolizeiliche Massnahmen erfordern, wenn ein baubewilligungsfreies Vorhaben die
öffentliche Ordnung stört, wozu unter anderem die Interessen des Ortsbild- und
Landschaftsschutzes gehören (vgl. Art. 1b Abs. 3 BauG). Eine solche Störung wird von der
Gemeinde nicht geltend gemacht und ist auch nicht ersichtlich. In Bezug auf das Ortsbild
fallen die gestreiften Garagentore nicht ins Gewicht. Zudem ist das Einfamilienhaus von
der Hauptstrasse zurückversetzt und vom öffentlichen Raum kaum einsehbar.
10 Vgl. oberes und mittleres Foto auf der Anzeige von C._, Vorakten pag. 1 11 Vgl. unterstes Foto auf der Anzeige von C._, Vorakten pag. 1 12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1b N. 3
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e) Zusammenfassend ist die farbliche Veränderung der Garagentore nicht
baubewilligungspflichtig. Der vorgenommene Farbanstrich führt nicht zu einer Störung der
öffentlichen Ordnung. Es besteht daher kein widerrechtlicher Zustand. Somit fehlt es an der
Grundvoraussetzung für die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes. Die
angefochtene Verfügung ist aufzuheben.
3. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden nach dem Ausmass des Unterliegens verlegt (Art. 108
Abs. 1 VRPG). Der Gemeinde können keine Verfahrenskosten auferlegt werden, da sie
nicht in eigenen Vermögensinteressen betroffen ist (Art. 108 Abs. 2 i.V.m. Art. 2 Abs. 1
Bst. b VRPG). Die vorliegenden Verfahrenskosten, bestimmt auf eine Pauschalgebühr von
Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV13), trägt daher der Kanton.
b) Der Beschwerdeführer war nicht anwaltlich vertreten und hat daher keinen Anspruch
auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 1 VRPG).