# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0d352e4a-4231-4bd2-9cae-233b442cf92f
**Court:** CH_BSTG
**Chamber:** CH_BSTG_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** CH / Federation
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
Mit Interpolmeldung vom 29. August 2014 ersuchte die Türkei um Fahndung
und Verhaftung des deutsch-türkischen Staatsangehörigen A. zwecks Aus-
lieferung (act. 8.1). Die Auslieferung wird gestützt auf einen Haftbefehl des
Strafgerichts Aksaray vom 18. April 2014 wegen Beihilfe zu vorsätzlicher Tö-
tung, Kauf/Führen/Mitnahme nicht zugelassener Feuerwaffen und Munition
verlangt (act. 8.10).
A. konnte am 15. Juni 2015 in Z. (CH) verhaftet werden (act. 8.3). Er wurde
gestützt auf eine Haftanordnung des Bundesamtes für Justiz (nachfolgend
"BJ") vom gleichen Tag in provisorische Auslieferungshaft versetzt (act. 8.2).
Anlässlich seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft des Kantons
Aargau vom 16. Juni 2015 widersetzte sich A. einer vereinfachten Ausliefe-
rung an die Türkei (act. 8.3).
Am 17. Juni 2015 erliess das BJ einen Auslieferungshaftbefehl gegen A., der
unangefochten blieb (act. 8.7).
C. Die türkische Botschaft in Bern übermittelte dem BJ mit Note vom
29. Juni 2015 das formelle Auslieferungsersuchen (act. 8.10). A. wurde am
10. Juli 2015 zum Auslieferungsersuchen einvernommen, wobei er erneut
erklärte, mit der vereinfachten Auslieferung nicht einverstanden zu sein
(act. 8.13).
D. Mit Schreiben vom 10. und 13. August 2015 reichte A., damals vertreten
durch Rechtsanwalt B., eine schriftliche Stellungnahme zum Auslieferungs-
ersuchen ein (act. 8.15 und 8.16).
E. Mit Note vom 25. September 2015 verlangte das BJ von den türkischen Be-
hörden die Abgabe von ausdrücklichen und wortgetreuen Garantien
(act. 8.19).
F. A. reichte dem BJ am 7. Oktober 2015 handschriftlich eine weitere Stellung-
nahme ein (act. 8.21). Am 16. Oktober 2015 liessen die türkischen Behörden
dem BJ die Garantien (vgl. supra lit. E.) zukommen, woraufhin das BJ am
19. Oktober 2015 um Nachbesserung letzterer verlangte (act. 8.21-24). Die
- 3 -
übersetzten und ergänzten Garantien gingen beim BJ am 5. November 2015
ein (act. 8.32).
G. Nachdem A. dem BJ am 28. November 2015 eine weitere Stellungnahme
einreichte (act. 8.38), bewilligte das BJ mit Auslieferungsentscheid vom
21. Dezember 2015 die Auslieferung von A. an die Türkei für die dem Aus-
lieferungsersuchen der türkischen Botschaft in Bern vom 30. Juni 2015, er-
gänzt am 16. und 26. Oktober sowie am 5. November 2015, zugrunde lie-
genden Straftaten (act. 8.40).
H. Mit Faxschreiben vom 18. Januar 2016 erhob der neue Rechtsvertreter von
A. bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde, ohne
ein formelles Rechtsbegehren zu stellen. Zur Begründung verwies der
Rechtsvertreter auf die Eingaben von A. vom 10. und 13. August sowie
28. November 2015 (act. 1), stellte jedoch in Aussicht, zeitnah eine Begrün-
dung der Beschwerde nachzuliefern. Die Beschwerdekammer wies den
Rechtsvertreter mit Schreiben vom 19. Januar 2016 daraufhin, dass die Ein-
reichung der Beschwerde per Fax nicht genüge, sondern innert Frist mit Be-
gehren, Begründung und Unterschrift des Beschwerdeführers oder des Ver-
treters einzureichen sei (act. 2). Am 21. Januar 2016 ging bei der Beschwer-
dekammer das Original des Faxschreibens des Rechtsvertreters vom 18. Ja-
nuar 2016 ein (act. 4).
I. Mit Schreiben vom 19. Januar 2016 (hierorts am 22. Januar 2016 eingegan-
gen) erhob A. in eigener Person Beschwerde mit dem Antrag, der Ausliefe-
rungsentscheid vom 21. Dezember 2015 sei aufzuheben (act. 7). Die durch
den Rechtsvertreter von A. in Aussicht gestellte Beschwerdebegründung
ging in der Folge bei der Beschwerdekammer nicht ein. Das Gericht ersuchte
das BJ am 21. Januar 2016 um Einreichung der Akten (act. 6), welche ihm
am 22. Januar 2016 übermacht wurden (act. 8, 8.1-47). Auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet.
Auf die Ausführungen des Beschwerdeführers und die eingereichten Akten
wird, soweit erforderlich, in den folgenden rechtlichen Erwägungen Bezug
genommen.
- 4 -

## Considerations

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und der Türkei sind pri-
mär das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom 13. Dezem-
ber 1957 (EAUe; SR 0.353.1) und das hierzu ergangene zweite Zusatzpro-
tokoll vom 17. März 1978 (ZPII EAUe; SR 0.353.12), welchem beide Staaten
beigetreten sind, massgebend.
1.2 Soweit diese Staatsverträge bestimmte Fragen nicht abschliessend regeln,
findet auf das Verfahren der Auslieferung ausschliesslich das Recht des er-
suchten Staates Anwendung (Art. 22 EAUe), vorliegend also das Bundesge-
setz vom 20. März 1981 (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und die Ver-
ordnung vom 24. Februar 1982 über internationale Rechtshilfe in Strafsa-
chen (Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11). Das innerstaatliche Recht
gelangt nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann zur Anwendung, wenn die-
ses geringere Anforderungen an die Rechtshilfe stellt (BGE 140 IV 123 E. 2
S. 126; 137 IV 33 E. 2.2.2 S. 40 f.; 136 IV 82 E. 3.1; jeweils m.w.H.). Vorbe-
halten bleibt die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123
II 595 E. 7c S. 617; TPF 2008 24 E. 1.1 S. 26). Auf Beschwerdeverfahren in
internationalen Rechtshilfeangelegenheiten sind zudem die Bestimmungen
des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfah-
ren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021) anwendbar (Art. 39
Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a StBOG), wenn das IRSG nichts anderes
bestimmt (siehe Art. 12 Abs. 1 IRSG).
2. Gegen Auslieferungsentscheide des BJ kann innerhalb von 30 Tagen nach
Eröffnung des Entscheids bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafge-
richts Beschwerde geführt werden (Art. 55 Abs. 3 i.V.m. Art. 25 Abs. 1 IRSG;
Art. 12 Abs. 1 IRSG i.V.m. Art. 50 Abs. 1 VwVG). Die vom Beschwerdeführer
persönlich gegen den Auslieferungsentscheid vom 21. Dezember 2015 er-
hobene Beschwerde vom 19. Januar 2016 erweist sich als fristgerecht ein-
gereicht. Die übrigen Eintretensvoraussetzungen geben zu keinen Bemer-
kungen Anlass, weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist.
3. Die Beschwerdekammer ist nicht an die Begehren der Parteien gebunden
(Art. 25 Abs. 6 IRSG). Sie prüft die Auslieferungsvoraussetzungen grund-
sätzlich mit freier Kognition. Die Beschwerdekammer steht es frei, einzelne
Auslieferungsvoraussetzungen einer Überprüfung zu unterziehen, die nicht
http://links.weblaw.ch/BGE-123-II-595 http://links.weblaw.ch/BGE-123-II-595
- 5 -
Gegenstand der Beschwerde sind. Sie ist jedoch anders als eine Aufsichts-
behörde nicht gehalten, die angefochtene Verfügung von Amtes wegen auf
ihre Konformität mit sämtlichen anwendbaren Bestimmungen zu überprüfen
(BGE 123 II 134, E. 1d; TPF 2011 97 E. 5; ZIMMERMANN, La coopération ju-
diciare internationale en matière pénale, 4. Aufl., Bern 2014, N 522, S. 519).
Ausserdem muss sich die Beschwerdekammer nach der bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzen und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen. Sie
kann sich auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken, und
es genügt, wenn die Behörde wenigstens kurz die Überlegungen nennt, von
denen sie sich leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid stützt (Urteil des
Bundesgerichts 1A.59/2004 vom 16. Juli 2004, E. 5.2 m.w.H.).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer macht zur Hauptsache geltend, im Falle einer Auslie-
ferung in die Türkei müsste er in den türkischen Gefängnissen um sein Le-
ben fürchten. In der Vergangenheit habe man bereits zweimal versucht, ihn
im Gefängnis umzubringen (act. 1).
4.2 Die Schweiz prüft die Auslieferungsvoraussetzungen des EAUe auch unter
dem Blickwinkel ihrer grundrechtlichen völkerrechtlichen Verpflichtungen
(vgl. Art. 2 IRSG). Nach internationalem Völkerrecht sind Folter und jede an-
dere Art grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder
Bestrafung verboten (Art. 10 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK, Art. 7 und 10 Ziff. 1
des internationalen Paktes vom 16. Dezember 1966 über bürgerliche und
politische Rechte [UNO-Pakt II; SR 0.103.2]). Niemand darf in einen Staat
ausgeliefert werden, in dem ihm Folter oder eine andere Art grausamer und
unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung droht (Art. 25 Abs. 3 BV; BGE
133 IV 76 E. 4.1; 123 II 161 E. 6a, je m.w.H.). Die Haftbedingungen dürfen
nicht unmenschlich oder erniedrigend im Sinne von Art. 3 EMRK sein; die
physische und psychische Integrität der ausgelieferten Person muss gewahrt
sein (vgl. auch Art. 7, 10 und 17 des UNO-Pakts II). Der im ausländischen
Strafverfahren Beschuldigte muss glaubhaft machen, dass er objektiv und
ernsthaft eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte im ersu-
chenden Staat zu befürchten hat (BGE 130 II 217 E. 8). Abstrakte Behaup-
tungen genügen nicht. Der Beschwerdeführer muss seine Vorbringen im Ein-
zelnen präzisieren (Urteil des Bundesgerichts 1A.210/1999 vom 12. Dezem-
ber 1999 E. 8b).
- 6 -
Gemäss Rechtsprechung gibt es Fälle, in denen zwar ernsthafte Gründe für
die Annahme bestehen, dass der Verfolgte im ersuchenden Staat einer men-
schenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt sein könnte, dieses Risiko aber
mittels diplomatischer Garantien behoben oder jedenfalls auf ein so geringes
Mass herabgesetzt werden kann, dass es als nur noch theoretisch erscheint,
so dass dem Auslieferungsersuchen, unter Auflagen, dennoch stattgegeben
werden kann (vgl. zum Ganzen ausführlich den Entscheid des Bundesstraf-
gerichts RR.2013.258 vom 6. Juni 2014, E. 10.3 m.w.H.). Eine gänzliche
Verweigerung der Auslieferung rechtfertigt sich nur ausnahmsweise, wenn
das Risiko einer menschenrechtswidrigen Behandlung auch mit diplomati-
schen Zusicherungen nicht auf ein Mass herabgesetzt werden kann, dass es
als nur noch theoretisch erscheint (BGE 134 IV 156 E. 6.7 S. 169 f.; TPF
2012 144 E. 5.1.3).
4.3 Im Auslieferungsverkehr mit der Türkei wird in der Regel die Einholung von
Garantien nicht vorausgesetzt (s. Urteile des Bundesgerichts 1C_356/2014
vom 3. September 2014, E. 2.2.2; 1A.215/2000 vom 16. Oktober 2000,
E. 6c). Die bundesgerichtliche Rechtsprechung verlangt von der Türkei dip-
lomatische Zusicherungen der menschenrechtskonformen Behandlung des
Verfolgten lediglich in heiklen Fällen mit politischem Hintergrund (Urteile des
Bundesgerichts 1C_356/2014 vom 3. September 2014, E. 2.2.2 unter Hin-
weis auf BGE 133 IV 76 E. 4.4, 4.5 und 4.6 S. 88 ff.; 1A.215/2000 vom
16. Oktober 2000, E. 6b f.; Entscheide des Bundesstrafgerichts
RR.2015.119 vom 10. November 2015, E. 8.3; RR.2015.50 vom 2. Juli 2015,
E. 10.5.4; RR.2013.261 vom 30. Oktober 2014, E. 6.9).
4.4 Vorliegend kann kein besonders heikler Fall mit politischem Hintergrund an-
genommen werden, welcher von vornherein seitens der Türkei diplomati-
sche Zusicherungen der menschenrechtskonformen Behandlung notwendig
erscheinen liesse. Dennoch haben die türkischen Behörden auf Aufforde-
rung des BJ die Einhaltung der Menschenrechtsgarantien, welche sich aus
der EMRK und dem UNO-Pakt II ergeben, insbesondere die Wahrung der
physischen und psychischen Integrität des Verfolgten und spezifisch auch
dessen Schutz vor Übergriffen von dritten Personen ausdrücklich zugesi-
chert. Es ist nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdeführer auch nicht dar-
getan, inwiefern sich die türkischen Behörden im vorliegenden Fall nicht an
die abgegebenen Garantien halten sollten. Auch der Verweis auf die der
Stellungnahme vom 10. August 2015 beigefügten Internetberichte, Video-
aufnahmen und den Länderbericht des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte ist nicht geeignet, eine konkrete Gefährdung des Beschwerde-
führers glaubhaft zu machen. Es ist sodann nicht einzusehen, inwiefern sich
die geltend gemachte Bedrohungslage des Beschwerdeführers durch die
- 7 -
Familienfehde in der türkischen Haft verschärfen sollte. Die Beschwerde er-
weist sich daher in diesem Punkt als unbegründet.
5. Es ist ferner festzuhalten, dass entgegen der Ansicht des Beschwerdefüh-
rers an der Gültigkeit des Auslieferungsersuchens nichts ändert, wenn in der
Interpolmeldung (und in der Folge auch im Auslieferungsentscheid) irrtümli-
cherweise die Rede davon ist, dass sich der Beschwerdeführer ausser den
in lit. A supra aufgeführten Straftaten (Beihilfe zu vorsätzlicher Tötung und
Kauf/Führen/Mitnahme nicht zugelassener Feuerwaffen und Munition) zu-
sätzlich der versuchten Tötung schuldig gemacht habe. Die Voraussetzung
der doppelten Strafbarkeit (Art. 2 EAUe) ist gestützt auf das türkische Aus-
lieferungsersuchen ohne Weiteres erfüllt und wird vom Beschwerdeführer
auch nicht in Frage gestellt.
6. Soweit schliesslich der Beschwerdeführer geltend macht, den Strafvollzug in
Deutschland zu Ende führen zu wollen, ist er darauf hinzuweisen, dass dar-
über nicht im vorliegenden Verfahren zu befinden ist. Ein derartiges Ersu-
chen wäre bei den zuständigen Behörden in Deutschland resp. der Türkei
zu stellen.
7. Andere Auslieferungshindernisse werden weder geltend gemacht, noch sind
solche ersichtlich. Die Beschwerde ist damit als unbegründet und ohne
Durchführung eines Schriftenwechsels (Art. 57 Abs. 1 VwVG) abzuweisen.
8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Beschwerdeführer kosten-
pflichtig (Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG). Für die Berech-
nung der Gerichtsgebühr gelangt das BStKR (i.V.m. Art. 63 Abs. 5 VWVG)
zur Anwendung. Die Gerichtsgebühr ist vorliegend auf Fr. 3'000.-- unter An-
rechnung des geleisteten Kostenvorschusses in gleicher Höhe festzusetzen.
- 8 -