# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** ab1ea387-7097-4c0b-9ba7-db1e22c4933e
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Angriff etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 1. Abteilung, vom
9. Dezember 2014 (DG140247)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom (Urk. 19) ist diesem
Urteil beigeheftet.
Urteil und Beschluss der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB
- der sexuellen Handlung mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 2
StGB
- der Pornografie im Sinne von Art. 197 Ziff. 3 aStGB
- der Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch im Sinne von
Art. 94 Abs. 1 lit. a SVG
- des mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges ohne den erforderli-
chen Führerausweis im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. a SVG in Verbin-
dung mit Art. 10 Abs. 2 SVG
- des Missbrauchs von Ausweisen und Schildern im Sinne von Art. 97
Abs. 1 lit. a und lit. g SVG
- des Führens eines Motorfahrzeuges ohne vorgeschriebene Haftpflicht-
versicherung im Sinne von Art. 96 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art.
63 Abs. 1 SVG sowie
- der mehrfachen Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz im
Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
2. Vom Vorwurf des Versuchs einer sexuellen Handlung mit Kindern im Sinne
von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB wird
der Beschuldigte freigesprochen.
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3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 28 Monaten Freiheitsstrafe, wovon
324 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind, sowie einer Busse von
Fr. 300.–.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 14 Monaten aufgescho-
ben und die Probezeit auf vier Jahre festgesetzt. Im Übrigen wird die Frei-
heitsstrafe vollzogen.
5. Es wird vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte seit dem 15. August 2014 im
vorzeitigen Strafvollzug befindet.
6. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von drei Tagen.
7. Der Privatkläger B._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
C._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener-
satzanspruches wird die Privatklägerin C._ auf den Weg des Zivilpro-
zesses verwiesen.
9. Der Privatkläger D._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
10. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 800.– als
Genugtuung zu bezahlen.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ Fr. 700.– zu-
züglich 5% Zins ab 19. September 2013 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
12. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 15. August
2014 beschlagnahmten Gegenstände:
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- 1 Mobiltelefon der Marke Samsung Galaxy 4S (Asservatennummer ...;
Sachkaution Nr. ...),
- 1 4GB Speicherkarte (Sachkaution Nr. ...),
- 1 SIM Karte Sunrise (Sachkaution Nr. ...),
lagernd bei der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat, werden eingezogen und
sind durch die Lagerbehörde zu vernichten.
13. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 5'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 00.00 Kosten Kantonspolizei Fr. 5'000.00 Gebühr Anklagebehörde Fr. 0.00 Kanzleikosten Fr. 19'684.35 Auslagen Untersuchung Fr. 35'383.50 amtliche Verteidigung Fr. 4'439.55 unentgeltliche Rechtsverbeiständung Privatklägerin 2 Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
14. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens – ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung der Privatklägerin 2 – werden dem Beschuldigten
auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung der Privatklägerin 2 werden unter Vorbehalt einer
Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO (in Verbindung mit Art. 138
Abs. 1 StPO) auf die Gerichtskasse genommen.
15. Über die Honorare der amtlichen Verteidigerin des Beschuldigten und der
unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2 ergehen separate Ent-
scheide.
16. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2 eine Umtriebsent-
schädigung von Fr. 100.– zu bezahlen.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 76 S. 2 f.)
" 1. Es seien Dispositiv Ziff. 1, Dispositiv Ziff. 3, Dispositiv Ziff. 4,  Ziff. 7, Dispositiv Ziff. 8, Dispositiv Ziff. 10, Dispositiv Ziff. 11, Dispositiv Ziff. 14 sowie Dispositiv Ziff. 16 des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom 9. Dezember 2014 aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB sowie vom Vorwurf der sexuellen Handlung mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 2 StGB freizusprechen. Ebenfalls sei er vom Vorwurf der Pornografie im Sinne von Art. 197. Ziff. 3 aStGB freizusprechen.
3. Der vorinstanzliche Freispruch vom Vorwurf des Versuchs einer sexuellen Handlung mit Kindern gemäss Dispositiv Ziff. 2 des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom 9. Dezember 2014 sei zu bestätigen.
4. Der Beschuldigte sei mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen à Fr. 30.-- unter Anrechnung der erstandenen Haft sowie einer Busse von Fr. 300.-- zu bestrafen.
5. Eventualiter sei eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten , unter Anrechnung der erstanden Haft, unter Gewährung des bedingten Vollzuges sowie unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
6. Subeventualiter sei eine teilbedingte Freiheitsstrafe , wobei der zu vollziehende Teil die Hälfte der Strafe nicht zu übersteigen hat, wiederum unter Anrechnung der  Haft und unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
7. Die Schadenersatzbegehren des Privatkläger B._ sowie der Privatklägerin C._ seien abzuweisen, eventualiter seien sie auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
8 Die Genugtuungsbegehren des Privatklägers B._ sowie der Privatklägerin C._ seien abzuweisen.
9. Der Antraf auf Umtriebsentschädigung von Fr. 100.00 der  2 sei abzuweisen.
10. Die Untersuchungs- und Gerichtskosten seien dem Beschuldigten zu einem Fünftel aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen  seien auf die Staatskasse zu nehmen."
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b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 75 S. 1 f.)
" 1. Bestätigung der vorinstanzlichen Schuldsprüche gemäss  Ziffer 1;
2. Aufhebung des Freispruchs vom Vorwurf des Versuchs einer  Handlung mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Ar. 22 Abs. 1 StGB und  in diesem Sinne, gemäss Urteilsdispositiv Ziff. 2 und Anklageziffer 1.2.2;
3. Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 40 Monaten sowie einer Busse von Fr. 300.--;
4. In jedem Fall vollumfänglicher Vollzug der Freiheitsstrafe;
5. Anordnung einer ambulanten Massnahme im Sinne von Art. 63 während des Vollzugs der Freiheitsstrafe,
6. Im Übrigen Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils;
7. Auferlegung der Kosten des zweitinstanzlichen Verfahrens an den Beschuldigten."
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## Considerations

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte / Prozessuales
1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 9. Dezember 2014 (HD Urk. 61)
wurde der Beschuldigte A._ wegen Angriffs, sexueller Handlungen mit Kin-
dern, Pornografie, Entwendung eines Motorfahrzeugs zum Gebrauch, mehr-
fachen Führens eines Motorfahrzeuges ohne den erforderlichen Führerausweis,
Missbrauch von Ausweisen und Schildern, Führen eines Motorfahrzeugs ohne
vorgeschriebene Haftpflichtversicherung sowie mehrfacher Übertretung gegen
das Betäubungsmittelgesetz schuldig gesprochen und zu einer teilbedingten Frei-
heitsstrafe von 28 Monaten und einer Busse von Fr. 300.– verurteilt. Vom Vorwurf
des Versuchs einer sexuellen Handlung mit Kindern wurde er freigesprochen.
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Ferner wurde der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin C._ dem
Grundsatze nach zu Schadenersatz und zur Zahlung einer Genugtuung von
Fr. 700.– zzgl. 5 % Zins sowie einer Umtriebsentschädigung von Fr. 100.– ver-
pflichtet. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruches
wurde die Privatklägerin auf den Zivilweg verwiesen. Gegenüber dem Privatkläger
B._ wurde der Beschuldigte zur Bezahlung einer Genugtuung von Fr. 800.–
verpflichtet. Die übrigen Zivilansprüche wurden auf den Zivilweg verwiesen.
Schliesslich wurden diverse beschlagnahmte Gegenstände zur Vernichtung ein-
gezogen (HD Urk. 61 S. 72 ff.).
2. Gegen dieses Urteil meldeten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der
Beschuldigte mit ihren Eingaben vom 11. Dezember 2014 rechtzeitig Berufung an
(HD Urk. 46 f.). Am 30. bzw. 31. März 2015 gingen dem hiesigen Gericht die je-
weiligen Berufungserklärungen der genannten Parteien fristgerecht ein (HD
Urk. 63 f.). Die Staatsanwaltschaft verzichtete nach Erhalt der Berufungserklärung
des Beschuldigten auf eine Anschlussberufung (HD Urk. 68). Beweisergänzungen
wurden keine beantragt.
3. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). E contrario erwachsen die nicht von der Berufung erfassten
Punkte in Rechtskraft (SCHMID, StPO-Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2009,
N 1 zu Art. 402; vgl. auch Art. 437 StPO). Nicht angefochten wurden die
Schuldsprüche betreffend der Delikte gegen das Strassenverkehrsgesetz und der
mehrfachen Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Dispositivziffer 1
alinea 4 - 8). Ebenso blieb das erstinstanzliche Urteil unangefochten hinsichtlich
der Zivilforderung des Privatklägers D._ (Dispositivziffer 9), der Einziehung
und Vernichtung der beschlagnahmten Gegenstände (Dispositivziffer 12) sowie
der Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 13). Diese Dispositivziffern des vor-
instanzlichen Urteils sind somit in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Be-
schluss festzustellen ist (vgl. HD Urk. 63 S. 2; HD Urk. 64 S. 2; HD Urk. 76
S. 2 f.).
4. Am 28. Mai 2015 ersuchte die amtliche Verteidigerin um Einholung eines
Führungsberichts über den Beschuldigten beim Amt für Justizvollzug, Justizvoll-
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zugsanstalt Pöschwies, was gleichentags in Auftrag gegeben wurde (HD Urk.
69 f.). Der am 5. Juni 2015 bei der hiesigen Kammer eingegangene Führungsbe-
richt wurde den Parteien zur Kenntnisnahme zugestellt (HD Urk. 71 und 74/1-3).
5. Zur Berufungsverhandlung am 12. Juni 2015 erschienen sind der Beschul-
digte in Begleitung seiner amtlichen Verteidigerin sowie der Vertreter der Ankla-
gebehörde (Prot. II S. 4).
II. Materielles
A. Angriff (Ziffer 1.1. HD)
1.1. Der Hintergrund des vorliegenden Anklagevorwurfs bildet ein Treffen von
ca. 50 Anhängern des Sängers E._ im Hauptbahnhof Zürich, welche ge-
meinsam nach Oerlikon zum Hallenstadion fahren wollten, um dort die Erinnerung
an ein E._-Konzert aufleben zu lassen, welches sechs Monate zuvor stattge-
funden hatte. Unter diesen Fans befand sich u.a. auch der Privatkläger B._
und F._. Dieses Vorhaben wurde indessen von einer zweiten Gruppe Ju-
gendlicher (einige davon sog. "...") gestört, welche sich ebenfalls im Hauptbahn-
hof aufhielt. Zu dieser Gruppe gehörte u.a. der Beschuldigte A._, sowie die
Mitbeschuldigen G._, H._ (beide separate Verfahren bei der Jugendan-
waltschaft Zürich-Stadt) sowie I._ (separates Verfahren bei der Jugendan-
waltschaft Limmattal/Albis).
1.2. In Ziffer 1.1. der Anklageschrift wird dem Beschuldigten zusammengefasst
vorgeworfen, sich am Sonntag, den 22. September 2013, nach 14.00 Uhr, zu-
sammen mit anderen an einem Angriff auf den Privatkläger B._ (nachfol-
gend: Privatkläger) beteiligt zu haben, welcher am Hauptbahnhof Zürich begann
und am Bahnhof Oerlikon endete. Massgeblich zum Angriff beigetragen haben
soll der Beschuldigte dadurch, dass er den Privatkläger zusammen mit den Mit-
beschuldigten G._ und H._ in Oerlikon mit den Füssen in die Beine und
Bauch- bzw. Rippenregion getreten habe. Konkret soll zunächst H._ den Pri-
vatkläger beim Verlassen des Zuges mit dem linken und dann mit dem rechten
Fuss in die Beine bzw. Bauchregion gekickt haben. Anschliessend soll der Be-
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schuldigte den Privatkläger gepackt und gegen den Zug bzw. gegen eine Wand
gedrückt haben. Kurz darauf habe er den Privatkläger drei bis vier Mal mit dem
Fuss von der Seite in die Rippenregion und G._ von vorne in die Bauchregi-
on getreten. Der Privatkläger B._ habe sich dadurch eine Gehirnerschütte-
rung, eine Brustkorb- und Bauchprellung sowie eine Schürfwunde am Oberarm
zugezogen, welche einen Spitalaufenthalt vom 22. bis 24. September 2013 nötig
machten und zu einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom 22. bis 27. September
2013 führten.
2. Der Beschuldigte bestreitet zusammengefasst, den Privatkläger zu irgend-
einem Zeitpunkt getreten zu haben (Prot. I S. 16, 22; Prot. II S. 15 f.). Vielmehr sei
es so gewesen, dass er den Privatkläger, nachdem die anderen diesen getreten
hätten und dieser weggerannt sei, am Oberarm gepackt habe, um diesen zur Re-
de zu stellen. Erst nach den Tritten der anderen habe er nämlich erfahren, dass
der Privatkläger auch ihn beleidigt habe. An den Zug bzw. an eine Wand ge-
drückt, habe er den Privatkläger nicht. Nachdem der Privatkläger ihm gesagt ha-
be, dass er – der Privatkläger – ihn nicht beleidigt habe, habe er diesen wieder
losgelassen (HD Urk. 3/1 Nr. 17 f., Nr. 23 f.; HD Urk. 3/2 S. 2; HD Urk. 3/3 S. 3 f.;
HD Urk. 3/4 S. 2; HD Urk. 3/5 S. 2; HD Urk. 3/10 S. 7; HD Urk. 12/7, Hafteinver-
nahme, S. 3; HD Urk. 12/10 S. 3 f.; Prot. I S. 17, 20; Prot. II S. 15 f.; HD Urk. 41
S. 5 f.; HD Urk. 76 S. 20 f.).
3. Als Beweismittel zur Erstellung der dem Beschuldigten vorgeworfenen
Handlungen liegen die Aussagen des Privatklägers, seines Kollegen F._, der
E._-Fans J._, K._, L._ und des Beschuldigten sowie der Mit-
beschuldigten vor. Zudem sind ärztliche Unterlagen über den Privatkläger und di-
verse WhatsApp-Chatprotokolle des Beschuldigten vorhanden.
4. Um Wiederholungen zu vermeiden kann bezüglich der Grundsätze der Be-
weiswürdigung sowie der Glaubwürdigkeit des Beschuldigten vollumfänglich auf
die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (HD Urk. 61
S. 7 - 9; Art. 82 Abs. 4 StPO). Ebenfalls verwiesen wird auf die von der Vorinstanz
korrekt zusammengefassten Aussagen des Beschuldigten (HD Urk. 61 S. 12 -
14), der Mitbeschuldigten G._, I._, H._ und M._ (HD Urk. 61
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S. 14 - 18), von F._, des Privatklägers und von J._, L._ und
K._ (HD Urk. 61 S. 18 - 25). Den Inhalt der ärztlichen Unterlagen über den
Privatkläger sowie der WhatsApp-Chatprotokolle des Beschuldigten hat die Vo-
rinstanz schliesslich auch korrekt zusammengefasst wiedergegeben (HD Urk. 61
S. 25 - 27; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.1. Zum Geschehen in Oerlikon kann vorab festgehalten werden, dass H._
und G._ in Übereinstimmung mit den Untersuchungsergebnissen grundsätz-
lich zugaben, dass sie den Privatkläger in der eingeklagten Art und Weise mit
Füssen getreten haben (HD Urk. 4/1 Nr. 12, 42 f.; HD Urk. 4/4 S. 2, 5 - 8; HD Urk.
4/7 Nr. 10, 30, 41; HD Urk. 4/8 S. 2 - 4, 6; HD Urk. 4/14 S. 3 - 5, 7; HD Urk. 29/3/7
S. 3; HD Urk. 32 f.). G._ räumte allerdings nur einen Kick ein und wurde ent-
sprechend auch schuldig gesprochen und bestraft. Damit ist der Sachverhalt, was
diese beiden Mitbeschuldigten anbelangt dahingehend erstellt, dass H._ den
Privatkläger beim Verlassen des Zuges zwei Fusstritte von hinten bzw. hinten
seitlich gab und G._ den Privatkläger danach einmal kickte (so auch die Ver-
teidigung, HD Urk. 76 S. 3).
5.2. Des Weiteren ist aufgrund der Zugeständnisse des Beschuldigten ebenfalls
erstellt, dass er den Privatkläger am Bahnhof in Oerlikon am Oberarm – nicht am
Kragen – gepackt und vor sich herumgeschubst bzw. gestossen hat, um diesen
zur Rede zu stellen, weshalb er – der Privatkläger – ihn beleidigt habe (HD Urk.
3/1 Nr. 17; HD Urk. 3/2 S. 2; HD Urk. 3/3 S. 3; HD Urk. 3/4 S. 2; HD Urk. 3/5 S. 2;
HD Urk. 12/7, Hafteinvernahme, S. 3; HD Urk. 12/10 S. 4; Prot. I S. 17; Prot. II
S. 15 f.).
5.3. Der Beschuldigte wird hauptsächlich durch die Aussagen des Privatklägers
B._ und diejenigen von F._ belastet. Sie machten nämlich beide gel-
tend, dass der Beschuldigte den Privatkläger gleich nach dem Aussteigen aus
dem Zug mehrmals in die Bauch- und Brustregion getreten habe. Sowohl die
Aussagen des Privatklägers als auch diejenigen von F._ sind mit der Vo-
rinstanz als glaubhaft zu qualifizieren. So machten sie gesamthaft äusserst detail-
reiche und lebensechte Angaben. Ihre spontanen Ausführungen zu den Ereignis-
sen am Tattag vom Zusammentreffen am Hauptbahnhof Zürich bis zu den Vorfäl-
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len in Oerlikon blieben über mehrere Befragungen hinweg weitgehend konstant
(vgl. zu den Ereignissen am HB Zürich: F._ in HD Urk. 5/1 Nr. 4 - 6, 22 f.; HD
Urk. 5/3 S. 2 f.; HD Urk. 5/5 S. 4, 9 und der Privatkläger in HD Urk. 5/2 Nr. 15, 17
- 19; HD Urk. 5/12 S. 4, 6. Zu den Ereignissen auf dem Weg zum und im Zug:
F._ in HD Urk. 5/1 Nr. 8; HD Urk. 5/3 S. 3; HD Urk. 5/5 S. 4 und der Privat-
kläger in HD Urk. 5/2 Nr. 20, 23, 25 f., 29, 32 - 36, 39; HD Urk. 5/12 S. 5, 7 f.. Zu
den Ereignissen in Oerlikon: F._ in HD Urk. 5/1 Nr. 9, 17, 22; HD Urk. 5/3 S.
3 f.; HD Urk. 5/5 S. 5 - 8, 10 und der Privatkläger in HD Urk. 5/2 Nr. 37 f., 44 f.;
HD Urk. 5/12 S. 6, 9 - 11). Entgegen der (nicht weiter begründeten) Feststellung
der Vorinstanz, die genannten Aussagen seien nicht immer stringent (HD Urk. 61
S. 28 f., 32), lassen sich die jeweiligen Aussagen selbst und untereinander zu ei-
nem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Insbesondere auch die tätlichen Über-
griffe in Oerlikon schilderten der Privatkläger und F._ im Kerngehalt de-
ckungsgleich, gleichbleibend, ausführlich, logisch in der Abfolge und je aus ihrer
eigenen Perspektive, ohne dass die entsprechenden Ausführungen stereotyp o-
der – wie die Verteidigung behauptet – abgesprochen wirken (F._: Ausstei-
gen, Fusstritte von G._ und vom Beschuldigten, Wegrennen des Privatklä-
gers, Verfolgung u.a. durch den Beschuldigten, Nachrennen und Überholen durch
F._, Verschwinden des Privatklägers aus Sichtfeld, "Schwedenkuss" von
G._; Privatkläger: zwei Fusstritte noch beim Aussteigen, Versuch wegzuren-
nen, Gepacktwerden, Losreissen und Versuch wegzurennen, Fusstritte von
G._ und dem Beschuldigten, Wegrennen). Davon, dass der Privatkläger und
F._ die Chronologie der Ereignisse nicht richtig in Erinnerung hätten, kann
keine Rede sein. Ferner gibt es Unterschiede in den jeweiligen Aussagen die ge-
gen eine – von der Verteidigung vermutete (HD Urk. 76 S. 8 f., 11) – Absprache
bzw. gegenseitige unbewusste Beeinflussung sprechen. F._ schildert näm-
lich die Fusstritte des Beschuldigten und von G._ gegen den Privatkläger,
wohingegen der Privatkläger auch noch die Tritte von H._ erwähnt; letztere
konnte F._ nicht gesehen haben, weil er nach seinen Angaben fast zeitgleich
mit dem Privatkläger, und damit vor H._, aus dem Zug ausgestiegen ist (HD
Urk. 5/5 S. 6, 10). Stimmig damit machte F._ auch nur in Bezug auf die Vor-
fälle mit dem Privatkläger auf dem Perron, gleich nach dem Aussteigen detailrei-
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che und farbige Angaben. Als weiteres Wahrheitssignal ist zu werten, dass sich
beide mit ihren belastenden Aussagen zurückhielten. Insbesondere blieb der Pri-
vatkläger trotz der für ihn unerklärlichen Gehirnerschütterung (HD Urk. 5/12 S. 9)
nur bei den Fusstritten. Die Schilderungen erscheinen durch die Verflechtung mit
den eigenen Gefühlsregungen und Gedanken wirklich erlebt und lebensnah (HD
Urk. 5/2 Nr. 36; HD Urk. 5/12 S. 7 f.; HD Urk. 5/1 Nr. 9). In ihren Erzählungen sind
nebensächliche, aber konstant dargelegte Elemente zu finden, welche den Ein-
druck derer Authentizität unterstreichen (bspw. F._ betreffend Einkauf im
Migros: HD Urk. 5/1 Nr. 6; HD Urk. 5/5 S. 9; Privatkläger betreffend das Werfen
von einer Fanta-, einer Energie Drink- und einer Wasserflasche: HD Urk. 5/2
Nr. 17; HD Urk. 5/12 S. 4). Für die Glaubhaftigkeit der Aussagen von F._
spricht sodann, dass er konkret zwischen Gehörtem und Selbstbeobachtetem zu
unterscheiden bemüht ist (HD Urk. 5/12 S. 3; HD Urk. 5/5 S. 4). Überzeugend ist
sodann, dass sich sowohl der Beschuldigte als auch F._ sehr sicher – min-
destens zu 90 % (HD Urk. 5/5 S. 7 f.; HD Urk. 5/2 Nr. 45; HD Urk. 5/12 S. 10 f.) –
sind, was die Identität der Person anbelangt, welcher den Privatkläger drei bis vier
Mal gekickt haben soll. Die Verteidigung brachte dagegen ein, dass der Privatklä-
ger den Beschuldigten mit H._ verwechselt haben müsse (HD Urk. 41 S. 13
ff.; HD Urk. 76 S. 4 f.). Diesem Einwand kann aus folgenden Gründen nichts ab-
gewonnen werden: Nicht nur der Privatkläger hat nämlich den Beschuldigten ein-
deutig mit hoher Treffsicherheit als einen der Angreifer identifiziert, sondern auch
F._. Überzeugend ist die Fotoidentifizierung des Privatklägers ferner inso-
fern, als ihm zwei Fotobogen mit Referenzpersonen vorgehalten wurden, und er
auf dem ersten Fotobogen korrekterweise eben niemanden als Angreifer identifi-
zierte, sondern nur auf dem Zweiten den Beschuldigten (HD Urk. 5/2 Nr. 42 f.).
Schliesslich ist auch darauf hinzuweisen, dass der Privatkläger angab, denjeni-
gen, welcher ihn als erster von hinten geschlagen habe (also H._), nicht ge-
sehen zu haben (HD Urk. 5/12 S. 9). In Kohärenz zu dieser Aussage gab er bei
der Fotokonfrontation anlässlich der polizeilichen Befragung auch an, dass ihm
die Nummer 2 auf dem vierten Fotobogen (H._) zwar bekannt vorkomme, er
aber nicht zu 100 % sagen könne, ob er dabei gewesen sei (HD Urk. 5/2 Nr. 46).
Der in diesem Zusammenhang zusätzlich eingebrachte Einwand der Verteidi-
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gung, die Identifizierung habe durch die Veröffentlichung eines verpixelten Fotos
des Beschuldigten erheblich an Beweiskraft verloren (HD Urk. 41 S. 15; HD Urk.
76 S. 9), vermag schliesslich auch keine mehr als nur theoretischen Zweifel an
einer erlebnisbasierten Identifizierung zu wecken. Zwar ist auf dem verpixelten
Foto tatsächlich ein Brillenträger zu erkennen. Mehr ist darauf aber nicht sichtbar.
Dem Beschuldigten wurden fünfzehn Fotos von Personen (mit Brillen) vorgelegt,
welche der Person auf dem verpixelten Foto auch hätten entsprechen können
(vgl. HD Urk. 5/2 Fotobogen 2 und 3). Der Privatkläger identifizierte aber ohne zu
zögern gerade und nur den Beschuldigten. Von einer Verwechslung durch den
Privatkläger kann unter diesen Umständen nicht gesprochen werden.
An dieser Würdigung vermögen auch die nachfolgend darzulegenden, von
der Verteidigung als widersprüchlich bezeichneten Aussagen von F._ oder
des Privatklägers nichts zu ändern:
F._ bezeichnete in der ersten Befragung I._ als einen der Angrei-
fer, obwohl sich herausstellte, dass es H._ gewesen war. Die Vorinstanz
sprach in diesem Zusammenhang von einer, im Hinblick auf die Glaubhaftigkeits-
beurteilung unbedeutenden Verwechslung (HD Urk. 61 S. 29). Die Verteidigung
sah darin ein Lügensignal (HD Urk. 76 S. 4 f., 10 f.). Diesen Würdigungen kann
nicht zugestimmt werden. Zum einen wurde F._ nämlich nie ein Fotobogen
mit dem Abbild von H._ vorgelegt. Er hatte also nicht die Möglichkeit, diesen
zu identifizieren. I._ war schliesslich auch dabei, so dass es nachvollziehbar
ist, dass er – ohne ein Foto von H._ gesehen zu haben – davon ausgeht,
dass dieser der dritte Täter ist. Darüber hinaus ist auch zu beachten, dass
F._ stimmig mit dem dargelegten chronologischen Ablauf und den jeweiligen
Standorten der Beteiligten (vgl. oben) aussagte, dass er zwei Täter, G._ und
den Beschuldigten, sicher gesehen habe, den dritten Täter, H._, aber nur
aus dem Augenwinkel (HD Urk. 5/3 S. 3 f.; HD Urk. 5/5 S. 4; vgl. auch HD Urk.
5/5 S. 6, 10). Im Übrigen ist es angesichts der Dynamik und der Spontanität der
Auseinandersetzung durchaus denkbar, dass einem Zeugen einige der Beteiligten
an einem Angriff besser in Erinnerung bleiben als andere. Auch wenn F._
diese beiden Mitbeschuldigten verwechselt haben sollte, spricht folgender Um-
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stand für die Richtigkeit der später erfolgten Identifizierung des Beschuldigten: Auf
Vorhalt dreier Fotobogen, worunter sich auch ein Fotobogen mit dem Beschuldig-
ten ähnelnden Referenzpersonen befand, wies F._ explizit darauf hin, dass
die auf dem entsprechenden Fotobogen abgebildeten Personen dem Beschuldig-
ten zwar ähneln würden, dass ein Abbild von diesem aber fehle (HD Urk. 5/1
Nr. 19). Wäre er durch das in den Medien erschienene, verpixelte Foto des Be-
schuldigten beeinflusst gewesen, wie die Verteidigung glauben machen will (HD
Urk. 76 S. 11), wäre eine so präzise Angabe ohne Erlebnishintergrund kaum mög-
lich gewesen (vgl. oben S. 10).
Die Verteidigung machte geltend, dass der Privatkläger sich in der Person
desjenigen widerspreche, welcher ihn – seinen Aussagen zufolge – gepackt und
an die Wand gedrückt haben soll (HD Urk. 41 S. 13; HD Urk. 76 S. 7). Der Privat-
kläger gab im Rahmen seiner ersten spontanen Erzählung der Vorgänge an, dass
der "mit der Kappe", also G._, ihn an den Zug gedrückt habe (HD Urk. 5/2
Nr. 38). In seiner zweiten Einvernahme präzisierte er dies, indem er ausführte,
dass ihn "einer gepackt und an den Zug gestossen habe". Wer das gewesen sei,
könne er nicht mehr sagen (HD Urk. 5/12 S. 9). Vergleicht man diese Aussagen,
entsteht zunächst der Eindruck, dass der Privatkläger G._ als denjenigen
bezeichnet, welcher ihn gepackt und an den Zug gedrückt habe. Dass er dies
aber nicht so gemeint haben kann, ergibt sich sogleich aus folgenden, ebenfalls
bereits in seiner ersten Befragung deponierten Angaben: Nachdem der Privatklä-
ger den Beschuldigten bei der Fotokonfrontation nämlich als einen der Täter iden-
tifizierte, wird er gefragt, ob dies einer derjenigen gewesen sei, welche ihn gekickt
habe. Darauf antwortet der Privatkläger: "Genau. Der mich gepackt und gekickt
hat." (HD Urk. 5/2 Nr. 43 f.). Damit wird klar, dass nach Aussagen des Privatklä-
gers G._ derjenige war, der ihn u.a. an den Zug gedrückt und der Beschul-
digte derjenige, der ihn gepackt hatte. Der Privatkläger gab damit also – entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz (HD Urk. 61 S. 28) – nie explizit an, G._
habe ihn auch gepackt. Denjenigen, der ihn gepackt hat, bezeichnet er wider-
spruchsfrei als den Beschuldigten. Diese Version stimmt im Übrigen auch mit der
Zugabe des Beschuldigen überein, wonach er den Privatkläger nach Verlassen
des Zuges – wenn auch zu einem späteren, als dem eingeklagten Zeitpunkt – ge-
- 15 -
packt haben will (vgl. vorne Erw. A.5.2.). Indessen ist auch hier zu beachten, dass
das dynamische Geschehen mit zwei Kontrahenten einer präzisen Schilderung
und letztlich auch einer minutiösen Analyse bis in die letzte Verästelung der Aus-
sagen entgegensteht; entscheidend ist im Hinblick auf den Tatbestand die im
Kerngehalt gleichbleibende Aussage betreffend der Fusstritte des Beschuldigten,
von G._ und H._.
Damit lösen sich die von der Verteidigung aufgeführten "Widersprüche" bei
einer Gesamtbetrachtung und sorgfältiger Aussagenanalyse auf, so dass keine
unüberwindbaren Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers
und von F._ bestehen.
5.4. Massiv belastet wird der Beschuldigte nebst den obgenannten Aussagen
auch durch die WhatsApp-Chatprotokolle. Darin bekennt sich der Beschuldigte
explizit, dass er am Tattag mindestens einen N._ [Ausdruck für Fan von
E._] geschlagen hat (HD Urk. 1/11 S. 52 f.: ".... Ich han ihn und sin kolleg
baidi vershlage..."; HD Urk. 1/12 S. 4 f.: ".... Nachdem ich sim kolleg kopfnuss
verpasst han und en andere bewustlos gshlage han..."; HD Urk. 1/13 S. 2:
[O._] "seg mer ned das due au N._s gshlaage hesh", [Beschuldigter]
"Moll"). Diese Bekenntnisse stellen ein weiteres Indiz dar, welches sich in das
Mosaik der zur Verfügung stehenden Beweismittel ohne weiteres einflechten lässt
und zusammen mit den Aussagen von F._ und dem Privatkläger ein stimmi-
ges Bild abgibt. Zwar weist die Verteidigung zu Recht darauf hin, dass diese Be-
kenntnisse den Beweisergebnissen insofern zuwiderlaufen, als der Beschuldigte
darin angibt, zwei Personen verschlagen und eine davon sogar in die Bewusstlo-
sigkeit geschlagen zu haben. Die Verteidigung hielt insofern dafür, dass diese
Zugeständnisse nur Ausdruck von Unreife und Profilierungsgedanken gewesen
sein müssten und ihnen deshalb die Aussagekraft abgehe (HD Urk. 41 S. 18; HD
Urk. 76 S. 18 f.). Dem kann aber nicht zugestimmt werden. Denn zum einen
spricht die Reaktion des Beschuldigten auf Vorhaltung der entsprechenden Proto-
kolle dafür, dass die darin gemachten Zugeständnisse eben nicht nur aus Unreife
und zu Profilierungszwecken erfolgten. Der Beschuldigte zögerte nämlich, lachte
teilweise inadäquat, verlor seine sonst so gewohnte Schlagfertigkeit und verwei-
- 16 -
gerte schliesslich ohne nachvollziehbaren Grund die Unterschrift (HD Urk. 3/9 Nr.
26, 28, 30, S. 5). Zum anderen weisen die Gesprächsinhalte mehr auf eine Ten-
denz des Beschuldigten hin, seine Aussagen an den jeweiligen Adressatenkreis
anzupassen, als auf unreife Züge bzw. Profilierungsgedanken. Kann er sich sei-
ner Ansicht nach nämlich damit brüsten, schreckt er auch vor Übertreibungen
nicht zurück. Werden seine Taten aber nicht goutiert, verleugnet er sie einfach.
Eindrücklich kommt dies zum Ausdruck im WhatsApp-Chat mit O._: nach-
dem der Beschuldigte auf Nachfrage bestätigt, dass er der in der Zeitung be-
schriebene Übeltäter ist, welcher N._s geschlagen habe, will er es plötzlich
nicht mehr gewesen sein, als seine Gesprächspartnerin ihre Missbilligung diesbe-
züglich äussert (Urk. HD 1/13 S. 3). Der Beschuldigte und seine Verteidigung
brachten schliesslich zur Entkräftung dieses Beweismittels vor, dass die darin
gemachten Zugeständnisse nicht ernst gemeint gewesen seien (HD Urk. 41 S.
18; HD Urk. 3/9 Nr. 27, 40). So habe sich der Beschuldigte nur entsprechend ge-
äussert, um ihm unliebsame Freundinnen loszuwerden. Dann ist aber der im An-
schluss an die Zugeständnisse geführte Gesprächsinhalt mit „P._“ umso un-
verständlicher (HD Urk. 1/11 S. 53 ff.): Als „P._“ nämlich diesbezüglich Tadel
anbringt ("Du bish so erwachse...", "dini sach was du machsh", "sori aber lug was
kmacht hesh gshläglet.. Das ish ja so erwachse"), versucht der Beschuldigte fast
eine ganze Stunde lang, „P._“ davon zu überzeugen, dass er nichts für seine
Taten könne, er provoziert worden sei, dass er sie liebe und sie heiraten möchte,
etc.. Insofern vermögen diese Vorbringen keine Zweifel an der Beweiskraft der
Chatprotokolle zu begründen.
5.5. Im Gegensatz zu den Aussagen des Privatklägers und von F._ sind
diejenigen des Beschuldigten allgemein über weite Strecken inkongruent, nicht
schlüssig und damit unglaubhaft. Der Beschuldigte widerspricht sich selbst sowie
den teilweise untereinander deckungsgleichen Aussagen seiner Mitbeschuldigten.
So sagten I._, G._ und H._ aus, dass sie dem Privatkläger bzw.
den N._s bewusst zu Provokationszwecken in den Zug nach Oerlikon ge-
folgt seien. I._ sprach in diesem Zusammenhang davon, dass sie die
N._s noch ein wenig hätten weiter provozieren wollen (Urk. 4/4 Nr. 35 f.).
Nach G._’s Zugeständnissen hätten I._, der Beschuldigte und Q._
- 17 -
und eine weitere ihm namentlich nicht bekannte Person die N._s verschla-
gen wollen. Deshalb sei man ihnen in den Zug gefolgt (HD Urk. 4/1 Nr. 12, 38; HD
Urk. 4/4 S. 4). H._ berichtete, dass sie in Zürich die einzelnen Wagons des
Zuges nach den N._s durchsucht hätten (HD Urk. 4/14 S. 4). Der Beschul-
digte blieb dahingegen diesbezüglich äusserst vage und inkonsequent in seinen
Angaben. Zunächst will er einfach nur mit seinen Kollegen mitgegangen sein, um
zu schauen, was dort so passieren würde. Er habe es interessant gefunden. Da-
nach habe er seinen Bruder in Oerlikon besuchen wollen. Später war dann nur
der Besuch seines Bruders der Grund für die Fahrt nach Oerlikon. Gemäss einer
anderen Version schliesslich will er von einer Kollegin seiner Cousine, auch ein
E._-Fan, darum gebeten worden sein. Diese habe ihn gefragt, ob er nicht
mitkommen könne, falls etwas passiere, und ob er ihnen helfen könne. Dass es
zu einer Schlägerei kommen würde, will er aber nicht gedacht haben (HD Urk. 3/1
Nr. 27; HD Urk. 3/10 S. 9; Prot. I S. 19, 21, 23; Prot. II S. 13 f.). Auffallend sind
sodann die widersprüchlichen Aussagen bezüglich des genannten Mädchens. So
sprach er in seiner ersten Einvernahme nur davon, sich im Zug mit einer Person
unterhalten zu haben, welche er kenne (HD Urk. 3/1 Nr. 14). In der Hafteinver-
nahme war das die Kollegin seiner Cousine (HD Urk. 3/2 S. 3). Dann soll er sie
am Hauptbahnhof erst gerade kennengelernt haben (HD Urk. 3/7 S. 2). Sie soll
aber dennoch am Hauptbahnhof schon auf seinem Schoss gesessen sein. Dann
sei diese zu den N._s gegangen und sie hätten sich im Zug wieder getroffen
und sich unterhalten (HD Urk. 3/5 S. 3). Dann wiederum wollte er sie erst auf dem
Weg zum Zug gesehen haben (Prot. I S. 19). Abgesehen davon erscheint schon
die Behauptung des Beschuldigten, er sei von ihr gebeten worden auf den Zug
nach Oerlikon mitzukommen für den Fall, dass etwas passieren sollte, realitäts-
fremd. Denn das Mädchen soll zur Gruppe der N._s gehören. Der Beschul-
digte trat am Hauptbahnhof als Teil der Gruppierung auf, welche die N._s
kurz zuvor mit Flaschen beworfen und angepöbelt haben. Jemanden um Hilfe zu
bitten, der dem Mädchen als Teil der Angreifer erscheinen musste, zumal auch
der Beschuldigte selbst den N._s eine Flasche nachgeschleudert hat, ist völ-
lig abwegig. Schliesslich ist auch interessant, dass diese Kollegin in seinen Erzäh-
lungen ab dem Zeitpunkt, als sie in Oerlikon ankommen, nicht mehr auftaucht.
- 18 -
Ferner überzeugt auch die Aussage des Beschuldigten nicht, dass er im Zug
von Drohungen und Beleidigungen nichts mitbekommen habe, weil er sich im Zug
mit dem genannten Mädchen unterhalten habe (HD Urk 3/1 Nr. 11 - 14). Zum ei-
nen gaben sogar seine Mitbeschuldigten an, dass der Beschuldigte sich im Zug
ebenfalls an den verbal-aggressiven Auseinandersetzungen mit den N._s
beteiligt habe. G._ führte aus, dass sich der Privatkläger und der Beschuldig-
te im Zug gestritten hätten (Urk. HD 4/4 S. 4). H._ gab zu Protokoll, dass der
Beschuldigte den Privatkläger im Zug die ganze Zeit beleidigt und ihm gedroht
habe (HD Urk. 4/7 Nr. 38; HD Urk. 4/8 S. 3; HD Urk. 4/14 S. 5, 7). I._ berich-
tete, dass sie die N._s beschimpft und sie angeflucht hätten (HD Urk. 4/3
Nr. 47 f.; HD Urk. 4/12 S. 3 - 5). Zum anderen gab der Beschuldigte an, im Zug
nicht zugehört zu haben, was die anderen gesagt hätten, und nicht beteiligt ge-
wesen zu sein, weil er sich einzig auf die Unterhaltung mit einer Frau konzentriert
habe (HD Urk. 3/7 S. 2). Dennoch konnte er aber bei den Einvernahmen zuvor
berichten, dass G._, I._ und weitere Person die N._s beleidigt hät-
ten bzw. dass G._ mit dem Privatkläger eine Konfrontation gehabt und die-
sen bedroht habe (HD Urk. 3/1 Nr. 11 - 14; HD Urk. 3/3 S. 3). Wo der Privatkläger
im Zug genau stand, konnte der Beschuldigte auch angeben (HD Urk. 3/3 S. 3;
HD Urk. 3/7 S. 1).
Widersprüchlich und inkongruent sind seine Aussagen schliesslich auch zu
den Vorfällen in Oerlikon. Auf der einen Seite gibt er an, gesehen zu haben, wie
G._ und "der mit der ... Kappe" auf den Privatkläger eingeschlagen habe
(HD Urk. 12/7, Hafteinvernahme, S. 2). Dann aber will er wieder nichts von der
Schlägerei mitbekommen haben, weil er als letzter ausgestiegen sei und nur noch
habe sehen können, wie der Privatkläger weggelaufen sei (HD Urk. 3/3 S. 3 f.).
Bei zusätzlicher Berücksichtigung der jeweiligen Fragestellungen zu den wider-
sprüchlichen Antworten gibt diese Inkongruenz einen Anhaltspunkt für das Be-
streben des Beschuldigten, seine Antworten an die ihn belastenden Fakten anzu-
passen. Dies spricht gegen die Annahme von erlebnisbasierten, der Wahrheit
entsprechenden Ausführungen. Abgesehen davon macht seine Aussage, wonach
"der mit der ... Kappe" und G._ geschlagen haben sollen, keinen Sinn, hatte
doch gemäss Beweisergebnis eben gerade G._ eine ... Kappe an. Ferner will
- 19 -
er den Privatkläger zunächst nur gepackt haben (HD Urk. 3/1 Nr. 17), auf Vorhal-
tung entsprechender Aussagen dann doch auch noch mit sich gezogen (HD Urk.
3/4 S. 2), dann vor sich her geschubst haben (HD Urk. 3/5 S. 2) und schliesslich
doch nicht geschubst, sondern gestossen haben (Prot. I S. 17). Sodann will er
den Privatkläger losgelassen haben, nachdem dieser ihm geantwortet habe, dass
er ihn nicht beleidigt habe (HD Urk. 3/1 Nr. 17), dann aber soll der Beschuldigte
ohne eine Antwort vom Privatkläger erhalten zu haben, umgekehrt und weglaufen
sein (HD Urk. 3/3 S. 3). Schliesslich will der Beschuldigte dem Privatkläger zu-
nächst nachgerannt sein, nachdem ihm mitgeteilt worden sei, dass der Privatklä-
ger ihn beleidigt habe. Dann soll er diesem nachgelaufen sein und zu guter Letzt
war es nur ein Zufall, dass er den Privatkläger später wieder (bei der Bauab-
schrankung) antraf und ihn packte (HD Urk. 3/1 Nr. 36; HD Urk. 3/3 S. 3; Prot. I
S. 21; Prot. II S. 18 f.). Verdächtig ist schliesslich auch sein Aussageverhalten.
Wird der Beschuldigte mit ihn massiv belastenden Beweismitteln konfrontiert
(z.B. Chatprotokolle, Aussagen), wird er aufbrausend, verweigert die Unterschrift
oder ist so aufgebracht, dass seine Befragung nicht mehr weitergeführt werden
kann (HD Urk. 3/1 Nr. 17 - 20; HD Urk. 3/9; HD Urk. 3/4 S. 3).
5.6. Von den Mitbeschuldigten G._, H._, I._ und M._ wird der
Beschuldigte nicht belastet. Keiner dieser vier Personen will nämlich gesehen ha-
ben, dass der Beschuldigte ebenfalls mit den Füssen auf den Privatkläger einge-
treten hat. I._ versichert darüber hinaus, dass der Beschuldigte überhaupt
nichts gemacht habe. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, vermag dieser Um-
stand den Beschuldigten allerdings nicht zu entlasten.
5.6.1. Die Aussagen von G._ sind gesamthaft weitgehend als unglaubhaft zu
qualifizieren. So fehlt jeglicher spontaner Erzählfluss. Nur auf konkrete Fragen
werden kurz gehaltene Antworten gegeben. Seine Aussagen sind vom Bestreben
geleitet, möglichst von sich abzulenken, sowenig wie möglich einzugestehen und
seinen eigenen Tatbeitrag so gut es geht zu minimieren. So leugnet G._ zu-
nächst jegliche gewalttätige Tatbeteiligung, berichtet sodann von Handlungen
ohne strafrechtliche Relevanz und erwähnt in diesem Zusammenhang vorerst nur
(nicht ermittelbare) Vornamen allfälliger Täter (HD Urk. 4/1 Nr. 1 - 10). Erst nach
- 20 -
Vorhaltung von belastenden Aussagen gibt G._ zu, dass es zu gravierende-
ren Auseinandersetzungen mit den N._s gekommen sei, als er anfangs
glauben machen wollte. Erst jetzt wird der namentlich genannte I._, welchen
G._ nach eigenen Angaben erst seit einer Woche kennt (HD Urk. 4/4 S. 3),
mit strafrechtlich relevanten Handlungen in Zusammenhang gebracht. Um weiter
von sich abzulenken, benennt er "jemanden von ...berg" als Haupttäter. Den Na-
men oder die Adresse zu dieser Person verschweigt er noch. Sein eigener Tatbei-
trag wird je nach Beweislage immer mehr ausgedehnt, aber immer noch beschö-
nigend als Versehen und Missgeschick bzw. Unfall dargestellt. Dass es G._
immer darum ging, seinen eigenen Tatbeitrag zu minimieren und nötigenfalls die-
jenigen der anderen im Sinne eines Ablenkungsmanövers zu maximieren, zeigt
sich eindrücklich in den folgenden Aussagen: "Ich habe nicht als erster geschla-
gen. So wie ich weiss, wird man erst straffällig, wenn man einem eine Faust gibt"
(HD Urk. 4/1 Nr. 17) oder ".... Sie, aber bin ich der einzige, welcher festgenom-
men wurde?" (HD Urk. 4/1 Nr. 18) oder ".... Die haben dann ja alles auf mich ge-
schoben, als ob ich alles gemacht hätte“ (HD Urk. 4/4 S. 5). Auffällig ist auch,
dass er nach Eröffnung der beantragten Untersuchungshaft ausführt: "Ich sage
Ihnen jeden Namen, alles was sie wissen wollen" (HD Urk. 4/1 Nr. 47 f.). Auf
Nachfrage nach dem Jungen vom ...berg, gibt er schliesslich dessen Adresse be-
kannt (HD Urk. 4/1 Nr. 49). Nicht stimmig ist ferner, dass G._ einerseits aus-
führt, der Beschuldigte habe den Privatkläger am HB auch schlagen wollen (HD
Urk. 4/8 S. 2 f.; HD Urk. 4/1 Nr. 6). Dieser Wille soll so intensiv gewesen sein,
dass sie dem Privatkläger in den Zug nach Oerlikon gefolgt seien. Dann soll der
Beschuldigte im Zug auch implizit gedroht haben. Andererseits gibt er aber an,
dass er den Beschuldigten nicht beim Treten gesehen habe. Es fehlen jegliche
Erklärungen dafür, weshalb der Beschuldigte auf einmal von seinem Vorhaben
abgelassen haben soll. Es entsteht ein nicht erklärbarer Strukturbruch. Diese Aus-
lassung deutet auf ein bewusstes Verschweigen hin. Allein schon vor diesem Hin-
tergrund erscheint die Aussage von G._, er habe nicht gesehen, dass der
Beschuldigte etwas gemacht habe, unglaubhaft. Verstärkt wird dieser Eindruck
schliesslich, wenn man sich die Umstände vor Augen führt, in welcher diese Aus-
sage erfolgte. In seiner Schlusseinvernahme verweigert G._ jegliche Aussa-
- 21 -
ge. Völlig zusammenhanglos und überraschend gibt er dann – aufgefordert zur
Schilderung der Ereignisse am Tattag – lediglich an, dass er nur eins dazu sagen
könne: der Beschuldigte habe aus seiner Sicht, "also was er gesehen habe",
nichts gemacht (HD Urk. 4/17
S. 3). Zu diesem Zeitpunkt sind G._, I._ und H._ bereits wieder auf
freiem Fuss. G._’s Aussagen vermögen die Beteiligung des Beschuldigten
damit nicht auszuschliessen.
5.6.2. Die Aussage von H._, wonach er nicht gesehen habe, dass der Be-
schuldigte geschlagen habe (HD Urk. 4/7 Nr. 32; HD Urk. 4/14 S. 4, 7), erscheint
angesichts seiner übrigen Schilderungen an sich plausibel. Denn nach seinen
eigenen Zugeständnissen fiel er nach den von ihm ausgeführten Fusstritten hin
und war mit sich selbst beschäftigt (HD Urk. 4/7 Nr. 13, 17). Er habe nur noch
mitbekommen, dass der Privatkläger weggerannt sei und G._, I._ und
der Beschuldigte ihm gefolgt seien (HD Urk. 4/8 S. 2, 4). Als er die anderen ein-
geholt habe, habe er gesehen, dass die genannten Personen den Privatkläger
bedroht und beleidigt hätten und Letzterer drei frische blutige Schürfwunden am
Oberarm aufgewiesen habe (HD 4/7 Nr. 29; HD Urk. 4/8 S. 4; HD Urk. 4/14 S. 3,
6 f.). In Übereinstimmung mit diesem Ablauf gibt H._ denn auch an, keinen
von den Dreien beim Schlagen gesehen zu haben (HD Urk. 4/7 Nr. 29). Seiner
Aussage, den Beschuldigten – sowie die übrigen Verdächtigen – beim Treten
nicht gesehen zu haben, kommt aber deshalb ebenfalls keine entlastende Wir-
kung zu.
5.6.3. M._ machte in Bezug auf den tätlichen Übergriff in Oerlikon keine
glaubhaften Aussagen. So gab er einerseits vor, dass der Privatkläger nach den
ersten Tritten gleich nach dem Aussteigen – wer das gewesen war, könne er nicht
sagen (mutmasslich von H._) – weggerannt sei und die anderen diesem ge-
folgt seien. Er habe aufgrund einer Bänderverletzung mit seinen Kollegen nicht
mithalten können. Er habe nur noch den Schluss miterlebt und gesehen, wie
G._ einem Jungen [F._] eine "Kopfnuss" verpasst habe. G._ sei
daraufhin weggerannt. Er sei geblieben bis die Polizei eingetroffen sei (HD Urk.
4/6 Nr. 5, 19). Demgemäss hat M._ nicht sehen können, wer den Privatklä-
- 22 -
ger zwischen den ersten Fusstritten und der "Kopfnuss" (recte: Schwedenkuss)
gegen F._ geschlagen hat und wie. Dennoch will er gesehen haben, dass
G._ und einer mit dem Facebook-Namen R._ den Privatkläger gekickt
hätten (HD Urk. 4/6 Nr. 15, 35, 42, 49).
5.6.4. Bei genauer Analyse der Entwicklung von I._'s Aussagen entsteht
schnell der Eindruck, dass er bei seiner ersten Befragungen bestrebt ist, keinen
seiner Kollegen namentlich zu benennen (Urk. 4/3 Nr. 1 - 26). Erst als er auf die
ihn belastenden Aussagen von G._ hingewiesen wird, beschuldigt er seiner-
seits Letzteren (HD Urk. 4/3 Nr. 27 - 33). Dieser Eindruck findet ihre Bestätigung
schliesslich auch in den folgenden Aussagen (HD Urk. 4/12 S. 3, 7): "... bei der
Polizei habe ich zuerst ein wenig gelogen und nachher als er mir dann die Akten
von Herrn G._ gezeigt hatte, habe ich die Wahrheit gesagt...", "Ich habe
probiert die anderen nicht zu verraten, aber es ist schief gegangen. Es war aber
eine Ratte dabei, die alles erzählt hat. Herr G._ war die Ratte...", ".... In Ge-
danken habe ich mir dann gesagt, ich verrate niemanden, ich wollte dann einfach
zugeben, was ich gemacht habe, aber die anderen nicht in die Scheisse rei-
ten....". Gestützt auf diese Aussagen liegt der Schluss nahe, dass I._
G._ nur belastete, weil dieser ihn als Täter dargestellt hatte. Gegen H._
machte er auch nur deshalb belastende Angaben, weil er in den Aussagen von
G._ gesehen hatte, dass dieser schon verdächtigt wurde, also diesen betref-
fend schon "alles schief gegangen" war. Gegen den Beschuldigten lagen keine
belastenden Aussagen vor. Vor diesem Hintergrund ist die Aussage von I._
wenig glaubhaft, wonach er sich ganz sicher sei, dass der Beschuldigte nichts
gemacht habe (HD Urk. 4/5 S. 5). Erstaunlich und verdächtig ist diese Aussage
nämlich gerade deshalb, weil der Beschuldigte nach Ausführungen von I._,
im Gegensatz zu den Aussagen der übrigen bereits befragten Personen, gerade-
zu überhaupt nichts gemacht haben soll. Entgegen den Ausführungen der Vo-
rinstanz (HD Urk. 61 S. 31) sagt I._ ferner konkret in Bezug auf die tätliche
Auseinandersetzung am Bahnhof Oerlikon widersprüchlich aus. In der ersten Be-
fragung führt er aus, dass G._ und H._ den Privatkläger geschlagen
hätten (HD Urk. 4/3 Nr. 37 f.). Damit impliziert er, die Schläge gesehen zu haben.
Gleichzeitig gibt er aber an, dass er ausgestiegen und bei den übrigen N._s
- 23 -
geblieben sei, als (mutmasslich) der Privatkläger und F._ in Oerlikon gleich
nach dem Aufgehen der Zugtüren weggerannt, G._ und H._ hinterher
gerannt seien. Er sei dem Privatkläger und F._ nicht nachgerannt. Dann ha-
be er gesehen, dass der eine [F._] mit einer blutigen Nase zurückgekommen
sei. Dieser habe ihm erzählt, dass G._ das getan habe (HD Urk. 4/3 Nr. 53 -
55, 59, 61). Nach diesen Ausführungen bekam auch I._ von den Schlägen
überhaupt nichts mit, belastete G._ und H._ aber trotzdem. Interessan-
terweise führt er dann in seiner zweiten Befragung aus, dass der Privatkläger
gleich nach dem Aufgehen der Türen aus dem Zug gerannt sei, G._ und
H._ diesen "verkickt" hätten, der Privatkläger danach weggerannt sei und
G._ und H._ diesem nachgerannt seien. Ergänzend und neu beschreibt
er, dass G._ dann dem Privatkläger einen Faustschlag habe geben wollen,
was er – I._ – aber habe verhindern können. Der Privatkläger sei dann lang-
sam weggegangen (HD Urk. 4/5 S. 3 f.). Die Schilderungen danach sind nicht
mehr nachvollziehbar: Entweder sollen der Privatkläger zusammen mit F._,
von welchem vorher nie die Rede war, weggerannt und von G._ verfolgt
worden sein, oder der Privatkläger rannte nach dem versuchten Faustschlag noch
einmal weg, wobei inzwischen F._ irgendwie ins Spiel kommt (HD Urk. 4/5 S.
4 f.). Folglich sind auch die zweiten Aussagen weder in sich stimmig noch bei ei-
nem Vergleich mit der Ersten gleichbleibend. Nicht anders zu werten sind auch
die zuletzt in Anwesenheit des Beschuldigten deponierten Aussagen (HD Urk.
4/12).
5.6.5. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass keine der oben aufge-
führten Aussagen unüberwindbare Zweifel daran zu wecken vermögen, dass der
Beschuldigte den Privatkläger – seinen eigenen Zugeständnissen in den Chatpro-
tokollen und den glaubhaften Aussagen des Privatklägers und von F._ ent-
sprechend – in Oerlikon zusammen mit H._ und G._ mehrmals getreten
hat.
5.7. Die Zeugenaussagen von L._, J._ und K._ sind wenig sach-
dienlich. Zum einen konnten die Zeuginnen nichts dazu sagen, ob auch der Be-
schuldigte konkret gekickt habe (HD Urk. 6/4 S. 5). So konnte L._ nur bestä-
- 24 -
tigen, dass der Beschuldigte dabei gewesen sei bzw. einer derjenigen gewesen
sei, welcher um den Privatkläger herum einen Halbkreis gebildet habe (HD Urk.
6/4 S. 5, 9). Des Weiteren befand sie sich während der Fahrt im Zug nach ihren
eigenen Angaben zwischen dem Einstiegsbereich und der oberen Etage, auf der
Treppe. Sie habe die Geschehnisse weitgehend nur vom Fenster aus beobachten
können (HD Urk. 1/5 S. 6; HD Urk. 6/4 S. 5). Aus den Aussagen von J._ geht
deutlich hervor, dass sie sich insbesondere auf das Verhalten des ihr einzig be-
kannten G._ konzentriert haben muss. Denn dessen Handlungen vermochte
sie ziemlich detailliert zu schildern. Immerhin sprach sie von mehreren Tätern (HD
Urk. 6/1 Nr. 9 - 11, 14, 29 - 33; HD Urk. 6/8 S. 3, 5 - 7) und von einer am Angriff
beteiligten Person mit einer roten Jacke (HD Urk. 6/1 Nr. 14, 16, 21; HD Urk. 6/8
S. 3, 7). Doch auch viele andere Angehörige der Gruppierung um den Beschuldig-
ten hatten ebenfalls ein rotes Oberteil an. Insofern liefert diese Umschreibung ein
zu vages Indiz, als dass es sich gegen oder für den Beschuldigten verwenden
liesse. Zu den Aussagen von K._ ist vorweg festzustellen, dass diese sich in
der oberen Etage des Zuges, also nicht gleich neben dem Privatkläger, befunden
hat und angab, lediglich aus dem Fenster beobachtet zu haben, wie der Beschul-
digte weglief und von G._ gekickt wurde. Gleichzeitig berichtet sie wie in O-
erlikon alle Leute umherrannten und es wie im Krieg gewesen sei (HD Urk. 6/2 Nr.
10, 14; HD Urk. 6/6 S. 4). Sie konnte demnach den tätlichen Übergriff im Detail
nicht direkt wahrnehmen, weshalb ihre Aussagen diesbezüglich auch vage blie-
ben.
5.8. Zur Erstellung des eingeklagten tätlichen Übergriffs wenig dienlich sind
schliesslich die Aussagen der lediglich telefonisch als Auskunftspersonen befrag-
ten S._, T._ und U._. Alle drei sagten nämlich aus, dass sie die
"Schlägerei" nicht gesehen hätten. Einhellig führten sie aber immerhin aus, dass
der Beschuldigte den Privatkläger gepackt und vor sich zu seinen Kollegen gezo-
gen habe (HD Urk. 1/4 S. 4 f.).
5.9. Damit ist der eingeklagte Sachverhalt Ziffer. 1.1. HD weitgehend rechtsge-
nügend erstellt. Nicht erstellt werden kann mit der Vorinstanz lediglich, dass
G._ mehr als nur einmal kickte und der Beschuldigte vom "Handicap" des
- 25 -
Privatklägers gewusst hatte (Urk. 61 S. 33 f.). Da der Privatkläger zudem denjeni-
gen, welcher ihn an den Zug bzw. an eine Wand gedrückt habe, als G._ („...
Kappe“) bezeichnete, fehlt es auch an der Erstellbarkeit dieses Sachverhaltsele-
ments.
6. Rechtliche Würdigung
6.1. Bezüglich der theoretischen Ausführungen sowie des Eintretens der objekti-
ven Strafbarkeitsbedingung kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vor-
instanz verwiesen werden (HD Urk. 61 S. 48 f.). Ergänzend ist anzumerken, dass
die Beteiligung auf jede Art erfolgen kann, solange die Beteiligten an Ort und Stel-
le in das Geschehen eingreifen (BSK StGB-MAEDER, N 29 zu Art. 133). Damit ist
ohne weiteres denkbar, dass mehrere Angreifer ohne explizites wechselseitiges
Einverständnis handeln, wie zum Beispiel dann, wenn bei dem von einer Bande
ausgeführten Überfall auf einen Einzelnen weitere Schläger hinzutreten (STRA-
TENWERH/JENNY/BOMMER, Schweizerisches Strafrecht, BT I, 7. Aufl., Bern 2010,
§ 4 N 40).
6.2. Es ist erstellt, dass der Privatkläger beim Verlassen des Zuges von H._
getreten wurde und wegzurennen versuchte. Er konnte höchstens ein bis zwei
Schritte getan haben, als er vom Beschuldigten gepackt wurde. Erneut versuchte
der Privatkläger wegzurennen, dürfte sich aber wiederum nicht mehr als zwei, drei
Schritte vom Ort der ersten Kicke durch H._ entfernt haben, zumal doch eini-
ge Personen aus dem Fenster des Zuges beobachten konnten, wie sich um den
Privatkläger ein Kreis bildete. Die vom Beschuldigten ausgeführten Fusstritte er-
folgten damit noch in der Nähe des Zuges, auf dem Perron. Die Verteidigung ver-
sucht vergebens, die zwischen den einzelnen Tritten entstandenen zeitlichen Lü-
cken als weitaus grösser erscheinen zu lassen (HD Urk. 76 S. 21 f.). Der Be-
schuldigte hat sich damit nicht erst nach einem Angriff durch andere und dem Ein-
tritt der Körperverletzung in das Geschehen aktiv eingemischt, sondern bereits
dann, als dieser voll im Gange war. Die unmittelbare Abfolge der Ereignisse ge-
bietet, das Tatgeschehen sachlich, räumlich und zeitlich als Einheit zu betrachten
(BSK StGB-MAEDER, N 15 zu Art. 133).
- 26 -
Zum Einwand der Verteidigung, dass der Beschuldigte keine feindseligen
Absichten gehabt habe (HD Urk. 41 S. 20 f.; HD Urk. 76 S. 22 f.) und ihm deshalb
der Vorsatz zur Erfüllung der Tatbestandsmässigkeit abgehe, ist darauf hinzuwei-
sen, dass sich dieser nur auf die Beteiligung an einem Angriff nicht auch auf eine
Körperverletzung richten muss. Ob der Beschuldigte eine Verletzung des Privat-
klägers zumindest in Kauf nahm oder nicht, spielt keine Rolle. Gemäss erstelltem
Sachverhalt verfolgten der Beschuldigte und die Mitbeschuldigten den Privatklä-
ger, um sich mit diesem in irgendeiner Art und Weise tätlich auseinanderzuset-
zen. D.h. es war schon am Hauptbahnhof Zürich für alle Angreifer klar, dass es zu
einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem Privatkläger kommen wird.
6.3. Somit hat sich der Beschuldigte des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB
strafbar gemacht.
B. Sexuelle Handlungen mit Kindern und Pornografie (Ziffer 1.2. ND 1)
1.1. In Anklageschrift Ziffer 1.2.1. wird dem Beschuldigten zusammengefasst
vorgeworfen, im Zeitraum zwischen dem 5. und dem 19. September 2013 über
WhatsApp-Chats die damals 13-jährige Privatklägerin, C._, im Wissen um
deren Alter teilweise mittels vorgespielter Liebesbekenntnisse und bewusster
Ausnutzung derer sexuellen Unterlegenheit wiederholt aufgefordert zu haben, ihm
Nacktfotos bzw. Fotos ihres Genitalbereichs zu senden. Nach anfänglicher Wei-
gerung soll die Privatklägerin dem Beschuldigten in der Folge mehrere Nahauf-
nahmen ihrer Vagina sowie mehrere Videos bzw. Fotos gesendet haben, auf wel-
chen sie mit den Fingern masturbierte bzw. sich eine Shampoo-Flasche in die
Vagina einführte. Durch sein beschriebenes Verhalten habe der Beschuldigte die
Privatklägerin dazu gebracht, sexuelle Manipulationen an sich vorzunehmen und
ihm die entsprechenden Foto- bzw. Videodateien sowie Nahaufnahmen ihrer pri-
mären Geschlechtsteile per WhatsApp-Chat zu senden.
1.2. Weiter soll der Beschuldigte der Privatklägerin im gleichen Zeitraum und im
Wissen um ihr Alter diverse WhatApp-Mitteilungen mit offenkundig sexueller
Thematik geschrieben haben (sie live sehen wollen, Zungenkuss geben, küssen,
anfassen, lecken, "figgen", "unedra“ gerne behaart haben, "halb latte" bzw. eine
- 27 -
"latte" haben, sie überall anfassen und küssen, „fingerle“, "Arsch figge", etc.).
Während dieses Chats soll der Beschuldigte der Privatklägerin für den 12. Sep-
tember 2013 ein Treffen am Bahnhof in V._ vorgeschlagen und sie aufgefor-
dert haben, ihm dann zu zeigen, was sie alles drauf habe und weisse oder rote
Unterwäsche anzuziehen. Der Beschuldigte soll sich sodann an den Bahnhof in
V._ begeben haben, wobei er vorgehabt habe, die anbegehrten sexuellen
Handlungen mit der Privatklägerin vorzunehmen. Ein Treffen habe zwar stattge-
funden. Ob es beim Treffen der Beiden schliesslich zu strafrechtlich relevanten
sexuellen Betätigungen gekommen sei, habe indes nicht eruiert werden können.
1.3. Schliesslich wird dem Beschuldigten vorgeworfen, die oberwähnten Foto-
und Videodateien der 13-jährigen Privatklägerin im Wissen um deren Alter emp-
fangen und auf seinem Smartphone gespeichert zu haben, um sie jederzeit
zwecks Befriedigung seiner sexuellen Gelüste abrufen zu können.
2. Der Beschuldigte bestreitet, das Alter der Privatklägerin gekannt, sie in
V._ getroffen und sich ihr gegenüber als 15- bzw. 16-Jähriger ausgegeben
zu haben. Er macht geltend, dass sich die Privatklägerin ihm gegenüber als 16-
Jährige ausgegeben habe. Ebenfalls stellt er in Abrede, die obgenannten Fotos
und Videos der Privatklägerin auf seinem Handy – abgesehen von der automati-
schen Speicherung – bewusst abgespeichert zu haben. Dahingegen gibt er zu,
entsprechende Nacktfotos und Videos von der Privatklägerin teilweise verlangt
und erhalten zu haben.
3. Zur Erstellung der strittigen Sachverhaltselemente liegen die Aussagen des
Beschuldigten und der Privatklägerin sowie diverse WhatsApp-Chats-Protokolle
vor (HD Urk. 3/10; ND1 Urk. 2/2; ND1 Urk. 2/3; ND1 Urk. 2/4; ND1 Urk. 4/1-4;
ND1 Urk. 5/1; ND1 Urk. 5/5-6). Ebenfalls stehen die fraglichen Fotos und Videos
als Beweismittel zur Verfügung.
4.1. Die Vorinstanz hat die Aussagen in ihrem wesentlichen Gehalt korrekt zu-
sammengefasst und – wenn auch nur knapp – richtig gewürdigt, worauf zwecks
unnötiger Wiederholungen bis auf die Erwägungen III.C.5.2 (HD Urk. 61 S. 45 f.)
vollumfänglich zu verweisen ist (HD Urk. 61 S. 37 - 45, 46: Erw. C.1. - C.5.1. und
- 28 -
C.6). Ebenfalls wird auf eine erneute Darlegung der theoretischen Grundsätze der
Aussagewürdigung verzichtet. Diese sind den Erwägungen weiter oben unter Zif-
fer A.4 zu entnehmen. Bei den nachfolgenden Ausführungen handelt es sich inso-
fern weitgehend um Hervorhebungen und Ergänzungen, soweit sie die Aussage-
würdigung und die Erstellung der unter Ziffer 1.2.1. und 1.2.2. eingeklagten Sach-
verhalte betreffen. Dasselbe gilt auch für den objektiven Anklagesachverhalt Ziffer
1.2.3.
4.2. Die Aussagen der Privatklägerin sind mit der Vorinstanz als glaubhaft zu
qualifizieren. So gibt die Privatklägerin über das Erlebte farbig und lebensecht
Auskunft. Sie verknüpft ihre Schilderungen mit nachvollziehbaren Gefühlsregun-
gen und Gesten. Ihre Ausführungen insbesondere in der zweiten Videobefragung
kommen spontan – so lange das Thema nichts Intimes (Fotos, beim Treffen vor-
genommen sexualbezogene Handlungen) betrifft –, detailliert und v.a. originell
(BMW-Schlüssel am Schlüssel-Bund gesehen, Fahren wollen, Auftauchen der
Frage nach dem Alter des Beschuldigten). Ohne erlebnisbasiertem Hintergrund
wären solche flüssigen und ausführlichen, konstant bleibenden Aussagen nicht
möglich. Zurückhaltende und eher kurze Aussagen macht sie nur bezüglich der
Entstehung der Nacktfotos und angesprochen auf vorgenommene sexuelle Hand-
lungen beim Treffen mit dem Beschuldigten. Diese wirken deshalb aber nicht un-
glaubhaft. So ist anhand der Gestik der Privatklägerin und ihrer Reaktion auf ent-
sprechende Fragen deutlich erkennbar, dass ihr das Antworten darauf schwer fällt
und peinlich ist (vgl. ND1 1/5/2 S. 1; ND1 1/5/7 S. 2). Dies kommt auch darin zum
Ausdruck, dass sie bei beiden Videobefragungen zu weinen anfängt, als sie allein
ist (ND1 1/5/8 Aufnahmesequenz 00:27 bis 00:41). Dass der Beschuldigte ihr ge-
sagt habe, er sei 15 Jahre alt, und sie ihm, sie sei 13 Jahre alt, sagt sie mit abso-
luter Bestimmtheit, was bei Sichtung der Videobefragung deutlich zu erkennen ist.
Für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen spricht ferner, dass sie zu ihrem Nachteil
offen zugibt, dass sie auch schon auf 15 bis 17 Jahre geschätzt worden sei und
sich auch schon als älter ausgegeben habe (ND1 1/5/5 S. 10 f.). Als weiteres
Wahrheitssignal ist zu werten, dass es ihr nicht darum zu gehen scheint, den Be-
schuldigten so stark wie möglich zu belasten. Im Gegenteil: auf Nachfrage gibt sie
an, dass alle beim Treffen in V._ vorgenommenen Handlungen auf ihrer
- 29 -
Einwilligung beruht hätten und es ihr nicht unangenehm gewesen sei. Auch als
sie gefragt wird, ob der Beschuldigte ihr negative Konsequenzen im Weigerungs-
falle angedroht habe, verneint sie dies und hält sogar dafür, dass sie auch auf-
grund seines Verhaltens nicht mit solchen gerechnet habe. Sie habe Gefühle für
ihn gehabt, sei verliebt in ihn gewesen, und habe ihn mit den Aufnahmen zufrie-
den stellen wollen. Hätte die Privatklägerin den Beschuldigten zu Unrecht belas-
ten wollen, hätte sie die Sachlage ohne Weiteres gravierender schildern können,
insbesondere, was die Ereignisse beim Treffen in V._ anbelangt. Es ist ent-
gegen der Verteidigung kein Grund ersichtlich, weshalb die Privatklägerin den
Beschuldigten zu Unrecht belasten sollte. Insbesondere kann der Auffassung der
Verteidigung nichts abgewonnen werden, wonach die Privatklägerin in Bezug auf
das von ihr angenommene Alter des Beschuldigten gelogen haben könnte, um
damit möglichen Spannungen mit ihren Eltern vorzubeugen (HD Urk. 76 S. 25).
Abwegig und nicht nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang, inwiefern sie
allfälligen Vorwürfen ihrer Eltern mit einer Lüge über das angenommene Alter des
Beschuldigten im konkreten Fall hätte entgegentreten sollen, zumal sich diese
wohl um das Erstellen und Verschicken von Nacktfotos drehen dürfte und nicht
um den Kontakt mit einem 18-Jährigen. Zu guter Letzt wirken die Aussagen der
Privatklägerin auch äusserst authentisch. Im Einklang mit ihrem kindlichen Alter,
gibt sie nämlich an, heute nicht mehr nachvollziehen zu können, weshalb sie dem
Beschuldigten diese Aufnahmen überhaupt geschickt habe. Sie habe ihm einfach
vertraut, sei verliebt gewesen. Auf Nachfrage, ob der Beschuldigte ihr auch Fotos
von seinem Intimbereich geschickt habe, bejaht sie das und erklärt, dass dies
auch ein Grund gewesen sei, ihm ihrerseits sozusagen als Gegenleistung solche
von sich zu schicken. Sie habe sich gedacht, dass er sowieso nichts Schlimmes
mit ihren Fotos anstellen könne, weil sie ja auch welche von ihm habe, und bei ei-
nem allfälligen Missbrauch ihrer dasselbe mit seinen machen könnte. Abschlies-
send bleibt noch darauf hinzuweisen, dass sich der Inhalt der Chatprotokolle mit
ihren Schilderungen deckt.
Die Verteidigerin brachte vor, dass die Privatklägerin wesentliche Punkte wi-
dersprüchlich geschildert habe (HD Urk. 41 S. 28; HD Urk. 76 S. 29). Benannt
werden von ihr aber lediglich ein wesentlicher Widerspruch, welcher den Aufnah-
- 30 -
me- bzw. Sendezeitpunkt der Fotos und Videos betrifft. Hierzu ist festzuhalten,
dass die Privatklägerin diesbezüglich tatsächlich unstimmig aussagte. So gab sie
in den Videobefragungen konstant an, dass sie damals in Portugal gewesen sei,
wobei sie zunächst den Zeitpunkt auf September festlegte (ND1 1/5/1 S. 3). Dann
wiederum sprach sie von August, von den letzten drei Wochen der Sommerferien
2013 (ND1 1/5/5 S. 11). Die letzten drei Wochen der Sommerschulferien können
aber nicht auf den September 2013 gefallen sein. Konkret dauerten diese in der
Gemeinde V._ im Jahr 2013 gemäss Internetrecherchen nämlich vom 13. Ju-
li 2013 bis zum 11. August 2013 (abrufbar unter:
http://V._.ch/assets/files/downloads/Schule%20V._/Ferienplan_neu.pdf,
Stand: 05.06.2015). Die Privatklägerin muss also ca. vom 20. Juli bis 10. August
2013 – und nicht im September – in Portugal gewesen sein. Die den Akten beige-
legten Chatprotokolle mit den strafrechtlich relevanten Nacktfotos stammen aber
von anfangs bis Mitte September 2013. Dass die Privatklägerin beim Versenden
der den Chatprotokollen zu entnehmenden Fotos im September 2013 in der
Schweiz war und nicht in Portugal ergibt sich schliesslich aus dem Inhalt der
Chatprotokolle: kurz vor dem Versenden der Nacktfotos am 10. September 2013
schreibt die Privatklägerin nämlich, dass sie "im huss ume [laufe] wie wenns dus-
se -15grad wer" (ND1 Urk. 1/2/2 PK 1539). Einen Tag zuvor schrieb sie ferner:
"Ich bin chrank bin nid mal id shuel also chumi au ned use" (ND1 1/2/2 PK 1018).
Sie war demnach zu Hause in der Schweiz und es war normaler Schulbetrieb.
Aus diesen unstimmig anmutenden Angaben kann aber nicht gleich auf die feh-
lende Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen geschlossen werden. Fest steht, dass die
den Akten beigelegten Chat-Gespräche vom September stammen, die darin ent-
haltenen Nacktfotos also auch dann verschickt wurden. Dass aber die Privatklä-
gerin auch schon in den Sommerferien aus Portugal Fotos bzw. Videos von ihrem
Intimbereich schickte, wie sie schliesslich anlässlich der Befragungen angab, ist
durchaus möglich. Diese Vermutung drängt sich bei genauerer Überprüfung der
vorhandenen Beweismittel geradezu auf. Denn zum einen wurden die den Akten
beiliegenden Protokolle und Fotos der Privatklägerin nie vorgelegt, so dass sie nie
genau angeben musste bzw. konnte, wie und wann eben gerade diese Fotos ent-
standen sind bzw. wann genau diese gesendet wurden. Es war zumeist nur all-
http://hunzenschwil.ch/assets/files/downloads/Schule%20Hunzenschwil/Ferienplan_neu.pdf
- 31 -
gemein die Rede von Nacktfotos und Videos, auf welchen die Privatklägerin mas-
turbiert: "Wänn bisch du in Portugal gsi?" (ND1 1/5/5 S. 11), "..., was sind das
ganz konkret für Föteli wo du ihm gschickt häsch?" 8 (ND1 1/5/5 S. 7), "Wieviel
Föteli öbe?" oder "Hesch du uf denä Föteli sexuelli Handligä vorgno?" oder
"...weisch no was... gmach häsch wo die Föteli gmacht häsch? ... bi was du grad
gsi bisch..." (ND1 1/5/5 S. 8). Ferner sprach die Privatklägerin von "extrem viel"
solcher Fotos und Videos, welche sie dem Beschuldigten geschickt habe (ND1
1/5/5 S. 8). Sodann sprechen auch die Inhalte einiger WhatsApp-Chatprotokolle
dafür, dass auch schon vor dem September, eben in den letzten drei Wochen der
Sommerferien z.B., d.h. bis Mitte August, solche Aufnahmen entstanden und ver-
schickt worden sind. So fordert der Beschuldigte die Privatklägerin auf, ihm ein
paar Bilder zu schicken, "söttigi wo ich liebe" (ND1 1/2/2 PK1267 f.). Dann schickt
die Privatklägerin ihm ein normales Portraitbild von sich (ND1 1/2/2 PK1351). Da-
rauf antwortet der Beschuldigte: "Und jetzt söttigi wo ich wot" (ND1 1/2/2
PK1352). Sie lehnt dies ab, und schickt ihm (stattdessen) Bilder von sich im Spie-
gel mit leicht angehobenem T-Shirt (ND1 1/2/2 PK 1354-1356). Schliesslich wird
er deutlicher und will Fotos, worauf die Privatklägerin ganz nackt zu sehen sei
(ND1 1/2/2 PK 1362, 1371, 1399). Vollständige Bestätigung dieses Eindrucks er-
hält man schliesslich bei Durchsicht der CD mit den gespeicherten Videos (ND1
Urk. 1/2/4). Die "Media Info" von dreien dieser Videos belegt nämlich, dass diese
im Zeitraum zwischen dem 27. Juli 2013 und dem 6. August 2013 aufgenommen
wurden, d.h. noch in den Sommerferien, also in Portugal. Folglich wurden auch
schon Ende Juli/Anfang August 2013 Videos mit entsprechendem Inhalt auf Ge-
heiss des Beschuldigten gemacht und verschickt. Der von der Verteidigung gel-
tend gemachte Widerspruch lässt sich damit ohne Weiteres ausräumen und ver-
mag keine unüberwindbaren Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Pri-
vatklägerin zu sähen.
4.3. Dahingegen sind die Aussagen des Beschuldigten unglaubhaft. In der ersten
Einvernahme zum Anklagevorwurf ND 1 verweigerte der Beschuldigte auf Anwei-
sung seiner Verteidigerin weitgehend die Beantwortung der zur Abklärung des
Anklagevorwurfs gestellten Fragen. Nachdem ihm der konkrete Anklagevorwurf
vorgehalten, d.h. ihm sexuelle Handlungen mit der 13-jährigen C._ vorgewor-
- 32 -
fen, und er auf die Beantragung einer Verlängerung der U-Haft infolge Kollusions-
gefahr hingewiesen wurde, äusserte er sich auf einmal mit folgenden Worten: "Ich
verstehe es einfach nicht. Eine 13-Jährige...". Nach kurzer Rücksprache mit sei-
ner Verteidigerin unter vier Augen, führte er dann auf Nachfrage, ob er der Ein-
vernahme etwas beizufügen habe, aus, dass er eine C._ zwar kenne, diese
aber 16 Jahre alt sei (ND1 Urk. 1/4/1 S. 3 f.). Verdächtig ist nun, dass er in seiner
zweiten Befragung, gefragt danach, wer diese C._ sei, zuerst antwortet "ein
Mädchen", dann auf Nachfrage, was das heisst: "Ein Mädchen das 16 Jahre alt
ist." (ND 1 1/4/2 Nr. 3 f.). Diese Antwort erscheint zusammenhangslos. Wenn man
nach einer Person gefragt wird, gibt man in der Regel nicht als erstes ihr Alter an.
Natürlich ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte sich in einer Befragungssi-
tuation befindet und um den Vorwurf weiss, so dass die festgestellte Ungereimt-
heit nicht gross ins Gewicht fällt. Dennoch deutet diese Aussage daraufhin, dass
der Beschuldigte nur eben gerade das auszusagen bereit ist, was ihn in rechtli-
cher Hinsicht nicht belasten kann. Hierfür sprechen auch seine kurz gehaltenen
Antworten. Suspekt erscheint auch der Umstand, dass sich der Beschuldigte auf
die Frage, ob er jede Frau auffordere, Bilder von sich zu schicken, unwissend
stellt, was damit gemeint ist (ND1 1/4/2 Nr. 18: "Was für Bilder?"). Diese Reaktion
ist im vorliegenden Zusammenhang deshalb auffällig, weil der Beschuldigte in der
ersten Einvernahme zwei Wochen davor, sogar nach Nacktfotos gefragt wurde
(ND1 1/4/1 S. 2). Auch versucht er des Öfteren, die ganze Angelegenheit ins Lä-
cherliche zu ziehen (ND1 1/4/2 Nr. 34 [auf Hinweis der Befragenden, dass
C._ vor kurzem erst 14 Jahre alt geworden ist]: "Happy Birthday."; ND1 1/4/2
Nr. 35: "Ich bin mit ihr doch gar nicht draussen gewesen. Bin ich Gott oder was,
...": ND1 1/4/3: "Ich weiss doch wie alt ich bin oder?"). Verdächtig wirkt schliess-
lich auch der Umstand, dass er teilweise auf Vorhaltung der einzelnen Chat-
Inhalte, so insbesondere bezüglich Alter, nervös zu werden scheint bzw. "aus-
flippt", die Aussage sowie die Unterschrift verweigert, und auffallend frech wird
(vgl. ND1 1/4/2 Nr. 37 - 45). Gemäss Protokollnotiz muss der Beschuldigte sogar
mit Vorzeigen eines Pfeffersprays zur Ruhe gebracht werden (ND1 1/4/2 Nr. 45).
Der Hinweis des Beschuldigten, dass er die drei-Jahres-Regel kennen würde,
machen seine Aussagen zu guter Letzt auch nicht glaubhafter. Dies zeigt viel-
- 33 -
mehr auf, dass er in der Befragungssituation immer genau wusste, was in diesem
Zusammenhang strafrechtliche Konsequenzen für ihn haben würde. Vor diesem
Hintergrund erscheint schliesslich der vom Beschuldigten und dessen Verteidi-
gung eingebrachte Haupteinwand, der Beschuldigte habe den Inhalt der
WhatsApp-Nachricht der Privatklägerin vom 11. September 2013 (ND1 Urk. 2/2
PK 3656 f.: "Das küssi han ich shoo siit ich 2 jahr alt bin also 11 jahr und immer
wenn...") nicht bewusst zur Kenntnis genommen (HD Urk. 41 S. 24 f.; HD Urk. 76
S. 26 f.; Prot. I S. 26 f.; Prot. II S. 16 f.), lediglich als Schutzbehauptung. Hierzu
kann auf die überzeugenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (HD
Urk. 61 S. 43 f.).
5. Dass der Beschuldigte der Privatklägerin die in der Anklageschrift aufgeführ-
ten WhatsApp-Nachrichten schickte, ergibt sich aus den entsprechenden Chat-
protokollen (ND1 Urk. 1/2/2). Ihnen kommt insbesondere im Hinblick auf die Er-
stellbarkeit der subjektiven Sachverhaltselemente eine grosse Bedeutung zu.
Nachdem der Beschuldigte die Privatklägerin am Vorabend zu einem Treffen am
nächsten Tag an einem abgelegenen Ort überredet hat (ND 1 Urk. 1/2/2 PK 3212-
3260), schreibt er ihr konkret, was er bei diesem Treffen mit ihr machen will: näm-
lich "dich küsse", "...mit kuss uf lippe", "und was dörfi no", Ahlänge derfi überall",
"Das derfsh du au", "Du derfsh alles mache was wotsh", "Also derfi au alles ma-
che...?", Antwort der Privatklägerin: "Ja solang ned grad diin shwanz ih min fuuz
oder so stecksh", "Aber alles andere derf ich..??", "Tite berüere und küsse", "Fin-
gerle und lecke", "Arsh figge" (ND1 Urk. 1/2/2 PK 3269, 3290, 3305, 3309, 3312,
3314, 3324, 3327, 3332, 3357-3359, 3361). Kurz vor Mitternacht verlangt er von
ihr schliesslich Nacktfotos ("ich wot dos fotzeloch richtig gseh", ND1 Urk. 1/2/2 PK
3638), weil er "e latte" habe (ND1 Urk. 1/2/2 PK 3636). Daraufhin kommt die Pri-
vatklägerin seinen Aufforderungen nach (ND1 Urk. 1/2/2 PK 3642-3646).
Diese dem Treffen vorausgegangenen WhatsApp-Nachrichten haben einen
eindeutigen sexuellen Inhalt und lassen keinen anderen Schluss zu, als dass der
Beschuldigte beabsichtigte, die Privatklägerin beim Treffen in V._ an ihrem
ganzen Körper (bspw. "tite") zu berühren bzw. zu küssen und sich selbst berühren
bzw. küssen zu lassen. Ebenso will er Anal- und Oralverkehr ("lecke", "Arsh fig-
- 34 -
ge") mit ihr haben und seinen Finger in sie einführen ("Fingerle"). Entgegen der
Vorinstanz sind das klar umschriebene, sexuelle Handlungen, welche die Ankla-
gebehörde als vom Vorsatz des Beschuldigten erfasst einklagte. Von einer mögli-
chen Verletzung des Anklagegrundsatzes kann keine Rede sein (HD Urk. 61 S.
46). Berücksichtigt man schliesslich, dass der Beschuldigte bereits früher mehr-
fach von der Privatklägerin Nacktfotos und Videos mit sexuellen Handlungen ver-
langte, so bestehen keine Zweifel am Vorsatz des Beschuldigten, beim Treffen in
V._ die genannten Handlungen mit der Privatklägerin vorzunehmen. In die-
ser Absicht ist der Beschuldigte denn auch zum Treffpunkt und schliesslich in den
verabredeten abgelegenen Wald in V._ mit der Privatklägerin gegangen.
Dort sollten die entsprechenden Handlungen ohne irgendwelche Zwischenhand-
lungen (Überredungsgespräche) vorgenommen werden (vgl. BGE 131 IV 100 E.
8.2).
6. Damit sind die eingeklagten Sachverhalte Ziffer 1.2.1 bis 1.2.3, welche sich
auf die glaubhaften Aussagen der Privatklägerin und die übrigen Beweismittel
stützen, in objektiver und subjektiver Hinsicht rechtsgenügend erstellt.
7. Rechtliche Würdigung
7.1. Zu Recht hat die Vorinstanz den Anklagesachverhalt 1.2.1 als sexuelle
Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 2 StGB gewürdigt. Es
kann auf die entsprechenden Ausführungen uneingeschränkt und ohne Weiterun-
gen verwiesen (HD Urk. 61 S. 50 f.).
7.2. Der Beschuldigte hat sich durch sein im Anklagesachverhalt 1.2.2 umschrie-
benes Verhalten ferner der versuchten sexuellen Handlungen mit Kindern im Sin-
ne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 2 StGB strafbar gemacht. Dabei überschritt der Be-
schuldigte die Grenze zum Versuch nicht schon durch das "Chatten" als solches,
sind doch die in einem Chat-Room spezifisch angesprochenen sexuellen Hand-
lungen in zeitlicher und räumlicher Hinsicht noch derart weit entfernt, dass sich
die Gefahr damit noch nicht verwirklicht hat. Der letzte entscheidende Schritt und
damit der Beginn des Versuchs liegt vielmehr darin, dass der Beschuldigte zur Tat
entschlossen an den vereinbarten Treffpunkt gereist ist und sich dort eingefunden
- 35 -
hat. Der Beschuldigte war nämlich entschlossen, unmittelbar nach dem Treffen,
im Wald, wo er mit der Privatklägerin unbeobachtet sein konnte, sexuelle Hand-
lungen vorzunehmen. Eine Vorbesprechung zwischen ihm und der Privatklägerin
war nicht beabsichtigt. Aus dem Verlauf der Chat-Gespräche ergibt sich, dass die
Privatklägerin, nicht nur indem sie sich auf das Treffen einliess, dem Ansinnen
des Beschuldigten zugestimmt hat. Vielmehr antwortete sie auf seine Frage, ob er
alles machen dürfe mit: "Ja solang ned grad diin shwanz ih min fuuz oder so
stecksh". Die Zustimmung der Privatklägerin war für den Beschuldigten somit
auch ohne weiteres erkennbar. Der vom Beschuldigten geführte Chat war einzig
auf die Verabredung eines Treffens zwecks Vornahme sexueller Handlungen
ausgerichtet. Damit hätte die Tat ungestört ihren Fortgang nehmen können und
hätte ohne weitere Zwischenschritte unmittelbar in die tatbestandsmässigen
Handlungen eingemündet, auch wenn sich die beiden zunächst an einen anderen
Ort hätten begeben müssen. Daraus ergibt sich die erforderliche Tatnähe, d.h. der
enge örtliche und zeitliche Zusammenhang zur Tatbestandserfüllung und die Ein-
wirkung auf den Rechtskreis der Privatklägerin. Das Eintreffen am vereinbarten
Treffpunkt stellt unter diesen Umständen nach der Vorstellung des Beschuldigten
vom Ablauf der Tat die letzte Teilhandlung vor der eigentlichen Ausführung der
strafbaren Handlung dar (zum Ganzen: BGE 131 IV 100 E. 8.2; vgl. auch BGE
104 IV 175 E. 3a).
7.3. Die Vorinstanz (und ebenso die Staatsanwaltschaft) qualifizierte das in Ziffer
1.2.3. eingeklagte Verhalten des Beschuldigten als Herstellen von pornografi-
schen Bildaufnahmen im Sinne von Art. 197 Ziff. 3 aStGB (HD Urk. 61 S. 51 f.).
Aus den nachfolgend darzulegenden Gründen ist aber diese rechtliche Qualifika-
tion unter Beizug der neuesten Rechtsprechung nicht zutreffend. Vielmehr ist das
entsprechende Verhalten als Besitz im Sinne von Art. 197 Ziff. 3bis StGB zu quali-
fizieren.
Dass es sich bei den fraglichen Dateien um solche mit pornografischem In-
halt im Sinne von Art. 197 Ziff. 1 StGB handelt, ist unbestritten. Die pornografi-
schen Aufnahmen empfing der Beschuldigte über die Applikation "WhatsApp".
Diese Applikation ist standardmässig so eingestellt, dass in einem Chat einge-
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2015&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F104-IV-175%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir%23page175 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2015&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F104-IV-175%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir%23page175
- 36 -
hende Bilder oder Videos automatisch, d.h. ohne bewusste Beschaffungshand-
lung, auf dem Handy gespeichert werden, ausser man deaktiviert diese Funktion
manuell. Da die Tatbestandsvariante des Herstellens gemäss Rechtsprechung
ein gezieltes Herunterladen aus dem Internet auf einen Datenträger (sogenannter
"download"), d.h. eine bewusste Beschaffungshandlung erfordert, kann vorliegend
von Herstellen nicht gesprochen werden. Der Empfänger einer Aufnahme muss
bei der WhatsApp-Applikation nämlich keinen entsprechenden Befehl in den
Computer eingeben, um den Kopiervorgang zu starten. Dies geschieht automati-
siert (BGE 137 IV 208 E. 2.2; Urteil BGer vom 16. September 2009
[6B_289/2009]; vgl. BGE 131 IV 16 E. 1.4 und 1.5 S. 21 ff. m.H.).
Die neueste bundesgerichtliche Rechtsprechung gibt aber nun vor, dass
eine solche automatische Speicherung als Besitz gewertet werden müsse, wenn
der Täter um die automatische Speicherung der pornografischen Daten weiss und
trotz dieses Wissens diese im Nachgang an eine Internetsitzung nicht löscht. Da-
mit manifestiere der Empfänger solcher Aufnahmen nämlich seinen Besitzeswil-
len, selbst wenn er nicht mehr darauf zugreift (BGE 137 IV 208 E. 4.2.2; BSK
StGB- MENG, N 60 zu Art. 197). Entscheidend sei allein die grundsätzliche Mög-
lichkeit, ohne Internetverbindung darauf zuzugreifen (BGE 137 IV 208 E. 2.2).
Die über WhatsApp empfangenen und automatisch gespeicherten Daten
werden – im Gegensatz zu den in Cache-Speichern abgelegten – nicht nach einer
Weile automatisch gelöscht bzw. überschrieben. Vielmehr ist dafür ein manueller
Löschungsbefehl erforderlich. D.h. löscht man diese Daten nicht nachträglich
manuell, so ist es dem Empfänger mit der Speicherung solcher Daten jederzeit,
auch ohne Internetverbindung und zeitlich unbegrenzt, möglich auf diese zuzu-
greifen und damit nach Belieben zu verfahren (BGE 137 IV 208 E. 4.2.1). Die
Herrschaftsmacht über die Daten geht demnach noch weiter als im Falle von
Cache-Speichern. Damit hatte der Beschuldigte die grundsätzliche Möglichkeit,
jederzeit auf die pornografischen Aufnahmen zuzugreifen. Den eigenen Zuge-
ständnissen zufolge wusste er ferner, dass sämtliche über WhatsApp eingehende
Bilder und Videos automatisch auf dem Handy gespeichert werden (HD Urk. 3/10
S. 8; Prot. II S. 17). Er hatte damit Kenntnis um die Funktionsweise und den Inhalt
- 37 -
der Speicherung. Dennoch hat er die pornografischen Aufnahmen nicht gelöscht,
also sich bewusst für die jederzeitige Zugriffsmöglichkeit entschieden. Dadurch
manifestierte der Beschuldigte seinen Besitzeswillen. Nicht massgebend ist dabei,
ob er sich später die Aufnahmen auch tatsächlich noch einmal anschaute.
Der Beschuldigte hat sich demzufolge wegen Besitz von pornografischen
Daten im Sinne von Art. 197 Ziff. 3bis StGB strafbar gemacht.
III. Strafe
1.1. Die Vorinstanz hat den Strafrahmen korrekt abgesteckt und die gesetzlichen
Zumessungsregeln zutreffend aufgeführt (HD Urk. 61 S. 53 - 55). Es kann darauf
verwiesen werden.
1.2. Hat der Täter mehrere Delikte verübt, so ist gemäss Art. 49 StGB zunächst
das Verschulden des Täters am schwersten Delikt zu erörtern. Dafür ist gedank-
lich eine hypothetische Strafe festzulegen (Einsatzstrafe). Anschliessend ist diese
Einsatzstrafe unter Einbezug der anderen Straftaten, wobei ebenfalls den jeweili-
gen Umständen Rechnung zu tragen ist, angemessen zu erhöhen und eine Ge-
samtstrafe zu bilden (Urteil BGer vom 23. Juni 2010 [6B_323/2010], E. 2.2, m.H.).
2. Tatkomponenten des Angriffs und hypothetische Einsatzstrafe
2.1. Bei der Ermittlung des objektiven Tatverschuldens ist von der objektiven
Schwere der herbeigeführten Beeinträchtigung bzw. Gefährdung des geschützten
Rechtsguts und vom Vorgehen des Täters auszugehen. Der Beschuldigte griff
den Privatkläger zusammen mit zwei Mitbeschuldigten mit Fusstritten an. Der Pri-
vatkläger stand somit drei Angreifern gegenüber. Die ersten zwei Fusstritte von
H._ kamen denn auch völlig überraschend von hinten bzw. von der Seite.
Der wesentliche Beitrag des Beschuldigten bestand im Austeilen von drei bis vier
Fusstritten. Diese führte er gegen die Rippen des Privatklägers aus, traf damit
einen empfindlichen Bereich des Körpers, was zu schwerwiegenden Verletzungen
hätte führen können (vgl. HD Urk. 8/13 S. 4). Da der Beschuldigte schliesslich von
- 38 -
der Seite her trat, waren die Möglichkeiten des Privatklägers dem Angriff zu ent-
fliehen bzw. diese abzuwehren relativ eingeschränkt. Er war den Tritten der An-
greifer hilflos ausgeliefert. Die durch den Angriff geschaffene abstrakte Gefahr
realisierte sich schliesslich auch in etlichen Verletzungen des Privatklägers, womit
sie als erheblich einzustufen ist. Der Privatkläger gab denn auch an, dass er vor
Angst gezittert habe. Immerhin wurden keine gefährlichen Gegenstände oder
Waffen eingesetzt. Darüber hinaus war der Privatkläger an sich auch nicht völlig
allein, sondern mit seinen Kollegen unterwegs, was seine körperliche Unterlegen-
heit aus objektiver Sicht zu relativieren vermag. Der Beschuldigte ging damit nicht
auf eine völlig alleinstehende Person los, sondern konnte erwarten, dass der Pri-
vatkläger von seinen Kollegen Hilfe erhalten würde. Im Spektrum vergleichbarer
Angriffshandlungen erscheint das Verschulden des Beschuldigten gesamthaft als
noch leicht.
2.2. Massgebende Komponenten zur Beurteilung des subjektiven Tatverschul-
dens sind das Motiv, die Beweggründe, die Willensrichtung sowie das Mass an
Entscheidungsfreiheit des Täters (HUG, in: DONATSCH/FLACHSMANN/HUG/WEDER
[Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Kommentar, 19. Aufl., Zürich 2013,
N 7 ff. zu Art. 47). Der Beschuldigte trat den Privatkläger direktvorsätzlich. Da der
Beschuldigte nicht geständig ist, können über die Beweggründe und Motive des
Beschuldigten lediglich Vermutungen angestellt werden. Naheliegend ist gestützt
auf die Akten jedoch ein gewisser Gruppendruck. Zugunsten des Beschuldigten
kann schliesslich davon ausgegangen werden, dass er von seinen Kollegen die
Information erhielt, der Privatkläger habe seine Mutter beschimpft. Zwar ist das
keine Rechtfertigung für die Fusstritte, liefert aber für die Tat des Beschuldigten
immerhin eine Erklärung. Nichtsdestotrotz handelte er aus egoistischen Beweg-
gründen, was straferhöhend zu veranschlagen ist. Zu berücksichtigen bleibt
schliesslich das psychiatrische Gutachten über den Beschuldigten. Danach leidet
der Beschuldigte unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, welche deutliche
Auswirkungen auf seine bisherige Lebensgestaltung gehabt habe. Darüber hinaus
gäbe es Anhaltspunkte für das Vorliegen einer adulten Aufmerksamkeitsdefizit- /
Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sowohl die dissoziale Persönlichkeitsstörung als
auch die vorhandenen Anhaltspunkte für das Vorliegen einer adulten ADHS
- 39 -
hätten gemäss Gutachter aber keine Einschränkung der Steuerungs- bzw. Ein-
sichtsfähigkeit des Beschuldigten bewirkt (HD Urk. 7/9 S. 64 f.). Demnach war der
Beschuldigte zum Tatzeitpunkt vollständig schuldfähig, was sich neutral auf die
Strafzumessung auswirkt.
2.3. Nach Berücksichtigung der objektiven und subjektiven Tatkomponenten er-
scheint das Verschulden des Beschuldigten als noch leicht. Angemessen er-
scheint deshalb eine hypothetische Einsatzstrafe von 14 Monaten.
3. Tatkomponenten der Sexualdelikte
3.1. Sexuelle Handlungen mit Kindern (ND1 Ziffer 1.2.1)
In objektiver Hinsicht verwerflich und skrupellos erscheint zunächst einmal, dass
sich der Beschuldigte in seiner vordergründigen Rolle als "Liebesanwärter" das
Vertrauen und die Unerfahrenheit der Privatklägerin gezielt zu Nutze machte. Mit
hoher krimineller Energie bedrängte er die Privatklägerin mit verbissener Beharr-
lichkeit, bis sie schliesslich seinem Insistieren nachgab. Relativierend ist aber zu
berücksichtigen, dass die Privatklägerin immerhin nicht zur Vornahme von sexuel-
len Handlungen an einer anderen Person bzw. an Tieren verleitet wurde, sondern
an sich selbst. Sie wurde aber immerhin nicht nur zu sexuell motivierten Berüh-
rungen an sich selbst veranlasst, sondern auch zum Onanieren. Die Privatkläge-
rin war 13 Jahre alt. Sie befand sich damit drei Jahre vor Entwachsen aus dem
Schutzalter. Die auf Verleitung des Beschuldigten vorgenommenen sexuellen
Handlungen, v.a. das Onanieren "vor laufender Kamera", sind nicht nur geeignet,
psychische Schäden bei Kindern im Allgemeinen zu verursachen bzw. posttrau-
matische Belastungsstörungen hervorzurufen und so die ungestörte geschlechtli-
che Entwicklung der Kinder zu beeinträchtigen. Vielmehr bestätigte die Privatklä-
gerin sogar entsprechend beeinträchtigt worden zu sein. Schliesslich bleibt fest-
zuhalten, dass keinerlei Nötigungsmittel vom Beschuldigten zum Einsatz gebracht
wurden. Das objektive Tatverschulden ist gesamthaft als eher leicht zu veran-
schlagen. In subjektiver Hinsicht handelte der Beschuldigte direktvorsätzlich und
aus egoistischen Beweggründen zwecks Befriedigung seiner eigenen sexuellen
- 40 -
Lust. Zur Frage der Schuldfähigkeit kann auf die obigen Erwägungen unter Ziffer
2.2. verwiesen werden.
3.2. Versuchte sexuelle Handlungen mit Kindern (ND1 Ziffer 1.2.2)
In objektiver Hinsicht kann bezüglich dem Alter auf die obigen Ausführungen ver-
wiesen werden. Auch hier setzte der Beschuldigte zur Durchsetzung seines Vor-
habens keine Nötigungsmittel ein, sondern beschränkte sich auf seine Überre-
dungskünste. Wiederum nutzte er die Unerfahrenheit der Privatklägerin und ihr
Vertrauen ihm gegenüber schamlos aus. Wäre es zu den beabsichtigten Hand-
lungen gekommen, insbesondere zum Anal- und Oralverkehr, hätte dies die se-
xuelle Entwicklung der 13-jährigen Privatklägerin massiv beeinträchtigt. Subjektiv
handelte der Beschuldigte direktvorsätzlich und zur Befriedigung seiner eigenen
sexuellen Lust. Zur Frage der Schuldfähigkeit kann auf die obigen Erwägungen
unter Ziffer 2.2. verwiesen werden. Zur Vornahme einer sexuellen Handlung kam
es jedoch nicht. Der Versuch fällt strafmindernd ins Gewicht.
3.3. Pornografie (ND1 Ziffer 1.2.3.)
Der Beschuldigte verfügte objektiv über einige wenige Nacktfotos der Privatkläge-
rin. Diese waren auf seinem Handy gespeichert, so dass er auch unterwegs Zu-
griff darauf hatte. Auf den Fotos zu sehen ist die Vagina der Privatklägerin aus so
ziemlich allen Perspektiven. Es werden mit Ausnahme von ein, zwei Fotos keine
sexuellen Handlungen darauf abgebildet. Diese sind jedoch auf den Videos zu
sehen, was straferhöhend zu veranschlagen ist. Davon sind vier bis fünf ge-
speichert. Bezüglich des subjektiven Tatverschuldens kann auf die obigen Aus-
führungen verwiesen werden. Hinsichtlich der Schuldfähigkeit gilt auch hier das
unter Ziffer 2.2. oben bereits Gesagte. Zu berücksichtigen ist schliesslich, dass
dieses Delikt mit der vollendeten sexuellen Handlung mit Kindern zeitlich, sachlich
und situativ einen sehr engen Zusammenhang hat und eine geringere Selbststän-
digkeit aufweist (Urteil BGer vom 23. Juni 2010 [6B_323/2010], E. 3.2).
3.4. Tatverschulden betreffend Sexualdelikte
- 41 -
Nach Berücksichtigung der objektiven und subjektiven Tatkomponenten der ein-
zelnen Sexualstraftaten und in Anwendung des Asperationsprinzips erscheint das
Tatverschulden des Beschuldigten gesamthaft als eher leicht. Es rechtfertigt sich
daher, die Einsatzstrafe um 9 Monate zu erhöhen.
4. Tatkomponenten der Strassenverkehrsdelikte
Es rechtfertigt sich vorliegend, das Verschulden des Beschuldigten an den Ver-
gehen gegen das Strassenverkehrsgesetz aufgrund derer zeitlichen, sachlichen
und situativen Konnexität zusammen zu prüfen. Zu Recht hielt die Vorinstanz
diesbezüglich fest, dass der Beschuldigte planmässig vorging und das entwende-
te Fahrzeug zwar während nur zwei Tagen, aber sehr intensiv nutzte. Sein Vor-
gehen zeugte von einer gewissen kriminellen Energie, war aber insofern nicht
sehr raffiniert, als er keine besonders aufwändigen organisatorischen Vorkehrun-
gen dafür treffen musste. Das Fahrzeug konnte in unversehrtem Zustand wieder
an den rechtmässigen Besitzer zurückgegeben werden. Straferhöhend ist zu be-
rücksichtigen, dass der Beschuldigte sich schliesslich mehrfach gleichgültig über
das angeordnete Fahrverbot und den Entzug seines Führerausweises hinweg-
setzte. In subjektiver Hinsicht handelte der Beschuldigte direktvorsätzlich und aus
egoistischen Motiven, was straferhöhend ins Gewicht fällt. Zur Frage der Schuld-
fähigkeit kann auf die obigen Erwägungen unter Ziffer 2.2. verwiesen werden. Das
Tatverschulden des Beschuldigten ist unter Berücksichtigung der objektiven und
subjektiven Tatkomponenten somit als noch leicht zu qualifizieren.
Unter Berücksichtigung des Tatverschuldens an den Strassenverkehrsdelikten
und in Anwendung des Asperationsprinzip erscheint die Erhöhung der Einsatz-
strafe um weitere 5 Monate gerechtfertigt.
5. Asperierte Einsatzstrafe
Die soeben behandelten Nebendelikte richteten sich gegen verschiedene Rechts-
gutsträger, wurden zeitlich und räumlich völlig unabhängig vom Hauptdelikt und
auf andere Art und Weise ausgeführt und gründeten auf einen immer wieder aufs
Neue gefassten Tatentschluss. In Folge dessen wirkt sich das Tatverschulden
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des Beschuldigten an diesen Nebendelikten hinsichtlich des Gesamtverschuldens
erheblich erhöhend aus (vgl. Urteil BGer v. 23. Juni 2010 [6B_323/2010], E. 3.2).
Die Einsatzstrafe von 14 Monaten Freiheitsstrafe ist unter Berücksichtigung des
Tatverschuldens deshalb auf 28 Monate anzuheben.
6.1. Zu den persönlichen Verhältnissen kann auf die Ausführungen der Vor-
instanz verwiesen werden (HD Urk. 61 S. 58 f.). Anlässlich der Berufungsver-
handlung hat der Beschuldigte ergänzt, dass er sich nach der Haftentlassung um
einen Schulabschluss, einen Job und eine Ausbildung als Fachangestellter Ge-
sundheit bemühen werde. Er wolle in einem Altersheim arbeiten (Prot. II S. 12).
Die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten beeinflussen das Strafmass
nicht.
6.2. Der Beschuldigte hat keine Vorstrafen. Der Vorinstanz ist zuzustimmen,
dass die zahlreichen Jugendstrafen nicht straferhöhend berücksichtigt werden
dürfen. Dass der Beschuldigte jedoch über einen äusserst schlechten automobi-
listischen Leumund verfügt, ist leicht zu Lasten des Beschuldigten zu gewichten
(vgl. HD Urk. 16/7).
6.3. Strafmindernd fällt ins Gewicht, dass der Beschuldigte hinsichtlich der SVG-
Delikte geständig war. Dieses Geständnis kann aber nur leicht mindernd veran-
schlagt werden, da die entsprechenden Vergehen einen vom Unrechtsgehalt her
eher leichteren Tatvorwurf ausmachen. Zudem blieb dem Beschuldigten auch
nichts anderes übrig als seine SVG-Vergehen einzugestehen, wurde er doch
sozusagen "auf frischer Tat" ertappt. Wie die Vorinstanz zu Recht festhielt, ist
beim Beschuldigten keine ehrliche Reue und Einsichtigkeit zu erkennen. Schliess-
lich mangelte es dem Beschuldigten auch an Kooperationsbereitschaft mit den
Strafbehörden, wobei sich sein Verhalten vor Vorinstanz und im Vollzug gebes-
sert zu haben scheint (HD Urk. 61 S. 60; HD Urk. 71).
6.4. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die erhöhenden
und mindernden Täterkomponenten ausgleichen, so dass es bei der asperierten
Einsatzstrafe bleibt.
- 43 -
7. Gesamtstrafe
Unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Strafzumessungskriterien
scheint es dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldig-
ten angemessen, ihn mit einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten zu bestrafen. Die
durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug bereits erstandenen 625 Tage sind dieser
Strafe anzurechnen (Art. 51 StGB).
Die von der Vorinstanz festgesetzte Busse von Fr. 300.– für die Übertretungen
gegen das Betäubungsmittelgesetz erscheint angemessen und ist zu bestätigen.
IV. Vollzug
1. Angesichts der Höhe der ausgefällten Strafe drängt sich vorliegend die Fra-
ge auf, ob dem Beschuldigten der teilbedingte Vollzug im Sinne von Art. 43 Abs. 1
StGB gewährt werden kann.
2. Die Vorinstanz hat dem Beschuldigten den teilbedingten Vollzug der Frei-
heitsstrafe gewährt und die Probezeit für den aufgeschobenen Teil auf vier Jahre
angesetzt (HD Urk. 61 S. 60 - 63). Dem kann nicht gefolgt werden. Beim Be-
schuldigten handelt es sich um einen Ersttäter, so dass eine günstige Prognose
vorliegend bereits vermutet wird. Zu prüfen ist nachfolgend, ob das Vorleben des
Beschuldigten Hinweise für eine Schlechtprognose aufweist. Diese Prüfung fällt
vorliegend zu Lasten des Beschuldigten aus. Zum einen liefert das eingeholte
Gutachten einen solchen Anhaltspunkt. Der Gutachter geht nämlich von einer ho-
hen Rückfallgefahr für Gewalt- und SVG-Delikte aus (HD Urk. 7/9 S. 65). Für eine
Schlechtprognose, sprechen im Übrigen aber auch die abgebrochene Schulaus-
bildung, die bedingt dadurch schlechten Berufsaussichten, die berufliche Orientie-
rungslosigkeit, die jugendanwaltschaftlichen Vorakten und sein soziales Umfeld.
Die fehlende berufliche Stabilität kann es einem Täter nämlich schwer machen, in
geregelten Verhältnissen und stabilen Strukturen zu leben, was für eine beständi-
ge Resozialisierung des Beschuldigten unabdingbar ist. Nicht zuletzt scheint der
Beschuldigte mit problembehafteten Jugendlichen zu verkehren, was sich eben-
falls negativ auf die Legalbewährung auswirken dürfte, sollte er sein soziales Um-
- 44 -
feld nicht verändern. Haltgebend dürfte ihm einzig seine Familie sein. Damit be-
stehen begründete und besorgniserregende Hinweise, welche gegen die vermute-
te günstige Prognose sprechen. Daran ändern auch die Zusicherungen des Be-
schuldigten, sich nach der Haftentlassung um einen Job bzw. um einen Schulab-
schluss kümmern zu wollen (Prot. II S. 12), nichts, wirken diese aufgrund fehlen-
der Substantiierungen doch nicht sehr ernst gemeint. Mit der Staatsanwaltschaft
ist der teilbedingte Strafvollzug damit nicht zu gewähren.
V. Massnahme
1. Bezüglich der Voraussetzungen für die Anordnung therapeutischer Mass-
nahmen ist auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen (HD
Urk. 61 S. 63; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Das in Auftrag gegebene psychiatrische Gutachten ist entgegen den Ausfüh-
rungen der Verteidigung (HD Urk. 41 S. 35 f.; HD Urk. 76 S. 36 f.) schlüssig, aus-
führlich begründet und überzeugend. Der von der Verteidigerin vorgebrachte Ein-
wand betrifft u.a. den psychologischen Befund des Gutachters und damit eine
Fachfrage. Das Gericht darf diesbezüglich nur aus triftigen Gründen vom Gutach-
ten abweichen. Die Ausführungen der Verteidigerin zeigen indes keine gewichti-
gen, zuverlässig begründeten Tatsachen oder Indizien auf, welche die Überzeu-
gungskraft der Feststellungen des Gutachters als Fachperson ernstlich zu er-
schüttern vermögen, so dass die Schlüssigkeit des Gutachtens in wesentlichen
Punkten zweifelhaft erscheint (BGE 101 IV 130; BGE 129 I 57 f.; Urteil BGer vom
5. Oktober 2007 [6B_283/2007], E. 2; SCHWARZENEGGER/HUG/JOSITSCH, Strafrecht
II, 8. Aufl., Zürich 2007, S. 162; BSK StGB-BOMMER, N 27 zu Art. 13).
3. Die Vorinstanz befand die Voraussetzungen für die Anordnung einer Mass-
nahme für Jugendliche im Sinne von Art. 61 StGB unter Hinweis auf den im Gut-
achten festgestellten Mangel an Massnahmefähigkeit und -willigkeit als nicht ge-
geben (HD Urk. 61 S. 64). Dem ist zuzustimmen. Auch die Staatsanwaltschaft
verzichtete aus den gleichen Gründen auf einen entsprechenden Antrag (HD
Urk. 38 S. 10 f.; HD Urk. 75 S. 6).
- 45 -
4. Eine ambulante Massnahme kann unter den gleichen Voraussetzungen an-
geordnet werden wie die stationären (BSK StGB-HEER, N 5 zu Art. 63). Beson-
ders Rechnung zu tragen ist dabei auch hier der Behandlungsbereitschaft des Be-
troffenen und der Durchführbarkeit der Massnahme (BSK StGB-HEER, N 28 f. zu
Art. 63). Dabei darf zwar keine andauernde uneingeschränkte Behandlungsbe-
reitschaft gefordert werden. Zumindest eine gewisse Motivierbarkeit ist hierzu in-
des erforderlich (BSK StGB-HEER, N 78 ff. zu Art. 59). Das Bundesgericht verlangt
in diesem Sinne ein Mindestmass an Kooperation (Urteil BGer vom 7. Mai 2002
[6S.69/2002], E. 1.2, und vom 15. September 1995 [6S.487/1995], E 2.c).
Der Beschuldigte wurde bereits am 22. September 2011 von der Stiftung
W._ begutachtet (HD Urk. 7/10). Darin wird ausgeführt, dass er seit länge-
rem massive Verhaltensauffälligkeiten zeige und diverse Massnahmen zur Ver-
haltensänderung (so bereits im Alter von 12/13 Jahren) erfolglos geblieben seien
(HD Urk. 7/10 S. 1, 44). Der Gutachter stellte vor diesem Hintergrund aufgrund
entsprechender Ausführungen des Beschuldigten fest, dass die Massnahme-
fähigkeit des Beschuldigten fraglich sei und die Massnahmewilligkeit komplett
fehle. Deshalb sei die Behandlung des Beschuldigten schwierig, mit hoher Wahr-
scheinlichkeit sogar unmöglich (HD Urk. 7/9 S. 68). Unter diesen Umständen
kann von einer Motivierbarkeit realistischerweise nicht mehr ausgegangen wer-
den, zumal er sich auch anlässlich der Berufungsverhandlung dagegen sperrte
(Prot. II S. 11 f.). Mit der Vorinstanz ist deshalb von der Anordnung einer ambu-
lanten Massnahme abzusehen.
VI. Zivilansprüche
1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze für die Zusprechung von Schadenersatz
und Genugtuung zutreffend dargelegt (HD Urk. 61 S. 64 f., 66 f.; Art. 82 Abs. 4
StPO).
2.1. In Bezug auf die Schadenersatzforderung von B._ hielt die Vorinstanz
zu Recht fest, dass diese zu wenig substantiiert sei, um aufgrund der Akten den
Schaden festsetzen und den Beschuldigten zu dessen Ersatz verpflichten zu kön-
- 46 -
nen. So vermerkte der Privatkläger auf dem ausgefüllten Formular "Geltend-
machung von Rechten als Privatklägerschaft" unter der Rubrik "Schadenersatz in
der Höhe von" lediglich, dass diese noch undefinierbar sei (HD Urk. 14/4). Weite-
re Unterlagen gingen dem Gericht bis anhin nicht ein, so dass die Festsetzung ei-
nes Schadensbetrages unmöglich ist.
2.2. Die Vorinstanz sprach dem Privatkläger B._ eine Genugtuung von Fr.
800.– zu. Dieser Betrag wird auch von der Verteidigung im Eventualantrag als
angemessen anerkannt (HD Urk. 76 S. 43) und erscheint gerechtfertigt. So litt der
Privatkläger infolge der Fusstritte des Beschuldigten, von G._ und H._
nachgewiesenermassen mehrere Tage an Schmerzen und Konzentrationsschwie-
rigkeiten (HD Urk. 8/6; HD Urk. 8/13; HD Urk. 14/4).
3.1. Die Privatklägerin C._ beantragte, dass der Beschuldigte ihr gegenüber
dem Grundsatze nach zu Schadenersatz zu verpflichten sei, da eine Bezifferung
des Schadens gemäss Darstellung ihrer Rechtsvertreterin im gegenwärtigen Zeit-
punkt nicht möglich sei. Dies erscheint durchaus plausibel und wurde hinreichend
substantiiert. Mit der Vorinstanz ist deshalb in Anwendung von Art. 126 Abs. 2
StPO festzustellen, dass der Beschuldigte aus dem eingeklagten Ereignis dem
Grundsatze nach gegenüber der Privatklägerin schadenersatzpflichtig ist.
3.2. Ausführlich setzte sich die Vorinstanz mit der von der Privatklägerin C._
beantragten Genugtuung von Fr. 6'500.– (zzgl. Zins) auseinander. Mit zutreffen-
den Erwägungen hat sie die Genugtuungsforderungen im Betrag von Fr. 700.–
gutgeheissen und im Mehrbetrag abgewiesen. Da dieser Betrag auch von der
Verteidigung im Eventualantrag als angemessen bezeichnet wurde (HD Urk. 76
S. 43), kann zwecks Vermeidung von Wiederholungen auf die vorinstanzlichen
Erwägungen vollumfänglich verwiesen (HD Urk. 61 S. 67 - 70).
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die erstinstanzliche Kostenauflage ist zu bestätigen.
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2. Die Vorinstanz hat der Privatklägerin 2 eine Umtriebsentschädigung für die
Untersuchung (zwei Einvernahmen) im Betrag von Fr. 100.– zugesprochen, was
zu bestätigen ist (HD Urk. 61 S. 71).
3. Der Beschuldigte unterliegt mit seiner Berufung gänzlich. Die Staatsanwalt-
schaft unterliegt hinsichtlich des Strafpunktes zwar ebenfalls in geringem Umfang.
Sie obsiegt aber gleichzeitig im Schuldpunkt und bezüglich des Vollzugs. Deshalb
rechtfertigt es sich vorliegend, die Verfahrenskosten der zweiten Instanz (ohne
Verteidigungskosten und Kosten der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung der
Privatklägerin) vollumfänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen. Die Kosten für die
Verteidigung und Vertretung der Privatklägerschaft sind definitiv auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.