# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** f1322dd7-41bd-54e7-a326-4a6b83ee8612
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2019
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. An der Gemeindeversammlung vom 15. Oktober 2018 haben die Stimmbürgerinnen
und Stimmbürger der Gemeinde Mörigen entschieden, den Bau einer Heizzentrale mit
Fernwärmenetz zu realisieren. Die Anlage soll gemeindeeigene sowie Liegenschaften von
Privaten mit erneuerbarer Wärmeenergie aus regionalen Holzschnitzeln versorgen. Am
10. Dezember 2018 reichte die Beschwerdegegnerin ein Baugesuch ein für den Rückbau
einer bestehenden Heizung, den Neubau einer Fernwärmezentrale mit erdverlegtem
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Holzschnitzelsilo sowie das Erstellen eines Wärmenetzes mit Fernwärmeleitungen auf den
Parzellen Mörigen Grundbuchblatt Nrn. E._, F._ und weiteren.
Vorgesehen ist ein zweigeschossiger Bau. Die Heizzentrale mit Heizkessel soll im
Erdgeschoss und das Holzschnitzelsilo erdverlegt im Untergeschoss gebaut werden. Die
Bauten sind räumlich so dimensioniert, dass mit der Anlage im Endausbau eine
Gesamtleistung von 1.2 Megawatt (MW) produziert werden kann. Zudem sollen auf der
Parzelle Mörigen Grundbuchblatt Nr. G._ zwölf provisorische Autoabstellplätze
während der Bauphase errichtet werden. Die Parzellen liegen teils im Perimeter der
Überbauungsordnung Nr. 4 "Ortskern", teils in der Wohnzone (W1 und W2). Der Perimeter
der Überbauungsordnung ist, mit Ausnahme eines kleinen Gebiets entlang der
Hauptstrasse, das gemäss Zonenplan in die Empfindlichkeitsstufe III (ES III) aufgestuft
wurde, der ES II zugeordnet.1 Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderem die
Beschwerdeführerin Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 28. Mai 2019 erteilte das
Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne für das Vorhaben die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 3. Juli 2019 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die Aufhebung
des Gesamtbauentscheids vom 28. Mai 2019 und die Erteilung des Bauabschlags.
Eventuell beantragt sie, der Gesamtentscheid sei aufzuheben und zur
Sachverhaltsvervollständigung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Beschwerdeführerin
stellt sich vorab auf den Standpunkt, der angefochtene Entscheid könne keine Gültigkeit
entfalten. Er sei vom Bereichsleiter Bau unterzeichnet worden. Dieser sei nicht befugt, den
Regierungsstatthalter zu vertreten. Ausserdem habe die Vorinstanz ihren Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt, weil die Ausführungen zur Emissionsbelastung dürftig
aufgefallen seien. Weiter bringt die Beschwerdeführerin vor, das Vorhaben sei in der Zone
für öffentliche Nutzung nicht zonenkonform und verursache störende Lärm- und
Staubemissionen. Ferner vertritt sie die Meinung, die Voraussetzungen für die
Unterschreitung des Strassenabstands seien nicht erfüllt. Und schliesslich rügt sie, die
Anlieferung der Holzschnitzel mit LKWs gefährde die Verkehrssicherheit und die
Schulkinder.
1 Vgl. Art. 40 der Überbauungsvorschriften Nr. 4 "Ortskern" vom 31. Januar 2000, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 11. Mai 2000
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3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegnerin beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 31. Juli 2019, auf die Beschwerde sei nicht einzutreten,
eventualiter sei sie abzuweisen. Auch das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne schliesst
in seiner Stellungnahme vom 22. Juli 2019, die auch die stellvertretende
Regierungsstatthalterin unterzeichnete, auf Abweisung der Beschwerde. In den
Schlussbemerkungen vom 26. September 2019 hält die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen an ihrer Begründung und den Anträgen in der Beschwerde fest. Die
Vorinstanz teilte im Schreiben vom 29. August 2019 mit, sie habe keine weiteren
Bemerkungen und verweist auf ihre Ausführungen in ihrer Stellungnahme vom 22. Juli
2019.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit, Form und Frist
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG3. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG4 mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die BVE ist somit zur Beurteilung der Baubeschwerde zuständig.
b) Die Baubeschwerde ist innert 30 Tagen seit Eröffnung schriftlich einzureichen. Sie
muss ein Rechtsbegehren und eine Begründung enthalten (Art. 40 Abs. 1 BauG). Diese
Bestimmungen über Frist und Form sind eingehalten.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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2. Beschwerdebefugnis
a) Umstritten ist, ob die Beschwerdeführerin legitimiert ist, Beschwerde zu führen.
Die Beschwerdeführerin begründet ihre Legitimation damit, dass das Bauvorhaben auf
dem Schulgelände geplant sei und sich ihre schulpflichtigen Kinder dort täglich aufhalten
würden. Sie seien dadurch den Immissionen der Anlage sowie dem erhöhten
Verkehrsaufkommen, das durch die Anlage verursacht werde, ausgesetzt. Dadurch seien
besonders die Schülerinnen und Schüler des Schulhauses einem erhöhten Risiko
ausgesetzt. Zudem werde der Feinstaub der Anlage, besonders im nebligen Winter, mit
dem Wind auch in ihre Wohnumgebung getragen. In den Schlussbemerkungen vom
26. September 2019 bemerkt die Beschwerdeführerin schliesslich, vom Bau der
Fernwärmeanlage sei sehr wohl ein Grossteil der Bevölkerung von Mörigen betroffen. Sie
sei zur Beschwerdeerhebung legitimiert.
b) In der Beschwerdeantwort vom 31. Juli 2019 stellt sich die Beschwerdegegnerin auf
den Standpunkt, die Vorinstanz hätte der Beschwerdeführerin bereits im
Baubewilligungsverfahren die Einsprachebefugnis absprechen müssen. Es fehle der
Beschwerdeführerin an der besonderen, spezifischen Beziehungsnähe zum Bauvorhaben.
Sie wohne ca. 400 m Luftlinie vom Bauvorhaben entfernt. Damit werde sie von den zu
erwartenden Auswirkungen des geplanten Projekts nicht beeinträchtigt. Auch als Mutter
von schulpflichtigen Kindern sei sie nicht mehr als andere Bewohner der Gemeinde
betroffen. Ebenso könne nicht davon gesprochen werden, dass mit dem Bau der
Fernwärmezentrale ein Gefahrenherd geschaffen werde, durch den die Bewohner der
Gemeinde einem erhöhten Risiko ausgesetzt seien. Auf die Beschwerde sei mangels
Beschwerdelegitimation daher nicht einzutreten.
c) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin hat sich als Einsprecherin am vor-
instanzlichen Verfahren beteiligt und ist damit formell zur Beschwerdeführung legitimiert.
Neben der formellen Beschwer bedarf es auch der materiellen Beschwer: Nach Art. 40
Abs. 2 in Verbindung mit Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache und
Beschwerde befugt, die durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen
Interessen betroffen sind. Nach Lehre und Rechtsprechung ist eine Person in
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schutzwürdigen Interessen berührt, wenn sie durch ein Bauvorhaben in höherem Masse
als die Allgemeinheit betroffen ist und zum Streitgegenstand eine besondere
Beziehungsnähe hat. Die Betroffenheit kann rechtlicher oder auch nur tatsächlicher Natur
sein. Sie muss aber hinreichend sein, d.h. eine bestimmte Intensität erreichen, so dass von
der Abwendung eines materiellen oder ideellen Nachteils gesprochen werden kann. Der
Nachteil muss persönlich und unmittelbar sein. Zudem muss der Nachteil bei einer
objektivierten Betrachtungsweise als solcher empfunden werden; eine besondere
subjektive Empfindlichkeit der betroffenen Person verdient keinen Rechtsschutz. Diese
Anforderungen grenzen die Beschwerden betroffener Drittpersonen von der unzulässigen
Popularbeschwerde ab.5
d) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe
zum Streitgegenstand bei Bauprojekten besonders in räumlicher Hinsicht gegeben sein. In
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des
Baugrundstücks, das heisst vorab die Eigentümer, Pächter und Mieter von
Nachbargrundstücken sowie Personen, die an solchen Grundstücken dinglich berechtigt
sind. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann jedoch nicht allgemein festgelegt
werden, sondern muss im Einzelfall bestimmt werden. Die Einsprache- und
Beschwerdebefugnis der Nachbarn ist in der Regel zu bejahen, wenn deren Liegenschaft
unmittelbar an das Baugrundstück angrenzt oder allenfalls nur durch einen Verkehrsträger
davon getrennt wird. Allerdings kommt es nicht alleine auf bestimmte Distanzwerte an,
denn der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann nicht allgemein festgelegt werden,
sondern muss im Einzelfall nach den konkreten Verhältnissen bestimmt werden. Nach der
bundesgerichtlichen Praxis sind aber Nachbarn bis im Abstand von etwa 100 Metern in der
Regel zu Beschwerden gegen Bauvorhaben legitimiert. Dies bedeutet aber nicht, dass
nicht auch weiter entfernte Nachbarn besonders berührt sein können. Die Nachbarschaft
reicht soweit wie die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des umstrittenen Vorhabens.6
Bei grossflächigen Immissionen kann ein sehr weiter Kreis von Betroffenen
einsprachelegitimiert sein. Die mögliche Störung muss aber deutlich wahrnehmbar sein
und objektiv betrachtet als Nachteil empfunden werden. Bei Immissionen ist nicht
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35– 35c N. 16 f. mit Hinweisen auf die Rechtsprechung 6 BGE 140 II 214 E. 2.3 S. 219; vgl. BGer 1C_346/2011 vom 1. Februar 2012 E. 2.3 und 2.5; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 17 f.; René Wiederkehr/Stefan Eggenschwiler, Die allgemeine Beschwerdebefugnis Dritter, 2018, N. 20 ff. und N. 74 f.
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erforderlich, dass die Immissionsgrenzwerte übertroffen werden; es genügt, dass sie
objektiv als Nachteil empfunden werden können.7
e) Die Fernwärmeanlage soll im Sektor 3 des Perimeters der Überbauungsordnung
Nr. 4 "Ortskern" an der H._strasse 21a in Mörigen errichtet werden. In
unmittelbarer Nähe der geplanten Anlage befinden sich die Schulbauten, die die
schulpflichtigen Kinder der Beschwerdeführerin besuchen müssen. Aus dem bewilligten
Übersichtsplan Etappe 1 vom 10. Dezember 2018 geht hervor, dass sich das Schulhaus
vollständig im Einwirkungsbereich der zwei Kamine der projektierten Fernwärmeanlage
befindet. Dabei gelten Schulzimmer als lärmempfindliche Wohnräume.8 Die Kinder der
Beschwerdeführerin, die am geplanten Anlagestandort die Schule besuchen müssen, sind
folglich mehr als jedermann vom Bau und Betrieb der Anlage betroffen. Allfällige Lärm- und
die Staubimmissionen, die durch den Bau und den Betrieb der Fernwärmezentrale
entstehen können, könnten von den Kindern als Nachteil empfunden werden. Die
Beschwerdeführerin übt die elterliche Sorge für ihre minderjährigen Kinder aus. Dadurch
steht sie in einer beachtenswerten Beziehungsnähe zum Streitgegenstand. Sie ist folglich
wie ihre minderjährigen Kinder materiell beschwert. Das schutzwürdige Interesse der
Beschwerdeführerin, den angefochtenen Entscheid aufzuheben oder abzuändern, ist daher
zu bejahen. Dass die Wohnliegenschaft der Beschwerdeführerin ca. 400 m vom geplanten
Vorhaben entfernt liegt, kommt somit keine entscheidrelevante Bedeutung mehr zu. Es
kann unter diesen Umständen auch nicht von einer Popularbeschwerde gesprochen
werden. Dass die Vorinstanz die Einsprachebefugnis der Beschwerdeführerin im
vorinstanzlichen Verfahren bejahte, ist nach dem Gesagten nicht zu beanstanden. Auf die
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
f) Selbst wenn mangels Beschwerdelegitimation auf die Beschwerde nicht eingetreten
werden könnte, wäre die BVE befugt, den angefochtenen Entscheid gestützt auf Art. 40
Abs. 3 Satz 2 BauG von Amtes wegen abzuändern, wenn er erhebliche Mängel aufweist.9
Diese Voraussetzung ist hier erfüllt, wie die Erwägung 9 zeigt.
3. Rechtsmissbräuchliche Beschwerdeerhebung
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 17a 8 Vgl. S. 12 der Vollzugshilfe 2.0 des Cercle Bruit, Anforderungen an Bauzonen und Baubewilligungen in lärmbelasteten Gebieten, Version vom 22. Dezember 2017 (abrufbar unter: http://www.cerclebruit.ch / Vollzugsordner / Ziffer 2 / Planen und Bauen in lärmbelasteten Gebieten) 9 Vgl. BVR 2018 S. 469 e. 3.3; VGE 22794 vom 15. August 2007 E. 4.6.1
http://www.cerclebruit.ch/
RA Nr. 110/2019/110 Seite 7 von 23
a) Die Beschwerdegegnerin bringt vor, soweit auf die Beschwerde überhaupt
eingetreten werden könne, müsse diese als rechtsmissbräuchlich abgewiesen werden. Mit
der Prozessführung bezwecke die Beschwerdeführerin einzig, mit der Gemeinde einen
"Tauschhandel" abzuschliessen. Die Gemeinde solle in einem anderen
Beschwerdeverfahren (RA Nr. 110/2018/112) dazu bewegt werden, auf eine
Wiederherstellungsverfügung bezüglich eines Gartenpavillons zurückzukommen, wenn die
Beschwerdeführerin im Gegenzug die Beschwerde gegen die Fernwärmeanlage
zurückziehe. Die Wiederherstellungsverfügung richte sich gegen die I._ AG,
welche die Beschwerdeführerin als zeichnungsberechtigte Verwaltungsratspräsidentin
vertrete. Ein solches Vorgehen sei rechtsmissbräuchlich, wenn nicht strafrechtlich relevant.
Auch stelle sich die Frage, ob das Vorgehen mit den Sorgfaltspflichten eines
Rechtsbeistands zu vereinbaren sei. Sie überlasse es der BVE, ob und gegebenenfalls
was für weitere Schritte (Anzeige bei der Anwaltsaufsichtsbehörde, Strafanzeige) gegen
die Beschwerdeführerin bzw. deren Rechtsvertreter einzuleiten seien.
b) In der Stellungnahme vom 26. September 2019 bestreitet die Beschwerdeführerin
diese Vorwürfe.
c) Nach Art. 45 Abs. 1 VRPG10 wird auf Eingaben nicht eingetreten, die auf
querulatorischer oder rechtsmissbräuchlicher Prozessführung beruhen. Nach der Praxis ist
von Rechtsmissbrauch auszugehen, wenn jemand geradezu trölerisch, d.h. auf reinen
Zeitgewinn und nicht auf den Schutz berechtigter Interessen bedacht, Verfahrensrechte
ausübt. Rechtsmissbräuchliches Vorgehen muss sich zudem vorwerfen lassen, wer
unbekümmert um ein konkretes Rechtsschutzinteresse nach Möglichkeit jedes
Rechtsmittel und jeden Rechtsbehelf ergreift mit dem Ziel, ein Verfahren zu blockieren,
obwohl ein Erfolg oder ein Teilerfolg in der Sache als ausgeschlossen erscheint. Auch liegt
Rechtsmissbrauch vor, wenn eine anwaltlich vertretene Partei ohne Auseinandersetzung
mit der Frage der Zulässigkeit ein Rechtsmittel einlegt, das nach Gesetz und
Rechtsprechung die vorgebrachten Rügen nicht zulässt oder sich zum Nachweis ihrer
Rechtsbehauptungen auf erkennbar gefälschte Beweismittel beruft. Schliesslich sind
prozessuale Handlungen rechtsmissbräuchlich, die offenkundig nur den Zweck haben,
10 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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einer anderen Person zu schaden. Dabei darf Rechtsmissbrauch nur mit Zurückhaltung
und unter Umständen angenommen werden, die keinerlei Zweifel erlauben.11
d) Aus der Erwägung 2 folgt, dass die Beschwerdeführerin befugt ist, Einsprache und
Beschwerde zu führen. Die Beschwerde erfolgte somit nicht unbekümmert um ein
Rechtsschutzinteresse. Alleine in der Beschwerdeführung kann daher noch kein
rechtsmissbräuchliches Vorgehen der Beschwerdeführerin gesehen werden. Zudem
beziehen sich die Vorbringen der Beschwerdeführerin auf den Streitgegenstand, der hier
zur Diskussion steht. So rügt die Beschwerdeführerin unter anderem, die geplante Anlage
verursache störende Lärm- und Staubimmissionen, was die Gesundheit und Sicherheit
ihrer Kinder gefährde. Aus den Akten ergibt sich auch kein weiterer Hinweis auf
rechtsmissbräuchliches Vorgehen. Unter diesen Umständen kann hier nicht auf
Rechtsmissbrauch im Sinne von Art. 45 Abs. 1 VRPG geschlossen werden. Die
Beschwerdegegnerin kann mit ihrer Kritik am Vorgehen der Beschwerdeführerin nichts zu
ihren Gunsten ableiten. Der Beschwerdegegnerin steht es offen, gegen den
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin selber ein Verfahren bei der Strafverfolgungs-
oder Anwaltsaufsichtsbehörde einzuleiten.
4. Mangelhafte Unterzeichnung
a) Vorliegend hat der Bereichsleiter Bau den angefochtenen Entscheid im Namen des
Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne unterzeichnet.
Die Beschwerdeführerin rügt, der angefochtene Entscheid sei nicht gültig unterzeichnet
worden. Er vermöge keine Rechtswirkungen zu entfalten. Die gesetzliche Konzeption mit
der Wahl des Regierungsstatthalters und der Bestimmung einer Stellvertretung sei klar. Es
bestehe für weitere Stellvertretungen, wie namentlich für den Bereichsleiter Bau, keinen
Raum.
b) Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. g VRPG gehört die Unterschrift eines vertretungsbefugten
Behördenmitglieds grundsätzlich zu den Gültigkeitserfordernissen eines Entscheids. Ihr
Fehlen kann daher die Nichtigkeit des fraglichen Verwaltungsakts zur Folge haben. Indes
11 Vgl. zum Ganzen Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 45 N. 4 mit weiteren Hinweisen
RA Nr. 110/2019/110 Seite 9 von 23
führen Form- und Eröffnungsfehler nur in schweren Fällen zur Nichtigkeit. Nach der
Evidenztheorie sind Verfügungen dann nichtig, wenn sie einen besonders schweren und
offensichtlichen oder zumindest leicht erkennbaren Mangel aufweisen und zudem die
Annahme der Nichtigkeit die Rechtssicherheit nicht ernsthaft gefährdet. Eine nichtige
Verfügung kann keine Rechtswirkungen entfalten; die Nichtigkeit ist jederzeit und von
sämtlichen rechtsanwendenden Behörden zu beachten.12
c) Baubewilligungsbehörde ist nach Art. 33 Abs. 1 BauG der Regierungsstatthalter oder
die zuständige Behörde von Gemeinden, die nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung
mindestens 10'000 Einwohner aufweisen (grosse Gemeinden). Die Regierungsstatthalterin
oder der Regierungsstatthalter ist gestützt auf Art. 8 Abs. 2 Bst. d BewD13 in jedem Fall
zuständig für Bauvorhaben, die, wie dies hier der Fall ist, für Zwecke der Gemeinde
bestimmt sind.
d) Die Vorinstanz argumentiert in der Stellungnahme vom 22. Juli 2019 zwar, der
Bereichsleiter Bau sei legitimiert, Bauentscheide zu unterschreiben. Dessen Stellvertretung
sei von der Geschäftsleitung der Regierungsstatthalter genehmigt worden. Wie erwähnt, ist
die Regierungsstatthalterin oder der Regierungsstatthalter und nicht das
Regierungsstatthalteramt Baubewilligungsbehörde (Art. 33 Abs. 1 BauG, Art. 8 Abs. 2 Bst.
d BewD i.V.m. Art. 9 Abs. 1 Bst. c RStG14). Auch lässt sich die Stellvertretung des
Regierungsstatthalters durch den Bereichsleiter Bau nicht auf die RstSV15 abstützen. Es ist
daher fraglich, ob der angefochtene Entscheid von einem vertretungsbefugten
Behördenmitglied unterzeichnet worden ist. Die Frage kann aber offengelassen werden.
Vorliegend bestätigte die vertretungsbefugte Stellvertreterin des Regierungsstatthalters
Biel/Bienne den angefochtenen Gesamtentscheid in der Beschwerdevernehmlassung.
Damit wurde die mögliche, mangelhafte Unterzeichnung nachträglich geheilt. Die
Beschwerdeführerin kann daher mit dem Argument, der Entscheid sei nicht rechtsgültig
unterzeichnet worden, nichts zu ihren Gunsten ableiten.
12 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 49 N. 61 f. 13 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 14 Gesetz vom 28. März 2006 über die Regierungsstatthalterinnen und Regierungsstatthalter (RStG; BSG 152.321) 15 Verordnung vom 18. Februar 2009 über die Stellvertretung der Regierungsstatthalterinnen und Regierungsstatthalter (RstSV, BSG 152.321.2)
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5. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, die Vorinstanz sei im angefochtenen
Entscheid ihrer Begründungspflicht nicht nachgekommen. Sie nehme zwar zu den
einzelnen Rügen Stellung, begnüge sich aber im Wesentlichen damit, die Argumente der
Bauherrschaft oder der Standortgemeinde zu wiederholen, ohne selbständige
Ausführungen zu machen. Besonders die Begründung zur Thematik der
Emissionsbelastung sei dürftig ausgefallen. Sie rügt, mit diesem Vorgehen habe die
Vorinstanz ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass die Behörde die Vorbringen der
Betroffenen sorgfältig prüft und beim Entscheid berücksichtigt. Daraus ergibt sich die
Pflicht der Behörde, ihre Verfügung zu begründen (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG). Die
Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde
muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien eingehen; es genügt, wenn sie sich mit
den wesentlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hat.16
c) Die Vorinstanz hat sich im angefochtenen Entscheid in der Ziff. 3.3 mit den
verschiedenen Rügen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Aus den Erwägungen
geht hervor, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen. Es trifft zwar zu, dass
die Vorinstanz mehrfach die Argumente der Bauherrschaft bzw. der Standortgemeinde
wiederholt. In diesem Vorgehen kann allerdings keine Verletzung der Begründungspflicht
gesehen werden. Die Beschwerdeführerin macht denn auch nicht geltend, sie hätte den
Entscheid mangels Begründung nicht nachvollziehen und nicht anfechten können. Eine
sachgerechte Anfechtung des Gesamtentscheids war möglich, wie die Beschwerde zeigt.
Die Vorinstanz war nicht gehalten, noch detaillierter auf die Rügen einzugehen, die die
Beschwerdeführerin in ihrer Einsprache vom 11. April 2019 vorbrachte, zumal diese den
Akten zufolge ohnehin allgemein gehalten waren.17 Entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführerin liegt hier keine Verletzung der Begründungspflicht vor. In diesem
Punkt ist die Beschwerde unbegründet.
16 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 5 17 Vgl. pag. 96 der Vorakten des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne
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6. Zonenkonformität
a) Die Beschwerdeführerin bringt ausserdem vor, das Bauvorhaben sei nicht
zonenkonform. Es liege gemäss der Überbauungsordnung Nr. 4 "Ortskern" in der Zone für
öffentliche Nutzung. Nach Art. 77 BauG sei die Zone für öffentliche Nutzung für Bauten und
Anlagen bestimmt, die im öffentlichen Interesse liegen, wie beispielsweise
Verwaltungsgebäude, Schulen, Spitäler, Parks, Sportanlagen usw. Die geplante
Fernwärmezentrale sei aber nicht für das öffentliche Interesse bestimmt. Vielmehr wolle die
Gemeinde ein gewerbliches Projekt auf die Beine stellen. Damit widerspreche die
Fernwärmezentrale Art. 77 BauG. Die Baubewilligung sei daher zu verweigern.
b) Das Bauvorhaben liegt gemäss dem Überbauungsplan Nr. 4 "Ortskern" im Perimeter
des Sektors 3. Die zugehörige Regelung in Art. 18 Abs. 1 der Überbauungsvorschriften
Nr. 4 "Ortskern" lautet wie folgt: "Der Sektor 3 ist eine Zone für öffentliche Nutzung um das Schulhaus und dient der Erweiterung der
Schulanlage, der Turn- oder Mehrzweckhalle, Schulturnanlage, Zivilschutzanlage, Werkhof,
Altstoffsammelstelle, Kindergarten, Gemeindeverwaltung, Heizzentrale Fernwärmeanlage und
Mehrzweckräumen."
Die geplante Fernwärmeanlage ist nach dem Gesagten in der Aufzählung von Art. 18 Abs.
1 der Überbauungsvorschriften ausdrücklich erwähnt und somit auf dem Areal des
Sektors 3 in der Zone für öffentliche Nutzung zulässig. Aus den Akten geht denn auch
hervor, dass im Hinblick auf das geplante Vorhaben die Aufzählung der zulässigen Bauten
und Analgen in Art. 18 Abs. 1 der Überbauungsvorschriften mit dem Zusatz "Heizzentrale
Fernwärmeanlage" ergänzt wurde. Diese Änderung wurde nach der öffentlichen
Bekanntmachung vom Gemeinderat am 1. Oktober 2018 beschlossen und am 15. Februar
2019 durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) genehmigt. Diese Änderung
ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
c) Im Baubewilligungsverfahren bzw. im Baubeschwerdeverfahren können
Nutzungspläne, also auch ein Überbauungsplan inklusive der zonenspezifischen
Vorschriften, grundsätzlich nicht mehr infrage gestellt werden.18 Die Beschwerdeführerin
hätte ihren Einwand, wonach das geplante Vorhaben mangels öffentlichen Interessens in
der Zone für öffentliche Nutzung nicht zulässig sei, bereits im Rahmen des
18 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 2 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung
RA Nr. 110/2019/110 Seite 12 von 23
Planerlassverfahrens vorbringen müssen. Eine nachträgliche (akzessorische) Anfechtung
ist nur möglich, wenn die betroffene Person beim Planerlass keine Anfechtungsmöglichkeit
hatte oder das Ausmass der Beschränkung noch nicht klar war, wenn sich die gesetzlichen
Grundlagen massgeblich geändert haben oder das öffentliche Interesse am Plan infolge
Änderung der Verhältnisse dahingefallen ist. Solche besonderen Umstände liegen hier
offensichtlich nicht vor und werden von der Beschwerdeführerin zu Recht auch nicht
geltend gemacht. Dazu kommt, dass nach Art. 77 Abs. 3 BauG das zuständige
Gemeinwesen entscheiden kann, welche Bauten und Anlagen im öffentlichen Interesse auf
den für seine Bedürfnisse ausgeschiedenen Zonen ausgeführt werden sollen. Es steht
somit der Gemeinde frei, den Bau und Betrieb einer Fernwärmezentrale mit
Wärmeverbund zur selbstgewählten Gemeindeaufgabe zu machen. Dies ist rechtlich
vertretbar und nicht zu beanstanden. Aus den Akten folgt zudem, dass der Bau und Betrieb
der Fernwärmezentrale in der Gemeinde demokratisch abgestützt sind. Der entsprechende
Verpflichtungskredit wurde an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom
15. Oktober 2018 mit grossem Mehr genehmigt. Dass am Bau und Betrieb eines
Wärmenetzes mit erneuerbarer Energie ein grosses öffentliches Interesse besteht, kommt
auch im Förderprogramm Energie des Kantons Bern zum Ausdruck.19 Danach werden
neue Wärmenetze, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden, finanziell gefördert,
sofern sie die übrigen Beitragsbedingungen erfüllen. Denn dank der Nutzung erneuerbarer
Holzenergie kann der Verbrauch fossiler Energien gesenkt und der CO2-Ausstoss
verringert werden. Die Beschwerdegegnerin trägt damit aktiv zur Erreichung der nationalen
und kantonalen energiepolitischen Ziele bei. Die Rüge der Beschwerdeführerin, das
Vorhaben sei in der Zone für öffentliche Nutzung zonenwidrig, verfängt somit nicht, soweit
auf die Rüge überhaupt eingetreten werden kann.
7. Unterschreitung des Strassenabstands
a) Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, die Voraussetzungen für die Erteilung
einer Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Strassenabstands seien nicht erfüllt.
Auch nicht relevant sei, ob die Anlage ober- oder unterirdisch gebaut werde. Das
Strassengesetz unterscheide nicht zwischen ober- und unterirdischen Bauten.
19 Vgl. www.bve.be.ch / Energie / Förderprogramm Energie / Energieförderung / Leitfaden
http://www.bve.be.ch
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b) Die Beschwerdegegnerin entgegnet, der Strassenabstand werde durch das geplante
Holzschnitzelsilo lediglich unterirdisch unterschritten. Art. 18 Abs. 7 der
Überbauungsvorschriften sehe ausdrücklich vor, dass unterirdische zonenkonforme Bauten
im ganzen Sektor 3 und ausserhalb der Baufelder gestattet seien. Diese müssten zudem
keinen Grenzabstand einhalten. Dass in dieser Bestimmung lediglich vom Grenzabstand
nicht aber vom Strassenabstand die Rede sei, sei einem redaktionellen Versehen
geschuldet. Dies sei aber unbeachtlich, da die Anpassung der Überbauungsvorschriften
aufgrund der geplanten Fernwärmezentrale erfolgt sei und die Bestimmung mit der
Formulierung "Grenzabstand" auch Abstände zu Strassenparzellen mitumfasse. Das
Ausnahmegesuch sei bei der Einreichung des Baugesuchs gestellt worden, weil die
Anpassung der Überbauungsordnung zu diesem Zeitpunkt noch nicht genehmigt war. Im
Lichte von Art. 18 Abs. 7 der Überbauungsvorschriften sei jedoch eine
Ausnahmebewilligung gar nicht mehr erforderlich. Im Übrigen wäre die Unterschreitung des
Strassenabstands selbst ohne diese Spezialvorschriften unproblematisch, da eine
Ausnahmesituation vorliege und keine entgegenstehenden Interessen ersichtlich seien.
c) Die Frage, ob hier mit der Formulierung "Grenzabstand" in Art. 18 Abs. 7 der
Überbauungsvorschriften Nr. 4 auch Abstände zur Strassenparzelle mitumfasst sind, kann
offengelassen werden, da die Ausnahmevoraussetzungen für ein Unterschreiten des
Strassenabstand erfüllt sind, wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen.
d) Den Akten zufolge unterschreitet die Nordwestecke des unterirdischen
Holzschnitzelsilos den Strassenabstand entlang der H._strasse um 60 cm.20 Die
H._strasse ist eine Gemeindestrasse. An Gemeindestrassen gilt nach Art. 80 Abs.
1 Bst. b SG21 ein Abstand von 3.60 m. Zur Begründung des Ausnahmegesuchs führte die
Beschwerdegegnerin aus, damit der Betrieb unter Volllast im Hochwinter während 10
Tagen aufrecht erhalten werden könne, müsse ein Bruttosilovolumen von 398 m3 realisiert
werden. Das Silo könne aufgrund der eingeschränkten Platzverhältnisse, bedingt durch die
nordseitigen Hochspannungsleitungen der BKW, die ostseitige Mehrzweckhalle und den
Entsorgungshof im Süden, nur realisiert werden, wenn der Strassenabstand um 60 cm
unterschritten werde. Den Standort habe sie ausserdem aufgrund der guten
Erschliessungssituation im Zusammenhang mit der Anlieferung und Logistik der
Holzschnitzel gewählt.
20 Vgl. pag. 41 der Vorakten des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne 21 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
RA Nr. 110/2019/110 Seite 14 von 23
e) Massgeblich für die Erteilung der Ausnahmebewilligung ist Art. 81 SG. Danach kann
das zuständige Gemeinwesen Ausnahmen von den gesetzlichen Strassenabständen
bewilligen, wenn besondere Verhältnisse, insbesondere des Ortsbildes, es rechtfertigen
und wenn dadurch weder öffentliche Interessen noch wesentliche nachbarliche Interessen
beeinträchtigt werden. Bei der Auslegung von Art. 81 Abs. 1 SG ist zu berücksichtigen,
dass dieser nicht nur den früheren Ausnahmetatbestand nach Art. 66 Abs. 1 und 2 SBG22,
sondern auch die Bestimmungen über Bauten im Vorland (Art. 65 SBG) ersetzt hat. Art. 65
SBG erlaubte das Erstellen von Bauten und Anlagen im Vorland relativ grosszügig. Ziel
des Gesetzgebers bei der Revision des SBG war nicht eine Verschärfung des Rechts,
sondern eine Vereinfachung und Zusammenfassung der Bestimmungen zu den
Strassenabständen in wenigen Artikeln.23 Nach der Praxis der BVE werden deshalb Bauten
im Vorland, die in Art. 65 SBG genannt waren, bei der Erteilung einer
Ausnahmebewilligung nach einem weniger strengen Massstab beurteilt als für die
allgemeine Ausnahme in Art. 26 BauG.24
f) Die Beschwerdeführerin rügt, die Unterschreitung des Strassenabstands gefährde
die Verkehrssicherheit. Weshalb hier die Verkehrssicherheit durch das unterirdische
Holzschnitzelsilo gefährdet sein soll, legt die Beschwerdeführerin jedoch nicht näher dar.
Solches ist hier denn auch nicht ersichtlich. Bereits heute besteht im Bereich des geplanten
unterirdischen Silos ein ebenerdiger Parkplatz, der bis an die H._strasse grenzt,
wie auf einem Foto in den Akten zusehen ist.25 Die Sichtverhältnisse bei der Wegfahrt
verschlechtern sich durch das geplante unterirdische Silo somit nicht. Im Gegenteil:
Gemäss den bewilligten Plänen soll ein Teil der bestehenden Mauer beim Treppenaufgang
zwischen der Mehrzweckhalle und dem Gemeindehaus abgebrochen werden. Dank dem
Abbruch der Mauer verbessern sich die Sichtweiten in Richtung Westen sogar. Dies wirkt
sich positiv auf die Verkehrssicherheit aus. Von einer Beeinträchtigung der
Verkehrssicherheit infolge der Ausnahme kann somit keine Rede sein. Öffentliche
Interessen werden daher nicht beeinträchtigt. Dass durch die Ausnahme nachbarliche
22 Gesetz vom 2. Februar 1964 über Bau und Unterhalt der Strassen (Strassenbaugesetz, SBG) 23 Vortrag zum Strassengesetz vom 4. Juni 2008, S. 24 (abrufbar unter: www.bve.be.ch / Rubriken / Rechtsamt / Rechtliche Grundlagen / Vorträge) 24 Vgl. Beschwerdeentscheid RA Nr. 110/2012/153 der BVE vom 12. September 2013 25 Vgl. pag. 54 der Vorakten des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne
http://www.bve.be.ch
RA Nr. 110/2019/110 Seite 15 von 23
Interessen beeinträchtigt werden, ist ebenfalls nicht ersichtlich und wird von der
Beschwerdeführerin zu Recht auch nicht geltend gemacht.
g) Weiter macht die Beschwerdeführerin geltend, besondere Verhältnisse, die eine
Unterschreitung notwendig machen würden, lägen nicht vor. Dieser Auffassung kann nicht
gefolgt werden. Beim unterirdischen Holzschnitzelsilo handelt es sich um eine
Unterkellerung oder unterirdische Anlage, die zu den Bauten und Anlagen im Vorland
gerechnet wurde (Art. 65 Abs. 2 Ziff. 4 SBG). Es ist daher gerechtfertigt, im vorliegenden
Fall die Ausnahmegewährung nach einem weniger strengen Massstab zu beurteilen. Hinzu
kommt, dass das Silovolumen auf 398 m3 ausgelegt werden muss, damit der Betrieb der
Heizanlage unter Volllast im Hochwinter vorschriftsgemäss während 10 Tagen
sichergestellt ist. Eine Redimensionierung des Silos fällt somit von vornherein ausser
Betracht. Auch kommt ein anderer Standort des Silos aufgrund der bestehenden
Erschliessungssituation und der eingeschränkten Platzverhältnisse nicht in Frage. Dies
folgt aus der schlüssigen Begründung der Beschwerdeführerin im Ausnahmegesuch. Das
Vorliegen besonderer Verhältnisse im Sinne von Art. 81 Abs. 1 SG kann folglich unter
Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte dieser Bestimmung bejaht werden.
h) Aus dem Gesagten folgt, dass die Vorinstanz die Ausnahmebewilligung zur
Unterschreitung des Strassenabstands zu Recht erteilte. Die Rüge der Beschwerdeführerin
ist somit unbegründet.
8. Verkehrssicherheit
a) Die Beschwerdeführerin rügt ausserdem, durch das Bauvorhaben erhöhe sich das
Verkehrsaufkommen, besonders aufgrund der LKWs, die über das Schulgelände fahren,
um das Material für die Befeuerung abzuliefern. Die Umgebung eines Schulhauses sei ein
ungeeigneter Ort, um mit LKWs Material transportieren zu lassen. Dadurch würden die
Schulkinder gefährdet.
b) Die Beschwerdegegnerin hält dazu fest, sie sei sich den potenziellen Gefahren, die
mit der Anlieferung der Holzschnitzel mit LKWs verbunden seien, bewusst. Die
Zulieferungen sollen zeitlich so organisiert werden, dass keine Schulkinder gefährdet
würden. Voraussichtlich würden die Silofüllungen gar mehrheitlich während den
RA Nr. 110/2019/110 Seite 16 von 23
Schulferien erfolgen. Sei dies nicht möglich, werde die Lehrerschaft in geeigneter Form
orientiert, damit gefährliche Situationen gar nicht entstehen könnten.
c) Ob die mit der Anlieferung der Holzschnitzel verbundenen LKW-Bewegungen die
Verkehrssicherheit gefährden, ist anhand der konkreten Umstände zu prüfen. Nach den
bewilligten Plänen soll das Holzschnitzelsilo auf dem Vorplatz der Mehrzweckhalle
unterirdisch angelegt werden. Das unterirdische Silo enthält vier aufklappbare Deckel, die
sich im Bereich der bestehenden Parkplätze vor dem Mehrzweckgebäude befinden. Dies
geht aus den bewilligten Plänen hervor. Wenn die Deckel geschlossen sind, können diese
in der Platzfläche normal befahren werden, wie aus dem Protokoll der ausserordentlichen
Gemeindeversammlung vom 15. Oktober 2018 hervor geht.26 Für eine Vollfüllung des Silos
wird mit ca. 7 bis 8 Fahrten à 40 m3 gerechnet. Nach derzeitigem Wissensstand wird damit
gerechnet, dass pro Jahr 6 bis 7 komplette Silofüllungen erforderlich sind. Insgesamt sind
demzufolge mit ca. 48 LKW-Fahrten pro Jahr zu rechnen. Der Silostandort befindet sich im
Bereich des bestehenden Parkplatzes vor der Mehrzweckhalle und nicht auf dem Pausen-
oder Spielplatz des Schulhausareals. Der Standort kann ohne Umwege direkt über die
Haupt- und Zentrumsstrasse angefahren werden. Bei der Zentrumsstrasse handelt es sich
um eine übersichtliche, ca. 50 m lange und 5 m breite Gemeindestrasse mit beidseitigem
Gehweg. Selbst wenn die LKW-Lieferungen im 10 bis 14-tägigen Rhythmus erfolgen,
wovon das AWI im Fachbericht ausgeht, ist damit keine übermässige Erhöhung des
Verkehrsaufkommens verbunden. Die Anlieferung der Holzschnitzel soll zudem so
terminiert werden, dass mit dem Schulbetrieb keine Konflikte entstehen. Voraussichtlich
werden die Füllungen gar mehrheitlich während den Schulferien erfolgen können. Damit
kann die Gefahr, dass Kinder durch die LKW-Lieferungen gefährdet werden, stark reduziert
werden. Zudem sind die Sichtverhältnisse im Bereich der Klappen für die Silobefüllungen
übersichtlich. Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin kann hier nicht gesagt
werden, dass das Bauvorhaben zu einer übermässigen und nicht vertretbaren Gefährdung
führt. Die Rüge ist unbegründet.
9. Lärm und Luftreinhaltung
26 Vgl. Beilage Nr. 7 zur Beschwerdeantwort vom 31. Juli 2019 der Beschwerdegegnerin in den Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
RA Nr. 110/2019/110 Seite 17 von 23
a) Die Beschwerdeführerin macht schliesslich geltend, die geplante Anlage verursache
störende Lärm- und Staubimmissionen. Diese würden die Gesundheit der Schulkinder
gefährden. Zusätzliche Immissionen würden durch die LKW-Lieferungen entstehen.
b) Die Vorinstanz hat im vorinstanzlichen Verfahren beim beco (neu AWI: Amt für
Wirtschaft und Immissionsschutz) einen Fachbericht eingeholt. Das AWI hielt darin fest,
aus Sicht der Luftreinhaltung seien die beiden Holzfeuerungen mit Nennheizleistungen von
550 kW bzw. 240 kW relevant. Einzuhalten seien die Emissionsbegrenzungen nach Ziff. 52
Anhang 3 LRV27. Die Einhaltung der Emissionsbegrenzungen müsse mit einer
Abnahmemessung und anschliessend mit periodischen Messungen überprüft werden.
Hinsichtlich Lärmschutz hielt das AWI fest, das Vorhaben befände sich in einer Zone für
öffentliche Nutzung mit der Lärm-Empfindlichkeitsstufe III (ES III). Relevante
Immissionsorte befänden sich ebenfalls in dieser Zone für öffentliche Nutzung, in einer
Wohn- und Arbeitsplatzzone mit der ES III und in einer Wohnzone mit der ES II. Die
Heizzentrale gelte als neue ortsfeste Anlage. Die von ihr erzeugten Lärmemissionen
müssten vorsorglich soweit begrenzt werden, als dies technisch und betrieblich möglich
und wirtschaftlich tragbar sei. Sie müsse jedoch mindestens den Planungswert einhalten.
Die Anlage verursache während 24 Stunden Lärmimmissionen. Lärmrelevant bezüglich
Industrie- und Gewerbelärm seien hier die Heizungen sowie die Kamine. Der Lärm der
Feuerungen im Gebäudeinnern werde durch die Gebäudehülle zwar gedämmt, könne
jedoch über die Lüftungsöffnung in der östlichen Fassade sowie die Kamine ins Freie
emittieren. Die Förderanlage, mit welcher die Holzschnitzel zu den Feuerungen geführt
würden, sei ebenfalls im Gebäudeinnern. Der Lärm dieser Anlage werde durch die
Gebäudehülle gedämmt. Für die Lieferung der Holzschnitzel könne mit durchschnittlich
zwei LKW-Bewegungen alle 14 Tage gerechnet werden.
c) Mit Sicht auf den Lärmschutz handelt es sich beim Bauvorhaben um eine neue
ortsfeste Anlage im Sinne von Art. 25 USG28 bzw. Art. 7 LSV29. Neue ortsfeste Anlagen
dürfen nur errichtet werden, wenn die durch diese Anlage allein erzeugten Immissionen die
Planungswerte in der Umgebung nicht überschreiten (Art. 25 Abs. 1 USG, Art. 7 Abs. 1
Bst. b LSV). Die Planungswerte für den Schutz vor neuen lärmigen ortsfesten Anlagen legt
gemäss Art. 23 USG der Bundesrat fest. Hinsichtlich des Lärms sind die
27 Luftreinhalte-Verordnung des Bundesrats vom 16. Dezember 1985 (LRV; SR 814.318.142.1) 28 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 29 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrats vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
RA Nr. 110/2019/110 Seite 18 von 23
Belastungsgrenzwerte für Industrie- und Gewerbelärm nach Anhang 6 der LSV
massgebend. Darüber hinaus sind von einer neuen Anlage erzeugte Lärmemissionen im
Rahmen der Vorsorge so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich
sowie wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 2 USG, Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV). Auch wenn
die Planungswerte für Industrie- und Gewerbelärm eingehalten sind, ist somit stets anhand
der in Art. 11 Abs. 2 USG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV genannten Kriterien im Einzelfall
zu prüfen, ob im Rahmen des Vorsorgeprinzips zusätzliche Emissionsbegrenzungen
erforderlich sind.
d) Aus Sicht der Luftreinhaltung schreibt Art. 3 Abs. 1 LRV vor, dass neue stationäre
Anlagen grundsätzlich so ausgerüstet und betrieben werden müssen, dass sie die im
Anhang 1 festgelegten Emissionsbegrenzungen einhalten. Für Feuerungsanlagen gelten
gemäss Art. 3 Abs. 2 Bst. b LRV die Emissionsgrenzwerte nach Anhang 3 Ziff. 52 LRV.
Ferner sind nach Anhang 1 Ziff. 4 LRV die Immissionsgrenzwerte für die Inhaltsstoffe des
Staubes einzuhalten.
e) Zur Diskussion steht eine neue Heizzentrale. Lärmquellen sind hier die Heizung in
der Heizzentrale, die zwei Kamine auf dem Dach des Gemeindehauses
H._strasse 21 sowie die Förderanlage. Gemäss den bewilligten Plänen (vgl.
Grundrissplan Untergeschoss und Erdgeschoss sowie Schnittplan 3 sowie Fassadenplan
Ost), enthält die Heizzentrale an der Ostfassade eine 1.50 m x 1.50 m grosse Luftöffnung.
Diese soll mit einem Wetterschutzgitter geschlossen werden. Aus den Plänen folgt weiter,
dass die Fortluft der Heizungen mit zwei Kaminen über das Dach ins Freie geführt wird.
Schliesslich ist auf den Plänen zu sehen, dass das Holzschnitzelsilo einen Lichtschacht
enthält. Der Betrieb der Heizung und der Förderanlage führen aufgrund der
Gebäudeöffnungen (Wetterschutzgitter und Lichtschacht) und der Kamine zu
Aussenlärmemissionen.
f) Der Anlagestandort befindet sich im Perimeter der Überbauungsordnung Nr. 4
"Ortskern". Im Perimeter dieser Überbauungsordnung gilt, mit Ausnahme eines kleinen
Gebiets entlang der Hauptstrasse, das gemäss Zonenplan in die ES III aufgestuft wurde,
die ES II.30 Die Angabe im Baugesuchsformular 2.1, Immissionsschutz, wonach der
Anlagestandort in der ES III liegt, ist damit falsch.31 Dementsprechend ging auch das AWI
30 Vgl. Art. 40 der Überbauungsvorschriften Nr. 4 "Ortskern" 31 Vgl. pag. 25 der Vorakten des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne
RA Nr. 110/2019/110 Seite 19 von 23
im Fachbericht vom 5. März 2019 fälschlicherweise davon aus, dass das Vorhaben in der
ES III liegt.
g) Wenn Grund zur Annahme besteht, dass die Belastungsgrenzwerte überschritten
sind oder ihre Überschreitung zu erwarten ist, so ist die Behörde zur Durchführung eines
Beweis- und Ermittlungsverfahrens nach den Art. 36 ff. LSV verpflichtet, ohne dass ihr ein
Ermessensspielraum zusteht. Für neue Anlagen ist dabei einzig massgebend, ob die zu
erwartenden Lärmimmissionen des Vorhabens die Planungswerte überschreiten können.
Dabei dürfen keine hohen Anforderungen an die Wahrscheinlichkeit einer Überschreitung
gestellt werden. Eine Lärmprognose ist schon dann erforderlich, wenn eine Überschreitung
der Planungswerte möglich erscheint, d.h. beim aktuellen Kenntnisstand nicht
ausgeschlossen werden kann.32
h) Im vorliegenden Fall befinden sich in unmittelbarer Nähe der Heizzentrale und den
Kaminen Immissionsorte. So gelten nach Art. 42 LSV unter anderem auch Schulzimmer
und Bibliotheken als lärmempfindliche Wohnräume. Bei diesem Kenntnisstand kann eine
Überschreitung der Planungswerte nicht ausgeschlossen werden. In den Vorakten findet
sich kein Lärmnachweis. Ob die geplante Heizanlage die Belastungsgrenzwerte einhält,
kann nicht beurteilt werden. Relevante Parameter der geplanten Heizkessel, namentlich
der Heizungstyp, der Schallleistungspegel oder der genaue Standort im Innenraum, sind
nicht bekannt. Nicht bekannt ist ausserdem die Lärmsituation bei der Mündung der Kamine
und beim Lichtschacht des Holzschnitzelsilos. Der Heizanlage anzurechnen sind
ausserdem die LKWs, die die Holzschnitzel anliefern und abladen. Unklar ist dabei, wie
lange der Abladeprozess dauert und was für Geräusche dabei entstehen. Der Sachverhalt
betreffend den Lärmschutz ist demnach ungenügend abgeklärt. Damit ist die Sache noch
nicht entscheidreif. Die Vorinstanz muss die Heizanlage aus lärmtechnischer Sicht vertieft
prüfen, zumal sich in unmittelbarer Nähe des Anlagestandorts lärmempfindliche Räume
befinden und das Vorhaben nicht in der ES III, sondern in der ES II liegt. Dies setzt voraus,
dass die Spezifikationen der Heizkessel und der Kamine sowie die übrigen Prozesse, die
der Anlage anzurechnen sind, hinreichend klar sind. Für die lärmtechnische Beurteilung
von Heizungs-, Lüftungs-, Klima- und Kälteanlagen steht ausserdem auf der Webseite des
Cercle Bruit ein vorgefertigtes Formular zu Verfügung.33
32 BGE 137 II 30 E. 3.4 33 Vgl. http://www.cerclebruit.ch / Vollzugsordner / Ziffer 6 Industrie und Gewerbeanalgen / Ziff. 6.20 Lärmschutznachweis für HlKK-Anlagen bei einfachen Situationen
http://www.cerclebruit.ch/
RA Nr. 110/2019/110 Seite 20 von 23
i) Gestützt auf das umweltrechtliche Vorsorgeprinzip (Art. 11 Abs. 2 USG) muss
ausserdem – unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung – geprüft werden, ob bei
der geplanten Anlage aus lärmtechnischer und lufthygienischer Sicht
Optimierungspotenzial besteht.34 Aus den Akten geht nirgends hervor, ob dem
Vorsorgeprinzip Rechnung getragen worden ist. Diese Prüfung ist nachzuholen. Dabei
nennt die Vollzugshilfe "Lärmtechnische Beurteilung von Heizungs-, Lüftungs-, Klima- und
Kälteanlagen" zahlreiche emissionsreduzierende Massnahmen, die im Rahmen der
Umsetzung des Vorsorgeprinzips näher zu prüfen sind.35 Als emissionsbegrenzende
Lärmschutzmassnahmen stehen hier etwa ein Abgasschalldämpfer in den Abgasrohren,
ein schalldämpfendes Wetterschutzgitter oder das Auskleiden des Lichtschachts mit
schallabsorbierendem Material im Vordergrund. Die Vorinstanz wird dabei im Detail prüfen
müssen, ob derartige Emissionsbeschränkungsmassnahmen unter dem Aspekt der
Verhältnismässigkeit gefordert werden können.
j) Auch mit Blick auf die Luftreinhaltung ergibt sich aus den Akten nicht, ob die Abgase
der Heizkessel nach dem Stand der Technik behandelt werden. Insbesondere ist unklar,
was für Filter eingesetzt werden und ob allenfalls weitere technische Lösungen
zweckmässig durchgesetzt werden könnten. Auch in diesem Punkt besteht weiterer
Klärungsbedarf.
10. Rückweisung
a) Die Beschwerdeinstanz entscheidet in der Regel in der Sache. Sie weist die Akten
nur ausnahmsweise und mit verbindlichen Anordnungen an die Vorinstanz zurück (vgl.
Art. 72 Abs. 1 VRPG). Es müssen besondere Gründe, die prozessökonomische
Gesichtspunkte in den Hintergrund treten lassen, dafür sprechen, dass die Vorinstanz noch
einmal zum Entscheid über das streitige Rechtsverhältnis aufgerufen wird. Mangelnde
34 BGer 1C_506/2008 vom 12.5.2009, E. 3.3; VGE 2016/82 vom 6. April 2017 E. 3.5; VGE 2017/319 vom 6. Juni 2018 E. 3.2 35 Vgl. S. 3 ff. der Vollzugshilfe 6.20 des Cercle Bruit, Lärmtechnische Beurteilung von Heizungs-, Lüftungs-, Klima- und Kälteanlagen, Version vom 22. Dezember 2017 (abrufbar unter: http://www.cerclebruit.ch / Vollzugsordner / Ziffer 6 Industrie und Gewerbeanalgen / 6.20 6.20 Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen (allg.)
http://www.cerclebruit.ch/
RA Nr. 110/2019/110 Seite 21 von 23
Entscheidreife der Angelegenheit kann einen solchen Grund darstellen, sofern die
Beschwerdebehörde selber umfassende Beweismassnahmen durchführen müsste.36
b) Die geplante Anlage befindet sich in einem sensiblen Umfeld. Die Befürchtungen der
Beschwerdeführerin, das Vorhaben führe zu störenden Lärm- und Staubimmissionen, sind
nicht von vornherein von der Hand zu weisen. Aus der Erwägung 9 folgt, dass besonders
betreffend die Lärmsituation der Sachverhalt ungenügend abgeklärt worden ist. Es sind
zusätzliche Abklärungen und weitere Beweismassnahmen nötig. Allenfalls ist das Einholen
von neuen Stellungnahmen und Berichten erforderlich. Es ist nicht Aufgabe der BVE, diese
Sachverhaltsabklärungen vorzunehmen und erstmals über einzelne Aspekte zu befinden.
Die Angelegenheit ist daher noch nicht entscheidreif. Daher muss das Verfahren für
weitere Abklärungen betreffend die Lärm- und die Staubimmissionen zur erneuten Prüfung
an die Vorinstanz zurückgewiesen werden. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und
der Gesamtentscheid des Regierungsstatthalteramtes Biel/Bienne vom 28. Mai 2019
aufzuheben.
11. Kosten
a) Mit der Aufhebung des angefochtenen Gesamtentscheids wird auch die
Kostenverfügung der Vorinstanz aufgehoben. Aufgrund der Rückweisung an die Vorinstanz
wird diese ihre Kosten im neuen Entscheid jedoch neu verfügen können. Daher müssen
die vorinstanzlichen Kosten in diesem Beschwerdeentscheid nicht verlegt werden.
b) Die Grundsätze der Kostenverlegung im Beschwerdeverfahren sind in Art. 108 VRPG
geregelt. Demnach werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei auferlegt, es
sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die
besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1
VRPG). Die unterliegende Partei hat zudem der Gegenpartei grundsätzlich deren
Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Die Verfahrenskosten werden auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'800.00 bestimmt (Art. 103
Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV). Die Beschwerde wird gutgeheissen, der Ge-
36 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 72 N. 2 f.
RA Nr. 110/2019/110 Seite 22 von 23
samtentscheid wird aufgehoben und die Sache wird zur erneuten Beurteilung an die Vor-
instanz zurückgewiesen. Damit gilt die Beschwerdegegnerin als unterliegend. Da sie als
Bauherrin auftritt, ist sie in ihren Vermögensinteressen betroffen und hat die Verfahrens-
kosten von Fr. 1'800.00 zu tragen.
c) Weiter hat die Beschwerdegegnerin als unterliegende Partei der Beschwerdeführerin
die Parteikosten zu ersetzen. Die Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin
beläuft sich auf Fr. 3'047.90 (Honorar: Fr. 2'830.00, Auslagen: 150.00, Mehrwertsteuer:
217.90) und gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin daher die Parteikosten von Fr. 3'047.90 zu bezahlen. Die
Beschwerdegegnerin hat als unterliegende Partei keinen Anspruch auf Parteikosten.