# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** e7c072fd-63f9-52d9-900f-764aa1d945d5
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin und der Beschwerdegegner (nachfolgend
Beschwerdegegnerschaft) reichten am 28. November 2017 bei der Gemeinde Sigriswil ein
RA Nr. 110/2018/77 2
Baugesuch ein für das Erstellen einer aussen aufgestellten Luft-Wasser-Wärmepumpe auf
der Parzelle Sigriswil Grundbuchblatt Nr. G._. Die geplante Wärmepumpe soll die
bestehende Elektroheizung ersetzen. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2 und ist der
Lärmempfindlichkeitsstufe II (ES II) zugeordnet.1 Die Gemeinde führte das Verfahren für eine
kleine Baubewilligung ohne Publikation durch. Gegen die geplante Wärmepumpe erhoben
die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 12. Januar 2018 Einsprache. In der Einsprache
forderten sie ausserdem den Abriss des ostseitigen Erweiterungsbaus, der der
Beschwerdegegnerschaft als Hauseingang zu ihrem Einfamilienhaus dient. In der Folge
reichte die Beschwerdegegnerschaft für das Einwanden des ostseitigen Erweiterungsbaus
ein nachträgliches Baugesuch ein. Die Gemeinde prüfte die Bewilligungsfähigkeit der
geplanten Wärmepumpe und das Einwanden des Erweiterungsbaus im gleichen Verfahren.
Mit Bauentscheid vom 7. Mai 2018 erteilte die Gemeinde Sigriswil die Baubewilligung für die
aussen aufgestellte Luft-Wasser-Wärmepumpe und für das Einwanden des
Erweiterungsbaus.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 13. Juni 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragen:
"- die Baubewilligung bzgl. der Wärmepumpe gemäss Situationsplan und dem
Grundrissplan, datiert mit 11.12.2017, beide mit Eingangsstempel der Bauabteilung
vom 12.12.2017, aufzuheben und für das geplante Projekt der Wärmepumpe den
Bauabschlag zu erteilen,
- die Baubewilligung bzgl. "Einwanden eines unbeheizten Windfangs (nachträgliches
Baugesuch)" – wie es in dem Bauentscheid nichtzutreffend genannt wird – aufzuheben
und den Bauabschlag zu erteilen."
Ausserdem machen die Beschwerdeführenden geltend, die Baupolizei der Gemeinde
Sigriswil sei für den Abriss des Erweiterungsbaus verantwortlich. Sie erheben zahlreiche
formelle und materielle Rügen. Besonders bringen sie vor, die geplante Wärmepumpe halte
den kleinen Grenzabstand von 4 m zur Nachbarparzelle Nr. C._ nicht ein. Weiter
bemängeln sie, die geplante Wärmepumpenanlage verursache auf ihrem Grundstück
störende Immissionen und halte den Vorsorgewert des beco nicht ein. Auch kritisieren sie,
es sei bei der Wahl des Standorts der Wärmepumpe das Vorsorgeprinzip nicht oder nur
1Vgl. Art. 40 Abs. 1 des Baureglements der Einwohnergemeinde Sigriswil vom 22. Juni 1996 (genehmigt durch das AGR am 20. April 1998)
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ungenügend berücksichtigt worden. Zur Baubewilligung für das "Einwanden eines
unbeheizten Windfangs" auf der Ostseite wenden sie ein, es handle sich dabei um keinen
unbewohnten Anbau. Dieser sei unrechtmässig, weil er sich im kleinen Grenzabstand von
4 m befinde. In ihren Eingaben vom 18. August 2018 und 1. Oktober 2018 halten die
Beschwerdeführenden im Wesentlichen an den gestellten Anträgen und ihrer Begründung
fest.
3. In ihrer Beschwerdeantwort vom 5. Juli 2018 bittet die Beschwerdegegnerschaft, die
geplante Wärmepumpe sei zu bewilligen. Zudem verlangt sie, es sei die Forderung der
Beschwerdeführenden, den ostseitigen Anbau abzureissen, getrennt vom
Baubewilligungsverfahren für die Wärmepumpe zu behandeln. Sie bringen ausserdem vor,
die baulichen Veränderungen beim ostseitigen Hauseingang seien verjährt. Sinngemäss
beantragen sie damit die Abweisung der Beschwerde.
4. Die Gemeinde Sigriswil schliesst in der Stellungnahme vom 16. Juli 2018 ebenfalls auf
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden könne.
5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, führte den
Schriftenwechsel durch und holte bei der Gemeinde Sigriswil die Vorakten sowie die
Bauakten zur Liegenschaft der Beschwerdegegnerschaft auf der Parzelle Nr. G._
ein. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zum Verfahren zu äussern. Von dieser
Möglichkeit sowie dem Recht auf Akteneinsicht machten die Beschwerdeführenden
mehrfach Gebrauch. Auf die Eingaben der Parteien und vorliegenden Akten wird, soweit für
den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der
Beschwerde zuständig.
b) Der angefochtene Bauentscheid datiert vom 7. Mai 2018. Er wurde gleichentags mit
eingeschriebener Post versandt. Die Sendung wurde dem Beschwerdeführer 1 am 8. Mai
2018 mit einer siebentägigen Frist, d.h. bis zum 15. Mai 2018, zur Abholung gemeldet. Die
Beschwerdeführenden holten die Sendung am letzten Tag der Abholfrist am Schalter bei der
Poststelle Sigriswil ab.4 An diesem Tag gilt der Entscheid als zugestellt (Art. 44 Abs. 3
VRPG5). Die dreissigtägige Beschwerdefrist begann damit am 16. Mai 2018 zu laufen und
endete am 14. Juni 2018 (Art. 41 Abs. 1 und 2 VRPG). Die Beschwerdeführenden reichten
ihre Beschwerde am 13. Juni 2018 fristgerecht bei der BVE ein.
c) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40
Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden, deren Einsprache abgewiesen wurde, sind durch
den vorinstanzlichen Entscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf
die im Übrigen formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Trennung des Verfahrens
a) Anfechtungsobjekt ist im vorliegenden Fall die Baubewilligung vom 7. Mai 2018 der
Gemeinde Sigriswil. Diese umfasst einerseits das Erstellen einer aussen aufgestellten Luft-
Wasser-Wärmepumpe an der Nordostecke des Wohnhauses der Beschwerdegegnerschaft
und andererseits das Einwanden des ostseitigen Hauseingangs.
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Vgl. Sendenummer Track and Trace 98.34.109874.00000115 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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b) In ihrer Beschwerdeantwort beantragt die Beschwerdegegnerschaft, es sei das
Prozessthema des ostseitigen Erweiterungsbaus getrennt vom Gegenstand der geplanten
Wärmepumpe zu behandeln.
c) Vorliegend prüfte die Gemeinde Sigriswil die Bewilligungsfähigkeit der geplanten
Wärmepumpe sowie das Einwanden des ostseitigen Erweiterungsbaus im gleichen
Verfahren. Dieses prozessuale Vorgehen der Gemeinde ist nicht zu beanstanden. Beide
Gegenstände können im Verfahren der kleinen Baubewilligung ohne Veröffentlichung
behandelt werden.
Die instruierende Behörde kann nach Art. 17 Abs. 2 VRPG gemeinsam eingereichte
Eingaben wieder trennen, wenn sich aus der gemeinsamen Durchführung des Verfahrens
Schwierigkeiten ergeben. Die Voraussetzung ist hier nicht erfüllt: Schwierigkeiten, die sich
aus der Prüfung beider Prozessthemen im gleichen Verfahren ergeben, sind nicht ersichtlich.
Das wird von der Beschwerdegegnerschaft auch nicht geltend gemacht. Auch handelt es
sich hier nicht um komplizierte Streitsachen. Erhebliche Nachteile, die der
Beschwerdegegnerschaft durch die gemeinsame Behandlung entstehen, sind ebenfalls
nicht ersichtlich. Im Gegenteil: Aus prozessökonomischen Gründen ist es sachgerecht, die
beiden Gegenstände im gleichen Verfahren zu behandeln. Indem nur ein Verfahren
durchgeführt wird, fallen weniger hohe Verfahrenskosten an. Dem Antrag der
Beschwerdegegnerschaft auf eine Trennung des Beschwerdeverfahrens wird deshalb nicht
gefolgt. Der diesbezügliche Antrag wird abgewiesen.
3. Grenzabstand der Luft-Wasser-Wärmepumpe
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die geplante Wärmepumpe halte den
kleinen Grenzabstand von 4 m gegenüber der nördlich liegenden Nachbarparzelle
Nr. C._ nicht ein. Ein Näherbaurecht der Grundeigentümer, das ein Unterschreiten
des Grenzabstands gestatten würde, liege nicht vor.
b) Die Beschwerdegegnerschaft stellt sich in ihrer Stellungnahme vom 5. Juli 2018 auf
den Standpunkt, eine Aussenaufstellung der Wärmepumpe auf der Nordostseite ihrer
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Parzelle erfülle die Vorgaben des Baureglements (GBR6). Auch die Gemeinde hielt im
angefochtenen Entscheid fest, die geplante Luft-Wasser-Wärmepumpe mit mehr als 4 m
Grenzabstand gegenüber den Nachbarparzellen Nr. C._ und Nr. F._
entspreche den gesetzlichen Vorschriften und der baurechtlichen Grundordnung. Die
Gemeinde Sigriswil vertritt in ihrer Stellungnahme vom 16. Juli 2018 zudem die Auffassung,
bei einem auf dem Plan ausgewiesenen und zwingend einzuhaltenden Abstand von mehr
als 4 m sei ein Näherbaurecht nicht notwendig.
c) Nach ständiger Praxis sind aussen aufgestellte Luft-Wasser-Wärmepumpen
baubewilligungspflichtig. Sie gelten wegen ihren Lärmemissionen zudem nicht als
unbewohnte An- oder Nebenbauten, sondern müssen grundsätzlich den ordentlichen
Grenzabstand einhalten.7 Für die ausserhalb des Wohnhauses projektierte Luft-Wasser-
Wärmepumpe gilt somit der kleine Grenzabstand. Dieser bezeichnet die zulässige, kürzeste,
waagrechte Entfernung der Umfassungswand von der Grundstücksgrenze.8 Im vorliegenden
Fall beträgt der kleine Grenzabstand in der Wohnzone W2, in der die Luft-Wasser-
Wärmepumpe erstellt werden soll, 4 m.9
d) Die Distanz zwischen der nordöstlichen Gebäudeecke des Wohnhauses der
Beschwerdegegnerschaft und der Grenze zur Parzelle Nr. C._ beträgt vorliegend
knapp 4.50 m, gemessen aus dem bewilligten Situationsplan im Massstab 1:500 mit
Datumsstempel der Gemeinde Sigriswil vom 7. Mai 2018. Aus dem bewilligten Grundrissplan
im Massstab 1:50 mit Datumsstempel der Gemeinde Sigriswil vom 7. Mai 2018 geht weiter
hervor, dass die geplante Wärmepumpe 0.20 m von der Fassade entfernt platziert werden
soll. Dies deckt sich mit der Aussage der Beschwerdegegnerschaft in der
Beschwerdeantwort vom 5. Juli 2018. Darin hielt sie fest, dass beim geplanten
Wärmepumpenstandort eine nachträgliche Dämmung der Nordfassade in einer Dämmstärke
von ca. 20 cm möglich bleiben soll. Schliesslich ist dem bewilligten Grundrissplan und dem
technischen Datenblatt zur geplanten Wärmepumpe zu entnehmen, dass die Tiefe der
Ausseneinheit 0.50 m misst.10 Die Distanz zwischen der Aussenkante der Luft-Wasser-
6 Baureglement der Einwohnergemeinde Sigriswil vom 22. Juni 1996 (genehmigt durch das AGR am 20. April 1998) 7 Vgl. BSIG-Weisung Nr. 7/721.0/10.1 S. 5, Ziff. 2.14; siehe dazu auch Rolf Mühlemann, Aus der Praxis der Abteilung Bauen des AGR, in KPG-Bulletin 2/2010 S. 58 f. 8 Vgl. Art. 18 Abs. 2 GBR 9 Art. 40 Abs. 1 GBR 10 Vgl. Datenblatt der CTA AG im Register 1 der Vorakten der Gemeinde Sigriswil
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Wärmepumpe und der nordöstlichen Gebäudeecke beträgt demzufolge 0.70 m (0.20 m plus
0.50 m). Das ergibt zwischen der Aussenkante der Wärmepumpe und der nördlichen
Parzellengrenze einen Abstand von 3.80 m (4.50 m minus 0.70 m). Als Zwischenergebnis
steht somit fest, dass die geplante Ausseneinheit der Wärmepumpenanlage, entgegen der
Auffassung der Gemeinde und der Beschwerdegegnerschaft, den kleinen Grenzabstand von
4 m nicht einhält.
e) Der Grenzabstand kann nach Art. 22 Abs. 2 GBR unterschritten werden, falls die
betroffenen Nachbarn dem Vorhaben schriftlich zustimmen. Die Zustimmung muss
ausdrücklich und unmissverständlich erfolgen.11 Die Vorschrift von Art. 22 Abs. 2 GBR
verlangt ausserdem die grundbuchliche Sicherstellung des Näherbaurechts. Bei
Grundstücken, die im Eigentum einer Erbengemeinschaft, einer
Stockwerkeigentümergemeinschaft oder im Mit- und Gesamteigentum stehen, ist zudem die
schriftliche Zustimmung jeder einzelnen Person der Gemeinschaft erforderlich. Im
vorliegenden Fall steht die Nachbarparzelle Nr. C._ gemäss dem Grundstück-
Informationssystem (GRUDIS) im Gesamteigentum der Erbengemeinschaften I._
und K._.12 Den Akten zufolge stimmten die Mitglieder der Erbengemeinschaft dem
Bauvorhaben zwar nach Art. 27 Abs. 4 BewD13 zu. Diese Zustimmung bezieht sich jedoch
auf die Abwicklung des Baubewilligungsverfahrens. So kann im vereinfachten Verfahren
nach Art. 27 Abs. 4 BewD die Mitteilung des Bauvorhabens an die Nachbarn unterbleiben,
wenn diese dem Bauvorhaben zustimmen. Aus den Akten folgt, dass die Gemeinde aufgrund
der Zustimmungen nach Art. 27 Abs. 4 BewD die Eigentümer der Parzellen Nr. C._,
Nr. L._, Nr. M._ und Nr. L._ nicht mehr informieren musste. Dass
sich die Pläne während des Baubewilligungsverfahrens aufgrund der Standortverschiebung
der Luft-Wasser-Wärmepumpe änderten, vermag daran nichts zu verändern. Denn die
Planänderung wirkte sich zugunsten dieser Eigentümer aus, weil sich die Distanz zwischen
der Wärmepumpe und ihren Liegenschaften vergrösserte. Die gesamte Kritik der
Beschwerdeführenden im Zusammenhang der Planänderung bzw. der Verschiebung des
Standorts ist somit nicht stichhaltig.
11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 12 12 Vgl. Auszug Grudis vom 28. November 2017 im Register 2 der Vorakten der Gemeinde Sigriswil 13 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Indessen ist die Zustimmung nach Art. 27 Abs. 4 BewD klar zu unterscheiden von der
Zustimmung zum Näherbau (Näherbaubewilligung) nach Art. 22 Abs. 2 GBR. Die
Zustimmung zum Näherbau muss, wie oben erwähnt, ausdrücklich und unmissverständlich
erfolgen und nach Art. 22 Abs. 2 GBR grundbuchlich sichergestellt sein. Diese
Anforderungen sind hier nicht erfüllt: Zwar findet sich in den Akten ein Schreiben vom
26. Dezember 2017 der Erbengemeinschaft N._. Darin wird ein Näherbau an die
Grenze zur Parzelle Nr. C._ erlaubt. Das Schreiben wurde jedoch nur von Frau
O._ im Namen der Erbengemeinschaft verfasst und ist einzig von ihr unterzeichnet
worden.14 Vorliegend ist aber die schriftliche Zustimmung jedes Mitglieds der
Erbengemeinschaften zum Näherbau nötig. Zudem ist nicht aktenkundig, dass das
Näherbaurecht grundbuchlich sichergestellt ist. Eine rechtsgültige Zustimmung zum
Näherbau an die Grenze zur Parzelle Nr. C._ liegt somit von der Eigentümerschaft
– entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerschaft – nicht vor.
f) Schliesslich würden hier auch keine Ausnahmegründe für das Unterschreiten des
kleinen Grenzabstands im Sinne von Art. 26 BauG vorliegen. Eine Ausnahme nach Art. 26
BauG kann nur beim Vorliegen besonderer Verhältnisse, d.h. bei objektiven Besonderheiten,
gewährt werden. Als Ausnahmegrund kommen Verhältnisse des Bauherrn in Betracht, die
sich auf Zweck, Umfang oder Gestaltung seines Bauvorhabens beziehen und in den
geltenden Vorschriften keine genügende Berücksichtigung finden. Sie müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Es sollen
ausgesprochene Unbilligkeiten vermieden werden. Rein finanzielle Interessen des Bauherrn
genügen nicht, ebenso wenig der Wunsch nach einer Ideallösung. Ebenfalls kein
Ausnahmegrund stellt für sich alleine die Geringfügigkeit einer Normabweichung dar.15
Besondere Verhältnisse wurden vorliegend weder von der Beschwerdegegnerschaft geltend
gemacht, noch von der Gemeinde Sigriswil geprüft. Solche sind hier auch nicht ersichtlich,
zumal auf der West- und Südseite des Wohnhauses der Beschwerdegegnerschaft das
Erstellen einer Wärmepumpe ohne Unterschreitung des Grenzabstands und ohne
Verletzung der Lärmgrenzwerte möglich wäre.
14 Vgl. Register 3 der Vorakten der Gemeinde Sigriswil 15 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26-27 N. 5
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g) Aus dem Gesagten folgt, dass für die Unterschreitung des kleinen Grenzabstands
weder ein gültiges Näherbaurecht besteht noch eine Ausnahmebewilligung erteilt werden
könnte. Die Beschwerde ist in diesem Punkt begründet.
4. Lärmimmissionen der Luft-Wasser-Wärmepumpe
a) Die Beschwerdeführenden machen weiter geltend, die geplante Luft-Wasser-
Wärmepumpe führe zu störenden Lärmimmissionen auf ihrem Grundstück. Der
Vorsorgewert des beco sei beim Fenster ihres Wohnhauses sowie auf der Baulinie der
unbewohnten Nachbarbarzelle Nr. C._ überschritten. Ausserdem sei dem
Vorsorgeprinzip nicht genügend Rechnung getragen worden. Die fragliche Luft-Wasser-
Wärmepumpe könne an Standorten aufgestellt werden, wo diese zu den jeweiligen
Grundstücksgrenzen einen grösseren Abstand aufweise als am bewilligten Standort. Auch
könnten die Emissionen gering gehalten werden, wenn die Luft-Wasser-Wärmepumpe im
Innern statt ausserhalb des Wohnhauses aufgestellt würde.
b) Die Beschwerdegegnerschaft vertritt die Auffassung, die geplante Luft-Wasser-
Wärmepumpe halte die massgeblichen Vorschriften ein. Zudem würde die Anlage im
Sommer und im Winter tagsüber selten in Betrieb stehen, weil ein Grossteil des Warm- und
Heizungswassers durch die grosse Photovoltaikanlage erwärmt werde. Zudem habe das
beco im Fachbericht vom 7. Dezember 2017 und der Stellungnahme vom 29. Januar 2018
festgehalten, dass die geplante Luft-Wasser-Wärmepumpe die massgeblichen Lärmwerte
einhalte und der Standort richtig gewählt worden sei.
c) Bei der geplanten Wärmepumpe handelt es sich um eine ortsfeste Anlage im Sinne
von Art. 7 Abs. 7 USG16 und Art. 2 Abs. 1 LSV17, bei deren Betrieb Lärm verursacht wird und
deshalb die bundesrechtlichen Bestimmungen über den Lärmschutz Anwendung finden.
Nach Art. 25 Abs. 1 USG dürfen ortsfeste Anlagen nur errichtet werden, wenn die durch
diese Anlagen allein erzeugten Lärmimmissionen die Planungswerte in der Umgebung nicht
überschreiten. Gemäss Art. 40 Abs. 1 und Anhang 6 LSV, der unter anderem die
Belastungsgrenzwerte für den Lärm von Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen regelt, gilt
16 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 17 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
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für die ES Il ein Planungswert von 55 dB(A) am Tag und 45 dB(A) in der Nacht. Dabei ergibt
sich der massgebliche Beurteilungspegel Lr aus der Summe des A-bewerteten
Mittelungspegels Leq am Immissionsort und der Pegelkorrekturen K1-K3.18 Auch wenn die
Planungswerte eingehalten sind, ist im Einzelfall zu prüfen, ob im Rahmen des
Vorsorgeprinzips zusätzliche Emissionsbegrenzungen erforderlich sind.19 Danach sind die
Lärmemissionen so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich sowie
wirtschaftlich tragbar ist.20 Als verhältnismässig gelten weitergehende
Emissionsbeschränkungen dabei, wenn mit relativ geringem Aufwand eine wesentliche
Reduktion der Emissionen erreicht werden kann.21 Das gilt auch dann, wenn es sich um
geringfügige Emissionen handelt.22
d) Gemäss der Praxis des beco wird dem Vorsorgeprinzip bei der Installation einer
Wärmepumpe genügend Rechnung getragen, wenn die von ihm festgelegten, unterhalb der
Planungswerte liegenden sog. "Vorsorgewerte" eingehalten sind. Diese betragen für die ES
II 43 dB(A) am Tag und 33 dB(A) in der Nacht. Nach der Rechtsprechung des
Verwaltungsgerichts genügt das Einhalten der "Vorsorgewerte" des beco für sich allein
allerdings nicht, um dem Vorsorgeprinzip Nachachtung zu verschaffen. Denn dieses
verlangt, dass in jedem Einzelfall geprüft wird, ob mit weiteren Vorkehren (z.B. der Wahl
eines Alternativstandorts oder technischen Schallschutzmassnahmen) bei zumutbarem
Aufwand eine wesentliche Lärmreduktion erzielt werden kann.23
e) Die Liegenschaft der Beschwerdeführenden (Parzelle Nr. F._) liegt in der
Wohnzone W2 und die nördlich liegenden Nachbarparzellen Nr. M._ und
Nr. C._ in der Wohnzone W1. Sowohl die Wohnzone W1 wie auch die Wohnzone
W2 sind der Empfindlichkeitsstufe (ES) II zugeordnet.24 Die einzuhaltenden Lärmgrenzwerte
gelten bezüglich der nächsten lärmempfindlichen Räume; solche sind Räume in
Wohnungen, ausgenommen Küchen ohne Wohnanteil, Sanitärräume und Abstellräume
18 Vgl. Anhang 6 Ziff. 31 Abs. 2 LSV 19 BGer 1C_506/2008 vom 12.5.2009, E. 3.3 20 Vgl. Art. 11 Abs. 2 USG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV 21 BGE 141 II 476 E. 3.2, 124 II 517 E. 4b; BGer 1C_204/2015 vom 18.1.2016 E. 3.7, 1C_393/2014 vom 3.3.2016 E. 6.2, je mit Hinweisen 22 Vgl. BGE 140 II 33 E. 4.1 betreffend Lichtemissionen 23 Vgl. VGE 2016/82 vom 6.4.2017 E. 3.5; zum Ganzen zum Ganzen VGE 2017/319 vom 6.6.2018 E. 3.2 24 Vgl. Art. 40 Abs. 1 GBR i.V.m. dem Zonenplan Aeschlen-Gunten vom 22. Juni 1996 (genehmigt durch das AGR am 20. April 1998)
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(Art. 2 Abs. 6 Bst. a LSV). Bei unbebauten Nachbarparzellen ist der Schalldruckpegel dort
zu ermitteln, wo nach dem Bau- und Planungsrecht Gebäude mit lärmempfindlichen Räumen
erstellt werden dürfen, d.h. auf der Baulinie.25
f) Die Vorinstanz holte für die Beurteilung der Lärmimmissionen einen Fachbericht sowie
aufgrund der geringen Verschiebung des Anlagestandorts während des
Baubewilligungsverfahrens zusätzlich eine Stellungnahme beim beco ein. Dieses führte im
Fachbericht vom 7. Dezember 2017 und der Stellungnahme vom 29. Januar 2018 aus, dass
die projektierte Luft-Wasser-Wärmepumpe die geltenden Lärmgrenzwerte bei den
relevanten Immissionsorten in der Nachbarschaft einhalte. Diese Lärmbeurteilung des beco
ist in Bezug auf die überbauten Nachbarparzellen Nr. F._ und Nr. M._ nicht
zu beanstanden. Offensichtlich ist auch, dass sich die Beurteilung des beco in der
Stellungnahme vom 29. Januar 2018 auf den Planungsstand vom 12. Dezember 2017 bzw.
auf den bewilligten Situations- und Grundrissplan vom 11. Dezember 2017 bezog, wie aus
der Verfügung vom 22. Januar 2018 Ziffer 3 der Gemeinde Sigriswil hervorgeht. Entgegen
der Argumentation der Beschwerdeführenden besteht kein Anlass, die fachliche
Einschätzung des beco in Zweifel zu ziehen. Der Umstand, dass in der Stellungnahme des
beco vom 29. Januar 2018 der Situations- und Grundrissplan vom 11. Dezember 2017 nicht
ausdrücklich als Beurteilungsgrundlagen erwähnt sind, ändert daran nichts.
Mit Blick auf die Einhaltung der Lärmgrenzwerte ist zudem Folgendes klarzustellen: Wie
ausgeführt, ist zwischen den Planungswerten gemäss LSV und den "Vorsorgewerten" des
beco zu unterscheiden. Massgeblich bei der Berechnung der "Vorsorgewerte" des beco ist
der Schalldruckpegel LpA, da ein Dauerbetrieb unter Volllast angenommen wird, weshalb
keine Pegelkorrekturen zu berücksichtigen sind. Ob die unterhalb der Planungswerte
liegenden sog. "Vorsorgewerte" des beco eingehalten sind, bestimmt sich deshalb gemäss
dem Lärmschutznachweis nicht nach dem Beurteilungspegel Lr, wovon die
Beschwerdeführenden fälschlicherweise ausgehen, sondern nach dem Schalldruckpegels
LpA am Empfangsort.
g) In den Akten findet sich ein Lärmschutznachweis vom 16. November 2017, der von der
Firma P._ verfasst wurde. Die darin enthaltene Angabe zum Schallleistungspegel
25 Art. 39 Abs. 3 LSV; siehe dazu auch Vollzugshilfe Luft/Wasser-Wärmepumpen vom 20. September 2018 des Cercle Bruit Ziffer 2.3 abrufbar unter <http://www.cerclebruit.ch> Rubrik Vollzugsordner / Ziffer 6 Industrie- und Gewerbelärm / Ziffer 6.21 Wärmepumpen
http://www.cerclebruit.ch
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LWA des geplanten Wärmepumpentyps26 deckt sich mit der Angabe im Schalldaten-
Verzeichnis der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz FWS.27 Auf den
Lärmschutznachweis vom 16. November 2017 kann somit abgestellt werden. Danach
beträgt der Schalldruckpegel LpA in einer Distanz von 18 m zur Wärmepumpe 31.9 dB(A).28
Der Vorsorgewert des beco von 33 dB(A) in der Nacht ist somit beim Wohngebäude auf der
Parzelle Nr. M._ klar eingehalten. Auch in einer Distanz von 16.5 m zum
Empfangsort ist der Vorsorgewert des beco von 33 dB(A) in der Nacht immer noch
eingehalten. Das folgt aus dem Berechnungstool "Lärmschutznachweis", das die
Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz FWS in Zusammenarbeit mit dem Cercle Bruit
entwickelt hat. Danach beträgt der Schalldruckpegel LpA in einer Distanz von 16.5 m
32.7 dB(A).29 Die Befürchtung der Beschwerdeführenden, die geplante Wärmepumpe halte
die Lärmgrenzwerte bei ihrem Gebäude nicht ein, ist somit unbegründet.
h) Mit Blick auf die nordseitige Nachbarparzelle Nr. C._ ist der Vorsorgewert des
beco allerdings nicht eingehalten. Diese Parzelle liegt gemäss dem Zonenplan in der
Bauzone bzw. Wohnzone W1. An deren Ostrand befindet sich zwar eine Scheune
(H._weg 5a), die eine Fläche von 14 m2 beansprucht. Das sind jedoch nur 0.6
Prozent der gesamten Parzellenfläche von insgesamt 2'208 m2. Von einer überbauten
Parzelle kann unter diesen Umständen nicht gesprochen werden. Vielmehr ist diese als
unbebaut zu qualifizieren. Auch ist davon auszugehen, dass der westliche Parzellenteil vom
östlichen Teil der Parzelle im Falle einer Bebauung abparzelliert würde. Folglich sind hier die
Lärmimmissionen auf der Baulinie (gesetzlicher Grenzabstand) zu ermitteln. Der Abstand
zwischen der Wärmepumpe und der Baulinie der Parzelle Nr. C._ beträgt im
vorliegenden Fall 11.80 m (Distanz von 3.80 m zwischen Wärmepumpe und Parzellengrenze
zuzüglich des grossen Grenzabstands von 8 m). Der Schalldruckpegel LpA beträgt in einer
Distanz von 11.80 m gemäss dem Berechnungstool der Fachvereinigung Wärmepumpen
Schweiz FWS 35.6 dB(A) und der Beurteilungspegel Lr 47.6 dB(A).30 Der Vorsorgewert des
beco von 33 dB(A) und der Planungswert von 45 dB(A) in der Nacht sind somit um je 2.6
dB(A) überschritten.
26 Aeroheat CN 9a der Herstellerin CTA AG 27 Vgl. https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/schalldaten-verzeichnis/ 28 Vgl. Lärmschutznachweis vom 16. November 2017 der Firma P._im Register 1 der Vorakten der Gemeinde Sigriswil 29 Vgl. https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/ 30 Vgl. Web-Applikation "Lärmschutznachweis" https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laerm schutznachweis/
https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/schalldaten-verzeichnis/ https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/ https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/ https://www.fws.ch/unsere-dienstleistungen/laermschutznachweis/
RA Nr. 110/2018/77 13
i) Zusammengefasst steht somit fest, dass die geplante Luft-Wasser-Wärmepumpe den
Vorsorgewert des beco und den Planungswert gemäss LSV auf der Baulinie der unbebauten
Nachbarparzelle Nr. C._ während der akustischen Nachtzeit nicht einhält. Eine
Lösung, wie die Lärmgrenzwerte eingehalten werden könnten, hat die
Beschwerdegegnerschaft nicht aufgezeigt und wurde vom beco auch nicht geprüft. Aus der
Erwägung 3 folgt zudem, dass die Luft-Wasser-Wärmepumpe auch den kleinen
Grenzabstand von 4 m gegenüber der Parzelle Nr. C._ nicht einhält. Ein gültiges
Näherbaurecht der Eigentümerschaft liegt nicht vor und auch die Voraussetzungen für eine
Ausnahme vom Grenzabstand sind nicht gegeben. Die Baubewilligung vom 7. Mai 2018 der
Gemeinde Sigriswil für die geplante Luft-Wasser-Wärmepumpe hält somit einer
Rechtskontrolle nicht stand. Die Baubewilligung der Gemeinde Sigriswil für die geplante Luft-
Wasser-Wärmepumpe ist aufzuheben. Dem Baugesuch vom 24. November 2017 für das
Erstellen einer Luft-Wasser-Wärmepumpe wird deshalb der Bauabschlag erteilt. In diesem
Punkt ist die Beschwerde gutzuheissen.
j) Bei diesem Ergebnis kann die Frage offen gelassen werden, ob dem Vorsorgeprinzip
genügend Rechnung getragen wurde.
5. Ostseitiger Hauseingang
a) Umstritten ist vorab die Entstehungsgeschichte des ostseitigen Hauseingangs zum
bestehenden Einfamilienhaus der Beschwerdegegnerschaft.
b) Das Einfamilienhaus der Beschwerdegegnerschaft befindet sich an einem gegen
Süden abfallenden Hang. Aufgrund der Hanglage ist der nördliche Teil des Untergeschosses
in den Hang gebaut worden. Den Fotos und Akten zufolge befindet sich auf der Ostseite des
Wohnhauses auf dem Niveau des Untergeschosses der Haupteingang zum Einfamilienhaus.
Die Türöffnung in der ostseitigen Hauptfassade ist nord- und ostseitig mit ca. 2 m langen
Stützmauern umgeben. Oberhalb der Stützmauern wurde auf dem Niveau des
Erdgeschosses ein Balkon mit einer Brüstung gebaut. Dadurch entstand ein gedeckter
Zugang zum Hauptgebäude. Der Balkon ist nordseitig vollständig auf der Stützmauer
abgestützt. Demgegenüber besteht zwischen der ostseitig verlaufenden Stützmauer und der
Unterkante des Balkons ein ca. 0.55 m grosser Zwischenraum. Dieser wurde mit nicht
öffenbaren Glasfenstern geschlossen. Ebenfalls wurde tal- bzw. südseitig zwischen der
RA Nr. 110/2018/77 14
Hausfassade und der ostseitigen Betonmauer unterhalb des Balkons der offene Teil des
Vorbaus mit einem schmalen nicht öffenbaren Fensterband und einer öffenbaren Glastür
geschlossen. Das Ineinandergreifen dieser baulichen Elemente (nord- und ostseitige
Stützmauern, vorspringender Balkon, Fensterscheiben und Glastür) ergibt in der Gesamtheit
eine allseitig umschlossene und überdeckte Fläche, die dem Gebäude als vorgelagerte
Erschliessungszone dient.
c) In der Stellungnahme vom 5. Juli 2018 sowie im Schreiben vom 2. Februar 2018 an
die Gemeinde Sigriswil31 erklärte die Beschwerdegegnerschaft, im Jahr 1974 sei mit dem
Bau ihres Einfamilienhauses begonnen worden. Aus finanziellen Gründen sei vorerst auf die
östliche Stützmauer sowie den östlichen Balkonbau verzichtet worden. Im Jahr 1974/1975
sei ostseitig die geplante Stützmauer aus alten Eisenbahnschwellen erstellt worden. Danach
sei im Jahr 1979 die Überdeckung des ostseitigen Haupteingangs in Form des Balkons
gebaut worden. Dieser sei von der Firma Q._ ausgeführt worden. Über diesen
Anbau hätten sie sich mit dem Baubeauftragen der Gemeinde sowie den damaligen
Nachbarn der Parzelle Nr. F._ geeinigt. Im Bereich des Eingangs sei im Jahr 2003
die ostseitige Holzstützwand durch eine Betonstützmauer verstärkt worden. Das
Bauinspektorat habe auf Nachfrage hin für diese Verstärkung keine Baubewilligung verlangt.
Die Betonmauer sei von der Firma R._ aus Aeschlen gebaut worden. Schliesslich
seien im Jahr 2009/2010 an der Südseite des Eingangsbereichs zwischen östlicher
Stützmauer und der ostseitigen Hausfassade die alte mit einfachem Sicherheitsglas
ausgestattete Eingangstür montiert und die noch offenen Zwischenräume mit Fensterglas
geschlossen worden. Dadurch sei ein Windfang entstanden, der über der östlichen
Stützmauer das Eindringen von Erde, Efeu, Wasser etc. und südseitig von Kiefernadeln,
Laub, Ästen etc. verhindere. Im Winter ergebe sich bei geschlossener Aussentür eine
erwünschte Wärmedämmung. Der Gedanke, dass die Eingangspartie
baubewilligungspflichtig sein könnte, sei ihnen im Jahr 2009 nicht gekommen.
d) In den Akten finden sich Unterlagen zur Baubewilligung vom 31. August 1998 für einen
Fenstereinbau und eine Balkonerweiterung im Dachgeschoss der Liegenschaft der
Beschwerdegegnerschaft. Unter Verweis auf diese Baubewilligungsakten bestreiten die
Beschwerdeführenden die Zeitfolge der baulichen Massnahmen, wie sie von der
Beschwerdegegnerschaft dargestellt wurde. Die Beschwerdeführenden bringen vor, die
31 Vgl. Register 6 der Vorakten der Gemeinde Sigriswil
RA Nr. 110/2018/77 15
Projektpläne zur Baubewilligung vom 31. August 1998 würden beweisen, dass im Zeitpunkt
der Baubewilligung, d.h. im Jahr 1998, an der gesamten Ostseite des Wohnhauses keine
Balkone, kein Erweiterungsbau, keine angebaute betonierte Terrasse, keine betonierte
Decke oder Ähnliches vorhanden oder beantragt waren. Weiter bestreiten die
Beschwerdeführenden alle Beilagen, die die Beschwerdegegnerschaft mit ihrer
Beschwerdeantwort vom 5. Juli 2018 einreichten.
e) Die Argumentation der Beschwerdeführenden beruht auf der Annahme, dass in den
Projektplänen zur Baubewilligung vom 31. August 1998 der bauliche Zustand auf der
Ostseite des Wohnhauses im Zeitpunkt der Baubewilligung eingezeichnet ist.32 Dieser
Schlussfolgerung kann nicht gefolgt werden: Grundlage der Projektpläne zur Baubewilligung
vom 31. August 1998 sind kopierte Fassadenpläne, die keine Planidentifikation enthalten.
Es fehlt auf diesen Plänen unter anderem die Objektbezeichnung, das Zeichnungsdatum,
die Plannummer, der Massstab, der Änderungsindex, der Name des Planverfassers, die
Felder für das Visum des Planerstellers usw. In diese Projektpläne zeichnete die
Beschwerdegegnerschaft im Jahr 1998 den geplanten Fenstereinbau und die
Balkonerweiterung im Dachgeschoss handschriftlich ein. Die handschriftlichen Änderungen
datierte die Beschwerdegegnerschaft mit dem 18. August 1998. Diese Projektpläne wurden
von der Gemeinde akzeptiert. Diese erteilte gestützt darauf mit Bauentscheid vom
31. August 1998 die Bewilligung für den Fenstereinbau und die Balkonerweiterung im
Dachgeschoss. Wann die kopierten Fassadenpläne, die der Beschwerdegegnerschaft für
die handschriftlichen Änderungen verwendete, gezeichnet worden sind, geht aus den
Projektplänen jedoch nicht hervor. Zudem widersprechen die Projektpläne den
Darstellungsregeln für die Planbearbeitung.33 Sie weisen keine Planidentifikationsmerkmale
auf, weshalb ihnen bei der Entstehungsgeschichte des ostseitigen Anbaus keine Beweiskraft
zukommt. Dazu kommt, dass die Projektpläne nur den Gesuchsgegenstand des
Bauentscheids vom 31. August 1998, d.h. den Fenstereinbau und die Balkonerweiterung im
Dachgeschoss umschreiben. Ein sachlicher Bezug zum ostseitigen Vorbau besteht nicht.
Die Projektpläne zur Baubewilligung vom 31. August 1998 eignen sich somit nicht als
Beweismittel. Besonders lassen sich daraus mangels des Zeichnungsdatums keine
Schlüsse ziehen, ob im Jahr 1998 auf der Ostseite ein Balkon oder Vorbau bestanden hat
oder nicht. Die Projektpläne, auf die sich die Beschwerdeführenden berufen, vermögen somit
32 Vgl. graues Dossier Gemeinde Nr. 938/91/98 der amtlichen Akten 33 Vgl. Anhang B.1, der SIA-Norm 400, Planbearbeitung im Hochbau
RA Nr. 110/2018/77 16
die von der Beschwerdegegnerschaft geschilderte Entstehungsgeschichte des ostseitigen
Vorbaus nicht zu entkräften. Wahrscheinlich ist, dass es sich bei den kopierten Projektplänen
zur Baubewilligung vom 31. August 1998 um sog. Ausführungspläne handelte, die
unmittelbar nach der Erstellung des Einfamilienhauses im Jahr 1975 gezeichnet worden
sind. In diese zeichnete die Beschwerdegegnerschaft im Jahr 1998 den Fenstereinbau und
die Balkonerweiterung im Dachgeschoss ein.
f) Nach dem Gesagten konnten die Beschwerdeführenden die Darstellungen der
Beschwerdegegnerschaft zur Entstehungsgeschichte des ostseigen Vorbaus nicht
entkräften. Entgegen der Behauptung der Beschwerdeführenden stellte die
Beschwerdegegnerschaft die Entstehungsgeschichte des ostseitigen Vorbaus glaubhaft dar.
Besonders die Rechnung der Firma Q._ vom 4. August 1979, der Handskizzenplan
vom 1. September 2003 im Massstab 1:50 sowie die Offerte der Bauunternehmung
R._ vom 10. September 2003 belegen dies.34 Darauf ist nachfolgend abzustellen.
Weshalb diese Unterlagen der Beschwerdegegnerschaft falsch sein sollten ist nicht
schlüssig. Gestützt auf die vorliegenden Akten gilt somit als erstellt, dass der ostseitige
Hauseingang im Jahr 1979 mit dem Balkon überdeckt und die östliche Betonmauer im Jahr
2003 zur Verstärkung der hölzernen Stützmauer gebaut worden sind. Später, d.h. im Jahr
2009, wurde der umstrittene Vorbau mit Glasfenstern und einer Glastür gegen aussen
vollständig abgeschlossen.
6. Einwanden der ostseitigen Erweiterung
a) Die Gemeinde erteilte der Beschwerdegegnerschaft im angefochtenen Bauentscheid
für das Einwanden des Windfangs, d.h. das Einsetzen der nicht öffenbaren Fenster und der
Glastür im Jahr 2009, nachträglich die Baubewilligung. Als Auflage verfügte sie, der
unbeheizte und unbewohnte Windfang dürfe zu keiner Zeit zu eigentlichen Wohnzwecken
gebraucht werden. Im angefochtenen Entscheid erwog die Gemeinde zudem, der
unbeheizte Windfang gelte durch das nachträgliche südseitige Einwanden als unbewohnte
Anbaute und halte den nötigen Grenzabstand von 2 m gegenüber der Parzelle Nr.
F._ der Beschwerdeführenden ein.
34 Vgl. pag. 40, 41, 72 der Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
RA Nr. 110/2018/77 17
b) Die Beschwerdeführenden rügen, der Erweiterungsbau befinde sich im Grenzabstand
von nur 1.50 m. Zudem könne nicht von einem unbewohnten Windfang gesprochen werden.
Der ostseitige Anbau im Untergeschoss enthalte einen geschlossenen Raum mit einer
Grundfläche von 2.50 m x 2.50 m. Dabei handle es sich um eine Diele, die bei jedem betreten
oder Verlassen des Hauses benutzt werde. Diese werde folglich zu Wohnzwecken genutzt.
c) Unbestritten ist vorliegend, dass das Schliessen des ostseitigen Erweiterungsbaus mit
Glasscheiben und einer Tür baubewilligungspflichtig ist und dafür noch keine Baubewilligung
vorliegt. Davon ging auch die Gemeinde aus, wie aus dem angefochtenen Bauentscheid
hervorgeht. Indem die Beschwerdegegnerschaft für das Schliessen der Öffnungen ein
nachträgliches Baugesuch einreichten, anerkannten auch diese die Baubewilligungspflicht.
Gemäss dem bewilligten Handskizzenplan im Massstab 1:50 vom 1. September 2003 und
2. Januar 2017 mit Datumsstempel der Gemeinde vom 7. Mai 2018 umfasst das
nachträgliche Baugesuch sowohl das talseitige wie auch das Schliessen der Öffnung entlang
der ostseitig verlaufenden Betonstützmauer. Dadurch entsteht, wie in der Erwägung 5b
ausgeführt, eine allseitig umschlossene und überdeckte Fläche. Der Vorbau erhält folglich
eine neue Funktion: Die umschlossene Fläche des Vorbaus dient dem Gebäude neu als
Erschliessungszone und ist als Verkehrsfläche35 im Sinn von Art. 28 Abs. 2 Bst. c BMBV36
der Geschossfläche bzw. der Bruttogeschossfläche anzurechnen.37 Von einem
unbewohnten Anbau im Sinn von Art. 19 Abs. 1 GBR kann entgegen der Auffassung der
Gemeinde nicht mehr gesprochen werden. Daran vermag auch die Auflage im
angefochtenen Entscheid, wonach der unbeheizte und unbewohnte Windfang zu keiner Zeit
zu eigentlichen Wohnzwecken benutzt werden darf, nichts zu verändern. Der Vorbau ist
demzufolge als geschlossener vorspringender Bau- oder Gebäudeteil zu qualifizieren, der
gegenüber der Nachbarparzelle den ordentlichen Grenzabstand von 4 m einhalten muss. Es
ist aktenkundig, dass der umstrittene geschlossene Vorbau rund 2 m von der Grenze zur
Nachbarliegenschaft Nr. F._ entfernt ist. Der reglementarische Grenzabstand von
4 m ist somit nicht eingehalten. Für die Unterschreitung des Grenzabstands haben die
Beschwerdeführenden ihre Zustimmung nicht erteilt. Damit fehlt es an einer Voraussetzung
für das Unterschreiten des reglementarischen Grenzabstands. Der Erweiterungsbau kann
35 Zum Begriff Verkehrsfläche siehe auch S. 17 der BSIG-Weisung Nr. 7/721.3/1.1 BMBV-Umsetzung in den Gemeinden 36 Verordnung vom 25. Mai 2011 über die Begriffe und Messweisen im Bauwesen (BMBV; BSG 721.3) 37 Vgl. im Umkehrschluss Art. 93 Abs. 2 Bst. f der Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1). Nach Art. 34 Abs. 2 BMBV finden bis zur Anpassung der baurechtlichen Grundordnung an die BMBV die bisherigen Artikel 93 bis 98 Abs. 1 BauV Anwendung.
RA Nr. 110/2018/77 18
auch nicht als unterirdische Baute im Sinn von Art. 20 GBR qualifiziert werden, da weder die
freigelegte Fassade noch der Zugang, d.h. die südseitige Glastür, innerhalb des kleinen
Grenzabstands liegen dürfen. Der umstrittene Erweiterungsbau ist folglich nicht
bewilligungsfähig; er hält den Grenzabstand zur Parzelle der Beschwerdeführenden nicht
ein. Er ist materiell rechtswidrig und kann mangels Zustimmung der Beschwerdeführenden
nachträglich nicht bewilligt werden. Dem nachträglichen Baugesuch für das Einwanden bzw.
das vollständige Schliessen des vorgelagerten Bauteils ist der Bauabschlag zu erteilen. Auch
in diesem Punkt ist die Beschwerde gutzuheissen.
7. Verwirkungsfrist nach Art. 46 Abs. 3 BauG
a) Die Beschwerdeführenden verlangen sinngemäss die Herstellung des rechtmässigen
Zustands bzw. den Abriss des ostseitigen Vorbaus.
b) Die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands kann mit den Geboten der
Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes in Konflikt geraten.38 Daher bestimmt das
bernische Baugesetz, dass im Regelfall die Wiederherstellung nach Ablauf von fünf Jahren,
seitdem die Rechtswidrigkeit für die zuständigen Behörden erkennbar war, nur verlangt
werden kann, wenn zwingende öffentliche Interessen es erfordern (Art. 46 Abs. 3 BauG).
Eine Wiederherstellung nach Ablauf der fünf Jahre erscheint zwingend, wenn für die
Öffentlichkeit untragbare Verhältnisse bewirkt worden sind, wie Beeinträchtigungen der
Umwelt, Störung des Ortsbilds, Eingriffe in eine schutzwürdige Landschaft und
dergleichen.39
c) Aus der Erwägung 5 folgt, dass der Hauseingang im Jahr 1979 mit dem Balkon
überdeckt und die östliche Betonmauer im Jahr 2003 zur Verstärkung der hölzernen
Stützmauer gebaut worden ist. Aus dem Handskizzenplan vom 1. September 2003 folgt
ausserdem, dass die Gemeinde bzw. das Bauinspektorat vom vorspringenden Balkon auf
der Ostseite wie auch vom Bau der nord- und östlichen Betonstützmauer seit 2003, also seit
15 Jahren, Kenntnis hatte. Die fünfjährige Frist nach Art. 46 Abs. 3 BauG ist somit
abgelaufen. Die Wiederherstellung des Balkons oder der nord- und östlichen
38 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 11 39 BVR 2004 S. 442 E. 4.1
RA Nr. 110/2018/77 19
Betonstützmauern fällt somit vornherein ausser Betracht, selbst wenn diese Bauteile mehr
als 2 m in den kleinen Grenzabstand ragen. Zwingende öffentliche Interessen, wie
erhebliche Beeinträchtigungen der Umwelt, des Ortsbildes oder der Landschaft oder die
Gefährdung von Leben, Gesundheit oder Sicherheit von Personen, die eine
Widerherstellung rechtfertigen würden, bestehen nicht. Solche werden von den
Beschwerdeführenden zu Recht auch nicht vorgebracht.
d) Zu prüfen ist weiter, ob die fünfjährige Verwirkungsfrist betreffend das Einwanden bzw.
das Einsetzen der Fensterscheiben und der Glastür abgelaufen ist. Diese baulichen
Massnahmen wurden gemäss den Akten im Jahr 2009 ergriffen und sind, wie aus der
Erwägung 6c folgt, formell und materiell rechtswidrig. Aktenkundig ist zudem, dass die
Gemeinde erst mit der Einsprache der Beschwerdeführenden im Januar 2018 Kenntnis vom
Einwanden bzw. Einsetzen der Fensterscheiben und der Glastür im ostseitigen Vorbau
erhielten. Die fünfjährige Verwirkungsfrist nach Art. 46 Abs. 3 BauG ist demzufolge in Bezug
auf das Schliessen des Vorbaus noch nicht abgelaufen.
8. Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands
a) Ist ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung ausgeführt worden (formelle
Rechtswidrigkeit) und kann es nachträglich auch nicht bewilligt werden (materielle
Rechtswidrigkeit) und ist die Fünfjahresfrist noch nicht abgelaufen, hat die Behörde den
rechtmässigen Zustand wiederherzustellen (Art. 46 BauG). Die Widerherstellungsverfügung
muss im öffentlichen Interesse liegen, verhältnismässig sein und darf den
Vertrauensgrundsatz nicht verletzen (Art. 47 Abs. 6 BewD40). Auch eine Bauherrschaft, die
nicht gutgläubig gehandelt hat, kann sich auf den Verhältnismässigkeitsgrundsatz berufen.
Sie muss aber in Kauf nehmen, dass die Behörden den der Bauherrschaft allenfalls
erwachsenden Schaden nicht oder nur in verringertem Masse berücksichtigen.41 Die
Anordnung darf dabei nicht weiter gehen als zur Herstellung des rechtmässigen Zustands
notwendig, und die mit der Wiederherstellung verbundene Belastung der bzw. des Pflichtigen
muss durch ein genügendes, konkretes öffentliches Interesse gerechtfertigt sein.42
40 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 41 BGE 111 Ib 213 E. 6; BVR 2002 S. 8 E. 2, 2000 S. 170 E. 3a, je mit Hinweisen 42 BVR 2002 S. 8 E. 2 und 4e; BVR 1990 S. 408 E. 5; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9c Bst. a; vgl. zur Verhältnismässigkeit allgemein statt vieler BGE 136 I 87 E. 3.2; BVR 2011 S. 433 E. 4.3, 2008 S. 360 E. 4.4
RA Nr. 110/2018/77 20
b) Ein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung ist im Allgemeinen gegeben, da
das Interesse an der Einhaltung der baurechtlichen Bestimmungen und an der konsequenten
Verhinderung von Bauten, die der baurechtlichen Ordnung widersprechen, generell gross
ist. Die Wiederherstellung kann jedoch unterbleiben, wenn die verantwortliche Person in
gutem Glauben angenommen hat, sie sei zur Bauausführung ermächtigt und wenn der
Beibehaltung des unrechtmässigen Zustands nicht schwerwiegende öffentliche oder
nachbarliche Interessen entgegenstehen, ebenso wenn die Abweichung vom Erlaubten nur
unbedeutend ist und die mit der Wiederherstellung verbundene Belastung der bzw. des
Pflichtigen nicht durch ein genügendes, konkretes öffentliches oder nachbarliches Interesse
gerechtfertigt ist. In solchen Fällen wäre eine Wiederherstellung nur zum Zweck der
Durchsetzung der Rechtsordnung unverhältnismässig.43
c) Der umstrittene Vorbau unterschreitet im vorliegenden Fall zwar den kleinen
Grenzabstand. Grenzabstände haben einerseits den Zweck, Nachbarn vor
rechtserheblichen Einflüssen von nahen Bauten und Anlagen zu schützen (z.B. vor
Beeinträchtigung der Belichtung oder der Aussicht) und andererseits die Sicherstellung von
wohnhygienischen einwandfreien Verhältnissen.44 Vorliegend ist nicht ersichtlich, inwieweit
alleine das Entfernen der Glasscheiben und der Glastür zu besseren ästhetischen oder
wohnhygienischen Verhältnissen führen soll. Das Wohnhaus der Beschwerdegegnerschaft
mit dem ostseitigen Vorbau liegt über 20 m vom S._weg entfernt. Aufgrund der stark
überwachsenen Böschung ist der Vorbau vom öffentlichen Raum her kaum einsehbar. Das
erklärt auch, weshalb der Gemeinde die Verglasung bisher nicht auffiel.
d) Auch nicht ersichtlich ist, inwiefern das Entfernen der Glasscheiben und Glastür einen
Beitrag an die weiteren in Frage stehenden nachbarlichen Interessen (Entzug von Licht oder
Störung der Aussicht) zu leisten vermöchte. Der geschlossene Vorbau befindet sich auf dem
Niveau des Untergeschosses. Er liegt somit unterhalb der Liegenschaft der
Beschwerdeführenden, wie die Fotos im Schreiben vom 18. August 2018 der
Beschwerdeführenden zeigen.45 Ebenso ist dieser Teil des Vorbaus durch eine Böschung,
43 VGE 2012/230 vom 30.5.2013, E. 4.2; VGE 2014/197 E. 3.1; BGE 132 II 21 E. 6.4; zum Ganzen Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9 ff. 44 Arbeitshilfen für die Ortsplanung (AHOP), Kommentiertes Muster für die Erarbeitung von Gemeindebaureglementen und Varianten zu den einzelnen Bestimmungen vom März 1988 des Raumplanungsamts des Kantons Bern, S. 82 45 Vgl. pag. 61 der Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
RA Nr. 110/2018/77 21
Bäume, Sträucher und Pflanzen gegenüber der Parzelle Nr. F._ der
Beschwerdeführenden abgeschirmt, wie auf den Fotos in den Akten ersichtlich ist.46 Von
dieser Lage aus bewirkt er weder negative Immissionen wie Licht- oder Aussichtsentzug
noch ideelle Immissionen wie die Beeinträchtigung der Ästhetik auf dem Grundstück der
Beschwerdeführenden. Das öffentliche und nachbarliche Interesse an der Wiederherstellung
ist damit hauptsächlich abstrakt.
e) Weiter kann der Beschwerdegegnerschaft keine Bösgläubigkeit über das Bestehen der
Baubewilligungspflicht am Einwanden des Vorbaus vorgeworfen werden. Nach Rücksprache
mit der Gemeinde bedurfte das Erstellen der ostseitigen Betonstützmauer keiner
Baubewilligung. Folglich durfte die Beschwerdegegnerschaft – als Laien – im Jahr 2009
gutgläubig davon ausgehen, dass das Schliessen des Vorbaus als weniger weitgehender
baulicher Eingriff ebenfalls nicht der Baubewilligungspflicht unterliegt. Hinzu kommt, dass
das Entfernen der Glasscheiben und der Glastür für die Beschwerdegegnerschaft mit
Aufwand und mit Kosten verbunden ist, ohne dass dadurch den Beschwerdeführenden ein
nennenswerter Vorteil im Vergleich zur heutigen Situation erwachsen würde. Denn eine
Wiederherstellung des bestehenden Balkons und der bestehenden Betonstützmauer fällt,
wie oben ausgeführt, aufgrund der abgelaufenen Verwirkungsfrist ausser Betracht. Zu
berücksichtigen ist schliesslich, dass die Beschwerdeführenden die heutige Situation ohne
Protest neun Jahre duldeten. Das Entfernen der Glasscheiben und der Glastür beim
ostseitigen Gebäudeteil erweist sich somit als unverhältnismässig. Die Gemeinde vertrat in
ihrer Stellungnahme vom 16. Juli 2018 somit zu Recht die Auffassung, dass eine
Wiederherstellung unverhältnismässig wäre. Auf die Anordnung einer
Wiederstellungsmassnahme wird daher entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführenden verzichtet. Insoweit erweist sich ihre Beschwerde als unbegründet.
9. Fazit
a) Aus den Erwägungen folgt, dass die Gemeinde die Baubewilligung für die Luft-Wasser-
Wärmepumpe und für das Schliessen des Vorbaus zu Unrecht erteilte. Diese baulichen
Massnahmen sind nicht bewilligungsfähig. Der geplanten Luft-Wasser-Wärmepumpe und
dem Schliessen des bestehenden Vorbaus wird der Bauabschlag erteilt. In diesem Punkt ist
46 Vgl. Register 5 Fotos zum Schreiben vom 2. Februar 2018 der Beschwerdegegnerschaft; siehe auch pag. 37 und pag. 62 der Beschwerdeakten des Rechtsamts der BVE
RA Nr. 110/2018/77 22
die Beschwerde gutzuheissen. Es erübrigt sich bei diesem Ausgang auf die übrigen Rüge-
und Kritikpunkte der Beschwerdeführenden einzugehen.
b) Auf die Anordnung einer Wiederstellungsmassnahme wird verzichtet. Bezüglich des
vorspringenden Balkons oder der nord- und ostseigen Betonstützmauer ist die fünfjährige
Frist gemäss Art. 46 Abs. 3 BauG abgelaufen. Das Entfernen der Glasfenster und der Glastür
ist unverhältnismässig. Den Beschwerdeführenden würde im Falle einer Wiederherstellung
im Vergleich zur heutigen Situation kein nennenswerter Vorteil erwachsen.
10. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen sowohl die Beschwerdegegnerschaft
wie auch die Beschwerdeführenden (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Zwar wird der angefochtene
Bauentscheid aufgehoben. Demgegenüber wird auf die Anordnung von
Wiederherstellungsmassnahmen verzichtet. Es rechtfertigt sich daher, die
Verfahrenskosten, bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 2'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG
i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV47), je zur Hälfte, ausmachend Fr. 1'000.–, der
Beschwerdegegnerschaft und den Beschwerdeführenden zur Bezahlung aufzuerlegen.
b) Da die Parteien anwaltlich nicht vertreten sind, haben sie keinen Anspruch auf
Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Parteikosten werden deshalb keine gesprochen.
c) Die Verfahrenskosten des erstinstanzlichen Verfahrens hat die
Beschwerdegegnerschaft als Bauherrschaft zu tragen (Art. 52 Abs. 1 BewD).
47 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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