# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 037457df-774f-57ac-a180-7c8915bddeff
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 12. Juli 2016 bei der Gemeinde Niederhünigen
ein Baugesuch ein für den Neubau eines 3-Familienhauses und eines 6-Famililenhauses
mit Einstellhalle auf Parzelle Niederhünigen Gbbl. Nr. G._. Die Parzelle liegt in der
Kernzone. Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit
Gesamtentscheid vom 18. September 2017 erteilte das Regierungsstatthalteramt Bern-
Mittelland die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 20. September 2017 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen
die Aufhebung des Gesamtentscheides vom 18. September 2017 und Erteilung des
Bauabschlags. Zudem beantragen sie, ihre Rechtsverwahrung sei anzumerken.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde beantragt mit Eingabe
vom 11. Oktober 2017, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit überhaupt darauf
einzutreten sei. Die Vorinstanz teilte mit Eingabe vom 19. Oktober 2017 mit, dass sie auf
das Einreichen einer förmlichen Vernehmlassung verzichte. Die Beschwerdegegnerin
beantragt mit Beschwerdeantwort vom 20. Oktober 2017, die Beschwerde sei abzuweisen,
soweit darauf eingetreten werden könne. Gleichzeitig beantragt sie, der Beschwerde sei
bis zum Verfahrensabschluss die aufschiebende Wirkung zu entziehen.
4. Das Rechtsamt gab den Beteiligten Gelegenheit, sich zum Entzug der
aufschiebenden Wirkung zu äussern. Die Gemeinde befürwortet den Entzug der
aufschiebenden Wirkung, das Regierungsstatthalteramt verzichtete auf eine
diesbezügliche Stellungnahme, die Beschwerdeführenden beantragen die Abweisung
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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dieses Verfahrensantrags. Das Rechtsamt teilte den Beteiligten mit, dass zusammen mit
der Hauptsache über das Gesuch um Entzug der Suspensivwirkung entschieden werde.
5. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden,
deren Einsprache abgewiesen wurde, sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid
beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
b) Nicht einzutreten ist, soweit die Beschwerdeführenden rügen, die Änderung des
Baureglements der Gemeinde verletze den Grundsatz der Planbeständigkeit. Das
Beschwerdeverfahren ist auf den Gegenstand begrenzt, den die Vorinstanz mit ihrer
Verfügung geregelt hat.4 Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist nur das Bauvorhaben
Verfahrensgegenstand. Die Baureglementsänderung erging im Planerlassverfahren. Die
Beschwerdeführenden erhoben in jenem Verfahren Einsprache gegen die
Reglementsänderung. Gegen die vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR)
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, a.a.O., Art. 72 N. 6 und 8.
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inzwischen genehmigte Änderung des Baureglements der Gemeinde Niederhünigen5 stand
die Beschwerde an die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion offen. Die Zulässigkeit der
Reglementsänderung bzw. die Frage der Planbeständigkeit kann nicht auch zum
Gegenstand des Baubeschwerdeverfahrens gemacht werden. Im Übrigen betreffen die
geänderten baupolizeilichen Vorschriften nur die Parzelle Niederhünigen Gbbl. Nr. 529. Die
vorliegende Bauparzelle Nr. G._ ist von der Reglementsänderung nicht betroffen.
2. Baugrund
a) Die Beschwerdeführenden rügen insbesondere, aufgrund des Hanglehms bestehe
die Gefahr von Hangrutschen, welche auch ihr weiter oben liegendes Grundstück in
Mitleidenschaft ziehen könnte. Das Bauvorhaben befinde sich in einem anerkannten
Rutschgebiet. Das Gefährdungspotential sei insbesondere in Zusammenhang mit
Hangwasser und Niederschlägen gegeben. Die Risiken, welche durch Baugruben,
Aufschüttungen, Terrainanpassungen oder Pfählungen für die Nachbarbauten entstünden,
seien nicht abschätzbar. Die Auflage der Gemeinde, wonach eine Bestätigung über die
genügende Hangsicherung auf der Ost- und Südseite des Hauses F einzureichen und die
konkreten Sicherungsmassnahmen aufzuzeigen seien, sei von der Bauherrschaft noch in
keiner Weise "berücksichtigt und bearbeitet" worden. Es seien auch noch keine
ergänzenden Untersuchungen in Zusammenhang mit dem vorliegenden Bauprojekt
vorgenommen worden.
b) Das Bauvorhaben soll am Fuss eines Hanges erstellt werden. Aus geologischen
Baugrunduntersuchungen, die 2012 im Hinblick auf die weitere Überbauung des Hanges
vorgenommen wurden,6 ist bekannt, dass die geotechnischen Verhältnisse wegen des
Hanglehms anspruchsvoll sind und entsprechende Sicherungsmassnahmen erfordern. Im
Gutachten von 2012 wurde eine Fundation mittels Pfählen bis auf den Molassefels
empfohlen. Freie Böschungen sollen nicht steiler als 1:2 (Höhe:Breite) ausgeführt werden.
Alternativ könnten mit Nagelwänden steilere Böschungen erstellt werden. Die
Dimensionierung der Nagelwände müsse durch den projektierenden Ingenieur erfolgen.
5 Verfügung des AGR vom 3. März 2017 betreffend Änderung des Baureglements (GBR) vom 30. Juni 2016 6 Kellerhals + Haefeli AG, Parzelle Nr. H._ Niederhünigen, Bericht Baugrunduntersuchungen vom 26. September 2012
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Weitere Empfehlungen betreffen die Notwendigkeit der fachgerechten
Baugrubenentwässerung und der Hinterfüllung der Baugrube.7
c) Auf der Bauparzelle Nr. G._ besteht im unteren Teil als Naturgefahr eine
geringe Gefährdung bzw. Restgefährdung für Überschwemmungen durch den Hünigebach.
Das Bauvorhaben liegt nicht in einem Rutschgebiet im Sinne einer Naturgefahr; mit
anderen Worten besteht nicht die Gefahr von natürlichen Hangrutschen.8 Eine
Hanginstabilität kann aber durch unsachgemässe bauliche Massnahmen ausgelöst
werden, wie dies beim Nachbargebäude der Fall war.9 Die vorliegend geltend gemachte
"Rutschgefahr" beschlägt somit nicht die Frage, ob das Bauen auf dieser Parzelle
überhaupt zulässig ist, sondern den Bauvorgang und die Konstruktion, namentlich die
Sicherung der Baugrube.
d) Bauten und Anlagen sind so zu erstellen, zu betreiben und zu unterhalten, dass
weder Personen noch Sachen gefährdet werden (Art. 21 BauG). Die Bauherren sind
verpflichtet, bei der Erstellung von Bauten und Anlagen die anerkannten Regeln der
Baukunde einzuhalten und die einschlägigen Normen und Empfehlungen der
Fachverbände zu beachten (vgl. Art. 57 BauV10). Darunter sind jene Massnahmen zu
verstehen, die nach wissenschaftlicher Erkenntnis und den Erfahrungen der Praxis
geeignet sind, einen gefahrlosen Bauvorgang zu gewährleisten und dem Bauwerk jene
Festigkeit und Sicherheit zu verleihen, die aufgrund der Zweckbestimmung erforderlich
sind. Aufgrund der vielfältigen sicherheitstechnischen Fragen kann das Befolgen dieser
Regeln im Allgemeinen nicht schon im Voraus im Baubewilligungsverfahren geprüft
werden. Es wäre unverhältnismässig, wenn alle diesbezüglichen Detailfragen von der
Bauherrschaft bereits im Baubewilligungsverfahren geklärt und gelöst werden müssten,
zumal das Projektierungsverfahren im Zeitpunkt der Baueingabe zumeist noch nicht sehr
weit fortgeschritten ist. Die Behörde kann aber weitere Unterlagen und Angaben über die
Konstruktion, den Bauvorgang und die Sicherheitsvorkehren verlangen (Art. 15 Abs. 1
BewD11). Im vorinstanzlichen Verfahren erklärten die von der Beschwerdegegnerin
7 Bericht Kellerhals + Haefeli AG, s.o., Ziff. 5.2 und 6 8 Naturgefahrenkarte, abrufbar auf dem kantonalen Geoportal; Baugesuchsformular NG Naturgefahren, Vorakten pag. 45; Stellungnahme OIK II vom 18. Oktober 2016, Vorakten pag. 271 9 Vgl. Stellungnahme der Kellerhals + Haefeli AG vom 30. März 2017, Vorakten pag. 361; Gutachten vom 26. September 2012, Ziff. 5.1, 6.1 10 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 11 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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beigezogenen Geologen, für die Sicherung der Baugrube und des darüber liegenden
Hangs werde eine doppelte Nagelwand erstellt. Auf Kopien von Projektplänen wurde der
Standort der Nagelwände eingezeichnet.12 Diese sind hinter dem Haus E vorgesehen, das
auf der Ebene der Einstellhalle mit dem Haus F zusammengebaut ist. Entgegen der
Meinung der Beschwerdeführenden sind die geplanten Sicherheitsvorkehren somit in
groben Zügen bereits bekannt. Eine nähere Konkretisierung musste im
Baubewilligungsverfahren noch nicht verlangt werden.
e) Die aktuelle Bautechnik erlaubt auch bei schwierigen Grundstücksverhältnissen
Lösungen für eine sichere Bebauung. Die anwendbaren Sicherheitsvorschriften (vgl. Art.
57 BauV) sind bei der Bauausführung ohne weiteres zu beachten. In besonderen Fällen,
z.B. bei einem schwierigen Baugrund, kann die Bauherrschaft im Bauentscheid aber
mittels Nebenbestimmung verpflichtet werden, eine Fachperson (z.B. einen Geologen)
beizuziehen, um den Baugrund zu beurteilen und Massnahmen zu dessen Sicherung
vorzuschlagen.13 Die Gemeinde hat in ihrem Amtsbericht vom 22. November 2016 eine
entsprechende Auflage verlangt.14 Demnach muss der Baupolizeibehörde vor Beginn der
Aushubarbeiten die Bestätigung eines anerkannten Geologen für die genügende
Hangsicherung auf der Ost- und Südseite des Hauses F eingereicht werden. Die konkreten
Sicherungsmassnahmen sind aufzuzeigen. Die Auflage wurde im angefochtenen
Gesamtentscheid nirgends explizit erwähnt. Der Amtsbericht der Gemeinde ‒ und damit
die erwähnte Auflage ‒ ist gemäss Ziff. 4.1.8 des angefochtenen Entscheides jedoch
massgebend.
Da die Auflage Teil des Bauentscheides ist, musste sie von der Beschwerdegegnerin nicht
bereits im Baubewilligungsverfahren erfüllt werden. Die Bestätigung und Angaben zu den
Sicherungsmassnahmen müssen der Gemeinde erst vor Baubeginn vorgelegt werden. Bei
schwierigen Hangverhältnissen ist es in der Regel mit der vorgängigen Berechnung allein
nicht getan; vielmehr bedarf es während der Bauausführung einer fachlichen Begleitung
und Überwachung. So muss auch geprüft werden, ob die Sicherungsmassnahmen, wie
z.B. eine Nagelwand, die Stabilität der Baugrube tatsächlich gewährleisten. Im Rahmen der
konkretisierten Sicherungsmassnahmen wird daher auch aufzuzeigen sein, ob bzw.
12 Vgl. Kellerhals + Haefeli AG, Stellungnahme vom 30. März 2017 mit Beilage, Vorakten pag. 355 bis 361 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 21 N. 7; BVR 2001 S. 301 ff. E. 4g und 5; BVR 2006 S. 272 ff. E. 3b-e 14 Vorakten pag. 319-323
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inwiefern die Bauausführung geologisch / geotechnisch begleitet und überwacht wird. Im
Weiteren ist es Aufgabe der Baupolizeibehörde, darüber zu wachen, dass bei der
Ausführung des Bauvorhabens die gesetzlichen Vorschriften sowie die Auflagen und
Bedingungen der Baubewilligung eingehalten werden (Art. 47 Abs. 1 BewD). Die Rügen
erweisen sich somit als unbegründet.
3. Weiteres
a) Eine Rechtsverwahrung kann zusammen mit der Einsprache geltend gemacht
werden (Art. 32 BewD). Die Beschwerdeführenden haben im vorinstanzlichen Verfahren
eine Rechtsverwahrung angemeldet, die der Beschwerdegegnerin zur Kenntnis gebracht
wurde und im Dispositiv des Gesamtbauentscheides unter Ziff. 4.3 vorgemerkt ist. Auf das
erneute Begehren wird nicht eingetreten.
b) Mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Entzug der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde gegenstandslos geworden, es wird als erledigt
vom Geschäftsverzeichnis abgeschrieben (Art. 39 Abs. 1 VRPG15).
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV16).
b) Die Beschwerdeführenden haben zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten
zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der
Beschwerdegegnerin gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdeführenden
haben der Beschwerdegegnerin somit einen Parteikostenersatz im Betrag von Fr. 3'074.85
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu leisten.
15 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 16 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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