# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 4368268e-ae40-5baa-87f4-532dfba0019a
**Court:** ZH_BRK
**Chamber:** ZH_BRK_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat sich ergeben:
A.
Mit Beschluss vom 18. Mai 2016 verzichtete der Stadtrat von Zürich auf die
Unterschutzstellung des Gebäudes „Mythenschloss“ auf dem Grundstück
Kat.-Nr. EN2561 am Mythenquai 20-28, Zürich 2 - Enge, und verfügte des-
sen Entlassung aus dem Inventar der kunst- und kulturhistorischen
Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung.
B.
Hiergegen wandte sich die ARCHICULTURA, Stiftung für Orts- und Land-
schaftsbildpflege, mit Rekurs vom 11. Juli 2016 ans Baurekursgericht des
Kantons Zürich und stellte den Antrag, es sei der angefochtene Beschluss
aufzuheben und die Vorinstanz einzuladen, das Objekt in angemessenem
Umfang unter Schutz zu stellen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
C.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2016 wurde vom Rekurseingang Vormerk ge-
nommen und das Vernehmlassungsverfahren eröffnet.
D.
Innert erstreckter Frist beantragten sowohl die Swiss Re AG (recte: Swiss
Re Investments AG) als auch die Vorinstanz mit Eingaben vom 7. bzw.
8. September 2016 die Abweisung des Rekurses, unter Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen zulasten der Rekurrentin.
E.
In der Folge hielten die Parteien mit Replik vom 4. Oktober 2016 sowie mit
Dupliken vom 20. bzw. 21. Oktober 2016 an ihren Anträgen fest.
F.
Am 8. November 2016 führte die 1. Abteilung des Baurekursgerichts im Bei-
sein der Parteien einen Augenschein auf Lokal durch.
R1S.2016.05078 Seite 3
G.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die anlässlich des Augenscheins ge-
machten Feststellungen ist nachfolgend insoweit einzugehen, als dies für die
Entscheidfindung erforderlich erscheint.

## Considerations

Es kommt in Betracht:
1.
Einleitend ist darauf hinzuweisen, dass die Swiss Re AG (recte: Swiss Re
Investments AG) versehentlich als private Rekursgegnerschaft ins Rekurs-
verfahren aufgenommen wurde. Korrekterweise wäre sie in Übereinstim-
mung mit der geltenden Praxis des Baurekursgerichts als Mitbeteiligte auf-
zuführen gewesen (vgl. BRGE III Nr. 0087/2014 vom 2. Juli 2014 im
BEZ 2014 Nr. 50, www.baurekursgericht-zh.ch). Dieser Status rührt daher,
dass die rekursweise geführte Auseinandersetzung in erster Linie – unbese-
hen der erheblichen privaten Interessen der Eigentümerschaft am Verzicht
auf Unterschutzstellung des Streitobjekts – zwischen dem öffentliche Inte-
ressen vertretenden Verband und dem Stadtrat als in Heimatschutzsachen
zuständiges Gemeindeorgan (vgl. § 211 Abs. 2 PBG) stattfindet.
Das Rubrum ist daher entsprechend anzupassen.
2.1.
Das streitbetroffene Gebäude „Mythenschloss“ befindet sich im Alleineigen-
tum der Mitbeteiligten und ist gemäss geltender Bau- und Zonenordnung
(BZO) der Stadt Zürich der Kernzone K 6 mit Empfindlichkeitsstufe III zuge-
schieden. Es wurde ursprünglich zwischen 1925 und 1928 durch den Archi-
tekten Arminio Christofari als reines Wohnhaus erbaut und von 1982 bis
1987 durch einen (vollständigen und flächenmässig erweiterten) Neubau der
Generalunternehmung Karl Steiner AG ersetzt. Das heutige „Mythenschloss“
ist ein grosses, herrschaftlich konzipiertes Büro- und Wohngebäude, wel-
ches über eine nach dem Vorbild des Vorgängerbaus aus den 1920er-Jah-
ren rekonstruierte, seeseitige Schaufassade sowie über eine rückseitige,
neuzeitliche Metallfassade verfügt.
R1S.2016.05078 Seite 4
Das „Mythenschloss“ ist im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhisto-
rischen Schutzobjekte aufgeführt und gehört als Bestandteil der von palast-
artigen Bauten geprägten Uferfront am unteren Zürcher Seebecken mit
Richtplaneintrag zum schutzwürdigen Ortsbild von kantonaler Bedeutung.
Überdies ist es als Einzelobjekt im Bundesinventar der schützenswerten
Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) vermerkt.
2.2.
Der Versicherungskonzern Swiss Re hat sich Ende 2014 dazu entschieden,
seinen Standort am Mythenquai zu stärken, wo sich mit dem „Mythen-
schloss“ (Mythenquai 20–28), dem Clubhaus (Alfred-Escher-Strasse 65),
dem Firmenhauptsitz (Mythenquai 60) sowie dem sich im Bau befindlichen
Gebäude „Swiss Re Next“ (Mythenquai 50) eine Reihe zentraler Betriebslie-
genschaften befinden. In diesem Zusammenhang strebt die Swiss Re ent-
weder die Gesamtsanierung des „Mythenschlosses“ (Szenario A) oder einen
Ersatz- bzw. Teilersatzneubau im Rahmen der Regelbauweise (Szenario B)
respektive eines privaten Gestaltungsplanes (Szenario C) an. Zwecks Prü-
fung der möglichen Szenarien im Umgang mit dem „Mythenschloss“ hat die
Mitbeteiligte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Städtebau eine Testpla-
nung durchgeführt; da zwei dieser Szenarien den Abbruch des Inventarob-
jekts vorsehen, löste die Testplanung die Abklärung der Schutzwürdigkeit
des „Mythenschlosses“ aus.
Gestützt auf das Gutachten der städtischen Denkmalpflege vom 7. Dezem-
ber 2015 (act. 5.2, nachfolgend: Gutachten 2015) kam die städtische Denk-
malpflegekommission zum Schluss, dass der Gebäudekomplex „Mythen-
schloss“ die Kriterien eines historischen Zeugen nicht erfülle und deshalb
aus dem Inventar entlassen werden könne. Ein Neubau müsse jedoch der
hohen Lagequalität und der kulissenartigen Schaufront gerecht werden, wel-
cher die Stadtsilhouette am rechten Zürichseeufer präge. Da das Seeufer mit
den palastartigen Bauten im kantonalen Richtplan als schutzwürdiges Orts-
bild von kantonaler Bedeutung eingetragen sei, hätten der Neubau und seine
Umgebung höchsten Qualitätsanforderungen zu genügen (vgl. act. 13.1
S. 3). Die Vorinstanz folgte dieser Auffassung, verzichtete auf Schutzmass-
nahmen und entliess das „Mythenschloss“ mit dem vorliegend angefochte-
nen Beschluss aus dem Inventar.
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3.
Die Rekurrentin zeigt sich mit diesem Vorgehen nicht einverstanden. Ge-
mäss § 338b Abs. 1 lit. a PBG sind gesamtkantonal tätige Verbände, die sich
seit wenigstens zehn Jahren im Kanton statutengemäss dem Natur- und Hei-
matschutz oder verwandten, rein ideellen Zielen widmen, zum Rekurs gegen
Anordnungen und Erlasse berechtigt, soweit sich diese auf den III. Titel (Na-
tur- und Heimatschutz, §§ 203–217 PBG) oder § 238 Abs. 2 PBG stützen.
Die Rekurrentin erfüllt diese Voraussetzungen unbestrittener-massen (vgl.
dazu VB.2013.00640, E. 3). Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen
erfüllt sind, ist auf den Rekurs einzutreten.
4.1.
In verfahrensmässiger Hinsicht beantragt die Rekurrentin die Einholung ei-
nes Gutachtens der Kantonalen Denkmalpflegekommission (KDK) mit der
Begründung, ein solches (zusätzliches) Gutachten wäre angesichts der her-
ausragenden kommunalen Bedeutung des „Mythenschlosses“ (§ 216 Abs. 2
PBG) sowie mit Blick auf die offen zutage tretende Divergenz zwischen dem
angefochtenen Beschluss und dem Gutachten 2015 geradezu zwingend ge-
wesen (VB.2009.00270 vom 24. Februar 2010, E. 2.2). Das Gutachten 2015
enthalte deutliche Hinweise darauf, dass eine architekturhistorisch wichtige
Zeugeneigenschaft im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG zu bejahen gewe-
sen wäre. Die Vorinstanz habe sich dem jedoch ohne weitere Begründung
entgegengestellt.
4.2.
In dem von der Rekurrentin zitierten Entscheid hält das Verwaltungsgericht
des Kantons Zürich fest, dass – sofern in einem Verfahren bereits unabhän-
gige Sachverständige mitgewirkt hätten – ein weiteres Gutachten bzw. Ober-
gutachten nur dann einzuholen sei, wenn begründete Zweifel an der richtigen
Beurteilung einer Sachfrage bestünden (VB.2009.00270 vom 24. Februar
2010, E. 2.2). Solche begründeten Zweifel liegen beim Gutachten 2015 al-
lerdings nicht vor und werden auch seitens der Rekurrentin nicht vorge-
bracht, im Gegenteil. Die Rekurrentin macht vielmehr geltend, die Vorinstanz
sei vom Gutachten 2015 abgewichen, indem sie sich über die deutlichen Hin-
weise, welche für eine wichtige Zeugenschaft des „Mythenschlosses“ sprä-
chen, ohne weitere Begründung hinweggesetzt habe. Ob sich diese Rüge
als begründet erweist, wird im Folgenden zu prüfen sein (vgl. nachfolgend
R1S.2016.05078 Seite 6
Ziff. 5.7); ein Gutachten der Kantonalen Denkmalpflegekommission bedarf
es hierfür allerdings nicht. Der denkmalpflegerische Wert des „Mythenschlos-
ses“ wurde im Rahmen des Gutachtens 2015 einlässlich geprüft. Im Übrigen
ist auch das Baurekursgericht als Fachgericht in der Lage, das streitbe-
troffene Gebäude in denkmalpflegerischer Hinsicht zu bewerten. Anhand der
Akten sowie der anlässlich des Abteilungsaugenscheins getroffenen Fest-
stellungen ist der Sachverhalt vorliegend genügend klar, um die Schutzwür-
digkeit des fraglichen Objektes zu beurteilen. Von der Einholung eines Gut-
achtens der Kantonalen Denkmalpflegekommission kann deshalb abgese-
hen werden.
5.1.
In materieller Hinsicht rügt die Rekurrentin zunächst, die Vorinstanz habe
den Eigenwert des „Mythenschlosses“ im Hinblick auf seine baukünstleri-
sche Zeugenschaft für die 1980er-Jahre unvollständig abgeklärt. Die Argu-
mentation der Vorinstanz basiere auf dem Missverständnis, dass es um die
Schutzwürdigkeit des Vorgängerbaus aus den 1920er-Jahren gehe, welch-
er jedoch längst unwiederbringlich verloren sei. Vorliegend stehe vielmehr
die Schutzwürdigkeit eines 1980er-Jahre Bauwerks zur Debatte, das sich auf
eine damals typische Art mit seinem Vorgängerbau auseinandergesetzt
habe. Das Gutachten 2015 habe diesen Sachverhalt weitaus präziser er-
fasst, indem es den heute bestehenden Bau und dessen Bezugnahme auf
die Vergangenheit analysiert und dabei erkannt habe, dass die Besonderheit
des „Mythenschlosses“ ganz wesentlich in seiner „Zweigesichtigkeit“ mit der
rekonstruierten Hauptfassade und der rückseitigen Metallfassade begründet
sei. Die gutachterlichen Ausführungen würden überdies illustrieren, dass
sich die Karl Steiner AG im Rahmen der Rekonstruktion der seeseitigen
Schaufassade äusserst aktiv und aufwändig mit der Geschichte des Bau-
werks auseinandergesetzt habe. Das Gutachten 2015 zeige deutlich, dass
das „Mythenschloss“ gerade in dieser Hinsicht ein wichtiger Zeuge sei, na-
mentlich ein Zeuge für die Geschichte der Denkmalpflege. Selbst unabhän-
gig von der Bezugnahme auf den Vorgängerbau könne dem heute erhalte-
nen Gebäude eine architekturhistorische Zeugenschaft nicht a priori abge-
sprochen werden. Das Gutachten 2015 enthalte deutliche Hinweise darauf,
dass es sich beim „Mythenschloss“ um einen wichtigen Zeugen einer Epoche
handeln könnte, die wegen ihrer zeitlichen Nähe heute noch (zu) wenig im
Bewusstsein des Denkmalschutzes verankert sei. Aus dem Gutachten 2015
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seien insbesondere folgende Passagen herauszustreichen, welche auf eine
architekturhistorische Zeugenschaft des „Mythenschlosses“ hinweisen wür-
den und denen sich die Vorinstanz ohne weitere Begründung entgegenge-
stellt habe:
 „Dieser auf dem Prinzip der Collage beruhende Stilpluralismus, der mit
der Montage von Bildern und dem Zitieren von Bedeutungsträgern ope-
riert, entspricht der ideologischen Position des „Anything Goes“ der post-
modernen Architektur“ (act. 5.2. S. 49).
 Es sei die Rede von den „architektonischen und ästhetischen Präferen-
zen der 1980er-Jahre“ (act. 5.2 S. 48).
5.2.
Die Vorinstanz weist diese Kritik zurück und betont, die Schutzabklärung er-
strecke sich durchaus auf das Bauwerk aus den 1980er-Jahren. Die Schutz-
würdigkeit des „Mythenschlosses“ sei im Kontext der Architektur der 1980er-
Jahre und im Rahmen postmoderner Konzepte und Strategien in städtebau-
licher, typologischer, baukünstlerischer sowie sozial- und wirtschaftsge-
schichtlicher Hinsicht untersucht worden. Beim „Mythenschloss“ gehe es un-
ter anderem um die Beurteilung der denkmalpflegerischen Praxis der
1980er-Jahre, die den vollständigen Verlust der historischen Bausubstanz
zugunsten einer „originalgetreuen Rekonstruktion“ der seeseitigen Hauptfas-
sade im Sinne einer postmodernen Haltung zur Folge gehabt habe. Einen
derartigen Umgang mit historischer Bausubstanz nachträglich legitimieren zu
wollen, würde – nach Auffassung der städtischen Denkmalpflegekommis-
sion – „eine zynische Haltung“ offenbaren, die nicht zu rechtfertigen sei.
Gemäss den Leitsätzen der Eidgenössischen Denkmalpflegekommission zur
Denkmalpflege in der Schweiz (Ausgabe 2004) werde die Authentizität des
Denkmals „durch ihre überlieferte Materie“ bestimmt; „werde dem Objekt die
überlieferte Substanz genommen, verliere es seine Denkmaleigenschaft un-
wiederbringlich“ (vgl. act. 13.2 S. 13 f.). Genau dies sei beim „Mythen-
schloss“ geschehen. Selbst wenn die als reine Kulissenarchitektur behan-
delte Rekonstruktion der seeseitigen Fassade mit einem hohen technischen
Aufwand betrieben worden sei, so lasse diese Herangehensweise nicht den
Umkehrschluss zu, dass damit auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit
dem bedeutenden historischen Zeugen der 1920er-Jahre verbunden gewe-
sen wäre. Bereits im Zeitpunkt des Abbruchs und Wiederaufbaus des heuti-
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gen „Mythenschlosses“ in den 1980er-Jahren sei diese Art der „Stadtsanie-
rung“, mit der „ein Neubau beliebiger Gestaltung und räumlicher Strukturie-
rung“ hinter rekonstruierter Fassade legitimiert werden sollte, heftig kritisiert
worden. Auch die Natur- und Heimatschutzkommission des Kantons Zürich
habe in ihrer Stellungnahme vom 3. April 1981 die „Zweigesichtigkeit des
Bauwerks und die damit verbundene Problematik generellen Charakters“ an-
geprangert und die Frage aufgeworfen, „ob nicht eine Lösung eingehendes
Studium verdient hätte, in welcher die seeseitige Fassadenpartie Architekt
Christofaris durch eine Neuschöpfung ersetzt worden wäre“. Selbst aus der
zeitlichen Distanz von 35 Jahren erfülle weder der rückseitige Neubau der
Karl Steiner AG noch die vom bauzeitlichen Bestand abweichende, freie
Nachbildung der Hauptfassade die Kriterien gemäss § 203 Abs. 1 lit. c PBG,
welche eine Unterschutzstellung rechtfertigen würden. Im Übrigen fänden
sich – entgegen der rekurrentischen Behauptung – auch im Gutachten 2015
keine Hinweise darauf, dass eine wichtige Zeugenschaft im Sinne von § 203
Abs. 1 lit. c PBG vorliegen könnte; das Gegenteil sei der Fall. Das Gutachten
2015 halte unmissverständlich fest, dass das „Mythenschloss“ kein
Schutzobjekt im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG sei (vgl. act. 5.2 S. 7).
Auch die Mitbeteiligte stellt einen schutzwürdigen Eigenwert des „Mythen-
schlosses“ mit Nachdruck in Abrede.
5.3.
Schutzobjekte sind unter anderem Ortskerne, Quartiere, Strassen und
Plätze, Gebäudegruppen, Gebäude und Teile sowie Zugehör von solchen,
die als wichtige Zeugen einer politischen, wirtschaftlichen, sozialen oder bau-
künstlerischen Epoche erhaltenswürdig sind oder die Landschaften oder
Siedlungen wesentlich mitprägen, samt der für ihre Wirkung wesentlichen
Umgebung (§ 203 Abs. 1 lit. c PBG). Für die Qualifikation als Schutzobjekt
setzt das Gesetz alternativ die wichtige Zeugenschaft (sog. Eigenwert) oder
die wesentliche landschafts- bzw. siedlungsprägende Wirkung (sog. Situati-
onswert) voraus.
Aus der Zeugenschaft ergibt sich das Erfordernis, dass ein Objekt, über wel-
ches Schutzmassnahmen verhängt werden sollen, namentlich aufgrund sei-
ner ortsbaulichen, baulichen oder ausstattungsmässigen Eigenschaften von
einer Epoche Zeugnis abzulegen, d.h. die betreffende Epoche zu veran-
schaulichen und im eigentlichen Wortsinne zu dokumentieren vermag. Allein
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der Umstand, dass ein Objekt einer Epoche zugeordnet werden kann, ist so-
mit für die Bejahung der Zeugenschaft noch nicht ausreichend. Zudem lässt
das Gesetz auch die blosse Zeugenschaft noch nicht genügen; das betref-
fende Objekt muss vielmehr ein wichtiger Zeuge sein. Diese Qualifikation
kann sich aus verschiedenen, hier nicht abschliessend aufzuzählenden
Gründen ergeben. Ein wichtiger Zeuge liegt namentlich dann vor, wenn die
betreffende Baute aufgrund ihrer gesamten Beschaffenheit eine Epoche be-
sonders aussagekräftig und qualitätsvoll zu dokumentieren vermag. Mit dem
Begriff der Epoche werden vom Gesetz auch Ereignisräume anvisiert, die
zeitlich oder lokal vergleichsweise eng begrenzt sind und daher im Allgemei-
nen kaum als "Epochen" zu bezeichnen wären. Namentlich mit Blick auf die
baukünstlerischen Epochen gilt sodann, dass auch Bauten, die Übergänge
zwischen solchen bezeugen, Schutzobjekte sein können. Zu verlangen ist
allerdings stets, dass die betreffende politische, wirtschaftliche, soziale oder
baukünstlerische Epoche klar definiert werden kann.
5.4.
Die in Heimatschutzsachen zuständige kommunale Behörde – in der Stadt
Zürich der Stadtrat – hat in einem ersten Schritt den Sachverhalt zu ermitteln
(§ 7 Abs. 1 VRG). Dies beinhaltet namentlich die Abklärung der denkmalpfle-
gerischen Grundlagen hinsichtlich des in Frage stehenden Objekts. Diesbe-
züglich kann und soll die zuständige Behörde nötigenfalls Expertisen oder
Stellungnahmen von Fachgremien einholen, wie dies die Vorinstanz vorlie-
gend mit dem bei der städtischen Denkmalpflege eingeholten Gutachten
2015 getan hat. Ohne triftige Gründe darf sie nicht von den tatsächlichen
Feststellungen im eingeholten Gutachten abweichen. Ein Abweichen ist nur
zulässig, wenn die Glaubwürdigkeit der tatsächlichen Feststellungen des
Gutachtens durch die Umstände ernsthaft erschüttert ist, was namentlich
dann der Fall sein kann, wenn Irrtümer, Lücken oder Widersprüche vorlie-
gen. Abweichungen vom Gutachten sind in jedem Fall zu begründen (vgl.
VB.2009.00270 vom 24. Februar 2010, E. 2.1; www.vgr.zh.ch).
Hiervon zu unterscheiden ist der Akt der Rechtswendung. Die zuständige
Behörde würdigt das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung frei (§ 7 Abs. 4
VRG). Dabei hat sie die in § 203 Abs. 1 lit. c PBG enthaltenen unbestimmten
Rechtsbegriffe, hier jene des "wichtigen Zeugen" (und der "siedlungsprägen-
den Wirkung") auszulegen und – im Falle einer Unterschutzstellung – zur
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Überzeugung zu gelangen, dass der denkmalpflegerisch einwandfrei abge-
klärte Sachverhalt unter diese Begriffe zu subsumieren ist. Es ist hingegen
nicht Aufgabe des Gutachtens, darüber zu entscheiden, ob ein in Frage ste-
hendes Objekt ein wichtiger Zeuge ist oder siedlungsprägende Wirkung hat.
Das Gutachten hat dem für diesen Entscheid einzig zuständigen Gemeinwe-
sen (nur, aber immerhin) die entsprechenden tatsächlichen Entscheidungs-
grundlagen zu liefern und es kann einen Antrag stellen. Beim Rechtsanwen-
dungsakt steht der zuständigen Behörde eine besondere Entscheidungsfrei-
heit im Grenzbereich zwischen Rechtsanwendung und Ermessensbetäti-
gung zu. Diese besondere Entscheidungsfreiheit bezieht sich insbesondere
auf die Qualifikation eines Objekts als wichtiger Zeuge (oder die Feststellung
seiner siedlungsprägenden Wirkung), auf die Bestimmung des Umfangs ei-
ner Schutzmassnahme oder auf die Auswahl unter mehreren Schutzobjekten
(Marco Donatsch, in Kommentar VRG, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, § 20
Rz. 85 f.).
Bei sich auf § 203 PBG stützenden denkmalpflegerischen Anordnungen
kommt den Denkmalpflegebehörden eine gewisse Entscheidungsfreiheit zu.
Solche Anordnungen sind namentlich dann mit einer gewissen Zurückhal-
tung zu überprüfen, wenn es um die Frage der Qualifikation eines Objekts
als wichtiger Zeuge, um die Bestimmung des Umfangs einer Schutzmass-
nahme oder um die Auswahl unter mehreren Schutzobjekten geht. Diesbe-
zügliche Beurteilungen sind mit einem spezifisch denkmalpflegerischen
Fachwissen verbunden. Unerheblich ist, ob es um Anordnungen kommuna-
ler oder kantonaler Denkmalpflegebehörden geht.
Besagte Zurückhaltung führt allerdings nicht etwa dazu, dass das Baurekurs-
gericht gleich wie das Verwaltungsgericht auf eine reine Rechtskontrolle be-
schränkt wäre (§ 20 Abs. 1 und § 50 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes
[VRG]). Konsequenz ist vielmehr, dass das Baurekursgericht den angefoch-
tenen Entscheid unter gebührender Berücksichtigung der Entscheidgründe
der Denkmalpflegebehörde und in sorgfältiger, einlässlicher Auseinanderset-
zung mit diesen zu überprüfen hat. Dergestalt ist zwischen der Entschei-
dungsfreiheit der Denkmalpflegebehörde einerseits und dem Anspruch auf
wirksamen Rechtsschutz andererseits (Art. 77 der Kantonsverfassung [KV]
und Art. 29a der Bundesverfassung [BV]) praktische Konkordanz herzustel-
len (Marco Donatsch, in: Kommentar VRG, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014,
§ 20 Rz. 64 ff.).
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Im Übrigen kommt dem Baurekursgericht bei der Überprüfung von sich auf
§ 203 PBG stützenden denkmalpflegerischen Anordnungen in der Regel
volle Kognition zu (§ 20 Abs. 1 VRG). Die Frage, was unter einem Schutzob-
jekt im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG zu verstehen ist, kann das Baure-
kursgericht frei beantworten. Soweit ihm die örtlichen Verhältnisse hinrei-
chend bekannt sind, kann es diese in der Regel frei würdigen. Geht es um
bautechnische Fragen, namentlich um solche der Erhaltungs- und Renova-
tionsfähigkeit von Schutzobjekten oder von Teilen hiervon, ist das Baure-
kursgericht als Fachgericht in Bausachen zu deren Beantwortung nicht we-
niger berufen als die Denkmalpflegebehörden, womit auch in dieser Hinsicht
eine Kognitionseinschränkung nicht begründet wäre.
5.5.1.
Das Gutachten 2015 kommt bezüglich Zeugenschaft des „Mythenschlosses“
im Sinne eines Antrags zum Schluss, dass der streitbetroffene Gebäude-
komplex aufgrund des vollständigen Verlustes der historischen Bausubstanz
des Vorgängerbaus und mit Blick auf die fragmentarisch gebliebene, vom
bauzeitlichen Bestand mitunter abweichende, freie Nachbildung in städte-
baulicher, architekturhistorischer bzw. baukünstlerischer, typologischer so-
wie wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hinsicht keinen Zeugenwert mehr
aufweise und daher kein Schutzobjekt im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG
darstelle (act. 5.2 S. 7).
Die Begründung dieses Antrags lässt sich den folgenden, entscheidrelevan-
ten Abschnitten und Textpassagen des Gutachtens 2015 entnehmen.
5.5.2.
In optisch-gestalterischer Hinsicht beschreibt das Gutachten 2015 das „My-
thenschloss“ wie folgt:
"Das sechsgeschossige „Mythenschloss“ besteht aus mehreren Gebäude-
flügeln, die mit einem H-förmigen Gebäudegrundriss die Typologie eines
Schlosses mit Ehrenhof vermitteln. Sowohl an der Vorder- wie an der Rück-
seite weicht das Gebäude hinter einen mittigen Hof zurück, nur die Seiten-
flügel reichen bis an den Gehsteig der Strasse. Die aufwändig gestaltete,
schmuckvollste Hauptfassade orientiert sich zur Strasse und zum Seeufer
hin. Zwei grundsätzlich verschiedene Gebäudeteile lassen sich unterschei-
den: Zum See hin präsentiert die Hauptfront ein steinernes Fassadenbild.
Allerdings handelt es sich bei den hellgrauen Quadern um vorgehängte
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Kunststeinplatten. Nach Westen weist die Rückfassade entlang der Alfred-
Escher-Strasse eine dunkelbraun schimmernde Fassade aus vor-fabrizier-
ten Metallpaneelen auf. An den beiden Seitenflügeln treffen die gegensätzli-
chen Erscheinungsbilder zusammen: Mit Blick vom Mythenquai aus folgt auf
den von hochrechteckigen Fensterformaten geprägten, „steinernen“ Fassa-
denabschnitt – einem Fünftel der Seitenansicht – die mit einem Fassaden-
rücksprung akzentuierte, neuzeitliche Metallfassade mit durchgehenden
Fensterbändern. Während der vermeintlich ältere Gebäudeteil ein Walm-
dach aufweist, das über dem zurückversetzten Dachgeschoss durch eine
geringe Neigung und einem knappen Dachrand optisch kaum in Erscheinung
tritt, präsentiert der rückseitige Gebäudeteil über zwei zurückversetzten Atti-
kageschossen ein Flachdach (act. 5.2 S. 9 f.)."
5.5.3.
Zur typologischen bzw. sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Bedeutung
des „Mythenschlosses“ hält das Gutachten 2015 fest, der Gebäudekomplex
knüpfe typologisch an die Prunkbauten des „Roten Schlosses“ und des
„Weissen Schlosses“ am General-Guisan-Quai an (act. 5.2. S. 37 f.). Der Ar-
chitekt des Vorgängerbaus aus den 1920er-Jahren, Arminio Cristofari, habe
sich bei der Projektierung des Gebäudes am Typus „Wohnschloss“ orientiert;
dieser Typus bezeichne ein herrschaftlich gestaltetes Mehrfamilienhaus mit
gutbürgerlich ausgestatteten Wohnungen für gehobene Ansprüche, welche
in Ablösung der obrigkeitlichen Wohnsitze Ende 19. und Anfang 20. Jahr-
hundert in den Städten gebaut worden seien. Für den H-förmigen Gebäu-
degrundriss habe sich Cristofari entschieden, um die Versorgung der Woh-
nungen mit ausreichend Luft und Licht zu gewährleisten. Entsprechend den
in einem Wohnschloss standesgemäss zustehenden, gehobenen Wohnan-
sprüchen sei das ursprüngliche „Mythenschloss“ mit jeglichem Komfort und
neustem Luxus ausgestattet gewesen (act. 5.2. S. 40 ff.). Nach Überwin-
dung der Wirtschaftskrise in den 1970er-Jahren habe die Expansion des Un-
ternehmens am bisherigen Standort oberste Priorität für die Swiss Re ge-
habt. Da offenbar technische und wirtschaftliche Gründe gegen eine umfas-
sende Sanierung des „Mythenschlosses“ gesprochen hätten und sowohl die
Stadt wie auch der Kanton Zürich den Erhalt des seeseitigen Erscheinungs-
bildes „als wesentlicher Bestandteil der zürcherischen Seefront“ gefordert
hätten, habe dies zur Rekonstruktion der zum Seebecken orientierten Fas-
sadenfront geführt. Im Kontext dieses ökonomischen Wachstumsdrangs sei
es folglich zur Umwandlung des ursprünglich für das herrschaftliche Wohnen
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konzipierten „Mythenschlosses“ in ein Wohn- und Geschäftshaus gekom-
men. Im Innern des heutigen „Mythenschlosses“ lasse sich der Typus des
monumental wirkenden Wohnschlosses allerdings nicht mehr ablesen
(act. 5.2. S. 42 ff.; act. 5.2. S. 59).
5.5.4.
Was die baukünstlerische Bedeutung des „Mythenschlosses“ anbelangt, so
streicht das Gutachten 2015 heraus, dass es sich einerseits um ein Bauwerk
handle, an welchem sich die denkmalpflegerische Praxis im Umgang mit his-
torischer Bausubstanz der 1970er- und 1980er-Jahre manifestiere und an-
dererseits um ein Gebäude, das sich der postmodernen Haltung eines
Stilpluralismus verpflichtet habe (act. 5.2 S. 53).
Charakteristisch für die damalige Haltung der Denkmalpflege sei der Erhalt
der Fassade, d.h. des äusseren Erscheinungsbildes gewesen, womit zu-
gleich der Verlust der Bausubstanz des Schutzobjekts in Kauf genommen
worden sei. Folglich sei es oft zu sog. Auskernungen gekommen, bei denen
die Frontfassaden vor dem neu aufgebauten Ersatzneubau bestehen geblie-
ben seien, seltener auch zu Rekonstruktionen, wenn die Wiederherstellung
einfacher oder günstiger erschienen sei als der tatsächliche Substanzerhalt.
Als prominente Vergleichsobjekte für Fassadenrekonstruktionen in der Stadt
Zürich verweist das Gutachten 2015 auf das Hotel „Savoy“ am Paradeplatz
(1975-1977, im kommunalen Inventar), auf den Gebäudekomplex der „Wan-
nerhäuser“ an der Löwenstrasse 47/49 (1981-1984, unter Schutz seit 1985)
und das „Habis Royal“ am Bahnhofplatz (1985-1990, unter Schutz seit 1984).
Schon damals habe die Denkmalpflege die Auskernung und Fassadenrekon-
struktion allerdings als „ultima ratio“ bezeichnet, weil durch diese denkmal-
pflegerischen Massnahmen zumindest noch ein Strassen- oder Platzbild
habe gerettet werden können (act. 5.2 S. 50 ff.). Auch im Falle des „Mythen-
schlosses“ habe sich die damalige Bauherrschaft für eine Rekonstruktion der
seeseitigen Fassade entschieden, mit dem Ziel, ein möglichst unverfälschtes
Fassadenbild zu erhalten, um damit das hochwertige Ortsbild am unteren
Seebecken zu schützen (act. 5.2 S. 44 ff.). Zu diesem Zweck habe die Karl
Steiner AG Massaufnahmen der (ursprünglichen) Fassaden und Hausein-
gänge angefertigt bzw. die Fassade fotogrammetrisch aufgenommen. Mittels
Gipsabgüssen habe sie dann nicht nur die gehauenen Mauerwerksteine der
Fassaden aus Mägenwiler Sandstein, sondern auch die Türeinfassungen,
Fenstergewände, Gesimse und Balusterbrüstungen der Balkone in Kunst-
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stein nachgebildet. Zur Imitation der verschiedenen Farbnuancen des Sand-
steins seien für die nachgebildeten Kunststeine in Absprache mit der Denk-
malpflege am Originalbestand drei Farbtöne bestimmt worden, die zwischen
grau, beige und beige-grau changiert hätten. Für die Rekonstruktion der vor-
dersten Gebäudeschicht sei offenbar Stein für Stein abgetragen und jedes
wiederverwendbare Element registriert und eingelagert worden. Für eine tat-
sächliche Wiederverwendung von Materialien des Vorgängerbaus fänden
sich allerdings – entgegen den Erwartungen der Denkmalpflege – keine Hin-
weise oder Belege in den Bauakten; einzig die Obelisken mit den beiden
Leuchtkörpern seien nach gründlicher Restaurierung am alten Standort im
Ehrenhof wiederaufgebaut worden (act. 5.2 S. 46 f.). Auch sei das Fassa-
denbild des Vorgängerbaus lediglich an der Seefassade möglichst exakt
nachgebildet worden, an den Seitenfassaden habe man sich demgegenüber
bloss lose an Gestaltungsmerkmalen des Originals – wie Mittelsymmetrie
und lineare Gliederung – orientiert. Im Innern hätten die Gebäudestruktur,
die Grundrissdispositionen und die Raumausstattung des Vorgängerbaus
der 1920er-Jahre sogar gänzlich den architektonischen und ästhetischen
Präferenzen der 1980er-Jahre weichen müssen. Die seeseitige Hauptein-
gangshalle sei etwa mit rhombenförmigen Marmorplatten aus weissge-
flammtem Callacata-Rosato-Marmor und rotbraunem Rosso-Collemandino-
Marmor ausgekleidet worden. Die Bauherrschaft habe damit eine besondere
Aura im Sinne eines Zusammenspiels von „Alt“ und „Neu“ konstruieren wol-
len (act. 5.2. S. 47 f.).
Laut Gutachten 2015 lässt sich am rekonstruierten „Mythenschloss“ eine
postmoderne Haltung erkennen. Die erkerartig vorspringende rückseitige
Glas- bzw. Metallfassade repräsentiere im Vergleich zum seeseitigen Fass-
adenbild die kontrastierende „moderne Linie“ der 1980er-Jahre. Während die
beiden unterschiedlichen Formensprachen an den Seitenfassaden entlang
der Mars- und Sternenstrasse durch einen kräftigen Rücksprung klar vonei-
nander abgesetzt seien, schlage sich diese Einschnürung in der Grundriss-
bildung nicht nieder. Im Gegenteil, der Neubau werde mit dem rekonstruier-
ten Vorgängerbau verschliffen. Aus dieser Kombination von imitiertem Altbau
und neuem Ergänzungsbau erwachse ein Wechselspiel des formalen Aus-
drucks und der architektonischen Stile. Dieser auf dem Prinzip der Collage
beruhende Stilpluralismus, der mit der Montage von Bildern und dem Zitieren
von Bedeutungsträgern operiere, entspreche der ideologischen Position des
„Anything Goes“ der postmodernen Architektur. Diese postmoderne Haltung
R1S.2016.05078 Seite 15
stehe in einer auffälligen Verwandtschaft zum Spät-historismus des Vorgän-
gerbaus aus den 1920er-Jahren: die Verantwortlichen der Karl Steiner AG
hätten eine wesensverwandte, nostalgische Haltung wahrgenommen, die ei-
nerseits bereits den Architekten Cristofari zur Verwendung eines rückwärts-
gewandten Baustils motiviert habe, und die andererseits den eigenen ambi-
valenten Standpunkt gegenüber einer als unzeitgemäss erkannten Architek-
tur gerechtfertigt habe. Diese im Denken der Postmoderne verankerte Hal-
tung erkläre vielleicht die Betonung der auf der Bildebene angesiedelten äs-
thetischen Werte. Der Erhalt des äusseren Erscheinungsbildes habe Vor-
rang gehabt, wogegen die historischen Werte der Architektur zu Lasten der
gut erhaltenen bauzeitlichen Substanz vernachlässigt worden seien (act. 5.2.
S. 48 ff.). Obschon die seeseitig rekonstruierte Seefassade unter dem öko-
nomischen Druck einer gewinnoptimierten Arbeitswelt nur noch als Substitut
für das verloren gegangene Wohnschloss erhalten geblieben sei, wieder-
spiegle die damalige Haltung der Denkmalpflege nicht einfach die Angst oder
eine Sehnsucht nach einer vertrauten Umgebung. Die Betonung der Bildäs-
thetik unter Vernachlässigung der historischen Werte eines authentisch er-
haltenen Bauwerks habe (auch) mit dem Primat des Ortsbildschutzes am
Seeufer zu tun. Im Begriff des Ortsbildschutzes zeige sich vor allem eine
postmoderne Kritik am Tabula-rasa-Pathos der Nachkriegsmoderne, die im
blinden Glauben an technischen und ökonomischen Fortschritt und ohne
Rücksicht auf lokale Traditionen vertraute Strassenzüge und Plätze elimi-
nierte (act. 5.2. S. 53 ff.).
Beim rekonstruierten „Mythenschloss“ kumulieren also gewissermassen die
denkmalpflegerische Praxis der 1970er- bzw. 1980er-Jahre und der in der
Postmoderne verankerte Stilpluralismus. Vor diesem Hintergrund gelangt
das Gutachten 2015 abschliessend zu folgender Beurteilung:
"Beim „Mythenschloss“ vermisst man am Zusammenspiel des rekonstruier-
ten Vorgängerbaus und dem rückseitigen Neubau die nötige Inspiration, wel-
che eine Architektur von herausragenden Qualitäten hätte hervorbringen
können. Der von den Architekten und der Bauherrschaft oft heraufbeschwo-
rene Kontrast von Alt und Neu schafft keinen wirklichen Dialog, sondern ein
Nebeneinander von unvereinbaren Auffassungen und Ansichten. So etabliert
der Neubauteil mit den schräg abgewinkelten vertikalen Einschnitten das
Thema der durch das Stützenraster gegebenen vertikalen Fassadengliede-
rung mittels Erker und Linsenen. Der seeseitig rekonstruierte Vorgängerbau
R1S.2016.05078 Seite 16
gibt das Thema Fassadengliederung mit den horizontalen dunkleren Mauer-
werkstreifen auf Kämpferhöhe vor, ohne dass sich aus diesem Befund ein
weiterer Bedeutungszusammenhang ableiten lässt. Weder in konzeptionel-
ler noch in architektonischer Hinsicht wird das „Mythenschloss“ zu einem Be-
deutungsträger, der von einer verbrieften Auseinandersetzung mit seiner Ge-
schichte erzählt. Die Kombination von Versatzstücken alter Architektur mit
neuzeitlichen Materialien und Konstruktionen lässt kein narratives Moment
erkennen, die von einer individuellen Autorenschaft, Haltung oder Hand-
schrift im Sinne eines postmodernen Eklektizismus zeugt. Das „Mythen-
schloss“ bedient sich allenfalls einiger weniger neuklassizistischer Zitate und
erzeugt ein janusköpfiges, dualistisches Erscheinungsbild, das aber als sol-
ches keine sinnstiftende Korrelation herstellt und auch kein einheitliches
Ganzes ergibt. Das gesamte Bauwerk beschränkt sich auf die Erzeugung
von zwei Bildern – einer historischen Vorder- und einer zeitgemässen mo-
dernen Rückansicht. Es handelt sich um eine Architektur-Collage, die see-
seitig die Verankerung in der historischen Tradition bekräftigt, jedoch rück-
seitig die von den Architekten behauptete „Aura“ vermissen lässt. Kulissen-
architektur in dieser Ausprägung steht deshalb für eine Tendenz der Archi-
tektur der 1970er- und 1980er-Jahre, in der Bevölkerung Vertrautheit zu we-
cken, indem das einmalige Ortsbild an der städtebaulich heiklen Lage des
Zürcher Seebeckens erhalten bleibt. Das „Mythenschloss“ fügt sich mit ihrer
(sic) rekonstruierten Fassade seit beinahe 30 Jahren wie selbstverständlich
in das schützenswerte Ortsbild ein, so dass diesem eine dem Einzelobjekt
übergeordnete Bedeutung zukommt (act. 5.2. S. 55)."
5.6.
Der Begriff der Postmoderne bezeichnet eine kulturgeschichtliche Strömung,
die in den 1960er-Jahren in den USA entstand und in den 1980er-Jahren
grosse Bedeutung erlangte. Ihre Ausprägungen hat die Postmoderne insbe-
sondere in der bildenden Kunst, Literatur sowie in der Architektur. Im Bereich
der Architektur steht die Postmoderne für eine pluralistische Grundhaltung
bezüglich Stilelemente, Methoden und Konzepte im Sinne der ideologischen
Position „Anything Goes“. Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht die Inno-
vation, sondern eine Rekombination bzw. neue Anwendung vorhandener
Ideen und vergangener Stile. Die Postmoderne ist ihrem Wesen nach eklek-
tizistisch, d.h. an einem postmodernen Bauwerk werden regelmässig diverse
Architekturstilelemente vergangener Epochen zitiert. Dadurch entstehen Ge-
bäude, die eine Mischung aus bearbeiteten, interpretierten, adaptierten oder
R1S.2016.05078 Seite 17
entfremdeten historischen Stilelementen und einer individuellen Schöpfung
des Architekten bilden.
5.7.
Das Gutachten 2015 hat sich einlässlich und umfassend mit dem „Mythen-
schloss“ der 1980er-Jahre auseinandergesetzt und stuft es in baukünstleri-
scher Hinsicht als ein Bauwerk der Postmoderne ein, das sich mit seiner re-
konstruierten, den Vorgängerbau aus den 1920er-Jahren imitierenden See-
fassade und der rückseitigen, neuzeitlichen Metallfassade einem Stilpluralis-
mus verpflichtet hat. Von diesem Stilpluralismus – in Form der stark kontras-
tierenden Fassadenbilder – konnte sich auch die 1. Abteilung des Baure-
kursgerichts anlässlich des Augenscheins überzeugen (vgl. Fotos Nrn. 2, 5,
18, 19, 21 und 22).
Wie bereits erwähnt, genügt allerdings allein der Umstand, dass ein Bauwerk
einer bestimmten Stilepoche zugeordnet werden kann, für die Bejahung sei-
ner Zeugenschaft nicht. Darüber hinaus reicht für die Schutzwürdigkeit eines
Gebäudes selbst eine Zeugenschaft noch nicht aus; diese müsste vielmehr
als „wichtig“ qualifiziert werden. Das „Mythenschloss“ müsste mithin geeignet
sein, die Postmoderne besonders aussagekräftig und qualitätsvoll zu doku-
mentieren. Genau diesen Schluss zieht das Gutachten 2015 aber nicht, im
Gegenteil. Es kommt dezidiert zum Ergebnis, dass es sich beim „Mythen-
schloss“ gerade nicht um einen Bedeutungsträger der Postmoderne handelt
und verneint – entgegen der rekurrentischen Darstellung – einen allfälligen
Zeugenwert in städtebaulicher, architekturhistorischer bzw. baukünstleri-
scher, typologischer sowie wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hinsicht
und damit auch die Schutzwürdigkeit des streitbetroffenen Gebäudes mit al-
ler Deutlichkeit. Die gutachterlichen Ausführungen sind nachvollziehbar und
widerspruchslos begründet. Gegenteiliges hat sich dem Baurekursgericht
auch anlässlich des Augenscheins auf Lokal nicht erschlossen.
Die Rekurrentin verkennt dies, wenn sie behauptet, das Gutachten 2015 ent-
halte deutliche Hinweise, welche auf eine Zeugenschaft des „Mythenschlos-
ses“ schliessen lassen würden. Die von ihr in diesem Zusammenhang zitier-
ten Textpassagen belegen einzig – zumindest diejenige auf S. 49 des Gut-
achtens 2015 –, dass das „Mythenschloss“ der postmodernen Architektur zu-
geordnet werden kann. Dass dieser Umstand allein nicht genügt, wurde
soeben ausgeführt. Aus der zweiten, von der Rekurrentin zitierten Textstelle,
wonach von „architektonischen und ästhetischen Präferenzen der 1980er-
R1S.2016.05078 Seite 18
Jahre“ die Rede sei (vgl. act. 5.2 S. 48), lässt sich mit Blick auf eine allfällige
Zeugenschaft des „Mythenschlosses“ noch viel weniger ableiten. Abgesehen
davon, dass die betreffende Textstelle aus dem Zusammenhang gerissen
wurde und für sich allein wenig aussagekräftig ist, nimmt sie Bezug auf das
Innere des „Mythenschlosses“, wo die Gebäudestruktur, die Grundrissdispo-
sitionen und die Raumausstattung des Vorgängerbaus den architektoni-
schen und ästhetischen Präferenzen der 1980er-Jahre weichen mussten.
Gerade im Innern des „Mythenschlosses“ offenbart sich, wie fragmentarisch
und oberflächlich die Rekonstruktion des Vorgängerbaus aus den 1920er-
Jahren letztendlich ausfiel, dies notabene unter vollständigem Verlust der
historischen Bausubstanz. Die Kulissenhaftigkeit und die bescheidene archi-
tektonische Qualität dieses hybriden Bauwerks treten hier besonders deut-
lich zu Tage. Einzig die seeseitige Haupteingangshalle, welche im Geiste der
1980er-Jahre vollständig mit Marmor ausgekleidet wurde, zeugt von gewis-
sen gestalterischen Bemühungen. Die übrigen, anlässlich des Augenscheins
besichtigten Räumlichkeiten (Bürotrakte, Wohnung, Treppenhaus) lassen
demgegenüber weder eine differenzierte architektonische Gestaltung noch
eine besondere Qualität erkennen (vgl. Fotos Nrn. 6-17). Im Übrigen wider-
spricht sich die Rekurrentin, wenn sie in ihrer Replik plötzlich vorbringt, das
Gutachten 2015 würde den Fokus zu stark auf den Vorgängerbau aus den
1920er-Jahren richten (vgl. act. 18 S. 7), nachdem sie in der Rekursschrift
noch argumentiert hatte, das Gutachten 2015 würde – anders als die Vo-
rinstanz bzw. Denkmalpflegekommission – den Sachverhalt gerade weitaus
präziser erfassen, indem es das heute bestehende „Mythenschloss“ aus den
1980er-Jahren sowie dessen Bezugnahme auf die Vergangenheit analysiere
(act. 2 S. 8 ff.).
Insgesamt lassen sich dem Gutachten 2015 jedenfalls keinerlei Hinweise
entnehmen, welche auf eine wichtige Zeugenschaft des „Mythenschlosses“
im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG hindeuten würden. Entgegen der rekur-
rentischen Behauptung hat sich die Vorinstanz im Rahmen der Schutzabklä-
rung somit nicht ohne weitere Begründung über die gutachterlichen Erkennt-
nisse hinweggesetzt. Vielmehr ist die Vorinstanz dem Gutachten 2015 voll-
umfänglich gefolgt. Dies ist nicht zu beanstanden, zumal keine triftigen
Gründe ersichtlich sind – und auch seitens der Rekurrentin nicht geltend ge-
macht wurden –, die ein Abweichen vom Gutachten 2015 gerechtfertigt hät-
ten. Im Ergebnis erweist sich die Verneinung des schutzwürdigen Eigenwerts
des „Mythenschlosses“ daher als rechtens.
R1S.2016.05078 Seite 19
6.1.
Die Rekurrentin moniert im Weiteren, die Vorinstanz habe den überwiegend
wichtigen Situationswert des „Mythenschlosses“ – welcher seine Legitima-
tion zugleich aus der besonders ausgeprägten Erinnerung an den ursprüng-
lichen „Originalbau“ sowie aus der Substanz des Baus aus den 1980er-Jah-
ren beziehe – nicht erkannt. Das „Mythenschloss“ sei für die Stadtfront am
unteren Seebecken unverzichtbar, folgerichtig habe die städtische Denkmal-
pflege im Gutachten 2015 auch den Erhalt der seeseitigen Schaufassade
und damit die Bewahrung des Erscheinungsbildes beantragt (vgl. act. 5.2.
S. 7). Dieser Antrag werde im Gutachten 2015 mit der „hohen städtebaubli-
chen Bedeutung“ des „Mythenschlosses“ (vgl. act. 5.2. S. 36) begründet und
es werde darauf hingewiesen, dass der Swiss Re Konzern mit seinen „archi-
tektonischen Vorzeigebauten verschiedenster Bauepochen [Hauptsitz, Club-
haus, neues Verwaltungsgebäude Swiss Re Next] nicht nur die eigene Fir-
mengeschichte dokumentiere“, sondern „zugleich einen Einblick in die
Schweizer Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts“ biete (vgl. act. 5.2.
S. 38). Das „Mythenschloss“ wirke „als Teil dieser prachtvollen Seefront [...]
als Visitenkarte und identitätsstiftender Faktor der Geschäftsmetropole Zü-
rich“ (act. 5.2 S. 39). Vor diesem Hintergrund hätte die Vorinstanz nicht die
vollumfängliche Inventarentlassung des „Mythenschlosses“ beschliessen
dürfen, sondern zumindest dessen Erscheinungsbild samt zugehöriger Sub-
stanz unter Schutz stellen müssen.
6.2.
Die Vorinstanz entgegnet, die städtebauliche Bedeutung des heutigen „My-
thenschlosses“ sei einzig dadurch begründet, dass es Teil der repräsentati-
ven Schaufront am Seeufer bilde. Dieser Umstand allein genüge indes für
eine wesentliche Mitprägung der Landschaft oder Siedlung (Situationswert)
nicht (vgl. VB.2005.00128, E. 4.5). Entgegen der Darstellung der Rekurrentin
werde im Gutachten 2015 auch nicht der Erhalt der seeseitigen Hauptfas-
sade beantragt; es sei lediglich die Rede davon, dass deren Erhalt – im Rah-
men der parallel zur Schutzabklärung laufenden Testplanung – zu prüfen sei
(vgl. act. 5.2. S. 6 f.). Daraus könne jedoch nicht abgeleitet werden, dass das
„Mythenschloss“ erhalten werden müsse, zumal weder die städtische Denk-
malpflege noch die Denkmalpflegekommission der Stadt Zürich das Inventa-
robjekt als schutzwürdig erachteten.
R1S.2016.05078 Seite 20
Die Mitbeteiligte argumentiert in die gleiche Richtung und räumt ein, dass der
seeseitigen Fassade des „Mythenschlosses“ im städtebaulichen Kontext
zwar eine erhebliche Bedeutung zukomme. Allein um die städtebaulich wich-
tige Silhouette im Bereich des Hafens Enge zu schützen, sei eine Erhaltung
des bestehenden Gebäudes mit der seeseitigen Fassadenkulisse allerdings
nicht nötig, zumal das betroffene Grundstück in der Kernzone liege und damit
– unabhängig von dem in Aussicht gestellten Gestaltungsplan – erhöhte ge-
stalterische Anforderungen zu beachten seien (§ 238 Abs. 2 PBG) und ein
Abbruch des Gebäudes von der Sicherung eines den entsprechenden Krite-
rien genügenden Ersatzbaus abhängig gemacht werde (Art. 42 Abs. 2 BZO).
6.3.
Mit der Erfassung von Gebäuden und Gebäudegruppen, die Landschaften
oder Siedlungen wesentlich mitprägen, bezweckt § 203 Abs. 1 lit. c PBG
− anders als mit dem Schutz wichtiger Zeugen – nicht die Dokumentation
geschichtlicher Epochen, sondern die Erhaltung qualifizierter Landschafts-
und Siedlungsbilder. Da das Gesetz die beiden Voraussetzungen für eine
Unterschutzstellung – wichtige Zeugeneigenschaft oder wesentlich prä-
gende Wirkung – alternativ aufzählt, lässt sich auch allein mit letzterer die
Anordnung von Schutzmassnahmen an Gebäuden oder Gebäudegruppen
begründen. Allerdings rechtfertigt nicht jede Optimierung von Siedlungs- o-
der Landschaftsbildern die Anordnung von Schutzmassnahmen; die positiv
prägende Wirkung muss vielmehr objektiv ausgewiesen und begründet sein,
was etwa bei für das geschützte Ortsbild sehr wichtigen Kernzonenbauten
der Fall sein kann (VB.2009.00608 vom 4. Mai 2011).
Als "Ensemble" im Sinn des Natur- und Heimatschutzes bezeichnet man eine
Gruppe von Gebäuden und Aussenräumen, die im Zusammenhang eine be-
sondere städtebauliche Qualität haben und als Gruppe wahrgenommen wer-
den. Das Erscheinungsbild des Ensembles wird geprägt durch die einzelnen
Elemente und ihr räumliches Zusammenspiel. Entscheidend ist, dass die Ge-
samtanlage mit ihrer besonderen geschichtlichen, kulturellen oder ästheti-
schen Bedeutung den Charakter und die Identität eines Orts massgeblich
bestimmt und diesem eine besondere Wertigkeit gibt (vgl. VB.2010.00472
vom 26. Januar 2011, E. 6.2).
R1S.2016.05078 Seite 21
6.4.
Das Gutachten 2015 hält bezüglich Situationswert des „Mythenschlosses“ im
Wesentlichen fest, dass die hohe städtebauliche Bedeutung des Bauwerks
durch seine exponierte Lage am unteren Zürcher Seebecken entlang des
geraden Strassenzugs am Mythenquai bedingt sei. Es bilde mit seiner see-
seitig rekonstruierten Fassade Teil einer von palastartigen Bauten geprägten
Stadtsilhouette, welche die ökonomischen Werte von Bonität und Solidität
verkörpere. Diese repräsentative Seefront, deren Bauten sowohl axialsym-
metrisch konzipiert, als auch durch steinerne Fassaden geprägt seien, ver-
leihe dem unteren Seebecken ein grossstädtisches Antlitz. Als Teil dieser
prachtvollen Seefront wirke das „Mythenschloss“ als Visitenkarte und identi-
tätsstiftender Faktor der Geschäftsmetropole Zürich, vergleichbar mit ande-
ren, im 19. Jahrhundert am Wasser angelegten Städten wie Genf, Luzern
oder Nizza. Der Versicherungskonzern Swiss Re dokumentiere mit seinen
architektonischen Vorzeigebauten verschiedenster Bauepochen am Mythen-
quai nicht nur die eigene Firmengeschichte, sondern vermittle mit diesem
städtebaulichen Ensemble zugleich einen Einblick in die Schweizer Architek-
turgeschichte des 20. Jahrhunderts (act. 5.2. S. 35 ff.).
Das Ortsbild am unteren Seebecken – so das Gutachten 2015 weiter – sei
für die Schweiz einmalig; allerdings werde sich die kulissenartige Schaufront
mit dem sich im Bau befindlichen Gebäude „Swiss Re Next“, welches auf
dem Nachbargrundstück des „Mythenschlosses“ einen Erweiterungsbau des
Versicherungskonzerns aus den 1960er-Jahren ersetze, nachhaltig verän-
dern. Angesichts der grossen Bedeutung des Ortsbildes am unteren Seebe-
cken hätte ein Abbruch des „Mythenschlosses“ einen tiefgreifenden Wandel
des städtebaulichen Ensembles am Mythenquai zur Folge, weshalb der Er-
halt der rekonstruierten, seeseitigen Schaufassade zu prüfen sei. Bei einem
allfälligen Neubau müssten im Voraus verbindliche Rahmenbedingungen
und Vorgaben festgelegt werden, die den Erhalt des schützenswerten Orts-
bildes gewährleisten würden. Zu diesen Bedingungen gehörten unter ande-
rem die Materialität in Stein, die seeseitige Hofsituation, die gleichbleibende
Traufhöhe und eine repräsentative Gestaltung gegen aussen (act. 5.2. S. 7).
6.5.
Es ist unbestritten, dass dem „Mythenschloss“ in städtebaulicher Hinsicht
eine gewichtige Bedeutung für das untere Zürcher Seebecken zukommt;
diesbezüglich stimmen sämtliche Beteiligten mit dem Gutachten 2015 über-
R1S.2016.05078 Seite 22
ein. Das „Mythenschloss“ stellt mit seiner seeseitigen Fassade zweifellos
eine imposante Erscheinung dar (vgl. Fotos Nr. 1, 2 und 5) und fügt sich ge-
lungen in das städtebauliche Ensemble von monumentalen Verwaltungs-
und Versicherungsgebäuden am Mythenquai ein. Allerdings ist seine städte-
bauliche Bedeutung – wie auch das Gutachten 2015 festhält (act. 5.2.
S. 36) – hauptsächlich, wenn nicht ausschliesslich, auf seine exponierte
Lage in der ersten Häuserreihe direkt am Zürcher Seebecken sowie auf sein
stattliches Volumen – verteilt auf sechs Geschosse und eine Fläche von
24'214 m2 – zurückzuführen. Einen erheblichen Beitrag zur Qualifikation des
schutzwürdigen Ortsbilds am unteren Seeufer vermag das „Mythenschloss“
damit nicht zu leisten. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass im Gut-
achten 2015 die Rede davon ist, dass das „Mythenschloss“ Bestandteil eines
städtebaulichen Ensembles am Mythenquai bilde. Von einer gewissen En-
semblewirkung ist zwar grundsätzlich auszugehen, allzu grosse Bedeutung
ist dieser allerdings nicht beizumessen, zumal sich die Umgebung am My-
thenquai derzeit im Wandel befindet und sich durch den Neubau „Swiss Re
Next“ nachhaltig verändern wird (vgl. Fotos Nrn. 3a-b und 4).
Folgerichtig spricht das Gutachten 2015 dem „Mythenschloss“ – zumindest
implizit – auch unter dem Aspekt des Situationswerts die Schutzwürdigkeit
ab. Anders als bezüglich Eigenwert enthält das Gutachten 2015 zwar keinen
expliziten Antrag betreffend Situationswert des „Mythenschlosses“. Es kon-
statiert allerdings, dass es sich beim „Mythenschlosses“ nicht um ein
Schutzobjekt im Sinne von Art. 203 Abs. 1 lit. c PBG handle und zeigt sich
einem allfälligen Neubau gegenüber aufgeschlossen (vgl. act. 5.2 S. 7). Ei-
nen gegenteiligen Schluss lassen auch die übrigen Angaben im Gutachten
2015 nicht zu. Vor dem Hintergrund der hiervor angestellten Erwägungen
durfte die Vorinstanz daher – in Übereinstimmung mit dem Gutachten 2015 –
eine wesentlich siedlungsprägende Wirkung des „Mythenschlosses“ vernei-
nen. Unter diesen Umständen ist denn auch die vollumfängliche Inventarent-
lassung des „Mythenschlosses“ nicht zu beanstanden, zumal der Schutz
bloss einzelner Bauteile – insbesondere der seeseitigen Fassade – ohne
Rücksicht auf das Zusammenwirken von Innerem und Äusserem nicht mehr
der heutigen Auffassung von Denkmalschutz entspricht (vgl. BGE 118 Ia 384
ff., E. 5e).
R1S.2016.05078 Seite 23
7.1.
Die Rekurrentin bringt schliesslich vor, die Vorinstanz beschränke sich im
angefochtenen Beschluss auf eine verkürzte, fehlerhafte Interessenabwä-
gung, welche den Anforderungen an Begründungsdichte und -tiefe (vgl.
Art. 29 Abs. 2 BV) bei weitem nicht zu genügen vermöge.
7.2.
Dieser Einwand erweist sich ebenfalls als unbegründet.
Die Rekurrentin lässt ausser Acht, dass die Vorinstanz das „Mythenschloss“
weder hinsichtlich seines Eigenwerts als „wichtigen Zeugen“ noch bezüglich
seines Situationswerts als „wesentlich mitprägendes Element“ qualifiziert
hat, was sich – wie vorstehend dargelegt – ohne Weiteres als rechtens er-
weist. Dies allein genügt bereits für die Verneinung der Schutzwürdigkeit und
die damit einhergehende Inventarentlassung. Diesbezüglich enthält der an-
gefochtene Beschluss – ergänzt durch die Ausführungen in der Rekursant-
wort – durchaus eine hinreichende Begründung. Zusätzlich hat die Vo-
rinstanz auch das Ergebnis der parallel zur Abklärung der Schutzwürdigkeit
durchgeführten Testplanung – ein Ersatzneubau im Rahmen eines Gestal-
tungsplans – gewürdigt und dargelegt, dass mit einem solchen Ersatzneu-
bau in städtebaulicher Hinsicht vielschichtig und subtil auf die Anforderungen
des Ortes reagiert und dem geschützten Ortsbild gut Rechnung getragen
werden kann, was sowohl im privaten wie auch öffentlichen Interesse liegt.
Damit war die Rekurrentin ohne Weiteres in der Lage, sich über die Trag-
weite des vorinstanzlichen Entscheids Rechenschaft zu geben und diesen
sachgemäss anzufechten.
8.1.