# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 14583ffd-3e10-5804-badb-18df51bb1a5c
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 3. November 2017 bei der Gemeinde
Müntschemier ein Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden Gebäudes und eines
Schopfs sowie für den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit unterirdischer
Autoeinstellhalle auf Parzelle Müntschemier Grundbuchblatt Nr. G._. Die Parzelle
befindet sich in der Kernzone und ist Bestandteil des Ortsbildschutzperimeters, wobei der
nördliche Parzellenbereich in der Baugruppe A des Bauinventars der Gemeinde
Müntschemier liegt. Mit Bericht vom 16. Januar 2018 nahm der Berner Heimatschutz zum
Bauvorhaben Stellung. Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden 1 bis
4 Einsprache. Die Gemeinde Müntschemier reichte am 18. Januar 2018 einen Amtsbericht1
ein, in dem sie das Bauvorhaben als nicht bewilligungsfähig erachtete. Nach einer
Einigungsverhandlung reichte die Beschwerdegegnerin revidierte Baupläne ein. Die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 hielten an ihren Einsprachen fest. Die Gemeinde
Müntschemier stufte mit Amtsbericht vom 26. April 20182 auch das revidierte Bauvorhaben
als nicht bewilligungsfähig ein.
Mit Gesamtentscheid vom 15. Mai 2018 erteilte das Regierungsstatthalteramt Seeland die
Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden 1 bis 4 am 14. Juni 2018 und die
Gemeinde Müntschemier als Beschwerdeführerin 5 am 15. Juni 2018 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 beantragen in ihrer gemeinsam eingereichten
Beschwerdeschrift die Rückweisung des Baugesuchs an die Vorinstanz. Die
Beschwerdeführerin 5 beantragt die Aufhebung des Gesamtentscheids vom 15. Mai 2018
und die Erteilung des Bauabschlags, eventualiter sei der Gesamtbauentscheid aufzuheben
und die Angelegenheit zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Die Beschwerdeführenden 1 bis 4 machen geltend, verschiedene
Argumente gemäss ihren Einsprachen und Stellungnahmen seien nicht oder unzulänglich
geprüft worden. Damit habe die Vorinstanz ihren Ermessensspielraum überschritten und
den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. In materieller Hinsicht rügen die
1 Vorakten bbew 166/2017, pag. 81-83 2 Vorakten, pag. 84-86
RA Nr. 110/2018/81 3
Beschwerdeführenden 1 bis 4 die Erschliessung und Verkehrssicherheit während der
Bauphase und nach Fertigstellung des Bauvorhabens. Zudem bestehe über die Parzelle
Müntschemier Grundbuchblatt Nr. H._ kein gesichertes Wegrecht. Die
Beschwerdeführerin 5 macht insbesondere geltend, dass vorliegend gemäss den
kommunalen Vorgaben die OLK beizuziehen gewesen wäre. Zudem würden hier die
Vorschriften zum Schutz des Ortsbildes verletzt.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet3, vereinigte die
beiden Beschwerdeverfahren, holte die Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel
durch. Die Beschwerdegegnerin schliesst mit Beschwerdeantwort vom 30. Juni 2018 auf
Abweisung der Beschwerden. Die Vorinstanz beantragt in ihrer Stellungnahme vom 16. Juli
2018 ebenfalls die Abweisung der Beschwerden, soweit darauf einzutreten sei. Im Übrigen
verweist sie auf ihren Gesamtentscheid.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2018 teilte das Rechtsamt den Verfahrensbeteiligten seine
provisorische Einschätzung mit. Es wies darauf hin, dass der Plan des Erdgeschosses
keinen Nachweis der Sichtweiten gemäss den Normen des VSS4 erbringe und eine
Darstellung des Gefälles sowie Angaben zur Höhe der Stützmauern der Ein-/Ausfahrt zur
Einstellhalle fehlten. Zudem wies es darauf hin, dass der eingereichte Plan des
Erdgeschosses die geforderte Mindestfläche der Aufenthaltsbereiche nicht ausweise; ein
Nachweis scheine auf Grund der vorhandenen Flächen jedoch möglich. Die
Beschwerdegegnerin wurde zudem gebeten, dem Rechtsamt genauere Angaben zur
Photovoltaik(PV)-Anlage einzureichen. Die Beschwerdegegnerin reichte daraufhin am
13. August 2018 eine Projektänderung mit den folgenden Plänen ein:
- Plan 246-01U: «Erdgeschoss» 1:100 vom 9. August 2018
- Plan 246-04: «Fassaden» 1:100 vom 9. August 2018
- Plan 246-04W «Strasse neu/Einstellhalle» 1:100 vom 9. August 2018
Gleichzeitig präsentierte sie neue Berechnungsgrundlagen zu den Spielplätzen und
Aufenthaltsbereichen (korrigierte Version vom 8. August 2018). Zudem reichte die
3 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 4 Normen des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS)
RA Nr. 110/2018/81 4
Beschwerdegegnerin weitere Unterlagen zur Erschliessungssituation ein.5 Mit Verfügung
vom 17. August 2018 gab das Rechtsamt den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit, zur
Projektänderung Stellung zu nehmen. Gleichzeitig holte es einen Fachbericht der
kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) sowie einen
Fachbericht des Tiefbauamtes, Oberingenieurkreis III (nachfolgend TBA OIK III) ein. Die
Vorinstanz verzichtete auf Bemerkungen zur Projektänderung. Die Beschwerdeführerin 5
beantragt mit Stellungnahme vom 21. September 2018 die Aufhebung des
Gesamtentscheids unter Erteilung des Bauabschlags. Sie weist darauf hin, dass ihr nicht
nachvollziehbar sei, warum die Beschwerdegegnerin eine Vergrösserung der PV-Anlage
vorsehe. Als ebenso fragwürdig erscheine ihr, dass die Beschwerdegegnerin im Rahmen
der Projektänderung den Grünanteil auf der Nordseite "massiv" reduziert habe, dies
notabene zu Ungunsten der für den Kinderspielplatz vorgesehenen Fläche. Die
Beschwerdeführerin 5 erachtet die Projektänderung als Verschlechterung des Bauprojekts.
Im Übrigen seien die Pläne "noch immer nicht vollständig und korrekt". Die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 nahmen mit Eingabe vom 25. September 2018 zur
Projektänderung Stellung und weisen unter anderem darauf hin, dass die eingereichten
Unterlagen in keiner Weise die Bedenken betreffend Bauverkehrsprobleme entkräften
könnten.
Der Fachbericht des TBA OIK III vom 20. September 2018 (Eingang 26.9.2018) und der
Fachbericht der OLK vom 19. September 2018 (Eingang am 27.9.2018) wurden den
Verfahrensbeteiligten mit Verfügung vom 12. Oktober 2018 eröffnet. Sie erhielten
Gelegenheit zum Beweisergebnis Schlussbemerkungen einzureichen. Die
Beschwerdeführerin 5 nahm mit Eingabe vom 1. November 2018 und die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 nahmen mit Schreiben vom 2. November 2018 zum
Ergebnis Stellung. Die Beschwerdegegnerin reichte am 1. November 2018 zu den
eingeholten Berichten eine Stellungnahme ein. Gemäss ihrer Auffassung könne von der
Beurteilung der OLK abgewichen werden, wenn diese nicht sämtliche rechtserheblichen
Umstände in ihre Beurteilung habe einfliessen lassen. Dies treffe vorliegend zu. Für den
Fall, dass dem Bauvorhaben aus ästhetischen Gründen der Bauabschlag erteilt werden
sollte, beantragt sie vorliegend die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach Art. 26
BauG6.
5 Unterlagen G1 bis G3 (I._weg aus google maps) sowie einen Auszug aus den VSS Normen 640 291a 6 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
RA Nr. 110/2018/81 5
4. Auf die Rechtsschriften sowie auf die Fachberichte der OLK und des TBA OIK III
wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG7. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden 1
bis 4 sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Die Gemeinde Müntschemier als Beschwerdeführerin 5 ist
ebenfalls zur Beschwerde befugt. Auf die form- und fristgerecht eingereichten
Beschwerden ist daher einzutreten.
2. Projektänderung
a) Die Beschwerdegegnerin hat am 13. August 2018 eine Projektänderung mit
folgenden Plänen eingereicht:
- Plan 246-01U: «Erdgeschoss» 1:100 vom 9. August 2018
- Plan 246-04: «Fassaden» 1:100 vom 9. August 2018
- Plan 246-04W: «Strasse neu/Einstellhalle» 1:100 vom 9. August 2018
7 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1)
RA Nr. 110/2018/81 6
b) Laut Art. 43 BewD8 kann die Baugesuchstellerin oder der Baugesuchsteller während
eines Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der
BVE eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn
das Bauvorhaben in seinen Grundzügen gleich bleibt. Erfolgt die Projektänderung im
Beschwerdeverfahren, sind die Gemeinde, die Gegenpartei und die von der
Projektänderung zusätzlich berührten Dritten anzuhören. Die Beschwerdeinstanz ist befugt,
die Sache zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD),
kann aber auch selbst über die Projektänderung entscheiden. Das geänderte Projekt tritt
an die Stelle des ursprünglichen Bauvorhabens.9 Mit der Projektänderung wurde der Plan
«Erdgeschoss» korrigiert um in der Umgebungsgestaltung den Nachweis der zusätzlich
erforderlichen 20 m2 für Aufenthaltsbereiche zu erbringen. Zudem weist er die geforderten
Angaben zum Gefälle der Einstellhallenrampe und zur Höhe der Umgebungsmauern auf.
Der Plan «Fassaden» enthält Ergänzungen betreffend die Strasse mit Querschnitt-
Angaben zur Einstellhalle (Fassaden Westen und Süden).10
c) Mit der Projektänderung bleibt das Bauvorhaben in den Grundzügen gleich. Deshalb
können die Anpassungen als Projektänderung behandelt werden. Die Projektänderung
berührt keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen Interessen zusätzlich und die
Verfahrensbeteiligten wurden angehört. Auf eine Publikation oder eine Anhörung Dritter
konnte daher verzichtet werden. Gegenstand des Verfahrens ist somit nur noch das Projekt
gemäss Baugesuch vom 26. März 2018 (Pläne 246-02: Untergeschoss und
Entwässerungsplan, 246-03: «OG, DG, Galerie, Schnitt»). Soweit das Erdgeschoss und
die Fassaden betreffend, gelten die Pläne «Erdgeschoss» (246-01U) und «Fassaden»
(246-04) gemäss der Projektänderung vom 13. August 2018 einschliesslich des
zusätzlichen Plans «Strasse neu/Einstellhalle» (246-04W; Pläne gestempelt von der BVE
am 14. August 2018).
3. Rechtliches Gehör
8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 9 Vgl. BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen 10 Vgl. Schreiben der Beschwerdegegnerin zur Projektänderung vom 13. August 2018
RA Nr. 110/2018/81 7
a) Die Beschwerdeführenden 1 bis 4 rügen, die Vorinstanz habe ihr rechtliches Gehör
verletzt, indem sie auf die Rügen hinsichtlich Erschliessung, Verkehrssicherheit vor und
nach der Bauphase und das fehlende Wegrecht nicht (genügend) eingegangen sei. Die
Beschwerdeführenden 1 bis 4 wie auch die Beschwerdeführerin 5 sind zudem der
Auffassung, dass die Vorinstanz vorliegend einen Augenschein zur Klärung der
verschiedenen gerügten Punkte hätte durchführen müssen. Dies sei zu Unrecht nicht
erfolgt.
b) Die Behörden stellen den Sachverhalt von Amtes wegen fest; sie sind nicht an die
Beweisanträge der Parteien gebunden (Art. 18 VRPG). Der Anspruch auf rechtliches
Gehör (Art. 21 ff. VRPG11) verpflichtet aber die Behörden, die von den Parteien
angebotenen Beweise abzunehmen, sofern diese für die Klärung des Sachverhalts nötig
sind. Wenn die Behörde bei freier, pflichtgemässer Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt, die vorhandenen Akten erlaubten die richtige und vollständige Feststellung des
Sachverhalts oder die behauptete Tatsache sei für die Entscheidung der Streitsache nicht
von Bedeutung, so kann sie auf das Erheben weiterer Beweise verzichten. Diese
sogenannte antizipierte Beweiswürdigung verletzt den Anspruch auf rechtliches Gehör
nicht.12
Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG muss eine Verfügung die Tatsachen, Rechtssätze und
Gründe enthalten, auf die sie sich stützt. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die
Betroffenen den Entscheid sachgerecht anfechten können. Deshalb muss die Behörde
mindestens kurz die Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf
die sie ihren Entscheid stützt. Sie muss sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung
zum Sachverhalt und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie
sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken.13 Die
Begründung muss jedoch umso ausführlicher und differenzierter ausfallen, je komplexer
oder umstrittener ein Sachverhalt ist, je stärker ein Sachverhalt in die individuellen Rechte
eingreift und je grösser der Entscheidungsspielraum der Behörde ist.14
11 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 12 BVR 2012 S. 252 E. 3.3.3, mit Hinweisen 13 BGE 134 I 83 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 6 ff. 14 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 8
RA Nr. 110/2018/81 8
c) Vorliegend hat die Vorinstanz den Beweisantrag der Beschwerdeführenden 1 bis 4
und der Beschwerdeführerin 515 zur Durchführung eines Augenscheins implizit abgelehnt.
Aufgrund einer antizipierten Beweiswürdigung kam sie zum Schluss, dass die Sachlage in
diesem Punkt im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens hinreichend abgeklärt worden
war. Es liegt diesbezüglich keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor.
d) In ihren Einsprachen wiesen die Beschwerdeführenden auf die ungelöste Anbindung
des unteren I._wegs an die J._strasse, das fehlende Wegrecht der
Bauparzelle und die offenen Fragen hinsichtlich Verkehrssicherheit und Mehrverkehr hin
(Beschwerdeführende 1 bis 4). Zudem wurde die fehlende Vereinbarkeit mit dem Ortsbild
gerügt (Beschwerdeführerin 2). Die Vorinstanz setzte sich im Gesamtentscheid unter
«Materielles» in den Ziffern 4 bis 6 mit den Rügen der Einsprecherinnen und Einsprecher
bzw. der Gemeinde hinsichtlich Erschliessung (Verkehrssicherheit und Mehrverkehr) und
dem Bestand eines Wegrechts auseinander.
e) Mit diesen Ausführungen ist die Vorinstanz ihrer Begründungspflicht in genügender
Weise nachgekommen. Sie ging auf rund vier Seiten ihres Entscheides auf die in den
Einsprachen erwähnten Rügen hinsichtlich Erschliessung, einschliesslich
Verkehrssicherheit und Mehrverkehr ein. Die Vereinbarkeit mit den Vorgaben des
Ortsbildschutzes handelte sie zwar relativ kurz und unter Berufung auf den Fachbericht des
Berner Heimatschutzes in Ziffer 7 ihres Entscheids ab. Gestützt darauf war es den
Beschwerdeführenden 1 bis 4 ohne weiteres möglich, den Entscheid sachgerecht
anzufechten. Die Vorinstanz hat somit das rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden 1
bis 4 nicht verletzt. Der Umstand, dass die Vorinstanz die Auffassung der
Beschwerdeführenden 1 bis 4 nicht teilte, bedeutet keine Verletzung der
Begründungspflicht. Ob eine Begründung zutrifft, ist eine Frage der materiellen
Rechtsanwendung. Die Rüge der Beschwerdeführenden 1 bis 4 hinsichtlich fehlender
Begründung erweist sich somit als unbegründet.
4. Nichteinbezug der OLK
15 Vgl. auch Protokoll der Einigungsverhandlung vom 5. März 2018, Vorakten, pag. 76-79
RA Nr. 110/2018/81 9
a) Die Beschwerdeführerin 5 rügt, dass die Vorinstanz zu Unrecht die Kantonale
Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) nicht einbezogen habe. Die
Gemeinde habe für den Vollzug von Art. 33a BauG i.V.m. Art. 22 Abs. 1 Bst. a BewD die
Zuständigkeiten der im Rahmen von Bauverfahren jeweils anzurufenden Behörden klar
geregelt. Bei Objekten im Ortsbildschutzgebiet, die jedoch nicht im Bauinventar seien,
werde jeweils die OLK gemäss Art. 10 BauG beigezogen. Diese Regelung sei der
Vorinstanz auf Grund verschiedener Gespräche bekannt gewesen. So habe sie im
vorangehenden Verfahren (zurückgezogenes Projekt) explizit die Konsultation der OLK
beantragt und im Rahmen der regelmässigen Aktualisierung der Adressen im
Baubewilligungsverfahren diese Regelung zu Handen der Vorinstanz bestätigt.16 Der
Nichteinbezug der OLK stelle somit eine Verletzung von Art. 22 Abs. 1 Bst. a BewD, von
Art. 2 BauV17 sowie der gemäss Art. 109 KV18 geschützten Gemeindeautonome dar.
b) Die Vorinstanz weist in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass im vorliegenden
Baubewilligungsverfahren weder die Gemeinde noch die Einsprecherinnen und
Einsprecher den Einbezug der OLK beantragt hätten. Die Gemeinde habe das Vorhaben
aus anderen Gründen als nicht bewilligungsfähig erachtet. Gemäss Art. 57 Abs. 9 GBR19
sei für die Beurteilung der Bauvorhaben im Ortsbildschutzperimeter eine Fachberatung zur
Begutachtung beizuziehen; als Fachberatung gelte unter anderen der Berner
Heimatschutz. Es stehe ausser Frage, dass die Fachleute der Region Biel-Seeland des
Berner Heimatschutzes alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllten.20
Nach Auffassung der Beschwerdegegnerin gehört die OLK nicht zu den in Art. 33a BauG
genannten Fachleuten. Die Grundlage, wann die OLK beizuziehen sei, finde sich in Art. 22
BewD sowie Art. 22a BewD. Zwar komme der Gemeinde beim Erlass der Bau- und
Zonenordnung sowie bei der Anwendung des kommunalen Rechts Gemeindeautonomie
zu. Die Bestimmungen von Art. 22 und 22a BewD gäben der Gemeinde jedoch keine
Kompetenz, eine abweichende Regelung zum Beizug der OLK zu erlassen. Daher könne
sich die Beschwerdeführerin auch nicht auf die Gemeindeautonomie berufen. Ferner sehe
das GBR vor, dass als örtliche Fachstelle die kantonale Denkmalpflege, der Berner
Heimatschutz oder der Ortsplaner zu bestimmen seien.
16 Vgl. Beilage 7 der Beschwerdeschrift der Beschwerdeführerin 5 17 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 18 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1) 19 Baureglement der Gemeinde Müntschemier vom 9. April 2001 (GBR) 20 Stellungnahme RSA Seeland vom 16. Juli 2018
RA Nr. 110/2018/81 10
c) Gemäss Art. 22 Abs. 1 Bst. a BewD konsultiert die Baubewilligungsbehörde die
zuständigen kantonalen Fachstellen gemäss Verzeichnis der zuständigen Stelle der Justiz-
, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK), wenn gegen ein Vorhaben Bedenken oder
Einwände der Beeinträchtigung des Ortsbildes oder der Landschaft bestehen, die nicht
offensichtlich unbegründet sind. Wo leistungsfähige örtliche Fachstellen bestehen, können
diese konsultiert werden (Art. 22 Abs. 2 BewD). Baubewilligungsbehörde war im
vorliegenden Verfahren die Vorinstanz und nicht die Gemeinde. Für die Beurteilung von
Bauvorhaben im Ortsbildschutzgebiet sieht Art. 57 Abs. 9 GBR vor, dass für die
Beurteilung eine Fachberatung zur Begutachtung beizuziehen sei. Die Beratungsstelle
werde durch die Gemeinde bestimmt (kantonale Denkmalpflege, Bauberatung des BHS
oder Ortsplaner). Im vorliegenden Verfahren hat die Vorinstanz den Berner Heimatschutz,
Regionalgruppe Seeland, beigezogen.21 Der Berner Heimatschutz ist als örtliche Fachstelle
im Gemeindebaureglement explizit erwähnt. Die Regionalgruppe Biel-Seeland des Berner
Heimatschutzes besteht aus ausgewiesenen Fachleuten. Der Berner Heimatschutz hat als
örtliche Fachstelle zu gelten. Im vorinstanzlichen Verfahren hat somit eine Beurteilung
durch eine leistungsfähige örtliche Fachstelle stattgefunden. Gemäss Art. 22a Abs. 2 BewD
war daher die OLK von der Vorinstanz nicht beizuziehen. Demnach erweist sich diese
Rüge der Beschwerdeführerin 5 als unbegründet.
5. Ortsbildschutz / Ästhetik
a) Die Beschwerdegegnerin plant die Erstellung eines Mehrfamilienhauses mit sechs
Wohnungen und zweier Zusatzzimmer. Das Vorhaben liegt in der Kernzone der Gemeinde
Müntschemier am südlichen Rand des Ortsbildschutzperimeters. Das bestehende
Bauernhaus sowie ein Schopf auf der Parzelle Müntschemier Nr. G._ sollen zu
Gunsten des Mehrfamilienhauses abgebrochen werden. Das Vorhaben liegt in der zweiten
Reihe zur J._strasse. Es soll über den oberen I._weg an die
J._strasse angeschlossen werden.
b) Die Vorinstanz stellte unter Berufung auf den «Mitbericht» des Berner
Heimatschutzes fest, dass sich das "Gebäude unter Satteldach mit südseitigem
21 Vgl. vorinstanzlicher Entscheid, Materielles, Ziff. 7 bzw. «Mitbericht» des Berner Heimatschutzes, Regionalgruppe Seeland, vom 16. Januar 2018, Vorakten, pag.127-128
RA Nr. 110/2018/81 11
Quergiebel" mit seiner "Volumetrie und der Fassadenausgestaltung mit verputztem
Sockelgeschoss und der Holzverschalung der Obergeschosse" in das Ortsbild einfüge. Die
geplante PV-Anlage sei farblich (Rahmen /Leitungen/Armaturen) auf das Hauptgebäude
abzustimmen und der Abstand zum First zu vergrössern (...). Die Gesuchstellerin habe die
Baugesuchspläne entsprechend angepasst. Die Lage und Grösse der PV-Anlage seien in
Absprache mit dem Berner Heimatschutz geändert und die Lage der Dachflächenfenster
sei auf die Module der PV-Anlage abgestimmt worden. Der Berner Heimatschutz gelte als
Fachinstanz. Er habe das Bauvorhaben positiv beurteilt. Das Projekt verstosse, so die
Vorinstanz, "entgegen der Auffassung der Gemeinde, nicht gegen Art. 57 GBR".22
c) Nach Art. 9 Abs. 1 BauG dürfen Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und
Bemalungen Landschaften, Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (sog. negative
ästhetische Generalklausel). Zur Verhinderung einer störenden Baugestaltung (störende
Farb- oder Materialwahl, ortsfremde Bau- oder Dachform und dgl.) können im
Baubewilligungsverfahren Bedingungen und Auflagen verfügt oder Projektänderungen
verlangt werden. Der Begriff «Beeinträchtigung» erlaubt die Anwendung eines strengen
Massstabs; es genügt eine klar erkennbare Störung. Es wird damit eine allgemeine
Rücksichtnahme auf Landschaft, Orts- und Strassenbild verlangt. Zu dulden sind lediglich
geringfügige, ernstlich nicht ins Gewicht fallende Beeinträchtigungen. Nach dem
Verwaltungsgericht ist eine Beeinträchtigung gegeben, wenn ein Bauvorhaben einen
Gegensatz zur bestehenden Überbauung (oder Landschaft) schafft, der erheblich stört.23
Laut Abs. 3 können die Gemeinden nähere Vorschriften zur Ästhetik erlassen. Dabei
können die kommunalen Vorschriften – vorbehältlich des übergeordneten Rechts,
insbesondere der verfassungsmässigen Schranken wie der Eigentumsgarantie – auch
weitergehen, d.h. strenger sein als die kantonalen Bauvorschriften.24 Gestützt auf
Vorschriften des allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutzes können an die äussere
Gestaltung von Bauten und Anlagen bestimmte Anforderungen gestellt werden; dagegen
dürfen in der Regel Art oder Mass der nach der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht
(wesentlich) eingeschränkt werden. Dieser Grundsatz gilt auch in Anwendung
eigenständiger kommunaler Ästhetikvorschriften, die über Art. 9 Abs. 1 BauG
22 Vgl. vorinstanzlicher Entscheid, Materielles, Ziff. 7 23Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 13 24 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 15
RA Nr. 110/2018/81 12
hinausgehen.25 Die Gemeinde Müntschemier hat im Baureglement solche weitergehende
Vorschriften zur Ästhetik erlassen.
d) Das kommunale Recht sieht allgemein vor, dass Bauvorhaben den Anforderungen
des Ortsbild- und Landschaftsschutzes genügen müssen (Art. 5 Abs. 2 Bst. c GBR26). Für
Vorhaben in der Kernzone gilt gemäss Art. 40 GBR folgendes:
"1 In der Kernzone haben sich Neubauten, Um- und Erweiterungsbauten bezüglich Volumen, Dachformen, Proportionen, Materialien und die Fassadengestaltung sorgfältig in die Umgebung
einzupassen. Die ursprüngliche Anordnung der Gebäude, der Baulinien und Platzverhältnisse sind
zu erhalten, oder gemäss der ablesbaren Dorfstruktur zu verbessern. Grosse Neubauvolumen
haben die traditionelle Nutzungsteilung und die Grundrissproportionen gestalterisch sinnvoll zu
übernehmen. 2 Strassenräume, Plätze, Gärten, Hofstattbereiche, Vorplätze etc. sind zu erhalten oder im Rahmen von Neu- oder wesentlichen Umbauten entsprechend einer lebendigen Aussenraumgestaltung zu
ergänzen. 3...."
Zudem sind auf Grund der Lage des Baugrundstücks im Ortsbildschutzperimeter die
spezifischen Vorgaben für das Ortsbildschutzgebiet zu beachten. Als allgemeiner
Schutzzweck der im Zonenplan bezeichneten Schutzgebiete, zu denen auch die
Ortsbildschutzgebiete gehören, gilt unter anderen "das Bewahren des gemeindetypischen
Orts- und Landschaftsbildes". Weiter gelten laut Art. 57 GBR für Ortsbildschutzgebiete
folgende Anforderungen: "1 Das Ortsbildschutzgebiet umfasst die schützens- und erhaltenswerten Ortsteile mit dem Ziel,
diese in ihrem äusseren Gesamtbild, ihren traditionellen Elementen und charakteristischen
Einzelheiten sowie den Strassenraum- und Platzverhältnissen zu erhalten. 2 Die zulässige Nutzung richtet sich nach den betreffenden Zonenbestimmungen. 3 Die Hauptgebäude, insbesondere ihre bauliche Substanz, sind als solche zu erhalten. Beim
Wiederaufbau eines Gebäudes sind in der Regel das Volumen, die Proportionen sowie die Stellung
des entfernten Gebäudes zu übernehmen. Diese Regelung geht dem Strassenabstand (Art. 13
Baureglement) vor. 4 Bei Neubauten, Umbauten und der Erneuerung oder teilweiser Erneuerung bestehender Gebäude
ist die traditionelle Bauweise bezüglich Fassaden- und Dachgestaltung, Dachform, Dachneigung
sowie Form- und Materialwahl anzuwenden. Dabei sind schützenswerte Bauteile zu belassen und
störende Elemente zu ersetzen.
25 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 15 26 Baureglement der Gemeinde Müntschemier vom 9. April 2001
RA Nr. 110/2018/81 13
5 Die Freiräume zwischen den Gebäuden sind möglichst frei zu halten. Vorgärten, Baumbestand,
Hausvorplätze, Brunnen, Zäune uam. sind als wichtige Elemente der Strassen- und Hofräume zu
erhalten. 6 Für Hauptgebäude sind nur Sattel-, Walm- und Krüppelwalmdächer gestattet. Dachaufbauten
müssen optimal in die Dachfläche integriert werden und dürfen die Gesamterscheinung nicht
beeinträchtigen (...).
.... 8 Dem Gesuchsteller wird empfohlen vor dem Einreichen des Baugesuchs, der Gemeindebehörde
einen Entwurf seines Projektes vorzulegen, in dem Art der Gestaltung des Neu- oder
Umbauvorhabens sowie seine Einordnung ins Orts- und Strassenbild ersichtlich sind.
...."
Ferner ist nach Abs. 9 wie vorangehend ausgeführt für die Beurteilung von Bauvorhaben
eine Fachberatung zur Begutachtung beizuziehen (vgl. E. 4). Die Beratungsstelle wird
durch die Gemeinde bestimmt (kant. Denkmalpflege, Bauberatung der BHS oder
Ortsplaner).
e) Wo die Gemeinde eigene, selbständige (Ästhetik-)Normen erlassen hat, steht ihr
aufgrund der Gemeindeautonomie auch bei der Auslegung und Anwendung der Norm ein
gewisser Beurteilungsspielraum zu. Soweit die Gemeinde die Norm rechtlich vertretbar
ausgelegt hat, darf eine Rechtsmittelinstanz sie nicht anders auslegen. Wird die
Anwendung einer solchen Bestimmung Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens, haben
die Rechtsmittelinstanzen zu prüfen, ob die von der Gemeinde geltend gemachte
Auslegung rechtlich haltbar ist.27 Dies gilt auch, wenn die Gemeinde nicht selber
Baubewilligungsbehörde ist, sondern sich als Verfahrensbeteiligte auf die entsprechende
Auslegung beruft.28
f) Die Beschwerdeführerin 5 macht geltend, das Bauvorhaben verletze Art. 40 Abs. 1
bzw. Art. 57 Abs. 3 und 4 GBR, weshalb der Bauabschlag hätte erteilt werden müssen.
Das Bauvorhaben würde den noch tolerierbaren Volumen- bzw. Proportionsunterschied im
Vergleich zur jetzigen Situation erheblich überschreiten. Aufgrund der nicht an die
Umgebung angepassten Photovoltaikanlage, würden zudem den Charakter und das
traditionelle Gesamtbild des Dorfzentrums negativ beeinflusst. Das Bauvorhaben sei von
27 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Band II, Bern 2017, Art. 65 N. 3 28 Vgl. BGE 1C_484/2016 vom 28. Juni 2017, E. 2.1.2 sowie VGE 2017/153 vom 14. November 2018 E. 6.2 (noch nicht rechtskräftig)
RA Nr. 110/2018/81 14
der L._strasse her gut einsehbar, weshalb die Vorinstanz dem Ortsbildschutz ein
besonderes Gewicht hätte beimessen müssen.
Nach Auffassung der Beschwerdegegnerin ist Art. 57 Abs. 3 GBR vorliegend nicht
anwendbar, da es sich beim Bauvorhaben nicht um einen Wiederaufbau, sondern um
einen Neubau handle.29 Anforderungen an das Gebäudevolumen und die
Gebäudeproportionen würden indessen nur bei einem Wiederaufbau verlangt werden.
Ausserdem treffe die Behauptung, das Bauvorhaben sei von der L._strasse her
gut einsehbar, nicht zu. Das Bauvorhaben befinde sich – von der J._strasse aus
gesehen – in der zweiten Bebauungsreihe. Es werde von den Bauten und Anlagen auf der
Parzelle Grundbuchblatt Nr. K._ grösstenteils verdeckt. Das Bauvorhaben halte
die Gemeindevorschriften ein. Dies werde auch im Bericht des Berner Heimatschutzes
bestätigt, der festhalte, dass sich das Bauvorhaben ins Ortsbild einfüge.
Ästhetikvorschriften dürften in der Regel Art und Mass der nach der Zonenordnung
zulässigen Nutzung nicht (wesentlich) einschränken. Sollte die Rechtsmittelinstanz davon
ausgehen, dass den Ästhetikvorschriften der Gemeinde eigenständige Bedeutung
zukomme, sei zu beachten, dass der erwähnte Grundsatz auch in Anwendung
eigenständiger kommunaler Vorschriften gelte, die über Art. 9 Abs. 1 BauG hinausgingen.
Insbesondere seien Beschränkungen der erlaubten Gebäudedimensionen, die eine ins
Gewicht fallende Mindernutzung zur Folge hätten, unzulässig. Die Auslegung der
einschlägigen Ästhetikvorschriften durch die Gemeinde sei hier rechtlich nicht haltbar.
g) Die OLK beschreibt das Vorhaben in ihrem Bericht vom 19. September 2018 wie
folgt:
"Der Neubau ist als langrechteckiger Baukörper mit einem ostseitig angeordneten Kreuzfirst unter einem grossen ziegelgedeckten Satteldach (mit Photovoltaikanlage auf dem südlichen Dachschild)
konzipiert. Das Dach wird voll ausgebaut. Im UG liegen die Keller sowie eine Einstellhalle, die
südseitig über eine Rampe erschlossen wird. Die Fassade besteht im Sockelbereich aus einer
verputzten Aussendämmung, darüber wird sie mit einer vertikalen Holzschalung verkleidet."
Die OLK schickt ihrer Beurteilung voraus, dass in der Ortsbildschutzzone das Primat des
Bauens "im und mit dem Bestand" gelten müsse. Dies sei in Art. 57 Abs. 3 GBR
festgehalten. Werde von dieser Prämisse abgewichen, so müssten "höchste
Anforderungen" an die Gestaltung der Baute gestellt werden. Hinsichtlich der Gestaltung
29 Beschwerdeantwort vom 30. Juni 2018
RA Nr. 110/2018/81 15
der Baute und deren Bezug zu den bestehenden und vorauszusehenden Bauten stellt die
OLK fest, dass das Bauvorhaben "trotz erkennbarer Ansätze einer Anlehnung an die
bestehenden Bauten im unmittelbaren Kontext in Bauweise, Form und Volumetrie"
bezüglich der geforderten «guten Gesamtwirkung» kritisch zu sehen sei. Das Projekt weise
erhebliche Mängel auf hinsichtlich Volumetrie, Fassadengestaltung, Materialisierung und
Aussenraumgestaltung.
Bezüglich der in der Kernzone geltenden Vorgaben gemäss Art. 40 Abs. 1 GBR führt die
OLK aus, dass die Fassadengestaltung nicht der traditionellen Konzeption folge: Während
die Ostfassade Lochfenster zeige, werde die Westfassade "grosszügig geöffnet" und mit
Balkonen versehen. Dies bedeute "eine Drehung um 180 Grad des Prinzips der
Fassadenhierarchien im Dorfzentrum von Müntschemier". Die traditionellen Bauten zeigten
eine Ausrichtung der Hauptfassade nach Osten und die Westfassaden seien "praktisch alle
gänzlich geschlossen (mit gutem Grund: von da kommt Wind und Wetter)." Die
Hierarchisierung der vorgeschlagenen Fassaden sei damit gänzlich ortsfremd und –
zumindest von aussen – schwer nachvollziehbar. Das verständliche Anliegen, auch die
Westfassade für die Wohnungsbelichtung zu nutzen, sei auch mit einer "dezenteren
Fassadengestaltung" einlösbar. Zudem – so die OLK – verunklärten die vorgelagerten
Balkone die Volumetrie des Baukörpers und stellten ortsfremde Elemente dar. "Typisch für
Müntschemier (und die gesamte Region" seien Lauben auf der Längsseite der Gebäude,
die als lineare horizontale Elemente in Erscheinung treten würden, nicht "als punktuelle
Elemente", die sich "in der Vertikalen" orientierten, wie jetzt im Projekt vorgesehen.
Schliesslich sei die vorgeschlagene Materialisierung des Sockels (verputzte
Kompaktfassade) in "optisch/haptischer Hinsicht" nicht mit den traditionellen, verputzten
Mauerwerken vergleichbar. Dies müsste im Sinn der eingangs (erwähnten), erhöhten
Gestaltungsanforderungen jedoch gegeben sein.
h) Zur Vereinbarkeit des Vorhabens mit Art. 57 ff. GBR als lex specialis zum
Ortsbildschutz hält die OLK fest, dass dieses (auch) diesbezüglich kritisch zu beurteilen
sei. Das Volumen trete auf der Ostseite wesentlich markanter in Erscheinung als das
bisher bestehende. Dort wo bisher die ostseitige Traufe gewesen sei, sei das neue
Gebäude 8 Meter höher. In diesem Bereich sprenge das Volumen das verträgliche Mass
und widerspreche namentlich Art. 57 Abs. 3 GBR, wonach das Volumen, die Proportionen
sowie die Stellung des entfernten Gebäudes zu übernehmen seien. Hier zeige sich, dass
die Parzelle "mit einem Wohnhaus mit 6 derart grossen Wohnungen (zuzüglich zwei
RA Nr. 110/2018/81 16
Zusatzzimmern)" überfordert sei. Im Dorfzentrum seien – so die OLK weiter –, die meisten
Bauten mit grossen Ziegeldächern versehen. Die grossflächige PV-Anlage (dunkel,
blendend) störe dieses Bild in unzulässiger Weise. Die vorgesehenen Dachfenster
verschlimmerten als "Störung der Störung" die unbefriedigende Situation weiter. Die
südseitige Einstellhalle mit Terraineinschnitt sei ein "grober Eingriff" in die feingliedrige
Umgebung und insbesondere in das weitgehend intakte Grünband auf der Südseite. Dies
widerspreche Art. 57 Abs. 5 GBR, wonach in Ortsbildschutzzonen "Freiräume zwischen
den Gebäuden (...) möglichst freizuhalten" und "Vorgärten (....) zu erhalten" seien. Nicht
nur das in Erscheinung tretende Loch stelle einen Fremdkörper dar, sondern auch die
"formale Ausformulierung" des Eingriffs mit einer "zweimal um 45 Grad abgeknickten
Rampe". Grundsätzlich stellten Einstellhallen, vor allem die damit verbundenen Zu-/ resp.
Abfahrten, in Ortskernen ein Problem dar. Die Aussenraumgestaltung sei in den
Baueingabeplänen nur ansatzweise zu erkennen. Die vorgeschlagene, vage angedeutete
Bepflanzung sei aber – so die OLK in ihrem Bericht –, noch kein Aussenraumkonzept, wie
es dem Ort angemessen wäre. Auch der im Projekt nordseitig vorgesehene, gemeinsame
Aussenplatz mit Kinderspielplatz sei als "unstrukturierte Fläche" dargestellt, die "keinerlei
Aufenthaltsqualitäten" verspreche. Vonnöten wäre eine "eindeutige Haltung bezüglich der
Behandlung der Oberflächen und Abgrenzungen. Höhe und Art der Bepflanzung und/oder
der Einfriedungen seien zu definieren und entsprechend in den Plänen abzubilden. Die
OLK beantragt daher, dass das Projekt nicht zu bewilligen sei.
i) Art. 57 Abs. 3 GBR enthält Bestimmungen für den Wiederaufbau von Gebäuden im
Ortsbildschutzgebiet. Die Beschwerdegegnerin argumentiert, diese Norm sei nur
anwendbar, wenn zerstörte Objekte wiederhergestellt würden, nicht jedoch wenn ein
Gebäude neu errichtet werde. Indem Art. 57 Abs. 3 GBR von "Wiederaufbau ... des
entfernten Gebäudes" spricht, legt der Wortlaut nahe, dass die Bestimmung immer gilt,
wenn an einem Ort gebaut wird, an dem früher ein Gebäude stand, unabhängig davon, ob
es zerstört oder (freiwillig) abgerissen wurde. Auch die Gemeinde legt ihre Vorschriften klar
in dieser Weise aus. 30 Art. 57 Abs. 3 GBR ist daher auf das vorliegende Bauvorhaben
anwendbar.
j) Der Bericht der OLK ist schlüssig. Insbesondere bezüglich der gemäss Art. 40 GBR
für die Kernzone und gemäss Art. 57 GBR für das Ortsbildschutzgebiet bestimmten
30 Beschwerde der Beschwerdeführerin 5 vom 15. Juni 2018, Rz. 12, Beschwerdeakten BVE, pag. 11
RA Nr. 110/2018/81 17
Anforderungen an die Gestaltung von Bauten und Anlagen, vermag das umstrittene
Bauvorhaben nicht zu überzeugen. Der OLK ist beizupflichten, dass der langrechteckige
Bau mit Aussenmassen von 25,0 m x 12,80 m zwar die Lage und Ausrichtung des
abzubrechenden Gebäudes übernimmt, aber hinsichtlich des Volumens und der
Proportionen den Anforderungen des kommunalen Rechts nicht genügt. Dies zeigt sich
insbesondere auf der Ostseite des Projekts, wo es im Vergleich zum bestehenden
Gebäude, gemessen an der Traufe, um 8,0 m höher ausfällt. Die OLK gelangt daher zu
Recht zum Schluss, dass das Volumen das verträgliche Mass sprengt und auch nicht in
Einklang mit den umliegenden Gebäuden steht. Diese Anforderungen ergeben sich –
entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin –, nicht nur aus dem umstrittenen
Art. 57 Abs. 3 GBR, sondern wie vorangehend erwähnt zudem aus der für die Kernzone
geltenden Bestimmung (vgl. Art. 40 GBR).
Auch hinsichtlich der Fassadengestaltung genügt das Vorhaben den kommunalen
Vorgaben nicht (vgl. Art. 40 Abs. 1 sowie Art. 57 Abs. 4 GBR). Die Beschwerdegegnerin
vertritt zwar die Auffassung, dass diese Aussage der OLK eine "Fehlbehauptung" sei, da
der Ort auch Gebäude mit Ausrichtung nach Westen kenne.31 Von der überzeugenden
Darlegung der OLK, wonach Müntschemier eine andere Fassadenhierarchisierung kennt
(Ausrichtung der Hauptfassade nach Osten) ist jedoch vorliegend auszugehen. Daher
erweist sich die hier gewählte Ausrichtung (Hauptfassaden nach Westen) in Müntschemier
als ortsfremd. Gleiches gilt für die auf der Westseite vorgesehenen Balkone, die entgegen
der für die Region typischen, horizontalen Ausgestaltung (Lauben), vertikal ausgerichtet
sind. Nach gegenteiliger Auffassung der Beschwerdegegnerin seien Lauben gegenüber
Balkone "minderwertig". Dem ist entgegenzuhalten, dass sich die Balkone nicht an der
"üblichen" Hauptfassade befinden und sich hinsichtlich der gewählten vertikalen
Ausrichtung nicht an das traditionelle horizontale Bebauungsmuster anpassen. Der
entsprechende Einwand der Beschwerdegegnerin ist daher unberechtigt.
Das geplante Mehrfamilienhaus sieht ein grosses Satteldach mit einem Kreuzgiebelfirst
vor. Dieser befindet sich entgegen der Beschreibung der OLK auf der Südseite; ebenfalls
auf dieser Seite befindet sich im Satteldach integriert die PV-Anlage. Nach Auffassung der
Beschwerdegegnerin beanstande die OLK diese Dachform nicht.32 Dennoch überschreitet
die grossflächige PV-Anlage auf dem südlichen Dachschild wie auch die gewählten
31 Stellungnahme der Beschwerdegegnerin vom 1. November 2018, S. 4 32 Vgl. Stellungnahme vom 1. November 2018, Ziff. 9.3.3, S. 6
RA Nr. 110/2018/81 18
Dachfenster auf der Nordseite das gemäss Art. 57 Abs. 4 GBR hinsichtlich Dachgestaltung
und Materialisierung Zulässige, was von der OLK zu Recht als "Störung der Störung"
bezeichnet worden ist.
Schliesslich überzeugt das Vorhaben auch hinsichtlich der Aussenraumgestaltung und der
gemäss Projektänderung vorgenommenen Anpassungen nicht. Zum einen verlangt Art. 40
Abs. 1 GBR die Erhaltung der vorhandenen Plätze, Gärten und Vorplätze oder bei
Neubauten eine "lebendige Aussenraumgestaltung" (vgl. Art. 40 Abs. 2 GBR). Dies ist eine
Anforderung, die sich auch aus Art. 57 Abs. 5 GBR für das Ortsbildschutzgebiet ergibt. Wie
die OLK überzeugend darlegt, vermag vorliegend weder die vorgesehene Einstellhalle mit
der zweifach abgeknickten Rampe noch die nur ansatzweise vorgesehene
Aussenraumgestaltung den erwähnten Anforderungen zu genügen. Die Argumente der
Beschwerdegegnerin, dass die südlich geplante Autoeinstellhalle den "Vorgarten-
Grüngürtel" auf der Südseite verlängere, vermag nicht zu überzeugen. Die Rampe der
Einstellhalle erweist sich gemäss den vorangehenden Ausführungen auch nicht als
"diskrete Lösung". Bezüglich der Nordseite des Vorhabens weist die OLK darauf hin, dass
der dort vorgesehene gemeinsame Aussenplatz lediglich eine unstrukturierte Fläche
darstelle, die keinerlei Aufenthaltsqualitäten aufweise. Für die Behandlung der Oberflächen
und Abgrenzungen fehle eine klare Haltung. Diese Einschätzung überzeugt. Das Vorhaben
genügt bezüglich Volumetrie, Proportionen, Fassadengestaltung, Materialisierung und
Aussenraumgestaltung den ästhetischen Anforderungen nicht, weshalb ihm auch die
geforderte «gute Gesamtwirkung» abzusprechen ist.
k) Gemäss den obigen Ausführungen erfüllt das geplante Mehrfamilienhaus im
Ortsbildschutzgebiet weder die Vorgabe der «guten Gesamtwirkung» noch die
Anforderungen an Volumetrie, Proportionen Fassadengestaltung, Materialisierung und
Aussenraumgestaltung. Für diesen Fall beantragt die Beschwerdegegnerin die Erteilung
einer Ausnahmebewilligung gemäss Art. 26 BauG. Ausnahmegründe für das Abweichen
von den Ästhetikvorschriften33 im Sinne von Art. 26 BauG sind jedoch keine gegeben. Eine
Ausnahme nach Art. 26 BauG kann nur beim Vorliegen besonderer Verhältnisse, d.h. bei
objektiven Besonderheiten, gewährt werden. Als Ausnahmegrund kommen Verhältnisse
des Bauherrn in Betracht, die sich auf Zweck, Umfang oder Gestaltung seines
Bauvorhabens beziehen und in den geltenden Vorschriften keine genügende
33 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26 N. 1, vgl. BVR 2006 S. 145 E. 5.1.1
RA Nr. 110/2018/81 19
Berücksichtigung finden. Sie müssen mit den Besonderheiten des Baugrundstücks oder
des Bauvorhabens zusammenhängen. Es sollen ausgesprochene Unbilligkeiten vermieden
werden. Rein finanzielle Interessen des Bauherrn genügen nicht, ebenso wenig der
Wunsch nach einer Ideallösung. Besondere Gründe, wie sie die Beschwerdegegnerin in
ihrer Stellungnahme geltend macht, sind keine ersichtlich.34
l) Die Beschwerdegegnerin wendet ein, dass Beschränkungen der erlaubten
Gebäudedimensionen, die eine ins Gewicht fallende Mindernutzung zur Folge hätten,
unzulässig seien.35 Gestützt auf Vorschriften des allgemeinen Ortsbild- und
Landschaftsschutzes dürfen in der Regel Art oder Mass der nach der Zonenordnung
zulässigen Nutzung nicht wesentlich eingeschränkt werden.36 Dies gilt auch im
Anwendungsbereich eigenständiger kommunaler Ästhetikvorschriften, die über Art. 9
Abs. 1 BauG hinausgehen und z.B. eine gute Einordnung in das Orts- und Landschaftsbild
oder eine gute Gesamtwirkung verlangen. Nicht anwendbar sind die erwähnten
Grundsätze hingegen, wenn die Nutzungsordnung aus ästhetischen Gründen über den
allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutz hinaus Einschränkungen vorsieht.37 Die
Art. 40 und 57 ff. GBR enthalten spezifische Ästhetikvorschiften für die Kernzone und für
das Ortsbildschutzgebiet. Das GBR sieht damit Einschränkungen vor, die über den
allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutz hinausgehen. Der Einwand der
Beschwerdegegnerin hinsichtlich Mindernutzung erweist sich somit als unberechtigt.
Im Übrigen weist die Beschwerdegegnerin darauf hin, dass das Bauvorhaben in südlicher
Richtung an eine Überbauung angrenze, die weder "wertvoll noch sensibel" sei; zudem
liege es in der zweiten Reihe der J._strasse und sei von dort "praktisch nicht
einsehbar". Sowohl nach Auffassung der OLK als auch nach Einschätzung der Gemeinde
(Beschwerdeführerin 5) liegt das Vorhaben im Dorfzentrum und ist von der
L._strasse (J._strasse) mit Blick auf sein Volumen gut einsehbar. Dies gilt
auch für den südlichen Anschluss der Bauparzelle: dort befinden sich zwar gemäss
Zonenplan38 in der angrenzenden Wohn- Arbeitszone einige Gebäude neueren Datums.
34 Vgl. Stellungnahme der Beschwerdegegnerin vom 1. November 2018, Ziff. 9, S. 5 35 Beschwerdeantwort, vom 30. Juni 2018, Ziff, 19, S. 6 sowie Stellungnahme der Beschwerdegegnerin, a.a.O., S. 4 36 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 15 m.w.H. 37 Vgl. BVR 2012 S. 334 E. 7.1 sowie BGE 2016/57 vom 27. Juli 2016, E. 3.2 38 Zonen- und Schutzzonenplan der Gemeinde Müntschemier vom 5. Juni 2001, rev. am 31. Mai 2002
RA Nr. 110/2018/81 20
Andererseits befindet sich dort ein relativ grosses Landschaftsschutzgebiet, das die OLK
zu Recht als "Grünband" bezeichnet und bei ihrer Beurteilung entsprechend berücksichtigt
hat. Die genannten Einwände der Beschwerdegegnerin erweisen sich daher ebenfalls als
unbegründet.
m) Zusammenfassend sieht die BVE keine Veranlassung, von der nachvollziehbaren
und überzeugenden Einschätzung der OLK abzuweichen. Der geplante Neubau erfüllt die
Vorgaben gemäss Art. 40 bzw. Art. 57 Abs. 3 GBR hinsichtlich Volumetrie und
Proportionen nicht. Zudem vermag es auch die weiteren Anforderungen an die
Fassadengestaltung, Materialisierung und Aussenraumgestaltung nicht einzuhalten (Art. 40
Abs. 1 und Art. 57 Abs. 4 und 5 GBR). Schliesslich erzielt es auch keine «gute
Gesamtwirkung». Das Bauvorhaben verletzt damit Art. 9 Abs. 1 BauG, Art. 40 GBR und
Art. 57 GBR. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen. Der vorinstanzliche Entscheid ist
aufzuheben und dem Vorhaben ist der Bauabschlag zu erteilen.
Bei diesem Ausgang erübrigt es sich, auf die weiteren Rügen der Beschwerdeführenden 1
bis 5 einzugehen. Insbesondere kann vorliegend offen bleiben, ob das Vorhaben sämtliche
Anforderungen an die Erschliessung und, wie von den Beschwerdeführenden nach der
Projektänderung geltend gemacht, die qualitativen Anforderungen an die Kinderspielplätze
erfüllt.
RA Nr. 110/2018/81 21
6. Beweisabnahme
Gemäss Art. 18 VRPG stellen die Behörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Sie
bestimmen Art und Umfang der Ermittlungen, ohne an die Beweisanträge der Parteien
gebunden zu sein. Erscheint die Sachlage umfassend abgeklärt und versprechen
zusätzliche Erhebungen keine wesentlich neuen Erkenntnisse, so brauchen keine weiteren
Untersuchungen angestellt zu werden, selbst wenn nicht alle denkbaren Möglichkeiten der
Beweisführung ausgeschöpft sind.39 Ergibt eine vorweggenommene Beweiswürdigung,
dass ein Beweis nicht dazu geeignet ist, das Beweisergebnis zu verändern oder den zu
treffenden Entscheid zu beeinflussen, so kann auch unter dem Aspekt des rechtlichen
Gehörs (Art. 21 ff. VRPG) von der Beweisabnahme abgesehen werden. Vorliegend
beantragt die Beschwerdeführerin 5 bei der Vorinstanz die Edition der Akten des
Verfahrens bbew 51/2017 (Vorgängerprojekt) wie auch den Schrift- und E-Mail-Verkehr
zwischen dem Berner Heimatschutz, der Vorinstanz sowie der Beschwerdegegnerin. Von
diesen Beweismitteln waren hier keine weiteren entscheidrelevanten Erkenntnisse zu
erwarten, weshalb darauf verzichtet werden konnte.
7. Verfahrenskosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr.
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine Gebühr
von Fr. 200.– bis Fr. 4'000.– erhoben (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV40).
In Anwendung dieser Bestimmungen wird die Pauschale für die beiden Beschwerden auf je
Fr. 1'800.– festgelegt. Werden in einem einzigen Entscheid mehrere Beschwerden
beurteilt, so kann die Pauschalgebühr für die einzelnen Beschwerdeführerinnen und
Beschwerdeführer angemessen reduziert werden (Art. 21 Abs. 3 GebV). Dementsprechend
werden die Pauschalen für die beiden Beschwerden auf je zwei Drittel reduziert,
ausmachend Fr. 1'200.– je Beschwerde, da vorliegend mehrheitlich die gleichen Rügen
erhoben wurden. Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können
zusätzliche Gebühren erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die Kosten der OLK
(Fr. 900.– gemäss Rechnung vom 1. Oktober 2018 werden gestützt auf Art. 11 GebV
39 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 18 N. 10; vgl. auch BVR 2012 S. 252 E. 3.3.3, mit Hinweisen 40 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2018/81 22
zusätzlich erhoben. Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren betragen somit
insgesamt Fr. 3300.–.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Vorliegend obsiegen die Beschwerdeführenden 1 bis 4 sowie die Beschwerdeführerin 5,
weshalb die Beschwerdegegnerin die Verfahrenskosten von Fr. 3300.– zu tragen hat.
b) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren von
Fr. 9'966.30 hat in jedem Fall die Beschwerdegegnerin als Baugesuchstellerin zu tragen
(Art. 52 Abs. 1 BewD).
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Beschwerdeführenden 1 bis 5 waren
nicht anwaltlich vertreten. Es werden keine Parteikosten gesprochen.