# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 24df014f-2601-438b-94ee-9c41d1bdab43
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend sexuelle Handlungen mit Kindern
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - , vom 12. Mai 2016 (GG160040)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 24. Februar
2016 (Urk. 27) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der sexuellen Handlungen mit Kindern im Sin-
ne von Art. 187 Ziff.1 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 210 Tagessätzen zu
Fr. 75.– (entsprechend Fr. 15'750.–), wovon 2 Tagessätze als durch Haft ge-
leistet gelten.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 3 Jahre
festgesetzt.
4. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
16. Februar 2016 einzig als Beweismittel beschlagnahmte und beim Foren-
sischen Institut Zürich gelagerte Herrenjacke (Asservat Nr. ...) wird dem Be-
schuldigten innert 3 Monaten nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlan-
gen herausgegeben und hernach der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen.
5. Die von der Stadtpolizei Zürich sichergestellte und beim Forensischen Insti-
tut Zürich gelagerte Sonnenbrille "Ray-Ban" (Asservat Nr. ...) wird dem Be-
schuldigten innert 3 Monaten nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlan-
gen herausgegeben und hernach der Lagerbehörde zur gutscheinenden
Verwendung überlassen.
- 3 -
6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die übrigen Kosten betragen:
Fr. 2'000.– Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 9'075.95 Auslagen Untersuchung
Fr. 9'711.35 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten der Untersuchung werden zu 1/2 dem Beschuldigten auferlegt
und zu 1/2 auf die Staatskasse genommen.
Die Kosten des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen der amt-
lichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten auferlegt.
8. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4
StPO. Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird mit sepa-
rater Verfügung entschieden.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 54 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der sexuellen Handlungen mit Kin-
dern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB frei zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei für die erlittene Haft angemessen zu entschädi-
gen.
3. Die erstinstanzlichen Untersuchungs- und Gerichtskosten, inklusive der
Kosten der amtlichen Verteidigung, seien vollständig und vorbehaltlos
von der Staatskasse zu tragen.
- 4 -
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive der Kosten der Vertei-
digung, seien vollständig und vorbehaltlos von der Staatskasse zu tra-
gen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 47, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_

## Considerations

Erwägungen:
I.
a) Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, anlässlich der "Street Parade" vom
29. August 2015 ca. zwischen 16.00 und 20.00 Uhr am Ufer der Sihl auf der Höhe
der Liegenschaft Gessnerallee 36 in Zürich mit B._ (geb. tt.mm.2000) sexuel-
le Handlungen vorgenommen zu haben. Er habe das Mädchen geküsst. Dann
hätten sich beide die Hosen und Unterhosen ausgezogen. B._ habe sich mit
nacktem Unterkörper auf den Beschuldigten gesetzt, und dieser habe sein nack-
tes Glied an ihrer Scheide gerieben. Der Beschuldigte habe seine Jacke auf den
Boden gelegt, so dass das Mädchen sich rücklings habe darauf legen können.
Dann sei es zu gegenseitigen Küssen und Berührungen im Intimbereich gekom-
men. B._ habe das Glied des Beschuldigten gerieben, ohne dass es zu ei-
nem Samenerguss gekommen sei. Schliesslich habe sich der Beschuldigte auf
das Mädchen gelegt und versucht, mit seinem Glied in dessen Vagina einzudrin-
gen, was ihm jedoch mangels Erektion nicht gelungen sei. Bei seinem Vorgehen
habe der Beschuldigte gewusst oder zumindest in Kauf genommen, dass B._
erst 15 Jahre alt gewesen sei (Urk. 27 S. 2).
- 5 -
b) Das Bezirksgericht Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, sprach den Be-
schuldigten am 12. Mai 2016 der sexuellen Handlungen mit Kindern (Art. 187
Ziff. 1 Abs. 1 StGB) schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 210 Ta-
gessätzen zu Fr. 75.–, bedingt vollziehbar mit drei Jahren Probezeit. Das Gericht
ordnete ausserdem die Herausgabe einer Herrenjacke und einer Sonnenbrille an
den Beschuldigten an und auferlegte ihm die Kosten des Gerichtsverfahrens und
die Hälfte der Untersuchungskosten (Urk. 42 S. 21/22).
c) Der Beschuldigte liess rechtzeitig die Berufung gegen dieses Urteil an-
melden (Urk. 34) und sodann auch fristgerecht (vgl. Urk. 40/2) die Berufungser-
klärung einreichen. Sein Verteidiger beantragte dabei einen vollumfänglichen
Freispruch unter Zusprechung einer Entschädigung für die erlittene Haft und
Übernahme sämtlicher Verfahrenskosten auf die Staatskasse (Urk. 44 S. 2). Nach
entsprechender Fristansetzung (Urk. 45; Art. 400 Abs. 3 StPO) teilte die Staats-
anwaltschaft dem Gericht am 15. Juli 2016 mit, dass sie auf eine Anschlussberu-
fung verzichte und die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils beantrage
(Urk. 47).
d) Die Verteidigung stellte den Antrag, dass C._ im Berufungsverfahren
als Zeuge einzuvernehmen sei. Er könne Auskunft über die äussere Erscheinung
der Geschädigten an jenem 29. August 2015 und darüber geben, ob die Geschä-
digte dem Beschuldigten auf der Zugfahrt von Bern nach Zürich gesagt habe, wie
alt sie sei. An der heutigen Berufungsverhandlung, anlässlich derer C._ an-
tragsgemäss als Zeuge einvernommen wurde (Prot. II S. 5 ff.), hielt der Beschul-
digte respektive sein Verteidiger an den gestellten Anträgen fest (Urk. 54 S. 3).
Der Prozess ist spruchreif.
II.
Hinsichtlich der Herausgabe beschlagnahmter bzw. sichergestellter Gegen-
stände (Dispositiv-Ziffern 4 und 5) und der Kostenaufstellung (Dispositiv-Ziffer 6)
- 6 -
blieb das bezirksgerichtliche Urteil unangefochten. Es ist insoweit in Rechtskraft
erwachsen (Art. 402 StPO), was vorab in einem Beschluss festzustellen ist.
III.
1. Der Beschuldigte verweigerte in der Untersuchung zunächst die Aussage
(Urk. 6/1 und 6/2). In der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 13. Januar 2016
gab er dann zu, dass er die Geschädigte auf dem Weg zur "Street Parade" 2015
im Zug kennen gelernt hatte, sie sich anschliessend zusammen am Tatort aufge-
halten hatten und es dabei zu sexuellen Handlungen gekommen war (Urk. 6/3
S. 2 ff.). Er beschrieb diese Handlungen im Detail (a.a.O., S. 6/7 und S. 10). Die
Anklage beruht im wesentlichen auf diesen Aussagen, die der Beschuldigte auch
in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung und im Berufungsverfahren als zutref-
fend bestätigte (Prot. I S. 15/16; Prot. II S. 15). Die Geschädigte ihrerseits machte
geltend, sich nur noch ans Überklettern des Zauns zu erinnern. Von sexuellen
Handlungen am Flussufer wisse sie nichts (Videobefragung Urk. 7/1, 33:56,
36:15; Videobefragung Urk. 7/6, 08:25, 16:26, 26:23). Die Aussagen des Be-
schuldigten sind mit dem Ergebnis der DNA-Analyse vereinbar, bei der in Abstri-
chen aus dem Intimbereich der Geschädigten Spuren (insbesondere zwei Sper-
maköpfe) gefunden wurden, die vom Beschuldigten stammen (Urk. 12/3 S. 5/6).
Der eingeklagte äussere Sachverhalt ist somit erstellt. Der Beschuldigte hat den
objektiven Tatbestand der sexuellen Handlungen mit einem Kind (Art. 187 Ziff. 1
Abs. 1 StGB) erfüllt, was auch von der amtlichen Verteidigung nicht in Abrede ge-
stellt wird (Urk. 54 S. 7).
2. a) Hinsichtlich des subjektiven Tatbestandes stellte die Vorinstanz auf die
Aussagen der Geschädigten ab, wonach diese dem Beschuldigten gesagt hatte,
sie sei 15 Jahre alt (Urk. 42 S. 7/8; Videobefragung Urk. 7/1, 13:36, Videobefra-
gung Urk. 7/6, 06:16). Sie hielt indessen für nicht beweisbar, dass der Beschuldig-
te diese Äusserung der Geschädigten mitbekommen hatte, und ging deshalb nicht
von einem direkten Vorsatz des Beschuldigten aus (Urk. 42 S. 8, Erw. 5.5). Bei
dieser Feststellung der Vorinstanz muss es sein Bewenden haben, nachdem ein-
- 7 -
zig der Beschuldigte gegen das bezirksgerichtliche Urteil appelliert hat (Art. 391
Abs. 2 StPO).
b) Beizufügen bleibt dennoch, dass sich Zweifel auch (und vor allem) dahin-
gehend aufdrängen, ob die Geschädigte dem Beschuldigten tatsächlich sagte,
wie alt sie war. Für die Richtigkeit ihrer diesbezüglichen Aussage spricht zwar,
dass unbestrittenermassen über das Alter des Beschuldigten gesprochen wurde
(Geschädigte: Urk. 7/1, 10:49, 11:15; Urk. 7/6, ab 05:10; Beschuldigter: Urk. 6/3
S. 4 unten; Prot. I S. 12; Prot. II S. 17 f.). Auffällig und mit der Verteidigung
(Urk. 54 S. 3) nicht vernachlässigbar ist indessen, dass die Geschädigte zunächst
mit Bestimmtheit erklärte, sie habe dem Beschuldigten von sich gesagt, sie sei
15-jährig (Urk. 7/1, 13:36), in ihrer zweiten Einvernahme hingegen erklärte, der
Beschuldigte habe sie nach ihrem Alter gefragt. Sie führte in diesem Zusammen-
hang auch aus, dass sie beim Bestellen des Biers im Zug gefragt habe, ob es
"gliich" sei, dass sie erst 15 sei. Das sei so akzeptiert worden, eigentlich (Urk. 7/6,
06:16). Diese letztere Aussage ist nicht glaubhaft. Dass eine Jugendliche das
Servierpersonal, bei dem sie ein alkoholisches Getränk bestellt, von sich aus da-
rauf hinweist, dass sie das dafür erforderliche Alter noch nicht erreicht hat, und
damit unnötigerweise eine Ablehnung der Bestellung provoziert, erscheint als le-
bensfremd. Seltsam mutet auch an, dass die Geschädigte auf die Frage, was sie
dem Beschuldigten über sich erzählt habe, verschiedene Einzelheiten nannte
(Urk. 7/1, ab 12:45: sie wohne in Thun, heisse "D._", habe eigentlich mit ei-
ner Kollegin an die "Street Parade" kommen wollen, ihr Handy sei neu, ihr Vater
sei gestorben, und dann: "Ich glaube, das ist alles."), aber erst auf ausdrückliche
Nachfrage der einvernehmenden Polizeibeamtin beifügte, sie habe ihm auch ihr
Alter genannt (a.a.O., 13:36). Dabei hätte nahe gelegen, dass sie dies von sich
aus erwähnt hätte, nachdem unmittelbar zuvor davon die Rede gewesen war,
dass der Beschuldigte ihr gesagt hatte, er sei 23 Jahre alt (a.a.O., 10:49). Hinzu
kommt, dass sich in der Sachdarstellung der Geschädigten auch im Übrigen Un-
gereimtheiten finden, die geeignet sind, deren Glaubhaftigkeit in Frage zu stellen.
So gab sie zu Beginn der ersten Befragung an, ihr sei kurz nach dem Abschicken
einer Nachricht an ihre Kollegin "mega sturm" geworden, und sie habe alles
zweimal gesehen. Und dann sei sie plötzlich dort unten (i.e. an der Uferböschung
- 8 -
der Sihl) gelegen (Urk. 7/1, 06:47). Im weiteren Verlauf der Befragung erwähnte
sie dann aber, sie und der Beschuldigte hätten "über diesen Hag klettern" müssen
(a.a.O., 26:14). In der zweiten Befragung erinnerte sich die Geschädigte ausser-
dem daran, dass der Beschuldigte ihr zum Überklettern des Geländers die Hand-
tasche abgenommen hatte (Urk. 7/6, 07:39, 08:57). Von da an wisse sie nicht
mehr, was geschehen sei (a.a.O., 08:25). Einen Grund, weshalb die beiden über
das Geländer kletterten, hinter dem sich die abschüssige, mit Gebüsch bewach-
sene Uferböschung befand, vermochte sie nicht zu nennen (a.a.O., 08:37). Trotz
der geltend gemachten Amnesie konnte sich die Geschädigte daran erinnern,
dass sie dem Beschuldigten unten am Flussufer gesagt hatte, sie müsse noch-
mals aufs WC, und dass er darauf geantwortet hatte, sie solle dort "bisle"
(Urk. 7/1, 34:05). Sie wusste auch noch, dass ihr der Beschuldigte eine von zwei
Jacken, nämlich diejenige der Marke "Dolce Gabbana" gegeben habe, um darauf
zu sitzen (a.a.O., 39:45). Irritierend ist ferner, dass die beiden Frauen, welche sich
später am Abend zur Geschädigten begaben und mit ihr anschliessend zur "Per-
manence" gingen, bei der Polizei aussagten, die Geschädigte habe ihnen von se-
xuellen Handlungen mit dem Beschuldigten berichtet. Sie habe erzählt, dass der
Beschuldigte sie geleckt und sie ihn mit der Hand befriedigt habe (E._, Urk.
8/2 S. 2, vgl. hierzu auch F._, Urk. 8/1 S. 2). Diese Angaben decken sich
weitgehend mit denjenigen des Beschuldigten und können von den beiden Helfe-
rinnen kaum frei erfunden worden sein. Durchaus denkbar ist zwar in Anbetracht
des vorangegangenen Alkohol- und Cannabiskonsums sowie eines allfälligen
Konsums von Amphetaminen (vgl. hierzu Urk. 13/2) und aufgrund der allgemei-
nen Lebenserfahrung, dass sich die diesbezügliche Erinnerung der Geschädigten
in der Folge verflüchtigte. Ebenso ist aber die Möglichkeit in Betracht zu ziehen,
dass die Geschädigte ihre (mindestens teilweise) Erinnerung an die sexuellen
Handlungen später verdrängte oder verschwieg, zumal ihr sicher daran gelegen
war, dass ihre Mutter, ihre Pflegeeltern und insbesondere ihr Freund davon nichts
erfuhren. Nicht überzeugend ist schliesslich, dass die Geschädigte einerseits de-
zidiert abgelehnt haben will, vom Beschuldigten geküsst zu werden (Urk. 7/1,
37:59), kurz darauf aber einräumte, sich in seinen Schoss gelegt zu haben
(a.a.O., 39:03), was durchaus von einer gewissen Intimität zeugt. In diesem Zu-
- 9 -
sammenhang ist auch auf die Aussage von E._ hinzuweisen, dass ein Mann
zur Geschädigten herunter gekommen sei, ihr die Hand gegeben und sie auch
geküsst habe. So wie das ausgesehen habe, sei es von beiden gekommen
(Urk. 8/2 S. 1). Bei einer gesamthaften Würdigung der Aussagen der Geschädig-
ten scheint die geltend gemachte Amnesie entgegen der Ansicht der Verteidigung
zwar nicht völlig unglaubhaft (Urk. 54 S. 4 ff.). Es lässt sich jedoch nicht aus-
schliessen und ist deshalb zugunsten des Beschuldigten anzunehmen, dass sie
die Erinnerungslücke zumindest teilweise vorschob, um nicht einräumen zu müs-
sen, sich auf sexuelle Handlungen eingelassen zu haben, sondern sich als Opfer
präsentieren zu können. Unter diesen Umständen ist aber auch zweifelhaft, ob sie
dem Beschuldigten wirklich gesagt hatte, sie sei 15 Jahre alt. Ein direkter Vorsatz
des Beschuldigten ist auch deshalb zu verneinen.
3. a) Die Vorinstanz erwog, dass der Beschuldigte das Alter der Geschädig-
ten auf 16 bis 17 Jahre geschätzt habe (Prot. I S. 19). Deshalb und aufgrund des
Erscheinungsbildes der Geschädigten hätte er damit rechnen müssen, dass sie
noch im Schutzalter hätte sein können. Er habe diese Möglichkeit bewusst aus-
geblendet, obwohl er ohne Nachfragen schlicht nicht habe erkennen können, ob
die Geschädigte dem Schutzalter schon entwachsen sei. Er habe sich von ihr se-
xuell angezogen gefühlt und sich deshalb hinsichtlich ihres Alters bewusst für das
Nichtwissen entschieden und sich somit diesbezüglich auch nicht irren können,
sondern in Kauf genommen, dass die Geschädigte noch keine 16 Jahre alt sei
(Urk. 42 S. 9/10).
b) Mit Eventualvorsatz handelt, wer trotz seines Wissens, dass der tatbe-
standsmässige Erfolg eintreten könnte, gleichwohl handelt und den Erfolgseintritt
somit bewusst in Kauf nimmt, auch wenn ihm dieser möglicherweise sogar als
unerwünscht erscheint (Art. 12 Abs. 2 2. Satz StGB; Trechsel / Pieth, StGB-
Praxiskommentar, N 13 zu Art. 12 mit zahlreichen Hinweisen auf die Rechtspre-
chung). Bestreitet ein Beschuldigter den Eventualvorsatz, so kann dieser als "in-
nere", d.h. nur in den Gedanken des Beschuldigten vorhandene Tatsache nicht
direkt nachgewiesen werden. Rückschlüsse darauf sind vielmehr nur aufgrund der
Aussagen des Beschuldigten (und allenfalls weiterer Personen) und der gegebe-
- 10 -
nen äusseren Umstände möglich. Zu diesen gehören vorliegend nebst dem Er-
scheinungsbild der Geschädigten alle Einzelheiten der Situation, in der es zur
Tathandlung gekommen ist. Soweit die Vorinstanz zunächst moniert, dass der
Beschuldigte mit der Möglichkeit "hätte rechnen müssen", dass die Geschädigte
noch nicht 16-jährig sei, lastet sie ihm (noch) gar keinen Eventualvorsatz, sondern
fahrlässiges Handeln an (ohne allerdings eine konkrete Sorgfaltspflichtverletzung
zu umschreiben). Ein solches ist aber gar nicht Gegenstand der Anklage. Darüber
hinausgehend (und im Grunde genommen im Widerspruch dazu) folgt jedoch an-
schliessend der Vorwurf, der Beschuldigte habe gar nicht wissen wollen, wie alt
die Geschädigte sei. Dies impliziert auch sein Bewusstsein, dass sie vielleicht
noch im Schutzalter war. Wer nämlich gar nicht wahrgenommen hat, dass eine
bestimmte Tatsache möglicherweise gegeben sein könnte, kann sich auch nicht
bewusst gegen das Wissen um diese Möglichkeit entscheiden.
c) aa) Der Beschuldigte gab bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll, dass er
im Zug von Bern nach Zürich mit einem Kollegen und einigen weiteren Personen
an einem grossen Tisch im Bistro gesessen sei. Dieses sei ziemlich voll gewesen.
Dann sei eine Frau – die nachmalige Geschädigte – gekommen, und sie hätten
ihr angeboten, auf dem einzigen noch freien Stuhl Platz zu nehmen. Sie hätten
Bier bestellt und die Frau ebenfalls. Sie seien miteinander ins Gespräch gekom-
men, und die Geschädigte habe gesagt, sie sei auf dem Weg an die "Street Para-
de". Der Beschuldigte führte weiter aus, dass die Geschädigte ihn nach seinem
Alter gefragt und er ihr seinen Ausweis gezeigt habe. Er habe sie nicht gefragt,
wie alt sie sei. Sie habe Bier bestellt und auch getrunken und sei alleine an die
"Street Parade" gegangen. Er sei deshalb davon ausgegangen, dass sie mindes-
tens 16 Jahre alt sei. Auf die Nachfrage der Staatsanwältin, was er denn bezüg-
lich des Alters der Geschädigten gedacht habe, antwortete er: "Ich weiss nicht.
Ich kann nur sagen, dass meine Schwester 20 Jahre alt ist und jünger aussieht
als B._." An einer "Street Parade" frage man nicht nach dem Alter oder ei-
nem Ausweis. Vielleicht hätte er die Geschädigte fragen sollen, aber es sei ihm
nicht in den Sinn gekommen. Hätte er mitbekommen, dass sie noch so jung sei,
wäre er nicht mit ihr zusammen an die "Street Parade" gegangen. Die Staatsan-
wältin fragte den Beschuldigten daraufhin nochmals, ob er sich denn Gedanken
- 11 -
über das Alter der Geschädigten gemacht habe. Er erwiderte: "Wie gesagt, sie
sah nicht aus, als wäre sie minderjährig. Also habe ich mir keine Gedanken ge-
macht." Auf die erneute Frage, ob es ihn denn nicht interessiert habe, nachdem
das (i.e. sein) Alter ein Thema gewesen sei, gab der Beschuldigte zur Antwort:
"Nein, ich habe sie auch gar nicht gefragt. Ich wollte es gar nicht wissen. Einfach
weil ich das Gefühl hatte, dass sie gar nicht minderjährig ist" (Urk. 6/3 S. 2-4). An-
lässlich der Schlusseinvernahme wiederholte der Beschuldigte, dass die Geschä-
digte mit ihm an die "Street Parade" gegangen sei, mit ihm (Alkohol) getrunken
und ihn auch gefragt habe, um zu kiffen (d.h. ob er sie den Joint mitrauchen las-
se). Aufgrund dieser Umstände sei für ihn klar gewesen, dass sie älter als 16 Jah-
re sei (Urk. 6/4 S. 4). Vor Vorinstanz sagte der Beschuldigte aus, dass er die Ge-
schädigte nicht nach ihrem Alter gefragt habe. Wenn er an die "Street Parade"
gehe, müsse er eine Frau, die älter als 16 Jahre aussehe, nicht nach einem Aus-
weis fragen (Prot. I S. 12/13). Er habe das Alter der Geschädigten auf 16 bis 17
Jahre geschätzt (Prot. I S. 19). Anlässlich der Berufungsverhandlung äusserte
sich der Beschuldigte weitgehend wie zuvor. Er bestätigte insbesondere mehr-
mals, dass ihm die Geschädigte nie ihr Alter gesagt habe (Prot. II S. 16 und
S. 18). Er habe sie auf 17 Jahre geschätzt. 17, 18, das könne man nicht sagen.
Jedenfalls nicht unter 16 Jahre. Er habe nie gedacht, dass sie erst 15 gewesen
sei (Prot. II S. 19). Sie habe nicht ausgesehen wie erst 15 Jahre alt (Prot. II
S. 15). Die Geschädigte habe im Bistrowagen selber Bier bestellt (Prot. II S. 16).
Sie habe ihm erzählt, dass sie vom Berner Oberland sei und arbeite (Prot. II
S. 17). Er habe sie nicht nach dem Alter gefragt, da sie sehr reif im Kopf gewesen
sei. Sie habe ihn geküsst und verführt (Prot. II S. 18 und S. 22). Er gehe nicht da-
von aus, dass er seine 15-jährige Tochter alleine an die "Street Parade" gehen
lassen würde (Prot. II S. 22). Zu den früheren Aussagen korrigierend führte er an,
beim Ausweis, den er der Geschädigten gezeigt habe, habe es sich um den
...ausweis gehandelt. Diesen habe er der Geschädigten nicht gezeigt, um sein Al-
ter zu belegen, sondern um anzugeben, als es um seine Arbeit als ...führer ge-
gangen sei (Prot. II S. 15 f. und S. 17). Der Zeuge C._ bestätigte auf Befra-
gen in der Berufungsverhandlung seinerseits im Wesentlichen die vom Beschul-
digten geschilderten Vorkommnisse im Bistrowagen, soweit er sich noch daran er-
- 12 -
innern konnte. Die Geschädigte habe selber Bier bestellt, ohne dass ihr Alter da-
bei ein Thema gewesen sei. Er habe auch nicht gehört, dass das Alter der Ge-
schädigten sonst ein Thema gewesen sei (Prot. II S. 8). Die Geschädigte ihrer-
seits bestätigte, dass sie schon im Zug, nachher in einem Restaurant und
schliesslich an der Sihl Bier getrunken und ausserdem zusammen mit dem Be-
schuldigten einen Joint geraucht hatte (Urk. 7/1, 30:00, 30:34).
bb) Die erste Befragung der Geschädigten fand am 1. September 2015 und
somit wenige Tage nach dem eingeklagten Vorfall statt (Urk. 7/1-2). Die damals
erstellte Videoaufzeichnung zeigt eine eher gross gewachsene – gemäss ihren
Angaben 168 cm (Urk. 7/1, 14:05) – junge Frau in Alltagskleidung mit nach hinten
gekämmtem Haar. Ihre Gesichtszüge wirken jugendlich, aber nicht kindlich. Ihr Al-
ter ist für den objektiven Betrachter nicht leicht zu schätzen. Obwohl allgemein
bekannt ist, dass bisweilen schon Mädchen im Alter von 14 bis 15 Jahren äusser-
lich wie Erwachsene aussehen, drängt sich der Gedanke, dass die Geschädigte
noch nicht 16-jährig ist, nicht sofort auf. Insbesondere in Anbetracht ihrer Körper-
grösse erscheint sie eher älter und würde man sie wohl am ehesten auf 17-18
Jahre schätzen. Als die Geschädigte an die "Street Parade" reiste, trug sie kurze
Hosen und ein Shirt mit auf dem Rücken gekreuzten Trägern (Urk. 7/1, 22:34).
Wie sie frisiert und ob und wie sie allenfalls geschminkt war, ist nicht aktenkundig.
Zugunsten des Beschuldigten ist anzunehmen, dass sie ihr Outfit mindestens ein
Stück weit dem Anlass anpasste, den sie besuchen wollte, und damit kaum jünger
bzw. "kindlicher" wirkte als anlässlich der Videobefragung. Die Geschädigte er-
hielt ausserdem im Bistro des Schnellzuges Bern-Zürich ohne weiteres Bier ser-
viert, was – wie auch die Verteidigung zurecht feststellte (Urk. 54 S. 8 f.) – darauf
schliessen lässt, dass das Personal des Bistros sie aufgrund ihres Erscheinungs-
bildes und Auftretens für mindestens 16-jährig hielt.
cc) Der Beschuldigte räumte vor Vorinstanz und im Berufungsverfahren un-
umwunden ein, dass er an die "Street Parade" gegangen war, um Frauen ken-
nenzulernen und Party zu machen. Es sei normal, das es dort um Frauen, Trinken
und elektronische Musik gehe (Prot. I S. 18; Prot. II S. 18). Dass sexuelle Kontak-
te mit Personen unter 16 Jahren verboten sind, ist allgemein bekannt und war
- 13 -
zweifellos auch dem Beschuldigten bewusst. Seine Aussage, dass er die Ge-
schädigte auf 16-17 Jahre geschätzt habe, lässt denn auch den Schluss zu, dass
er sich zumindest anfänglich Gedanken über ihr Alter machte. Nicht widerlegen
lässt sich indessen, dass er aufgrund des äusseren Erscheinungsbildes der Ge-
schädigten sowie des Umstandes, dass die Geschädigte alleine an die "Street
Parade" reiste und dabei im Zug Bier bestellte und erhielt, zur Überzeugung ge-
langte, sie müsse mindestens 16 Jahre alt sein. Er führte hierzu auch aus, dass
seine Schwester 20 Jahre alt sei und jünger aussehe als die Geschädigte
(Urk. 6/3 S. 3). Seine Aussage, dass er aufgrund dieser Einschätzung nicht habe
wissen wollen, wie alt die Geschädigte sei (a.a.O., S. 4), kann unter diesen Um-
ständen nicht als Eingeständnis verstanden werden, auch in Kauf genommen zu
haben, dass sie erst 15 Jahre alt sein könnte. Für den Beschuldigten war im Hin-
blick auf das angestrebte Kennenlernen von Frauen nur von Bedeutung, dass die
Geschädigte mindestens 16 Jahre alt war. War dies der Fall, wovon er – wenn
auch zu Unrecht – überzeugt war, so war für ihn das Alter des Mädchens nicht
weiter von Belang. Auch die Tatsache, dass sich der Beschuldigte gemäss den
Aussagen der Geschädigten entfernte, als die beiden Frauen am Sihlufer er-
schienen und davon sprachen, zur Polizei zu gehen (Urk. 7/6, 21:30), lässt nicht
auf einen Eventualvorsatz bezüglich sexueller Handlungen mit einem Kind
schliessen. Der Beschuldigte erklärte hierzu, dass die Frauen ihn bezichtigt hät-
ten, das Mobiltelefon der Geschädigten gestohlen zu haben. Er habe das zwar
nicht getan, aber Angst gehabt, dass deswegen die Polizei herbeigerufen werde,
und keine Probleme gewollt. An einen möglichen Vorwurf bezüglich eines Sexu-
aldelikts habe er zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gedacht (Prot. I S. 17/18).
Diese Aussagen sind plausibel und jedenfalls nicht widerlegbar, zumal die Polizei
aufgrund von Aussagen, welche die Geschädigte und die beiden Helferinnen
noch am Tatort machten, tatsächlich (auch) wegen Diebstahls rapportierte (Urk. 1
S. 2-5). Zusammenfassend ergibt sich, dass auch ein eventualvorsätzliches Han-
deln des Beschuldigten zwar nicht ausgeschlossen ist, aber keineswegs rechts-
genügend nachgewiesen werden kann, weshalb der Beschuldigte vom Vorwurf
der sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
freizusprechen ist.
- 14 -
IV.
a) Ausgangsgemäss sind die gesamten Kosten einschliesslich derjenigen
der amtlichen Verteidigung auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 423 und 428
Abs. 1 StPO).
b) Der Beschuldigte befand sich 2 1⁄2 Tage in Haft. Dafür ist ihm eine Genug-
tuung von Fr. 500.– aus der Gerichtskasse zuzusprechen (Art. 431 Abs. 2 StPO).