# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 09d2df82-dd11-4868-bbaa-cd022d360e25
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend
Freiheitsberaubung und Entführung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 14. April 2011 (DG100036)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 12. Oktober
2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 58).
Entscheid der Vorinstanz: (Urk. 112 S. 34 ff.)
„Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigten sind schuldig
- der Freiheitsberaubung und Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 2 StGB in
Verbindung mit Art. 184 Abs. 4 StGB,
- der Erschleichung einer Falschbeurkundung im Sinne von Art. 253
Abs. 1 StGB.
2. a) Die Beschuldigte 1 wird bestraft mit 33 Monaten Freiheitsstrafe (wovon 126 Tage
durch Haft erstanden sind).
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 22 Monaten aufgeschoben und
die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (11 Monate, abzüglich 126 Tage,
die durch Haft erstanden sind) wird die Freiheitsstrafe vollzogen.
b) Der Beschuldigte 2 wird bestraft mit 24 Monaten Freiheitsstrafe (wovon 86 Tage
durch Haft erstanden sind).
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt.
3. Es wird eine ambulante Behandlung der Beschuldigten 1 im Sinne von Art. 63 StGB
(Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
4. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 11. März 2010
beschlagnahmten Schriftstücke werden definitiv eingezogen und bei den Akten
belassen (unter Ausnahme der Bibel).
5. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 11. März 2010
beschlagnahmten folgenden Gegenstände werden nach Rechtskraft des Urteils den
beschuldigten Personen ausgehändigt:
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- Notebook HP Pavillon mit Netzkabel (Serien-Nr. ...)
- Mobiltelefon Samsung (IMEI-Nr. ...)
- Mobiltelefon Nokia (IMEI-Nr. ...)
- kleine Bibel
6. Es wird davon Vormerk genommen, dass die Beschuldigten die Schadenersatzforde-
rung der Stadt C._ im Betrag von Fr. 50'269.30 anerkannt haben.
7. Die Beschuldigten werden je unter solidarischer Haftung verpflichtet, der Geschä-
digtenvertretung für das Strafverfahren Fr. 3'782.85 zu bezahlen.
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 5'000.– die weiteren Kosten betragen:
Fr. 31'059.50 Untersuchungskosten Beschuldigte 1
Fr. 3'597.– Untersuchungskosten Beschuldigter 2
Fr. 2'250.– Kosten der Kantonspolizei
Fr. 39'952.80 Kosten der amtlichen Verteidigung Beschuldigte 1
Fr. 31'759.35 Kosten der amtlichen Verteidigung Beschuldigter 2
9. Die Kosten, inklusive derjenigen der Untersuchung, werden den Beschuldigten je
unter solidarischer Haftung auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden
auf die Gerichtskasse genommen.
10. (Mitteilung)
11. (Rechtsmittel)“
Berufungsanträge: (Prot. II S. 5)
a) der Anklagebehörde:
(schriftlich und mündlich; Urk. 154)
1. Bestätigung des Urteils des Bezirksgerichts Uster vom 14. April 2011
mit Ausnahme von Ziff. 2 (Strafhöhe) und Ziffer 9 (Kostenfolgen).
2. Bestrafung von A._ und B._ mit je einer Freiheitsstrafe von 4
1⁄2 Jahren unter Anrechnung der je erstandenen Haft.
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3. Auferlegung der Kosten, inklusive der Kosten der amtlichen Verteidi-
gung, zu gleichen Teilen
b) der Beschuldigten 1 A._:
(schriftlich und mündlich; Urk. 155)
1. Die Berufungsbeklagte 1 sei mit einer bedingten Freiheitsstrafe von
12 Monaten zu bestrafen unter Ansetzung einer Probezeit von
2 Jahren sowie unter Anrechung der erstandenen Haft von 126 Tagen.
2. Im Eventualfall sei eine teilweise unbedingte bzw. unbedingte Frei-
heitsstrafe zugunsten der ambulanten Massnahme gemäss Art. 63
Abs. 2 StGB aufzuschieben.
An der vorinstanzlich verfügten ambulanten Massnahme sei festzuhal-
ten.
3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung für die erste Instanz seien
in Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils auf die Staatskasse zu
nehmen.
4. Die Verfahrenskosten für die zweite Instanz seien ausgangsgemäss
auf die Staatskasse zu nehmen.
c) des Beschuldigten 2 B._:
(schriftlich und mündlich; Urk. 156)
1. Es sei in Abänderung von Ziffer 2. b) des Urteils des Bezirksgerichts
Uster vom 14. April 2011 der Berufungsbeklagte 2 bzw. der Anschluss-
berufungskläger mir einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten zu bestrafen.
Die erstandene Polizei- und Untersuchungshaft sei an diese Strafe
anzurechnen.
Im übrigen sei, was den Berufungsbeklagten 2 angeht, das vorinstanz-
liche Urteil zu bestätigen.
2. Es seien die Kosten des Berufungsverfahrens ausgangsgemäss
festzulegen.
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## Considerations

Erwägungen:
1. Prozessuales
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 14. April 2011 wurden die
Beschuldigten je der Freiheitsberaubung und Entführung im Sinne von Art. 183
Ziff. 2 StGB in Verbindung mit Art. 184 Abs. 4 StGB sowie der Erschleichung
einer Falschbeurkundung im Sinne von Art. 253 Abs. 1 StGB schuldig gespro-
chen. Die Beschuldigte 1 wurde mit einer Freiheitsstrafe von 33 Monaten (davon
126 Tage durch Untersuchungshaft erstanden) bestraft, wobei der Vollzug im
Umfang von 22 Monaten bei einer Probezeit von 2 Jahren bedingt aufgeschoben
wurde. Den Beschuldigten 2 bestrafte die Vorinstanz mit einer auf 2 Jahre bedingt
aufgeschobenen Freiheitsstrafe von 24 Monaten, wovon 86 Tage durch Untersu-
chungshaft erstanden waren. Für die Beschuldigte 1 ordnete die Vorinstanz
zudem eine strafvollzugsbegleitende ambulante Behandlung im Sinne von
Art. 63 StGB an. Weiter wurde über beschlagnahmte Gegenstände entschieden
und davon Vormerk genommen, dass die Beschuldigten die Schadenersatzforde-
rung der Stadt C._ im Betrag von Fr. 50'269.30 anerkannt haben. Schliess-
lich verpflichtete die Vorinstanz die Beschuldigten, der Vertretung der Privatkläge-
rin eine Prozessentschädigung von Fr. 3'782.85 zu bezahlen und auferlegte die-
sen die Verfahrenskosten, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigun-
gen (Urk. 112 S. 34 f.).
1.2. Gegen dieses Urteil meldete die Staatsanwaltschaft am 19. April 2011 frist-
gerecht Berufung an (Urk. 101B) und reichte nach Zustellung des begründeten
Urteils (Urk. 110) – ebenfalls fristgerecht – am 12. Juli 2011 dem Obergericht die
Berufungserklärung ein (Urk. 113). Damit beschränkte die Staatsanwaltschaft die
Berufung auf den Strafpunkt beider Beschuldigten (mit dem Antrag, es seien die-
se je mit einer Freiheitsstrafe von 4 1⁄2 Jahren zu bestrafen) und die Kostenauflage
(mit dem Antrag, es seien den Beschuldigten auch die Kosten ihrer amtlichen
Verteidiger aufzuerlegen).
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1.3. Mit Präsidialverfügung vom 30. August 2011 wurde die Berufungserklärung
in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO den Beschuldigten übermittelt, um
gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten auf die Beru-
fung zu beantragen. Hierauf liess die Beschuldigte 1 am 22. September 2011 An-
schlussberufung erheben, mit den Anträgen, es sei eine tiefere und vollständig
bedingt aufgeschobene Freiheitsstrafe auszusprechen bzw. die Freiheitsstrafe
zugunsten der angeordneten ambulanten Massnahme aufzuschieben. Gleichzei-
tig liess die Beschuldigte 1 zu den Fragen der Schuldfähigkeit und der Verträg-
lichkeit einer vollzugsbegleitenden Massnahme die Einholung eines Obergutach-
tens bzw. die Zeugenbefragung von Dr. med. D._ beantragen, von welchem
Arzt der Verteidiger ein in seinem Auftrag über die Beschuldigte 1 erstelltes Pri-
vatgutachten einreichte (Urk. 118; Urk. 119). Am 23. September 2011 liess auch
der Beschuldigte 2 Anschlussberufung erheben und beantragen, es sei die gegen
ihn ausgesprochene Freiheitsstrafe herabzusetzen (Urk. 121). Mit Verfügung vom
26. September 2011 wurde der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um zum Be-
weisantrag der Beschuldigten 1 Stellung zu nehmen, und der Privatklägerin wurde
Gelegenheit gegeben, ihrerseits Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintre-
ten auf eine der (Anschluss-) Berufungen zu beantragen (Urk. 123).
Am 30. September 2011 teilte die Vertreterin der Privatklägerschaft mit, keine
Anschlussberufung zu erheben (Urk. 125). Unterm 18. Oktober 2011 beantragte
die Staatsanwaltschaft, es sei auf die von der Beschuldigten 1 anbegehrte
Beweisabnahme zu verzichten; das im Untersuchungsverfahren eingeholte
Gutachten sei schlüssig, und es bestehe deshalb weder ein Grund für ein Ober-
gutachten noch die Einvernahme des Privatgutachters Dr. D._. Jedenfalls
aber – so die Staatsanwaltschaft weiter – wäre vorgängig den Erstgutachtern
Dr. med. E._ und Dr. med. F._ das Gutachten von Dr. D._ zur Stel-
lungnahme zu unterbreiten (Urk. 127).
1.4. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2011 erwog der Präsident, es sei weder ein
Obergutachten einzuholen noch Dr. D._ als Zeuge zu befragen. Hingegen
beauftragte er Dr. E._/Dr. F._, sich im Rahmen eines Ergänzungsgut-
achtens zu den von Dr. D._ aufgeworfenen Differenzen (Grad der Verminde-
rung der Schuldfähigkeit; Hafterstehungsfähigkeit, strafvollzugsbegleitende ambu-
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lante Massnahme oder ambulante Massnahme unter Aufschub des Strafvollzugs)
zu äussern (Urk. 131). Der entsprechende Gutachtensauftrag erging am 26. Ok-
tober 2011 (Urk. 133). Mit Eingabe vom 9. November 2011 liess die Beschuldigte
1 verschiedene Ergänzungsfragen an die Gutachter stellen (Urk. 135). Diese
Fragen wurden am 14. November 2011 an die Gutachter weitergeleitet (Urk. 140).
1.5. Das unter der Verantwortung von Dr. E._ von Dr. F._ erstellte
Ergänzungsgutachten vom 9. März 2012 ging am 16. März 2012 hier ein
(Urk. 143) und wurde den Parteien zur Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 144).
1.6. Die Stellungnahme von Dr. D._ zum Ergänzungsgutachten wurde
der Anklagebehörde und dem hiesigen Gericht vor der Berufungsverhandlung
zugestellt (Urk. 148; Urk. 150).
1.7. Anlässlich der Berufungsverhandlung stellte die Verteidigung erneut den An-
trag, es sei ein psychiatrisches Obergutachten über die Beschuldigte einzuholen,
dies indes im Rahmen der Parteiverhandlung, mithin nach Abschluss des
Beweisverfahrens (Urk. 155 S. 20 f.; Prot. II S. 9 f.). Unabhängig des Zeitpunkts
des gestellten Beweisantrages ist festzuhalten, dass nur dann von voneinander
abweichenden Gutachten im Sinne von Art. 189 lit. b StPO auszugehen ist, wenn
amtlich bestellte Gutachter in ihren Expertisen unterschiedliche Auffassungen
vertreten (Donatsch in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, Kommentar zur Schweizeri-
schen Strafprozessordnung, N 12 zu Art. 189). Beim Gutachten von Dr. med.
D._ handelt es sich indes um ein Privatgutachten. Ein solches stellt lediglich
eine Parteibehauptung dar und unterliegt – wie jedes Beweismittel – der
freien richterlichen Beweiswürdigung (BSK StPO-Heer, Art. 186 N 6 mit Hinwei-
sen auf die Rechtsprechung; Entscheid 6P.223/2006 vom 9. Februar 2007 des
Bundesgerichtes = Pra 2007 Nr. 96). Unter diesem Aspekt besteht keine Veran-
lassung, ein Obergutachten zu erstellen (vgl. hierzu Urk. 131 S. 7 ff.). Wie noch
zu zeigen sein wird, vermag das Privatgutachten von Dr. D._ die Schluss-
folgerung des Ergänzungsgutachtens hinsichtlich der lediglich leichten Ver-
minderung der Schuldfähigkeit nicht in Zweifel zu ziehen (vgl. nachstehend
Ziff. 3.2.4.9.). Folglich ist auch im Hinblick auf Art. 189 lit. c StPO kein Zweit-
gutachten zu erstellen.
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2. Umfang der Berufung
Wie erwähnt, wurden mit den (Anschluss-) Berufungen die Höhe der Strafen,
deren Vollzug (inkl. eines allfälligen Aufschubs zugunsten einer ambulanten Mas-
snahme bei der Beschuldigten 1) sowie die Kostenauflage angefochten.
Berufungsgegenstand bilden damit die Dispositivziffern 2 und 3 sowie 9 des
vorinstanzlichen Urteils. In den übrigen Punkten (Schuldpunkt, Dispositivziffer 1;
Entscheide über Beschlagnahmungen, Dispositivziffern 4 und 5; Schaden-
ersatz/Prozessentschädigung, Dispositivziffern 6 und 7; Kostenfestsetzung, Dis-
positivziffer 8) ist dieses damit in Rechtskraft erwachsen, was vorab vorzumerken
ist (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO).
3. Strafzumessung
3.1. Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundsätze der Strafzumessung richtig
umrissen, sodass zur Vermeidung von Wiederholungen vorab darauf verwiesen
werden kann (Urk. 112 S. 8-10; Art. 82 Abs. 4 StPO). Ergänzend ist an die vom
Bundesgericht in verschiedenen jüngeren Urteilen für die Strafzumessung vor-
gegeben Regeln zu erinnern (BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; 135 IV 130 E. 5.3.1;
132 IV 102 E. 8.1; je mit Hinweisen).
Zutreffenderweise hat die Vorinstanz auch festgehalten, dass Art. 183 Ziff. 2 StGB
in Verbindung mit Art. 184 Abs. 4 StGB eine theoretische Höchststrafe von
20 Jahren Freiheitsstrafe vorsieht (Urk. 112 S. 10; BSK StGB II-Delnon/Rüdy,
N. 25 zu Art. 184) – wovon nun vor Berufungsinstanz auch die Verteidiger ausge-
hen (Urk. 96 S. 13; Urk. 98 S. 12; Urk. 155; Urk. 156 S. 4). Die Strafe ist mithin
innerhalb eines Strafrahmens von einem bis zu 20 Jahren Freiheitsstrafe zu-
zumessen; ein Anlass, diesen sehr weiten ordentlichen Strafrahmen zu verlassen
(was ohnehin nur gegen unten möglich wäre; Art. 40 und 49 Abs. 1 StGB),
besteht – soviel sei an dieser Stelle vorweggenommen – nicht (vgl. dazu BGE 135
IV 55 E. 5.8).
Bei der konkreten Strafzumessung ist die Vorinstanz dann aber nicht in allen Tei-
len den bundesgerichtlichen Vorgaben gefolgt; namentlich hat sie es unterlassen,
für das Tatverschulden der Beschuldigten jeweils eine (hypothetische) Einsatz-
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strafe festzulegen. Nicht zutreffend ist auch, wenn die Vorinstanz befindet, die von
der Staatsanwaltschaft im Plädoyer angeführten Aktivitäten der Beschuldigten vor
dem 18. Oktober 2009 hätten unberücksichtigt zu bleiben, "da sie nicht Gegen-
stand der Anklage bilden" (Urk. 112 S. 10; so auch die Verteidiger anlässlich der
Berufungsverhandlung: Prot. II S. 10, Urk. 156 S. 5 N 8). Zu Recht rügt dies die
Staatsanwaltschaft im Berufungsverfahren und weist darauf hin, dass lediglich die
Sachverhaltsbehauptungen zu den objektiven und subjektiven Tatbestandsmerk-
malen in die Anklageschrift aufzunehmen seien, währenddem Strafzumessungs-
gründe nicht Bestandteil einer Anklageschrift bildeten (Urk. 113 S. 2; Urk. 154
S. 2). Dem ist unter Hinweis auf Art. 325 Abs. 1 lit. f und g StPO beizupflichten:
Nachdem die Staatsanwaltschaft die von der Vorinstanz angesprochenen Ausfüh-
rungen zur Vorgeschichte der schliesslich vollzogenen Entführung nicht als tatbe-
standsmässige Handlungen anklagt, sondern als insbesondere für die Bewertung
des Verschuldens zu berücksichtigende Umstände heranzieht, sind sie selbstver-
ständlich in die Urteilsfindung einfliessen zu lassen.
3.2. Strafzumessung Beschuldigte 1
3.2.1. Die Beschuldigten entführten – vom Wunsch der Beschuldigten 1 nach
einem dritten Kind, einem Mädchen, getrieben (vgl. dazu Urk. 17/1 S. 30, 31;
Urk. 94 S. 4) – in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 2009 unter den in der
Anklageschrift geschilderten Umständen (Urk. 58 S. 3) das damals gut zwei Mo-
nate alte Kleinkind G._ aus der Abteilung für dystrophische Kinder eines Kin-
derspitals in der ... [im Staat H._] Stadt I._ und nahmen es mit nach
Hause in die Schweiz. Die Mutter von G._ weilte zu jener Zeit in J._
– offenbar auf der Suche nach Erwerbsmöglichkeiten – und der Vater war (jeden-
falls damals, vgl. dazu Urk. 42/3 und Urk. 42/12) nicht bekannt. Zur Adoption frei-
gegeben war G._ nicht. Die Beschuldigten nahmen G._ in der Schweiz
als angeblich adoptierte Tochter in ihren Familienverbund (neben den Beschuldig-
ten noch zwei Söhne der Jahrgänge 2001 bzw. 2006) auf und liessen dieser bes-
te Versorgung und Zuneigung zukommen. Den ... [im Staat H._] Behörden
gelang es indessen, die Beschuldigten als mutmasslich Tatverdächtige der vom
Spital bemerkten Entführung zu identifizieren, und dies führte am 10. Dezember
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2009 zur Verhaftung der beiden hier in der Schweiz. Sie hatten G._ damit bis
dahin gut sieben Wochen in ihrer Obhut gehabt. Nachdem G._ anschlies-
send bei einer Pflegefamilie platziert worden war, konnte sie am 3. Juli 2010 – al-
so rund achteinhalb Monate nach der Entführung – wieder nach I._ zurück-
kehren.
3.2.2. An objektiven Faktoren ist damit zunächst zu berücksichtigen, dass die
Beschuldigten nichts weniger als eine lebenslänglich andauernde Entführung
geplant hatten. Ohne den behördlichen Ermittlungserfolg wäre G._ Zeit ihres
Lebens nachrichtenlos den tatsächlich Sorge- und Obhutsberechtigten entzogen
geblieben. Das wiegt schwer. Dass es für G._ letztlich bei einer Trennung
von "nur" gut acht Monaten geblieben ist, mindert das Verschulden nur in gerin-
gem Masse. Eltern ein Kind zu "stehlen", um es als "Wunschkind" in die eigene
Familie aufzunehmen, muss als geradezu menschenverachtend bezeichnet wer-
den. Auch gibt es wohl kaum Schlimmeres, als wenn das eigene Kind entführt
wird. Nicht umsonst ist der obere Strafrahmen bei der qualifizierten Freiheitsbe-
raubung und Entführung gleich wie bei Tötungsdelikten. Umgekehrt ist zu sehen,
dass die Beschuldigten G._ liebevoll umsorgten sowie ihr die nötige Pflege
und medizinische Betreuung zukommen liessen – eben wie einem eigenen Kind
(s. dazu nur Urk. 99/9 und Urk. 99/10). In einem "technisch-objektivierten" Sinn
erging es G._ in der Zeit ihres Aufenthalts in der Schweiz daher mit grosser
Wahrscheinlichkeit besser, als es ihr in dieser Zeit in ihrer Heimat gegangen wä-
re. Das wirkt sich wieder in gewissem Masse zugunsten der Beschuldigten aus
und muss insbesondere gelten, wenn man die anderen Varianten innerhalb des
qualifizierten Tatbestandes von Art. 184 StGB betrachtet, wo es um eigentliche
Misshandlungen bzw. mindestens eine Instrumentalisierung des Entführungsop-
fers geht (Lösegeld verlangen, Opfer grausam behandeln, Gesundheit des Opfers
erheblich gefährden): Interessant ist in diesem Zusammenhang denn auch, dass
gemäss der Botschaft zur per 1. Oktober 1982 erfolgten Revision von Art. 184
StGB als Motivation für die damals vorgenommene Verkürzung der qualifizierten
Dauer einer Freiheitsberaubung oder Entführung von vormals 1 Monat auf
10 Tage vorab ins Feld geführt wurde, so werde "ein wichtiges Argument in den
Verhandlungen mit dem Täter" geschaffen (BBl 1980 I 1260). Daraus folgt
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nämlich implizit, dass offenbar eine 10- oder mehrtägige Dauer einer Freiheits-
beraubung/Entführung für sich alleine noch nicht unbedingt als ein den anderen
qualifizierten Tatbeständen ebenbürtiges Kriterium gewichtet wurde. Gleichwohl
muss aber bei der vorliegend zu beurteilenden Tat angesichts der auf eine
lebenslängliche Dauer der Entführung ausgerichteten Planung ungeachtet der
guten, in einem gewissen Sinne durchaus im Interesse des Kindes gestandene
Behandlung von G._ in objektiver Hinsicht von einer Tatschwere ausgegan-
gen werden, die ungefähr in der Mitte des zur Verfügung stehenden Strafrahmens
liegt.
3.2.3. In subjektiver Hinsicht fällt als Erstes einmal – mit der Vorinstanz – das
absolut egoistische Motiv der Beschuldigten 1 ins Gewicht. Sie wollte unbedingt
ein drittes Kind, und zwar ein Mädchen. Nachdem es zunächst mit dem Beschul-
digten 2 auf natürlichem Wege, danach vermittels medizinischer Unterstützung
und schliesslich auch mit einer Adoption nicht geklappt hatte, beschloss sie, sich
einfach ein Kind zu nehmen. Dabei gingen die Beschuldigten bewusst kriminell
und wohlgeplant vor; im Falle der Beschuldigten 1 die eigenen Vorstellungen und
persönlichen Bedürfnisse schlicht und ergreifend über diejenigen Anderer sowie
die gesetzliche Ordnung setzend. Natürlich mögen die elenden Verhältnisse,
welche die Beschuldigte 1 immer wieder anspricht (im Schlusswort vor Vor-
instanz: Prot. I S. 17, sowie auch anlässlich der Berufungsverhandlung: Urk. 152
S. 12), und die daraus abgeleitete Argumentation mitgespielt haben, man habe
niemandem geschadet, aus Liebe zum Kind gehandelt, dieses aufgebaut, men-
schenfreundlich, "beinahe als Opfer" und "ohne jegliche kriminelle Absichten"
agiert (Urk. 16 S. 5; Urk. 17/1 S. 35). Schwergewichtig erscheint dies aber eher
als selbsttäuschende Begründungskette zur Beruhigung des Gewissens bzw. gar
Rechtfertigung. Nicht schlüssig ist insbesondere, wenn sich die Beschuldigte 1 in
der Schlusseinvernahme durch die Behauptungen "wenn ich gewusst hätte, dass
die Mutter [von G._] sich noch um das Kind kümmerte, hätte ich das Kind
nicht aus dem Spital geholt" (Urk. 17/1 S. 32) und "wenn ich gewusst hätte, dass
die Mutter einmal da war, dann hätte alles ganz anders ausgesehen" (Urk. 17/1
S. 35) entlasten will. Denn dass die Mutter von G._ jedenfalls in dem Sinne
"da war", als sie – wenn auch zu jener Zeit in J._ und angeblich möglicher-
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weise "auf dem Strich" oder "in kurzen Ferien" – immerhin existierte, hatte die
Beschuldigte 1 gemäss eigenen Aussagen vorgängig in ... in Erfahrung gebracht
(Urk. 14/1 S. 10/11; Urk. 15/1 S. 37; Urk. 16 S. 3). Entsprechend wusste die Be-
schuldigte 1 auch, dass G._ weder ein Waisenkind noch zu adoptieren war
(Urk. 15/1 S. 7), und eingestandenermassen entschieden sich die Beschuldigten
dann auch für den "illegalen Weg" (Urk. 17/1 S. 9, 12, 18, 22). Aber auch hier
nahmen sie nicht eines der offenbar vielen ihnen angebotenen Kinder, deren El-
tern diese "verkaufen" wollten (anstelle vieler: Prot. I S. 17), sondern sie entschie-
den sich für G._, die weder legal noch illegal zum "Verkauf" stand. So er-
scheint authentischer vielmehr, dass sich die Beschuldigte 1 quasi als "bessere
Mutter" und so in einem gewissen Masse gar zur Wegnahme von G._ "be-
rechtigt" gesehen hat, weil sie dieser als Teil der Familie der Beschuldigten hier in
der Schweiz bessere Voraussetzungen für das weitere Leben bieten konnte bzw.
wenigstens glaubte bieten zu können. Nur so können denn auch einige doch
reichlich despektierliche Äusserungen der Beschuldigten 1 verstanden werden,
mit welchen sie sich – teils fast trotzig – rechtfertigt (Urk. 17/1 S. 35): "Wenn die
Mutter das Kind zurück haben will, dann soll sie es haben. Wir haben das Kind
aufgebaut. (...) Das Kind wird zur Mutter zurück kommen, Analphabetin werden
und mit 15 Jahren ein Kind bekommen." Ähnlich äusserte sie sich gegenüber den
Gutachtern Dr. E._ und Dr. F._: Die Entführung sei für G._ eine
"gute Tat" gewesen, hätte dem Mädchen eine "grosse Chance" geboten und posi-
tive Veränderungen bewirkt (Urk. 41/12 S. 82). Bis dahin vermögen sich die sub-
jektiven Elemente demnach nicht verschuldensmindernd auszuwirken: Das Ver-
halten der Beschuldigten 1 erscheint gegenteils als egoistisch und mitmotiviert
durch ein Weltbild, das mindestens Züge der schon von der Vorinstanz angespro-
chenen Zweiklassengesellschaft trägt, wonach es nämlich "weniger schlimm" sein
soll, ein Kind aus ärmlichen als eines aus gutsituierten Verhältnissen zu entführen
(Urk. 112 S. 11).
3.2.4. Da verschiedene Umstände Zweifel an der Schuldfähigkeit der Beschuldig-
ten 1 nährten, sah sich die Staatsanwaltschaft veranlasst, ein diesbezügliches
fachärztliches Gutachten einzuholen (Urk. 41/1 S. 2/3; vgl. dazu Art. 20 StGB).
Dieses wurde – wie bereits angesprochen – von Dr. med. E._ und Dr. med.
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F._ (Psychiatriezentrum ...) unterm 20. Juli 2010 erstellt (Urk. 41/12). Am 6.
September 2010 nahmen die Gutachter zudem zu vom Verteidiger der Beschul-
digten 1 gestellten Ergänzungsfragen Stellung (Urk. 41/17). Im vorliegenden Ver-
fahren umstritten ist vor allem die Schlussfolgerung der Gutachter, es sei die Ein-
sichtsfähigkeit – und mithin die Schuldfähigkeit – der Beschuldigten 1 (nur) in
leichtem Masse herabgesetzt. Der Verteidiger ist der Auffassung, es sei von einer
weitergehenden Einschränkung der Schuldfähigkeit auszugehen und deshalb die
Strafe "substantiell" zu mindern (Urk. 118 S. 2).
3.2.4.1. Vorab ist hiezu auf die auch von der Vorinstanz kurz angesprochene
bundesgerichtliche Rechtsprechung zum Thema zu verweisen (Urk. 112 S. 15 f.).
Die massgeblichen Erwägungen aus BGE 136 IV 55 lauten folgendermassen:
5.6 Bei der Frage, in welchem Umfang die Einschränkung der Schuldfähigkeit die Verschuldensbewertung beeinflusst, gilt es vor Augen zu halten, dass die vermin-
derte Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB (bzw. aArt. 11 StGB) eines
von mehreren Kriterien sein kann, wenn auch – je nach Grad der Verminderung –
von wesentlichem Gewicht. So trifft etwa denjenigen ein geringerer Schuldvorwurf,
dem lediglich eventualvorsätzliches Handeln anzulasten ist (Art. 12 Abs. 2 StGB;
vgl. Urteil 6S.233/2003 vom 4. November 2003 E. 4.3 mit Hinweis). Das StGB
selbst erwähnt verschiedene Umstände, die das Verschulden reduzieren können:
wenn der Täter aus achtenswerten Beweggründen, in schwerer Bedrängnis oder
unter dem Eindruck einer schweren Drohung gehandelt hat; ebenso wenn sein
Handeln durch eine Person, der er Gehorsam schuldet oder von der er abhängig
ist, veranlasst worden ist (Art. 48 lit. a StGB). Im gleichen Sinne ist von einem
minderen Verschulden auszugehen, wenn der Täter durch das Verhalten der ver-
letzten Person ernsthaft in Versuchung geführt worden ist (Art. 48 lit. b), wenn er in
einer heftigen Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung (Art. 48
lit. c StGB) gehandelt hat. Ein reduziertes Verschulden trifft auch denjenigen, der
die Tat durch Unterlassung begeht (Art. 11 Abs. 4 StGB). Zu nennen sind schliess-
lich die entschuldbare Notwehr (Art. 16 Abs. 1 StGB) und der entschuldbare Not-
stand (Art. 18 Abs. 1 StGB), der vermeidbare Irrtum über die Rechtswidrigkeit
(Art. 21 StGB), der Rücktritt (Art. 23 Abs. 1 StGB) und die Gehilfenschaft (Art. 25
StGB). In all diesen Fällen liegen Sachverhaltselemente vor, die sich verschul-
densmindernd auswirken, was zu einer milderen Strafe führt. Auf der anderen Sei-
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te sind Umstände denkbar, welche das Tatverschulden erhöhen und namentlich
die wegen der reduzierten Einsichts- bzw. Steuerungsfähigkeit des Täters geringe-
re Schuld wieder auszugleichen vermögen (so auch VENZLAFF/FOERSTER,
Psychiatrische Begutachtung, 3. Aufl. 2000, S. 25 mit Hinweis auf BGHSt 7,
28 [31]). Zu erwähnen ist beispielsweise ein verwerfliches Motiv. Es liegt im
Ermessen des Sachrichters, in welchem Umfang er die verschiedenen Straf-
zumessungsfaktoren berücksichtigt. (...).
Das Gericht ist nicht gehalten, in Zahlen oder Prozenten anzugeben, wie es die
einzelnen Strafzumessungskriterien berücksichtigt (BGE 127 IV 101 E. 2c S. 104 f.
mit Hinweisen). Bereits von daher ist es abzulehnen, bei der Verminderung der
Schuldfähigkeit einen genauen Raster etwa von 75 %, 50 % und 25 % oder eine
lineare Abstufung zu verlangen (was bereits in BGE 76 IV 34 E. 2 S. 38 als "offen-
sichtlich verfehlt" bezeichnet wurde). Andernfalls wäre der Richter gehalten, eine
vom psychiatrischen Gutachter vorgegebene grobe Einschätzung willkürlich
einzuengen. Der Nachweis und die Einstufung der verminderten Schuldfähigkeit
lassen sich nicht mit exakten naturwissenschaftlichen Methoden objektivieren. Die
forensische Psychiatrie ist nicht in der Lage, ein mathematisch exaktes Mess-
system anzubieten, weshalb sich in der Praxis eine pragmatische Dreiteilung
(leichte, mittlere oder schwere Verminderung) eingespielt hat. Wenn der Gutachter
den Grad der Verminderung beurteilt, so macht er von einem grossen und auch
subjektiven Ermessen Gebrauch. Er gelangt zur konkreten Einstufung der vermin-
derten Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, indem er die forensisch relevanten
Auswirkungen einer konkreten Störung mit anderen vorkommenden Schweregra-
den vergleicht (BOMMER/DITTMANN, in: Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. I, 2.
Aufl. 2007, N. 73 zu Art. 19 StGB). Zu Recht wird in der Literatur darauf hingewie-
sen, dass es sich dabei um einen Ausgangspunkt handeln muss, der für die Straf-
zumessung aufgrund der Besonderheiten des Falles zu verfeinern ist (a.a.O.).
Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der Richter ein psychiatrisches Gutach-
ten rechtlich zu würdigen hat. Er ist diesbezüglich grundsätzlich frei und nicht an
die Schlussfolgerungen des Gutachtens gebunden (vgl. BGE 129 I 49 E. 4 S. 57
zu Glaubhaftigkeitsgutachten; BGE 113 IV 1 E. 3 S. 4 zu Gutachten über die
Schuldfähigkeit). Insbesondere hat er auch die Ursache einer verminderten
Schuldfähigkeit zu gewichten.
- 15 -
Der einer psychiatrischen Einschätzung zugrunde liegende Ermessensspielraum
kommt auch dem Richter zu, wenn er zu entscheiden hat, wie sich die festgestellte
Einschränkung der Schuldfähigkeit unter Würdigung aller Umstände auf die (sub-
jektive) Verschuldensbewertung auswirkt. Es ist naheliegend, dabei das übliche
Abstufungsmuster anzuwenden: Ein (objektiv) sehr schweres Tatverschulden kann
sich wegen einer leichten Verminderung der Schuldfähigkeit auf ein schweres bis
sehr schweres Verschulden reduzieren, bei einer mittelgradigen Beeinträchtigung
auf ein mittelschweres bis schweres und bei einer schweren Einschränkung auf
ein leichtes bis mittelschweres. Gestützt auf diese grobe Einschätzung hat der
Richter unter Berücksichtigung der weiteren Strafzumessungsgründe innerhalb
des ihm zur Verfügung stehenden Strafrahmens die Strafe auszufällen, wobei ihm
wiederum ein erhebliches Ermessen zusteht. Mit einem solchen Vorgehen wird der
Verminderung der Schuldfähigkeit im ganzen Ausmass Rechnung getragen, wie
es von der Rechtsprechung gefordert wird, ohne diesem Umstand eine zu weit ge-
hende Bedeutung zukommen zu lassen. Eine rein mathematische Reduktion einer
(hypothetischen) Einsatzstrafe, wie nach bisheriger Rechtsprechung als zulässig
erachtet, ist systemwidrig. Sie schränkt die Ermessensfreiheit des Richters in un-
zulässiger Weise ein und ist abzulehnen. Sie führt im Übrigen auch dazu, dass der
vom psychiatrischen Experten eingestuften Verminderung der Einsichts- bzw.
Steuerungsfähigkeit regelmässig ein zu grosses Gewicht beigemessen wird.
5.7 Liegt eine Verminderung der Schuldfähigkeit vor, hat der Richter im Sinne einer nachvollziehbaren Strafzumessung somit, in Abänderung der bisherigen
Rechtsprechung (vgl. BGE 134 IV 132), wie folgt vorzugehen: In einem ersten
Schritt ist aufgrund der tatsächlichen Feststellungen des Gutachters zu entschei-
den, in welchem Umfange die Schuldfähigkeit des Täters in rechtlicher Hinsicht
eingeschränkt ist und wie sich dies insgesamt auf die Einschätzung des Tatver-
schuldens auswirkt. Das Gesamtverschulden ist zu qualifizieren und mit Blick auf
Art. 50 StGB im Urteil ausdrücklich zu benennen, wobei von einer Skala denkbarer
Abstufungen nach Schweregrad auszugehen ist. Hierauf ist in einem zweiten
Schritt innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens die (hypothetische)
Strafe zu bestimmen, die diesem Verschulden entspricht. Die so ermittelte Strafe
kann dann gegebenenfalls in einem dritten Schritt aufgrund wesentlicher Täter-
komponenten (sowie wegen eines allfälligen blossen Versuchs im Sinne von
Art. 22 Abs. 1 StGB) verändert werden (Urteil 6B_585/2008 vom 19. Juni 2009
E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 134 IV 132 E. 6.1 S. 135).
- 16 -
3.2.4.2. Die Verteidigung stört sich vor allem daran, dass die Gutachter bei der
Beschuldigten 1 zwar für den Tatzeitpunkt eine histrionische Persönlichkeits-
störung (ICD-10 F60.4) und eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung
(ICD-10 F43.9) in je schwer ausgeprägtem Masse diagnostizierten, daraus aber
nur eine leicht verminderte Schuldfähigkeit (in Form einer leichtgradig verminder-
ten Einsichtsfähigkeit bei voll gegebener Steuerungsfähigkeit) abgeleitet haben
(vgl. dazu Urk. 41/12 S. 107/108). Schon vor Vorinstanz legte die Verteidigung
dazu einen Bericht des die Beschuldigte 1 behandelnden Psychiaters Dr. med.
K._ vor, welcher die Meinung vertrat, es sei bei der Beschuldigten 1 die Fä-
higkeit, das Unrecht der Tat einzusehen, sicher in mittleren bis hohen Masse her-
abgesetzt gewesen (Urk. 99/11 S. 2). Die Vorinstanz folgte dann aber den Ein-
schätzungen der Gutachter und sah diese durch den Bericht von Dr. med.
K._ nicht in Frage gestellt (Urk. 112 S. 14/15).
3.2.4.3. Im Berufungsverfahren reicht die Verteidigung nun ein in ihrem Auftrag
von Dr. med. D._ über die Beschuldigte 1 am 16. September 2011 erstelltes
Privatgutachten ein (Urk. 118 S. 3 ff.; Urk. 119). Dr. D._ geht von einer min-
destens mittelschweren Verminderung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten 1
aus (Urk. 119 S. 17) und begründet dies insbesondere mit einer gegenüber dem
Gutachten von Dr. E._ teilweise anderen Diagnose und einer anderen Ge-
wichtung vorab der dissoziativen Elemente des psychischen Störungsbildes der
Beschuldigten 1:
3.2.4.4. Die Diagnose Dr. E._s einer komplexen posttraumatischen Belas-
tungsstörung der Beschuldigten 1 (Urk. 41/12 S. 90, 92 ff.) wird von Dr. D._
geteilt (Urk. 119 S. 6 f.). Dass diese Störung anscheinend nur im deutschen
Umgangssprachgebrauch so genannt und in der ICD-10-Klassifikation mit der aus
dem Englischen stammenden ("Disorder of Extreme Stress Not Otherwise
Specified") wörtlichen Übersetzung "Reaktion auf schwere Belastung, nicht näher
bezeichnet" aufgeführt wird, ist offensichtlich auch Dr. E._ bekannt (Urk.
41/12 S. 92; vgl. dazu Urk. 119 S. 6). Dr. E._ hat sodann ebenfalls Dissozia-
tionen bei der Beschuldigten 1 festgestellt und diskutiert das im Gutachten ver-
schiedentlich (Urk. 41/12 S. 77, 88/89, 94, 98-103). Er sieht gar Elemente, die
- 17 -
"möglicherweise auf eine extrem starke dissoziative Erscheinung" hindeuten
könnten und spricht auch die von Dr. D._ ausführlich beschriebene Spaltung
der Persönlichkeit in einen ANP ("anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil")
und einen EP ("emotionalen Persönlichkeitsanteil") an (Urk. 41/12 S. 89, 94). Al-
lerdings relativiert Dr. E._ angesichts der ganzen Tatumstände und insbe-
sondere des gezielten, planvollen, durchdachten und organisierten Vorgehens der
Beschuldigten den Einfluss dissoziativer Elemente auf die Tat und spricht dem
von der Beschuldigten 1 ihm gegenüber angegebenen Motiv, in G._ die Re-
inkarnation ihrer eigenen Mutter gesehen zu haben (Urk. 41/12 S. 99) ab, im
Rahmen persönlichkeitsimmanenter und/oder dissoziativer Phänomene tatsäch-
lich wahnhaften, handlungsbestimmenden Charakter bekommen zu haben. Ge-
genteils äusserte Dr. E._ den Verdacht, dass die Beschuldigte 1 in der von
ihr offenbar klar geäusserten Erwartung einer Schuldminderung durch die Begut-
achtung im Strafprozess die effektiv ausschlaggebenden Absichten und Handlun-
gen zur Beschaffung eines Kindes dissimuliert und die begleitenden affektiv-
dissoziativen Phänomene betont habe. Eine bewusste Dramatisierung mit dem
Ziel der Beeinflussung des Gutachters könne nicht ausgeschlossen werden (Urk.
41/12 S. 98-100). Dr. E._ geht zwar schon davon aus, dass die Beschuldigte
1 in der Vorbereitung und Durchführung der Tat auch von der Vorstellung beein-
flusst gewesen sei, in G._ die Reinkarnation ihrer Mutter zu sehen. Er
schätzt dieses Motiv aber als histrionisch-dramatische innere Symbolisierung von
nicht kausalem, handlungsbestimmenden Charakter ein (Urk. 41/12 S. 101-103).
Entsprechend hat dieses Motiv bei Dr. E._ auch keine ausschlaggebende
Bedeutung auf seine Einschätzung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten 1. Er
erachtet deren Einsichtsfähigkeit im Wesentlichen aufgrund von Elementen der
von ihm ebenfalls diagnostizierten histrionischen Persönlichkeitsstörung (Urk.
41/12 S. 90) – welche Diagnose von Dr. D._ als "ausführlich und primär ein-
leuchtend" bezeichnet und nicht fundiert in Abrede gestellt wird (Urk. 119 S. 11) –
als leichtgradig vermindert. Ausschlaggebend seien dabei die egozentrische
Fixierung der Beschuldigten 1 auf eigene Bedürfnisse, Wünsche und Wertvor-
stellungen, die sie für sich als moralisch wichtiger und handlungsleitender erachte
als gesetzliche Bestimmungen (Urk. 41/12 S. 108).
- 18 -
3.2.4.5. Demgegenüber gewichtet Dr. D._ die dissoziativen Ausprägungen
der Persönlichkeitsstruktur der Beschuldigten 1 viel stärker als Dr. E._. Dabei
ist Dr. D._ offensichtlich mitbeeinflusst durch einen Vorfall, der sich gemäss
Angaben der Beschuldigten 1 ihm gegenüber kurz vor dem Explorationsgespräch
abgespielt habe: da habe sich die Beschuldigte 1 im Anschluss an eine
esoterisch-spirituelle Sitzung im Wald zuhause in Gegenwart ihres Ehemannes
und ihrer Kinder nackt ausgezogen und sich ausgestreckt auf die Wiese gelegt
(Urk. 119 S. 8). Dr. D._ weist darauf hin, dass der beobachtete stabile ANP
der Beschuldigten durch Psychopharmaka gestützt werde und bei Reduktion der
Medikamente nach Angaben der Beschuldigten 1 eine Destabilisierung auftrete.
Dieser ANP stehe sodann auch in scharfem Kontrast zu unverständlichem, hoch
dysfunktionalem Verhalten, wie etwa das zu beurteilende Delikt oder die ange-
sprochene Nacktszene. Erklärbar werde solches Verhalten dann, wenn man da-
von ausgehe, dass abgespaltene EP's das Diktat übernehmen und den ANP zu-
mindest erheblich in den Hintergrund rücken lasse. Bei der Beschuldigten 1 seien
denn auch verschiedene EP's mit differenten Handlungsweisen zu erkennen, und
zwar je ein Persönlichkeitsanteil,
- der plötzlich in Wut gerate und sich gegenüber Anderen aggressiv verhalte,
- mit auffälligen Stimmungsschwankungen,
- mit der Neigung zu spirituellen Inhalten bis zur permanenten Todes-
sehnsucht,
- mit enormer Selbstdestruktivität, d.h. Suizidalität,
- mit dem Drang, das "innere Kind" zu finden resp. zu heilen.
Zwar sei – so Dr. D._ weiter – die strukturelle Dissoziation der Persönlichkeit
als Diagnose in den einschlägigen Handbüchern nicht enthalten (ICD-10,
DSM-IV). Bei der Beschuldigten 1 werde aber deren Persönlichkeit in einem der-
artigen Masse von der dissoziativen Dimension geprägt, dass eine eigene Diag-
nose gerechtfertigt sei. Am ehesten entspreche die schwere dissoziative Störung
der Beschuldigten 1 einer multiplen Persönlichkeitsstörung im Sinne von ICD-10
F44.81. Dr. D._ räumt allerdings ein, dass diese Diagnose unter Fachleuten
umstritten sei und sich auch bei der Beschuldigten 1 kontrovers diskutieren liesse.
- 19 -
Jedenfalls müsse aber von einer schweren dissoziativen Störung im Sinne einer
"sonstigen näher bezeichneten dissoziativen Störung" im Sinne von ICD-10
F44.88 ausgegangen werden (Urk. 119 S. 10/11). Dass Dr. E._ die Frage
der Schuldfähigkeit der Beschuldigten 1 schwergewichtig im Zusammenhang mit
der histrionischen Persönlichkeitsstörung beurteilt und dem psychotraumatologi-
schen Anteil des Gesamtbildes (d.h. insbesondere auch den dissoziativen Ele-
menten) nur eine untergeordnete Bedeutung zumisst, hält Dr. D._ für nicht
gerechtfertigt. Wenn man die zumindest sekundäre strukturelle Dissoziation der
Persönlichkeit der Beschuldigten 1 wirklich für die Beantwortung der Frage der
Schuldfähigkeit heranziehe, müsse man zu einer anderen Beurteilung als Dr.
E._ gelangen. In der Folge führt Dr. D._ verschiedene Argumente an,
die das Vorliegen von EP's belegten, welche die Schuldfähigkeit der Beschuldig-
ten 1 erheblich oder gar ganz einschränkten:
- Die Nacktszene auf der Wiese habe zumindest psychosenahen Charakter
und sei vergleichbar mit einer passageren Geisteskrankheit. Müsste hier die
Frage der Schuldfähigkeit beantwortet werden, müsste man sie als schwer
eingeschränkt beurteilen.
- Das Motiv zur Tat, das verletzte innere Kind zu heilen, indem ein reales
Kind entführt werde (wie sich die Beschuldigte 1 ihrem Therapeuten,
Dr. K._, und Dr. D._ gegenüber geäussert hat: Urk. 99/11 S. 2 und
Urk. 119 S. 4), sei derart irr und verrückt, dass der ANP durch nicht mehr
kontrollierbare einen oder mehrere EP's habe zurückgedrängt worden sein
müssen.
- Im zeitlichen Umfeld der Tat seien durchaus dissoziative Phänomene
festgestellt worden. Deren Krankheitswert werde nun aber nicht dadurch
aufgehoben, dass auch planvolles und gezieltes Vorgehen vorgelegen habe;
auch EP's könnten geplant und zielgerichtet vorgehen.
EP's würden auch nicht immer vollständig autonom handeln und die Funktionalität
des ANP vollständig desaktivieren. Tatbezogen gehe er – Dr. D._ – aufgrund
der Verrücktheit des Motivs, das vom ANP nicht habe wirksam in Frage gestellt
werden können, von einer erheblichen Dominanz der EP's aus, woraus eine zu-
- 20 -
mindest mittelschwer eingeschränkte Schuldfähigkeit der Beschuldigten 1 abzulei-
ten sei (Urk. 119 S. 11-13).
3.2.4.6. Dr. E._ hält in seinem von der Berufungsinstanz eingeholten Ergän-
zungsgutachten an seinen Einschätzungen und Schlüssen im ursprünglichen
Gutachten fest. Für die von Dr. D._ vorgeschlagene Diagnose der multiplen
Persönlichkeitsstörung im Sinne von ICD-10 F44.81 erachtet Dr. E._ keines
der dafür erforderlichen diagnostischen Kriterien als erfüllt (Urk. 143 S. 12). Die
von der Beschuldigten 1 beschriebenen dissoziativen Phänomene seien insge-
samt zu unspezifisch und bis Frühjahr 2011 auch nicht in der Intensität ausge-
prägt genug, um überhaupt die Diagnose einer spezifischen dissoziativen Störung
der Kategorie ICD-10 F44 zu stellen. Sollten sich im Sinne der Angaben der Be-
schuldigten 1 seit Frühjahr 2011 eingetretene Phänomene ("Absenzen", "entfrem-
den mit sich selbst", "Entgrenzung") den dissoziativen Störungen gemäss ICD-10
F33 zuordnen lassen, könne man die Diagnose einer Konversionsstörung nach
ICD-10 F44.88 diskutieren. Allerdings sei dann diese Krankheit über ein Jahr
nach dem Anlassdelikt aufgetreten und daher für die Beurteilung des tatzeit-
aktuellen Zustandes der Beschuldigten 1 nicht relevant (Urk. 143 S. 12/13). Den
Ausführungen Dr. D._s zu der nach dessen Ansicht höhergradig einge-
schränkten Schuldfähigkeit der Beschuldigten 1 hält Dr. E._ entgegen, dass
die Schwere eines psychischen Störungsbildes nicht selbstverständlich mit der
Schwere der Beeinträchtigung von Einsichts- und Steuerungsfähigkeit korreliere.
Im Falle der Beschuldigten 1 sei nun entscheidend, dass nicht nur die Durchfüh-
rung des Deliktes selbst, sondern auch die gesamte Phase der Vorbereitung zum
Delikt einen hohen Planungsgrad erkennen lasse. Dafür listet Dr. E._ ver-
schiedene Belege auf, wonach der langfristige Deliktsvorlauf mit zunehmender
Bereitschaft zu kriminellem Handeln für ein hochgradig geplantes, wohl über-
legtes Handeln spreche, bei dem moralische Grenzen immer weiter in den Hinter-
grund getreten bzw. durch Rationalisierungen und Selbstkorrumpierungen ver-
lagert worden seien (Urk. 143 S. 13/14). Der hohe Planungsgrad und die gezielte,
sorgfältige Umsetzung seien Aspekte, die klar gegen eine höhergradige Be-
einträchtigung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit sprächen. Nach Auffassung
von Dr. E._ finde die Hypothese Dr. D._s, dass bei der Beschuldigten 1
- 21 -
ein EP bei der Planung und Durchführung der Tat wirksam gewesen sei, keine
Belege. Soweit Solches aus der weit nach der Tat eingetretenen "Nacktszene"
abgeleitet werde, sei dies für die Beurteilung der Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt
irrelevant und inkorrekt. Die jüngsten Aussagen der Beschuldigten 1, sie habe
rückblickend den Eindruck, sich zum Zeitpunkt des Deliktes in einem "Ausnahme-
zustand" mit "manischem" und/oder "psychonahem" Charakter befunden zu
haben, widersprächen früheren, tatzeitnahen Untersuchungsbefunden und er-
weckten den Anschein einer nachträglichen Rationalisierung und Selbst-
korrumpierung in Anbetracht der Konfrontation mit der juristischen Tragweite des
Delikts (Urk. 143 S. 14/15). Ähnliches gilt nach Meinung Dr. E._s für das sei-
nerzeit von der Beschuldigten 1 in der (ersten) Begutachtung noch nicht vorge-
brachte, nun aber sowohl gegenüber Dr. K._, Dr. D._ und in der ergän-
zenden Begutachtung durch Dr. E._/Dr. F._ geäusserte Motiv der "Hei-
lung des inneren Kindes": Dieser Aspekt stelle nicht das eigentliche Tatmotiv,
sondern eine Rationalisierung der Tat dar. Ausgeprägte dissoziative Symptome
mit Einfluss auf Planung und Ausgestaltung der Tat liessen sich nicht nach-
weisen. Hinzu kommt gemäss Dr. E._ schliesslich, dass das Modell der
strukturellen Dissoziation für die Beurteilung der Schuldfähigkeit kein wissen-
schaftlich anerkanntes Modell sei (Urk. 143 S. 21).
3.2.4.7. In seiner Stellungnahme zum vorgenannten Ergänzungsgutachten wie-
derholt Dr. D._ im Wesentlichen die Ausführungen seines Gutachtens und
hält an seiner Beurteilung wie auch an seiner Einschätzung der mittelschweren
Einschränkung der Schuldfähigkeit fest. Zum Zeitpunkt der Tat seien die struktu-
relle Dissoziation der Persönlichkeit und damit verbundene emotionale Persön-
lichkeitsanteile wirksam gewesen. Die Argumente von Dr. E._ in Bezug auf
die Planung und das zielgerichtete Handeln im Vorfeld und während der Tat wür-
den dazu nicht im Widerspruch stehen (Urk. 150 S. 5 f.). Zudem sei der Vorwurf
der Unwissenschaftlichkeit ein beliebtes Argument, um unangenehme Beurteilun-
gen zu diskreditieren (Urk. 150 S. 4).
3.2.4.8. Es ist indes der plausiblen und nachvollziehbaren Argumentation von
Dr. E._ zu folgen: Insbesondere fällt effektiv auf, dass Dr. D._ vieles
- 22 -
recht massgeblich in seine Beurteilungen einfliessen lässt, was teilweise erst
erhebliche Zeit nach der Tat ein- und aufgetreten ist. So habe die von der Be-
schuldigten 1 geschilderte "Nacktszene" Ende Juni/anfangs Juli 2011 (vgl. dazu
Urk. 119 S. 2 und 3) und mithin 1 3⁄4 Jahre nach der vorliegend zu beurteilenden
Tat stattgefunden. Wenn Dr. D._ seine Diagnose und Schlussfolgerungen
unter anderem nicht unwesentlich aus diesem Vorfall zieht (Urk. 119 S. 8, 12), ist
dem deshalb – mit Dr. E._ – entgegen zu halten, dass dies für die Beurtei-
lung der Schuldfähigkeit zur Tatzeit nicht von Relevanz sein kann. Es leuchtet
auch aus medizinisch laienhafter Sicht ein, dass je länger ein Delikt zurück liegt,
desto weniger für den Tatzeitpunkt Relevantes aus aktuellen Ereignissen gewon-
nen werden kann. Grundsätzlich gilt daher zweifellos, dass Erkenntnisse auf-
schlussreicher und zuverlässiger sind, je tatzeitnäher sie erhoben werden. Das
gilt auch für das – angebliche – Motiv der Beschuldigten 1 für die Tat, sie habe mit
der Entführung "das verletzte innere Kind" heilen wollen, was in der Beurteilung
von Dr. D._ ein wesentliches Argument dafür ist, dass bei der Beschuldigten
1 bei der Planung und Ausführung der Tat EP's wirksam und deshalb die Schuld-
fähigkeit zumindest in mittelschwerem Masse eingeschränkt gewesen sei (Urk.
119 S. 12/13). Dass die Tat durch das "verletzte innere Kind" motiviert gewesen
sei, sagte nämlich weder die Beschuldigte 1 damals gegenüber Dr. E._/
Dr. F._ aus noch hätten diese Derartiges festgestellt; vielmehr handelt es
sich hierbei offenkundig um eine nachträgliche Interpretation der Beschuldigten 1
gegenüber Dr. K._ (Urk. 99/11 S. 2), Dr. D._ (Urk. 119 S. 4, 12) sowie
Dr. E._ und Dr. F._ anlässlich deren Untersuchungen im Hinblick auf die
Erstellung des Ergänzungsgutachtens (Urk. 143 S. 9). Es erscheint daher schlüs-
sig, wenn Dr. E._ die "Heilung des inneren Kindes" nicht als Tatmotiv, son-
dern als nachträgliche Rationalisierung der Tat ansieht (Urk. 143 S. 21). Auffal-
lend ist, dass “das verletzte innere Kind“ anlässlich der Berufungsverhandlung, als
sie nach dem Tatmotiv gefragt wurde, seitens der Beschuldigten 1 unerwähnt
blieb. Sie erklärte ihr Handeln damit, im Säugling die Reinkarnation ihrer Mutter
gefunden zu haben – dieser Ansicht sei sie auch heute noch (Urk. 152 S. 8 f.
und S. 14). In diesem Zusammenhang ist aufzunehmen, dass – worauf auch
Dr. D._ verweist – die Beschuldigte 1 selbst voll ausgebildete Psychiaterin ist
- 23 -
(Urk. 119 S. 12). Aus der zweifelsohne zutreffenden Feststellung Dr. D._s,
die Beschuldigte 1 wisse deshalb mit ihrem ANP genau, dass das “verletzte inne-
re Kind“ nicht durch die Entführung eines realen Kindes geheilt werden könne
(a.a.O.), kann aber mit Dr. E._ auch zwanglos und plausibel abgeleitet wer-
den, dass die Beschuldigte 1 ihr Wissen für den Versuch verwenden könnte, ein
strafprozessual möglichst "günstiges" Bild von sich zu vermitteln – und mithin eine
milde Bestrafung erlangen. Das Konzept des "inneren Kindes" und seiner heilsa-
men Bedeutung sei denn auch in gewissen psychiatrisch-psychotherapeutischen
Kreisen durchaus verbreitet (Urk. 143 S. 21). Schon im (ersten) Gutachten hatte
nämlich Dr. E._ festgestellt, gewisse Schilderungen der Beschuldigten 1 sei-
en dramatisch-pathetisch überzeichnet (Urk. 41/12 S. 78), und im Kontext der kla-
ren Erwartungen der Beschuldigten 1 an eine Schuldminderung durch die Begut-
achtung könnten eine Dramatisierung und Ausschmückung der erlittenen Trauma-
ta sowie manipulativ eingesetzte Übertreibungen mit dem Ziel, das Gegenüber für
sich einzunehmen, nicht ausgeschlossen werden (Urk. 41/12 S. 87/88, 91, 100,
vgl. auch 98). Gemäss Ergänzungsgutachten habe sich erneut ergeben, dass die
Aussagen der Beschuldigten 1 den Anschein einer nachträglichen Rationalisie-
rung und Selbstkorrumpierung in Anbetracht der Konfrontation mit der juristischen
Tragweite des Anlassdeliktes erweckten (Urk. 132 S. 14, 15). Zutreffend und gut
nachvollziehbar weist Dr. E._ weiter darauf hin, dass die von der Beschuldig-
ten 1 beschriebenen dissoziativen Phänomene zum grössten Teil auffallend un-
spezifisch und diffus geblieben sind (Urk. 143 S. 12). In der Tat kann nicht anders
bezeichnet werden, wenn die Beschuldigte 1 angibt, "Absenzen" zu haben, sich
"entfremdet mit sich selbst" und "entgrenzt" zu fühlen (Urk. 132 S. 12), die Umge-
bung "absurd", "bizarr" und "irreal" wahrzunehmen (Urk. 41/12 S. 76), sich "über-
flutet von Emotionen" und "wie in zwei Filmen" zu fühlen (Urk. 41/12 S. 76), "spiri-
tuell zu erleben" (Urk. 41/12 S. 77), "Krisen" und "Depressivität" durchzumachen
(Urk. 41/12 S. 78), und wenn sie sich selbst als "multiple Persönlichkeit" ansieht
(Urk. 41/12 S. 77). Exemplarisch beschreibt Dr. E._ die von der Beschuldig-
ten 1 offenbar sehr häufig bemühte Wendung, sie würde "sich verlieren", als
diffus, unklar und auch floskelhaft: Teilweise bewerte dies die Beschuldigte 1
als positiv im Sinne eines "spirituellen Erlebens", teilweise als negativ als
- 24 -
"unzertrennliche Freundschaft mit dem destruktiven Teil" in ihr (Urk. 41/12
S. 77, 89, 91).
Das alles sind grösstenteils Begriffe und Wendungen aus einem nicht konkret
greifbaren Bereich, und teilweise stellen sie auch Interpretationen und Schluss-
folgerungen aus Sicht der Beschuldigten 1 dar. Es sei wiederholt, dass Ich-
bezogenes Dramatisieren und manipulatives Verhalten zur Befriedigung eigener
Bedürfnisse typische Merkmale der von Dr. E._ bei der Beschuldigten 1
diagnostizierten histrionischen Persönlichkeitsstörung sind (Urk. 41/12 S. 90, 91).
Als Beleg für teilweise manipulative Verhaltensweisen – oder aber dafür, dass
sich die Ausprägungen der Persönlichkeit der Beschuldigten 1 seit der (ersten)
Begutachtung durch Dr. E._ bis zur Beurteilung durch Dr. D._ in rele-
vanter Weise verändert haben, weshalb des zweiteren Einschätzungen ohnehin
als weniger aussagekräftig erscheinen würden – könnte schliesslich gesehen
werden, dass die Aussagen der Beschuldigten 1 von Dr. D._ als differenziert,
ohne Zeichen der Übertreibung und ohne begleitende inadäquate Affekte
empfunden wurden (Urk. 119 S. 4), währenddem Dr. E._ und Dr. F._
die Schilderungen der Beschuldigten 1 als eher undifferenziert, extrem ausführlich
und wortreich dramatisch-pathetisch überzeichnet, begleitet von teils als bewusst
eingesetzt empfundener Mimik und Gestik, wahrgenommen hatten (Urk. 41/12
S. 78, 79).
3.2.4.9. Aus all diesen Gründen erschiene es nicht gerechtfertigt, der Beschuldig-
ten 1 zum Tatzeitpunkt eine höhere als die von Dr. E._ festgestellte leichte
Verminderung der Schuldfähigkeit zuzubilligen. Die diesbezüglichen Aus-
führungen des Gutachters erscheinen schlüssig und nachvollziehbar. Das Privat-
gutachten von Dr. D._ vermag diesen Schluss vorab darum nicht in Zweifel
zu ziehen, weil es sich zu stark auf Entwicklungen aus jüngerer Zeit
abstützt ("Nacktszene", Motiv der "Heilung des verletzten inneren Kindes") und
daraus insgesamt nicht überzeugende Rückschlüsse auf den Zustand der
Beschuldigten 1 zum Tatzeitpunkt zieht. Dass schliesslich der Arztbericht von
Dr. K._ die Folgerungen Dr. E._s nicht in Frage stellen kann, hat bereits
die Vorinstanz begründet (Urk. 112 S. 15): In seiner letztlich nicht eingehender
- 25 -
begründeten Form ist dieser Bericht und insbesondere die Meinung Dr. K._s,
dass die Einsichtsfähigkeit der Beschuldigten 1 zum Tatzeitpunkt in "sicher mittle-
rem-hohen Masse" herabgesetzt gewesen sei (Urk. 99/11 S. 2), nichts mehr als
eine Parteibehauptung, die eben durch die Gutachten von Dr. E._ widerlegt
worden ist.
3.2.4.10. Die aus medizinischer Sicht bei der Beschuldigten vorliegende leichte
Verminderung der Schuldfähigkeit wirkt sich auch in rechtlicher Hinsicht so aus.
Es rechtfertigt sich, die krankhaft egozentrische Fixierung der Beschuldigten 1 auf
eigene Bedürfnisse, Wünsche und Wertvorstellungen, welche sie für sich als mo-
ralisch wichtiger und handlungsleitender erachtet als gesetzliche Bestimmungen
(vgl. dazu Urk. 41/12 S. 108), als in leichtem Masse eingeschränkte Einsichts-
fähigkeit schuldmindernd zu berücksichtigen. Ausgehend von der bis dahin aufge-
laufenen (hypothetischen) Einsatzstrafe im mittleren Bereich des Strafrahmens
(d.h. von mittlerem Verschulden im technischen Verständnis), reduziert sich das
Verschulden mithin auf ein leicht bis mittelschweres Mass im Bereich von
ungefähr eines Drittels des Strafrahmens. Dies entspricht einer Einsatzstrafe für
die gesamte Tatschwere von rund 6 Jahren Freiheitsstrafe.
3.2.5. Aufgrund des weiteren von der Beschuldigten 1 (mit-) begangenen Delikts,
die Erschleichung einer Falschbeurkundung im Sinne von Art. 253 StGB (auf wel-
chem Tatbestand für sich alleine eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder
Geldstrafe steht), ist die Einsatzstrafe angemessen zu erhöhen (Art. 49 Abs. 1
StGB). Hier ist mit der Vorinstanz – welche das zwar am falschen Ort (beim objek-
tiven Verschulden des Hauptdelikts), aber in der Sache richtig abgehandelt hat
(Urk. 112 S. 12) – festzuhalten, dass die Erschleichung des falschen Eintrags im
Zivilstandsregister, wonach G._ (alias L._) die leibliche Tochter der Be-
schuldigten sei, die logische Konsequenz des ganzen Tatplans war. Insofern ist
dies weitgehend durch den Unrechtsgehalt der Entführung abgegolten. Immerhin
legt aber das konkrete Vorgehen ein weiteres beredtes Zeugnis für das raffinierte,
wohl geplante und organisierte Handeln der Beschuldigten und deren erheblicher
krimineller Energie ab, sodass unter Berücksichtigung des diesbezüglich gegen-
über dem Beschuldigten 2 geringeren Tatbeitrags der Beschuldigten 1 und deren
- 26 -
leicht verminderten Schuldfähigkeit eine leichte Straferhöhung unumgänglich er-
scheint.
3.2.6. Aus der Biographie der Beschuldigten 1 ergeben sich keine massgeblichen
Straferhöhungs- oder minderungsgründe, soweit sie nicht schon in das Gutachten
Dr. E._s Eingang gefunden haben. Zutreffend hat die Vorinstanz sodann
festgehalten, dass die Vorstrafenlosigkeit der Beschuldigten 1 sich im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung in der Regel neutral auswirkt (BGE 136 IV
1; vgl. Urk. 114), und dass vorliegend keine Veranlassung besteht, von dieser
Regel abzuweichen (Urk. 112 S. 16).
3.2.7. Strafmindernd ist dagegen das Geständnis der Beschuldigten 1 zu würdi-
gen. Allerdings ist zu beachten, dass die Beschuldigte 1 zunächst über mehrere
Einvernahmen hinweg mit grosser Fantasie und aufwendig ausgemalt behauptet
hatte, Opfer eines unseriösen Kindesvermittlers geworden zu sein. Erst als dieses
eigentliche Lügengebäude angesichts der immer erdrückend werdenden Beweis-
lage einzustürzen drohte, entschloss sich die Beschuldigte 1 in der Einvernahme
vom 5. Februar 2010, die Wahrheit zu sagen. Mehr als eine geringe Strafminde-
rung ergibt sich daher unter diesem Titel nicht (so schon zutreffend die Vor-
instanz: Urk. 112 S. 16, Art 82 Abs. 4 StPO).
3.2.8. Unter dem Titel des Nachtatverhaltens ebenfalls leicht strafmindernd ist den
Beschuldigten anzurechnen, dass sie sich zur Übernahme der Fremdplatzie-
rungs- und Rückführungskosten von G._ sowie der Kosten der Vertreterin
der Privatklägerin verpflichtet und diese bis heute bereits vollständig zurück be-
zahlt haben (Urk. 153; Urk. 151 S. 4). Im Übrigen kann auf die zutreffenden Er-
wägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 112 S. 17; Art. 82 Abs. 4
StPO).
3.2.9. Mit der Vorinstanz lediglich minimal strafmindernd ist die – wenn überhaupt
tatsächliche und aufrichtige – sehr späte Reue und Einsicht zu veranschlagen
(Urk. 112 S. 17; Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 152 S. 10; Prot. II S. 12).
- 27 -
3.2.10. Die Vorinstanz hat der Beschuldigten 1 schliesslich eine besondere Straf-
empfindlichkeit zugebilligt, die eine erheblich strafmindernde Wirkung nach sich
ziehe (Urk. 112 S. 18). Dies wird von der Staatsanwaltschaft berufungsweise
kritisiert (Urk. 113 S. 3; Urk. 154 S. 3).
3.2.10.1. Das Bundesgericht hält fest, dass die Verbüssung einer langjährigen
Freiheitsstrafe für jeden in ein familiäres oder soziales Umfeld eingebetteten Be-
schuldigten eine gewisse Härte darstellt und deshalb nur zurückhaltend und bei
aussergewöhnlichen Umständen strafmindernd berücksichtigt werden darf (vgl.
Zitate in BSK StGB I-Wiprächtiger, N. 117 f. zu Art. 47 StGB m.Hw.; Urteil
6B_470/2009 vom 23. November 2009 m.Hw.). Solche Umstände bejahte das
Bundesgericht in einem Entscheid vom 13. März 1996 (6S.750/1995) im Falle
einer Mutter von zwei Kindern. Allerdings fiel dort die Strafminderung nur leicht
aus, weil die Kinder bereits 15- und 17-jährig waren und im Zeitpunkt des Urteils
erst seit viereinhalb Jahren bei der Mutter gelebt hatten (BSK StGB
I-Wiprächtiger, N. 118 zu Art. 47). Im Urteil 6B_540/2010 vom 21. Oktober 2010
(E. 1.4.2) verneinte das Bundesgericht dann aber eine besondere Strafempfind-
lichkeit gar in einem Fall einer ein Kleinkind allein erziehenden Mutter: Es sei zwar
nicht zu bestreiten, dass ein Strafvollzug für die Beschuldigte und ihren Sohn eine
Belastung darstelle, denn dieser werde während des Strafvollzugs der Beschul-
digten auf eine Fremdbetreuung angewiesen sein und von seiner Mutter als Be-
zugsperson vorübergehend getrennt leben. Dies stelle jedoch eine unvermeidbare
Konsequenz der freiheitsentziehenden Sanktion dar, welche sich die Beschuldigte
bereits im Zeitpunkt der Tathandlungen habe vor Augen führen müssen. Dass
sich eine Fremdbetreuung – so das Bundesgericht in jenem Entscheid weiter –
nicht in angemessener Weise gewährleisten liesse, bringe die Beschwerdeführe-
rin zu Recht nicht vor.
3.2.10.2. In Berücksichtigung dieser Rechtsprechung ist vorliegend der Beschul-
digten im Sinne der berufungsweisen Kritik der Staatsanwaltschaft (Urk. 113 S. 3;
Urk. 154 S. 3) unter dem Titel der Strafempfindlichkeit nur eine leichte Strafminde-
rung zuzubilligen: Zwar ist richtig, dass die Kinder aufgrund ihres Alters auf inten-
sive Betreuung angewiesen sind, die Beschuldigte 1 zu ihnen eine enge Bezie-
- 28 -
hung hat und den Haushalt führt (so die Vorinstanz in Urk. 112 S. 18). Dass der
Vollzug einer Freiheitsstrafe sowohl für sie als auch die Kinder eine erhebliche
Belastung darstellt, liegt deshalb auf der Hand. Allerdings ist dies unvermeidliche
Folge eines Freiheitsentzugs, deren man sich bereits im Zeitpunkt der Tat-
handlungen bewusst zu sein hat. Wenn die Vorinstanz sodann eine mögliche
Fremdplatzierung in den Raum stellt, argumentiert sie insoweit widersprüchlich,
als sie den Beschuldigten 2 ja bekanntlich zu einer bedingten Freiheitsstrafe ver-
urteilt hat und dieser seinen Anteil an der Kinderbetreuung deshalb übernehmen
kann. Im Sinne des entsprechenden Hinweises der Staatsanwaltschaft ist weiter
zu beachten, dass der Beschuldigte 2 nicht der leibliche Vater des älteren im
Haushalt der Beschuldigten lebenden Jungen ist (Urk. 113 S. 3) und deshalb für
diesen mit seinem Vater eine weitere Person zur Verfügung steht, die ihm kindes-
rechtlich verpflichtet ist. Dieser betreue den heutigen Aussagen der Beschuldig-
ten 1 zufolge manchmal auch beide Kinder (Urk. 152 S. 3). Beide Söhne gehen
zum Mittagstisch, der jüngere zusätzlich in den Hort. Zudem werden die Beschul-
digten bei der Kinderbetreuung auch von der Familie unterstützt. Und schliesslich
hatte die Familie vom Sommer 2008 bis Sommer 2009 einen Aupair-Jungen für
die Betreuung der Kinder bei sich (Urk. 152 S. 3; Urk. 151 S. 2; Urk. 19/1 S. 12
und Urk. 21/1 S. 7).
3.2.11. Aus alledem folgt, dass eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten als dem
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen der Beschuldigten 1 gerade
noch angemessen erscheint; dies nicht zuletzt im Hinblick auf die Möglichkeit
eines allenfalls teilbedingt auszusprechenden Vollzugs gemäss Art. 43
Abs. 1 StGB. Der Anrechnung der von der Beschuldigten 1 erstandenen 126 Ta-
ge Untersuchungshaft steht nichts im Wege (Art. 51 StGB).
Ein Mitglied des Spruchkörpers stellte diesbezüglich einen Minderheitsantrag
(Urk. 158).
3.3. Strafzumessung Beschuldigter 2
3.3.1. In objektiver Hinsicht ist zunächst auf das hiezu bei der Beschuldigten 1
Ausgeführte zu verweisen (vorstehend Erw. 3.2.1 und 3.2.2). Auch hier ist na-
- 29 -
mentlich angesichts der beabsichtigten lebenslänglichen Entführung von G._
von einem objektiven Verschulden auszugehen, das eine Einsatzstrafe von etwa
in der Mitte des Strafrahmens als gerechtfertigt erscheinen lässt. Dass der
Beschuldigte 2 – im Sinne der vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 112 S. 19) –
einen geringeren Tatbeitrag als die Beschuldigte 1 geleistet habe, indem er nicht
selbst in das Spital eingedrungen sei und das Kind an sich genommen habe, kann
sich an dieser Stelle nicht verschuldensmindernd auswirken: Vielmehr handelten
die Beschuldigten in geradezu klassischer Mittäterschaft gemeinsam, hatten
beide Tatherrschaft und bestand auch eine gewisse Austauschbarkeit der Rollen.
So kann in rein objektiver Hinsicht nicht entscheidend sein, dass der Beschuldigte
2 "nur" von aussen das Spital beobachtet, der Beschuldigten 1 per Mobiltelefon
Anweisungen gegeben und als "Chauffeur" gewirkt hat. In Bezug auf die rein
objektive Entführungsaktion G._s rechtfertigt es sich deshalb nicht, dem Be-
schuldigten 2 ein geringeres Tatverschulden als der Beschuldigten 1 zuzubilligen.
3.3.2. In subjektiver Hinsicht ist allerdings offensichtlich, dass den Beschuldigten
2 ein deutlich geringeres Verschulden als die Beschuldigte 1 trifft. Der Beschuldig-
te 2 muss als der Beschuldigten 1 nahezu hörig bezeichnet werden, jedenfalls
aber als massiv abhängig (vgl. dazu den ärztlichen Bericht des ihn behandelnden
Dr. psych. P._, Urk. 97/1). Er – der sich gemäss eigenen Aussagen damit
abgefunden habe, keine Kinder mehr zeugen zu können (Urk. 21/1 S. 9) und sich
auch keine Kinder mehr gewünscht habe (Urk. 21/1 S. 13, 22) – wurde von der
Beschuldigten 1 und ihrem krankhaften Kinderwunsch letztlich überfordert. Das
stellte die Beschuldigte 1 denn auch nicht in Abrede und wurde von ihr anlässlich
der heutigen Berufungsverhandlung erneut bestätigt (Urk. 94 S. 4; vgl. dazu Urk.
21/1 S. 9; Urk. 151 S. 5 f.; Urk. 152 S. 7). Es ist davon auszugehen, dass das bei
der Beschuldigten 1 als Teil der histrionischen Persönlichkeitsstörung vorliegende
egoistisch motivierte, andauernde manipulative Verhalten (Urk. 41/12 S. 90 f.)
beim Beschuldigten 2 und dessen Persönlichkeitsstruktur auf fruchtbaren Boden
und wenig Widerspruch stiess (vgl. dazu etwa auch die Schilderung des Beschul-
digten 2 betreffend die von der Beschuldigten 1 gewünschten Konsultationen bei
einer Schamanin: Urk. 23/1 S. 21). So unterstützte der Beschuldigte 2 die Pläne
der Beschuldigten 1, aus Angst, diese und die Familie zu verlieren, obwohl er sich
- 30 -
der Illegalität der geplanten Aktion bewusst war (Urk. 23/1 S. 4): er habe es "nicht
verhindert" (Urk. 19/1 S. 6; Urk. 20/1 S. 2), "das halt für meine Frau getan, weil sie
das so wollte", "halt zu ihr stehen wollen", sie nicht "im Stich lassen" und das Fa-
milienleben gefährden wollen (Urk. 21/1 S. 12), den konkreten Vorschlag zur Tat
"widerwillig zur Kenntnis genommen" (Urk. 22/1 S. 18), sei gar "genötigt" worden
mitzumachen (Urk. 32/1 S. 11), habe Angst um die Beziehung und den Liebesver-
lust seiner Frau gehabt (Urk. 23/1 S. 11), habe "nicht in Abrede gestellt, den ille-
galen Weg zu beschreiten", das aber auch "nicht befürwortet" (Urk. 24/1 S. 4),
habe sich "mitreissen" lassen und sich dazu gedrängt gefühlt (Urk. 93 S. 3, 4).
Seine Frau habe "jeweils deutlich auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht" (Urk.
21/1 S. 13), etwa in Sinne "entweder machst Du mit oder Du bist nicht mehr mein
Mann" (Urk. 23/1 S. 11). Ein beredtes Zeugnis solchen – aktiv und hochgradig
manipulativen – Verhaltens legt auch ein sichergestelltes Schreiben an den Be-
schuldigten 2 ab, mit welchem die Beschuldigte 1 diesem nach dramatischen, ap-
pellativen Worten mitteilt, nichts mehr von ihm wissen und nicht mehr seine Frau
sein zu wollen (Urk. 21/2). Er, so kommentierte der Beschuldigte 2, habe "ab und
zu mal solche Schreiben" von seiner Frau erhalten (Urk. 21/1 S. 9), und diese be-
stätigte das: ihre Beziehung sei "schon temperamentvoll" und der Beschuldigte 2
"eher ruhig", währenddem sie selbst launisch sei und sich von ihm oft nicht ver-
standen gefühlt habe (Urk. 14/1 S. 17). In seinen Augen dergestalt offensichtlich
in einen unüberwindlichen Loyalitätskonflikt gebracht, habe die Sache "überbor-
det" (Urk. 20/1 S. 1). Auch in der Untersuchung war dieser Loyalitätsgedanke
noch dominant. So erklärte der Beschuldigte 2 in der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme vom 11. Februar 2010: "Ich bin mir bewusst, dass ich bei manchen
Antworten nicht loyal zu meiner Frau war und dadurch meine Frau belastet habe.
Mir ist bewusst, dass ich mit meinem Verhalten und dem Mut, hier alles auszusa-
gen, mir ein weiteres Eheleben verbauen könnte. Ich habe auch ein schlechtes
Gewissen, dass ich versucht bin, aus der Haft zu kommen, indem ich die Wahr-
heit sage und damit meine Frau nicht unterstütze" (Urk. 23/1 S. 23/24). Dass sie
ihren Mann (den Beschuldigten 2) unter Druck gesetzt habe und ihn vor die Wahl
gestellt habe, sie entweder bei ihren Bemühungen um das Holen eines Mädchens
zu unterstützen, ansonsten sie die Ehe beenden würde, wurde denn auch von der
- 31 -
Beschuldigten 1 anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigt (Urk. 152 S. 7 f.).
Es muss indessen unterstrichen werden, dass all diese Umstände den Beschul-
digten 2 keinesfalls zu entschuldigen vermögen; er ist eine eigenständige, beruf-
lich und gesellschaftlich gut situierte Person (gemäss Vorinstanz "intelligent, ge-
bildet und gesellschaftlich integriert", Urk. 112 S. 22), von der erwartet werden
darf, dass er gerade so massiv illegalen Ansinnen, wie es die vorliegend zu beur-
teilende Tat eines darstellt, entschieden entgegen tritt. Der Beschuldigte 2 räumt
denn auch ein, seine Frau "leider nicht explizit" vom Vorhaben abgehalten zu ha-
ben (Urk. 23/1 S. 2). Oft habe er zwar "nein" bei sich gedacht, aber nichts gesagt
(Urk. 24/1 S. 12). Im Nachhinein müsse er sagen, dass er es vielleicht hätte ver-
hindern können; er habe sich damals aber nicht getraut (Urk. 93 S. 4). So blieb es
bei der vom Psychiater Dr. P._ beim Beschuldigten 2 erkannten Haltung, un-
angenehme Gefühle zu unterdrücken und nicht einzugreifen in der Hoffnung, dass
alles von sich aus wieder gut wird (Urk. 97/1 S. 2). Auch die heutigen Aussagen
des Beschuldigten 2 bestärken diesen Eindruck: So habe er zwei, drei Mal ver-
sucht, sich gegen das Ansinnen seiner Ehefrau zu wehren, aber zu wenig stark.
Er bereue, dass er nicht mehr Mut gehabt habe. Während der Aktion habe er ei-
nige Male gesagt‚ lass uns nach Hause fahren’, doch sei es ihm nicht gelungen,
gegen ihr Aufbrausen anzukommen. Zu ihrer Beziehung befragt, gab er zu Proto-
koll, die Beziehung zwischen ihm und seiner Ehefrau habe sich verändert, seit sie
aus der Untersuchungshaft entlassen worden seien. Sie nehme in mehr als
gleichwertigen Partner wahr und er habe gelernt ‚nein’ zu sagen. Sie seien nun
eher auf gleicher Stufe, als sie es vorher gewesen seien. (Urk. 151 S. 6).
Es ist deshalb festzuhalten, dass das Mass an Freiheit des Beschuldigten 2, sich
unter den gegebenen Umständen für das Recht und gegen das Unrecht zu ent-
scheiden, in erheblichem Masse eingeschränkt war (vgl. zu diesem Thema BSK
StGB I-Wiprächtiger, N. 90 zu Art. 47 m.w.H.). Dies führt zu einer deutlichen Ver-
minderung des Verschuldens (vgl. dazu auch die Vorinstanz in Urk. 112 S. 20/21;
Art 82 Abs. 4 StPO). Als (hypothetische) Einsatzstrafe für das gesamte Tat-
verschulden bleibt hier demnach eine Freiheitsstrafe von etwa 5 Jahren.
- 32 -
3.3.3. Aufgrund der Erschleichung einer Falschbeurkundung im Sinne von
Art. 253 StGB ist diese Einsatzstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips
angemessen zu erhöhen (Art. 49 Abs. 1 StGB). Wie schon bei der Beschuldig-
ten 1 ist dazu festzuhalten, dass die Erschleichung des falschen Eintrags im
Zivilstandsregister, wonach G._ (alias L._) die leibliche Tochter der Be-
schuldigten sei, die logische Konsequenz des ganzen Tatplans war und schon
weitgehend durch den Unrechtsgehalt der Entführung abgegolten ist. In der
konkreten Umsetzung war aber der Beschuldigte 2 "Haupttäter" der raffinierten,
wohlorganisierten Aktion mit dem Zivilstandsamt, sodass bei ihm hier eine nicht
nur ganz leichte Straferhöhung zu Buche steht.
3.3.4. Aus der Biographie des Beschuldigten 2 (vgl. dazu Urk. 112 S. 22; Art. 82
Abs. 4 StPO) ergeben sich keine massgeblichen Straferhöhungs- oder minde-
rungsgründe. Auch der Beschuldigte 2 ist vorstrafenlos (Urk. 115), was neutral zu
werten ist (BGE 136 IV 1).
3.3.5. Über die Vorinstanz hinaus (Urk. 112 S. 22) etwas mehr als nur leicht
strafmindernd zu würdigen ist dagegen das Geständnis bzw. das Aussageverhal-
ten des Beschuldigten 2. Anders als die Beschuldigte 1 hielt der Beschuldigte 2
nur anfänglich an der – offenbar für den Fall des "Auffliegens" vorgängig verein-
barten (Urk. 22/1 S. 15) – "Mittelsmann-Theorie" fest, und zwar auch ohne die
fantasievollen, ausschmückenden und teils dramatisierenden Umschreibungen
der Begleitumstände wie die Beschuldigte 1 (Urk. 19/1 S. 2; Urk. 20/1 S. 3/4).
Irgendwie erwecken die Einvernahmen des Beschuldigten 2 ab Anbeginn den
Eindruck, dass er eigentlich am liebsten schon sofort nach der Festnahme voll-
umfänglich die Wahrheit ausgesagt hätte, er sich aber offensichtlich durch sein
Loyalitätsverständnis gegenüber der Beschuldigten 1 davon abgehalten gesehen
hat. Jedenfalls war eine seiner ersten Fragen in der Hafteinvernahme vom
10. Dezember 2009, "ich darf und muss meine Frau nicht belasten?" (Urk. 19/1
S. 3), und in der Folge verweigerte er bei seines Erachtens "kritischen" Fragen die
Aussage (Urk. 21/1 S. 5, S. 24 ff. passim). Bezüglich der schwergewichtig durch
ihn begangenen Erschleichung einer Falschbeurkundung war er demgegenüber
sofort geständig (Urk. 19/1 S. 8), und ebenso gestand er schon von Anbeginn an
- 33 -
im Grundsatz ein, auf nicht legalem Wege zum Kind gekommen zu sein (Urk. 19/1
S. 6). Ganz explizit erklärte er in der Einvernahme vom 20. Januar 2010 denn
auch, er habe überall dort, wo es seine Frau belasten könnte, keine Aussage ge-
macht, weil für ihn die Beziehung und das Vertrauen zu seiner Frau auf dem Spiel
stehe. Er würde von ihm aus gerne alles offen legen, wolle aber seine Frau nicht
belasten (Urk. 22/1 S. 12). Gleichwohl gestand er dann bereits in dieser Einver-
nahme ein, dass der angebliche Mittelsmann erfunden sei (Urk. 22/1 S. 15), und
gab den tatsächlichen Ablauf des Geschehens zu Protokoll (Urk. 22/1 S. 17 ff.).
Wie bereits erwähnt, fühlte er sich dabei aber offensichtlich alles andere als wohl
und deponierte, dass er damit, dass er die Wahrheit aussage, seines Erachtens
ein weiteres Eheleben mit der Beschuldigten 1 verbauen könnte (Urk. 23/1 S. 23).
3.3.6. Mit der Vorinstanz (Urk. 112 S. 22; Art. 82 Abs. 4 StPO) ist auch dem Be-
schuldigten 2 unter dem Titel des Nachtatverhaltens leicht strafmindernd anzu-
rechnen, dass sich die Beschuldigten zur Übernahme der Fremdplatzierungs- und
Rückführungskosten von G._ sowie der Kosten der Vertreterin der Privatklä-
gerin verpflichtet und sie diese Schulden bereits beglichen haben (Urk. 151 S. 4;
Urk. 153; Urk. 156 S. 7).
3.3.7. Wenn die Vorinstanz dem Beschuldigten 2 an Einsicht und Reue gar nichts
zugute hält (Urk. 112 S. 22/23), erscheint dies als etwas zu hart. Grundsätzlich ist
aus dem Aussageverhalten des Beschuldigten 2 schon zu schliessen, dass er das
anklagegemässe Vorgehen bereut. Allerdings fällt – wie bei der Beschuldigten 1 –
auch auf, dass er die Tat als Solche eigentlich nicht bedauert und auch nie Worte
des Mitgefühls für die Opfer äusserte, nämlich für G._ und deren Angehöri-
ge. Viel eher macht sich der Beschuldigte 2 – wiederum persönlichkeitsadäquat –
vor allem Vorwürfe, die Beschuldigte 1 nicht von ihrem Vorhaben abgehalten zu
haben. So führte er auch heute aus, er sei beschwichtigt worden, dass die Mutter
des entführten Kindes dieses gar nicht haben wollte und es alleine im Spital
gewesen sei. Es habe weder Besuch von den Eltern noch vom Rest der Familie
erhalten. Es tue ihm unheimlich leid, dass er nicht stärker gewesen sei und das
nicht habe verhindern können, dass er sich habe hineinziehen lassen und gehol-
fen habe (Urk. 151 S. 7 f.). Wie bei der Beschuldigten 1 ist daher dem Beschuldig-
- 34 -
ten 2 in diesem Zusammenhang eine – wenn auch nur minimale – Strafminderung
zuzubilligen.
3.3.8. Auch dem Beschuldigten 2 hat die Vorinstanz eine besondere Straf-
empfindlichkeit zugeschrieben und unter diesem Titel eine erhebliche Strafminde-
rung gewährt (Urk. 112 S. 23). Mutatis mutandis gilt hier – wieder im Sinne der
berufungsweisen Kritik der Staatsanwaltschaft (Urk. 113 S. 3) – indessen das
Gleiche wie bei der Beschuldigten 1 (vorstehend Erw. 3.2.10.1 und 3.2.10.2): die
Vorinstanz war zu wohlwollend. Beim Beschuldigten 2 kommt hinzu, dass entge-
gen der Vorinstanz (sowie der Verteidigung; Urk. 156 S. 9) der alleinige Umstand,
dass er eine vollzeitliche Arbeitsstelle inne hat und der Versorger der Familie ist,
nicht zur Begründung einer besonderen Strafempfindlichkeit herangezogen wer-
den kann. Wie schon erwähnt, stellt die Verbüssung einer Freiheitsstrafe für jeden
in ein familiäres oder soziales Umfeld eingebetteten Beschuldigten eine gewisse
Härte dar und ist deshalb nur zurückhaltend und bei aussergewöhnlichen
Umständen strafmindernd zu berücksichtigen. Dass der Beschuldigte 2 erwerbs-
tätiger Familienvater ist, ist nun aber kein solcher aussergewöhnlicher Umstand,
zumal Strafen bzw. Strafanteile bis zu 12 Monaten noch in Halbgefangenschaft
verbüsst werden können und so keineswegs zwingend zum Stellenverlust führen
müssen (Art 77b StGB). Immerhin ist dem Beschuldigten 2 gleichwohl eine
gewisse Strafempfindlichkeit deshalb zuzubilligen, weil eine Bestrafung beider
Elternteile zur Diskussion steht und darum aufgrund einer Verurteilung des einen
Ehepartners nicht einfach der andere dessen Betreuungsanteile übernehmen
kann.
3.3.9. Insgesamt ergibt sich damit, dass die vorinstanzlich ausgesprochene
Freiheitsstrafe von 24 Monaten im pflichtgemäss ausgeübten Ermessen der Vo-
rinstanz liegt und als dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des
Beschuldigten 2 angemessen erscheint. Der Beschuldigte 2 ist damit mit einer
Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu bestrafen, worauf die erstandenen 86 Tage
Untersuchungshaft anzurechnen sind (Art. 51 StGB).
- 35 -
4. Strafvollzug/Massnahme
4.1. Beschuldigte 1
4.1.1. Die Vorinstanz hat der Beschuldigten 1 eine günstige Prognose gestellt und
deshalb den bedingten Aufschub eines Teils der Freiheitsstrafe gewährt. Gleich-
zeitig hat die Vorinstanz aber die Beschuldigte 1 als massnahmebedürftig be-
zeichnet und eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB angeordnet
(Urk. 112 S. 24, 25 ff.). Das ist unzulässig: Gemäss Art. 56 Abs. 1 lit. a StGB ist
eine Massnahme anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht geeignet ist, der Ge-
fahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen. Mithin bedeutet die Anordnung
einer (ambulanten oder stationären) Massnahme zugleich eine ungünstige Prog-
nose, so dass eine gleichzeitig ausgefällte Strafe nicht bedingt gemäss Art. 42
oder teilbedingt gemäss Art. 43 StGB aufgeschoben werden kann (BGE 135 IV
180 E. 2.3 mit Hinweisen).
Bleibt es also bei der vorinstanzlich angeordneten ambulanten Massnahme, fällt
die Gewährung des (teil-) bedingten Vollzugs der Freiheitsstrafe von Vornherein
ausser Betracht. Aus diesem Grund ist zunächst zu prüfen, ob eine Massnahme
im Sinne von Art. 63 StGB anzuordnen ist.
4.1.2. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung beantragen die
Anordnung einer ambulanten Massnahme für die Beschuldigte 1 (Urk. 95 S. 2;
Urk. 98 S. 2; Urk. 154 S. 4; Urk. 155 S. 2; Prot. II S. 6 und S. 10). Dabei lassen
sie sich aber beide weniger von eigenen Überlegungen leiten, als sie vielmehr
einfach auf die entsprechende Empfehlung des Gutachters Dr. E._ verwei-
sen. Das ergibt sich nicht zuletzt aus den entsprechenden Formulierungen in den
Plädoyers, wonach gegen die Anordnung einer solchen Massnahme "nichts ein-
zuwenden" (Staatsanwaltschaft in Urk. 95 S. 13) bzw. die Beschuldigte 1 "mit der
gerichtlichen Anordnung einer Massnahme einverstanden" sei (Verteidigung in
Urk. 98 S. 15). Die Beschuldigte 1 selber erklärte in der vorinstanzlichen Haupt-
verhandlung, sie "hätte mit einer ambulanten Massnahme grundsätzlich kein
Problem" (Urk. 94 S. 5). Anlässlich der Berufungsverhandlung hielt sie auf ent-
sprechende Frage fest, dass sie sich einer gerichtlich angeordneten Behandlung
- 36 -
unterziehen würde. Sie verspreche sich davon eine Stabilisierung ihres Seelen-
lebens. Es erfülle sie indes mit Angst, wenn sie die Therapie mit einem neuen
Therapeuten beginnen müsse; mit dem bisherigen (Dr. med. M._) habe sie
eine sehr gute therapeutische Beziehung (Urk.152 S. 5 f. und S. 14).
4.1.2.1. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter welchen eine ambulante
Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB ausgesprochen werden kann, zutreffend
dargestellt (Urk. 112 S. 26/27; Art. 82 Abs. 4 StPO). Sie erachtete dann diese Vo-
raussetzungen mit ganz kurzer Begründung als erfüllt. Explizit ging sie dabei nur
darauf ein, dass der erforderliche direkte Zusammenhang zwischen den
tatzeitaktuellen psychischen Störungen und dem Tatverhalten gegeben und die
Behandlungsbedürftigkeit der Beschuldigte 1 unbestritten sei sowie dass eine
ambulante Massnahme nach Einschätzung des Gutachters "voraussichtlich
präventiv" wirken würde (a.a.O.). Gerade letzteres Kriterium ist indessen einer
näheren Überprüfung zu unterziehen:
4.1.2.2. Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b StGB darf eine ambulante Massnahme nur
dann angeordnet werden, wenn zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr
weiterer mit dem Zustand des Täters in Zusammenhang stehenden Taten begeg-
nen. Voraussetzung ist also zunächst einmal, dass überhaupt Grund für die An-
nahme besteht, der Täter werde ohne die Anordnung einer Massnahme weitere
Straftaten begehen. Es muss mithin eine gewisse Rückfallgefahr gegeben sein.
Dabei stellt das Gesetz keine Mindestanforderungen an Schwere und Wahr-
scheinlichkeit dieser künftigen Delikte. Es ist deshalb eine Rechtsgüterabwägung
vorzunehmen: je hochwertiger die gefährdeten Rechtsgüter sind (insb. Leib und
Leben), desto weniger hohe Anforderungen sind an Nähe und Ausmass der Ge-
fahr zu stellen (BGE 118 IV 108 E. 2a; Trechsel/Pauen Borer, StGB PK, N. 1 zu
Art. 63 mit Verweis auf N. 7 zu Art. 59; BSK StGB I-Heer, N. 24 ff. zu Art. 63 mit
Verweis auf N. 48 ff. zu Art. 59). Jedenfalls reicht aber nicht jedwelches Rückfall-
risiko für die Anordnung einer Massnahme aus, sondern es muss schon eine eini-
germassen konkrete Wahrscheinlichkeit weiterer Delikte bestehen. Als genügend
erachtete das Bundesgericht eine "beträchtliche" oder "erhebliche" Rückfall-
gefahr, ohne dass aber eine "hohe" Gefahr gefordert wäre (Urteil 6S.386/2000
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vom 1. September 2000, E. 4d; Urteil 6P.37/2006 vom 29. Mai 2006, E. 3.3). Heer
(BSK StGB I, N. 45 zu Art. 59) spricht in diesem Zusammenhang von einer
"gewissen" Wahrscheinlichkeit.
4.1.2.3. Es fällt auf, dass sich Dr. E._ in seinem Gutachten zur Rückfallge-
fahr der Beschuldigten 1 sehr zurückhaltend äussert: Als ungünstige Umstände
fielen zwar einerseits die diagnostizierten schweren Persönlichkeitsstörungen und
insbesondere der subjektive Druck nach manipulativem Verhalten zur Befriedi-
gung eigener Bedürfnisse sowie die bis anhin uneinsichtige und in der Untersu-
chung zunächst auch sehr undurchsichtige Haltung der Beschuldigten 1 ins Ge-
wicht. Andererseits führt Dr. E._ aber als prognostisch sehr günstige Fakto-
ren der hohe sozioökonomische Status der Beschuldigten 1, deren stabile gesell-
schaftliche Stellung und den Umstand an, dass die Beschuldigte 1 vorgängig
noch keine Straftaten begangen habe. Als prognostisch günstig sieht Dr. E._
weiter, dass sich die Beschuldigte 1 von zukünftiger Kriminalität distanziere, wo-
bei seiner Ansicht nach der Erfahrung der Beschuldigten 1 mit den negativen
Konsequenzen aus der eigenen Tat hier eine wichtige Bedeutung zukomme.
Ebenfalls sei schliesslich günstig, dass sich die Beschuldigte 1 zumindest vorder-
gründig zur Behandlung motiviert zeige. Insgesamt erachtet Dr. E._ deshalb
das Risiko erneuter Straftaten der Beschuldigten 1 als gering. Nachdem der
Wunsch der Beschuldigten 1 nach einem dritten Kind weiterhin unerfüllt und eine
anderweitige Kompensation nicht in Sicht sei, könne aber ein erneutes Entfüh-
rungsdelikt nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Ebenso nicht ausge-
schlossen werden könnten im Rahmen des persönlichkeitsbedingt manipulativen
Verhaltens der Beschuldigten 1 bei entsprechenden Rahmenkonstellationen Be-
trugsdelikte mit geringem Gefährlichkeitspotential (Urk. 41/12 S. 103-105, 108).
4.1.2.4. Wenn nun Dr. E._ aus diesen Überlegungen folgert, damit seien "die
Eingangskriterien für eine Massnahme nach Art. 56-61 und 63 StGB gegeben"
(Urk. 41/12 S. 105), so kann dem nicht zugestimmt werden. Ein insgesamt gerin-
ges Risiko erneuter Straftaten (bzw. gar ein blosses "Nicht-ausgeschlossen-sein")
ist im Rahmen der Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit gemäss Art. 63
Abs. 1 lit. b StGB keine ausreichend relevante Grösse. Eine weniger als geringe
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Wahrscheinlichkeit, ein Delikt zu begehen, kann im Bewusstsein der menschli-
chen Unvollkommenheit und der Unmöglichkeit diesbezüglich mit Sicherheit zu-
treffender Voraussagen ja letztlich niemandem bescheinigt werden (ausser es
gehe um Delikte, zu welchen eine bestimmte Person aus objektiven oder rechtli-
chen Gründen gar nicht in der Lage ist – was vorliegend aber nicht zur Diskussion
steht). Insofern muss festgehalten werden, dass Dr. E._ der Beschuldigten 1
im Grunde genommen keine höhere Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen
Delinquenz attestiert als einem "Durchschnittsmenschen". Das genügt für eine
Massnahmenindikation offensichtlich nicht. Hinzu kommt, dass gemäss den Fest-
stellungen von Dr. D._ die Beschuldigte 1 Einsicht in das Unrecht ihrer Tat
gewonnen habe (Urk. 119 S. 4), und auch die Beschuldigte 1 selbst bestätigte in
ihrem Schlusswort vor Vorinstanz, sie sehe die Tat mit Hilfe der von ihr freiwillig in
Anspruch genommenen Therapie nicht mehr als "moralischen Akt", sondern ganz
anders als damals (Prot. I S. 17). Dies bestätigte sie vor Berufungsinstanz und
ergänzte, dass sich das Thema, unbedingt noch ein Mädchen in der Familie zu
haben, erledigt habe (Urk. 152 S. 12 f.). Jedenfalls ist die Beschuldigte 1 seit ihrer
Entlassung aus der Untersuchungshaft im April 2010 auch straffrei geblieben.
Zusammen mit dem von Dr. E._ festgestellten – bereits erwähnten – Um-
stand, dass "die negativen Konsequenzen aus der eigenen Tat" (wohl vor allem
die Untersuchungshaft) der Beschuldigten 1 offensichtlich erheblichen Eindruck
gemacht haben und damit spezialpräventive Wirkung zu entfalten scheinen, sind
dies weitere Faktoren, welche die Annahme einer erhöhten Rückfallgefährdung
der Beschuldigten 1 verbieten.
4.1.2.5. Die Voraussetzungen für die Anordnung einer ambulanten Massnahme
im Sinne von Art. 63 Abs. 1 StGB sind damit nicht erfüllt. Es ist deshalb keine
solche Massnahme anzuordnen.
4.1.3. Zu prüfen bleibt mithin die Frage des Vollzugs der ausgefällten Freiheits-
strafe von 36 Monaten.
4.1.3.1. Eine Strafe von 36 Monaten kann nicht vollständig bedingt aufgeschoben
werden (Art. 42 Abs. 1 StGB). Hingegen kommt ein teilbedingter Aufschub des
Vollzugs gemäss Art. 43 Abs. 1 StGB in Frage. Dabei darf der unbedingt vollzieh-
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bare Teil die Hälfte der Strafe nicht übersteigen und muss sowohl der aufgescho-
bene wie auch der zu vollziehende Teil mindestens sechs Monate betragen
(Art. 43 Abs. 2 und 3 StGB).
Grundvoraussetzung für eine teilbedingte Strafe im Sinne von Art. 43 StGB ist,
dass eine begründete Aussicht auf Bewährung besteht. Zwar fehlt ein entspre-
chender Verweis auf Art. 42 StGB, doch ergibt sich dies aus Sinn und Zweck von
Art. 43 StGB. Wenn und soweit die Legalprognose des Täters nicht schlecht
ausfällt, verlangt die Bestimmung, dass zumindest ein Teil der Strafe auf Bewäh-
rung ausgesetzt wird. Umgekehrt gilt, dass bei einer Schlechtprognose auch ein
bloss teilweiser Aufschub der Strafe nicht gerechtfertigt ist. Denn wo keinerlei
Aussicht besteht, der Täter werde sich in irgendeiner Weise durch den – ganz o-
der teilweise – gewährten Strafaufschub beeinflussen lassen, muss die Strafe in
voller Länge vollzogen werden. Die Auffassung, dass die subjektiven Voraus-
setzungen von Art. 42 StGB auch für die Anwendung von Art. 43 StGB gelten
müssen, entspricht ganz überwiegender Lehrmeinung (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1 mit
div. Verweisen). Das – unklare – Element des Verschuldens im Wortlaut von
Art. 43 Abs. 1 StGB ist gemäss Bundesgericht mit der – verschuldensmässig
ermittelten – Strafhöhe verknüpft: Die Notwendigkeit einer teilbedingten Freiheits-
strafe ergibt sich demzufolge – wie vorliegend – als Folge der Schwere des Ver-
schuldens, das sich in einer Strafhöhe zwischen zwei und drei Jahren nieder-
schlägt (BGE 134 IV 1 E. 5.3.3). Das Verhältnis zwischen aufgeschobenem und
zu vollziehendem Strafteil ist nach pflichtgemässem Ermessen so festzusetzen,
dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters einerseits
und dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum Ausdruck kommen. Je
günstiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser
muss der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf
dabei das unter Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass
nicht unterschreiten (BGE 134 IV 1 E. 5.6).
4.1.3.2. Wie die Ausführungen zur Massnahmeindikation (Erw. 4.1.2 vorstehend)
zeigen, besteht bei der Beschuldigten 1 keine erhöhte Rückfallgefahr und ist ihr
keine ungünstige Legalprognose zu stellen. Es ist deshalb keine unbedingte
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Strafe notwendig, um sie von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen
abzuhalten, und es kann ihr der teilbedingte Aufschub der Strafe gewährt werden.
Bei der Bemessung des Verhältnisses zwischen dem zu vollziehenden und dem
bedingt aufzuschiebenden Teil der Strafe fällt zunächst ins Gewicht, dass das
Tatverschulden der Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten ge-
führt hat, was im obersten Bereich dessen liegt, in welchem eine teilbedingte Stra-
fe überhaupt möglich ist (1 Jahr bis 3 Jahre, Art. 43 Abs. 1 StGB). Bei Strafen in
derartigen Höhen spricht die angemessene Berücksichtigung der Verschuldens-
gesichtspunkte grundsätzlich für einen vollziehbaren Anteil im oberen Bereich des
Zulässigen. Eine Reduktion kann aber etwa bei einer einwandfreien Legalprogno-
se angezeigt sein. Dies ist vorliegend – wie gesehen – bei der Beschuldigten 1
der Fall. Es ist deshalb – mit der Vorinstanz (Urk. 112 S. 24) – nicht erforderlich,
mehr als einen Drittel der Freiheitsstrafe zu vollziehen.
4.1.3.3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe von 36 Monaten ist damit im Umfang von
24 Monaten bei einer Probezeit von 2 Jahren (Art. 44 Abs. 1 StGB; vgl. dazu
Urk. 112 S. 24; Art. 82 Abs. 4 StPO) bedingt aufzuschieben, und im übrigen
Umfang (12 Monate) ist die Strafe zu vollziehen.
4.1.4. Bei diesem Resultat wird der Anschlussberufungsantrag Ziff. 2 der Verteidi-
gung der Beschuldigten 1 (Aufschub des Vollzugs der Freiheitsstrafe zugunsten
der ambulanten Massnahme, Urk. 118 S. 2; Prot. II S. 6) naheliegenderweise hin-
fällig. Die Frage der Hafterstehungsfähigkeit (vgl. dazu Dr. D._ in Urk. 119
S. 13 ff. und Dr. E._ in Urk. 143 S. 19 ff.) ist sodann im Vollzugsverfahren zu
prüfen.
4.2. Beschuldigter 2
Unter Verweis auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz kann dem Be-
schuldigten 2 ohne Weiteres der bedingte Vollzug der gegen ihn ausgesproche-
nen Freiheitsstrafe von 24 Monaten gewährt werden. Als Probezeit ist eine solche
von 2 Jahren anzusetzen (Urk. 112 S. 24/25; Art. 82 Abs. 4 StPO).
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5. Kosten- und Entschädigungsfolgen
5.1. Die Vorinstanz hat die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Ver-
fahrens je unter solidarischer Haftung beiden Beschuldigten auferlegt (Urk. 112
S. 35). Dies ist nicht angefochten, zutreffend (Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO) und
entsprechend zu bestätigen.
5.2. Von dieser Kostenauflage ausgenommen hat die Vorinstanz in Anwendung
von Art. 426 Abs. 1 Satz 2 StPO die Kosten der amtlichen Verteidigungen beider
Beschuldigten. Diese Kosten überband die Vorinstanz der Gerichtskasse und
nahm in die Erwägungen den Hinweis auf die Rückzahlungspflicht gemäss
Art. 135 Abs. 4 StPO auf (Urk. 112 S. 33, 35).
5.3. Die Staatsanwaltschaft beantragt nun berufungsweise, es seien auch die
Kosten der amtlichen Verteidigungen den Beschuldigten aufzuerlegen. Deren
wirtschaftlichen Verhältnisse würden die Übernahme dieser Kosten erlauben
(Urk. 113 S. 4).
5.4. Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt grundsätzlich der Staat die Kosten der
amtlichen Verteidigung. Allerdings ist die zu den Verfahrenskosten verurteilte
beschuldigte Person verpflichtet, dem Staat die entsprechende Entschädigung
zurückzuzahlen, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO). Es ist unbestritten, dass ein solcher Rückzahlungsentscheid
auch schon im Endentscheid gefällt werden kann, wenn bereits zu diesem Zeit-
punkt feststeht, dass die beschuldigte Person zur Tragung dieser Kosten in der
Lage ist. In einem solchen Fall sind die Verfahrenskosten einfach einschliesslich
derjenigen der amtlichen Verteidigung dem Beschuldigten aufzuerlegen (Schmid,
StPO Praxiskommentar, N. 14 zu Art. 135; ZHK StPO-Lieber, N. 20 zu Art. 135;
BSK StPO-Ruckstuhl, N. 23 zu Art. 135).
Getragen werden müssen die Kosten der amtlichen Verteidigung vom Beschuldig-
ten dann, wenn dessen Einkommens- und Vermögensverhältnisse eine Rückzah-
lung erlauben, ohne den eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Angehörigen zu
gefährden (Schmid, a.a.O., N. 13 zu Art. 135). Dies entspricht dem Erfordernis
der Mittellosigkeit im Sinne von Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO. Im Zusammenhang mit
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Art. 29 Abs. 3 BV gilt eine Person gemäss der Rechtsprechung des Bundes-
gerichtes dann als bedürftig, wenn sie die infrage stehenden Prozesskosten nicht
aufzubringen vermag, ohne jene Mittel anzugreifen, die für die Deckung des eige-
nen notwendigen Lebensunterhalts und desjenigen ihrer Familie erforderlich sind
(BGE 128 I 225 E. 2.5.1 m.Hw.); in Betracht zu ziehen sind dabei nicht nur die
Einkommens-, sondern auch die Vermögensverhältnisse (BGE 124 I 97 E. 3b
m.Hw.). Zum angesprochenen Grundbedarf gehört, was zur Führung eines
bescheidenen, aber menschenwürdigen Lebens benötigt wird. Bei der Prüfung
der Frage der Bedürftigkeit sind sämtliche Umstände im massgeblichen Zeitpunkt
zu würdigen, wobei nicht schematisch auf das betreibungsrechtliche Existenz-
minimum abzustellen ist; vielmehr sind die Umstände des Einzelfalles zu berück-
sichtigen (BGE 124 I 1 E. 2a m.Hw.). Ein allfälliger Überschuss zwischen dem zur
Verfügung stehenden Einkommen und dem Zwangsbedarf der betreffenden
Partei ist mit den für den konkreten Fall zu erwartenden Kosten in Beziehung zu
setzen (BGE 118 Ia 369 E. 4a); dabei sollte ihr der monatliche Überschuss
ermöglichen, die Prozesskosten bei weniger aufwändigen Prozessen innert eines
Jahres, bei anderen innert zweier Jahre zu tilgen (BGE 109 Ia 5 E. 3a m.Hw.; 118
Ia 369 E. 4a).
5.5. Zu den finanziellen Verhältnissen kann grundsätzlich auf die Ausführungen
vor Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 93 S. 2; Urk. 94 S. 2, Urk. 89; Urk. 91
Urk. sowie 92/1-7). Heute wurde aktualisierend ausgeführt, dass der Beschul-
digte 2 seine Anstellung verloren und sich seit 1. Februar 2012 selbständig
gemacht hat, was zu einer Einbusse seines Einkommens führte. Seither habe er
Rechnungen in Höhe von Fr. 20'000.– stellen können, allerdings habe er zurzeit
keine Aufträge pendent. Auch seine Frau habe sich selbständig gemacht und ver-
diene brutto ca. Fr. 70'000.– im Jahr. Weitere monatliche Einkünfte in Höhe von
Fr. 3’574.– erlangen sie durch die Vermietung von zwei in ihrem Eigentum
stehenden Wohnungen. Die Beschuldigte 1 erhält zudem monatlich Alimente für
N._ von dessen leiblichen Vater in Höhe von Fr. 1'300.–. An Vermögens-
werten stehen wie erwähnt eine Eigentumswohnung sowie ein Einfamilienhaus
mit zwei Wohnungen – von welchen eine die Beschuldigten bewohnen – im
Eigentum des Beschuldigten 2, welche indes hypothekarisch belastet sind. Für
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die Wohnung habe er im Jahre 1997 Fr. 375'000.– bezahlt, für das Haus
Fr. 1'550'000.– im Jahre 2001. Für die beiden Liegenschaften bezahle er jährlich
insgesamt Fr. 50'000.– an Hypothekarzinsen. Die in der Steuererklärung 2010
unter weitere Vermögenswerte verzeichneten Fr. 100'000.– seien weiterhin noch
vorhanden. Für sich und seinen Sohn O._ bezahle er monatlich Fr. 500.– bis
Fr. 600.– an Krankenversicherungsprämien. Die Beschuldigte 1 habe zudem
Erspartes in Höhe von Fr. 20'000.– (Urk. 151 S. 1-4; Urk. 152 S. 2).
Die finanziellen Verhältnisse der Beschuldigten 1 und 2 sind trotz des nun
geringeren gemeinsamen Einkommens (vor Vorinstanz belief sich dieses auf
Fr. 13'500.– monatlich; Urk. 93 S. 2; Urk. 94 S. 2) insgesamt als günstig zu
bezeichnen, sodass sie zur Tragung ihrer jeweiligen Kosten der amtlichen Vertei-
digung durchaus in der Lage sind, ohne dabei ihren Lebensunterhalt und denjeni-
gen ihrer Kinder zu gefährden. Hinsichtlich des erstinstanzlichen Verfahrens sind
den Beschuldigten folglich die Kosten je ihrer eigenen amtlichen Verteidigung
auferlegen.
5.6. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind auf Fr. 5'000.– zu veranschlagen
(Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 der Gebührenverordnung des
Obergerichts, LS. 211.11).
Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten nach Massgabe des Obsie-
gens oder Unterliegens der Parteien (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ausgangsgemäss
– sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Beschuldigten unterliegen je mit
ihren (wesentlichen) Anträgen – sind deshalb die Kosten des Berufungsverfah-
rens zur einen Hälfte in je solidarischer Haftung den Beschuldigten aufzuerlegen
und zur andern Hälfte auf die Gerichtskasse zu nehmen. Entsprechend den vor-
stehenden Erwägungen (Erw. 5.5.) sind den Beschuldigten auch die Kosten ihrer
jeweiligen amtlichen Verteidigung aufzuerlegen – ebenfalls ausgangsgemäss je
im hälftigen Umfang. Zur andern Hälfte sind sie definitiv auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
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