# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** b5ac277a-3bd4-5694-bbb1-0507c3aa37e0
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Am 22. November 2007 erteilte die Gemeinde Saanen dem Beschwerdeführer die
Bewilligung für den Anbau eines Autounterstandes mit Schrägdach und Balkon auf der
Südseite des Gebäudes Z._Strasse A._ (Gebäude Nr. A._) auf
der Parzelle Saanen Grundbuchblatt Nr. E._. Die Parzelle liegt in der
Dorfkernzone DK2. Das Gebäude Nr. A._ ist im Bauinventar als schützenswert
verzeichnet (K-Objekt) und mit Unterschutzstellungsvertrag vom 5. Juli 2005 geschützt.
Der Schutz umfasst ausschliesslich die Fassade des angebauten Gebäudes Nr.
C._, soweit sie im Innern des Gebäudes Nr. A._ liegt. Das Gebäude Nr.
A._ bildet Teil der Baugruppe B (Z._Strasse). Saanen ist im Inventar der
schützenswerten Ortsbilder (ISOS) als Dorf von nationaler Bedeutung eingestuft.
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2. Am 24. März 2014 reichte der Beschwerdeführer ein Baugesuch ein für die
Vergrösserung des Balkons auf dem Autounterstand. Es ist vorgesehen, das Schrägdach
des Autounterstands durch ein vertikales Balkongeländer in Holzkonstruktion zu ersetzen.
Die Gemeinde erachtete die Projektänderung aus gestalterischen Gründen nicht als
bewilligungsfähig und teilte dies dem Beschwerdeführer am 14. April 2014 mit. Der
Beschwerdeführer hielt an der Projektänderung fest und verlangte die Fortsetzung des
Verfahrens.
Anlässlich der folgenden Gespräche und einer Begehung mit der Denkmalpflege des
Kantons Bern (KDP) wurden Varianten mit Balkon und geschlossenem Erdgeschoss
besprochen. Die Gemeinde informierte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom 20. Juni
2014, dass eine mit der KDP abgesprochene Variante mit Schliessung des unteren Teils
bewilligt werden könnte, dass ein Schliessen des offenen Unterstands in der bestehenden
Grösse jedoch abgelehnt werde und die Variante des Beschwerdeführers als nicht
bewilligungsfähig betrachtet werde.
Mit Schreiben vom 8. Juli 2014 ersuchte der Beschwerdeführer die Gemeinde, das
Verfahren gemäss dem Baugesuch vom 20. März 2014 wieder aufzunehmen, worauf die
Gemeinde bei der KDP einen Fachbericht einholte. Die KDP beantragte mit Fachbericht
vom 11. August 2014, das Bauvorhaben nicht zu bewilligen, da die geplante
Vergrösserung der Terrasse und die Umgestaltung des Balkongeländers zu einer
Verschlechterung gegenüber der bestehenden Situation führten. Die bereits fremd
anmutende Carport-Terrasse im bedeutenden Ortsbild von Saanen trete noch deutlicher in
Erscheinung und führe je nach Möblierung der Terrasse zu einer Störung im wertvollen
Ortsbild. Da das Vorhaben gegenüber dem bestehenden Zustand zu einer
Verschlimmerung führe, sei das Vorhaben aus Sicht der KDP nicht zu bewilligen.
Die Gemeinde gab dem Beschwerdeführer am 29. August 2014 Gelegenheit, zum
Fachbericht der KDP Stellung zu nehmen und teilte ihm mit, dass sie das Bauvorhaben
nicht als bewilligungsfähig erachte. Nach Eingang der Stellungnahme des
Beschwerdeführers vom 23. September 2014 erteilte die Gemeinde Saanen mit Entscheid
vom 28. Oktober 2014 den Bauabschlag.
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3. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 25. November 2014 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die
Aufhebung des Bauentscheides vom 28. Oktober 2014 und die Erteilung der
Baubewilligung. Zudem beantragt der Beschwerdeführer, das Baugesuch sei zu
veröffentlichen und das Einspracheverfahren durchzuführen oder durch die Gemeinde
durchführen zu lassen. Es sei ein Augenschein anzuordnen.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten sowie die Stellungnahmen der Gemeinde und der KDP ein. Beide beantragen die
Abweisung der Beschwerde.
Das Rechtsamt beauftragte die Gemeinde Saanen, das Bauvorhaben zu publizieren und
das Auflageverfahren durchzuführen. Es gingen keine Einsprachen ein. Das Rechtsamt
holte bei der KDP eine Kopie des Unterschutzstellungsvertrags vom 5. Juli 2005 ein. Am
2. Juni 2015 führte das Rechtsamt im Beisein des Beschwerdeführers, einer Vertretung der
Gemeinde, der KDP und der kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und
Landschaftsbilder (OLK) einen Augenschein mit Instruktionsverhandlung durch. Die
Verfahrensbeteiligten erhielten Gelegenheit zum Protokoll des Augenscheins mit
Instruktionsverhandlung Stellung zu nehmen und Schlussbemerkungen einzureichen.
5. Auf die Rechtsschriften und das Ergebnis des Augenscheins wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
4
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Baugesuch abgewiesen wurde, ist
durch den vorinstanzlichen Bauabschlag beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Begründung des angefochtenen Entscheids
a) Der Beschwerdeführer macht geltend, der Bauabschlag sei ungenügend begründet.
Die Gemeinde lege nicht dar, weshalb sich das Bauvorhaben nicht in das Ortsbild
einordne. Zudem setze sie sich nicht mit seiner Stellungnahme vom 23. September 2014
bzw. der eingereichten Fotodokumentation mit vergleichbaren Terrassen auseinander.
b) Eine Verfügung muss die Tatsachen, Rechtssätze und Gründe enthalten, auf die sie
sich stützt (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG3). Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
die Betroffenen den Entscheid sachgerecht anfechten können. Deshalb muss die Behörde
mindestens kurz die Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf
die sie ihren Entscheid stützt. Sie muss sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung
zum Sachverhalt und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie
sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken.4
c) Im angefochtenen Entscheid ist im Sachverhalt dargelegt, dass die Gemeinde das
Bauvorhaben aus gestalterischen Gründen ablehnte und dass in der Folge mehrere
Varianten des Bauvorhabens diskutiert wurden, darunter solche mit geschlossenem
Sockel. Die Begründung unter dem Titel Erwägungen ist knapp. Sie beschränkt sich im
Wesentlichen darauf, dass Aspekte der Gestaltung und des Ortsbildschutzes als Gründe
für den Bauabschlag genannt werden und dass das Bauvorhaben eine Verschlechterung
gegenüber der bestehenden Situation darstelle. Wie der Beschwerdeführer zu Recht
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 BGE 134 I 83 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 6 ff.
5
vorbringt, setzt sich der angefochtene Entscheid nicht mit den von ihm genannten
Vergleichsbeispielen auseinander. Dies stellt einen Mangel der Begründung dar. Der
Beschwerdeführer konnte den Bauabschlag aber dennoch sachgerecht anfechten. Es
wurden im vorinstanzlichen Verfahren mehrere Besprechungen vor Ort durchgeführt und
verschiedene Varianten besprochen, was der Beschwerdeführer anlässlich des
Augenscheins anerkannte.5 Es war dem Beschwerdeführer daher möglich, seine Rechte zu
wahren und den Bauabschlag sachgerecht anzufechten. Eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs liegt nicht vor.
3. Denkmalschutz
a) Der Beschwerdeführer macht geltend, der Denkmalschutz stehe dem Bauvorhaben
nicht entgegen. Zudem stört er sich daran, dass die Gemeinde für die Beurteilung des
Projekts die KDP beizog.
Die Gemeinde erklärt, seit der Aufnahme ins ISOS werde dem Ortsbild punkto Gestaltung
mehr Aufmerksamkeit geschenkt und es werde bei jedem Eingriff ein Fachbericht der KDP
eingeholt.
b) Baudenkmäler sind herausragende Objekte und Ensembles von kulturellem,
historischem oder ästhetischem Wert, wie namentlich Ortsbilder, Baugruppen, Bauten,
Gärten, Anlagen, innere Bauteile, Raumstrukturen und feste Ausstattungen (Art. 10a Abs.
1 BauG). Sie können nach den Bedürfnissen des heutigen Lebens und Wohnens für
bisherige oder passende neue Zwecke genutzt und unter Berücksichtigung ihres Wertes
verändert werden. Sie dürfen durch Veränderungen in ihrer Umgebung nicht beeinträchtigt
werden (Art. 10b Abs. 1 BauG). Im Baubewilligungsverfahren sind die zur Abwehr von
Gefährdungen erforderlichen Bedingungen und Auflagen festzusetzen; es können
Projektänderungen verlangt, soweit nötig Baubeschränkungen oder der Bauabschlag
verfügt werden (Art. 10b Abs. 4 BauG).
Betreffen Bewilligungsverfahren schützenswerte oder erhaltenswerte Baudenkmäler, die in
einem Ortsbildschutzperimeter liegen oder Bestandteil einer im Bauinventar
5 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 3 (Votum Herr Fürsprecher Y_)
6
aufgenommenen Baugruppe sind, ist die zuständige kantonale Fachstelle in jedem Fall in
das Verfahren einzubeziehen (Art. 10c Abs. 1 BauG). Sind erhaltenswerte Baudenkmäler
betroffen, die nicht in einem Ortsbildschutzperimeter liegen oder nicht Bestandteil einer im
Bauinventar aufgenommenen Baugruppe sind, genügt der Einbezug der Gemeinden
(Art. 10c Abs. 2 BauG).
c) Das Gebäude Nr. A._ ist im Bauinventar als schützenswert verzeichnet und
befindet sich in der Baugruppe B (Z._Strasse). Die Gemeinde hat daher zu Recht
die KDP für die Beurteilung des Bauvorhabens beigezogen.
d) Der Schutz des Gebäudes Nr. A._ als Einzelobjekt betrifft gemäss
Bauinventar und Unterschutzstellungsvertrag vom 5. Juli 2005 ausschliesslich die Fassade
des angebauten Nachbargebäudes Nr. C._, soweit sie im Innern des Gebäudes
Nr. A._ liegt. Die geschützte Fassade wird durch das Bauvorhaben nicht tangiert.6
e) Im Bauinventar wird für die Baugruppe B (Z._Strasse), in der das
Bauvorhaben liegt, die Hauptstrasse mit "geradezu städtisch dichter Bebauung" mit fast
ausschliesslich giebelständigen Ständer-Blockbauten hervorgehoben, wobei zahlreiche
bemerkenswerte Bauten noch aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Dorfbrand von
1575 und aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen. Genannt werden sodann die hinter
der südlichen Häuserzeile erhaltenen ländlichen Freiräume mit schmucken kleinen Gärten.
Die Vereinbarkeit des Bauvorhabens mit der Baugruppe B (Z._Strasse) wird unten
in Erwägung 5 betreffend Ortsbildschutz geprüft.
4. Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)
a) Der Beschwerdeführer bringt vor, das ISOS stehe dem Bauvorhaben nicht entgegen.
Die Vorinstanz verweise lediglich generell auf das ISOS, sie erkläre jedoch nicht, inwiefern
sich das Bauvorhaben tatsächlich nicht in das Ortsbild einordne.
Die KDP führt in ihrer Stellungnahme vom 19. Dezember 2014 aus, das Vorhaben befinde
sich im Dorfzentrum, welches im ISOS mit dem höchsten Erhaltungsziel A bewertet sei.
6 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 4 (Votum KDP)
7
Der Autounterstand mit Terrasse sei von der D._Strasse prominent einsehbar und
befinde sich vor der Einmündung in die Z._Strasse.
b) Saanen ist im ISOS als Dorf eingetragen. Das Gebäude des Beschwerdeführers ist
zwar nicht als Einzelobjekt im ISOS verzeichnet, es befindet sich aber im Gebiet Ortskern,
der mit "dichte Folge von giebelständigen Saaner Häusern entlang der Hauptstrasse, mit
Bauten grossenteils aus dem 16.-18. Jahrhundert" beschrieben wird. Unmittelbar
angrenzend befindet sich das Bahnhofquartier, das gemäss ISOS eine kurze
Bahnhofachse aufweist, gewerblich geprägt ist und aus Hotel sowie Wohn-
/Geschäftshäuser mehrheitlich von Anfang des 20. Jahrhunderts besteht. Es gilt das
Erhaltungsziel A, d.h. es sollen die Substanz sowie alle Bauten, Anlageteile und Freiräume
erhalten werden.
c) Das ISOS ist nur bei der Erfüllung von Bundesaufgaben unmittelbar verbindlich
(Art. 6 Abs. 2 NHG7). Steht wie hier mit der Beurteilung eines Bauvorhabens innerhalb der
Bauzone eine kommunale Aufgabe in Frage, ist das ISOS aber zu berücksichtigen. Das
heisst, dass die im ISOS verankerten und bezüglich des Gebäudes des
Beschwerdeführers relevanten Ortsbild- und Denkmalschutzanliegen bei der Beurteilung
des Baugesuchs in die Interessenabwägung einzubeziehen sind.8
5. Ortsbildschutz
a) Der Beschwerdeführer bringt vor, die Gemeinde begründe nicht, inwiefern das
Bauvorhaben mit den kantonalen und kommunalen Vorschriften zum Ortsbildschutz nicht
vereinbar sei. Das Argument, die Umgestaltung des Balkongeländers führe aus
ortsbildpflegerischer Sicht zu einer Verschlechterung gegenüber der heutigen Situation, sei
nicht stichhaltig. Ein Bauabschlag könne auch im Fall einer Verschlechterung der Ästhetik
des Gebäudes nicht verfügt werden, solange das Ortsbild nicht beeinträchtigt werde.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
7 Bundesgesetz vom 1. Juli 1966 über den Natur- und Heimatschutz (NHG; SR 451) 8 Vgl. VGE 100.2012.332 vom 11.9.2013 E. 4.4
8
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.9
Nach Art. 26 Abs. 1 GBR10 sind alle Bauten und Anlagen hinsichtlich ihrer
Gesamterscheinung, Gebäudestellung, Proportionen, Fassaden-, Balkon- und
Dachgestaltung und der Verwendung von Baumaterialien so auszubilden, dass zusammen
mit den bestehenden oder vorauszusehenden Bauten eine gute Gesamtwirkung entsteht
und die Schönheit oder erhaltenswerte Eigenart des Strassen-, Orts- und
Landschaftsbildes gewahrt bleibt. Nach Art. 26 Abs. 3 GBR gilt grundsätzlich die Typologie
der ortsüblichen Bauweise. Diese Be-stimmungen gehen weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG;
ihnen kommt daher selbständige Bedeutung zu.
Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff
dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.11
c) Am Gebäude des Beschwerdeführers ist ein offener Autounterstand mit schrägem
Dach mit Dachziegeln angebaut. Im Dach eingelassen ist ein Balkon mit einer Fläche von
ca. 12,50 m2. Das Bauvorhaben sieht vor, das Schrägdach abzureissen und stattdessen
auf der ganzen Fläche des Daches des Autounterstandes einen Balkon von 26,50 m2 zu
9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 10 Baureglement der Einwohnergemeinde Saanen vom 11. März 2011 11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1
9
erstellen, umrandet von einem Balkongeländer aus Holz. Das Bauvorhaben befindet sich
an der D._Strasse in unmittelbarer Nähe zur Z._Strasse. Gemäss
Umschreibung im ISOS ist der Ortskern von Saanen geprägt durch eine "dichte Folge von
giebelständigen Saaner Häusern entlang der Hauptstrasse, mit Bauten grossenteils aus
dem 16.-18. Jahrhundert". Unmittelbar angrenzend befindet sich das Bahnhofquartier, das
gemäss ISOS eine kurze Bahnhofachse aufweist, gewerblich geprägt ist und aus Hotels
sowie Wohn- und Geschäftshäuser mehrheitlich von Anfang des 20. Jahrhunderts besteht.
Gemäss Bauinventar handelt es sich räumlich wie architektonisch um eine ausgesprochen
qualitätvolle Baugruppe mit eindrücklichem inneren Ortsbild.
d) Der Vertreter der KDP führte in der Stellungnahme vom 19. Dezember 2014 sowie
am Augenschein aus, mit dem bestehenden Ziegeldach füge sich der Autounterstand mit
Terrasse gut ins wertvolle Ortsbild von Saanen ein. Der Baukörper sei zurückhaltend
gestaltet und wirke unaufdringlich. Das nun geplante Bauvorhaben mit Ersatz des
Ziegeldaches durch ein herkömmliches Balkongeländer aus Holz würde zu einer deutlich
grösseren Terrasse führen und einen massgebenden Einfluss auf das Aussehen haben. Im
Vergleich mit dem zurückhaltenden und selbstverständlichen Erscheinungsbild des
bestehenden Ziegeldaches würde ein konventionelles Brüstungsgeländer deutlich stärker
in Erscheinung treten. Der Autounterstand mit Terrasse würde einen fremd anmutenden,
im Kern von Saanen untypischen, Baukörper mit Flachdach darstellen und zu einer
Verschlechterung der heutigen Situation und zu einer Beeinträchtigung des wertvollen
Ortsbildes führen.
Die Vertreter der OLK erklärten am Augenschein, es sei bereits erstaunlich, dass der
bestehende Carport mit dem Ziegeldach und Balkon bewilligt worden sei. Das Gebäude
befinde sich im Strassenzug, weshalb der seitlich am Gebäude angebaute Carport gut
sichtbar sei. Es bestehe sehr wenig Luft zum Nachbargebäude, weshalb der Carport von
diesem wie auch von der Strasse hätte weiter zurückversetzt werden müssen. Zudem
entspreche die vorliegende Ausführung nicht einem Autounterstand.12 Immerhin nehme
das schräge Ziegeldach Elemente des Hauses auf und verbinde sich dadurch mit dem
Hauptbau. Zudem sei der Carport offen, was die Sicht auf den dahinterliegenden Hinterhof
und das geschützte Gebäude Nr. C._ ermögliche.13 Das Bauvorhaben – also das
12 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 5 (Votum OLK) 13 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 5 f. (Votum OLK)
10
Ersetzen des schrägen Ziegeldachs durch ein übliches Balkongeländer – betrachten die
Vertreter der OLK übereinstimmend mit der KDP als eine gegenüber dem bestehenden
Carport stärkere Beeinträchtigung des Ortsbilds.
d) Das Bauvorhaben ist direkt an der D._Strasse und in unmittelbarer Nähe
zum Dorfzentrum in einer geschützten Umgebung geplant. Die Lage ist gut einsehbar, so
dass sich Änderungen stark auf das Ortsbild auswirken.14 Der geplante grosse Balkon auf
dem Autounterstand schafft einen Gegensatz zur bestehenden Bebauung. Bereits der
bestehende Autounterstand mit dem schrägen Ziegeldach und dem Balkon wirkt ortsfremd.
Er lehnt sich mit seiner Dachgestaltung aber immerhin an das Hauptgebäude an und wirkt
durch das schräge Ziegeldach trotz seiner Dimensionen nicht so wuchtig.15 Mit einem
senkrechten Balkongeländer ergibt sich demgegenüber ein ganz anderes
Erscheinungsbild. Der Autounterstand wird viel grösser, dominanter und damit auffälliger
und störender. Der Balkon wirkt wie ein zusätzliches Geschoss. Er füllt den bestehenden –
für das Ortsbild von Saanen typischen – Zwischenraum zum Nachbargebäude
D._Strasse 1 in der Breite fast vollständig aus. Ein Balkon dieser Grösse
beeinträchtigt zudem die Strassenflucht, weil das Geländer von der Fassade des
Hauptgebäudes zu wenig zurückversetzt ist. Dadurch wird die Fassade stärker betont; sie
wirkt dadurch länger. Der Zwischenraum ist dadurch kaum mehr wahrnehmbar, was das
Erscheinungsbild der D._Strasse beeinträchtigt. Es wird keine gute
Gesamtwirkung mit der bestehenden Bebauung erzielt (Art. 26 Abs. 1 GBR). Der geplante
Balkon ist mit den Anliegen des Ortsbildschutzes nicht vereinbar.
e) Hinzu kommt, dass ein abgestützter Balkon nicht der Typologie der ortsüblichen
Bauweise entspricht (Art. 26 Abs. 3 GBR). Wie unten in Erwägung 6 eingehender gezeigt
wird, gibt es keine dem geplanten Bauvorhaben entsprechende Vergleichsbeispiele. Das
Bauvorhaben entspricht weder einer historischen noch einer jüngeren oder aktuellen
Bauweise in Saanen. Wie der Vertreter der OLK ausführte, waren Balkone historisch
betrachtet durch das Baumaterial Holz von ihrer Grösse her beschränkt.16 Weder wurden
Balkone mit einer Grösse des geplanten Bauvorhabens errichtet noch wurden Balkone
abgestützt. Das Bauvorhaben entspricht auch nicht einer neueren üblichen Bauweise.
14 Fotodokumentation zum Augenschein vom 2. Juni 2015, Foto Nrn. 1 bis 5 15 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 4 und 8 (Voten KDP) 16 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 6 (Votum OLK)
11
Balkone – bzw. richtiger Terrassen – wurden auf dem Flachdach bestehender Anbauten
eingerichtet.17 Ein geschlossener Unterbau ist vorliegend nicht vorhanden. Das
Bauvorhaben entspricht nicht der ortsüblichen Bauweise.
f) Zusammengefasst steht damit fest, dass sich das Bauvorhaben nicht in das
geschützte Ortsbild von Saanen integriert und dass es nicht der Typologie der ortsüblichen
Bauweise entspricht. Der Bauabschlag führt auch nicht zu einer ungerechtfertigten Härte,
da der Beschwerdeführer bereits heute über einen Balkon auf dem Autounterstand verfügt.
Die beantragte Vergrösserung stellt für den Beschwerdeführer eine Ideallösung dar, die
nicht mit dem Ortsbildschutz vereinbar ist.
6. Rechtsgleichheit
a) Der Beschwerdeführer macht geltend, die Gemeinde habe eine Vielzahl dem
geplanten Bauvorhaben vergleichbarere Vorhaben bewilligt. Er legt eine ausführliche
Dokumentation vor.
Die Gemeinde erklärt in ihrer Stellungnahme, die aufgeführten Vergleichsobjekte wichen in
entscheidenden Punkten von der Situation an der D._Strasse ab. So seien mit
einer Ausnahme alle Vergleichsobjekte vor 1983 und damit vor der Aufnahme von Saanen
in das ISOS errichtet worden. Zudem seien die meisten angeführten Beispiele Hofbauten,
die strassenseitig nicht in Erscheinung träten. Es handle sich um ehemalige Werkstätten
oder Lager, die oft ursprünglich eingeschossig gewesen seien und im Laufe der Jahre
aufgestockt oder erweitert worden seien. Diese Flachdächer seien in späterer Zeit zu
Terrassen umgenutzt und mit Geländern versehen worden. Es trete das Erdgeschoss als
geschlossener Sockel in Erscheinung.
Die KDP führt in ihrer Stellungnahme vom 19. Dezember 2014 aus, die vom
Beschwerdeführer angegebenen Referenzobjekte seien nicht mit dem vorliegenden
Vorhaben vergleichbar. Die angegebenen Objekte befänden sich an weit weniger
ortsbildrelevanter Lage. Praktisch alle seien im rückwärtigen Bereich, von der Schau- und
Strassenfront abgewandt und kaum einsehbar. Oft seien es Balkon- und
17 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 6 (Votum OLK)
12
Terrassenanbauten mit einem festen und geschlossenen Unterbau oder ortsübliche
Erweiterungen des Sockelgeschosses.
b) Das Gebot rechtsgleicher Behandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV18 ist ein
verfassungsmässiges Recht. Es garantiert die Gleichbehandlung von Personen durch alle
staatlichen Organe.19 Der Umstand, dass das Gesetz in anderen Fällen nicht oder nicht
richtig angewandt worden ist, gibt dem Bürger grundsätzlich keinen Anspruch darauf,
ebenfalls abweichend vom Gesetz behandelt zu werden. Denn der Grundsatz der
Gesetzmässigkeit der Verwaltung geht dem Rechtsgleichheitsprinzip, und damit dem
Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht, in der Regel vor.20 Auf Gleichbehandlung im
Unrecht besteht jedoch grundsätzlich ein Anspruch, wenn die Behörde nicht nur in einem
oder einigen Fällen, sondern in ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und zu erkennen
gibt, dass sie auch in Zukunft nicht gesetzeskonform handeln werde.21 Selbst wenn diese
Voraussetzungen erfüllt sind, können diesen öffentliche Interessen oder berechtigte
Interessen Dritter an gesetzmässiger Rechtsanwendung entgegenstehen.22
c) Anlässlich des Augenscheins hat das Rechtsamt zusammen mit dem
Beschwerdeführer, den Vertretern der Gemeinde und der Fachbehörden einen Rundgang
gemacht und die aus Sicht des Beschwerdeführers wichtigsten Vergleichsobjekte seiner
Fotodokumentation angeschaut. Dabei hat sich bestätigt, dass wesentliche Unterschiede
zum Bauvorhaben des Beschwerdeführers bestehen. Ein wesentlicher Unterschied der
vorgebrachten Vergleichsobjekte besteht darin, dass die Terrassen auf den Flachdächern
von geschlossenen Anbauten bzw. eingeschossigen Gebäudeteilen eingerichtet wurden.
Dies gilt für die am Augenschein betrachteten Objekte, aber auch für die anderen, in der
Fotodokumentation des Beschwerdeführers genannten.23 So ist insbesondere die Terrasse
auf dem Postgebäude auf dem eingeschossigen Teil des Erdgeschosses des
18 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 19 Jörg Paul Müller, Grundrechte in der Schweiz, 3. Auflage, Bern 1999, S. 396 ff.; BGE 117 Ia 257 E. 3b m.w.H. 20 BGE 122 II 451 E. 4a m.w.H. 21 Vgl. BGE 127 I 2 E. 3a 22 Vgl. BGE 123 II 248 E. 3c 23 Fotodokumentation zum Augenschein vom 2. Juni 2015, Foto Nrn. 5, 6, 7, 9, 10, 11; Vorakten, pag. 129 bzw. Beschwerdebeilage Nr. 4
13
Hauptgebäudes errichtet. Zudem ist der offene Autounterstand in diesen Fällen mit
geschlossenem Unterbau bereits von der Konstruktionsweise her nicht vergleichbar. Weiter
befindet sich das Bauvorhaben des Beschwerdeführers an der D._Strasse in
unmittelbarer Nähe zur Kreuzung Z._Strasse und D._Strasse und damit
an äusserst prominenter Lage, während die genannten Vergleichsobjekte mehrheitlich in
Seitengässchen und Hinterhöfen anzutreffen sind.24 Sie tangieren das Ortsbild damit
weniger. Sodann sind der jeweilige Standort und die konkrete Wirkung zu berücksichtigen.
Der Anbau steht vorliegend in einem für Saanen typischen Zwischenraum zwischen zwei
Gebäuden, der den Blick auf den Hinterhof erlaubt.25 Die Platzverhältnisse sind eng. Beim
Vergleichsobjekt Nr. 1, Hinterhof Z._Strasse 65, ist deutlich mehr Platz
vorhanden.26 In dieser Hinsicht sind auch die Vergleichsobjekte 2 und 12 bis 14 (Hinterhof
Z._Strasse 44, 50, 52, 54) nicht vergleichbar, da es sich um Gebäude in
geschlossener Bauweise handelt.27 Die vom Beschwerdeführer genannten Objekte sind mit
dem Bauvorhaben weder von der Konstruktion noch von ihrer Stellung oder ihrer jeweiligen
Wirkung in Bezug auf das Ortsbild vergleichbar. Auch das vom Beschwerdeführer in den
Schlussbemerkungen neu genannte Gebäude an der D._Strasse 30 ändert an
dieser Feststellung nichts. Zwar sind hier Stützen vorhanden und das Objekt befindet sich
direkt an der D._Strasse. Es weist jedoch gegenüber dem Bauvorhaben viel
kleinere Dimensionen auf und es befindet sich nicht in einem engen Zwischenraum,
sondern in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, wo Einzelbauten – teilweise mit Garten – das
Ortsbild prägen.28 Zudem könnte aus einem Einzelobjekt nicht eine ständige Praxis der
Gemeinde abgeleitet werden.
Zusammengefasst steht fest, dass die vom Beschwerdeführer genannten Beispiele keine
tauglichen Vergleichsobjekte darstellen. Eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung liegt
nicht vor. Die Beschwerde ist auch in diesem Punkt unbegründet und daher abzuweisen.
7. Zusammenfassung und Kosten
24 Vergleichsobjekte 1, 2, 8 und 12 bis 14 (Hinterhof Z._Strasse 44, 50, 52, 54, 65); Fotodokumentation zum Augenschein vom 2. Juni 2015, Foto Nrn. 7, 9, 10, 11 25 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 5 f. (Votum OLK) 26 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 11 (Votum OLK) 27 Fotodokumentation zum Augenschein vom 2. Juni 2015, Foto 11 28 Protokoll des Augenscheins vom 2. Juni 2015, S. 5 f. (Votum OLK)
14
Damit steht fest, dass das Bauvorhaben nicht bewilligt werden kann. Es kann offen bleiben,
welche Abstandsvorschriften auf das Bauvorhaben anwendbar sind und ob
Näherbaurechte erforderlich wären. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der
Beschwerdeführer. Er hat die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Die
Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für
besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die Pauschalgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 600.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1
GebV29). Für den Augenschein vom 2. Juni 2015 wird in Anwendung von Art. 20 Abs. 1
GebV eine zusätzliche Gebühr von Fr. 400.00 erhoben. Die Kosten der OLK (Fr. 800.00
gemäss Schreiben vom 21. Juli 2015) werden gestützt auf Art. 11 GebV zusätzlich
erhoben. Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren betragen somit Fr. 1'800.00.
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).