# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 871de43f-8514-4c42-9fe5-1a86b633f50c
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ L. H. (geboren am 2. Oktober 1956) ist geschieden und kaufte zusammen mit ihrem
Sohn und dessen Ehefrau mit Vertrag vom 3. April 2003 das Grundstück Nr. 1 (W-
Strasse xx), Grundbuch D., mit schlüsselfertig erstelltem Doppeleinfamilienhaus sowie
den Miteigentumsanteil Nr. x am Grundstück Nr. 2 (Tiefgarage W-Strasse), Grundbuch
D. Der Kaufpreis betrug insgesamt Fr. 474'500.--. Der Kaufpreis wurde durch die
Übernahme der Schuldpflicht am Grundpfandrecht in der Höhe von Fr. 350'000.--
sowie durch eine Banküberweisung von Fr. 124'500.-- beglichen. Zur Finanzierung der
Liegenschaft gewährte L. H, ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter gemäss
Darlehensvertrag vom 14. März 2003 ein zinsloses Darlehen aus
Pensionskassenguthaben im Betrag von Fr. 120'000.--. Gemäss Vertrag ist das
Darlehen in ca. zwanzig Jahren oder beim Verkauf des Hauses zurück zu zahlen, und
die anfallende Steuer auf den Pensionskassengeldern ist vom Sohn und dessen
Ehefrau zu bezahlen. Am 31. August 2005 erwarb L. H. wiederum zusammen mit ihrem
Sohn und dessen Ehefrau für Fr. 25'000.-- den Miteigentumsanteil Nr. y am
Grundstück Nr. 2 (Tiefgarage W-Strasse), Grundbuch D. Bis zum Verkauf des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grundstücks 1 und der Miteigentumsanteile Nrn. x und y waren im Grundbuch L. H. als
Miteigentümerin zur Hälfte sowie ihr Sohn und ihre Schwiegertochter als Miteigentümer
zu je einem Viertel eingetragen.
Mit Vertrag vom 15. Dezember 2010 verkauften L. H. sowie ihr Sohn und dessen
Ehefrau per 1. Juli 2011 das Grundstück Nr. 1 sowie die Miteigentumsanteile Nrn. x
und y zu einem Preis von Fr. 615'000.--. Der Verkaufspreis wurde durch
Banküberweisungen auf das Hypothekarkonto der Verkäufer im Betrag von
Fr. 432'000.--, auf das Privatkonto der Verkäufer im Betrag 15'000.-- per 15. Dezember
2010, auf ein Sperrkonto mit Zahlungsvermerk "L H., in D., Rückzahlung BVG" im
Betrag von Fr. 120'000.-- sowie auf das Privatkonto der Verkäufer im Betrag von
48'000.-- per 1. Juli 2011 beglichen.
B./ Am 13. August 2010 stellte L. H. den Antrag auf Sozialhilfeleistungen bei den
Sozialen Diensten D. Mit Verfügung vom 7. September 2010 wurde L. H. ab Mitte
August 2010 monatlich mit Fr. 769.90.-- (inkl. Krankenkassenprämien, aber ohne
Krankheitskosten) unterstützt. L. H. erhob gegen die Verfügung mit Eingabe vom
13. September 2010 vorsorglich Rekurs beim Gemeinderat D. Mit Schreiben ihres
Rechtsvertreters vom 11. Oktober 2010 zog sie den Rekurs zurück.
Nachdem die Sozialen Dienste D. im Dezember 2010 vom Verkauf der Liegenschaft an
der W-Strasse xx erfahren hatten, holten sie darüber Auskünfte und Unterlagen ein.
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs fasste der Gemeinderat D. am 17. Februar
2011 den kostenpflichtigen Beschluss, dass die Sozialhilfeleistungen für L. H.
rückwirkend per 1. Januar 2011 eingestellt würden und vor einer weiteren
Sozialhilfeunterstützung die vorhandenen flüssigen Mittel haushälterisch zu verwenden
seien. Der Gemeinderat begründete seinen Beschluss im Wesentlichen damit, dass L.
H. als Miteigentümerin an der verkauften Liegenschaft Anspruch auf die Hälfte des
Verkaufserlöses von Fr. 63'000.-- habe. Ihr neues soziales Existenzminimum liege unter
Berücksichtigung ihres Kostenanteils an der Liegenschaft bei Fr. 889.80 (inkl.
Krankenkassenprämien, aber ohne Krankheitskosten). L. H. könne durch ihren Anteil an
der Überweisung im Dezember 2010 (Fr. 7'500.--) und mit der im Juli 2011 fälligen
Zahlung von Fr. 24'000.-- ihren Lebensunterhalt für längere Zeit ohne Sozialhilfegelder
bestreiten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C./ Gegen diesen Beschluss des Gemeinderats D. erhob L. H. mit der Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 25. Februar 2011 und deren Ergänzung vom 15. März 2011
Rekurs beim Departement des Innern. Dabei wurde unter anderem beantragt, es sei
der Beschluss des Gemeinderates D. vom 15. Februar 2011 kosten- und
entschädigungspflichtig aufzuheben; es sei die Sozialhilfeunterstützung gemäss den
Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe für die Ausgestaltung und
Bemessung der Sozialhilfe (abgekürzt SKOS-Richtlinien) ab 1. Januar 2011
festzulegen; und es seien Unterstützungsleistungen in der Höhe von mindestens
Fr. 1'050.-- pro Monat zu entrichten. Der Rekurs wurde hauptsächlich damit begründet,
dass eine allfällige Gewinn- oder Verlustbeteiligung am Verkauf der Liegenschaft im
Darlehensvertrag zwischen L. H. und ihrem Sohn und dessen Ehefrau nicht abgemacht
worden sei.
Der Gemeinderat von D. nahm am 6. April 2011 zum Rekurs Stellung und beantragte,
den Beschluss vom 15. Februar 2011 zu bestätigen. Am 12. April 2011 stellte der
Rechtsvertreter von L. H. ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung im hängigen Rekursverfahren. Das Gesuch wurde mit Verfügung
des Sicherheits- und Justizdepartments vom 20. April 2011 für die Bemühungen ab
dem 12. April 2011 bewilligt. Das Departement des Innern hiess den Rekurs mit
Entscheid vom 25. Juli 2011 insofern gut, als die Einstellung der Sozialhilfe erst ab
Verfügungsdatum (15. Februar 2011) erfolgen dürfe. Im Übrigen wurde der Rekurs
abgewiesen. Als Begründung wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass L. H. aufgrund
der grundbuchlichen Eintragung als Miteigentümerin zur Hälfte eine hälftige
Gewinnbeteiligung am Verkaufserlös der Liegenschaft W-Strasse xx zustehe. L. H.
habe keinen Beweis für den Ausschluss einer Gewinnbeteiligung ihrerseits am
Verkaufserlös erbracht. Ein Verzicht auf eine Gewinnbeteiligung würde zudem den
Subsidiaritätsgrundsatz der Sozialhilfe verletzen. Zudem wies das Departement des
Innern die Angelegenheit zur Neuberechnung des Gewinnanteils von L. H. an die
politische Gemeinde D. zurück, da sich der Verkaufserlös sowie der L. H. nach Abzug
sämtlicher Steuern und Gebühren zustehende Betrag nicht nachvollziehen lasse.
D./ Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 5. August 2011 erhebt L. H. Beschwerde an
das Verwaltungsgericht. Sie beantragt dabei, der Entscheid des Departements des
Innern sei kosten- und entschädigungspflichtig aufzuheben, insofern der Rekurs
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abgewiesen worden sei; es seien ihr Sozialhilfeleistungen gemäss anzupassender
Bedarfsrechnung ununterbrochen ab dem 1. Januar 2011 zu erbringen; und es sei ihr
die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Als Eventualantrag bringt L. H. vor, es
seien bei der Neuberechnung des Gewinnanteils von L. H. die Auslagen, Abgaben,
Steuern usw. betreffend die Liegenschaft (W-Strasse xx) anteilsmässig zu Lasten der
Miteigentümerin L. H. anzurechnen. Als Begründung wird im Wesentlichen
vorgebracht, dass L. H. nur ungewollt Miteigentümerin der Liegenschaft W-Strasse xx
gewesen sei. Sie habe mit ihren Pensionskassengeldern ihrem Sohn ein zinsloses
Darlehen für die Mitfinanzierung dieser Liegenschaft geben wollen, aber die
zwingenden gesetzlichen Bestimmungen über die Wohnbaufinanzierung mit
Vorsorgegeldern würden vorsehen, dass sie nur als Miteigentümerin ihr
Pensionskassenguthaben beziehen könne. Die Willensäusserungen der Parteien des
Darlehensvertrags seien nach dem Vertrauensprinzip auszulegen. Dabei sei davon
auszugehen, dass L. H. nur die Rückerstattung des Darlehensbetrags gewollt habe,
aber auf eine allfällige Gewinn- wie Verlustbeteiligung beim Verkauf der Liegenschaft
verzichtet habe. Daher sei ein Gewinnanteil aus dem Verkaufserlös der Liegenschaft
nicht dem Vermögen von L. H. anzurechnen.
Das Departement des Innern beantragt in seiner Vernehmlassung vom 23. August 2011
die Abweisung der Beschwerde und verweist zur Begründung auf den angefochtenen
Entscheid. Mit Stellungnahme vom 1. September 2011 beantragt auch der
Gemeinderat D. die Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 10. September 2011
verzichtet der Rechtsvertreter von L. H. nach Zustellung der Vernehmlassungen auf
eine Stellungnahme.
Auf die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin ist – soweit erforderlich – in den
nachfolgenden Erwägungen näher einzugehen.

## Considerations

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist ausschliesslich die Frage, ob die
Zurechnung der Hälfte des Gewinns aus dem Verkauf des Grundstücks Nr. 1 und den
beiden Miteigentumsanteilen Nrn. x und y zum Vermögen der Beschwerdeführerin und
damit die Einstellung der Sozialhilfe ab dem 15. Februar 2011 rechtens ist. Im
Beschwerdeverfahren wird hingegen die Bemessung der Sozialhilfeleistungen an die
Beschwerdeführerin gemäss dem Beschluss der Beschwerdegegnerin vom 17. Februar
2011 nicht mehr bestritten und ist damit nicht Gegenstand des Verfahrens.
2.1. Bei der Frage der Zulässigkeit der Zurechnung des hälftigen Gewinnanteils aus
dem Verkauf des Grundstückes Nr. 1 (Liegenschaft W-Strasse xx) sowie der beiden
Miteigentumsanteile Nrn. x und y zum Vermögen der Beschwerdeführerin ist unstreitig,
dass diese im Grundbuch als Miteigentümerin zur Hälfte der fraglichen drei
Grundstücke eingetragen war. Strittig ist hingegen, welche Rechte aus der Stellung als
Miteigentümerin an den genannten Grundstücken fliessen und welche Bedeutung
dabei der Darlehensvertrag vom 14. März 2003 hat.
2.1.1. Die Vorinstanz sowie der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin geben zur
Begründung ihrer Positionen die Ausführungen zum Miteigentumsrecht in den
Art. 646 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, abgekürzt ZGB)
mehrheitlich korrekt wieder. Bei einem freihändigen Verkauf der im Miteigentum
stehenden Grundstücke an einen Dritten (Art. 651 Abs. 1 ZGB) wird der Erlös unter den
Miteigentümern entsprechend ihren Quoten aufgeteilt (C. Brunner/J. Wichtermann,
Basler Kommentar zum Zivilgesetzbuch II, 4. Aufl., Basel 2011, Rz. 11 zu Art. 646 und
Rz. 9 zu Art. 651 ZGB; A. Meier-Hayoz, Berner Kommentar, Band IV, 1. Abteilung, 1.
Teilband, Bern 1981, Rz. 44 zu Art. 646 ZGB). Deshalb hatte die Beschwerdeführerin
als Miteigentümerin zur Hälfte einen Anspruch auf die Hälfte des Gewinns aus dem
Verkauf der drei Grundstücke. Richtig dargelegt wird aber auch, dass die
Miteigentümer aufgrund von Art. 647 Abs. 1 ZGB eine von den Quoten abweichende
Gewinn- bzw. Verlustbeteiligung vereinbaren können (Meier-Hayoz, a.a.O., Rz. 47 zu
Art. 646 ZGB).
2.1.2. Die Beschwerdeführerin versucht darzulegen, dass sie aufgrund einer
privatrechtlichen Abmachung mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau nicht an einem
allfälligen Gewinn oder Verlust des Liegenschaftsverkaufs partizipieren wollte. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin sei nur wichtig gewesen, dass ihr das Pensionskassenkapital bei
Veräusserung der Liegenschaft mit demselben Betrag rückerstattet werde. Sie legt
aber keine Beweisofferten vor, die einen privatrechtlichen Ausschluss der
Beschwerdeführerin am Gewinn oder Verlust des Verkaufs der Liegenschaft und der
beiden Miteigentumsanteile bestätigen würde. Die Vorinstanz ging deswegen zu Recht
davon aus, dass mangels nachgewiesener abweichender Gewinnaufteilung unter den
Miteigentümern die gesetzliche Regelung mit der Aufteilung des Gewinns nach Quoten
Anwendung findet.
2.1.3. Inwiefern aufgrund des Vertrauensprinzips der Darlehensvertrag vom 14. März
2003 einen Ausschluss einer Partizipation am Gewinn eines allfälligen Verkaufs des
Grundstückes Nrn. 1 (Liegenschaft W-Strasse xx) sowie der Miteigentumsanteile Nrn. x
und y beinhaltet, kann offen bleiben.
Anzumerken bleibt aber, dass die Beschwerdeführerin nicht rechtsgültig mit den
Mitteln aus ihrer beruflichen Vorsorge ihrem Sohn und dessen Ehefrau ein Darlehen
gewähren konnte, da Art. 30a ff. des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (SR 831.40, abgekürzt BVG) und Art. 1 ff. der
Verordnung über die Wohneigentumsförderung mit Mitteln der beruflichen Vorsorge
(SR 831.411, abgekürzt WEFV) den Verwendungszweck von Vorsorgemitteln
abschliessend regeln. Nach Art. 30c BVG und Art. 331e des Obligationenrechts (SR
220, abgekürzt OR) in Verbindung mit Art. 2 WEFV bilden zulässige
Verwendungszwecke von Vorsorgemitteln unter anderem der Erwerb einer Wohnung
oder eines Einfamilienhauses in der Form von Eigentum oder Miteigentum. Dabei muss
das entsprechende Wohnobjekt stets dem Eigenbedarf der versicherten Person dienen
(Art. 30c Abs. 1 BVG, Art. 331e Abs. 1 OR, Art. 4 WEFV). Aufgrund der zwingenden
Bestimmungen des Rechts über die berufliche Vorsorge wurde die Beschwerdeführerin
mit den Mitteln aus ihrer Pensionskasse Miteigentümerin zu 50 Prozent an der
Liegenschaft W-Strasse xx und am Miteigentumsanteil Nr. x. Nur die
Beschwerdeführerin selbst konnte Empfängerin des Vorbezugs aus ihrer
Pensionskasse sein und nur sie konnte diese finanziellen Mittel für den Erwerb von
eigenem Wohneigentum nutzen. Sodann erfolgte nach dem Verkauf der Liegenschaft
W-Strasse xx gesetzeskonform nach Art. 30d Abs. 1 BVG die Rückzahlung des
bezogenen Betrags von Fr. 120'000.-- an die berufliche Vorsorge der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin. Aus dem Gesagten folgt, dass eine Darlehensgewährung aus den
Mitteln der beruflichen Vorsorge an den Sohn der Beschwerdeführerin und dessen
Ehefrau der gesetzgeberischen Fiktion zuwiderlaufen würde, wonach die Mittel auch
nach dem Erwerb von Wohneigentum der Vorsorge verhaftet bleiben müssen.
Nachfolgend wird die Erw. 2.2. darlegen, dass angeblich privatrechtliche
Abmachungen über den Ausschluss der Gewinnbeteiligung am Verkauf der
Liegenschaft sozialhilferechtlich nicht beachtlich sind.
2.2. Gemäss Art. 9 Sozialhilfegesetz (sGS 381.1, abgekürzt SHG) hat derjenige, der für
seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus eigenen Mitteln
aufkommen kann, Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe. Darin wird der Grundsatz der
Subsidiarität der Sozialhilfe deutlich. Auch Art. 2 Abs. 2 SHG übernimmt den
Subsidiaritätsgrundsatz, wo der Charakter des SHG als Rechtsgrundlage für das
bedarfsorientiert ausgestaltete letzte Auffangnetz hervorgehoben wird (Botschaft der
Regierung zum Sozialhilfegesetz vom 5. August 1997, ABl 1997, 1790). Das
Verwaltungsgericht hat in seiner Rechtsprechung ausdrücklich anerkannt, dass das
SHG vom Grundsatz der Subsidiarität ausgeht. Sozialhilfe wird erst ausgerichtet, wenn
die persönliche Notlage weder durch Bemühungen des Ansprechers noch durch
Beizug Dritter behoben werden kann (VerwGE B 2008/95 vom 22. Januar 2009
E. 2.2.2.1 mit Hinweisen). Auch gemäss der Lehre, den SKOS-Richtlinien, die für den
Kanton St. Gallen grundsätzlich anwendbar sind (vgl. GVP 1984 Nr. 71; sowie GVP
1996 Nr. 98), und der Rechtsprechung in anderen Kantonen greift die Sozialhilfe erst,
wenn und soweit die bedürftige Person sich nicht selber helfen kann oder wenn Hilfe
von dritter Seite nicht erhältlich ist (J. Widmer, Verhältnis der
Verwandtenunterstützungspflicht zur Sozialhilfe in Theorie und Praxis, Zürich 2001, S.
29; Urteil des Verwaltungsgerichts Zürich VB.2099.00291 vom 16. September 2009
E. 2.3; PVG 2009, S. 109 f.; SKOS-Richtlinien, A. 4-1).
2.2.1. Der Subsidiaritätsgrundsatz setzt also voraus, dass die Beschwerdeführerin
sämtliche Möglichkeiten nutzt und alles Zumutbare unternimmt, um eine Notlage aus
eigenen Kräften abzuwenden (SKOS-Richtlinien, A. 4-2). Der Grundsatz der
Subsidiarität der Sozialhilfe verlangt daher auch, dass eine Person, die auf Sozialhilfe
angewiesen ist, unabhängig von privatrechtlichen Vereinbarungen nicht auf ihr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zustehende Einkünfte oder Vermögenswerte verzichten kann. Nach dem Willen des
Gesetzgebers sollen erst nach Ausschöpfung der eigenen Möglichkeiten und
Heranziehung aller privaten sowie aller anderen öffentlichen Auffangnetze sowie bei
Ausweisung des Unterstützungsbedarfs die Massnahmen nach dem SHG zum Tragen
kommen (Botschaft der Regierung zum Sozialhilfegesetz vom 5. August 1997, ABl
1997, 1790). Zur Ausschöpfung eigener Möglichkeiten gehört auch, dass die
Beschwerdeführerin, soweit sie für ihren eigenen Lebensunterhalt nicht selbst sorgen
kann, die Möglichkeit an einer Gewinnbeteiligung aus dem Verkauf von Grundstücken,
an denen sie als Miteigentümerin im Grundbuch eingetragen ist, geltend macht. Erst
wenn die Mittel aus der Gewinnbeteiligung nicht mehr ausreichen, hat die Sozialhilfe zu
greifen. Es besteht daher kein Wahlrecht zwischen öffentlicher Sozialhilfe und anderen
Leistungen resp. eigenen Ausschöpfungsmöglichkeiten. Deshalb muss die
Beschwerdeführerin alle Möglichkeiten von Einkünften wahrnehmen und sich ihren
Gewinnanteil aus dem Verkauf der Grundstücke bei der Berechnung der
Sozialhilfeleistungen anrechnen lassen. Sie kann nicht ihren Sohn und dessen Familie
zu Ungunsten der Allgemeinheit privilegieren.
Die SKOS-Richtlinien regeln zwar nicht explizit den Fall des Verzichts auf eine
Gewinnbeteiligung zu Gunsten von Familienangehörigen. Nach diesen Richtlinien ist es
indessen zulässig, Sozialhilfeleistungen aufgrund der Verletzung des
Subsidiaritätsprinzips (teil-)einzustellen, wenn z.B. die zu unterstützende Person sich
weigert, einen ihr zustehenden, bezifferbaren und durchsetzbaren Rechtsanspruch auf
Ersatzeinkommen geltend zu machen. Im Umfang des erzielbaren Ersatzeinkommens
besteht im Sinne des Subsidiaritätsprinzips keine Bedürftigkeit (SKOS-Richtlinien,
A. 8-6/7). Als ein solches Ersatzeinkommen ist die Gewinnbeteiligung der
Beschwerdeführerin am Verkauf der Liegenschaft und der Miteigentumsanteile zu
betrachten. Zudem muss sich eine hilfsbedürftige Person einen angemessenen Betrag
anrechnen lassen, wenn sie auf eheliche Unterhaltsbeiträge verzichtet, obwohl der
Ehegatte offensichtlich solche leisten könnte. Im Umfang dieses Betrags besteht im
Sinne des Grundsatzes der Subsidiarität keine Bedürftigkeit (SKOS-Richtlinien, F. 3-2).
Auch diese Konstellation ist mit dem vorliegenden Fall vergleichbar, in dem die
Beschwerdeführerin zu Gunsten der Familie ihres Sohnes auf ihren gesetzlichen
Gewinnanteil am Verkaufserlös der Liegenschaft verzichten will.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2.2. Die Anrechnung des Verzichts auf die Gewinnbeteiligung als Vermögen bei der
Berechnung der Bedürftigkeit im Sinne des SHG stimmt sodann mit der Praxis zu den
ebenfalls auf dem Subsidiaritätsgrundsatz beruhenden Ergänzungsleistungen überein.
Soweit die Beschwerdegegnerin auf ihren Gewinnanteil als Miteigentümerin verzichtet,
liegt eine (gemischte) Schenkung zu Gunsten ihres Sohnes und dessen Ehefrau vor.
Die Beschwerdeführerin hat somit ohne rechtliche Verpflichtung auf Einkünfte und
damit auf anfallendes Vermögen verzichtet. Nach der Praxis zu den
Ergänzungsleistungen ist Vermögen, auf das ohne rechtliche Verpflichtung oder ohne
adäquate Gegenleistungen verzichtet wurde, gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. g des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (SR 831.30) als Einnahmen anzurechnen. Auch eine gemischte
Schenkung stellt klarerweise eine Verzichtshandlung dar, die als anrechenbares
Einkommen bei der Berechnung der Ergänzungsleistungen betrachtet wird. Eine
eigentliche Umgehungsabsicht ist dazu nicht erforderlich (U. Müller, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 2. Aufl., Zürich 2006, Rz. 451 f. und
455 f.; E. Carigiet/U. Koch, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, 2. Aufl., Zürich 2009,
S. 151). Es reicht, wenn von einem Rechtsanspruch auf bestimmte Einkünfte und
Vermögenswerte nicht Gebrauch gemacht wird oder Rechte nicht durchgesetzt
werden. Dies ergibt sich aus der Subsidiarität der Ergänzungsleistungen. Der Verzicht
auf Einkünfte wird bei der Berechnung der Ergänzungsleistungen so angerechnet, wie
wenn die Einkünfte tatsächlich erzielt worden wären (Carigiet/Koch, a.a.O., S. 151).
2.2.3. Angesichts des unumstrittenen und tragenden Grundsatzes der Subsidiarität der
Sozialhilfe kann die Beschwerdeführerin nicht auf finanzielle Ansprüche verzichten,
ohne dass ihr dies im Sozialhilferecht als Einkunft oder Vermögen angerechnet wird.
Daran ändert auch eine angeblich privatrechtliche Vereinbarung über den Verzicht an
der Gewinnbeteiligung am Verkauf des Grundstückes Nrn. 1 (Liegenschaft W-Strasse
xx) sowie der Miteigentumsanteile Nrn. x und y nichts. Es kann aus
sozialhilferechtlicher Sicht hinsichtlich der Gewinnbeteiligung aus einem
Miteigentumsanteil keine Rolle spielen, ob die Beschwerdeführerin von dieser
Möglichkeit Gebrauch macht oder nicht. Durch privatrechtliche Verträge kann die
Beschwerdeführerin somit nicht zu Ungunsten der Allgemeinheit auf Einkünfte und
Vermögen verzichten und dadurch sozialhilfebedürftig werden. Ein solches Vorgehen
erscheint in sozialhilferechtlicher Hinsicht als rechtsmissbräuchlich, da mittels
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
privatrechtlicher Vereinbarungen versucht wird, auch bei einem gewinnbringenden
Verkauf der fraglichen Grundstücke weiterhin Sozialhilfeleistungen zu bekommen.
2.2.4. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Beschwerdeführerin aufgrund
der Gewinnbeteiligung am Verkauf der Liegenschaft W-Strasse xx sowie der
Miteigentumsanteile Nrn. x und y zumindest für einen gewissen Zeitraum über Mittel
verfügt, um für den eigenen Lebensunterhalt hinreichend aufzukommen. Ihr Anteil am
Gewinn aus der Veräusserung ist ihr als Vermögen im sozialhilferechtlichen Sinne
anzurechnen.
2.3. Die Beschwerdeführerin bestreitet im Falle der Abweisung ihres ersten Antrags,
den Entscheid der Vorinstanz aufzuheben, die Rückweisung der Angelegenheit an die
Beschwerdegegnerin zur Neuberechnung des Gewinnanteils nicht. Sie stellt aber den
Eventualantrag, dass bei der Neuberechnung des Gewinnanteils die Auslagen,
Abgaben, Steuern usw. betreffend die Liegenschaft, W-Strasse xx in D., anteilsmässig
zu Lasten der Beschwerdeführerin anzurechnen seien.
2.3.1. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin keine Miete an ihren Sohn zahlen
musste. Dies erstaunt nicht, da sie Miteigentümerin zur Hälfte an den drei fraglichen
Grundstücken war. Gemäss Vertrag vom 14. März 2003 haben der Sohn der
Beschwerdeführerin und dessen Ehefrau die Steuern auf dem Vorbezug aus der
beruflichen Vorsorge der Beschwerdeführerin übernommen. Auch sämtliche Kosten der
Liegenschaft (Hypothekarzinsen, Steuern und Gebühren, Unterhalt, Versicherungen
etc.) wurden gemäss Bestätigung vom 8. März 2011 vom Sohn und seiner Ehefrau
bezahlt. Die Beschwerdeführerin macht nun geltend, dass sie als Miteigentümerin
aufgrund von Art. 646 Abs. 3 ZGB in Verbindung mit Art. 647a bis 649 und 651 ZGB
die Hälfte der Kosten der Liegenschaft übernehmen hätte müssen. Wenn ihr also schon
die Hälfte des Gewinns am Verkauf der Grundstücke als Vermögen angerechnet werde,
müssten in dieser Berechnung auch die Ausgaben, die sie als Miteigentümerin hätte
tragen müssen, berücksichtigt werden.
2.3.2. Diese Argumentation schlägt fehl. Die Verwaltungs- und Unterhaltskosten sowie
die öffentlich-rechtlichen Abgaben müssen bei der Berechnung des Vermögens der
Beschwerdeführerin nicht berücksichtigt werden, da es den Miteigentümern freisteht,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine vom Gesetz abweichende Kostentragung zu vereinbaren. Nach dem erwähnten
Grundsatz der Subsidiarität der Sozialhilfe ist eine solche private Übernahme des
Kostenanteils der Beschwerdeführerin an den Grundstücken durch ihren Sohn und
dessen Ehefrau als vorrangig zu betrachten. Die Sozialhilfe greift – wie bereits erwähnt
– erst, wenn private (auch freiwillige Leistungen von Dritten) wie andere staatliche
Möglichkeiten ausgeschöpft sind (SKOS-Richtlinien, A. 4-2). Die vollständige
Übernahme der Kosten der Liegenschaft durch den Sohn und dessen Ehefrau ist als
eine solche private Möglichkeit zu betrachten.
2.4. Zusammengefasst ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Recht entschied, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund des Verkaufs der Grundstücke, an denen die
Beschwerdeführerin Miteigentümerin zur Hälfte war, zu neuem Vermögen kam.
Aufgrund des Grundsatzes der Subsidiarität der Sozialhilfe kann die
Beschwerdeführerin nicht durch privatrechtliche Abmachungen auf den ihr
zustehenden Anspruch auf die Hälfte des Gewinnes aus dem Verkauf der Grundstücke
verzichten. Dieser Gewinnanteil ist ihr sozialhilferechtlich als neues Vermögen
anzurechnen und damit hat sie ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Beschwerde
ist folglich abzuweisen. Die Angelegenheit ist aufgrund der Bestätigung des
vorinstanzlichen Entscheids der Beschwerdegegnerin zur Neuberechnung des
Gewinnanteils der Beschwerdeführerin nach Abzug sämtlicher öffentlich-rechtlicher
Abgaben infolge des Verkaufs der Grundstücke zurückzuweisen. Bei der
Neuberechnung dürfen hingegen die Kosten der Verwaltung und des Unterhalts sowie
die Abgaben auf den Grundstücken ausserhalb des Verkaufsvorgangs nicht
berücksichtigt werden. Die zuständige Sozialbehörde wird auch zu entscheiden haben,
wie lange die Beschwerdeführerin aus ihrem Gewinnanteil am Verkauf der Grundstücke
alleine für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen kann und ab wann wieder gemäss
Art. 9 SHG ein Anspruch auf Sozialhilfeleistungen besteht, sofern die
Beschwerdeführerin diesbezüglich ein neues Sozialhilfegesuch einreicht und in der
Zwischenzeit nicht zu neuem anrechenbarem Vermögen gekommen ist.
3. Die Beschwerdeführerin stellt ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung durch Rechtsanwalt lic. iur. R. M., für das
Beschwerdeverfahren. Gemäss Art. 99 VRP in Verbindung mit Art. 117 der
Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272) wird in Ausführung zu Art. 29 Abs. 3 der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesverfassung (SR 101) die unentgeltliche Rechtspflege gewährt, wenn der
Gesuchsteller nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und das Rechtsbegehren
nicht aussichtslos erscheint. Hinsichtlich der Bedürftigkeit verweist die
Beschwerdeschrift auf die Ziffer 9 des angefochtenen Entscheides und die
"Nichtaussichtlosigkeit" des Verfahrens wird nicht begründet. Aufgrund der dem
Verwaltungsgericht vorliegenden Akten wurden per 1. Juli 2011 den Miteigentümern
und damit auch der Beschwerdeführerin insgesamt Fr. 48'000.-- überwiesen. Die
Ausführungen zur Bedürftigkeit vor der Vorinstanz resp. vor dem Sicherheits- und
Justizdepartement berücksichtigten den Anteil der Beschwerdeführerin an diesen
Fr. 48'000.-- nicht. Daher ist die Bedürftigkeit nicht ohne weiteres erstellt, da keine
Bedürftigkeit besteht, soweit die Prozesskosten aus dem Vermögen bezahlt werden
können (Ch. Leuenberger/B. Uffer-Tobler, Schweizerisches Zivilprozessrecht, Bern
2010, Rz. 10.67). Die Beschwerdeschrift vom 5. August 2011 enthält keine Angaben,
inwiefern nach wie vor eine Bedürftigkeit besteht, sodass diese nicht erstellt ist. Hinzu
kommt, dass die Beschwerde angesichts des national geltenden und unumstrittenen
Grundsatzes der Subsidiarität der Sozialhilfe von vornherein als aussichtslos erschien.
Bereits der Beschluss der Beschwerdegegnerin vom 17. Februar 2011 begründete die
Betrachtung des Gewinnanteils am Verkaufserlös als neues Vermögen der
Beschwerdeführerin mit dem Subsidiaritätsgrundsatz. Folglich ist das Begehren um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung abzulehnen.
(...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht