# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** bf112d5e-28e1-47b6-b03b-ea635faae8c9
**Court:** BE_SRK
**Chamber:** BE_SRK_001
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

den Akten entnommen:
A. Mit öffentlich beurkundetem Kaufvertrag vom 15. August 2019 (Urschrift Nr. _ von Notarin D._) verkaufte der Alleineigentümer A._ (geb. _;
Rekurrent) die Stockwerkeinheiten B._ Gbbl. Nrn. _ und _ zum
Kaufpreis von CHF 220'000.--. Mit Veranlagungsverfügung vom 4. August 2020 (Erlassdossier,
pag. 6-3) wurde der steuerbare Grundstückgewinn aus der Veräusserung dieser
Stockwerkeinheiten von der Steuerverwaltung des Kantons Bern, Abteilung
Grundstückgewinnsteuer, auf rund
CHF 39'800.-- festgesetzt. Daraus ergaben sich kantonale Steuern von insgesamt
CHF 9'654.75.
B. Mit Eingabe vom 10. September 2020 (pag. 35-32) stellte der Rekurrent ein Gesuch um Erlass der rechtskräftig veranlagten Grundstückgewinnsteuer. Als Begründung verwies er auf
den beigelegten Begleitbrief gleichen Datums (pag. 31-30), in der die Notarin D._
ausführte, der Rekurrent sei zusammen mit seiner Schwester Eigentümer des Grundstücks
B._ Gbbl. _ gewesen. Bei diesem Grundstück habe es sich um ein Haus mit
drei Stockwerkeinheiten gehandelt, von denen zwei unbewohnbar gewesen seien. Seine
Schwester, E._, sei Alleineigentümerin einer Stockwerkeinheit (Gbbl. _), der
Rekurrent, der seine zweite Schwester durch Hypothekarerhöhung ausgekauft habe, sei
Alleineigentümer der anderen zwei Stockwerkeinheiten gewesen (Gbbl. _ und
_). Der pensionierte Rekurrent lebe unter dem Existenzminimum und könne seinen
finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Deshalb seien seine zwei
Stockwerkeinheiten gepfändet worden und die Grundpfandgläubigerin habe das Grundstück zur
Zwangsverwertung gebracht. Da sich eine der drei Stockwerkeinheiten des Grundstücks nicht in
der Zwangsverwertung befunden habe, hätte eine Renovation des Hauses keinen Sinn
gemacht. Der Markt für die zwei Stockwerkeinheiten Gbbl. Nrn. _ und _ wäre
dementsprechend begrenzt und der voraussichtlich erzielbare Kaufpreis gering gewesen. Erst
am Tag der Steigerung habe sich die Schwester, E._, dazu durchringen können, ihre
Stockwerkeinheit ebenfalls zu verkaufen. Nur dadurch sei der Kaufinteressent bereit gewesen,
dem Rekurrenten für seine zwei Stockwerkeinheiten einen Kaufpreis von CHF 220'000.-- zu
bezahlen, wobei Letzterer hiervon die Hypothek von CHF 215'548.30 zurückbezahlt habe, so
dass ihm CHF 4'451.70 verblieben. Daraus werde klar, dass der Rekurrent aufgrund des
erzwungenen Notverkaufs nicht in der Lage gewesen sei, die verlangte
Grundstückgewinnsteuer zu bezahlen.
C. Mit Erlassentscheid vom 2. Februar 2021 wies die Steuerverwaltung des Kantons Bern, _ (Erlassbehörde), das Gesuch ab. Der entsprechende Steuerausstand betrug zu
- 3 -
diesem Zeitpunkt, aufgrund der am 11. September 2020 erfolgten Zahlung von CHF 4'450.--,
noch CHF 5'264.15 (inkl. Verzugszins). Zur Begründung führte die Erlassbehörde
zusammengefasst aus, dass an den Erlass von Grundstückgewinnsteuern höhere
Anforderungen gestellt würden, da der Verkaufserlös und damit der Gewinn erzielt worden sei
und der darauf entfallende Steuerbetrag in der Regel zurückgestellt werden könne und müsse.
Ob die Forderung innert nützlicher, absehbarer Zeit mit dem aktuell vorhandenen Einkommen
bezahlt werden könne, sei nicht entscheidend. Im vorliegendem Fall handle es sich nicht um
eine nachlassähnliche Situation, da keine Vorkehrungen für eine Gesamtsanierung getroffen
worden seien. Gemäss Betreibungsregisterauszug des Betreibungsamts F._ vom 1.
Dezember 2020 beständen 68 Verlustscheine von Drittgläubigern im Gesamtumfang von über
CHF 89'562.65. Lägen andere Schulden vor, so dass ein Steuererlass vorab den übrigen
Gläubigern zugutekommen würde, werde ein Steuererlass ausgeschlossen. Grundsätzlich
verzichte der Fiskus nicht zu Gunsten anderer Gläubiger auf seine Forderungen. Für
Grundstückgewinnsteuern bestehe ein gesetzliches Grundpfandrecht auf den veräusserten
Grundstücken. Dieses Pfandrecht gehe allen anderen Pfandrechten vor. Auch das vom
Gesetzgeber gewollte Grundpfandrecht zur Sicherung der Grundstückgewinnsteuern lasse auf
erhöhte Anforderungen an den Erlass schliessen, was zusätzlich gegen einen Erlass spreche.
D. Gegen diesen Erlassentscheid hat der Rekurrent mit Schreiben vom 2. März 2021, ergänzt mit Schreiben vom 25. März 2021, Rekurs an die Steuerrekurskommission des Kantons
Bern (Steuerrekurskommission) erhoben und den Erlass des hiervor erwähnten
Steuerausstands beantragt. Er begründet seinen Antrag im Wesentlichen damit, dass es sich
um einen von der Bank initiierten Notverkauf gehandelt habe. Der Verkaufserlös sei von der
Bank und der Schätzung des Betreibungsamtes diktiert worden. Er selber habe nie die Absicht
gehabt, sein renovierungsbedürftiges Elternhaus zu verkaufen und einen Grundstückgewinn zu
erzielen. Vielmehr habe er nach der Scheidung, dem Verlust seines kleinen Betriebs und
mehreren Hilfsjobs in seinem Alter und trotz grossen Bemühungen keine "richtige" Arbeit bzw.
kein geregeltes und langjähriges Einkommen mehr erzielen können, um seine
Betreibungssituation in den Griff zu bekommen. Auch habe er nach seiner Pensionierung die
volle 2. Säule in sein Elternhaus investiert und sein komplettes (verpfändetes) Säule-3a-
Guthaben sei vor der Versteigerung von der Bank "abgeräumt" worden. Damit steckten alle
noch vorhandenen Mittel im Elternhaus und mit dem einzigen Einkommen (AHV-Rente) könne
er die Grundstückgewinnsteuer nicht bezahlen.
E. Mit Erklärung vom 2. Oktober 2020 (pag. 32) hat die Einwohnergemeinde B._ die Kompetenz zur Wahrnehmung ihrer Interessen im vorliegenden Verfahren an die
Steuerverwaltung des Kantons Bern abgetreten.
- 4 -
F. Die Steuerverwaltung des Kantons Bern, _ (Steuerverwaltung), beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 14. April 2021 die Abweisung des Rekurses unter
Kostenfolge. Sie begründet ihren Antrag im Wesentlichen wie die Erlassbehörde den
Erlassentscheid. Ferner könne dem Schreiben der Notarin D._ vom 10. September
2020 entnommen werden, dass mit dem erzielten Verkaufserlös nicht primär die
Grundstückgewinnsteuer bezahlt, sondern die Hypothek vollständig zurückbezahlt worden sei.
Die Bank habe sich dadurch schadlos halten können, was einer weiteren
Gläubigerbevorzugung gleichkomme. Die erhöhten Anforderungen an einen Erlass von
Grundstückgewinnsteuern verhinderten einen Erlass, da diese Steuern vom Verkaufserlös
bezahlt werden müssten oder zumindest aus diesem zurückzustellen seien. Auch bei
gegebener finanzieller Notlage verhindere das Vorliegen eines Ausschlussgrunds jedoch eine
Gutheissung des Erlassgesuchs.
G. Dazu hat der Rekurrent mit Schreiben vom 4. Mai 2021 Stellung genommen.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit entscheidrelevant, in den nachstehenden
Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Entscheide des Regierungsrats, der Steuerverwaltung und der Gemeinden betreffend den Erlass von Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern können bei der Steuerrekurskommission
durch Rekurs angefochten werden (Art. 240 Abs. 1 und 7 des Steuergesetzes vom 21. Mai
2000 [StG; BSG 661.11]). Die Steuerrekurskommission ist deshalb sachlich und örtlich
zuständig. Der Rekurrent ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträgen nicht
durchgedrungen. Er ist daher beschwert und zur Anfechtung befugt (Art. 195 Abs. 2 StG i.V.m.
Art. 86 und 65 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG
155.21]). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Eingabe ist deshalb einzutreten.
Da der Streitwert unter CHF 10'000.-- liegt, fällt der vorliegende Entscheid in die
einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 70 Abs. 4 Bst. c des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die
Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
2. Streitig ist, ob der Rekurrent Anspruch auf Erlass der Grundstückgewinnsteuer 2019 hat.
3. Die Steuerveranlagung entspricht in der Regel der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (Art. 127 Abs. 2 der Bundesverfassung [BV; SR 101]; Art. 104 Abs. 1 der
- 5 -
Verfassung des Kantons Bern [KV; BSG 101.1]), beruhen doch die Steuerbeträge auf in der
Vergangenheit erzieltem Einkommen und vorhandenem Vermögen. Im Wissen um die
Steuerbarkeit und die später anfallenden Steuern hat die steuerpflichtige Person grundsätzlich
Rücklagen vorzunehmen. Diese Pflicht besteht insbesondere auch im Bereich der
Grundstückgewinnsteuer. Bezahlt eine steuerpflichtige Person ihre Steuern nicht, ist das
Inkasso auf dem Weg der Pfändung der Regelfall. Dabei verzichtet das Gemeinwesen nicht
endgültig auf die Steuerforderung und kommt im Rahmen der Verlustscheinsverwaltung unter
Gewährleistung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums allenfalls später zu seinem
Recht.
Da die Bestimmungen des StG wie auch die Praxis und Lehre zum Steuererlass gemäss StG
weitgehend mit jenen des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte
Bundessteuer (DBG; SR 642.11) übereinstimmen, wird nachfolgend ergänzend auch auf diese
verwiesen.
3.1 Ist die Zahlung von rechtskräftig festgesetzten Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern, inklusive Grundstückgewinnsteuern und der direkten Bundessteuer sowie von Zinsen,
Gebühren oder Bussen infolge einer Notlage mit einer erheblichen Härte verbunden, so können
diese gestützt auf Art. 240 StG und Art. 167 DBG ganz oder teilweise erlassen werden. Das
Erlassverfahren gehört nicht zum Veranlagungsverfahren, sondern setzt eine rechtskräftige
Veranlagung voraus und ist damit Teil des Steuerbezugsverfahrens. Eine Überprüfung der
Steuerforderung selbst ist im Erlassverfahren ausgeschlossen (vgl.
Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl., 2016, N. 3 zu Art. 167
DBG).
3.2 Ziel jedes Erlasses ist es, bei einem krassen Missverhältnis zwischen den aktuellen wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Steuerforderungen die steuerpflichtige Person nicht in
ihrer wirtschaftlichen Existenz zu gefährden und zu einer langfristigen und dauernden
Sanierung beizutragen. Voraussetzung für die Gewährung eines Erlasses ist eine finanzielle
Notlage, auf-grund welcher die Bezahlung der Steuern, Zinsen, Gebühren oder Bussen eine
erhebliche Härte bedeuten würde. Der Erlass soll es ermöglichen, einer wesentlichen und
voraussichtlich andauernden Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse der
steuerpflichtigen Person seit der Steuerperiode, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, in
besonders schweren Fällen Rechnung zu tragen. Blosse Schwankungen in den
Einkommensverhältnissen bilden jedoch keinen Erlassgrund. Mit Blick auf die rechtsgleiche
Behandlung aller Steuerpflichtigen muss der Erlass jedoch die seltene Ausnahme bleiben. Da
das Gemeinwesen mit dem Erlass endgültig auf die Steuerforderung verzichtet, soll er zudem
der steuerpflichtigen Person selbst und nicht ihren weiteren Gläubigern zugutekommen (zum
- 6 -
Ganzen: Beusch/Raas in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über
die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 8 zu Vor Art. 167-167g DBG sowie N. 6 ff.
und N. 20 f. zu Art. 167 DBG, mit weiteren Hinweisen; Blumenstein/Locher, System des
schweizerischen Steuerrechts, 7. Aufl., 2016, S. 421 ff.; Bruno Knüsel, Rechtsgrundlagen des
Erlassverfahrens in ASA 52 S. 93 ff. insb. S. 97 Ziff. 4.c).
3.3 Um eine einheitliche Rechtsanwendung und Ermessensausübung zu ermöglichen, werden die rechtlich unbestimmten Begriffe der erheblichen Härte sowie der Notlage (Art. 240
StG und Art. 167 DBG) in den Steuergesetzen und der Steuererlassverordnung konkretisiert
(Verordnung des EFD über die Behandlung von Gesuchen um Erlass der direkten
Bundessteuer vom 12. Juni 2015 [Steuererlassverordnung; SR 642.121, nachfolgend EV
DBG]). Die Konkretisierung geschieht durch beispielhafte Aufzählung von Erlassgründen und
Ausschlussgründen, d.h. von Umständen, die einen Erlass teilweise oder ganz ausschliessen.
Für den Erlass der kantonalen Steuern sind auch die Bestimmungen in der Verordnung vom 18.
Oktober 2000 über den Bezug und die Verzinsung von Abgaben und anderen zum Inkasso
übertragenen Forderungen, über Zahlungserleichterungen, Erlass sowie Abschreibungen
infolge Uneinbringlichkeit (Bezugsverordnung, BEZV; BSG 661.733) zu beachten.
3.4 Ob ein Erlass gewährt werden kann, ist aufgrund der gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse der steuerpflichtigen Person zu beurteilen, wobei für die Beurteilung in erster Linie
die Verhältnisse im Zeitpunkt des Entscheids massgebend sind. Mitberücksichtigt werden
zudem die Entwicklung seit der Steuerperiode, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, die
Zukunftsaussichten und insbesondere die Frage, ob im Zeitpunkt der Fälligkeit der
Steuerforderung resp. im Zeitraum des Einkommens- oder Vermögenszuflusses eine
fristgerechte Zahlung möglich gewesen wäre (Art. 240a StG; Art. 10 EV DBG). Im Einzelnen ist
dabei zu prüfen, ob der steuerpflichtigen Person zur Begleichung der Steuerforderungen
Einschränkungen in der Lebenshaltung zumutbar sind bzw. gewesen wären. Einschränkungen
gelten grundsätzlich als zumutbar, wenn die Lebenshaltungskosten der gesuchstellenden
Person zum Zeitpunkt der Fälligkeit der Steuerforderung und des Erlassentscheids das
betreibungsrechtliche Existenzminimum gemäss Art. 93 des Bundesgesetzes vom 11. April
1889 über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG; SR 281.1) übersteigen (Art. 240a Abs. 3
StG; Art. 2 Abs. 3 EV DBG). Die Einzelheiten der Berechnung sind dem Kreisschreiben Nr. B1
der Aufsichtsbehörde in Betreibungs- und Konkurssachen für den Kanton Bern in der Fassung
vom 1. Januar 2011 zu entnehmen (einsehbar unter: <https://www.justice.be.ch>, Rubriken
"Zivilverfahren > Kreisschreiben > SchKG > KS B1 aB3" [abgerufen am 10.6.2021];
nachfolgend: Kreisschreiben B1). Dessen Beilage 1 enthält die einzelnen Ansätze gemäss den
Richtlinien für die Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums (Notbedarf) nach
- 7 -
Art. 93 SchKG vom 1. Juli 2009 der Konferenz der Betreibungs- und Konkursbeamten der
Schweiz. Ergibt sich aus der Differenz zwischen dem zur Verfügung stehenden Einkommen und
dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum, dass aus dem Überschuss die Steuerschuld
innert absehbarer Zeit vollumfänglich beglichen werden kann, liegt keine erhebliche Härte oder
Notlage vor, und ein Erlass ist ausgeschlossen (Art. 240b Abs. 1 Bst. b StG und Art. 240c Abs.
1 Bst. g StG; Art. 167 Abs. 1 DBG i.V.m. Art. 2 Abs. 1 und 2 EV DBG sowie Art. 13 Abs. 3 EV
DBG). Selbst wenn das Einkommen im Entscheidzeitpunkt nur knapp über oder gar unter dem
Existenzminimum liegt, ein Härtefall somit bejaht werden kann, ist von einem Erlass abzusehen,
wenn einer der in Art. 240c Abs. 1 Bst. a bis g StG und Art. 167a Bst. a bis e DBG aufgezählten
Ausschlussgründe gegeben ist (vgl. BVR 2010 S. 401 E. 2.3).
3.5 An den Erlass aperiodischer Steuern wie Erbschafts-, Schenkungs-, Liquidationsgewinn- oder Grundstückgewinnsteuern werden gemäss Art. 240b Abs. 2 Satz 1 StG erhöhte
Anforderungen gestellt. Dies, weil der steuerpflichtigen Person aus den genannten, die Steuer
auslösenden Rechtsgeschäften, zusätzlich zu ihrem ordentlichen Einkommen und unabhängig
von ihrer übrigen finanziellen Situation, Vermögenssubstanz resp. beim Grundstückverkauf ein
Erlös in Form liquider Mittel zugeflossen ist, aus denen die Steuer gemäss Art. 240b Abs. 2 StG
zu entrichten ist und infolge des Mittelzuflusses i.d.R. auch ohne Weiteres entrichtet werden
kann (vgl. VGE 100 2013 373 vom 4.2.2016, in BVR 2016 S. 261 E. 4.7; VGE 100 2017 209
vom 17.5.2018, E. 4.2.1 ff.; Markus Langenegger in: Praxiskommentar zum Berner
Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011, N. 40 ff. zu Art. 240b StG). Das Unterlassen
der Bezahlung oder der Vornahme von Rücklagen für die Begleichung der Steuer ist deshalb
bei solchen ausserordentlichen Zuflüssen von Gewinnen oder Vermögenssubstanz schwerer zu
gewichten als beim Erlass periodischer Steuern. Die erhöhten Anforderungen nach Art. 240b
Abs. 2 StG kommen im gesamten Bereich des Erlassrechts sowohl im Bereich der
Erlassgründe, als auch im Bereich der Ausschlussgründe zur Anwendung.
So führen insbesondere beim Erlassgrund des finanziellen Härtefalls von Art. 240b Abs. 1
Bst. a StG die strengeren Voraussetzungen dazu, dass die Absehbarkeit resp. der zumutbare
Zeitraum der Beschränkung der Lebenshaltungskosten auf das betreibungsrechtliche
Existenzminimum ausgedehnt wird (vgl. VGE 100 2017 209 vom 17.5.2018, E. 4.2.4, danach
gelten 32 Monate als noch absehbar), oder im Bereich der Ausschlussgründe, wo infolge des
zugeflossenen Erlöses resp. der Verfügbarkeit liquider Mittel das Unterlassen der Zahlung oder
der Vornahme von Rücklagen im Zeitpunkt des Zuflusses gemäss Art. 240c Abs. 1 Bst. e StG
grundsätzlich unabhängig von der übrigen finanziellen Situation oder Steuerbelastung des
Steuerpflichtigen und damit strenger zu beurteilen ist. Fehlt es jedoch ausnahmsweise an der
erhöhten freien Verfügbarkeit der Mittel, wie im Fall einer Sanierung oder wenn beim Verkauf
- 8 -
eines Grundstücks zwar rein rechnerisch ein Grundstückgewinn, faktisch aber gar kein frei
verfügbarer Erlös in Form flüssiger Mittel angefallen ist, etwa wenn der Verkaufspreis den
auflastenden Grundpfandschulden entsprach, dann fällt die strengere Beurteilung des
Erlassgesuchs nach Art. 240b Abs. 2 Satz 1 StG dahin.
4. Da es sich vorliegend beim Verkauf der zwei Stockwerkeinheiten des Rekurrenten um eine Zwangsversteigerung handelte und mit dem aus der Grundpfandverwertung erzielten
Kaufpreis von CHF 220'000.-- die Bank ihre Forderungen (Rückzahlung Hypothek
CHF 215'548.30) befriedigte, verfügte er faktisch über keine flüssigen Mittel. Vielmehr verblieb
ihm aus dem Verkauf bloss ein Erlös von rund CHF 4'450.-- (vgl. Schreiben der Notarin vom
10.9.2020, S. 2; pag. 30), um die geschuldete Grundstückgewinnsteuer von CHF 9'654.75 zu
bezahlen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass der Erlass aus nachfolgenden Gründen nicht
gewährt werden kann.
5. Als Erstes sind die aktuellen finanziellen Verhältnisse des Rekurrenten zu prüfen. Aus den Akten ist ersichtlich, dass er offenbar die gesamten Gelder aus seiner 2. Säule ins Elternhaus
steckte und das Guthaben der 3. Säule zugunsten der Hypothek dieses Hauses verpfändete,
wobei Letzteres aufgrund seiner Zahlungsschwierigkeiten von der Bank verwertet wurde
(vgl. Rekursschreiben vom 2.3.2021, S. 3). Der Rekurrent erhält eine monatliche AHV-Rente
von CHF 1'934.-- (CHF 23'208.-- geteilt durch zwölf Monate; vgl. Steuerausweis der AHV,
Januar 2020; pag. 14). Diesem monatlichen Einkommen ist der betreibungsrechtliche
Zwangsbedarf (Mietkosten, Krankenkasse, Grundbetrag etc.) gegenüberzustellen. Somit ist
davon auszugehen, dass sich der Rekurrent momentan in einer finanziellen Notlage befindet.
6. Aber auch bei gegebener Notlage und erheblicher Härte resp. Vorliegen eines Erlassgrunds kann von einem Erlass teilweise oder ganz abgesehen werden, wenn ein sog.
Ausschlussgrund vorliegt. Ein möglicher Ausschlussgrund ist die Überschuldungssituation. Bei
Überschuldung, wenn die Steuerschuld nur eine unter mehreren ist, wenn ein Nachlassvertrag
bevorsteht oder ein Konkurs droht, kann der Erlass der Steuerschuld allein keine dauerhafte
Sanierung herbeiführen. Der Verzicht des Gemeinwesens auf seine Steuerforderung könnte
somit seinen Zweck nicht erfüllen und würde nur den übrigen Gläubigern statt dem
Steuerpflichtigen zugutekommen. Bei Überschuldung ist ein Erlass oder Teilerlass deshalb
grundsätzlich nur dann und im gleichen Umfang möglich, als auch die übrigen Gläubiger auf
ihre Forderungen verzichten (Art. 240a Abs. 1 StG, Art. 240b Abs. 1 Bst. d StG, Art. 240c Abs. 1
Bst. c StG). Die Bestimmungen von Art. 240a Abs. 1 StG betreffend die unzulässige
Begünstigung anderer Gläubiger sind den übrigen vorgeordnet, was einerseits aus der
systematischen Stellung gleich zu Beginn der Erlassbestimmungen im StG und andererseits
aus der langen und übereinstimmenden Praxis der ehemaligen Eidgenössischen
- 9 -
Erlasskommission und des Bundesgerichts hervorgeht (ASA 22 S. 352 und ASA 52 S. 518).
Dieser Ausschlussgrund schränkt den Erlass somit generell ein, so auch bei Erlassgründen, die
darauf nicht speziell Bezug nehmen. Auch bei primär in den persönlichen Verhältnissen
liegenden Ursachen für die Notlage kann kein Erlass gewährt werden, wenn dadurch andere
Gläubiger (massgeblich) mitbegünstigt würden. Der Erlass soll ausschliesslich dem
Gesuchsteller (und seiner Familie) und nicht Dritten zugutekommen
(Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O., N. 2b zu Art. 167 DBG). Die einzige
Ausnahme würde jener Fall darstellen, bei dem die Überschuldung ausschliesslich und direkt in
den persönlichen Verhältnissen begründet ist, für welche die steuerpflichtige Person nicht
einzustehen hat (Familienlasten, Krankheitskosten, Unterhaltsverpflichtungen etc.; ausdrücklich
Art. 240b Abs. 1 Bst. c StG; Art. 3 Abs. 1 Bst. a und b EV DBG). Dies ist indes vorliegend nicht
gegeben.
7. Sowohl die Erlassbehörde in ihrem Erlassentscheid vom 2. Februar 2021 (pag. 37) als auch die Steuerverwaltung in ihrer Vernehmlassung vom 14. April 2021 (S. 3) verweisen auf
den Betreibungsregisterauszug des Betreibungsamts des F._ vom 1. Dezember 2020
(S. 14; pag. 16), worin 68 Verlustscheine für Forderungen über insgesamt CHF 89'562.65
ausgewiesen sind. Der grösste Teil entfällt wohl auf Steuerschulden, doch verfügen diverse
andere Gläubigerinnen und Gläubiger (u.a. Inkassounternehmen, Krankenversicherung und
Privatpersonen) über Forderungen in der Höhe von insgesamt CHF 31'472.45. Forderungen, für
welche Pfändungsverlustscheine bestehen, können grundsätzlich jederzeit mit einer neuen
Betreibung gegen den Schuldner geltend gemacht werden (Art. 149 SchKG). Deshalb sind
Verlustscheine aus Pfändungen bei der Prüfung des Ausschlussgrunds der Überschuldung zu
berücksichtigen, da ansonsten das finanzielle Substrat des Rekurrenten zu Gunsten dieser
Gläubiger einseitig erhöht würde. Dies widerspricht Ziel und Zweck des Steuererlasses (vgl.
Markus Langenegger, a.a.O., N. 8 zu Art. 240c StG). Da er – seit dem Verkauf seiner zwei
Stockwerkeinheiten – über keine wesentlichen Vermögenswerte verfügt und keine hohen
Einkünfte hat (vgl. Veranlagungsverfügung pro 2018; pag. 10), scheint er nicht in der Lage zu
sein, vorhandene Schulden in absehbarer Zeit zu bezahlen (VGE 100 2012 138/139 vom
26.11.2012, E. 2.3, nicht publiziert). Dementsprechend gilt er als überschuldet im vorgenannten
Sinn. Ferner liegen keine Hinweise vor, dass (sämtliche) privaten Gläubiger bereit sind, auf ihre
Forderungen (im gleichen Ausmass) zu verzichten, weshalb ein Steuererlass primär ihnen und
nicht dem Rekurrenten zugutekommen würde (VGE 100 2017 111 vom 7.2.2018, E. 3.3). Unter
diesen Umständen sind alle Voraussetzungen für den Ausschluss des Steuererlasses wegen
Überschuldung erfüllt. Keine Rolle spielt hierbei, aus welchem Grund die Schulden entstanden
sind. Der Rekurs erweist sich daher als unbegründet und ist abzuweisen.
- 10 -
8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Rekurrent kostenpflichtig. Er hat die gesamten Verfahrenskosten zu tragen, einschliesslich allfälliger Auslagen für Gutachten oder
andere externe Kosten (Art. 200 Abs. 1 StG i.V.m. Art. 1, 2, 53, 58 und 59 des Dekrets vom 24.
März 2010 betreffend die Verfahrenskosten und die Verwaltungsgebühren der
Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [Verfahrenskostendekret, VKD; BSG 161.12]).
Vorliegend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 500.-- damit dem unterlegenen
Rekurrenten aufzuerlegen und mit dem geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen.
Ist der Rekurrent vertreten, so kann bei ganz- oder teilweisem Obsiegen eine
Parteikostenentschädigung gesprochen werden. Da der Rekurrent im vorliegenden Fall
unterliegt und ausserdem nicht vertreten ist, werden keine Parteikosten gesprochen (Art. 200
Abs. 4 StG).