# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 71f16aec-fafe-5bc6-a4a8-108502456a6d
**Court:** AR_OG
**Chamber:** AR_OG_003
**Year:** 2015
**Language:** de
**Jurisdiction:** AR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1958 geborene A_ meldete sich am 1. Oktober 2002 erstmals wegen
eines im Dezember 2000 erlittenen Unfalls (Verletzung an der rechten Schulter) bei der IV-
Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden an und beanspruchte Leistungen. Die IV-Stelle
verneinte mit je einer Verfügung vom 16. Juli 2003 einen Rentenanspruch (Invaliditätsgrad:
14%) und einen Anspruch auf berufliche Massnahmen. Diese Verfügungen sind in
Rechtskraft erwachsen.
B. Die SUVA sprach A_ mit Verfügung vom 22. März 2004 wegen des Unfalls im Dezember
2000 eine Integritätsentschädigung von 5% zu. Im März 2007 sowie im Dezember 2009
erlitt A_ weitere Unfälle. Mit Verfügung vom 17. Mai 2011 sprach die SUVA A_
insgesamt eine Integritätsentschädigung von 15% zu. Die von A_ dagegen erhobene
Einsprache hiess die SUVA im Einspracheentscheid vom 15. Dezember 2011 teilweise gut
und sprach ihm – nebst der Integrationsentschädigung von 15% – eine Invalidenrente von
17% zu. Die von A_ gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde hiess das
Obergericht des Kantons Appenzell Ausserrhoden mit Urteil vom 21. November 2012
teilweise gut und sprach A_ ab 1. Juli 2011 eine Invalidenrente von 18% zu. Dieser
Entscheid ist in Rechtskraft erwachsen.
C. Am 8. April 2011 meldete sich A_ erneut wegen eines Unfalls (Rechts – Arm und
Schulter) bei der IV-Stelle an. Gestützt auf die Ergebnisse der medizinischen Abklärungen
– insbesondere das von der SWICA Gesundheitsorganisation eingeholte orthopädisch-
psychiatrische Gutachten von Dr. med. B_, Fachärztin Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, und Dr. med. C_, Facharzt FMH Psychiatrie
Seite 3
und Psychotherapie – teilte die IV-Stelle A_ mit Vorbescheid vom 3. September 2012
mit, dass ab 1. Oktober 2011 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente bestehe. Ab 1. Juli
2012 bestehe dann aber aufgrund des ab Juli 2012 verbesserten Gesundheitszustands
kein Rentenanspruch mehr (Invaliditätsgrad 5%). Mit Verfügung vom 18. Dezember 2012
sprach die IV-Stelle A_ vom 1. Oktober 2011 bis 30. Juni 2012 eine ganze Invalidenrente
zu (Invaliditätsgrad 100%).
D. Nach weiteren medizinischen Abklärungen kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom
18. September 2013 an, es bestehe auch ab 1. Juli 2012 Anspruch auf eine ganze Inva-
lidenrente (Invaliditätsgrad 92%). Dagegen liess die INVOR Vorsorgeeinrichtung Industrie
am 17. Oktober 2013 Einwand erheben. In der Folge wurden weitere Abklärungen getätigt,
unter anderem wurde ein bidisziplinäres Gutachten bei Dr. med. D_, Facharzt FMH
Rheumatologie und Allgemeine Innere Medizin, und bei Dr. med. E_, Facharzt
Allgemeine Innere Medizin und Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, sowie eine
ärztliche Stellungnahme und ein ergänzendes psychiatrisches Gutachten bei Dr. med.
C_ eingeholt. Mit Vorbescheid vom 15. Juli 2014 teilte die IV-Stelle A_ mit, es bestehe
kein Rentenanspruch. Dagegen liess A_ am 12. September 2014 Einwand erheben. Mit
Verfügung vom 20. Oktober 2014 hielt die IV-Stelle an ihrem Entscheid fest und wies das
Leistungsbegehren ab.
E. Gegen die Verfügung vom 20. Oktober 2014 erhob A_ am 22. November 2014 (Datum
Postaufgabe) mit dem eingangs sinngemäss wiedergegebenen Antrag Beschwerde beim
Obergericht des Kantons Appenzell Ausserrhoden.
F. Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 24. Februar 2015 die Abweisung der Be-
schwerde.
G. A_ verzichtete stillschweigend auf eine Replik.

## Considerations

Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 ATSG1 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG2 beurteilt das Obergericht als kanto-
nales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen.
1 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 2 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31)
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Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.3
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. 2.1
Gemäss Art. 87 Abs. 4 IVV4 wird im Fall, dass eine Rente, eine Hilflosenentschädigung
oder ein Assistenzbeitrag wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades, wegen fehlender
Hilflosigkeit oder weil aufgrund des zu geringen Hilfebedarfs kein Anspruch auf einen
Assistenzbeitrag entsteht, verweigert wurde, eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die
Voraussetzungen nach Absatz 2 erfüllt sind. Art. 87 Abs. 2 IVV bestimmt, dass in einem
Gesuch um Revision glaubhaft zu machen ist, dass sich der Grad der Invalidität oder
Hilflosigkeit oder die Höhe des invaliditätsbedingten Betreuungsaufwandes oder Hilfebe-
darfs des Versicherten in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.5
Die Frage des Eintretens auf die Neuanmeldung ist dabei danach zu beurteilen, ob eine
anspruchserhebliche Änderung der tatsächlichen Verhältnisse seit der letzten, unange-
fochten gebliebenen Ablehnung des Leistungsgesuchs bis zum Erlass der strittigen Ver-
fügung glaubhaft dargetan ist.6 Bei der Prüfung der Frage, ob die Vorbringen der versicher-
ten Person überhaupt glaubhaft sind, berücksichtigt die Verwaltung unter anderem, ob die
frühere Verfügung nur kurze oder schon längere Zeit zurückliegt, und dementsprechend an
die Glaubhaftmachung höhere oder weniger hohe Anforderungen stellen. Gelingt der ver-
sicherten Person die Glaubhaftmachung nicht, so wird auf das Gesuch nicht eingetreten. Ist
die anspruchserhebliche Änderung glaubhaft gemacht, ist die Verwaltung verpflichtet, auf
das neue Leistungsbegehren einzutreten und es in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
umfassend zu prüfen. Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens sind herabgesetzte
Anforderungen an den Beweis verbunden. Es genügt, dass für das Vorhandensein des
geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstandes wenigstens gewisse Anhaltspunkte
bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender
Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstellen lassen.7
3 Art. 1 Abs. 1 und Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
4 Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) 5 BGE 132 V 215 E.3.1.1 zu den in zeitlicher Hinsicht massgebenden Rechtssätzen 6 BGE 130 V 71 E. 3.2.3 und 3.2.4; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_526/2010 vom
15. September 2010 E. 2 mit Hinweisen 7 Urteil des Bundesgerichts 9C_523/2014 vom 19. November 2014 E. 2 mit Hinweisen
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2.2
Die IV-Stelle führte in der angefochtenen Verfügung aus, es handle sich um eine Neuprü-
fung eines Rentenanspruches nach rechtskräftiger Rentenablehnung. In der Folge nahm
sie, obwohl sie eine im Wesentlichen unveränderte Situation feststellte, einen Einkom-
mensvergleich vor.
Der IV-Stelle ist insofern beizupflichten, als es sich vorliegend um ein Neuanmeldungsver-
fahren nach rechtskräftiger Rentenablehnung handelt. Zu prüfen ist demnach zuerst, ob
eine erhebliche Änderung der tatsächlichen Verhältnisse in gesundheitlicher oder erwerbli-
cher Hinsicht eingetreten ist. Massgebender Vergleichszeitraum bildet dabei der Sachver-
halt, wie er im Zeitpunkt der ersten Ablehnungsverfügung bestanden hat mit jenem zur Zeit
der streitigen neuen Verfügung.8 Erst dann, wenn eine erhebliche Änderung in den
tatsächlichen Verhältnissen festgestellt worden ist, besteht Anlass zur Durchführung eines
neuen Einkommensvergleichs.9
Somit ist vorliegend zu prüfen, ob seit der Verfügung vom 16. Juli 2003 bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung vom 20. Oktober 2014 eine für den Rentenanspruch wesentliche
Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist.
2.3
Die IV-Stelle wies das Leistungsbegehren des Beschwerdeführers mit Verfügung vom
16. Juli 2003 ab.10 Im Wesentlichen stützte sie sich hierbei auf den Arztbericht von Dr. med.
F_, Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin, Herisau, vom 18. November 2002,
wonach der Beschwerdeführer in seinem angestammten Beruf als Monteur medizinisch
theoretisch nur noch ca. 50% bis 70% arbeitsfähig sei. Die jetzige Tätigkeit könne er
bewältigen, jedoch werde die Stelle Ende Jahr abgebaut. Leichtere Tätigkeiten könne er zu
100% ausführen.11 Des Weiteren stützte sie sich auf von der SUVA beigezogene Akten.
Diesen lässt sich entnehmen, dass der Beschwerdeführer nach der Subscapularissehnen-
Refixation rechts am 4. Mai 2001 ab 20. August 2001 wieder zu 50% und ab 17. September
2001 wieder zu 100% arbeitsfähig gewesen war.12 Im Februar 2003 wechselte der
Beschwerdeführer den Arbeitgeber und war neu als Maschinenbediener bei der G_ AG
tätig.13 Im Verlaufsbericht vom 4. Juli 2003 erklärte Dr. med. F_ den Verlauf als stationär.
Schwere Arbeiten seien nicht möglich. Als Maschinenbediener sei die Arbeit knapp
durchführbar. Es sei nicht ganz sicher, ob der Beschwerdeführer auf die Dauer die Arbeit
8 BGE 130 V 71 E. 3.1 9 Urteil des Bundesgerichts 9C_523/2014 vom 19. November 2014 E. 4 10 8.2/IV-act. 20 11 8.2/IV-act. 8 12 8.2/IV-act. 11-40/49; 8.2/IV-act. 11-37/49 und 8.2/IV-act. 11-32-49; vgl. auch 8.2/IV-act. 11-26/49 13 8.2/IV-act. 17-1ff/3
Seite 6
wirklich zu 100% ausführen könne.14 Gestützt auf diese Abklärungen führte die IV-Stelle in
der Verfügung vom 16. Juli 2003 aus, der Beschwerdeführer sei in der bisherigen Tätigkeit
als Maschinenschlosser zu 100% arbeitsunfähig. Für leichte Tätigkeiten sei er voll
arbeitsfähig. Gemäss Einkommensvergleich ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 14%,
weshalb kein Rentenanspruch bestehe.15
Der angefochtenen Verfügung vom 20. Oktober 2014 lagen im Wesentlichen folgende
medizinischen Berichte und Gutachten zugrunde:
Im Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon vom 20. Oktober 2010 über den stationären
Aufenthalt des Beschwerdeführers vom 23. September bis 13. Oktober 2010 wurde – nebst
dem Unfall vom 12. Dezember 2000: Traumatischer Subskapularissehnenabriss mit Inter-
vallläsion rechts, dem Unfall vom 21. März 2007: Sturz auf die linke Schulter sowie dem
Unfall vom 14. Dezember 2009: Treppensturz beim Auffüllen des Kühlwassers in die
Maschine – folgende (psychiatrische) Diagnose gestellt: Zwangsstörung, Zwangsgedanken
und Handlungen gemischt (ICD-10 F42.2), Verdacht auf gewisse dissoziative Bewegungs-
störung der rechten Schulter/Arm, leicht hinkendes Gangbild, belastende psychosoziale
Situation (Krebserkrankung der Ehefrau). Unter dem Titel Arbeitsfähigkeit/Zumutbarkeit und
Eingliederungsperspektive wurde festgehalten, dass eine erhebliche Symptomausweitung
beobachtet worden sei, welche teilweise auf eine psychische Störung zurückzuführen sei.
Das Ausmass der demonstrierten physischen Einschränkungen lasse sich mit den objekti-
vierbaren pathologischen Befunden der klinischen Untersuchung und bildgebenden Ab-
klärung sowie den Diagnosen nicht erklären. Die festgestellte psychische Störung begründe
eine schwere arbeitsrelevante Leistungsminderung, zusätzlich zu den muskuloskelettal be-
dingten Einschränkungen. Die berufliche Tätigkeit als Maschinenführer sei aufgrund der zu
hohen Anforderungen – schulterbelastende Tätigkeit – aktuell nicht zumutbar. Aktuell sei
eine leichte bis mittelschwere Arbeit zumutbar. Dabei seien folgende spezielle Einschrän-
kungen aufgrund der rechten Schulter zu berücksichtigen: ohne repetitiven Einsatz des
rechten Armes, ohne Tätigkeiten rechts über Brusthöhe, ohne Arbeit an sturzexponierten
Stellen wie auf hohen Leitern oder ungesichertem Baugerüst oder einem Dach. Aus psy-
chiatrischer Sicht bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit.16
Dr. med. M_, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik Teufen,
diagnostizierte im zuhanden der SWICA erstellten psychiatrischen Gutachten vom
14. Oktober 2011 eine mittelgradige depressive Episode, ein Mischbild der depressiven
14 8.2/IV-act. 19 15 8.2/IV-act. 20 16 8.2/IV-act. 26-1f/15
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Symptome von somatischer Art, anhaltenden Schmerzen, Spannungen, Sorgen und Ver-
zweiflung (ICD-10 F32.8); eine ausgeprägte Akzentuierung der zwanghaften und zum Teil
querulatorischen Persönlichkeitszügen (ICD-10 Z73.1) sowie eine Zwangsstörung (ICD-10
F42.2). Die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sei bei deutlich eingeschränkten
psychokognitiven Funktionen auf dem freien Wirtschaftsmarkt zu 100% eingeschränkt. Die
attestierte 100%-ige Arbeitsunfähigkeit sei ausschliesslich auf psychisches bzw. psycho-
somatisches Leiden mit Krankheitswert zurückzuführen.17
Im interdisziplinären Gutachten von Dr. med. B_ und Dr. med. C_ zuhanden der
SWICA Gesundheitsorganisation vom 13. Juli 2012 führte Dr. med. B_ im
orthopädischen Teilgutachten aus, der Beschwerdeführer sei aus somatischer Sicht ab
sofort für körperlich leichte und gelegentlich mittelschwere Tätigkeiten, die bevorzugt aus
wechselnder Ausgangslage ohne Kraftbeanspruchung des rechten Armes getätigt werden
können, vollschichtig einsetzbar.18 Im psychiatrischen Teilgutachten stellte Dr. med. C_
folgende Diagnosen: 1. Vd. a. anhaltende somatoforme Schmerzverarbeitungsstörung
(ICD-10 F45.4); 2. Aktuell kein AP für Depressionen (unter regelmässiger psychiatrischer
Behandlung), in der HAM-D 21 maximal 12 Punkte, bei einem Cut-off von 14 Punkten für
eine leichte Depression, bei Status nach anamnestisch mittelschwerer Depression ohne
somatischem Syndrom (ICD-10 F32.10, DD: F32.8), DD: St. n. depressiver
Anpassungsstörung bei chronischen Schmerzen (St. n. ICD-10 F43.21), DD: Anpassungs-
störung mit vorwiegend Beeinträchtigung anderer Gefühle (Ärger, Wut, Anspannung, finan-
ziell-existenzielle Sorgen) (ICD-10 F43.23), DD: Depressive Verstimmungen im Rahmen
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10 F45.4); 3. Akzentuierte anan-
kastische Persönlichkeitszüge; verstärkt seit Unfall und Arbeitsunfähigkeit 2010 (ICD-10
Z73.1), DD: Merkmale von anankastischer Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.5), DD:
Leichte Ausprägung einer Zwangsstörung mit Zwangsgedanken und Zwangshandlungen
gemischt (ICD-10 F44.4); 4. Kein AP für dissoziative Bewegungsstörung der rechten
Schulter (wahrscheinlich rein somatisch bedingte Schonhaltung). In Bezug auf die Arbeits-
fähigkeit führte Dr. med. C_ aus, diese sei auf dem freien Arbeitsmarkt aus rein
psychiatrischer Sicht aktuell nur gering reduziert. Aufgrund der aktuellen psychiatrischen
Befunde und Diagnosen könne dem Beschwerdeführer die Teilnahme an einem funkti-
onellen Arbeits-Assessments und anschliessendem Arbeitstraining zugemutet werden. Ein-
schränkungen seien aus somatischer Sicht zu beurteilen. Aus rein psychiatrischer Sicht sei
dem Beschwerdeführer jegliche angepasste Teilzeittätigkeit zumutbar.19 In der Konsensbil-
dung vom 13. Juli 2012 kamen die beiden Gutachter zum Schluss, dass von psychiatri-
17 8.2/IV-act. 171.2-273/464 18 8.2/IV-act. 91-11/33 19 8.2/IV-act. 91-27ff/33
Seite 8
scher Seite keine Arbeitsunfähigkeit zu begründen sei, vielmehr stehe der Behandlungsbe-
darf im Vordergrund. Von orthopädischer Seite ergäben sich qualitative, aber keine quanti-
tativen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit. Daher sei ab sofort ein vollschichtiges Ar-
beitsvermögen unter den genannten Kriterien gegeben.20
Dr. med. K_, Fachärztin FMH Psychiatrie und Psychotherapie, RAD Ostschweiz,
erachtete das bidisziplinäre orthopädisch-psychiatrische Gutachten von Dr. med. B_ und
Dr. med. C_ in ihrer Beurteilung vom 26. Juli 2012 als plausibel. Mit Ergänzungen aus
dem Dossier könne auf dieses Gutachten abgestellt werden. Im psychiatrischen Bereich sei
eine Besserung der Depression eingetreten. Nunmehr stehe eine Anpassungsstörung mit
anderen Gefühlen bzw. der Verdacht auf eine somatoforme Schmerzstörung im
Vordergrund. Seit Juli 2012 bestehe in einer angepassten Tätigkeit eine volle
Arbeitsfähigkeit.21
Die behandelnde Psychiaterin, Dr. med. H_, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie,
Wil, stellte im Arztbericht vom 1. Juli 2013 als Diagnosen unter anderem eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1) ohne somatisches
Syndrom (ICD-10 F33.0); Zwangsstörung, Zwangsgedanken und Handlungen gemischt
(ICD-10 F42.2); Merkmale einer anankastischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.5)
sowie V.a. dissoziative Bewegungsstörungen der rechten Schulter/des rechten Armes,
leicht hinkendes Gangbild (ICD-10 F44.4). Sie habe den Beschwerdeführer vom
23. November 2010 bis 16. September 2013 ambulant behandelt. Die Prognose sei
schlecht. Es handle sich um eine schwere, seit Jahren bestehende Schmerzproblematik mit
rezidivierenden depressiven Episoden auf dem Boden einer anankastischen Persönlichkeit.
Aufgrund der rein psychiatrischen Problematik sei der Beschwerdeführer auch in einer
angepassten Tätigkeit 100% arbeitsunfähig.22
Dr. med. I_, Facharzt Neurochirurgie, Spital Herisau, stellte im Bericht über die
Sprechstunde vom 3. Dezember 2012 die Diagnose eines somatoformen Schmerzsyn-
droms.23
Im Arztbericht von Dr. med. J_, Facharzt FMH Allgemeine Medizin, Herisau, vom 11. Juli
2013 gab er als Befund ein somatoformes Schmerzsyndrom mit massiv eingeschränkter
20 8.2/IV-act. 91-4/33 21 8.2/IV-act. 92-2f/4 22 8.2/IV-act. 143-2f/10 23 8.2/IV-act. 149-4/6
Seite 9
Beweglichkeit und massiven Verkrankungen an. Ausserdem bestehe ein depressives
Zustandsbild.24
In der Beurteilung vom 14. August 2013 stellte Dr. med. K_ fest, es gebe in Bezug auf
die Diagnose und den chronifizierenden Krankheitsverlauf neue Erkenntnisse. Eine
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit mit Hilfe von beruflichen Massnahmen scheine über-
wiegend unwahrscheinlich. Da sich die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nach Eintreffen
der neuen medizinischen Erkenntnisse verändert habe, empfehle sie eine nochmalige
Rentenprüfung.25
Dr. med. K_ erklärte am 4. September 2013, die psychiatrische Beurteilung im bi-
disziplinären Gutachten von Dr. med. B_ und Dr. med. C_ sei nicht mehr aufrecht zu
erhalten. Der seitherige weitere belastende Verlauf, nachvollziehbar beschrieben von Dr.
med. H_ und auf dem Hintergrund der von Dr. med. C_ beschriebenen Persönlichkeit
plausibel, habe zu einem als krankheitswertig einzuordnenden Verhalten des
Beschwerdeführers geführt. Relevanter Gesundheitsschaden/Diagnosen seien: auf dem
Hintergrund einer Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61.0), wiederkehrende depressive
Episoden (ICD-10 F33), Zwangsstörung (ICD-10 F42) sowie Belastungsinsuffizienz des
dominanten rechten Armes nach Schulterverletzung und mehreren OP’s. Wesentliche
Funktionseinschränkungen seien die psychische Minderbelastbarkeit, besonders mit
deutlich verminderter Anpassungsfähigkeit, Um- und Einstellfähigkeit sowie die
Minderbelastbarkeit des rechten Armes. Auf dem ersten Arbeitsmarkt sei der
Beschwerdeführer vollumfänglich arbeitsunfähig. Im geschützten Rahmen, d.h. in einer
körperlich leichten Tätigkeit unter Schulterniveau mit dem rechten Arm, in einem kleinen
Team, ohne besonderen Zeit- und Leistungsdruck mit klar strukturierten Aufgaben-
stellungen sei der Beschwerdeführer seit Oktober 2010 zu 50% arbeitsfähig.26
Im rheumatologisch-psychiatrischen Gutachten von Dr. med. D_ und Dr. med. E_ vom
20. Dezember 2013 diagnostizierte Dr. med. D_ im rheumatologischen Teilgutachten im
Wesentlichen den Verdacht auf dissoziative Bewegungsstörung der rechten Schulter/des
rechten Arms sowie ein leicht hinkendes Gangbild.27 Weiter führte er aus, angestammt und
im freien Arbeitsmarkt nicht vermittelbar, sei – wenn dem Beschwerdeführer nicht ein
vorgetäuschtes Verhalten nachzuweisen sei – behinderungsbedingt aus rheumatologischer
Sicht wohl nur eine minimale Restarbeitsfähigkeit einarmig links bei verkürzter Arbeitszeit
24 8.2/IV-act. 149-1/6 25 8.2/IV-act. 150-3/3 26 8.2/IV-act. 152-3f/4 27 8.2/IV-act. 167-16/50
Seite 10
zumutbar.28 In der angestammten Tätigkeit bestehe bleibend keine Arbeitsfähigkeit mehr.
Aus somatisch-rheumatologischer Sicht könne bestenfalls mit einem 50%-Pensum bei 60%
Arbeitspräsenz gerechnet werden in adaptierter leichtester Tätigkeit vorwiegend bis
ausschliesslich mit linkem Arm auf Tischhöhe ausgeführt mit nur leichter Haltefunktion des
rechten Armes.29 Dr. med. E_ diagnostizierte im psychiatrischen Teilgutachten als
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: ICD-10 F33.2 rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome; ICD-10 F60.30 und
60.5 emotional instabile Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ, anankastische
Persönlichkeitsstörung sowie DD: ICD-10 F45.4 anhaltend somatoforme Schmerzstörung.
Der Beschwerdeführer leide seit dem ersten Unfall im Jahr 2000 und dessen Folgen an
aktenkundig beschriebenen und selbst berichteten depressiven Episoden mit stark
gedrückter Stimmung, Anhedonie, ausgeprägter Müdigkeit und Schlafstörung, Störung der
Konzentration und Aufmerksamkeit, Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust, starker
Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens und an somatischen
Symptomen wie Agitiertheit und die Unfähigkeit, sich zu freuen. Diese Symptomatik
wechsle von leicht bis schwer, habe aber im Lauf der Jahre zugenommen. Dazu kämen
wiederkehrende Gedanken an Tod und Suizid. An zwanghaften Anteilen seien
übermässige Ordnungsneigung, Gewissenhaftigkeit, Leistungsbezogenheit, Pedanterie,
Rigidität und Eigensinn festzustellen. An impulsiven Anteilen finde sich die zunehmende
Tendenz unerwartet zu handeln, Streitlust und Konfliktsuche, Neigung zu Wutausbrüchen
und unbeständige und launische Stimmung. Differentialdiagnostisch müsse auch die
Entwicklung einer anhaltend somatoformen Schmerzstörung diskutiert werden, da die
Schmerzen und die Behinderung durch einen physiologischen Prozess oder eine kör-
perliche Störung nicht völlig erklärt werden könne.30 Aufgrund der Untersuchungsbefunde
sei aus psychiatrischer Sicht festzuhalten, dass derzeit hochgradige, krankheitswertige Ein-
schränkungen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit ausgewiesen seien. In der ange-
stammten Tätigkeit sei der Beschwerdeführer 100% arbeitsunfähig. Auch in anderen
leidensadaptierten Tätigkeiten in einem geschützten Rahmen müsse von einer 100%-igen
Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden. Die zum Scheitern des Arbeitsversuchs im April
2012 führenden gesundheitlichen Einschränkungen haben sich noch wesentlich verstärkt.31
Im polydisziplinären Konsens stellten die beiden Gutachter im Wesentlichen folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: ICD-10 F33.2 rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome; ICD-10 F60.30 und
F60.5 emotionale instabile Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ, anankastische Persön-
lichkeitsstörung; ICD-10 F45.4 anhaltend somatoforme Schmerzstörung sowie Verdacht auf
28 8.2/IV-act. 167-22/50 29 8.2/IV-act. 167-23ff/50 30 8.2/IV-act. 168-14/21 31 8.2/IV-act. 168- 17f/21
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dissoziative Bewegungsstörung der rechten Schulter/des rechten Armes und leicht hinken-
des Gangbild. Weiter kamen sie zum Schluss, dass der Beschwerdeführer aus psychiatri-
schen wie auch rheumatologischen Gründen in der bisherigen Tätigkeit bleibend arbeits-
unfähig sei. Aus psychiatrischer Sicht sei er zudem für jede leidensangepasste Tätigkeit
auch in geschütztem Rahmen nicht mehr arbeitsfähig, zumindest bis durch eine weiterge-
führte psychiatrische Behandlung allenfalls Schmerzbehandlung an einer Schmerzklinik
nicht eine psychische Stabilisierung und Bereitschaft für einen Wiedereingliederungsver-
such erreicht werden könne.32
Dr. med. K_ hielt in ihrer Beurteilung vom 23. Januar 2014 fest, dass auf das bidis-
ziplinäre Gutachten von Dr. med. D_ und Dr. med. E_ vollumfänglich abgestellt
werden könne. Die psychiatrische Störung stehe im Vordergrund und bestimme die
Arbeitsfähigkeit. Die vom somatischen Gutachter beobachteten Widersprüchlich- und
Unerklärlichkeiten seien im Rahmen der psychiatrischen Störungen zu interpretieren. Eine
100%-ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit sei nachvollziehbar. Aus ärztlicher Sicht
könne am Entscheid des Wiederauflebens der ganzen Rente per 1. Juli 2012 festgehalten
werden.33
Aufgrund der unterschiedlichen medizinischen Beurteilung des Beschwerdeführers in den
Gutachten von Dr. med. B_/Dr. med. C_ und Dr. med. D_/Dr. med. E_ holte die
IV-Stelle bei Dr. med. C_ eine Stellungnahme ein. In seiner ärztlichen Stellungnahme
vom 11. April 2014 hielt Dr. med. C_ an seinen damaligen Ausführungen im Gutachten
vom 10. Juli 2012 fest. Die unterschiedliche Beurteilung durch Dr. med. E_ vermöge an
seiner damaligen Beurteilung nichts zu ändern. Aufgrund der zu weit auseinanderliegenden
Untersuchungszeitpunkte könne aber ein wirklicher Vergleich nur anhand einer erneuten
klinischen Untersuchung stattfinden.34 In der Folge entzog sich der Beschwerdeführer einer
erneuten psychiatrischen Untersuchung durch Dr. med. C_. Aufgrund der ca. 20 – 30
minütigen Begegnung kam Dr. med. C_ jedoch zum Schluss, dass er wohl zu einer
ähnlichen oder gleichen Beurteilung des Falles wie vor zwei Jahren käme. Die von Dr. med.
E_ gestellte Diagnose einer schweren Depression sei nicht nachvollziehbar.35
2.4
Der Vergleich des Sachverhaltes bzw. der der Verfügung vom 16. Juli 2003 und der der
Verfügung vom 20. Oktober 2014 zugrundeliegenden medizinischen Berichte ergibt, dass
in psychischer Hinsicht eine massgebliche Veränderung der Verhältnisse glaubhaft darge-
32 8.2/IV-act. 167-28f/50 33 8.2/IV-act. 169-3f/4 34 8.2/IV-act. 173-5/9 und 8.2/IV-act. 173-8/9 35 8.2/IV-act. 177-1ff/10
Seite 12
tan worden ist. Die IV-Stelle trat denn auch ohne weiteres auf das neue Leistungsbegehren
des Beschwerdeführers ein und prüfte es umfassend. Sie ging in der Verfügung vom
20. Oktober 2014 davon aus, dass – im Gegensatz zur Verfügung vom 16. Juli 2003 – beim
Beschwerdeführer nun auch eine somatoforme Schmerzstörung vorliege.
Ob auch in somatischer Hinsicht eine erhebliche Änderung eingetreten ist, kann unter
diesen Umständen offen bleiben. Die IV-Stelle verneinte dies. Sie ging aufgrund der ärztli-
chen Berichte sowohl in der Verfügung vom 16. Juli 2003 als auch in der Verfügung vom
20. Oktober 2014 von keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätig-
keit aus. Sie stellte sich auf den Standpunkt, es liege bei der Beurteilung von Dr. med.
D_, welcher für den Beschwerdeführer in einer adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit
von 50% als zumutbar erachtete, eine unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen
gleich gebliebenen Sachverhaltes vor.36
3. 3.1
Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu würdigen sind. Für
das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grund-
satz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversi-
cherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies,
dass das Sozialversicherungsgericht die Beweismittel unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterla-
gen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere
darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledi-
gen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht die andere medizinische These abstellt.37 Hinsichtlich des Beweis-
wertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfas-
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück-
sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind.38
3.2
Wie bereits erwähnt, ging die IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung vom 20. Oktober
2014 von der Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung aus. Die von Dr. med. E_
36 Act. 2.1 37 BGE 125 V 351 E. 3a 38 BGE 134 V 231 E. 5.1
Seite 13
diagnostizierte schwere Depression erachtete sie hingegen gestützt auf die Ausführungen
von Dr. med. C_ vom 11. April 2014 und 26. Mai 2014 als nicht zutreffend. Weiter kam
sie in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, dass die von Dr. med. E_
diagnostizierte Persönlichkeitsstörung keinen massgeblichen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit habe, zumal eine Persönlichkeitsstörung nicht per se invalidisierend sei.39
Entgegen der Ansicht der IV-Stelle führte Dr. med. E_ die somatoforme Schmerzstörung
im psychiatrischen Teilgutachten lediglich als dritte Diagnose und insbesondere als
Verdachtsdiagnose auf. Dies im Gegensatz zu den beiden ersten Punkten seiner Diagnose,
der Depression und der Persönlichkeitsstörung.40 Die somatoforme Schmerzstörung als
andere denkbare Diagnose wurde von Dr. med. E_ in der Gesamtbeurteilung und
Prognose zwar diskutiert, gleichzeitig aber deutlich in Frage gestellt.41 Den Akten lässt sich
entnehmen, dass erstmals im Bericht von Dr. med. L_, Fachärztin FMH für Neurologie,
Spital Herisau, vom 20. Juli 2005 auf eine somatoforme Störung hingewiesen wurde.
Gemäss ihrem Schreiben weise die Ausdehnung der angegebenen Sensibilitätsstörung, die
weit über das Versorgungsgebiet des Plexus brachialis rechts hinausgehe, ebenfalls darauf
hin, dass wahrscheinlich eine somatoforme Störung vorliege.42 Dr. med. C_ stellte im
psychiatrischen Teilgutachten zuhanden der SWICA Gesundheitsorganisation vom 13. Juli
2012 unter anderem die Verdachtsdiagnose einer anhaltenden somatoformen
Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10 F45.4). In der Beurteilung führte er hierzu aus, dass
unter dieser Diagnose wiederum auch die anamnestisch beobachteten rezidivierenden
depressiven Verstimmungen/Symptome subsumiert werden könnten.43 Dr. med. K_
stellte auf dieses Gutachten ab und wies in ihrer Beurteilung vom 26. Juli 2012 darauf hin,
dass nunmehr eine Anpassungsstörung mit anderen Gefühlen bzw. der Verdacht auf eine
somatoforme Schmerzstörung im Vordergrund stehe.44 Die Diagnose eines somatoformen
Schmerzsyndroms wurde sodann auch von Dr. med. I_ sowie von Dr. med. J_
gestellt.45 Wie erwähnt stellte auch Dr. med. E_ im psychiatrischen Teilgutachten vom
20. Dezember 2013 als Differentialdiagnose eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung.46 Eine eingehende Begründung der Diagnose einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung erfolgte von keinem der Ärzte. Lediglich Dr. med. E_
setzte sich vertieft damit auseinander, formulierte diese Diagnose aber klar als
Verdachtsdiagnose. Somit wurde die Diagnose einer anhaltenden somatoformen
39 Act. 2.1 40 8.2/IV-act. 168-14/21 41 8.2/IV-act. 168-14/21 und 8.2/IV-act. 168-16/21 42 8.2/IV-act. 171.2-418/464 43 8.2/IV-act. 91-27/33 und 8.2/IV-act. 91-30/33 44 8.2/IV-act. 92-3/4 45 8.2/IV-act. 149-4/6 und 8.2/IV-act. 149-1/6 46 8.2/IV-act. 168-14/21
Seite 14
Schmerzstörung im vorliegenden Fall nie fachärztlich einwandfrei diagnostiziert.47 Insofern
handelt es sich vorliegend eben nicht bzw. nur am Rande um den Fall einer möglichen
somatoformen Schmerzstörung und die diesbezüglichen Ausführungen der IV-Stelle,
insbesondere zur Überwindbarkeitsvermutung und zur depressiven Erkrankung als
Begleiterscheinung der somatoformen Schmerzstörung, stossen damit ins Leere.
3.3
Zu prüfen sind demnach noch die von der IV-Stelle und Dr. med. C_ erhobenen
Einwände gegen das bidisziplinäre Gutachten von Dr. med. D_ und Dr. med. E_.
Die von der IV-Stelle geltend gemachten Inkonsistenzen in den medizinischen Akten be-
ziehen sich im Wesentlichen auf das Gutachten von Dr. med. D_.48 Er verfasste das
rheumatologische Teilgutachten und gab seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers unter dem Vorbehalt ab, dass diesem nicht ein vorgetäuschtes Verhal-
ten nachzuweisen sei.49 Dr. med. D_ beurteilte den Beschwerdeführer lediglich aus
somatischer Sicht. Diese Beurteilung wurde vom Beschwerdeführer grundsätzlich nicht in
Frage gestellt und ist im vorliegenden Fall im Ergebnis auch nicht massgebend, weshalb
allfällige Inkonsistenzen im somatischen Bereich hier unbeachtlich bleiben können. Soweit
die IV-Stelle geltend macht, der Beschwerdeführer habe beim psychiatrischen Gutachter
Drohungen ausgestossen, wird dies durch Dr. med. E_ nicht bestätigt.50 Der
psychiatrische Gutachter schildert im objektiven Befund lediglich die Umstände, unter
denen seine Untersuchung stattfand und die Schwierigkeiten des Beschwerdeführers, Ver-
trauen zu ihm zu fassen.51 Da es gerade zur Aufgabe des Gutachters gehört, beobachtetes
Verhalten zu beschreiben und einer Erklärung zuzuführen, kann aus diesen Umständen
keine negative Beeinflussung des psychiatrischen Teilgutachtens abgeleitet werden.
Auch der Vorwurf der IV-Stelle an den psychiatrischen Gutachter, er stelle unkritisch auf die
Angaben der behandelnden Psychiaterin Dr. med. H_ ab, kann nicht gehört werden.52
Dass Dr. med. E_ im Zusammenhang mit dem zu erstellenden Gutachten zusätzlich
telefonisch Rücksprache mit Dr. med. H_ hielt, ist angesichts dessen, dass sie den
Beschwerdeführer seit 23. November 2010 – wenn auch in grösseren Zeitabständen –
behandelt, nicht zu beanstanden.53 Zudem setzte sich Dr. med. E_ nicht nur mit ihrer
47 BGE 141 V 281 E. 2.1 mit Hinweis 48 Act. 2.1 und act. 7 Ziff. 3 49 8.2/IV-act. 167-22/50 und 8.2/IV-act. 166 50 Act. 7 Ziff. 3 51 8.2/IV-act. 168-12/21 52 Act. 2.1 53 8.2./IV-act. 168-2/21 und 8.2/IV-act. 143-3/10
Seite 15
ärztlichen Einschätzung auseinander, sondern nimmt auch Stellung zu den (Teil-)
Gutachten von Dr. med. M_ und Dr. med. C_.54
Dr. med. C_ relativierte seine Kritik am bidisziplinären Gutachten von Dr. med. D_ und
Dr. med. E_ in der ärztlichen Stellungnahme vom 11. April 2014 gleich selber, indem er
einen wirklichen Vergleich in der Beurteilung des Beschwerdeführers nur anhand einer
erneuten klinischen Untersuchung als aussagekräftig erachtete.55 Die psychiatrische
Exploration des Beschwerdeführers vom 26. Mai 2014 mit dem Ziel, dessen aktuellen
psychischen Gesundheitszustand zu überprüfen, scheiterte, da der Beschwerdeführer
seine Mitwirkung verweigerte. Daher ist insbesondere unter Berücksichtigung der von Dr.
med. C_ in der Stellungnahme vom 11. April 2014 erklärten Voraussetzungen für einen
aussagekräftigen Vergleich die von Dr. med. C_ nach der offenbar emotionsgeladenen
20 – 30minütigen Begegnung vorgenommene Beurteilung, in welcher er die von Dr. med.
E_ gestellte Diagnose einer schweren Depression als nicht nachvollziehbar erklärte,
kritisch zu würdigen.56 Insbesondere, da nicht nur Dr. med. E_, sondern auch der frühere
Gutachter Dr. med. M_ und die behandelnde Psychiaterin Dr. med. H_ beim
Beschwerdeführer eine depressive Erkrankung diagnostizierten. Seinem Leiden massen
sie eine eigenständige Bedeutung zu und schätzten ihn aus psychischer Sicht zu 100% als
arbeitsunfähig ein. Dabei erkannten und berücksichtigten sie auch die den
Beschwerdeführer belastende psychosoziale Situation, erachteten diese aber nicht als
derart ausgeprägt, dass dadurch der festgestellte Gesundheitsschaden
invalidenversicherungsrechtlich irrelevant würde.57
Anzumerken bleibt, dass das Vorgehen der IV-Stelle, sich über eine Beurteilung des RAD
hinwegzusetzen und nochmals eine zusätzliche ärztliche Stellungnahme einzuholen, eher
ungewöhnlich erscheint. Zumal der RAD in der Folge nicht einmal Gelegenheit erhielt, sich
zu den Ausführungen von Dr. med. C_ zu äussern.
Dr. med. E_ hat sich in seinem psychiatrischen Teilgutachten vom 20. Dezember 2013
mit den Berichten von Dr. med. M_, Dr. med. C_ sowie Dr. med. H_
auseinandergesetzt und einleuchtend begründet, weshalb er deren Einschätzung folgen
bzw. in welchen Punkten er ihnen nicht folgen kann. Das Teilgutachten ist plausibel und
nachvollziehbar begründet, beruht auf den im Rahmen der Untersuchung vom 3. Dezember
2013 gewonnenen Erkenntnissen, wurde in Kenntnis der Vorakten abgegeben und
54 8.2/IV-act. 168-19f/21 55 8.2/IV-act. 173-5/9 56 8.2/IV-act. 177-8/10 57 8.2/IV-act. 171.2-273/464, act. 82/IV-act. 143-4/10 und 8.2/IV-act. 168-15/21; vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2
Seite 16
berücksichtigt die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden. In der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge leuchtet es ein und erklärt mit Blick auf die subjektiven
Angaben und die objektiven Befunde, weshalb aus psychiatrischer Sicht in jeglicher
Tätigkeit von einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen ist. Dem Gutachten kommt
daher voller Beweiswert zu, zumal die IV-Stelle, wie bereits ausgeführt, nichts vorzubringen
vermochte, was die Einschätzung des psychiatrischen Teilgutachters in Frage zu stellen
vermöchte. Es liegen auch keine konkreten Indizien vor, die gegen die Zuverlässigkeit des
Teilgutachtens sprächen. Auch die Fachärztin des RAD, Dr. med. K_, kam zum Schluss,
es könne vollumfänglich auf das Gutachten abgestellt werden.
3.4
Zusammenfassend ist festzustellen, dass vorliegend kein Fall einer somatoformen
Schmerzstörung vorliegt. Auf das von der IV-Stelle in Auftrag gegebene bidisziplinäre Gut-
achten von Dr. med. D_ und Dr. med. E_, wonach aus psychiatrischer
Begutachtungssicht der Beschwerdeführer für jede – auch leidensangepasste – Tätigkeit
seit April 2012 nicht mehr arbeitsfähig ist, kann abgestellt werden.
Die Beschwerde erweist sich somit als begründet; sie ist demnach gutzuheissen. Dem Be-
schwerdeführer ist daher unter Berücksichtigung der ihm mit Verfügung vom 18. Dezember
2012 zugesprochenen ganzen Rente vom 1. Oktober 2011 bis 30. Juni 2012 mit Wirkung
ab 1. Juli 2012 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen.
4. 4.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder Verweige-
rung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die IV-Stelle unterliegt im
vorliegenden Verfahren. Da ihr gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG keine Verfahrenskosten auf-
erlegt werden können, werden keine Kosten erhoben. Die Gerichtskasse wird somit ange-
wiesen, den vom Beschwerdeführer geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 800.-- zurückzu-
erstatten.
4.2
Der nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer stellte kein Entschädigungsbegehren.
Somit ist ihm kein Auslagenersatz zuzusprechen. Der IV-Stelle steht unabhängig vom Ver-
fahrensausgang keine Parteientschädigung zu.58
58 UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3.Aufl. 2015, N. 199 zu Art. 61 ATSG mit Hinweisen
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