# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 19d7829e-abd9-55af-8939-8f79696db2cf
**Court:** SG_KG
**Chamber:** SG_KG_001
**Year:** 2007
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Zum Sachverhalt:
X begab sich am 21. April 2005 zusammen mit zwei Begleitern an den damaligen
Arbeitsort des Y (Kläger) in Z, um bei ihm ein Guthaben von ca. Fr. 600.– einzutreiben.
Weil er zwecks Bekundung der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens Anstalten traf, den
von Y auf der Baustelle installierten Generator mitzunehmen, stieg jener vom
Arbeitsgerüst, bei welcher Gelegenheit er zwar zu Fall kam, einen Sturz aber verhindern
konnte. In der Folge wurde er von X im Kragenbereich gepackt. Beim anschliessenden
Gerangel hat Y laut Anklage mit dem rechten Bein einen Ausfallschritt nach hinten
gemacht und dabei einen "Chlapf" gespürt, der zum Riss der Achillessehne geführt
habe. Schliesslich habe X den Y am 23. Mai 2005 zweimal telefonisch angerufen und
ihm sinngemäss ein gewaltsames Vorgehen bei der Schuldeneintreibung angedroht.
Die Vorinstanz stellte das Strafverfahren betreffend fahrlässiger Körperverletzung
(definitiv) ein und sprach X vom Vorwurf der mehrfachen Drohung frei.

## Considerations

Aus den Erwägungen:
II./1. a) Die Berufung des Y richtet sich gegen die definitive Einstellung des
Strafverfahrens wegen fahrlässiger Körperverletzung und gegen den Freispruch des X
vom Vorwurf der mehrfachen Drohung. Zur Berufung legitimiert ist Y, wenn ihm
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/4
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Opferstellung zukommt. Als Opfer ist jede Person anzusehen, die durch eine Straftat in
ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt
worden ist (Art. 2 Abs. 1 OHG).
b) Y behauptet, er habe beim Gerangel mit X einen Achillessehnenriss, d.h. eine
Körperverletzung, erlitten. Er hat somit Opferstellung und ist in diesem Punkt zur
Berufung legitimiert (Art. 8 Abs. 1 lit. c OHG).
c) Bei Delikten gegen die Freiheit des Individuums (vorliegend Vorwurf der mehrfachen
Drohung) ist anhand der konkreten Umstände des Einzelfalles zu beurteilen, ob die
Schwere der Straftaten die Annahme einer unmittelbaren Beeinträchtigung der
psychischen Integrität des Betroffenen rechtfertigt. Dabei muss es sich um einen
qualifizierten Fall von Drohung handeln, wobei die Entstehungsgeschichte des OHG
eine zurückhaltende Bejahung der Opferstellung nahe legt (BGE 120 Ia 163).
X wird vorgeworfen, er habe Y am 23. Mai 2005 zwei Mal telefoniert und "ihm
sinngemäss gewaltsames Vorgehen bei der Schuldeneintreibung angedroht". Es sei
von "vorbeikommen und es schon zeigen" die Rede gewesen. Selbst wenn diese
Sachdarstellung erwiesen wäre und die Vorfälle als mehrfache Drohungen beurteilt
würden, kann nicht davon gesprochen werden, es lägen qualifizierte Tatbestände vor,
welche die Annahme einer unmittelbaren Beeinträchtigung der psychischen Integrität
des Y rechtfertigen würden. Damit steht fest, dass ihm hier keine Opferstellung
zukommt, weshalb seine Legitimation zur Berufung in diesem Punkt nicht gegeben ist.
Beim vorinstanzlichen Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen Drohung hat es daher
sein Bewenden.
2. a) Der Entscheid der Vorinstanz, auf die Anklage wegen einfacher Körperverletzung
nicht einzutreten, wurde nicht angefochten und ist damit in Rechtskraft erwachsen.
b) Angefochten seitens des Y ist die definitive Einstellung des Verfahrens betreffend
fahrlässiger Körperverletzung. Das Kreisgericht erkannte, X sei aufgrund des Vorfalls
vom 21. April 2005 rechtskräftig der Tätlichkeit schuldig erklärt worden. Zwar möge
"durch jene bloss vom Vorsatz auf Tätlichkeiten getragene Handlung in vorhersehbarer
Weise eine Körperverletzung verursacht worden sein (...), doch war es eben ein und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/4
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dieselbe Tathandlung und damit der gleiche Lebenssachverhalt". Wer aber
rechtskräftig verurteilt worden sei, dürfe wegen der nämlichen Tat nicht erneut verfolgt
werden.
Dieser Auffassung kann nicht beigepflichtet werden. Dem (bereits abgeurteilten)
Tatbestand der Tätlichkeit gemäss Art. 126 StGB lag der Vorwurf zugrunde, X habe
"um die Mittagszeit des 21.04.05 den Y an dessen Arbeitsort in Z mit den Händen
gehalten resp. am Kragen gepackt und im Verlaufe des Gerangels gegen die dortige
Tunnelwand gedrückt". Innerhalb dieses "Rahmengeschehens" soll sich X zusätzlich
einer fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht haben, weil davon auszugehen
sei, dass Y beim Gerangel mit jenem einen Riss der Achillessehne erlitten habe. Es
stehen somit zwei unterschiedliche Lebensvorgänge zur Beurteilung. Während es sich
im einen Fall (Tätlichkeit) um eine körperliche Attacke handelte, die vorsätzlich erfolgte,
aber keine weiteren gesundheitlichen Folgen gezeitigt haben soll, geht es im anderen
(fahrlässige Körperverletzung) um einen Vorwurf, der auf einer wesentlich erweiterten,
aber nur fahrlässig begangenen Tathandlung des X basiert, die Y jedoch erheblich
geschädigt habe.
Damit steht fest, dass dem (rechtskräftigen) Schuldspruch wegen Tätlichkeit einerseits
und dem Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung andererseits zwar ein
gemeinsamer äusserer Rahmen (verbale und handgreifliche Auseinandersetzung), nicht
aber ein und derselbe Lebensvorgang zugrunde liegt, weshalb über letzteren
Anklagepunkt zu entscheiden ist.
c) Bei Fahrlässigkeitsdelikten hat die Anklage sämtliche tatsächlichen Umstände
anzuführen, aus denen sich die Pflichtwidrigkeit des vorgeworfenen Verhaltens sowie
die Vorhersehbarkeit und die Vermeidbarkeit des eingetretenen Erfolges ergeben
sollen. Es ist insbesondere möglichst genau darzulegen, inwiefern es X an der
Beachtung der gebotenen Sorgfalt oder Vorsicht habe fehlen lassen (BGE 120 IV 356
mit Hinweisen).
Der Untersuchungsrichter führt unter der Rubrik "Angeklagter Sachverhalt" aus, Y sei
von X im Kragenbereich gepackt worden und habe im nachfolgenden Gerangel einen
Ausfallschritt nach hinten gemacht, was zu einem Riss der Achillessehne geführt habe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/4
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei der rechtlichen Würdigung hält er das Gericht an, darüber zu befinden, "ob diese
Verletzung durch X unter Ausserachtlassens der pflichtgemässen Vorsicht – d.h. durch
ein über den Tätlichkeitsvorsatz hinausgehendes ungestümes Angreifen – verursacht
worden ist, wobei als weitere Komponenten des Fahrlässigkeitsbegriffes gemäss [alt]
Art. 18 Abs. 3 StGB der eingetretene Erfolg als vorhersehbar und vermeidbar eingestuft
werden müsste". Ausser der Schilderung des äusseren Ablaufs des Geschehens wird
in der rechtlichen Würdigung einzig auf den Gesetzestext verwiesen, ohne darzutun,
dass die von Y behauptete Verletzung tatsächlich durch das Verhalten des X
verursacht worden sei und worauf sich diese Annahme stützt, und ohne zu erläutern,
inwiefern es X an der Beachtung der gebotenen Sorgfalt oder Vorsicht hat fehlen
lassen, d.h. in welcher Form er pflichtwidrig gehandelt haben und weshalb der Eintritt
der Verletzung für ihn vorhersehbar und vermeidbar gewesen sein soll. Auch ist nicht
geklärt, in welchem Stadium Y den Achillessehnenriss überhaupt erlitten haben soll
(beim Heruntersteigen vom Arbeitsgerüst oder später). Die Anklageschrift wird somit
hinsichtlich des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung den eingangs erwähnten
Anforderungen nicht gerecht, weshalb hier ein Freispruch zu ergehen hat. Dieser erfolgt
aus prozessualen Überlegungen und begründet keine "res iudicata".
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 03.12.2007 Art. 2 Abs. 1 OHG, Art. 188 StP. Opferstellung bei fahrlässiger Körperverletzung und mehrfacher Drohung; ne bis in idem verneint; Anforderungen an eine Anklageschrift bei Fahrlässigkeitsdelikten (Kantonsgericht, Strafkammer, 3. Dezember 2007, ST.2007.50).Das Bundesgericht hat dieses Urteil bestätigt (Urteil 6B_160/2008 neues Fenstervom 9. Juli 2008).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2021-09-19T21:43:27+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen