# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 6e8dd474-1b6e-4864-b524-e9eaeee61898
**Court:** GR_VG
**Chamber:** GR_VG_003
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

I. Sachverhalt:
1. A._ (Jahrgang 1970) ist Mutter von zwei Kindern (geboren 1994 und
2010). Zuletzt war sie als Verkäuferin in einem 80 %-Pensum bei der
E._ tätig. Nachdem bei ihr ein perimenopausales Mammakarzinom
links diagnostiziert worden war, wurde ihr ab dem 2. Oktober 2018 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert. Aufgrund der relativ aggressiven
Tumoreigenschaft unterzog sich A._ einer Chemotherapie, welche zu
einer Partialremission des Primärtumors führte. Zudem erlitt sie bei bereits
bekannter depressiver Symptomatik und wiederkehrenden
Zukunftsängsten eine mittelgradige depressive Episode. Im November
2018 wurde ausserdem ein malignes Melanom an der rechten
Gesässseite festgestellt und daraufhin totalexzitiert.
2. Ende Februar 2019 meldete sich A._ bei der IV-Stelle des Kantons
Graubünden (nachfolgend IV-Stelle) zur beruflichen Integration bzw. zum
Rentenbezug an. Diese tätigte erwerbliche und medizinische
Abklärungen. Am 23. Mai 2019 erfolgte eine Segmentektomie der linken
Brust und eine Lymphknotenentfernung links axillär, wobei anschliessend
eine Radiotherapie eingeleitet worden war. Ausserdem wurde bei A._
erneut eine mittelgradige depressive Episode festgestellt.
3. Ab Ende 2019 unternahm A._ einen Arbeitsversuch bei der E._,
wobei ihr behandelnder Onkologe, PD Dr. med. F._, eine
Arbeitsunfähigkeit von 85 % auswies. Auch noch mit Bericht vom
3. September 2020 attestierte ihr Hausarzt Dr. med. G._ eine
Arbeitsfähigkeit von 20 % bei beklagter ausgeprägter Müdigkeit und
ausgeprägten Konzentrationsschwierigkeiten. Gleichermassen berichtete
Prof. Dr. med. H._ am 16. November 2020 im Rahmen der ab Ende
Oktober 2020 in der Klinik I._ eingeleiteten ambulanten
onkologischen Rehabilitation neben einer belastungsabhängigen raschen
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Ermüdbarkeit von einer ausgeprägten krebsbezogenen Müdigkeit, welche
seit der Chemo- und Strahlentherapie in wechselndem Umfang vorhanden
sei. Infolge dessen sowie der bewegungs- und belastungsabhängig
auftretenden Schmerzen habe A._ namentlich Schwierigkeiten mit
dem Energiehaushalt. Mit Bericht vom 24. Dezember 2020 führte Prof.
Dr. med. H._ sodann aus, dass sich die krebsbedingte deutliche
Dekonditionierung durch das intensive Behandlungsprogramm
erfreulicherweise verbessert habe, weshalb die intensivere ambulante
onko-rehabilitative Behandlung beendet wurde. Zudem stellte Dr. med.
J._ im Bericht vom 23. November 2020 eine rezidivierende
depressive Störung, in Remission, fest. Mit Verlaufsbericht vom
28. Januar 2021 wies PD Dr. med. F._ eine eingeschränkte
Konzentrationsfähigkeit, insbesondere in Stresssituationen aus. Nach
mehrstündiger konzentrierter Tätigkeit komme es zu einer Überforderung
und von körperlicher Seite her sei aufgrund der Fatigue-Symptomatik
derzeit kein ganztägiges Pensum möglich. Ein Arbeitspensum von mehr
als vier Stunden täglich erscheine derzeit nicht leistbar, jedoch könne bei
glückender Eingliederung mit einer sukzessiven Aufstockung des
Pensums gerechnet werden.
4. Anlässlich der am 3. Februar 2021 durchgeführten Abklärung vor Ort gab
A._ an, dass sie ohne Gesundheitsschaden zu 80 % als zweite
Stellvertreterin tätig wäre. In der Haushaltsführung wurde namentlich ab
dem 1. Dezember 2019 insgesamt eine Einschränkung von 9 %
festgestellt.
5. In der Folge liess die IV-Stelle A._ polydisziplinär in den
Fachdisziplinen Allgemeine Innere Medizin, Neurologie, Rheumatologie,
Psychiatrie und Neuropsychologie begutachten sowie eine Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) durchführen. Der
Begutachtungsauftrag wurde der estimed AG zugeteilt (nachfolgend
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estimed-Gutachten). In der am 27. September 2021 erstatteten Expertise
wiesen die Gutachterinnen und Gutachter das perimenopausale
Mammakarzinom links sowie leichte kognitive Defizite als Diagnosen mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aus. Als ohne Einfluss darauf
erachteten sie mitunter das maligne Melanom, die distale sensible
Polyneuropathie bei Diabetes mellitus, das Karpaltunnelsyndrom beidseits
sowie die rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert. Sie
befanden A._ sowohl in der bisherigen wie auch in einer adaptierten
Tätigkeit zu 70 % arbeitsfähig.
6. Mit Vorbescheid vom 6. Oktober 2021 stellte die IV-Stelle A._ die
Ausrichtung einer rückwirkend abgestuften, befristeten Invalidenrente in
Aussicht. Zum Abklärungsergebnis hielt sie fest, A._ wäre ohne
gesundheitliche Einschränkung weiterhin in einem Pensum von 80 %
erwerbstätig. Die restlichen 20 % zum vollen Pensum seien der
Haushaltsführung vorbehalten. Im Aufgabenbereich sei anlässlich der
Abklärung vor Ort eine Einschränkung von 9 % festgestellt worden. Zur
Klärung der Arbeitsfähigkeit sei ein polydisziplinäres medizinisches
Gutachten erfolgt. Demgemäss habe nach Ablauf der einjährigen
Wartefrist per Oktober 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher
Tätigkeit bestanden. Ab Januar 2020 wäre A._ die bisherige wie auch
eine leidensangepasste Tätigkeit zu einem 50 %-Pensum zumutbar
gewesen. Seit Januar 2021 könne sie ihre Tätigkeit wieder zu einem 70 %-
Pensum ausüben. Gestützt darauf ermittelte die IV-Stelle in Anwendung
der gemischten Methode bei einer Einschränkung von 9 % im zu 20 %
gewichteten Haushaltsbereich und einer solchen von 100 % im zu 80 %
veranschlagten Erwerbsbereich einen Invaliditätsgrad von 82 %. Bei einer
Arbeitsfähigkeit von 50 % bzw. 70 % und ansonsten gleichbleibenden
Faktoren errechnete sie einen Invaliditätsgrad von 42 % bzw. 26 %. Unter
Berücksichtigung der dreimonatigen Wartefrist ergab dies einen Anspruch
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auf eine ganze Invalidenrente vom 1. Oktober 2019 bis zum 31. März 2020
sowie auf eine Viertelsrente vom 1. April 2020 bis zum 31. März 2021.
Dagegen liess A._ am 28. Oktober 2021 vorsorglich und am
2. Dezember 2021 einen begründeten Einwand erheben.
7. In der Verfügung vom 30. Juni 2022 korrigierte die IV-Stelle das
Valideneinkommen für das Jahr 2021 – wie von A._ im Einwand
gestützt auf eine E-Mail der E._ geltend gemacht hatte – auf
CHF 59'800.--. Zudem pflichtete sie ihr auch hinsichtlich der
retrospektiven Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei. Aus den
(echtzeitlichen) Stellungnahmen des Regionalen Ärztlichen Dienstes
(RAD) vom 12. Dezember 2019, 10. Juni 2020, 15. September 2020,
8. Februar 2021 und 17. März 2021 ergebe sich, dass A._ von
Anfang 2020 bis Mitte März 2021 80 % arbeitsunfähig gewesen sei. Auch
wenn es sich bei diesen Stellungnahmen nur um vorläufige Beurteilungen
gehandelt habe, rechtfertige es sich, ihr die Ausübung der angestammten
Tätigkeit als Verkäuferin von Anfang 2020 bis Mitte März 2021 nur zu 20 %
zuzumuten. Der Vergleich des (erhöhten) Valideneinkommens von
CHF 59'800.-- mit dem gestützt auf die 20%ige Arbeitsfähigkeit ermittelten
Invalideneinkommens von CHF 11'960.-- führe zu einer Erwerbseinbusse
von 80 %, was bei einer Gewichtung von 80 % und der Einschränkung von
9 % im zu 20 % gewichteten Haushaltsbereich vom 1. Januar 2020 bis
Mitte März 2021 einen Invaliditätsgrad von 65.8 % ergebe. Demnach habe
A._ in Anbetracht der dreimonatigen Wartefrist vom 1. April 2020 bis
zum 30. Juni 2021 – wie im Einwand beantragt worden war – einen
Anspruch auf eine Dreiviertelsrente. Mit Blick auf den Rentenanspruch ab
dem 1. Juli 2021 entgegnete die IV-Stelle auf den einwandweise
geforderten Leidensabzug von 25 %, dass A._ trotz ihrer
gesundheitlichen Einschränkungen ab Mitte März 2021 in einer
behinderungsgerechten, kognitiv einfachen, stressarmen und gut
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strukturierten Tätigkeit zu 70 % arbeitsfähig sei. Da das
Kompetenzniveau 1 eine Vielzahl solcher Arbeiten umfasse, habe ein
Arbeitgeber keine gesundheitlich bedingten Einschränkungen des
Leistungsvermögens zu gewärtigen. Es sei daher kein Leidensabzug
vorzunehmen. Der Vergleich des gestützt darauf ermittelten
Invalideneinkommens von CHF 39'402.20 mit dem (erhöhten)
Valideneinkommen von CHF 59'800.-- führe zu einer Erwerbseinbusse
von 34.11 %, welche bei einer Gewichtung von 80 % und der
Einschränkung von 9 % im zu 20 % veranschlagten Haushaltsbereich
einen Invaliditätsgrad von 29 % ergebe. Folglich habe A._ unter
Berücksichtigung der Dreimonatsfrist ab dem 1. Juli 2021 keinen
Rentenanspruch mehr. Insgesamt sprach die IV-Stelle ihr mit Verfügung
vom 30. Juni 2022 vom 1. Oktober 2019 bis zum 31. März 2020 eine
ganze Invalidenrente und ab dem 1. April 2020 bis zum 30. Juni 2021 eine
Dreiviertelsrente zu.
8. Dagegen erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin) am
10. August 2022 (Poststempel) Beschwerde beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden und beantragte hinsichtlich des (verneinten)
Rentenanspruches ab dem 1. Juli 2021 die Aufhebung der Verfügung vom
30. Juni 2022. Es sei ein gerichtliches onkologisches Gutachten in Auftrag
zu geben und danach über den Rentenanspruch ab dem 1. Juli 2021 neu
zu entscheiden. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen, um ein onkologisches Gutachten zu erstellen und über
den Rentenanspruch ab dem 1. Juli 2021 neu zu entscheiden.
Subeventualiter sei ihr ab dem 1. Juli 2021 mindestens eine unbefristete
Vierteilsrente zu gewähren. Dies unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zulasten der IV-Stelle. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor,
ihre Leistungsfähigkeit im Erwerb und im Haushalt seien ungenügend
abgeklärt worden. Deren Einschränkung sei vornehmlich auf die Cancer-
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related Fatigue zurückzuführen, aufgrund welcher sie über erheblich
beschränkte Energiereserven verfüge. Diese beeinflusse nicht nur die
intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch die körperlichen Möglichkeiten,
was im estimed-Gutachten nicht berücksichtigt worden sei. Die
eingeschränkten Energiereserven als Folge der Therapien wirkten sich
über den Behandlungsabschluss hinaus aus und schränkten sie auch in
den Haushaltstätigkeiten ein. Im estimed-Gutachten fehle zudem eine
Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung zwischen Erwerbs- und
Haushaltstätigkeit. Die Cancer-related Fatigue sei ein komplexes
Syndrom, das nur durch einen Facharzt der Onkologie erfasst und richtig
beurteilt werden könne. Vorliegend sei aber kein onkologisches Gutachten
eingeholt worden. Die estimed-Gutachter und der RAD hätten die ihr zur
Verfügung stehenden Energiereserven nicht rechtsgenüglich festgestellt
und bei der Bemessung der Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt. Ihre
behandelnden Ärzte seien der Auffassung, dass ein Arbeitspensum von
über 50 % nicht zumutbar sei. Davon ausgehend habe sie in Anwendung
der gemischten Methode Anspruch auf eine Viertelsrente. Zudem wäre ein
Leidensabzug von 15 bis 25 % zu gewähren, da sie in Tätigkeiten, die Zeit-
und Leistungsdruck enthielten und Flexibilität erforderten, überwiegend
wahrscheinlich deutlich eingeschränkt sei. Das neuropsychologische
Zumutbarkeitsprofil entspreche einer Arbeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt.
Sollte an einer Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt festgehalten
werden, sei der Tabellenlohn angemessen zu reduzieren.
9. Die IV-Stelle (nachfolgend Beschwerdegegnerin) schloss in ihrer
Vernehmlassung vom 1. September 2022 auf kostenfällige Abweisung der
Beschwerde und nahm in ablehnender Weise zu den Vorbringen der
Beschwerdeführerin Stellung. Dabei bestritt sie namentlich, dass die in der
Beschwerde angeführte Cancer-related Fatigue nur durch einen
Onkologen oder eine Onkologin beurteilt werden könne. Vielmehr hätten
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die Gutachter der estimed AG dies im Rahmen ihrer interdisziplinären
Einschätzung sehr wohl kompetent beurteilen können. Weiter hielt sie an
der gemäss estimed-Gutachten bestehenden Arbeitsfähigkeit von 70 % ab
Mitte März 2021 in einer behinderungsgeeigneten Tätigkeit fest und sah
auch die neu eingebrachten onkologischen Berichte der Dres. med.
F._ und L._ mit dieser Arbeitsfähigkeitseinschätzung als
vereinbar. Die Beschwerdeführerin kritisiere die festgestellte
Einschränkung im anerkannten Aufgabenbereich von 9 % pauschal und
setze sich nicht im Geringsten mit dem Haushaltsabklärungsbericht
auseinander. Dieser werde von keinem Mediziner in Frage gestellt. Daran
vermöchten auch die angesprochenen Wechselwirkungen nichts zu
ändern, wobei solche mit der seit dem 1. Januar 2018 anwendbaren
Methode der Invaliditätsbemessung im Erwerbsbereich bei
teilerwerbstätigen Personen automatisch berücksichtigt seien.
10. Die Beschwerdeführerin replizierte am 13. September 2022 mit
unveränderten Rechtsbegehren und reichte insbesondere einen Bericht
von PD Dr. med. L._ vom 5. September 2022 nach.
11. Die Beschwerdegegnerin duplizierte am 26. September 2022 bei ebenfalls
gleichbleibenden Anträgen und nahm namentlich zum vorerwähnten
Bericht von PD Dr. med. L._ Stellung.
12. Nachdem der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 28. September
2022 seine Honorarnote eingereicht hatte, reichte er am 30. November
2022 noch zwei frei verfügbare Publikationen der Krebsliga Schweiz
betreffend Cancer-related Fatigue ein.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien in den Rechtschriften, die
angefochtene Verfügung vom 30. Juni 2022 sowie die weiteren Akten
wird, sofern erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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## Considerations

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 30. Juni 2022. Eine solche
Anordnung, die laut Bundesrecht der Beschwerde an das
Versicherungsgericht am Ort der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann
beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden als das örtlich und
sachlich zuständige Versicherungsgericht angefochten werden (vgl.
Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG;
BR 370.100] i.V.m. Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formelle und materielle
Verfügungsadressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochtenen
Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung oder Änderung. Sie ist somit zur Beschwerdeerhebung
legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59 ATSG). Die Beschwerde wurde
zudem frist- und formgerecht eingereicht (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60
Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. sowie Art. 61 lit. b ATSG). Darauf ist somit
einzutreten.
2.1. Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin vom 1. Oktober
2019 – mithin nach Ablauf des im Oktober 2018 begonnenen Wartejahres
(vgl. dazu IV-act. 115 S. 19 sowie Art. 28 Abs. 1 lit. b und c IVG) – bis zum
31. März 2020 einen Anspruch eine ganze Invalidenrente und vom 1. April
2020 bis zum 30. Juni 2021 einen solchen auf eine Dreiviertelsrente hat.
Streitgegenstand bildet daher die Frage, ob der Beschwerdeführerin ab
dem 1. Juli 2021 weiterhin eine Invalidenrente zusteht. Unbestritten sind
dabei die Anwendung der gemischten Methode zur Bemessung des
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Invaliditätsgrads mit einer Gewichtung des Erwerb- und Haushaltsanteils
von 80 % zu 20 % (vgl. dazu Formular Bestätigung der Erwerbstätigkeit
bei Gesundheit vom 3. Februar 2021 [IV-act. 80] und Abklärungsbericht
Haushalt vom 5. Februar/1. März 2021 [IV-act. 81 S. 4]) sowie das
gemäss angefochtener Verfügung vom 30. Juni 2022 auf CHF 59'800.--
für das Jahr 2021 korrigierte Valideneinkommen (vgl. dazu auch E-Mail
der E._ vom 29. November 2021 [IV-act. 107 S. 5]).
2.2. Uneins sind sich die Parteien jedoch hinsichtlich des
Invalideneinkommens und dabei bezüglich der Restarbeitsfähigkeit in
leidensangepasster Tätigkeit und des Leidensabzugs sowie hinsichtlich
der Einschränkung im anerkannten Aufgabenbereich. Die
Beschwerdeführerin ist dabei auch der Ansicht, dass ihre
Leistungsfähigkeit ungenügend abgeklärt worden sei.
2.3. In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem
1. Januar 2022 die revidierten Bestimmungen des IVG (sowie des ATSG)
und der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in
Kraft sind (Weiterentwicklung der IV). Da der hier umstrittene
Rentenanspruch bzw. dessen Aufhebung per Ende Juni 2021 seine
Begründung jedoch noch vor dem 1. Januar 2022 findet, sind die bis zum
31. Dezember 2021 gültig gewesenen Bestimmungen massgebend (vgl.
Übergangsbestimmungen des IVG zur Änderung vom 19. Juli 2020;
Kreisschreiben über Invalidität und Rente in der Invalidenversicherung
[KSIR], gültig ab dem 1. Januar 2022, Rz. 9101 f.).
2.4. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass das Sozialversicherungsgericht nach
ständiger Rechtsprechung die Gesetzmässigkeit der angefochtenen
Verfügung in der Regel nach dem Sachverhalt beurteilt, der zur Zeit des
Abschlusses des Verwaltungsverfahrens gegeben war. Tatsachen, die
erst danach eintreten und jenen Sachverhalt verändern, sollen im
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Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsverfügung sein (vgl.
BGE 144 V 210 E.4.3.1, 144 V 224 E.6.1.1, 131 V 242 E.2.1, 130 V 138
E.2.1 und 121 V 362 E.1b; Urteile des Bundesgerichts 8C_105/2022 vom
12. Juli 2022 E.4.1 und 9C_442/2020 vom 23. Juni 2021 E.2.2). Nach
Abschluss des Verwaltungsverfahrens erstellte Arztberichte sind aber
insoweit in die Beurteilung miteinzubeziehen, als sie Rückschlüsse auf die
in diesem Zeitpunkt gegebene Situation erlauben (vgl. BGE 121 V 362
E.1b in fine; Urteile des Bundesgerichts 9C_361/2020 vom 26. Februar
2021 E.3.3 und 9C_114/2019 vom 5. November 2019 E.2 und
8C_414/2019 vom 25. September 2019 E.2.2.2). Für den vorliegenden
Fall bedeutet dies, dass der mit der Replik eingereichte Bericht von PD
Dr. med. L._ vom 5. September 2022 (siehe Akten der
Beschwerdeführerin [Bf-act.] 5) unbeachtlich ist, soweit er Beurteilungen
zur gleichentags stattgehabten Verlaufssprechstunde und zur aktuellen
Situation enthält, da sie sich auf den Zeitraum nach Abschluss des
Verwaltungsverfahrens am 30. Juni 2022 beziehen. Dies trifft
insbesondere auf die darin ausgewiesene – mitunter in einer reaktiven
Reaktion auf einen negativen IV-Entscheid begründeten –
Verschlechterung der emotionalen Symptomatik mit Angst und
Depression sowie der Fatigue-Symptomatik, auf die reduzierte
Arbeitsfähigkeit infolge der – ohnehin nicht nachvollziehbar hergeleiteten
– depressiven Symptomatik sowie auf das darin definierte, aktuelle
Belastungsprofil zu.
3.1. Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich der
Untersuchungsgrundsatz, wobei die Auskunfts- und Mitwirkungspflicht der
Leistungen beanspruchenden Person zu berücksichtigen ist. Die Behörde
hat, wo notwendig, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen
abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien gebunden zu sein (vgl.
Art. 43 Abs. 1 und 3 ATSG; KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.,
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Zürich/Basel/ Genf 2020, Art. 43 Rz. 13 ff. und 96 ff.). Die
Untersuchungspflicht gilt sowohl im Verwaltungsverfahren wie auch
grundsätzlich im kantonalen Gerichtsverfahren (vgl. Art. 61 lit. c ATSG).
Die Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung
des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit
besteht. Wenn der Versicherungsträger oder das kantonale
Sozialversicherungsgericht im Rahmen einer umfassenden, sorgfältigen,
objektiven und inhaltsbezogenen Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt, dass ein bestimmter Sachverhalt überwiegend wahrscheinlich
sei, steht dies einer antizipierten Beweiswürdigung nicht entgegen.
Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständigkeit und/oder
Richtigkeit der getroffenen Tatsachenfeststellungen bestehen, ist weiter
zu ermitteln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue
wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_58/2022 vom 7. Juni 2022 E.4.1.1 f., 8C_521/2021
vom 22. März 2022 E.3.1.1 f., 9C_377/2021 vom 22. Oktober 2021
E.5.3.1, 8C_641/2019 vom 8. April 2020 E.3.3.1, nicht publ. in: BGE 146
V 121, 8C_398/2018 vom 5. Dezember 2018 E.3.1 und 8C_616/2013 vom
28. Januar 2014 E.2.1; KIESER, a.a.O., Art. 43 Rz. 18 f. und 29 f.). Kommt
die Verwaltung ihrer Abklärungspflicht nicht oder nicht genügend nach,
kann die Sache aus diesem Grund an die Verwaltung zurückgewiesen
werden (vgl. BGE 132 V 368 E.5).
3.2. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob
dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt,
in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Expertin oder des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 231 E.5.1 und
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125 V 351 E.3a; anstatt vieler: Urteile des Bundesgerichts 9C_40/2022
vom 4. August 2022 E.4.1, 9C_26/2022 vom 30. Mai 2022 E.4.1 und
9C_528/2021 vom 11. Februar 2022 E.4.1). Den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens (nach Art. 44 ATSG) eingeholten Gutachten von
externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten
und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange
nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen
(vgl. BGE 137 V 210 E.1.3.4, 135 V 465 E.4.4 und 125 V 351 E.3b/bb;
siehe auch Urteile des Bundesgerichts 8C_166/2022 vom 13. Oktober
2022 E.4.1.1, 8C_213/2022 vom 4. August 2022 E.2.3, 8C_84/2022 vom
19. Mai 2022 E.2.2, 8C_784/2021 vom 9. Februar 2022 E.4.2,
8C_33/2021 vom 31. August 2021 E.2.2.2 und 8C_38/2021 vom
16. August 2021 E.2). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten
darf und soll der Richter auch der Erfahrungstatsache Rechnung tragen,
dass behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten
aussagen (siehe BGE 135 V 465 4.5 und 125 V 351 E.3b/cc).
Insbesondere lässt es die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag
der therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits und von
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten
(vgl. dazu BGE 124 I 170 E.4) andererseits nicht zu, ein Administrativ-
oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass für
weitere Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Arztpersonen
oder Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen.
Vorbehalten bleiben immerhin die Fälle, in denen sich eine vom
(amtlichen) Gutachten abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die
Berichte der behandelnden Ärztinnen und Ärzte wichtige – nicht rein der
subjektiven Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der
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Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (siehe BGE 135
V 465 E.4.5 f.; Urteile des Bundesgerichts 8C_80/2022 vom 4. Mai 2022
E.4, 8C_787/2021 vom 23. März 2022 E.11.2.2, 8C_736/2021 vom
22. März 2022 E.5.2, 8C_764/2021 vom 3. März 2022 E.4.2, 9C_528/2021
vom 11. Februar 2022 E.4.2 und 8C_164/2021 vom 3. Mai 2021 E.3.2.1).
4. Im Folgenden ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht
auf das estimed-Gutachten vom 27. September 2021 (IV-act. 98)
abgestellt hat oder ob konkrete Indizien gegen dessen Zuverlässigkeit
sprechen bzw. dieses von der übrigen medizinischen Aktenlage derart in
Zweifel gezogen wird, dass von der darin ausgewiesenen Arbeitsfähigkeit
von 70 % in adaptierter Tätigkeit im vorliegend massgeblichen Zeitraum
abzuweichen wäre. Während die Beschwerdegegnerin das estimed-
Gutachten in seinen Ergebnissen für schlüssig, nachvollziehbar und
widerspruchsfrei hält, erachtet die Beschwerdeführerin eine
Einschränkung ihrer Leistungsfähigkeit aufgrund der erheblichen
eingeschränkten Energiereserven infolge der Cancer-related Fatigue für
ausgewiesen bzw. den medizinischen Sachverhalt für ungenügend
abklärt.
4.1. Der Kritik der Beschwerdeführerin am estimed-Gutachten vom
27. September 2021 ist vorab entgegenzuhalten, dass die Gutachterinnen
und Gutachter sich in ihrer Beurteilung in Kenntnis der medizinischen
Vorakten, insbesondere auch der zahlreichen Berichte der behandelnden
Ärzte (siehe dazu IV-act. 98 S. 23 ff.), mit den gesundheitlichen
Einschränkungen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt und ihre
Schlussfolgerungen gestützt auf die klinischen, laborchemischen und
testbasierten Untersuchungen getroffen haben (vgl. dazu insbesondere
IV-act. 98 S. 53 ff., S. 75 ff., S. 93 ff., S. 124 ff. und S. 157 ff.). Dabei
flossen auch die von der Beschwerdeführerin gemachten Angaben zur
Krankheitsentwicklung und zum jetzigen Leiden in die Gesamtbeurteilung
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mit ein (vgl. etwa IV-act. 98 S. 9, S. 47 f., S. 70 ff., S. 89, S. 119 ff. und
S. 149 f.). Gestützt darauf wiesen die Gutachterinnen und Gutachter in der
Konsensbeurteilung ein perimenopausales Mammakarzinom links (ICD-
10 C50.9) sowie leichte kognitive Defizite (ICD-10 F06.7) als Diagnosen
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aus. Als ohne Einfluss darauf
erachteten sie namentlich das maligne Melanom vom SSM-Typ am
Gesäss rechts lateral, die distale sensible Polyneuropathie bei Diabetes
mellitus, die rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert,
sowie das Karpaltunnelsyndrom beidseits (vgl. IV-act. 98 S. 10). Zu den
funktionellen Auswirkungen der erhobenen Befunde führten sie aus, im
Vordergrund der subjektiv empfundenen Beschwerden, als auch der
Diagnosen, stehe das Mammakarzinom bzw. die Folgen der
diesbezüglichen Behandlung. Ob die kognitiven Defizite direkt Cancer-
related oder durch die Behandlung (Chemotherapie) verursacht worden
seien, müsse offenbleiben, wobei auch hier oft ein ursächliches
Zusammenspiel zu finden sei. Die subjektiv empfundenen Beschwerden
seien nachvollziehbar und könnten grösstenteils objektiviert bzw.
pathophysiologisch erklärt werden (vgl. IV-act. 98 S. 11). Insgesamt
wiesen die Gutachterinnen und Gutachter eine Arbeitsunfähigkeit von
30 % sowohl in der angestammten als auch in einer adaptierten Tätigkeit
aus, wobei das im neuropsychologischen Teilgutachten beschriebene
Fähigkeitsprofil gelte (vgl. IV-act. 98 S. 12). Darin wurden einfache bis
mittlere Bürotätigkeiten (z.B. Aktenablage, Korrespondenzen, einfache bis
mittlere Übersetzungen, Datenerfassung), die einem niedrigen
Leistungsdruck unterlägen und geringe bis knapp mittlere Anforderungen
an die Konzentration und Flexibilität stellten, als optimal angepasst
ausgewiesen (vgl. IV-act. 98 S. 132).
4.2. Im neuropsychologischen Teilgutachten führte M.Sc. M._,
Fachpsychologin Neuropsychologie SVNP/FSP, zur Beurteilung der von
- 16 -
ihr testpsychologisch erhobenen Befunde namentlich aus, im
neuropsychologischen Untersuch zeige sich eine vollständig orientierte
und im Untersuchungsverhalten vermindert belastbare sowie stark
überforderte Beschwerdeführerin in Bezug auf alters-, geschlechts- und
bildungskorrigierte Normen. Gemäss den Leitlinien der Schweizerischen
Vereinigung der Neuropsychologinnen und Neuropsychologen (SVNP)
zur Bestimmung des Schweregrads einer neuropsychologischen Störung
liege eine leichte neuropsychologische Störung vor. Im Vordergrund des
klinischen Bildes stehe eine rasche Überforderung und hierunter
auftretende emotionale Einbrüche als Ausdruck der verminderten
Belastbarkeit. Bereits zu Beginn der Untersuchung habe die
Beschwerdeführerin leichte Schwierigkeiten im konzeptionellen Wechsel
im Trail Making Test B gezeigt und hierfür einen erhöhten Zeitbedarf
benötigt. In der Prüfung der kognitiven Flexibilität am Computer mit der
Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung habe die Beschwerdeführerin
wiederum eine leicht verminderte Gesamtleistung gezeigt. Allerdings habe
dieser vom Testparadigma her rasch geforderte Wechsel eine derartige
Überforderung bei der Beschwerdeführerin ausgelöst, dass sie
nachfolgend emotional eingebrochen und dekompensiert sei. Nach einem
beruhigenden, zuwendungsvollen Gespräch habe sie sich jedoch bereit
erklärt, die noch ausstehenden Tests durchzuführen. Seitens der
Untersucherin wäre die Untersuchung beendet worden, da die
Beschwerdeführerin weiterhin emotional belastet gewesen sei und
aufgewühlt gewirkt habe. Wie zu erwarten, hätten die erhaltenen Befunde
lediglich den Status des emotionalen Einbruchs widergespiegelt. Die
Beschwerdeführerin habe eine stark verminderte und ausgeprägt
fluktuierende Aufmerksamkeitsaktivierung gezeigt und der negative
Kennwert der phasischen Alertness spreche für eine Inhibition auf den
Warnton. Zudem seien bereits im Anamnesegespräch konzentrative
Einbrüche aufgefallen. Sie habe wiederholt den Faden verloren und einige
- 17 -
Male Tipps zum besprochenen Thema benötigt, vereinzelt nach den
korrekten Wörtern gesucht (DD Fremdsprache) und wenige Male ein
verzögertes Antwortverhalten gezeigt. Bei gutem Befinden habe die
Beschwerdeführerin einen regelrechten psychomotorischen Antrieb. Die
Reaktionsleistung und auch das Arbeitstempo beim Kopieren der Rey
Figur präsentierten sich unauffällig. Die Beschwerdeführerin habe keine
Einbussen im Gedächtnis, den Planungskompetenzen und dem Einsatz
von Strategien gezeigt. Die gezielte Prüfung zur exekutiven Kontrolle,
welche die exekutiven Leistungsaspekte des Arbeitsgedächtnisses, der
geteilten Aufmerksamkeit, der mentalen Flexibilität, der selektiven
visuellen Aufmerksamkeit, der Wahlreaktion sowie der Inhibition messe,
habe sich unauffällig präsentiert. Die Beschwerdeführerin habe auch
isoliert geprüft keinen Inkompatibilitätseffekt bzw. erhöhte Störanfälligkeit
oder eine verminderte Impulskontrolle gezeigt. Die durchgeführte
Beschwerdevalidierung habe keine Hinweise auf negative
Antwortverzerrungen gezeigt. In Zusammenschau aller vorliegenden
Informationen sei das aktuelle klinische Bild gemäss Leitlinien der SVNP
als leichte neuropsychologische Störung (ICD-10 F06.7) einzuordnen. Aus
der Aktenlage gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin nach der
Diagnose eines Mammakarzinoms und begonnener neoadjuvanter
Therapie bereits mindestens Anfang 2019 über eine erhöhte Müdigkeit
berichtet habe. Nachfolgend habe sie weitere Chemo- und Radiotherapien
erhalten, so dass weiterhin die Fatigue-Symptomatik und die verminderte
Konzentrationsfähigkeit keine verwertbare Arbeits- bzw.
Leistungsfähigkeit zugelassen und sich hierdurch ebenso
Einschränkungen in der Haushaltsführung ergeben hätten. Die Cancer-
related Fatigue sei ein häufig auftretendes Symptom nach
Chemotherapien und stelle in Abhängigkeit der Ausprägung ein
einschränkendes Symptom im Alltag dar, dass mit einer verminderten
Funktionsfähigkeit in den körperlichen und sozialen Aktivitäten sowie in
- 18 -
der Bewältigung des alltäglichen Lebens einhergehe. Folglich stellten die
kognitiven Einbussen der Beschwerdeführerin mit beobachteten
konzentrativen Einbrüchen im Anamnesegespräch sowie im flexiblen
Denken und Handeln Ausdruck der Cancer-related Fatigue mit
Überforderung und verminderter Belastbarkeit dar. Eine leichte
neuropsychologische Störung entspreche gemäss den Leitlinien der
SVNP einer Arbeitsfähigkeit von 70 bis 90 %. Bei der Beschwerdeführerin
betrage die Arbeitsfähigkeit in optimal angepasster Tätigkeit aktuell 70 %
(vgl. IV-act. 98 S. 125 ff.). Angesichts dieser nachvollziehbaren
Ausführungen leuchtet das neuropsychologische Teilgutachten von M.Sc.
M._, deren Diagnose einer leichten kognitiven Störung auch vom
psychiatrischen Teilgutachter med. pract. B._ aufgegriffen und
ausgewiesen wurde (vgl. IV-act. 98 S. 160 f.), in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen
Situation ein, wobei die entsprechenden Schlussfolgerungen – auch zur
Arbeitsfähigkeit – plausibel begründet sind. Dies wird denn auch von der
Beschwerdeführerin nicht in Abrede gestellt.
4.3. Soweit diese bemängelt, im estimed-Gutachten seien die Auswirkungen
der aufgrund der Cancer-related Fatigue eingeschränkten
Energiereserven auf die körperlichen und sozialen Aktivitäten nicht
berücksichtigt bzw. diese nicht in die Bemessung der Arbeitsfähigkeit
eingeflossen, ist dies insoweit zu relativieren, als diese Aspekte im
internistischen estimed-Teilgutachten aufgegriffen worden sind. So wies
die estimed-Expertin Dr. med. N._ das funktionelle Auswirkungen
zeitigende perimenopausales Mammakarzinom links aus und
berücksichtigte die damit in Zusammenhang durchgeführten
Behandlungen. Konkret wies sie folgende – im Übrigen mit den
behandelnden Fachärzten übereinstimmende (vgl. hierzu Berichte von
Dr. med. F._ vom 28. Januar 2021 [IV-act. 75 S. 3 f.], vom 9. Mai
- 19 -
2019 [IV-act. 43 S. 7 f.], vom 11. März 2019 [IV-act. 26], vom 21. Februar
2019 [IV-act. 19 S. 10 f.], Bericht der Dres. med. O._ und P._
vom 19. Juni 2019 [IV-act. 43 S. 12 f.] sowie Bericht der Dres. med.
Q._, R._ und S._ vom 5. Juni 2019 [IV-act. 43 S. 9 ff.]; vgl.
ferner Bericht von Dr. med. G._ vom 28. Februar 2019 [IV-act. 19
S. 3]) – Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit aus (vgl. IV-act. 98
S. 56):
Perimenopausales Mammakarzionom links, cT2 cN0 cM0 G3, ER > 95 % PR 2 % Ki67 50 % Her2neu positiv, ED 10/2018 (ICD-10 C50.9)
 Neoadjuvante Therapie mit 4 x EC 12.11.18 - 31.01.19; Partialremission des Primärtumors supramamilär links (Mammasonographie 28.01.19)
 Neoadjuvante Therapie mit Paclitaxel, Trastuzumab und Pertuzumab ab 08.02.19 - 09.05.19; Stopp Pertuzumab nach 2 Behandlungszyklen aufgrund Therapie-restistenter Diarrhoe; mammasonographisch anhaltende Partialremission
 23.05.19: Segmentektomie Mamma links retromamilär; Lymphknotenexzision nach Drahtmarkierung und  Axilla links
 Therapiefortführung mit Trastuzumab 06/19 - 01/20; Therapieabbruch bei progredienter und zuletzt funktionell relevanter Polyneuropathie (nach insgesamt 10-monatiger Therapie)
 Adjuvante endokrine Therapie mit Tamoxifen ab 07/19
 Keine klinischen Rezidiv-Hinweise, Therapiefortführung mit Tamoxifen (KS Graubünden 28.01.21)
Dazu führte Dr. med. N._ ausdrücklich aus, dass aufgrund der
Anamnese, der körperlichen Untersuchung sowie der Aktenlage im
Rahmen der Tumordiagnose eine Leistungseinschränkung aufgrund
rascherer Ermüdbarkeit sowie häufigeren und längeren Ruhephasen
nachvollziehbar sei (siehe IV-act. 98 S. 59; vgl. ferner
Konsensbeurteilung, wonach das Mammakarzinom bzw. die Folgen
dessen Behandlung im Vordergrund stünden, nachvollziehbar seien und
grösstenteils objektiviert werden bzw. pathophysiologisch erklärt werden
könnten [siehe IV-act. 98 S. 11]). Insofern scheint die Fatigue-
Symptomatik, welche sich bei der Beschwerdeführerin nach ihren
Angaben anlässlich der internistischen Exploration dadurch äussere, dass
- 20 -
ohne speziellen Grund plötzlich ihre gesamte Energie weg sei, sie sich
erschöpft fühle und Mühe mit der Konzentration habe (vgl. IV-act. 98
S. 47), auch in somatischer Hinsicht mitberücksichtigt und gewürdigt
worden zu sein. Dasselbe gilt mit Blick auf die sich im Laufe des Tages
veränderten Energielevels, spricht Dr. med. N._ doch explizit von
einer tumor(therapie)-assoziierten Beeinträchtigung aufgrund rascherer
Ermüdbarkeit sowie häufigeren und längeren Ruhephasen (vgl. IV-act. 98
S. 59). Die internistische estimed-Expertin schloss aufgrund dessen denn
auch auf eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin, indem sie sowohl in der bisherigen als auch in
angepasster Tätigkeit die Arbeitsfähigkeit bei ganztägiger Präsenz um
20 % reduziert erachtete (vgl. IV-act. 98 S. 60 f.). Diese Bemessung der
Arbeitsfähigkeit bewegt sich im Rahmen dessen, was auch die
durchgeführte Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL)
zeigte, die bei Einschränkungen somatischen Ursprungs dazu dient, das
arbeitsbezogene Leistungsvermögen anhand von Arbeitssimulationstests
(wie Heben und Tragen, Arbeit über Kopfhöhe oder Leitersteigen) generell
und mit Blick auf die angestammte berufliche Tätigkeit konkret zu
beurteilen (siehe Urteil des Bundesgerichts 9C_168/2018 vom 8. Mai 2018
E.4.2.2). So wurde dabei namentlich befunden, dass körperlich höchstens
leichte bis mittelschwere Tätigkeiten ganztags zumutbar seien mit
zusätzlichen Pausen von ca. einer bis zwei Stunden pro Tag aufgrund der
festgestellten körperlichen Ermüdbarkeit bei einer Kumulation aller
Belastungen (vgl. IV-act. 98 S. 170).
Im Rahmen ihrer Verlaufsbeurteilung ging die internistische estimed-
Expertin zudem auf den Bericht von Prof. Dr. med. H._ vom
24. Dezember 2020 zu dem von der Beschwerdeführerin durchgeführten,
intensiven ambulanten onko-rehabilitativen Behandlungsprogramm von
Ende Oktober bis Ende Dezember 2020 in der Klinik I._ ein (vgl. IV-
- 21 -
act. 73 S. 9 f.). Dazu führte Dr. med. N._ aus, dem besagten Bericht
sei zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin bei St. n.
Mammakarzinom mit adjuvanter Chemotherapie und operativer Sanierung
von den durchgeführten Rehamassnahmen sehr gut habe profitieren
können. Die krebsbedingte muskuläre Dekonditionierung habe sich
wesentlich verbessert, auch wenn diese noch nicht auf dem Niveau von
vor der Krebserkrankung angekommen sei. Aufgrund der deutlichen
Verbesserung von Seiten der krebsbedingten Probleme könne nun die
intensivierte ambulante onko-rehabilitative Behandlung beendet und ein
selbstständiges Fitnesstraining begonnen werden. Die
Leistungsverminderung in Bezug auf die kognitive Ausdauer bestehe
weiterhin (vgl. IV-act. 98 S. 58). Zudem äusserte sich Dr. med. N._
auch zu dem von der Beschwerdeführerin ins Recht gelegten
(Verlaufs-)Bericht ihres behandelnden Onkologen Dr. med. F._ vom
28. Januar 2021, in welchem dieser ausführte, durch die Behandlung der
starken Fatigue-Symptomatik mit verschiedenen Massnahmen komme es
zu einer allmählichen Verbesserung der Situation. Die
Konzentrationsfähigkeit sei eingeschränkt, insbesondere in
Stresssituationen. Nach mehrstündiger konzentrierter Tätigkeit komme es
zu einer Überforderung. Von körperlicher Seite sei aufgrund der Fatigue-
Symptomatik derzeit ein ganztägiges Pensum nicht möglich. Die
Arbeitsfähigkeit sei derzeit weiterhin um 80 % reduziert. Es werde jedoch
eine allmähliche Verbesserung der körperlichen und kognitiven
Leistungsfähigkeit gesehen, so dass im Verlauf des Jahres 2021 eine
langsame Aufstockung versucht werden könne. Zu vermeiden seien
hierbei besonders körperlich anstrengende und stressbehaftete
Tätigkeiten. Ein Arbeitspensum von mehr als vier Stunden täglich
erscheine derzeit nicht leistbar, jedoch könne bei glückender
Eingliederung mit einer sukzessiven Aufstockung des Pensums gerechnet
werden (vgl. IV-act. 75 S. 1 f. = Bf-act. 3; vgl. ferner auch den
- 22 -
(Sprechstunden-)Bericht von Dr. med. F._ vom 28. Januar 2021 [IV-
act. 75 S. 3 f.]). Dr. med. N._ führte aus gutachterlicher Sicht zu
diesem Bericht aus, darin werde beschrieben, dass die
Konzentrationsfähigkeit vor allem bei Stresssituationen eingeschränkt sei.
Es werde aber eine allmähliche Verbesserung der körperlichen und
kognitiven Leistungsfähigkeit gesehen und eine sukzessive Steigerung
des Arbeitspensums in Aussicht gestellt (vgl. IV-act. 98 S. 58).
4.4. Insofern ist bereits aus dem Bericht des behandelnden Onkologen
Dr. med. F._ vom 28. Januar 2021 eine positive Prognose abzulesen,
auch hinsichtlich der körperlichen Auswirkungen der Fatigue-
Symptomatik, wobei er ein Arbeitspensum von mehr als vier Stunden pro
Tag, d.h. höher als 50 %, im Verlauf für möglich erachtete. Diese
erfreuliche Entwicklung hinsichtlich der krebsbedingten Beschwerden
scheint sich sodann im Laufe des Jahres 2021 fortgesetzt zu haben,
berichtete doch die Beschwerdeführerin anlässlich der internistischen
Exploration im Mai 2021, dass sie sich in der Tendenz besser und
leistungsfähiger fühle als noch im Jahr 2020 (vgl. IV-act. 98 S. 51). Im
Rahmen der neurologischen Untersuchung Ende Juni 2021 gab sie
ebenfalls an, dass sich die Fatigue nach Beendigung der Chemotherapie
gebessert habe, auch weil sie onkologische Rehabilitation bekommen und
gelernt habe, mit der Fatigue umzugehen, auch wenn diese noch nicht
ganz weg sei (vgl. IV-act. 98 S. 72). In einem weiteren von der
Beschwerdeführerin beigebrachten Bericht von Dr. med. F._ vom
1. Februar 2022 wies dieser lediglich auf die infolge einer vorangehenden
intensiven Chemotherapie bestehende chronische Fatigue-Symptomatik
hin, ohne sich dazu bzw. zu deren funktionellen Auswirkungen detaillierter
zu äussern (vgl. IV-act. 109 S. 2 = Bf-act. 1). Letzteres gilt – entgegen der
Auffassung der Beschwerdeführerin – auch für den weiteren, in das
vorliegende Verfahren eingebrachte Bericht von PD Dr. med. L._ vom
- 23 -
13. Juni (wohl recte: Juli) 2022 (vgl. Bf-act. 2). Dieser diagnostizierte darin
ein krebstherapie-assoziiertes Fatiguesyndrom und stellte einen klaren
Zusammenhang zwischen diesem und den Chemotherapiezyklen bzw.
-dosen fest in dem Sinne, dass bei vermehrten Zyklen eine grössere
Fatigue bestehe. Ausserdem hielt er fest, dass sich mit dem Absetzen der
Einnahme von Tamoxifen eine Verbesserung der Fatigue eingestellt habe.
Zudem berichtete er nach Etablierung verschiedener
Behandlungsinterventionen mit Energiemanagement, körperlicher
Aktivität und einem Ausbau des Ausdauertrainings, dass sich die
Müdigkeit und Benommenheit verbessert hätten. Die ebenfalls
festgestellte deutlich grössere Beeinträchtigung in den Funktionen
gemäss Brief Fatigue Inventory (BIF) ist angesichts der Testresultate des
am 30. Juni 2022 durchgeführten Assessment in erster Linie mit einer
deutlichen höheren Beeinträchtigung in der Lebensfreude und der
Beziehung zu erklären (vgl. hierzu Bf-act. 2 S. 5). Demgegenüber zeigte
sich die körperliche – wie auch die kognitive – Fatigue im Single Item
Fatigue (SIF)-Assessment regredient (vgl. Bf-act. 2 S. 5). PD Dr. med.
L._ zeigte sich in prognostischer Hinsicht denn auch optimistisch und
führte aus, dass eine langfristige leichte Steigerung der Arbeitsfähigkeit
möglich sei (vgl. Bf-act. 2 S. 4).
4.5. Insgesamt lässt sich aus den von der Beschwerdeführerin beigebrachten,
im vorliegenden Verfahren beachtlichen Berichten ihrer behandelnden
Fachärzte – genauso wenig wie aus dem ohnehin allgemein gehaltenen
Artikel zur Fatigue in der Onkologie (vgl. Bf-act. 4) oder den Ende
November 2022 nachgereichten Publikationen der Krebsliga Schweiz –
somit nichts ableiten, was der gutachterlichen Beurteilung in
grundlegender Weise entgegenstehen würde. Insbesondere zeichnete
sich ab Ende des Jahres 2020 auch hinsichtlich der körperlichen Fatigue-
Symptomatik ein positiver Verlauf ab, was denn auch die
- 24 -
Beschwerdeführerin in ihrem Einwand vom 2. Dezember 2021 einräumt
(vgl. IV-act. 107 S. 2; vgl. ferner Schreiben vom 10. November 2021 [IV-
act. 106]). Wenn nun PD Dr. med. L._ in seinem mit der Replik
beigebrachten Bericht vom 5. September 2022 von einer aktuell
verschlechterten Fatigue-Symptomatik berichtet (vgl. Bf-act. 5), ist dies –
wie bereits ausgeführt (vgl. Erwägung 2.4 hiervor) – nicht zu hören.
Angesichts des beschriebenen und von der Beschwerdeführerin auch
anerkannten positiven Verlaufs der tumor(therapie)-assoziierten Fatigue-
Symptomatik ist es auch nicht nachvollziehbar, wenn PD Dr. med. L._
im besagten Bericht die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin seit Juli
2021 mit nur 30 % veranschlagt (vgl. Bf-act. 5 S. 2). Dabei ist ohnehin
anzumerken, dass PD Dr. med. L._ die Beschwerdeführerin erst seit
Ende Mai 2022 behandelt (vgl. Bericht vom 13. Juni [wohl recte: Juli] 2022
[Bf-act. 2]). Zudem wurde die von ihm ausgewiesene eingeschränkte
neurokognitive Leistungsfähigkeit – wie aufgezeigt – auch von
gutachterlicher Seite beurteilt und mit Blick auf deren funktionelle
Auswirkungen gewürdigt. Dasselbe gilt – wie noch dazulegen ist – auch
mit Blick auf die Schmerzsymptomatik sowie die psychische Belastung
(vgl. Erwägung 5.3 hernach). Soweit PD Dr. med. L._ bei der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit seit Juli 2021 eine die Arbeitsfähigkeit
einschränkende chronische Diarrhoe ausweist (vgl. Bf-act. 5 S. 2), ist dies
insoweit zu relativieren, als aktenkundigerweise aus den echtzeitlichen
Berichten und Stellungnahmen lediglich hervorgeht, dass eine solche
Symptomatik im Zusammenhang mit der – zuvor durchgeführten und
inzwischen wieder abgesetzten – Antikörpertherapie mit Trastuzumab und
Pertuzumab aufgetreten ist und nach Absetzen von Pertuzumab unter
maximaler supportiver Therapie wieder beherrschbar war (vgl. Berichte
von Dr. med. F._ vom 28. Januar 2021 [IV-act. 75 S. 3],
11. Dezember 2019 [IV-act. 57 S. 1], vom 9. Mai 2019 [IV-act. 43 S. 7 f.]
und vom 11. März 2019 [IV-act. 26 S. 2]; Bericht der Dres. med. O._
- 25 -
und P._ vom 19. Juni 2019 [IV-act. 43 S. 12; Bericht der Dres. med.
Q._, R._ und S._ vom 5. Juni 2019 [IV-act. 43 S. 9]; vgl.
ferner Stellungnahme von Dr. med. U._ vom 12. Dezember 2019 [IV-
act. 115 S. 7] vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) und der RAD-
Ärztin Dr. med. T._ vom 17. März 2021 [IV-act. 115 S. 12] sowie das
Dokument "Anlass und Umstände der Begutachtung" zum
Begutachtungsauftrag vom 19. März 2021 an die estimed AG [IV-act. 85
S. 1 sowie IV-act. 98 S. 6 f. und 19]). Anlässlich der Begutachtung gab die
Beschwerdeführerin lediglich an, seit der Chemotherapie zu Durchfällen
zu neigen, wobei sie Imodium einnehme (vgl. IV-act. 98 S. 48, 71 und
151). Dass sich aufgrund dessen funktionelle Leistungseinbussen
ergeben würden, erschliesst sich daraus nicht. Auch berichtete Dr. med.
F._ in seinem Bericht vom 1. Februar 2022 infolge der Einnahme von
Anastrozol (Arimidex) im Rahmen der ab Dezember mit diesem Wirkstoff
fortgesetzten adjuvanten endokrinen Therapie nicht von Nebenwirkungen
mit Diarrhoe oder Nausea (vgl. IV-act. 109 S. 2 = Bf-act. 1; vgl. betreffend
die Umstellung auf Anastrozol: Bf-act. 2 S. 2). Ebenso wenig lässt sich
Dergleichen aus dem Bericht von PD Dr. med. L._ vom 5. September
2022 entnehmen, berichtet er darin doch von einer ordentlichen
Verträglichkeit der – inzwischen sistierten – Therapie mit Anastrozol ohne
Hinweise für ein Rezidiv oder ein Zweitkarzinom (Bf-act. 5 S. 2). Insofern
kann ihm jedenfalls im Hinblick auf den vorliegend massgebenden
Zeitpunkt nicht gefolgt werden, wenn er in einer chronischen Diarrhoe eine
massgebende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erblickt und zudem
hinsichtlich des Belastungsprofil ausweist, es müsse die Möglichkeit für
einen raschen Zugang zum WC bis sechs Mal am Tag bestehen (vgl. Bf-
act. 5 S. 2). Soweit er ferner eine angepasste Arbeit in einer Tätigkeit mit
wenig Stress und ohne Zeitdruck erblickt (vgl. Bf-act. 5 S. 2), kann dies
bereits als durch das vorerwähnte neuropsychologische Belastungsprofil
als mitumfasst gelten, welches der interdisziplinären Einschätzung der
- 26 -
Arbeitsfähigkeit gemäss estimed-Gutachten zugrunde liegt (vgl. IV-act. 98
S. 12 und 132).
5.1. Allerdings ist mit Blick auf die Beweiswertigkeit des internistischen
estimed-Teilgutachtens festzuhalten, dass es diesem an einer
begründeten und lege artis hergeleiteten Diagnose mangelt (vgl. hierzu IV-
act. 98 S. 56 f.), welche auf einer Erhebung der diagnoserelevanten
Befunde basiert sowie zu deren Ausprägung und Schweregrad Stellung
nimmt. Gleiches gilt mit Blick auf die sich daraus ergebenden,
objektivierbaren bzw. als plausibel erachteten Funktionseinschränkungen,
insbesondere hinsichtlich der körperlichen Fatigue-Symptomatik, wobei
diesbezüglich auch zu den von der Beschwerdeführerin im vorliegenden
Verfahren ins Recht gelegten Berichten von PD Dr. med. L._ und
Dr. med. F._ Stellung zu nehmen ist. Zudem ist eine
Auseinandersetzung mit den Ergebnissen des beruflichen
Eingliederungsversuchs sowie aus der EFL nachzuholen und gestützt
darauf das Fähigkeitsprofil für leidensangepasste Tätigkeiten
abschliessend zu definieren. Insgesamt bedarf es aus somatischer Sicht
hinsichtlich der aktenkundigen Cancer-related Fatigue – als
eigenständiges organisches Krankheitsbild (siehe BGE 139 V 346 E.3.4)
– einer nachvollziehbar begründeten Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der daraus gezogenen Schlussfolgerungen zum
somatischen Gesundheitszustand sowie zur versicherungsrechtlich
relevanten Einschätzung der Arbeitsfähigkeit (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_163/2022 vom 11. August 2022 E.4.2 ff.).
Diesbezüglich ist zugleich im Sinne einer Gesamt-
Arbeitsfähigkeitseinschätzung in begründeter Weise aus interdisziplinärer
Sicht darzutun, wie sich die somatisch bedingten funktionellen
Einschränkungen zu den festgestellten leichten kognitiven Defizite
verhalten, bzw. ob – und falls ja inwiefern – Erstere in der aus
- 27 -
neuropsychologischer Sicht ausgewiesenen Arbeitsunfähigkeit von 30 %
aufgehen oder aber die Gesamt-Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit
neben den kognitiven Einschränkungen zusätzlich (negativ) zu
beeinflussen vermögen (vgl. hierzu auch Bericht von PD Dr. med. L._
vom 5. September 2022 [Bf-act. 5 S. 2]).
5.2. Soweit die Beschwerdeführerin bemängelt, die estimed-Gutachterinnen
und -Gutachter hätten sich genauso wenig wie die Beschwerdegegnerin
mit der Wechselwirkung zwischen der Haushaltsführung und
Erwerbstätigkeit auseinandergesetzt, ist zu bemerken, dass gemäss
BGE 134 V 9 den unterschiedlichen Gegebenheiten der in den beiden
Tätigkeitsbereichen Erwerb und Haushalt vorhandenen Belastungen
Rechnung zu tragen ist. Die versicherte Person ist im Rahmen ihrer
Schadensminderungspflicht gehalten, im Umfang ihrer noch vorhandenen
Leistungsfähigkeit eine dem Leiden angepasste erwerbliche Tätigkeit
auszuüben. Es ist also eine erwerbliche Tätigkeit zu wählen, in welcher
sich die gesundheitliche Beschränkung minimal auswirkt. Bezüglich der
häuslichen Verrichtungen ist die Wahl des Tätigkeitsgebietes gemäss
Bundesgericht hingegen eingeschränkter. Andererseits bestehen in
diesem Bereich grössere Freiheiten in der zeitlichen Gestaltung und
Familienangehörigen ist eine gewisse Mithilfe zuzumuten. Eine
gegenseitige Beeinflussung erscheint umso geringer, je komplementärer
die Anforderungsprofile der beiden Tätigkeitsgebiete ausgestaltet sind.
Die sich durch eine schlechte Vereinbarkeit der beiden Tätigkeitsbereiche
ergebenden negativen gesundheitlichen Auswirkungen müssen
offenkundig und unvermeidbar sein. Von einer vermeidbaren
Wechselwirkung ist demgegenüber auszugehen, wenn durch eine
zumutbare Wahl einer anderen Erwerbstätigkeit solche
Wechselwirkungen ausgeschlossen werden können (siehe zum Ganzen
BGE 134 V 9 E.7.2 und 7.3.1 f.). Auch wenn das Bundesamt für
- 28 -
Sozialversicherungen (BSV) davon ausgeht, dass mit dem per 1. Januar
2018 revidierten Art. 27bis IVV (gültig in dieser Fassung bis 31. Dezember
2021) die Wechselwirkungsproblematik als behoben zu betrachten ist (vgl.
Urteile des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden [VGU] S 20 19
vom 6. Oktober 2020 E.6 und S 18 52 vom 19. März 2019 E.7.4;
erläuternder Bericht des BSV zur Vernehmlassung der Änderung der
Verordnung vom 7. Januar 1961 über die Invalidenversicherung,
Invaliditätsbemessung für teilerwerbstätige Versicherte [gemischte
Methode], S. 5 und 12; siehe auch LEUZINGER, Invaliditätsbemessung für
teilerwerbstätige Versicherte mit Aufgabenbereich, Auslegeordnung und
Lösungsvorschlag, in: Kieser/Lendfers [Hrsg.], Jahrbuch zum
Sozialversicherungsrecht 2017, Zürich/St. Gallen 2017, S. 155 ff., S. 172
ff. und 181 ff.), erscheint es angesichts des ohnehin noch zu
vervollständigen Sachverständigengutachten angezeigt, dass aus
interdisziplinärer Sicht zu den Abklärungsbericht Haushalt vom
5. Februar/1. März 2021 festgestellten Einschränkungen Stellung
genommen und dargelegt wird, ob bzw. inwiefern die im anerkannten
Aufgabenbereich vorhandene Belastungssituation die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitseinschätzung für den Erwerbsbereich zu beeinflussen
vermag. Der Beschwerdeführerin kann indes nicht gefolgt werden, wenn
sie den Abklärungsbericht Haushalt vom 5. Februar/1. März 2021
dahingehend kritisiert, als darin davon ausgegangen werde, dass nach
Abschluss der laufenden Chemo- und Radiotherapie praktisch keine
Einschränkungen mehr bestünden. Angesichts des vorbeschriebenen
positiven Verlaufs hinsichtlich der krebsbedingten Beschwerden,
insbesondere auch mit Blick auf die Fatigue-Symptomatik (vgl. hierzu
oben die Erwägung 4.4), und der Aussage der Beschwerdeführerin
anlässlich der Begutachtung, wonach sich die Fatigue nach Beendigung
der Chemotherapie gebessert habe (vgl. IV-act. 98 S. 72), ist nicht zu
beanstanden, wenn im Abklärungsbericht vom 5. Februar/1. März 2021
- 29 -
die Einschränkungen bei der Haushaltsführung gesondert ermittelt
wurden, je nach Phase mit bzw. ohne Chemo- und Radiotherapie (vgl. IV-
act. 81 S. 7 ff.). Dabei begründete die Abklärungsperson die
Einschränkungen im Haushalt im Allgemeinen auch damit, dass sie im
Zusammenhang mit dem Mammakarzinom und dessen Therapie bzw.
deren Nebenwirkungen stünden (vgl. IV-act. 81 S. 10). Entgegen der
Auffassung der Beschwerdeführerin erkannte die Abklärungsperson dabei
ausdrücklich an, dass die Fatigue und die verminderte Belastbarkeit bei
der Beschwerdeführerin auch nach der Chemotherapie spürbar seien (vgl.
IV-act. 81 S. 7), was denn auch bei der Bemessung der Einschränkung
berücksichtigt wurde (vgl. IV-act. 81 S. 7 ff.). In diesem Zusammenhang
ist nicht ersichtlich, inwiefern der Abklärungsbericht vom
5. Februar/1. März 2021 hinsichtlich der konkret ermittelten
Einschränkungen in den jeweiligen Haushaltsbereichen die
rechtsprechungsgemäss geltenden Anforderungen (siehe Art. 69 Abs. 2
IVV; vgl. BGE 140 V 543 E.3.2.1, 133 V 450 E.11.1.1, 130 V 61 E.6.2 und
128 V 93 E.4; Urteile des Bundesgerichts 8C_241/2022 vom 5. August
2022 E.2.4, 8C_728/2019 vom 10. Juni 2020 E.2 und 8C_185/2020 vom
21. April 2020 E.4.2.2) nicht erfüllen würde. Derartiges wird denn auch von
der Beschwerdeführerin nicht konkret geltend gemacht.
5.3. Ferner berücksichtigten und untersuchten die estimed-Gutachterinnen
und -Gutachter auch weitere, in Zusammenhang mit der Behandlung des
Mammakarzinoms stehende Beschwerdebilder, wie namentlich die nach
der anlässlich der Begutachtung geäusserten Ansicht der
Beschwerdeführerin mitunter im Vordergrund stehende Neuropathie (vgl.
z.B. IV-act. 98 S. 9, 47 und 70). Da sich diese jedoch in der neurologischen
Befunderhebung im Sinne einer verminderten Gefühlempfindung vor allem
an den Kuppen der äusseren Finger beidseits sowie an den Zehen und
Füssen bei ansonsten ungestörtem Schmerzempfinden äusserte (vgl. IV-
- 30 -
act. 98 S. 76), erscheint es nachvollziehbar, dass die distale sensible
Polyneuropathie bei Diabetes mellitus aus neurologischer Sicht den
Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zugeordnet wurde
(vgl. ferner Bericht von Dr. med. F._ vom 9. Mai 2019 [IV-act. 43 S. 7
f.], wonach hinsichtlich der peripheren Neuropathie keine funktionellen
Beeinträchtigungen bestünden). Hinsichtlich der (Einlauf-)Schmerzen an
den Füssen gab die Beschwerdeführerin denn auch selber an, dass es
nach ein paar Minuten wieder gehe, und sich die Gefühlsstörungen an den
Händen (lediglich) darin zeigten, dass sie z.B. ein Blatt Papier schlecht
aufnehmen oder nass und kalt schlecht unterscheiden könne (vgl. IV-
act. 98 S. 70). Zudem wies der neurologische Experte Dr. med. V._
ein Karpaltunnelsyndrom beidseits ohne funktionelle Auswirkungen aus
(vgl. IV-act. 98 S. 77). Mit der Schmerzsituation bzw. allfälligen
Muskelbeschwerden setzte sich ferner auch der rheumatologische
Teilgutachter Dr. med. W._ auseinander, indem er neben der keine
funktionelle Auswirkungen zeitigende hypertonen Muskelverspannung im
Schulter- und Nackenbereich beidseits gestützt auf einschlägige
Fragebogen zur Erfassung des Fibromyalgiesyndroms aufgrund der dabei
erzielten Ergebnisse (Widespread-Pain-Index 6/19 und Symptom-
Severity-Score 8/12) ein solches Fibromyalgiesyndrom ausschloss (vgl.
IV-act. 98 S. 95, was angesichts der Diagnosekriterien dafür
nachvollziehbar ist [vgl. hierzu American College of Rheumatologiy,
Abstract No. 997, 2016 Revisions to the 2010/2011 Fibromyalgia
Diagnostic Criteria, abrufbar unter: https://acrabstracts.org/abstract/2016-
revisions-to-the-20102011-fibromyalgia-diagnostic-criteria/; vgl. ferner die
Beschreibung des Begriffes der Fibromyalgie unter:
https://flexikon.doccheck.com/de/Fibromyalgie und
https://www.pschyrembel.de/Fibromyalgie/K07RS/doc/, jeweils zuletzt
besucht am: 25. Oktober 2022). Zudem gab die Beschwerdeführerin
anlässlich der Exploration selber an, dass sich dieses Beschwerdebild
- 31 -
unter abendlicher Einnahme eines schlafanstossenden Antidepressivums
gebessert habe (vgl. IV-act. 98 S. 89). Soweit somit Dr. med. F._ in
seinem Bericht vom 1. Februar 2022 in unspezifischer Weise von
Arthralgien, Myalgien und morgendlicher Gelenkssteifigkeit spricht,
können diese – soweit ersichtlich – als in gutachterlicher Hinsicht
mitberücksichtigt gelten. Zudem weist Dr. med. F._ keine damit
verbundene Arbeitsunfähigkeit aus (vgl. IV-act. 109 S. 2 = Bf-act. 1).
Hinsichtlich der aktenkundigen depressiven Symptomatik wies der
psychiatrische Teilgutachter med. pract. B._ angesichts des
unauffälligen Untersuchungsbefunds (vgl. IV-act. 98 S. 157 f.), des
testpsychiatrisch erzielten tiefen Punktwerts, welcher gegen das Bestehen
einer depressiven Störung spricht (vgl. IV-act. 98 S. 159), sowie der
Aussage der Beschwerdeführerin, wonach sie sich aktuell nicht depressiv
erlebe (vgl. IV-act. 98 S. 151), nachvollziehbar eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig remittiert, aus (vgl. IV-act. 98 S. 160 f.).
Zum zeitlichen Verlauf dieser Symptomatik hielt er zudem fest, dass aus
psychiatrischer Sicht spätestens ab November 2020 keine
Arbeitsunfähigkeit vor dem Hintergrund einer depressiven Störung mehr
bestanden haben dürfte (vgl. IV-act. 98 S. 165). Dies erweist sich insoweit
als plausibel, als Dr. med. J._ mit Bericht vom 23. November 2020
bei einem weitgehend unauffälligen Psychostatus eine rezidivierende
depressive Störung, in Remission, diagnostizierte (vgl. IV-act. 73 S. 7 f.).
Zwar wies die behandelnde Psychiaterin Dr. med. X._ mit Bericht
vom 15. Dezember 2020 zu der nur kurze Zeit nach der Stellungnahme
von Dr. med. J._ stattgehabten Kontrolle am 30. November 2020 –
wie bereits in vormaligen Berichten (vgl. Bericht von Dr. med. C._ und
Assistenzärztin X._ vom 13. Mai 2019 [IV-act. 39] sowie Bericht von
Oberärztin Y._ und Assistenzärztin Z._ vom 7. Januar 2019 [IV-
act. 19 S. 7 ff.]) – wiederum eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode, aus und attestierte eine 100%ige
- 32 -
Arbeitsunfähigkeit (vgl. IV-act. 72). Diese Einschätzung erweist sich aber
bereits insoweit als nicht plausibel, als die behandelnde Oberärztin
X._ selbst von einem verbesserten Gesundheitszustand berichtete
und in der durchgeführten testpsychiatrischen Kontrolle (Beck-
Depressionsinventar [BDI-II]) nur ein Punktwert erreicht wurde, der für
keine bzw. eine minimale Depression spricht (vgl. IV-act. 72 S. 1; vgl.
Beschreibung des Becks-Depressions-Inventar unter: Beschreibung des
https://flexikon.doccheck.com/de/Beck-Depressions-Inventar; S3-
Leitlinien/Nationale Versorgungsleitlinien für Unipolare Depression,
Langfassung, 2. Auflage, Version 4, Anhang 1 [S. 181], abrufbar unter:
https://www.leitlinien.de/themen/depression/archiv/pdf/depression-2aufl-
vers4-lang.pdf, jeweils zuletzt besucht am: 25. Oktober 2022). Angesichts
dessen erweist sich die gutachterliche Schlussfolgerung einer seit Ende
November 2020 remittierten depressiven Symptomatik als schlüssig.
Hinweise dafür, dass sich danach eine medizinisch relevante Veränderung
eingestellt hätte, sind nicht aktenkundig (vgl. auch Bericht von PD Dr. med.
L._ vom 5. September 2022, wonach anlässlich der Erstkonsultation
am 23. Mai 2022 namentlich bei einem BDI II-Wert von 12 keine
depressive Symptomatik festgestellt wurde [Bf-act. 5 S. 3]).
5.4. Schliesslich ist angesichts der von der höchstrichterlichen
Rechtsprechung an den Beweiswert eines medizinischen Berichts
gestellten Anforderungen (vgl. hierzu BGE 134 V 231 E.5.1 und 125 V 351
E.3a; Urteile des Bundesgerichts 9C_40/2022 vom 4. August 2022 E.4.1,
9C_561/2021 vom 4. August 2022 E.4.1, 9C_105/2022 vom 14. Juli 2022
E.2.2.1, 9C_26/2022 vom 30. Mai 2022 E.4.1 und 9C_528/2021 vom
11. Februar 2022 E.4.1) noch festzustellen, dass sich der
rheumatologische estimed-Teilgutachter nicht zu den von der
Beschwerdeführerin beklagten lumbalen Rückenbeschwerden (vgl. hierzu
IV-act. 98 S. 48, 89, 119 und 149) geäussert hat. Zwar ist namentlich
- 33 -
aktenkundig, dass sich diese infolge der medizinischen Trainingstherapie
und der Physiotherapie verbessert haben (vgl. Bericht von Prof. Dr. med.
H._ vom 24. Dezember 2020 [IV-act. 73 S. 9 f.]) und die
Beschwerdeführerin anlässlich der gutachterlichen Explorationen in der
Lage war, ohne schmerzbedingte Positionswechsel auf dem
Untersuchungsstuhl zu sitzen und sich flüssig umzuziehen (vgl. IV-act. 98
S. 53, 75 und 93). Angesichts des vorbefundlich diagnostizierten
Panvertebralsyndrom (vgl. Bericht von Dr. med. G._ vom
3. September 2020 [IV-act. 65]) bzw. der persistierenden
muskuloskelettalen Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule (vgl.
Bericht von Prof. Dr. med. H._ vom 24. Dezember 2020 [IV-act. 73
S. 9 f.]) hätte sich indes eine gutachterliche Auseinandersetzung damit
aufgedrängt. Dies ist nachzuholen, wobei zudem darzutun ist, ob bzw.
inwiefern sich allfällige lumbale Rückenbeschwerden – auch mit Blick auf
das Belastungsprofil in leidensangepassten Tätigkeiten – auf die
Arbeitsfähigkeit auswirken.
5.5. Insgesamt erweist sich das estimed-Gutachten vom 27. September 2021
somit in somatischer Hinsicht mit Blick auf die festgestellte Cancer-related
Fatigue sowie die lumbalen Rückenleiden betreffend die lege artis
vorzunehmenden Diagnosestellung als auch bezüglich der funktionellen
Auswirkungen der diagnoserelevanten Befunde als präzisierungs- und
ergänzungsbedürftig.
5.6. Erachtet das zuständige Sozialversicherungsgericht – wie hier – eine
Sache in medizinischer Hinsicht noch nicht hinreichend abgeklärt und
somit auch die seitens der Verwaltung vorgenommene Beweiswürdigung
als unvollständig, verbleibt ihm auch nach der neueren
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, die Möglichkeit, die Sache an den
zuständigen Versicherungsträger zurückzuweisen, anstatt ein
- 34 -
gerichtliches Gutachten zur Klärung einer offenen Frage in Auftrag zu
geben. Ein solches ist in der Regel namentlich dann einzuholen, wenn ein
(im Verwaltungsverfahren anderweitig) erhobener medizinischer
Sachverhalt überhaupt für "gutachterlich abklärungsbedürftig" gehalten
wird oder eine Administrativexpertise in rechtserheblichen Punkten nicht
ausreichend beweiswertig ist und dieser Mangel nicht alleine durch eine
Klarstellung, Präzisierung oder Gutachtensergänzung behoben werden
kann (siehe FURRER, Rechtliche und praktische Aspekte auf dem Weg zum
Gerichtsgutachten in der Invalidenversicherung, in: SZS 1/2019 S. 3 ff. S.
4 f.; siehe auch BGE 139 V 496 E.4.4, 139 V 99 E.1.1 und 137 V 210
E.4.4.1.4 f.). Eine Rückweisung an den Versicherungsträger steht dem
Versicherungsgericht aber weiterhin in den Fällen offen, wenn sie in der
Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist oder
wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von
gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (siehe BGE 139 V 99 E.1.1
und 137 V 210 E.4.4.1.4; Urteile des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom
8. September 2020 E.2.1 und 8C_503/2019 vom 19. Dezember 2019
E.2.1; KIESER, a.a.O., Art. 44 Rz. 71). Da sich vorliegend die dem
Administrativgutachten der estimed AG vom 27. September 2021
anhaftenden Mängel in der in somatisch bzw. rheumatologischer Hinsicht
vorzunehmenden Diagnoseherleitung und der Beurteilung des sich daraus
ergebenden, tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens insoweit
beheben lassen, als sich dies im Sinne einer Klarstellung, Präzisierung
oder Gutachtensergänzung nachholen lässt, erweist es sich als zulässig,
die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zu ergänzenden
Abklärungen zurückzuweisen. Soweit die Beschwerdeführerin die Cancer-
related Fatigue gutachterlich durch eine Fachperson für Onkologie
beurteilt haben möchte, ist dies insoweit zu relativieren, als eine solche
Beurteilung prima vista grundsätzlich auch durch die internistische
estimed-Gutachterin Dr. med. N._ erfolgen könnte, ist sie aufgrund
- 35 -
ihres Facharzttitels doch in der Lage, komplexe – einschliesslich
chronische – Krankheiten zu beurteilen und behandeln und gehört zu ihren
Kompetenzen auch die Rehabilitation (vgl. Schweizerisches Institut für
ärztliche Weiter- und Fortbildung, Fachärztin oder Facharzt für Allgemeine
Innere Medizin, Weiterbildungsprogramm vom 1. Januar 2022, S. 2 f.,
abrufbar unter: https://www.siwf.ch/files/pdf21/aim_version_internet_d.pdf
und Handbuch der deutschen Gesellschaft für Innere Medizin,
Weiterbildung im Gebiet Innere Medizin, S. 25 ff., abrufbar unter:
https://www.dgim.de/fileadmin/user_upload/PDF/Publikationen/Handbuch
_Weiterbildung.pdf, jeweils zuletzt besucht am: 25. Oktober 2022).
Ohnehin ist es rechtsprechungsgemäss der Begutachtungsstelle
überlassen, über Art und Umfang der aufgrund der konkreten
Fragestellung erforderlichen Untersuchungen zu befinden (siehe Urteil
des Bundesgerichts 8C_481/2021 vom 4. Februar 2022 E.4.1; so hat denn
auch vorliegend die fallführende Internistin Dr. med. N._ veranlasst,
dass auch die Fachdisziplin Neuropsychologie in die Begutachtung
miteinbezogen wurde, vgl. IV-act. 93 f.), allenfalls unter Einbezug des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_431/2021 vom 26. Januar 2022 E.4.1). Nichts Gegenteiliges ergibt
sich für die vorliegend noch zu beantwortenden Fragestellungen aus dem
Urteil des Bundesgerichts 8C_163/2022 vom 11. August 2022, wo zwar
ebenfalls eine Cancer-related Fatigue-Diagnose in einem
polydisziplinären Gutachten namentlich durch den dortigen Internisten
unerörtert geblieben ist, aber hinsichtlich der geklagten
Erschöpfungszustände noch die versuchsweise Absetzung einer anti-
hormonellen Behandlung mit Tamoxifen zur Debatte stand, weil die
Erschöpfung eventuell als Nebenwirkung dieses Medikamentes vermutet
worden war. Zudem wurde die Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeit
vom gastroenterologischen Gutachter teilweise auf ein Darmleiden
(Morbus Crohn) und ein Fibromyalgiesyndrom resp. den Status nach dem
- 36 -
Brustkrebs zurückgeführt (siehe Urteil des Bundesgericht 8C_163/2022
vom 11. August 2022 E.4.1.2 f.). Überdies war gemäss gutachterlicher
Einschätzung eine Absetzung des Medikaments risikobehaftet (siehe
Urteil des Bundesgericht 8C_163/2022 vom 11. August 2022 E.4.1.2) und
sollte damit nach der Ansicht des Bundesgerichts alleine in die Kompetenz
eines Onkologen oder einer Onkologin fallen (siehe Urteil des
Bundesgericht 8C_163/2022 vom 11. August 2022 E.4.6). Im Rahmen des
dortigen polydisziplinären Gutachtens wurde nach den Feststellungen des
Bundesgerichts zu den Erwägungen der Vorinstanz auf den Beizug eines
Onkologen verzichtet, weil die ursprünglich geplante Dauer der anti-
hormonellen Behandlung sich ihrem Ende genähert hatte bzw. in zeitlicher
Hinsicht bereits erreicht war (siehe Urteil des Bundesgericht 8C_163/2022
vom 11. August 2022 E.4.1.3). Demgegenüber wurde im hier zu
beurteilenden Fall gemäss den vorliegenden Akten das Arzneimittel
Tamoxifen ohne nennenswerte onkologische Probleme bereits per Juli
2021 durch eine andere adjuvante endokrine Therapie ersetzt, wobei PD
Dr. med. L._ im Zusammenhang mit der beendeten Einnahme ein
Karpaltunnelsyndrom und trockene Haut als Nebenwirkungen benannte
sowie die Option einer AI erwähnte. Weiter berichtete er von einer
Verbesserung der Fatigue nach Absetzen von Tamoxifen (siehe Bericht
vom [wohl recte] 13. Juli 2022 von PD Dr. med. L._ [Bf-act. 2 S. 2]).
Inwiefern im vorliegenden Fall somit ein Facharzt oder eine Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin bzw. ein gutachterlich tätiger Internist per se
nicht geeignet sein soll, die vorliegend offenen Fragestellungen im
Zusammenhang mit der geklagten rascheren Ermüdbarkeit sowie dem
Bedarf nach häufigeren und längeren Ruhephasen im Rahmen einer
polydisziplinären Begutachtung zu beurteilen, sondern hinsichtlich der
Gutachtensergänzung zwingend ein Onkologe oder eine Onkologin dafür
beizuziehen wäre, ergibt sich so jedenfalls nicht direkt aus der vom
Bundesgericht im erwähnten Urteil zitierten Erwägungen 3.2 ff. von
- 37 -
BGE 139 V 349. Im Gegenteil wird dort gerade betont, dass für die
Auswahl der Fachdisziplinen für eine (polydisziplinäre) Begutachtung die
fachliche Koordination einen zentralen Teil der Interdisziplinarität
ausmache und die beauftragten Sachverständigen (jedenfalls im
Verhältnis zur IV-Stelle) letztverantwortlich für die fachliche Güte, die
Vollständigkeit sowie auch die Wirtschaftlichkeit der Abklärung seien
(siehe BGE 139 V 349 E.3.3). Zudem hat das Bundesgericht im Urteil
8C_163/2022 vom 11. August 2022 schlussendlich davon abgesehen, die
dortige Angelegenheit mit der ausdrücklichen Anweisung zur ergänzenden
Begutachtung (nur) durch einen Onkologen oder eine Onkologin an die IV-
Stelle des Kantons Zürich zurückzuweisen. Vielmehr wurde diese lediglich
dazu verpflichtet, eine ergänzende Begutachtung durch die
Gutachtensstelle zu veranlassen und anschliessend über den
Leistungsanspruch der dortigen Versicherten neu zu entscheiden (siehe
Urteile des Bundesgericht 8C_163/2022 vom 11. August 2022 E.4.7 und
8G_2/2022 vom 7. November 2022 E.2). Die Beantwortung der Frage, ob
sich vorliegend medizinische Fragestellungen ergeben, welche den
Fachbereich und die Kenntnisse der Hauptgutachterin Dr. med. N._
und/oder der weiteren beteiligten Gutachterinnen und Gutachter übersteigt
(vgl. dazu Urteil des Bundesgericht 8C_163/2022 vom 11. August 2022
E.4.6), ist also in erster Linie den gutachterlichen Fachpersonen
vorbehalten, welche letztlich auch für die fachliche Güte und
Vollständigkeit ihres Gutachtens verantwortlich sind (siehe BGE 139 V
349 E.3.3; vgl. nunmehr auch Art. 44 Abs. 5 ATSG, in Kraft ab dem
1. Januar 2022, die entsprechenden Ausführungen in der Botschaft zur
Änderung des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[Weiterentwicklung der IV] vom 15. Februar 2017 [BBl 2017 2535 2683]
und Rz. 3101 des Kreisschreibens des BSV über das Verfahren in der
Invalidenversicherung [KSVI], Stand: 1. Januar 2022). Insofern rechtfertigt
sich vorliegend keine verbindliche Anweisung des Gerichts im Sinne einer
- 38 -
Gutachtensergänzung mit zwingendem Beizug einer sachverständigen
Person für Onkologie, auch wenn ein solcher von der
Beschwerdegegnerin bzw. der Gutachterstelle im Rahmen der
erforderlichen Gutachtensergänzung und -präzisierung durchaus in
Betracht gezogen werden kann.
5.7. Nicht weiter von Belang ist ferner das beschwerdeführerische Vorbringen,
wonach hinsichtlich der gutachterlich ausgewiesenen Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit Diskrepanzen zwischen der
Konsensbeurteilung und dem psychiatrischen und neuropsychologischen
Teilgutachten bestünden. Abgesehen davon, dass diese Einschätzung
ohne Einfluss auf den Verfahrensausgang ist, scheint in einem der beiden
Teilgutachten hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
ein Schreibfehler unterlaufen zu sein. Denn auf psychiatrischem
Fachgebiet konnte neben der neuropsychologisch ausgewiesenen
leichten kognitiven Störung keine Diagnose mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt werden (vgl. IV-act. 98 S. 160), weshalb
sachlogischerweise die in den beiden Teilgutachten ausgewiesene
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit genauso wie jene in der
Konsensbeurteilung übereinstimmten müsste (vgl. IV-act. 98 S. 12, 131,
165 und 167). Da aber ohnehin die gutachterlich attestierte
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten entscheidrelevant ist,
erübrigen sich Weiterungen dazu. Dasselbe gilt für die Frage, ob die
bisherige Tätigkeit der Beschwerdeführerin dem neuropsychologisch
ausgewiesenen Zumutbarkeitsprofil entspricht.
6. Die Beschwerde ist daher im dem Sinne gutzuheissen, als die
angefochtene Verfügung vom 30. Juni 2022 aufzuheben und die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese nach
ergänzender sachverständiger Abklärung des medizinischen
Sachverhalts (und unter Gewährung des rechtlichen Gehörs) gestützt auf
- 39 -
die dannzumal vollständigen medizinischen Unterlagen über den
Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu entscheide. In diesem
Rahmen wird die Beschwerdegegnerin auch die Frage der Verwertbarkeit
der (Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt sowie
jene des Leidensabzugs neu prüfen und beurteilen müssen. Soweit für die
Beschwerdeführerin bereits gestützt auf das von der
neuropsychologischen estimed-Expertin ausgewiesene Fähigkeitsprofil
(nur) eine Tätigkeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt in Frage kommt, kann
ihr nicht gefolgt werden. Denn aus neuropsychologischer Sicht sind
aufgrund der deutlich eingeschränkten Leistungsfähigkeit in Tätigkeiten
mit Zeit- und Leistungsdruck sowie mit Flexibilität (vgl. IV-act. 98 S. 128)
einfache bis mittlere Büroarbeiten (z.B. Aktenablage, Korrespondenzen,
einfache bis mittlere Übersetzungen und Datenerfassung), die einem
niedrigen Leistungsdruck unterliegen und geringe bis mittlere
Anforderungen an die Konzentration und Flexibilität stellen, optimal
leidensangepasst (vgl. IV-act. 98 S. 132). Inwiefern solche Tätigkeiten nur
im geschützten Rahmen verwertbar sein sollen, leuchtet nicht ein.
Vielmehr umfasst das hier anwendbare Kompetenzniveau 1 (einfache
Tätigkeiten körperlicher oder handwerklicher Art) auch der
Beschwerdeführerin zumutbare geistig nicht fordernde, strukturierte und
geordnete Tätigkeiten sowie eine Vielzahl von körperlich leichten
Tätigkeiten ohne starken Zeitdruck und ohne besondere Anforderungen
an die Flexibilität oder an die Feinmotorik (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_735/2021 vom 17. März 2022 E.3.2 und 4.3, 9C_488/2021 vom
10. Januar 2022 E.3.2.2, 8C_202/2021 vom 17. Dezember 2021 E.5,
8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021 E.8.2.2, 8C_143/2021 vom 7. Juni
2021 E.4.3.2, 8C_139/2020 vom 30. Juli 2020 E.6.3.3, 8C_495/2019 vom
11. Dezember 2019 E.4.2.1 f., 8C_528/2019 vom 12. November 2019
E.4.1 und 4.2.2 sowie 8C_219/2019 vom 30. September 2019 E.5.2).
Allerdings rechtfertigt bereits das neuropsychologisch begründete
- 40 -
gutachterliche Belastungsprofil entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin die Vornahme eines Leidensabzugs. Denn auch
wenn mit den vorgenannten qualitativen – neben den quantitativen –
Anforderungen an eine leidensangepasste Tätigkeit einer möglichen
Überforderung der Beschwerdeführerin entgegengewirkt werden soll (vgl.
IV-act. 98 S. 132), zeigte sich anlässlich der testpsychologischen
Untersuchung eindrücklich, dass die Beschwerdeführerin mitunter nach
wiederkehrenden Fehlern oder konzeptionellen Wechseln emotional
einbrechen und dekompensieren kann, woraufhin es seitens der
Betreuungsperson eines beruhigenden, zuwendungsvollen Gesprächs
bedarf, um sie wieder in den Arbeitsauflauf integrieren zu können (vgl. IV-
act. 98 S. 125 ff.). Daher liegt nahe, dass die funktionellen
Einschränkungen der Beschwerdeführerin nicht ohne Weiteres mit den
Anforderungen vereinbar sind, welche sich aus den gewöhnlichen
betrieblichen Abläufen ergeben. Vielmehr bedarf es eines (sozialen)
Entgegenkommens seitens des Arbeitgebers und eines speziellen
Betreuungsaufwands, so dass davon auszugehen ist, dass die
Beschwerdeführerin auch im Rahmen einer adaptierten Tätigkeit ihre
Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mit dem
gleichen erwerblichen Erfolg verwerten kann, wie gesunde Beschäftige.
Die Höhe des Leidensabzugs kann indes erst festgelegt werden, wenn das
gutachterliche Belastungsprofil unter Berücksichtigung der noch
ausstehenden medizinischen Abklärungen zur Cancer-related Fatigue
und zu allfälligen Einschränkungen aus dem rheumatologischen
Fachgebiet vervollständigt wird. Ein reformatorischer Entscheid im Sinne
einer Zusprache einer Invalidenrente, wie dies von der
Beschwerdeführerin im Subeventualbegehren beantragt wird, erweist sich
demnach als verfrüht.
- 41 -
7. Bei diesem Verfahrensausgang ist die Beschwerde demnach
gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 30. Juni 2022
aufzuheben und die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen im Sinne der
Erwägungen und zu neuem Entscheid an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
8. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein
durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in
Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.--
fest. Die Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss als
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei bezüglich der
Verteilung der Gerichtskosten und der Zusprache einer
Parteientschädigung (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1, 137 V 210 E.7.1 und
132 V 215 E.6.1 f.). Infolge des Ausgangs des Beschwerdeverfahrens sind
die Gerichtskosten von CHF 700.-- demnach der Beschwerdegegnerin zu
überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
9. Die Beschwerdeführerin hat zudem Anspruch auf eine aussergerichtliche
Parteientschädigung (siehe Art. 61 lit. g ATSG). Als Bemessungskriterien
für dessen Höhe nennt Art. 61 lit. g ATSG die Bedeutung der Streitsache
und die Schwierigkeit des Prozesses. Im Übrigen wird die Bemessung
nach Art. 61 Ingress ATSG dem kantonalen Recht überlassen (siehe
Urteile des Bundesgerichts 8C_360/2022 vom 24. August 2022 E.3.1,
9C_519/2020 vom 6. Mai 2021 E.2.2, 9C_714/2018 vom 18. Dezember
2018 E.9.2, nicht publ. in BGE 144 V 380, 9C_321/2018 vom 16. Oktober
- 42 -
2018 E.6.2, 8C_98/2017 vom 27. Oktober 2017 E.4.1 f. und 8C_136/2016
vom 11. August 2016 E.2.1 f.). Art. 78 Abs. 1 VRG bestimmt, dass im
Rechtmittel- und Klageverfahren die unterliegende Partei in der Regel
verpflichtet wird, der obsiegenden Partei die durch den Rechtsstreit
verursachten notwendigen Kosten zu ersetzen. Nach Art. 16a des
kantonalen Anwaltsgesetzes (Anwaltsgesetz; BR 310.100) bemisst sich
die Parteientschädigung für die Kosten der anwaltlichen Vertretung in
Verfahren vor Gerichts- und kantonalen Verwaltungsbehörden nach dem
für eine sachgerechte Prozessführung notwendigen Zeitaufwand sowie
der Schwierigkeit und der Bedeutung der Sache. Gemäss Art. 2 Abs. 1 der
Verordnung über die Bemessung des Honorars der Rechtsanwältinnen
und Rechtsanwälte (Honorarverordnung, HV; BR 310.250) setzt die
urteilende Instanz die Parteientschädigung der obsiegenden Partei nach
Ermessen fest. Ausgangspunkt ist dabei grundsätzlich der Betrag, welcher
der entschädigungsberechtigten Partei für die (anwaltliche) Vertretung in
Rechnung gestellt wird (siehe Art. 2 Abs. 2 HV). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin machte in seiner Eingabe vom 28. September 2022
insgesamt einen Aufwand von 12.33 Stunden à CHF 240.--
(CHF 2'959.20) zuzüglich einer Kleinspesenpauschale von 3 %
(CHF 88.80) und 7.7 % MWST (CHF 234.70) geltend. Da die geltend
gemachte Entschädigung von insgesamt CHF 3'282.70 angemessen
erscheint, hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin in diesem
Umfang aussergerichtlich zu entschädigen (siehe dazu auch Art. 2 Abs. 2
Ziffer 1 und 2, Art. 3 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 HV sowie betreffend den
Stundenansatz auch VGU S 21 89 vom 7. September 2022 E.8.2).