# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** da15bcc2-51d8-4b0c-96f9-4246318a36dd
**Court:** GR_VG
**Chamber:** GR_VG_003
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

I. Sachverhalt:
1. A._, geb. 1998, wurde bereits im April 2008 unter Hinweis auf eine
psychotische Persönlichkeit bei der IV-Stelle des Kantons Graubünden
(nachfolgend IV-Stelle) zum Leistungsbezug angemeldet. Ihre
behandelnde Kinderpsychiaterin C._ diagnostizierte mit Bericht vom
11. Mai 2008 eine emotionale Störung des Kindesalters mit Angstanteilen
und Grenzverwischung im Sinne einer Persönlichkeitsdiffusion. In der
Folge erteilte die IV-Stelle Kostengutsprachen für medizinische
Massnahmen im Sinne von Psychotherapie.
2. Nachdem A._ die Volksschule, das 10. Schuljahr sowie ein
Propädeutikum an der Kunstschule absolviert hatte, begann sie im August
2016 im D._ eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ. Das
Lehrverhältnis wurde per 31. Juli 2017 aufgelöst.
3. Im April 2018 meldete sich A._ erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an. Diese tätigte erwerbliche und medizinische
Abklärungen. Der behandelnde Psychiater von A._, E._, wies
mit Bericht vom 18. Mai 2018 eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3), erstmals am 13. Dezember 2016
gestellt, aus. Nachdem er sich in Übereinstimmung mit dem Hausarzt
F._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, für eine begleitete und
betreute Berufsausbildung ausgesprochen hatte, erteilte die IV-Stelle
Kostengutsprache für eine erstmalige berufliche Ausbildung zur Kauffrau
EFZ im Bereich Hotel-Gastro-Tourismus (HGT) bei der Stiftung G._
in H._ vom 13. August 2018 bis zum 31. Juli 2021. Für die Dauer der
Massnahme wurde A._ ein Taggeld zugesprochen. Während sie das
erste Lehrjahr im Hotel I._ in H._ durchlief, vollzog sie im zweiten
Lehrjahr einen Branchenwechsel in die Administration/Dienstleistungen
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und wechselte in das Treuhandbüro J._ in H._, bevor sie das
dritte Lehrjahr bei der K._ absolvierte.
4. Gegen Ende der Lehre führte die IV-Stelle ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren durch und teilte A._ mit Schreiben vom 10. Mai
2021 mit, von ihr zu erwarten, dass sie sich per sofort wieder aktiv und
pünktlich am begleiteten Wohnen, der Ausbildung und der Therapie
engagiere, um den Erfolg der Ausbildung nicht zu gefährden. In der Folge
wurde das Arbeitsverhältnis bei der K._ wegen fehlender Leistung
und Unzuverlässigkeit frühzeitig beendet. Daraufhin führte A._ die
Ausbildungstätigkeit bei der Stiftung G._ weiter. Nachdem sie im
Rahmen der Lehrabschlussprüfung in einem Fach eine Prüfung nicht
bestanden hatte, verzichtete A._ auf weitere Unterstützung durch die
IV. Die Taggeldleistungen wurden per Ende Juni 2021 eingestellt.
5. Mit Mitteilung vom 10. August 2021 schloss die IV-Stelle die beruflichen
Massnahmen ab, nachdem A._ eine Anstellung als Rezeptionistin im
Hotel L._ auf der M._ gefunden hatte.
6. Mit Vorbescheid vom 17. August 2021 stellte die IV-Stelle A._ die
Abweisung ihres Leistungsbegehrens (kein Anspruch auf eine
Invalidenrente) in Aussicht. Zum Abklärungsergebnis hielt sie fest,
A._ habe die begonnene Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ
gesundheitsbedingt abbrechen müssen. Es werde davon ausgegangen,
dass sie heute ohne gesundheitliche Einschränkung in diesem Beruf
arbeitstätig wäre. Dabei könnte ein Jahreseinkommen von CHF 57'062.20
erzielt werden. Durch die Unterstützung der IV-Berufsberatung habe sie
eine Ausbildung zur Kauffrau EFZ absolvieren können. Gemäss der
Stiftung G._ bestehe nach Beendigung der Ausbildung eine 70%ige
Leistungsfähigkeit (bei 100 % Präsenz). Dabei sei es A._ möglich, ein
Jahreseinkommen von CHF 38'174.50 zu erzielen. In Gegenüberstellung
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dieser beiden Einkommen mit und ohne Invalidität errechnete die IV-Stelle
einen rentenausschliessenden Invaliditätsgrad von 33.1 %.
Dagegen liess A._ am 31. August 2021 Einwand erheben und
namentlich mitteilen, dass ihr die Arbeitsstelle im Hotel L._ noch in
der Probezeit gekündigt worden sei. Sie sei in ihrer Arbeit behindert,
sobald nicht alles einwandfrei zusammenspiele. So sei sie unfähig, ihren
Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Nachdem die IV-Stelle weitere
Abklärungen hinsichtlich beruflicher Massnahmen getroffen hatte,
verzichtete A._ mit Schreiben vom 12. Februar 2022 auf weitere
Unterstützungsmassnahmen seitens der IV, denn sie wolle ihr Leben
selbst in die Hand nehmen sowie die nicht bestandene Prüfung nachholen.
Mit Verfügung vom 30. März 2022 entschied die IV-Stelle wie
vorbeschieden und verneinte einen Anspruch auf eine Invalidenrente.
7. Dagegen liess A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin) am 27. April
2022 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden
erheben und sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
vom 30. März 2022 beantragen. Die Beschwerde richte sich gegen die
jetzige Schliessung des Falles. Sie brauche noch ein bis zwei Jahre Zeit,
um zu zeigen, ob sie fähig sei, im Arbeitsmarkt zu bestehen. Sie habe den
Einstieg in den Arbeitsmarkt mit fast 24 Jahren noch nicht geschafft. Nach
zwei längeren stationären Aufenthalten bei den Psychiatrischen Diensten
Graubünden (PDGR) versuche sie nun mit grossem Engagement und
Unterstützung des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV), den
Einstieg in den Berufsalltag zu meistern. Zudem sei sie fleissig am Lernen,
um die fehlende Prüfung zur Kauffrau EFZ zu schaffen. Bis die
Vervollständigung ihrer Ausbildung und der Eintritt in die Berufswelt nicht
geschafft seien, sei ein Entscheid über eine allfällige Invalidität und
Erwerbsfähigkeit noch nicht möglich. Sie bemühe sich enorm, die
gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen. Wenn nun das nicht gelingen
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sollte, stehe sie mit leeren Händen da. Eine sorgfältige Beurteilung und
Entscheidung, ob sie arbeitsfähig sei oder nicht und in welchem Grad,
könne daher erst in ca. zwei Jahren gefällt werden. Sie bitte daher um
Aufschub der Entscheidung der IV-Stelle mindestens bis die
Unterstützungsmöglichkeiten des RAV erschöpft seien.
8. Die IV-Stelle (nachfolgend Beschwerdegegnerin) schloss in ihrer
Vernehmlassung vom 30. Mai 2022 auf Abweisung der Beschwerde. Sie
sei gestützt auf die beruflichen Abklärungen, insbesondere den Standort-
und Abschlussbericht der Stiftung G._ vom 21. Januar 2021 sowie
die Abschlussbeurteilung von N._, Fachärztin für Allgemeine Innere
Medizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), vom 16. August 2021 zum
Schluss gelangt, dass die Beschwerdeführerin in Berücksichtigung ihres
Gesundheitsschadens in einem 100 %-Pensum als Kauffrau seit dem
Ende ihrer durch die IV unterstützten erstmaligen Ausbildung zu 70 %
leistungsfähig sei. Es sei darauf hinzuweisen, dass die
(arbeitslosenversicherungsrechtliche) Vermittlungsfähigkeit nicht mit der
(invalidenversicherungsrechtlichen) Erwerbsfähigkeit gleichzusetzen sei.
Es sei von einem autonomen Begriff der Erwerbsfähigkeit auszugehen,
der das Unvermögen darstelle, auf dem gesamten, für die versicherte
Person in Frage kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt die
verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise wirtschaftlich zu
verwerten. Mithin sei für die Frage der Invalidität gemäss IVG unerheblich,
ob die Beschwerdeführerin auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt eine Arbeit
finde. Sie könne alleine aus dem Umstand, dass sie noch keine Arbeit
gefunden habe, nichts zu ihren Gunsten ableiten, weshalb auch nicht
abzuwarten sei, ob sie über die Arbeitsvermittlung eine Arbeit finde.
Zudem zeige die Beschwerdeführerin nicht auf, inwiefern die
grundsätzliche Leistungsfähigkeit von 70 % nicht korrekt sein sollte.
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9. Die Beschwerdeführerin replizierte am 12. Juni 2022 und vertiefte ihren
Standpunkt. Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 15. Juni 2022 auf
die Einreichung einer Duplik.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, der angefochtenen
Verfügung vom 30. März 2022 sowie die eingereichten Beweismittel wird,
soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 30. März 2022. Eine solche
Anordnung, die laut Bundesrecht der Beschwerde an das
Versicherungsgericht am Ort der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann
beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden als das örtlich und
sachlich zuständige Versicherungsgericht angefochten werden (vgl.
Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG;
BR 370.100] i.V.m. Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formelle und materielle
Verfügungsadressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochtenen
Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung oder Änderung. Sie ist somit zur Beschwerdeerhebung
legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59 ATSG). Die Beschwerde wurde
zudem frist- und formgerecht eingereicht (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60
Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. sowie Art. 61 lit. b ATSG). Darauf ist somit
einzutreten.
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2. Streitgegenstand bildet die Frage, ob die Beschwerdegegnerin mit
Verfügung vom 30. März 2022 zu Recht einen Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin verneinen durfte.
3. In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem
1. Januar 2022 die revidierten Bestimmungen des IVG (sowie des ATSG)
und der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in
Kraft sind (Weiterentwicklung der IV). Da der hier umstrittene
Rentenanspruch jedoch seine Begründung noch vor dem 1. Januar 2022
findet, sind die bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen
Bestimmungen massgebend (vgl. Übergangsbestimmungen des IVG zur
Änderung vom 19. Juli 2020; Kreisschreiben über Invalidität und Rente in
der Invalidenversicherung [KSIR], gültig ab dem 1. Januar 2022,
Rz. 9101).
4.1. Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu
betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder
herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres
ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 %
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind. Gemäss Art. 29
IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs
Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29
Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des
18. Altersjahres folgt (Abs. 1). Der Anspruch entsteht nicht, solange die
versicherte Person ein Taggeld nach Art. 22 beanspruchen kann (Abs. 2).
Die Rente wird vom Beginn des Monats an ausbezahlt, in dem der
Rentenanspruch entsteht (Abs. 3).
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4.2. Im Allgemeinen setzt der Anspruch auf Leistungen der
Invalidenversicherung unter anderem voraus, dass die versicherte Person
invalid oder von Invalidität unmittelbar bedroht ist. Invalidität ist gemäss
Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (vgl. ferner Art. 4 IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung
des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Art. 7 Abs. 2
Satz 1 ATSG).
5.1. Der massgebliche Referenzpunkt bildet demnach der ausgeglichene
Arbeitsmarkt (vgl. Art. 7 Abs. 1 und Art. 16 ATSG; Urteile des
Bundesgerichts 8C_202/2021 vom 17. Dezember 2021 E.5.1,
8C_811/2018 vom 10. April 2019 E.4.4.1 f., 8C_611/2018 vom 7. Januar
2019 E.4.3 und 8C_187/2018 vom 10. September 2018 E.2). Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts handelt es sich dabei um einen
theoretischen und abstrakten Begriff, der dazu dient, den Leistungsbereich
der Invalidenversicherung von jenem der Arbeitslosenversicherung
abzugrenzen. Der Begriff beinhaltet einerseits ein gewisses Gleichgewicht
zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften; andererseits
impliziert er einen Arbeitsmarkt, der einen Fächer verschiedenster
Tätigkeiten aufweist und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten
beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des
körperlichen Einsatzes. Nach diesen Gesichtspunkten bestimmt sich im
Einzelfall, ob die invalide Person die Möglichkeit hat, ihre restliche
Erwerbsfähigkeit zu verwerten (siehe BGE 134 V 64 E.4.2.1, 110 V 273
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E.4b; Urteile des Bundesgerichts 8C_239/2022 vom 1. Juni 2022 E.4.2,
8C_202/2021 vom 17. Dezember 2021 E.5.1, 8C_710/2018 vom
30. Januar 2019 E.7.1 und 8C_458/2018 vom 23. Oktober 2018 E.4.2;
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVGE] I 350/89 vom
30. April 1991 E.3b, in: ZAK 1991 S. 318 ff. S. 320 f.). Daraus folgt, dass
für die Invaliditätsbemessung nicht darauf abzustellen ist, ob eine invalide
Person unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden
kann, sondern einzig darauf, ob sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch
wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem
Angebot an Arbeitskräften entsprechen würden (AHI-Praxis 6/1998
S. 291; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_783/2020 vom 17. Februar
2021 E.7.3.1 m.w.H.). Insoweit ist der Beschwerdegegnerin darin
beizupflichten, dass sich der Hinweis der Beschwerdeführerin, wonach sie
im Rahmen der Arbeitslosenversicherung noch nicht habe vermittelt
werden können, als unbehilflich erweist. Der ausgeglichene Arbeitsmarkt
ist ein theoretischer und abstrakter Begriff, weshalb nicht darauf
abzustellen ist, ob eine invalide Person unter den konkreten
Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden kann (siehe BGE 134 V 64
E.4.2.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_803/2018 vom 6. Juni 2019 E.5.3,
8C_77/2019 vom 8. März 2019 E.3.2.3, 8C_36/2018 vom 6. Juni 2018
E.5.2 und 9C_302/2017 vom 6. Juli 2017 E.3.3).
5.2. Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen
können. Von einer Arbeitsgelegenheit kann dann nicht mehr gesprochen
werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form
möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt,
oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer
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entsprechenden Stelle daher von vornherein ausgeschlossen erscheint
(siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021
E.6.4, 8C_170/2021 vom 23. September 2021 E.5.1.1 und 9C_253/2017
vom 6. Juli 2017 E.2.2.1). Art und Mass dessen, was einem Versicherten
an Erwerbstätigkeit noch zugemutet werden kann, richtet sich nach seinen
besonderen persönlichen Verhältnissen einerseits und nach den
allgemein herrschenden Auffassungen andererseits (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 8C_170/2021 vom 23. September 2021 E.5.1.1 und
8C_416/2020 vom 2. Dezember 2020 E.4). Für die Beurteilung der
Zumutbarkeit ist letztlich insofern eine objektive Betrachtungsweise
massgebend, als es nicht auf eine bloss subjektiv ablehnende Bewertung
der infrage stehenden Erwerbstätigkeit durch die Versicherte ankommt
(siehe MEYER/REICHMUTH, in: STAUFFER/CARDINAUX [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 28a Rz. 28 m.H.a. BGE 109 V 25 [E.3c]).
5.3. Vorliegend ist weder der RAD-Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021
noch der übrigen Aktenlage ein umfassendes Belastungsprofil zu
entnehmen (vgl. beschwerdegegnerische Beilage [Bg-act.] 140 S. 10). Die
Beschwerdeführerin verfügt zwar über vorhandene Ressourcen. So war
sie in der Lage, sich hinsichtlich Pünktlichkeit zu verbessern, pflegte den
Kontakt zu anderen Lernenden auf ihrer Wohngruppe und ist in der
Haushaltsführung selbstständig (vgl. Standort- und Abschlussbericht der
Stiftung G._ vom 21. Januar 2021 [Bg-act. 104 S. 5]; vgl. ferner
Standortberichte der Stiftung G._ vom 6. August 2020 [Bg-act. 100
S. 4], vom 10. Dezember 2019 [Bg-act. 95 S. 3 f.], vom 26. Juni 2019 [Bg-
act. 88 S. 4] und vom 5. Dezember 2018 [Bg-act. 81 S. 3 ff.] sowie
Zeugnisse des schulischen Brückenangebots der Schule O._ in
P._ vom 23. Januar 2015 [Bg-act. 60 S. 11 f.] und vom 26. Juni 2015
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[Bg-act. 60 S. 14 f.]). Auch fand sie sich in wiederkehrenden Abläufen gut
zurecht, konnte bekannte Aufgaben mit einer Arbeitshilfe selbstständig
ausführen und zeigte sich engagiert (vgl. Standortberichte der Stiftung
G._ vom 6. August 2020 [Bg-act. 100 S. 2], vom 26. Juni 2019 [Bg-
act. 88 S. 1 f.] und vom 5. Dezember 2018 [Bg-act. 81 S. 1 und 5] sowie
Abklärungsbericht der Stiftung G._ vom 7. August 2018 [Bg-act. 74
S. 5]; vgl. ferner Lehrzeugnis der K._ vom 29. Juni 2021 [Bg-
act. 118]). Gleichzeitig weist die Beschwerdeführerin aber nachweislich
wesentliche Funktionseinschränkungen auf. Gemäss RAD-Ärztin N._
leidet die Beschwerdeführerin bei diagnostizierter emotional instabiler
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3) unter Auffälligkeiten der
Emotionsregulierung, der Beziehungsgestaltung, der Selbststeuerung, der
Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitssteuerung. Ohne die enge
Begleitung durch die Stiftung G._ wäre wahrscheinlich die Lehre nicht
realisierbar gewesen. Sie sei dabei stark unterstützt worden, ihre Termine
pünktlich wahrzunehmen, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen und die
Therapie regelmässig wahrzunehmen (Bg-act. 140 S. 10). Auch ihr
behandelnder Psychiater, E._, berichtete bereits am 18. Mai 2018,
dass die Beschwerdeführerin einen klaren, unterstützenden und
wohlwollenden Rahmen mit klaren Regeln brauche, um zu funktionieren.
Zudem vertrat er die Auffassung, dass die Beschwerdeführerin keine
Ausbildung in der freien Wirtschaft bestehen könne. Die eingeschränkte
Fremd- und Selbstwahrnehmung, die Impulsivität mit sehr instabilen
Affekten und konsekutiven Affektausbrüchen, das instabile Selbstbild und
die dissoziativen Symptome würden das menschliche Verhalten im
Arbeitsprozess erschweren (Bg-act. 68 S. 4 f.). Der Hausarzt der
Beschwerdeführerin, F._, erachtete mit Bericht vom 14. Mai 2018
medizinische Berufe oder solche, die mit Leid und menschlichen
Schicksalen zu tun hätten, für ungeeignet. Es brauche eine gute und
einfühlsame Betreuung und eine Schulung der Sozialkompetenz (Bg-
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act. 66 S. 5). Des Weiteren geht aus den Berichten der beruflichen
Abklärung hervor, dass ihre Leistungen sehr stark von ihrer
Tagesverfassung abhingen und sie lernen müsse, Verantwortung für ihr
Handeln zu übernehmen, Termine und Betriebsvorgaben einzuhalten und
eine vorausschauende Planung anzustreben (vgl. Standort- und
Abschlussbericht der Stiftung G._ vom 21. Januar 2021 [Bg-act. 104
S. 2 f. und 5]; vgl. ferner Standortberichte der Stiftung G._ vom
6. August 2020 [Bg-act. 100 S. 4], vom 26. Juni 2019 [Bg-act. 88 S. 2 ff.]
und vom 5. Dezember 2018 [Bg-act. 81 S. 2 und 5] sowie
Abklärungsbericht der Stiftung G._ vom 7. August 2018 [Bg-act. 74
S. 4]). Die Defizite hinsichtlich der Fähigkeit, Arbeiten zu planen und zu
strukturieren sowie sich an Aufgaben zu erinnern und diese planmässig
auszuführen, zeigten sich denn auch bereits während ihrer Schulzeit (vgl.
Bericht von C._ vom 11. Mai 2008 [Bg-act. 10 S. 6 und 8]; Zeugnisse
des schulischen Brückenangebots der Schule O._ in P._ vom
23. Januar 2015 [Bg-act. 60 S. 10 und 12] und vom 26. Juni 2015 [Bg-
act. 60 S. 16]). Zudem benötige die Beschwerdeführerin gemäss Standort-
und Abschlussbericht der Stiftung G._ vom 21. Januar 2021 nach wie
vor Unterstützung beim Aufstehen und es bestehe Entwicklungsbedarf bei
der Selbstreflexion und beim Annehmen von Unterstützung. Auch müsse
bei der Auftragserfüllung öfters nachgefragt werden, wobei erteilte
Aufträge oftmals nicht vollständig oder zu spät eingereicht würden (Bg-
act. 104 S. 3 und 5; vgl. ferner Lehrzeugnis der K._ vom 29. Juni
2021 [Bg-act. 118], Kurzprotokoll zum Standortgespräch vom 15. April
2021 [Bg-act. 108], Standortbericht der Stiftung G._ vom
10. Dezember 2019 [Bg-act. 95 S. 4] sowie Abklärungsbericht der Stiftung
G._ vom 7. August 2018 [Bg-act. 74 S. 5]). Überdies geht aus
früheren Berichten der Stiftung G._ hervor, dass die
Beschwerdeführerin Konzentrationsschwierigkeiten habe, sich ablenken
lasse und respektlos sowie mit Unverständnis reagiere, wenn ihr
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unerwünschtes Verhalten aufgezeigt werde (vgl. Standortberichte der
Stiftung G._ vom 6. August 2020 [Bg-act. 100 S. 1 und 4], vom
10. Dezember 2019 [Bg-act. 95 S. 3], vom 26. Juni 2019 [Bg-act. 88 S. 2]
und vom 5. Dezember 2018 [Bg-act. 81 S. 1 und 5] sowie
Abklärungsbericht der Stiftung G._ vom 7. August 2018 [Bg-act. 74
S. 4]). Aus diesen Rückmeldungen lässt sich insbesondere schliessen,
dass die Beschwerdeführerin einer engen arbeitsplatzbezogenen
Betreuung mit Unterstützung, einer strukturierten und wohlwollenden
Führung sowie vermehrter Kontrollen bedarf. Dabei wird ihr – jedenfalls
gestützt auf die Einschätzungen des Lehrbetriebs G._ im Rahmen
der erstmaligen beruflichen Ausbildung – zu Gute kommen, dass sie
grundsätzlich in der Lage zu sein scheint, ihr bekannte Arbeiten nach einer
gewissen Einarbeitungszeit und mit entsprechenden Arbeitshilfen
selbstständig zu erledigen. Letztlich ist jedoch festzuhalten, dass sich die
Frage nach der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend
beurteilen lässt, da sich der rechtserhebliche Sachverhalt – wie
nachfolgend aufzuzeigen ist – als ungenügend abgeklärt erweist. Insofern
erübrigen sich Weiterungen dazu.
6. Soweit die Beschwerdeführerin ihre Arbeitsfähigkeit und deren Grad
erneut sorgfältig beurteilt haben möchte, wendet sie sich gegen die von
der Beschwerdegegnerin angenommene 70%ige Arbeitsfähigkeit (bei
einer Präsenz von 100 %) nach Beendigung der Ausbildung. Zu prüfen ist
daher, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die RAD-
Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021, welche diese
Leistungsfähigkeit auswies, abgestellt hat oder ob die übrige Aktenlage
daran auch nur geringe Zweifel zu wecken vermag (vgl. zur
Beweiswürdigung von Berichten versicherungsinterner medizinischer
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Fachpersonen: Urteil des Bundesgerichts 9C_146/2021 vom 25. Juni
2021 E.5.5.5 m.H.).
7. Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich der
Untersuchungsgrundsatz, wobei die Auskunfts‐ und Mitwirkungspflicht der
Leistungen beanspruchenden Person zu berücksichtigen ist. Die Behörde
hat, wo notwendig, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen
abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien gebunden zu sein (vgl.
Art. 43 Abs. 1 und 3 ATSG; KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.,
Zürich/Basel/ Genf 2020, Art. 43 Rz. 13 ff. und 96 ff.). Die
Untersuchungspflicht gilt sowohl im Verwaltungsverfahren wie auch
grundsätzlich im kantonalen Gerichtsverfahren (vgl. Art. 61 lit. c ATSG).
Die Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung
des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit
besteht. Wenn der Versicherungsträger oder das kantonale
Sozialversicherungsgericht im Rahmen einer umfassenden, sorgfältigen,
objektiven und inhaltsbezogenen Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt, dass ein bestimmter Sachverhalt überwiegend wahrscheinlich
sei, steht dies einer antizipierten Beweiswürdigung nicht entgegen.
Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständigkeit und/oder
Richtigkeit der getroffenen Tatsachenfeststellungen bestehen, ist weiter
zu ermitteln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue
wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_58/2022 vom 7. Juni 2022 E.4, 8C_398/2018 vom
5. Dezember 2018 E.3.1, 8C_616/2013 vom 28. Januar 2014 E.2.1;
KIESER, a.a.O., Art. 43 Rz. 18 ff. und 29 f.). Kommt die Verwaltung ihrer
Abklärungspflicht nicht oder nicht genügend nach, kann die Sache aus
diesem Grund an die Verwaltung zurückgewiesen werden (vgl. BGE 132
V 368 E.5).
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8.1. Geht es um psychische Erkrankungen, so sind für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit systematisierte Indikatoren (Beweisthemen und Indizien)
beachtlich, die es – unter Berücksichtigung von leistungshindernden
äusseren Belastungsfaktoren wie auch von Kompensationspotentialen
(Ressourcen) – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen
einzuschätzen (BGE 145 V 361 E.3.1, 141 V 281 E.2, 3.4-3.6 und 4.1).
Demnach beurteilt sich die Frage, ob eine psychische Störung zu einer
Arbeitsunfähigkeit führt, welche auch rechtlich bedeutsam ist, in
Nachachtung von Art. 7 Abs. 2 ATSG grundsätzlich auf der Grundlage
eines strukturierten Beweisverfahrens (vgl. BGE 145 V 361 E.3, 4.1 und
4.3, 144 V 50 E.4.3; Urteile des Bundesgerichts 9C_475/2019 vom
15. November 2019 E.4.2.2, 9C_547/2019 vom 14. Oktober 2019 E.6.1).
Ein solches bleibt entbehrlich, wenn im Rahmen beweiswertiger
fachärztlicher Berichte eine Arbeitsunfähigkeit in nachvollziehbar
begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen
Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen
Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann. Namentlich in
Fällen, bei denen nach bestehender Aktenlage überwiegend
wahrscheinlich von einer bloss leichtgradigen depressiven Störung
auszugehen ist, die ihrerseits nicht schon als chronifiziert gelten kann und
auch nicht mit Komorbiditäten einhergeht, bedarf es daher in aller Regel
keiner Weiterungen in Form eines strukturierten Beweisverfahrens (vgl.
BGE 145 V 215 E.7, 143 V 409 E.4.5.3; Urteile des Bundesgerichts
8C_62/2020 vom 22. September 2020 E.4.3, 8C_415/2018 vom
12. Dezember 2018 E.4.2).
8.2. In ihrer Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021 führte RAD-Ärztin
N._ aus, die Beschwerdeführerin leide bei diagnostizierter emotional
instabiler Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3) unter Auffälligkeiten der
Emotionsregulierung, der Beziehungsgestaltung, der Selbststeuerung, der
- 16 -
Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitssteuerung. Aus
medizinischer Sicht seien die Voraussetzungen für eine IV-gestützte
erstmalige berufliche Ausbildung erfüllt gewesen und die
Beschwerdeführerin habe im Verlauf eine Lehre zur Kauffrau EFZ im
G._ in H._ absolviert. Ohne die enge Begleitung durch G._
wäre wahrscheinlich die Lehre nicht realisierbar gewesen. Auch habe die
Beschwerdeführerin von Seiten der Berufsberatung mehrfach bezüglich
ihres Verhaltens ermahnt werden müssen. G._ habe die
Beschwerdeführerin dabei unterstützt, ihre Termine pünktlich
wahrzunehmen, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen und die Therapie,
welche für die Beschwerdeführerin aus Sicht der Berufsberatung sehr
wichtig sei, regelmässig wahrzunehmen. Die Beschwerdeführerin habe
die Lehre zu Ende bringen können. Wegen einer ungenügenden Note in
einem Fach sei (die Prüfung) nächsten Sommer zu wiederholen. Gemäss
Bericht der Stiftung G._ könne die Beschwerdeführerin bei guter
Verfassung eine Arbeitsfähigkeit von 100 % mit einer Leistungsfähigkeit
von 70 % als Kauffrau erbringen. Die Beschwerdeführerin verzichte auf
eine weitere Begleitung durch die IV. Insgesamt erachtete N._ die
Beschwerdeführerin ab Abschluss der erstmaligen beruflichen Ausbildung
in adaptierter Tätigkeit zu (maximal) 70 % leistungsfähig bei einer Präsenz
von 100 % (Bg-act. 140 S. 9 f.).
8.3. Diese RAD-Abschlussbeurteilung erging im Wesentlichen gestützt auf den
Standort- und Abschlussbericht der Stiftung G._ vom 21. Januar
2021. Daraus geht zusammenfassend hervor, die Beschwerdeführerin
habe sich im dritten Lehrjahr nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der
Pünktlichkeit darin gut verbessern können. Ihre Leistungen seien sehr
abhängig von ihrer Tagesverfassung. Sie müsse lernen, Verantwortung
für ihr Handeln zu übernehmen, Termine einzuhalten und eine
vorausschauende Planung anzustreben. Richtlinien und Betriebswünsche
- 17 -
bzw. -vorgaben seien einzuhalten und nicht diskutierbar. Auf der
Wohngruppe habe die Beschwerdeführerin Kontakte zu anderen
Lernenden gepflegt. In der Haushaltsführung zeige sie Selbstständigkeit.
Beim Aufstehen benötige sie nach wie vor die Unterstützung durch die
Mitarbeitenden. In der Selbstreflexion und im Annehmen von
Unterstützung bestehe Entwicklungsbedarf. Die psychologische
Begleitung habe die Beschwerdeführerin alle zwei Wochen
wahrgenommen. Im Sinne einer Gesamtaussage wurde im besagten
Bericht sodann festgehalten, dass die Beschwerdeführerin bei psychisch
guter Verfassung zu 100 % arbeitsfähig sei, wobei sie nach erfolgreicher
Einarbeitung eine 70%ige Leistungsfähigkeit aufweise. Dabei werde das
erwartbare monatliche Einkommen nach Abschluss der Grundausbildung
Kauffrau EFZ im Sommer 2021 auf ca. CHF 2'936.50 geschätzt (EFZ
Mindestlohn Stufe III a). Nach erfolgreicher Einarbeitungszeit und
Festigung der Abläufe könne die Leistungsfähigkeit durchaus erhöht
werden (Bg-act. 104 S. 5).
9. Wie dargelegt, bestätigte RAD-Ärztin N._ in ihrer
Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021 das Vorliegen einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3), wobei sie ausführte,
dass die Beschwerdeführerin unter Auffälligkeiten der
Emotionsregulierung, der Beziehungsgestaltung, der Selbststeuerung, der
Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeitssteuerung leide (Bg-
act. 140 S. 9 f.). Auf dieses Beschwerdebild ist die Rechtsprechung
gemäss BGE 141 V 281 anwendbar (siehe BGE 143 V 409 E.4.5.1 und
143 V 418 E.6 und 7). Demnach beurteilt sich die Frage der funktionellen
Auswirkungen einer psychischen Störung grundsätzlich auf der Grundlage
eines strukturierten Beweisverfahrens (vgl. BGE 145 V 361 E.3, 4.1 und
4.3, 144 V 50 E.4.3; Urteile des Bundesgerichts 9C_475/2019 vom
15. November 2019 E.4.2.2 und 9C_547/2019 vom 14. Oktober 2019
- 18 -
E.6.1). Dass ein solches entbehrlich gewesen wäre (vgl. BGE 143 V 418
E.7.1), ist nicht ersichtlich, wies doch selbst N._ eine länger dauernde
Arbeitsunfähigkeit im Sinne einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit
um (mind.) 30 % aus (Bg-act. 140 S. 10; vgl. ferner Beurteilung von RAD-
Arzt T._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, vom 11. Juni
2018 [Bg-act. 140 S. 5]). Auch ihr behandelnder Psychiater E._ wies
in seinem Bericht vom 18. Mai 2018 einen Gesundheitsschaden mit
Krankheitswert und funktionellen Auswirkungen aus (Bg-act. 68). Daraus
erhellt, dass die eigentliche Diagnose einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit unumstritten
ist. Indessen hat es RAD-Ärztin N._ unterlassen, bei der
aktenkundigen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung für die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin ein strukturiertes
Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 durchzuführen (vgl.
BGE 143 V 409 E.4.5.2, 143 V 418 E.6). Bis auf den dem Komplex
"Gesundheitsschädigung" der Kategorie "funktioneller Schweregrad"
zuzuordnenden Indikator "Eingliederungserfolg oder -resistenz" fand keine
Auseinandersetzung mit den massgeblichen Beweisthemen statt. Der
RAD-Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021 mit ihrer 70%igen
Leistungsfähigkeitseinschätzung ab Ausbildungsende ist demnach bereits
aus diesem Grund die Beweistauglichkeit abzusprechen. Zudem erscheint
erklärungsbedürftig, wie auf eine solche Leistungsfähigkeit in der freien
Wirtschaft geschlossen werden kann, wenn darin festgehalten wird, dass
die Lehre ohne die enge Begleitung durch die Stiftung G._
wahrscheinlich nicht realisierbar gewesen wäre und die
Beschwerdeführerin stark darin unterstützt worden sei, Termine pünktlich
wahrzunehmen, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen und ihre Therapie
regelmässig wahrzunehmen (Bg-act. 140 S. 10). Da aufgrund der RAD-
Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021 das aus psychiatrischer Sicht
tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen nicht zuverlässig eingeschätzt
- 19 -
werden kann und auch die in den Akten liegenden fachärztlichen Berichte
keine umfassende Beurteilung anhand der systematisierten Indikatoren
erlauben, präsentiert sich der rechtserhebliche Sachverhalt als
ungenügend abgeklärt.
10. Ausserdem erhellt aus den vorgenannten Beurteilungen von RAD-Ärztin
N._ und der Stiftung G._, dass die am 21. Januar 2021 von
Letzterer für den Sommer 2021 abgegebene
Leistungsfähigkeitseinschätzung von 70 % bei ganztägiger Präsenz unter
der Prämisse stand, dass die Beschwerdeführerin bei guter psychischer
Verfassung sei (Bg-act. 104 S. 5). Diese positive Prognose bewahrheitete
sich indes nicht. So ist aktenkundig, dass sich die Beschwerdeführerin im
hier massgeblichen Zeitraum vom 15. September 2021 bis zum
15. Oktober 2021 in stationärer Behandlung in der Klinik S._ befand.
Zuweisungsgrund bildete eine akute depressive Episode mit
Suizidgedanken. Die behandelnde Psychiaterin Q._ und Psychologe
R._ diagnostizierten in ihrem Austrittsbericht vom 1. November 2021
eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1). Zum Verlauf
hielten sie namentlich fest, die Beschwerdeführerin sei initial aufgrund von
akuten Suizidgedanken auf die Akutstation freiwillig eingetreten. Im
stationären Rahmen habe sie sich insofern psychisch stabilisieren können,
als sie keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung gezeigt habe. Daraufhin
sei sie auf die Psychotherapiestation verlegt worden. Dabei habe sie
deutlich Mühe gehabt, sich an die gegebene Tagesstruktur, insbesondere
an die festen Aufstehzeiten am Morgen, zu halten. Letztendlich habe dies
leider auch zum Austrittsgrund geführt, da sie regelmässig das
Therapieprogramm verpasst habe. In den Therapiegesprächen habe sie
von stark belastenden Alpträumen sowie von Schuldgefühlen gegenüber
verschiedenen Menschen in ihrem Umfeld berichtet. Generell sei ihr
weitschweifiger und auch sprunghafter Erzählstil aufgefallen. Zudem habe
- 20 -
sie im Kontakt mit einem ausgeprägten histrionischen, aber auch
impulsiven Anteil imponiert. In ihrer Beurteilung führten Q._ und
Psychologe R._ ferner aus, die Behandlungsmotivation der
Beschwerdeführerin habe deutlichen Schwankungen unterlegen, was sich
einerseits in einer ausgeprägten Motivation in den Gesprächen,
andererseits in drastischen Schwierigkeiten bei der Einhaltung der
Tagesstruktur gezeigt habe. Sie erachteten die Beschwerdeführerin
während der Hospitalisation zu 100 % arbeitsunfähig (Bg-act. 133). Des
Weiteren soll die Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben in der
Beschwerde für einen weiteren längeren stationären Aufenthalt in der
Klinik S._ gewesen sein. Hierzu fehlen jegliche Unterlangen in den
Akten, obwohl dieser in den hier massgeblichen Abklärungszeitraum bis
zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 30. März 2022 fiel (vgl.
hierzu auch Schreiben der Beschwerdeführerin vom 12. Februar 2022,
wonach sie sich zurzeit in stationärer Behandlung in der Klinik S._
befinde [Bg-act. 136]). Zudem ist aktenkundig, dass die beiden stationären
Aufenthalte von RAD-Ärztin N._ nicht gewürdigt bzw. nicht in deren
Beurteilung der aus psychischer Sicht möglichen Leistungsfähigkeit
eingeflossen sind, erging die Abschlussbeurteilung doch bereits zuvor am
16. August 2021 und wird darin nicht auf die aktuelle psychische
Verfassung der Beschwerdeführerin Bezug genommen (Bg-act. 140
S. 9 f.; vgl. ebenso Beurteilung vom 7. September 2021 [Bg-act. 140
S. 14]). Auch diesbezüglich wurde der hier rechtserhebliche Sachverhalt
demnach ungenügend abgeklärt.
11. Insgesamt vermag die RAD-Abschlussbeurteilung vom 16. August 2021
somit keinen beweiswertig genügenden, insbesondere umfassenden und
betreffend die medizinischen Zusammenhänge und deren funktionelle
Auswirkungen nachvollziehbaren Aktenbericht zu bilden. Da sich das
tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin
- 21 -
mangels genügender Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts auch
nicht anhand der übrigen Aktenlage zuverlässig und umfassend
einschätzen lässt, ist die Angelegenheit in Gutheissung der Beschwerde
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach externer
sachverständiger oder fachärztlicher Abklärung des medizinischen
Sachverhalts (und unter Gewährung des rechtlichen Gehörs) gestützt auf
die dannzumal vollständigen medizinischen Unterlagen über den
Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu entscheide bzw.
berufliche Eingliederungsmassnahmen einleite. Denn nach dem
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" werden Rentenleistungen nur
erbracht, wenn die versicherte Person nicht oder bloss in ungenügendem
Masse eingegliedert werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_842/2016 vom 18. Mai 2017 E.5.3.1 m.H.; vgl. auch Urteile des
Bundesgerichts 9C_689/2019 vom 20. Dezember 2019 E.3.1 und
9C_450/2019 vom 14. November 2019 E.3.3.1, je m.H.). Eine
Invalidenrente soll erst und nur dann gesprochen werden, wenn die
Möglichkeiten ausgeschöpft sind, welche Eingliederungsmassnahmen zur
Verbesserung der gesundheitsbedingt beeinträchtigten Erwerbsfähigkeit
bieten (vgl. BGE 145 V 2 E.4.3.2 m.H.). Dabei ist auch zu berücksichtigen,
dass mit der Gesetzesrevision "Weiterentwicklung der IV" (WEIV) gerade
eine gezielte und verstärkte Unterstützung von jungen Erwachsenen mit
psychischen Erkrankungen angestrebt worden ist, um den Übergang von
der Berufsausbildung in den Arbeitsmarkt meistern zu können (vgl.
www.higru-weiv-junge-rentner.pdf [zuletzt besucht am 1. Juli 2022]).
Insofern erweist es sich als verfrüht, bereits im jetzigen Zeitpunkt über den
Rentenanspruch zu entscheiden, unabhängig von allfälligen
Eingliederungsmassnahmen (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_585/2021 vom 6. Januar 2022 E.5.1, 8C_204/2021 vom 26. Mai 2021
E.4.2.2 und 8C_691/2015 vom 11. Februar 2016 E.4, je m.H.; vgl. auch
Urteile des Bundesgerichts 9C_207/2018 vom 16. April 2018 E.3.2.4 und
- 22 -
8C_187/2015 vom 20. Mai 2015 E.3.2.1, je m.H.). Hinzuweisen ist
allerdings, dass bei fehlendem Eingliederungswillen bzw. einer fehlenden
subjektiven Eingliederungsfähigkeit der Anspruch auf solche entfällt (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_202/2021 vom 17. Dezember 2021 E.7.2
m.H.). Zudem wird die Beschwerdegegnerin nach Vervollständigung der
medizinischen Unterlagen im Rahmen der Neubeurteilung auch der Frage
der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt nachzugehen und – gegebenenfalls – zu prüfen haben, ob
ein leidensbedingter Abzug vom statistisch ermittelten
Invalideneinkommen vorzunehmen ist.
12. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein
durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in
Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.--
fest. Die Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss als
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei bezüglich der
Verteilung der Gerichtskosten und der Zusprache einer
Parteientschädigung (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1, 137 V 210 E.7.1, 132 V
215 E.6.2). Infolge des Ausgangs des Beschwerdeverfahrens sind die
Gerichtskosten von CHF 700.-- demnach der Beschwerdegegnerin zu
überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
13. Die nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat praxisgemäss
keinen Anspruch auf Parteientschädigung.