# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 859d5e5a-a488-4219-b6d1-9cd15146b9cc
**Court:** GR_VG
**Chamber:** GR_VG_003
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** GR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

I. Sachverhalt:
1. A._ leidet seit ihrer Kindheit an einem psychoorganischen Syndrom
(POS). Während bereits Dr. med. B._ am 21. Februar 1983 einen
dahingehenden Verdacht äusserte, stellte Dr. med. C._ mit Bericht
vom 28. März 1984 erstmals diese Diagnose. Letztere wurde in der Folge
ärztlicherseits mehrfach bestätigt. Dabei stellte Dr. med. D._ am
21. Mai 1984 namentlich eine schlechte Konzentrationsfähigkeit, eine
Schwäche der auditiven Merkfähigkeit, eine mangelhafte Ausdauer und
eine fehlende Fähigkeit, still zu sitzen, fest. Zudem hielt der
Diplompsychologe E._ mit Untersuchungsbericht vom 12. Januar
1988 fest, A._ sei aufgrund ihrer Konzentrationsschwankungen sowie
einer reduzierten Impulskontrolle und Aufmerksamkeitsspanne nicht auf
ihrem Niveau leistungsfähig, wobei er eine mittelstarke
Hirnfunktionsschwäche mit ausgeprägtem Schwerpunkt bifrontal
feststellte. Dr. med. F._ wies in seinem Bericht vom 24. Mai 1985
genauso wie Dr. med. G._ am 20. September 1990 eine minimale
cerebrale Bewegungsstörung aus. Daneben diagnostizierte Dr. med.
G._ in somatischer Hinsicht eine idiopathische, strukturelle,
progrediente Skoliose. Mit Bericht vom 29. August 2013 bestätigte Dr.
med. H._ die Diagnose einer idiopathischen linkskonvexen
Thorakolumbalskoliose mit thorakalem Gegenschwung.
2. Im April 2013 meldete sich A._, welche inzwischen Mutter eines im
Januar 2009 geborenen Sohnes geworden war, unter Hinweis auf das
POS bei der IV-Stelle des Kantons Graubünden (nachfolgend: IV-Stelle)
zum Leistungsbezug an. Daraufhin tätigte die IV-Stelle erwerbliche sowie
medizinische Abklärungen und führte am 9. Oktober 2013 eine Abklärung
vor Ort durch, welche keine Einschränkung im Haushaltsbereich ergab.
Mit Verfügung vom 11. März 2014 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren ab, da ihre Abklärungen ergeben hätten, dass eine
volle Leistungsfähigkeit im Tätigkeits- und Aufgabenbereich vorliege.
- 3 -
3. Im Mai 2019 meldete sich A._ erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an. Dabei wurde der Untersuchungsbericht von Dr. phil.
I._ von der J._ GmbH vom 22. Oktober 2018 ins Recht gelegt,
der eine einfache Störung der Aufmerksamkeit auswies. Gleichermassen
diagnostizierten auch die behandelnden Ärzte (anamnestisch) eine
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die IV-Stelle
liess A._ bei der medexperts AG polydisziplinär begutachten
(Fachdisziplinen: Orthopädie, Pneumologie, Allgemeine Innere Medizin,
Neuropsychologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie mit
Explorationen im März 2020). In dem am 7. Mai 2020 erstatteten
Gutachten stellten die Gutachter folgende Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit: Einfache Störung der Aufmerksamkeit (ICD-10:
F90.0) bei seit der Kindheit bestehendem und diagnostiziertem POS (ICD-
10: F07.9) mit Teilleistungsstörungen im Bereich der Konzentration, der
auditiven Merkfähigkeit und des Arbeitstempos sowie dauerhafte
Beschwerden im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule bei einer
bekannten skoliotischen Fehlhaltung und begleitenden mehretagigen
Abnützungen (ICD-10: M42.15, M47.85 und M41.05). Sie erachteten
A._ sowohl in ihrer angestammten Tätigkeit als Servicekraft wie auch
in einer angepassten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig. In einer
adaptierten Tätigkeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt sei eine
Arbeitsfähigkeit von 60 % denkbar.
4. In seiner Abschlussbeurteilung vom 11. Mai 2020 befand der RAD-Arzt
P._ indes, dass mit dem medexperts-Gutachten eindeutig eine
Andersbeurteilung eines im Wesentlichen unveränderten
Gesundheitszustandes vorliege, weshalb er weiterhin von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit ausging.
5. Mit Vorbescheid vom 12. Mai 2020 stellte die IV-Stelle A._ die
Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht. Begründend führte sie
an, aus der gutachterlichen Abklärung ergäben sich keine konkreten
- 4 -
Hinweise auf eine (wesentliche) Verschlechterung des
Gesundheitszustandes. Eine relevante Gesundheitsverschlechterung,
welche den Rentenanspruch berühre, sei somit nicht ausgewiesen. Bei
der Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit durch die Gutachter, welche
angesichts der Beschwerdevalidierungstests ohnehin nicht einmal
ansatzweise nachvollziehbar sei, handle es sich vielmehr lediglich um eine
andere Beurteilung eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen
Sachverhalts, was im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich sei. Weil
es somit an einem Revisions- bzw. Neuanmeldegrund fehle, bleibe kein
Raum für eine in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassende
Prüfung des Rentenanspruchs. Dagegen liess A._ am 25. Mai 2020
vorsorglich und am 18. Juni 2020 einen begründeten Einwand erheben.
Am 22. Juli 2020 verfügte die IV-Stelle wie vorbeschieden und verneinte
einen Anspruch auf eine Invalidenrente.
6. Mit dagegen am 2. September 2020 erhobener Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden beantragte A._
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) neben der Aufhebung der Verfügung
vom 22. Juli 2020, ihr sei ab dem 1. November 2019 eine ganze
Invalidenrente zuzusprechen. Zudem ersuchte sie um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung sowie um Durchführung einer
mündlichen Verhandlung. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen
vor, zwar stimme es, dass ihre Aufmerksamkeits- und Rückenprobleme
bereits in der Kindheit festgestellt worden seien. Wenn diese aber neu zu
Funktionseinschränkungen und damit zu einer Arbeitsunfähigkeit führten,
sei trotz unveränderten Diagnosen ein Revisionsgrund gegeben. Eine
rechtsgenügliche Abklärung ihrer funktionellen Leistungsfähigkeit sei
erstmals mit der Begutachtung durch die medexperts AG erfolgt, weshalb
diese für die Beurteilung des Invaliditätsgrades relevant sei. Darin seien
die Gutachter zum eindeutigen und klaren Schluss gelangt, dass ihr auf
dem ersten Arbeitsmarkt keine Tätigkeit mehr zumutbar sei. Dabei hätten
- 5 -
sich die Gutachter eingehend mit den Ergebnissen der
neuropsychologischen Untersuchung auseinandergesetzt und daraus
gefolgert, dass weder eine Selbstlimitierung noch eine Simulation bzw.
Aggravation vorliege. Vielmehr hätten sie ihr Verhalten als Folge der
Krankheit eingeordnet. Zudem hätten sich die Gutachter einlässlich zu
ihren Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen geäussert. Somit sei in
Anwendung der gemischten Methode im Verhältnis 80 % Erwerb und 20
% Haushalt auch ohne Haushaltsabklärung von einem Anspruch auf eine
ganze Rente ab dem 1. November 2019 auszugehen.
7. Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) schloss in ihrer
Vernehmlassung vom 21. September 2020 auf Abweisung der
Beschwerde und verwies zur Begründung auf die angefochtene
Verfügung.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften und
auf die angefochtene Verfügung wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 22. Juli 2020. Eine solche
Anordnung, die laut Bundesrecht der Beschwerde an das
Versicherungsgericht am Ort der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann
beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden als das örtlich und
sachlich zuständige Versicherungsgericht angefochten werden (vgl.
Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG;
BR 370.100] i.V.m. Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
- 6 -
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formelle und materielle
Verfügungsadressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochtenen
Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung oder Änderung. Sie ist somit zur Beschwerdeerhebung
legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59 ATSG). Die Beschwerde wurde
zudem frist- und formgerecht eingereicht (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60
Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 Abs. 4 lit. b ATSG, Art. 39 Abs. 1 ATSG sowie
Art. 61 lit. b ATSG). Darauf ist somit einzutreten.
2. Streitgegenstand bildet in Anbetracht der im Mai 2019 erfolgten
Neuanmeldung gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin ab
dem 1. November 2019 zu Recht verneint hat.
3.1. In formeller Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin, es sei eine
mündliche Verhandlung durchzuführen. Dazu führte sie aus, die
Beschwerdegegnerin werfe ihr Aggravation und Simulation vor, wobei sie
keine Gelegenheit gehabt habe, sich mündlich zu diesen Vorwürfen zu
äussern. Auch das entsprechende Argument im Einwand, ihr sei vor der
neuropsychologischen Abklärung keine Erholungszeit eingestanden
worden, sei seitens der Beschwerdegegnerin ignoriert worden. Das
mündliche Verfahren erlaube es dem Gericht, sich ein persönliches Bild
von der Beschwerdeführerin zu machen und sie mit diesen Vorwürfen zu
konfrontieren.
3.2. Nach Art. 6 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101) hat jedermann Anspruch darauf, dass
seine Sache in billiger Weise öffentlich und innerhalb einer angemessenen
Frist von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz
beruhenden Gericht gehört wird, das über zivilrechtliche Ansprüche und
Verpflichtungen oder über die Stichhaltigkeit der gegen ihn erhobenen
strafrechtlichen Anklage zu entscheiden hat. Die Öffentlichkeit des
- 7 -
Verfahrens soll dazu beitragen, dass die Garantie auf ein "faires
Verfahren" tatsächlich umgesetzt wird (vgl. BGE 142 I 188 E.3.1.1).
Vorliegend sind zivilrechtliche Ansprüche im Sinne dieser Norm streitig
(vgl. BGE 122 V 47 E.2a). Das kantonale Gericht, welchem es primär
obliegt, die Öffentlichkeit der Verhandlung zu gewährleisten (vgl. BGE 136
I 279 E.1, 122 V 47 E.3), hat bei Vorliegen eines klaren und
unmissverständlichen Parteiantrags grundsätzlich eine öffentliche
Verhandlung durchzuführen (vgl. BGE 136 I 279 E.1; SVR 2014 UV Nr. 11
S. 37, Urteil des Bundesgerichts 8C_273/2013 vom 20. Dezember 2013
E.1.2 mit Hinweisen). Ein während des ordentlichen Schriftenwechsels
gestellter Antrag gilt dabei als rechtzeitig (vgl. BGE 134 I 331 E.2.3.2; vgl.
zum Ganzen: SVR 2017 UV Nr. 30 S. 99, Urteil des Bundesgerichts
8C_723/2016 vom 30. März 2017 E.2.1 und 2.2 mit Hinweisen).
3.3. Von einer ausdrücklich beantragten öffentlichen Verhandlung kann
abgesehen werden, wenn der Antrag der Partei als schikanös erscheint
oder auf eine Verzögerungstaktik schliessen lässt und damit dem
Grundsatz der Einfachheit und Raschheit des Verfahrens zuwiderläuft
oder sogar rechtsmissbräuchlich ist. Gleiches gilt, wenn sich ohne
öffentliche Verhandlung mit hinreichender Zuverlässigkeit erkennen lässt,
dass eine Beschwerde offensichtlich unbegründet oder unzulässig ist. Als
weiteres Motiv für die Verweigerung einer beantragten öffentlichen
Verhandlung fällt die hohe Technizität der zur Diskussion stehenden
Materie in Betracht, was etwa auf rein rechnerische,
versicherungsmathematische oder buchhalterische Probleme zutrifft,
wogegen andere dem Sozialversicherungsrecht inhärente
Fragestellungen materiell- oder verfahrensrechtlicher Natur wie die
Würdigung medizinischer Gutachten in der Regel nicht darunterfallen.
Schliesslich kann das kantonale Gericht von einer öffentlichen
Verhandlung absehen, wenn es auch ohne eine solche aufgrund der Akten
zum Schluss gelangt, dass dem materiellen Rechtsbegehren der
- 8 -
bezüglich der Verhandlung Antrag stellenden Partei zu entsprechen ist
(vgl. BGE 136 I 279 E.1 mit Hinweis auf BGE 122 V 47 E.3b/ee und 3b/ff;
vgl. zum Ganzen: SVR 2017 UV Nr. 30 S. 99, Urteil des Bundesgerichts
8C_723/2016 vom 30. März 2017 E.2.3 mit Hinweisen).
3.4. Da im vorliegenden Fall – wie nachfolgend eingehend aufgezeigt wird –
gemäss Verfahrensausgang mit der vollständigen Gutheissung der
Beschwerde der letztgenannte Ausnahmetatbestand für ein Absehen von
einer öffentlichen Verhandlung greift, kann darauf verzichtet werden.
4.1. In materieller Hinsicht ist zunächst zu prüfen, ob eine wesentliche
Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist, die geeignet
ist, den Invaliditätsgrad und damit auch den Rentenanspruch zu
beeinflussen. Denn während die Beschwerdegegnerin eine solche (und
insbesondere eine Verschlechterung) verneint, erblickt die
Beschwerdeführerin einen Neuanmelde- bzw. Revisionsgrund in ihren
Aufmerksamkeits- und Rückenproblemen, welche trotz unveränderten
Diagnosen zu Funktionseinschränkungen und damit zu einer
Arbeitsunfähigkeit führten.
4.2. Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert,
wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die gesuchstellende Person
glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den
Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 2 und 3 der
Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Bei einer
Neuanmeldung zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
finden die Grundsätze zur Rentenrevision analog Anwendung (Art. 17 Abs.
1 ATSG; Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV; BGE 130 V 71 E.3.2.3), weshalb
zunächst eine anspruchsrelevante Veränderung des Sachverhalts
erforderlich ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_379/2019 vom 21.
August 2019 E.2.2). Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen
Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an
- 9 -
sich gleich gebliebenem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen
auf den Erwerbs- oder Aufgabenbereich von Bedeutung. Hingegen ist
die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich
gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich
(vgl. BGE 141 V 9 E.2.3 mit Hinweisen). Weder eine im Vergleich zu
früheren ärztlichen Einschätzungen ungleich attestierte Arbeitsunfähigkeit
noch eine unterschiedliche diagnostische Einordnung des geltend
gemachten Leidens genügt somit per se, um auf einen verbesserten
Gesundheitszustand zu schliessen; notwendig ist vielmehr eine
veränderte Befundlage (vgl. SVR 2012 IV Nr. 18 S. 81, Urteil des
Bundesgerichts 9C_418/2010 vom 29. August 2011 E.4.2; Urteile des
Bundesgerichts 9C_59/2019 vom 29. Mai 2019 E.4.3.2, 9C_561/2018 vom
8. Februar 2019 E.5.3.2.1, 8C_419/2018 vom 11. Dezember 2018 E.4.3).
Liegt ein Neuanmelde- bzw. Revisionsgrund vor, ist in einem zweiten
Schritt der (Renten-) Anspruch in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
umfassend zu prüfen (vgl. BGE 141 V 9 E.2.3; Urteile des Bundesgerichts
8C_454/2018 vom 16. November 2018 E.4.1, 9C_247/2017 vom 7. August
2017 E.2.1, 9C_894/2015 vom 25. April 2016 E.5 und 6.4).
4.3. Als Vergleichsbasis für die Beurteilung der Frage, ob bis zum Abschluss
des aktuellen Verwaltungsverfahrens eine anspruchserhebliche Änderung
des Invaliditätsgrades eingetreten ist, dient die letzte rechtskräftige
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und
Durchführung eines Einkommensvergleichs beruht (vgl. BGE 133 V 108
E.5.4; Urteile des Bundesgerichts 9C_346/2019 vom 6. September 2019
E.2.1.1, 9C_23/2019 vom 10. Mai 2019 E.4.2.2, 9C_800/2016 vom 9. Mai
2017 E.4.2.2). Wird bei dieser Gegenüberstellung festgestellt, dass der
Invaliditätsgrad im zur Beurteilung stehenden Zeitraum keine
rechtserhebliche Änderung erfahren hat, bleibt es beim bisherigen
Rechtszustand (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_441/2012 vom 25. Juli
- 10 -
2013 E.3.1.3). Andernfalls ist das Vorliegen eines Revisionsgrundes zu
bejahen und die zugesprochene Rente entsprechend der festgestellten
Sachverhaltsveränderung abzuändern (vgl. MEYER/REICHMUTH, in:
STAUFFER/CARDINAUX [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung
[IVG], 3. Aufl., Zürich 2014, Art. 30-31 Rz. 13 ff.). Der Rentenanspruch ist
dabei in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend ("allseitig") zu
prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (vgl. BGE
141 V 9 E.2.3, 6.1 und 6.4, 117 V 198 E.4b; Urteile des Bundesgerichts
9C_11/2019 vom 16. Juli 2019 E.3.3, 8C_825/2018 vom 6. März 2019
E.6.7).
4.4. Im hier zu beurteilenden Fall ist somit als Vergleichsbasis auf die
Verfügung vom 11. März 2014 abzustellen, mit welcher das
Leistungsbegehren aufgrund einer infolge von Abklärungen festgestellten
vollen Leistungsfähigkeit im Tätigkeits- und Aufgabenbereich abgewiesen
wurde (vgl. beschwerdegegnerische Akten [Bg-act.] 32 S. 1). Dabei stützte
sich die Beschwerdegegnerin insbesondere auf die Abschlussbeurteilung
des RAD-Arztes Dr. med. K._ vom 28. Oktober 2013, den Arztbericht
von Dr. med. M._ vom 1. Juli 2013 sowie jenen von Dr. med. L._
vom 27. Mai 2013 ab (vgl. Bg-act. 33 S. 6 f.). Aus diesen geht was folgt
hervor:
- In seiner Stellungnahme vom 27. Mai 2013 führte Dr. med. L._
aus, er habe die Beschwerdeführerin noch nie krankgeschrieben.
Da er sie aber letztmals im Juli 2010 gesehen habe, könne er keine
weiteren Auskünfte geben (vgl. Bg-act. 15).
- Mit Bericht vom 1. Juli 2013 diagnostizierte Dr. med. M._ einen
Verdacht auf Panikattacken (bei schwieriger sozialer Situation)
sowie eine Lumbago. In befundlicher Hinsicht wies er eine
paralumbale Schmerzangabe mit wenig Hartspann sowie keine
kardiale Ursache aus und erachtete die Beschwerdeführerin vom
- 11 -
10. bis zum 22. Februar 2012 zu 50 % arbeitsunfähig (vgl. Bg-act.
16).
- In der Abschlussbeurteilung vom 28. Oktober 2013 hielt der RAD-
Arzt Dr. med. K._ fest, die Beschwerdeführerin habe in ihrer
Anmeldung vom 19. März 2013 als Gesundheitsschaden ein POS
angegeben, das seit der Kindheit bestehe. Weder Dr. med.
M._ noch Dr. med. L._ wiesen eine attestierte
längerdauernde Arbeitsunfähigkeit aus. Am 9. Oktober 2013 habe
eine Haushaltsabklärung stattgefunden, wobei eine Qualifikation
von 40 % im Erwerb festgehalten worden sei. Im Tätigkeitsbereich
Haushalt sei keine Einschränkung festgestellt worden. Die
Beschwerdeführerin habe eine Ausbildung zur
Gastronomiefachassistentin erfolgreich abgeschlossen. Es dürfe
angenommen werden, dass sie aus medizinischer Sicht in dieser
sowie in jeder anderen leichten bis mittelschweren Tätigkeit voll
arbeitsfähig sei (vgl. Bg-act. 33 S. 6).
4.5. In der angefochtenen Verfügung vom 22. Juli 2020 verneinte die
Beschwerdegegnerin das Vorliegen eines Neuanmelde- bzw.
Revisionsgrundes gestützt auf die Beurteilung des RAD-Arztes P._
vom 11. Mai 2020. Daraus geht in revisionsrechtlicher Hinsicht hervor, dass
mit dem medexperts-Gutachten eindeutig eine Andersbeurteilung eines im
Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustandes vorliege. Aus
psychiatrischer Sicht werde die Diagnose eines seit Kindheit bestehenden
POS bzw. ADHS gestellt. Die "Diagnose" POS (psychoorganisches
Syndrom) gehe auf die alte, heute nicht mehr gültige
Geburtsgebrechensverordnung (GgV) zurück. Unter der Diagnose eines
POS seien sehr viele Jahre Kinder zum Geburtsgebrechen Ziff. 404
angemeldet worden. Diese Diagnose werde unter der aktuellen GgV nicht
mehr gestellt, da sich der Gesetzes- bzw. Verordnungstext geändert habe.
Heutzutage würden Kinder mit der entsprechenden Diagnose "ADHS" oder
- 12 -
"ADS" zum Geburtsgebrechen Ziff. 404 angemeldet. Insoweit entspreche
die "neue" Diagnose schlussendlich der alten POS-Diagnose. Im
medexperts-Gutachten werde festgehalten, dass aufgrund der seit
Jugendzeit bestehenden psychoorganischen Problematik nicht davon
auszugehen sei, dass es zu einer grundlegenden Heilung kommen werde;
bestenfalls könne eine Stabilisierung auf aktuellem Niveau erreicht werden.
Damit werde aber unterlassen, auch nur ansatzweise irgendeine
Verschlechterung darzulegen. Bezüglich der orthopädischen Beschwerden
liege die gleiche Situation vor. Die idiopathische linkskonvexe
Thorakolumbalskoliose sei genauso wie die Beschwerden "alt". Auch eine
wesentliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes dürfte nicht
aufgetreten sein. So werde im medexperts-Gutachten die
Beschwerdeführerin zitiert, wie sie von Beschwerden seit der Jugendzeit
berichte. Vor sieben Jahren (also 2012/2013) sei es zu einer
Verschlechterung gekommen, weshalb eine (!) Infiltration durchgeführt
worden sei. Seither bestünden immer mal wieder Beschwerden, mal wenig
besser, dann wieder schlechter. Eine Schmerzmitteltherapie bestehe nur
nach Bedarf. Seit Anfang Februar 2020 berichte die Beschwerdeführerin
von einem akuten Hexenschuss mit fast täglichem Schmerzmittelbedarf.
Im medexperts-Gutachten werde sodann bestätigt, dass Arbeiten mit einer
vermehrten Beanspruchung der Wirbelsäule eingeschränkt möglich seien.
Bei adaptierten Tätigkeiten müsse bei einer vollzeitigen Beschäftigung von
einem leicht erhöhten Pausenbedarf ausgegangen werden. Die
Symptomatik sei unter der Bedarfsmedikation soweit kompensiert, als die
Beschwerdeführerin aus körperlicher Sicht im Alltag und bei der Betreuung
ihres 11-jährigen Sohnes von körperlicher Seite her nicht relevant
eingeschränkt sei und auch sportlich aktiv sein könne. Diese Ausführungen
stellten eine persönliche Einschätzung eines Gutachters dar, wobei dieser
keinen Vergleich "alt" mit "neu" vornehme und somit den
rentenrevisionsrelevanten Sachverhalt nicht substantiiert vergleichen
könne, da entsprechende objektive Untersuchungsmethoden (bis auf das
- 13 -
Röntgen der Wirbelsäule, das die längst bekannten und plausiblen Befunde
bestätigt habe) fehlen würden. Konkrete Hinweise auf eine (wesentliche)
Verschlechterung bestünden nicht (vgl. Bg-act. 86 S. 13 ff.).
4.6. Die Beschwerdeführerin wendete dagegen im Wesentlichen ein, die
rechtliche Begründung der Beschwerdegegnerin, wonach die Diagnosen
unverändert seien und es sich beim medexperts-Gutachten lediglich um
eine andere Beurteilung desselben Sachverhalts handle, sei schlichtweg
falsch, weil die Diagnosen alleine nicht relevant seien. Entscheidend seien
die Auswirkungen auf die funktionelle Leistungsfähigkeit. Eine
rechtsgenügliche Abklärung habe erstmals mit der medexperts-
Begutachtung stattgefunden. Dieses Gutachten sei somit für die
Beurteilung des Invaliditätsgrades relevant.
4.7. Seit der letzten materiellen Prüfung des Rentenanspruchs, welche mit
Verfügung vom 11. März 2014 zur Abweisung des Leistungsbegehrens
führte, sind folgende wesentliche (Facharzt-)Berichte aktenkundig:
- Mit Untersuchungsbericht vom 22. Oktober 2018 wies Dr. phil.
I._ von der J._ GmbH eine einfache Störung der
Aufmerksamkeit (DSM 5:314.0) aus. Dazu hielt er fest, im
Fragebogen zu Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität
werde der Cut-off für eine erhebliche Störung der Aufmerksamkeit
erreicht. Die seit Kindheit bestehenden Schwierigkeiten zeigten
sich sowohl während der Arbeit als auch zu Hause. Eine Analyse
der Hirnsysteme habe eine erhöhte Belastung der Funktionen und
Netzwerke des präfrontalen Kortexes (Aufmerksamkeit, exekutive
Funktionen) sowie des cingulären Systems (Adaptationsfähigkeit,
Flexibilität, Umgang mit neuen Situationen, Monitoring) ergeben.
Schwierigkeiten zeigten sich u.a. hinsichtlich Aufmerksamkeit und
Arbeitsgedächtnis. Ausserdem seien Abweichungen bezüglich
- 14 -
Arbeitstempo zu beobachten. Die Untersuchung der
Daueraufmerksamkeit ergebe erhebliche Schwierigkeiten mit Blick
auf die Aufmerksamkeit und Arbeitskonstanz. Dies seien
Kardinalsymptome der Aufmerksamkeitsstörung (vgl. Bg-act. 40 S.
2 f.).
- Im medexperts-Gutachten vom 7. Mai 2020 stellten die Experten
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
Einfache Störung der Aufmerksamkeit (ICD-10: F90.0) bei seit der
Kindheit bestehendem und diagnostiziertem POS (ICD-10: F07.9)
mit Teilleistungsstörungen im Bereich der Konzentration, der
auditiven Merkfähigkeit und des Arbeitstempos sowie dauerhafte
Beschwerden im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule bei
einer bekannten skoliotischen Fehlhaltung und begleitenden
mehretagigen Abnützungen (ICD-10: M42.15, M47.85 und
M41.05). Dazu führten sie in der Konsensbeurteilung aus, im
Vordergrund stünden die Einschränkungen aus psychiatrischer
Sicht. Bereits in der Kindheit sei bei der Beschwerdeführerin ein
psychoorganisches Syndrom (POS) mit einer begleitenden,
leichten zerebralen Bewegungsstörung festgestellt worden. In
mehrfachen, darauffolgenden ärztlichen Konsultationen sei diese
Diagnose bestätigt worden und die letzten Abklärungen im
2018/2019 hätten die Diagnose eines ADHS
(Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) mit einer
erheblichen Einschränkung der Leistungsfähigkeit ergeben. In der
aktuellen Begutachtung könnten beide Diagnosen schlüssig
nachvollzogen und auch die deutliche Minderung der
Belastungsfähigkeit könne bestätigt werden. Es zeige sich
ausserdem eine unausgereifte, schwach ausgeprägte
Persönlichkeit mit einer deutlichen Einschränkung der
Konzentrationsfähigkeit. Dies führe dazu, dass berufliche
Tätigkeiten nur mit Unterstützung und Anleitung, welche das
- 15 -
Ausmass eines Dienstverhältnisses im allgemeinen Arbeitsmarkt
weit überschritten, möglich seien. In der gesamten Biografie der
Beschwerdeführerin sei klar ersichtlich, dass die Einschränkungen
aufgrund der oben angeführten Diagnosen so stark ausgeprägt
seien, dass eine dauerhafte, erfolgreiche Eingliederung im
allgemeinen Arbeitsmarkt nicht möglich gewesen sei. Aus diesem
Grund sei die Beschwerdeführerin seit 2019 im zweiten
Arbeitsmarkt tätig. Bei der aktuellen Begutachtung habe in der
neuropsychologischen Testung kein valides Ergebnis erhoben
werden können. Dies liege vor allem in einer fehlenden,
durchgehenden Leistungsbereitschaft begründet. Dieser Umstand
sei in einem direkten Zusammenhang mit den gestellten Diagnosen
und der beschriebenen Persönlichkeitsstruktur zu sehen. Eine
subjektiv zu hoch empfundene Anforderung löse bei der
Beschwerdeführerin eine Kombination einer bewussten und auch
unbewussten Widerstandshaltung aus, was sich im Rahmen der
neuropsychologischen Untersuchung als die beschriebene,
schwankende Leistungsbereitschaft zeige. Dennoch könne auch
aus neuropsychologischer Sicht die Diagnose einer ADHS
zweifelsfrei gestellt werden. Zusammenfassend zeige sich aus
psychiatrischer Sicht unter Berücksichtigung der
neuropsychologischen Untersuchung eine erhebliche
Einschränkung der beruflichen Leistungsfähigkeit, welche so stark
ausgeprägt sei, dass eine Beschäftigung im allgemeinen
Arbeitsmarkt nicht möglich sei. Aus orthopädischer Sicht sei die
körperliche Belastbarkeit aufgrund der bekannten Fehlhaltung der
Wirbelsäule (Skoliose) mit mehretagigen degenerativen
Veränderungen reduziert. Bei der aktuellen Untersuchung könne
eine teilweise schmerzhafte Verspannung der Rückenmuskulatur
festgestellt werden und in der endlagigen Funktionsprüfung komme
es zu einer verstärkten Schmerzauslösung. Bildgebend zeige sich
- 16 -
als passendes Korrelat eine skoliotische Fehlhaltung mit
begleitenden mehretagigen Abnützungen. Gewisse
Ruheschmerzen in einem wechselnden Ausmass seien
nachvollziehbar. Erfreulicherweise sei die Symptomatik bei einer
angepassten Beanspruchung aber soweit kompensiert, dass die
regelmässige Einnahme von Schmerzmitteln nicht notwendig sei.
Zusammenfassend könne aufgrund der orthopädischen Diagnosen
eine nachvollziehbare Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im
angestammten Beruf als Servicekraft festgestellt werden. Dies
begründe sich im Umstand, dass im Rahmen der Servicetätigkeit
eine überwiegend stehende bzw. gehende Arbeitshaltung und
teilweise ungünstige Belastungen der Wirbelsäule zu erwarten
seien. Aufgrund der bis zu einem gewissen Masse
nachvollziehbaren Ruhebeschwerden müsse auch von einem leicht
gesteigerten Pausenbedarf bei einer angepassten Tätigkeit
ausgegangen werden. Die Diagnosen aus dem allgemein-
internistischen und pulmologischen Fachgebiet zeigten sich so
gering ausgeprägt bzw. so weit kompensiert, dass dadurch keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten sei.
Zusammenfassend könne aus polydisziplinärer Sicht keine
verwertbare Arbeitsfähigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt
festgestellt werden (vgl. Bg-act. 78 S. 5).
4.8. Im vorliegenden Fall geht in Würdigung der vorerwähnten (fach-)ärztlichen
Stellungnahmen aus dem Vergleich der sich auf den Verfügungszeitpunkt
am 22. Juli 2020 beziehenden medizinischen Situation und derjenigen, wie
sie sich anlässlich der Verfügung vom 11. März 2014 präsentierte, für den
hier massgebenden Zeitraum ein mit Blick auf die Befundlage veränderter
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin hervor. Zwar trifft es zu, dass
die festgestellten psychischen Störungen der Beschwerdeführerin
anamnestisch bereits seit der Kindheit bzw. Jugend bestehen (vgl.
- 17 -
psychiatrisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 39 ff.]). So hielt Dr. med.
C._ bereits mit Bericht vom 28. März 1984 erstmals fest, dass die
Beschwerdeführerin an einem POS leide (vgl. Bg-act. 1/22). In der Folge
wurde diese Diagnose mehrfach durch die behandelnden (Fach-)Ärzte
bestätigt, wobei letztere insbesondere eine minimale cerebrale
Bewegungsstörung sowie eine schlechte Konzentrationsfähigkeit bzw.
Konzentrationsschwankungen, eine Schwäche der auditiven
Merkfähigkeit, eine mangelhafte Ausdauer und eine reduzierte
Aufmerksamkeitsspanne bzw. Impulskontrolle als
Funktionseinschränkungen feststellten (vgl. Stellungnahme von Dr. med.
D._ vom 21. Mai 1984 [Bg-act. 1/30], Arztbericht von Dr. med. F._
vom 24. Mai 1985 [Bg-act. 1/37], Bericht des Diplompsychologen E._
vom 12. Januar 1988 [Bg-act. 1/50], Arztbericht von Dr. med. G._ vom
20. September 1990 [Bg-act. 1/69], Berichte von Dr. med. C._ vom 17.
Juni 1991 [Bg-act. 1/77 ff.] und 16. Dezember 1997 [Bg-act. 1/140]). Auch
ist nicht zu beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin vorbringt, dass
das in der Kindheit festgestellte POS in diagnostischer Hinsicht mit der
aktuell ausgewiesenen ADHS gleichzusetzen ist (vgl. psychiatrischen
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 40]). Obschon der Beginn der damit
zusammenhängenden kognitiven Störungen bzw. leichten zerebralen
Bewegungsstörungen somit bereits lange vor der Verfügung vom 11. März
2014 bekannt waren, übersieht die Beschwerdegegnerin mit ihrer
Argumentation aber, dass diese Einschränkungen und deren funktionelle
Auswirkungen im Zeitpunkt des seinerzeitigen Verfügungserlasses
unberücksichtigt geblieben sind. So stellte der RAD-Arzt Dr. med. K._
in seiner Abschlussbeurteilung vom 28. Oktober 2013 zwar fest, dass die
Beschwerdeführerin in der Anmeldung vom März 2013 ein POS als
Gesundheitsschaden angegeben hatte (vgl. Bg-act. 33 S. 6). Eine weitere
Vertiefung dieser Diagnose und deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit anhand der vorgenannten Berichte der behandelnden
Ärzte fand jedoch nicht statt. Eine solche lassen auch die Stellungnahmen
- 18 -
der Dres. med. L._ und M._ vom 27. Mai 2013 bzw. 1. Juli 2013
vermissen (vgl. Bg-act. 15 und 16). Wenn nun im Vergleich dazu aktuell
nachweislich ein psychisches Leiden im Sinne einer einfachen Störung der
Aufmerksamkeit bzw. einer ADHS sowohl von Seiten der behandelnden
Fachpersonen (vgl. Untersuchungsbericht von Dr. phil. I._ vom 22.
Oktober 2018 [Bg-act. 40 S. 3] und Verlaufsbericht von Dr. med. M._
vom 19. Juni 2019 [Bg-act. 51 S. 1]; vgl. ferner Bericht von Dr. med.
N._ vom 18. Oktober 2018 [Bg-act. 48 S. 1], Bericht von Dr. med.
O._ vom 6. Februar 2019 [Bg-act. 49 S. 1]) als auch
gutachterlicherseits (vgl. Konsensbeurteilung der medexperts-Gutachter
[Bg-act. 78 S. 6], psychiatrisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 40 f.] und
neuropsychologisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 63]) ausgewiesen wird,
stellt dies eine revisionsrechtlich relevante veränderte Befundlage dar,
auch wenn ein POS mit gewissen kognitiven Teilleistungsstörungen bzw.
geringen zerebralen Bewegungsstörungen bereits seit der Kindheit
bestand. Mithin wurden insbesondere im medexperts-Gutachten vom
7. Mai 2020 psychische Einschränkungen ausgewiesen, welche nicht in die
in der ursprünglichen Verfügung vom 11. März 2014 festgehaltenen vollen
Leistungsfähigkeitseinschätzung miteingeflossen sind. Demnach geht es
gemäss der höchstrichterlichen Rechtsprechung nicht an, wie die
Beschwerdegegnerin das Vorliegen eines Revisionsgrundes mit der
Argumentation zu verneinen, es liege eine im revisionsrechtlichen Kontext
unbeachtliche Andersbeurteilung eines bereits mit Verfügung vom
11. März 2014 rechtskräftig beurteilten, im Wesentlichen unverändert
gebliebenen Sachverhalts vor (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_262/2019
vom 23. März 2020 E.4.3 f. mit Hinweisen).
4.9. Insgesamt liegt somit bereits aufgrund der Beeinträchtigungen in
psychiatrischer Hinsicht, welche denn auch gemäss medexperts-
Gutachten im Vordergrund stehen (vgl. Konsensbeurteilung der
medexperts-Gutachter [Bg-act. 78 S. 5]), entgegen der Auffassung der
- 19 -
Beschwerdegegnerin kein stationärer Gesundheitszustand vor. Vielmehr
vermag die im Gutachten ausgewiesene einfache Störung der
Aufmerksamkeit (ICD-10: F90.0) bei seit der Kindheit bestehendem und
diagnostiziertem POS (ICD-10: F07.9) (vgl. Konsensbeurteilung der
medexperts-Gutachter [Bg-act. 78 S. 6] und psychiatrisches Teilgutachten
[Bg-act. 78 S. 41]), das im Zeitpunkt des Verfügungserlasses am 11. März
2014 nicht in die Beurteilung der funktionellen Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin eingeflossen ist, durchaus erhebliche Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit zu zeitigen (vgl. hierzu nachfolgende Erwägungen
5.1 ff.), womit aus revisionsrechtlicher Sicht eine beachtliche
anspruchserhebliche Veränderung des Gesundheitszustandes
ausgewiesen ist. Ob eine solche auch in somatischer Hinsicht mit Blick auf
die skoliotische Fehlhaltung mit begleitenden mehretagigen Abnützungen
vorliegt, kann somit offenbleiben. Dasselbe gilt hinsichtlich der Frage, ob
eine andere als im Vorfeld der Verfügung vom 11. März 2014
angenommene Gewichtung des Erwerbbereichs im Rahmen der
gemischten Methode bereits ausreicht, um – wie von der
Beschwerdeführerin geltend gemacht – einen Neuanmelde- bzw.
Revisionsgrund im Sinne veränderter erwerblicher Auswirkungen zu
begründen.
5.1. Da ein Neuanmelde- bzw. Revisionsgrund vorliegt, ist sodann zu prüfen,
ob auf das medexperts-Gutachten vom 7. Mai 2020 abgestellt werden kann
oder ob konkrete Indizien gegen dessen Zuverlässigkeit sprechen bzw.
dieses von den übrigen medizinischen Akten derart in Zweifel gezogen
wird, dass von der 100%igen Arbeitsunfähigkeits-Einschätzung
abzuweichen wäre.
5.2. Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu
würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
- 20 -
Beweiswürdigung. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (vgl.
BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a). Ausschlaggebend für den
Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen
Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (vgl. BGE 125 V 351 E.3a, 122
V 157 E.1c mit Hinweisen). Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit
dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für
die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. BGE 125 V 351 E.3b, 118 V 286
E.1b, 112 V 30 E.1a mit Hinweisen). So ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei
der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 137 V
210 E.1.3.4, 125 V 351 E.3b/bb).
5.3. Die Beschwerdegegnerin führte in ihrer Stellungnahme zum Einwand in der
angefochtenen Verfügung aus, auf das medexperts-Gutachten könne
betreffend die zumutbare Arbeitsfähigkeit nicht abgestellt werden. Dabei
machte sie sich die Beurteilung des RAD-Arztes P._ vom 11. Mai 2020
zu eigen. Darin führte dieser aus, die in der neuropsychologischen
Abklärung aufgetretenen Auffälligkeiten in der Beschwerdevalidierung mit
erheblichem Zweifel an der durchgängig ausreichenden Mitarbeit der
- 21 -
Beschwerdeführerin (sodass kein gültiges Testprofil habe erstellt werden
können!) würden mit einer unausgereiften, schwach ausgeprägten
Persönlichkeit "plausibilisiert", wobei anzumerken sei, dass die
Beschwerdeführerin nicht an einer krankheitswertigen
Persönlichkeitsstörung leide (eine entsprechende Diagnose sei ja auch
nicht gestellt worden). Im Gutachten würden "innerpsychische
Widerstände" postuliert, die teils bewusst, teils unbewusst zu einer
Verminderung der Belastbarkeit führten, ohne dass aus der Anamnese
bzw. Befunderhebung irgendein Hinweis auf diese Widerstände zu
entnehmen sei. Eine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auf der Basis einer
Spekulation sei aus versicherungsmedizinischer Sicht genauso
abzulehnen wie eine Einschätzung von Limiten bei nicht medizinisch
ausgewiesenen Krankheiten. Zudem würden eindeutig vorhandene
Ressourcen im Gutachten nicht gewürdigt, sondern geradezu ignoriert.
Auch die erst vor relativ kurzer Zeit erfolgte Ausbildung als
Spielgruppenleiterin gehöre dazu. Im Gutachten werde mehr oder minder
die von der Beschwerdeführerin geäusserten anamnestischen Limiten
übernommen. Aufgrund der Beschwerdevalidierungstests sei klar, dass
eine Selbstlimitierung, möglicherweise eine Simulation bzw. Aggravation
vorliege, die an der Authentizität der Auskünfte zweifeln lasse. Des
Weiteren hielt der RAD-Arzt P._ in orthopädischer Hinsicht fest, wenn
im Gutachten konstatiert werde, dass die Beschwerdeführerin im Alltag und
bei der Betreuung ihres Sohnes nicht relevant eingeschränkt sei und sogar
sportlich aktiv sein könne, so sei dies ei-ne sehr bodenständige, weil auf
einer real existierenden Mindestbelastbarkeit beruhende Einschätzung, die
einer Plausibilitätsprüfung gemäss BGE 141 V 281 standhalten dürfte, da
für das (adaptierte) Arbeitsleben keine anderen Belastungen angegeben
würden, als sich die Beschwerdeführerin im Privatleben zumute. In diesem
Zusammenhang mute die Einschätzung, wonach zusätzliche Pausen zu
gewähren seien, fremd an. Insgesamt ging der RAD-Arzt P._ davon
aus, dass es der Beschwerdeführerin trotz gewisser (alter) Limiten möglich
- 22 -
sei, eine 100%ige Tätigkeit auszuüben im Sinne von wechselbelastenden,
leichten bis mittelschweren Arbeiten (vgl. Bg-act. 86 S. 13 ff.).
5.4. Die Beschwerdeführerin hielt dieser Einschätzung in der Beschwerde
entgegen, die medexperts-Gutachter seien zum eindeutigen und klaren
Schluss gelangt, dass ihr auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Tätigkeit mehr
zugemutet werden könne. Sie hätten sich auch mit den Ergebnissen der
neuropsychologischen Untersuchung eingehend auseinandergesetzt und
diese in einen direkten Zusammenhang mit den gestellten Diagnosen
gestellt. Dabei seien sie zum Schluss gekommen, dass weder eine
Selbstlimitierung noch eine Simulation bzw. Aggravation vorliege. Vielmehr
sei ihr Verhalten Folge der Krankheit. Dabei sei nicht einmal berücksichtigt
worden, dass die neuropsychologische Testung nach drei intensiven
Begutachtungen und einer knappen Pause von 30 Minuten ohne richtige
Nahrungsaufnahme durchgeführt worden sei, wobei die Testung selbst 160
Minuten gedauert habe. Sie leide nachweislich an erheblichen Defiziten im
Bereich der Konzentration, Aufmerksamkeit und Arbeitskonstanz. Der
Vorwurf der Selbstlimitierung oder gar der Simulation bzw. Aggravation
ziele deshalb ins Leere, auch weil keiner der Gutachter Inkonsistenzen
habe feststellen können. Schliesslich seien die Testergebnisse auch von
der neuropsychologischen Gutachterin analysiert und beurteilt worden.
Diese sei dabei zum Schluss gelangt, dass aus der aktuellen Testung nicht
abgeleitet werden dürfe, dass keine kognitiven Einbussen bzw.
psychiatrischen Beeinträchtigungen vorliegen würden. Sie habe darauf
hingewiesen, dass kognitive Teilleistungsstörungen mit Beeinträchtigung
der Aufmerksamkeit und Konzentration, des Arbeitstempos und der
Merkfähigkeit schon seit der Kindheit durch mehrere Untersuchungen
dokumentiert seien. Auch die Schwierigkeiten in der Schule und im
beruflichen Kontext würden auf eine verminderte kognitive
Leistungsfähigkeit hinweisen. Ferner führte die Beschwerdeführerin aus,
die medexperts-Gutachter hätten sich entgegen der Auffassung des RAD-
- 23 -
Arztes P._ mit ihren Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen
eingehend auseinandergesetzt. Ausserdem übersehe er, dass für die
Ausbildung zur Spielgruppenleiterin bescheidene Fähigkeiten benötigt
würden. Die Kritik des RAD am medexperts-Gutachten sei daher
unbehelflich.
5.5. Der beschwerdeführerischen Ansicht ist beizupflichten. Das medexperts-
Gutachten erfüllt die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung an den
Beweiswert eines medizinischen Berichts gestellten Anforderungen,
weshalb ihm volle Beweiskraft zukommt. Die Gutachter haben sich in ihrer
Beurteilung in Kenntnis der medizinischen Vorakten (vgl. Bg-act. 78 S. 44
ff. und S. 54 ff.) sorgfältig mit den gesundheitlichen Einschränkungen der
Beschwerdeführerin auseinandergesetzt und ihre Schlussfolgerungen
gestützt auf die eigenen Untersuchungen und bildgebenden sowie
laborchemischen Befunde getroffen (vgl. Bg-act. 78 S. 5 ff., S. 14 ff., S. 24
f., S. 31 ff., S. 38 ff. und S. 60 ff.). Auch flossen die von der
Beschwerdeführerin gemachten Angaben zur Krankheitsentwicklung und
zum jetzigen Leiden in die Gesamtbeurteilung zum Gesundheitszustand
und zur Arbeitsfähigkeits-Einschätzung mit ein (vgl. Bg-act. 78 S. 10 f., S.
21, S. 27, S. 35 ff. und S. 59 f.). Zudem geht aus den Ausführungen in den
jeweiligen Teilgutachten, insbesondere in psychiatrischer und
neuropsychologischer Hinsicht, aufgrund der einlässlichen
Auseinandersetzung mit den vorbefundlichen Einschätzungen der
behandelnden Fachpersonen mit genügender Klarheit hervor, wie sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin entwickelt hat. Ferner ist das
Gutachten für die streitigen Belange umfassend. In der Konsensbeurteilung
wiesen die Gutachter folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit aus: Einfache Störung der Aufmerksamkeit (ICD-10:
F90.0) bei seit der Kindheit bestehendem und diagnostiziertem POS (ICD-
10: F07.9) mit Teilleistungsstörungen im Bereich der Konzentration, der
auditiven Merkfähigkeit und des Arbeitstempos sowie dauerhafte
- 24 -
Beschwerden im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule bei einer
bekannten skoliotischen Fehlhaltung und begleitenden mehretagigen
Abnützungen (ICD-10: M42.15, M47.85 und M41.05). Dazu nahmen sie in
der interdisziplinären Gesamtbeurteilung in nachvollziehbarer Weise
Stellung (vgl. dazu vorstehende Erwägung 4.7) und kamen dabei zum
Schluss, dass keine verwertbare Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt festgestellt werden könne. Im Vordergrund stünden dabei die
psychiatrischen Diagnosen, wobei die körperliche Belastungsfähigkeit
auch aufgrund der orthopädischen Erkrankungen zusätzlich vermindert sei
(vgl. Bg-act. 78 S. 5 f.).
5.6. Der psychiatrische Teilgutachter, Dr. med. Q._, orientierte sich bei der
Frage, ob die diagnostizierten psychischen Leiden zu einer
Arbeitsunfähigkeit führen, rechtsprechungsgemäss an den
Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281 (BGE 143 V 409 und 418)
(vgl. Bg-act. 78 S. 38 ff.), die wie folgt systematisiert sind (vgl. BGE 141 V
281 E.4.1.3 ff.):
 Kategorie "funktioneller Schweregrad"
o Komplex "Gesundheitsschädigung"
 Indikator "Ausprägung der diagnoserelevanten
Befunde" (vgl. Ziffern 4 und 6 des psychiatrischen
Teilgutachtens)
 Indikator "Behandlungs- bzw. Eingliederungserfolg oder
resistenz" (vgl. Ziffern 6.1, 7.2 und 8.3 des
psychiatrischen Teilgutachtens)
 Indikator "Komorbiditäten" (vgl. Ziffer 6.1 des
psychiatrischen Gutachtens)
o Komplex "Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche
Ressourcen) (vgl. Ziffern 4.3, 7.1, 7.3, 7.4 und 8.2 des
psychiatrischen Teilgutachtens)
o Komplex "Sozialer Kontext" (Abgrenzung psychosozialer und
soziokultureller Faktoren; Eruierung der Ressourcen anhand des
- 25 -
sozialen Umfeldes) (vgl. Ziffer 7.1 des psychiatrischen
Teilgutachtens)
 Kategorie "Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens) (vgl. Ziffer 7.3 des
psychiatrischen Teilgutachtens)
o Indikator "Gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in
allen vergleichbaren Lebensbereichen"
o Indikator "Behandlungs- und eingliederungsanamnestisch
ausgewiesener Leidensdruck"
Die Ausführungen von Dr. med. Q._ zur Beurteilung der
medizinischen Situation sind einleuchtend und die gezogenen
Schlussfolgerungen zum Gesundheitszustand nachvollziehbar begründet.
So hielt er in Würdigung der aktenkundigen Arztberichte der behandelnden
(Fach-)Ärzte namentlich zur Diagnoseherleitung fest, psychiatrisch finde
sich bei der Beschwerdeführerin eine Störung der Aufmerksamkeit bei
zugrundeliegendem psychoorganischem Syndrom (POS) seit der Kindheit
mit geringer cerebraler Bewegungsstörung, später dann die Diagnose einer
einfachen Störung der Aufmerksamkeit und einer ADHS. Die
beschriebenen und gestellten Diagnosen seien grundsätzlich verständlich
und nachvollziehbar. Insbesondere verdeutliche sich, dass sich bereits seit
der Jugend Auffälligkeiten im neuropsychologischen Bereich im Sinne
eines POS fänden, die nun zuletzt im Rahmen eines ADHS diagnostiziert
worden und vor diesem Hintergrund gut nachvollziehbar seien. Die
einmalige Verdachtsdiagnose einer Panikattacke sei im Zusammenhang
mit einer damals stark belastenden sozialen Situation zu verstehen. Bei der
aktuell durchgeführten Untersuchung fänden sich Symptome und
Beschwerden, welche die Diagnose eines ADHS-Syndroms sowie
Konzentrations- und Verarbeitungsstörungen bei seit Jugend bestehendem
POS begründen würden. Dem bisherigen Verlauf und der Anamnese
folgend bestünden die Störungen seit Jugend an. Dass die
Beschwerdeführerin die 12. Klasse habe absolvieren können, liege wohl in
erster Linie auch daran, dass sie im Rahmen eines Schulsystems (Rudolf-
Steiner-Schule) gewesen sei, in welchem z.B. die Möglichkeit eines Nicht-
- 26 -
Bestehen-Könnens nicht bestanden habe. Es sei schon zum damaligen
Zeitpunkt davon auszugehen, dass sich die Beschwerdeführerin in einem
eher "geschützten" Kontext bewegt habe, der ihr sicherlich bei den schon
seinerzeit bestehenden Einschränkungen entgegengekommen sei. Dass
sie eine Ausbildung im Gastrofachbereich habe absolvieren können, habe
sicherlich auch damit zusammengehangen, dass besondere
Pausenmöglichkeiten bestanden hätten und der gesamte Arbeitseinsatz
("familiär") an die damalige Situation der Beschwerdeführerin angepasst
worden sei. Danach sei deutlich geworden, dass keinerlei kontinuierliche
biographische berufliche Entwicklung stattgefunden habe. Der
Beschwerdeführerin sei nach eigenen Angaben immer wieder gekündigt
worden, da sie namentlich zu langsam und unkonzentriert gewesen sei. All
dies seien konkrete biografische Hinweise, die von einer durchgehenden,
kontinuierlichen Einschränkung und Störung der Beschwerdeführerin
zeugten. In Schottland sei sie besser zurechtgekommen, da dort die
Arbeitsbelastung und der Arbeitsstress als Aupair mit klarer Führung
wesentlich geringer gewesen sei als in der Schweiz. Eine Festanstellung
habe die Beschwerdeführerin nie erreicht. Die Tätigkeiten hätten sich auch
ökonomisch auf einer minimalen Ebene bewegt, was auch als Ausdruck
geringer Arbeitsleistung zu verstehen sei. Sowohl bei der jetzt
durchgeführten neuropsychologischen Untersuchung als auch im Vorfeld
seien die Kriterien für ein ADHS festgestellt worden, wobei dies aufgrund
einer bestehenden Entwicklungsstörung, die nur zum Teil kompensiert sei
und im Grunde seit der Jugend bestanden habe, zu sehen sei (vgl. Bg-act.
78 S. 39 f.).
5.7. Dr. med. Q._ hat sich zudem mit den Ergebnissen der durchgeführten
neuropsychologischen Untersuchung auseinandergesetzt und dazu
festgehalten, dort sei eine verminderte Belastbarkeit und eine
schwankende Leistungsbereitschaft festgestellt worden. Teilweise würden
dem Alters- und Bildungsgrad erwartbare Resultate erzielt, teilweise lägen
- 27 -
diese deutlich darunter. Die Ergebnisse der formalisierten
Beschwerdevalidierung seien inkonsistent. Die dabei erzielten Werte lägen
teilweise im unauffälligen Bereich, in mehreren Parametern jedoch unter
dem Cut-off-Niveau für eine ausreichende Anstrengungsbereitschaft. In der
Gesamtbeurteilung unter Einbezug der Resultate und des Testprofils
bestünden daher erhebliche Zweifel an einer durchgängig ausreichenden
Mitwirkung der Beschwerdeführerin in der Untersuchung. Aufgrund der
schwankenden und teilweise verminderten Mitarbeit habe kein gültiges
Testprofil erhalten werden können. Bei Intelligenzaufgaben ohne
Tempokomponente seien durchschnittliche Ergebnisse erbracht worden,
womit eine Intelligenzminderung ausgeschlossen werden könne. Im
Bereich der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen sowie im
verbalen Gedächtnis lägen teilweise weit unterdurchschnittliche bis
unterdurchschnittliche Leistungen vor, welche jedoch aufgrund des
schwankenden Leistungsverhaltens nur eingeschränkt interpretiert werden
könnten. Im Bereich der visuokonstruktiven Leistungen, im verbalen
Abstraktionsvermögen, im logischen Schlussfolgern und im visuellen
Gedächtnis lägen keine Leistungseinschränkungen vor. Es sei aus
neuropsychologischer Sicht von einer Aufmerksamkeitsstörung im Sinne
eines ADHS mit Beginn in der Kindheit auszugehen. Diese Diagnose könne
anhand der Voruntersuchungen, der Verhaltensbeobachtung und der
Fragebogenauswertung gestellt werden. In Übereinstimmung damit sei
davon auszugehen, dass bei der Beschwerdeführerin keine
Intelligenzminderung, jedoch seit Kindheit Teilleistungsstörungen im
Bereich der Konzentration, der auditiven Merkfähigkeit und des
Arbeitstempos vorlägen, was durch die aktuelle Untersuchung gestützt
werde. Bei der Beschwerdeführerin bestehe, auch im Zusammenhang mit
den beschriebenen Einschränkungen, eine unausgereifte, schwach
ausgeprägte Persönlichkeit, die nur im Rahmen klarer, fördernder und
stützender bzw. haltgebender Strukturen mit Blick auf Arbeitsleistungen gut
"funktionieren" könne. Bei als zu hoch oder überfordernd erlebten
- 28 -
Anforderungen könnten innerpsychische Widerstände auftreten, die teils
unbewusst, teils eventuell auch bewusst, zu einer unbewussten
Verminderung der Belastbarkeit führten. In diesem Kontext seien auch die
beschriebenen Inkonsistenzen im Rahmen der neuropsychologischen
Untersuchung einzuordnen (vgl. Bg-act. 78 S. 40 f.).
5.8. Wenn nun die Beschwerdegegnerin in Übereinstimmung mit dem RAD-Arzt
P._ die gutachterliche Erklärung für die Auffälligkeiten in der
neuropsychologischen Beschwerdevalidierung insoweit in Frage stellt, als
diese mit einer unausgereiften, schwach ausgeprägten Persönlichkeit
"plausibilisiert" würden, obwohl die Beschwerdeführerin an keiner
krankheitswertigen Persönlichkeitsstörung leide, vermag sie nicht zu
überzeugen. Vielmehr erscheint eine solche Persönlichkeitsstruktur
aufgrund des seit Kindheit bestehenden und diagnostizierten POS mit
Teilleistungsstörungen im Bereich der Konzentration, der auditiven
Merkfähigkeit und des Arbeitstempos, den einfachen familiären
Verhältnissen, in welchen die Beschwerdeführerin aufgewachsen ist, den
schulischen Problemen, welche einen eher geschützten Kontext notwendig
machten, der Ausbildung im Gastrofachbereich in einem
entgegenkommenden Arbeitsumfeld sowie einer Erwerbskarriere mit
ständig wechselnden Arbeitsverhältnissen auch ohne Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung als plausibel (vgl. zum Ganzen: psychiatrisches
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 36 f. und S. 40 f.]; siehe ferner
Konsensbeurteilung der medexperts-Gutachter [Bg-act. 78 S. 6],
orthopädisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 12], neuropsychologisches
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 59]). In befundlicher Hinsicht hielt Dr. med.
Q._ ausserdem fest, bei den Schilderungen der Beschwerdeführerin,
in denen es um ihre Belastbarkeit usw. gehe, seien Tränen in die Augen
getreten; sie habe überfordert, hilflos und verzweifelt gewirkt. Die affektive
Schwingungsfähigkeit sei gegeben gewesen, die Stimmung habe
ausgeglichen gewirkt, eher etwas gehoben, was in Anbetracht der Situation
- 29 -
eher verwundere, als ob die Beschwerdeführerin sich der "Tragweite der
Untersuchungssituation" nicht ganz bewusst gewesen sei (vgl. Bg-act. 78
S. 38). Auch gab die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anamnese an,
sie könne sich zwar gut vorstellen, eine Spielgruppe zu leiten, dies
allerdings nur zusammen mit einer anderen Person. Schreibarbeiten und
solche Arbeiten, die mehr Konzentration und Eigenverantwortung
erforderten, traue sie sich genauso wenig zu, wie eine Tätigkeit alleine;
vielmehr brauche sie Begleitung (vgl. Bg-act. 78 S. 37 f.; vgl. ferner
orthopädisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 12 f]). Gleichermassen wurde
im Rahmen ihrer Tätigkeit im Einsatzprogramm R._ in einem 50%-
Pensum vom 21. November 2018 bis zum 30. Juni 2019 festgehalten, es
bestehe insoweit Verbesserungs- und Entwicklungspotenzial als die
Beschwerdeführerin mehr für sich einstehen und Selbstbewusstsein
aufbauen müsse (vgl. Standortgespräch vom 25. Juni 2019 [Bg-act. 56 S.
3]). Zudem wies Dr. med. Q._ anhand des durchgeführten Mini-ICF-
APP erhebliche bis voll ausgeprägte Beeinträchtigungen im Bereich
Planung und Strukturierung von Aufgaben, Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit sowie Widerstands- und Durchhaltefähigkeit bei
mässiggradigen Beeinträchtigungen im Bereich
Selbstbehauptungsfähigkeit aus und definierte ein entsprechendes
Belastungsprofil (insbesondere Arbeiten mit niedrigen Anforderungen an
die Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, keine aktive Planung und Struktur
von Aufgaben, geringe Anforderungen an die Widerstands- und
Durchhaltefähigkeit sowie idealerweise eine Begleitung durch eine
zusätzliche Fachkraft) (vgl. Bg-act. 78 S. 42). Angesichts dieser, auch mit
den festgestellten neuropsychologischen Defiziten übereinstimmenden
Einschränkungen sowie der schulischen, beruflichen und sozialen Vita
erscheint es schlüssig, wenn der psychiatrische Teilgutachter bei der
Beschwerdeführerin eine unausgereifte, schwach ausgeprägte
Persönlichkeit feststellte, welche mit Blick auf die Arbeitsleistung nur im
Rahmen klarer, fördernder und stützender bzw. haltgebender Strukturen
- 30 -
gut funktionieren könne (vgl. Bg-act. 78 S. 42). So wurde denn auch im
Rahmen des Einsatzprogrammes der Beschwerdeführerin im R._ in
Übereinstimmung mit dem Hausarzt Dr. med. M._ festgehalten, es sei
wichtig, dass der Arbeitsplatz ideale Arbeitsbedingungen für die
Beschwerdeführerin biete, indem es sich um ein ruhiges Arbeitsumfeld
handle, in welchem ein Verständnis dafür bestehe, dass sie sich nur
beschränkt konzentrieren könne (vgl. Nachricht der Beraterin Fachstelle für
Arbeitsintegration - Werknetz des Schweizerischen Roten Kreuzes vom 28.
März 2019 [Bg-act. 56 S. 4]).
5.9. Soweit die Beschwerdegegnerin in diesem Zusammenhang weiter
bemängelt, im psychiatrischen Teilgutachten würden "innerpsychische
Widerstände" postuliert, die teils bewusst, teils unbewusst zu einer
Verminderung der Belastbarkeit führten, ohne dass aus der Anamnese
bzw. Befunderhebung irgendein Hinweis auf diese Widerstände zu
entnehmen sei, kann ihr nicht gefolgt werden. Dabei übersieht sie, dass bei
der Beschwerdeführerin im medexperts-Gutachten sowohl aus
psychiatrischer wie auch neuropsychologischer Sicht kognitive
Teilleistungsstörungen mit Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und
Konzentration, des Arbeitstempos und der Merkfähigkeit seit der Kindheit
durch mehrere Untersuchungen ausgewiesen sind. Diese zeigten sich
insbesondere in Schwierigkeiten in der Schule mit Beschulung in der
Rudolf-Steiner-Schule, in der Lehre (Nichtbestehen der praktischen
Lehrabschlussprüfung) und im beruflichen Kontext (keine Festanstellung,
mehrfache Kündigungen) (vgl. Bg-act. 78 S. 40 f. und S. 63). So führte
bereits Dr. med. F._ mit Bericht vom 23. Oktober 1987 aus, bei der
Beschwerdeführerin hätten sich infolge der kognitiven Störungen
zunehmend schulische Schwierigkeiten eingestellt, welche das reguläre
schulische Fortkommen in Frage stellten (vgl. Bg-act. 1/44). In der
darauffolgenden psychologischen Untersuchung stellte der
Diplompsychologe E._ fest, die Beschwerdeführerin sei aufgrund der
- 31 -
Konzentrationsschwankungen sowie einer reduzierten Impulskontrolle und
Aufmerksamkeitsspanne nicht auf ihrem Niveau leistungsfähig. Dazu führte
er aus, die Aufnahme und Reproduktion von längeren Rhythmen seien
ungenau, genauso wie das Verständnis und die Ausführung einfacher
Instruktionen und die sofortige komplexere Sprachverarbeitung. Das Lese-
Sinn-Verständnis sei verlangsamt und die Wortproduktion und die
Umstellfähigkeit seien leicht reduziert. Die Merkfähigkeit und die
Aufmerksamkeitsspanne seien stark reduziert (z.T. bei serialen
Problemen). Die Beschwerdeführerin ermüde schnell, mache Fehler und
werde immer langsamer. Insgesamt wies der Diplompsychologe E._
eine mittel-starke Hirnfunktionsschwäche mit ausgeprägtem Schwerpunkt
bifrontal fest (vgl. Bericht vom 12. Januar 1988 [Bg-act. 1/50 f.]). In der
Folge wurde sie in der Waldorfschule beschult (vgl. Arztbericht von Dr.
med. F._ vom 1. Mai 1989 [Bg-act. 1/57] und von Dr. med. C._
vom 7. Februar 1994 [Bg-act. 1/91]), wo sie aufgrund ihrer Auffälligkeiten
eine gezielte Stütztherapie erfuhr (vgl. Arztbericht von Dr. med. C._
vom 17. Juni 1991 [Bg-act. 1/77]). Überdies wurde ihre
Sonderschulbedürftigkeit anerkannt (vgl. Mitteilung der IV-Stelle vom 24.
Januar 1994 [Bg-act. 1/88] und Entscheid des Departements für Erziehung
und Kultur des Kantons Thurgau vom 11. Juli 1994 [Bg-act. 1/103]).
Daraufhin konnte sie die Diplommittelschule abschliessen (vgl. Arztbericht
von Dr. med. C._ vom 16. Dezember 1997 [Bg-act. 1/140]). Nach
Sprach- und Praktikumsaufenthalten in Schottland und Marseille (vgl. Bg-
act. 1/149, 1/178 und 1/194) und nach einer Absage bezüglich einer
Ausbildung zur Heimerzieherin aus POS-bedingten Gründen, begann die
Beschwerdeführerin am 14. August 2000 eine erstmalige berufliche
Ausbildung als Gastronomiefachassistentin im Hotel S._ (vgl.
Zwischenberichte der Berufsberatung vom 3. Juli 2000 [Bg-act. 1/194] und
7. November 2000 [Bg-act. 1/203 ff.]), welche sie im zweiten Anlauf im
August 2003 abschliessen konnte (vgl. Anmeldung zum Bezug von IV-
Leistungen vom 8. April 2013 [Bg-act. 3 S. 4], allgemeininternistisches und
- 32 -
neuropsychologisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 29 und S. 59]). Danach
arbeitete sie als Saisonangestellte bei vielen verschiedenen Arbeitgebern,
wobei man ihr oft zurückgemeldet habe, dass sie zu unkonzentriert und zu
langsam sei, und bezog zwischendurch auch immer wieder
Arbeitslosenentschädigungen (vgl. IK-Auszüge vom 17. April 2013 [Bg-act.
12] und 22. August 2019 [Bg-act. 58], Lebenslauf der Beschwerdeführerin
[Bg-act. 83 S. 9 bzw. beschwerdeführerische Akten [Bf-act.] 8],
psychiatrisches, neuropsychologisches, orthopädisches und
pneumologisches Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 12, S. 23, S. 37 und S. 59)].
Auch nach der Geburt ihres Sohnes hatte die Beschwerdeführerin bis auf
eine Anstellung als Zeitungsverträgerin im Umfang von bis zu 10 %
wechselnde Arbeitgeber (vgl. IK-Auszüge vom 17. April 2013 [Bg-act. 12]
und 22. August 2019 [Bg-act. 58], pneumologisches und psychiatrisches
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 23 und S. 37], Haushaltsabklärungsbericht
vom 10./17. Oktober 2013 [Bg-act. 22 S. 3], Stellungnahme des kantonalen
Sozialamts Graubünden vom 15. Mai 2019 [Bg-act. 41]). In diesem
Zusammenhang stellte Dr. phil. I._ in seinem Untersuchungsbericht
vom 22. Oktober 2018 fest, der hauptsächliche auslösende Faktor für eine
Verschlechterung der krankheitsbedingten Symptomatik seien
Stresssituationen, welche die Beschwerdeführerin überforderten. Diese
seien aufgrund ihrer Arbeitsgeschwindigkeit eher häufig. Dabei habe sie
erhebliche Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Zudem sei sie
ablenkbar, was ein stark verlangsamtes Arbeitstempo zur Folge und
gerade im Beruf das Hauptproblem dargestellt habe (vgl. Bg-act. 40 S. 2
und S. 9). Auch im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Spielgruppe trat zutage,
dass sie mit der Arbeit mit ganz kleinen Kindern überfordert und es für sie
schwierig sei, sich auf all die kleinen Kinder zu konzentrieren und körperlich
schnell auf ihr Verhalten zu reagieren. Sie habe sich bisher eigentlich bei
fast jeder Arbeitsstelle schlecht gefühlt, weil gerade im Gastgewerbe so
viele Informationen auf sie eingeprasselt seien, die sie nicht alle habe
gleichzeitig verarbeiten können. Sie habe oft erlebt, dass man sie nie
- 33 -
zweimal für eine Saison eingestellt oder dass man ihr schon vorher
gekündigt habe (vgl. Nachricht der Beraterin Fachstelle für
Arbeitsintegration vom 5. Oktober 2018 [Bg-act. 56 S. 6]; vgl. ferner
Evaluationsgespräch Eingliederung vom 3. September 2019 [Bg-act. 61 S.
2 ff.] und Mitteilung vom 11. November 2019 zum Abschluss der
Arbeitsvermittlung [Bg-act. 64 S. 1]). Dass der psychiatrische Teilgutachter
Dr. med. Q._ vor dem Hintergrund dieser Ausbildungs- und
Erwerbsbiografie sowie der verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit
befand, bei der Beschwerdeführerin träten bei als zu hoch oder
überfordernd erlebten Anforderungen innerpsychische Widerstände auf,
die zu einer Verminderung der Belastbarkeit führten, erscheint somit
nachvollziehbar.
5.10. Insofern findet der Vorwurf des RAD-Arztes P._, wonach die
gutachterliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auf Spekulationen und die
Feststellung von Limiten auf nicht medizinisch ausgewiesenen Krankheiten
beruhen würden, keine Stütze in den Akten. Auch kann ihm nicht gefolgt
werden, soweit er gestützt auf die gutachterlicherseits durchgeführten
Beschwerdevalidierungstests ausführte, es liege eine Selbstlimitierung,
möglicherweise gar Simulation oder Aggravation vor (vgl. Bg-act. 86 S. 15).
Zwar besteht gemäss BGE 141 V 281 E.2.2.1 regelmässig keine
versicherte Gesundheitsschädigung, soweit die Leistungseinschränkung
auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung beruht. Um von
vornherein eine Grundlage für eine Invalidenrente zu verneinen, muss aber
im Einzelfall Klarheit darüber bestehen, dass solche Ausschlussgründe die
Annahme einer Gesundheitsbeeinträchtigung verbieten (vgl. BGE 143 V
418 E.8.2; Art. 7 Abs. 2 erster Satz ATSG). Zudem bedarf es einer
sorgfältigen Prüfung auf möglichst breiter Beobachtungsbasis auch in
zeitlicher Hinsicht (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_658/2018 vom 11.
Januar 2019 E.4.1, 9C_602/2016 vom 14. Dezember 2016 E.5.2.2.1 und
9C_899/2014 vom 29. Juni 2015 E.4.2.2, in: SVR 2015 IV Nr. 38 S. 121),
- 34 -
wobei sich grundsätzlich (zuerst) der psychiatrische Facharzt zum
Vorliegen von Aggravation oder Simulation zu äussern hat (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_520/2019 vom 22. Oktober 2019 E.6.1 f., 9C_658/2018
vom 11. Januar 2019 E.4.1.2; vgl. auch Urteile des Bundesgerichts
8C_95/2019 vom 3. Juni 2019 E.6.1.1, 9C_294/2018 vom 28. November
2018 E.3.2.3.2, 8C_728/2017 vom 31. August 2018 E.3.2.2 und
9C_602/2016 vom 14. Dezember 2016 E.5.2.2.2). Soweit die betreffenden
Anzeichen neben einer ausgewiesenen verselbstständigten
Gesundheitsschädigung (vgl. BGE 127 V 294 E.5a) auftreten, sind deren
Auswirkungen derweil im Umfang der Aggravation zu bereinigen (vgl. BGE
141 V 281 E.2.2.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_536/2019 vom 26.
September 2019 E.4.2).
5.11. Vorliegend wies zwar die neuropsychologische Teilgutachterin, dipl. psych.
T._, gestützt auf die durchgeführten formalisierten
Beschwerdevalidierungstests aus, die von der Beschwerdeführerin
erzielten Werte lägen teilweise im unauffälligen Bereich, in mehreren
Parametern jedoch unter dem Cut-off-Niveau für eine ausreichende
Anstrengungsbereitschaft. In der Gesamtbeurteilung unter Einbezug der
Ergebnisse der Beschwerdevalidierung und des Testprofils bestünden
daher erhebliche Zweifel an einer durchgängig ausreichenden Mitwirkung
der Beschwerdeführerin in der Untersuchung. Aufgrund der schwankenden
und teilweise verminderten Mitarbeit könne kein gültiges Testprofil erhalten
werden. Eine Intelligenzminderung sei ausgeschlossen. Im Bereich
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen sowie im verbalen
Gedächtnis lägen teilweise weit unterdurchschnittliche bis
unterdurchschnittliche Leistungen vor, welche jedoch aufgrund des
schwankenden Leistungsverhaltens nur eingeschränkt interpretiert werden
könnten. Im Bereich der visuokonstruktiven Leistungen, im verbalen
Abstraktionsvermögen, im logischen Schlussfolgern und im visuellen
Gedächtnis lägen keine Leistungseinschränkungen vor. Insgesamt befand
- 35 -
dipl. psych. T._ aber, es sei von einer Aufmerksamkeitsstörung im
Sinne einer ADHS mit Beginn in der Kindheit auszugehen. Diese Diagnose
könne anhand der Voruntersuchungen, der Verhaltensbeobachtung und
der Fragebogenauswertung gestellt werden. Des Weiteren führte sie aus,
aufgrund der Testergebnisse könnten die aktuellen kognitiven
Leistungseinbussen nicht genau quantifiziert werden. Dabei könne aber
nicht geschlossen werden, dass keine kognitiven Einbussen oder keine
psychischen Beeinträchtigungen vorlägen. Kognitive
Teilleistungsstörungen mit Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und
Konzentration, des Arbeitstempos und der Merkfähigkeit seien seit der
Kindheit durch mehrere Untersuchungen dokumentiert. Auch die
Schwierigkeiten in der Schule mit Beschulung in der Rudolf-Steiner-Schule,
in der Lehre (Nichtbestehen der praktischen Lehrabschlussprüfung) und im
beruflichen Kontext (keine Festanstellung, mehrfache Kündigungen)
wiesen auf eine verminderte kognitive Leistungsfähigkeit hin (vgl. Bg-act.
78 S. 62 f.).
5.12. Diese Ergebnisse wurden sodann – wie rechtsprechungsgemäss gefordert
(vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_605/2019 vom 12. November 2019
E.3.2.2 und 8C_95/2019 vom 3. Juni 2019 E.6.1) – von Seiten des
psychiatrischen Teilgutachters mit Blick auf plausible Alternativerklärungen
im Sinne psychiatrischer oder Entwicklungsstörungen in seiner Beurteilung
gewürdigt (vgl. Bg-act. 78 S. 39 und S. 42). Dr. med. Q._ hielt dabei
fest, in Übereinstimmung mit der neuropsychologischen Einschätzung sei
davon auszugehen, dass bei der Beschwerdeführerin keine
Intelligenzminderung, jedoch seit Kindheit Teilleistungsstörungen im
Bereich der Konzentration, der auditiven Merkfähigkeit und des
Arbeitstempos vorlägen, was durch die aktuelle Untersuchung gestützt
werde. Bei der Beschwerdeführerin bestehe, auch im Zusammenhang mit
den beschriebenen Einschränkungen, eine unausgereifte, schwach
ausgeprägte Persönlichkeit, die nur im Rahmen klarer, fördernder und
- 36 -
stützender bzw. haltgebender Strukturen mit Blick auf Arbeitsleistungen gut
"funktionieren" könne. Bei als zu hoch oder überfordernd erlebten
Anforderungen könnten innerpsychische Widerstände auftreten, die teils
unbewusst, teils eventuell auch bewusst, zu einer unbewussten
Verminderung der Belastbarkeit führten. In diesem Kontext seien auch die
beschriebenen Inkonsistenzen im Rahmen der neuropsychologischen
Untersuchung einzuordnen (vgl. Bg-act. 78 S. 40 f.). Zudem befand Dr.
med. Q._, die von der Beschwerdeführerin beschriebenen und
dargestellten Beschwerden seien durchgehend im Rahmen der
psychiatrischen Untersuchung konsistent und plausibel gewesen (vgl. Bg-
act. 78 S. 42). Gleichermassen hielten die medexperts-Gutachter in der
Konsensbeurteilung fest, in der neuropsychologischen Untersuchung habe
aufgrund einer schwankenden Leistungsbereitschaft kein valides
Testergebnis erhoben werden können. Dieser Umstand werde aus
psychiatrischer Sicht in einem direkten Zusammenhang mit der gestellten
Diagnose und der zusätzlich vorhandenen, unreifen und schwach
ausgeprägten Persönlichkeit gesehen. Im Rahmen einer subjektiven
Überforderung komme es zu einer kombinierten unbewussten und auch
teilweise bewussten Widerstandshaltung, was die in der
neuropsychologischen Untersuchung festgestellte fehlende durchgängige
Leistungsbereitschaft erkläre. Ansonsten hätten sich in sämtlichen
Fachgebieten keine Inkonsistenzen mit Blick auf die Aktenlage, die aktuelle
Begutachtung, die erhobenen Befunde und die gestellten Diagnosen
gezeigt (vgl. Bg-act. 78 S. 5 und S. 7).
5.13. In Berücksichtigung der vorgenannten bundesgerichtlichen Praxis kann
vorliegend somit auf keinen Ausschlussgrund erkannt werden, da die
medexperts-Gutachter trotz der aufgrund der schwankenden
Leistungsbereitschaft hervorgerufenen erheblichen Zweifel an einer
durchgängig ausreichenden Mitwirkung die Inkonsistenzen letztlich nicht
klar als Aggravation oder Simulation einordneten. Vielmehr schrieben sie
- 37 -
diese den gestellten psychiatrischen Diagnosen, d.h. einem
krankheitswertigen Ursprung, und der zusätzlich vorhandenen unreifen und
schwach ausgeprägten Persönlichkeit zu (vgl. Bg-act. 78 S. 7), was – wie
bereits dargelegt – schlüssig erscheint. Damit besteht aber nicht Klarheit
darüber, dass nach plausibler ärztlicher Beurteilung die Anhaltspunkte auf
eine klar als solche ausgewiesene Aggravation bzw. Simulation eindeutig
überwiegen, ohne dass das entsprechende Verhalten auf eine
verselbständigte, krankheitswertige psychische Störung zurückzuführen
wäre. Die gegenteilige Auffassung des RAD-Arztes P._, welcher nicht
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist und seine
Schlussfolgerung im Gegensatz zu den medexperts-Gutachter auch nicht
auf eine zeitlich breite Beobachtungsbasis abstützt, vermag daran nichts
zu ändern. Vielmehr bestätigte die medexperts-Begutachtungsstelle auf
ausdrückliche Nachfrage der Beschwerdegegnerin hin, dass bei der
Beschwerdeführerin "mit Sicherheit" eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
vorliege (vgl. Nachricht vom 6. April 2020 [Bg-act. 76 S. 1]). Schliesslich
stellte auch Dr. phil. I._ in seinem Untersuchungsbericht vom 22.
Oktober 2018 fest, dass bei der Beschwerdeführerin u.a. Schwierigkeiten
hinsichtlich Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis sowie Abweichungen
bezüglich Arbeitstempo bestünden, wobei die Untersuchung der
Daueraufmerksamkeit erhebliche Schwierigkeiten mit Blick auf die
Aufmerksamkeit und Arbeitskonstanz ergeben habe (vgl. Bg-act. 40 S. 3).
Insoweit ist nicht weiter verwunderlich, wenn im Rahmen der
neuropsychologischen Untersuchung infolge der Leistungsschwankungen
erhebliche Zweifel an einer durchgängig ausreichenden Mitwirkung
aufkamen, welche sich indes als Ausdruck der krankheitswertigen
Aufmerksamkeitsstörung hinreichend zerstreuen lassen.
5.14. Schliesslich fand im medexperts-Gutachten vom 7. Mai 2020 entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin eine Diskussion von
Belastungsfaktoren und Ressourcen statt (vgl. Konsensbeurteilung der
- 38 -
medexperts-Gutachter [Bg-act. 78 S. 7], orthopädisches,
pneumologisches, allgemeininternistisches und psychiatrisches
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 20, S. 25, S. 33 und S. 42]). Dabei kamen die
mitbeteiligten Experten überein, im Vordergrund stünden eindeutig die
Belastungsfaktoren. Aufgrund der Ausprägung der Diagnosen mit den
entsprechenden Einschränkungen könne bedauerlicherweise keine
verwertbare Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt festgestellt
werden. Die Ressourcen lägen in der Ausübung einer angepassten
Tätigkeit im zweiten Arbeitsmarkt, wobei allerdings von einer reduzierten
Belastungsfähigkeit ausgegangen werden müsse (vgl. Bg-act. 78 S. 7).
Zwar trifft es zu, dass die Beschwerdeführerin vom 4. Februar 2017 bis zum
17. Februar 2018 eine Ausbildung zur Spielgruppenleiterin absolviert hat
(vgl. Zertifikat Basis Spielgruppenleiterin vom 17. Februar 2018 [Bf-act. 5],
Anmeldung zum Bezug von IV-Leistungen vom 21. Mai 2019 [Bg-act. 37 S.
5], Verlaufsprotokoll Eingliederung vom 4. November 2019 [Bg-act. 63 S.
1]). Wie die von ihr beigebrachten Unterlagen belegen, handelte es sich
dabei aber lediglich um eine Grundausbildung, welche neben einem
Einführungsanlass aus 13, über das ganze Jahr verteilte Bildungstagen,
einem Selbststudium und drei Praxisbesuchen bestand, wobei keine
Abschlussprüfung abgelegt werden musste (vgl. Bf-act. 5 und 6 sowie Bg-
act. 83 S. 7 f.). Hinzu kommt, dass sie ihre erworbenen Kenntnisse als
Spielgruppenleiterin krankheitsbedingt nicht längerfristig einsetzen konnte
(vgl. Nachricht der Beraterin Fachstelle für Arbeitsintegration vom 5.
Oktober 2018 [Bg-act. 56 S. 6] und Stellungnahme des kantonalen
Sozialamts Graubünden vom 15. Mai 2019 [Bg-act. 41]). Aufgrund der im
psychiatrischen Teilgutachten festgestellten erheblichen bis voll
ausgeprägten Beeinträchtigungen im Bereich Planung und Strukturierung
von Aufgaben, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit sowie Widerstands-
und Durchhaltefähigkeit und der mässiggradigen Beeinträchtigungen im
Bereich Selbstbehauptungsfähigkeit (vgl. Bg-act. 78 S. 42), ist nicht zu
- 39 -
beanstanden, wenn die medexperts-Gutachter insgesamt die
Belastungsfaktoren als im Vordergrund stehend erachteten.
5.15. In Würdigung der gesamten Umstände ergibt sich somit, dass die Kritik der
Beschwerdegegnerin und des RAD-Arztes P._ in seiner
Abschlussbeurteilung vom 11. Mai 2020 am medexperts-Gutachten nicht
geeignet ist, dessen Beweiswert zu schmälern. Dies trifft auch mit Blick auf
die somatischen Beschwerden der Beschwerdeführerin zu, zumal sich der
orthopädische Teilgutachter in einer ausführlichen Befunderhebung
gründlich mit ihren gesundheitlichen Einschränkungen auseinandergesetzt
und seine versicherungsmedizinische Beurteilung gestützt auf die
Aktenlage, die klinische Untersuchung und die bildgebenden Befunde
nachvollziehbar begründet hat (vgl. Bg-act. 78 S. 14 ff.). Insofern besteht
kein Raum für eine losgelöste juristische Parallelüberprüfung (vgl. BGE 145
V 361 E.4.3, 143 V 409 E.4.5.3). Mithin ist auf die im medexperts-
Gutachten attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt
für den hier massgeblichen Zeitraum ab November 2019 abzustellen.
6.1. Schliesslich ist auf die Gewichtung des Erwerbbereichs im Gesundheitsfall
näher einzugehen. Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt,
sie würde aktuell bei guter Gesundheit aufgrund der finanziellen
Notwendigkeit als alleinerziehende Mutter einer Erwerbstätigkeit im
Umfang von 80 % nachgehen, da die Betreuung für ihren Sohn durch die
Schule und den Mittagstisch sichergestellt wäre. Die Beschwerdegegnerin
hat sich dazu nicht vernehmen lassen.
6.2. Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung ergibt sich die
Antwort auf die Frage, ob und gegebenenfalls in welchem zeitlichen
Umfang eine versicherte Person ohne gesundheitliche Beeinträchtigung
erwerbstätig wäre, aus der hypothetischen Prüfung, was sie bei im Übrigen
unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche
- 40 -
Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist somit nicht, welches
Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im Gesundheitsfall
zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie hypothetisch
(unter Berücksichtigung der gesamten persönlichen, familiären, beruflichen
und sozialen Situation) erwerbstätig wäre (vgl. zum Ganzen: BGE 144 I 28
E.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_161/2019 vom 28. Juni 2019 E.5.2
und 5.4.3). Insbesondere bei im Haushalt tätigen Versicherten sind die
persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse sowie
allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das
Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die
persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen.
Massgebend sind die Verhältnisse wie sie sich bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung entwickelt haben, und die hypothetische
Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-)Erwerbstätigkeit hat
überwiegend wahrscheinlich zu sein. Die zwangsläufig hypothetischen
Beurteilungen (des Geschehensablaufes), die auch hypothetische
Willensentscheidungen der versicherten Person berücksichtigen, sind
wesensgemäss keiner direkten Beweisführung zugänglich und müssen in
der Regel aus äusseren Indizien sowie allenfalls Schlussfolgerung auf
Basis der allgemeinen Lebenserfahrung abgeleitet werden. Dabei ist auch
auf die Beweisregel hinzuweisen, wonach Aussagen der ersten Stunde in
der Regel beweistauglicher sind als spätere Aussagen, die von
nachträglichen Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art
beeinflusst sein können (vgl. BGE 144 I 28 E.2.3 f., 141 V 15 E.3.1 f. und
137 V 334 E.3.2; Urteile des Bundesgerichts 9C_161/2019 vom 28. Juni
2019 E.5.2 f. und 5.4.3, 8C_145/2018 vom 8. August 2018 E.5.1,
9C_671/2017 vom 12. Juli 2018 E.3.3.1 und 9C_92/2018 vom 12. April
2018 E.2.1 mit Hinweis auf BGE 133 V 504 E.3.3). Mithin sind für die
Beantwortung der Statusfrage im Gesundheitsfall bzw. der Gewichtung der
Anteile verschiedene Aspekte zu berücksichtigten, wozu neben dem
Vorgenannten und der finanziellen Notwendigkeit namentlich auch die
- 41 -
Erwerbskarriere zu zählen ist. Die in jedem Fall hypothetische Frage nach
dem (Erwerbs-)Status einer versicherten Person – unter Berücksichtigung
der sich bis zum Verfügungserlass verwirklichten Gegebenheiten – ist also
aufgrund einer umfassenden Betrachtungsweise zu beurteilen (vgl. Urteile
des Verwaltungsgericht S 19 149 vom 21. September 2020 E.3.1, S 19 105
vom 6. August 2020 E.4.1 und S 19 63 vom 7. Juli 2020 E.3.4).
6.3. Im vorliegenden Fall ist die Frage nach der hypothetischen Erwerbstätigkeit
im Gesundheitsfall schwierig zu beantworten, da die Beschwerdeführerin
seit ihrer Kindheit an einem POS mit kognitiven sowie leichten zerebralen
Bewegungsstörungen leidet und nie ohne gesundheitliche
Einschränkungen im Erwerbsleben tätig war. Im Allgemeinen spricht aber
die Indizienlage dafür, von einer – wie von ihr geltend gemacht – 80%igen
Erwerbstätigkeit im hypothetischen Gesundheitsfall auszugehen: Die
Beschwerdeführerin hat sowohl anlässlich der Abklärung vor Ort am
9. Oktober 2013 als auch auf dem gleichentags ausgefüllten Formular
"Bestätigung der Erwerbstätigkeit bei Gesundheit" angegeben, dass sie im
Gesundheitsfall zu 80 % erwerbstätig wäre (vgl. Bg-act. 21 und 22 S. 8).
Dass diese Aussagen von nachträglichen Überlegungen
versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein könnten, ist nicht
ersichtlich. Die Beschwerdegegnerin folgte dieser Angabe im Jahr 2013
indes nicht, weil bei einem solchen hohen Pensum die Obhut des damals
etwas über 4 1⁄2-jährigen Sohnes, welcher seit August 2013 jeweils
vormittags den Montesori-Kindergarten besucht hatte, nicht gewährleistet
gewesen wäre. Vielmehr nahm sie für den Gesundheitsfall eine 40%ige
ausserhäusliche Tätigkeit an (vgl. Haushaltsabklärungsbericht vom 10./17.
Oktober 2013 [Bg-act. 22 S. 8 f.]). Die Umstände, dass die
Beschwerdeführerin in der Vergangenheit sehr viele Arbeitsgeberwechsel
zu gewärtigen hatte und somit wohl nie längerfristig vollschichtig
erwerbstätig war (vgl. dazu vorstehende Erwägung 5.9), sind insoweit zu
relativieren, als dass die medexperts-Gutachter kognitive
- 42 -
Teilleistungsstörungen mit Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und
Konzentration, des Arbeitstempos und der Merkfähigkeit seit der Kindheit
feststellten, welche die Beschwerdeführerin ab der Schulzeit und
insbesondere auch im Erwerbsleben in ihrer Leistungsfähigkeit
beeinträchtigten (vgl. dazu vorstehende Erwägung 5.9). Insofern lässt die
bisherige Erwerbsbiographie keine verwertbaren Rückschlüsse auf das
Erwerbspensum im hypothetischen Gesundheitsfalle zu. Bezüglich der
finanziellen Notwendigkeit ist aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin
bereits seit vielen Jahren Sozialhilfeempfängerin ist (vgl. Stellungnahme
des kantonalen Sozialamts Graubünden vom 15. Mai 2019 [Bg-act. 41],
Evaluationsgespräch Eingliederung vom 3. September 2019 [Bg-act. 61 S.
4], Bestätigung wirtschaftliche Sozialhilfe der sozialen Dienste vom 10. Juni
2020 [Bf-act. 18], Nachricht der Sozialen Dienste vom 18. Oktober 2013
[Bg-act. 23] und undatierte Stellungnahme von Dr. med. M._ [Bg-act.
16 S. 5]). Auch aus dem Abklärungsbericht Haushalt vom 10./17. Oktober
2013 geht hervor, dass sie als alleinerziehende Mutter vom Vater des
gemeinsamen Kindes keine Hilfe erwarten könne und sie neben
öffentlichen Unterstützungsleistungen eine Alimentenbevorschussung
bezieht (vgl. Bg-act. 22 S. 2; vgl. ferner das von den sozialen Diensten am
18. Oktober 2013 erstellte Budget [Bg-act. 24] und pneumologisches
Teilgutachten [Bg-act. 78 S. 23]). Dabei ist nicht davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin in vollem Besitz ihrer gesundheitlichen
Leistungsfähigkeit weiterhin von öffentlichen Unterstützungsgeldern leben
würde, wenn es ihr möglich wäre, im Gesundheitsfall mehr zu verdienen.
So gab sie denn auch auf dem anlässlich der Haushaltsabklärung am
9. Oktober 2013 ausgefüllten Formular "Bestätigung der Erwerbstätigkeit
bei Gesundheit" an, sie würde ohne gesundheitliche Einschränkung zu
80 % erwerbstätig sein, um selbstständig "überleben" zu können (vgl. Bg-
act. 21; vgl. ferner Haushaltsabklärungsbericht vom 10./17. Oktober 2013
[Bg-act. 22 S. 2]). Hinzu kommt, dass sich die Kinderbetreuungssituation
seit der Abklärung vor Ort am 9. Oktober 2013 verändert hat. War der Sohn
- 43 -
der Beschwerdeführerin seinerzeit erst etwas über 4 1⁄2 Jahre alt und
besuchte er damals jeweils am Vormittag den Kindergarten Montesori (vgl.
Haushaltsabklärungsbericht vom 10./17. Oktober 2013 [Bg-act. 22 S. 8]),
war er im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung am 22. Juli
2020 mit fast 11 1⁄2 Jahren im schulpflichtigen Alter. Zwar belegt die
Beschwerdeführerin ihre in der Beschwerde vertretene Ansicht, ihr Sohn
könnte in ihrem hypothetischen Gesundheitsfall über den Mittag den
Mittagstisch besuchen, nicht weiter. Indes erscheint eine solche
Betreuungsform nicht abwegig, wurde ihr Sohn doch bereits in der
Vergangenheit durch eine Tagesmutter bzw. in der Kita fremdbetreut (vgl.
Haushaltsabklärungsbericht vom 10./17. Oktober 2013 [Bg-act. 22 S. 3]).
Insbesondere hat aber der Sohn der Beschwerdeführerin durch sein Alter
massgeblich an Selbstständigkeit gewonnen und verfügt mit der
ganztägigen Schule über eine feste Tagesstruktur, bei welcher auch seine
Betreuung sichergestellt ist. Insofern erscheint die Ausübung einer
80%igen Erwerbstätigkeit im hypothetischen Gesundheitsfall als plausibel
und stellt auch in Anbetracht der anlässlich des am 9. Oktober 2013 noch
angenommenen Arbeitspensums von 40 % bei guter Gesundheit eine
nachvollziehbare Pensumssteigerung dar. Es gibt keine Hinweise, welche
die bereits anlässlich der Haushaltsabklärung am 9. Oktober 2013
gemachten Aussagen der ersten Stunde einer 80%igen Erwerbstätigkeit im
hypothetischen Gesundheitsfall, welche rechtsprechungsgemäss
glaubwürdiger und beweistauglicher sind als allfällige gegenteilige spätere
Angaben (vgl. BGE 144 I 28 E.2.4 mit Hinweisen), zu entkräften
vermöchten. Vielmehr bestätigte die Beschwerdeführerin diese Aussage
anlässlich des Evaluationsgesprächs Eingliederung vom 3. September
2019 (vgl. Bg-act. 61 S. 5).
6.4. In Würdigung der gesamten Sachlage erscheint es somit überwiegend
wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall einer
- 44 -
teilzeitlichen Erwerbstätigkeit im Umfang von 80 % nachgehen würde und
daneben zu 20 % im anerkannten Aufgabenbereich tätig wäre.
7. Damit besteht im Ergebnis bereits aufgrund der 100%igen
Arbeitsunfähigkeit im zu 80 % gewichteten Erwerbsbereich ein Anspruch
auf eine ganze Invalidenrente ab dem 1. November 2019.
8. Die Beschwerde erweist sich somit als begründet und ist in Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 22. Juli 2020 gutzuheissen. Der
Beschwerdeführerin steht für den Zeitraum ab dem 1. November 2019 eine
ganze Invalidenrente zu.
9.1. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren – in
Abweichung von Art. 61 lit. a ATSG – bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem
kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1ꞌ000.-- festgelegt. Infolge des Ausgangs des
Beschwerdeverfahrens, sind die Gerichtskosten von Fr. 700.-- demnach
der Beschwerdegegnerin zu überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
9.2. Die Beschwerdeführerin hat gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten zu Lasten der unterliegenden
Beschwerdegegnerin. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte
am 23. September 2020 eine Honorarnote über Fr. 4'036.10
(15.16 Stunden à Fr. 240.-- zzgl. 3 % Kleinspesenpauschale und 7.7 %
MWST) ein. Der geltend gemachte Vertretungsaufwand erweist sich
vorliegend als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat die
Beschwerdeführerin somit mit insgesamt Fr. 4'036.10 aussergerichtlich zu
entschädigen.
- 45 -
9.3. Bei diesem Verfahrensausgang wird das Gesuch der Beschwerdeführerin
um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung gegenstandslos.