# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9a3c1254-c514-4354-97a3-feec6eec2999
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2022
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
Der 2005 geborene
X._
wurde a
m 6. Januar 2021 von seinen Eltern unter Hinweis auf eine seit 2018
bestehende
schwere Zwangsstörung, star
kes Untergewicht und Mangelernährung (Ess- und Trinkverweigerung) bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug (medizinische Massnahmen) angemeldet (Urk. 8/7).
D
ie
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich,
IV-Stelle
, nahm
medizinische Abklärungen vor
und stellte den Eltern des Versicherten am 2. Juni 2021 die Abweisung der Kostengutsprache für ambulante Psychotherapie und stationäre Behandlung in Aussicht (Urk. 8/26)
, wogegen letztere
am 24. Juni 2021 Einwand (Urk. 8/30)
erhoben
. Mit Verfügung vom 14. Juli 2021 (Urk. 2) wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren
des Versicherten
ab.
2.
Dagegen erhob der
Versicherte, gesetz
lich vertreten durch seine Eltern, am 3. September 2021
unter Auflage
der Berichte
der
Psychiatriek
linik
A._ (A._)
vom
1.
und 17. Juni
2021 (Urk. 3/
3, Urk. 3/8
)
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, es sei die Verfügung vom 14. Juli 2021 aufzuheben und es sei
e
n ihm die beantragten Lei
stungen zuzusprechen. Eventuell
sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, weitere Abklärungen zwecks Prüfung der Leistungspflicht vorzunehmen (S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 14.
Oktober 2021 (Urk. 6)
reichte die Beschwerdegegnerin die Stellungnahme ihres Regiona
len Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 13. Oktober 2021 (Urk. 7) ein und
schloss auf Abweisung der Beschwerde. Am 22. Dezember 2021
liess
der
Versicherte
unter Auflage des Berichts der
Klinik
A._
vom 29. November 2021 (Urk. 14
)
Replik (Urk. 13)
erstatten
, worauf die Beschwerdegegnerin am 1. Februar 2022
ihre Duplik einreichte
(Urk. 16)
, was dem
Versicherten
am 3. Februar 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 17).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten
Bestimmungen
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung
haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sach
verhalt abstellt (BGE 144 V 210
E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. De
zember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Versicherte haben gemäss
Art. 12
IVG bis zum vollendeten 20. Altersjahr An
spruch auf medizinische Mass
nahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe
reich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu ver
bessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (
Abs.
1).
1.3
Bei nichterwerbstätigen Minderjährigen bestimmt sich die Invalidität nach Art. 8 Abs. 2 ATSG, gemäss welcher Regelung dieselben als invalid gelten, wenn die Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit vor
aussichtlich eine ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben wird. Daraus ergeben sich spezifische Anspruchsvoraussetzungen für medizinische Vorkehren bei Jugendlichen (AHI 2003 S. 103; Urteil des Bundesgerichts 8C_648/2010 vom 12. Januar 2011 E. 2.1 mit Hinweis).
Die Rechtsprechung zu den medizinischen Massnahmen stützt sich auf Art. 12 IVG, wonach nur solche Vorkehren von der Invalidenversicherung zu überneh
men sind, die «nicht auf die Behandlung des Leidens an sich», also nicht auf die Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens gerichtet sind. Bei nichterwerbstätigen Minderjährigen können medizinische Vorkehren schon dann von der Invalidenversicherung übernommen werden, wenn ohne Behand
lung das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigier
baren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden stabilen patho
logi
schen Zustand führen würde (BGE 131 V 9 E.
4.2 mit Hin
-
weisen). Dabei muss prognostisch erstellt sein, dass ohne die vorbeugende Behand
lung in naher Zu
kunft eine bleibende Beeinträchtigung eintreten würde. Gleich
zeitig muss ein ebenso stabiler Zustand herbeigeführt werden können, in welchem vergleichs
weise erheblich verbesserte Voraussetzungen für die spätere Ausbil
dung und Er
werbsfähigkeit bestehen (Urteil des Bundesgericht
s 8C_648/
2010 vom 12. Januar 20
11 E. 2.2 mit Hinweis auf BGE 131 V 9 E. 4.2).
1.4
Rechtsprechungsgemäss
kommen medizinische Massnahmen der Invalidenversi
cherung
auch bei Versicherten unter 20
Jahren nicht in Betracht, wenn sich solche
Vorkehren gegen psychische Krankheiten richten, die nach der herrschen
den Auffassung der Psychiatrie ohne kontinuierliche Behandlung nicht dauerhaft gebessert werden können. Die Übernahme von Psychotherapie als medizinische Massnahme bei Versichert
en unter 20
Jahren fällt aber nicht schon deshalb aus
ser Betracht, weil es um eine über längere Zeit hinweg dauernde Behandlung geht. Bezüglich der Anspruchsvoraussetzungen von
Art. 12
IVG bei nichter
werbs
tätigen minderjährigen Versicherten ist nicht entscheidend, ob eine Sofort
massnahme oder zeitlich ausgedehntere (aber nicht unbegrenzte) Vorkehr ange
ordnet wird. Die Massnahmen zur Verhütung einer Defektheilung oder eines
sonstwie
stabilisierten Zustandes bei einem Kind können sehr wohl eine gewisse Zeit andauern. Damit die Invalidenversicherung dafür aufzukommen hat, dürfen sie jedoch nicht Dauercharakter haben, das heisst zeitlich unbegrenzt erforderlich sein, wie dies beispielsweise beim Diabetes oder bei Schizophrenien und manisch-depressiven Psychosen zutrifft. In solchen Fällen dient die medizinische Mass
nahme regelmässig nicht der Verhinderung eines stabilen Defektzustandes, der sich in naher Zukunft einstellen würde. Gegenteilig verhält es sich, wenn gemäss spezialärztlicher Feststellung von einer weiteren Behandlung erwartet werden darf, dass der drohende Defekt mit seinen negativen Auswirkungen auf die Berufsbildung und Erwerbsfähigkeit ganz oder in wesentlichem Ausmass verhin
dert werde, im Einzelfall also mit hinlänglicher Zuverlässigkeit eine günstige Prognose gestellt werden kann (
Urteil des Bundesgerichts 8C_805/2009 vom 26. April 2010 E. 3.2
mit Hinweisen
).
1.5
Gemäss
Rz
645-647/845-847.5
des Kreisschreibens über die medizinischen Ein
gliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung
(
KSME
)
in der seit Juli 2020 gültigen Fassung
sind
die Voraussetzungen zur Kostenübernahme gegeben, wenn nach intensiver fachgerechter Behandlung von einem Jahr Dauer keine genü
gende Besserung erzielt wurde und gemäss spezialärztlicher Feststellung bei einer weiteren Behandlung erwartet werden kann, dass der drohende Defekt mit seinen negativen Wirkungen auf die Berufsausbildung und Erwerbsfähigkeit zu einem grossen Teil verhindert wird. Vor Erteilung der Kostengutsprache zur psychothe
rapeutischen Behandlung wird vom behandelnden Leistungserbringer zwecks Beurteilung der Indikation und der Angemessenheit ein Bericht eingeholt. Dieser enthält Angaben zur Diagnose, zu den Befunden mit Auswirkung auf Arbeit oder Schule, zum bisherigen Verlauf, zur vorgesehenen Behandlungsmethode, zum Ziel und Zweck sowie zur geplanten Dauer der Behandlung (Anzahl Sitzungen). Die medizinische Nachvollziehbarkeit und Relevanz dieser Angaben ist sorgfältig zu überprüfen. Die IV-Stelle verfügt danach, ob die Kostenübernahme ab dem
2.
Behandlungsjahr erfolgen soll oder nicht. Die Psychotherapie
ist dabei jeweils für
maximal zwei
Jahre zu verfügen
(bestätigt in: Urteil des Bundesgerichts 9
C_354/2016 vom 18. Juli 2016 E.
4.1 und 4.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
führte in der
leistungsabweisende
n
Verfügung (Urk. 2)
aus
,
dass beim
Versicherten
eine Zwangsstörung in zwei Richtungen beobachtbar sei: einerseits verweigere er die Körper- und Zahnpflege, andererseits habe er
beim Berühren von Gegenständen Angst vor einer Kontaminierung
. Die Inte
grierte
Psychiatrie
B._
beschreibe die Diagnosen
gleichbleibend. Aufgrund der schweren Zwangserkrankung sei es für
ihn
nicht möglich, einen geregelten Alltag zu erleben
,
und es sei unklar, ob Faktoren bestünden, welche die Krankheit aufrechterhielten. Beim
Versicherten
liege gemäss den ärztlichen Unterlagen eine Essstörung im Sinne einer Anorexie vor.
Gemäss dem
KSME
schliesse das
Vorliegen von Krankheiten, welche nach heutiger Kenntnis der Medizin ohne dauernde Behandlung nicht gebessert
werden könnten, Leistungen der Invalidenversicherung aus. Dies gelte insbesondere für Leiden, die einer Thera
pie zumindest über längere Zeit hinweg bedürfen, ohne dass
s
ich eine zuverlässige Prognose erstellen l
asse
(beispielweise hyperkinetische Störungen, Anorexien). Entsprechend werde die Kostenübernahme für die ambulante Psy
chotherapie und stationäre Behandlung vom 23. Oktober 2020 bis 1. Februar 2021 in der
Psychiatrie B._
«
abgewiesen
»
(S. 2). In der Beschwerdeantwort (Urk. 6) präzisierte die Beschwerdegegnerin
unter Hinweis auf die RAD-Stellungnahme vom 13. Ok
tober 2021 (Urk. 7)
, dass es sich bei den in Frage stehenden durchgeführten ambulanten und stationären Massnahmen um Behandlungen des Leidens an sich handle, weshalb die entsprechenden Kosten nicht von der Invalidenversicherung zu tragen seien (S. 2).
2.2
D
emgegenüber
liess
der
Versicherte
geltend
machen
(Urk. 1), es sei aufgrund seiner Zwangsstörung seit Juli 2019 zu diversen Therapien respektive stationären Aufenthalten gekommen und er sei medikamentös mit Sertralin eingestellt worden. Damit habe die Funktionsfähigkeit im Alltag in vielen Bereich
en
wieder
-
her
gestellt werden können, wobei eine solche auch eine Voraussetzung dafür sei, dass eine Eingliederung ins Erwerbsleben stattfinden könne (S. 5 f. Ziff. 4). O
hne
adäquate
Behandlung würde
bei ihm
eine Invalidität auftreten respektive persis
tieren, wobei sein Zustand gemäss den behandelnden Ärzten verbesserungsfähig und die Prognose gut sei
en
und keine schwerwiegenden Nebenbefunde vorlägen. Bei erfolgreichem Abschluss der Therapien könne eine wesentliche und dauer
hafte Verbesserung der Erwerbsfähigkeit erzielt werden (S. 6 Ziff. 8). Im Weiteren
liess
der
Versicherte
aus
führen
, er leide an Zwangsgedanken und –
handlungen
gemischt
(ICD-10 F42.2), nicht aber an einer ausgewiesenen Anorexie (S. 6 f. Ziff. 9).
Es liege ferne keine Dauer- oder Leidensbehandlung vor. Die behandeln
den Ärzte
würden
davon aus
gehen
, dass er mit Hilfe
regelmässiger Therapie wieder in den Alltag und anschliessend in das Schul- und später Berufsleben finde, wobei er insbesondere bei seiner letzten Behandlung gu
te Fortschritte erzielt habe,
eine deutliche Abnahme der Intensität der Zwangshandlung
en
und im Stressniveau
erfolgt sei
und
er
bereits Ende Juni
2021 aus dem stationären Auf
enthalt
beziehungsweise
aktuell auch
aus der tagesklinischen Betreuung
habe entlassen werden können (S. 8 Ziff. 7 ff.).
In der Replik (Urk. 13)
liess
der
Versi
cherte
geltend
machen
, dass vorliegend zu seinem Nachteil entschieden worden sei, ohne dass sich der Entscheid auf irgendwelche ärztliche Berichte abstützen könnte. Die Berichte der behandelnden Ärzte seien durch die RAD-Ärztin nicht gewürdigt respektive vollumfänglich ignoriert worden
. Der
zu beurteilende
Fall sei ein Paradebeispiel für eine notwendige Behandlung zwecks Eingliederung
;
ohne Psychotherapie wäre eine Invalidisierung sehr gut möglich respektive sehr wahrscheinlich
(S.
5).
3.
3.1
Dr.
med.
C._
, Leitende Ärztin, und Psychologin
D._
,
K
linik
A._
, nannten am 11.
März 2021 (Urk. 8/27/3-8) als Diagnose Zwangsgedanken und –
handlun
gen
,
gemischt (ICD-10 F42.2)
, erstmals
gestellt
im Jahre 2019
(S.
1 Ziff. 1.1)
. Der
Versicherte
sei aufgrund einer schweren Zwangsstörung seit Herbst 2020 nicht mehr in der Lage gewesen, am Schulalltag teilzunehmen, da
ihn
die Zwangsge
danken und –
handlungen
in seinem Alltag dermassen beeinträchtigt
hätten
.
Durch die medizinischen Massnahmen werde die Möglichkeit einer späteren Eingliederung ins Erwerbsleben wesentlich verbessert. Der
Versicherte
benötige auf
grund der Schwere der Störung eine intensive stationäre jugendpsychiatrische inklusive medikamentöse Behandlung. Er werde längerfristig intensive psycho
therapeutische und medikamentöse Unterstützung benötigen, um wieder zurück in den Alltag zu finden und seine Funktionsfähigkeit auf psychischer, schulischer und später beruflicher wie au
ch sozialer Ebene
wieder aufzunehmen
(S. 2 Ziff. 1.2
, Ziff. 1.6
)
.
Von Juli bis Dezember 2020 habe eine ambulante Abklärung und Behandlung (Psychotherapie, medikamentöse Einstellung mit Sertralin) am Ambulatorium
E._
(zwischenzeitlich im Sommer 2020 pausiert) stattgefunden. Im Herbst 2020
sei die
erste Einweisung per Fürsorgerische Unter
bringung (FU) in die
Psychiatrie B._
erfolgt
. Nach erster Entlassung
habe
eine erneue Einweisung per FU im Dezember 2020
stattgefunden
, wobei es bis Ende Januar 2021 aufgrund massiver Trink- und Essverweigerung zu Wechseln zwischen der
Psychiatrie B._
und dem
Kantonsspital
F._
gekommen sei. Seit 1. Februar 2021
finde eine
jugendpsychiatrische Behandlung im
Zentrum für Kinderpsychiatrie G._
, statt
(S.
3 Ziff. 2.3). Aufgrund der Schwere der Zwangsstörung werde von einem
längeren stationären
Aufenthalt ausgegangen. Es zeichneten
sich
erste Fortschritte ab, wobei der
Versicherte
hausintern wieder die Schule besuchen könne und am Stationsalltag teilnehme.
E
ine grosse Herausforderung seien
weiterhin
die Zwangsgedanken und –
handlungen
, welche sich mit zuneh
menden Anforderungen ergäben. Das Ziel der stationären Behandlung sei es, den
Versicherten
für einen Alltag ausserhalb der Klinik zu befähigen, um ei
ne gelin
gende psychische, schulische
und soziale Entwicklung zu ermöglichen. Es werde davon ausgegangen, dass er für eine
erfolgreiche
Reintegration in seinen Alltag im Anschlus
s an die stationäre Behandlung
eine
teilstationäre
Therapie
in einer Tage
s
klinik benötigen werde (S. 5 Ziff. 2.7, S. 4 Ziff. 2.3).
Am
17. Juni 2021
(Urk. 8/27/1-2)
äusserten sich
Dr.
C._
und Psy
chologin
D._
erneut zum Gesundheitszustand
und
zur
Behandlung des
Versi
cherten
und führten aus, dass letzterer als Folge der schweren Zwangserkrankung stark an Gewicht verlor
en habe
(Mangelernährung), was jedoch nicht im Rahmen einer Essstörung im Sinne einer Anorexie, sondern im Rahmen der Zwangsstö
rungen zu sehen sei
(S. 1 f.)
. Seit Februar 2021 habe
er
schrittweise in die Behandlung einsteigen können und deutliche Fortschritte erzielt. Er habe mittler
weile dank intensiver Therapie seine Zwänge vermehrt unter Kontrolle, so dass er befähigt sei, am Stationsalltag mit Schule und Freizeit teilzunehmen sowie wieder ausgedehnte Belastungserprobungen mit Übernachtung zuhause zu verbringen.
Es sei
prognostisch von einer weiteren Besserung der Zwangssympto
matik auszugehen, wobei der
Versicherte
weiterhin und intensiv auf psychothe
rapeutische Unterstützung inklusive Medikation angewiesen sei. Als weiterer Behandlungsschritt werde er voraussichtlich Ende Juni 2021 in
Ambulatorium E._
wechseln
(S. 2).
3.
2
Oberarz
t
J._
und
Dr.
rer
. nat.
G._
, Psychologin,
K
linik
A._
, führten in ihrem Bericht vom 29. November 2021
(Urk. 14)
aus, die
Psychotherapie diene der Leidensbehandlung und der Eingliederung, mithin
der Herstellung der Erwerbsfä
higkeit des
Versicherten
. Der Schweregrad der Zwangsstörung sei in der Vergan
genheit so stark ausgeprägt gewesen, dass eine Teilnahme am Schulalltag nicht mehr möglich gewesen sei. Was zum aktuellen Zeitpunkt die Konsequenzen wären, wenn der
Versicherte
die Therapie nicht mehr besuchen würde, könnten die Fachpersonen nicht vollständig beurteilen. Es sei jedoch nicht davon auszu
gehen, dass die Zwangsstörung eine spontane Besserung/Heilung erfahren würde.
Mittel- respektive längerfristig wäre die Teilnahme am Schulalltag und
an
sozia
len
Interaktionen gegebenenfalls wieder gefährdet. Wie lange
er
noch auf Psychotherapie angewiesen sein werde, könne aktuell nicht abschliessend beur
teilt werden
. Er befinde sich seit 1. September 2021 bei den unterzeichneten Fach
per
sonen in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung, wobei namhafte Thera
piefortschritte während der stationären und tagesklinischen Behandlungen hätten erzielt werden können, worauf die ambulante Behandlung aufbaue. Die regel
mässige
Teilhabe
an der Schule und
die
Bewältigung
der damit verbundenen
Auf
gaben sowie die regelmässige Teilhabe in der Psychotherapie gelängen dem
Ver
sicherten
bisher gut (S. 1). Die
Prognose
betreffend
Zwangsstörung sei nicht abschliessend beurteilbar
, wobei es
nennenswerte Verbesserungen durch die teil- beziehungsweise stationären Aufenthalte gegeben habe (S. 2).
3.3
In ihrer Stellungnahme vom 13. Oktober 2021 (Urk. 7) führte die RAD-Ärztin Dipl.-Med.
I._
, Fachärztin für Innere Medizin/Prävention und Gesundheits
wesen, aus, dass die Behandlungsnotwendigkeit des unter einer Zwangserkran
kung leidenden
Versicherten
aus versicherungsmedizinischer Sicht ausser Frage stehe. Ungeachtet dessen könne eine Kostenübernahme für die stationäre Behand
lung und die ambulante Psychotherapie
durch die
Invalidenversicherung nicht empfohlen werden. Psychotherapeutische M
assnahmen gingen dann nicht zul
as
ten der Invalidenversicherung, wenn die
Prognose unbestimmt sei und/oder die Behandlung eine medizinische Vorkehr von zeitlich unbegrenzter Dauer
darstelle
(S. 2)
.
Beim
Versicherten
erfolge bereits seit zwei Jahren eine Psychotherapie, welche zumindest zu Begi
nn wenig erfolgreich gewesen sei
. Wiederholt habe er statio
näre Aufenthalte
benötigt
, welche der
Krisenintervention
und letztlich der Lebenserhaltung
(Sicherstellung der Ernährung/
Flüssigkeitszufuhr) gedient hät
ten. Medizinische Massnahmen hätten absoluten Vorrang vor Massnahmen der Eingliederung
gehabt (S. 2)
.
Die medizinischen Massnahmen der Invalidenversicherung seien nicht auf die Behandlung des Leidens an sich ausgerichtet, sondern strebten durch die Korrek
tur stabiler Funktionsausfälle oder Defekte die berufliche Eingliederung an. Sie bezweckten
,
Beeinträchtigungen der Sinneswahrnehmung oder der Kontaktfähig
keit zu mildern respektive zu beheben und damit die Erwerbsfähigkeit oder Berufsausbildung dauernd und wesentlich zu beeinflussen. Im vorliegenden Fall sei aus versicherungsmedizinischer Sicht von einer Leidensbehandlung
auszu
-
gehen, wie die Arztberichte der
Psychiatrie B._
und
K
linik
A._
eindrücklich belegten (S. 2 f.).
4.
4.1
Es ist aufgrund der Akten ausgewiesen und zwischen den Parteien unstrittig, dass der
Versicherte
unter einer schweren Zwangsstörung in Form von Zwangsgedan
ken und
-handlungen gemischt (ICD-10 F42.2) leidet und sich seit Juli 2
019
in regelmässiger psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung befindet. Für das Vorliegen einer wie von der Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung
(Urk. 2)
postulierten Anorexie (S.
2) finden
sich in den medizinischen Akten keine Hinweise.
Eine entsprechende Diagnose
wurde
in
den
vor
liegenden medizinischen Berichte
n
nicht
gestellt
,
vielmehr verneinten
die
behandelnden Fachpersonen der
K
linik
A._
am
17. Juni 2021
explizit
eine Essstörung im Sinne einer Anorexie
und
hielten
fest
, dass der
beim
Versicherten
zeitweise
aufgetretene
erhebliche Gewichtsverlust (Mangelernährung) als Folge der Zwangsstörung ein
zustufen sei (Urk. 8/29 S. 1 f.).
Im Übrigen ging weder der Rechtsdienst der Beschwerdegegnerin
in der Beschwerdeantwort vom 14. Oktober 2021 (Urk. 6)
noch die RAD-Ärztin in ihrer Stellungnahme vom 1
3
. Oktober 2021 (Urk.
7
) von einer An
orexie
aus.
Die Beschwerdegegnerin stellte sich aber auf den Standpunkt, es handle sich bei den in Frage stehenden durchgeführten ambulanten und statio
nären Massnahmen um eine Behandlung des Leidens an sich (Urk. 6 S. 2,
vgl. auch
Urk. 7 S. 3).
4.2
Aus den Berichten der behandelnden Fachpersonen geht hervor, dass bei
den Zwangshandlungen und -gedanken
des
Versicherten
Wasch- und Hygiene
zwänge im Vordergrund
standen
, welchen Gedanken um Verschmutzung und Ekel sowie die Angst,
die
Verschmutzung auf
Dritte
zu
übertragen
, zugrunde lagen (Urk. 3/3 S. 8).
Aufgrund der schweren Zwangsstörung war es dem
Versi
cherten
vo
n
Herbst 2020 bis
am
22. August 2021
nicht möglich
,
extern
die Schule (3. Gymnasialklasse)
zu besuchen
(Urk. 8/27/3-8 S. 2 Ziff. 1.2, Urk. 1 S. 4 Ziff. 8
, Urk. 13 S. 4
)
, da
ihn
die
Zwangshandlungen und -gedanken
in seinem Alltag
erheblich einschränkten (Urk.
8
/
15
S. 2 Ziff. 1.2, Urk.
8
/
27/3-8
S. 2 Ziff. 1.2
, Urk. 14 S. 1
).
Als Therapieziele formulierten die Fachpersonen de
r
K
linik
A._
, den
Ver
sicherten
für einen Alltag ausserhalb der Klinik zu befähigen, um eine gelingende psychische, schulische und soziale Entwicklung zu ermöglichen (Urk. 8/27/3-8 S. 5 Ziff. 2.7).
Die
Psychotherapie
dient gemäss den Angaben der Fachpersonen
sowohl
der Leidensbehandlung
als auch der
Eingliederung respektive der Herstel
lung der Erwerbsfähigkeit des
Versicherten
. Die Fachpersonen gingen
weiter
davon aus, dass die Zwangsstörung ohne Therapie keine spontane Besse
rung/
Heilung erfahren würde und dass
mittel- respektive langfristig die Teilhabe am Schulalltag
wieder gefährdet wäre
(Urk. 14 S. 1).
Im Lichte der obigen Erwägungen ist davon auszugehen, dass es sich
bei
de
r
in Frage stehenden ambulanten Psychotherapie und stationären Behandlung
um
medizinische
Massnahmen
im Sinne von Art. 12 IVG
(vgl. E. 1.2)
handelt. Die Vorkehren sind
entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin
nicht aus
schliesslich auf die Behandlung des psychischen Leidens des
sich
noch in Ausbil
dung befindlichen
minderjährigen
Versicherten
gerichtet
, sondern dien
en in erhebli
chem Umfang der beruflichen Eingliederung
,
da davon auszugehen ist
, dass die
unbehandelte
Zwangsstörung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit
zumindest
zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbs
f
ähigkeit erheblich behindernden
pathologischen Zust
and führen würde (vgl. E. 1.3). Der
Versicherte
war aufgrund de
r ausgeprägten Zwangshandlungen
und -
gedanken nicht in der Lage
,
seinen Alltag adäquat zu
meistern, was unter anderem
dazu führte, dass er nicht mehr zur Schule gehen konnte.
4.3
An dieser Beurteilung vermag die RAD-Stellungnahme vom 13. Oktober 2021 (Urk. 7) nichts zu ändern. Die Schlussfolgerung der RAD-Ärztin - welche über keinen Facharzttitel in Psychiatrie verfügt -, wonach im vorliegenden Fall von einer Leidensbehandlung auszugehen sei (S. 3)
, ist nicht schlüssig. Die RAD-Ärztin beschränkte sich - neben der Wiedergab
e
einz
e
lner
B
erichte der
Psychiatrie B._
und der
K
linik
A._
– auf
den Hinweis,
dass beim
Versicherten
seit zwei Jahren eine zumin
dest zu Beginn wenig erfolgreiche Psychotherapie stattgefunden und er wieder
holt stationäre Aufenthalte benötigt habe, welche der Krisenintervention und der Lebenserhaltung gedient hätten (S. 2).
Eine allfällige Krisenintervention spricht nicht per se gegen medizinische Massnahmen im Sinne von Art. 12 IVG und die Verweigerung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme betraf
lediglich
eine kurze, beschränkte Dauer im Rahmen der stationären Behandlung
(vgl. Urk. 8/27/3-8 S. 3 Ziff. 2.3
).
Was die von der RAD-Ärztin erwähnte Behandlungs
dauer angeht, ist zu berücksichtigen, dass sich der
Versicherte
seit Juli 2019 in ambulanter psychiatrischer
respektive psychotherapeutischer
Behandlung bef
in
det
und von Herbst 2020 bis Juni 2021 (mit Unterbr
üchen
) stationär respektive bis 26. August 2021 tagesklinisch
betreut
wurde
(
Urk. 8/27/3-8 S. 3
Ziff. 2.3
und S. 7
Ziff. 2.7
,
Urk. 1
S. 3 f. Ziff. 2 ff.).
Gemäss den Angaben der behandelnden Fachpersonen konnten im Rahmen der genannten
Therapien -
insbesondere der stationären Klinikaufenthalte -
namhafte Fortschritte erzielt werden, wobei der
Versicherte
ab 23. August 2021 wieder den Unterricht in seiner
Schule besuchen
und
am
26. August 2021
a
us der Tagesklinik
austreten konnte
(Urk. 1 S.
4 Ziff. 8
, Urk. 13 S. 4
).
Vor diesem Hintergrund
kann im zu beurteilenden Fall von kei
ner Dauerbehandlung (vgl. E. 1.4
) ausgegangen werden
, auch wenn die behandeln
den Fachpersonen de
r
K
linik
A._
keine abschliessenden Angaben betreffend das Therapieende machen k
onnten
(Urk. 14 S. 1). Im Zeitpunkt des Erlasses der ange
fochtenen Verfügung vom 14. Juli 2021 (Urk. 2) dauerte die Behandlung des
Versicherten
erst zwei Jahre
,
wobei gemäss KSME eine Wartezeit von einem Jahr bis zum Beginn der Kostenübernahme durch die Invalidenversiche
rung vorgese
hen ist (vgl. E. 1.5
)
.
Ferner berichteten
die
behandelnden Fachpersonen von
wesentlichen
Fortschritten in der Therapie und gingen von einer günstigen Pro
gno
se aus (Urk. 14 S. 1 f., Urk. 8/27/1-2 S. 2).
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass
beim
Versicherten
die Zwangsstörung durch den Ausbruch der Erkrankung
Sklerodermie
bei
seiner
Schwester
ausgelöst respektive
durch die
Corona-Pandemie begünstigt wurde (Urk. 3/3 S. 3; vgl. auch Urk. 13 S. 5). Im Übrigen setzte sich die RAD-Ärztin mit den Berichten der
K
linik
A._
und
der
Psychiatrie B._
in materieller Hinsicht in keiner Weise auseinander, sondern beschränkte sich auf den pauschalen und nicht näher begründeten Hinweis, dass das Vorliegen einer Leidensbehandlung durch die genannten Berichte eindrücklich belegt sei. Sie äusserte sich insbesondere nicht zur Angabe von Oberarzt
J._
und Psy
chologin Dr.
H._
vom 29. November 2021, wonach die Psychotherapie
(
auch
)
der Herstellung der Erwerbsfähigkeit des
Versicherten
diene
(Urk. 14 S.1).
4.4
S
omit
ist
festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin die Kostengutsprache für ambulante Psychotherapie und stationäre Behandlung zu Unrecht verneint hat, weshalb die Beschwerde
unter Aufhebung des angefochtenen Entscheides und der Feststellung, dass de
r
Versicherte Anspruch auf medizinische Massnahmen in Form von Psychotherapie hat,
gutzuheissen ist.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand sowie unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
)
und ermessensweise auf Fr. 7
00.-- anzusetzen.
Ausgangsgemäss sind sie der Beschwerdegegnerin auf
zuerlegen
.
5.2
Dem Verfahrensausgang entsprechend ist die Beschwerdegegnerin zu verpflich
ten, dem
durch seine Eltern
und diese anwaltlich
vertretenen Versicherten
eine Prozessentschädigung zu bezahlen.
Nach § 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht be
misst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Be
deutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Ob
siegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Es ist dem
Versicherten
unter Berücksichti
gung
dieser Grundsätze eine Pro
zess
ent
schädigung von Fr.
2
’
2
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen.