# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 0e485a61-3a64-4e46-bb72-13f2c779a29d
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2014
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend
Übertretung von Verkehrsvorschriften
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 31. Januar 2014 (GC130286)
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Strafbefehl:
Der Strafbefehl des Stadtrichteramtes Zürich vom 1. Februar 2012 ist diesem
Urteil beigeheftet (Urk. 2).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 31 S. 11 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Einsprecher ist schuldig des Nichtbeachtens des Vortritts der Strassen-
bahn im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 38 Abs. 1 SVG.
2. Der Einsprecher wird bestraft mit einer Busse von Fr. 300.–.
3. Bezahlt der Einsprecher die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 600.–. Allfällige weitere
Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Gerichtskosten werden dem Einsprecher auferlegt. Über diese Kosten
stellt die Gerichtskasse Rechnung.
Die Kosten des Strafbefehls Nr. ... vom 1. Februar 2012 in
Höhe von Fr. 685.– und die nachträglichen Untersuchungskosten des
Stadtrichteramtes Zürich in der Höhe von Fr. 440.– werden dem Einsprecher
auferlegt. Über diese Kosten sowie die Busse von Fr. 300.– stellt die Kasse
des Stadtrichteramtes Zürich Rechnung.
6. (Mitteilung)
7. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge:
a) Des Beschuldigten:
(Urk. 32 S. 2; Urk. 41 S. 2)
1. Der Berufungskläger sei vom Vorwurf des Nichtbeachtens des Vortritts
der Strassenbahn im Sinne von Art. 38 Abs. 1 i.V.m. Art. 90 Abs. 1
SVG freizusprechen.
2. Eventuell sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 31. Januar
2014 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
3. Die Ermittlungs-, Untersuchungs- und Gerichtskosten seien von der
Staatskasse zu tragen.
4. Der Einsprecher sei für seinen Parteiaufwand angemessen zu ent-
schädigen.
b) Des Stadtrichteramtes Zürich:
(Urk. 37)
Abweisung der Berufung.

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit Strafbefehl Nr. ... vom 1. Februar 2012 bestrafte das Stadtrichteramt Zü-
rich den Beschuldigten wegen Nichtbeachtens des Vortrittsrechts der Strassen-
bahn mit einer Busse von Fr. 300.-- und auferlegte ihm die Gebühren (Urk. 2).
Dagegen erhob der Beschuldigte Einsprache (Urk. 5).
2. Am 31. Januar 2014 sprach die Vorinstanz den Beschuldigten des Nicht-
beachtens des Vortritts der Strassenbahn im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m.
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Art. 38 Abs. 1 SVG schuldig und bestätigte die Busse von Fr. 300.--, unter
Auferlegung der Verfahrenskosten (Urk. 31). Gegen dieses Urteil erklärte der
Beschuldigte fristgerecht Berufung (Urk. 32), nachdem er bereits zuvor innert Frist
Berufung angemeldet hatte (Urk. 25).
4. Mit Präsidialverfügung vom 13. Mai 2014 wurde dem Stadtrichteramt Zürich
Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erklären (Urk. 35). Das Stadtrichteramt
Zürich verzichtete auf eine Anschlussberufung und beantragte die Abweisung der
Berufung des Beschuldigten. Mit Beschluss vom 10. Juni 2014 ordnete die zu-
ständige I. Strafkammer des Berufungsgerichts die schriftliche Durchführung des
vorliegenden Verfahrens an und setzte dem Beschuldigten gleichzeitig Frist an,
um abschliessend Berufungsanträge zu stellen und zu begründen (Urk. 39). Am
2. Juli 2014 reichte der Beschuldigte seine Berufungsbegründung ein (Urk. 41).
Mit Präsidialverfügung vom 8. Juli 2014 wurde dem Stadtrichteramt Frist zur Beru-
fungsantwort sowie der Vorinstanz zur freigestellten Vernehmlassung angesetzt
(Urk. 43). Die Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk. 45), während das
Stadtrichteramt die Abweisung der Berufung beantragte (Urk. 46).
II. Prozessuales
1. Der Beschuldigte hat seine Berufung nicht beschränkt (Urk. 32; Urk. 41).
2. Gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gegen Urteile
erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abge-
schlossen worden ist. Im Rahmen einer Berufung überprüft das Obergericht den
vorinstanzlichen Entscheid üblicherweise frei bezüglich sämtlicher Tat-, Rechts-
und Ermessensfragen (Art. 398 Abs. 3 StPO). Bildeten jedoch ausschliesslich
Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Hauptverfahrens, so schränkt
Art. 398 Abs. 4 Satz 1 StPO die Kognition der Berufungsinstanz ein.
2.1 Was den Sachverhalt anbelangt, so überprüft das Berufungsgericht nur, ob
eine offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes durch die Vorinstanz
gegeben ist. Relevant sind dabei klare Versehen bei der Sachverhaltsermittlung,
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wie namentlich Versehen, Irrtümer oder offensichtliche Diskrepanzen zwischen
der sich aus den Akten sowie der Hauptverhandlung ergebenden Akten- sowie
Beweislage und der Urteilsbegründung. Weiter in Betracht kommen insbesondere
Fälle, in denen die gerügte Sachverhaltsfeststellung auf einer Verletzung von
Bundesrecht, in erster Linie von Verfahrensvorschriften der StPO selbst, beruht.
Gesamthaft gesehen dürften regelmässig Konstellationen relevant sein, die als
willkürliche Sachverhaltserstellung zu qualifizieren sind (vgl. Schmid, StPO -
Praxiskommentar, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2013, Art. 398 N 12 f.; Eugster in
Basler Kommentar, StPO, Basel 2011, Art. 398 N 3). Willkür bei der Beweiswürdi-
gung liegt vor, wenn der angefochtene Entscheid offensichtlich unhaltbar ist oder
mit der tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht. Dass eine andere
Lösung oder Würdigung ebenfalls vertretbar erscheint oder gar vorzuziehen
wäre, genügt nicht (vgl. BGE 134 I 140 E. 5.4 mit Hinweisen). Eine vertretbare
Beweiswürdigung ist daher noch nicht willkürlich, auch wenn die Berufungsinstanz
anstelle des Vorderrichters allenfalls anders entschieden hätte.
2.2 Zum anderen wird das angefochtene Urteil auf Rechtsverletzungen durch
die Vorinstanz hin überprüft; insofern liegt keine Einschränkung der Über-
prüfungsbefugnis vor; sämtliche Rechtsfragen sind mit freier Kognition zu
prüfen und zwar nicht nur materiellrechtliche, sondern auch prozessuale (vgl.
Hug/Scheidegger in Zürcher Kommentar StPO, 2. Auflage, Zürich 2014, Art. 398
N 23).
2.3 Zu erwähnen ist schliesslich, dass neue Behauptungen und Beweise im
Berufungsverfahren nicht mehr vorgebracht werden können, wenn – wie hier –
ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Hauptverfahrens
bildeten (Art. 398 Abs. 4 Satz 2 StPO). Somit ist auch auf den sinngemäss
gestellten Antrag des Beschuldigten in der Berufungsbegründung (Urk. 41 S. 8)
auf Edition der Akten aus dem Strafverfahren gegen die Tramführerin nicht weiter
einzugehen.
3. Das Obergericht hat somit zu überprüfen, ob die von der Beschuldigten vor-
gebrachten Beanstandungen von der Überprüfungsbefugnis gemäss Art. 398
Abs. 4 StPO gedeckt sind. In einem allfälligen nicht von der genannten Befugnis
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umfassten Umfang kann auf die Einwendungen nicht eingegangen werden. Es
ist somit festzustellen, ob das vorinstanzliche Urteil im Bereich der zulässigen
Kognition Fehler aufweist.
4. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (vgl. Urteil des Bundes-
gerichts 6B_170/2011 vom 10. November 2011 E. 1.2.; BGE138 IV 81 E. 2.2;
BGE 137 II 266 E. 3.2). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren
Entscheid wesentlichen Punkte beschränken.
III. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Ausgangslage
1.1. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, er habe gegen Art. 90 Ziff. 1 aSVG
in Verbindung mit Art. 38 Abs. 1 SVG verstossen, indem er am 4. November
2011, um 08.27 Uhr, auf der Höhe der Verzweigung ...-/...-strasse in Zürich ... als
Lenker eines Sattelschleppers mit Anhänger den Vortritt
der Strassenbahn nicht beachtet habe, wobei es zur Kollision mit einem stadt-
auswärts fahrenden Tram der Linie 11 gekommen sei (act. 2).
1.2. Wie die Vorinstanz zutreffend festhielt (Urk. 31 S. 4), hat der Beschuldigte
nie bestritten, dass es zur im Strafbefehl umschriebenen Kollision gekommen
ist und dass an der fraglichen Örtlichkeit ein grundsätzliches Vortrittsrecht der
Strassenbahn besteht. Der Beschuldigte wendete allerdings ein, es sei infolge
einer Unachtsamkeit der Strassenbahnführerin zur Kollision gekommen, er selbst
habe sich regelkonform verhalten. Diese Ansicht vertritt der Beschuldigte auch im
Berufungsverfahren (Urk. 41 S. 3 ff.). Mit der Vorinstanz ist daher der äussere
Sachverhalt als erstellt zu betrachten.
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2. Würdigung
2.1. Der Beschuldigte rügt in seiner Berufungsbegründung (Urk. 41 S. 4 ff.), das
Vortrittsrecht der Strassenbahn gelte nicht absolut. Vorliegend sei die aufgrund
der Baustelle äusserst komplexe Verkehrssituation, welche vom Beschuldigten
ein Höchstmass an Aufmerksamkeit und fahrerischem Können abverlangt habe,
zu beachten. Der Beschuldigte habe infolge Baumbewuchses sowie eines Beton-
pfeilers nicht wirklich weit in Richtung Hallenstadion sehen können. Unmittelbar
bevor er schliesslich das Tramtrassee in der Strassenmitte überquert habe, habe
er abermals nach rechts geschaut und sich zu diesem Zweck sogar leicht
vom Fahrersitz erhoben. Er habe aber aufgrund des stumpfen Winkels zur
...-strasse und des damit einhergehend grossen toten Winkels das herannahende
Tram nicht erblicken können. Der Beschuldigte habe alles Zumutbare unternom-
men, um einen möglichen von rechts herannahenden Verkehrsteilnehmer zu er-
blicken, was jedoch aufgrund der gesamten Umstände gar nicht möglich gewesen
sei. Die Vorinstanz gehe sodann davon aus, dass die pflichtwidrige
Unvorsichtigkeit darin bestehe, dass der Beschuldigte das Abbiegemanöver
ausgeführt habe, obwohl er das Tram in der Haltestelle habe stehen sehen. Hier
gehe die Vorinstanz von einem falschen Sachverhalt aus. Der Beschuldigte habe
nämlich ausgesagt, er habe das Tram in die Haltestelle hinein fahren sehen. Er
habe davon ausgehen dürfen, dass das Abbiegemanöver vollzogen sein würde,
wenn das Tram wieder losfahre. Er habe somit die Gefahr nicht erkannt, welche
sich schliesslich massgeblich aufgrund des Verhaltens der Tramführerin verwirk-
licht habe. Es fehle damit an der intellektuellen Komponente des subjektiven
Tatbestand, weshalb Vorsatz ausscheide. Die Tramführerin unterliege dagegen
zweifellos einem strengen Sorgfaltsmassstab. Sie habe von der Haltestelle
Messe/Hallenstadion über mehrere hundert Meter freie Sicht gehabt. Ihr sei
gemäss eigener Aussage der Lastwagen bereits relativ früh aufgefallen. Da
sich der Lastwagen des Beschuldigten bereits erkennbar nahe an ihrem Gleis
befunden habe, sei es ihre unbedingte Pflicht gewesen, die Geschwindigkeit
anzupassen, um eventuell noch rechtzeitig zum Stillstand zu kommen. Die Tram-
führerin habe trotz ihres grundsätzlichen Vortrittsrechts fahrlässig gehandelt,
indem sie die Vorsichtspflicht gemäss Art. 26 Abs. 2 SVG verletzt und damit
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letztlich ihr Vortrittsrecht erzwungen habe. Es liege sodann insofern eine
unrichtige Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz vor, als die Tramführerin den
Lastwagen des Beschuldigten nicht eindeutig als stehend wahrgenommen habe.
Vielmehr sei sie sich nicht sicher gewesen, ob er gestanden sei. Die Feststellung,
dass die Tramführerin keine Mitschuld an der Kollision treffen würde, erscheine
nach dem Gesagten willkürlich und im Ergebnis rechtsverletzend.
2.2. Die Vorinstanz hat zutreffend ausgeführt, dass der Massstab für die
Sorgfalt, welche Lastwagenlenker aufzubringen hätten, angesichts des von ihren
Fahrzeugen ausgehenden Gefährdungspotentials hoch anzusetzen sei, doch
müsse es dem Fahrzeuglenker in der konkreten Situation möglich sein, den ihm
auferlegten Pflichten tatsächlich nachzukommen. Der Vortrittsbelastete müsse
seine Aufmerksamkeit zunächst den zu erwartenden Gefahren zuwenden, die für
ihn tatsächlich erkennbar seien. Beeinträchtigenden Sichtverhältnissen habe
grundsätzlich der Vortrittsbelastete Rechnung zu tragen (Urk. 31 S. 5 f.).
Mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte sich aufgrund
der engen Platzverhältnisse beim Abbiegen in erster Linie auf die Durchfahrt
durch die Baustelle hat konzentrieren müssen. Gemäss der bei den Akten
liegenden Fotodokumentation (Urk. 1/2) hatte der Beschuldigte die Baustelle aber
bereits mindestens teilweise passiert, als er sich anschickte, die ...-strasse zu
überqueren. Nach der Durchfahrt durch die Baustelle war denn auch die Sicht des
Beschuldigten auf das Tramtrassee keinesfalls mehr durch Betonpfeiler oder
Bäume eingeschränkt (vgl. Urk. 1/2 S. 2 Foto oben), sondern gegebenenfalls nur
noch durch die Führerkabine des Lastwagens. Die Vorinstanz hat jedenfalls
zurecht festgestellt, dass für den Beschuldigten die Gefahr eines herannahenden
Trams erkennbar gewesen sei (Urk. 31 S. 6 f.).
2.3. Gemäss Art. 38 Abs. 1 SVG ist der Strassenbahn das Geleise freizugeben
und der Vortritt zu lassen. In Art. 25 Abs. 5 VRV wird dazu ergänzend namentlich
ausgeführt, dass andere Fahrzeuge nicht auf dem Strassenbahngeleise und nicht
näher als 1,50 Meter neben der Schiene halten dürfen. Diese Vorschriften wollen
den ungehinderten Verkehr der Strassenbahn sicherstellen. Sie gelten nicht nur,
wenn eine Strassenbahn herannaht, sondern auch, wenn nach den Umständen
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damit zu rechnen ist, dass eine stillstehende Strassenbahn jederzeit weiterfahren
kann (BGE 90 IV 257 E.1). Mit der Weiterfahrt einer sich an einer Haltestelle
befindenden Strassenbahn ist immer zu rechnen, es sei denn, die Strassenbahn
sei erst in die Haltestelle eingefahren und es würden viele Fahrgäste das Tram
verlassen und viele Fahrgäste darauf warten, in die Strassenbahn einzusteigen.
In einem solchen Fall darf der Automobilist damit rechnen, dass das Anhalten des
Trams längere Zeit benötigt, als er dessen Fahrbereich beanspruchen muss (SJZ
65/1969 S. 362).
Mit der Verteidigung kann zugunsten des Beschuldigten davon ausgegangen
werden, dass er das Tram nicht in der Haltestelle stehen, sondern erst in die Hal-
testelle hat einfahren sehen (vgl. Urk. 14 S. 2). Dass sich an der Haltestelle viele
Personen aufgehalten hatten, machte weder der Beschuldigte noch dessen Ver-
teidiger geltend. Der Beschuldigte hätte demnach bei pflichtgemässer Aufmerk-
samkeit damit rechnen müssen, dass das in die Haltestelle einfahrende Tram bald
wieder losfahren würde. Angesichts der engen Verhältnisse für das Abbiege-
manöver hätte ihm auch klar sein müssen, dass sein Abbiegemanöver nicht rasch
vollzogen sein würde, er mithin für das Manöver relativ lange brauchen würde und
daher der Querverkehr und insbesondere das Tram schon wieder grün haben
würden. Unter diesen Umständen war es pflichtwidrig unvorsichtig, sich in den
Gleisbereich vorzuwagen, ohne sich zu vergewissern, dass die Strassenbahn
noch in der Haltestelle steht. Wenn seine Sicht Richtung Tramhaltestelle durch
die Führerkabine eingeschränkt gewesen wäre, hätte der Beschuldigte durch ein
geeignetes Manöver sicherstellen müssen, dass er dennoch hätte sehen können,
dass sich kein Tram aus der Haltestellte nähert. Dies hätte er beispielsweise
in der vorliegenden Konstellation dadurch tun können, indem er sich kurz vom
Fahrersitz erhoben und durch das Fenster auf der Beifahrerseite geschaut hätte.
2.4. Vortrittsrecht bedeutet, einen Rechtsanspruch auf ungestörte Fortsetzung
seines Weges zu besitzen. Vortrittsrechte sind nicht erst verletzt, wenn deren
Missachtung zu einem Unfall führt, sondern schon dann, wenn der Berechtigte
zum Bremsen, Beschleunigen oder Ausweichen gezwungen wird (Hans Giger,
Kommentar SVG, 8. Auflage, Zürich 2014, N 8 zu Art. 36 SVG). Weiter ist zu
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erwähnen, dass die blosse Möglichkeit einer Verletzung seines Rechts den Vor-
trittsberechtigen nicht zum Verlangsamen seiner Fahrt verpflichtet. Nur wenn kon-
krete Anzeichen bestehen, ein Wartepflichtiger könnte ihn in seiner Fahrt behin-
dern, muss er die zulässige Geschwindigkeit herabsetzen (BGE 96 IV 131 E. 2).
Die Tramführerin ging vorliegend gemäss ihren glaubhaften Aussagen davon aus,
dass der Beschuldigte sie gesehen hätte, da sein Lastwagen still gestanden sei
(Urk. 15 S. 2). Sie rechnete folglich nicht damit, dass der Beschuldigte sie in ihrer
Fahrt behindern würde, und war daher auch nicht verpflichtet, ihre zulässige
Geschwindigkeit herabzusetzen. Der Einwand der Verteidigung, wonach die
Tramführerin aufgrund der freien Sicht den Beschuldigten erkannt habe und daher
ihre Geschwindigkeit hätte anpassen und nötigenfalls anhalten müssen, geht
daher ebenfalls fehl. Selbst wenn die Tramführerin nun aber rechtzeitig hätte an-
halten und die Kollision vermeiden können, läge nach dem Gesagten dennoch ei-
ne Verletzung des Vortrittsrechts der Strassenbahn durch den Beschuldigten vor.
Auch ist mit der Vorinstanz für die Strafbarkeit des Beschuldigten unerheblich,
ob die Tramführerin eine Sorgfaltspflicht verletzt hat und eine Mitschuld an der
Kollision trägt. Könnte der Tramführerin eine Mitschuld an der Kollision nachge-
wiesen werde, würde dies nicht zur Straffreiheit des Beschuldigten führen (Urk. 31
S. 8; Giger, a.a.O., N 11 zu Art. 36 SVG).
2.5. Schliesslich hat die Vorinstanz zutreffende Erwägungen zum Vertrauens-
grundsatz gemacht (Urk. 31 S. 8 f.). Diese können übernommen werden. Da der
Beschuldigte selbst gegen eine Verkehrsregel verstossen hat, kann er sich nicht
auf den Vertrauensgrundsatz berufen.
2.6. Wie vorstehend dargetan, hat der Beschuldigte eine ihm obliegende
Sorgfaltspflicht verletzt. Er handelte damit fahrlässig. Die Vorinstanz hat bereits
richtig erkannt, dass der subjektive Tatbestand erfüllt ist (Urk. 31 S. 9).
3. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Schuldspruch
wegen Nichtbeachtens des Vortritts der Strassenbahn im Sinne von Art. 90
Ziff. 1 aSVG i.V.m. Art. 38 Abs. 1 SVG zu bestätigen ist. Zur Anwendung kommt
– mit den Erwägungen der Vorinstanz, jedoch entgegen dem vorinstanzlichen
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Dispositiv – vorliegend der zur Zeit der Übertretung geltende Art. 90 Ziff. 1 aSVG
und nicht der heutige Art. 90 Abs. 1 SVG (vgl. Art. 2 Abs. 2 StGB).
IV. Strafzumessung
1. Die durch die Vorinstanz ausgesprochene Busse von Fr. 300.-- wäre
aufgrund der finanziellen Verhältnisse (vgl. Prot. I S. 6) und des geringen Ver-
schuldens des Beschuldigten an sich angemessen und zu bestätigen. Vorliegend
drängt sich jedoch aufgrund einer eklatanten Verletzung des Beschleunigungsge-
bots im Sinne von Art. 5 StPO eine Reduktion der Strafe auf. Das Stadtrichteramt
hat am 1. Februar 2012 seinen Strafbefehl gegen den Beschuldigten erlassen
(Urk. 1/2). Die Einsprache des Beschuldigten gegen den Strafbefehl ging am
15. Februar 2012 beim Stadtrichteramt ein (Urk. 1/5). Erst am 29. Mai 2013
unternahm das Stadtrichteramt den nächsten Prozessschritt, indem es den
Beschuldigten zur Einvernahme auf den 3. Juli 2013 vorlud (Urk. 12). Diese rund
ein Jahr und drei Monate dauernde nicht begründete Untätigkeit des Stadtrichter-
amtes stellt eine Verletzung des in Art. 5 StPO statuierten Beschleunigungs-
gebots dar, wonach Strafverfahren unverzüglich an die Hand zu nehmen und
ohne unbegründete Verzögerung zum Abschluss zu bringen sind. Die Busse ist
nach dem Gesagten auf Fr. 200.-- zu reduzieren.
2. Zu bestätigen ist die Anordnung einer Ersatzfreiheitsstrafe im Falle
der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse (Art. 106 Abs. 2 StGB). Es ist eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen anzuordnen.
V. Kosten
1. Ausgangsgemäss ist das vorinstanzliche Kostendispositiv (Ziffern 4 und 5)
zu bestätigen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Da der Beschuldigte im Berufungsverfahren
nur sehr unwesentlich obsiegt, rechtfertigt es sich, ihm die Kosten des Berufungs-
verfahrens aufzuerlegen und ihm keine Parteientschädigung zuzusprechen
(Art. 428 Abs. 1 und Abs. 2 lit. b StPO).
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2. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 1'000.-- zu veranschlagen.