# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 6e0a3b83-e342-4992-8f81-aea4799b99c6
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_002
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Angriff etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, Jugendgericht, vom 2. Juli 2020 (DJ200005)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt vom 15. April 2020 ist
diesem (Urk. 50A) Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 94 S. 82 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB;
- der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB;
- der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB;
- des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB;
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB;
- des mehrfachen Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19
Abs. 1 lit. d;
- der Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1;
sowie
- der Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a in
Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. c WG, Art. 7 Abs. 1 lit. b und c sowie Abs. 2
Waffenverordnung.
2. Der Beschuldigte A._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen vom Vorwurf
- des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB zum Nachteil von B._ und C._;
- der Erpressung im Sinne von Art. 156 StGB zum Nachteil von D._;
- der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB; sowie
- der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB zum Nachteil von E._, F._ und
G._.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 16 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 33 Tage durch
Untersuchungshaft erstanden sind, sowie mit einer Busse von CHF 100.–.
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4. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen. Die Busse ist zu bezahlen.
5. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 1 Tag.
6. Es wird eine Unterbringung des Beschuldigten im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG
angeordnet.
7. Es wird eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 14 Abs. 1 JStG angeordnet.
8. Die nachfolgenden, sichergestellten bzw. mit Verfügung der Jugendanwaltschaft Zürich-
Stadt vom 2. März 2020 beschlagnahmten und bei der Stadtpolizei Zürich bzw.
Kantonspolizei Zürich, Asservaten Triage, lagernden Gegenstände werden nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Entscheids dem Beschuldigten innert einer Frist von einem Monat auf
erstes Verlangen hin herausgegeben, ansonsten sie der Lagerbehörde zur Vernichtung
überlassen werden:
- A012'663'239 1 Armbanduhr, silberfarben, Zifferblattaufdruck "Boss",
hinten eingraviert: HB.... und ...
- A013'418'503 Daunenjacke, schwarz (Marke: Fila)
- A013'418'525 1 Wintermütze, schwarz
- A013'418'558 1 Trainerhose, schwarz (Marke: Nike)
9. Die nachfolgenden, mit Verfügung der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt vom 2. März 2020
beschlagnahmten und bei der Stadtpolizei Zürich bzw. Kantonspolizei Zürich, Asservaten
Triage, lagernden Gegenstände werden eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung
überlassen:
- A012'044'994 1 Messer (Marke: Baoying, Seriennummer ...)
- A013'418'467 Kreuzschraubenzieher, schwarzer Griff
- A013'419'119 1 Schmetterlingsmesser, schwarz
- A013'418'821 1 Rucksack (Marke: The North Face) mit div.
Räucherartikeln
10. Die nachfolgenden, mit Verfügung der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt vom 2. März 2020
beschlagnahmten und bei der Kantonspolizei Zürich, Asservaten Triage, lagernden,
Betäubungsmittel und Betäubungsmittelutensilien (Lagernummer B02967-2019 bzw.
B00081-2020) werden eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen:
- A013'082'810 97 Gramm Haschisch
- A013'418'605 5 Portionen Haschisch in Cellophan-Folie
(9.3 Gramm brutto)
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- A013'418'809 1 Beutel mit Marihuana (512.4 Gramm brutto)
- A013'418'810 2 Minigrip mit Marihuana (1.9 Gramm brutto)
11. Der Privatkläger B._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
12. Der Privatkläger C._ wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
13. Das Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren der Privatklägerin H._ wird
abgewiesen.
14. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die weiteren Kosten betragen:
CHF 1'000.00 Gebühr Anklagebehörde
CHF 1'800.00 Gebühr Beschwerdeverfahren (G.Nr. UH190170-O)
CHF 1'124.75 Auslagen Untersuchung
CHF 17'028.00 Auslagen Gutachten
CHF 22'346.50 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
15. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten im Umfang von CHF 300.–
auferlegt, im Übrigen jedoch definitiv abgeschrieben.
16. Die amtliche Verteidigung, Rechtsanwalt lic. iur. X._, wird mit CHF 22'346.50
(inkl. MwSt.) entschädigt. Diese Kosten werden auf die Gerichtskasse genommen. Von
einer Nachforderung gemäss Art. 25 Abs. 2 JStPO in Verbindung mit Art. 135 Abs. 4 StPO
wird abgesehen.
17. [Mitteilung]
18. [Rechtsmittel]
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Berufungsanträge:
a) der Oberjugendanwaltschaft (Urk. 165 S. 1):
"1. Der Beschuldigte sei der versuchten schweren Körperverletzung zum
Nachteil von I._ schuldig zu sprechen (letzter Sach-
verhaltsabschnitt gemäss Anklage vom 15. April 2020, S. 6 f.).
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten zu be-
strafen.
3. Die Freiheitsstrafe sei im Umfang von 14 Monaten zu vollziehen.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei im Umfang von 14 Monaten auf-
zuschieben, und es sei eine Probezeit von 24 Monaten anzusetzen.
5. Der Beschuldigte sei gestützt auf Art. 66a StGB für fünf Jahre des
Landes zu verweisen, und die Landesverweisung sei im Schengen-
Informationssystem (SIS) auszuschreiben.
Eventualiter sei der Beschuldigte gestützt auf Art. 66abis StGB für drei
Jahre des Landes zu verweisen, und die Landesverweisung im
Schengen-Informationssystem (SIS) auszuschreiben.
6. Die Anschlussberufung des Beschuldigten sei vollumfänglich abzu-
weisen.
7. Dem Beschuldigten seien sämtliche Kosten aufzuerlegen."
b) der Verteidigung (Urk. 166 S. 1):
"1. Die Anträge der Berufungsklägerin seien abzuweisen und der
Freispruch des Vorwurfs der versuchten schweren Körpverletzung
gegenüber I._ (Disp. 2 alinéa 3 des Urteils VI) sei zu bestätigen
und es sei keine Landesverweisung anzuordnen sowie das Strafmass
der Vorinstanz zu bestätigen.
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2. Es seien Disp.-Ziff. 4 und 6 des angefochtenen Urteils des Jugend-
gerichts Zürich vom 2. Juli 2020 aufzuheben.
3. Stattdessen sei der Vollzug der Freiheitsstrafe von 16 Monaten
(Disp.-Ziff. 3 des Urteils VI) unter Ansetzung einer Probezeit von zwei
Jahren aufzuschieben.
4. Sodann sei von der Anordnung einer Unterbringung im Sinne von
Art. 15 Abs. 1 JStG abzusehen.
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien inklusive der Kosten der
amtlichen Verteidigung auf die Staatskasse zu nehmen."

## Considerations

Erwägungen:
I. Verfahrensgang, Umfang der Berufung und Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung unnötiger Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 94 S. 7 E. I.).
1.2. Der Beschuldigte wurde mit Urteil der Vorinstanz vom 2. Juli 2020 gemäss
dem eingangs wiedergegebenen Urteilsdispositiv schuldig gesprochen und
bestraft. Dagegen meldete die Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich mit
Eingabe vom 8. Juli 2020 fristgerecht Berufung an (Urk. 80). Nach Zustellung des
begründeten Urteils erklärte die Oberjugendanwaltschaft innert Frist Berufung
(Urk. 95; vgl. dazu Urk. 91/1).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 30. November 2020 wurde die Berufungser-
klärung dem Beschuldigten und den Privatklägern zugestellt und diesen Frist
angesetzt, um zu erklären, ob Anschlussberufung erhoben wird, oder um
begründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 98). Mit
Eingabe vom 16. Dezember 2020 erklärte der Beschuldigte innert Frist
Anschlussberufung (Urk. 100). Mit Präsidialverfügung vom 5. Januar 2021 wurde
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der Oberjugendanwaltschaft sowie den Privatklägern je ein Doppel bzw. eine
Kopie der Anschlussberufungserklärung des Beschuldigten zugestellt (Urk. 102).
1.4. Mit Eingabe vom 17. März 2021 teilte die Oberjugendanwaltschaft des
Kantons Zürich dem Gericht mit, dass der aus dem Massnahmenzentrum
Kalchrain entwichene Beschuldigte aufgegriffen und zur Sicherung der
Massnahme vorübergehend ins Gefängnis eingewiesen worden sei (Urk. 109 ff.;
vgl. dazu auch Urk. 117/1-2). Mit Eingabe vom 25. März 2021 beantragte die
Verteidigung die Massnahme der vorsorglichen Unterbringung für den
Beschuldigten sei bis zum Tag der Berufungsverhandlung ersatzlos aufzuheben
und der Beschuldigte sei aus dem Flughafengefängnis zu entlassen. Eventualiter
sei er zu verpflichten, bis zur Berufungsverhandlung eine Fussfessel zu tragen
(Urk. 115 S. 2).
1.5. Mit Präsidialverfügung vom 26. März 2021 wurde das Gesuch des
Beschuldigten betreffend Aussetzung der vorsorglichen Unterbringung bzw.
Haftentlassung der Oberjugendanwaltschaft zugestellt und dieser Frist zur
Stellungnahme angesetzt (Urk. 118). Mit Eingabe vom 1. April 2021 nahm die
Oberjugendanwaltschaft dazu Stellung, wobei sie nicht dagegen opponierte, die
vorsorgliche Unterbringung des Beschuldigten einstweilen bis zur
Berufungsverhandlung auszusetzen (Urk. 123). Mit Eingabe vom 7. April 2021
verzichtete die Verteidigung auf weitere Ausführungen dazu (Urk. 126). Mit
Präsidialverfügung vom 8. April 2021 wurde das Gesuch des Beschuldigten um
Aufhebung der vorsorglichen Unterbringung gutgeheissen und angeordnet, dass
der Beschuldigte umgehend auf freien Fuss zu setzen sei. Gleichzeitig wurde
davon Vormerk genommen, dass die vorinstanzliche Dispositiv-Ziffer 7 (betreffend
ambulante Behandlung im Sinne von Art. 14 Abs. 1 JStG) von keiner Seite
angefochten wurde (Urk. 128; vgl. dazu auch Urk. 130).
1.6. Mit Präsidialverfügung vom 15. Juni 2021 wurde den Parteien wegen
fraglicher Spruchreife des Verfahrens Frist angesetzt, um sich zur Frage einer
allfälligen Rückweisung vernehmen zu lassen (Urk. 135). Mit Eingabe vom 23.
Juni 2021 erklärte die Oberjugendanwaltschaft im Sinne eines Teilrückzuges den
Rückzug folgender Teile der Berufung in Bezug auf die folgenden
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vorinstanzlichen Freisprüche: Angriff zum Nachteil von B._ und C._
(Ziff. 2 alinea 1 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs), versuchte schwere
Körperverletzung zum Nachteil von E._ (Ziff. 2 alinea 3 des vorinstanzlichen
Urteilsdispositivs) und Nötigung zum Nachteil von E._, F._ und G._
(Ziff. 2 alinea 4 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs). Gleichzeitig präzisierte sie
ihre Berufungsanträge entsprechend (Urk. 137 S. 1 f.). Der Beschuldigte liess sich
ebenfalls vernehmen und beantragte, von einer Rückweisung abzusehen (Urk.
139 S. 2).
1.7. Am 23. August 2021 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher der
Beschuldigte, dessen amtlicher Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. X._ und der
Oberjugendanwalt Dr. iur. S. Zimmerlin erschienen (Prot. II S. 8 ff.).
2. Umfang der Berufung
2.1 Von beiden Parteien unangefochten blieben – nach übereinstimmender
Auffassung der Parteien – die Dispositiv-Ziffern 1 [alinea 1-4, alinea 6-8], 2 [alinea
1, 2, 3 betreffend E._ und 4] und 7-16 des vorinstanzlichen Entscheids
(vgl. Prot. II S. 10). Die Verteidigung machte in ihrem Plädoyer an der
Berufungsverhandlung, was den Vorwurf der Körperverletzung zum Nachteil des
Geschädigten I._ betrifft, Folgendes geltend: Die Oberjugendanwaltschaft
habe den Schuldspruch wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung nicht
angefochten, womit dieser in Rechtskraft erwachsen sei und keine Bestrafung
wegen versuchter schwerer Körperverletzung erfolgen könne, da ansonsten ein
Verstoss gegen das Verbot von "ne bis in idem" vorliegen würde (Urk. 166 S. 2 f.).
Der Oberjugendanwalt hielt dem entgegen, dass keine Problematik des "ne bis in
idem" vorliege, denn es sei der Oberjugendanwaltschaft mit ihrer Berufung um
den Freispruch von der versuchten schweren Körperverletzung gegangen (Prot. II
S. 17 f.).
2.2 Der in Art. 11 StPO geregelte Grundsatz "ne bis in idem" besagt, dass wer
in der Schweiz rechtskräftig verurteilt oder freigesprochen worden ist, wegen der
gleichen Straftat nicht erneut verfolgt werden. Tatidentität liegt vor, wenn dem
ersten und dem zweiten Strafverfahren identische oder im Wesentlichen gleiche
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Tatsachen zugrunde liegen. Auf die rechtliche Qualifikation dieser Tatsachen
kommt es nicht an (BGE 144 IV 362 E. 1.3.2., mit Hinweisen). Aus der
Berufungserklärung der Oberjugendanwaltschaft ergibt sich, dass diese
betreffend den Vorfall mit dem Geschädigten I._ mit der rechtlichen
Würdigung gemäss Dispositiv-Ziffer 2 alinea 3 des vorinstanzlichen Entscheids
nicht einverstanden ist. Die Auslegung der Anträge in der Berufungserklärung der
Oberjugendanwaltschaft im Lichte der dazugehörigen Begründung (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_126/2020 vom 3. Juli 2020 E. 1.) ergibt, dass auch der
entsprechende Schuldspruch gemäss Dispositiv-Ziffer 1 alinea 5 mitangefochten
wurde (vgl. Urk. 95 S. 1, Urk. 165 S. 2 ff.). Zu beachten ist in diesem
Zusammenhang ferner, dass die formell korrekte Anfechtung des
erstinstanzlichen Urteils durch den Fehler der Vorinstanz, die einen Freispruch für
die gleiche Tat bei von der Anklageschrift (bloss) abweichender rechtlicher
Würdigung vorgenommen hat (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_514/2020 vom
16. Dezember 2020 E. 1.3.2.), erschwert worden ist. Angesichts der vorstehend
dargelegten Auslegung der Berufung der Oberjugendanwaltschaft und des
Fehlers seitens der Vorinstanz verbietet sich eine formalistische Betrachtung, die
nur auf die Anträge abstellt. Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass Dispositiv-
Ziffer 1 alinea 5 des angefochtenen Urteils nicht in Rechtskraft erwachsen ist.
2.3. Weiter ist anzumerken, dass die Oberjugendanwaltschaft ausdrücklich die
ausgefällte Strafe anficht, weshalb auch die Dispositiv-Ziffern 4 und 5 [Vollzug]
des vorinstanzlichen Entscheids als mitangefochten gelten. Vom Beschuldigten
werden die Dispositiv-Ziffern 4 und 6 des vorinstanzlichen Entscheids
angefochten. Mit Ausnahme der Dispositiv-Ziffern 1 [nur alinea 5], 2 [nur alinea 3
betreffend I._], 3, 4, 5 und 6 erwuchs der vorinstanzliche Entscheid damit in
Rechtskraft, was mit Beschluss festzuhalten ist. Im Berufungsverfahren zur
Disposition stehen somit die Dispositiv-Ziffern 1 [nur alinea 5], 2 [nur alinea 3
betreffend I._], 3, 4, 5 und 6 des vorinstanzlichen Entscheids. Sodann
verlangt die Oberjugendanwaltschaft weiterhin die Anordnung einer
Landesverweisung (Urk. 166 S. 1), wobei sich aus den Erwägungen – aber nicht
aus dem Dispositiv – des angefochtenen Urteils ergibt, dass die Vorinstanz von
einer solchen abgesehen hat (Urk. 94 S. 59 E. II.D.).
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3. Prozessuales
Soweit für die tatsächliche und rechtliche Würdigung des eingeklagten Sachver-
haltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies in
Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies jeweils explizit
Erwähnung findet. Weiter ist an dieser Stelle festzuhalten, dass aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör die Pflicht des Gerichts folgt, seinen Entscheid zu
begründen. Die Begründung muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen,
von denen sich das Gericht hat leiten lassen und auf die es seinen Entscheid
stützt. Es darf sich aber auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und
muss sich nicht ausdrücklich mit jeder tatsächlichen Behauptung und jedem
rechtlichen Einwand auseinandersetzen und diese widerlegen. Es kann sich
mithin auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken. Ein
unverhältnismässiger Motivationsaufwand kann nicht eingefordert werden.
Ebenso wenig lässt sich Art. 6 Ziff. 1 EMRK in der Weise auslegen, dass eine
detaillierte Antwort auf jedes Argument gefordert würde (vgl. dazu statt Weiterer
Urteil des Bundesgerichtes 6B_689/2019 vom 25. Oktober 2019 E. 1.5.2., mit
Hinweisen).
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, er habe sich zusammen mit J._ am
15. Januar 2020 um ca. 18.20 Uhr an den Bahnhof K._ begeben und sich
dort, unter dem Vorwand 500 Gramm Marihuana zum Preis von Fr. 3'200.-- zu
kaufen, mit den nachmaligen Geschädigten I._, F._ und G._
getroffen. Zusammen hätten sich der Beschuldigte und sein Begleiter sowie die
nachmaligen Geschädigten etwas abseits vom Bahnhof an die L._-strasse ...
in K._ begeben. Nach einigen Diskussionen über die Abwicklung des
Betäubungsmittelhandels und nachdem der Beschuldigte einen Joint vom
Marihuana habe probieren dürfen, habe er plötzlich ein schwarzes
Schmetterlingsmesser (Marke: unbekannt; Klingenlänge: ca. 8 cm; vgl. dazu
Urk. 94 S. 9 E. I.C.2., letzter Absatz) ausgepackt. In der Folge habe er I._ –
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der inzwischen den Rucksack mit den Betäubungsmitteln einseitig über seiner
linken Schulter getragen habe – das Messer mit einem Abstand von ca. 7-9 cm
gegen die Kehle gehalten, wobei die Messerklinge die Haut von I._ nicht
berührt habe, und habe ihn mit der anderen Hand am Kragen gepackt. In dieser
Situation habe er zu I._ gesagt: "Ez gisch mer das Züg". G._ und
F._ hätten das Geschehen aus einigen Metern Entfernung beobachtet und
Angst bekommen. I._ habe sodann begonnen, sich gegen den Beschuldigten
zu wehren, indem er diesen geschubst und möglicherweise auch geschlagen
habe. Folglich sei es zu einer nicht mehr rekonstruierbaren Rangelei zwischen
dem Beschuldigten, der noch immer das Schmetterlingsmesser in seiner rechten
Hand gehalten habe, und I._ gekommen, im Zuge derer I._ vom
Beschuldigten mit dem Schmetterlingsmesser am linken Ellenbogen gestochen
worden sei. Mindestens I._, mutmasslich aber auch der Beschuldigte, seien
im Zuge der Rangelei zu Boden gegangen. Dem Beschuldigten sei es daraufhin
gelungen, I._ den Rucksack mit den Betäubungsmitteln zu entreissen und zu
Fuss Richtung Bahnhof K._ zu flüchten. I._ habe aufgrund des
Handelns des Beschuldigten eine Messerstichverletzung am linken Ellenbogen
erlitten, die mit fünf Rückstichnähten habe genäht werden müssen (Urk. 50A
S. 6 f.).
2. Ausgangslage
Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten wegen eventualvorsätzlich begangener
einfacher Körperverletzung zum Nachteil des Geschädigten I._ im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 StGB schuldig und in gleicher Sache mangels
eventualvorsätzlichen Handelns vom Vorwurf der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB frei (vgl. dazu im Einzelnen Urk. 94 S. 40 ff. E. II.G.). Demgegenüber
verlangt die Oberjugendanwaltschaft in diesem Punkt eine Verurteilung wegen
versuchter schwerer Körperverletzung (Urk. 137 S. 2, Urk. 165 S. 2 ff.). Der
Beschuldigte opponiert nicht gegen den vorinstanzlichen Schuldspruch (Urk. 100
S. 2, Urk. 166 S. 3). Was den Standpunkt des Beschuldigten bzw. den unstrittigen
und den zu erstellenden Sachverhalt betrifft, kann auf die zutreffenden
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vorinstanzlichen Ausführungen verwiesen werden (Urk. 94 S. 40 f. E. II.G.1.).
Demnach anerkennt der Beschuldigte den äusseren Sachverhalt bzw. ist dieser
aufgrund der übrigen Untersuchungsergebnisse als erstellt zu betrachten. Nicht
geständig zeigte sich der Beschuldigte hingegen in Bezug auf den subjektiven
Tatbestand. Diesbezüglich machte er sowohl in der Untersuchung als auch vor
Erst- und Zweitinstanz geltend, I._ nicht absichtlich mit dem Messer
gestochen zu haben. Vielmehr sei die Stichverletzung im Zuge der Rangelei
passiert (Urk. 14/14 S. 2 und 4 f., Urk. 164 S. 20 ff.; Prot. I S. 20 f.).
3. Würdigung
3.1. Allgemeines zur Sachverhaltserstellung und Beweiswürdigung
Die Vorinstanz hat die massgeblichen Grundsätze der Sachverhaltserstellung und
der Beweiswürdigung zutreffend wiedergegeben (Urk. 94 S. 13 f. E. II.B.1.2.),
worauf zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden kann. Ergänzend
ist dazu festzuhalten, dass der (Eventual-)Vorsatz als innerer Vorgang einem
direkten Beweis nicht zugänglich ist. Was der Täter wusste, wollte und in Kauf
nahm, betrifft sogenannte innere Tatsachen. Mithin geht es dabei um einen
inneren Vorgang, auf den nur anhand der Würdigung des äusseren Verhaltens
des Täters sowie allenfalls weiterer Umstände geschlossen werden kann. Mit der
Vorinstanz ist vorliegend die Frage, was der Beschuldigte wusste und
insbesondere was er wollte, im Rahmen der rechtlichen Würdigung abzuhandeln.
3.2. Objektive Tatbestandsmässigkeit
3.2.1. Nach Art. 122 StGB wird wegen schwerer Körperverletzung bestraft, wer
vorsätzlich einen Menschen lebensgefährlich verletzt (Abs. 1), wer vorsätzlich den
Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein
wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen bleibend
arbeitsunfähig, gebrechlich oder geisteskrank macht, das Gesicht eines
Menschen arg und bleibend entstellt (Abs. 2) oder wer vorsätzlich eine andere
schwere Schädigung des Körpers oder der körperlichen oder geistigen
Gesundheit eines Menschen verursacht (Abs. 3).
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3.2.2. Gemäss ärztlichem Befund des Spitals Uster vom 22. Mai 2020 erlitt der
Geschädigte I._ eine Stichverletzung am linken Ellbogen. Dazu wird
ausgeführt, im Bereich der Wunde gebe es Muskeln, Sehnen, Blutgefässe und
Nerven, bei denen eine Durchtrennung zu bleibenden Bewegungseinschränk-
ungen, Durchblutungsstörungen oder Funktionseinschränkungen wie Gefühls-
störungen oder Lähmungen führen könnten. Der Geschädigte habe eine sensible
Läsion eines für Unterarm und Hand wichtigen Nervs mit persierenden Gefühls-
störungen sowie eine Durchtrennung einer Sehne eines Oberarmbeugers erlitten,
wobei eine operative Revision wegen nicht vorhandenem Leidensdruck nicht
gewünscht worden sei. Lebenswichtige Strukturen seien nicht verletzt worden. Zu
keinem Zeitpunkt habe eine unmittelbare Lebensgefahr bestanden. Auch ohne
eine ärztliche Versorgung wäre keine unmittelbare Lebensgefahr zu erwarten
gewesen. Eine Verschlechterung des Befundes sei nicht zu erwarten (Urk. 61/2 S.
1 f.).
3.2.3. Das Verletzungsbild des Geschädigten erfüllt den objektiven Tatbestand
der schweren Körperverletzung nicht, sondern entspricht einer einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 StGB. Allerdings war die
Tathandlung des Beschuldigten in objektiver Hinsicht grundsätzlich geeignet,
beim Geschädigten Verletzungen in der von Art. 122 StGB geforderten Intensität
herbeizuführen. Es ist deshalb eine versuchte Tatbegehung im Sinne dieser
Bestimmung zu prüfen.
3.3. Subjektive Tatbestandsmässigkeit
3.3.1. Hat der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale erfüllt und seine
Tatentschlossenheit manifestiert, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale
verwirklicht sind, liegt ein Versuch vor (BGE 140 IV 150 E. 3.4., mit Hinweisen).
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und
Willen ausführt. Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Eventualvorsatz ist
gegeben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber
dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt,
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sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein. Ob der Täter die
Tatbestandsverwirklichung im Sinne des Eventualvorsatzes in Kauf genommen
hat, muss das Gericht bei Fehlen eines Geständnisses aufgrund der Umstände
entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos, die
Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe und die Art der
Tathandlung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist
und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die
Schlussfolgerung, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf
genommen. Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen,
wenn sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte,
dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als
Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3., mit
Hinweis; vgl. zum Ganzen statt Vieler Urteil des Bundesgerichts 6B_873/2018
vom 15. Februar 2019 E. 1.1.2.). Anzumerken bleibt in diesem Zusammenhang,
dass es sich nach ständiger Rechtsprechung beim Risiko der
Tatbestandsverwirklichung nicht um ein rein abstraktes handeln darf, sondern
dieses im konkreten Fall als wahrscheinlich erscheinen muss (vgl. dazu statt
Vieler Urteil des Bundesgerichts 6B_161/2016 vom 12. Oktober 2016 E. 1.4.2.).
3.3.2. Vorwegzunehmen ist, dass keine Anhaltspunkte für eine direktvorsätzliche
Tatbegehung vorliegen und daher lediglich eine eventualvorsätzliche
Tatbegehung zu prüfen ist.
3.3.3. Es fragt sich vorab, ob der Beschuldigte im Tatzeitpunkt um die Möglichkeit
der Tatbestandsverwirklichung, mithin die Möglichkeit des Risikos der Ver-
ursachung einer schweren Körperverletzung, wusste. Dazu sagte er aus, die
Situation sei für den Geschädigten gefährlich gewesen, weil er ein Messer in der
Hand gehabt habe (Urk. 14/14 S. 5; vgl. auch Urk. 164 S. 22) und im
Zusammenhang mit einem anderen Vorwurf, er glaube schon, dass Stich- und
Schnittverletzungen an den Beinen schwere Verletzungen mit sich bringen
könnten, wenn sie einen Nerv oder so träfen, es könne auch tödlich sein (Urk.
15/1 S. 10). Vor diesem Hintergrund kann damit ohne Weiteres davon
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ausgegangen werden, dass der Beschuldigte um das Risiko der Verursachung
einer schweren Körperverletzung wusste.
3.3.4. Wie ausgeführt, darf vom Wissen um die Möglichkeit des Risikos der Ver-
ursachung einer schweren Körperverletzung indes nicht automatisch auf deren
Inkaufnahme und damit Eventualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen
weitere Umstände (Grösse des dem Täter bekannten Risikos, Schwere der
Sorgfaltspflichtverletzung, Beweggründe und Art der Tathandlung) hinzukommen,
von denen auf die innere Einstellung des Täters, namentlich das Wollen bzw. die
Inkaufnahme des Taterfolgs geschlossen werden kann, und darf das Gericht vom
Wissen des Täters auf sein Wollen nur schliessen, wenn sich ihm der Eintritt des
Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge
hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt
werden kann (vgl. in diesem Sinne bereits vorne unter E. II.3.3.1.). Zur
Beantwortung dieser Frage ist deshalb nachfolgend auf die näheren Tatumstände
einzugehen.
3.3.5. Was das konkrete Risiko der Tatbestandsverwirklichung betrifft, ist
festzuhalten, dass der Geschädigte eine Verletzung am linken Ellbogen erlitt, die
Stichverletzung also an einer Stelle erfolgte, an der in aller Regel keine schweren
oder gar lebensbedrohlichen Verletzungen drohen. Der Geschädigte befand sich
denn auch nie in unmittelbarer Lebensgefahr und eine solche wäre auch ohne
ärztliche Versorgung nicht zu erwarten gewesen (vgl. dazu vorne unter E.
II.3.2.2.). Allein vor dem Hintergrund der konkreten Verletzungsfolgen erscheint
damit das Risiko der Tatbestandsverwirklichung doch sehr gering.
3.3.6. Zur Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung ist zu sagen, dass bereits der
Einsatz des Messers (zur versuchten Nötigung) als schwere
Sorgfaltspflichtverletzung zu qualifizieren ist. Zudem behielt der Beschuldigte das
Messer auch während der nach der gescheiterten Nötigung entstandenen und
von ihm nur beschränkt kontrollierbaren Rangelei in der Hand, obschon er es
hätte fallen lassen und damit die Gefährlichkeit der Situation massiv hätte
- 16 -
entschärfen können. Damit schuf er ein erhebliches
Tatbestandsverwirklichungsrisiko.
3.3.7. Zu den Beweggründen des Beschuldigten ist festzuhalten, dass es ihm
nicht darum ging, den Geschädigten zu verletzen, sondern er in den Besitz der im
Rucksack des Geschädigten enthaltenen Betäubungsmittel gelangen wollte, ohne
für diese bezahlen zu müssen. Bei der Darstellung des Beschuldigten, er habe
den Geschädigten nicht abstechen wollen, handelt es sich – entgegen der
Oberjugendanwaltschaft (Urk. 165 S. 6) – nicht um eine evidente
Schutzbehauptung, zumal ihm das Gegenteil nicht nachgewiesen werden kann.
Anzumerken ist, dass es sich bei den von der Oberjugendanwaltschaft (Urk. 165
S. 7 f.) erwähnten Aussagen von F._ um blosse Mutmassungen handelt, die
keinen relevanten Gehalt zur Eruierung des Willens des Beschuldigten aufweisen
(Urk. 14/11 S. 5, 10), worauf die Verteidigung zutreffend hingewiesen hat (Prot. II
S. 15). Auch der von der Oberjugendanwaltschaft (Urk. 165 S. 8) erwähnte Dritte
M._ war beim Vorfall nicht unmittelbar anwesend und gab bloss vom
Hörensagen her etwas zu Protokoll (vgl. Urk. 14/10 S. 8 f.), wobei die Aussage
von M._ wegen Verletzung des Konfrontationsrechts (siehe auch Urk. 94 S.
17 f. E. II.B. 1.4.3., Urk. 94 S. 40 f. E. II.G.1.) gar nicht verwertbar wäre, weshalb
daraus nichts zulasten des Beschuldigten gefolgert werden kann. Die schliesslich
verursachte Körperverletzung des Geschädigten ist vielmehr eine Folge der
gescheiterten Nötigung: Hätte sich der Geschädigte dem Willen des
Beschuldigten gebeugt und ihm nach der erfolgten Messerdrohung den Rucksack
mit den Betäubungsmitteln überlassen, wäre es nicht zur Verletzung gekommen.
Damit soll nicht gesagt werden, es treffe den Geschädigten eine Mitschuld bzw.
Mitverantwortung. Es liegt hier einfach eine Konstellation vor, in der das Verhalten
des Opfers zumindest teilweise einen Einfluss auf Art und Umfang der Tatfolgen
hatte.
3.3.8. Betreffend die Art der Tathandlung ist schliesslich zu sagen, dass die
Messerstichverletzung erst im Zuge der nicht mehr rekonstruierbaren Rangelei
erfolgte. Der genaue Tathergang lässt sich nicht mehr erstellen. Zwar handelte es
sich um ein dynamisches Geschehen, das der Beschuldigte nur beschränkt unter
- 17 -
Kontrolle hatte, weshalb er auch die Folgen der Körperverletzung nur beschränkt
beeinflussen konnte. Letztlich fällt aber vor allem zu seinen Gunsten ins Gewicht,
dass ihm weder ein bewusstes noch ein willentliches Zustechen nachgewiesen
werden kann und ihm im Übrigen in der Anklage auch gar nicht vorgeworfen wird.
Festzuhalten ist aber nochmals, dass der Beschuldigte insbesondere dadurch,
dass er das Messer weiterhin in der Hand hielt, nachdem der Geschädigte
I._ begonnen hatte, sich zu wehren, ein ernsthaftes Risiko schuf, den
Geschädigten mit diesem zu verletzen, und dass er sich mit der letztlich
eingetretenen Verletzung abfand (siehe dazu auch hinten E. II.4.).
3.3.9. An den Umstand der fehlenden Umschreibung eines willentlichen
Zustechens in der Anklageschrift anknüpfend, ist zu bemerken, dass das
Anklageprinzip (vgl. Art. 9 und 325 StPO) einer Verurteilung des Beschuldigten
wegen versuchter schwerer Körperverletzung ohnehin entgegenstehen würde.
Die für einen Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung
notwendigen objektiven und subjektiven Sachverhaltselemente werden in der
Anklageschrift nicht hinreichend dargetan, denn es erhellt aus der Anklage nicht,
dass der Beschuldigte durch die Art und Weise seines Vorgehens dem
Geschädigten I._ eine schwere Körperverletzung mit hinreichender
Wahrscheinlichkeit zuführen konnte und eine solche auch (mindestens) in Kauf
nahm. Der Oberjugendanwalt hat zwar an der Berufungsverhandlung seine
Auffassung davon, wie sich die Tat zum Nachteil des Geschädigten I._
abgespielt haben soll und von welchem Willen die Tat des Beschuldigten
getragen worden sein soll, mit diversen Aktenverweisen begründet (vgl. dazu Urk.
165 S. 5 ff.). Diese Ausführungen sind indes angesichts der insoweit mit Blick auf
das Anklageprinzip ungenügenden Anklageschrift im Ergebnis ohne Bedeutung.
Zweck des Anklageprinzips ist namentlich gerade, dass der Beschuldigte an der
Verhandlung nicht mit neuen Anschuldigungen konfrontiert wird (vgl. BGE 143 IV
63 E. 2.2.). Wegen der insoweit ungenügenden Anklage erweist sich auch der
Hinweis auf ein Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, mit dem die
Oberjugendanwaltschaft ihre Auffassung begründet, es liege eine versuchte
schwere Körperverletzung vor (Urk. 165 S. 4), als unbehelflich.
- 18 -
3.3.10. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass trotz des gefährlichen
Vorgehens des Beschuldigten das Risiko der Tatbestandsverwirklichung
insgesamt doch noch als eher gering einzustufen ist und unter den gegebenen
Umständen nicht davon ausgegangen werden kann, dass sich dem Beschuldigten
das Risiko der Tatbestandsverwirklichung als derart wahrscheinlich aufdrängen
musste, dass sein Verhalten als Inkaufnahme desselben gewertet werden
müsste, wobei ein solcher Schluss mangels entsprechender Darstellungen in der
Anklageschrift ohnehin nicht zulässig wäre.
4. Ergebnis
Mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass sich der Beschuldigte mangels
eventualvorsätzlichen Handelns nicht der versuchten schweren Körperverletzung
im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, jedoch der
eventualvorsätzlich begangenen einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB zum Nachteil von I._ schuldig gemacht hat. Was
diesen Schuldspruch betrifft, kann in Bezug auf die rechtliche Würdigung
ergänzungslos auf die zutreffenden vorinstanzlichen Ausführungen verweisen
werden (Urk. 94 S. 48 f. E. II.G.2.4.).
III. Massnahmen
1. Allgemeines
Die Vorinstanz hat zutreffende Ausführungen zum anwendbaren Recht sowie zu
den Grundvoraussetzungen zur Anordnung von jugendstrafrechtlichen Schutz-
massnahmen gemacht (Urk. 94 S. 50 E. III.A.1. und S. 52 f. E. III.A.4.), darauf
kann verwiesen werden.
2. Ausgangslage
Die Vorinstanz ordnete eine Unterbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG
sowie eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 14 Abs. 1 JStG an. Von der
Anordnung einer Landesverweisung sah sie ab (Urk. 94 S. 82 ff. sowie dazu im
Einzelnen a.a.O., S. 50 ff. E. III. sowie vorne unter E. I.2.). Die Anordnung der
- 19 -
ambulanten Behandlung wurde von keiner Partei angefochten und erwuchs in
Rechtskraft (vgl. in diesem Sinne bereits vorne unter E. I.2.). Der Beschuldigte
opponiert gegen eine Unterbringung sowie die Anordnung einer
Landesverweisung (vgl. dazu Urk. 94 S. 50 E. III.A.2. sowie vorne unter E. I.2.).
Die Oberjugendanwaltschaft verlangt weiterhin die Anordnung einer
Landesverweisung, beantragt aber nicht mehr die Anordnung einer Unterbringung
(Urk. 165 S. 1).
3. Bisheriger Massnahmenverlauf
Zum Massnahmenverlauf bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks
Vermeidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 94 S. 50-52 E.
III. A.3.). Was den seitherigen Verlauf betrifft, kann sodann auf die vorne unter
E. I.1.4. f. gemachten Ausführungen verwiesen werden. Zusammengefasst
konnte die vorinstanzlich angeordnete Unterbringung namentlich wegen fehlender
Massnahmenwilligkeit bzw. diverser Entweichungen des Beschuldigten nicht
zielführend umgesetzt werden, weshalb sich dieser zur Zeit wieder auf freiem
Fuss befindet (vgl. dazu im Einzelnen Urk. 109, Urk. 111/1 = 117/1, Urk. 117/2,
Urk. 122/3, Urk. 123 und Urk. 125).
4. Unterbringung
4.1. Die Vorinstanz hat sorgfältige und zutreffende Ausführungen zu den recht-
lichen Grundlagen für eine Unterbringung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG und
unter Bezugnahme auf das vorliegende überzeugende psychologische Gutachten
von lic. phil. N._ und lic. phil. O._ vom 30. Oktober 2019 (Urk. 30/6) zur
Frage der Massnahmenbedürftigkeit, Massnahmenfähigkeit und
Massnahmenwilligkeit des Beschuldigten sowie zur Frage der
Verhältnismässigkeit gemacht (Urk. 94 S. 53-57 E. III.B.), darauf kann vorab
vollumfänglich verwiesen werden.
4.2. Ergänzend zu den vorinstanzlichen Ausführungen ist zunächst
festzuhalten, dass sich auch aus dem Überprüfungsbericht der
- 20 -
Jugendanwaltschaft vom 14. Dezember 2020 (Urk. 125) und dem
Abschlussbericht des Massnahmenzentrums Kalchrain vom 7. März 2021 (Urk.
122/3) keine neuen Schlussfolgerungen in Bezug auf die bereits von der
Vorinstanz festgestellte Massnahmenbedürftigkeit und -fähigkeit ergeben. Als
problematisch erweist sich die fehlende Massnahmenwilligkeit des Beschuldigten,
jedenfalls im stationären Setting (vgl. dazu sogleich nachfolgend).
4.3. Zur Frage der Massnahmenwilligkeit führte die
Oberjugendstaatsanwaltschaft im Vorfeld der Berufungsverhandlung in ihrer
Eingabe vom 1. April 2021 aus, den Ausführungen des Beschuldigten liesse sich
nichts entnehmen, was Rückschlüsse auf eine markante positive Veränderung
seines Verhalten zulassen würde. Weshalb er inzwischen keiner Erziehung und
Behandlung im Sinne von Art. 15 Abs. 1 JStG mehr bedürfte, wie er geltend
mache, werde nicht näher ausgeführt. Ein konkretes Lehrstellenangebot werde
ebenfalls nicht vorgelegt und bereits frühere Möglichkeiten im Rahmen des
Aufenthaltes im Kalchrain, sich zum Coiffeur ausbilden zu lassen, seien ungenutzt
geblieben; hätte er auf mehr Öffnungen im Kalchrain hingearbeitet, ohne die
wiederholten Entweichungen, wäre mit einem Coiffeur Salon in ... [Ortschaft]
nach einer Lösung gesucht worden. Die pauschalen Versprechungen, nicht mehr
straffällig zu werden und einen Beruf als Coiffeur ausüben zu wollen, seien für
sich allein nicht geeignet darzulegen, dass der Beschuldigte inzwischen keiner
Massnahme im Sinne einer Unterbringung mehr bedürfte. Vielmehr werde im
psychologischen Gutachten vom 30. Oktober 2019 auf das Rückfallrisiko für
Delikte hingewiesen, wie sie Anlass für das Gutachten gebildet hätten. Die vom
Beschuldigten begangenen Delikte stünden in Zusammenhang mit seinen
psychischen Beeinträchtigungen, so das Gutachten. Eine ambulante Betreuung
reiche zwar für die Psychotherapie, nicht aber für die Pädagogik aus (Urk. 123 S.
2 f.). Problematisch sei die fehlende Massnahmenwilligkeit des Beschuldigten.
Aktuell sei eine Fortführung der Unterbringung in der offenen Abteilung des
Massnahmenzentrums Kalchrain aufgrund wiederholter Entweichungen des
Beschuldigten nicht mehr zielführend. Das Massnahmensetting sei daher zu
überprüfen und die Rahmenbedingungen der Unterbringung seien neu
festzulegen. Die Motivation und Kooperationsbereitschaft des Beschuldigten
- 21 -
seien aktuell als sehr gering einzustufen. An die Massnahmenwilligkeit seien
jedoch keine allzu strengen Anforderungen zu stellen, da die fehlende Motivation
regelmässig zum Krankheitsbild gehöre und die Therapiemotivation und
Kooperation oft erst im Rahmen der Behandlung erarbeitet werde, weshalb nur
ein Mindestmass an Kooperation oder eine gewisse Motivierbarkeit
vorauszusetzen sei. Die Oberjugendanwaltschaft ist nach wie vor der Auffassung,
dass eine Massnahmenfähigkeit und -bedürftigkeit bestehe und dass ein
Mindestmass an Motivierbarkeit vorliege. So sei auch dem Abschlussbericht des
Massnahmenzentrums Kalchrain zu entnehmen, dass es trotz der vielen
Entweichungen dazwischen Phasen gegeben habe, in denen sich der
Beschuldigte "einfügte, stellenweise Verantwortung übernahm und sich
reflektierte". In diesen Phasen habe er die Akzeptanz von Normen und eine
kulturelle Akklimatisation üben können und durchaus von der Massnahme
profitiert (a.a.O., S. 3). Im Überprüfungsbericht der Jugendanwaltschaft vom 14.
Dezember 2020 sei festgehalten worden, das Rückfallrisiko bezüglich
Gewaltdelikten sei hoch, der Beschuldigte benötige eine kontinuierliche
therapeutische und sozialpädagogische Auseinandersetzung mit seinen Risiko-
faktoren, seinen Vermeidungsstrategien sowie mit alternativen Strategien im
Umgang mit emotionalen Belastungen. Positiv sei ihm attestiert worden, dass
während der letzten Entweichungen keine neuen Delikte begangen bzw. bekannt
geworden seien. Im Abschlussbericht des Massnahmenzentrums Kalchrain vom
7. März 2021 werde sodann anstelle einer stationären Massnahme eher eine
ambulante Massnahme mit begleitender Psychotherapie empfohlen, wobei der
Beschuldigte "sich sicher kooperativer verhalten würde" (a.a.O., S. 3).
4.4. Dem von der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt unterm 27. Juli 2021
erstellten Zusatzbericht für das Gericht betreffend den Verlauf der vorsorglichen
Schutzmassnahme seit der letzten Überprüfung ist zu entnehmen, dass es dem
Beschuldigten nicht gelungen sei, sich auf die Massnahme im offenen Setting des
Massnahmenzentrums Kalchrain einzulassen. Gemäss Abschlussbericht der
Institution sei es ihm dennoch möglich gewesen, sein Verhalten über einen
beschränkten Zeitraum hin an die Gegebenheiten anzupassen und dabei kleinere
Entwicklungsschritte zu erreichen. Immer wieder habe er jedoch die Flucht aus
- 22 -
dem Massnahmenzentrum ergriffen. Während des "Kurvengangs" des
Beschuldigten seien die Eltern aus Sorge um seine Zukunft regelmässig mit der
Jugendanwaltschaft in Kontakt getreten. Ihrerseits sei betont worden, dass eine
Unterbringung für den Beschuldigten psychisch nicht auszuhalten sei. Der
Beschuldigte sei im März 2021 aufgegriffen und im Flughafengefängnis Zürich
inhaftiert worden. Beim Besuch durch die Sozialarbeiterin der Jugendanwaltschaft
habe sich der Beschuldigte im Gegensatz zur Vergangenheit äusserst bedürftig
gezeigt und sich auf ein offenes Gespräch eingelassen. Er habe mehrmals betont,
dass es für ihn unmöglich sei, sich auf eine Kooperation einzulassen, solange er
nicht bei seiner Familie leben könne. Die Notwendigkeit einer forensischen
Psychotherapie habe er eigens erwähnt und darum gebeten, diese ambulant
wahrnehmen zu können. Seit der Sistierung der stationären Unterbringung nach
Art. 15 JStG nehme der Beschuldigte regelmässig die ambulante Therapie bei
Frau P._, Q._ [Zentrum], wahr. Er werde in der therapeutischen
Zusammenarbeit als zuverlässig, offen und bedürftig wahrgenommen. Er lasse
sich auf die Therapieinhalte ein und starte erste Versuche sich bezüglich der
begangenen Delikte zu reflektieren. In der Zusammenarbeit mit Herrn R._,
Sozialberatung S._, zeige sich der Beschuldigte bislang ebenfalls kooperativ.
Seitens der S._ sei er an die Fachstelle Stiftung T._ vermittelt worden,
die sich der beruflichen Integration von Flüchtlingen annehme. Auch dort nehme
der Beschuldigte seine Termine pflichtbewusst wahr. Derzeit absolviere er
Schnuppereinsätze, um ein Praktikum als Coiffeur zu erhalten. Er kümmere sich
zudem um eine prosoziale Freizeitaktivität. So habe er zwei Probetrainings in
einem Zürcher Fussballverein absolviert und warte derzeit auf den Bescheid, ob
er im Club aufgenommen werde. Allgemein zeige er sich seit der Aussetzung der
Unterbringung der Zusammenarbeit mit der Jugendanwaltschaft kooperativ,
anständig und absprachefähig. Seit Mitte Januar 2020 seien zwar von neuem
Strafanzeigen gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft eingegangen, allerdings
keine einschlägigen (Urk. 148/1 S. 2 f.). Der Beschuldigte stehe nach eineinhalb
Jahren stationärer Unterbringung nach wie vor am Anfang seiner prosozialen
Persönlichkeitsentwicklung. Die wiederkehrenden Entweichungen hätten jegliche
Auseinandersetzung mit sich selbst und den begangenen Delikten verunmöglicht.
- 23 -
Das Setting einer stationären Unterbringung scheine den Beschuldigten auf eine
Weise zu belasten, die eine kooperative Zusammenarbeit verunmögliche. Seit der
Sistierung der stationären Unterbringung zeige er sich erstmals kooperativ und
zugänglich. Die Rückmeldungen aus den Themenbereichen Therapie und
Berufsintegration seien bislang positiv. Das Deliktrisiko sei nach wie vor als hoch
einzuschätzen, da sich der Beschuldigte bislang wenig mit den begangenen
Straftaten auseinandersetze. Dennoch sei anzumerken, dass seit Januar 2020
zumindest keine einschlägigen Delikte (Gewalt, Betäubungsmittel) mehr
angezeigt worden seien. Es sei angezeigt die ambulante Behandlung im Sinne
von Art. 14 JStG weiterhin aufrechtzuerhalten und die stationäre Unterbringung
nach Art. 15 JStG aufzuheben (a.a.O., S. 3). Im Rahmen der ambulanten
Therapie hätten in den letzten Wochen erste Fortschritte erzielt werden können.
Die Entwicklung einer prosozialen Identität sowie der Aufbau eines
Risikomanagements und damit die Verringerung des Deliktrisikos benötigten noch
weitere Zeit, weshalb eine Fortführung der ambulanten Behandlung bei Frau
P._ im Q._ weiterhin angezeigt sei. Die stationäre Unterbringung sei
aufgrund der psychischen Belastung für den Beschuldigten und seiner
mangelnden Kooperation indes gänzlich aufzuheben (a.a.O., S. 4).
4.5. Im Bericht des Q._s der Universitätsklinik Zürich vom 6. August 2021
wird zusammenfassend festgehalten, dass trotz der Unzuverlässigkeit des
Beschuldigten und dessen belastender Lebenssituation mit der
psychotherapeutischen Behandlung habe begonnen werden können. Er habe im
Behandlungszeitraum damit angefangen, mehr Verantwortung für die Einhaltung
der Termine und Gesprächsinhalte zu übernehmen. Eine Therapiebedürftigkeit
bestehe weiterhin. Eine Weiterführung der Therapie im wöchentlichen Rhythmus
sei weiterhin indiziert, um am Aufbau einer intrinsischen Motivation zur
Deliktsfreiheit und einer prosozialen Perspektive zu arbeiten. Auch müsse eine
Auseinandersetzung mit den deliktsbegünstigenden Persönlichkeitsanteilen im
therapeutischen Rahmen stattfinden. Um positive und Selbstwert stabilisierende
Erlebnisse auf prosoziale Weise realisieren zu können, müsste der Beschuldigte
beispielsweise eine Arbeitstätigkeit haben. Bis anhin sei seine Suche nach einer
Praktikumsstelle allerdings erfolglos geblieben. In dem kurzen
- 24 -
Behandlungszeitraum habe nicht abschliessend geklärt werden können, wie stabil
die verhaltensrelevanten Fortschritte tatsächlich seien oder ob sich der
Beschuldigte, sofern keine engen juristischen Auflagen bestünden, wieder
vermehrt in Risikosituationen begeben und in alte Verhaltensmuster zurückfalle
(Urk. 157 S. 6).
4.6. Der Beschuldigte opponiert gegen eine Unterbringung und bringt dazu
zusammengefasst vor, die Unterbringung sei nicht erfolgreich gewesen bzw. sie
sei nicht geeignet gewesen, um den Beschuldigten auf einen zukunftsgerichteten
Lebensweg zu bringen. Demgegenüber seien im Rahmen der ambulanten
Massnahme Fortschritte erzielt worden (Urk. 166 S. 8). Die
Oberjugendanwaltschaft, die nunmehr auch einen Verzicht auf die Unterbringung
beantragt, begründet ihren Standpunkt im Wesentlichen unter Hinweis auf den
vorstehend wiedergegebenen Zusatzbericht vom 27. Juli 2021 (Urk. 165 S. 10).
5. Ergebnis
Insbesondere vor dem Hintergrund der schlüssigen Ausführungen im von der
Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt unterm 27. Juli 2021 erstellten Zusatzbericht für
das Gericht betreffend den Verlauf der vorsorglichen Schutzmassnahme seit der
letzten Überprüfung ist eine stationäre Unterbringung offensichtlich nicht geeignet,
um beim Beschuldigten Verhaltensänderungen zu bewirken. Der Beschuldigte
befand sich im Rahmen der Unterbringung mehrfach für längere Zeit auf
Kurvengängen. Es ist zu konstatieren, dass in den letzten rund zwei Jahren im
Rahmen stationärer Settings keinerlei nachhaltige positive Entwicklungen in Gang
gesetzt werden konnten. Demgegenüber zeigt die ambulante Behandlung erste
bescheidene Erfolge und erscheint jedenfalls klar zielführender. In
Übereinstimmung mit den nunmehr gleichlautenden Anträgen der Parteien ist
deshalb von der Anordnung einer Unterbringung abzusehen.
6. Landesverweisung
6.1. Gemäss der Vorinstanz mangelt es aufgrund des Freispruchs des
Beschuldigten vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung an einer
- 25 -
Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB (Urk. 94 S. 59 E. III.D.). Zwar
wurde der Beschuldigte wegen eines Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB
(rechtskräftig) verurteilt, womit – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – eine
Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB vorliegt. Diese Tat beging der
Beschuldigte indes noch vor Vollendung des 18. Altersjahrs. Die nach Vollendung
des 18. Altersjahrs begangene Straftat zum Nachteil des Geschädigten I._ ist
als qualifizierte einfache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1
StGB zu würdigen (vgl. vorstehend E. II.4.). Dabei handelt es sich nicht um eine
Katalogtat im Sinne von Art. 66a StGB. Zu beachten ist, dass die
Oberjugendanwaltschaft für den (nun eingetretenen) Fall einer Verurteilung
wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung eine nicht obligatorische
Landesverweisung beantragt (Urk. 165 S. 13 ff.; vgl. auch die eingangs
erwähnten Anträge).
6.2. Zu prüfen ist im Folgenden, ob der Beschuldigte für die als Jugendlicher
begangene Katalogtat des Angriffs gestützt auf Art. 66a StGB des Landes
verwiesen werden kann bzw. ob der Beschuldigte für seine im Erwachsenenalter
begangene Straftat der qualifizierten einfachen Körperverletzung, die keine
Katalogtat im Sinne von Art. 66a StGB darstellt, gestützt auf Art. 66abis StGB des
Landes verwiesen werden kann. Das Obergericht des Kantons Bern hat sich in
einem jüngeren Urteil ausführlich mit den beiden Fragen auseinandergesetzt, ob
eine Landesverweisung bei Jugendlichen bzw. bei sogenannten Übergangstätern
– Personen, die vor und nach Erreichen der Volljährigkeit delinquiert haben –
ausgesprochen werden darf (Urteil des Obergerichts des Kantons Bern SK 20
292 vom 12. März 2021; abrufbar in der Swisslex-Datenbank
[<www.swisslex.ch>]). Es hat dabei die in der Lehre geäusserten Auffassungen
als auch die in den Materialien enthaltenen Hinweise auf den Willen des
Gesetzgebers eingehend analysiert und kam zum Schluss, dass die
strafrechtliche Landesverweisung weder bei jugendlichen Tätern noch bei
Übergangstätern angeordnet werden darf. Diese Auffassung erweist sich als
zutreffend und verdient Zustimmung.
- 26 -
6.3. Vorauszuschicken ist, dass es sich bei der Landesverweisung primär um
eine sichernde Massnahme handelt (zum Ganzen: Urteil des Obergerichts des
Kantons Bern SK 20 292 vom 12. März 2021 E. 13.2.1., mit Hinweisen; s.a.
BGE 146 IV 311 E. 3.7.)
6.4. Zur Frage der Anwendung der Bestimmungen über die Landesverweisung
bei Jugendstraftätern ist zu bemerken, dass gemäss Lehre und Materialien die
Bestimmungen über die Landesverweisung bei jugendlichen Straftätern nicht zur
Anwendung gelangen. Begründet wird dies namenlich damit, dass das
Jugendstrafrecht nicht als Tatstrafrecht, sondern als Täterstrafrecht konzipiert ist.
Im Vordergrund steht jeweils die Resozialisierung, Erziehung, Förderung und
Integration des jugendlichen Delinquenten. Die Landesverweisung, die sich
grundsätzlich einzig am Delikt orientiert, steht daher dem Grundgedanken des
Jugendstrafrechts entgegen. Weiter ist zu beachten, dass die Aufzählung der
sinngemäss anwendbaren Bestimmungen des StGB in Art. 1 Abs. 2 JStG
abschliessend ist. Dies hat zur Folge, dass die darin nicht aufgeführten
Bestimmungen des StGB im Jugendstrafrecht keine Anwendung finden dürfen.
Die Bestimmungen über die Landesverweisung sind in Art. 1 Abs. 2 JStG nicht
erwähnt. Auf (ausländische) jugendliche Straftäter, d.h. auf Personen, welche die
ihnen vorgeworfenen Straftaten bzw. Katalogtaten allesamt vor Vollendung des
18. Altersjahres begangen haben, finden die Bestimmungen über die
Landesverweisung folglich keine Anwendung (zum Ganzen: Urteil des
Obergerichts des Kantons Bern SK 20 292 vom 12. März 2021 E. 13.2.2., mit
Hinweisen).
6.5. Zur Frage der Anwendung der Bestimmungen über die Landesverweisung
bei Übergangstätern ist einleitend zu bemerken, dass das Jugendstrafverfahren
anwendbar bleibt, sofern es vor Vollendung des 18. Altersjahrs des Beschuldigten
eingeleitet wurde, auch wenn später neue, nach dem 18. Altersjahr begangene
Straftaten hinzukommen. Bei Jugendlichen, die vor und nach dem vollendeten
18. Altersjahr Straftaten begangen haben, ist im Weiteren Art. 3 Abs. 2 JStG zu
beachten. Art. 3 Abs. 2 JStG hält unter anderem fest, dass betreffend Strafen bei
Übergangstätern ausschliesslich das StGB anwendbar ist. Bedarf der Täter
- 27 -
hingegen einer Massnahme, so ist diejenige Massnahme nach dem JStG oder
StGB anzuordnen, welche nach den Umständen erforderlich ist. In Bezug auf
Übergangstäter sprechen sich freilich ZURBRÜGG und HRUSCHKA explizit für eine
Anwendung der Bestimmungen über die Landesverweisung aus, sofern eine nach
Vollendung des 18. Altersjahres begangene Anlasstat vorliegt. Sie argumentieren,
Art. 3 Abs. 2 JStG sehe zwar vor, dass bei Übergangstätern sowohl Massnahmen
nach JStG als auch nach StGB angeordnet werden dürften, gemeint seien damit
aber erzieherische bzw. bessernde Schutzmassnahmen im Sinne von Art. 12 ff.
JStG respektive therapeutische Massnahmen nach Art. 59 ff. StGB. Die
Landesverweisung als "andere Massnahme" werde von dieser Verweisung nicht
erfasst (ZURBRÜGG/HRUSCHKA, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Strafrecht –
Strafgesetzbuch/Jugendstrafrecht, Basler Kommentar, 4. Aufl. 2019, Vor Art. 66a-
66d StGB N 66). Bei genauerer Betrachtung vermag diese Lehrmeinung indes
nicht zu überzeugen: Hätte der Gesetzgeber die Anwendbarkeit der
Bestimmungen über die Landesverweisung bei Übergangstätern vorsehen wollen,
so wäre zu erwarten, dass eine explizite Regelung oder zumindest ein
einschlägiger Verweis (etwa analog Art. 1 Abs. 2 JStG) in das Jugendstrafgesetz
Eingang gefunden hätte. Bei der Umsetzung der Ausschaffungsinitiative wurde
allerdings darauf verzichtet, das Jugendstrafgesetz zu revidieren. Auffallend ist,
dass – im Gegensatz zum Jugenstrafgesetz – das Militärstrafgesetz revidiert und
entsprechende Bestimmungen zur Landesverweisung eingeführt wurden (Art. 49a
ff. MStG [AS 2016 2329 ff., 2334 ff.]; Botschaft vom 26. Juni 2013 zur Änderung
des Strafgesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes [BBI 2013 5975 ff.], 6013 f.).
Dies ist ein Indiz dafür ist, dass der Gesetzgeber das Jugendstrafrecht bewusst
nicht anpasste. Zu beachten ist – auch hier –, dass die Bestimmungen zur
Landesverweisung in der abschliessenden Aufzählung von Art. 1 Abs. 2 JStG
nicht aufgeführt sind. Hinzu kommt, dass Art. 3 Abs. 2 JStG – welche
Bestimmung explizit auf Übergangstäter Bezug nimmt – lediglich hinsichtlich der
Strafen für nach Vollendung des 18. Altersjahrs begangene Taten auf das StGB
verweist. Um eine Strafe im Rechtssinne handelt es sich bei der
Landesverweisung aber nicht, obschon die Landesverweisung von den
betroffenen Straftätern regelmässig als Strafe empfunden wird. Im Weiteren ist zu
- 28 -
beachten, dass gemäss Art. 3 Abs. 2 JStG bei einem Übergangstäter jene
Massnahme aus dem StGB oder dem JStG anzuordnen ist, die nach den
Umständen "erforderlich" ist. Bezweckt werden soll, dass jeweils diejenige
Massnahme zur Anwendung kommt, welche die beste erzieherische bzw.
bessernde Wirkung verspricht, das heisst in Bezug auf den konkreten Täter eben
erforderlich ist. Eine Landesverweisung, die primär eine Sicherungsmassnahme
darstellt, der kein Resozialisierungsgedanke zugrunde liegt, kann keine solche
Wirkung entfalten, womit sie auch nicht im Sinne des Gesetzeswortlauts
erforderlich sein kann. Ob eine Landesverweisung erforderlich ist, wird in erster
Linie aus Sicht der öffentlichen Ordnung und Sicherheit beurteilt, was aber dem
Sinn und Zweck des täterorientierten Jugendstrafrechts bzw. Art. 3 Abs. 2 JStG
widerspricht. Auch wenn für Übergangstäter nicht nur das Jugendstrafrecht
anwendbar ist, so zeigt diese Bestimmung auf, dass eine differenzierte
Behandlung von Übergangstätern und Erwachsenen angezeigt und
gesetzgeberisch gewollt ist. Es mangelt letztlich an einer genügenden
gesetzlichen Grundlage, welche die Anwendung der Bestimmungen zur
Landesverweisung bei Übergangstätern zulassen würde. Dieses
Auslegungsresultat führt zum unbilligen Ergebnis, dass ein Straftäter, der im Alter
von über 18 Jahren ein Katalogdelikt bzw. eine Anlasstat begeht, hinsichtlich
einer drohenden Landesverweisung bevorzugt behandelt wird, wenn er bereits
früher als Jugendlicher strafrechtlich in Erscheinung trat und ein
Jugendstrafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, bevor die Erwachsenendelikte
bekannt wurden. Es obliegt dem Gesetzgeber diesen Umstand (gegebenenfalls)
zu korrigieren (zum Ganzen: Urteil des Obergerichts des Kantons Bern SK 20 292
vom 12. März 2021 E. 13.2.3., mit Hinweisen).
6.6. Aus dem vorstehend Ausgeführten ergibt sich, dass im vorliegenden Fall
die Bestimmungen über die Landesverweisung nicht anwendbar sind. Die von der
Staatsanwaltschaft beantragte Anordnung der Landesverweisung – ob gestützt
auf Art. 66a StGB oder auf Art. 66abis StGB – ist mangels gesetzlicher Grundlage
gar nicht möglich. Damit erübrigt sich auch die Prüfung einer allfälligen
Ausschreibung im SIS.
- 29 -
IV. Strafe
1. Strafrahmen und allgemeine Strafzumessungskriterien
Die Vorinstanz hat sich zunächst zutreffend mit der sich vorliegend stellenden
Problematik der Übergangstäterschaft im Sinne von Art. 3 Abs. 2 JStG
auseinandergesetzt, auf die entsprechenden Ausführungen kann verwiesen
werden (Urk. 94 S. 60 E. IV.A.). Sodann hat sie die allgemeinen
Strafzumessungskriterien zutreffend dargelegt (a.a.O., S. 60-62 E. IV. B. [ohne
zweiter Abschnitt auf S. 61] und C.1.), auf diese Ausführungen kann ebenfalls
verwiesen werden.
2. Konkrete Strafzumessung
2.1. Die Vorinstanz hat übersehen, dass die Strafrahmen der qualifizierten ein-
fachen Körperverletzung und (versuchten) Nötigung identisch sind. Der Straf-
rahmen dieser beiden Straftatbestände erstreckt sich jeweils auf Freiheitsstrafe
von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. Vorliegend erweist sich angesichts des
Verschuldens die versuchte Nötigung zum Nachteil des Geschädigen I._ als
schwerste Tat, womit die Vorinstanz im Ergebnis zu Recht ausgeführt hat, es sei
zunächst eine Einsatzstrafe für die versuchte Nötigung zum Nachteil des
Geschädigten I._ festzusetzen (Urk. 94 S. 62 E. IV.B.).
2.2. Was die objektive Tatschwere der versuchten Nötigung zum Nachteil des
Geschädigten I._ betrifft, so ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte in
"Mafiamanier" ein Schmetterlingsmesser mit einer Klingenlänge von ca. 8 cm zur
Nötigung eingesetzt hat, das er dem Geschädigten I._ präsentiert und ohne
Skrupel nahe an den Körper gehalten hat. Der Beschuldigte verwendete mit
anderen Worten eine verbotene Waffe und der von ihm in Aussicht gestellte
Nachteil betraf Leib und Leben, d.h. das höchste von der Rechtsordnung
geschützte Rechtsgut. Die Nötigungshandlung ist als massiv zu bezeichnen. Hält
man sich das ganze Spektrum von Nötigungen vor Augen, so ist von einem mitt-
leren Tatverschulden auszugehen. Was die subjektive Tatschwere betrifft, so ist
zu bemerken, dass der Beschuldigte direktvorsätzlich gehandelt hat. Er hat seine
- 30 -
Tat geplant und bewusst das erwähnte Messer an den Tatort mitgenommen, um
es als Nötigungsmittel einzusetzen. Der Beschuldigte bezweckte, das aus seiner
Sicht wertvolle Marihuana mit einem Gassenwert von mehreren Tausend
Franken, für dessen (illegalen) Erwerb ihm die finanziellen Mittel fehlten, ohne
Bezahlung zu erlangen. Er handelte aus verwerflichen Beweggründen. Es ist eine
erhebliche kriminelle Energie auszumachen. Indes ist gestützt auf das Gutachten
der Psychiatrischen Universitätsklink Zürich vom 30. Oktober 2019 von einer im
Tatzeitpunkt leicht eingeschränkten Steuerungsfähigkeit infolge des
Marihuanakonsums und von einem Reifedefizit auszugehen (Urk. 30/6 S. 36),
was zugunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen ist. Es liegen – entgegen
der Vorinstanz (Urk. 94 S. 63 E. IV.C.2.1.1.) – keine Gründe vor, das jugendliche
Alter des Beschuldigten (zusätzlich zum Reifedefizit) zu berücksichtigen (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 6B_210/2017 vom 25. September 2017 E. 1.4.).
Insgesamt vermag die subjektive Tatschwere die objektive nicht zu relativieren.
Es ist von einem mittleren Tatverschulden auszugehen. Gestützt auf die objektive
und subjektive Tatschwere ist bei einem Strafrahmen von bis zu drei Jahren
Freiheitsstrafe eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten angemessen. Diese
Einsatzstrafe erweist sich im Übrigen auch deshalb als adäquat, weil die
Handlung des Beschuldigten eine gewisse Ähnlichkeit mit einem bewaffneten
Raub im Sinne von Art. 140 Ziff. 2 StGB aufweist, für welchen Straftatbestand
eine Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitsentzug im Gesetz vorgesehen ist,
worauf die Oberjugendanwaltschaft an der Berufungsverhandlung zutreffend
hingewiesen hat (Urk. 165 S. 12). Betreffend die Täterkomponenten ist zunächst
zu bemerken, dass sich den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten nichts
entnehmen lässt, was für die Strafzumessung relevant wäre. Im Tatzeitpunkt war
der Beschuldigte nicht vorbestraft, welcher Umstand strafzumessungsneutral zu
würdigen ist. Der Beschuldigte zeigte sich, was den äusseren Sachverhalt betrifft,
im Verlaufe der Untersuchung zwar geständig; dies jedoch erst, als die Beweislast
erdrückend war und nachdem er den Vorwurf anfänglich abgestritten hatte (vgl.
Urk. 14/4 S. 3 ff., Urk. 14/5 S. 6 ff., Urk. 14/14 S. 2 ff.), weshalb das Geständnis
bloss leicht zu seinen Gunsten zu berücksichtigen ist. Er hat zu keinem Zeitpunkt
auf glaubhafte Weise Reue oder Einsicht an den Tag gelegt (vgl. Urk. 14/14 S. 2
- 31 -
ff., Urk. 164 S. 20 ff.; Prot. I S. 20 f.). Der Beschuldigte beging die Nötigung in
Kenntnis der schon laufenden Strafuntersuchung (anstelle vieler: Urk. 12/1,
Urk. 29/1), und er hat während des hängigen Gerichtsverfahrens drei neue
Verurteilungen erwirkt, die zwar nicht einschlägig sind und keine gravierenden
Delikte betreffen (Urk. 145, 150, 153 und 161), sich aber dennoch deutlich straf-
erhöhend auswirken. Die gestützt auf das Verschulden festgesetzte Einsatzstrafe
von 14 Monaten Freiheitsstrafe ist angesichts der Täterkomponenten auf
16 Monate Freiheitsstrafe zu erhöhen. Zu berücksichtigen ist noch, dass die Tat
sich im Versuch erschöpfte, was indes einzig auf den hartnäckigen, stark
überdurchschnittlichen Widerstand des Geschädigten zurückzuführen ist. Vor
diesem Hintergrund ist die Strafe um einen Monat zu reduzieren. Für die
versuchte Nötigung zum Nachteil von I._ ist nach dem Gesagten eine
Einsatzstrafe von 15 Monaten Freiheitsstrafe angemessen.
2.3. Im Rahmen der Festsetzung der Einsatzstrafe für die qualifizierte einfache
Körperverletzung zum Nachteil von I._ ist mit Blick auf die objektive
Tatschwere zu bedenken, dass der Beschuldigte ein Schmetterlingsmesser
verwendet hat. Bei der Strafzumessung darf wegen des sogenannten Doppel-
verwertungsverbots nicht unbesehen auf diesen Umstand abgestellt werden, da
der Straftatbestand der qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 StGB ohnehin den Einsatz von Gift, einer Waffe oder eines
gefährlichen Gegenstands voraussetzt (vgl. BGE 142 IV 14 E. 5.4., mit
Hinweisen). Festzuhalten ist aber, dass ein Schmetterlingsmesser nicht das am
wenigsten gefährliche Tatmittel nach diesem Straftatbestand ist. Die Verletzungen
des Geschädigten I._ sind – auch in der Bandbreite der denkbaren einfachen
Körperverletzungen – als geringfügig zu bezeichnen. Die objektive Tatschwere ist
als leicht einzustufen. Hinsichtlich der subjektiven Tatschwere ist zu bemerken,
dass der Beschuldigte eventualvorsätzlich gehandelt hat. Er handelte aus
verwerflichen Gründen. Es wäre ihm ohne Weiteres zuzumuten gewesen, dass
von ihm bewusst an den Tatort mitgebrachte Messer fallen zu lassen, als sich der
Geschädigte I._ zu wehren begann. Auch hier ist zu berücksichtigen, dass
zugunsten des Beschuldigten von einer im Tatzeitpunkt leicht verminderten
Steuerungsfähigkeit und von einem Reifedefizit auszugehen ist (siehe dazu vorne
- 32 -
E. IV.2.2.). Die subjektive Tatschwere vermag die objektive nicht zu relativieren.
Das Verschulden ist insgesamt als leicht zu qualifizieren. Angesichts des
Strafrahmens, der sich auf bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe erstreckt, ist eine
Einsatzstrafe von sechs Monaten Freiheitsstrafe angezeigt. Hinsichtlich der
Täterkomponenten kann auf die entsprechenden bereits gemachten
Ausführungen (siehe dazu vorne E. IV.2.2.) verwiesen werden. Die gestützt auf
das Verschulden festgesetzte Einsatzstrafe von sechs Monaten ist um zwei
Monate auf acht Monate zu erhöhen. Die so ermittelte Einsatzstrafe von acht
Monaten Freiheitsstrafe ist im Rahmen der Asperation im Umfang von fünf
Monaten zu berücksichtigen (vgl. dazu auch den nächsten Abschnitt).
2.4. Was die Würdigung der übrigen, bereits rechtskräftigen Schuldsprüche
unter dem Blickwinkel der Strafzumessung (Festsetzung der Einsatzstrafen,
Berücksichtigung der Einsatzstrafen bei der Asperation) anbelangt, so erweist
sich die Abhandlung der Vorinstanz als zutreffend und angemessen, weshalb auf
die diesbezüglichen Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 94 S. 67 ff.
E. IV.C.2.3. ff.) verwiesen werden kann. Die Gesamtstrafe für den
Anklagesachverhalt 6 ist in Anwendung des Asperationsprinzips wie folgt zu
ermitteln: Einsatzstrafe von 15 Monaten für die versuchte Nötigung, Erhöhung um
5 Monate für die qualifizierte Körperverletzung zum Nachteil von I._,
Erhöhung um 10 Tage für die Widerhandlung gegen das Waffengesetz und
Erhöhung um 20 Tage für das Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz, was
eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten ergibt. Diese Freiheitsstrafe ist gestützt auf
die weiteren Einsatzstrafen – insoweit mit der Vorinstanz (vgl. dazu Urk. 94 S. 75
f. E. IV.C.5.) – in Anwendung des Asperationsprinzips um vier Monate (120 Tage)
zu erhöhen. Daraus ergibt sich eine Gesamtfreiheitsstrafe von 25 Monaten. Für
die Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes ist – wie die Vorinstanz richtig
ausgeführt hat (Urk. 94 S. 68 f. E. IV.C.2.5.) – zusätzlich eine Busse von Fr. 100.-
- auszusprechen.
3. Auszufällende Strafe sowie Anrechnung von Haft und Unterbringung
- 33 -
3.1 In Würdigung aller relevanten Strafzumessungsgründe ist der Beschuldigte
mit einer Freiheitsstrafe von 25 Monaten und einer Busse von Fr. 100.-- zu be-
strafen.
3.2 Mit heutigem Urteil wird auf die Anordnung einer Unterbringung verzichtet.
Aus diesem Grund sind die vom Beschuldigten in der vorsorglichen Unterbringung
und in Haft verbrachten Tage auf die Freiheitsstrafe anzurechnen (vgl. Art. 32
JStG; BGE 137 IV 7 E. 1.6.2.). Die Oberjugendanwaltschaft vertritt den
Standpunkt, es seien dem Beschuldigten die in vorsorglicher Unterbringung
verbrachten 666 Tage – unter Abzug der 214 Tage, an denen der Beschuldigten
entwichen war – vollumfänglich auf die Freiheitstrafe anzurechnen. Gemäss
Berechnung der Oberjugendanwaltschaft sind dem Beschuldigten insgesamt 485
Tage (452 Tage Unterbringung und 33 Tage Haft) anzurechnen, welcher
Berechnung sich die Verteidigung angeschlossen hat (Prot. II S. 16), Da die
Berechnung der Oberjugendanwaltschaft sich mit dem aus den Akten ergebenden
Bild deckt, sind Unterbringung und Haft unter Abzug der Entweichungen (vgl.
BGE 142 IV 359 [Pra 2017 Nr. 75] E. 2.5.) gemäss dem gleichlautenden
Standpunkt der Parteien anzurechnen. Nach dem Gesagten ist der Beschuldigte
mit einer Freiheitsstrafe von 25 Monaten, wovon 452 Tage durch Unterbringung
und 33 Tage Untersuchungshaft erstanden wurden, sowie mit einer Busse von
Fr. 500.-- zu bestrafen.
V. Vollzug
Was den Vollzug der auszufällenden Strafe betrifft, kann ebenfalls auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 94 S. 76 f. E.
V.). Zu ergänzen ist, was folgt: Eine Verurteilung zu einer bedingten Strafe nach
Art. 42 StGB oder zu einer teilbedingten Strafe nach Art. 43 StGB verlangt das
Fehlen einer ungünstigen Prognose. Wird eine stationäre oder ambulante
Massnahme angeordnet, ist diese Voraussetzung im Vornherein nicht gegeben.
Die Anordnung einer Massnahme bedeutet zugleich eine ungünstige Prognose
und schliesst demnach den bedingten oder teilbedingten Aufschub einer Strafe
aus (BGE 135 IV 180 [Pra 2010 Nr. 44] E. 2.3.; Urteil des Bundesgerichts
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6B_223/2016 vom 8. September 2016 E. 3.3, mit Hinweisen). Vorliegend ist die
Anordnung der Massnahme bereits rechtskräftig geworden, womit die Gewährung
des (teil-)bedingten Vollzugs ausser Betracht fällt. Ergänzend dazu ist
festzuhalten, dass der Beschuldige nach Fällung des vorinstanzlichen Urteils
erneut drei Mal straffällig wurde (Urk. 145, 150, 153 und 161). Diese Straftaten
sind – wie erwähnt – nicht als gravierend zu bezeichnen. Die wiederholte
Delinquenz zeigt aber, dass der Beschuldigte nicht gewillt ist, sich an die
Rechtsordnung zu halten, Im Übrigen förderte die Befragung des Beschuldigten
an der Berufungsverhandlung nichts zu Tage, was auf eine günstige Prognose
schliessen lassen würde. Der Beschuldigte beabsichtigt zwar, ein Praktikum als
Coiffeur zu machen; einen schriftlichen Vertrag hat er aber bislang nicht
unterzeichnet (Urk. 164 S. 6; s.a. Urk. 148/1 S. 3, Urk. 157 S. 2). Das Bild der
Antworten des Beschuldigten an der Befragung zeigt ferner, dass er Sinn und
Nutzen einer Lehre nicht erkennt (Urk. 164 S. 7). Aufgrund des Vorstehenden ist
vorliegend – entgegen dem eingangs erwähnten Antrag der
Oberjugendanwaltschaft – der unbedingte Vollzug der Freiheitsstrafe anzuordnen.
Es liegen keine Anhaltspunkte für einen Fall vor, wo es sich rechtfertigen würde,
in Anwendung von Art. 32 Abs. 4 JStG den Vollzug der Freiheitsstrafe zugunsten
der ambulanten Behandlung aufzuschieben. Die ambulante Behandlung kann
ohne Weiteres vollzugsbegleitend erfolgen. Abschliessend ist zu bemerken, dass
dem Beschuldigten – sollte er dereinst tatsächlich eine Lehr- oder
Praktikumsstelle als Coiffeur antreten können – nicht im Vornherein die berufliche
Perspektive verbaut ist (vgl. Art. 77a StGB).
VI. Kosten
1. Vorinstanzliches Verfahren
Die im angefochtenen Entscheid getroffene Kosten- und Entschädigungsregelung
blieb unangefochten (vgl. dazu vorne E. I.2.).
- 35 -
2. Berufungsverfahren
2.1 Die Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.-- festzusetzen (vgl.
Art. 44 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 der
Gebührenverordnung des Obergerichts). Die Kosten im Rechtsmittelverfahren
tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 44
Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei im
Rechtsmittelverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon ab, in
welchem Ausmass ihre vor Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht gestellten
Anträge gutgeheissen wurden (DOMEISEN, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger [Hrsg.],
Strafprozessordnung/ Jugendstrafprozessordnung, Basler Kommentar, 2. Aufl.
2014, Art. 428 N 6).
2.2 Die Oberjugendanwaltschaft richtete sich mit ihrer Berufung anfänglich unter
anderem gegen diverse vorinstanzliche Freisprüche, wobei sie später hinsichtlich
mehrerer Freisprüche ihre Berufung zurückzog und – was die Schuldpunkte
betrifft – nur noch eine andere rechtliche Würdigung der Körperverletzung zum
Nachteil des Geschädigten I._ verlangte. Zudem beantragte sie durchwegs
eine strengere Bestrafung des Beschuldigten, die Anordnung des teilbedingten
Vollzugs und die Anordnung einer Landesverweisung. Der Beschuldigte richtete
sich mit seiner Anschlussberufung gegen den von der Vorinstanz angeordneten
Vollzug der Freiheitsstrafe und die von der Vorinstanz angeordnete Unterbringung
(vgl. dazu schon vorne E. I.1.6. und E. I.2. sowie E. III.4.6.). Angesichts des
heutigen Verfahrensausgangs obsiegt die Oberjugendanwaltschaft nur im
Zusammenhang mit der Sanktion des Beschuldigten (klar) überwiegend. Vor
diesem Hintergrund rechtfertigt es sich, die Kosten des Berufungsverfahrens zu
1/5 dem Beschuldigten aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu
nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren
(zur Höhe der Entschädigung, siehe nächster Abschnitt) sind auf die
Gerichtskasse zu nehmen, wobei eine Rückerstattungspflicht gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO (i.V.m. Art. 25 Abs. 2 JStPO) im Umfang von 1/5 vorbehalten zu
bleiben hat.
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2.3 Der seitens der amtlichen Verteidigung geltend gemachte Aufwand von
Fr. 7'108.65 (inkl. Barauslagen und MwSt.) ist grundsätzlich ausgewiesen und
erscheint angemessen. Da die Berufungsverhandlung kürzer ausfiel, als die
Verteidigung in ihrer Honorarnote als Schätzung zugrunde gelegt hatte
(vgl. Urk. 160 S. 2; Prot. II S. 8 und 20), ist die Entschädigung pauschal auf
Fr. 6'800.-- festzusetzen. Demgemäss ist Rechtsanwalt lic. iur. X._ für seine
Aufwendungen im Berufungsverfahren pauschal und gesamthaft mit Fr. 6'800.--
(inkl. Barauslagen und MwSt.) zu entschädigen.
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