# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9914d5fc-5b18-57c7-87cc-4778e0358446
**Court:** AR_OG
**Chamber:** AR_OG_003
**Year:** 2021
**Language:** de
**Jurisdiction:** AR / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1963 geborene A. meldete sich am 12. August 2002 wegen eines vertebra-
len Schmerzsyndroms zur Hauptsache der Lendenwirbelsäule mit Spinalkanalstenose, re-
zidivierenden Knieschmerzen beidseits sowie eines Status nach Quadricepssehnenrisses
linker Oberschenkel bei der IV-Stelle St. Gallen zum Bezug von Invalidenleistungen (Um-
schulung auf eine neue Tätigkeit) an (IV-act. 3.1-118ff/129). Am 5. Dezember 2003 wurde
A. mitgeteilt, dass er – aus psychiatrischer Sicht – seit 25. März 2003 in seiner Arbeits-
fähigkeit eingeschränkt sei und aufgrund der noch nicht abgelaufenen Wartezeit von einem
Jahr zurzeit noch kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe (IV-act. 3.1-56/129 und IV-
act. 3.1-58/129). Mit Verfügung vom 24. Juni 2004 sprach ihm die IV-Stelle ab 1. März 2004
eine ganze Invalidenrente (Invaliditätsgrad: 100%) zu (IV-act. 3.1-31/129). Die von A.
gegen den Rentenbeginn erhobene Einsprache wurde mit Einspracheentscheid vom
1. September 2004 abgewiesen (IV-act. 3.1-26/129 und IV-act. 3.1-18ff./129).
B. In den Jahren 2007, 2010 und 2015 bestätigte die IV-Stelle St. Gallen beziehungsweise
aufgrund Verlegung des Wohnsitzes die IV-Stelle Appenzell Ausserrhoden A., dass
mangels rentenbeeinflussender Änderungen weiterhin Anspruch auf die bisherige Invali-
denrente bestehe (IV-act. 3.1-1/129, IV-act. 6 und IV-act. 14).
C. Am 7. September 2017 leitete die IV-Stelle St. Gallen erneut von Amtes wegen ein
Revisionsverfahren ein (IV-act. 16.27-7/15). Gestützt auf die Akten und den Bericht der
Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), Dr. B., Fachärztin Psychiatrie und Psy-
chotherapie, kündigte die infolge Wohnsitzwechsels nunmehr zuständig gewordene IV-
Seite 3
Stelle Appenzell Ausserrhoden A. mit Vorbescheid vom 30. September 2019 an, die Ver-
fügung vom 24. Juni 2004 werde wiedererwägungsweise aufgehoben und die Rente nach
Zustellung der Verfügung auf Ende des folgenden Monats aufgehoben (IV-act. 21, IV-act.
20 und IV-act. 24). Dagegen erhob A. am 18. Oktober 2019 telefonisch sowie schriftlich
Einwand (IV-act. 25, IV-act. 26 und IV-act. 29). Mit Verfügung vom 28. November 2019 hielt
die IV-Stelle an ihrem Vorbescheid fest und hob die Verfügung vom 24. Juni 2004 wieder-
erwägungsweise auf. Zudem wurde der Beschwerde gegen diese Verfügung die aufschie-
bende Wirkung entzogen (IV-act. 32).
D. Gegen die Verfügung vom 28. November 2019 liess A. am 9. Januar 2020 mit den ein-
gangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell Ausser-
rhoden erheben (act. 1). Mit Verfügung vom 13. Februar 2020 hiess der Einzelrichter des
Obergerichts das Gesuch von A. im Verfahren ERV 20 7 um unentgeltliche Rechtspflege
und unentgeltliche Verbeiständung im Verfahren O3V 20 1 gut (act. 4). Die IV-Stelle bean-
tragte mit Vernehmlassung vom 26. März 2020 die Abweisung der Beschwerde (act. 6).
E. Der Beschwerdeführer verzichtete mit Eingabe vom 8. April 2020 auf eine Replik (act. 9).

## Considerations

Erwägungen
1. Formelles
1.1
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Ver-
sicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche
Zuständigkeit ist nach Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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1.2
Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2)
kann das Obergericht zur Bewältigung der aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen
auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Ent-
scheide, die auf dem Zirkularweg gefällt werden, bedürfen der Einstimmigkeit (Art. 52 Abs.
2 JG). Da vorliegend keine Durchführung einer Verhandlung vorgeschrieben ist und die
Parteien auf die Durchführung einer solchen stillschweigend verzichteten, hat das Oberge-
richt den vorliegenden Entscheid im Zirkularverfahren gefällt.
2. Materielles
2.1
2.1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit
oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög-
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1
ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsun-
fähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs. 2 ATSG).
2.1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche
Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 8 ATSG be-
wirken. Nach der Rechtsprechung ist bei psychischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein
psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Per-
son auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Er-
werbseinkommen zu erzielen (BGE 139 V 547 E. 5; BGE 131 V 49 E. 1.2; Urteil des Bun-
desgerichts 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E. 5.4).
Eine rentenbegründende Invalidität setzt eine psychiatrische, lege artis gestellte Diagnose
voraus (BGE 143 V 409 E. 4.5.2; BGE 141 V 281 E. 2). Zur Annahme einer Invalidität
braucht es ein medizinisches Substrat, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird
und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich einschränkt (Ur-
Seite 5
teil des Bundesgerichts 9C_725/2018 vom 6. März 2019 E. 5.3.1 mit Hinweisen). In jedem
Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit unabhängig von der diagnosti-
schen Einordnung eines Leidens und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen
und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die Frage, ob es der versicherten
Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen, was sich nach einem weitgehend
objektivierten Massstab beurteilt (BGE 143 V 409 E. 4.2.1 mit Hinweisen).
Ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden kann nur gegeben sein, wenn das
klinische Beschwerdebild nicht einzig in psychosozialen und soziokulturellen Umständen
seine Erklärung findet, sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasst. Je
stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten
und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festge-
stellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. In diesem Sinne verselb-
ständigte Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unab-
dingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 127 V 294 E. 5a;
BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1. und E. 4.3.3; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_648/2017
vom 20. November 2017 E. 2.3.1. und E. 3.2.4.1).
2.1.3
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% besteht ein Anspruch auf eine Viertels-
rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% auf eine halbe Rente, bei einem In-
validitätsgrad von mindestens 60% auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 70% auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
2.1.4
Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige Ver-
fügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind
und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist.
Voraussetzung einer Wiedererwägung ist – nebst der erheblichen Bedeutung der Berichti-
gung –, dass kein vernünftiger Zweifel an der Unrichtigkeit der Verfügung besteht. Dieses
Erfordernis ist in der Regel erfüllt, wenn eine Leistungszusprache aufgrund falscher Rechts-
regeln erfolgt ist oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt
wurden. Ob dies zutrifft, beurteilt sich nach der bei Erlass der Verfügung bestandenen
Sach- und Rechtslage, einschliesslich der damaligen Rechtspraxis (BGE 140 V 77 E. 3.1
mit Hinweisen; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 58ff. zu Art. 53 ATSG).
Anders verhält es sich, wenn der Wiedererwägungsgrund im Bereich materieller An-
spruchsvoraussetzungen liegt, deren Beurteilung notwendigerweise Ermessenszüge auf-
https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=06.03.2019_9C_725-2018 https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=BGE-127-V-294 https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=20.11.2017_9C_648-2017
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weist. Erscheint die Beurteilung einzelner Schritte bei der Feststellung solcher Anspruchs-
voraussetzungen (Invaliditätsbemessung, Arbeitsunfähigkeitsschätzung, Beweiswürdigung,
Zumutbarkeitsfragen) vor dem Hintergrund der Sach- und Rechtslage, wie sie sich im Zeit-
punkt der rechtskräftigen Leistungszusprechung darbot, als vertretbar, scheidet die An-
nahme zweifelloser Unrichtigkeit aus (Urteil des Bundesgerichts 9C_530/2017 vom 23.
März 2018 E. 5.1).
2.1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall
das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind
die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Ar-
beitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4; BGE 140
V 193 E. 3.2).
2.1.6
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialver-
sicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies,
dass das Sozialversicherungsgericht die Beweismittel unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unter-
lagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbeson-
dere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht
erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben,
warum es auf die eine und nicht die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351
E. 3a). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die ge-
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung
der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten be-
gründet sind (134 V 231 E. 5.1).
Seite 7
2.2
2.2.1
Die IV-Stelle begründet die wiedererwägungsweise Aufhebung der Verfügung vom 24. Juni
2004 damit, dass die Erstzusprache der Rente mangels genügender medizinischer Abklä-
rung unrichtig gewesen sei. Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) habe nicht ausgeführt,
weshalb die Diagnose einer mittelgradigen Depression zu einer vollen Arbeitsunfähigkeit in
jeglicher Tätigkeit führen solle. Sodann sei die Abklärungspflicht ungenügend wahrgenom-
men worden, da dem Hinweis auf eine selbständige Autohandelstätigkeit des Beschwer-
deführers nicht weiter nachgegangen worden sei. Gemäss dem RAD seien aktuell keine
weiteren medizinischen Abklärungen notwendig. Der Beschwerdeführer sei in der Tätigkeit
als Textilangestellter zu 90 – 100% arbeitsfähig und in einer rückenangepassten Tätigkeit
zu 100%. Entsprechend liege keine Erwerbseinbusse vor und Rentenleistungen seien ab-
zuweisen. Der aktuelle Bericht von Dr. C. ändere nichts am bisherigen medizinischen
Sachverhalt (act. 2.2). In der Vernehmlassung ergänzte die IV-Stelle, die zweifellose Un-
richtigkeit sei auch darin begründet, dass kein austherapierter Zustand vorgelegen habe.
Es sei nicht auf das Ergebnis der Behandlung des Beschwerdeführers gewartet und keine
Differenzierung bezüglich angestammter und adaptierter Tätigkeit vorgenommen worden.
Im Rahmen der aktuellen Revision seien Abklärungen zur selbständigen Autohandelstätig-
keit des Beschwerdeführers vorgenommen worden, was zu einer Strafanzeige gegen ihn
geführt habe. Sofern erforderlich, seien die Strafakten bei der Staatsanwaltschaft anzufor-
dern (act. 6).
2.2.2
Der Beschwerdeführer lässt einwenden, dass die Interpretation der medizinischen Grundla-
gen zum Zeitpunkt der Rentenzusprache sicherlich vertretbar gewesen sei, zumal keine
Ungereimtheiten oder Widersprüche erkennbar seien (act. 1/7). Nach damaliger Verwal-
tungs- und Rechtspraxis seien die gesundheitlichen Verhältnisse genügend abgeklärt wor-
den. Zudem habe die heute involvierte RAD-Ärztin die Frage, ob die medizinische Beurtei-
lung beim Erstentscheid zweifellos unrichtig gewesen sei, nicht bejaht und es sei ferner zu
berücksichtigen, dass die damals erfolgte ärztliche Beurteilung Ermessenszüge aufweise,
die es heute zu respektieren gelte (act. 1/8). Falls von einer Wiedererwägung auszugehen
sei, könne angesichts der Aktenbeurteilungen der RAD-Ärztin nicht von einem richtig und
vollständig festgestellten medizinischen Sachverhalt ausgegangen werden (act. 1/9). Im
Übrigen wären Eingliederungsmassnahmen zu prüfen gewesen, bevor die Rentenleistun-
gen eingestellt worden seien (act. 1/11).
Seite 8
2.3
Vorliegend ist unbestritten, dass die IV-Stelle trotz langer Dauer des Leistungsbezugs des
Beschwerdeführers grundsätzlich befugt ist, auf die Verfügung vom 24. Juni 2004 wieder-
erwägungsweise zurückzukommen (BGE 140 V 514 E. 3; Urteil des Bundesgerichts
8C_680/2017 vom 7. Mai 2018 E. 4.1). Zeitliche Vergleichsbasis zu den mit Verfügung vom
28. November 2019 beurteilten Verhältnissen bildet demzufolge die Situation, wie sie zur-
zeit der ursprünglichen Rentenzusprache bestand.
Strittig und zu prüfen ist in einem ersten Schritt, ob die IV-Stelle die Verfügung vom 24. Juni
2004 zu Recht wiedererwägungsweise aufgehoben hat. Umstritten ist dabei in erster Linie,
ob die IV-Stelle dannzumal den rechtserheblichen Sachverhalt hinreichend abgeklärt hat.
2.4
Im Rahmen der ursprünglichen Rentenzusprache lagen folgende Unterlagen vor:
2.4.1
Dr. D., diagnostizierte im Arztbericht vom 27. August 2002 ein seit Anfang 2002 bestehen-
des vertebrales Schmerzsyndrom und Knieschmerzen beidseits und führte weiter aus, dass
die psychische Verfassung gegenwärtig schwer beeinträchtigt sei wegen finanziellen Nöten
und einem Konflikt beziehungsweise Kündigung mit/durch den bisherigen Arbeitgeber (IV-
act. 3.1-105ff/129).
2.4.2
Im Bericht des Spital E., Fachbereich Rheumatologie und Rehabilitation, vom 6. September
2002 wurde die Diagnose eines linksbetonten lumbospondylogenem Schmerzsyndrom, de-
generative Wirbelsäulen-Veränderungen und psychosoziale Belastungssituation gestellt.
Weiter wurde festgestellt, dass zwar degenerative Veränderungen der Lendenwirbelsäule
bestehen, jedoch keine Beeinträchtigung nervaler Strukturen. Es entstehe der Eindruck,
dass die Rückenschmerzen doch erheblich durch eine psychosomatische Komponente
mitbeeinflusst werden. Es werde eine IV-Umschulung empfohlen (IV-act. 3.1-98ff/129). Im
Arztbericht vom 14. Oktober 2002 wurde ergänzend ausgeführt, dass die bisherige Tätig-
keit aufgrund des Auftretens von Rückenschmerzen nicht mehr zumutbar sei. In einer an-
deren Tätigkeit, d.h. in einer rückenschonenden, körperlich nicht allzu anstrengenden oder
monotonen Tätigkeit, sei der Beschwerdeführer zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 3.1-95/129).
Seite 9
2.4.3
Gemäss dem Arztbericht der Klinik F. vom 17. März 2003 befand sich der Beschwerdefüh-
rer vom 28. Januar 2003 bis 18. Februar 2003 in einem stationären Aufenthalt. Es wurde
ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom linksbetont mit/bei degenerativen Verände-
rungen der Lendenwirbelsäule, knöchernem Spinalkanaleinengung L2 bis S1 ohne Ner-
venwurzelkompression, Instabilität oder Spinalkanalstenose und eine Ruptur des M. rectus
femoris links diagnostiziert (IV-act. 3.1-75/129). Die bisherige Tätigkeit wurde als noch zu-
mutbar erachtet und auch in einer anderen Tätigkeit im Sinne einer leichten wechselbe-
lastenden Arbeit mit Heben von Gewichten bis 15 kg (selten) sei der Beschwerdeführer zu
100% arbeitsfähig (IV-act. 3.1-78f/129).
2.4.4
Im Schlussbericht des Fachmitarbeiters Eingliederung vom 24. März 2003 wurde zur
gegenwärtigen Situation ausgeführt, dass der Beschwerdeführer nach der Kündigung aus
wirtschaftlichen Gründen selbständig erwerbstätig sei und eine GmbH gegründet habe (An-
und Verkauf von Autos). Der Beschwerdeführer könne sich nicht auf dem RAV anmelden,
weil er selbständig sei, sei aber bereit, sofort neben seiner Tätigkeit eine Anstellung anzu-
nehmen. Dem Beschwerdeführer sei der Fallabschluss angekündigt worden, da er zu 100%
arbeitsfähig sei (IV-act. 3.1-74/129).
2.4.5
Dr. G., Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, und H., dipl. Psychologe IAP, Klinik
I., stellten im Arztbericht vom 20. Oktober 2003 folgende Diagnosen: rezidivierende de-
pressive Störung (ICD-10: F33.11) seit März 2003, chronisches lumbospondylogenes Syn-
drom und unklare Hemisymptomatik links (IV-act. 3.1-60/129). Der Beschwerdeführer habe
sich vom 3. September 2003 bis 30. September 2003 zur stationären Behandlung in der
psychosomatischen Abteilung der Klinik I. aufgehalten. Aktuell beständen die therapeuti-
schen Massnahmen in einer psychopharma-kologischen antidepressiven Therapie sowie
psychotherapeutischen Gesprächen (IV-act. 3.1-61/129). Weiter wurde ausgeführt, dass in
der momentanen depressiven Phase die bisherige Tätigkeit wegen Konzentrations- und
Antriebsstörungen, Stimmungsschwankungen und rascher Ermüdbarkeit nicht zumutbar
sei. Andere Tätigkeiten seien dem Beschwerdeführer nicht zumutbar, weil die Kombination
der körperlichen zusammen mit der depressiven Störung in näherer Zukunft nicht an eine
Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit denken lasse (IV-act. 3.1-62f/129).
Seite 10
2.4.6
Im Austrittsbericht der Klinik I. vom 31. Oktober 2003 wurden die Diagnosen einer
mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F 32.11), chronisches Lumbovertebral-syn-
drom sowie unklare sensomotorische Hemisymptomatik links gestellt. Der Beschwerde-
führer befinde sich in einer deutlich depressiven Lage und werde als weiterhin ganz ar-
beitsunfähig eingeschätzt (IV-act. 16.28-49ff/78).
2.4.7
Im Verlaufsbericht vom 11. März 2004 stellten Dr. G. und H., Dipl. Psychologe FH, einen
stationären Gesundheitszustand fest und gingen von einer unveränderten Diagnose aus.
Es bestehe weiterhin eine mittelschwere depressive Störung mit motivationalen Defiziten,
Antriebs- und Konzentrationsstörungen sowie deutlicher Anhädonie und gedrückter Stim-
mungslage. Die therapeutischen Massnahmen beständen fort. Prognostisch dürfte es sich
beim gegenwärtigen Erkenntnisstand um einen chronifizierenden Prozess handeln (IV-act.
3.1-54/129).
2.4.8
Die damalige Rentenzusprache basierte somit in medizinischer Hinsicht auf der Ein-
schätzung des Facharztes Dr. G. und des Psychologen H., wonach eine mittelgradige de-
pressive Episode seit März 2003 und in bisheriger Tätigkeit eine 100%-ige Arbeitsunfähig-
keit bestehe (IV-act. 3.1-60ff/129; IV-act. 3.1-54/129 und vgl. auch IV-act. 3.1-19/129). Dem
Arztbericht vom 20. Oktober 2003, dem Austrittsbericht der Klinik I. vom 31. Oktober 2003
wie auch dem Verlaufsbericht vom 11. März 2004 lagen eine Anamnese, die Erkenntnisse
aus dem stationären Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Klinik I. sowie die Angaben
aus den begleitenden psychotherapeutischen Gesprächen zugrunde (IV-act. 3.1-60ff/129;
IV-act. 16.28-49ff/78 und IV-act. 3.1-54/129). Das Beschwerdebild des Beschwerdeführers
war damals – wie auch die Klinik I. beziehungsweise Dr. G. feststellte – stark durch psy-
chosoziale Faktoren (Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle Sorgen, Verlust der Lebens-
partnerin, diverse Entmutigungserlebnisse) geprägt (IV-act. 16.28-50/78 und IV-act. 3.1-
61/129). Diese wurden in der Folge aber nicht nachvollziehbar von der psychischen
Störung separiert beziehungsweise es wurde von Seiten des Facharztes Dr. G. nicht
schlüssig dargelegt, inwiefern es sich bei der diagnostizierten Störung um eine selbstän-
dige, von den übrigen – ausgeprägt vorhandenen – Belastungsfaktoren unabhängige psy-
chische Erkrankung handelt (E. 2.1.2). Die von ihm festgestellte 100%-ige Arbeitsunfähig-
keit seit 25. März 2003 beruht demzufolge auf keiner nachvollziehbaren ärztlichen Ein-
schätzung und insofern liegt eben doch – entgegen der Ansicht des Beschwerdefüh-
rers – eine Ungereimtheit vor. Sodann ging der RAD beziehungsweise die IV-Stelle bei der
ursprünglichen Rentenzusprache nicht, wie vom Beschwerdeführer ausgeführt, von einem
Seite 11
somatischen Gesundheitsschaden aus, sondern sprach ihm allein gestützt auf die psychiat-
rische Diagnose eine ganze Rente zu (IV-act. 3.1-90/129; IV-act. 3.1-89/129; IV-act. 3.1-
71/129; IV-act. 3.1-58/129 und IV-act. 3.1-52f/129). Die damalige Verwaltungs- und
Rechtspraxis – nach welcher sich die rückblickende Beurteilung Jahre zurückliegender
Rentenverfügungen zu richten hat (BGE 140 V 77 E. 3.1) – betreffend die Voraus-setzun-
gen, unter denen leichten bis mittelschweren Depressionen invalidisierende Wirkung zu-
kommen kann, ist mittlerweile geändert worden (Urteil des Bundesgerichts 9C_732/2017
vom 5. März 2018 E. 4.2 mit Hinweisen). Die damalige Rechtspraxis sah vor, dass leichte
bis höchstens mittelschwere Störungen aus dem depressiven Formenkreis in der Regel
therapierbar sind und invalidenversicherungsrechtlich zu keiner Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit führen (Urteil des Bundesgerichts 9C_892/2015 vom 22. Januar 2016 E. 2;
BGE 140 V 193 E. 3.3). Die IV-Stelle stützt sich denn auch – entgegen der Ansicht des Be-
schwerdeführers – auf diese damals geltende Verwaltungs- und Rechtspraxis und weist zu
Recht darauf hin, dass der RAD und die IV-Stelle nicht darlegten, aus welchen Gründen
beim Beschwerdeführer von der geltenden Praxis abgewichen und gestützt auf die Diag-
nose einer mittelgradigen depressiven Störung von einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit
ausgegangen wird (IV-act. 31-52/129 und IV-act. 3.1-44f/129). Dies wurde auch von der
RAD-Ärztin Dr. B. gerügt, stellte sie doch fest, dass bei der Rentenzusprache das Vorliegen
eines Gesundheitsschadens „sur Dossier“ beurteilt und keine ausführliche medizinische
Stellungnahme zu der 100%-igen Arbeitsunfähigkeit wegen einer mittelgradigen Depres-
sion (ICD-10: F32.1) abgegeben wurde (IV-act. 20-7/8). Insofern bejahte sie die Frage
nach der zweifellosen Unrichtigkeit nicht explizit, sondern implizit. Weiter stellt die IV-Stelle
zutreffend fest, dass die therapeutischen Behandlungs-möglichkeiten angesichts dessen,
dass die Behandlung erst im März 2003 aufgenommen wurde und aus psychopharmakolo-
gischer Behandlung sowie ca. vierzehntäglichen psychotherapeutischen Gesprächen be-
stand, bei Erlass der rentenzusprechenden Verfügung im Juni 2004 nicht ausgeschöpft
worden sind (act. 2.2 und act. 6; vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts 9C_892/2015 vom
22. Januar 2016 E. 2).
Zusammenfassend wurde aufgrund des Gesagten – auch nach der damaligen Rechts-
praxis – eine auf keiner nachvollziehbaren ärztlichen Einschätzung der Arbeitsfähig-keit be-
ruhende Invaliditätsbemessung vorgenommen und insofern massgebliche Bestimmungen
unrichtig angewandt. Somit besteht kein vernünftiger Zweifel an der Unrichtigkeit der ren-
tenzusprechenden Verfügung. Da zudem auch die erhebliche Bedeutung der Berichtigung
gegeben ist, sind die Voraussetzungen einer Wiedererwägung gegeben.
2.5
Seite 12
Zu prüfen bleibt die Anspruchsberechtigung und allenfalls der Umfang des Anspruchs auf
der Grundlage eines richtig und vollständig festgestellten Sachverhalts im Zeitpunkt der
Verfügung (Urteil des Bundesgerichts 9C_725/2018 vom 6. März 2019 E. 5.1.1 mit Hinweis
auf BGE 141 V 9 E. 2.3).
2.5.1
Beim Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 28. November 2019 stützte sich
die IV-Stelle im Wesentlichen auf die nachfolgenden Berichte:
2.5.2
Am 20. August 2017 stellte Dr. J., Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin, in seinem
Bericht folgende Diagnosen: 1. Chronisches Lumbovertebral- und cervicothoralcal-Syndrom
ohne neurologische Ausfälle; 2. Arterielle Hypertonie mit kardiovaskulären Risiko: familiär,
chron. Nicotinabusus, Dylipidämie; 3. Rezidivierende Gastritis und Oesophagisrefluxer-
krankung; 4. Obstruktives Schlafapnoesyndrom; 5. Rezidi-vierende atypische nicht cardiale
Thoracale Schmerzen, ws. Bewegungsapparate bedingt; 6. Psychogene Synkopen; 7.
Psycho-soziale Belastungsstörung mit Verdacht auf Konver-sionssymptomatik und Anpas-
sungsstörungen und 8. Status nach Encephalorrhagie mit passagerer Hemisymptomatik
2003, Restitutio ad integrum. Er beurteilte zusammen-fassend multiple psychosomatische
Erkrankungen mit instabilem Verlauf und wechselhafter Expressionen (IV-act. 16.28-2ff/78).
2.5.3
Der Beschwerdeführer gab im Rentenrevisionsfragebogen vom 20. Oktober 2017 an, dass
sein Gesundheitszustand gleich geblieben sei und sich eher verschlechtert habe. Die Ände-
rung bestehe in hohem Blutdruck, Krämpfen/Schmerzen linke Körperseite, mehrere Medi-
kamente, Spritzen sowie Schlaf- und Atemproblemen. Er sei nicht erwerbstätig und gehe
auch keiner Freiwilligenarbeit nach (IV-act. 16.20-4ff/11).
2.5.4
Der Bericht der Radiologie K. vom 24. November 2017 über die Kernspintomographie des
rechten Knies ergab einen geringgradigen Reizerguss und Zeichen geringgradigen Über-
lastungsreaktion des medialen Seitenbandes (IV-act. 19-8f/9). Der Bericht über die Kern-
spintomographie des linken Knies ergab eine leichtgradige Degeneration des medialen
Meniskus im mittleren Drittel und im Hinterhorn basisnahe und unterflächennahe akzen-
tuiert ohne Einrisse (IV-act. 18-6f/9). Im Bericht vom 27. November 2017 über die vertebro-
spinale Kernspintomographie Th12-S2 wurde nebst einer geringgradigen degenerativ be-
dingten Spinalkanalstenose L4/L5 sowie einer leichtgradigen Chondrose L3/L4 eine im Üb-
rigen normales lumbales vertebrospinales Kernspintomogramm festgestellt (IV-act. 19-5/9).
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2.5.5
Im Verlaufsbericht vom 15. August 2018 gab Dr. J. den Gesundheits-zustand des
Beschwerdeführers seit dem 13. November 2017 als stationär an bei unveränderter Diag-
nose. Gemäss Dr. J. existieren persistierende Rücken- und Knieschmerzen beidseits mit
Druck in der Lendenwirbelsäule ohne neurologische Ausfälle, wobei die Schmerzen und
Funktionseinschränkungen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten (IV-act. 19-1/9).
2.5.6
Die RAD-Ärztin Dr. B. gab in ihrem Bericht vom 22. August 2019 an, es beständen seitens
des RAD Zweifel an der dauernden nicht besserbaren 100%-igen Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers. Dies, weil die Diagnose F32.1 (mittelgradige Depression) damals und
auch heute nicht dauernd 100% Arbeitsunfähigkeit auslösend sei. Eine mittelgradige De-
pression sei unter leitliniengerechter Therapie nach 4-8 Monaten soweit gebessert, dass
eine erkrankte Person 100% adaptiert arbeitsfähig sei. Unter Berücksichtigung der ange-
stammten Tätigkeit als ungelernter Textilmitarbeiter sei davon auszugehen, dass die gel-
tend gemachte Diagnose nach der üblichen Therapie abgeklungen sei. Aus heutiger Sicht
habe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden, sondern eine psychosoziale
Belastungssituation (Arbeitsplatzkonflikt, Kündigung durch den Arbeitgeber, finanzielle
Engpässe). Somit sei die Arbeitsfähigkeit als ungelernter Arbeiter nie dauernd einge-
schränkt gewesen. Grob geschätzt bestehe angestammt eine 90%-100%-ige Arbeitsfähig-
keit, um die „Rückenschmerzen“ zu würdigen. Adaptiert bestehe eine Arbeitsfähigkeit von
100%, da – ausser schwere Tätigkeiten mit Zwangshaltungen – kognitiv und somatisch mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit zumutbar gewesen sei und ist (IV-act. 20-7f/8).
2.5.7
Dr. C., Fachärztin Allgemeine Innere Medizin, stellte im Bericht vom 25. Oktober 2019 fol-
gende aktuelle Untersuchungsbefunde fest: 1. Hand und Bein links leichter bis mittlerer
Kraftverlust mit Feinmotorikstörung; 2. Ausgeprägte Konzentrationsstörung – Beschwerde-
führer versteht manchmal nicht den Kontext eines Gespräches trotz italienischer Über-
setzung; 3. Zunehmend Erinnerungsverlust sowie Vergesslichkeit, dies im Kurzzeit- und
Mittelzeitgedächtnis. Als Prozedere gab sie an, dass ein Demtc-Test geplant sei mit
voraussichtlicher Durchführung in den nächsten 1 – 2 Monaten (IV-act. 29-2/5).
2.5.8
Soweit der Beschwerdeführer geltend machen lässt, ein richtig und vollständig festgestellter
medizinischer Sachverhalt liege nicht vor, kann ihm nicht gefolgt werden. Zum einen ist
aufgrund der vorliegenden medizinischen Akten nicht ersichtlich, inwiefern die von ihm auf-
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geführten Fachgebiete – Neurologie, Neuropsychologie und Orthopädie/Rheumatolo-
gie – überhaupt zur Diskussion stehen, zumal der Beschwerdeführer nicht einmal Ausfüh-
rungen macht, aufgrund welcher Beschwerden in welchem Fachgebiet weitergehende Ab-
klärungen zu treffen sind. Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer im Jahr
2017 – bereits vor Einleitung des Revisionsverfahrens im Herbst 2017 – verschiedentlich im
Spital L. beziehungsweise Spital M. vorstellig wurde. Dort wurden die beklagten Beschwer-
den therapiert beziehungsweise Abklärungen blieben ohne Befund, so dass sich weitere
medizinische Abklärungen hierzu erübrigen (vgl. zusammenfassend IV-act. 20-6/8). Auch
die am 21. März 2018 erfolgte ambulante Behandlung der vom Beschwerdeführer erlittenen
Rippenkontusion links blieb gemäss den Akten ohne weitere Folgen (IV-act. 19-3/9). Inso-
fern spielt zur Würdigung des bestehenden medizinischen Sachverhalts auch keine Rolle,
dass die RAD-Ärztin in den vom Beschwerdeführer behaupteten Fachgebieten über keinen
Facharzttitel verfügt (1/9; Urteil des Bundesgerichts 8C_406/2017 vom 6. September 2017
E. 4.1). Zum anderen sind entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers keine Gesund-
heitsschäden an der Wirbelsäule nachgewiesen, da der entsprechende Bericht lediglich
von leichten degenerativen Veränderungen, im Übrigen sonst aber normalem lumbalen
vertebrospinalem Kernspintomogramm spricht (IV-act. 19-5/9). Was den Vorwurf der feh-
lenden rechtsgenüglichen psychiatrischen Beurteilung betrifft, ist dem Beschwerdeführer
entgegenzuhalten, dass gemäss den Akten keine Hinweise auf eine psychische Erkran-
kung vorliegen und er selber hierzu keine Angaben macht, geschweige denn entspre-
chende Arzt- oder Therapieberichte einreicht, welche als Hin-weise für weitere Abklärungen
dienen könnten. Entgegen der Ansicht des Beschwerde-führers liefert auch der Arztbericht
der erst seit kurzem als seine Hausärztin fungierenden Dr. C. keine Anhaltspunkte für wei-
tere Abklärungen, da dieser keine Diagnose enthält, sondern lediglich einen aktuellen Un-
tersuchungsbefund wiedergibt (IV-act. 29-2/5). Der gemäss Bericht geplante Demtec-Test
wurde ferner vom Beschwerde-führer nicht zu den Akten gereicht, weshalb sich auch
hieraus keine weiteren medizinischen Abklärungen aufdrängen. Die vom Beschwerdeführer
behauptete Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes geht somit fehl, da über die für die
Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichend Klarheit besteht
(UELI KIESER, a.a.O., N. 17 zu Art. 43 ATSG). Sodann liegen aufgrund der Akten keine kon-
kreten Anhaltspunkte für einen somatischen oder psychischen Gesundheitsschaden vor,
weshalb auf weitere medizinische Abklärungen verzichtet werden kann (vgl. antizipierte
Beweiswürdigung, BGE 136 I 229 E. 5.3).
Zusammenfassend liegt im vorliegenden Fall kein invalidisierender Gesundheitsschaden
vor, weshalb grundsätzlich – allenfalls mit einer leichten Einschränkung wegen des
Rückens (vgl. IV-act. 3.1-78f/129 und IV-act. 3.1-95/129) – von einer 100%-igen Arbeits-
fähigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist.
Seite 15
2.6
2.6.1
Die Verwaltung muss sich vor der Herabsetzung oder Aufhebung einer Invalidenrente ver-
gewissern, ob sich ein medizinisch-theoretisch wiedergewonnenes Leistungsvermögen
ohne Weiteres in einem entsprechend tieferen Invaliditätsgrad niederschlägt oder ob dafür
– ausnahmsweise – im Einzelfall eine erwerbsbezogene Abklärung (der Eignung, Be-
lastungsfähigkeit usw.) und/oder die Durchführung von Eingliederungsmassnahmen im
Rechtssinne vorausgesetzt ist. Insbesondere wenn bisher schon eine erhebliche Rest-ar-
beitsfähigkeit bestand, zieht der anspruchserhebliche Zugewinn an Leistungsfähigkeit je-
doch kaum zusätzlichen Eingliederungsbedarf nach sich. Diese Rechtsprechung findet An-
wendung sowohl bei einer revisions- als auch bei der wiedererwägungsweisen Herab-
setzung oder Aufhebung der Invalidenrente, jedoch nur bei versicherten Personen, welche
das 55. Altersjahr zurückgelegt oder die Rente seit mehr als 15 Jahren bezogen haben. Die
Zumutbarkeit einer Selbsteingliederung wurde namentlich dann angenommen, wenn die
versicherte Person trotz Rentenbezuges regelmässig gearbeitet hatte und daher auch
keine arbeitsmarktliche Desintegration bestand (Urteile des Bundesgerichts 9C_396/2019,
9C_397/2019 vom 2. März 2020 E. 5.1 mit zahlreichen Hinweisen).
2.6.2
Im Zeitpunkt der Rentenaufhebung mit Verfügung vom 28. November 2019 war der Be-
schwerdeführer 56 Jahre und einen Monat alt und bezog seit über 15 Jahren eine Invali-
denrente. Aus den Akten ergeben sich gewisse Hinweise, dass der Beschwerdeführer als
selbständig Erwerbender im Autohandel tätig gewesen war beziehungsweise (allenfalls)
seit Mai 2019 ist (IV-act. 3.1-74/129; IV-act. 13-8/11; IV-act. 16.28-49/75; IV-act. 16.19-5/36
und IV-act. 22). Jedoch handelt es sich hierbei lediglich um Indizien, wobei – wie der Be-
schwerdeführer zutreffend ausführt – ein Eintrag im Handelsregister noch nichts über die
Leistungsfähigkeit aussagt. Derzeit ist aufgrund der vorliegenden Akten nicht klar, in wel-
chem Ausmass eine allfällige Erwerbstätigkeit stattgefunden hat beziehungsweise stattfin-
det beziehungsweise ob konkrete Anhaltspunkte vorliegen, die den Schluss zulassen, der
Beschwerdeführer könne sich selbsteingliedern. Die massgebende Frage der Zumutbarkeit
der Selbsteingliederung, für dessen Vorliegen die IV-Stelle die Beweislast trägt, ist somit
von der IV-Stelle gemäss den vorliegenden Akten nicht geprüft worden, weshalb die Sache
für entsprechende Abklärungen an die IV-Stelle zurückzuweisen ist (BGE 145 V 209 E. 5.1
und E. 6; Urteil des Bundesgerichts 8C_826/2018 vom 14. August 2019 E. 3.2.2).
3. Kosten und Entschädigung
Seite 16
3.1
Nach Art. 69 Abs. 1 bis
IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die Vorin-
stanz unterliegt im vorliegenden Verfahren, da die Rückweisung der Sache zu weiterer Ab-
klärung und neuer Verfügung für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch
der Parteientschädigung praxisgemäss als volles Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei gilt (BGE 137 V 57 E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_548/2019 vom 16. Januar
2020 E. 7; UELI KIESER, a.a.O., N. 224 zu Art. 61 ATSG). Da der Vorinstanz gemäss Art. 22
Abs. 1 VRPG keine Verfahrenskosten auferlegt werden können, werden die Gerichtskosten
in der Höhe von Fr. 800.-- auf die Staatskasse genommen.
3.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdefüh-
rende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungs-
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit-
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Der obsiegende Beschwerde-
führer hat demnach Anspruch auf eine Entschädigung zulasten der IV-Stelle.
Die Bemessung der Entschädigung richtet sich im Rahmen von Art. 61 lit. g ATSG nach
kantonalem Recht, mithin nach Art. 16 Abs. 1 der Verordnung vom 14. März 1995 über den
Anwaltstarif (AT, bGS 145.53; UELI KIESER, a.a.O., N. 197 und N. 228 ff zu Art. 61 ATSG).
Dem Beschwerdeführer wurde die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch Rechtsan-
walt AA, gewährt, welcher eine Honorarnote einlegte, basierend auf einem Stundenauf-
wand von 15 Stunden und einem Stundenansatz von Fr. 250.-- (act. 10; vgl. Art. 24 Abs. 1
AT). Art. 13 Abs. 1 lit. c AT legt als Spezialbestimmung für das Verwaltungsgerichtsver-
fahren fest, dass die pauschale Bemessung des Honorars anzuwenden ist. Vorliegend
handelt es sich um einen leichten Fall mit durchschnittlicher Menge an Akten sowie leicht
überdurchschnittlich aufwändig zu beantwortenden Sachverhalts- und Rechtsfragen. Unter
diesen Umständen ist der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Fr. 3‘136.20 (Pau-
schalhonorar Fr. 2‘800.-- + 4% Barauslagen (= Fr. 112.--) + 7.7% Mehrwertsteuer (= Fr.
224.20)) zulasten der IV-Stelle zu entschädigen.