# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** d3f6d6fe-b350-5835-9ce6-35d89263e1d5
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2016
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 28. November 2014 bei der Stadt Bern ein
Baugesuch ein für den Umbau der als erhaltenswert eingestuften Liegenschaften
J._strasse 49 und K._weg 22 sowie den Abbruch der bestehenden
Garagen am K._weg 24 und das Errichten eines Neubaus zu Wohnzwecken
(Parzelle Bern 2 Grundbuchblatt Nr. L._). Gleichzeitig reichte sie
Ausnahmegesuche betreffend die Unterschreitung des Gebäudeabstands, die
Überschreitung der Baulinie und die Dachgestaltung ein. Zudem ersuchte sie um Befreiung
von der Parkplatzpflicht. Die Parzelle liegt in der Wohnzone (W) mit Bauklasse 4. Gegen
das Bauvorhaben erhoben unter anderen die Beschwerdeführenden Einsprache.
Mit Gesamtbewilligung vom 9. März 2016 erteilte die Stadt Bern die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 4. April 2016 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen
sinngemäss die Aufhebung der Gesamtbewilligung vom 9. März 2016 und die Erteilung
des Bauabschlags. Auf Ersuchen des Rechtsamtes, welches die Beschwerdeverfahren für
die BVE leitet1, ergänzten die Beschwerdeführenden die Beschwerde hinsichtlich der
Namen und Adressen der Beschwerdeführenden und reichten die fehlende Seite 6 der
Beschwerde nach.
3. Das Rechtsamt holte die Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die
Stadt Bern beantragt mit Stellungnahme vom 19. Mai 2016 die Abweisung der Beschwerde
und die Bestätigung des angefochtenen Entscheids. Die Beschwerdegegnerin beantragt
mit Beschwerdeantwort vom 20. Mai 2016, auf die Beschwerde der Beschwerdeführenden
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2016/50 3
3 bis 7 sei nicht einzutreten. Auf die Beschwerde der Beschwerdeführenden 1 und 2 sei
nicht einzutreten, eventuell sei diese abzuweisen. Die Beschwerdegegnerin beantragte
zudem den Entzug der aufschiebenden Wirkung. Die BVE hat dieses Gesuch mit
Verfügung vom 31. Mai 2016 abgewiesen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden haben im erstinstanzlichen Verfahren
Einsprache erhoben bzw. die Einsprache mitunterzeichnet.4 Sie sind als Nachbarn durch
die angefochtene Gesamtbewilligung beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten, soweit sie eine
rechtsgenügliche Begründung enthält.
c) Die Begründung muss sich wenigstens in minimaler Form mit dem angefochtenen
Entscheid auseinandersetzen und sinngemäss darauf schliessen lassen, welche
Rechtsnormen oder Grundsätze der Ermessensausübung verletzt oder inwiefern
Sachverhaltselemente unrichtig oder unvollständig festgestellt sein sollen.5 Dies trifft
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Vorakten pag. 157 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 32 N. 15
RA Nr. 110/2016/50 4
insbesondere nicht zu bezüglich der von den Beschwerdeführenden aufgeworfenen Frage,
ob sich die Baubewilligungsbehörde gegenüber den durch das Bauvorhaben betroffenen
Anwohnern korrekt verhalten und ob sie das öffentliche Interesse wahrgenommen habe.
Auf diese Rüge – soweit die Ausführungen als solche zu verstehen sein sollen – kann nicht
eingetreten werden. Auf Rügen betreffend die Verletzung von nachbarlichen Interessen ist
einzutreten, soweit damit sinngemäss die Nichteinhaltung der baurechtlichen Vorschriften
behauptet oder das Vorliegen der Voraussetzungen einer Ausnahmebewilligung
(namentlich betreffend Gebäudeabstand) bestritten wird.
2. Vertrauensschutz
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Beschwerdeführenden 1 und 2
hätten beim Erwerb der Liegenschaft K._weg 19 (Parzelle Nr. M._) davon
ausgehen dürfen, dass die Liegenschaft K._weg 24 nicht überbaut werden könne,
weil das dafür notwendige Grenzbaurecht nicht erteilt werden würde. Andere neuere
Gebäude am K._weg seien weniger hoch und von der Strasse mehr
zurückversetzt als das projektierte Gebäude.
b) Die Beschwerdeführenden berufen sich sinngemäss auf den Grundsatz von Treu und
Glauben, welcher ein loyales und vertrauenswürdiges Verhalten im Rechtsverkehr
gebietet. Der Vertrauensgrundsatz verleiht Privaten einen Anspruch auf Schutz ihres
berechtigten Vertrauens in das bestimmte Erwartungen begründende Verhalten der
Behörden. Vorliegend ist aber nicht ersichtlich, in welchem Verhalten der Behörde die
Beschwerdeführenden eine Vertrauensgrundlage erblicken könnten. Massgeblich sind das
kantonale Baurecht und die Bauordnung der Stadt Bern.6 Mangels anderslautender
Vertrauensgrundlage durften und mussten die Beschwerdeführenden davon ausgehen,
dass die anwendbaren Bebauungsvorschriften einschliesslich der Ausnahmemöglichkeit
nach Art. 26 BauG ausgeschöpft werden dürfen. Die Rüge erweist sich als unbegründet,
soweit darauf einzutreten ist.
6 Bauordnung der Stadt Bern vom 24. September 2006 (BO)
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3. Geschlossene Bauweise
a) Die Beschwerdeführenden führen an, die Fenster in der zu K._weg 22
ausgerichteten Fassade verhinderten eine geschlossene Bauweise.
b) Das Bauvorhaben umfasst den Umbau des bestehenden viergeschossigen
Gebäudes an der J._strasse 49, den Umbau des bestehenden zweigeschossigen
Gebäudes am K._weg 22 und den Neubau eines Wohngebäudes am
K._weg 24 nach Abbruch der dort bestehenden Garagen. Im Rahmen des
Projekts wird das Gebäude am K._weg 22 nicht aufgestockt. Die Fenster im
dritten und vierten Stock in der Südostfassade des Gebäudes an der J._strasse
49, welche dem Gebäude am K._weg 22 zugewandt sind, sollen erhalten bleiben.
Die vom Bauvorhaben umfassten Gebäude reichen seitlich bis zur Parzellengrenze, wie es
Art. 53 BO für Gebiete mit geschlossener Bauweise vorschreibt. Wie die Stadt Bern in ihrer
Stellungnahme vom 19. Mai 2016 zutreffend ausführt, sind Grundeigentümer nicht
verpflichtet, die auf ihre Liegenschaft anwendbare Bauklasse, die vorliegend eine
vierstöckige Bauweise erlaubt, auszuschöpfen. Die Gebäude am K._weg 22 und
an der J._strasse 49 sind im Bauinventar der Stadt Bern als erhaltenswerte
Baudenkmäler verzeichnet und daher grundsätzlich in ihrem äusseren Bestand zu
bewahren. Dies spricht sowohl für die Erhaltung der Fenster in der südöstlichen Fassade
des Gebäudes J._strasse 49 als auch für die Erhaltung des Gebäudes
K._weg 22 in seiner zweistöckigen Ausgestaltung. An den fraglichen Fenstern ist
unter baurechtlichen Gesichtspunkten nichts auszusetzen. Die Rüge ist unbegründet und
es erübrigt sich, die diesbezügliche Legitimation der Beschwerdeführenden näher zu
prüfen.
4. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführenden stören sich an der trapezförmigen Ausgestaltung des
projektierten Gebäudes am K._weg 24. Diese beeinträchtige das Strassenbild in
Beziehung zu den denkmalpflegerisch verzeichneten Nachbarliegenschaften. Zudem störe
die breite Brandschutzmauer, die auch eine schlechtere Besonnung bewirke. Eine
Fortsetzung der geschlossenen trapezförmigen Überbauung bei den
RA Nr. 110/2016/50 6
Nachbarliegenschaften P._strasse 14 und 16 (Parzellen Nrn. N._ und
O._) sei nicht möglich, u.a. weil dabei die zulässige Gebäudetiefe überschritten
würde. Die Trapezform könne daher nicht mit einer geschlossenen Bauweise begründet
werden. Sie diene lediglich der Gewinnmaximierung.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört.
Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften erlassen, die über die kantonalen
Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften müssen, um selbständige
Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die Anordnungen des kantonalen
Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders formulieren.7 Gemäss Art. 6 Abs.
1 BO sind Bauten, Gebäudeteile und Gestaltungen des öffentlichen sowie privaten
Aussenraums unzulässig, soweit sie sich in ihrer Erscheinung nicht in das Stadt-, Quartier-
und Strassenbild sowie die Stadtsilhouette einfügen oder die Einheitlichkeit der
wesentlichen Merkmale der betreffenden Bebauung nicht wahren. Dies gilt auch dann,
wenn die übrigen Bauvorschriften eingehalten sind. Auch die Gebäudeform ist gemäss Art.
6 Abs. 2 Bst. a BO massgebend für diese Beurteilung.
c) Nach dem angefochtenen Entscheid kann das städtebauliche Muster des
Bauprojekts in zahlreichen Bereichen des R._-Quartiers mit geschlossener
Bauweise festgestellt werden. Die trapezähnliche Form hänge mit der Grundstücksform
zusammen. Sie nehme die Flucht des zweigeschossigen Anbaus bei der Liegenschaft
P._strasse 14 (Parzelle Nr. N._) auf, welcher den Eingang zum Innenhof
definiere. Der angefochtene Entscheid stützt sich zudem auf die Beurteilung durch die
Stadtbildkommission Bern (SKB) und die Denkmalpflege der Stadt Bern. Diese empfahlen
das Vorhaben aus ästhetischer und aus denkmalpflegerischer Sicht unter Auflagen, die im
angefochtenen Entscheid übernommen wurden, zur Bewilligung.
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2016/50 7
Gegen diese Beurteilung führen die Beschwerdeführenden keine griffigen Argumente ins
Feld. Inwiefern die Trapezform Ästhetikvorschriften verletzen soll, ist nicht ersichtlich.
Insbesondere kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine orthogonale
Gebäudeform unter ästhetischen Gesichtspunkten einer anderen Form grundsätzlich
vorzuziehen wäre. Vielmehr hängt die passende Gebäudeform von der Umgebung und von
der Form und Ausrichtung der benachbarten Gebäude ab. Das projektierte Gebäude auf
der Liegenschaft K._weg 24 orientiert sich strassenseitig an der Strassenlinie
sowie den benachbarten und gegenüberliegenden Gebäuden. Hofseitig ist es am dort
gegenüberliegenden Gebäude (Q._weg 15) sowie am Anbau zur Liegenschaft
P._strasse 14 ausgerichtet. Mit dieser Gestaltungsweise fügt sich der Neubau gut
in die bestehende Bebauung ein und entspricht damit den ästhetischen Anforderungen
gemäss Bauordnung und Baugesetz. Auch die Stadtbildkommission und die
Denkmalpflege haben sich positiv zum Projekt geäussert. Die Breite der
Brandschutzmauer, welche die anwendbaren Bestimmungen über die Gebäudevolumetrie
einhält und deren Ausgestaltung ohne Fenster ihrer Zweckbestimmung entspricht, ist unter
ästhetischen Gesichtspunkten nicht zu beanstanden.
5. Gebäudeabstand
a) Sinngemäss wenden sich die Beschwerdeführenden mit den Argumenten gegen die
Trapezform auch gegen die Erteilung einer Ausnahme vom vorgeschriebenen rückseitigen
Gebäudeabstand. Diesbezüglich führen sie auch an, das Quartier sei bereits stark
verdichtet und das Argument der Wohnungsnot sei zu relativieren.
b) Laut Art. 26 BauG können Ausnahmen von einzelnen Bauvorschriften bewilligt
werden, wenn besondere Verhältnisse es rechtfertigen und wenn keine öffentlichen
Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen
nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne durch
Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ
erfüllt sein.
Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im Interesse der
Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse generalisierend
erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Ausnahmegründe beziehen sich deshalb auf den
RA Nr. 110/2016/50 8
Zweck, den Umfang oder die Gestaltung eines Bauvorhabens, wenn diese in den
geltenden Vorschriften nicht genügend berücksichtigt sind. Sie müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Unter
Umständen können aber auch Besonderheiten, die sich aus den subjektiven Verhältnissen
der bauwilligen Personen ergeben, eine Ausnahme begründen. Rein finanzielle Interessen,
der Wunsch nach einer Ideallösung oder intensives Ausnützungsstreben rechtfertigen aber
keine Ausnahmebewilligung. Es geht vielmehr darum, ausgesprochene Unbilligkeiten und
Unzweckmässigkeiten zu vermeiden, die die strikte Anwendung der Vorschrift für die
Bauwilligen zur Folge hätte.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Ausnahmegrund keine absolute Grösse ist.
Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei Komponenten ab:
vom Interesse des Bauherrn an der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der
abgewichen werden soll, und von Art und Mass der verlangten Abweichung.8
c) Die fragliche Parzelle befindet sich in einem dicht überbauten Stadtquartier mit
Bauklasse 4 (vierstöckig9) und geschlossener Bauweise. Aus Art. 53 BO ist zu schliessen,
dass in Gebieten mit geschlossener Bauweise die Vervollständigung der geschlossenen
Bauweise erwünscht ist. Dies gilt auch bzw. gerade dann, wenn die Verdichtung bereits
hoch ist.
Im fraglichen Quartier herrschen teils engräumige Verhältnisse und der reglementarische
Gebäudeabstand wird an vielen Orten nicht eingehalten. Es fragt sich, ob darin im Sinne
von Art. 26 Abs. 1 BauG "besondere Verhältnisse" erblickt werden können. Die
Ausnahmemöglichkeit dient der Einzelfallgerechtigkeit und darf nicht zur Korrektur von
baurechtlichen Normen führen; der Wille des Gesetzgebers darf nicht auf dem
Ausnahmeweg umgangen werden.10
Vorliegend wäre allerdings eine Überbauung mit einem Wohngebäude ohne
Ausnahmebewilligung bezüglich Gebäudeabstand gar nicht möglich. Dies kann nicht dem
Willen des Gesetzgebers entsprechen. Die strikte Anwendung der
Gebäudeabstandsvorschrift hätte eine offensichtliche Unbilligkeit und Unzweckmässigkeit
8 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 26-27 N. 4 9 Art. 46 BO 10 Vgl. Daniel Gallina, Die Ausnahme bestätigt die Regel, KPG-Bulletin 3/2002, S. 51
RA Nr. 110/2016/50 9
zur Folge. In Anbetracht der von der Bauordnung geforderten geschlossenen Überbauung
sprechen die öffentlichen Interessen eher für als gegen die Gewährung der
Ausnahmebewilligung. Die Gewichtung der Interessen erfolgt dabei nach den
Grundsätzen, die sich aus der Bauordnung ergeben. Ob die Verdichtung politisch
wünschbar ist und ob aktuell oder künftig Wohnungsnot herrscht, ist irrelevant. Wesentliche
nachbarliche Interessen werden nicht beeinträchtigt; die von der Abstandsunterschreitung
betroffenen Nachbarn sind mit dem Projekt einverstanden. Im Verhältnis zu den
Liegenschaften der Beschwerdeführenden werden keine Abstandsvorschriften
unterschritten. Die ästhetischen Bedenken sind nach dem bereits Gesagten unbegründet.
Für die Besonnung der Liegenschaften der Beschwerdeführenden spielt die Breite der
nördlich von diesen gelegenen Brandmauer keine bedeutende Rolle.
Die Stadt Bern hat demnach die Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des
Gebäudeabstands für das vorliegende Projekt zu Recht erteilt. Eine entsprechende
Ausnahme bei einer rechtwinkligen Bauweise ist nicht zu prüfen, denn dies bildete weder
Gegenstand des Baugesuchs noch des vorliegenden Verfahrens.
6. Gebäudehöhe
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die benachbarten Gebäude
P._strasse 14 und 16, das Gebäude am K._weg 22 sowie alle anderen
Gebäude auf der Ostseite des K._wegs seien niedriger als der projektierte
Neubau am K._weg 24. Die Bauherrschaft versuche, eine niedrigere
Gebäudehöhe vorzutäuschen als tatsächlich geplant sei. Aus wohnhygienischen Gründen
wäre eine Anpassung der Gebäudehöhe an den verkürzten Gebäudeabstand angezeigt
gewesen.
b) Nach Art. 46 BO dürfen Gebäude in der Wohnzone mit Bauklasse 4 maximal 14
Meter hoch sein. Gemessen wird bei Flachdächern ab gewachsenem Boden bis oberkant
Brüstung über dem obersten Vollgeschoss.11 Den Plänen lässt sich entnehmen, dass die
so bemessene Gebäudehöhe beim Neubau 13,84 Meter beträgt.12 Die Vorschrift der
Bauordnung zur Gebäudehöhe ist demnach eingehalten und die Gebäudehöhe wird in den
11 Art. 42 Abs. 1 Best. b BO 12 Plan Fassade A5 Süd-Ost, Vorakten pag. 304
RA Nr. 110/2016/50 10
Baugesuchsakten korrekt ausgewiesen. Nach Art. 16 BewD13 haben auch die Profile bei
Flachdächern die Höhe der Dachbrüstung anzugeben. Gemäss den Ausführungen der
Stadt Bern in ihrer Stellungnahme vom 19. Mai 2016 entsprach die Profilierung dieser
Vorschrift. Die Stadt Bern merkt zudem an, in der Einsprache sei keine Rüge bezüglich
unkorrekter Profilierung vorgebracht worden. Die Beschwerdeführenden hatten in ihrer
Einsprache gerügt, dass die Gebäudehöhe nicht zu den niedrigeren Nachbargebäuden
passe. Eine Überschreitung der zulässigen Gebäudehöhe oder die unkorrekte Profilierung
wurden jedoch nicht vorgebracht.14 Letztlich kann offen bleiben, inwiefern die
Beschwerdeführenden im vorliegenden Verfahren zu den Vorbringen betreffend
Gebäudehöhe bzw. Profilierung legitimiert sind, da diesbezüglich keine Verletzung
baurechtlicher Vorschriften ersichtlich ist.
Für eine Anpassung der Gebäudehöhe an den verkürzten Gebäudeabstand gibt es keine
gesetzliche Grundlage. Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen der Ausnahme von
der Gebäudeabstandsvorschrift gegeben, so dass diese (ohne Einschränkung bezüglich
der Gebäudehöhe) bewilligt werden kann. Der von den Beschwerdeführenden angeführte
Art. 47 Abs. 1 BO betrifft hier nicht gegebene Sonderfälle. Nach dieser Bestimmung sind in
den Bauklassen 2-6 die Gebäudehöhe und Geschosshöhe der benachbarten Gebäude zu
übernehmen, wenn ein bestehendes Gebäude in einer einheitlichen Gebäudereihe ersetzt
oder ein Neubau in einer Baulücke errichtet wird. Diese Bestimmung zielt darauf ab, dass
ein bisher einheitliches Bild nicht durch einen Ersatz- oder Neubau gestört wird. Vorliegend
besteht jedoch keine einheitliche Gebäudereihe und die benachbarten Gebäude sind
unterschiedlich hoch. Es bestehen keine einheitlichen Gebäude- oder Geschosshöhen, die
übernommen werden könnten.
Die Rüge ist demnach unbegründet, soweit darauf einzutreten ist.
7. Parkplätze
a) Die Beschwerdeführenden bezweifeln, dass es zulässig sei, die bestehenden fünf
Garagen und Parkplätze ersatzlos zu entfernen bzw. zu überbauen.
13 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 14 Vorakten pag. 157 ff.
RA Nr. 110/2016/50 11
b) Eine Vorschrift, die dem Abbruch der Garagen bzw. der Aufhebung der Parkplätze
entgegenstünde, ist nicht ersichtlich. Grundsätzlich besteht eine Pflicht zur Erstellung von
Abstellplätzen für Motorfahrzeuge, Fahrräder und Motorfahrräder, wenn ein Neubau einen
entsprechenden Bedarf verursacht. Unter den Voraussetzungen von Art. 55 BauV kann der
Bauherr von der Parkplatzpflicht befreit werden. Die Beschwerdeführenden bestreiten nicht
substantiiert und es ist auch nicht ersichtlich, dass die Grundsätze der Befreiung von der
Parkplatzpflicht gemäss Art. 55 BauV vorliegend verletzt wären. Die Befreiung von der
Parkplatzpflicht wird im Dispositiv des angefochtenen Entscheids festgehalten und es wird
angemerkt, dass die Stadt Bern dafür gestützt auf ihr Parkplatzersatzabgabereglement
eine Ersatzabgabe erhebt. Die Befreiung von der Parkplatzpflicht erfolgte somit materiell
und formell korrekt.
8. Kosten
a) Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie haben die
Verfahrenskosten in der Hauptsache zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden
bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung
mit Art. 19 Abs. 1 GebV15). Dagegen trägt die Beschwerdegegnerin die Verfahrenskosten
der Zwischenverfügung betreffend Entzug der aufschiebenden Wirkung vom 31. Mai 2016.
Diese werden auf Fr. 300.– festgesetzt.
b) Die Beschwerdeführenden haben zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten
zu ersetzen, die dieser im Zusammenhang mit dem Hauptverfahren entstanden sind
(Art. 108 Abs. 3 VRPG). Der Parteivertreter der Beschwerdegegnerin macht für das
Hauptverfahren ein Honorar von Fr. 6'100.– und Auslagen von Fr. 130.– zuzüglich
Mehrwertsteuer von 8 % geltend.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Nach Art. 11 Abs. 1 PKV16 beträgt das Honorar in
15 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 16 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811)
RA Nr. 110/2016/50 12
verwaltungsrechtlichen Beschwerdeverfahren Fr. 400.– bis Fr. 11'800.– pro Instanz.
Innerhalb des Rahmentarifs bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache
gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des
Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG17). Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als
unterdurchschnittlich zu werten, da nur ein Schriftenwechsel stattfand und kein
Beweisverfahren durchgeführt wurde. Die Baukosten betragen gemäss Baugesuch
Fr. 7'000'000.–; die Streitsache ist demnach als bedeutsam zu werten. Angesichts der
umstrittenen Rechtsfragen ist jedoch die Schwierigkeit des Prozesses wiederum als
unterdurchschnittlich einzustufen. Daher erscheint ein Honorar von Fr. 4'500.– als
angemessen. Zuzüglich der Auslagen von Fr. 130.– und der Mehrwertsteuer von
Fr. 370.40 ergeben sich zu ersetzende Parteikosten im Betrag von Fr. 5'000.40.
Hinsichtlich des Gesuchs um Entzug der aufschiebenden Wirkung gilt die
Beschwerdegegnerin als unterliegende Partei. Die Parteikosten, die ihr in diesem
Zusammenhang entstanden sind, trägt sie selber.