# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 7e4cb8c2-7312-4376-8eb2-a3a8d2b15700
**Court:** ZH_OG
**Chamber:** ZH_OG_001
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

betreffend Forderung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 8. Abteilung, vom 21. Juli 2011 (CG100134)
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Rechtsbegehren: (act. 2 S. 4)
"1. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin den Betrag von Fr. 2'000'000.–, nebst Zins zu 5 % seit 21. Mai 1999 zu bezahlen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beklagten"
In der Replik modifiziertes Rechtsbegehren: (act. 27 S. 3)
" Es sei vorfrageweise festzustellen, dass der Beklagte gegenüber der  wegen Unsorgfalt bei der Führung des Anwaltsmandates mit einer vollen Haftungsquote für den daraus entstandenen Schaden haftet.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beklagten."
Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 8. Abteilung, vom 21. Juli 2011 :
"1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Die Gerichtsgebühr wird auf Fr. 40'750.– festgesetzt.
3. Falls UP gewährt wurde: Die Gerichtskosten werden der klagenden Partei auferlegt.
4. Die klagende Partei wird verpflichtet, der beklagten Partei eine  von Fr. 52'000.– zu bezahlen.
5. ....(Mitteilung)
6. ....(Berufung)."
Berufungsanträge:
1. der Klägerin und Berufungsklägerin (Urk. 43) :
" Das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 21.07.2011 in der Proz.- Nr. CG100134 A._/B._, sei vollumfänglich aufzuheben.
Es sei vorfrageweise festzustellen, dass die Haftung des Beklagten dem Grundsatz nach mit einer vollen Haftungsquote besteht und es sei danach die Sache zur Festlegung des Schadenersatzes an die Vorinstanz .
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Die Gerichts- und Parteikosten des vorinstanzlichen Urteils seien zu  des Beklagten zu verlegen;
eventuell seien die Gerichts- und Parteikosten des vorinstanzlichen  (Ziff. 2 und 4) im Falle des berufungsklägerischen Unterliegens der Höhe nach zu reduzieren und neu festzulegen;
subeventuell sei im Falle des berufungsklägerischen Unterliegens , dass die Gerichtskosten gemäss Ziff. 2 und die  gemäss Ziff. 4 des angefochtenen Urteils überhöht sind und nach Rückweisung an die Vorinstanz durch diese neu festzulegen sind.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beklagten."
2. des Beklagten und Berufungsbeklagten (Urk. 51) :
" Es sei in Bestätigung des Urteils des Bezirksgerichtes Zürich vom 21.07.2011 die Berufung abzuweisen, unter Kosten- und  zulasten der Klägerin."

## Considerations

Erwägungen:
I.
1. Am 4. August 2010 machte die Klägerin den vorliegenden Schadenersatzpro-
zess über eine Forderung von Fr. 2'000'000.- bei der Vorinstanz rechtshängig.
Nach erfolgter Klageantwort beschränkte die Vorinstanz das Prozessthema
einstweilen auf die Frage der grundsätzlichen Haftbarkeit des Beklagten. Die Rep-
lik- und Duplikschriften ergingen demgemäss nur noch zum eingeschränkten Pro-
zessthema. Nach Eingang der Duplik am 21. Juni 2011 erliess die Vorinstanz am
21. Juli 2011 das Urteil, in dem sie die Haftbarkeit des Beklagten verneinte
(Urk. 44).
2. Gegen das vorinstanzliche Urteil erhob die Klägerin am 21. September 2011
schriftlich und begründet Berufung (Urk. 43). Der ihr mit Verfügung vom 27. Sep-
tember 2011 auferlegte Prozesskostenvorschuss von Fr. 40'750.- wurde rechtzei-
tig geleistet (Urk. 48 und 49). In der Folge wurde dem Beklagten Frist zur schriftli-
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chen Berufungsantwort angesetzt, welche am 10. November 2011 rechtzeitig bei
der erkennenden Instanz eintraf und am 29. Februar 2012 der Klägerin zur
Kenntnisnahme zugestellt wurde (Urk. 51, Urk. 54).
3. Das erstinstanzliche Urteil erging nach Inkrafttreten der Eidgenössischen Zivil-
prozessordnung. Nach deren Art. 405 Abs. 1 sind auf das vorliegende Berufungs-
verfahren daher die Bestimmungen dieser Zivilprozessordnung anwendbar. Das
neurechtliche Berufungsverfahren kennt nur noch einen einfachen Schriftenwech-
sel. Im Berufungsverfahren sind die Parteien sodann mit neuen tatsächlichen
Vorbringen und Beweismitteln ausgeschlossen, wenn sie diese bereits vor Vo-
rinstanz hätten vorbringen können (Art. 317 Abs. 1 lit. b ZPO). Bei den mit der Be-
rufungsantwort eingereichten Urkunden (Urk. 53) handelt es sich daher um unzu-
lässige Noven, welche unbeachtlich sind und zu welchen der Berufungsklägerin
das rechtliche Gehör nicht mehr ausdrücklich zu gewähren war. Mit der Erstattung
der Berufungsantwort und deren Zustellung an die Berufungsklägerin erweist sich
das Verfahren daher als spruchreif.
II.
1. Am 18. Juli 1992 kam es zu einer Kollision zwischen dem auf der C._-
Strasse in D._ fahrenden PW von E._ und dem von rechts her durch die
F._-Strasse kommenden und in die C._-Strasse einbiegenden PW des
G._. Die zugezogene Polizei rapportierte gegen G._ wegen Nichtge-
währen des Vortritts beim Sicheinfügen in den Verkehr gemäss Art. 36 Abs. 4
SVG und Art. 5 Abs. 3 VRV (Urk. 5/1). In der Folge liess der zuständige Polizei-
richter die Vortrittsverhältnisse durch die Polizei nochmals genauer abklären, wel-
che feststellte, dass sich G._ nicht auf einer Hofausfahrt, sondern auf einer
Quartierstrasse befunden habe (Urk. 20/5). Ohne weitere Begründung erliess der
Polizeirichter am 12. November 1992 einen Strafbefehl gegen E._ wegen
Nichtgewährung des Rechtsvortrittes gemäss Art. 36 Abs. 2 SVG (Urk. 5/70).
Dieser Strafbefehl blieb unangefochten.
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2. Die Klägerin und Berufungsklägerin (nachfolgend nur noch Klägerin genannt)
war Beifahrerin im PW des E._. Bereits auf der Unfallstelle klagte sie über
Übelkeit und Schmerzen und liess sich in der Folge ärztlich behandeln, wobei die
Kosten von den H._ ... [Versicherung] (nachfolgend H._) als ihrer per-
sönlichen Unfallversicherung, von ihrer Krankenkasse und von ihr selber getragen
wurden. Anfang 1998 gelangte die Klägerin erneut wegen des beim Unfall erlitte-
nen Schleudertraumas an die H._, weil sich ihre Beschwerden intensiviert
hatten. Die H._ veranlasste in der Folge verschiedene medizinische Abklä-
rungen. Am 2. September 1999 meldete die H._ bei der I._ [Versiche-
rung] (nachfolgend I._) als Haftpflichtversicherung von E._ sowie bei der
"J._" [Versicherung] (nachfolgend J._) als Haftpflichtversicherung von
G._ Regressansprüche an (Urk. 5/44+45) und richtete am 31. August 2001
auch konkrete Regressforderungen an beide Versicherungen je zur Hälfte (Urk.
5/46). Von der J._ holte die H._ mindestens am 4. Oktober 2001 auch
einen Verzicht auf die Erhebung der Verjährungseinrede bis 31.12.2005 ein, unter
dem Vorbehalt der allenfalls bereits eingetretenen Verjährung (Urk. 5/48). Die
H._ lud die J._ am 5. September 2002 sodann zu einer aktiven Beteili-
gung am Begutachtungsprozess durch die K._ ... ein (Urk. 5/49).
Weil sich die Abklärungen der H._ dahinzogen, betraute die Klägerin am
21. Mai 1999 den Beklagten und Berufungsbeklagten (nachfolgend Beklagter) mit
ihrer anwaltlichen Vertretung in Sachen "Unfall vom 18.7.1992 betr. Versiche-
rungsleistungen" (Urk. 5/3). Der Beklagte zog zu Beginn seines Mandates die Ak-
ten des Strafverfahrens bei und stellte dabei die unterschiedliche Einschätzung
der Vortrittssituation durch Polizei und Polizeirichter fest (Urk. 5/8+53). Bereits
nach der ersten Kontaktaufnahme und noch vor der offiziellen Mandatierung hatte
er der Klägerin mitgeteilt, es sei in ihrem Fall Vieles verpasst worden, es sei aber
noch nicht hoffnungslos, vordringlich sei ein Verjährungsunterbruch gegenüber
der I._ (Urk. 5/2). So zeigte er am 30. Juni 1999 denn auch der I._ seine
Vertretung an und holte von ihr einen Verzicht auf die Verjährungseinrede ein,
welcher am 20. Juli 1999 befristet bis 18. Juli 2001 erteilt wurde, unter Vorbehalt
der allenfalls bereits eingetretenen Verjährung (Urk. 5/7+9); dieser Verjährungs-
verzicht wurde danach mehrmals verlängert bis mindestens 18. Juli 2006
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(Urk. 20/11-13). In der Folge brachte sich der Beklagte immer wieder in den Ab-
klärungs- und Begutachtungsprozess bei der H._ ein und hielt auch Kontakt
mit der I._. Mit der J._ nahm der Beklagte nie Kontakt auf.
Am 15. November 2000 erstattete das L._ in M._ ein Gutachten zu
Handen der H._. Es bejahte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit einen
Kausalzusammenhang der damals aktuellen Beschwerden der Klägerin mit dem
Unfall vom 18. Juli 1992 und bemass die Beeinträchtigung der körperlichen Integ-
rität mit 10% (Urk. 5/87). Gestützt auf dieses Gutachten gelangte der Beklagte am
30. November 2000 an die H._ und stellte zusätzlich eine Beeinträchtigung
der Erwerbsfähigkeit der Klägerin zur Diskussion (Urk. 35/12). Die H._ lehnte
dies ab und sprach der Klägerin am 7. Mai 2001 eine Integritätsentschädigung
gestützt auf eine Einschränkung von 10% zu (Urk. 35/13, Urk. 20/6). Daraufhin
meldete der Beklagte am 8. Mai 2001 bei der I._ prozentmässig konkret be-
zifferte Forderungen aus Erwerbsunfähigkeit, Erschwerung des wirtschaftlichen
Fortkommens, Haushaltsschaden sowie eine Genugtuungsforderung an (Urk.
5/16).
Nach der Geltendmachung einer weiteren gesundheitlichen Verschlechterung bei
der Klägerin veranlasste die H._ am 5. September 2002 eine erneute Begut-
achtung bei der K._ .... Das entsprechende Gutachten vom 20. Juni 2003 be-
jahte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit einen Kausalzusammenhang der
meisten Beschwerden mit dem Unfallereignis vom 18. Juli 1992 und veranschlag-
te die Arbeitsfähigkeit mit 70% (Urk. 5/99). Gestützt darauf sprach die H._
der Klägerin am 23. August 2004 eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit von 30%
zu (Urk. 5/103). In der Folge bereitete der Beklagte auch eine Schadenseingabe
an die I._ vor. Am 2. Mai 2005 erhielt er Kenntnis von einem Gutachten, das
die I._ zur Frage des Vortrittes und des Verschuldens am Unfall vom 18. Juli
1992 in Auftrag gegeben hatte. Gemäss diesem Gutachten hatte E._ (der
Versicherungsnehmer der I._) den Vortritt und G._ (der Versicherungs-
nehmer der J._) war vortrittsbelastet. Der Beklagte erkannte das daraus al-
lenfalls sich ergebende Risiko eines Haftungsausschlusses der I._ als Soli-
darschuldnerin, sah aber keinen Anlass zu einer Strategieänderung gegenüber
der J._ (Urk. 5/30).
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3. Am 30. September 2005 erhob die Klägerin eine Schadenersatzklage gegen
die I._ als Haftpflichtversicherung des E._ vor dem Kantonsgericht Zug
aus dem Unfallereignis vom 18. Juli 1992. Mit Urteil vom 11. Dezember 2006 wies
das Gericht die Klage ab. Es kam zum Schluss, dass nicht E._, sondern
G._ vortrittsbelastet gewesen sei und diesen überdies ein grobes Verschul-
den treffe. Dies unterbreche die Solidarhaftung des E._ bzw. der I._ für
die Betriebsgefahr im Sinne von Art. 59 Abs. 1 SVG. Als Eventualbegründung
stellte das Gericht überdies eine Verjährung der Ansprüche gegen die I._
fest, da der am 20. Juli 1999 abgegebene Verzicht auf die Verjährungseinrede ei-
ne Verlängerung der Verjährung nur bis zum 16. Juli 2004 bewirkt habe und diese
Frist mit der Klageeinleitung nicht gewahrt worden sei (Urk. 5/65).
Das Zuger Obergericht bestätigte auf Berufung der Klägerin hin am 20. November
2007 die Klageabweisung. Es bestätigte die Auffassung der Vorinstanz bezüglich
eines groben, die Solidarhaftung der I._ unterbrechenden Unfallverschuldens
des G._. Zur Verjährungsfrage erwog es, der im Jahre 1999 erklärte Verjäh-
rungsverzicht der I._ habe nur die relative Verjährung, nicht aber die absolu-
te Verjährung verlängert. Die absolute Verjährung sei daher am 18. Juli 2002 ein-
getreten und die Klage zu spät erfolgt (Urk. 5/67).
Das Bundesgericht bestätigte am 25. Februar 2008 die Klageabweisung eben-
falls. Es stellte zwar die obergerichtlichen Erwägungen zur absoluten Verjährung
aus Gründen des rechtlichen Gehörs in Frage. Da es sich aber der Auffassung
der Vorinstanzen hinsichtlich des groben Verschuldens des vortrittsbelasteten
G._ am Unfall anschloss, einen Haftungsunterbruch der I._ bejahte und
aus diesem Grund die Klage verwarf, blieb die Frage der Verjährung vor Bundes-
gericht letztlich offen (Urk. 5/68).
4. Gemäss den Urteilen der Zuger Gerichte und des Bundesgerichtes hätte die
Klägerin ihre Ansprüche ausschliesslich gegen die J._ richten müssen. Diese
sind inzwischen verjährt. Mit der vorliegenden Klage verlangt die Klägerin daher
den Ersatz ihres Schadens aus dem Unfall vom 18. Juli 1992 vom Beklagten. Sie
wirft ihm eine Verletzung seiner anwaltlichen Sorgfaltspflicht vor.
Die Vorinstanz hat das Prozessthema einstweilen auf die Frage der "Haftbarkeit"
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des Beklagten beschränkt. Im angefochtenen Urteil hat sich die Vorinstanz indes-
sen lediglich mit der Frage der Sorgfaltspflichtverletzung befasst bzw. sich nur
dazu geäussert. Zum Kausalzusammenhang zwischen der geltend gemachten
Sorgfaltspflichtverletzung und dem geltend gemachten Rechtsverlust, insbeson-
dere zur Frage der bereits eingetretenen Verjährung der klägerischen Ansprüche
gegen die J._ im Zeitpunkt der Mandatsübernahme, hat sich die Vorinstanz
infolge der grundsätzlichen Verneinung einer Sorgfaltspflichtverletzung nicht ge-
äussert (Urk. 44 S. 30f). Wie nachfolgend darzulegen ist, liegt nach der Auffas-
sung der Berufungsinstanz eine Sorgfaltspflichtverletzung vor. Da sich die Partei-
en sowohl vor erster Instanz als auch im Berufungsverfahren einlässlich auch
zum Kausalzusammenhang zwischen der behaupteten Sorgfaltspflichtverletzung
und dem Rechtsverlust der Klägerin geäussert haben und dies vorliegend eine
rechtliche Frage ist (Verjährungseintritt), kann die Berufungsinstanz auch die Fra-
ge des Kausalzusammenhangs beurteilen und versteht nachfolgend das einstwei-
len auf die "Haftung" des Beklagten beschränkte Prozessthema sowohl als Prü-
fung der Sorgfaltspflichtverletzung als auch des Kausalzusammenhangs mit dem
behaupteten Rechtsverlust der Klägerin.
II.
1. Die Vorinstanz verneinte eine Sorgfaltspflichtverletzung des Beklagten bei sei-
ner Mandatsführung. Ein Anwalt hafte nicht für Risiken, die mit der Bildung und
Durchsetzung einer Rechtsauffassung an sich verbunden seien; es stehe ihm da-
bei meist ein gewisser Entscheidungsspielraum zu. Der Anwalt hafte nur, wenn er
bei der sich nachträglich als unrichtig erweisenden Beurteilung der Sachlage die
Regeln der Fachkunst in unvertretbarer Weise missachtet habe. An den Beklag-
ten als Haftpflichtspezialisten seien dabei erhöhte Anforderungen zu stellen. Eine
solche massgebliche Verletzung der Sorgfaltspflicht wäre u.a. gegeben, wenn der
Anwalt eine Frist versäume oder die Verjährung nicht rechtzeitig unterbreche.
Massgeblich sei der Zeitpunkt der Mandatsübernahme im Jahre 1999 und die
dem Beklagten damals bekannten Umstände. Der Beklagte habe sich damals
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nicht einfach auf den unangefochten gebliebenen Strafbefehl gegen E._ ab-
stützen dürfen, da die Beurteilung des Strafrichters den Zivilrichter nicht binde und
die Vortrittsfrage aufgrund der beigezogenen Strafakten kontrovers gewesen sei.
Die mögliche Vortrittsbelastung des G._ sei für ihn ersichtlich gewesen und
er hätte hier mit vertretbarem Aufwand nähere Abklärungen tätigen können und
müssen. Hingegen habe der Beklagte nicht voraussehen können, dass das Ver-
halten des G._ später durch die Zivilgerichte als grob schuldhaft qualifiziert
würde, sodass es die Solidarhaftung des E._ bzw. der I._ gemäss Art.
59 Abs. 1 SVG unterbrechen könnte. Die Vortrittssituation sei vor Ort durch keine
Markierungen oder Signale gekennzeichnet gewesen und die Vortrittsmissach-
tung des G._ in einer solchen Situation stelle keine klassische grobe Ver-
kehrsregelverletzung dar. Habe der Beklagte aber bei der Mandatsübernahme
wie auch bei der Klageeinleitung gegen die I._ von einer ununterbrochenen
Solidarhaftung des E._ und des G._ bzw. ihrer Versicherungen ausge-
hen können und habe er gegen einen dieser Solidarschuldner die Verjährung un-
terbrochen, so habe sich dieses Vorgehen innerhalb des anwaltlichen Ermes-
sensspielraums bewegt; eine Missachtung der Regeln der Fachkunst in unver-
tretbarer Weise liege nicht vor. Ein gleichzeitiges und paralleles Vorgehen gegen
beide Versicherungen wäre angesichts des Kostenrisikos (Streitwert 2 Mio Fran-
ken) nicht zumutbar und prozessökonomisch nicht sinnvoll gewesen, zumal eine
Verjährungsprophylaxe gegen die J._ ab Mandatsbeginn im Jahre 1999 über
Jahre hinweg bis zum Vorliegen einer Haftungsanerkennung oder eines rechts-
kräftigen Zivilurteils im Jahre 2008 hätte betrieben werden müssen. Bemühungen
zur Verjährungsunterbrechung gegen die J._ hätten allenfalls sogar eine ne-
gative Feststellungsklage provozieren können, was nicht im Interesse der Kläge-
rin gelegen hätte. Die Unterlassung einer Verjährungsunterbrechung und einer
Klage gegen die J._ stelle damit keine Sorgfaltspflichtverletzung dar. Ob
auch eine Verletzung der Aufklärungs- und Informationspflicht vorliegt, indem der
Beklagte gegenüber der Klägerin nie ein Vorgehen gegen die J._ themati-
siert hat, liess die Vorinstanz offen. Diese Unterlassung wäre nämlich nicht kausal
für den Schaden der Klägerin, da es lebensfremd wäre anzunehmen, dass die
Klägerin nach gehöriger Aufklärung sich für ein Vorgehen gegen die J._ ent-
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schieden hätte, nachdem sie selber vor der Mandatierung des Beklagten bereits
ein Vorgehen gegen die I._ "eingespurt" gehabt habe und der Beklagte als
spezialisierter Fachmann sich für ein Vorgehen gegen die I._ entschieden
habe (Urk. 44).
2. Die Klägerin hält auch im Berufungsverfahren an ihrem vorinstanzlichen Stand-
punkt fest, dass der Beklagte seinen Auftrag überhaupt nicht erfüllt habe und nicht
bloss eine Schlechterfüllung im Sinne einer Sorgfaltspflichtverletzung vorliege. Sie
habe dem Beklagten einen umfassenden Auftrag zur Geltendmachung von Versi-
cherungsleistungen aus dem Unfall vom 18.7.1992 erteilt, ohne Einschränkung
auf bestimmte Personen. Hinsichtlich G._ und J._ habe der Beklagte
diesen Auftrag nicht erfüllt. Die Sorgfaltspflichtverletzung sei nicht nur anhand der
Gegebenheiten bei der Mandatsübernahme im Mai 1999 zu prüfen, sondern rich-
te sich laufend nach der Fallentwicklung. Nach Beizug der Strafakten habe der
Beklagte nicht einfach auf die Einschätzung des Polizeirichters zum Vortritt ab-
stellen dürfen, zumal die I._ ihre Haftung nie anerkannt sowie einen Haf-
tungsausschluss nach Art. 59 Abs. 1 SVG geltend gemacht habe. Der Beklagte
sei nach einer ungenügenden Fallanalyse einzig gegen die I._ vorgegangen
und habe die Klägerin auch nie über den grundsätzlichen Schadenersatzanspruch
gegen die J._ aufgeklärt, nie eine diesbezügliche Instruktion eingeholt und
auch nie ein Begehren gegen die J._ gestellt. Trotz erkannter Verjährungs-
problematik und der Verjährungseinrede der I._ habe der Beklagte nichts un-
ternommen, um die Ansprüche gegen die J._ verjährungsrechtlich oder
durch Streitverkündung abzusichern. Eine Verjährungsprophylaxe wäre mit einfa-
chen Mitteln zu bewerkstelligen und zumutbar gewesen (Urk. 43).
3. Auch der Beklagte vertritt im Berufungsverfahren denselben Standpunkt wie
vor Vorinstanz. Gegenstand des Mandates sei zunächst lediglich die Interessen-
wahrung für die Klägerin gegenüber der H._ gewesen, welches Verfahren
mit der Ausrichtung der Integritätsentschädigung abgeschlossen gewesen sei.
Erst mit der Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die H._ nach einem un-
erwarteten gesundheitlichen Rückfall sei das Fundament für allfällige Haftpflicht-
ansprüche und eine Ausweitung des Mandates gegeben gewesen. Die Klägerin
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hätte indessen schon vor seiner Mandatierung Kontakt richtigerweise - nur - mit
der I._ aufgenommen und damit selber den Fall in diese Richtung "einge-
spurt" bzw. das Mandat begrenzt. Dieses Vorgehen habe sich gestützt auf den
rechtskräftigen Strafbefehl gegen E._ ergeben. Es habe kein Anlass bestan-
den, gegenüber der J._ ein neues Kampffeld zu eröffnen, insbesondere auch
nicht angesichts der bestehenden Verjährungsproblematik und weil die De-
ckungssumme der I._ genügend hoch gewesen sei. Nachdem er von der
I._ einen Verjährungsverzicht erlangt habe, habe er sich grundsätzlich ge-
genüber keinem der beiden Solidarschuldner mehr um die absolute Verjährung
kümmern müssen. Hingegen sei die relative Verjährung gegenüber der J._
beim Rückfall bereits eingetreten gewesen. Dass unter den Haftpflichtversiche-
rern sodann keine Solidarität bestehe wegen eines groben Verschuldens des
G._ und eine Verjährungsunterbrechung gegen die I._ ohne Wirkung
auf die J._ bleiben würde, sei nicht vorhersehbar gewesen. Die Vortrittssitua-
tion vor Ort sei vielmehr unklar gewesen und er habe sich diesbezüglich auf die
Abklärungen des Polizeirichters und den unangefochten gebliebenen Strafbefehl
gegen E._ verlassen können. Hätte er bei Mandatsübernahme auch bei der
J._ vorsorglich auf einen Verjährungsverzicht gedrängt, hätte er eine Verjäh-
rungseinrede geradezu provoziert, was Vergleichsgesprächen abträglich und tak-
tisch falsch gewesen wäre; allenfalls hätte die J._ sogar mit einer negativen
Feststellungsklage reagiert. Mit der Vorinstanz könne offen bleiben, ob die Kläge-
rin gehörig informiert und aufgeklärt worden sei. Da der Beklagte gegen die
J._ keinen Prozess riskiert hätte, hätte sich ihm die Klägerin dahin sicher an-
geschlossen, denn sie habe kein Geld in den Prozess investieren wollen (Urk.
51).
IV.
1. Allgemeines zur Sorgfaltspflicht des Anwaltes
Zu den grundsätzlichen Anforderungen an die Sorgfaltspflicht des Anwaltes bei
der Ausführung seines Interessenwahrungsauftrages kann vorweg auf die Aus-
führungen im vorinstanzlichen Urteil verwiesen werden (Urk. 44 S. 18ff).
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Ist der Mandatsumfang nicht ausdrücklich umschrieben worden, richtet sich der
Umfang des Mandates nach den erkennbaren subjektiven Interessen der Auftrag-
geberin, die der Beauftragte notfalls zuerst zu ergründen hat. Stehen diese Ziele
fest, hat der Anwalt anschliessend alles Notwendige vorzukehren, was zur Errei-
chung dieser Ziele objektiv nach den Regeln der Kunst erforderlich ist. Vermu-
tungsweise wird das Mandat umfassend erteilt und bezieht sich auf die gesamte
präsentierte Rechtsangelegenheit (Fellmann, Berner Komm. VI/2/4, 1992, OR 396
N 35, OR 398 N 412f; Ch. Bernhart, Die professionellen Standards des Rechts-
anwalts, DIKE, 2.A. 2011, S. 231). Sodann schuldet der Anwalt seiner Mandantin
eine umfassende Abklärung der objektiv wesentlichen Sachverhalts- und Rechts-
lage unter Berücksichtigung der grundlegenden, aktuellen Lehre und Rechtspre-
chung, insbesondere hat er seine Mandantin über die Gefahren und Erfolgsaus-
sichten zu orientieren und zu beraten. Die Mandantin soll dadurch in die Lage
versetzt werden, in vollständiger Kenntnis aller für das zu besorgende Geschäft
wesentlichen Umstände die Vor- und Nachteile abzuwägen und gestützt darauf
selber eine kompetente Entscheidung zu treffen; nur so kann sie verbindlich in ei-
ne vorgeschlagene Massnahme einwilligen oder ihre Weisungsbefugnis wahr-
nehmen. Weiter hat der Anwalt so vorzugehen, dass er die angestrebten Ziele am
sichersten erreicht, und alle unnötigen Risiken, wie z.B. das Verjährungsrisiko,
vermeidet (Bernhart, a.a.O. S. 214ff, 257).
Der Anwalt hat grundsätzlich jedoch nicht für den Erfolg seiner Tätigkeit einzu-
stehen, insbesondere nicht für die Risiken, die mit der Bildung einer Rechtsauf-
fassung und deren Durchsetzung beispielsweise in einem Gerichtsverfahren ver-
bunden sind. Es besteht bei der subjektiven Beurteilung der festgestellten objekti-
ven Rechts- und Sachverhaltsumstände, der rechtlichen Meinungsbildung und
des taktischen Vorgehens oft ein gewisser Ermessenspielraum. Ist der dabei ein-
genommene Standpunkt vertretbar, so begründet dies auch im Falle eines Miss-
erfolgs der Bemühungen keine Sorgfaltspflichtverletzung des Anwaltes. Eine sol-
che liegt hingegen vor, wenn der Anwalt bei den grundlegenden Rechts- und Tat-
sachenabklärungen objektiv massgebliche Umstände ausser Acht lässt, insbe-
sondere sich ausschliesslich auf Informationen der Mandantin abstützt; oder wenn
er sich gestützt auf das Tatsachenfundament, die bestehende Gesetzeslage und
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die grundlegende Judikatur und Literatur eine fachlich unvertretbare Rechtsan-
schauung bildet, oder sich aufdrängende und verhältnismässige Vorkehren zur
einstweiligen Rechtswahrung unterlässt. Zu den grundlegenden und gegebenen-
falls haftungsbegründenden Vorkehren im Unterlassungsfall bei der Rechtswah-
rung gehört die Beachtung der materiellen und prozessualen Fristen, insbesonde-
re der Verjährungs- und Verwirkungsfristen, die der Anwalt notfalls auch ohne In-
struktion der Mandantin unaufgefordert zu unterbrechen hat. Die Anforderungen
bei der objektiven Abklärung und Beurteilung der Sach- und Rechtslage sind um-
so höher, je qualifizierter bzw. spezialisierter ein Anwalt auf dem betreffenden
Rechtsgebiet ist und wenn er gerade infolge dieser erhöhten Fachkompetenz zu
Rate gezogen wird (vgl. dazu H.P. Walter, in Münch/Geiser, Schaden - Haftung -
Versicherung, Rz.16.23ff).
2. Mandatsumfang
Der Beklagte liess sich zu Beginn seiner Tätigkeit von der Klägerin bevollmächti-
gen zur Interessenwahrung betreffend den "Unfall vom 18.7.1992 betr. Versiche-
rungsleistungen". Diese Auftragsumschreibung ist sehr allgemein und damit
gleichzeitig sehr umfassend formuliert. Da für das betreffende Unfallereignis An-
sprüche gegen mehrere Versicherungen in Frage kamen - zwei Haftpflichtversi-
cherungen, eine Unfallversicherung, Sozialversicherung, ev. Krankenversicherung
- muss dieser offensichtlich vom Beklagten formulierte Auftragsumfang nach Treu
und Glauben dahin verstanden werden, dass es darum gehen sollte, die Versi-
cherungssituation ganz umfassend abzuklären und entsprechende Leistungsan-
sprüche anzumelden. Die Ansprüche gegen die Haftpflichtversicherer und die So-
zialversicherer stehen dabei im Vordergrund und müssen in jedem Fall als von ei-
nem solchen Mandat erfasst gelten (vgl. dazu A. Ilery, in Münch/Geiser, Schaden
- Haftung - Versicherung, Rz. 7.23). Gegen welche von mehreren Haftpflicht- und
Sozialversicherungen die Ansprüche tatsächlich auch geltend gemacht werden
können und sollen, ist Gegenstand der nachfolgenden anwaltlichen Abklärungs-
und Beratungspflicht. In diesem Sinne kann sich der Beklagte nicht darauf beru-
fen, dass lediglich die Interessenwahrung gegenüber der H._ als der persön-
lichen Unfallversicherung der Klägerin Inhalt seines Auftrages gebildet habe.
Dass der Beklagte selber den Auftrag anders bzw. im vorerwähnten umfassenden
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Sinn verstanden hat, ergibt sich u.a. aus dem Umstand, dass er von Anfang an
auch Ansprüche gegen die I._ als Haftpflichtversicherung angemeldet hat,
welche von der H._ als Unfallversicherung nicht gedeckt waren, und einen
Verjährungsverzicht eingefordert hat (Urk. Urk. 5/7, 5/10). Auch der Brief des Be-
klagten an die Klägerin vom 4. Mai 1999, worin er mitteilt, es sei viel verpasst
worden, aber noch sei die Lage nicht hoffnungslos und vordringlich sei ein Verjäh-
rungsverzicht (Urk. 5/2), spricht dafür, dass der Beklagte sein Mandat - zu Recht -
als umfassendes Interessenwahrungsmandat auch gegenüber weiteren in Frage
kommenden Versicherungen aus dem Unfall vom 18.7.1992 verstanden hat.
Schliesslich korrespondierte der Beklagte nach der Mandatsübernahme immer
wieder mit der I._ bezüglich der Anspruchsregelung, und es fand am 21. Ok-
tober 1999 auch eine Besprechung statt (Urk. Urk. 5/10, 5/13, 5/14, 5/15, 5/16).
Der Einwand, das Mandat sei auf die Interessenwahrung gegenüber der H._
als Unfallversicherung beschränkt gewesen, ist daher zurückzuweisen.
Ebensowenig kann sich der Beklagte darauf berufen, die Klägerin persönlich habe
bereits vor seiner Mandatierung Kontakt mit der I._ als einer der beiden in-
volvierten Haftpflichtversicherungen gehabt und damit die Mandatsführung gegen
die I._ "eingespurt" gehabt. Zum einen lässt sich ein solches "Einspuren"
nicht damit begründen, dass die Klägerin unmittelbar nach dem Unfall im Jahre
1992 der I._ auf deren Verlangen Arztzeugnisse zukommen liess (Urk. 5/4 in
Verb. Urk. 51 S. 7), wobei unbekannt ist, ob die Klägerin oder der Halter die Un-
fallmeldung erstattet hat (vgl. auch Urk. 51 S. 26). Der sorgfältig handelnde An-
walt darf sich zum anderen aber auch nicht einfach auf die Ausführungen und
Meinungen seiner Mandantin verlassen, sondern er hat die Sachlage nach objek-
tiven Kriterien umfassend zu prüfen. Ergibt sich daraus eine abweichende Beur-
teilung der Sachlage oder ergeben sich daraus wesentliche neue Aspekte, so hat
er seine Mandantin darüber aufzuklären und sich gegebenenfalls eine ausdrückli-
che Instruktion im Sinne einer Weichenstellung für das weitere Vorgehen erteilen
zu lassen.
Dass der Beklagte vorliegend die Klägerin ausdrücklich darauf hingewiesen hätte,
es beständen parallel zur I._ auch Haftpflichtansprüche gegen die J._
sowie das Risiko eines Haftungsausschlusses gemäss Art. 59 Abs. 1 SVG des
- 15 -
einen oder anderen Versicherers, und dass ein - auch paralleles - Vorgehen ge-
gen die J._ möglich und zumindest bis auf weiteres angezeigt sein könnte,
hat der Beklagte weder vor Vorinstanz noch im Berufungsverfahren substanziert
behauptet. Er hat lediglich geltend gemacht, die Klägerin habe ja selber gewusst,
welche Versicherungen involviert gewesen seien und habe darüber nicht mehr in-
formiert werden müssen bzw. sie habe selber die Sache gegen die I._ einge-
spurt gehabt (Urk. 19 S. 15, Urk. 34 S. 9f, 15, Urk. 51 S. 14f, 22) bzw. es sei vor-
dringlich nicht um eine Abwägung gegangen, gegen welche Haftpflichtversiche-
rung vorzugehen sei, sondern darum, vom Unfallversicherer einen Schadens-
nachweis zu erlangen (Urk. 19 S. 16, 47). Der Beklagte bestritt sodann überhaupt
eine Pflicht, von der Klägerin eine Instruktion hinsichtlich der anzugehenden Haft-
pflichtversicherung einzuholen (Urk. 19 S. 16). Dementsprechend hat er auch nie
behauptet, von der Klägerin nach erfolgter Aufklärung über die potentiell Haft-
pflichtigen tatsächlich eine entsprechende Wahlerklärung eingeholt zu haben
(Urk. 34 S. 26). Hat der Beklagte der Klägerin die Alternativen bzw. das Risiko ei-
nes einseitigen Vorgehens und einer einseitigen Rechtswahrung bereits zu Be-
ginn des Mandates aber nicht klar aufgezeigt, so kann er sich hinsichtlich der Un-
terlassung eines anfänglichen Vorgehens auch gegen die J._ nicht auf einen
entsprechenden mutmasslichen Willen der Klägerin oder deren Verhalten vor der
Mandatsübernahme berufen. Gegen einen mutmasslichen Verzicht auf ein Vor-
gehen gegen die J._ durch eine aufgeklärte Klägerin spricht im Übrigen,
dass die J._ die Versicherung des ihr unbekannten Halters G._ war und
ihr ein Vorgehen gegen diesen Unbekannten psychologisch wohl leichter gefallen
wäre als ein Vorgehen gegen die Versicherung ihres damaligen Freundes
E._ unter Behauptung eines schuldhaften Verhaltens bzw. eines Fehlers ih-
res Freundes. Dies sieht selbst der Beklagte so (Urk. 34 S. 15). Auch wenn auf-
grund des Strafbefehls gegen E._ die Beweislage vordergründig gegenüber
der I._ komfortabler erschien, entband dies den Beklagten nicht von einer
sorgfältigen Prüfung aller Risiken und zumindest einer entsprechenden Aufklä-
rung der Klägerin.
Der Beklagte beruft sich weiter darauf, dass mit der Zusprechung der Integritäts-
entschädigung durch die H._ am 7. Mai 2001 sein Mandat beendet gewesen
- 16 -
sei und der Fall erst nach einem weiteren gesundheitlichen Rückfall bei der Klä-
gerin im April 2002 ohne sein Zutun von der H._ wieder neu aufgenommen
worden sei (Urk. 19 S. 19). Abgesehen vom engen zeitlichen Konnex ist aufgrund
des Briefwechsels zwischen Klägerin und Beklagtem im April 2002 in jedem Fall
mindestens von einer Wiederaufnahme des Mandatsverhältnisses mit dem Be-
klagten auszugehen : Am 17. April 2002 berichtete die Klägerin dem Beklagten
über eine Verschlechterung ihres Zustandes und fragte ihn: "Wo stehen wir in
dem ganzen Fall und wie geht es weiter ?" (Urk. 20/7). Am 18. April 2002 antwor-
tete der Beklagte u.a. die I._ habe sich noch nicht definitiv entschieden, ob
sie die Unfallkausalität der Beschwerden anerkenne und, dass er diese "gemahnt
(habe), zu der ganzen Angelegenheit Stellung zu nehmen" und, dass er der Klä-
gerin für weitere Fragen zur Verfügung stehe (Urk. 5/20; vgl. auch den Brief vom
21. Juni 2001 betreffend noch pendente Forderungen gegen die I._,
Urk. 5/17). Am 15. Mai 2002 gelangte der Beklagte brieflich an die I._ und
setzte ihr eine Frist bis 10. Juni 2002 an, um zur Kausalitätsfrage Stellung zu
nehmen (Urk. 5/21). Am 12. Juli 2002 gelangte der Beklagte erneut an die I._
(Urk. 5/21). War der Beklagte aber mindestens ab April 2002 erneut für die Kläge-
rin in der Angelegenheit "Unfall vom 18.7.1992 betr. Versicherungsleistungen"
und unmittelbar gegenüber der I._ tätig, so trafen ihn dieselben Sorgfalts-
und Aufklärungspflichten wie nach der Vollmachterteilung im Mai 1999 und wirkt
sich ein allfälliger Unterbruch seiner anwaltlichen Aktivitäten zwischen Mai 2001
und April 2002 auf die Sachlage nicht aus. Durch den "Rückfall" im Frühjahr 2002
war die Notwendigkeit eines Vorgehens gegen die Haftpflichtversicherer sogar
akuter denn je und an der möglichen Haftbarkeit der J._ hatte sich noch we-
niger geändert.
3. Verjährungsrisiko und -unterbrechung
Der Beklagte hat vorliegend die Gefahr der Verjährung bereits bei der Mandats-
übernahme erkannt und entsprechende Massnahmen zwecks Wahrung aller spä-
teren Prozesschancen als vordringlich erachtet. Entsprechend hat er die I._
um einen Verjährungsverzicht gebeten. Dieser wurde am 20. Juli 1999 für die Zeit
bis 18. Juli 2001 ausgesprochen unter dem Vorbehalt, dass die Verjährung nicht
bereits eingetreten war. Der Verzicht wurde in den späteren Jahren sodann immer
- 17 -
wieder verlängert (Urk. 5/9, Urk. 20/11-13). Anerkanntermassen hat der Beklagte
aber nie gegenüber der J._ ein Schadenersatzbegehren gestellt oder die
Verjährung unterbrochen (Urk. 19 S. 15, Urk. 34 S. 15f), obschon sich die Verjäh-
rungsfrage bei der Mandatsübernahme bezüglich der J._ nicht anders prä-
sentierte als bezüglich der I._. Dies ist nicht nachvollziehbar. Der Verjäh-
rungsverzicht eines von mehreren Solidarschuldnern bindet nur diesen selbst,
nicht aber die solidarisch Mithaftenden (Art. 141 Abs. 2 OR); der Verjährungsver-
zicht der I._ war für die laufende Verjährung der Ansprüche gegen die
J._ daher ohne Wirkung. Dies hätte der Beklagte als versierter Haft-
pflichtspezialist wissen müssen. Sodann entspricht es der Usanz der Versiche-
rungen, bei Umständen wie den hier vorliegenden einen Verjährungsverzicht ab-
zugeben (vgl. dazu auch BSK OR I-Däppen, Art. 141 N 3). Dass dies vorliegend
und bei der J._ anders gewesen wäre, ist nach der allgemeinen Lebens- und
Gerichtserfahrung nicht anzunehmen, nachdem der Beklagte es gar nicht erst
versucht hat. Bezeichnenderweise hat sich ja auch die H._ nach Erhalt der
Rückfallmeldung am 2. September 1999 sogleich gegenüber beiden Haftpflicht-
versicherern, somit auch jener des G._, durch eine Regressanzeige (Urk.
5/44+45) und durch Verjährungsverzichte (Urk. 5/48) abgesichert. Und die
J._ hat gegenüber der H._ tatsächlich auch einen solchen Verzicht aus
dem vorliegenden Unfallereignis abgegeben. Hätte die J._ - im Widerspruch
zum Verjährungsverzicht gegenüber der H._ - gegenüber der Klägerin einen
Verjährungsverzicht verweigert, hätte dem Beklagten noch immer die Möglichkeit
des Verjährungsunterbruchs mittels einer vorsorglichen Betreibung offen gestan-
den (Art. 135 OR); die Einleitung einer ordentlichen Klage mit dem entsprechen-
den Kostenrisiko wäre dafür nicht nötig gewesen. Die Erwirkung eines Zahlungs-
befehls im Juni 1999, allenfalls auch wiederholt in den folgenden Jahren und ins-
besondere nach dem Vorliegen des Gutachtens zur Vortrittssituation im Mai 2005,
hätte genügt und wäre als eine sehr einfache und kostengünstige Absicherungs-
massnahme ohne weiteres zumutbar gewesen. Dies auch unter dem Aspekt der
Unsicherheit bezüglich einer allfälligen Haftung der J._ überhaupt und ohne
eine abschliessende Abklärung und Meinungsbildung zur Verschuldensfrage. Der
Einwand, man hätte mit einer Verjährungsprophylaxe allenfalls eine negative
- 18 -
Feststellungsklage der J._ provoziert, ist ein allzu hypothetisches und allzu
weit hergeholtes Argument und ist als unbehilfliche Schutzbehauptung zu qualifi-
zieren. Zum einen hat sich die Versicherungsusanz des Verjährungsverzichts u.a.
gerade deshalb etabliert, um vorzeitige Prozesse mit ihrem Aufwand- und Kosten-
risiko auch für die Versicherungen zu vermeiden. Sodann reagiert vernünftiger-
weise keine Versicherung, die erstmals Kenntnis von möglichen und noch unbe-
zifferten Schadensansprüchen einer einzelnen Geschädigten aus einem privaten
Verkehrsunfall erhält, unvermittelt und ohne nähere Kenntnis von Schadensum-
fang und Haftungsmodalitäten in derart überschiessender Weise. Eine Verjäh-
rungsunterbrechung war schliesslich auch der Aufnahme von Vergleichsgesprä-
chen nicht abträglich - im Gegenteil : Ohne eine solche Unterbrechung spielte der
Beklagte der J._ die Einrede der eingetretenen Verjährung und damit ein
neues und starkes Argument gegen jede Zahlungspflicht und damit auch einer
vergleichsweisen Zahlung geradewegs zu. Verjährungsrechtliche Aspekte spielen
in allen grösseren Haftungsfällen eine zentrale Rolle und sind im Versicherungs-
geschäft Alltag. Versicherungen werden nicht erst durch die Anfrage nach einem
Verjährungsverzicht oder andere verjährungsunterbrechende Handlungen für die
Erhebung der Verjährungseinrede sensibilisiert. Hat der Beklagte gegenüber der
I._ innert nützlicher Frist zweckmässige verjährungsunterbrechende Hand-
lungen vorgenommen, so ist nicht einzusehen, weshalb bei dieser Versicherung
die angeführten angeblichen Bedenken nicht bestanden, wohl aber und nur bei
der J._. Nicht weiter von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang schliess-
lich, ob das im Mai 1999 erteilte Mandat mit der Zusprechung der Integritätsent-
schädigung durch die H._ abgeschlossen war und nach einem gesundheitli-
chen Rückfall am 17. April 2002 konkludent ein neues Mandat erteilt wurde (Urk.
19 S. 19 in Verb. mit Urk. 5/20+21 und Urk. 20/7). Noch im April 2002 hätte der
Beklagte gegenüber der J._ sowohl die absolute Verjährung unterbrechen
können als auch die neu angelaufene relative Verjährung im Auge behalten müs-
sen. Hat der Beklagte als Haftpflichtspezialist im vorliegenden Fall auch die ein-
fachsten und zumutbaren Massnahmen gegenüber der J._ als Solidar-
schuldnerin und potentiell allenfalls einzig Haftpflichtigen zur Verhinderung des
Verjährungseintritts unterlassen, so muss dies grundsätzlich als Verletzung seiner
- 19 -
anwaltlichen Sorgfaltspflicht qualifiziert werden.
4. Risiko des Haftungsunterbruchs
4.1. Wie aufgezeigt, muss von einem Anwalt erwartet werden können, dass er die
einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen und die grundlegende Lehre und
Rechtsprechung dazu kennt. Von einem auf Haftpflichtfälle spezialisierten Anwalt
wie dem Beklagten ist daher zu erwarten, dass er nicht nur Kenntnis von der soli-
darischen Haftung mehrerer potentieller Unfallverursacher hat, sondern auch vom
Risiko des Haftungsausschlusses des Halters im Falle des groben Verschuldens
eines anderen Mitbeteiligten im Sinne von Art. 59 Abs. 1 SVG. Dieser Situation
hat der beauftragte Anwalt mindestens zu Beginn seines Mandates Rechnung zu
tragen, wenn es darum geht, die nötigen vorsorglichen Massnahmen zur Absiche-
rung eines allfälligen späteren prozessualen Vorgehens zu treffen. Der beauftrag-
te Anwalt hat sich dabei anhand vorhandener Dokumente und objektiver Beweis-
mittel ein eigenes Bild über den Unfallhergang und das mögliche Verschulden al-
ler Beteiligten zu verschaffen. Dabei muss er auch wissen, dass die Beurteilung
eines Tatbestandes durch den Strafrichter den nachmaligen Zivilrichter nicht bin-
det (vgl. dazu M. Dähler/R. Schaffhauser, in Münch/Geiser, Schaden - Haftung -
Versicherung, Rz. 11.26ff, 11.57ff, 11.61). Die Möglichkeit des Haftungsunter-
bruchs ist aber auch während der weiteren Mandatsführung im Auge zu behalten,
falls sich bezüglich der Verschuldenssituation neue Erkenntnisse ergeben.
4.2. Vorliegend hat der Beklagte unmittelbar nach der Mandatierung die vorhan-
denen Strafakten zum Unfallablauf beigezogen. Daraus musste er entnehmen,
dass im Unfallrapport die Vortrittssituation umgekehrt dargestellt wurde als im
späteren Strafbefehl. Der Unfallrapport ging davon aus, der Kollisionsbeteiligte
G._ habe sich damals im Sinne von Art. 15 Abs. 3 VRV "in den Verkehr ein-
gefügt" und sei vortrittsbelastet gewesen, ohne die Situation aber näher zu be-
schreiben. Von den in dieser Gesetzesbestimmung zitierten Konstellationen des
Sicheinfügens kam dabei vernünftigerweise nur das Überfahren eines Trottoirs in
Frage, wie sich der von der Polizei damals erstellten Fotodokumentation un-
schwer entnehmen lässt; eine Hofausfahrt, aus welcher ein Sicheinfügen in den
- 20 -
Verkehr erfolgt sein könnte, ist dort nirgends erkennbar (Urk. 5/1, Urk. 5/69, ins-
bes. Blatt 4,5 und 6). Wohl ist das Trottoir wegen der betreffenden Einmündung
funktionsbedingt über einige Meter abgesenkt – infolge der durchlaufenden Rand-
steineinfassung aber klar als solches noch erkennbar –, was an seiner rechtlichen
Bedeutung als Vortritts- und Schutzfläche für Fussgänger nichts ändert (Art. 41
Abs. 2 VRV; R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrs-
rechts, Bd. I, RN 749). Auf den "flankierenden" Schutz durch das rechtsseitig ent-
lang seiner Fahrbahn verlaufende Trottoir durfte sich auch E._ verlassen.
Dass die Polizei am 23. Oktober 1992 aufgrund eines zusätzlichen Abklärungs-
auftrages des Polizeirichters feststellte, G._ habe sich nicht auf einer Hofaus-
fahrt, sondern auf einer Quartierstrasse befunden und sei von dort in die C._-
Strasse eingebogen, ging grundsätzlich am Kern des Problems vorbei, nämlich
dass G._ über ein Trottoir eingefahren war; immerhin erwähnt aber auch der
Nachtragsrapport das Trottoir entlang der C._-Strasse (Urk. 20/5). Der Straf-
befehl vom 12. November 1992 enthält keinerlei Begründung für die dort neu ge-
troffene, von der polizeilich dokumentierten bisherigen Unfallsituation abweichen-
de Annahme eines Vortrittsrechts von G._ (Urk. 5/70). Ein sorgfältiges und
unvoreingenommenes Aktenstudium durch den Beklagten hätte daher zur Er-
kenntnis führen müssen, dass die Vortrittssituation nicht klar und dass auch eine
Vortrittsmissachtung durch G._ und damit schuldhaftes Verhalten realisti-
scherweise in Betracht zu ziehen war. Dass er dies tatsächlich auch erkannt hat,
bestätigte der Beklagte letztlich selber in einem Schreiben vom 17. November
2008 (Urk. 5/53). Dass er sich aber mangels Bindungswirkung nicht einfach, wie
dort erwähnt, auf die eine von zwei unterschiedlichen Meinungen, nämlich jene
(unbegründete) des Polizeirichters abstützen durfte, wurde bereits ausgeführt.
E._ wurde lediglich mit einer geringen Busse bestraft. Solche Bussen werden
erfahrungsgemäss aus Gründen der Verhältnismässigkeit und aus Kostengrün-
den auch dann nicht angefochten, wenn man die Busse für ungerechtfertigt hält.
Auch hatte die Klägerin im Jahre 1992 noch keine grösseren Ansprüche an die
I._ angemeldet gehabt, so dass auch seitens dieser Versicherung kein An-
lass zu einer weiteren gerichtlichen Überprüfung des Strafbefehls bestand. Die
Missachtung von Vortrittsregeln wird in der Rechtsprechung sodann je nach der
- 21 -
konkreten Konstellation immer wieder auch als grobe Verkehrsregelverletzung
qualifiziert (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, 1999, S. 91ff). Das Vorliegen
eines schuldhaften Verhaltens des G._ und deren Qualifikation als grob
schuldhaftes Verhalten liess sich bei Waltung der gehörigen Sorgfalt daher eben-
falls nicht von Anfang an ausschliessen und ignorieren. Weiter war dem Beklag-
ten bekannt, dass die H._ nach der ersten Rückfallmeldung ihre Regressan-
sprüche sowohl gegenüber der I._ als auch gegenüber der J._ ange-
meldet und vorsorglich vor der Verjährung gerettet hatte. Sie hatte insbesondere
auch die J._ zur aktiven Teilnahme am Begutachtungsprozess zur Scha-
densfeststellung eingeladen. Auch dieses umsichtige Verhalten der H._ war
ein klarer Fingerzeig an den Beklagten, zumindest eine vorsorgliche Rechtswah-
rung seinerseits bei der J._ vorzunehmen. Unbestrittenermassen hat sich die
I._ während der gesamten Abklärungs- und Mandatszeit geweigert, eine Haf-
tung anzuerkennen oder Abschlagszahlungen zu leisten (Urk. 5/9). Ob dies infol-
ge Zweifels an der Unfallkausalität der Beschwerden oder infolge Zweifels an der
Verschuldenslage oder aus Gründen der Verjährung geschah - aufgrund von Urk.
20/10 ist das Letzte zu vermuten -, kann offen bleiben. Spätestens am 3. Mai
2005 hatte der Beklagte nämlich Kenntnis von einem Gutachten zur Vortrittssitua-
tion und zum Unfallverschulden, das die I._ in Auftrag gegeben hatte. Dieses
Gutachten kam zum Schluss, dass E._ das Vortrittsrecht zustand. Nicht ein-
mal dieses Gutachten nahm der Beklagte aber zum Anlass, Vorkehrungen für den
Fall der Bejahung eines Haftungsunterbruchs wegen eines groben Verschuldens
des G._ in Betracht zu ziehen (Urk. 5/30). Diese Urkunde ist zum einen ein
weiterer Beleg für die Verkennung der Haftungssituation und des Durchsetzungs-
risikos. Zum anderen hätte der Beklagte in jenem Zeitpunkt sogar noch eine reale
Möglichkeit zu einem Vorgehen gegen die J._ gehabt: Da die Geschädigte
im Jahre 2002 einen zweiten Rückfall erlitten hatte, dessen Unfallkausalität durch
das Gutachten der K._ ... vom 20. Juni 2003 bestätigt wurde, war die diesbe-
zügliche relative Verjährungsfrist von 2 Jahren gegenüber der J._ bei Kennt-
nisnahme des Verkehrsgutachtens noch nicht abgelaufen. Dem Beklagten und
der Vorinstanz ist insoweit zuzustimmen, dass es einen gewissen Entscheidungs-
und Ermessensspielraum für einen Rechtsvertreter geben muss, gegen welchen
- 22 -
von mehreren Haftpflichtigen er letztlich rechtlich vor- und das Prozessrisiko ein-
geht. Bei einer derart unklaren Haftungssituation wie der vorliegenden hätte die-
ses Risiko aber minimiert werden können und müssen durch die gleichzeitige
Klage gegen den einen und die vorsorgliche Rechtswahrung gegen den anderen
solidarisch haftenden Haftpflichtversicherer. Bei einem negativen Prozessaus-
gang wären wohl Prozesskosten, nicht aber die Sache selber verloren gewesen.
5. Kausalzusammenhang
5.1. Muss sich der Beklagte den Vorwurf der ungenügenden Verjährungsprophy-
laxe gegenüber der J._ bei Voraussehbarkeit eines Haftungsunterbruchs ge-
fallen lassen, ist weiter zu prüfen, ob sich dies tatsächlich auch auf den Rechts-
schutz der Klägerin ausgewirkt hat, d.h. ob bei einem rechtzeitigen Handeln die
Verjährung überhaupt noch hätte beeinflusst werden können oder ob sie bei
Mandatsübernahme oder bei der späteren besseren Erkenntnis zur Vortrittssitua-
tion nicht vielmehr bereits eingetreten war.
5.2. Die zivilrechtliche Verjährung von Schadenersatzansprüchen aus Motorfahr-
zeugunfällen tritt gemäss Art. 83 SVG grundsätzlich zwei Jahre nach Kenntnis
des Schadens ein (relative Verjährung), spätestens aber zehn Jahre nach dem
schädigenden Ereignis (absolute Verjährung). Beide Fristen können entweder
durch Klage oder Betreibung gemäss Art. 135 Abs. 1 OR unterbrochen werden
und beginnen dann jeweils neu zu laufen. Erfolgt indessen ein Verjährungsver-
zicht durch den Schuldner, so hat dieser keine Unterbrechung der Verjährungs-
fristen zur Folge, sondern nur eine entsprechende Verlängerung (BGE 123 III
219, 99 II 185). Der Fristenlauf beginnt mit Kenntnis von der Existenz, Beschaf-
fenheit und den wesentlichen Merkmalen des Schadens. Solange sich z.B. bei ei-
nem Personenschaden die Schadensentwicklung noch im Fluss befindet und das
Bestehen eines Dauerschadens noch offen ist, ist die fristauslösende Kenntnis
des Schadens noch nicht erreicht. Da umgekehrt der Geschädigten die Möglich-
keit der unbezifferten Forderungsklage offen steht, darf sie mit einem Geltendma-
chen ihrer Ansprüche auch nicht so lange zuwarten, bis der Schaden exakt bezif-
fert werden kann. Für den Beginn des Verjährungslaufs genügt es, wenn die Ge-
- 23 -
schädigte im grossen ganzen Kenntnis aller wesentlichen Elemente des Scha-
dens hat und in der Lage ist, für alle Schadensposten auf dem Prozessweg Ersatz
zu verlangen (BSK OR I-Däppen Art. 60 N 7; BK Bd. VI/1, R. Brehm, Art. 60 N
29ff).
Wird die Klage aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Straf-
recht eine längere Verjährung vorsieht, so gilt diese auch für den Zivilanspruch.
Nach den im Zeitpunkt des Unfalls noch geltenden strafrechtlichen Verfolgungs-
verjährungsbestimmungen galt für die Vergehenstatbestände sowohl der groben
Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Ziff. 2 SVG als auch der fahrlässigen Kör-
perverletzung nach Art. 125 StGB eine Verjährungsfrist von 5 Jahren ab dem Tag
der Ausführung der strafbaren Handlung, mithin ab Unfalltag (Art. 70 aStGB in der
bis 1.10.2002 gültigen Fassung). Diese Frist konnte durch Handlungen der Straf-
verfolgungsbehörden und Gerichte unterbrochen und bis auf maximal 7,5 Jahre
verlängert werden; die Geschädigte konnte diese Frist mittels Unterbrechungs-
handlungen gemäss Art. 135 OR auf maximal 10 Jahre verlängern (BGE 137 III
481, 131 III 430).
5.3. Der Beklagte übernahm vorliegend das Mandat formell mit der Vollmachter-
teilung am 21. Mai 1999 (Urk. 5/3). In diesem Zeitpunkt war die ordentliche straf-
rechtliche Verfolgungsverjährung von 5 Jahren ab dem Unfalltag (12. Juli 1992)
gegenüber G._ bereits abgelaufen. Auch die letzte aktenkundige Handlung
im Rahmen der Strafuntersuchung mit dem Nachtragsrapport zur Vortrittssituation
am 23. Oktober 1992 lag mehr als 5 Jahre zurück.
Die absolute zivilrechtliche Verjährung von 10 Jahren war am 21. Mai 1999 noch
nicht eingetreten und hätte bis zum 18. Juli 2002 noch unterbrochen werden kön-
nen, sofern nicht bereits die relative zweijährige Verjährungsfrist ab der groben
Kenntnis des Schadensumfanges abgelaufen war.
Dazu macht der Beklagte geltend, die erste, akute Verletzungsphase der Klägerin
sei vor seiner Mandatierung bereits abgeschlossen gewesen. 1999 habe die Klä-
gerin indessen einen Beschwerderückfall erlitten und sich deswegen an die
H._ und später auch an ihn gewandt. Die H._ veranlasste diverse medi-
zinische Abklärungen, bis ein Gutachten des L._ in M._ am 15. Novem-
ber 2000 eine dauerhafte und unfallkausale Beeinträchtigung der körperlichen In-
- 24 -
tegrität der Klägerin feststellte, was am 7. Mai 2001 zur Zusprechung einer ent-
sprechenden Integritätsentschädigung der H._ führte (Urk. 5/87, Urk. 20/6).
Entgegen dem Beklagten (Urk. 52 S. 17) brachte dieses Gutachten sehr wohl ei-
nen Erkenntniszuwachs, nämlich hinsichtlich des Umfangs der Beschwerden
(dauerhafte, nicht mehr weiter - und wie bisher angenommen - therapierbare Be-
einträchtigung) und hinsichtlich des Kausalzusammenhangs der -bisher bekann-
ten - Beschwerden mit dem früheren Unfall. Bezeichnenderweise meldete der Be-
klagte denn auch umgehend am 8. Mai 2001 bei der I._ Ansprüche infolge
einer um 20% eingeschränkten Erwerbsfähigkeit, eines um 10% eingeschränkten
wirtschaftlichen Fortkommens, einer um 15% reduzierten Haushaltführungsfähig-
keit, eine 10%ige Integritätsbeeinträchtigung sowie eine Genugtuung von Fr.
10'000.- an (Urk. 5/16). Damit belegte er, dass er nunmehr neu von einem dauer-
haften, die bisher beanspruchten Heilungs- und Therapiekosten übersteigenden
Schaden für die Klägerin ausging und dass er diesen in groben Zügen zu quantifi-
zieren vermochte. War der Beklagte namens der Geschädigten zu einer solchen
groben Substanzierung der Schadensansprüche gegenüber der I._ in der
Lage, so wäre er es entsprechend auch gegenüber der J._ gewesen. Der
Beginn der relativen Verjährung gegenüber den Haftpflichtversicherungen ist da-
her frühestens auf den 15. November 2000 anzusetzen, an dem umgekehrt aber
auch die absolute Verjährungsfrist von 10 Jahren noch nicht abgelaufen gewesen
war. Damit hätte der Beklagte bei einem sofortigen Handeln unmittelbar gegen-
über der J._ in jenem Zeitpunkt die Verjährung noch erfolgreich unterbrechen
und die Rechte der Klägerin wahren können.
Weiter lag am 20. Juni 2003 das K._-Gutachten vor, welches der Klägerin
eine noch weitergehende körperliche Beeinträchtigung einschliesslich einer ein-
geschränkten Erwerbsfähigkeit etc. attestierte (Urk. 5/99). Zurecht hat selbst der
Beklagte vor Vorinstanz darauf hingewiesen bzw. anerkannt, dass damit eine
neue relative Verjährungsfrist von 2 Jahren ausgelöst wurde, während welcher er
Ansprüche auch gegen die J._ hätte anmelden können, hätte er vor Juli 2002
die absolute Verjährung gegen diese unterbrochen (Urk. 19 S. 18, Urk. 34 S. 17).
- 25 -
Die entsprechende Unterlassung bzw. die unzweckmässige Verjährungsverlänge-
rung nur mit Wirkung für die I._ ist damit als kausal für den späteren An-
spruchsverlust der Klägerin zufolge Verjährung zu betrachten.
6. Zusammenfassung
Zusammengefasst muss sich der Beklagte den Vorwurf gefallen lassen, dass er
sowohl zu Beginn des Mandates als auch in dessen weiterem Verlauf, insbeson-
dere spätestens im Mai 2005 nach Kenntnis des von der I._ in Auftrag gege-
benen Verkehrsgutachtens, das Risiko eines Haftungsausschlusses der I._
infolge eines grob schuldhaften Verhaltens des G._ pflichtwidrig verkannt
hat. Weiter hat er bereits von Anfang an eine vorsorgliche Rechtswahrung gegen-
über der J._, sei es als mithaftende Solidarschuldnerin oder sei es als poten-
tiell alleinhaftende Schuldnerin, durch eine geeignete, auch gegen die J._
wirksame Verjährungsunterbrechung pflichtwidrig unterlassen. Die Ansprüche ge-
gen die J._ waren bei der Mandatsübernahme weder absolut noch relativ
verjährt und die Unterbrechung wäre mit einfachen und zumutbaren Vorkehren
möglich gewesen. Die vom Beklagten unternommenen Verjährungsunterbrechun-
gen (Einholen eines einseitigen Verjährungsverzichts von der I._) waren mit
Bezug auf die J._ rechtlich untauglich und stellen für sich bereits eine Sorg-
faltspflichtverletzung dar. Hätte der Beklagte zu Beginn des Mandates den Eintritt
der absoluten Verjährung gegen die J._ unterbrochen, wäre infolge des ge-
sundheitlichen "Rückfalls" bzw. der Akzentuierung der Beschwerden im Jahre
2002 die relative Verjährungsfrist sogar ein weiteres Mal ausgelöst worden und
mit einem entschlossenen Handeln zu unterbrechen gewesen, insbesondere nach
Kenntnis des K._-Gutachtens vom 20. Juni 2003 und ein weiteres Mal nach
Kenntnis des Verkehrsgutachtens im Mai 2005. Diese Unterlassungen erscheinen
als kausal für den definitiven Rechtsverlust der Klägerin gegenüber der J._.
Wohl musste der Beklagte am Schluss zwangsläufig entscheiden, gegen welche
der beiden Versicherungen er gerichtliche Klage einleiten wollte. Dass er sich für
eine Klage gegen die I._ entschied in Übereinstimmung mit dem Urteil des
Strafrichters, war grundsätzlich zwar vertretbar und nicht sorgfaltswidrig. Der letzt-
lich falsche Entscheid hätte indessen nicht zu einem Rechtsverlust für die Kläge-
rin geführt, hätte der Beklagte zuvor rechtzeitig durch Verjährungsunterbrechung
- 26 -
sich die Möglichkeit eines späteren Vorgehens gegen die J._ für den Fall ei-
nes negativen Prozessausgangs gegen die I._ gewahrt. Dafür bzw. für einen
daraus resultierenden Schaden haftet der Beklagte der Klägerin aus pflichtwidri-
ger Unsorgfalt. Ob der Klägerin aus dem Rechtsverlust auch ein materieller Ver-
lust (Schaden infolge einer ausgewiesenen und unfallkausalen gesundheitlichen
Beeinträchtigung unter Berücksichtigung eventueller haftungs- oder schadens-
mindernder Umstände) sowie Genugtuung und in welcher Höhe erwachsen ist, ist
im weiteren Prozessverfahren zu prüfen.
V.
Die Vorinstanz hat zur Frage der Haftung des Beklagten ein Vorurteil im Sinne
von § 189 ZPO/ZH erlassen, welches gleichzeitig zu einer definitiven Streiterledi-
gung führte. Nachdem die Vorfrage der Haftung abweichend zu entscheiden ist,
ist das die Klage abweisende Urteil der Vorinstanz aufzuheben und ist der Pro-
zess zur Ermittlung des der Klägerin daraus allenfalls entstandenen Schadens
und zur Festlegung des Schadenersatzes fortzuführen. Da sich die Vorinstanz zu
den materiellen Folgen zwangsläufig nicht geäussert hat, ist das Verfahren im
Sinne von Art. 318 Abs. 1 lit. c ZPO an die Vorinstanz zurückzuweisen.
VI.
1. Ist das angefochtene Urteil aufzuheben, entfallen auch die vorinstanzlichen
Kosten- und Entschädigungsfolgen. Damit wird das Berufungsbegehren der Klä-
gerin, es seien die vorinstanzlichen Gerichts- und Parteikosten der Höhe nach zu
reduzieren, gegenstandslos. Mangels Bezifferung des Antrages wäre im Beru-
fungsverfahren allerdings auf das Begehren nicht einzutreten gewesen (Art. 311
ZPO; Reetz/Theiler, in Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger ZPO Komm.,
Art. 311 N 34).
2. Für das Berufungsverfahren sind einstweilen nur die Gerichtskosten in Anwen-
dung der §§ 4 und 9 Abs. 2 GerGebVO festzusetzen. Deren Verlegung sowie die
Regelung der Parteientschädigungen sind dem definitiven Entscheid der Vo-
- 27 -
rinstanz aufgrund des dannzumaligen Obsiegens bzw. Unterliegens vorzubehal-
ten.
Es wird erkannt :
1. Es wird festgstellt, dass der Beklagte und Berufungsbeklagte wegen unsorg-
fältiger Führung des Mandats betreffend den Unfall vom 12. Juli 1992 für
den der Klägerin und Berufungsklägerin deswegen entstandenen Schaden
vollumfänglich haftet.
2. Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 8. Abteilung, vom 21. Juli 2011 wird
demgemäss aufgehoben, und der Prozess wird zur Fortsetzung des Verfah-
rens im Sinne der Erwägungen und zu neuer Entscheidung an die Vo-
rinstanz zurückgewiesen.
3. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 20'000.-.
4. Die Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen des vorliegenden Be-
rufungsverfahrens wird dem neuen Entscheid der Vorinstanz vorbehalten.
5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien und das Bezirksgericht Zürich, 8. Ab-
teilung, je gegen Empfangsschein.
Die erst- und zweitinstanzlichen Akten werden der Vorinstanz nach unbe-
nutztem Ablauf der Rechtsmittelfrist zugestellt.
6. Eine bundesrechtliche Beschwerde gegen diesen Entscheid ist innerhalb
von 30 Tagen von der Zustellung an beim Schweizerischen Bundesgericht,
1000 Lausanne 14, einzureichen. Zulässigkeit und Form einer solchen Be-
schwerde richten sich nach Art. 72 ff. (Beschwerde in Zivilsachen) oder
Art. 113 ff. (subsidiäre Verfassungsbeschwerde) in Verbindung mit Art. 42
und 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG).
Dies ist ein Vorentscheid im Sinne von Art. 93 BGG.
Es handelt sich um eine vermögensrechtliche Angelegenheit. Der Streitwert beträgt Fr. 2'000'000.-.
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Die Beschwerde an das Bundesgericht hat keine aufschiebende Wirkung.
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