# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 3e08bda3-777e-5e77-b9cd-f0775290cfd0
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2017
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 13. Oktober 2016 bei der Gemeinde Orpund ein
Baugesuch ein für die Umnutzung eines Gewächshauses in eine Wohnung sowie die
Erhöhung des Dachs auf Parzelle Orpund Grundbuchblatt Nr. B._. Auf dem
Baugesuchsformular 3.0 "Entwässerung von Grundstücken", datiert vom 13. Oktober 2016,
vermerkte der Projektverfasser, dass die Grundstücksentwässerung im Mischsystem
erfolge und keine Versickerungsanlage bestehe. Die entwässerte Dachfläche bleibe
unverändert.1 Die Parzelle liegt in der Mischzone "Kern" und in der Gewässerschutzzone
B.
1 Vorakten, Register 9
RA Nr. 110/2017/103 2
Die Gemeinde Orpund erteilte mit Bauentscheid vom 28. Februar 2017 die Baubewilligung
für das Vorhaben gemäss den mit selbigem Datum gestempelten Plänen. Zu diesen
gehörte insbesondere der vom Projektverfasser unterzeichnete Plan "Werkleitungen" vom
12. September 20162, wo eine vom umgebauten Gebäude zum Teich verlaufende Leitung
"Regenwasser neu" eingezeichnet ist. Die Gemeinde verpflichtete die Beschwerdeführerin
in ihrem Bauentscheid u.a. zur Einhaltung der Auflagen gemäss der
Gewässerschutzbewilligung der Gemeinde Orpund vom 27. Februar 2017. Diese erklärte
den Mitbericht Nr. 1 vom 24. Februar 2017 des Ingenieurbüros C._ AG, Nidau,
zum integrierenden Bestandteil. Laut dem Mitbericht Nr. 1 gilt für die Entwässerung das
Trennsystem. Für das Regen-/ Reinabwasser schreibt er die Versickerung mit
Oberbodenpassage vor und hält fest: "Das Dachwasser wird über einen Schlammsammler
(...) in einen Teich entwässert".3
Mit Schreiben vom 27. März 2017 teilte die Beschwerdeführerin der Gemeinde Orpund mit,
in der Baubewilligung sei ein Irrtum enthalten. Diese sei dahingehend zu ändern, dass das
Dachwasser beim Bauvorhaben wie bisher in den bestehenden Kontrollschacht auf der
Ostseite und über das Mischsystem abzuleiten sei. Die Wasserundurchlässigkeit des
Untergrunds erlaube keine Versickerung. Die Gemeinde beauftragte das Ingenieurbüro
C._ mit der Revision des Mitberichts. Das Ingenieurbüro forderte die
Beschwerdeführerin zur Einreichung eines revidierten Plans ein. Nach diesem4 führen zwei
Leitungen "Schmutzabwasser neu" in den bestehenden Kontrollschacht; eine separate
Regenabwasserleitung ist nicht eingezeichnet.
Im revidierten Mitbericht (Mitbericht Nr. 2 vom 14. Juli 2017) hielt das Ingenieurbüro an der
Entwässerung über das Trennsystem fest und sah für das Regen-/Reinabwasser den
Anschluss an das öffentliche Regenabwassernetz vor. Es hielt fest: "Gemäss dem generellen Entwässerungsplan der Gemeinde Orpund ist für den südlichen Teil
der Bauparzelle mit dem Gewächshaus das Trennsystem vorgegeben! Für den nördlichen
Teil, auf welchem keine Veränderung erfolgt, ist das Mischsystem vorgegeben. Ein Anschluss
an die Mischabwasserkanalisation kann aus diesem Grund nur bewilligt werden, wenn
nachgewiesen wird, dass der maximale Regenabwasserabfluss des gesamten Grundstücks
(Parz. B._), welcher in die Kanalisation entwässert wird, nicht grösser als 6 l/s ist.
2 Vorakten, Beilage 1, als ungültig gekennzeichnet 3 Vorakten, Register 9 4 Plan "Werkleitungen" datiert vom 12. September 2016, von der Gemeinde gestempelt am 4. August 2017, Vorakten, Beilage 1
RA Nr. 110/2017/103 3
Falls der Abfluss grösser ist, muss eine entsprechende Retentionsanlage vorgesehen
werden. Das Dachwasser wird richtigerweise über einen Schlammsammler (...) beim
bestehenden Kontrollschacht an die Grundstücksanschlussleitung angeschlossen."5
Am 4. August 2017 verfügte die Gemeinde Orpund, dass die Auflagen gemäss dem
Mitbericht Nr. 2 vom 14. Juli 2017 des Ingenieurbüros C._ einen integrierenden
Bestandteil der Baubewilligung vom 28. Februar 2017 bilden.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 31. August 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung der Auflagen betreffend Entwässerung bzw. die Bewilligung des Vorhabens mit
der Erlaubnis, das Regenabwasser wie bisher uneingeschränkt in die
Mischabwasserkanalisation abzuführen.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet6, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde hält mit Stellungnahme
vom 21. September 2017 sinngemäss an der angefochtenen Verfügung fest. Auf
Schlussbemerkungen haben die Beteiligten stillschweigend verzichtet.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Die angefochtene Verfügung erklärt die Auflagen gemäss dem Mitbericht Nr. 2 vom 14. Juli
2017 des Ingenieurbüros C._ zum integrierenden Bestandteil der Baubewilligung
vom 28. Februar 2017. Es handelt sich um einen Bauentscheid, der nach Art. 40 BauG7
innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden kann.
5 Vorakten, Register 9 6 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 7 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
RA Nr. 110/2017/103 4
Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt
sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die
Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die
Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefochtenen Verfügung durch diese
beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Nachträgliche Projektänderung
a) Die Baubewilligungsbehörde kann Änderungen eines bewilligten Projekts vor oder
während der Bauausführung ohne neues Baugesuchsverfahren gestatten, wenn öffentliche
oder wesentliche nachbarliche Interessen nicht zusätzlich betroffen sind. Vorausgesetzt ist,
dass das Bauvorhaben in seinen Grundzügen gleich bleibt (Art. 43 Abs. 1 und 2 BewD8).
b) Diese Voraussetzungen sind hier erfüllt; die Grundzüge des Bauvorhabens blieben
mit der Neuregelung der Regenabwasserentsorgung unverändert und die Bauausführung
war im Zeitpunkt der Projektänderung noch nicht abgeschlossen.
3. Entwässerung
a) Nach der angefochtenen Verfügung muss das Regenabwasser grundsätzlich im
Trennsystem über das öffentliche Regenabwassernetz entwässert werden. Erlaubt wird
aber eine Einspeisung in die Mischabwasserkanalisation, soweit der dort abgeführte
Regenabwasserabfluss des gesamten Grundstücks nicht mehr als 6 Liter pro Sekunde (l/s)
beträgt. Bei grösserem Abfluss muss eine Retentionsanlage erstellt werden, um die
Beschränkung des Abflusses auf 6 l/s zu gewährleisten.
Die Beschwerdeführerin ersucht um Bewilligung der unbegrenzten Einleitung des
Regenabwassers in die Mischabwasserkanalisation. Sie begründet dies damit, dass bis
anhin sämtliches Regenabwasser der Mischabwasserkanalisation zugeführt worden sei
und mit dem Bauvorhaben kein zusätzliches Regenabwasser anfalle. Es sei nicht
8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
RA Nr. 110/2017/103 5
verständlich, dass die Gemeinde den südlichen Teil der Parzelle dem Trennsystem
zuordne. Da es sich lediglich um einen Umbau handle, sei eine Anpassung an das
Trennsystem unverhältnismässig. Im Übrigen sei der Maximalwert von 6 l/s für die
Einleitung in die Mischwasserkanalisation willkürlich; gegenwärtig betrage der
Regenabwasserabfluss ca. 14 l/s.
b) Die Beschwerdeführerin bestreitet nicht, dass das Bauvorhaben einer
Gewässerschutzbewilligung bedarf.9 Sie vertritt aber sinngemäss die Ansicht, aufgrund der
Besitzstandsgarantie dürfe mit dieser keine andere Entwässerung angeordnet werden als
bisher.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Eigentumsgarantie (Art. 26 BV10) und
zum Rückwirkungsverbot (Art. 5 BV) ist die sofortige Anwendung neuer
Eigentumsbeschränkungen auf bestehende, nach altem Recht rechtmässig erstellte
Bauten grundsätzlich unzulässig (sog. Besitzstandsgarantie). Sofern dies kein gewichtiges
öffentliches Interesse verbietet, sind zumindest die bisherige Nutzung und der normale
Unterhalt weiterhin zu erlauben. Die Kantone sind befugt, den Besitzstand darüber hinaus
in einer weitergehenden Weise zu garantieren.11 Die kantonale Besitzstandsgarantie darf
dabei die gewässerschutzrechtlichen Vorschriften des Bundes nicht aushöhlen.12
Im Kanton Bern wird die Besitzstandsgarantie in Art. 3 BauG geregelt. Danach werden
Bauten und Anlagen durch neue Vorschriften und Pläne nicht berührt, wenn sie bei ihrer
Erstellung aufgrund des damaligen Rechts bewilligt wurden oder bewilligungsfrei waren
(Abs. 1). Solche Bauten und Anlagen dürfen unterhalten, zeitgemäss erneuert und, soweit
dadurch ihre Rechtswidrigkeit nicht verstärkt wird, auch umgebaut und erweitert werden
(Abs. 2). Die Besitzstandsgarantie erstreckt sich auch nach kantonalem Recht nicht auf
neubauähnliche Umgestaltungen oder Nutzungsänderungen.13 Wer solche Änderungen
vornimmt, muss daher auch die erforderlichen Anpassungen an das geltende Recht
vornehmen. Analoges gilt, wenn eine bewilligte Baute den Vorschriften von Anfang an nicht
9 Art. 11 Kantonales Gewässerschutzgesetz vom 11. November 1996 (KGSchG; BSG 821.0), Art. 25 f. Kantonale Gewässerschutzverordnung vom 24.03.1999 (KGV; BSG 821.1) 10 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 11 Urteil des BGer 1P.418/2002 vom 16.12.2002, E. 3.1.1 12 Vgl. Urteil des BGer 1C_473/2015 vom 22. März 2016, E. 4.2 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 3 N. 2a und N. 3a
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entsprach oder (z.B. wegen Verschärfung der Praxis) heute nicht mehr so bewilligt werden
könnte.14
Das Bauvorhaben der Beschwerdeführerin (Umbau und Umnutzung eines Gewächshauses
in eine Wohnung) wird von der Besitzstandsgarantie nach Art. 26 BV und Art. 3 BauG nicht
umfasst. Gemäss den Plänen15 soll das bestehende Untergeschoss (Garagen) bestehen
bleiben; im Erdgeschoss soll aber das bisherige Gewächshaus einschliesslich Wänden und
Dach abgebrochen und an seiner Stelle eine Wohnung mit neuen Innen- und
Aussenwänden, Dach, Terrassen und Ausstattung (Bad, Küche) gebaut werden. Ein
Umbau von diesem Ausmass ist als neubauähnlich zu qualifizieren. Hinzu kommt, dass die
Nutzung (bisher: Gewächshaus) geändert wird (neu: Wohnung). Die Besitzstandsgarantie
greift daher nicht. Das bewilligungspflichtige Vorhaben ist daher auf Übereinstimmung mit
den geltenden Vorschriften zu prüfen.
c) Nach Art. 7 GSchG16 und Art. 3 ff. GSchV17 gelten für verschmutztes und nicht
verschmutztes Abwasser unterschiedliche Regelungen. Nicht verschmutztes Abwasser
insbesondere von Dachflächen (Art. 3 Abs. 3 Bst. a GSchV) ist versickern zu lassen, oder
wenn das nicht möglich ist, in ein oberirdisches Gewässer einzuleiten. Dies kann auch
indirekt über eine Kanalisation erfolgen.18 Dabei sind nach Möglichkeit
Rückhaltemassnahmen zu treffen, damit das Wasser bei grossem Anfall gleichmässig
abfliessen kann (Art. 7 Abs. 2 GSchG). Die Gemeinden müssen mit ihrer
Entwässerungsplanung (Art. 7 Abs. 3 GSchG) dafür sorgen, dass die
Schmutzwasserkanalisation und die Abwasserreinigungsanlage nicht durch Einleitung von
nicht verschmutztem Abwasser unnötig belastet werden (Art. 5 Abs. 2 Bst. b und e
GSchV).19 Die Gemeinden scheiden dafür in öffentlich zugänglichen20 generellen
Entwässerungsplänen (GEP) insbesondere Gebiete aus, in denen das von bebauten oder
14 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 3 N. 2c 15 Plan "Grundrisse + Schnitt" im Mst. 1:100, von der Gemeinde Orpund gestempelt am 28. Februar 2017, sowie Plan "Fassaden" im Mst. 1:100, von der Gemeinde Orpund gestempelt am 28. Februar 2017; Vorakten, Beilage 5 16 Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20) 17 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 18 Hettich/Jansen/Norer (Hrsg.), Kommentar zum Gewässerschutzgesetz und zum Wasserbaugesetz, Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 7 N. 55 19 Hettich/Jansen/Norer, a.a.O., Art. 7 N. 69 20 Art. 5 Abs. 4 GSchV
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befestigten Flächen abfliessende Niederschlagswasser getrennt vom anderen Abwasser
beseitigt werden muss (Art. 5 Abs. 2 Bst. b GSchV) und definieren Gebiete, in denen nicht
verschmutztes Abwasser versickern zu lassen (Art. 5 Abs. 2 Bst. c GSchV) bzw. in ein
oberirdisches Gewässer einzuleiten ist (Art. 5 Abs. 2 Bst. d GSchV). Die Behörde
entscheidet im Einzelfall gestützt auf den GEP und in pflichtgemässer
Ermessensausübung, auf welche Weise nicht verschmutztes Abwasser zu entsorgen ist.21
d) Im GEP der Gemeinde Orpund22 wird der nördliche Teil der Bauparzelle mit dem
bestehenden Wohnhaus dem Mischsystem zugerechnet; der südliche Parzellenteil, wo
gemäss dem Baugesuch das bestehende Gewächshaus zu einer Wohnung umgebaut
werden soll, wird dem Trennsystem zugeordnet. Nördlich und südlich des Grundstücks ist
jeweils eine Mischabwasserkanalisation eingezeichnet. Gemäss der Stellungnahme der
Gemeinde vom 21. September 2017 ist offenbar ein Wasserbauprojekt "D._"
geplant, mit dessen Umsetzung die Einleitung des Regenabwassers in den Bach möglich
würde. Hingegen ist nicht ersichtlich, dass eine direkte oder indirekte Ableitung des
Regenabwassers in den Bach oder ein anderes oberirdisches Gewässer bereits heute
möglich ist.
Die Abgrenzung zwischen Misch- und Trennsystem muss nicht zwingend entlang von
Parzellengrenzen verlaufen, zumal diese unterschiedliche Grössen aufweisen, durch
Rechtsgeschäft aufgeteilt oder zusammengelegt werden oder mehrfach bebaut sein
können. Die Gemeinde erläutert in ihrer Stellungnahme vom 21. September 2017, die
Zuordnung des südlichen Parzellenteils zum Trennsystem hänge damit zusammen, dass
gemäss dem Versickerungsplan die Sickerschicht in diesem Gebiet gut durchlässig sei.
Der GEP Nr. 1620 - 23 "Versickerung"23 markiert auf dem nördlichen Parzellenteil gemäss
Legende "Molassefels (undurchlässige Schichten)" und auf dem südlichen Teil
"Sickerschicht gut durchlässig". Dass die Abgrenzung zwischen Misch- und Trennsystem
quer durch die Parzelle der Beschwerdeführerin verläuft, erklärt sich demnach mit den
hydrogeologischen Verhältnissen und ist nicht zu beanstanden. Dabei bildet der GEP die
Plangrundlage, die in der individuellen Entwässerungsanordnung in pflichtgemässem
Ermessen umgesetzt werden muss. Damit kann und muss die Sachgerechtigkeit
einzelfallweise sichergestellt werden.
21 Hettich/Jansen/Norer, a.a.O., Art. 7 N. 47 und N. 79 22 Plan Nr. 1620 - 17: Zonen 3 und 4 im Mst. 1:1000 vom 24. März 1999; Vorakten, Beilage 2 23 Vom 9. September 2004; Vorakten, Beilage 3
RA Nr. 110/2017/103 8
e) Die Gemeinde hat die Darstellung der Beschwerdeführerin, wonach der Untergrund
auch im südlichen Parzellenteil eine Versickerung erfahrungsgemäss nicht zulasse, ohne
geologische Überprüfung zum Anlass genommen, die Entwässerungsanordnung
anzupassen. Sie hat der Beschwerdeführerin mit der angefochtenen Verfügung erlaubt,
das Regenabwasser vom Dach der geplanten Wohnung in die Mischabwasserkanalisation
einzuleiten, jedoch mit der Beschränkung, dass bei grösserem Regenanfall nicht mehr als
6 Liter pro Sekunde in die Kanalisation eingespeist werden dürfen.
Die Gemeinde erläutert dazu in ihrer Stellungnahme vom 21. September 2017, für die
Berechnung der zulässigen Entwässerungsmenge im Mischsystem sei von einer Fläche
von 444 m2 ausgegangen worden. Dies entspricht knapp der Hälfte der Gesamtfläche der
Parzelle Nr. B._, welche gemäss dem Grundstücksinformationssystem Grudis
1'032 m2 beträgt. Die Gemeinde hat also offenbar den Parzellenteil berücksichtigt, der dem
Mischsystem zugeordnet ist. Die Gemeinde führt weiter aus, der im GEP berücksichtigte
Spitzenabflussbeiwert (maximaler Abfluss im Vergleich zum maximalen Niederschlag
während einer bestimmten Regendauer24) betrage 40 %. Folglich dürften 40 % des
Niederschlags (Regenspende) auf 444 m2 in die Mischabwasserkanalisation entwässert
werden. Hinsichtlich der Regenspende hat die Gemeinde die Schweizer Norm SN 592 000
"Anlagen für die Liegenschaftsentwässerung - Planung und Ausführung"25 herangezogen.
Nach dieser ist für schweizerische Verhältnisse mit einer Regenspende von 0,03 Liter pro
Sekunde pro Quadratmeter (l/sm2) zu rechnen. Die entsprechende Berechnung (444 m2 x
0,03 l x 40 / 100 sm2) ergibt eine zulässige Abflussmenge von 5,328 Liter pro Sekunde
(l/s). Die Gemeinde hat dies auf 6 l/s aufgerundet. Mit anderen Worten hat die Gemeinde
der Beschwerdeführerin erlaubt, das Regenabwasser der ganzen Parzelle in die
Mischabwasserkanalisation abzuführen, jedoch unter der Verpflichtung, mittels einer
Retentionsanlage dafür zu sorgen, dass pro Zeiteinheit nicht mehr als so viel
Regenabwasser abgeführt wird, als für den nördlichen, dem Mischsystem zugeordneten
Parzellenteil gemäss GEP vorgesehen ist.
Die von der Gemeinde getroffene Regelung ist nachvollziehbar und einleuchtend. Sie
entspricht den Planzielen des GEP, namentlich dem Schutz der Entwässerungsanlagen
24 Definition gemäss Glossar des Verbands Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute VSA, abrufbar unter https://www.vsa.ch/nc/glossar/de/terms/main/1/ 25 Suissetec/VSA, 2012; Auszug in Vorakten, Beilage 4
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und der ARA vor Überlastung durch nicht verschmutztes Regenwasser. Ob das
unbeschränkte Einspeisen des Regenabwassers in die Mischabwasserkanalisation in der
Vergangenheit zu Überflutungen geführt hat oder entsprechende Probleme konkret zu
erwarten wären, ist dabei nicht entscheidend. Es geht nicht darum, eine nachweisliche
Überlastung im konkreten Einzelfall zu verhindern, sondern vielmehr darum, dass die
Entwässerungsbewilligung mit dem verbindlich vorgeschriebenen Planziel übereinstimmen
muss. Die Beschränkung der Einspeisemenge ergibt sich vorliegend aus den im GEP
abgebildeten Zielen der Entwässerungsplanung. Gleichzeitig trägt die
Entwässerungsanordnung der Gemeinde der Tatsache Rechnung, dass eine Versickerung
auf der Bauparzelle nach Angaben der Beschwerdeführerin nicht möglich ist. Es ist nicht
ersichtlich und wird von der Beschwerdeführerin nicht dargetan, dass die Ziele der
Gewässerschutzgesetzgebung und der kommunalen Entwässerungsplanung mit milderen,
ebenfalls geeigneten Massnahmen erreicht werden könnten. Bei einem Wohnungsbau
erscheint die Verpflichtung zur Erstellung einer Retententionsanlage aus
gewässerschutzrechtlichen Gründen auch nicht als unzumutbar. Die Verhältnismässigkeit
ist demnach mit der streitigen Regelung gewahrt.
4. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten ist die Anordnung der Gemeinde, wonach beim Bauvorhaben
die Entwässerung nach dem Mitbericht Nr. 2 des Ingenieurbüros C._ vom 14. Juli
2017 erfolgen muss, nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist daher abzuweisen und die
angefochtene Verfügung zu bestätigen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV26).
Parteikosten sind nicht angefallen.
26 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2017/103 10