# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** a85869b7-8e77-5dcc-89b8-5c2d34d78ed5
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** Public
**Law Sub-area:** $law_sub_area

## Facts

I. Sachverhalt
1. Am 3. September 2015 erliess die Gemeinde Twann-Tüscherz eine
Wiederherstellungsverfügung. Diese betraf die im Eigentum der Beschwerdeführerin
liegenden Parzellen Twann-Tüscherz 2 Grundbuchblatt Nrn. C._ und D._.
Die Parzellen liegen in der Bauzone D bzw. im Sektor G des Uferschutzplanes. In der
Wiederherstellungsverfügung ordnete die Gemeinde den Rückbau der Bambushecke und
des Holzzauns auf maximal 1,20 m, den Rückbau der Sonnenstore, des Geräteschranks
und des Cheminées beim Sitzplatz West, den Rückbau des Unterstands Ost, der neu
verlegten Steinplatten sowie der Sonnenstore im Bereich des Sitzplatzes Süd an.
Gleichzeitig wies sie auf die Möglichkeit eines nachträglichen Baugesuchs hin und drohte
die Ersatzvornahme und eine Busse bei Nichtbefolgung an. Die Beschwerdeführerin
verzichtete auf die Einreichung eines nachträglichen Baugesuchs und focht die Verfügung
RA Nr. 120/2018/47 2
mit Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) an
(Verfahren RA Nr. 120 2015 59). Die BVE hiess die Beschwerde teilweise gut, soweit diese
den Rückbau des Plattenbelags bei den Sitzplätzen West und Süd anordnete. Weiter
änderte sie die Verfügung insofern ab, als der Schrank nicht entfernt, sondern um 1,20 m
zurückversetzt werden musste. Im Übrigen wies die BVE die Beschwerde ab, soweit das
Verfahren nicht durch Kürzung des Holzzauns und Entfernung des Cheminées
gegenstandslos geworden war.1 Das anschliessend angerufene Verwaltungsgericht wies
die Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit Entscheid vom 26. Oktober 2016 ab und setzte die
Frist zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands neu fest (zwei Monate ab
Rechtskraft des Urteils).2
Die Gemeinde setzte der Beschwerdeführerin mehrmals Fristen für die verbleibenden
Wiederherstellungsmassnahmen und Termine für die Bauabnahme (16. Februar 2017,
25. Mai 2017 sowie 9. März 2018), die ergebnislos verstrichen.3 Der Beschwerdeführerin
wurde eine letzte Frist bis 30. Mai 2018 für die verbleibenden Rückbauarbeiten gesetzt.4
Mit «Verfügung betreffend Ersatzvornahme» vom 5. Juli 2018 wies die Gemeinde Twann-
Tüscherz die Beschwerdeführerin darauf hin, dass die für den Rückbau des "Unterstand
Ost" gesetzte Frist abgelaufen sei, ohne dass die Beschwerdeführerin der rechtskräftigen
Wiederherstellungsverfügung vom 3. September 2015 nachgekommen sei. Daher sei die
Gemeinde gemäss Art. 47 BauG gezwungen, die verlangten Massnahmen selber
auszuführen, bzw. ausführen zu lassen (Frist: 13. August 2018). Es sei mit Kosten von
Fr. 1'952.60 zu rechnen, für die die Beschwerdeführerin aufzukommen habe. Die
Beschwerdeführerin habe den für die allfällige Ersatzvornahme nötigen Zutritt zu
gewähren. Es sei ihr jedoch freigestellt, die verlangten Massnahmen bis zum 10. August
2018 noch selbst vorzunehmen.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 6. August 2018 Beschwerde bei der
BVE ein. Sie beantragt die Aufhebung der Verfügung vom 5. Juli 2018, unter Kosten- und
1 BDE vom 8. Februar 2016 2 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, S. 23 3 Vgl. Aktennotiz vom 15. März 2018 sowie die Schreiben vom 2. Februar 2017, 9. Mai 2017 und 11. Januar 2018 gemäss den Vorakten, Dossier 2 4 Vgl. Schreiben der Gemeinde an die Beschwerdeführerin vom 11. Mai 2018, Vorakten, Dossier 2
RA Nr. 120/2018/47 3
Entschädigungsfolge. Nach Ansicht der Beschwerdeführerin verkenne die Gemeinde die
Rügen, welche seinerzeit dazu geführt hätten, dass der Abbruch des Unterstands Ost
verfügt worden sei. So habe die Gemeinde mit Schreiben vom 16. Juni 2011 die Baute
ausserhalb des Bauabstands auf Zusehen hin geduldet, sofern der benachbarte
Eigentümer seine schriftliche Einwilligung zur Unterschreitung des Grenzabstands erteile.
Die Zustimmung der Eigentümerin der benachbarten Parzelle sei am 14. Mai 2018
beigebracht worden. Die umstrittene Baute/Unterstand sei bisher als "Unterstand", "kleines
Gebäude" bzw. "Geräteschuppen" bezeichnet worden. Diese Qualifizierung treffe nicht
mehr zu, wenn die Dachkonstruktion beseitigt sei. Dies sei hier der Fall; es bestünden nur
noch hölzerne Rankhilfen und die Pflanzungen. Für die Beseitigung der Rankhilfen und
Zerstörung der Pflanzungen bestehe keine rechtliche Grundlage.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet5, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde nahm mit Eingabe vom
31. August 2018 zur Beschwerde Stellung. Sie ist unter anderem der Auffassung, dass das
übrig gebliebene Konstrukt die Ruine eines widerrechtlich errichteten Unterstands sei, die
immer noch raumbildend wirke und ganz zu entfernen sei. Mit Eingabe vom 20. September
2018 bekräftigt die Beschwerdeführerin ihre Haltung und weist darauf hin, dass die von der
Gemeinde vorgenommene Qualifizierung der vorhandenen Situation nicht Rechnung trage
und unzutreffend sei. Zudem beantragt sie die Durchführung eines Augenscheins.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
5 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist eine Ersatzvornahmeverfügung, mit welcher eine
Wiederherstellungsverfügung durchgesetzt werden soll. Diese unterliegt dem gleichen
Rechtsmittel wie die Verfügung in der Sache (Art. 116 Abs. 3 VRPG6).7 Gemäss Art.
49 Abs. 1 BauG8 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG innert 30
Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist
demnach zur Beurteilung der Beschwerde zuständig. Die Beschwerdeführerin ist als
Adressatin durch die angefochtene Vollstreckungsverfügung beschwert und daher zur
Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist daher
einzutreten.
2. Streitgegenstand
a) Angefochten ist die Vollstreckungsverfügung der Gemeinde vom 5. Juli 2018, mit der
die Wiederherstellungsverfügung vom 3. September 2015 durchgesetzt werden soll. Zur
Vollstreckung rechtskräftiger Verfügungen braucht es drei Schritte: Die
Wiederherstellungsverfügung, die Ersatzvornahmeverfügung (gleichbedeutend mit
Vollstreckungsverfügung) und die Durchführung der Ersatzvornahme.9 Die
Wiederherstellungsverfügung ist wie erwähnt nach dem Entscheid des Verwaltungsgerichts
vom 26. Oktober 2016 in Rechtskraft erwachsen und damit vollstreckbar geworden. Mit der
Wiederherstellungsverfügung wurde der Rückbau des Unterstands Ost verbindlich
festgelegt.10 Soweit die Rechtmässigkeit der Wiederherstellungsverfügung gerügt wird,
kann darauf nicht eingetreten werden.
6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 18, Art. 60 N. 5, Art. 116 N. 11 f.; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 47 N. 4, Art. 49 N. 4 8 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 9 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 4 10 Verfügung Teil 1 / 2 vom 3. September 2015 betr. Liegenschaft E._ Vorakten, Dossier 1
RA Nr. 120/2018/47 5
b) Die Vollstreckungsverfügung ist nur insoweit ein taugliches Anfechtungsobjekt, als
die oder der Pflichtige damit über die Wiederherstellungsverfügung hinaus neu belastet
wird. Im Rechtsmittelverfahren betreffend Vollstreckungsverfügungen sind die Rügegründe
daher eingeschränkt. Es können nur Beschwerdegründe geltend gemacht werden, die
nicht von der Rechtskraftwirkung der zugrunde liegenden Sachverfügung umfasst werden.
Zu den zulässigen Gründen zählen unter anderen die Nichtigkeit der Sachverfügung oder
die Rechtswidrigkeit oder Unangemessenheit der Vollstreckungsmodalitäten (soweit diese
nicht bereits in der Sachverfügung festgelegt wurden).11 Zudem ist die Ersatzvornahme
zweckmässig und schonend durchzuführen. Es dürfen den Betroffenen nicht Nachteile
zugefügt werden, die der Vollzug der Wiederherstellung nicht verlangt.12 Auch dies muss
deshalb mit einer Beschwerde gegen die Vollstreckungsverfügung gerügt werden können.
3. Beseitigung des "Unterstand Ost"
a) Die Beschwerdeführerin macht nicht geltend, dass die Wiederherstellungsverfügung
als Sachverfügung nichtig sei. Sie vertritt aber die Auffassung, dass der Unterstand Ost,
wie er zum Zeitpunkt der Wiederherstellungsverfügung bestand, nicht mehr existiere. Mit
der Entfernung der Dachkonstruktion seien nur noch hölzerne Rankhilfen und die
Pflanzungen vorhanden. Für die Beseitigung der Rankhilfen und Zerstörung der
Pflanzungen gäbe es keine rechtliche Grundlage. Zudem bestehe mittlerweile ein
Näherbaurecht der benachbarten Grundeigentümerin.
b) Die Gemeinde weist in ihrer Stellungnahme auf die Rechtskraft der
Wiederherstellungsverfügung hin, mit welcher der Rückbau des Unterstands Ost
angeordnet worden sei. Beim betroffenen Unterstand seien zwar das Dach und die
Frontwand demontiert worden. Das übrig gebliebene Konstrukt sei nun vielmehr die Ruine
eines widerrechtlich erstellten Unterstands, wirke immer noch raumbildend und sei ganz zu
entfernen.13
c) Die Voraussetzungen der Ersatzvornahme sind: Die Vollstreckbarkeit der
angeordneten Verfügung, deren Nichterfüllung durch die Pflichtigen, die Eignung der
11 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 4; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 116 N. 7 f., N. 11 ff. 12 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 5a 13 Stellungnahme vom 31. August 2018
RA Nr. 120/2018/47 6
Verfügung zur ersatzweisen Vollstreckung und die vorherige Androhung der
Ersatzvornahme.14 Die Vollstreckbarkeit ist hier mit Rechtskraft der
Wiederherstellungsverfügung vom 3. September 2015 gegeben (vgl. E. 2).
d) Die Ersatzvornahme setzt weiter die Nichterfüllung durch die Pflichtigen voraus. Der
Nichterfüllung ist die nicht ordnungsgemässe Erfüllung der verfügten baupolizeilichen
Anordnung durch die pflichtige Person gleichgestellt.15 Die Beschwerdeführerin war
gemäss der Wiederherstellungsverfügung verpflichtet, den Unterstand Ost zu entfernen.
Nach ihrer Auffassung ist sie mit der teilweisen Entfernung dieser Verpflichtung
nachgekommen.
In der Wiederherstellungsverfügung der Gemeinde vom 3. September 201516 wurde in
Kapitel III folgendes angeordnet:
"1. Der Grundeigentümer der Parzellen Tüscherz-Alfermée Gbbl. Nr. C._ und D._ wird aufgefordert, nachfolgende Bauten, Anlagen, Bepflanzungen rückgängig zu
machen oder abzuändern:
- ....
- Unterstand Ost (gem. Kap. II, Pkt. 1.5);
Es ist der Rückbau anzuordnen.
- ..."
Den Rückbau bzw. die Entfernung des Unterstands bestätigte das Verwaltungsgericht in
seinem Entscheid betreffend die Wiederherstellungsverfügung. Zur Bauweise des
Unterstands stellte es in seinen Erwägungen fest, dass die Einrichtung eine Baute
darstelle, da sie doch fest im Boden verankert sei und wie ein kleines Gebäude in
Erscheinung trete. Dass lediglich die Eckstützen und Dachverstrebungen aus massivem
Holz, die Seitenwände demgegenüber aus Rankgittern und die Dachabdeckung aus
Kunststoff oder mobilen Sonnenstoren bestehe, sei dabei nicht entscheidend. Ebenso
wenig sei ausschlaggebend, welche Funktion dem Unterstand zukomme.17 Daraus folgt,
dass das Verwaltungsgericht Kenntnis von der leichten Bauweise des Unterstands hatte.
Gleichwohl verlangte es dessen Rückbau. Als Zwischenergebnis kann somit festgehalten
werden, dass sich sowohl aus dem Wortlaut der Wiederherstellungsverfügung als auch
14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 3 15 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 3b 16 Vgl. Verfügung Teil 1 / 2 vom 3. September 2015, Vorakten, Dossier 1 17 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 7.2
RA Nr. 120/2018/47 7
den Erwägungen des Verwaltungsgerichts nichts anderes als das Erfordernis der
vollständigen Entfernung des Unterstands ergibt.
In der Wiederherstellungsverfügung der Gemeinde wurde die
Wiederherstellungsmassnahme damit begründet, dass der Unterstand den minimalen
Grenzabstand von 5.00 m nicht einhalte und im Gewässerraum liege.18 Das
Verwaltungsgericht wies im Rahmen der Prüfung der (materiellen) Rechtmässigkeit darauf
hin, dass das Grundstück der Beschwerdeführerin im Wirkungsbereich des Gesetzes vom
6. Juni 1982 über See- und Flussufer (SFG19) liege und die Gemeinde für das Ufer des
Bielersees einen Uferschutzplan zu erstellen habe, der eine Uferschutzzone im
unbebauten und Baubeschränkungen im überbauten Gebiet festlege. Bis zum Erlass der
Uferschutzpläne gälte innerhalb von 50 m vom Ufer ein allgemeines Bauverbot.20 Gestützt
auf das SFG habe die Einwohnergemeinde Tüscherz-Alfermée unter anderen den
Uferschutzplan Nr. 5 und die entsprechenden Überbauungsvorschriften (UeV 1998)
erlassen. 21 Der Uferschutzplan und die Überbauungsvorschriften seien 2009/2010
angepasst worden (Uferschutzplan und UeV 2010). Für den umstrittenen Unterstand Ost
war gemäss Verwaltungsgericht das im Verfügungszeitpunkt – das heisst das am
3. September 2015 geltende Recht –, als das günstigere Recht anzuwenden, da nach den
UeV 2010 und dem Uferschutzplan 2010 in diesem Streifen Bauten und Anlagen zulässig
und das Bauverbot nach Art. 8 Abs. 2 SFG dahingefallen sei.22
Für das Verwaltungsgericht war es hinsichtlich materieller Rechtmässigkeit des
Unterstands wie für die Gemeinde ausschlaggebend, dass dieser gemäss den UeV (Art. 10
Abs. 4 UeV 1998 und Art. 10 Abs. 3 UeV 2010) einen Grenzabstand von 5 m einzuhalten
habe, was mit einer Entfernung von 2 m unbestrittenermassen nicht der Fall sei. Zudem
befinde sich der Unterstand im übergangsrechtlichen Gewässerraum, weshalb er auch aus
diesem Grund ohne Ausnahmebewilligung nicht rechtmässig sei. Auch wenn die Baute vor
Erlass der UeV 1998 erstellt worden sein sollte, sei sie materiell rechtswidrig, da das
Grundstück damals noch dem Bauverbot nach Art. 8 Abs. 2 SFG unterlag.23 Schliesslich
18 Vgl. Verfügung Teil 1 / 2 vom 3. September 2015, Kap. II. Ziff. 1.5; Vorakten Dossier 1 19 Gesetz vom 6. Juni 1982 über See- und Flussufer (See- und Flussufergesetz, SFG; BSG 704.1) 20 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 3.3 21 Uferschutzplan der Gemeinde Tüscherz-Alfermée (seit 1.1.2010 Twann-Tüscherz) vom 26. November 1998; Die UeV wurden am 18. April 2000 vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) genehmigt 22 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 3.7 in fine 23 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 7.2
RA Nr. 120/2018/47 8
erachtete das Verwaltungsgericht die Wiederherstellung trotz Ablauf der nach Art. 46
Abs. 3 BauG geltenden Frist von fünf Jahren aus zwingenden Gründen als erforderlich.
Dies insbesondere, da die Bestimmungen zum Gewässerraum der Durchsetzung wichtiger
öffentlicher Interessen, nämlich insbesondere der Gewährleistung der natürlichen
Funktionen der Gewässer, dem Schutz vor Hochwasser und der Gewässernutzung
dienen.24
Somit ergibt sich aus der Begründung der Wiederherstellungsmassnahme, wie sie vom
Verwaltungsgericht bestätigt worden ist, nichts anderes als die vollständige Entfernung des
Unterstands Ost; erweist sich diese doch insbesondere auf Grund seiner Lage im
Gewässerraum aus zwingendem öffentlichen Interesse als erforderlich.
Vorliegend hat die Beschwerdeführerin nur das Dach und die Vorderseiten des
umstrittenen Unterstands entfernt. Entgegen ihrer Auffassung hat sie die ihr auferlegte
Pflicht zur Wiederherstellung somit nicht bzw. nicht ordnungsgemäss erfüllt. Selbst wenn
sich durch die Einräumung des Näherbaurechts an der Beurteilung ein Umstand geändert
hätte (was im Übrigen nicht im vorliegenden Beschwerdeverfahren, sondern durch die
Gemeinde im Rahmen eines Wiedererwägungsgesuchs zu prüfen wäre), befindet sich der
Unterstand immer noch im übergangsrechtlichen Gewässerraum, was das
Verwaltungsgericht wie erwähnt dazu bewog, die Wiederherstellung aus zwingenden
Gründen zu fordern.25 Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin entbehrt die
Ersatzvornahme somit nicht einer rechtlichen Grundlage. Die Beschwerdeführerin hat die
ihr gemäss Wiederherstellungsverfügung auferlegte Pflicht zur vollständigen Entfernung
des Unterstands Ost innerhalb der gesetzten Frist nicht ordnungsgemäss erfüllt und die
später gesetzten Termine verstreichen lassen.26 Damit sind die Voraussetzungen der
Ersatzvornahme erfüllt. Die Baupolizeibehörde ist (vorbehältlich veränderter Sach- und
Rechtslage) verpflichtet, eine rechtskräftige Wiederherstellungsverfügung ohne Verzug
durchzusetzen.27
24 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 7.4 25 VGE 100/2016 vom 26. Oktober 2016, E. 7 26 Vgl. Aktennotiz vom 15. März 2018 sowie die Schreiben vom 2. Februar 2017, 9. Mai 2017 und 11. Januar 2018 gemäss den Vorakten, Dossier 2 27 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 47 N. 6
RA Nr. 120/2018/47 9
e) Im Rahmen des Wiederherstellungsverfahrens ist jeweils auch zu prüfen, ob die
geforderte Massnahme verhältnismässig ist.28 Daher war auch im vorgelagerten
Wiederherstellungsverfahren bezüglich des umstrittenen Unterstands zu entscheiden, ob
der teilweise Rückbau zur Herstellung des rechtmässigen Zustands genügt. Wie
ausgeführt, wurde in der Wiederherstellungsverfügung, wie sie vom Verwaltungsgericht
bestätigt worden ist, die vollständige Entfernung des Unterstands als verhältnismässig
erachtet (vgl. E. 3d). Die Rüge, wonach die Anordnung des vollständigen Rückbaus
unverhältnismässig sei, hätte gegen die Wiederherstellung vorgebracht werden müssen
und erfolgt somit zu spät. Im vorliegenden Verfahren kann darauf nicht mehr eingetreten
werden. Soweit die Vollstreckungsverfügung die Zutrittsmodalitäten zum Grundstück regelt
und eine voraussichtliche Kostenschätzung für die komplette Entfernung des Unterstands
von Fr. 1'952.60 enthält, sind diese als zweckmässig und schonend einzustufen. Insgesamt
erweist sich die Beschwerde somit als unbegründet und ist abzuweisen, soweit darauf
eingetreten werden kann.
f) Mit Verfügung vom 5. Juli 2018 wurde der Beschwerdegegnerin die Frist für den
Beginn der Ersatzvornahme auf den 13. August 2018 angekündigt. Gleichzeitig wurde ihr
bis zum 10. August 2018 die Möglichkeit eingeräumt, die verlangte Massnahme selbst
vorzunehmen. Beide Fristen sind mittlerweile verstrichen. Die Gemeinde Twann-Tüscherz
wird daher aufgefordert, der Beschwerdeführerin den Beginn der Ersatzvornahme
mitzuteilen, sobald dieser Entscheid in Rechtskraft erwachsen ist. Diese Mitteilung der
Gemeinde ist nicht mehr anfechtbar.
4. Beweisabnahme
Gemäss Art. 18 VRPG stellen die Behörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Sie
bestimmen Art und Umfang der Ermittlungen, ohne an die Beweisanträge der Parteien
gebunden zu sein. Erscheint die Sachlage umfassend abgeklärt und versprechen
zusätzliche Erhebungen keine wesentlich neuen Erkenntnisse, so brauchen keine weiteren
Untersuchungen angestellt zu werden, selbst wenn nicht alle denkbaren Möglichkeiten der
Beweisführung ausgeschöpft worden sind.29 Ergibt eine vorweggenommene
Beweiswürdigung, dass ein Beweis nicht dazu geeignet ist, das Beweisergebnis zu
28 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9 insbes. N. 9c ff. 29 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 18 N. 10
RA Nr. 120/2018/47 10
verändern oder den zu treffenden Entscheid zu beeinflussen, so kann auch unter dem
Aspekt des rechtlichen Gehörs von der Beweisabnahme abgesehen werden. Namentlich
besteht eine Pflicht zur Durchführung eines Augenscheins nur dann, wenn sich die
Verhältnisse anders nicht schlüssig klären lassen.30 Die Beschwerdeführerin hat als
Beweismassnahme einen Augenschein beantragt. Von diesem Beweismittel waren hier
keine weiteren, entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten, weshalb darauf verzichtet
werden konnte.
5. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV31).
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).