# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 100b3273-8a85-4c66-be45-2919317f10ac
**Court:** CH_BSTG
**Chamber:** CH_BSTG_001
**Year:** 2020
**Language:** de
**Jurisdiction:** CH / Federation
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
A. Prozessgeschichte und erstinstanzliches Urteil
A.1 Gestützt auf eine Strafanzeige (inkl. Strafantrag in Bezug auf Art. 162 StGB) der
Bank B. gegen Unbekannt vom 18. März 2013 (BA pag. 05-00-0001 ff.) eröffnete
die Bundesanwaltschaft (nachfolgend: BA) am 20. März 2013 ein Strafverfahren
gegen Unbekannt wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes (Art. 273 StGB),
Verletzung des Geschäftsgeheimnisses (Art. 162 StGB) und Verletzung des
Bankgeheimnisses (Art. 47 BankG; SR 952.0) (BA pag. 01-01-0001). Am 18. Ap-
ril 2013 wurde das Verfahren auf die Person des Beschuldigten ausgedehnt (BA
pag. 01-01-0002). Am 20. Dezember 2013 folgte in derselben Sache eine weitere
Strafanzeige der Bank B. (inkl. Strafantrag in Bezug auf Art. 162 StGB) (BA pag.
10-00-0287 ff.). Am 16. Dezember 2014 wurde das Verfahren auf den Verdacht
der Geldwäscherei (Art. 305bis StGB) und am 8. März 2016 auf den Verdacht der
Widerhandlung gegen Art. 33 Abs. 1 lit. a des Waffengesetzes (WG; SR 514.54)
ausgedehnt (BA pag. 01-01-0003 f.). Die Bank B. konstituierte sich am 11. No-
vember 2013 (betreffend Strafanzeige vom 18. März 2013) bzw. am 20. Dezem-
ber (betreffend Strafanzeige vom 20. Dezember 2013) als Privatklägerin (BA pag.
15-01-0001; 10-00-0287). Mit Verfügung vom 21. Juni 2016 vereinigte die BA das
Verfahren gemäss Art. 26 Abs. 2 StPO in der Hand der Bundesbehörden (BA
pag. 01-01-0005 ff.).
A.2 Am 20. Juli 2016 erhob die BA Anklage gegen den Beschuldigten wegen qualifi-
zierten wirtschaftlichen Nachrichtendienstes (Art. 273 StGB), Verletzung des Ge-
schäftsgeheimnisses (Art. 162 StGB), Verletzung des Bankgeheimnisses (Art. 47
BankG), Geldwäscherei (Art. 305bis StGB) und unerlaubten Munitionsbesitzes
(Art. 33 Abs. 1 lit. a WG) (TPF pag. 16.100.001).
A.3 Zur erstinstanzlichen Hauptverhandlung vor der Strafkammer des Bundesstraf-
gerichts (nachfolgend: Strafkammer) vom 7. Januar 2019 erschien der Beschul-
digte unentschuldigt nicht (TPF pag. 16.920.001 f.). Auch zum zweiten Verhand-
lungstermin vor der Strafkammer (Ersatztermin für den Fall des Nichterschei-
nens) vom 8./9. Januar 2019 erschien der Beschuldigte trotz entsprechender
Vorladung nicht, worauf die Verhandlung in seiner Abwesenheit, jedoch in Anwe-
senheit der Verteidigung, der BA und der Privatklägerschaft durchgeführt wurde
(TPF pag. 16.920.003 - 019). Im Rahmen dieser Verhandlung wurden H. (TPF
pag. 16.930.001 - 014), AA. (TPF pag. 16.930.015 - 024) und FF. (TPF pag.
16.930.033 - 045) je als Auskunftspersonen sowie Dr. CC. (unter Ausschluss der
Öffentlichkeit [TPF pag. 16.930.025 - 32]) als sachverständige Person einver-
nommen. Da die vorgeladene Auskunftsperson S. (Ehefrau des Beschuldigten)
nicht erschien, wurde deren polizeilichen Zuführung angeordnet. Diese blieb je-
doch erfolglos (TPF pag. 16.920.005), was schliesslich eine Ordnungsbusse zur
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Folge hatte (vgl. Verfügung der Vorsitzenden vom 17. Januar 2019 [TPF pag.
16.951.001 ff.]).
A.4 Das Urteil wurde den Parteien (BA, Verteidigung und Privatklägerschaft, in Ab-
wesenheit des Beschuldigten) am 21. Januar 2019 mündlich eröffnet (TPF pag.
16.920.020 - 22). Der Beschuldigte meldete am 22. Januar 2019 bei der Straf-
kammer des Bundesstrafgerichts Berufung an (TPF pag. 16.980.001). Das be-
gründete Urteil wurde am 18. Juli 2019 an die Parteien versandt und von diesen
am 19. Juli 2019 in Empfang genommen (CAR pag. 1.100.120 ff.).
B. Verfahren vor der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts
B.1 Mit Berufungserklärung vom 7. August 2019 stellte Rechtsanwalt Moritz Gall
(fortan: RA Gall) im Namen des Beschuldigten folgende Anträge (CAR pag.
1.100.138 f.):
1. Es sei A. vom Vorwurf des qualifizierten wirtschaftlichen Nachrichtendienstes im Sinne
von Art. 273 Abs. 2 und 3 StGB, der Geldwäscherei im Sinne von Art. 305bis Ziff. 1
StGB sowie der Widerhandlung gegen Art. 33 Abs. 1 lit. a WG kostenlos freizuspre-
chen (Ziffern 3, 4 und 5 des Urteilsdispositivs).
2. Es seien sämtliche beschlagnahmten Gegenstände unter Aufhebung der jeweiligen Be-
schlagnahme an A. herauszugeben (Ziffer 6 des Urteilsdispositivs).
3. Es sei die von der Bundesanwaltschaft zugunsten der Eidgenossenschaft verlangte
Ersatzforderung in der Höhe von Fr. 1'376'400.00 abzuweisen (Ziffer 7 des Urteilsdis-
positivs).
4. Es sei A. von der Tragung der Verfahrenskosten zu befreien und es sei ihm eine an-
gemessene Entschädigung für die durch das Strafverfahren entstandene Unbill zuzu-
sprechen (Ziffern 8 und 9 des Urteilsdispositivs).
5. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei A. eine angemessene Frist zur Begründung der
vorliegenden Berufung anzusetzen.
6. Unter ordentlicher und ausserordentlicher Kostenfolge.
B.2 Die Bank B. (Privatklägerin im vorinstanzlichen Verfahren) meldete gegen das
Urteil SK.2016.34 vom 21. Januar 2019 bei der Vorinstanz am 25. Januar 2019
fristgerecht Berufung an (CAR pag. 1.100.103), erklärte jedoch mit Eingabe vom
8. August 2019 gegenüber der Berufungsinstanz ihren Verzicht auf die Einrei-
chung einer Berufungserklärung (CAR pag. 1.100.140). Entsprechend wurde die
Berufung der Bank B. von der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts (nach-
folgend: Berufungskammer) mit Beschluss CN.2019.4 vom 13. August 2019 als
gegenstandslos abgeschrieben (Art. 403 Abs. 1 lit. c und Abs. 3 [analog] StPO),
wobei die Rechtskraft der Dispositiv-Ziffern 1 und 9.1 des Urteils SK.2016.34 vom
21. Januar 2019 festgestellt wurde (CAR pag. 10.300.001 - 005). Dieser Ab-
schreibungsbeschluss blieb unangefochten.
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B.3 Mit Eingabe vom 27. August 2019 erklärte die BA ihren Verzicht sowohl betref-
fend Anschlussberufung als auch bezüglich Beantragung des Nichteintretens
(CAR pag. 2.100.002).
B.4 Nachdem dem Beschuldigten via Verteidigung mit Schreiben vom 29. August
2019 Frist zur Begründung seiner Berufung und zur Stellung von Beweisanträgen
gewährt worden war (CAR pag. 2.100.003), orientierte der Verteidiger das Ge-
richt nach zweimaliger Fristerstreckung (CAR pag. 4.101.001 f.) mit Eingabe vom
3. Dezember 2019 über die Tatsache, dass die Berufungserklärung damals zwar
auf ausdrücklichen Wunsch des Beschuldigten erfolgt sei. Er habe seinen Klien-
ten seither mehrfach zwecks Erhalt von Instruktionen für die Berufungsbegrün-
dung zu kontaktieren versucht, jedoch erfolglos. Interessenwahrend werde daher
die Durchführung des mündlichen Verfahrens beantragt (CAR pag. 2.100.004).
B.5 Mit Eingabe vom 19. Dezember 2019 verzichtete die BA auf das Stellen von Be-
weisanträgen und erklärte ihr Einverständnis mit einem schriftlichen Verfahren
(CAR pag. 6.403.002). Das Gericht entschied sich in der Folge, gemäss dem
Antrag des Verteidigers (oben Sachverhalt lit. B.4), für die Durchführung eines
mündlichen Berufungsverfahrens.
B.6 Mit Eingabe vom 11. März 2020 übermittelte der Verteidiger dem Gericht eine
handschriftlich erstellte, undatierte «Zustellvollmacht» des Beschuldigten, mit wel-
cher er seine Ehefrau S. bevollmächtigte, alle für ihn bestimmten, amtlichen und
gerichtlichen Dokumente rechtsverbindlich entgegenzunehmen und den Empfang
derselben zu bestätigen (CAR pag. 4.101.003 f.).
B.7 Am 13. Mai 2020 holte die Verfahrensleitung von Amtes wegen die letzte in der
Schweiz erhältliche Steuererklärung und Veranlagungsverfügung betreffend den
Beschuldigten ein (letzter Wohnsitz: Z.) (CAR pag. 6.301.010 - 027). Zudem
stellte die Verfahrensleitung am 13. Mai 2020 dem Verteidiger ein Formular be-
treffend finanzielle/persönliche Verhältnisse des Beschuldigten zu, welches bis
zum 29. Mai 2020 ausgefüllt eingereicht werden konnte (CAR pag. 6.301.006 ff.)
Innert bis 15. Juni 2020 erstreckter Frist (CAR pag. 4.101.005 f.) wurde das For-
mular nicht eingereicht.
B.8 Zur Berufungsverhandlung vom 15. Juni 2020 erschien der Beschuldigte trotz
ordnungsgemässer Vorladung (CAR pag. 7.201.001 ff.) unentschuldigt nicht
(CAR pag. 8.200.001 f.); der Verteidiger und die BA waren anwesend. Entspre-
chend erklärte die Vorsitzende, dass der Beschuldigte infolge unentschuldigter
Abwesenheit erneut per Montag, 10. August 2020, 11:00 Uhr, zur Verhandlung
vorgeladen werde mit der Androhung, dass bei abermaligem Nichterscheinen
des Beschuldigten das Abwesenheitsverfahren durchgeführt werde (CAR pag.
8.200.002). RA Gall wurde (nach Verzicht auf Einwendungen seitens der BA)
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rückwirkend ab Rechtshängigkeit des Berufungsverfahrens als amtlicher Vertei-
diger des Beschuldigten eingesetzt (CAR pag. 8.200.003).
B.9 Am 6. August 2020 holte die Verfahrensleitung von Amtes wegen einen aktuellen
Strafregisterauszug betreffend den Beschuldigten ein (CAR pag. 6.301.028 ff.).
B.10 Auch zum zweiten Verhandlungstermin vor der Berufungskammer vom 10. Au-
gust 2020 erschien der Beschuldigte trotz ordnungsgemässer Vorladung (CAR
pag. 7.200.001 ff.) unentschuldigt nicht (vgl. CAR pag. 8.200.005), weshalb (in
Anwesenheit des Verteidigers und der BA) das Abwesenheitsverfahren durchge-
führt wurde. Der Verteidiger hielt an den Anträgen Ziffern 1 - 6 gemäss Beru-
fungserklärung vom 7. August 2019 (vgl. oben Sachverhalt lit. B.1) in leicht mo-
difizierter Form fest (vgl. CAR pag. 8.200.007 f., mit Hinweisen). Die BA stellte
folgende Anträge (CAR pag. 8.200.013 f):
1. A. sei unter Abweisung der Berufung wie folgt (gemäss Urteil der Strafkammer des
Bundesstrafgerichts vom 21. Januar 2019) zu verurteilen und schuldig zu sprechen:
1.1 A. sei schuldig zu sprechen wegen
- des qualifizierten wirtschaftlichen Nachrichtendienstes im Sinne von Art. 273
Abs. 2 und 3 StGB;
- der Geldwäscherei im Sinne von Art. 305bis Ziff. 1 StGB;
- der Widerhandlung gegen Art. 33 Abs. 1 Iit. a WG.
1.2 A. sei mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 4 Monaten sowie einer bedingt
vollziehbaren Geldstrafe, bei einer Probezeit von 2 Jahren, von 270
Tagessätzen à Fr. 50.00 zu bestrafen.
1.3 A. sei eine Ersatzforderung in der Höhe von CHF 1‘376’400.00 zugunsten der
Eidgenossenschaft aufzuerlegen.
1.4 Beschlagnahmen:
1.4.1 Die beschlagnahmten Gegenstände (Pos. 01.01.0001, 01.01.0009,
01.01.0015, 01.01.0016, 01.01.0018 und 01.01.0021) seien bei den
Akten zu belassen.
1.4.2 Die Hohlspitzmunition (Pos. 01.01.0002) sei einzuziehen und zu
vernichten.
1.4.3 Die beschlagnahmten EUR 9’000.00 (Pos. 01.01.0022) seien zur teil-
weisen Deckung der Verfahrenskosten zu verwenden.
1.4.4 Die sichergestellten Gegenstände (Pos. 01.01.0006, 01.01.0014 und
01.01.0020) seien A. herauszugeben.
1.5 Die vorinstanzlichen Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 113’949.20
seien A. aufzuerlegen, ohne Ausrichtung einer Entschädigung und
Genugtuung.
1.6 AIs Vollzugskanton sei der Kanton Basel-Stadt zu bestimmen.
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2. Die oberinstanzIichen Verfahrenskosten seien A. voIIumfängIich aufzuerlegen.
3. Die weiteren Verfügungen seien von Amtes wegen zu treffen.
Mit Einverständnis der anwesenden Parteien (CAR pag. 8.200.016) wurde das
Urteilsdispositiv vom 28. August 2020 gleichentags postalisch versandt (CAR
pag. 11.100.001 und 0066 f.).
B.11 Auf die Ausführungen der Parteien wird, soweit erforderlich, in den nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

Die Berufungskammer erwägt:
I. Formelle Erwägungen
1. Eintreten
1.1 Fristen / Zuständigkeit / Ermächtigung
1.1.1 Sowohl die Berufungsanmeldung als auch die Berufungserklärung des Beschul-
digten erfolgten unter Fristenwahrung (Art. 399 Abs. 1 - 3 StPO). Die Berufung
richtet sich gegen das Urteil der Strafkammer SK.2016.34 vom 21. Januar 2019,
mit welchem das Verfahren ganz abgeschlossen wurde (vgl. Art. 398 Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte wurde des qualifizierten wirtschaftlichen Nachrichtendienstes
(Art. 273 Abs. 2 und 3 StGB), der Geldwäscherei (Art. 305bis Ziff. 1 StGB) und des
unerlaubten Munitionsbesitzes (Art. 33 Abs. 1 lit. a WG) schuldig gesprochen und
mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 4 Monaten sowie einer bedingt vollzieh-
baren Geldstrafe von 270 Tagessätzen à Fr. 50.00 (Probezeit: 2 Jahre) bestraft.
1.1.2 Das angeklagte Delikt des wirtschaftlichen Nachrichtendienstes (Art. 273 StGB)
untersteht der Bundesgerichtsbarkeit (Art. 23 Abs. 1 lit. h StPO), die anderen zur
Frage stehenden Delikte grundsätzlich der kantonalen Gerichtsbarkeit. Diesbe-
züglich wurde das Verfahren gemäss Art. 26 Abs. 2 StPO in der Hand der Bun-
desbehörden vereinigt (BA pag. 01-01-0005 f.), was die Zuständigkeit des Bun-
desstrafgerichts begründet. Die nach Art. 66 Bundesgesetz über die Organisation
der Strafbehörden des Bundes (Strafbehördenorganisationsgesetz, StBOG; SR
173.71) erforderliche Ermächtigung zur Strafverfolgung eines politischen Delikts
(in casu wirtschaftlicher Nachrichtendienst gemäss Art. 273 StGB) liegt vor (vgl.
Urteil SK.2016.34 E. 1.2; BA pag. 01-02-0001 ff.).
1.1.3 Der Beschuldigte ist im vorliegenden Strafverfahren durch den vorinstanzlichen
Entscheid beschwert und hat ein rechtlich geschütztes Interesse an dessen Auf-
hebung oder Änderung (Art. 104 Abs. 1 lit. b, Art. 111 Abs. 1 und Art. 382 Abs. 1
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StPO). Die Berufungskammer des Bundesstrafgerichts ist in der Besetzung mit
drei Richtern oder Richterinnen für die Beurteilung der eingereichten Berufung
sachlich und örtlich zuständig (Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO; Art. 33 lit. c, Art. 38a und
Art. 38b StBOG; zur schweizerischen Strafhoheit siehe unten E. I. 1.3 - 1.3.3.9).
1.2 Abwesenheitsverfahren
1.2.1 Der Beschuldigte kritisiert, dass er im vorinstanzlichen Verfahren am 19. Juli 2018
nicht nur zur Hauptverhandlung vom 7. Januar 2019 (mit Fortsetzung am Folgetag
und Urteilseröffnung am 21. Januar 2019, unter Hinweis auf die Folgen des Nicht-
erscheinens gemäss Art. 366 f. StPO) vorgeladen worden sei, sondern gleichzeitig
– für den Fall seines Nichterscheinens – auch bereits zum Ersatztermin am 8. Ja-
nuar 2019 (mit Fortsetzung am Folgetag [TPF pag. 16.831.007 f. und 010 f.]). Die
persönliche Anwesenheit der beschuldigten Person im Rahmen eines Strafverfah-
rens sei im Allgemeinen bzw. anlässlich der Hauptverhandlung im Speziellen von
grosser Wichtigkeit, weshalb auch Botschaft und Lehre für die Zulässigkeit des
Abwesenheitsverfahrens zwei zeitlich getrennte Vorladungsversuche vorausset-
zen würden. Mit diesem Vorgehen habe die Vorinstanz Art. 366 Abs. 1 StPO ver-
letzt, weshalb deren Urteil SK.2016.34 vom 21. Januar 2019 aufzuheben sei (vgl.
Plädoyernotizen des Beschuldigten zur Berufungsverhandlung [fortan: PBB], S. 1
ff., mit Ausführungen; CAR pag. 8.300.001 ff.).
1.2.2 Der moderne Strafprozess geht grundsätzlich von der Anwesenheit der beschul-
digten Person während des ganzen Verfahrens aus. Daher sprechen gegen die
Durchführung des Abwesenheitsverfahrens prinzipiell ernsthafte verfassungs-
rechtliche Bedenken. Um diesen Bedenken Rechnung zu tragen, hat die StPO
die Voraussetzungen zur Durchführung des Abwesenheitsverfahrens erschwert
(vgl. MAURER, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, Vorbemerkungen zu Art. 366
StPO, N. 1 ff., mit Ausführungen).
Das «Verfahren bei Abwesenheit der beschuldigten Person» ist im 8. Titel,
4. Kapitel der StPO geregelt. Der nachfolgend auszugsweise wiedergegebene
1. Abschnitt betrifft die «Voraussetzungen und Durchführung»: Bleibt eine ord-
nungsgemäss vorgeladene beschuldigte Person der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung fern, so setzt das Gericht eine neue Verhandlung an und lädt die Per-
son dazu wiederum vor oder lässt sie vorführen. Es erhebt die Beweise, die kei-
nen Aufschub ertragen (Art. 366 Abs. 1 StPO). Erscheint die beschuldigte Person
zur neu angesetzten Hauptverhandlung nicht oder kann sie nicht vorgeführt wer-
den, so kann die Hauptverhandlung in ihrer Abwesenheit durchgeführt werden.
Das Gericht kann das Verfahren auch sistieren (Abs. 2). Ein Abwesenheitsver-
fahren kann nur stattfinden, wenn (a) die beschuldigte Person im bisherigen Ver-
fahren ausreichend Gelegenheit hatte, sich zu den ihr vorgeworfenen Straftaten
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zu äussern, und (b) wenn die Beweislage ein Urteil ohne ihre Anwesenheit zu-
lässt (Abs. 4). Die Parteien und die Verteidigung werden zum Parteivortrag zu-
gelassen (Art. 367 Abs. 1 StPO). Das Gericht urteilt aufgrund der im Vorverfahren
und im Hauptverfahren erhobenen Beweise (Abs. 2). Nach Abschluss der Partei-
vorträge kann das Gericht ein Urteil fällen oder das Verfahren sistieren, bis die
beschuldigte Person persönlich vor Gericht erscheint (Abs. 3). Im Übrigen richtet
sich das Abwesenheitsverfahren nach den Bestimmungen über das erstinstanz-
liche Hauptverfahren (Abs. 4). Im 8. Titel, 4. Kapitel, 2. Abschnitt der StPO wird
sodann die «neue Beurteilung» geregelt (Art. 368 «Gesuch um neue Beurtei-
lung», Art. 369 «Verfahren», Art. 370 «Neues Urteil», Art. 371 «Verhältnis zur
Berufung»).
1.2.3 Die formellen Voraussetzungen für die Durchführung eines Abwesenheitsverfah-
rens (im erstinstanzlichen Verfahren) sind gemäss Art. 366 Abs. 2 StPO erfüllt,
wenn die beschuldigte Person trotz zweimaliger ordnungsgemässer Vorladung
nicht zur Verhandlung erscheint. Eine ordnungsgemässe Vorladung setzt voraus,
dass die Vorschriften nach Art. 201 StPO eingehalten wurden und die Vorladung
mindestens 10 Tage vor der Hauptverhandlung zugestellt worden ist (Art. 202
Abs. 1 lit. b StPO). Kann die Adresse der beschuldigten Person nicht mit zumut-
baren Nachforschungen ermittelt werden und hat sie auch kein Rechtsdomizil
angezeigt, so kann sie öffentlich vorgeladen werden (vgl. MAURER, a.a.O., Art.
366 StPO N. 13, mit Ausführungen). Damit überhaupt ein Abwesenheitsverfahren
durchgeführt werden kann, müssen sämtliche Prozessvoraussetzungen für die
Durchführung einer Hauptverhandlung erfüllt sein (wie z.B. ordnungsgemässe
Anklage, räumliche und sachliche Zuständigkeit des Gerichts, Anwendbarkeit
des schweizerischen Rechts, Verhandlungsfähigkeit der beschuldigten Person
etc.). Wenn auch der zweite Vorladungs- oder der Vorführungsversuch scheitert,
kann ein Abwesenheitsverfahren durchgeführt werden. Die Regelung trägt der
Bedeutung Rechnung, welche die Rechtsprechung der Anwesenheit der be-
schuldigten Person an der Hauptverhandlung beimisst (vgl. MAURER, a.a.O., Art.
366 StPO N. 14 f.).
Der Wortlaut von Art. 366 Abs. 1 («Bleibt eine ordnungsgemäss vorgeladene be-
schuldigte Person der erstinstanzlichen Hauptverhandlung fern, so [d.h. erst in
diesem Fall] setzt das Gericht eine neue Verhandlung an und lädt die Person
dazu wiederum [d.h. erneut] vor...»), und auch von Abs. 2 StPO («Erscheint die
beschuldigte Person zur neu angesetzten Hauptverhandlung [d.h. nach der zu-
erst angesetzten, aber nicht durchführbaren Hauptverhandlung] nicht oder kann
sie nicht vorgeführt werden, so kann die Hauptverhandlung in ihrer Abwesenheit
durchgeführt werden») spricht klar gegen die Zulässigkeit einer zeitgleichen Vorla-
dung zur ersten und einer allenfalls aufgrund von Säumnis einer Partei notwendi-
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gen zweiten Hauptverhandlung. Gemäss Botschaft zur Vereinheitlichung des Straf-
prozessrechts vom 21. Dezember 2005 (BBl 2006 S. 1085 ff.) verlangt Absatz 1
der Bestimmung als erste Voraussetzung, dass die beschuldigte Person, die trotz
ordnungsgemässer Vorladung nicht erscheint, ein zweites Mal vorgeladen oder
vorgeführt wird. Scheitert auch der zweite Vorladungs- oder Vorführungsversuch,
kann ein Abwesenheitsverfahren durchgeführt werden (BBl 2006 S. 1299 f.). Ein
zweistufiges, zeitlich getrenntes Vorgehen bei der Vorladung, wie es gemäss Ge-
setzeswortlaut vorgesehen ist, entspricht auch der ratio legis von Art. 366 Abs. 1
StPO; es dient dem verfahrens- und grundrechtlichen Schutz der beschuldigten
Person. Es soll ihr erneut und ohne Einschränkungen die Gelegenheit bieten, per-
sönlich zur Verhandlung zu erscheinen, um ein Abwesenheitsverfahren eventuell
doch noch zu verhindern. Dies ist auch ein Ausdruck der institutionellen Bedeu-
tung, welche der Anwesenheit der beschuldigten Person im Strafverfahren zu-
kommt. Dass mit einer zeitgleichen Vorladung zur ersten und zweiten Hauptver-
handlung die Gebote der Beschleunigung (Art. 5 Ziff. 3 und Art. 6 Ziff. 1 EMRK,
Art. 29 Abs. 1 [und Art. 31 Abs. 3] BV, Art. 5 StPO) sowie der Prozessökonomie
berücksichtigt werden könnten, vermag am erwähnten klaren Gesetzeswortlaut bzw.
an der ratio legis von Art. 366 Abs. 1 StPO nichts zu ändern. Dem Beschleunigungs-
gebot und der Prozessökonomie kann im Zusammenhang mit Abwesenheitsverfah-
ren auf andere Arten Rechnung getragen werden als mit «Doppelvorladungen».
1.2.4 Der Beschuldigte wurde im vorinstanzlichen Strafverfahren am 19. Juli 2018
durch Zustellung an seine damalige Wohnadresse in Deutschland zur Hauptver-
handlung vom 7. Januar 2019 (mit Fortsetzung am Folgetag) und Urteilseröff-
nung vom 21. Januar 2019 vorgeladen (Vorladung I; TPF pag. 16.831.007 ff.),
wobei er auf die Folgen des Nichterscheinens gemäss Art. 366 und 367 StPO
(Voraussetzungen und Durchführung des Abwesenheitsverfahrens) hingewiesen
wurde. Im selben Schreiben vom 19. Juli 2018 wurde der Beschuldigte – für den
Fall seines Nichterscheinens am 7. Januar 2019 – zur Hauptverhandlung vom
8. Januar 2019 (mit Fortsetzung am Folgetag) und Urteilseröffnung vom 21. Ja-
nuar 2019 vorgeladen (Vorladung II; TPF pag. 16.831.010 ff.). Die BA, die Privat-
klägerschaft und die Verteidigung wurden am 19. Juli 2018 – ebenfalls mit separa-
ter Vorladung – zur Hauptverhandlung vom 7. Januar 2019 (Vorladung I) und für
den Fall des Nichterscheinens des Beschuldigten auf den 8. Januar 2019 (Vorla-
dung II) vorgeladen (TPF pag. 16.820.005 ff.; 16.831.013 ff.; 16.851.006 ff.).
Nachdem der Beschuldigte am 7. Januar 2019 als einziger nicht zur Hauptverhand-
lung erschienen war, erklärte die Vorsitzende, dass für diesen Fall die zweite Vor-
ladung gelte (TPF pag. 16.920.002). Der Beschuldigte erschien denn auch am 8.
Januar 2019 (gemäss Vorladung II) nicht zur zweiten Hauptverhandlung; der Ver-
teidiger und die weiteren Parteien waren anwesend. Nachdem der Verteidiger er-
klärt hatte, dass er keine aktuelle Information über seinen Mandanten habe und
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ihm eine Kontaktnahme nicht gelungen sei, führte die Vorsitzende das Abwesen-
heitsverfahren durch (TPF pag. 16.920.004, vgl. Urteil SK.2016.34 E. 1.3.2 f.).
1.2.5 Mit der am selben Tag (19. Juli 2018) versandten «Doppelvorladung» für die
Hauptverhandlung vom 7. Januar 2019 (mit Fortsetzung am Folgetag) sowie –
für den Fall des Nichterscheinens des Beschuldigten zu dieser (ersten) Haupt-
verhandlung – für eine zweite, ersatzweise bereits am 8. Januar 2019 (mit Fort-
setzung am Folgetag) angesetzte Hauptverhandlung (vgl. oben E. I. 1.2.4) ver-
letzte die Vorinstanz Art. 366 Abs. 1 StPO. Eine derartige «Doppelvorladung»
widerspricht dem Gesetzeswortlaut und der ratio legis von Art. 366 Abs. 1 StPO
(vgl. oben E. I. 1.2.3). Dies gilt erst recht, wenn – wie vorliegend – die zweite
Hauptverhandlung unmittelbar nach der ersten Hauptverhandlung erfolgen soll,
bzw. sich die für die beiden Hauptverhandlungen geplanten Zeiträume sogar
überschneiden (erste Hauptverhandlung 7./8. Januar 2019; zweite Hauptver-
handlung 8./9. Januar 2019). Indem die Vorinstanz in der Folge – trotz einer nicht
gesetzmässig durchgeführten Vorladung – am 8. Januar 2019 die (zweite) Haupt-
verhandlung im Abwesenheitsverfahren durchführte, verletzte sie auch Art. 366
Abs. 2 Satz 1 StPO. Zu prüfen ist nachfolgend, welche Rechtsfolgen diese Ver-
letzung nach sich zieht bzw. ob das erstinstanzliche Urteil bereits aus diesem
Grund aufzuheben ist.
1.2.6 Fraglich ist diesbezüglich insbesondere, ob dieser Antrag des Beschuldigten mit
seinem vorangehenden prozessualen Verhalten zu vereinbaren ist. Der Grund-
satz von Treu und Glauben gebietet die vertrauensvolle Rechtsanwendung. Das
Gegenstück dazu bildet das Verbot des Rechtsmissbrauchs, mit dem das Willkür-
verbot gekoppelt ist. Beide Grundsätze sind jeder Rechtsnorm immanent und von
allen Rechtsbeteiligten zu beachten. Die beschuldigte Person muss grundsätzlich
nichts unternehmen, um das Strafverfahren gegen sie zu fördern. Ihr ist jedoch
widersprüchliches Verhalten (venire contra factum proprium) verboten. Diese
Grundsätze sind, auf der Basis von Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV, in Art. 3 Abs. 2
lit. a und b StPO geregelt (vgl. JOSITSCH, Grundriss des schweizerischen Straf-
prozessrechts, 3. Aufl. 2017, S. 10 N. 32).
Der Beschuldigte hätte mehrere Möglichkeiten gehabt, das erwähnte Vorgehen
der Vorinstanz («Doppelvorladung») zu rügen, nämlich: 1) unmittelbar nach Er-
halt der «Doppelvorladung» vom 19. Juli 2018, 2) anlässlich der ersten vorinstanz-
lichen Hauptverhandlung vom 7. Januar 2019, 3) anlässlich der zweiten vor-
instanzlichen Hauptverhandlung vom 8. Januar 2019, 4) mittels Gesuch um Neu-
beurteilung gemäss Art. 368 Abs. 1 StPO (entsprechend der spezifischen