# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** bf21f885-dd2e-5fca-a6db-bd6278e75445
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2005
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ a) H.I., geboren 1972, ist Staatsangehöriger von Mazedonien. Er gelangte 1988 im
Rahmen des Familiennachzugs der Eltern in die Schweiz und ist im Besitz der
Niederlassungsbewilligung. Er ist seit 1994 mit seiner Landsfrau Mukadese, geboren
1972, verheiratet. Diese reiste mit dem gemeinsamen Sohn Skelkim, geboren 1995, am
22. Dezember 2000 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz ein. Am 1.
Oktober 2001 wurde die Tochter F. geboren.
b) 1998/1999 wurde H.I. wegen Uebertretungen des Strassenverkehrsgesetzes mit drei
Bussen von Fr. 300.--, Fr. 360.-- und Fr. 450.-- bestraft. Am 9. August 2001 büsste ihn
das Untersuchungsamt Gossau wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung
mit Fr. 210.--.
Das Obergericht des Kantons Thurgau sprach H.I. im Berufungsverfahren mit Urteil
vom 22. Januar 2004 der qualifizierten Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz, des mehrfachen Diebstahls, der mehrfachen
Sachbeschädigung, des mehrfachen Hausfriedensbruchs sowie der groben Verletzung
von Verkehrsregeln schuldig und bestrafte ihn mit 34 Monaten Zuchthaus.
Mit Verfügung vom 4. April 2005 wies das Ausländer-amt H.I. für die Dauer von fünf
Jahren aus der Schweiz aus. Zur Begründung wurde im wesentlichen ausgeführt, der
Betroffene habe zu schweren Klagen Anlass gegeben. Das fremdenpolizeiliche
Verschulden wiege vor allem in bezug auf die Verurteilung wegen Verstosses gegen
das Betäubungsmittelgesetz schwer.
B./ Gegen die Ausweisung erhob der Betroffene durch seine Rechtsvertreterin Rekurs,
der vom Justiz- und Polizeidepartement mit Entscheid vom 1. September 2005
abgewiesen wurde.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C./ Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 16. September 2005 erhob H.I.
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid sowie die
Verfügung des Ausländeramts seien aufzuheben, es sei von einer Ausweisung
abzusehen und ihm die Kontrollfrist für die Niederlassungsbewilligung antragsgemäss
zu verlängern, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im
wesentlichen vorgebracht, die Ausweisung sei unverhältnismässig. Insbesondere wird
geltend gemacht, die Tochter F. sei zwingend auf eine heilpädagogische Früherziehung
angewiesen, welche ihr in Mazedonien nicht gewährt werde. Auf die einzelnen
Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 20. September 2005 auf
Abweisung der Beschwerde.

## Considerations

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 16. September 2005
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2./ Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt ANAG) kann ein Ausländer aus der Schweiz
ausgewiesen werden, wenn er wegen eines Verbrechens oder Vergehens gerichtlich
bestraft wurde (lit. a) oder wenn sein Verhalten im allgemeinen und seine Handlungen
darauf schliessen lassen, dass er nicht gewillt oder nicht fähig ist, sich in die im
Gaststaat geltende Ordnung einzufügen (lit. b).
Die Ausweisung kann befristet, aber nicht für weniger als zwei Jahre, oder unbefristet
ausgesprochen werden (Art. 11 Abs. 1 ANAG). Sie soll nur verfügt werden, wenn sie
nach den gesamten Umständen angemessen erscheint (Art. 11 Abs. 3 Satz 1 ANAG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Art. 10 Abs. 1 ANAG ist eine typische "Kann-Bestimmung". Das Gesetz schreibt
beim Vorliegen bestimmter Voraussetzungen nicht zwingend die Anordnung einer
Ausweisung vor, sondern es räumt der Verwaltung diesbezüglich einen
Ermessensspielraum ein. Das Verwaltungsgericht ist zur Ueberprüfung der
Angemessenheit einer Verfügung oder eines Entscheides nicht befugt (Art. 61 Abs. 1
und 2 VRP). Es darf daher auch bei der Prüfung der Angemessenheit im Sinne von Art.
11 Abs. 3 Satz 1 ANAG nicht sein eigenes Ermessen - im Sinne einer Prüfung der
Opportunität bzw. der Zweck-
mässigkeit der Massnahme - anstelle des Ermessens der Verwaltung stellen (VerwGE
vom 11. November 2003 i.S. M.B.A. mit Hinweis auf VerwGE vom 17. August 1999 i.S.
J. und S.R.; BGE 125 II 107). Es kann nur überprüfen, ob der Entscheid der Verwaltung
auf einer Ueberschreitung bzw. einem Missbrauch des Ermessens beruht und damit
rechtswidrig ist (GVP 1996 Nr. 9 mit Hinweisen).
Für die Beurteilung der Angemessenheit der Ausweisung im Sinne von Art. 11 Abs. 3
ANAG bzw. der Verhältnismässigkeit sind namentlich die Schwere des Verschuldens
des Ausländers, die Dauer seiner Anwesenheit in der Schweiz sowie die ihm und seiner
Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (Art. 16 Abs. 3 der Vollzugsverordnung
zum ANAG, SR 142.201). In der Prüfung der Angemessenheit im Sinne von Art. 11 Abs.
3 ANAG, das heisst der Verhältnis-
mässigkeit, geht auch diejenige auf, ob die Massnahme im Blick auf den Anspruch auf
Achtung des Familienlebens im Sinne von Art. 8 der Europäischen
Menschenrechtskonvention (SR 0.101) verhältnismässig bzw. als in einer
demokratischen Gesellschaft notwendig erscheint (BGE 120 Ib 130 f.).
b) Der Beschwerdeführer wurde rechtskräftig wegen qualifizierter Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfachen Diebstahls, mehrfacher
Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs sowie grober Verletzung von
Verkehrsregeln mit einer Zuchthausstrafe von 34 Monaten bestraft. Aufgrund dieser
Verurteilung sind die Voraussetzungen für eine Ausweisung gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a
ANAG offensichtlich erfüllt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
c) Im folgenden ist zu prüfen, ob die Ausweisung für die Dauer von fünf Jahren
verhältnismässig ist.
Ausgangspunkt und Massstab für die Schwere des Verschuldens und die
fremdenpolizeiliche Interessenabwägung ist die vom Strafrichter verhängte Strafe (BGE
129 II 216).
Das Obergericht des Kantons Thurgau hielt in seinem Urteil fest (S. 50 f., S. 79), es sei
der Wille des Beschwerdeführers gewesen, als Mitglied einer Drogenbande mit den
Streckmittellieferungen seinen Beitrag zum Heroinhandel zu leisten. Er habe gewusst,
wozu das Streckmittel verwendet werde bzw. verwendet werden sollte, und er habe
dies auch gewollt. Das Verschulden des Beschwerdeführers sei im oberen mittleren
Bereich anzusiedeln. Er sei selbst nicht drogensüchtig gewesen und habe in erster
Linie Geld verdienen wollen. Er habe nicht nur mit geringem eigenem kriminellen
Antrieb gehandelt; es sei sein eigener Entscheid gewesen, sich am Streckmittel- und
Heroinhandel zu beteiligen, um zu versuchen, seine finanzielle Situation zu verbessern.
Der Handel betraf eine Menge von 1,475 Kilogramm Heroin und 6,5 Kilogramm
Streckmittel. Dasselbe Motiv sei im übrigen auch den Ende 1999 begangenen
Diebstählen zugrunde gelegen. Der Beschwerdeführer habe somit eine beträchtliche
kriminelle Energie aufgewiesen. Unter diesen Umständen ist das Verschulden des
Beschwerdeführers auch in fremdenpolizeilicher Hinsicht als schwer zu qualifizieren.
Insbesondere ist bei Drogendelikten nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ein
strenger Massstab anzulegen (BGE 125 II 526). Aufgrund der Verurteilung ist daher ein
gewichtiges öffentliches Interesse an der Ausweisung des Beschwerdeführers
gegeben. Eine Ausweisung setzt übrigens nicht mehrere Verurteilungen voraus. Bei
schweren Straftaten ist es zulässig, einem Ausländer aufgrund einer einmaligen
Delinquenz die Berechtigung zum Aufenthalt in der Schweiz abzusprechen. Die
öffentliche Ordnung und Sicherheit würde in unerträglicher Weise beeinträchtigt, wenn
Ausländer, die ihr Gastrecht in schwerer Weise missbraucht haben, nach Verbüssung
der Strafe weiterhin in der Schweiz bleiben dürften (VerwGE vom 16. August 2005 i.S.
D.I., B 2005/97, zur Zeit in: www.gerichte.sg.ch, mit Hinweis auf VerwGE vom 6.
Dezember 2002 i.S. S.D., bestätigt vom Bundesgericht mit Urteil 2A.38/2003 vom 31.
Januar 2003).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zugunsten des Beschwerdeführers ist zu berücksichtigen, dass er bereits seit mehr als
sechzehn Jahren in der Schweiz lebt. Diese relativ lange Aufenthaltsdauer fällt zu
seinen Gunsten ins Gewicht. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass der
Beschwerdeführer bereits in den Jahren 1998/99 wegen verschiedener SVG-Delikte
und 2001 wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung gebüsst wurde. Die
Verurteilung durch das Obergericht Thurgau betraf ausserdem zwei
Einbruchdiebstähle, die der Beschwerdeführer im Jahr 1999 begangen hatte, sowie ein
SVG-Vergehen im Jahr 2001. Der Beschwerdeführer wurde somit nach einem
Aufenthalt in der Schweiz von weniger als zwölf Jahren straffällig, was die bisherige
lange Aufenthaltsdauer in gewissem Mass relativiert.
Der Beschwerdeführer ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Ehefrau und der ältere
Sohn leben erst seit Dezember 2000 in der Schweiz. Die Ehefrau verbrachte somit 28
Jahre ihres Lebens in Mazedonien. Unter diesen Umständen ist eine Rückkehr der
Ehefrau in den Herkunftsstaat nicht mit überdurchschnittlichen Schwierigkeiten
verbunden. Dies gilt auch mit Bezug auf den rund zehnjährigen Sohn. Ob er die
mazedonische Sprache beherrscht, was in der Beschwerde bestritten wird, ist nicht
von entscheidender Bedeutung. Die Familie des Beschwerdeführer gehört dem
albanischen Bevölkerungsteil an. Die Ehefrau des Beschwerdeführers spricht mit der
Tochter albanisch, wie im Bericht des heilpädagogischen Dienstes festgehalten ist. Es
ist deshalb davon auszugehen, dass der Sohn wie auch seine Mutter das Albanische
beherrschen. Es ist jedenfalls nicht glaubhaft, dass ein rund zehnjähiges Kind, das mit
seiner Mutter bzw. seinen Eltern zusammenlebt, nach einem Aufenthalt von lediglich
etwa fünf Jahren in der Schweiz seine Muttersprache völlig verlernt. Deshalb sind
darüber keine weiteren Beweise zu erheben. Hinzu kommt, dass nach den
Feststellungen des Obergerichts (S. 78) der Beschwerdeführer laut eigenen Angaben
an der Befragung vom 18. Mai 2000 einen Kredit für einen Hausbau in Mazedonien
aufgenommen hat. Dies zeigt, dass der Beschwerdeführer offensichtlich noch enge
Kontakte mit Mazedonien pflegt und eine Rückkehr jedenfalls nicht mit
ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Nicht gesondert zulasten des
Beschwerdeführers ist die Sozialhilfeabhängigkeit der Ehefrau zu gewichten, da diese
offensichtlich infolge der Straffälligkeit bzw. der Inhaftierung des Ehemannes in
finanzielle Schwierigkeiten geriet.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine Verurteilung wegen qualifizierten Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz
zu einer Gefängnisstrafe von 34 Monaten - die Einbruchdiebstähle und das SVG-Delikt
fielen bei der Bemessung der Zuchthausstrafe nur geringfügig ins Gewicht, und das
Obergericht bezeichnete die Strafe von 34 Monaten sogar als eher mild - lässt eine
Ausweisung von fünf Jahren als verhältnismässig erscheinen und entspricht der
ständigen Praxis des Verwaltungsgerichts (vgl. VerwGE vom 12. September 2003 i.S.
H.R. und vom 6. Dezember 2002 i.S. S.D., bestätigt vom Bundesgericht mit Urteil 2A.
38/2003 vom 31. Januar 2003; daneben auch VerwGE vom 11. November 2003 i.S.
M.A. und vom 25. Oktober 2000 i.S. T.T). Entgegen den Ausführungen in der
Beschwerde kann beim Beschwerdeführer nicht von einer einmaligen Delinquenz
gesprochen werden. Wie erwähnt, hatte er 1998/99 verschiedene SVG-Delikte und
Einbruchdiebstähle begangen, und im Jahr 2001 wurde er wegen Ungehorsams gegen
eine amtliche Verfügung gebüsst. Am 20. April 2005 wurde er erneut wegen einer SVG-
Uebertretung mit Fr. 400.-- gebüsst. Bei dieser Sachlage kann eine gewisse
Rückfallgefahr nicht verneint werden, und es überwiegt das öffentliche Interesse an der
Fernhaltung das private Interesse am Verbleib in der Schweiz.
d) Zu prüfen ist, ob aufgrund der Entwicklungsstörung der Tochter F. eine Ausweisung
unverhältnismässig ist.
Mit Verfügung der IV-Stelle der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen vom 15. April
2004 wurde dem Beschwerdeführer Kostengutsprache für die heilpädagogische
Früherziehung der Tochter ab 18. März 2004 bis 31. Juli 2006 gewährt. Gemäss
Schreiben von Dr. med. C. vom 6. August 2004 wurde bei F. ein allgemeiner schwerer
Entwicklungsrückstand, vor allem in der Sprache, entsprechend einem
Entwicklungsalter von 17 bis 23 Monaten, festgestellt, daneben eine Verzögerung des
räumlichen Sehens. Als Behandlungsmassnahmen wurden eine heilpädagogische
Frühförderung bis zur voraussichtlich 2006 stattfindenden Einschulung und
augenärztliche Massnahmen vorgesehen. Ohne geeignete heilpädagogische
Frühförderung würde die spätere schulische Förderung und die berufliche und soziale
Integration massiv beeinträchtigt.
Der Heilpädagogische Dienst St. Gallen-Appenzell-Glarus hielt in seinem Bericht vom
9. September 2005 fest, die heilpädagogische Früherziehung sei am 20. April 2001
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(richtig 2004) aufgenommen worden. Es finde wöchentlich eine Fördereinheit statt.
Grobmotorisch wirke das Mädchen noch unsicher und ungeübt; es lerne aber schnell
Neues dazu. Hinsichtlich der Sprache wurde festgehalten, F. nehme wenig Blickkontakt
auf und wende sich von anderen Personen ab. Trotzdem öffne sie der Heilpädagogin
die Haustüre jede Woche meist selbst und gebe die Hand zur Begrüs-sung. Das
Mädchen verständige sich teilweise mittels Gesten und Lauten. Der trianguläre
Blickkontakt sei seit zwei Monaten vermehrt zu beobachten. F. spreche einzelne
alltagsbezogene Wörter in Albanisch, lehne eine Handlung ab und imitiere einige
Tierstimmen. Ein schweizerdeutsches Kinderlied singe sie alleine nach, wobei sie den
Wortlaut in etwa nachspreche. F. tobe oft lautstark und gebe so ihrem Unmut
Ausdruck, insbesondere auch dann, wenn ihre Botschaften nicht verstanden würden.
Hinsichtlich Kognition/Spielverhalten sowie visuelle und auditive Wahrnehmungen
wurden keine Auffälligkeiten festgestellt. Die Beobachtungen wiesen darauf hin, dass
sie gut höre. Bei den psychosozialen Kompetenzen wird festgehalten, F. schreie und
trotze sehr viel. Oft sei der Grund nicht klar erkennbar. Die Stimmung von F. könne von
einem Moment zum anderen ändern. Wenn sie tobe, so lasse sie sich kaum mehr
beruhigen. Das Mädchen schreie täglich ein bis zwei Stunden. Es tyrannisiere in
solchen Momenten seine Mutter. Die Selbständigkeit wird als unauffällig beurteilt.
Abschliessend hält der Heilpädagogische Dienst fest, bei F. zeige sich ein heterogenes
Entwicklungsprofil. Im feinmotorischen Bereich sei sie sehr geschickt, und sie könne
für ihr Alter bereits schwierige Aufgaben lösen. In der Grobmotorik sei sie noch
unsicher, aber bereit, Neues auszuprobieren. Es sei wichtig, dass F. ihr
Bewegungsrepertoire erweitern könne. Das Mädchen sollte auf Spielgeräte klettern, auf
unebenem Untergrund gehen und mit Bällen spielen. Im sprachlichen Bereich und im
Sozialverhalten zeige sich der grösste Entwicklungsrückstand. Es sei wichtig, dass F.
immer wieder im Alltag und im Spiel in Kommunikation treten könne mit
Bezugspersonen und anderen Kindern. F. solle die Möglichkeit gegeben werden, im
Haushalt und beim Kochen mitzuhelfen. Besonders wichtig sei es, immer wieder in
Spiel- und Handlungssituationen mit F. in Interaktion zu treten. Auf diese Weise könne
die Sprach- und Sozialkompetenz erweitert werden. Sehr wichtig sei auch die
Unterstützung und Anleitung der Eltern in ihrer erschwerten Erziehungssituation. Falle
eine gezielte Förderung von F. weg, so könnte dies zu bleibenden Beeinträchtigungen
in der Sprache, dem Sozialverhalten und der emotionalen Entwicklung führen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusätzlich zur heilpädagogischen Früherziehung wäre eine Eingliederung in eine kleine
Kindergruppe sehr wichtig, wie dies in einer Spielgruppe möglich wäre.
Das Ausländeramt hat die Möglichkeiten einer besonderen Förderung der Tochter in
Mazedonien durch die schweizerische Botschaft in Skopje abgeklärt. Im Bericht der
Botschaft vom 1. Februar 2005 wird festgehalten, heilpädagogische Frühförderung an
und für sich sei in Mazedonien kein Begriff. Die Therapiemassnahmen ähnelten sich
jedoch stark im praktischen Bereich (gemeinsames Handeln in Alltagssituationen,
einfaches Werken, gemeinsames Spielen etc.). Jedoch würden diese Therapien nicht
von Pädagogen durchgeführt, sondern von "erfahrenen Hilfskräften". Demzufolge
könnten nicht alle Therapieansätze (Rhythmik, Wahrnehmungstherapie,
Verhaltenstherapie etc.) mit dem in der Schweiz üblichen Standard verglichen werden.
Da bei F. auch schwere sprachliche Behinderungen vorlägen, besuchte der beauftragte
Botschaftsangestellte auch die Logopädistin in der Kinderabteilung des Staatsspitals in
Skopje. Dort gebe es nur eine Person, die mit sprachlich behinderten albanischen
Kindern arbeite. Sie verfüge leider nicht über eine fachliche Ausbildung, jedoch über
jahrelange Erfahrung und arbeite unter Aufsicht der Logopädistin. Da die
Therapiemassnahmen für albanisch-ethnische Kinder in Skopje somit recht spärlich
ausfielen und das Herkunftsgebiet der Familie im ethnisch albanischen Teil
Mazedoniens liegen würde, seien Abklärungen in Tetovo durchgeführt worden. Dort
existiere ein Kindergarten, in dem sowohl "gesunde" wie auch retardierte Kinder
betreut würden. Ebenfalls seien dort Kinder anzutreffen, die weit höhere mentale
Defizite aufweisen würden als F. (z.B. leichtes Down-Syndrom). Noch stärker
behinderte Kinder würden in separaten Klassen unterrichtet oder müssten sogar in
psychiatrische Kliniken eingewiesen werden. Für die Leiterin scheine F. eher ein
leichterer Fall zu sein. Sehr wahrscheinlich würde sie in eine gemischte Klasse
eingeteilt. Erfahrungsgemäss würden bei solchen gemischten Klassen die besten
Resultate erzielt und leicht retardierte Kinder würden rasch aufholen. Fachspezifisches
und diplomiertes Personal sei jedoch nicht vorhanden. Es handle sich meist um
Lehrkräfte oder medizinische Fachleute (Krankenschwestern), welche eine zusätzliche
Ausbildung im pädagogischen Bereich erhielten. Der Kindergarten sei in zwei
Schichten aufgeteilt, die Kinder würden dort acht Stunden täglich verbringen. Die
monatlichen Kosten würden € 25.-- betragen. Ebenfalls bestehe ein Angebot an
pädagogischer Unterstützung in Form von Hausbesuchen, um die Elternteile (Umfeld)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ebenfalls aktiv zu fördern und mitwirken zu lassen. Letztere müssten jedoch zusätzlich
bezahlt werden. Ebenfalls sei ein Gespräch mit der Direktorin der Primarschule geführt
worden. Es gebe dort eine Schulklasse vom ersten bis zum achten Schuljahr für
pädagogisch anspruchsvollere Kinder. Die Lehrerin weise auf eine 30-jährige Erfahrung
hin. Diese Schulung sei kostenlos. Ebenso trage das Bildungsministerium die
Transportkosten für auswärtige Kinder. Die Sehstörung stelle dagegen kein Problem
dar. Zusammenfassend könne gesagt werden, dass die nötigen Infrastrukturen und
Behandlungsmöglichkeiten in Mazedonien vorhanden seien, jedoch in keinem Falle mit
den modernen Therapiemöglichkeiten in der Schweiz verglichen werden könnten.
Demgegenüber wäre jedoch gemäss Fachleuten das albanischsprachliche Umfeld
zugunsten von F.s Entwicklungsmöglichkeiten. Ebenfalls könnte durch diesen
sprachlichen Vorteil die Mutter vermehrt in die Therapiemassnahmen einbezogen
werden.
In der Beschwerde wird vorgebracht, Ausländeramt und Rekursinstanz hätten den
Sachverhalt in diesem Punkt unhaltbar festgestellt bzw. gewürdigt. Es sei bei weitem
nicht so, dass F. in Mazedonien weiterhin die für ihre Gesundung erforderliche
heilpädagogische Früherziehung zuteil werden könne. Vielmehr mache der Bericht der
Schweizer Botschaft geradezu deutlich, dass in Mazedonien kein Therapieangebot
bestehe, welches unter den Begriff der von F. benötigten heilpädagogischen
Früherziehung subsumiert werden könnte. Gemeinsames Handeln in Alltagssituationen,
einfaches Werken und gemeinsames Spielen habe mit den spezifischen
therapeutischen Ansätzen, welche ausgebildete Heilpädagoginnen in der Schweiz
anwenden würden, so gut wie nichts gemeinsam. Eine fundierte Diagnostik und darauf
abgestützte Ausgestaltung und laufende Anpassung der Therapie- und
Förderungsmassnahmen sei einer Hilfskraft ohne den entsprechenden fachlichen
Hintergrund einer ausgebildeten heilpädagogischen Früherzieherin offensichtlich
ebenso wenig möglich wie der zwingend zum Therapieerfolg gehörende fachliche
Austausch und die entsprechende Kooperation der Erzieherin mit weiteren Fachkräften
wie Kinderärzten, Physiotherapeuten, Logopädinnen etc. Desgleichen fehle solchen
Kräften auch das fachliche Know-How für die äusserst wichtige und oftmals grosses
psychologisches Geschick verlangende Zusammenarbeit mit den Eltern. Wie die
heilpädagogische Früherzieherin festhalte, sei die fachliche Unterstützung und
Anleitung der Eltern aber für den Therapieerfolg sehr entscheidend. Im weiteren mache
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Bericht der Botschaft deutlich, dass retardierte Kinder in Mazedonien nicht
individuell und gezielt gefördert würden, sondern etwa in einen gemischten
Kindergarten aufgenommen würden. Auch dies habe mit der Therapie, welche F.
gemäss ärztlicher Bescheinigung benötige, überhaupt nichts gemeinsam und könne
auch nicht als taugliche Ersatzmassnahme qualifiziert werden. Eine Einzeltherapie, wie
sie F. benötige und wie sie ihr hier durch heilpädagogische Früherziehung zuteil werde,
sei mit einer die individuelle Förderung und Begleitung des Kindes naturgemäss
verunmöglichenden Klassenbildung auch nicht im Ansatz vergleichbar. Von einer
Förderung auf der Vorkindergartenstufe, auf welche die heilpädagogische
Früherziehung ausgelegt sei, sei insbesondere bezüglich des ethnisch albanischen
Teils von Mazedonien überhaupt nicht die Rede, so dass bei einer objektiven
Würdigung des Berichts angenommen werden müsse, dass Kindern im Vorschul- und
Vorkindergartenalter wie F. überhaupt keine Behandlung zuteil würde. Entgegen der
Haltung der Vorinstanz müsse bei einer objektiven Würdigung des Berichts der
Schweizer Botschaft daher davon ausgegangen werden, dass es in Mazedonien keine
Therapie gebe, welche die heilpädagogische Früherziehung, welche F. benötigte, auch
nur im Ansatz ersetzen könnte.
F. wurde am 1. Oktober 2001 geboren. Die heilpädagogische Früherziehung wurde bis
Mitte 2006 bewilligt. Diese umfasste bisher eine Förderlektion wöchentlich. Auch bei
einem Verbleib in der Schweiz würde nach dem Eintritt in den Kindergarten eine
heilpädagogische Förderung im Rahmen der schulischen Heilpädagogik durchgeführt,
welche regelmässig in den Unterricht im Rahmen des Klassenverbands integriert ist.
Aus dem Bericht des Heilpädagogischen Dienstes vom 9. September 2005 ergibt sich
zudem, dass im sprachlichen Bereich und im Sozialverhalten ein
Entwicklungsrückstand besteht und es wichtig ist, dass F. immer wieder im Alltag und
im Spiel in Kommunikation mit Bezugspersonen und anderen Kindern treten könne.
Dies zeigt, dass es auch die Heilpädagogin als wichtig erachtet, dass das Kind häufig
in Kontakt mit anderen Kindern tritt. Solche Voraussetzungen wären beim Besuch eines
gemischten Kindergartens, wie er in Mazedonien geführt wird, erfüllt. Auch die
Eingliederung in eine Spielgruppe wird als wichtig qualifiziert, was bedeutet, dass das
Schwergewicht der Förderung nicht nur auf die Behandlung durch die Heilpädagogin,
sondern ebenso sehr auch auf die Eingliederung in eine Gruppe gelegt wird. Ohnehin
findet die heilpädagogische Förderung lediglich einmal pro Woche statt und kann also
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht mit einer ständigen Therapie in einer spezialisierten Institution verglichen werden.
Weiter steht fest, dass die Heilpädagogin die Wahrscheinlichkeit einer dauernden
Beeinträchtigung nicht qualifiziert und jedenfalls nicht als erheblich oder als hoch
beurteilt. Auffallend ist zudem, dass der Zwischenbericht vom 9. September 2005
gegenüber dem Bericht vom 4. November 2004 erhebliche Fortschritte des Kindes
feststellt. Bereits in diesem Bericht wird sogar festgehalten, die Heilpädagogin habe bei
F. seit dem Frühjahr grosse Fortschritte feststellen können. Die im Frühling
festgestellten Defizite in allen Entwicklungsbereichen seien damit natürlich nicht
verschwunden. Aufgrund der positiven Entwicklung könne aber davon ausgegangen
werden, dass F. einige davon wieder aufholen oder zumindest verringern könne. Eine
Absetzung der heilpädagogischen Früherziehung zum jetzigen Zeitpunkt werde aber
als verfrüht erachtet, denn offensichtlich benötige das Mädchen für eine gute
Entwicklung sehr viel an Einfühlungsvermögen, Beziehungssicherheit und -konstanz
sowie Wohlwollen seitens der Erziehungsbeauftragten.
Die Berichte zeigen auch, dass die Eltern einen wesentlichen Beitrag leisten können,
um gute Voraussetzungen für eine weitere Entwicklung der Tochter zu schaffen. Wenn
die Heilpädagogin in ihrem Bericht festhält, das Kind schaue bevorzugt Fernsehen und
beschäftige sich kaum mit gleichaltrigen Kindern, so zeigt dies, dass eine wesentliche
Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung von den Eltern selbst geschaffen
werden kann. Jedenfalls ist aufgrund der Berichte nicht dargetan, dass eine erhebliche
Gefährdung für die Gesundheit des Kindes im Falle einer Rückkehr nach Mazedonien
besteht. Die Förderungsmöglichkeiten sind in Mazedonien zweifelsohne nicht im
gleichen Masse vorhanden wie in der Schweiz, doch kann auch nicht gesagt werden,
es bestünden überhaupt keine Förderungsmöglichkeiten. Im Laufe der nun seit nahezu
eineinhalb Jahren durchgeführten Frühförderung konnte auch die Mutter derart weit in
die Behandlung einbezogen werden, dass sie befähigt ist, im Rahmen ihrer
Möglichkeiten die Entwicklung des Kindes gezielt zu fördern.
e) Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass die
Vorinstanz die Verhältnismässigkeit der Ausweisung des Beschwerdeführers für die
Dauer von fünf Jahren zu Recht bejaht hat und die Massnahme nicht gegen Art. 11
Abs. 3 ANAG und Art. 8 EMRK verstösst. Folglich ist die Beschwerde als unbegründet
abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).