# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 52b07b79-093c-5fed-9ee4-920d885cd63b
**Court:** BE_VB
**Chamber:** BE_VB_001
**Year:** 2006
**Language:** de
**Jurisdiction:** BE / Espace_Mittelland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** Urban Planning and Environmental

## Facts

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner ist Eigentümer der Parzelle Nr. E._ mit dem
Gebäude F._gasse 17 in Langenthal. Die Südostseite des Gebäudes
F._gasse 17 steht direkt an der Grenze zur benachbarten Parzelle Nr.
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G._ der Beschwerdeführer. Der Beschwerdegegner verfügt über ein Wegrecht zu
Lasten der Parzelle Nr. G._. Dieses Wegrecht stützt sich auf einen
Dienstbarkeitsvertrag aus dem Jahr 1877.
Der Beschwerdegegner stellte mit Datum vom 30. Mai 2005 ein Baugesuch u.a. für den
Einbau einer Autogarage in das Gebäude F._gasse 17. Vorgesehen ist ein
Mauerdurchbruch auf der Südostseite des Gebäude F._gasse 17 und den Einbau
eines Garagentors. Die Zufahrt zu dieser Garage soll über die Parzelle Nr. G._ der
Beschwerdeführer führen.
Mit Eingabe vom 3. Oktober 2005 haben die Beschwerdeführer Einsprache erhoben. Sie
machten geltend, dass sie dem Mauerdurchbruch zustimmen müssten. Die Zufahrt zur
Garage sei zudem durch das bestehende Wegrecht nicht abgedeckt. Dieses führe nur am
Haus vorbei, nicht zum Haus.
2. Am 3. April 2006 erteilte der Stadtpräsident von Langenthal den
«Gesamtbauentscheid» für das Bauvorhaben. Darin erteilte er aber einzig die
Baubewilligung für den Einbau der Autogarage, einer neuen Heizung sowie interner
Umbauarbeiten. Weitere Bewilligungen umfasste der «Gesamtbauentscheid» nicht.
Mit Eingabe vom 3. Mai 2006 hat die «Erbengemeinschaft R. und B._»
Beschwerde erhoben. Das Rechtsamt nahm diese Eingabe als Baubeschwerde der
Beschwerdeführer 1 und 2 entgegen.
Die Beschwerdeführer beantragen, die von der Stadt Langenthal erteilte Baubewilligung sei
aufzuheben und es sei der Bauabschlag zu verfügen. Eventuell sei die Baubewilligung
aufzuheben und unter der Bedingung zu erteilen, dass der Beschwerdegegner die
Zustimmung der Beschwerdeführer betreffend Näherbaurecht und Zufahrt beibringe.
Die Stadt Langenthal und der Beschwerdegegner beantragen die Beschwerde
abzuweisen.
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3. Der Beschwerdegegner reichte mit der Beschwerdeantwort eine Kopie des
Dienstbarkeitsvertrages aus dem Jahr 1877 ein. Dieser Vertrag ist in alter deutscher
Schreibschrift abgefasst. Das Rechtsamt beauftragte einen Gutachter, den Vertrag in die
heute aktuelle Schrift zu transkribieren.
Die Transkription ging am 28. September 2006 beim Rechtsamt ein, worauf die am
Verfahren Beteiligten mit Verfügung vom 16. Oktober 2006 Gelegenheit erhielten, zum
Ergebnis des Beweisverfahrens Stellung zu nehmen. Auf ihre Stellungnahme wird - soweit
nötig - in den Erwägungen eingegangen.

## Considerations

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) ist für den Entscheid über die Beschwerde
zuständig (Art. 40 Abs. 1 BauG1).
Die Beschwerdeführer haben sich am Baubewilligungsverfahren als Einsprecher beteiligt.
Ihre Beteiligung war zulässig (Art. 35 Abs. 2 BauG). Sie sind befugt, Beschwerde zu führen
(Art. 40 Abs. 2 BauG).
Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1 BauG).
Sie enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG2). Die BVE tritt
deshalb auf die Beschwerde ein.
2. Vorfrageweise Prüfung einer zivilrechtlichen Frage
Über Privatrechte wird im Baubewilligungsverfahren grundsätzlich nicht entschieden. Für
deren Durchsetzung sind die Betroffenen auf den zivilrechtlichen Rechtsweg verwiesen.
1 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 2 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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Der Grundsatz der strikten Trennung zwischen Privat- und Verwaltungsrecht wird jedoch in
zwei Fällen durchbrochen: Einerseits ist Zivilrecht zu berücksichtigen, wenn die
Bauherrschaft auf fremdem Boden baut. Andererseits sind zivilrechtliche Verhältnisse im
Baubewilligungsverfahren von Bedeutung, wenn die Baugesetzgebung privatrechtliche
Tatbestände voraussetzt oder ausdrücklich als massgebend erklärt, wie beispielsweise zur
Sicherung einer über fremden Boden führenden Zufahrt3. Die Frage, ob das im Grundbuch
eingetragene Wegrecht die Erschliessung zur geplanten Garage sicherstellt, ist im
vorliegenden Verfahren somit vorfrageweise zu prüfen.
Die vorfrageweise Beurteilung einer zivilrechtlichen Frage durch die BVE präjudiziert ein
Verfahren vor der zuständigen zivilprozessualen Instanz nicht. Insbesondere nehmen die
Erwägungen zum Zivilrecht nicht an der Rechtskraft des Entscheides teil, sondern stellen
nur ein Entscheidelement dar4.
3. Inhalt der Wegdienstbarkeit
Die Beschwerdeführer sind der Auffassung, dass das Wegrecht nicht genüge, damit der
Beschwerdegegner ihre Parzelle als Zufahrt zur geplanten Garage benützen dürfe. Das
Wegrecht müsse so umfassend sein, dass der Beschwerdegegner sein Fahrzeug auf dem
Land der Beschwerdeführer in die Garage hineinmanövrieren könne. Dazu sei ein
Landstreifen von mindestens 6 m notwendig, den sie für die ungehinderte Einfahrt in die
Garage zur Verfügung stellen müssten. Das Wegrecht führe nur an der westlichen Grenze
der Parzelle Nr. G._ und damit der Hausmauer des Beschwerdegegners entlang.
a) Nach Art. 738 ZGB5 ist der Grundbucheintrag für den Inhalt der Dienstbarkeit
massgebend, soweit sich Rechte und Pflichten daraus deutlich ergeben (Absatz 1). Im
Rahmen des Eintrages kann sich der Inhalt der Dienstbarkeit aus ihrem Erwerbsgrund oder
aus der Art ergeben, wie sie während längerer Zeit unangefochten und in gutem Glauben
ausgeübt worden ist (Absatz 2).
3 BVR 2003 S. 385 E. 4b mit vielen Hinweisen 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 5 N. 5; BVR 1990 S. 374 E. 2b 5 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZBG; SR 201)
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Massgebend ist somit zunächst der Wortlaut des Grundbucheintrags. Soweit sich daraus
Rechte und Pflichten deutlich ergeben, ist dieser Wortlaut uneingeschränkt massgebend
und wird ein Vorgehen nach Absatz 2 von Art. 738 ZGB ausgeschlossen6. Die Fälle, wo
dem unmissverständlichen Wortlaut des Grundbucheintrags eine absolute Wirkung
zukommt, dürften jedoch selten sein und allenfalls bei gemessenen Grunddienstbarkeiten
eintreten7. Enthält der Grundbucheintrag lediglich ein Stichwort, wie z.B. Quellen-, Weg-
oder Grenzbaurecht, ist er in der Regel zu rudimentär, als dass sich Rechte und Pflichten
aus ihm deutlich ergäben8.
Im vorliegenden Fall ist auf dem Hauptblatt des dienenden Grundstücks das Stichwort
"Wegrecht" genannt. Für die Bestimmung des Inhalts der Dienstbarkeit muss deshalb auf
den Erwerbsgrund zurückgegriffen werden. Auf den Erwerbsgrund wird im
Grundbucheintrag als Beleg hingewiesen9. Der Beleg bildet Bestandteil des Grundbuchs
(Art. 942 Abs. 2 ZGB).
b) Den Dienstbarkeitsvertrag «gefertigt den 6. September und eingeschrieben den 1.
Novemb. beides 1877» schlossen P._, Q._, R._ und
S._. P._ war Eigentümer der Besitzung im Winkel (Parzellen Nrn.
G._ und H._, heute im Eigentum der Beschwerdeführer) und eines
Fussweges von seiner Besitzung bis zum O._ (heute keine selbständige Parzelle).
Dieser Weg war ehemals Garten und verlief nördlich von Magazin und Holzhaus des
Q._ und südlich vom Hausplatz und Hofraum des S._.
Q._ war Eigentümer eines Wohnstocks (Parzelle Nr. I._) und eines
Magazingebäudes (Parzelle Nr. J._), R._ eines Wohnstockes mit
Schmiede (Parzelle Nr. K._) und S._ eines Wohnstocks mit
Malerwerkstatt (Parzelle Nr. E._, heute im Eigentum des Beschwerdegegners).
Mit dem Dienstbarkeitsvertrag erweiterten die Beteiligten den Fussweg, der P._
gehörte, zum Fahrweg. Allen vier Beteiligten wurde der Fahrweg zur Verfügung gestellt.
6 BGE 107 II 331 E. 2; Etienne Petitpierre, in Basler Kommentar Art. 457- 977 ZGB/Art. 1- 61 SchlT ZGB, 2. Aufl. 2003, Art. 738 N. 4; Peter Liver, Berner Kommentar Band IV 2a, 3. Aufl. 1980, Art. 738 ZGB N. 20 7 Etienne Petitpierre, a.a.O., Art. 738 N. 4 8 BGE 128 III 169 E. 3a; BGer 17.12.2002, in ZBGR 2003 S. 305 E. 3.1; vgl. auch BGer 18.6.2002, in ZBGR 2003 S. 300 E. 3) 9 Peter Liver, a.a.O., Art. 738 ZGB N. 8
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Gleichzeitig gestattete Herr P._ die Durchfahrt über die ganze Länge seines
Platzes, der östlich an die Gebäude von Kaiser und Gerber angrenzte, und zwar in der
Richtung gegen die L._gasse und umgekehrt von dieser zur M._strasse,
der heutigen F._.
Zusammenfassend hielten die Vertragsparteien das Folgende fest (Unterstreichung durch
die BVE) : «In Summa gestatten sämtliche Contrahenten, ohne ihre Eigenthumsrechte
irgend wie zu verkürzen oder zu veräussern, sich gegenseitig und ihren Nachbesizern, das
dingliche Recht unbeschränkter Zu-, Ab- und Durchfahrt über die beschriebenen Plätze
von der M._strasse oder N._gasse gegen die L._gasse und vice
versa.»
Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführer war das Recht somit nicht bloss auf die
Durchfahrt beschränkt. Laut der Zusammenfassung gestatteten die damaligen
Vertragsparteien einander auch die Zu- und Abfahrt. Die Breite der Zu-, Ab- und Durchfahrt
beschränkte sich auf der Parzelle Nr. G._ auch nicht bloss auf eine Wegbreite von
drei Metern, wie die Beschwerdeführer meinen. Für die Zu-, Ab- und Durchfahrt stand der
ganze Platz zur Verfügung, der östlich an die Häuser von R._ und S._
angrenzte. Der Schluss der Vorinstanz, dass die Zufahrt zur Garage privatrechtlich
sichergestellt ist, ist somit nicht zu beanstanden.
Die zusätzlichen Fahrbewegungen zufolge einer intensiveren Nutzung des herrschenden
Grundstücks stellen keine unzumutbare erhebliche Mehrbelastung im Sinne von Art. 739
ZGB dar. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung hat wiederholt eine unzulässige
Mehrbelastung einer Dienstbarkeit verneint, wenn durch Umbauten die Anzahl der
Benützerinnen und Benützer einer Dienstbarkeit steigt und dadurch der Zugang stärker
begangen oder befahren wird10. Dasselbe muss für die hier projektierte Garage und die
damit verbundene Mehrbeanspruchung des Wegrechts gelten.
Der angefochtene Entscheid hält somit der Rechtskontrolle stand. Die Beschwerde ist
abzuweisen.
10 BGE 122 III 358 E. 2c mit weiteren Hinweisen; Hans Michael Riemer, Die beschränkten dinglichen Rechte, 2. Aufl. 2000, § 12 N. 10 f
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4. Kundenparkplätze
Die Beschwerdeführer befürchten, dass die Zufahrt zur Garage als Kundenparkplätze für
das Schneideratelier der Ehefrau des Beschwerdegegners dienen werde, da der
Kundschaft keine Parkplätze zur Verfügung ständen.
Dieser Einwand geht über das Rechtsverhältnis hinaus, das in der angefochtenen
Verfügung geregelt ist. Laut dem Baugesuch vom 30. Mai 2005 ist kein Kundenparkplatz
auf der Zufahrt zur Garage geplant. Den Beschwerdeführern ist unbenommen, mit
zivilrechtlichen Mitteln (z.B. strafrechtlicher Besitzesschutz nach Art. 118 EG ZGB11) gegen
das unbefugte Parkieren auf ihrer Parzelle einzuschreiten.
5. Verfahrenskosten
Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für
besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Gestützt auf Art. 19 GebV12 wird die Pauschale
auf 1'000 Franken festgelegt. Hinzu kommt die Gebühr von 600 Franken für die
Transkription des Dienstbarkeitsvertrages13.
Die Beschwerdeführer unterliegen. Ihnen werden deshalb die oberinstanzlichen
Verfahrenskosten zur Bezahlung auferlegt (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Der Beschwerdegegner wird nicht durch einen berufsmässigen Parteivertreter vertreten
(Art. 104 Abs. 1 VRPG). Das Verfahren war nicht aufwändig (Art. 104 Abs. 2 VRPG). Es
sind dem Beschwerdegegner mithin weder Parteikosten noch eine Parteientschädigung
noch Auslagenersatz zuzuerkennen.
11 Gesetz betreffend die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 28. Mai 1911 (EG ZGB; BSG 211.1) 12 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung; GebV, BSG 154.21) 13 Rechnung von Herrn O._ vom 26. September 2006 über Fr. 600.--
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