# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 9c63f0db-25b6-5df3-bc5a-091cf454abd8
**Court:** SG_VG
**Chamber:** SG_VG_001
**Year:** 2012
**Language:** de
**Jurisdiction:** SG / Eastern_Switzerland
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X. Y., geboren am 3. Mai 1986, vom Kosovo, reiste am 8. Oktober 2010 zur
Vorbereitung der Heirat in die Schweiz ein. Am 22. Oktober 2010 heiratete er in Q. die
Schweizer Bürgerin K. Y., geboren am 15. Oktober 1990. In der Folge wurde ihm im
Rahmen des Familiennachzugs eine bis 21. Oktober 2011 gültige
Aufenthaltsbewilligung erteilt.
Am 4. Mai 2011 teilte K. Y. dem Migrationsamt mit, sie habe sich von ihrem Ehemann
definitiv getrennt (act. 22). Am 23. Juni 2011 nahm der Familienrichter des
Kreisgerichtes Rheintal von der Trennung der Ehegatten per 19. April 2011 Vormerk
und genehmigte die Trennungsvereinbarung vom 14. Juni 2011 (act. 25-27). Nachdem
X. Y. Stellung genommen hatte, verlängerte das Migrationsamt die
Aufenthaltsbewilligung am 11. Januar 2012 nicht mehr und setzte X. Y. eine
Ausreisefrist bis 21. März 2012.
B./ Am 16. Januar 2012 erhob X. Y., vertreten durch Rechtsanwalt Dr. A. B., gegen die
Verfügung des Migrationsamtes vom 11. Januar 2012 Rekurs beim Sicherheits- und
Justizdepartement. Er stellte die Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Aufenthaltsbewilligung sei zu verlängern. Am 7. Mai 2012 wies das
Sicherheits- und Justizdepartement den Rekurs ab und lud das Migrationsamt ein, X.
Y. eine neue Frist zur Ausreise zu setzen.
C./ Am 18. Mai 2012 erhob X. Y., wiederum vertreten durch Rechtsanwalt Dr. A. B.,
gegen den Rekursentscheid vom 7. Mai 2012 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stellte die Rechtsbegehren, der angefochtene Entscheid und die Verfügung des
Migrationsamtes vom 11. Januar 2012 seien aufzuheben und die
Aufenthaltsbewilligung sei zu verlängern. Sodann beantragte X. Y., das
Beschwerdeverfahren sei zu sistieren. Er begründete dies damit, er möchte eine Frau
heiraten, die zur Zeit ebenfalls noch in Scheidung lebe. Zufolge des Familiennachzugs
durch die neue Ehefrau werde ihm ein neuer Aufenthaltstitel zur Verfügung stehen. Am
4. Oktober 2012 wurde die Ehe Y. geschieden und der Familienrichter des
Kreisgerichtes Rheintal genehmigte eine Vereinbarung über die Scheidungsfolgen.
Am 1. Juni 2012 lehnte es der Präsident des Verwaltungsgerichts ab, dem
Sistierungsgesuch zu entsprechen und auferlegte X. Y. die Kosten der Verfügung im
Betrag von Fr. 300.--.
Am 22. Juni 2012 beantragte das Sicherheits- und Justizdepartement, die Beschwerde
sei abzuweisen. Auf eine Stellungnahme wurde verzichtet.

## Considerations

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die Sachurteilsvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen:
1.1. (...).
1.2. Der Beschwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, er erfülle (auch) die
Voraussetzungen eines Härtefalls nach Art. 30 Abs. 1 lit. bdes Bundesgesetzes über
die Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20, abgekürzt AuG). Danach kann in
schwerwiegenden persönlichen Härtefällen von den Zulassungsvoraussetzungen
(Art. 18-29 AuG) abgewichen werden. Es handelt sich um eine "Kann-Vorschrift" und
das Bundesamt für Migration entscheidet im Zustimmungsverfahren über die
Zulassung (Good/Bosshard, in: Caroni/Gächter/Thurnherr (Hrsg.), Kommentar zum
Bundesgesetz über Ausländerinnen und Ausländer, Bern 2010, Rz. 9 zu Art. 30 AuG).
Die Frage, ob ein Anwendungsfall von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG vorliegen könnte, ist
nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Insoweit kann auf die
Beschwerde deshalb nicht eingetreten werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.3. Der Beschwerdeführer hält fest, alles was von ihm und seinem Rechtsvertreter im
bisherigen Verlauf des ausländerrechtlichen Verfahrens vorgebracht worden sei, gelte
integral als bestätigt und erneuert, auch wenn es nicht ausdrücklich wiederholt werde.
Das Verwaltungsgericht hat es in ständiger Rechtsprechung abgelehnt, dass anstelle
einer Begründung pauschal auf die vorinstanzlichen Eingaben verwiesen wird. Ein
solcher Verweis ist ungenügend, da aus ihm nicht hervorgeht, in welchen Punkten und
weshalb der Entscheid der Vorinstanz angefochten wird. Es ist nicht Aufgabe der
Rechtsmittelinstanz, in vorinstanzlichen Eingaben der Beteiligten nach Gründen zu
suchen, weshalb der angefochtene Entscheid unrichtig sein könnte (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 921 mit
Hinweisen).
Soweit der Beschwerdeführer pauschal auf Vorbringen in früheren Eingaben verweist,
kann die Beschwerde deshalb ebenfalls nicht an die Hand genommen werden.
1.4. Auf die Beschwerde ist im Sinn der Erwägungen einzutreten.
2. Ausländische Ehegatten von Schweizerinnen haben nach Art. 42 Abs. 1 AuG
Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit
diesen zusammenwohnen. Ausnahmsweise besteht das Erfordernis des
Zusammenlebens nicht, wenn für getrennte Wohnorte wichtige Gründe geltend
gemacht werden und die Familiengemeinschaft weiter besteht (Art. 49 AuG).
Der Beschwerdeführer, der unbestrittenermassen seit dem 19. April 2011 von K. Y.
getrennt lebt und dessen Ehe mit ihr am 4. Oktober 2012 geschieden worden ist,
behauptet nicht, es liege ein Anwendungsfall im Sinn von Art. 49 AuG vor. Vielmehr
beruft er sich auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG, wonach der Anspruch des Ehegatten auf
Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nach Auflösung der Ehe oder
der Familiengemeinschaft weiter besteht, wenn wichtige persönliche Gründe einen
weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen. Wichtige persönliche Gründe
können nach Art. 50 Abs.2 AuG namentlich vorliegen, wenn der Ehegatte Opfer
ehelicher Gewalt wurde und die soziale Wiedereingliederung im Herkunftsland stark
gefährdet erscheint (vgl. auch Art. 77 Abs. 2 der Verordnung über Zulassung,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufenthalt und Erwerbstätigkeit, SR 142.201, abgekürzt VZAE). Die Aufzählung von Art.
50 Abs. 2 AuG ist nicht abschliessend. Der Gesetzgeber hat mit dem Erfordernis der
wichtigen persönlichen Gründe bewusst eine offene Formulierung gewählt, die den
rechtsanwendenden Behörden einen Beurteilungsspielraum einräumt (M. Caroni, in:
Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], a.a.O., Rz. 23 zu Art. 50 AuG).
Da es im Rahmen von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG um nacheheliche Härtefälle geht, d.h. an
die ursprünglich aus der Ehe abgeleitete Bewilligung angeknüpft wird, sind auch die
Umstände, diezur Auflösung der Ehe geführt haben, von Bedeutung. Insoweit
rechtfertigt es sich, im Todesfall des Partners etwa Pietätsgründe in die
Gesamtwürdigung einfliessen zu lassen. Hat der Aufenthalt nur kürzere Zeit gedauert
und wurden keine engen Beziehungen zur Schweiz geknüpft, lässt sich ein Anspruch
auf weiteren Verbleib nicht begründen, wenn die erneute Integration im Herkunftsland
keine besonderen Probleme stellt. Entscheidend ist, ob die persönliche, berufliche und
familiäre Wiedereingliederung als stark gefährdet zu gelten hat, und nicht, ob ein Leben
in der Schweiz einfacher wäre. Ein persönlicher, nachehelicher Härtefall setzt aufgrund
der konkreten Umstände des Einzelfalls eine erhebliche Intensität der Konsequenzen
für das Privat- und Familienleben der ausländischen Person voraus, die mit ihrer
Lebenssituation nach dem Dahinfallen der abgeleiteten Anwesenheitsberechtigung
verbunden sind (BGE 137 II 350 E. 3.2.3 mit Hinweisen).
3. Nach Meinung des Beschwerdeführers ist von einem Härtefall im Sinn von Art. 50
Abs. 1 lit. b AuG auszugehen. Er begründet dies damit, er sei der Willkür seiner
vormaligen Ehefrau mit Schweizer Nationalität und deren Familie ausgesetzt gewesen,
wogegen er sich äusserst anständig verhalten habe. Nach Meinung des
Beschwerdeführers hat K. Y. unter dem Einfluss ihrer Eltern bzw. ihres Bruders
gestanden, mit welchen er Probleme gehabt habe. Er hält dafür, seine vormalige
Ehefrau habe das Eheschutz- und das Scheidungsverfahren "fremdbestimmt" bzw. auf
Druck ihrer Verwandtschaft in die Wege geleitet und sie habe die Schreiben an das
Migrationsamt nicht selber verfasst. Er sei ohne vernünftigen Grund kurzfristig aus der
ehelichen Wohnung gewiesen und vom Kontakt mit K. Y. abgehalten worden. Der
Beschwerdeführer beruft sich auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
8. September 2011 (C-1733/2008, abrufbar unter www.bvger.ch), mit welchem das
Verhalten der Ehefrau als versuchte Nötigung und damit als eine mögliche Form
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
häuslicher Gewalt qualifiziert worden sei, sowie auf ein Urteil des Bundesgerichts vom
31. August 2006 (2A.245/2006, abrufbar unter www.bger.ch), aus welchem hervorgehe,
dass der ausländische Ehegatte nicht der Willkür des schweizerischen Ehegatten
ausgeliefert sein dürfe. Sodann macht der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz
habe sein rechtliches Gehör verletzt, weil sie es im Rahmen des Rekursverfahrens
abgelehnt habe, K. Y. zum Zustandekommen ihrer Willensbildung hinsichtlich der
Trennung von ihm, zur Entstehung der von ihr unterzeichneten Schreiben vom 4. Mai
2011 und vom 29. Juni 2011 und zu ihrer Einstellung zur ehelichen Beziehung
persönlich zu befragen. Schliesslich beantragt der Beschwerdeführer, er und seine
geschiedene Ehefrau seien im Rahmen des Beschwerdeverfahrens zu befragen und es
seien sämtliche Akten des Eheschutzverfahrens SF.2011.58-RH2F-UCA sowie des
Scheidungsverfahrens beizuziehen.
3.1. Der Anspruch auf rechtliches Gehör gebietet, dass rechtzeitig und formrichtig
angebotene Beweismittel abzunehmen sind, es sei denn, diese betreffen eine nicht
erhebliche Tatsache oder seien offensichtlich untauglich, über die streitige Tatsache
Beweis zu erbringen (BGE 124 I 242 E. 2; 117 Ia 268 E. 4b). Nach Art. 12 Abs. 2 VRP
sind nur die von den Beteiligten angebotenen und leicht zugänglichen Beweise über
erhebliche Tatsachen aufzunehmen, wenn zur Wahrung des öffentlichen Interesses
keine besonderen Erhebungen nötig sind.
3.2. Am 7. Mai 2012, als der angefochtene Entscheid gefällt wurde, lebten der
Beschwerdeführer und seine Ehefrau seit über einem Jahr getrennt. Sodann stand
aufgrund der Akten des Eheschutzverfahrens SF 2011.58-RH2F-UCA (act. 60-82) fest,
dass der Familienrichter des Kreisgerichts Rheintal von der Trennung der Ehegatten am
19. April 2011 Vormerk genommen und dass er eine Trennungsvereinbarung vom
14. Juni 2011 mit der Begründung genehmigt hatte, sie sei von keinem Ehegatten
widerrufen worden und trage den Interessen der Ehegatten angemessen Rechnung.
Die Behauptung des Beschwerdeführers, er sei der Willkür seiner vormaligen Ehefrau
mit Schweizer Bürgerrecht ausgeliefert gewesen, erweist sich demzufolge als
unglaubwürdig. Vielmehr durfte die Vorinstanz davon ausgehen, die Trennung der
Ehegatten sei im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt und sie war nicht gehalten, näher
abzuklären, warum es zur Trennung zwischen dem Beschwerdeführer und K. Y.
gekommen sein könnte. Daran ändert nichts, dass aus dem Verhandlungsprotokoll
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 14. Juni 2011 (act. 69) und aus den Schreiben, die K. Y. am 4. Mai 2011 (act. 22)
und am 29. Juni 2011 (act. 28) an das Migrationsamt gerichtet hat, hervorgeht, dass sie
nicht mehr bereit war, länger mit dem Beschwerdeführer in ehelicher Gemeinschaft
zusammenzuleben bzw. dass der Beschwerdeführer, im Gegensatz zu seiner
vormaligen Ehefrau, zum damaligen Zeitpunkt die Scheidung (noch) nicht angestrebt
hatte. Die Tatsache, dass der Ehepartner, der den anderen in die Schweiz
nachgezogen hat, nach kurzer Ehedauer gegenüber den Behörden unmissverständlich
zum Ausdruck bringt, dass er sich trennen will, bedeutet für sich allein nicht, dass der
nachgezogene Ehegatte einer Form von häuslicher Gewalt ausgesetzt wird, die
geeignet ist, gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG einen Anspruch auf Erteilung und
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung mitzubegründen. Hinzu kommt, dass das
Migrationsamt K. Y. am 28. Oktober 2011 aufgefordert hat, verschiedene Fragen im
Hinblick darauf zu beantworten, dass letzterer geltend gemacht habe, sie habe sich
nicht aus freien Stücken von ihm getrennt (act. 83). Mit Schreiben vom 3. November
2011 hat die vormalige Ehefrau des Beschwerdeführers umfassend Stellung
genommen und mit ihrer Unterschrift u.a. bestätigt, sie habe sich aus freiem Willen
vom Beschwerdeführer getrennt bzw. es entspreche nicht der Wahrheit, dass die
Trennung auf Druck ihrer Familie erfolgt sei. Sodann hielt sie fest, sie sei nicht bereit,
die Ehe mit dem Beschwerdeführer wieder aufzunehmen. Sie lebe seit dem vierten
Lebensjahr in der Schweiz, weshalb sie eine moderne und emanzipierte Frau sei, die
sich von der Familie nicht fremdbestimmen lasse (act.85-86). In Anbetracht der
unmissverständlichen schriftlichen Aussagen von K. Y. war nicht zu erwarten und ist
auch heute nicht zu erwarten, dass sie anlässlich einer persönlichen Befragung auf ihre
Ausführungen zurückkommen könnte und sich daraus neue für den Entscheid
relevante Sachverhaltselemente ergeben würden. In Betracht fällt in diesem
Zusammenhang weiter, dass die Ehe Y. in der Zwischenzeit einvernehmlich aufgelöst
worden ist, wobei der Beschwerdeführer den Vorschlag gemacht hatte, es sei ein
gemeinsames Scheidungsbegehren zu stellen (vgl. act. 7 des Beschwerdeführers zur
Beschwerdeergänzung). Der Familienrichter des Kreisgerichts Rheintal hat die Ehe Y.
am 4. Oktober 2012 geschieden und eine Vereinbarung über die Scheidungsfolgen
genehmigt. Demnach haben der Beschwerdeführer und K. Y. die Scheidung
gemeinsam angestrebt und sie haben sich zudem über die Scheidungsfolgen geeinigt
(Art. 111 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, SR 210), was nicht darauf schliessen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lässt, der Beschwerdeführer sei der Willkür seiner vormaligen Ehefrau ausgeliefert
gewesen. Unerheblich ist sodann, ob K. Y. die genannten Eingaben selber verfasst
oder ob sie dabei Hilfe in Anspruch genommen hat. Entscheidend ist, dass die
vormalige Ehefrau des Beschwerdeführers mit ihrer Unterschrift jeweils bestätigt hat,
dass die Schreiben ihrem Willen entsprechen.
3.3. In Betracht fällt weiter, dass der Beschwerdeführer aus dem Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts vom 8. September 2011 (C-1733/2008) nichts zu seinen
Gunsten ableiten kann. Dem Urteil liegt eine Verfügung des Bundesamtes für Migration
zugrunde, mit der die Zustimmung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung eines
türkischen Staatsangehörigen verweigert worden war (vgl. Verordnung über die
Zuständigkeit der Fremdenpolizeibehörden, AS 1983 I 535). Einschlägig waren zudem
das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) und die
dazugehörigen Vollzugsvorschriften. Zutreffend ist, dass das Gericht die angefochtene
Verfügung insbesondere auch zufolge der Begleitumstände des Scheiterns der Ehe des
Beschwerdeführers als unverhältnismässig erachtete. Das Verhalten der Ehefrau des
Beschwerdeführers wurde als versuchte Nötigung und damit als eine mögliche Form
der häuslichen Gewalt qualifiziert, die in Verbindung mit der versuchten
Instrumentalisierung der schweizerischen Behörden als hinreichend schwer wiege "um
die Anforderungen an die persönliche Betroffenheit des Beschwerdeführers substantiell
zu senken". Die Ehefrau hatte vom Beschwerdeführer verlangt, in der Türkei lebende
Kinder eines ihrer Brüder als gemeinsame, vorehelich geborene Kinder registrieren und
in die Schweiz nachziehen zu lassen. Weil er seine Zustimmung verweigert hatte, hatte
ihm die Ehefrau mit Scheidung und somit mit dem Verlust des Aufenthaltsrechts in der
Schweiz gedroht. In der Folge hatte sie in der Türkei eine rasche Scheidung
angestrebt, was misslang. Schliesslich hatte die Ehefrau den Beschwerdeführer bei
den Schweizer Behörden fälschlicherweise der häuslichen Gewalt beschuldigt und sich
in diesem Zusammenhang selbst verletzt und ärztliche Berichte gefälscht.
Im vorliegenden Fall behauptet der Beschwerderführer nicht, K. Y. habe die Auflösung
der Ehe angestrebt, weil er sich geweigert habe, in ihrem Interesse illegale Handlungen
vorzunehmen bzw. die Scheidung der Ehegatten sei die Folge einer versuchten
Nötigung. Hinzu kommt, dass das Bundesverwaltungsgericht auch in Erwägung
gezogen hat, dass sich der Beschwerdeführer rund neun Jahre in der Schweiz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgehalten hatte und dass es ihm in hohem Mass gelungen war, sich in die
schweizerische Lebensweise einzugliedern und sich einen schweizerischen
Bekanntenkreis aufzubauen. Ins Gewicht viel zudem, dass die wirtschaftliche
Wiedereingliederung in der Türkei unter ungünstigen Vorzeichen stand, weil der
gesundheitliche Zustand des Beschwerdeführers schlecht war. Im vorliegenden Fall
reiste der Beschwerdeführer ohne gesundheitliche Probleme im Alter von rund 24
Jahren in die Schweiz ein und er lebt erst seit rund zwei Jahren hier. Somit sind auch
die anderen Umstände, die zur Gutheissung der Beschwerde geführt haben, mit
denjenigen, wie sie hier zur Diskussion stehen, nicht vergleichbar.
3.4. Auch das Urteil des Bundesgerichts vom 31. August 2006 (2A.245/2006) hilft dem
Beschwerdeführer nicht weiter. Dieses Urteil hat seine Rechtsgrundlage vorab in Art. 7
ANAG und Ziff. 2.2 der Erwägungen, auf die sich der Beschwerdeführer beruft; es
befasst sich mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen sich die Berufung auf eine
Ehe als rechtsmissbräuchlich erweist. In diesem Zusammenhang wird ausgeführt,
Rechtsmissbrauch dürfe nicht leichthin angenommen werden, zumal der ausländische
Ehegatte nicht der Willkür des schweizerischen Ehegatten ausgeliefert sein dürfe.
Abgesehen davon, dass eine andere Rechtsfrage zur Diskussion stand, ist im
vorliegenden Fall, wie ausgeführt, nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer sei
den Absichten seiner vormaligen Ehefrau sowie deren Verwandtschaft schutz- und
hilflos ausgeliefert gewesen.
3.5. Zusammenfassend ergibt sich somit, dass die Umstände, die zur Auflösung der
Ehe des Beschwerdeführers mit K. Y. geführt haben, nicht geeignet sind, zusammen
mit anderen Kriterien im Rahmen einer Gesamtwürdigung einen nachehelichen Härtefall
im Sinn Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG zu begründen. Sodann erweist sich der Vorwurf des
Beschwerdeführers, die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, die Umstände, die zum
Scheitern der Ehe geführt haben, näher abzuklären, als unbegründet. Auch kann im
Rahmen des Beschwerdeverfahrens darauf verzichtet werden, die vom
Beschwerdeführer beantragten Beweise abzunehmen.
4. Der Beschwerdeführer macht im Rahmen des Beschwerdeverfahrens neu geltend,
ein wichtiger persönlicher Grund, der seinen weiteren Aufenthalt in der Schweiz im Sinn
von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG erforderlich mache, sei die Tatsache, dass er zusammen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit einer Landsfrau, Inhaberin einer Aufenthaltsbewilligung B, die in Scheidung lebe,
eine gemeinsame Zukunft plane, die in die Ehe münden solle. Die Weiterführung dieser
Beziehung sei nur möglich, wenn er in der Schweiz bleiben könne. Der
Beschwerdeführer beruft sich in diesem Zusammenhang auch auf Art. 8 Ziff. 1 der
Europäischen Menschenrechtskonvention (SR 0.101, abgekürzt EMRK) und auf Art. 13
der Schweizerischen Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt BV).
4.1. Im Beschwerdeverfahren müssen aufgrund der verfassungs- und
konventionsrechtlichen Rechtsweggarantien und entgegen dem Novenverbot in Art. 61
Abs. 3 VRP echte Noven zugelassen werden, soweit - wie vorliegend - ein
Dauerrechtsverhältnis betroffen ist und die Angelegenheit bisher nicht von einer
richterlichen Instanz überprüft wurde (VerwGE B 2012/20 vom 3. Juli 2012 E. 1 mit
Hinweis, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch). Wie noch zu zeigen sein wird, vermag der
Umstand, dass sich der Beschwerdeführer neu auf eine Beziehung zu einer
unbekannten Frau beruft, die er heiraten will, keinen Härtefall im Sinn von Art. 50 Abs. 1
lit. b AuG zu begründen. Offen bleiben kann deshalb, ob es sich bei diesem Argument
um ein echtes Novum handelt oder ob damit der Streitgegenstand geändert wird. Für
letzteres spricht, dass es bei Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG um nacheheliche Härtefälle geht
und dass dabei an die ursprünglich aus der Ehe abgeleitete Bewilligung angeknüpft
wird.
4.2. Art. 8 EMRK gewährleistet den Schutz des Familienlebens. Die EMRK verschafft
aber kein Recht auf Aufenthalt in einem bestimmten Konventionsstaat. Hat ein
Ausländer nahe Verwandte in der Schweiz und ist diese familiäre Beziehung intakt und
wird sie tatsächlich gelebt, kann es hingegen das in Art. 8 Ziff. 1 EMRK bzw. Art. 13 BV
garantierte Recht auf Achtung des Familienlebens verletzen, wenn ihm die Anwesenheit
in der Schweiz untersagt wird. Nach der Rechtsprechung des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte ist der Begriff des Familienlebens im Sinn von Art. 8
EMRK weit zu fassen, so dass unter Umständen, bei besonders intensiven privaten
Beziehungen in der Schweiz, auch rein faktische familienähnliche Beziehungen
darunter fallen können (VerwGE B 2012/11 vom 3. Juli 2012 und VerwGE B 2010/275
vom 3. Mai 2011 mit Hinweis auf BGE 2A.575/2002 vom 17. März 2003, abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch).
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3. Der Beschwerdeführer führt aus, die Landsfrau, deren Identität er nicht bekannt
gibt, habe mit ihm "so halb und halb ein lockeres Zusammenleben aufgenommen" und
man fasse eine gemeinsame Zukunft ins Auge, sobald beide Partner rechtskräftig
geschieden seien und dem Vorhaben aus ausländerrechtlicher Sicht nichts mehr
entgegenstehe. Aufgrund dieser spärlichen Hinweise ist nicht von einer besonders
intensiven privaten Beziehung auszugehen, weshalb sich der Beschwerdeführer nicht
auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK und Art. 13 BV berufen kann. Sodann stellt der Umstand, dass
er geltend macht, er wolle eine Beziehung zu einer unbekannten Frau in der Schweiz
leben und dass er davon ausgeht, durch die Ehe, die er mit ihr einzugehen gedenke,
werde ihm ein neuer Aufenthaltstitel zur Verfügung stehen, keinen wichtigen
persönlichen Grund dar, der seinen weiteren Verbleib in der Schweiz erforderlich
macht.
5. Der Beschwerdeführer beruft sich weiter darauf, im Rahmen der
Ermessensausübung sei dem Umstand in positivem Sinn Rechnung zu tragen, dass er
sich hier klaglos verhalte, bereits gut Schweizerdeutsch spreche, einer Erwerbstätigkeit
nachgehe sowie gut integriert und zudem bereit sei, eine Integrationsvereinbarung
abzuschliessen. In Betracht zu ziehen sei weiter, dass es ihm kaum möglich wäre, im
Herkunftsland einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Unbestritten ist, dass sich der Beschwerdeführer während seines Aufenthalts in der
Schweiz korrekt verhalten hat und dass er im Auftrag der U. AG als temporär
angestellter Lagerhilfsarbeiter bei der T. AG, arbeitet, wo er im Mai 2012 Fr. 3'389.90
brutto verdient hat. Von einer hier aufenthaltsberechtigten Person darf aber erwartet
werden, dass sie sich klaglos verhält. Die Tatsache allein, dass über den
Beschwerdeführer nichts Nachteiliges bekannt ist und dass er einer Erwerbstätigkeit
nachgeht, stellt für sich allein deshalb keinen wichtigen Grund dar, der seinen weiteren
Aufenthalt in der Schweiz im Sinn von Art. 50 Abs. 2 lit. b AuG erfordert. Auch der
Umstand, dass das Leben in der Schweiz für den Beschwerdeführer in wirtschaftlicher
Hinsicht einfacher sein dürfte als im Kosovo bzw. dass die Rückkehr in die Heimat in
dieser Hinsicht Nachteile mit sich bringt, vermag keinen nachehelichen Härtefall zu
begründen. Der Beschwerdeführer ist jung, und er kam erst vor rund zwei Jahren im
Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz. Er ist mit den Verhältnissen im Kosovo
nach wie vor vertraut und in der Lage, sich den dort herrschenden Lebensverhältnissen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wieder anzupassen, zumal unbestritten geblieben ist, dass seine Eltern und
Geschwister dort wohnen.
6. Zusammenfassend ergibt sich somit, dass der Beschwerdeführer gestützt auf Art. 50
AuG keinen Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung hat, die am 21.
Oktober 2011 erloschen ist (Art. 61 Abs. 1 lit. d AuG). Bei dieser Sachlage kann offen
bleiben, ob auch der Widerrufsgrund nach Art. 62 lit. d AuG erfüllt ist.
7. Zu prüfen ist weiter, ob sich die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung als
verhältnismässig erweist. Nach Art. 96 Abs. 1 AuG berücksichtigen die zuständigen
Behörden bei der Ermessensausübung sowohl die öffentlichen Interessen als auch die
persönlichen Verhältnisse sowie den Grad der Integration des Ausländers.
Es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass Ausländerinnen und Ausländer, bei
denen die familiären Voraussetzungen, die für die Erteilung des Aufenthaltsrechts
massgebend waren, nach kurzer Zeit wegfallen, die Schweiz wieder verlassen (VerwGE
B 52/2006 vom 8. Juni 2006 E. 3b, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch).
Wie ausgeführt, kam der Beschwerdeführer im Alter von 24 Jahren zufolge Heirat mit
einer Schweizer Bürgerin in die Schweiz, wo er sich seit rund zwei Jahren aufhält. Er
hat den weitaus grössten Teil seines Lebens im Kosovo verbracht und ist mit den dort
herrschenden Lebensumständen vertraut. Die Rückkehr in die Heimat ist dem
Beschwerdeführer deshalb zumutbar, auch wenn sie für ihn mit wirtschaftlichen
Nachteilen verbunden ist.
Das private Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz vermag das
öffentliche Interesse an der Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung deshalb nicht
zu überwiegen.
8. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte