# Swiss Legal Decision

**Decision ID:** 581d8ee3-5bb5-4f9d-b0a0-6193a00c8aad
**Court:** ZH_SVG
**Chamber:** ZH_SVG_001
**Year:** 2018
**Language:** de
**Jurisdiction:** ZH / Zürich
**Law Area:** $law_area
**Law Sub-area:** nan

## Facts

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1966, meldete sich am 1
7.
September 2010 (Eingang
;
Urk.
7/3
) bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte unter anderem ein psychiatrisches Gutachten, das am 1
5.
Juli 2011 erstattet (
Urk.
7/19) wurde
,
und ein polydisziplinäres Gutachten, das am 2
9.
Mai 2012 erstattet (
Urk.
7/24) und am 1
2.
September 2012 ergänzt (
Urk.
7/30)
wurde
,
ein.
Mit Vorbescheid vom
6.
August 2014 verneinte die IV-Stelle einen Rentenan
spruch (
Urk.
7/42
=
Urk.
3/2
), wogegen die Versicherte am
1.
Oktober 2014 (
Urk.
7/59) und am 2
6.
November 2014 (
Urk.
7/63)
Einwände erhob. Mit Verfü
gung vom 1
1.
Februar 2016 verneinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch (
Urk.
7/78 =
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am 1
1.
März 2016 Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
1.
Februar 2016 (
Urk.
2) und beantragte (
Urk.
1 S. 2 oben), diese sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze Rente auszurichten (
Ziff.
1) und es seien weitere medi
zinische Abklärungen vorzunehmen (
Ziff.
2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
9.
April 2016 (
Urk.
6) die Abweisung der Beschwerde.
Am 1
2.
Juli 2016 nahm das Gericht ein Verlaufsgutachten in Aussicht (
Urk.
9), das am 2
8.
September 2016 (
Urk.
12) und abermals am
9.
Mai 2017 (
Urk.
22) an
geordnet
,
am
8.
Januar 2018 erstattet (
Urk.
30) und am
5.
April 2018 ergänzt (
Urk.
34) wurde. Die Beschwerdeführerin nahm dazu am
2.
Mai 2018 (
Urk.
37) un
d
die Beschwerdegegnerin am 1
4.
Mai 2018 (
Urk.
38) Stellung, was der Be
schwerdeführerin am 1
8.
Mai 2018 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
39).
Das Gericht

## Considerations

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung).
Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung
–
fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapieresistenz
auszuschliessen
sei (E. 5.1; zur bisherigen Gerichtspraxis vgl. statt vieler: BGE 140 V 193 E. 3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_13/2016 vom 1
4.
April 2016 E. 4.2). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder
äusserer
Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen)
andererseits
–
erlau
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1). Die Therapierbarkeit ist dabei als Indiz in die ge
samthaft vorzunehmende allseitige Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143 V 409 E. 4.2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_449/2017 vom
7.
März 2018
E. 4.2.1).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die
funktionellen
Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheit
lichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüs
sig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6;
vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3
).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Ja
nuar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
zur
1.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie „funktioneller Schweregrad" (E. 4.3)
-
Komplex „Gesundheitsschädigung" (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex „Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex „Sozialer Kontext" (E. 4.3.3)
-
Kategorie „Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 1
1.
Februar 2016
(
Urk.
2)
davon aus, aus versicherungsmedizinischer Sicht liege keine erheb
liche langandauernde gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit von mehr als 30
%
für die bisherige und alle weiteren angepassten Tätigkeiten vor. Es sei von inva
liditätsfremden Faktoren (psychosoziale Faktoren, fehlende Deutschkenntnisse, fehlende Ausbildung) auszugehen. Ferner werde davon ausgegangen, dass mit einer weiteren Behandlung und entsprechenden Therapi
en die Arbeitsfähigkeit auf 100
% gesteigert werden könne (S. 2 oben). Aufgrund des Einkommensver
gleichs resultiere ein Invaliditätsgrad von 30
%
(S. 2 Mitte).
Zum vom Gericht eingeholten Verlaufsgutachten führte sie aus, lediglich ein- bis zweimal pro Monat stattfindende Therapien sowie Ferien im Heimatland seien nicht mit den geltend gemachten Beschwerden vereinbar. Auch fielen die sehr vagen Angaben auf und es erscheine als sehr auffällig, dass sich die Beschwer
deführerin weder an die
Geburtsjahre noch die beruflichen Tätigkeiten ihrer bei
den Söhne zu erinnern vermöge (
Urk.
38).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), auf das vier Jahre vor Verfügungserlass erstattete Gutachten könne nicht abge
stellt werden (S. 5
Ziff.
10).
In allen verfügbaren ärztlichen Berichten werde eine schwere Episode einer rezidivierenden Depression diagnostiziert und eine Ar
beitsunfähigkeit von 100
%
attestiert (S. 7
Ziff.
20). Die Diagnose werde auch im Verlaufsgutachten bestätigt (
Urk.
37 S. 2
Ziff.
4).
2.3
Strittig und zu prüfen sind der Grad der Arbeitsfähigkeit beziehungsweise Ar
beitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin, und gegebenenfalls deren Beginn.
3.
3.1
Dr.
med.
Y._
, Assistenzarzt, und
Dr.
med.
Z._
, Oberarzt,
A._
, führten in ihrem
Bericht
vom 1
4.
Januar 2011 (
Urk.
7/11
)
aus, die Beschwerdeführerin sei vom 1
1.
bis 1
7.
November 2009 stationär behandelt worden (
Ziff.
1.2), und nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Ar
beitsfähigkeit (Ziff.1.1):
-
rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
akute Belastungsreaktion (ICD-10 F43.0)
Sie attestierten eine volle Arbeitsunfähigkeit für die Zeit des Klinikaufenthalts (
Ziff.
1.6) und bejahten die Frage, ob die bisherige - nicht näher bezeichnete - Tätigkeit noch zumutbar sei (
Ziff.
1.7).
Am 1
5.
Juli 2011 erstatten
Dr.
med.
B._
, Assistenzärztin, und
Dr.
med.
C._
, Oberarzt,
A._
, ein Gutachten im Auftrag der Beschwer
degegnerin (
Urk.
7/19). Sie nannten folgende Diagnose (S. 21
Ziff.
10.1):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit
syn
thymen
psychotischen Symptomen (ICD-10 F33.30)
Die Arbeitsfähigkeit als Paket-/Postsortiererin und Kurierin betrage 0
%
(S. 21
Ziff
2). Gemäss den Akten werde eine solche seit dem 1
2.
April 2010 attestiert
(S. 21
Ziff.
4).
Die Schwere der Symptomatik ermögliche keine Tätigkeit in angepasster Tätigkeit (S. 21
Ziff.
3).
3.2
Am 2
9.
Mai 2012 erstatteten die Ärzte des
D._
ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (
Urk.
7/24). Sie nannten folgende Diagnose mit Auswirkung die Arbeitsfähigkeit (S. 23
Ziff.
7):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
In der angestammten Tätigkeit als Briefsortiererin und in adaptierten Tätigkeiten bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 70
%
; die Einschränkung beruhe auf den psy
chiatrischen Erkrankungen (S. 25
Ziff.
10-11).
In einer ergänzenden Stellung
nahme (
Urk.
7/30) führten sie, aus liege keine Fibromyalgie vor (S. 1
Ziff.
1). In
validitätsfremd sei, dass die Versicherte keinen Beruf erlernt habe und, obwohl seit 1996 in der Schweiz, nur gebrochen Deutsch spreche (S. 2
Ziff.
4).
3.3
Dr.
med.
E._
, Fachärztin für Neurologie, nannte in ihrem Bericht vom 2
1.
November 2013 folgende Diagnosen (
Urk.
7/37/3-4 S. 1 Mitte):
-
rechts- und Tremor-dominante Parkinsonsymptomatik, Ursache offen
-
wahrscheinlich medikamentös induziert
-
degeneratives Parkinsonsyndrom nicht ausgeschlossen
-
schwere Depression
3.4
Med.
pract
.
F._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in ihrem Bericht vom 2
0.
Juni 2014 (
Urk.
7/38) aus, sie behandle die Beschwer
deführerin seit
9.
September 2013 (
Ziff.
1.2), und nannte folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
1.1):
-
schwere depressive Episode (ICD-10 F32.2)
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte sie eine sekun
däre Hypothyreose (
Ziff.
1.1).
Sie attestierte in der Tätigkeit als Hilfsarbeiterin eine Arbeitsunfähigkeit vom
9.
September 2013 bis
5.
Juni 2014 (
Ziff.
1.6).
3.5
Dr.
med.
G._
, Oberarzt,
H._
,
I._
,
führte in seinem Bericht vom
1
9.
September 2014 (
Urk.
7/60) aus, die Beschwerdeführerin sei im Ambulatorium seit 2010
(
mit einer Unterbrechung während der Behandlung durch med.
pract
.
F._
2013 bis Mitte 2014
)
behandelt worden (S. 1
Ziff.
5). Er nannte folgende Diagnose mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
2):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2)
Der Beschwerdeführerin seien weder die angestammte noch eine angepasste Tä
tigkeit möglich (S. 2
Ziff.
9-10).
In seinem Bericht vom
7.
Oktober 2014 (
Urk.
7/61) führte
Dr.
G._
aus, die re
zidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen (ICD-10 F33.3) bestehe sei
t
mindestens 2004 (
Ziff.
1.1).
Die Beschwerdeführerin sei vom
7.
bis 1
1.
April 2010 im Kriseninterventions
zentrum der
I._
und vom
4.
bis 2
8.
April 2011 in der
I._
stationär behandelt worden (
Ziff.
1.3).
Die Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit betrage 100
%
min
destens seit 1
3.
Oktober 2010 (
Ziff.
1.6).
3.6
Dr.
med.
J._
, Oberärztin,
H._
,
I._
, führte in ihrem Bericht vom 1
3.
Juli 2015 (
Urk.
7/68) aus, die Beschwerdeführerin be
finde sich seit Januar 2015 in ihrer Behandlung (S. 1 Mitte). Es könne der Versi
cherten weder eine fehlende fachpsychiatrische Behandlung noch eine mangelnde Mitwirkung vorgeworfen werden. Sie
sei
leitliniengetreu behandelt worden. Die durchgeführten
Spiegelkontrollen liessen auf eine medikamentöse Compliance rückschliessen. Es bestehe aus medizinischer Sicht eine therapieresistente schwere depressive Episode, ein
e
inadäquate therapeutische Behandlung könne der Pati
entin nicht vorgeworfen werden (S. 2 unten).
Mit Bericht vom 2
4.
Februar 2016 (
Urk.
3/4) führte
Dr.
J._
unter anderem aus, ihr Vorgänger
Dr.
G._
habe im Herbst 2014 eine Elektrokrampf-Therapie unternommen, die nur bei schwerstkranken Patienten durchgeführt werde (S. 1 unten). Nach neunmaliger Durchführung habe keine Besserung der Symptomatik beobachtet werden können. Es bestehe weiterhin eine schwere, inzwischen chro
nifizierte, therapieresistente Depression (S. oben).
3.7
Dr.
med.
K._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
erstat
tete am
8.
Januar 2018 ein
Gutachten im Auftrag des Gerichts (
Urk.
30).
Er stützte sich auf die ihm überlassenen Akten (S. 2 ff.) und die von ihm anlässlich der Explorationen vom
5.
Septem
ber und
6.
November 2017 (S. 1) erhobenen Be
funde.
Der Gutachter nannte folgende Diagnose
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 18
Ziff.
4.1):
-
r
ezidivierende depressive Episode, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome und ausgeprägten
Somatisi
erungstendenzen
(ICD-10 F
33.2)
Als Diagnosen
ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er (S. 18 f.
Ziff.
4.2)
:
-
a
kzentuierte Persönlichkeitszüge mit histrionischen und dissoziativen Ele
menten (nur
mittelbarer Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit) Z73.1
-
Differentialdiagnose (DD): kombinierte Persönlichkeitsstörung mit histri
onischen und dissoziativen Anteilen (ICD-10 F61)
In seiner Beurteilung (S. 19 f.) führte er aus, z
usammengefasst zeig
e
die Versi
cherte gemäss Akten seit 2004 dauernd mehr oder wenig
ausgeprägte depressive Episoden, welche als mittelgradig, zeitweise auch schwer
beurteilt
worden seien
. Trotz zahlreicher medikamentöser Behandlungen bis hin zu Elektrokrampfthera
pien
habe
keine anhaltende Besserung des depressiven Leidens erzielt werden
können. Somit sei von
einer therapierefraktären
depressiven Störung auszugehen (S. 20 unten).
Der Schweregrad der rezidivierenden depressiven Störung
sei
als schwer zu be
zeichnen. Die
akzentuierten histrionischen und dissoziativen Persönlichkeitszüge
seien
als sehr ausgeprägt
zu beurteilen
(S. 20 f.
Ziff.
5.2)
Zu den r
esultierende
n
Funktionsstörungen
führte der Gutachter aus, n
ach Mini-ICF-APP-Kriterien best
ünd
en schwere Beeinträchtigungen der Anpassung an
Re
geln und Routinen, der Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Flexibi
lität und
Umstellungsfähigkeit, der Anwendung fachlicher Kompetenzen sowie der Entscheidungs
-
und
Urteilsbildung. In gleichem Masse
seien
die Durchhalte
fähigkeit, die Kontaktfähigkeit zu
Dritten, die Gruppenfähigkeit sowie die famili
ären beziehungsweise intimen Beziehungen
eingeschränkt. Schwere Einschrän
kungen best
ünd
en auch im Bereich der Spontanaktivitäten.
Die Selbstbehaup
tungsfähigkeit
sei
mittelgradig eingeschränkt. Die Selbstpflege
sei
nicht
einge
schränkt. Mittelgradige Einschränkungen best
ünd
en im Bereich der Verkehrsfä
higkeit
(S. 21
Ziff.
5.3).
Zu den i
ndividuelle
n
Belastungsfaktoren und Ressourcen
führte er aus, d
ie Ver
sicherte verfüg
e
über sehr bescheidene berufliche Ressourcen. In früheren Jahren
sei
sie einer Doppelbelastung als erwerbstätige
Mutter und Hausfrau ausgesetzt gewesen (S. 21
Ziff.
5.4).
In
Diskussion allfälliger relevanter Persönlichkeitsfaktoren
führte der Gutachter aus, b
ei der Versicherten hand
l
e es sich um eine sehr einfach strukturierte, kaum
introspektionsfähige Persönlichkeit, welche körperliche Beschwerden offensicht
lich als
Kränkung und Entwertung erleb
e
. Sie
sei
auch nicht in der
Lage, adäquat mit ihrem
psychischen Leiden umzugehen (S. 21
Ziff.
5.5).
Zur
Konsistenzprüfung
führte er aus, d
ie Beschwerdeschilderung
sei
sehr ein
dringlich
erfolgt
. Auch
sei
die Versicherte von ihren
gesundheitlichen Problemen gedanklich völlig gefangen. Die zum Teil histrionisch-demonstrativ
anmutende Beschwerdeschilderung dürfte einerseits auf die mangelnde
Introspektionsfähig
keit, teilweise auch
auf
ein erheblich eingeschränktes
Konfliktlösungsvermögen zurückzuführen sein. A
l
s weiterer Grund für dieses Verhalten sei ein weitgehen
des Unvermögen der Explorandin, sich über emotionale Befindlichkeiten zu äus
sern
, anzunehmen
. Insgesamt sei das Verhalten der Versicherten auf dem Hinter
grund ihrer Persönlichkeit als psychiatrisch nachvollziehbar zu beurteilen. Dar
über hinaus habe das psychische Leiden zu einer gleichmässigen Einschränkung in allen Lebensbereichen geführt (S. 21 f.
Ziff.
5.6)
Zur Arbeitsfähigkeit in der a
ngestammt
en Tätigkeit führte der Gutachter aus, die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Sortiererin bei der Post sei der Versicherten nicht mehr zumutbar, zumal diese Tätigkeit ein gewisses Mass an Konzentration vo
raussetze. Für den Beginn der Arbeitsunfähigkeit im heutigen Ausmass sei auf den Bericht der
I._
vom Februar 2016 (vgl. vorstehend E. 3.6) abzustellen, wo zum ersten Mal in den Akten in durchaus nachvollziehbarer Weise von einer therapierefraktären depressiven Störung die Rede gewesen sei (S. 22 f.
Ziff.
6.1).
Zur Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätig
keiten
führte er aus, fü
r sehr anspruchs
lose Tätigkeiten, ohne grosse Anforderungen an die Konzentration und
ohne be
sonderen Zeit- und Leistungsdruck,
sei
von einer Arbeitsfähigkeit von 15-20
%
auszugeben. Allerdings entspr
eche
dieses Anforderungsprofil eher einem ge
schützten
Arbeitsplatz als einer Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt. Auch hier
sei
der Beginn der
Arbeitsunfähigkeit im heutigen Ausmass auf Februar 2016 fest
zulegen
(S. 23
Ziff.
6.2).
Es bestehe eine gewisse Diskrepanz in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit zwi
schen dem
D._
-Gutachten von
2012
und der jetzigen Beurteilung. Diese sei da
rauf zurückzuführen, dass sich der psychische Zustand seit 2012 doch eindrück
lich verschlechtert haben dürfte
(S. 23
f.
Ziff.
8).
In einer ergänzenden Stellungnahme vom
5.
April 2018 (
Urk.
34) führte der Gut
achter aus, aufgrund der Akten sei von einem wechselhaften Verlauf des depres
siven Leidens auszugehen, indem die Ärzte des
A._
wie auch des
D._
die bisherige und auch eine adaptierte Tätigkeit als zumutbar erachtet hätten. Eine Verschlechterung scheine sich gemäss den Berichten von
Dr.
F._
(vorstehend E. 3.4) und der
I._
(vorstehend E. 3.5) eingestellt zu haben (S. 2 Mitte). Die im Gutachten erfolgte Datierung des Beginns der Arbeitsunfähigkeit auf Februar 2016 sei retrospektiv gesehen nicht korrekt gewesen (S. 2 f.). Mit Sicherheit bestehe seit Juli 2014 eine regelmässige fachpsychiatrische Behand
lung in der
I._
wegen einer therapierefraktären Depression. Somit sei der Beginn der Arbeitsunfähigkeit auf Juli 2014 festzulegen (S. 3 oben).
4.
4.1
Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Pra
xis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende
Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Er
gebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/
aa
).
4.
2
Vorliegend besteht kein Abweichungsgrund.
Mit dem am
8.
Januar 2018 erstat
teten und am
5.
April 2018 ergänzten Gerichtsgutachten (vorstehend E. 3.7) liegt nunmehr eine umfassende Beurteilung vor, welche eine regelkonforme An
spruchsprüfung erlaubt. Das Gutachten erfüllt alle praxisgemässen
Kriterien (vor
stehend E. 1.4)
vollumfänglich, und es stellt eine Einschätzung des Leistungsver
mögens dar, welche auf dem Vergleich zwischen leistungshindernden Belastungs
faktoren und Kompensationspotentialen (Ressourcen)
beruht (vorstehend E. 1.2). Im Gutachten werden die rechtsprechungsgemäss relevanten Standardindikatoren (vorstehend E. 1.3) fast vollständig thematisiert und einlässlich gewürdigt. Zu ergänzen ist einzig der Indikator des behandlungsanamnestischen Leidensdrucks, der angesichts der seit Jahren - wenn auch erfolglos - stattfindenden Behandlung offensichtlich zu bejahen ist.
Die von der Rechtsanwendung zu prüfende Frage, ob sich der Gutachter an die
massgebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten
und
das Leistungsver
mögen
in Berücksichtigung der
einschlägigen Indikatoren ein
ge
schätzt ha
t (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist demnach klar zu bejahen.
D
ie
funktionellen
Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage
lassen sich
anhand der Stan
dardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit überwiegender Wahrschein
lichkeit
nachweisen (vgl. vorstehend E. 1.2)
.
Daran vermögen die von der Beschwerdegegnerin aufgeworfenen, ausgesprochen untergeordneten Kritikpunkte (vorstehend E. 1.2 am Ende) nichts zu ändern.
4.
3
Somit ist hinsichtlich der Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeits
fähigkeit auf die Angaben im Gerichtsgutachten abzustellen.
Diagnostisch ist von rezidivierenden, im Begutachtungszeitpunkt
schwergradig
ausgeprägten depressiven Episoden auszugehen. In der angestammten Tätigkeit, welche eine gewisse Konzentration erfordert, besteht keine Arbeitsfähigkeit mehr. In adaptierten - kaum mehr dem ersten Arbeitsmarkt zuzurechnenden - Tätigkei
ten beträgt die Arbeitsfähigkeit 15-20
%
.
Der Gerichtsgutachter datierte den Beginn der so umschriebenen Arbeitsunfähig
keit ursprünglich auf Februar 2016, kam dann jedoch auf Nachfrage des Gerichts und nach nochmaligem Aktenstudium zu Schluss, die genannte Arbeitsunfähig
keit sei ab Juli 2014 ausgewiesen. Darin kann ihm angesichts der von ihm ange
führten Begründung gefolgt werden. Einem früheren - von der Beschwerdefüh
rerin postulierten - Datum steht entgegen, dass noch im Rahmen der Begutach
tung im Jahr 2012 von einer erheblichen Restarbeitsfähigkeit ausgegangen wurde (vorstehend E. 3.2) und nach Einschätzung des Gerichtsgutachters erst zwischen
zeitlich eine Verschlechterung eingetreten sein dürfte.
4.
4
Somit ist spätestens ab Juli 2014 von
einer
nur noch minimalen Restarbeitsfä
higkeit auszugehen, so dass in Beachtung von
Art.
88a
Abs.
2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) ab
1.
Oktober 2014 Anspruch auf eine ganze Rente besteht.
Dementsprechend ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Inva
lidenversicherung (IV
G) sind ermessensweise auf
Fr.
8
00.-- festzusetzen und aus
gangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Der obsiegenden und anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin steht eine Pro
zessentschädigung zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr. 185
.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ermessensweise auf
Fr.
2'
1
00.-- (inklusive Barausla
gen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist.
5.3
Das Gerichtsgutachten war erforderlich, weil die Beschwerdegegnerin ihren Ent
scheid auf
im Verfügungszeitpunkt nicht mehr aussagekräftige, mithin veraltete Beurteilungen abgestützt hat. Sie hat deshalb die entstandenen Kosten von
Fr.
4'103.75 gemäss
Rechnung
vom
8.
Januar 2018 (
Urk.
29)
zu erstatten.